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Artur Hermann Landsberger
Die Reichen

Burlesker Roman

Saga

I.

Adolf Freiherr v. Rosen-Geldberg und Frau Adele, seine Gemahlin, saßen auf der Veranda beim Tee. Ihr Haus war eins der bestgeführten Berlins. Berühmt war die Küche, der zwei Chefs vorstanden. Eine Seltenheit in der Nachkriegszeit für einen Hausstand, der außer dem Personal nur aus zwei Personen bestand.

Frau Adele, bildhübsch, mit einem Teint, der Schminke und Puder verschmähte, hielt in ihren Händen einen Brief sonderbaren Formats.

Adolf, gut angezogen und gepflegt, hatte eine illustrierte Zeitschrift vor sich.

„Gräßlich!“ sagte Adele.

„Was ist?“ fragte Adolf — ohne von seinem Blatt aufzusehen.

„Ich hatte Gerda gebeten, mir für Biarritz von Paris aus ein paar Winke zu geben. Aber sie schreibt, weder bei Paquin, Patou noch Jean sähe man etwas, was man nicht genau so gut — wenn auch billiger — bei den großen Schneidern in Berlin fände.“

„Paris bleibt Paris“, erwiderte Adolf.

„Das war einmal. — Gerda rät zu einem Beigerose-Complet aus feinem Zibelinetuch mit breitem Pelzkragen, der vorn bis in die Taille läuft, schmalem Gürtel und einem üppigen Besatz aus schwarzem Gaillac.“

„Was ist das?“

„Beschämen Sie meinen Mann!“ erwiderte Adele und wandte sich an ihre Zofe, die eben eintrat, um der Baronin ihr Spitzentuch zu reichen.

„Aber das weiß doch der Herr Baron“, erwiderte die Zofe und schien für ihn beschämt — „daß Gaillac chinesischer dünner Breitschwanz ist. — Wenn das das Neueste sein soll, Frau Baronin, hinkt Paris aber wieder einmal nach.“

„Woher wissen Sie denn das?“ fragte Adolf ärgerlich.

„Eine Zofe, die nicht weiß, was in der Mode vorgeht, ist heute so hilflos wie ein Chauffeur, der keine Sprachen spricht. — Aber wenn ich der Frau Baronin raten darf ...“

„Was fällt Ihnen ein?“ unterbrach sie Adolf. Aber Adele winkte ab und sagte:

„Laß sie nur“ — wandte sich an die Zofe und fragte: „Also, was wollten Sie sagen?“

„Daß die gnädige Frau sich für Biarritz weiße Atlaskleider und einen weißen Mantel mit dickem Damassé machen lassen sollte.“

„Vielleicht verlegt ihr das auf eine andere Zeit“, erwiderte Adolf — worauf die Zofe pikiert das Zimmer verließ und Frau Adele zu ihrem Mann sagte:

„Von morgen ab trinke deinen Tee bitte woanders.“

Adolf stand auf, ergriff Frau Adeles Hand, küßte sie und sagte:

„Verzeih! — Aber ich möchte nicht, daß wir uns auseinanderleben wie mein Bruder Richard und seine Frau.“

„Haben die je zusammengelebt?“

„Wir wollen lieber versuchen, uns die Ehe meines Bruders Ernst zum Vorbild zu nehmen.“

„Was hast du mit einemmal mit deinen Brüdern? Soviel sprichst du ja sonst in einem Jahr nicht von deiner Familie.“

„Ich lese hier eben im ‚Querschnitt‘ zum zehnten Male ...“

„Was liest du? Hat Resi wieder mal ihre Frühlingswehen zu Papier gebracht? Um die Jahreszeit pflegt sie ja immer Artikel zu schreiben.“

„Hier steht: Am 20. Juli feiert der Freiherr Benno Leo v. Rosen-Geldberg in Frankfurt a. M. in völliger geistiger und körperlicher Frische seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag.“

„Dein Papa?“

Adolf las weiter: „Er hat seine Jugend mit so viel Grazie und Esprit verlebt, daß wir uns auf die Arabesken seiner Vieillesse verte freuen.“

„Stimmt es denn?“

„Daß Papa am 20. Juli geboren ist, weiß ich — daß er aber schon so alt — ja, wie lange ist es denn her, daß er seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert hat?“

„Vermutlich fünf Jahre.“

„Dann kann es stimmen.“

„Sorge vor allem dafür, daß dein Bruder Ernst seine Frau schonend darauf vorbereitet.“

„Es ist doch kein Todesfall.“

„Wenn es das wäre!“

„Ich verstehe dich nicht.“

„Du verstehst doch nie. — Aber das siehst du wohl ein: wenn dein Vater fünfundsiebzig Jahre alt wird, dann werden seine drei Söhne mit ihren Frauen ja wohl nach Frankfurt fahren und ihm gratulieren müssen.“

„Meinst du?“ sagte Adolf — und fragte zaghaft: „Willst du es nicht Ernst und Elisabeth sagen?“

„Aha!“

„Ich tue es genau so gern.“

Aber Frau Adele war schon am Apparat und ließ sich mit der Baronin Elisabeth v. Rosen-Geldberg, geborenen Komteß Königsmarck, verbinden.

