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Åsa Nilsonne

Der Psychologe - Schweden-Krimi

Saga

Der Psychologe - Schweden-Krimi Übersetzt Gabriele Haefs Coverbild / Illustration: Sutterstock Copyright © 2004, 2020 Åsa Nilsonne und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726445046

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Prolog

Marie-Clothilde de Juniac fröstelte in der kühlen Kellerluft. Die schwarze Steinmauer neben ihrem dünnen Arm war klamm wie ausgekühlte Haut, und es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren.

Inzwischen war sie allein mit Schwester Miséricorde, die an dem kleinen Pult vorn im Raum Aufsätze korrigierte, was auch die nächste Dreiviertelstunde noch so bleiben würde. Marie-Clothilde bereute den nächtlichen Raubzug durch die Schulküche trotzdem nicht; es war die zwei Stunden Nachsitzen eindeutig wert gewesen.

Sie tunkte die Spitze des schweren Zirkels ins Tintenfass. Seit undenklichen Zeiten schrieben die Mädchen in der Klosterschule mit Tinte, und die Schwestern sahen keinen Grund, etwas daran zu ändern, nur weil man mittlerweile das Jahr 1959 schrieb. Marie-Clothilde drückte die Spitze durch das Papier, stellte sie so ein, dass die Linie exakt die richtige Breite hatte und zeichnete ihren Kreis.

Sie hörte vage, dass Schwester Miséricorde sich vom Pult erhob und ihren Stuhl zurückschob. Der Kreis war zur Hälfte fertig. Die Schwester sollte sehen, dass Marie-Clothilde fleißig arbeitete. Plötzlich stand die Schwester direkt neben ihr. Durch den groben Stoff der schwarzen Tracht spürte Marie-Clothilde ihren breiten Oberschenkel an ihrem nackten Oberarm. Sie zog ihn zurück, als sei sie selbst im Weg und nicht die Schwester ihr zu nah gekommen.

Aber Schwester Miséricorde legte Marie-Clothilde die Hand auf die Schulter, schob sie zurück und drückte sie an ihre weich geschwungene Hüfte. Die Nonne roch nach Küche, nach der Lavendelseife, die in der Schule benutzt wurde, nach Talg und alternder Haut. Sie hatte breite, platte Fingernägel.

Marie-Clothilde machte Anstalten, sich zu wehren, aber die Schwester war stärker und hielt sie fest. Ihre andere Hand befand sich plötzlich auf Marie-Clothildes Rücken und wanderte langsam nach oben.

Marie-Clothilde saß stocksteif da und wagte kaum zu atmen. Am Ende erreichte die Hand der Schwester Marie-Clothildes Nacken, wo die dicken weißen Finger vorsichtig die weichen Haare betasteten, sie zu einer kleinen Schlinge drehten und sie durch ihre Fingerspitzen gleiten ließen.

Die Schwester keuchte wie nach einem Dauerlauf, und ihre Stimme war nicht wiederzuerkennen, als sie sprach.

»Vor der Liebe braucht man sich nicht zu fürchten«, sagte sie so dicht neben ihr, dass Marie-Clothilde ihren warmen, feuchten Atem deutlicher spürte, als sie die Worte hörte.

Es war offenbar so weit.

Langsam setzte Marie-Clothilde sich gerade, drehte sich ein Stück und blickte Schwester Miséricorde in die Augen. Ihr fiel auf, dass in einem Augenwinkel ein wenig getrocknetes Augensekret klebte.

Marie-Clothilde hielt den Zirkel noch immer in der rechten Hand, während sie mit der linken nach ihrer Feder suchte. Sie klappte den Zirkel gerade und betastete die scharfe Spitze mit dem Zeigefinger. Der keuchende Atem der Schwester kam jetzt in regelmäßigen Stößen und legte sich auf ihren Hals und ihre Wange.

Es war eindeutig so weit.

Marie-Clothilde holte tief Luft, stemmte ihre Unterarme gegen die weiche Körpermitte der Schwester und stieß sich ab, was ihr den nötigen Raum verschaffte, um die Hände zwischen sich und die Nonne zu schieben. Der Zirkel funkelte wie ein Messer, als sie ihn vor dem Gesicht der Schwester hochhob. Mit der linken Hand legte sie die Feder quer davor, so dass ein Kreuz entstand.

»Arrière de moi, Satan«, sagte sie, ehe sie, mehrsprachig, wie sie war, hinzufügte: »Get thee behind me, Satan« und »Apage Satanas!«

Die Wirkung fiel genauso dramatisch aus, wie sie erhofft hatte. Schwester Miséricorde verstummte zuerst, dann erbleichte sie, wich mit weit aufgerissenen Augen zurück und stürzte stolpernd davon, als hätte sie den Teufel gesehen und nicht das Kreuz.

Um der Wirkung willen sandte Marie-Clothilde noch ein »vade retro, Satan« hinterher, obwohl die Schwester schon halb zur Tür hinaus war.

Marie-Clothilde seufzte, schüttelte ihren mageren Leib wie ein Hund, der sich vom Wasser befreit, und wandte sich wieder ihrem Kreis zu. Jetzt standen nur noch vierundvierzig Minuten Nachsitzen aus, die sie brav hinter sich zu bringen beabsichtigte.

Als sie am nächsten Tag ihren wöchentlichen Brief nach Hause schickte, fügte sie ein PS an:

»Merci maman pour tes conseils regardant les soeurs amoureuses, ils ont servi à merveille.«

(»Danke, Mama, für deine Ratschläge zu den amourösen Nonnen – sie haben wunderbar gewirkt.«)

1

Die Härchen auf Monika Pedersens Armen sträubten sich. Die Bewegung setzte in der Nähe der Armbeuge ein und pflanzte sich wie eine Welle oder eine Seuche bis zu den Händen fort.

Rasch ließ sie das Buch sinken und atmete tief durch. Der harte Einband schlug gegen ihr verletztes Bein, und sie verkrampfte sich in Erwartung eines Schmerzes, der jedoch überraschenderweise ausblieb. Das musste ein Zeichen des Fortschritts sein. Ihr Unfall lag jetzt fast drei Monate zurück, aber die Heilung war nur langsam vorangeschritten. Monika war noch immer krankgeschrieben und brauchte also nicht zum Dienst bei der Kriminalpolizei zu erscheinen.

Misstrauisch blickte sie auf die dicht beschriebenen Seiten, die mit einem Mal anonym und unpersönlich aussahen. Offenbar hatte sie das Gelesene missverstanden. Ein Buch, von dem sie nie in ihrem Leben gehört hatte, konnte wohl kaum von ihrer Mutter handeln. Vielleicht kam es häufiger vor, dass jemand auf Buchstellen stieß und sich darin wiederzuerkennen glaubte.

Um sich im Krankenhaus die Zeit zu vertreiben, hatte sie angefangen zu lesen und auch nach ihrer Entlassung damit weitergemacht. Nach den ersten fünf oder sechs Büchern hatte sie förmlich eine Art Hunger entwickelt.

Sie wollte die Welt durch anderer Menschen Augen sehen und näherte sich neuen Büchern jetzt mit großer Freude und Neugier.

In den vergangenen drei Monaten hatte sie mehr Bücher gelesen als während der gesamten fünfundzwanzig Jahre davor. Liebesromane, historische Romane, Fantasy und Science Fiction, Biografien, alles mit einer bedingungslosen Entdeckungslust. Das Einzige, was sie nicht anrührte, waren Kriminalromane – sie hatte mit mehr Morden zu tun gehabt, als sie sich erinnern konnte, und das Letzte, worüber sie lesen wollte, waren fiktive Ermittlungen, vor allem, da die Morde oft reichlich grotesk dargestellt wurden und die Arbeit der Polizei geradezu lächerlich unwahrscheinlich wirkte.

Das Buch, das jetzt auf ihren Knien lag, hatte lange warten müssen, bis es an die Reihe gekommen war – weder Einband noch Klappentext hatten sonderlich verlockend gewirkt. Aber die Krankenhausbibliothekarin hatte sie mit den fröhlichen Worten auf ihren wöchentlichen Bücherstapel gelegt: »Sie interessieren sich doch für Menschen, da wird Ihnen dieses Buch gefallen.«

Der Titel hatte alles andere als verheißungsvoll ausgesehen – Meine Patienten – mein Leben, dazu der Untertitel: »Vierzig Jahre psychoanalytische Erforschung der menschlichen Psyche«. Monika hatte sich das Buch nur geben lassen, weil sie hoffte, der Autor könne hilfreiche Hinweise geben, wie man einen stetigen Strom von Patienten, von menschlichem Elend überlebte. Vielleicht wussten Psychologen in dieser Hinsicht ja etwas, von dem die Polizei noch nicht gehört hatte.

Die Frage war nur, ob dieses Wissen noch immer relevant war. Sie war mit der brutalen Arbeitssituation, in der sie bisher gelebt hatte, doch fertig. Vielleicht war dies eine Erklärung dafür, dass sie das Buch noch nicht gelesen hatte, aber ein wenig neugierig war sie ja doch gewesen, deshalb hatte sie es nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus mit nach Hause genommen. Dort war es dann wieder liegen geblieben, aber nun hatte sie es endlich hervorgeholt. Sie hatte es neben Teetasse und Morgenzeitung auf den Küchentisch gelegt, als Puffer zwischen sich und dem langen, planlosen Tag, der ihr bevorstand.

Der Umschlag war abgegriffen, doch innen hatte das Buch unberührt ausgesehen – vielleicht hatten es andere ausgeliehen und als Unterlage benutzt, es aber nicht gelesen? Aber das sollte sich jetzt ändern!

Sie hatte sich bequem hingesetzt, zu frühstücken angefangen und gelesen. Wie sie festgestellt hatte, bestand das Buch aus einer Sammlung von Fallstudien – Zusammenfassungen von Lebensschicksalen und Therapieverläufen. Das Lesen war ihr schwer gefallen, da die Sprache mit Fachbegriffen gespickt war und keinerlei stilistischen Ehrgeiz aufwies, und nach ein paar frustrierenden Minuten hatte Monika beschlossen, dem Buch nur noch eine Stunde Zeit zu gewähren. Wenn es nicht spannender wurde, konnte sie es immer noch beiseite legen.

Aber bei der zweiten Fallstudie hatten sich ihre Haare gesträubt.

Sie griff nach dem Buch und las weiter.

»Wer berühmt wird, entdeckt plötzlich, dass dieser Ruhm andere berühmte Menschen anzieht. Auch in meinem Fall war das so. Eine unserer prominenten Politikerinnen suchte mich auf, um ihrer Tochter zu helfen, und ich nahm mich wider besseres Wissen ihrer an, weil ich Hilfe bieten wollte, fast als patriotische Pflicht. Deshalb konnte ich die tragische Entwicklung einer ganz besonders schweren Charakterneurose über fünfzehn Jahre verfolgen, leider ohne sie wirklich beeinflussen zu können. Das Ganze gipfelte im Tod der Patientin, nicht durch Selbstmord, wie man doch meinen könnte, sondern durch Mord, was eine ungewöhnliche und reichlich erschütternde Art ist, eine Patientin zu verlieren, auch wenn dieser Mord in diesem Fall durchaus seine Logik hatte.«

Hier war Monikas Interesse ein wenig geweckt worden – ein Mord könnte den spröden Text vielleicht zugänglicher machen, und es handelte sich immerhin nicht um Gewalttaten, die der Unterhaltung dienen sollten.

Mordermittlungen waren ihr selbstgewählter Lebensinhalt gewesen, ihre Art, sich für eine bessere Gesellschaft zu engagieren. Die ersten Jahre waren auch zufrieden stellend verlaufen, aber ihre Arbeitsfreude hatte immer mehr nachgelassen und war am Ende ganz verflogen.

In den vergangenen Monaten hatte sie versucht, nicht an ihre Arbeit zu denken, doch nun tauchte ein Mord in einem ganz unerwarteten Zusammenhang auf.

Das erinnerte sie daran, dass sie zum ersten Mal in ihrem Erwachsenenleben nicht wusste, was aus ihr werden sollte.

Sie las weiter.

»Es war eine hoch gewachsene, elegant gekleidete Frau, die meine Praxis aufsuchte. Sie war am Vortag aus New York eingetroffen und schien höchst energiegeladen zu sein, vielleicht lag das aber nur an ihrer professionellen Disziplin. Es war eine Frau, die keine der üblichen weiblichen Schwächen oder irgendeine Form von Empfindsamkeit an den Tag legte. Eine Erklärung dafür bekam ich viel später: Ihr Vater hatte sie wie den Sohn aufgezogen, den er sich gewünscht hatte. Sie hatte diesen kastrierten Zustand mit dem innigen Wunsch kompensiert, es in einer männlichen Sphäre weit zu bringen, was ihr auch gelungen war. Doch wie meist in diesen Fällen hatte das einen hohen Preis gefordert, der teilweise von ihrem einzigen Kind bezahlt werden musste, einer Tochter, die sie mit knapp dreiundvierzig Jahren zur Welt gebracht hatte. Und diese Tochter, die nun ihrerseits schwanger war, wurde meine Patientin.«

An dieser Stelle hatte Monika innegehalten. Monikas Großmutter war groß gewesen, hatte in New York gearbeitet und mit knapp dreiundvierzig Jahren ihr erstes und einziges Kind bekommen. Sie hatte spät geheiratet und nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass die Geburt dieser Tochter ein unvorhergesehenes und in Wahrheit unerwünschtes Ereignis in ihrem Leben gewesen war.

Monika hatte sich gesagt, dass es nicht allzu selten passierte, dass beruflich erfolgreiche Frauen erst spät Kinder bekamen, und erfolgreiche Frauen durchaus häufig in New York arbeiteten. Die Ähnlichkeiten mit ihrer eigenen Familie hatten gewiss nichts zu bedeuten.