„Du?“ fragte Elisabeth erstaunt.

„Ja. — Wie geht es dir?“

„Ich bin rasend beschäftigt.“

Jetzt war das Erstaunen auf Frau Adeles Seite.

„Du — beschäftigt? — ja, womit?“

„Ich lese.“

„Du liest? — Seit wann?“

„Schon seit einer Stunde! — Mein Bruder hat mir da ein Buch aus London mitgebracht — denke dir über zweitausend Seiten stark.“

„Entsetzlich! Das ist ja noch schlimmer als ‚Der Fall Mauritius‘.“

„Kenn’ ich nicht.“

„Wie heißt es denn?“

„Debrett’s Peerage.“

„Ach, das Adelshandbuch! Der englische Gotha!“

„Ja — ich bin begeistert.“

„Bist du vielen Bekannten begegnet?“

„Denk dir! Schon elf — dabei bin ich erst auf Seite dreihundertachtzehn.“

„Es tut mir leid, Elisabeth, aber du wirst die Lektüre wohl unterbrechen müssen.“

„Ist jemand gestorben?“

„Im Gegenteil!“

„Du hast ein Kind? — Adele! Von wem? — Was sagt dein Mann dazu? — Daher sahst du in letzter Zeit so — üppig aus — besonders an den Hüften.“

„Wenn ich auch nicht so schlank bin wie du — ein Kind bekomme ich darum noch lange nicht.“

„Etwa Resi? — Der gönn’ ich’s. — Es gilt in Paris ja wieder für schick, Kinder zu haben.“

„So sag ihr doch endlich, um was es sich handelt“, drängte Adolf — und Adele rief in den Apparat:

„Papa wird fünfundsiebzig Jahre alt.“

„Was für ’n Papa?“

„Unser!“

„Eurer?“

„Der unserer Männer. Dein und mein und Resis Schwiegervater.“

„In Frankfurt der?“

„Ich wüßte nicht, wo wir sonst noch einen hätten.“

„Der jüdische alte Herr? — Ja, da wird man etwas schenken und telegraphieren müssen.“

„Man wird mehr tun müssen.“

„Doch nicht etwa ...?“

„Allerdings! Wir müssen nach Frankfurt — alle sechs.“

„Ich nicht.“

„Willst du als einzige dich ausschließen?“

„Ernst hat mir, als wir uns heirateten, versprechen müssen ...“

„... daß du außer mit seinen beiden Brüdern mit seiner Verwandtschaft nicht zu verkehren brauchst.“

„Nun also.“

„Einen Schwiegervater, der fünfundsiebzig wird, umgeht man trotzdem nicht — wenn man klug ist.“

„Hm — du hast recht. — Aber ich kenne den Ritus nicht.“

„Was für einen Ritus?“

„Ich war noch nie in einer Synagoge.“

„Seit wann feiert man Geburtstage in der Kirche?“

„Wenn du mir garantierst, daß wir uns drüben nicht öffentlich zu zeigen oder gar in einer jüdischen Prozession mitzuwirken brauchen, so bringe ich meinem Mann das Opfer.“

„Ich garantiere dir, daß das Ganze mit einer Familienfeier im engsten Kreise abgemacht ist.“

„Und man kann im Hotel wohnen?“

„Das würde der Alte wohl übelnehmen.“

„Vielleicht braucht man gar nicht zu übernachten.“

„Das wird man herausfühlen, wenn man drüben ist.“

„Also gut, wir kommen. — Aber was zieht man bei solcher Gelegenheit an?“

„Ruf bei Resi an, die wird es dir sagen.“

„Und sonstige Vorbereitungen sind nicht nötig?“

„Das englische Adelsbuch brauchst du für den Besuch jedenfalls nicht auswendig zu lernen.“

Elisabeth hing den Hörer an und schlug wütend Debrett’s Peerage zu. Zu ihrem Mann, der eben ins Zimmer trat, sagte sie:

„Ernst, ich möchte den Talmud lesen.“

Ernst Baron v. Rosen-Geldberg glaubte, ihn treffe der Schlag. Er trat an seine Frau, der man auf den ersten Blick die Aristokratin ansah, heran und fragte ängstlich:

„Was fehlt dir, Elisabeth?“

„Ich will mich vorbereiten.“

„Worauf?“

„Auf Frankfurt. — Dein Vater hat Geburtstag.“

„Den hat er jedes Jahr — und es ist dir bisher noch niemals eingefallen ...“

„Er wird fünfundsiebzig.“

„Ach herrje!“

„Da gehört es sich, daß seine drei Söhne mit ihren Frauen zu ihm fahren.“

Ernst, groß und schlank wie seine Frau und ohne den leisen orientalischen Einschlag seiner Brüder — doch wie diese die gute Herkunft verratend — Ernst Baron v. Rosen-Geldberg wußte noch immer nicht, ob es seiner Frau Ernst war mit dem, was sie sagte.

„Ich habe schon mit Adele telephoniert“, fuhr Elisabeth fort — „und werde mich jetzt mit Resi in Verbindung setzen.“

„Du willst wirklich ...?“

Die Verbindung war schon hergestellt. Als Resi v. Rosen-Geldberg sich meldete, sagte Elisabeth:

„Tag, Resi! Ich staune. Mal nicht in Paris?“

„Leider. Aber ich fahre morgen.“

„Über Frankfurt — wenn ich bitten darf.“

„Wieso?“

„Weil dein und mein Schwiegervater fünfundsiebzigsten Geburtstag hat.“

„Und da soll ich dich vertreten? — Ich denke nicht dran. Ich hasse Frankfurt.“

„Es handelt sich nicht um eine Vergnügungsreise. Es ist unsere Pflicht unseren Männern gegenüber ...“

„Ich entbinde meinen Mann von jeder Art Verpflichtung gegenüber meiner Mutter zu deren fünfundsiebzigstem Geburtstag.“

„Deine Mutter ist eben fünfzig und leberleidend.“

„Ihre Ärzte erhalten sie sich bis fünfundachtzig — verlaß dich drauf.“

„Ich wünsche es dir.“

„Das kann ich mir denken. — Aber du irrst! Ich liebe meine Mutter.“

„Ich habe es nicht bezweifelt.“

„Da fällt mir ein — das einzige, was ich von dem Alten in Frankfurt weiß, ist, daß er seit über fünfzig Jahren kostbare Gläser sammelt. Ich habe im Frühjahr in Venedig auf dem Biennale ein altes venezianisches Glas gekauft — ich sage dir — das wird dem Alten mehr Freude machen als meine Gegenwart.“

„Ich will dich nicht kränken, Resi, aber soviel ich weiß, sind deine Eltern doch früher einmal Israeliten gewesen.“

„Juden waren sie — das sieht man mir doch an — bis sie eines Tages katholisch wurden — das galt damals für schick — und der päpstliche Adel war leichter zu erreichen als der preußische.“

„Du solltest den Talmud lesen — besonders, was darin über das jüdische Familienleben steht.“

„Elisabeth! Bist du das wirklich?“

„Ich für meine Person nehme jedenfalls Rücksicht auf die Gefühle Andersgläubiger und fahre nach Frankfurt — Adele übrigens auch.“

„Dann schließe ich mich natürlich nicht aus.“

„Ich werde die Schlafwagen für morgen abend bestellen.“

„Wollen wir denn nicht in unseren Autos reisen?“

„Wie ich unseren Schwiegervater nach den Erzählungen meines Mannes einschätze, ist’s ihm lieber, wenn wir mit der Bahn fahren.“

„Du bist ja plötzlich von einer Liebe und Rücksichtnahme, die ich gar nicht an dir kenne.“

„Einmal in fünfundsiebzig Jahren kann man das ja wohl sein.“

„Gewiß! Aber bedenke, daß wir das dann in jedem Jahre wiederholen müssen.“

„Davon ist keine Rede. Sollte er aber achtzig werden, so rufe ich wieder bei dir an. Bis dahin auf Wiedersehen!“

Resi v. Rosen-Geldberg, eine kleine, nicht hübsche, aber pikante Frau mit intelligentem Gesicht, saß nach diesem Gespräch etwas ratlos vor dem Apparat. Von dieser Seite kannte sie ihre sonst so stolze Schwägerin nicht — kannte sie sie überhaupt? — Kannte sie ihre Schwägerin Adele, ihre Schwäger — ja, kannte sie ihren eigenen Mann?