»Ich traf diese tief und bereits früh gestörte junge Frau, nennen wir sie Fräulein F., zu zwei Behandlungsrunden. Sie war zwanzig, als die erste Behandlung anfing, oder genauer gesagt, der erste Behandlungsversuch, denn es fehlte ihr an der Fähigkeit zu konstruktiver Introspektion und Objektkonstanz, die notwendig ist, um von einer analytischen Behandlung zu profitieren. Fräulein F. war zu diesem Zeitpunkt von zwei ausländischen Schulen verwiesen worden und hatte in der dritten, einer schwedischen, lediglich aufgrund des starken Drucks der Mutter bleiben dürfen. Sie war eine angespannte und unreife junge Frau, die unter offensichtlichen Problemen mit der Impulskontrolle und Grenzen litt, die ich nun in die analytische Arbeitsweise einführen sollte. Sie war unmotiviert und verbrachte viel Zeit mit unbegründeten Anklagen gegen ihre Mutter und andere Autoritätsgestalten. Ihr Vater – das war natürlich von größter Bedeutung – war zu diesem Zeitpunkt seit vierzehn Jahren tot.«

An dieser Stelle hatten sich Monikas Haare gesträubt.

Das konnte nun wirklich kein Zufall mehr sein. Monikas Großvater war gestorben, als ihre Mutter sechs Jahre alt gewesen war. Ihre Mutter war von einer Schweizer Klosterschule verwiesen worden, die von der Schule in New York, die sie nicht mehr haben wollte, empfohlen worden war. Am Ende war sie in einem schwedischen Internat gelandet, dessen Leitung es nicht gewagt oder nicht geschafft hatte, sie auch von dieser Schule zu werfen.

Die junge Frau, dieses anonyme Fräulein F., konnte eigentlich keine andere sein als Monikas Mutter.

»Disruptive influence«, hatte Monikas Mutter in den seltenen Momenten oft gesagt, wenn sie in Stimmung für einen Rückblick gewesen war. »In New York haben sie behauptet, ich sei ein disruptive influence, und damit hatten sie wohl Recht . . .« Ihr amerikanischer Akzent war übertrieben. Sie lachte über die Unfähigkeit der Schulleitung, mit einer Dreizehnjährigen fertig zu werden, machte sich lustig über die Vorstellung, wie eine Schülerin die anderen so negativ beeinflussen konnte, dass der Schule nichts anderes übrig blieb, als die Eltern zu bitten, sich eine andere Lehranstalt zu suchen.

Eine andere Lehranstalt in einem anderen Erdteil – eine Schweizer Klosterschule, deren jahrhundertelange Erfahrung mit Mädchen aller Art dafür bürgte, dass sie auch dem schwierigsten Fall gewachsen wären. Eine Schule mit klaren Regeln und wohltuender Disziplin. In dieser Schule hatte Monikas Mutter nicht einmal ein halbes Jahr verbracht.

Aber »Fräulein F.«? Das klang erfunden und anachronistisch.

Monika las aufmerksam weiter. Bestimmt würde sie bald weitere Details finden, die bewiesen, dass Fräulein F. eine ganz andere Frau gewesen war, die sie nicht kannte.

Sie verstand nicht, was sie las.

Aggressions- und Sexualpathologie. Identitätsdiffusion. Primitive Affektivität. Unbewusste und verdrängte infantile Sexualität. Primitive Aggressivität in der Sexualität. Distorsion – feuchtes und genitales Vokabular, das Monika unangenehm war. Es war noch peinlicher als die Gelegenheiten, wenn sie in das enge Badezimmer geplatzt war und ihre Mutter überrascht hatte, wie sie sich die Beine rasierte oder Haare aus einem Muttermal auf ihrer Wange zupfte.

Noch dazu war es unverständlich und hörte sich alles andere als normal an.

Monika las weiter.

»Ihr Leben endete – wenig überraschend – jäh und brutal, als sie im Alter von fünfunddreißig Jahren ermordet wurde, vermutlich von einem Mann, dessen Verteidigungsmaßnahmen nicht ausreichten, um den heftigen Hass zu bezwingen, der durch die ungelösten Überführungsbeziehungen entstand, die sich einstellten, als Fräulein F.s unintegrierte infantile Wut auf die Menschen in ihrer unmittelbaren Nähe projiziert wurde.«

Fräulein F. war mit fünfunddreißig Jahren gestorben, genau wie Monikas Mutter.

Das konnte kein Zufall mehr sein.

Aber Fräulein F. konnte unmöglich ihre Mutter sein. Ihre Mutter war nicht ermordet worden. Und bei einem Psychologen war sie auch nicht in Behandlung gewesen.

Oder vielleicht doch? Monika ging auf, wie wenig sie über sie wusste. Über ihre Mutter wurde so selten gesprochen, dass allein Monikas Existenz einen unwiderlegbaren Beweis dafür bot, dass sie überhaupt gelebt hatte.

Es war unbegreiflich. Von dem, was Monika verstand, stimmte alles, bis auf den Kontakt zu diesem Psychoanalytiker und auf den Mord. Danach stimmte gar nichts mehr.

Sie legte das Buch beiseite. Das hier brachte doch nichts.

Sie wurde wütend. Was bildete sich dieser Autor eigentlich ein? Wie konnte er auf diese Weise über eine Frau schreiben, die dadurch wiederzuerkennen war?

Olzén hieß er. Sören Olzén, Psychoanalytiker.

Sie griff wieder zu dem Buch und schlug das Erscheinungsjahr des Buches nach. 1992. Damals war ihre Mutter seit fünfzehn, ihre Großmutter seit zehn Jahren tot gewesen. Vielleicht hatte der Autor geglaubt, es spiele keine Rolle mehr, er könne über Leute, die durch ihren Tod ihre Menschenrechte eingebüßt hatten, sagen, was er wollte. Oder hatte er vielleicht zwei Patientinnen miteinander vermischt – hatte er die Geschichte von Monikas Mutter genommen und mit dem Tod einer anderen Patientin verbunden?

Diese Frage ließ ihr keine Ruhe. Monikas Gehirn, das sich in letzter Zeit so sehr mit fruchtlosen Überlegungen über ihre Zukunft und der Frage beschäftigt hatte, wieso alles so schief gegangen war, stürzte sich dankbar auf diese neue Problematik.

Sie räumte das Frühstücksgeschirr weg und versuchte sich auf diese Tätigkeit zu konzentrieren, was ihr jedoch nicht gelang. Ihre Gedanken kreisten unablässig um Olzéns seltsamen Text.

Eine Bewegung unten auf dem Hof erregte ihre Aufmerksamkeit. Eine junge Frau in einer verschlissenen Jacke stemmte sich mit einer Zigarette in der einen und einer Einkaufstüte in der anderen Hand gegen den Wind. Ihr folgte ein kleines Mädchen, dessen abgenutzter roter Overall an den Beinen Falten warf. Die Ärmel waren so lang, dass die Hände der Kleinen nicht zu sehen waren. Das Ganze wurde von einer schief sitzenden, flauschigen weißen Mütze gekrönt.

Die Winterstiefel der Kleinen waren klobig, so dass sie plötzlich stolperte und der Länge nach auf den Asphalt fiel, sich jedoch rasch wieder aufrappelte. Soweit Monika sehen konnte, schrie sie nicht, sondern rannte einfach so schnell weiter, wie sie in ihrer dicken Kleidung konnte, und versuchte, ihre Mutter einzuholen, die ihr Tempo nicht verlangsamt hatte. Monika spürte den starren Nylon und die Füße, die in den breiten Stiefeln herumrutschten, fast am eigenen Leib. Dann hatte die Kleine die Mutter erreicht und griff vorsichtig nach der Tüte. Die Mutter blickte nach unten, schien sie aufzufordern, loszulassen, und zog abermals an ihrer Zigarette. Sie hatte die schmalen Schultern hochgezogen, gegen die Kälte, gegen den Wind, gegen die Armut.

Beeindruckt von der Entschlossenheit der Kleinen, wählte Monika die Telefonnummer ihres Vaters. Sie musste in Erfahrung bringen, ob ihre Mutter Olzéns Patientin gewesen war.

Besetzt.

Während sie wartete, liefen ihre Gedanken abermals mit ihren Gefühlen um die Wette. Was sollte sie sagen?

»Hallo, wie geht’s dir? Weißt du zufällig, ob Mama psychisch krank war und von einem Psychanalytiker behandelt wurde?«

Unmöglich.

»Hast du je von einem Psychologen namens Olzén gehört?«

Auch unmöglich.

Also fragte sie, ob sie kurz vorbeikommen könne – seine Wohnung war nur fünf Gehminuten von ihrer entfernt, in einem Haus, das nach demselben Plan gebaut war wie alle Häuser in der Gegend.

Er schien sich über ihr Kommen zu freuen, und das machte ihr ein schlechtes Gewissen. Es würde kein schmerzloser Besuch werden, daran bestand kein Zweifel.

Monika wusste, wie ihre Mutter ums Leben gekommen war. Sie war ein kleines Stück von ihrer Wohnung entfernt auf einem Zebrastreifen überfahren worden. Doch Monika hatte keiner Menschenseele jemals verraten, dass sie alles gesehen hatte.

Sie war auf dem Heimweg von einer Freundin gewesen, an einem späten, fast stockdunklen Novembernachmittag. Es hatte heftig geregnet, und der Regen war so kalt gewesen, dass er fast schon in Eisregen übergegangen war. Als Monika um die Ecke bog, sah sie eine Menschenmenge, die sich um ein kleines schwarzes Bündel unmittelbar neben dem Bürgersteig scharte. Auf der anderen Seite des Bündels waren buschige schwarze Haare zu sehen, bei denen es sich jedoch nicht um Haare handelte, sondern um einen Kragen aus Webpelz, einen Kragen, der Düfte ansammelte und an den Monika manchmal heimlich ihre Wange schmiegte. Die hintere, dem Gesicht zugewandte Seite, war von Creme beige verfärbt.

Was hatte dieser Kragen auf der Straße zu suchen? Wieso lag er im Rinnstein, im Schneematsch? Monika wurde von einer Stille erfasst, die sich immer dann über sie legte, wenn in ihrer Nähe eine Katastrophe drohte. In diesem Kragen, in diesem Mantel durfte ihre Mutter nicht stecken. Das reglose Bündel musste etwas sein, das jemand verloren hatte, irgendjemand, der einen ähnlichen Geschmack besaß, hatte auf dem Weg zur chemischen Reinigung etwas fallen lassen. Aber so war es nicht. Die Leute rannten umher, und ihre Körpersprache verriet, dass etwas passiert war, dass niemand etwas verloren hatte.

Monika stand stocksteif und unsichtbar da und weigerte sich, zu glauben, was sie sah. Es war drei Tage vor ihrem dreizehnten Geburtstag.

»Mama«, murmelte sie, aber vielleicht dachte sie es auch nur. Ihre Mutter reagierte nicht, wie so oft, nur dass es diesmal endgültig war.

Später, als der Krankenwagen fort war, war sie wie betäubt nach Hause gegangen, hatte die leere Wohnung betreten, in der es ebenfalls nach Rauch und Parfüm roch. Ihr Vater kam immer erst gegen halb sieben nach Hause, und sie hatte auf ihn gewartet, ohne ans Telefon zu gehen, das alle fünf Minuten läutete, ohne Licht zu machen, ohne zu denken.

Als ihr Vater nach Hause kam und sie im Dunkeln sitzen sah, schaltete er die Lampen ein und nahm das Telefon ab. Sein Gesicht lag im Schatten, deshalb hatte Monika seine Miene nicht erkennen können, sondern hatte nur gesehen, wie er die Schultern anspannte, während sein Körper in sich zusammensackte. Das Gespräch war ziemlich wortkarg verlaufen.

»Ja, ich bin das . . . woher? Ja, das ist meine Frau . . . was? . . . wann? . . . sicher? Ich kann sofort kommen.«

Er hatte weiter ins Leere gesprochen, nachdem er aufgelegt hatte, obwohl er sich Monika zuwandte, die hinter ihm auf dem Sofa saß.

»Das war das Krankenhaus. Mama hatte einen Unfall, ich muss hin. Du wartest hier, oder, nein, geh nach unten zu Ahlgrens. Nein, warte, ich komme mit.«

Sie waren die beiden Treppen zu den Ahlgrens hinuntergegangen, deren Tochter in Monikas Klasse ging. Monikas Vater hatte mit Frau Ahlgren gesprochen, als wäre nichts Außergewöhnliches passiert. Es war ihr deutlich anzusehen gewesen, dass ihr Monikas Besuch ungelegen kam, aber niemand konnte schließlich ein Kind zurückweisen, dessen Mutter eben überfahren worden war.

Als er sie abholen gekommen war, hatte er sich verändert. Er war grauer geworden, kleiner und stummer.

Fahrerflucht, hieß es schließlich, als die Ermittlungen abgeschlossen waren. Ein Auto, das niemals identifiziert werden konnte, war aus der Dunkelheit aufgetaucht, hatte Monikas Mutter in hohem Tempo angefahren und war dann verschwunden. Niemand hatte es danach noch gesehen, und falls der Fahrer unter Drogen oder Alkohol gestanden hatte, dann hatte es ihn nicht daran gehindert, sich vom Unglücksort zu entfernen. Der Wagen hatte offenbar ähnlich ausgesehen wie ein Volvo, aber die Zeugenaussagen gingen auseinander, was das Fahrzeug und eventuelle Insassen anging.

Fest stand nur, dass Monikas Mutter sofort tot gewesen war. Die offizielle Todesursache war ein gebrochenes Genick, aber auch sonst wäre sie an ihrem eingedrückten Brustkorb gestorben oder verblutet. Als der Krankenwagen eintraf, lebte sie schon nicht mehr.

Sich an diesen Tag zu erinnern war, als sehe man sich ein altes Video von schlechter Qualität an – veraltet, schwarzweiß, körnig. Wieso aber sprach der Psychologe von Mord, wenn Babs und Fräulein F. ein und dieselbe waren? Meinte er, sie sei vorsätzlich überfahren worden? Die einfachste und wahrscheinlichste Erklärung war wohl, dass er die Todesursache nicht klar definiert hatte – für ihn bestand vielleicht kein Unterschied zwischen Mord, Totschlag und fahrlässiger Tötung. Andererseits sprach er von Menschen, die Fräulein F. gehasst hatten, und von einem Mann, der sie angeblich ermordet hatte.