„Lächerlich!“ sagte sie laut und machte mit der Hand eine Bewegung, als wenn sie unangenehme Gedanken verdrängen wollte. Weil der Herr Papa dieser drei Söhne, an denen wahrhaftig nichts zu kennen war, fünfundsiebzig wurde, lief sie Gefahr, sentimental zu werden.

Vom Talmud, vom jüdischen Familiensinn hatte die gräßliche Schwägerin gesprochen. Wo hatte sie das her? — Was bezweckte sie damit? War es Hohn oder flößte auch ihr der Fünfundsiebzigjährige plötzlich Gefühl und Achtung ein?

So nahe dem Tode! — Der Gedanke kam ihr, und der mochte es auch sein, der auf Elisabeth und auf Adele wirkte. Jedenfalls waren die Empfindungen, mit denen sie die Reise nach Frankfurt vorbereiteten, andere, als wenn sie zum Zeitvertreib — und welchen anderen Sinn hatte ihr Leben bisher, als sich möglichst angenehm die Zeit zu vertreiben? — nach Paris, London, Brioni, Cannes oder San Sebastian fuhren.

Ein neues Gefühl schwang mit, teils Scheu vor dem Unbekannten, teils die Folge einer Leere, die — so grotesk es klingt — ihr Leben bisher ausgefüllt hatte, sie nun aber für eine Zeit fürchten ließ, in der sie nach einem Inhalt suchen würden. So regte der Greis in Frankfurt Gedanken an und rief Gefühle wach, die ihnen, wäre er gestorben, und hätte ihre Reise seiner Beisetzung gegolten, nie gekommen wären.

Um so gleichgültiger und unbeschwerter traten die drei Brüder die Reise zu ihrem Vater an.

II.

Am Vorabend seines fünfundsiebzigsten Geburtstages saß Freiherr Leo Max v. Rosen-Geldberg im Herrenzimmer seiner Frankfurter Villa. Er hatte einen schweren Tag hinter sich. Vom frühen Morgen an waren alle möglichen Deputationen bei ihm erschienen, um — wie es immer wieder hieß — „dem großen Wohltäter, dessen Herz den Armen gehörte“, zu danken.

Tausende waren es, die die Güte dieses Mannes zu spüren bekamen. Außer den Armen der Stadt, in Verbänden und Vereinen zusammengeschlossen, unzählige Familien, für die er sorgte, ohne daß es nach außen in die Erscheinung trat. Die Villa glich einem Blumenhain. Riesenkörbe mit kostbaren Blumen standen neben armseligen Töpfen und bescheidenen Sträußen.

Der Alte hatte die Reden der Deputierten über sich ergehen lassen wie etwas, was nicht abzuwenden war. Er antwortete meist nur mit einem Händedruck. Ein einziges Mal, als ein armes Kind aus der Menge der Gratulanten ohne jede Scheu heraustrat, einen armseligen Tulpentopf überreichte und sagte:

„Mutti liegt zu Bett und läßt grüßen — der Topf braucht viel Wasser — er blüht schon das dritte Jahr bei uns“, traten dem Alten Tränen in die Augen. Er beugte sich zu dem Kinde herab, küßte es und sagte:

„Wenn mein Leben reich und gesegnet war, dann danke ich es dir und deiner Mutter und allen, denen ich helfen durfte.“

Als er dann am Abend an seinem Schreibtisch saß, sagte er zu Jacob, seinem Diener, der ihn weit über ein Menschenalter betreute:

„Das war ein schöner Tag.“

„Gewiß, Herr Baron“, erwiderte der und legte dem Alten einen Plaid über die Beine. „Aber wieso haben die alle heute schon gratuliert? Der Herr Baron haben doch erst morgen Geburtstag.“

„Der Tag morgen gehört meiner Familie.“

Der Diener, der noch auf der Erde kniete und eben die Füße des alten Herrn in die Decke wickelte, sah verdutzt auf und fragte:

„Die Herren Söhne — kommen aus Berlin?“

„Aber nein! Die Jungens haben zu tun. Und ich will auch nicht, daß sie meinetwegen eine so weite Reise machen. — Aber“ — und er wies auf eine schwere, alte Schatulle, die er nicht ohne Mühe aus dem Schreibtischfach genommen hatte — „hier bewahre ich mein Leben auf! — Und nun räumen Sie mal den Tisch ab — und dann wollen wir alles vorbereiten.“

„Wie im vorigen Jahr“, sagte der Diener.