Nein, der Analytiker hatte bestimmt eine ganz andere Frau behandelt, eine, die erschossen oder erwürgt oder erschlagen worden war. Es bestand vermutlich kein Grund, Monikas Mutter mit einem Mord oder mit verwirrenden sexuellen Problemen in Verbindung zu bringen. Aber Monika war sich darüber im Klaren, dass ihre Mutter schon lange versuchte, die Aufmerksamkeit ihrer Tochter zu wecken. Ihr letzter Fall – vermutlich im wahrsten Sinne des Wortes ihr letzter, der zu ihrer Beinverletzung geführt hatte – hatte ihre Gedanken auf das Thema Mütter und Töchter gelenkt.

Es war offenbar Zeit, sich mit den Erinnerungen auseinander zu setzen.

Ihre Mutter hatte ein seltsames Vakuum hinterlassen, einen Teil von Monikas Innerem, der ihr stets verschlossen geblieben war. Dieser Teil musste geöffnet werden.

Monikas Mutter. Barbara Ellen.

Monika hatte sie stets Babs genannt, und ihre Bekannten hatten sie mit Babbie, Babsan, Babba, Babsie oder Babette angesprochen.

In einer der wenigen Anekdoten über ihre Großmutter, die Monika zu Ohren gekommen war, ging es darum, wie Barbara Ellen sich ihres Namens angenommen hatte.

»Ich war noch ziemlich jung. Sie nannte mich immer Ellen, aber ich fand diesen Namen so schrecklich. Sie sagte immer, sie habe mich nach Ellen Key so genannt.«

Babs war eine gute Imitatorin gewesen, und Monika, die ihre Großmutter nicht oft genug gesehen hatte, um sich ein eigenes Bild von ihr zu machen, hatte sich mit Hilfe von Babs’ Vorstellungen eines zurechtgelegt.

Babs hatte sich kerzengerade hingestellt, die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst und mit leiser, klangvoller Stimme verkündet:

»Du heißt so nach Ellen Key, die dafür gesorgt hat, dass Frauen das Stimmrecht bekommen. Sie war eine starke Frau, die etwas erreichen wollte und ihr Leben dem Versuch widmete, dieser Geißel ein Ende zu machen, die der Krieg so viele Jahrtausende hindurch dargestellt hatte. Sie hatte eine Vision. Ist der Name dir plötzlich nicht gut genug? Du darfst dich nicht Babsie nennen.«

»Aber da«, fügte Babs an dieser Stelle stets hinzu, »da habe ich gesagt dass es überhaupt keine Rolle spielt, ob es ihr recht war oder nicht. Ich hätte nicht vor, noch weiter Ellen zu heißen.«

Sie hielt einen Moment inne.

»Barbara, nach der du ebenfalls heißt, war eine elegante Frau, die sich niemals anders genannt hat als mit ihrem vollständigen, richtigen Namen«, fuhr Babs mit ihrer Imitation fort.

»Darauf scheiß ich, denn ich kann schließlich nichts dafür, nach wem du mich genannt hast, meine Namen gehören jetzt mir, MIR!«

»Reg dich doch nicht auf, Ellen . . .«

»Ich heiße Babsie!«

»Du heißt Barbara Ellen!«

Und dann hatte Babs ihre Trumpfkarte ausgespielt.

»Ellen. Ellen Key. Spielt es denn keine Rolle, dass sie sich geirrt hatte? Nur, weil das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, haben die Leute doch nicht aufgehört, Kriege zu führen! Die Alte war doch verrückt. Ihr seid allesamt verrückt. Und ich werde nicht mehr reagieren, wenn du mich Ellen nennst. Und da«, endete Babs mit einem zufriedenen Lächeln, denn von diesem Triumph hatte sie ihr ganzes Erwachsenenleben hindurch gezehrt, »konnte sie einfach nichts mehr sagen oder tun.«

Monikas Großmutter hatte ihre Tochter weiterhin Ellen genannt. Babs hatte sich konsequent geweigert, darauf zu reagieren, was zu allerlei Verwicklungen, Missverständnissen und zurückgesandten Briefen geführt hatte. Keine der beiden hatte jemals nachgegeben.

Dann war Babs ums Leben gekommen, und einige Jahre später war ihre Mutter in ihrer Wohnung in New York im Schlaf gestorben.

Monika konnte sich nicht an ein wirkliches Gefühl von Verlust erinnern, stattdessen hatte sie sich vor allem leer und stumm gefühlt. Sie hatte es vermieden, an Babs oder an ihre Großmutter zu denken.

Doch nun war Babs in Monikas Gedanken zurückgekehrt – ein reichlich unverständlich geschriebener Text in einem Buch, das Monika unter anderen Umständen niemals gelesen hätte, hatte das Tor aufgestoßen. Der Zeitpunkt kam ihr nicht gerade gelegen, aber in solchen Fällen hatte man wohl keine Wahl.

Sie wollte fragen, was Niels über Olzén wusste, ihre stumme Vereinbarung brechen, nicht über Babs zu sprechen. Sie zog ihren Mantel an und dachte an das kleine Mädchen in dem großen Overall.

Was die konnte, konnte Monika ja wohl auch.

2

Vaterlos war Monikas nicht einmal in ihrer Fantasie jemals gewesen, da ihr Vater sich an ihr schon rein äußerlich viel zu deutlich zeigte. Sie besaß die gleichen dünnen, hellblonden Haare, die gleiche Augenfarbe, irgendwo zwischen Grau, Grün und Blau, und die gleiche runde, ein wenig flächige Gesichtsform. Von Babs’ schmalem Gesicht und ihren braunen Haaren war bei Monika nicht einmal ein Hauch zu erkennen. Auch der gedrungene Körperbau verband Niels und Monika, während Babs lange Arme und Beine und schmale Füße und Finger gehabt hatte.

Jetzt öffnete er die Tür und trat einen Schritt zurück, um sie eintreten zu lassen. Er lächelte, sein gewohntes Lächeln und sagte mit gewohnter Stimme »Willkommen.«

Monika ließ sich wie immer auf dem Sofa nieder und fragte sich, wo sie anfangen sollte.

Am Ende zog sie einfach das Buch aus der Tasche und legte es auf den Couchtisch.

»Ich habe gerade eine Fallstudie in diesem Buch gelesen, die so gut auf Babs passt, dass sie es eigentlich sein muss.«

Niels’ Blick streifte das Buch, dann hob er den Kopf und schaute aus dem Fenster, wo es jedoch offenbar nichts Besonderes zu sehen gab.

»Papa?«

Am Ende blickte er sie mit ausdrucksloser Miene an.

»Darüber will ich nicht sprechen«, sagte er tonlos.

»Du brauchst nur eine einzige Frage zu beantworten. War Babs bei diesem Mann in Behandlung?«

Ihr Vater schwieg eine Weile.

»Hör auf damit, das habe ich doch schon gesagt. Woher hast du dieses Buch überhaupt?«

»Aus der Krankenhausbücherei.«

Er schaute jetzt wieder aus dem Fenster, und sie stellte mit einem unbehaglichen Schauder fest, dass die Existenz des Buches keinerlei Überraschung für ihn darstellte.

»Du hast davon gewusst, ja? Du hast gewusst, dass Olzén über Babs geschrieben hat, aber du hast kein Wort gesagt.«

»Ich sage, dass du damit aufhören sollst. Sie ist jetzt seit zweiundzwanzig Jahren tot, und es bringt nichts, in den alten Geschichten herumzuwühlen.«

»Dann weißt du also auch von seiner Behauptung, dass sie ermordet worden ist.«

»Ich will nicht darüber reden. Ich meine es ernst.«

»Spielt es keine Rolle, was ich will? Ich will wissen, ob Fräulein F. in dem Buch Babs ist.«

Doch die Worte schienen von Niels’ gekrümmtem Rücken abzuprallen. Er hatte sich mühsam aufgerichtet und war in die Diele gegangen, wo er seinen Mantel anzog, um das Haus zu verlassen, fort von diesem Gespräch, mit dem er nicht umgehen konnte. Sie wusste, dass es einige Stunden dauern würde, bis er zurückkehrte, durchnässt und halb erfroren. Sie wusste auch, dass er durch die Tür kommen würde, als sei nichts geschehen, er würde wie immer »Hallo« rufen, und wenn Monikas Fragen noch immer unbeantwortet waren, wenn sie noch immer wütend oder empört war, würde er sie gequält und beleidigt ansehen: Alles sollte wieder gut sein. Alles sollte sein wie immer.

So war es immer gewesen.

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

Monika schlug mit der Faust auf die Armlehne des Sofas – verdammt, warum hatte sie in all diesen Jahren keine Gegenstrategie entwickelt? Wieso konnte er sie mit so einfachen Mitteln manipulieren? So dass eine Frage, der er den Rücken kehrte, einfach zu Boden fiel und starb?

Aber diesmal sollte das nicht passieren.

Sie schaute sich in der Wohnung um.

Niels hatte das Kapitel Babs in der Tat endgültig abgeschlossen. Es gab nirgendwo ein Foto von ihr, weder Aschenbecher noch Stofftiere. Früher hatte die Sofaecke, wo Monika jetzt saß, ein wuscheliger großer Eisbär in Beschlag genommen, während in der Küche ein hübsches Stoffhuhn Staub gesammelt hatte. Babs hatte ihr Bett mit so vielen Schmusetieren geteilt, dass gar nicht alle Platz gehabt hatten und wie Opfer einer schrecklichen Katastrophe in den seltsamsten Stellungen und mit blinden Augen auf dem Boden herumlagen. Babs nahm oft ein Schmusetier auf den Schoß oder in den Arm und liebkoste es in einer Weise, wie sie Monika oder Niels niemals liebkost hatte.

Der Eisbär, das Huhn, der Muminvater, sie alle waren verschwunden gewesen, als Monika eines Tages aus der Schule gekommen war. Ins Kinderheim in der Sowjetunion, hatte Niels gemurmelt, für Kinder, die sie brauchen. Für Monika, die oft heimlich an den Tieren geschnuppert hatte, da Babs’ Duft noch in ihrem Fell hing, waren die Tiere eine viel deutlichere Erinnerung gewesen als Fotos, aber sie hatte nicht dagegen protestiert, da es ohnedies zu spät war.

Die Bilder von Babs hatten einst das Regal über dem Herd gefüllt und die Kühlschranktür bedeckt. Egoistisch, hatte Niels geklagt, aber Monika wusste noch, wie Babs sie bisweilen angestarrt hatte, als könnten die Bilder ihr verraten, wer sie war. Sie hatte sich mit einem breiten, aber unpersönlichen Lächeln gesehen, mit ihrem schlanken Körper in vorteilhaften Posituren, rein äußerlich eine junge Frau, die in ihrem Inneren dorthin zu gehören schien, wo sie sich gerade aufhielt.

Am liebsten hatte sie Bilder gemocht, auf denen sie Ähnlichkeit mit Frauen in der Werbung gehabt hatte und ihr eigenes Aussehen nicht so deutlich hervorgetreten war.

Ein Foto, das jahrelang den Kühlschrank geschmückt hatte, war von einem jungen Fotografen mit großem künstlerischem Ehrgeiz aufgenommen worden. Monika, die damals sieben oder acht gewesen war, hatte in der nackten Frau, die vor weißem Hintergrund saß, die Arme um die Knie geschlungen, die Haare vor dem Gesicht, ihre Mutter nicht wiedererkannt.

»Wer ist das denn?«, hatte sie gefragt, verblüfft von der Größe des Bildes, der glänzenden Oberfläche und den harten Kontrasten.

Babs hatte stumm und müde am Küchentisch gesessen; die Luft war vom Zigarettenrauch schon vernebelt gewesen.

Sie war zusammengezuckt und hatte Monika aus rot unterlaufenen Augen angestarrt.

»Was soll das heißen? Erkennst du deine eigene Mutter nicht?«

Eilig war sie gefährlich dicht an Monika herangetreten.

»Glaubst du, ich könnte nicht gut aussehen? Glaubst du, niemand sieht meine Möglichkeiten?«

»Reg dich ab!«, hatte Niels sich eingeschaltet.

Diese Mahnung zeigte niemals irgendeine Wirkung, trotzdem brachte er sie immer wieder an, da er zu glauben schien, Babs werde seinem Rat eines Tages doch noch folgen, sich abregen, wie andere sein.

»Kommandier mich hier ja nicht herum, verdammt noch mal! Reg dich doch selber ab. Reg dich ab, bis du tot bist. Und unbeschreiblich öde. Und . . .«, doch dann hatte ihre Stimme versagt, und sie war in Tränen ausgebrochen. »Ich weiß nicht, warum ich überhaupt versuche . . .«

Monika hatte sich inzwischen Cornflakes geholt, Milch darauf gegossen und angefangen zu essen, obwohl sich ihr Magen zusammenkrampfte, denn sonst würde Niels sie zurechtweisen. Zu einem normalen Leben gehörte schließlich ein Frühstück, und Monika hätte so gern ein normales Leben geführt.

Babs hatte immer heftiger geweint, das machte sie immer so.

»Was tue ich überhaupt hier? Niemand kümmert sich um mich. Ihr habt ja keine Ahnung, wie einsam ich bin . . .«

Und dann hatte Babs sich aufs Sofa zu ihrem Eisbären zurückgezogen, während Niels und Monika schweigend gefrühstückt hatten. Außer Babs’ Schniefen war es totenstill gewesen.

Inzwischen waren die Fotos lange verschwunden, aber Monika sah sie immer noch vor sich; sie wusste genau, wo sie gestanden und wie sie ausgesehen hatten. Ein einziges Bild von damals war noch da – das der kleinen Bethlehem, die wie immer auf dem Sims über dem Herd stand.

»Bethlehem«, hatte Monika eingewandt, als ihre Mutter das kleine Foto in einem billigen neuen und etwas zu großen Rahmen aufgestellt hatte. »Bethlehem ist doch eine Stadt, oder? So kann sie doch nicht heißen.«

Babs hatte den Text auf der Rückseite des Bildes noch einmal gelesen, kurz gezögert und noch einmal gelesen.