„Sehen Sie, Jacob, Sie haben ein gutes Gedächtnis — genau wie im vorigen Jahr. Dieselben alten silbernen Leuchter — die schon die Großeltern gebrannt haben — und dann die Photographien.“

„Die der seligen Frau Baronin steht schon da.“

„Das genügt nicht! Da war sie eine alte Frau. Ein Jahr, bevor sie Gott zu sich nahm. — Nein, Jacob, da drüben die Bilder — als Braut — und als junge Mutter — und dann der strenge Herr Papa, der Hofbankier — und die gute, alte Mutter vor allem — alle müssen sie um mich sein, wenn ich die Jugend noch einmal durchlebe.“

Er öffnete, während Jacob die Bilder holte, die Schatulle und entnahm ihr ein Dutzend Päckchen mit Briefen, die mit seidenen Bändern zusammengehalten waren. Zärtlich fuhr er über jedes Päckchen mit der Hand und legte es dann vor sich auf den Tisch.

Jacob brachte die schweren alten Leuchter und sammelte die Bilder, die in verschiedenen Zimmern standen. Als er die Kerzen an den Leuchtern anzünden wollte, wehrte der Alte ab und sagte:

„Nein, das mache ich. — Die müssen die ganze Nacht brennen — bis morgen abend. — So, und nun, Jacob, gehen Sie — oder nein, den Topf mit den Tulpen, den das kleine Mädchen brachte, den stellen Sie mir noch auf den Tisch.“

Er ordnete die Bilder seiner Frau dem Alter nach — und vor jedes legte er ein Päckchen Briefe — rechts davon stellte er die Bilder der Eltern — das der Mutter nahm er immer wieder auf, führte es dicht an das Gesicht, schloß die Augen, lächelte und stellte es dann — nachdem er zögernd das Bild seiner Frau ein wenig zur Seite gerückt hatte — in die Mitte.

Als Jacob den Topf mit den Tulpen brachte, brannten die Kerzen — und der Alte saß an dem Tisch — über einen Brief gebeugt — sah und hörte ihn nicht.

Auf den Zehen ging Jacob hinaus — schloß die Tür nicht, sondern ließ sie angelehnt — setzte sich auf den Flur — mit dem Rücken zur Tür — verfolgte jedes Geräusch im Zimmer und hielt sich wach — ohne daß der Alte es wußte — um da zu sein, wenn man ihn brauchte. — —

III.

Es mochte Mitternacht sein, als in der Villa die Türglocke ging und ein Depeschenbote dem Hauswart ein dringendes Telegramm durch das Fenster reichte.

Der Hauswart, der nicht viel jünger war als der alte Herr und wie Jacob schon seit einem Menschenalter im Dienste des Barons stand, vermutete als Absender einen Gratulanten und wußte daher nicht recht, ob er das Telegramm nach oben bringen sollte. Aber der rote Streifen ließ es ihm so dringend erscheinen, daß er zur ersten Etage hinaufstieg, um es Jacob zu geben. Mochte der entscheiden.

Jacob, der noch immer vor der Tür des Herrenzimmers saß, sah den Hauswart schon kommen, als er noch auf der Treppe war. Er erhob sich behutsam, führte den Finger an den Mund und wies auf die handbreit offenstehende Tür. In gemeinsamem Dienst aufeinander eingestellt, waren sie daran gewöhnt, sich zu verständigen, ohne viel zu reden. — Jacob sagte sich: den Alten aus dem Schlaf zu wecken wäre unbedenklicher als ihn aus seiner andächtigen Stimmung zu reißen. Er hielt sich daher, trotz der Bedenken, die der Hauswart äußerte, für berechtigt, das Telegramm zu öffnen, um es auf seine Wichtigkeit hin zu prüfen. Sein Erstaunen war so groß, daß er, zitternd an Händen und Beinen, nach der Lehne eines Stuhles griff. Auch der Hauswart, der ihm das Telegramm aus der Hand nahm und es las, entfärbte sich. — Sie waren sich einig, daß der Alte es sofort lesen mußte. — Also schob jetzt Jacob behutsam die Tür ins Zimmer, ging auf den Zehen an den Tisch heran, legte das Telegramm vor den Alten hin und entfernte sich wieder, ohne ein Wort zu sprechen.

Der Alte nahm die Depesche auf und las:

„Eintreffen alle sechs morgen früh sechs Uhr dreißig Frankfurt. Stop. Beordere Autos an Bahn und richte es bitte ein, daß bei dir wohnen können. Stop. Adolf, Adele, Ernst, Elisabeth, Richard, Resi.“

Der Alte ahnte nicht, welche Mühe es die sechs gekostet hatte, sich über den Wortlaut dieses Telegramms zu einigen. Dutzende von Telephongesprächen waren erforderlich gewesen.

Das ist die neue Sachlichkeit, dachte er. So depeschieren Kinder an ihren Vater, der seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag feiert. Und er suchte unter den Papieren, die vor ihm auf dem Tische lagen, ein Telegramm aus dem Jahre 1875 heraus, das er bei ähnlicher Gelegenheit von Gastein aus an seine Mutter gesandt hatte. Das lautete:

„Geliebtes Muttchen. Gib dir keine Mühe, mich hier zurückzuhalten. Ich bin zu Deinem Geburtstag in Frankfurt — mit oder ohne Rheuma. In inniger Liebe Dein Sohn.“

Der Alte zerknüllte das Telegramm — wollte es in den Papierkorb werfen — zögerte — überlegte — lächelte — nickte mit dem Kopf und sagte leise vor sich hin:

„Immerhin, sie kommen — ich hatte es nicht gedacht. — Die Mutter würde sich freuen, wenn sie es noch erlebte.“ — Er entfaltete das Telegramm wieder, legte es vor sich hin und strich es mit den Händen glatt. Er las noch einmal die Unterschriften: „Adolf — Adele — Ernst — Elisabeth! —“ Hier machte er eine Pause und wiederholte: „Elisabeth“ — schloß für einen Augenblick die Augen und wurde ernst. Dann fuhr er fort: „Richard — daß du kommen würdest, mein Junge, hatte ich im Gefühl“ — er nahm das Telegramm wieder auf und las zu Ende. — „Nun denn in Gottes Namen, so werde ich sie also alle zur gleichen Zeit bei mir haben.“

Er läutete — Jacob war im selben Augenblick zur Stelle.

„Ich breche ab“, sagte der Alte, „aber die Kerzen laß brennen — zu Ehren der Toten — die Jugend hat mich überrumpelt — hier, lies.“

„Ich habe bereits ...“

„Ah so — richtig! Das Telegramm war offen.“

„Ich dachte, für den Fall, daß es nichts Wichtiges war, daß ich dann den Herrn Baron nicht hätte zu stören brauchen.“

„Ich weiß“, sagte der Alte gütig, stand auf und stützte sich auf Jacobs Arm. — Und als sie in die obere Etage stiegen, in der die Schlafzimmer lagen, sagte er:

„Sie kommen alle sechs, — macht es nur recht fein. — Sie sind verwöhnt. — Sie kennen nichts anderes, als gut zu essen, zu trinken und sich gut anzuziehen, — die Ärmsten!“

Und als er gebetet hatte und in seinem Bett lag, faltete er noch einmal die Hände und sagte:

„Herr, laß den morgigen Tag gut vorübergehn!“ Dann schlief er ein.

IV.

Wenige Stunden zuvor hatte sich den um zehn Uhr vom Anhalter Bahnhof aus nach Frankfurt am Main Reisenden ein amüsantes Bild geboten. Sechs Schlafwagenabteile erster Klasse waren nebeneinander belegt. Die fünf Verbindungstüren standen offen. Je drei Zofen und Diener waren damit beschäftigt, aus kostbaren Reisetaschen Kopfkissen, Pyjamas, Schuhe und unzählige Toilettengegenstände für ihre Herrschaft auszupacken. In vier Abteilen breiteten sie über die Laken große, weiche Lederdecken. In einem Abteil ließ die Zofe sämtliche Bettwäsche entfernen und legte eigene Wäsche auf. Alle sechs Abteile wurden mit einer gelben Flüssigkeit desinfiziert, zwei überdies mit einem herb duftenden Parfüm besprengt. Auf die Waschtische stellte man Gummischüsseln und eigene Gläser. — Dann nahmen die Diener und Zofen paarweise voneinander Abschied. Nicht eben herzlich — so daß man sah, es handelte sich nur um eine kurze Trennung. Die Zofen reisten mit, während die Diener in Berlin blieben.

Als sie auf den Flur traten, kamen sie miteinander ins Gespräch.

„Das hat wohl keiner von uns geglaubt, daß die drei Brüder noch einmal mit ihren Frauen zusammen reisen würden.“

„Zu seiner Beerdigung schon — aber zu seinem Geburtstag!“

„Sind Ihre Herrschaften denn überhaupt schon mal zusammen gereist?“

„Einmal — nach ihrer Hochzeit — später nicht mehr.“

„Unsere Herrschaft wird immer verliebter ineinander.“

„Ein Jude und eine Gräfin — das hätte ich nie geglaubt.“

„Wo Geld ist, verwischen sich die Unterschiede — sogar äußerlich.“

„In einer alten Familie wie dieser schon — aber nicht bei Neureichen.“

„Bei uns verkehren jetzt Leute, die hätte unsere Gnädige früher nicht angesehen.“

„Von fünf Millionen aufwärts spielt die Herkunft keine Rolle mehr.“

„Und von zehn Millionen aufwärts ist auch die Herkunft des Geldes gleichgültig.“

„Platz nehmen!“ rief draußen eine Stimme.