»Doch. In Äthiopien kann man offenbar Bethlehem heißen, hier steht jedenfalls Name und nicht Geburtsort. Sie wissen wohl nicht, wo sie geboren worden ist, sondern schreiben nur, ›in der Nähe von Mekele‹.«

Monika hatte Bethlehem lange betrachtet. Bethlehem trug ein schmutziges kariertes und zu weites Kleid, ihre Füße waren nackt und staubig, und um ihren Hals hing ein Amulett oder Anhänger an einem Lederriemen. Was vor allem überraschte, war ihr Lächeln. Es hätte zu einem kleinen Mädchen gepasst, das bei einem lustigen Spiel zusah oder es gerade auf dem Fahrrad bis zum Tor geschafft hatte, ohne umzukippen oder mit den Füßen den Boden zu berühren.

Dank Monika und ihren Eltern konnte sie jetzt in einem Heim wohnen, wo sie etwas zu essen und Kleider bekam und zur Schule ging.

Aber Bethlehem!

Man konnte doch keine Schwester haben, die Bethlehem hieß, so wenig wie eine Schwester Göteborg oder Helsingfors heißen konnte. Bettie, das war ein passender Name für eine Schwester. Bettie sollte sie heißen, wenn Monika an das kleine Mädchen mit dem strahlenden Lächeln dachte, an das Mädchen, das glücklicher und munterer lächelte, als Monika auf irgendeinem Foto, das sie in demselben Alter zeigte.

Und Bethlehems Foto war noch da gewesen, als alle Bilder von Babs verschwunden waren. Monika hatte nicht mitbekommen, wie Niels sie entfernt hatte, wie sein Gesicht ausgesehen hatte, als er die Bilder von der Wand genommen, die Klebestreifen abgepult und den Klebstoff weggekratzt hatte. Sie wusste nicht einmal, ob er die Fotos weggeworfen oder nur verpackt und irgendwo verstaut hatte. Sie fragte sich, ob er getrauert hatte. War er wütend gewesen, oder hatte er sich vielleicht geschämt?

Hier in der Wohnung war jedenfalls keine Spur von Babs mehr. Und wenn Niels nicht über sie sprechen wollte, gab es kaum jemanden, der Monika sonst helfen konnte. Babs hatte keine Geschwister gehabt, und ihre Eltern waren schon seit vielen Jahren tot.

Monika ging zurück zum Bücherregal. Dort hatte Niels nicht so sorgfältig Ordnung geschaffen wie in der übrigen Wohnung. Die Bücher der Großmutter standen immer noch da. Ihre dreibändige Autobiografie. Monika hatte sie nie gelesen – teils, weil sie sich an Babs’ Reaktion auf den dritten Band erinnerte. Monika zog ihn hervor – ja, er war noch immer verzogen, und die eine Ecke war geknickt, weil Babs das Buch an die Wand geworfen hatte, als sie festgestellt hatte, dass sie nicht darin vorkam. Wer es nicht besser wusste, hätte durchaus glauben können, Babs habe niemals existiert, sei niemals geboren worden. Der trockene Kommentar von Monikas Großmutter, das Buch handele von dem, was in ihrem Leben wichtig war, nämlich von dem, was sie geleistet hatte, war ebenfalls alles andere als hilfreich gewesen. Auf dem Vorsatzblatt stand mit schwarzer Tinte und kleiner Handschrift:

»Für meine liebe Ellen von Mutter.«

Die Lektüre dieser Bücher wäre Babs gegenüber unsolidarisch gewesen, außerdem waren sie schwer verständlich und langweilig, zumindest hatte Monika es als Zwölfjährige so empfunden.

Aber vielleicht halfen sie ihr weiter, schließlich hatte die Großmutter Babs ihr Leben lang gekannt.

Als Monika das Buch in der Hand hielt, musste sie wieder an die Beerdigung der Großmutter denken. Damals sie war siebzehn gewesen, und sie und Niels hatten als die einzigen Verwandten daran teilgenommen. Aber es war eine große Trauerfeier gewesen. Was der Großmutter an Verwandtschaft gefehlt hatte, hatte sie durch ihre beruflichen Kontakte wettgemacht. Es hatte viele prachtvolle Kränze gegeben – von der UNO, vom Außenministerium (ein Kranz in den schwedischen Landesfarben), von Organisationen und Verbänden jeglicher Art.

Die Frau, über die der Pastor sprach und die so vielen Menschen offenbar so viel bedeutet hatte, hatte kaum Ähnlichkeit mit Monikas vagen Erinnerungen an ihre Großmutter besessen. Die Großmutter war groß, sehnig und ungeduldig gewesen, und bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie einander begegnet waren, hatte Babs sich stets seltsam angespannt und schnippisch gezeigt. Monika war so gut wie nie allein mit ihrer Großmutter gewesen, erinnerte sich aber noch genau daran, dass sie ständig hatte wählen müssen – zwischen Puppen, die sie nicht haben wollte, zwischen Kuchen, von denen sie wusste, dass sie sie niemals aufessen würde. Sie erinnerte sich an die Gereiztheit ihrer Großmutter und an ihre eigene Unzulänglichkeit: nicht einmal eine so einfache Wahl konnte das Kind treffen. Es waren alte, undeutliche Erinnerungen, die das Gedächtnis zu einer Stimmung, zu einer Reihe verblasster Empfindungenreduzierte.

Aus einem Impuls heraus nahm Monika alle drei Bücher mit, als sie ging. Das erste hieß »Anlauf« und behandelte die Jugend der Großmutter in Sundsvall, der zweite Band mit dem undurchsichtigen Titel »Der Einsturz des Weltengebäudes« schilderte die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg, und das letzte hieß »Die Jahre bei den Vereinten Nationen«. Der Umschlag des ersten Bandes zeigte Schwarzweißbilder der Großmutter als weißblonder Backfisch, den Blick in die Ferne gerichtet. Der zweite bestand aus einer Collage – die Großmutter, Mussolini und ein geschmeidiger, braunhäutiger Mann mit würdevoller Haltung und festem Blick. Der dritte Umschlag war so nichtssagend wie der Titel. Vor dem UNO-Gebäude war die Großmutter an einem Rednerpult zu sehen.

Auf dem Heimweg schmiedete Monika Pläne. Sie wollte wissen, ob Fräulein F. Babs war – und wenn Niels nicht mit ihr reden wollte, musste sie eben Olzén fragen.

Sie hoffte nur, dass er noch lebte. Und dass die gesuchten Informationen noch in der kollektiven Datenbank namens Menschenhirn zu finden waren.

Zum ersten Mal seit langer Zeit kam sie gern nach Hause. Sie hatte eine Aufgabe, ein Ziel, und die freie Zeit, die vor ihr lag, hatte plötzlich einen Sinn, statt ein Problem darzustellen.

Wie immer fing sie mit dem einfachsten Teil der Aufgabe an. In diesem Fall griff sie zum Telefonbuch. Als sie die Hand danach ausstreckte, schien etwas mit dem Zimmer zu geschehen: das Licht war mit einem Mal schärfer, und es wurde kälter. Ihr Körper verriet Monika, dass jetzt der Arbeitsgang eingeschaltet war, ob sie wollte oder nicht. Offenbar glaubte ihr Körper, dass sie mit einer neuen Ermittlung begann. Monika staunte, dass ihr Körper sie so verraten konnte.

Sie wusste, dass dies keine normale Ermittlung war, was auch immer ihr Körper glauben wollte, sie wusste es, obwohl sie von einem höchst vagen Verdacht ausging und die Wahrscheinlichkeit, mehr als zwanzig Jahre zurückliegende Sachverhalte aufklären zu können, gering war. Gleichzeitig fragte sie sich, ob es ein formaler Fehler war, sich in ihrer eigenen Branche sozusagen freiberuflich zu betätigen. War sie überhaupt befugt, eine inoffizielle kleine Mordermittlung in eigener Sache zu starten?

Sie unterbrach sich bei diesem Gedanken. Das hier war keine Mordermittlung, sondern sie war einfach eine Tochter, die wissen wollte, was mit ihrer Mutter passiert war. Daran konnte ja wohl niemand Anstoß nehmen.

Und, Fehler hin oder her, der Startschuss war gefallen.

Sie blätterte im Telefonbuch.

Olzén, das konnte kein gängiger Name sein, sondern eine Variante, die Namen wie Olsson und Nilsson und Andersson in individuellere, historisch gesehen jedoch belanglose Nachnamen verwandelte.

Einen Sören Olzén gab es nicht. So leicht sollte es also nicht sein.

Der nächste Schritt war die Auskunft – er konnte immerhin nach Sigtuna oder Vadstena oder an einen anderen ruhigen Ort gezogen sein, wo alte Leute gern ihren Lebensabend zubrachten.

Aber das hatte er offenbar nicht getan, denn er hatte eine Geheimnummer, was annehmen ließ, dass er noch lebte und nach wie vor in Stockholm wohnte.

Also musste sie ihr Glück beim Berufsverband versuchen, den sie im Telefonbuch fand: die Psychoanalytische Vereinigung.

Eine freundliche Frauenstimme meldete sich, und Monika schilderte ihr Anliegen.

»Soll das heißen, Sie wissen nicht, ob Ihre Mutter bei Herrn Olzén in Behandlung war?«

»Ja. Aber als ich sein Buch gelesen habe, kam mir der Verdacht, das meine Mutter Patientin bei ihm war.«

»Was ist danach aus ihr geworden?«

»Nichts Gutes. Sie ist gestorben. Und in seinem Buch behauptet er, dass sie, wenn sie es denn tatsächlich war, ermordet worden ist.«

»Und Sie wissen auch nicht, ob Ihre Mutter ermordet worden ist?«

»Nein, deshalb würde ich ja gern Kontakt zu ihm aufnehmen.«

»Und wie alt waren Sie, als das passiert ist?«

»Zwölf.«

Das Gespräch wurde langsam zum Verhör.

»Über das alles möchte ich mit ihm selbst sprechen. Ich wollte Sie wirklich nur um seine Telefonnummer bitten«, sagte Monika.

»Seine Geheimnummer?«

»Ja.«

»Dann haben Sie wohl nicht verstanden, warum er eine Geheimnummer hat. Bei unserer Arbeit stoßen wir auf so viele Probleme, auf so vieles, das starke Gefühle weckt. Nicht alle können uns als Fachleute und Privatpersonen auseinander halten. Ich gebe Ihnen den Rat, falls Sie nicht damit fertigwerden, dass Ihre Mutter Sie in einem so verletzlichen Alter im Stich gelassen hat, und ich kann wirklich verstehen, dass so etwas möglich ist, jedenfalls lautet mein Rat, suchen Sie sich einen eigenen Therapeuten, mit dem Sie über das alles reden können.«

»Ich will aber keine Therapie machen. Ich werde doch das Recht haben zu erfahren, ob meine Mutter bei diesem Olzén in Behandlung war.«

»Wenn sie bei ihm in Therapie oder Analyse war und zu Hause nichts davon erwähnt hat, dann hatte sie sicher ihre Gründe. Er musste ihren Wunsch respektieren und auf ihrer Seite stehen, auch wenn sie jetzt tot ist, und auch wenn er aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz über sie geschrieben haben sollte.«

»Das ist doch lächerlich. Sie können doch nicht wissen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, und es kann wohl nichts schaden, wenn ich mit Olzén spreche.«

»Ich glaube, wir kommen hier nicht weiter. Sie können einen Brief schreiben und an uns schicken. Wir leiten ihn gern an ihn weiter. Dann kann er selbst entscheiden, ob er mit Ihnen sprechen will. Aber eigentlich können Sie sich die Mühe sparen – er wird nicht mit Ihnen reden wollen, aus berufsethischen Gründen.«

Monika spürte, wie die Wut in ihr hochstieg, was im Vergleich zu der Gleichgültigkeit der vergangenen Monate immerhin ein Fortschritt war.

Und es machte ihr Mut. Sie hatte Widerstand immer schon zu schätzen gewusst und würde nicht lockerlassen, bis sie Olzéns Nummer hatte.

Wer nicht durch die Tür ins Haus gelangt, muss eben das Fenster nehmen. Sie rief den Verlag an, der Olzéns Buch veröffentlicht hatte.

Sie überlegte, was sie sagen sollte. Die Wahrheit, dass sie eine Tochter war, die ihre Mutter suchte, schien als Strategie nicht zu funktionieren, jedenfalls hatte sie bei der Analytiker-Vereinigung keine Wirkung gezeigt. Monika entschied sich daher für eine andere Methode.

In ihrer Eile hätte sie sich der Verlagsangestellten beinahe als Kriminalkommissarin vorgestellt, ehe sie in letzter Sekunde auf Journalistin umschwenkte. Sie arbeitete angeblich an einer Reportage über Psychoanalyse und wollte deshalb gern mit Sören Olzén sprechen. Die Lüge kam ihr überraschend leicht über die Lippen, und als Belohnung erhielt sie ohne weitere Fragen seine Adresse und seine Telefonnummer.

Wenige Minuten später brachte sie mit derselben Leichtigkeit noch einmal die gleiche Lüge vor. Seine dünne Greisenstimme hatte der Journalistin, die ihn interviewen wollte, nichts entgegenzusetzen. Sie sei jederzeit willkommen, jedenfalls ab dem nächsten Tag, da er sich erst vorbereiten müsse.

Monika bemerkte, dass sich nicht nur das Zimmer verändert hatte – plötzlich hatten die Zeiger ihrer Uhr einen großen Sprung nach vorn gemacht. Die Minuten, die nach dem Unfall so lang gewesen waren, waren nun kürzer, strömten vorüber und waren unwiederbringlich verschwunden.

Sie bemerkte auch, dass sie Angst hatte.

Unmittelbar nach Babs’ Tod war sie in Monikas Träumen und Erinnerungen ebenso unkontrolliert aufgetaucht wie früher in ihrem Leben. Im Traum stand Babs zumeist in der Tür zu Monikas kleinem Zimmer. Es war spät, und im Schein der Dielenlampe konnte Monika nur eine dünne, dunkle Frauengestalt sehen, die sich schwankend gegen den Türrahmen lehnte und hungrig an ihrer Zigarette zog.

Angst und Sehnsucht keimten gleichzeitig in ihr auf, neutralisierten sich gegenseitig und wichen Enttäuschung und Zorn, nur um kurz darauf wieder aufzuflammen und jedes andere Gefühl zu überflügeln. Monika wollte Mammmmmaaaa schreien, wollte gestreichelt werden, und sei es mit noch so ungeschickter Hand. Doch gleichzeitig wollte sie nicht von Babs angefasst werden, da es keine echte Berührung war und sie am nächsten Morgen schon keine Gültigkeit mehr hätte. Sie wollte nicht, dass Babs hereinkam, und sehnte sich zugleich brennend danach, dass sie es tat.

Babs’ Auftauchen in Monikas Träumen hatte dieselbe Wirkung wie früher im Leben – wie erstarrt lag Monika da, wie gelähmt, konnte sich nicht rühren, war erfüllt vom raschen, ängstlichen Schlag ihres Herzens, eines Herzens, das sich in ihrem kleinen Brustkorb auszudehnen schien und sie im nächsten Augenblick in einer Explosion aus heißem Blut zerfetzen würde. Dieser Traum, diese Erinnerung hatten ihr viele Jahre Angst gemacht.

Mit anderen Erinnerungen an Babs wurde sie besser fertig. Einige wenige waren harmlos, wie zum Beispiel Babs hinter dem Verkaufstresen in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses, von wo aus sie Monika zuwinken konnte wie eine normale Mutter. Oder Babs’ Gesicht, wenn sie sich konzentrierte und Mund und Augenbrauen zusammenzog, was sie so witzig aussehen ließ, ein Gesicht, über das man sogar lachen konnte, das keineswegs beängstigend wirkte. Ebenso wie ihr seltenes, kumpelhaftes Lächeln.

Und jetzt wollte Monika dieses Muster durchbrechen. Sie wollte versuchen, sich deutlicher zu erinnern statt weniger – ein Gedanke, bei dem ihr Körper sich anspannte.

Aber andererseits hatte sie ja keine Wahl.

Sie musste es tun.

Und wenn nicht jetzt, wann dann?

Sie holte tief Atem und versuchte bewusst, die Mauer, die sie zwischen sich und ihren Erinnerungen an Babs errichtet hatte, zum Bröckeln zu bringen. Die Mauer wies ohnedies etliche Risse auf, die Bildern und Gedanken Durchlass gewährt hatten – sei es in nächtlichen Träumen oder in kleinen, beängstigenden Momenten im Alltag, wenn etwas eine magische Schleuse geöffnet hatte. Ab und zu reichte es, eine große schlanke Frau in einem bodenlangen Mantel davoneilen zu sehen, oder zu beobachten, wie sich das Gesicht einer jungen Frau verzog, wenn das Nikotin durch ihre Venen strömte.

Die Mauer war unzuverlässig gewesen, aber nun, da Monika versuchen wollte, sich ganz bewusst zu erinnern, hielt sie auf einmal stand.

Ihr wollte beim besten Willen nichts einfallen.

Doch sie brauchte diese Erinnerungen. Vielleicht lag die Antwort auf ihre Fragen in ihr selbst, irgendwo hinter der Mauer. Immerhin hatte sie mit Babs zusammengelebt, hatte sie gesehen, gehört, sie so geliebt, wie sie es eben gekonnt hatte, hatte sie gehasst und Angst vor ihr gehabt.

Sie machte einen neuen Versuch.

Doch da war nichts als Leere.

Sie war zu ihrer eigenen widerwilligen Zeugin geworden. Vor ihrem geistigen Auge entstand ein Bild von ihr selbst in zwei Versionen, die einander an einem Tisch in einem Verhörzimmer gegenüber saßen. Bei diesem Bild musste sie auflachen, und dann passierte es plötzlich.

Eine winzige Erinnerung tauchte auf, nicht an Babs selbst, sondern an das Gewimmel aus kleinen Tuben, Flaschen, Hülsen und Döschen um sie herum. Die meisten davon waren klebrig, staubig und verschmutzt, als hätten sich die unterschiedlichen Produkte miteinander vermischt, während sie in Schminkbeuteln, Handtaschen, Küchenschubladen, Manteltaschen oder einfach an der Stelle lagen, wo Babs sie gerade deponiert hatte. Das Bild erweiterte sich zu einem Bild von Babs’ Haut – sie war hell und leicht sommersprossig gewesen, abgesehen vom Gesicht, wo sie einen gleichmäßigen matten Beigeton aufwies. Auf ihren Wangen waren dunkelrote Striche zu sehen gewesen, die die Wangenknochen betonten – das hatte Babs gesagt –, obwohl Monika im ovalen Gesicht ihrer Mutter niemals Wangenknochen entdeckt hatte. Dieses Gesicht, diese Schminke hatte sie nie berühren dürfen.

Monika fragte sich unvermittelt, ob ihre eigene Abneigung gegen Make-up darin begründet sein könnte.

Das musste reichen. Sie war völlig erschöpft.

Außerdem brauchte sie unbedingt jemanden zum Reden. Sie schaffte es nicht, ihre Gedanken ganz allein zu ordnen, und es gab nur einen, an den sie sich wenden konnte: Mikael, ihren besten Freund. Er war zwar gerade erst mit Patrik zusammengezogen, aber sie würde eben sehen müssen, wie sich ihr Verhältnis nach dieser Veränderung entwickelte. Sie war den beiden aus dem Weg gegangen, um nicht zu stören, was ihr mit einem Mal reichlich töricht vorkam.

Sie rief an. Mikael war am Apparat und schien sich zu freuen.

»Wie schön, dass du anrufst – hier ist es ein bisschen chaotisch, aber damit kannst du sicher leben. Klasse!«

3

Auf dem Weg zum Jaktvarvsplan kam sie am Revier vorbei. Der gewaltige Gebäudekomplex lag vor ihr wie die ehelichen Besitztümer nach einer Scheidung – verlassen, aber verkrampft durch so übersteigerte unrealistische Hoffnungen, durch so viel falsch investierte Zeit, dass Monika sich abwenden musste. Zwischen ihr und der Wache gab es keine Verbindung mehr. Eilig ging sie weiter, während sie überrascht feststellte, dass sie sich schämte, wie ein hinterhältiger Liebhaber oder eine treulose Ehefrau.

Als sie den Jaktvarvsplan erreichte, bemerkte sie, dass ihre Schultern sich senkten. Sie hatte das Gefühl, einen Ort zu betreten, an dem die Kräfte der Ruhe wohnten. Die Kastanie mitten auf dem Platz erschien ihr heilig und kraftvoll, ein Baum, der in einer anderen Kultur mit Opfergaben behängt worden wäre, mit Öl oder Butter einbalsamiert, bis die Rinde glänzte. Die letzten Reste der winterlichen Eishügel umgaben die kleine Rasenfläche um den Baum. Es knirschte unter ihren Füßen, als sie sie überquerte, ehe sie sich wie gewohnt mit dem Rücken an den Baum lehnte und zu Mikaels Haus hinaufsah. Zu Mikaels und Patriks Haus. Die beiden hatten die magische Schwelle zwischen dem Leben als Singles und der Zweisamkeit überschritten. Die magische Schwelle, die immer höher zu werden schien, je mehr Zeit verging.

Das Haus schien geradezu zu strahlen – es war kürzlich in einem freundlichen Hellgelb gestrichen worden, ein typisches Haus aus den dreißiger Jahren, inspiriert vom Bauhausstil und für Monikas Geschmack wunderschön.

Die Haustür bestand aus so viel Glas, wie die damalige Technologie hatte verarbeiten können, hinter der ein klassischer schwarzweiß karierter Steinboden zu sehen war. Monika fand, dass der Eingang Stil hatte, ohne protzig zu wirken, ebenso wie die glänzenden hellgrauen Wände im hellen Treppenhaus. Sie stieg die vier Treppen hoch, langsam und aufmerksam, und freute sich darüber, dass sie ihr verletztes Bein benutzen konnte. Dass ihr bester Freund hier wohnte, war fast, als wohne sie selber hier, und sie fuhr mit den Fingerspitzen über die saubere, glatte Wand, als wolle sie sie begrüßen oder ihre Beziehung wieder aufleben lassen.

Sie klingelte. Mikael machte auf, und alles war genauso wie immer, doch als sie ihn umarmte, fiel ihr auf, dass sich sein Duft oder aber der Geruch der Wohnung verändert hatte. Monika hatte sich schon gefragt, ob er sich wohl eine neue Frisur oder einen Schnurrbart zulegen würde, um diese neue Lebensphase zu markieren. Das hatte er nicht getan. Sein blondes Haar war zur selben Standardpolizeifrisur geschnitten wie immer. Trotzdem sah er verändert aus. Neue Gefühle spiegelten sich auf seinem Gesicht wieder. Sie hatte es immer schon schön gefunden, aber jetzt war es offen und zugänglich, verletzlicher und unendlich anziehend. Es war ein wenig beängstigend.

Auch die Diele sah anders aus. Mikael hielt in seiner Umgebung stets Ordnung, als Gegengewicht, wie er sagte, zu der Unordnung, die sein Berufsleben prägte. Nun stand ein Karton an der Wand, und die Garderobe war hoffnungslos überladen. Der Teppich lag schief.

Mikael verschwand in der Wohnung.

»Setz dich schon mal, wir müssen nur kurz aufräumen«, rief er ihr über die Schulter hinweg zu.

Jetzt war sie also ein Gast, ein echter Gast, jemand, der untätig auf dem Sofa wartet, während die Gastgeber in der Küche beschäftigt sind. Besser, sie gewöhnte sich gleich an diesen neuen Status.

Sie erkannte das Wohnzimmer fast nicht wieder. Über dem Sofa war Mikaels gerahmtes Plakat durch ein riesiges abstraktes Gemälde ersetzt worden, das den gesamten Raum dominierte. Es war geometrisch und auf warme Weise organisch. Monika blieb davor stehen und versank in der bunt gemischten Sammlung von Figuren, zwischen denen das Auge vergeblich nach vertrauten Formen suchte – ein Blatt, nein, kein Blatt. Ein von oben gesehener Käfer? Nein, kein Käfer. Eine Knospe, eine Larve, eine Schneeflocke? – Nein. Hier wurde Leben geschildert, aber ein anderes Leben, eines, das abstrakt und zugleich so konkret war, dass es unvorstellbar erschien, diese Geschöpfe oder Formen nicht auch in der Natur finden zu können.

Monika war fasziniert und überwältigt.

Auch die Farben waren überraschend – hier fand sich Hellblau neben dunkelstem Blutrot, Orange neben Bleigrau. Das Licht kam von nirgendwoher, einige der Figuren schienen von innen her erleuchtet zu sein. Wäre das Bild ein Musikstück, müsste es ein ohrenbetäubendes sein.

Patrik – denn das hier musste Patriks Werk sein – hatte einen neuen Maßstab in das Zimmer eingeführt. Einen Maßstab, der Mikaels Zuhause ansonsten unzulänglich und banal aussehen ließ. Für einen Moment hasste Monika Patrik dafür, ehe ihr klar wurde, dass dies einen Teil seiner Anziehungskraft ausmachen musste.

In diesem Augenblick kamen sie zusammen aus der kleinen Küche, Patrik und Mikael, mit Kaffee, dicht gefolgt von einer hoch gewachsenen, schlanken Frau mit üppiger roter Mähne.

Patrik schien Monika umarmen oder auf die Wange küssen zu wollen, aber offenbar hatte ihre Körpersprache ein falsches Signal gegeben, denn er hielt inne und begnügte sich mit einem Lächeln.

»Hallo. Willkommen im Chaos! Das hier ist Eloïse, meine Schwester. Oder genauer gesagt, Halbschwester, daher der Name. Keine Frau würde ihr eines Kind Patrik und das andere Eloïse taufen. Meine Eltern heiraten beide in regelmäßigen Abständen, deshalb habe ich jede Menge Halbgeschwister, aber Eloïse ist meine Lieblingsschwester, hab ich Recht, Eloïse?«

Eloïse nickte. Ihre blasse, sommersprossige Haut ließ vermuten, dass ihre Haarfarbe echt war. Monikas erster Eindruck war der von aufgestauter Energie. Die Luft um diese Frau wirkte geladen, fast elektrisch, und ihre Bewegungen waren zurückhaltend, als würden gigantische Kräfte entfesselt, sowie sie sich entspannte. Ihr breites Lächeln entblößte die perfekten Zähne, die reiche Menschen als Entschädigung für eine mit Zahnklammern verbrachte Kindheit erhalten.

Mikael setzte sich und sah Patrik an, ehe er sich Monika zuwandte. Seine Züge waren immer noch weich vor Verliebtheit.

»Heute haben wir etwas zu feiern und etwas zu bedauern. Was möchtest du zuerst hören?«

»Die schlechte Nachricht.«

»Wir haben ein Angebot auf eine Wohnung in Kungsklippan abgegeben und gerade erfahren, dass wir sie nicht bekommen. Ja, und damit ist die gute Nachricht ja eigentlich keine Überraschung mehr. Wir wollen zusammenziehen. Nicht nur auf diese provisorische Weise zusammenwohnen, du weißt schon, man hängt seine Bilder an irgendeine Wand, bekommt ein paar eigene Garderobenfächer, stellt seine Zahnbürste ins Glas . . . nein, jetzt wollen wir Ernst machen – wir kaufen zusammen eine Wohnung, richten sie zusammen ein, nehmen zusammen ein Darlehen auf und fangen ganz von vorn an.«

Mikaels Lachen war strahlend und offen, Patriks eher vorsichtig, und Eloïse beobachtete sie alle hinter einem freundlichen kleinen Lächeln, das nichts verriet.

Monika wusste nicht, was sie sagen sollte. Die beiden wollten den Jaktvarvsplan verlassen? Sie wollten diese Wohnung aufgeben, die ihr immer als Juwel unter den Behausungen erschienen war?