Die drei Diener verließen den Wagen, vor dem — bestaunt von den Mitreisenden — eine Gruppe von drei auffallend eleganten Damen und drei Herren stand. — Es waren die Barone v. Rosen-Geldberg mit ihren in leichte Reisepelze gehüllten Frauen.

Zuerst stieg der große, schlanke Baron Ernst in den Wagen, blieb an der Tür stehen und half den drei Frauen hinauf. Dann folgte Adolf — und als letzter Richard.

Im selben Augenblick setzte sich der Zug in Bewegung. Die sechs suchten ihre Abteile auf, vor denen noch immer die Zofen standen.

„So dicht lagen wir noch nie zusammen“, sagte Frau Resi zu ihrem Gatten. — Der erwiderte:

„Du könntest es öfters haben, — wenn du Wert darauf legtest.“

„Du weißt doch, Richard, ich liebe die Abwechslung —“ Dabei sah sie so ungeniert in das Nebenabteil, daß Richard sagte:

„Schließe die Tür zu, Ernst!“

„Als wenn das eine Abwechslung wäre“, erwiderte Resi.

„Du tätest gut, mich nicht daran zu erinnern.“

„Dies Kapitel fällt in meine zweite Ehe, für die ich dir keine Verantwortung schulde.“

„Ich fürchte, deine dritte Ehe dürfte nicht deine letzte sein.“

„Ich hoffe es.“ —

Im Nebenabteil sagte Adele:

„Ich fühle mich nie so einsam wie im Schlafwagen.“

„Du kannst ja die Tür zu mir offen lassen“, erwiderte Adolf.

„Als wenn das nicht auf dasselbe herauskäme.“

„Übermorgen sind wir wieder in Berlin — und dann bist du dein eigner Herr.“

„Du bist so gut und nachsichtig“, sagte sie und hielt ihm die Hand hin, die er küßte. —

Im Mittelabteil umarmte Elisabeth ihren Mann und sagte zärtlich:

„Ich liebe den Schlafwagen — ich fühle mich da noch näher bei dir.“

„Als wenn wir uns nicht immer gleich nahe wären“, erwiderte Ernst und küßte Elisabeth auf den Mund.

„Das tut ihr nur, um uns zu ärgern“, sagte Adele.

„Das tun wir auch, wenn ihr nicht dabei seid“, erwiderte Elisabeth, — und Richard rief, um es zu keinem Streit kommen zu lassen, auf den Flur hinaus:

„Schaffner, wir möchten noch etwas trinken.“

Der Schlafwagenschaffner erschien.

„Haben Sie Schampus?“ fragte Richard.

„Deinhard und Matthäus Müller.“

„Nee, Sekt“, wiederholte Ernst.

„Das ist doch Sekt“, sagte der Schaffner.

Die sechs sahen sich erstaunt an.

„Sie können auch Heidsick haben.“

„Na also!“

„Jahrgang?“

Der Schaffner verstand nicht.

„Haben Sie 1921er oder 11er?“

„Eine Jahreszahl steht nicht drauf.“

„Also dann Fachinger“, entschied Adele — und Adolf sagte:

„Die armen Menschen, die gezwungen sind, immer mit der Eisenbahn zu fahren.“

„Die Masse empfindet das nicht“, belehrte ihn Ernst, „wo sollten die auch das Geld hernehmen, um im Auto oder gar im Flugzeug zu reisen.“

Adolf zog die Stirn in Falten und sagte:

„Der Volkswohlstand läßt doch noch viel zu wünschen übrig.“

„Du vergißt, wir haben einen Krieg verloren“, belehrte ihn Ernst.

Aber Adolf widersprach und erklärte:

„Auch in den Siegerstaaten ist die Eisenbahn noch das verbreitetste Beförderungsmittel.“

„Hört auf mit der dummen Politik. Entweder wir schlafen jetzt, oder wir spielen Bridge“, erklärte Adele.

In diesem Augenblick klopfte der Schaffner und brachte ein Tablett mit sieben Gläsern und zwei Flaschen 1905er Pommery Greno pur.

„Nanu?“ rief Adolf — „unser Schampus? Wo haben Sie den denn plötzlich her?“

Der Schaffner lächelte und wies geheimnisvoll auf den Flur.

Resi steckte als erste den Kopf hinaus und lachte laut auf.