Als habe er ihre Gedanken gelesen, breitete Patrik die Arme aus.

»Wir brauchen Platz. Wir brauchen ein Gästezimmer und ein Arbeitszimmer und einen wunderschönes großes Wohnzimmer. Wir brauchen Platz für unsere Bilder.«

Natürlich wirkte das große Bild ein wenig zu groß für den Raum, wie ein Fisch in einem zu kleinen Aquarium.

Monika musterte ihn überrascht. Für ihre Begriffe war die Wohnung groß genug für zwei oder sogar für drei Bewohner. Für die meisten Leute war eine solche Wohnung ein unerfüllbarer Wunschtraum, während sie für Patrik einfach zu eng war.

Eloïse deutete auf die Kaffeetassen.

»Hilf dir doch zu einer Tasse Kaffee.«

Ihre Stimme war leise und doch kraftvoll.

Patrik verdrehte die Augen.

»Eloïse spricht vier Sprachen fast wie eine Einheimische. Aber eben nur fast. Auf Schwedisch sagt man das nämlich nicht so.«

Eloïse nahm die Kritik gelassen zur Kenntnis.

»Monika hat sicher verstanden, was ich sagen wollte.«

Sie plauderten über Wohnungen und Immobilienpreise, und niemand fragte, ob Monika vielleicht etwas auf dem Herzen hatte.

Sie war hergekommen, weil sie mit einem anderen Menschen über Olzén und sein Buch reden musste, überlegte sie. War sie bereit, über sich zu sprechen, darüber, was in ihrem Leben vorgefallen war und noch immer vorfiel, und zwar nicht nur mit Mikael, sondern auch mit Patrik, den sie kaum, und mit Eloïse, die sie überhaupt nicht kannte? Das wäre eine ganz neue Erfahrung. Sie stellte fest, dass sie es satt hatte, ihre Mutter zu verschweigen. Sie wollte den Gesprächen über Mütter nicht mehr ausweichen, wollte keine Energie mehr damit verschwenden, sich Babs vom Leib zu halten.

Außerdem brauchte sie hier keine Schweigepflicht zu beachten, sie riskierte weder die Gefährdung einer Ermittlung noch ein Dienstvergehen.

Wollte sie darüber sprechen? Ja. Traute sie sich? Sie musste es einfach.

»Mir ist etwas Seltsames passiert«, begann sie.

Drei fragende und freundliche Augenpaare richteten sich auf sie.

»Was würdet ihr sagen, wenn ihr eine Fallstudie läst, die von eurer Mutter handelt?«, fragte sie.

Alles schwieg, und Monika zog das Buch aus der Tasche.

»In diesem Buch taucht eine Frau namens Fräulein F. auf, die bei dem Autor in Therapie oder Analyse war. Sie stammt aus genau denselben Familienverhältnissen wie meine Mutter, hat dieselbe komplizierte Schulkarriere hinter sich – nicht viele werden hintereinander von zwei Schulen geworfen, die erste in den USA und die andere in der Schweiz. Und mit fünfunddreißig starb Fräulein F., genau wie meine Mutter. Und damit nicht genug – der Autor behauptet, sie sei ermordet worden.«

Noch immer schwiegen die anderen. Aber Monika konnte sich nicht über die mangelnde Aufmerksamkeit ihres Publikums beklagen, denn allem Anschein nach waren sie damit beschäftigt, die Fakten zu verarbeiten.

»Wie ist deine Mutter gestorben?«, fragte Eloïse schließlich.

»Bei einem Autounfall. Das hab ich jedenfalls immer geglaubt – sie wurde auf einem Zebrastreifen überfahren, und weder der Wagen noch der Fahrer konnte jemals gefunden werden.«

»Streng genommen kann sie also die Frau aus dem Buch sein?«

»Ja.«

Und mit einem Mal erschien Monika diese Möglichkeit gar nicht mehr so abwegig.

Niemand lachte sie aus, niemand schien ihre Reaktion auf Olzéns Text für übertrieben oder makaber zu halten.

»Ich habe zuerst meinen Vater gefragt, aber der weigert sich rigoros, über sie zu sprechen. Immerhin hatte ich den Eindruck, dass er von diesem Buch wusste, was vielleicht bedeuten kann, dass Fräulein F. und Babs ein und dieselbe sind. Ich weiß aber auch, dass eine Therapie teuer ist, und Babs hatte nie Geld, was wiederum dagegen spricht.«

Sie ließ sich im Sessel zurücksinken. Wenigstens er fühlte sich wie immer an, was bei all den neuen Eindrücken eine gewisse Erleichterung darstellte.

»Ich weiß einfach nicht, wie ich mit dieser ganzen Sache umgehen soll.«

Mikael, der als Einziger wusste, welches Chaos Babs hinterlassen hatte, sagte nachdrücklich: »Natürlich musst du versuchen, dir Klarheit zu verschaffen. Es wird sowieso Zeit, dass du mit deiner Beziehung zu deiner Mutter ins Reine kommst.«

»Die ist doch tot!«

»Deshalb kannst du trotzdem mit deiner Beziehung zu ihr ins Reine kommen.«

Monika lächelte. Inzwischen fühlte sie sich leichter, leichter und erleichtert.

»Ich habe den Autor angerufen, weil aus Niels nichts herauszuholen war. Wir sind morgen verabredet, dann werde ich wohl erfahren, ob er Babs behandelt hat und warum er ihren Tod für ein Verbrechen hält.«

Eloïse schüttelte den Kopf.

»Wenn er deine Mutter behandelt hat, wird er wohl kaum darüber reden.«

»Sie meint, dass er nicht über eine Patientin sprechen wird, oder was, Eloïse?«, übersetzte Patrik

Eloïse sah beleidigt aus.

»Das hab ich doch gerade gesagt.«

»Nein, aber das hast du gemeint.«

»Warum glaubst du, dass er nichts sagt? Er hat doch über sie geschrieben, falls sie es ist«, meinte Monika.

»Das ist immer schwer. Ich habe einmal versucht, mir meine eigene Krankenakte zu besorgen. Es gab einen Wahnsinnsaufstand, aber bekommen habe ich sie trotzdem nicht.«

»Ich muss mich eben bemühen. Sicherheitshalber habe ich mich als Journalistin ausgegeben . . .«

Monika erzählte von Olzéns Geheimnummer und von der abweisenden Frau bei der Analytiker-Vereinigung.

Patrik musterte sie beifällig.

»Das war nicht dumm. Aber wenn er sich weigert, muss es doch noch andere Leute geben, die du fragen kannst. Hatte sie keine Freundinnen, die du aufsuchen könntest?«

»Nicht dass ich wüsste. Ich kann mich aber noch erinnern, dass sie im letzten Jahr in einer Anwaltskanzlei gearbeitet hat. Im Strandvägen. Der Name hatte irgendwas mit Stein zu tun . . . Granit, nein, ich glaube, Granat.«

Eloïse erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung und schaltete den neuen Computer ein, den Monika bisher noch nicht bemerkt hatte.

»Die haben doch sicher eine Homepage.«

Patrik schüttelte den Kopf und schaute Monika kläglich an.

»Ich muss wohl noch einmal für sie um Entschuldigung bitten. Eloïse hat noch nie begriffen, warum man auf den Startschuss warten sollte.«

»Hier ist sie! Strandvägen 5 A. Anwaltskanzlei Granat & Hamid.«

Die drei traten hinter Eloïse und starrten auf den flachen, großen Bildschirm, auf dem die elegante, nüchterne und Vertrauen einflößende Fassade zu sehen war, die Granat & Hamid der Welt zukehrte. Ein menschliches Gesicht war nirgendwo zu erkennen, stattdessen bildete der üppig dekorierte Eingang zum Strandvägen 5 A den Hintergrund der geschickt aufgebauten Startseite. Die Firma per Internet zu besuchen sollte offenbar so sein wie ein realer Besuch. Vermutlich kostete diese Adresse ein Vermögen, was bedeutete, dass man sie bis zum Äußersten ausnutzen musste.

Eloïse klickte zu »Mitarbeiter« weiter.

»Wann ist deine Mutter noch mal gestorben?«

»1978.«

Eloïse klickte zurück und ging zur Firmengeschichte über.

»Das hier ist schon besser. Die Firma wurde 1976 von Erik Granat gegründet, geboren 1930. 1989 wurde Anwalt Émile Hamid, Jahrgang 1954, Teilhaber.«

Ein altes Foto aus dem Jahr 1976 zeigte einen lächelnden Erik Granat – einen eleganten Mann von sechsundvierzig mit rundem Kopf und dünnen, rötlichen Haaren. Neben ihm stand Émile Hamid, zweiundzwanzig, wie Monika rasch überschlug. Er war einen Kopf größer als Erik Granat, gut gewachsen und perfekt gekleidet, mit einem übermütigen Lächeln, als habe er bei der Verteilung der irdischen Güter immer in erster Reihe gestanden und beabsichtige nicht, dafür um Entschuldigung zu bitten.

Monika betrachtete Émile genauer. Ein schöner Mann, mit einem Gesicht, dessen Linien allesamt sanft geschwungen waren – Augenbrauen, Nase, Wangen, Lippen, der Fall der dunklen Haare.

Mikael horchte auf, als der Name Émile Hamid fiel.

»Émile Hamid? Die alte Tunte?«

»Davon steht nichts auf der Homepage. Kennst du ihn?«

»Er ist schon seit den Siebzigern Stammgast in sämtlichen Schwulentreffs. Ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt.«

»Weißt du etwas über ihn?«

»Er hat Geld wie Heu.«

»Sonst noch was?«

»Charmant, wenn er will, ansonsten ziemlich anstrengend, was meistens der Fall ist.«

»Woher kommt er?«

»Ursprünglich aus dem Libanon, glaube ich. Angeblich aus reichem Haus. Vielleicht ein schwarzes Schaf, das weit weg geschickt worden ist, um nicht noch mehr Schaden anzurichten.«

Monika und Eloïse bemerkten Patriks flüchtigen Blick, der fragte, woher Mikael so genau über Émile Bescheid wusste, ob er einer von Émiles jungen Gespielen gewesen sein könnte. Monika versuchte in Patriks Gesicht zu lesen – wenn er auf Mikaels Vergangenheit eifersüchtig war, hatte er weiß Gott ein abendfüllendes Programm vor sich.

Eloïse hatte sich inzwischen weitergeklickt.

»Seht mal! Swedish Ethiopian Childrens Fund. Wird von der Firma Granat & Hamid geleitet, das wusste ich ja gar nicht. Als ich klein war, hatten wir über die ein Patenkind!«

Monika lächelte.

»Wir auch, ein kleines Mädchen. Ich stellte mir immer vor, sie sei meine Schwester.«

Eloïse hatte ein großes Foto des Aufsichtsrates gefunden, eine Vertrauen erweckende Gruppe gut angezogener, älterer Herrschaften. Der Vorsitzende schien ein pensionierter Industriemagnat zu sein, groß, mit silbernen Haaren, den Monika aus zahllosen Berichten in Zeitungen und Fernsehen kannte.

Émile Hamid war für das Unternehmen verantwortlich. Er lächelte herzlich und bot eine Mitgliedschaft per Internet an, für zweihundertfünfzig Kronen pro Monat, am liebsten per Bankeinzug. Dann folgten die üblichen Fotos kleiner schwarzer Kinder und die üblichen Danksagungen an die Paten.

Eloïse druckte Monika die Startseite mit Adresse und Telefonnummer aus.

»Jetzt weißt du immerhin, an wen du dich wenden kannst, wenn dein Psychologe nicht mit der Sprache rausrücken will. Und schreib dir auch meine Nummer auf, ich hab sie auf der Rückseite notiert. Melde dich, wenn ich dir irgendwie helfen kann, das meine ich ernst.«

Eloïse begleitete Monika in die Diele. Als sie sich den Schal um den Kopf wickelte, hob Eloïse in gespielter Verzweiflung die Hände.

»Das geht doch nicht!«

Mit einer leichten Berührung, wie Monika sie noch nie gespürt hatte, legte sie ihr die Hand auf die Schulter. Sie duftete nach einem trockenen, leicht würzigen Parfüm.

»Warte.«

Eloïse nahm Monikas andere Schulter und drehte sie so um, dass sie einander gegenüber standen. Monika erstarrte, unsicher, was hier von ihr erwartet wurde. Hatte sie irgendein subtiles Signal übersehen? Erwartete Eloïse einen Kuss auf die Wange, und könnte sie sie wirklich dazu zwingen? Oder wollte Eloïse sie küssen? Eloïse blickte Monika konzentriert und ernst ins Gesicht, sah ihr in die Augen, forschend und gelassen zugleich. Ihre Augen funkelten golden und grün, und ihre Haut war so blass, dass sie fast durchsichtig wirkte.

Doch Eloïse küsste sie nicht, sondern nahm Monikas Schal und lockerte ihn ein wenig. Der Schal schien sich in den Händen der Schlangenbeschwörerin in eine Schlange zu verwandeln, war erfüllt von deren Vitalität. Schließlich legte Eloïse ihn um Monikas Gesicht, band einen lockeren Knoten und arrangierte die herabhängenden Enden.

»Sieh mal.«

Sie schob Monika vor den Dielenspiegel. Und Monika sah ihr Gesicht weich umrahmt von dem scheinbar in der Flucht gefangenen Schal.

Hinter ihr stand Eloïse, groß und kraftvoll.

»Deine Mutter hat es wohl nicht mehr geschafft, dir beizubringen, wie ein Schal gebunden wird.«

Und damit nahm sie ihn behutsam von Monikas Kopf und reichte ihn ihr.

»Versuch es selber.«

Doch Monika wollte nicht, sondern versuchte, den Schal zusammengeknüllt in ihre Manteltasche zu stopfen, aber Eloïse hinderte sie mit einem freundlichen und aufmunternden Lächeln daran.

»Jetzt mach schon.«

»Ich kann nicht.«

»Irgendwo musst du anfangen. Komm schon.«

Monika brachte die Kraft nicht auf, ihr zu widersprechen. In Eloïses Händen war der Schal fügsam gewesen, während er sich in ihren eigenen steif und unkooperativ anfühlte.

Eloïse wollte sich offensichtlich nicht geschlagen geben.

»Fass ihn ganz locker an, behandel ihn so, wie du selbst behandelt werden möchtest.«

Monika lockerte ihren Griff ein wenig und ließ den Schal in ihren Händen ruhen.

»Großartig. Schon viel besser! Ich höre erst auf, wenn du das automatisch machst, geschmeidig und schön. Denk an Ballett. Denk an Schwan. Denk an Liebkosung.«

Ballett! Graziöse Frauen in weißen, zarten Kleidern. Frauen, die sich anmutig in die wartenden Arme der Männer fallen ließen. Frauen, die hochgehoben wurden, furchtlos und vertrauensvoll.

Wenn das Ballett ein Pol ist, dann bin ich sein Gegenpol, dachte Monika, sprach es aber nicht laut aus. »Denk an Ballett« – da könnte sie auch gleich an Mars oder Pluto denken.

Eloïse legte ihre weißen Hände auf Monikas, lenkte Monikas Hände in weichen, langsamen Bewegungen, und zusammen arrangierten sie den Schal.

Kaum hatte Monika das Haus verlassen, zog sie daran, bis er wie gewohnt um ihren Kopf saß.

Auf dem Heimweg überlegte sie sich, dass die Frage nach Babs als potenzieller Patientin und potenziellem Mordopfer ein neues Gewicht erhalten hatte, da auch Mikael, Patrik und Eloïse es für sinnvoll hielten, sich ein Bild der Ereignisse von damals zu machen. Das war eine Bestätigung, die Monika beruhigte, und als sie nach Hause kam, schlief sie sofort erschöpft ein.

4

Am nächsten Morgen erwachte Monika zum ersten Mal seit langer Zeit mit einem Plan für den kommenden Tag, und ihr wurde bewußt, wie sehr sie eine konkrete Aufgabe vermisst hatte.

Sie musste sich auf die Begegnung mit Olzén vorbereiten. Es könnte doch nicht so schwer sein, herauszufinden, ob Babs seine Patientin gewesen war, und warum er ihren Tod für einen Mord hielt.

Sie konnte sich Babs noch immer nicht bei einem Psychiater vorstellen. Sollte die ewig verschlossene Babs einem Außenstehenden wirklich alles über ihr Leben erzählt haben? Hatte Babs, die nie Geld gehabt hatte, sich plötzlich eine Therapie leisten können? Und wenn sie eine Therapie gemacht hatte, warum hatte sie das nie erwähnt? Sollte Babs, die nie ein Geheimnis hatte bewahren können, das Monika ihr anvertraut hatte, eine so wichtige Tatsache für sich behalten haben?

Allerdings waren Monikas Erinnerungen über zwanzig Jahre alt, und Erinnerungen verändern sich mit der Zeit, wie alles andere. Darüber hinaus waren ihre Erinnerungen an Babs aus der Perspektive einer Zwölfjährigen gesehen, und damit in der Gegenwart vielleicht nicht mehr zuverlässig. Ein niederschmetternder Gedanke.

Halb elf, hatte er vorgeschlagen. In seiner Wohnung im Djurgårdsbrunnsvägen, wo sich nur Botschaften und Museen befanden, soweit Monika wusste.

Jedenfalls war es nicht schwer zu finden – sie nahm den Bus und stieg einige Minuten vor der vereinbarten Zeit bei Djurgårdsbrunn aus.

Monika schaute sich um – hier lag noch immer Schnee. Schmutzige Schneewehen, die inzwischen vor sich hinschmolzen, lagen am Straßenrand, eher braun als weiß. Es war um einige Grad wärmer geworden, und feine Regentropfen fielen vom weißgrauen Himmel.

Trotz der Grautöne war der nahende Frühling nicht zu leugnen: die Singvögel waren schon voll im Einsatz. Ihre Mitteilungen bildeten eine Geräuschkulisse in Hochfrequenz, und ein dumpfes Klopfen verriet, dass auch der Specht schon am Werk war.

Der Kaknästurm ragte wie ein graues Periskop hinter den Bäumen auf und erinnerte sie an das, was vor Weihnachten passiert war – an den Sturz, durch den sie sich ihre Beinverletzung zugezogen hatte, sozusagen als Schlussakkord ihrer Karriere. Der Turm schien sie anzustarren, und sie starrte zurück. Sie musste ihre alten Erinnerungen hinter sich lassen, es musste vorwärts gehen.

Über ihr flatterte etwas auf. Hoch oben im nächsten Baum sprangen zwei Elstern auf den kahlen Zweigen um ein massives, buschiges Elsternnest herum, das gerade von einer großen Krähe, die voller Konzentration am Reisig zerrte, abmontiert wurde. Die Krähe entschied sich für ein Stöckchen, zog daran, doch es saß zu fest. Die Elstern hatten es solide angebracht. Am Ende lies es sich jedoch trotzdem lösen. Die Elstern wagten sich ein wenig näher heran, aber die Krähe brauchte nur eine drohende Bewegung in ihre Richtung zu machen, und schon wichen sie wieder zurück. Ihr Protest klang nicht wirklich überzeugt, und die Krähe, die doppelt so groß war wie die Elstern, hatte es nicht eilig. Irgendwann flog sie mit ihrem billig erworbenen Baumaterial davon, und die Elstern stürzten zu ihrem Nest, um den Schaden zu begutachten.

Offenbar ging es überall gleich zu.

Das Haus des Therapeuten stand auf der anderen Straßenseite und kehrte der Straße eine Längsseite zu. Davor befand sich ein gelber Holzkiosk, in dem Eis, Würstchen und Kaffee verkauft wurden. Er war geschlossen, aber Monika konnte sich vorstellen, wie die Leute im Sommer hier fast bis zu der kleinen Brücke zum südlichen Teil von Djurgården Schlange standen. Die Wohnung im ersten Stock hatte über dem Kiosk einen überdachten Balkon bekommen, der mit Wacholdersträuchern in Krügen dekoriert worden war.

Monika trat zurück, um sich das ganze Haus anzusehen. Drei Stockwerke, sieben Fenster in der Breite. Mit braunen Wänden, gelben Holzverkleidungen und einer dunkelbraunen, von zwei schmalen Pfeilern flankierten Haustür. Die Regenrinnen waren in derselben dunkelbraunen Farbe gestrichen wie die Pfeiler und wurden oben von riesigen glitzernden Eiszapfen gekrönt, während sich das Kupferdach hellgrün vor dem grauen Himmel abhob. »1743« stand auf einer kleinen Wetterfahne.

Monika klingelte und wurde in einen Eingangsbereich mit ungewöhnlichen Proportionen eingelassen – die Wände waren niedrig, dafür war der Raum sehr weitläufig. Mitte des 18. Jahrhunderts war es sicher nicht leicht gewesen, in die Höhe zu bauen, die Breite dagegen hatte keinerlei Problem dargestellt, jedenfalls nicht draußen auf dem Land, wo Djurgårdsbrunn damals gelegen haben musste.

Sie fragte sich, was es für ein Gefühl sein mochte, in einem Haus zu wohnen, das so ganz andere Verhältnisse widerspiegelte, als heutzutage in der Gesellschaft herrschten, ehe sie sich zur Ordnung rief. Sie musste sich auf Olzén konzentrieren.

Er wohnte im ersten Stock. Bei jedem Schritt staunte Monika, dass ihr Fuß die Stufe nicht an der erwarteten Stelle fand. Der Architekt oder Zimmermann hatte beim Bau des Hauses die Höhe der Stufen offenbar ganz nach Lust und Laune festgelegt.

Schließlich stand sie vor der dunkelbraunen Holztür mit Blumenmotiv, bei der es sich möglicherweise um ein sorgsam gepflegtes Originalstück handelte. Die Blumen mochten durchaus aus dem 18. Jahrhundert stammen, doch der Türspion und die beiden blanken Schlösser gehörten eindeutig in die Gegenwart und sahen aus, als wären sie erst vor einer Woche eingebaut worden.

Eine ältere Frau öffnete vorsichtig die Tür und ließ Monika mit einem Anflug von Widerwillen herein. Sie sprach leise, als befände sie sich in einer Kirche.

»Guten Tag. Er sitzt in seinem Arbeitszimmer und wartet schon auf Sie.«

Olzén sah aus wie auf dem Foto hinten im Buch. Allerdings war auf dem Foto nicht zu sehen gewesen, dass er im Rollstuhl saß. Seine langen schlanken Beine waren angewinkelt, als sei der Stuhl ein wenig zu klein oder Olzén eine Spur zu groß.

Er reichte ihr eine knochige Hand und zeigte auf einen Sessel.

»Bitte. Nehmen Sie Platz.«

Der Schreibtisch, hinter dem er saß, war vollkommen leer. Hinter ihm standen in staubfreien Regalen Bücher.

Sein kurzes, sorgfältig geschnittenes Haar, die Bügelfalte der grauen Hose und der symmetrische Schlipsknoten verrieten Monika, dass sie ihn erlebte, wie er war. Dies hier war ein Mann, der seine Umgebung bis hinunter zur kleinsten Büroklammer zähmen und kontrollieren musste.

Er deutete auf die Frau, die die Tür geöffnet hatte.

»Das ist Schwester Marit. Sie hilft mir seit vielen Jahren.«

Marit stellte Tassen, Teller, einen Korb mit frisch gebacken duftenden Rosinenbrötchen auf den Tisch, und von irgendwoher zog Kaffeeduft heran. Marits bewundernde Blicke ließen vermuten, dass nur noch der Weihrauch fehlte.

Olzén ergriff das Wort.

»Wir Analytiker«, sagte er und hob die Hand zu einer albernen, kaiserlichen Geste, »widmen uns der Aufgabe, die menschliche Psyche in all ihren Formen zu erforschen. Keine Perversion, keine Bosheit ist uns fremd.«

Monika wusste nicht so recht, ob das nun eine verheißungsvolle Einleitung war oder nicht. Sie zog eilig einen Notizblock hervor, um zu signalisieren, dass er das Gespräch führte und sie folgte.

Das war offenbar die richtige Strategie. Er lächelte überlegen; Schwester Marit ebenfalls, wenn auch etwas gedämpfter. Ihr Blick wanderte zwischen Olzén und Monika hin und her, als wäre sie eine Regisseurin, die bei einer wichtigen Szene in Großaufnahme jede Änderung in den Gesichtern der Schauspieler registriert.

»Ich habe es als meine Lebensaufgabe angesehen«, fuhr er fort, »weitere kleine Ziegelsteine für die riesige Kathedrale herbeizutragen, die die psychoanalytische Kenntnis errichtet.«

Kathedrale, schrieb Monika. Warum nicht Moschee oder Synagoge?

Er richtete sich auf, schien in seinem Rollstuhl förmlich zu wachsen, schaute in die Ferne.

»Die menschliche Bosheit – sie tritt in so vielen Gestalten auf, sie kann so schwer zu durchschauen sein.«

Monika nickte zustimmend.

»Diese Erfahrung habe ich auch gemacht.« Sie dachte an die vielen Mörder, denen sie so nahe gekommen war. Fast ausnahmslos waren sie stärker als ihre Opfer gewesen. Gleichzeitig jedoch waren die meisten jämmerliche Gestalten gewesen, von denen man sich kaum vorstellen konnte, dass sie über andere Menschen hergefallen waren. Etliche hatten ihr Mitgefühl mit ihren Opfern mit denselben Medikamenten getilgt, die Millionen Eltern zu sich nehmen, um einschlafen zu können.

Olzén schaute sie überrascht an, und ihr ging auf, dass er keine Erwiderung von ihr erwartet hatte. Schwester Marit schaute sie vorwurfsvoll an.

»Das lässt sich ja wohl kaum vergleichen«, sagte Olzén und wollte damit zweifellos sagen, dass keins ihrer Erlebnisse in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung sein konnte. »Ich rede hier von einem tieferen Verständnis.«

Was weißt du denn schon?, schrieb Monika auf ihren Block. Warum sollte mein Verständnis weniger tief gehen? Ich bin sicher mehr Mördern begegnet als du.

»Der analytische Prozess verschafft uns eine einzigartige Möglichkeit zu verstehen, was sich in den dunkelsten, verbotensten Teilen unseres Ich abspielt – unsere sadistischen Triebe, unsere perverse Sexualität.«

Schwester Marit konzentrierte sich nun voll und ganz auf Olzén. Sie saß reglos da und ließ sich von seinen Worten erfüllen. Sie war so nackt, dass Monika sich wie ein Eindringling in ihre Privatsphäre vorkam, als sie sie ansah.

Hingebungsvoll, schrieb sie auf ihren Block. Ihre Lektüre hinterließ jetzt ihre Spuren in ihrer Sprache. Hohepriesterin.

»Man weiß nie, was in einem Menschen vor sich geht. Dieser Mensch weiß es selbst nicht, aber zusammen kann man weiterkommen und ein Verständnis erlangen, durch das man später in seinem Alltag auf nicht-neurotische, freie Weise handeln kann.«

Verständnis, schrieb Monika. Freiheit. Das klingt ja schon mal gut. Selbstbezogen, fügte sie hinzu. Wann wird er mich wohl an diesem Gespräch teilhaben lassen?

»Menschen zu Einsicht führen zu können, ist eine große Freude. Es ist zugleich eine schwere Verantwortung, die ich viele Jahre lang getragen habe. Es ist natürlich auch ein Privileg, dafür bezahlt zu werden, dass man man selbst ist. Ich konnte mich dadurch ernähren, dass ich das Leben anderer im Licht meiner Erkenntnisse gezeigt habe.«

Im Licht zeigen. Licht werfen. Selbstleuchtend sein. Du schweifst ab, Monika. Reiß dich zusammen, schrieb sie.

»Ich hatte bereits mit siebzehn Jahren ein, wie sagt man, Aha-Erlebnis, als ich zum ersten Mal ein Buch von Sigmund Freud gelesen habe. Es war keine leichte Lektüre, ich musste mich dabei wirklich anstrengen, aber was brachte es mir doch für Erkenntnisse!«

Sein Blick wurde milder, als er an seine Jugend dachte, an seine ersten Schritte auf dem Weg, den er danach sein Leben lang beschritten hatte.

Auch Schwester Marits Gesicht war sanfter geworden. Offenbar ließ auch sie sich von dem Bild des großen Mannes als junger Wissenssucher erwärmen.

Olzén schilderte weiter, wie sich sein Bild von sich selbst und seiner Umwelt verändert hatte, nachdem er eine Theorie entwickelt hatte, die er auf seine und auf die Reaktionen anderer anwenden konnte, und Monika wartete auf eine Pause, um das Gespräch in Richtung Babs lenken zu können.

Wie soll ich ihn dazu bringen, dass er aufhört, nur von sich selbst zu reden, schrieb sie. Das kann ja den ganzen Tag so weitergehen.

»Danke! Ich würde eigentlich auch gern über Ihr Buch sprechen, schließlich bin ich vor allem deswegen gekommen«, sagte sie hastig, als er kurz innehielt.

Olzén und Marit starrten sie an, als habe sie mitten in einem gefühlvollen Solo einen Hustenanfall erlitten.

»Sie brauchen diesen Hintergrund, um die Fortsetzung zu verstehen«, warf Olzén vorwurfsvoll ein und fuhr fort, als sei er niemals unterbrochen worden.

Stör mich nicht, wenn ich mein Spiegelbild anlächele, schrieb Monika. Das ist Freiheit, notierte sie dann. Ich kann schreiben, was ich will. Das hier ist kein polizeiliches Verhör.

Aus einer spontanen Laune heraus schaute sie Olzén aufmerksam an und schrieb: Die Wirklichkeit ist das, was bleibt, wenn man nicht mehr daran glaubt. Dieses seltene Zitat war ihr gerade eingefallen, aber sie hatte vergessen, von wem es stammte.

Olzén redete weiter, Monika trank Kaffee, wartete, hörte ein wenig zerstreut zu und notierte ab und zu ein Stichwort. Primitive Verteidigung, projektive Identifikation, Sublimierung, Penisneid, hysterische Phantasien, die narzisstische Verletzung . . . was Olzén ihr hier bot, war eine kurze Führung durch seine theoretischen Paradigmen, und Monika bemühte sich zu spät, nicht den Faden zu verlieren. Vielleicht würde sie all das ja brauchen, um zu verstehen, was er später über Babs sagen würde, falls er tatsächlich über sie geschrieben hatte.

Nein, sie brauchte nichts über unzulängliche Über-Ich-Funktionen zu wissen, um eine Antwort auf ihre beiden einfachen Fragen zu erhalten. Erstens: War Babs damals bei Olzén in Therapie gewesen? Und zweitens: Wenn ja, weshalb behauptete er, sie sei ermordet worden?

Doch es erschien ihr höchst schwierig, sich überhaupt Gehör zu verschaffen.

Nach fast vierzig Minuten fand er offenbar, dass es jetzt genug sei, und blickte Monika an.

»Es dauert ein ganzes Leben, all das wirklich zu verstehen, aber jetzt haben Sie immerhin einen kleinen Einblick gewonnen. Ein Mikrowissen«, fügte er mit einem Lächeln hinzu, das ihr zeigen sollte, dass es sich um einen Scherz handelte und nicht um eine Beleidigung. Doch es war kein überzeugendes Lächeln.

Monika lächelte ebenfalls, wie das brave Mädchen, das sie nicht mehr war, und bedankte sich. Er lächelte abermals. Bitte sehr.

Alter Arsch, schrieb sie.

»Ich fand Ihr Buch überaus interessant«, schmeichelte sie.

»Ja, es ist ja auch die Frucht der Erfahrungen eines langen Lebens. Ich wurde von allen Seiten bedrängt, zu schreiben. Man wollte nicht, dass mein erworbenes Wissen verloren geht.«

Die Erinnerung an die Bitten, seinen intellektuellen Schatz für die Nachwelt zu sichern, ließ ihn erneut lächeln.

Monika nutzte die kleine Pause.

»Ich interessiere mich vor allem für zwei Fälle in Ihrem Buch. Einerseits für den latent homosexuellen Lehrer, der Frauen jagte, und andererseits für die Frau, die ermordet wurde.«

Olzén ließ sich mit halb geschlossenen Augen im Rollstuhl zurücksinken und nickte nachdenklich.

Das Schweigen im Zimmer sprach nicht nur für seine finanziellen Möglichkeiten – dicke Wände und eine ruhige Lage konnten sich schließlich viele kaufen –, es sättigte auch Marits Andacht. Sie saß noch immer reglos da und schenkte Olzén ihre ganze Aufmerksamkeit. In diesem Zimmer befanden sich drei Menschen, aber außer Olzéns Stimme war nichts zu hören. Kein leises Knacken eines Stuhls, kein Rascheln von Stoff, von Schuhsohlen auf dem Boden.

»Ja. Beides interessante Fälle. Leider waren sie nicht in der Lage, großen Nutzen aus dem analytischen Prozess zu ziehen. Streng genommen war es vielleicht falsch von mir, es überhaupt zu versuchen, aber ich wollte den beiden eine Chance geben«, erwiderte er nach einer Weile und lächelte.

»Ich wollte den Menschen immer helfen, selbst den hoffnungslosesten Fällen. Ich hatte immer schon eine Schwäche für Herausforderungen.«

»Und das waren zwei hoffnungslose Fälle?«

Die Falten in seinem schmalen Gesicht änderten ihre Richtung. Die Augenbrauen wanderten hoch, während die Mundwinkel nach unten sanken.

»Ja, leider.«

Marits Gesicht spiegelte seine Miene wider. Sie waren wie Tänzer und Tänzerin, die sämtliche Bewegung verdoppelten.

»Ich fand diese Berichte ungeheuer ergreifend«, stellte Monika nicht ganz unwahrheitsgemäß fest. »Ich konnte sie fast vor mir sehen, obwohl Sie ja nicht viel über ihr Aussehen sagen.« Inzwischen sprach sie ebenfalls leiser, als verlange das die Umgebung.

Olzén lächelte zufrieden.

»Ja, ich habe allerlei positive Reaktionen auf meine Personenschilderungen bekommen.«

»Den Lehrer stelle ich mir mittelblond vor, mit straffer Körperhaltung und einem kleinen Schnurrbart.«

Olzén legte den Kopf schief, während sein Lächeln einem nachsichtigen Grinsen wich.

»Und die Frau als kleine, kurvenreiche Blondine . . .«

»Beides falsch.«

»Was tut man eigentlich als Autor, wenn man über real existierende Menschen schreibt, die nicht erkannt werden dürfen? Ändern Sie zum Beispiel Geschlecht und Beruf? War der Lehrer in Ihrem Buch in Wirklichkeit eine Pilotin, die Männer jagte, weil sie sich mit ihrer lesbischen Veranlagung nicht abfinden konnte?«

Olzén schaute auf. Seine Miene verriet einen Anflug von Unzufriedenheit, als sei Monika zu weit gegangen.

»Durchaus nicht. Er war natürlich Lehrer, und wenn Sie den psychodynamischen Hintergrund verstanden hätten, den ich im Buch detailliert erkläre, wüssten Sie auch, dass es keine Frau sein kann.«

»Ich dachte nur, dass dies eine Methode sein könnte, um die Identität Ihrer Personen zu schützen. Die ermordete Frau war also wirklich eine Frau, und sie stammte aus den von Ihnen beschriebenen Familienverhältnissen?«

»Natürlich. Aber die Initialen sind natürlich ausgedacht, und ich gebe kein Geburtsjahr oder solche Details an«, antwortete er kurz angebunden. Er schien sich mit einem Mal unbehaglich zu fühlen.

»Diese beiden Fälle habe ich eigentlich nur aufgenommen, um zu zeigen, wie schwer es sogar ein erfahrener Kliniker wie ich haben kann. Ab und zu . . .« Jetzt hatte er sich auf sein altes Niveau zurückgezogen und entspannte sich sichtlich. ». . . ab und zu, wenn man über die Fälle von Kollegen liest, bekommt man den Eindruck, dass die Arbeit so einfach war, so selbstverständlich, dass die Deutungen so leicht zu finden waren, dass sich die Erkenntnisse mühelos einstellten. Ich will verdeutlichen, wie selbst der beste Analytiker auf Patienten stoßen kann, denen nicht geholfen werden kann. Patienten, deren Widerstand zu groß oder deren Hass so riesengroß ist, dass er sich nicht in einen Verbündeten umwandeln lässt.«

»Und bei diesen beiden war das der Fall?«

»Bei Homosexualität geht es doch wie bei anderen Perversionen darum, dass sich die Libido, die sexuelle Energie, auf das falsche Objekt richtet, in diesem Fall auf andere Männer.« Jetzt war sein Tonfall wichtigtuerisch, dozierend. Er war die Autorität, die die Wahrheit verkündete. »Die Relation zwischen Perversion und Neurose ist überaus kompliziert. Ich habe übrigens in einer unserer Fachzeitschriften darüber geschrieben. Es ist eine überaus geschätzte Darstellung der Entwicklung der Partialtriebe.«

Monika stellte sich vor, wie Mikael und Patrik lachen würden, wenn sie das hier hörten. Der Opa ist noch antiker als sein Haus, schrieb sie. Das Kratzen des Kugelschreibers hallte in der Stille wider.

»Und was war mit der Frau?«, fragte sie schließlich.

»Sie war höchst immatur, also eine unreife und bereits in jungen Jahren gestörte Person.«

Monika rang mit der Flut an Information, die auf sie einströmte.

»Sie hatte eine prominente Mutter, die für die Vereinten Nationen arbeitete, und war von mehreren Schulen geflogen?«

Olzén nickte.

»Allerdings. Das ist so in der Forschung. Jedes Detail muss korrekt sein, sonst ist alles falsch. Ihr Journalisten könnt es euch etwas einfacher machen, hier ein wenig hinzufügen, dort ein wenig wegnehmen. Die Leute lesen, die Leute vergessen. Wir Autoren müssen da schon vorsichtiger sein. Alle Details in meinem Buch sind korrekt, hundertprozentig. Das bin ich meinen Lesern und meinem Thema schuldig.«

Monika versuchte ihre Reaktion zu verbergen, indem sie ihren Notizblock anstarrte.

Dann muss es Babs gewesen sein, schrieb sie.

Sie bemühte sich um eine ausdruckslose Miene, doch Olzén, der sein Leben den Gefühlen anderer Menschen gewidmet hatte, ließ sich nicht in die Irre führen. Er schaute sie zum ersten Mal aufmerksam an.

»Warum wollen Sie das wissen?«

Monika versuchte ihn durch ihre nächste Frage abzulenken.

»Wie wurde sie ermordet?«

Aber sie hatte ihre Distanz verloren, sprach mit ihrem Herzen. Und deshalb stand sie auf verlorenem Posten.

»Mit Gegenfragen kommen Sie bei mir nicht weiter. Worum geht es hier eigentlich?«, wollte Olzén argwöhnisch wissen.

Angesichts seines kalten Blicks, seines überaus ordentlichen Zimmers und seiner Hohepriesterin und Pflegerin beschloss Monika, die Wahrheit zu sagen.

»Meine Großmutter, die ich leider nie wirklich kennen lernen durfte, war Juristin und arbeitete bei den Vereinten Nationen. Meine Mutter besuchte zunächst eine Schule in New York, wurde dann jedoch auf eine Klosterschule in der Schweiz geschickt, von der man sie verwiesen hat. Am Ende war sie auf einem Internat in Schweden. Sie hieß Barbara Ellen, und als ich die Fallbeschreibung der Patientin las, die Sie Fräulein F. nennen, dachte ich, dass es wohl kaum ein Zufall sein kann, dass so viele Details stimmen. Ich glaube, Sie haben meine Mutter behandelt, und in Ihrem Buch behaupten Sie, sie sei ermordet worden. Ich muss wissen, warum Sie das glauben.«

Olzén erstarrte. Er saß unbeweglich da, als wäre dies ein Garant, dass er nicht unüberlegt handelte, ehe er sich langsam Monika zuwandte.

»Sie haben sich unter falschen Prämissen bei mir eingeschlichen. Allein deshalb könnte ich Sie schon anzeigen. Und jetzt gehen Sie, und zwar sofort!«, schrie er

Monika war überzeugt davon, dass sie in seinem Gesicht nicht nur Zorn, sondern auch Angst lesen konnte. Und Marits Gesicht verriet nicht nur Überraschung, sondern auch eine stärkere Empfindung, die beinahe an Hass grenzte.

»Aber ich . . .«

»Raus hier! Und zwar sofort!«

Sie musste ihre Tasche und ihren Block nehmen und in die Diele fliehen. Sie konnte nicht einmal ihren Mantel anziehen, bevor sie im Treppenhaus stand und die Tür hinter ihr zufiel – nicht wie erwartet mit einem Knall, sondern mit einem gut geölten kleinen Klicken.

Langsam ging sie die Treppe hinunter und hörte, wie hinter ihr die Schlüssel im Schloss umgedreht wurden.

Sie schlich sich wieder nach oben, legte das Ohr an die Tür und lauschte.

»Wie in aller Welt bist du überhaupt auf die Idee gekommen, sie hereinzulassen?«, hörte sie Marits erregte und wütende Stimme.

Er antwortete mit leiser Stimme, aber Monika konnte kein einzelnes Wort verstehen.

Dann wurde es plötzlich still. Die beiden waren offenbar in ein anderes Zimmer gegangen.

Monika dachte nach. Das hier war nicht sonderlich gut gelaufen. Aller Wahrscheinlichkeit war Babs tatsächlich bei Olzén in Behandlung gewesen, aber ganz sicher konnte sie noch immer nicht sein. Olzéns Reaktion konnte auch bedeuten, dass er nicht über Babs sprechen wollte, oder dass er es nicht ertrug, in seiner so behüteten Wohnung die Kontrolle verloren zu haben. Und über den angeblichen Mord, ihre dritte Frage, wusste sie noch immer nichts. Aus Olzén würde sie jedenfalls nichts mehr herausbekommen.

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