„Natürlich!“ rief sie. „Wer sollte das sonst sein?“

In einem rosaseidenen Pyjama erschien frisch rasiert Iwan Tetenborn, grüßte mit rosigstem Lächeln und sagte:

„Guten n’Abend! — Wie geht’s?“

„Ja, wie kommen Sie denn plötzlich ...?“ fragten sechs Stimmen zur gleichen Zeit.

„Ich habe mir gesagt: der alte Herr Baron v. Rosen-Geldberg wird fünfundsiebzig Jahre alt.“

„Ja — und?“ fragte Resi.

„Da werden die drei Herren Söhne mit ihren Frauen vermutlich nach Frankfurt fahren.“

„Aber wieso gerade jetzt — mit diesem Zuge?“

„Ich war seit heute früh bereits achtmal an der Bahn, um die Züge zu beobachten, die nach Frankfurt fahren.“

„Und was haben Sie mit dem Geburtstag unseres Schwiegervaters zu tun?“ fragte Elisabeth.

„Le père de mes amis est mon ami.“

„Gott! Wie geistreich!“ sagte Resi spöttisch, — und Elisabeth erklärte:

„Die Feier findet im allerengsten Familienkreise statt.“

„Das alles wird sich morgen finden“, erwiderte Iwan Tetenborn, der klein, rund und etwa vierzig Jahre alt war. — „Zunächst einmal habe ich, da ich die Weinkarte der Mitropa kenne, dafür gesorgt, daß Sie auf Ihrer Expedition nicht verdursten.“

Er nahm dem Schaffner, der inzwischen eingeschenkt hatte, das Tablett aus der Hand und reichte es herum.

„Auf den alten Herrn Baron in Frankfurt!“ sagte er und stieß an. Und dann holte er aus seinem Abteil einen kleinen Klapptisch, den er mitgebracht hatte, und stellte ihn in Ernsts Kabine auf. Vier saßen auf Ernsts, drei auf Elisabeths Bett. Sie tranken und sprachen von den letzten gesellschaftlichen Ereignissen in Berlin. Als die Unterhaltung ins Stocken kam, kommandierte Adele:

„Bridge!“

Iwan Tetenborn griff in die Tasche und zog mehrere Spiele funkelnagelneuer Karten hervor, legte sie auf den Tisch und sagte:

„Bitte!“

Adele, die beste Spielerin, und Iwan Tetenborn, der in seinem Nebenberuf Bankier war, den eigentlichen Zweck seines Daseins aber darin sah, in der guten Gesellschaft geduldet zu werden, gewannen. Resi, die — nicht des Geldes wegen, vielmehr aus Ehrgeiz, überall die Erste zu sein, ungern verlor, wandte sich ärgerlich an Iwan und fuhr ihn an:

„Wie kommen Sie eigentlich dazu, in diesem Aufzug bei uns Besuch zu machen?“

Der kleine Herr Tetenborn berief sich auf ein paar englische Modeblätter, in denen das als besonders schick bezeichnet war — was zur Folge hatte, daß man das Spiel auf fünf Minuten unterbrach, um sich ebenfalls aus- und umzukleiden.

Sie spielten bis in den Morgen hinein. Als Iwans Diener nach der vierten Flasche meldete, daß der Pommery zu Ende sei, sagte Adolf vorwurfsvoll:

„Alles machen Sie halb, Tete!“

„Sie werden doch noch ein Bad nehmen wollen“, erwiderte Iwan. „In einer Stunde sind wir in Frankfurt.“

„Ein Bad? — Im Schlafwagen? — gibt es das endlich?“ fragte Adele.

„Im Schlafwagen nicht“, erwiderte Iwan stolz — „aber ich habe für Sie alle ein japanisches Trockenbad mitgebracht — in Europa noch völlig unbekannt — es ersetzt das Wannenbad vollkommen.“ — Er zog aus der Tasche sechs mit japanischen Schriftzeichen bemalte Tuben und gab jedem eine.

„Wie macht man das?“ fragte Resi.

„Ich habe es Ihren Zofen schon beigebracht — warten Sie einen Augenblick — ich rufe sie.“

Iwan lief den Gang entlang.

„Ein aufmerksamer Mensch“, sagte Elisabeth.

„Etwas schautig“, erwiderte Adolf — doch Frau Adele meinte — ohne daß sie dabei jemanden besonders ansah:

„Eine Schaute ist noch immer mehr als eine Null.“

V.

Als der Zug in die Halle des Frankfurter Bahnhofs lief, sagte Frau Resi:

„Das erste, was ich jetzt tue, ich lege mich bis mittags ins Bett.“

Frau Adele erwiderte gähnend:

„Ich kann mich auch kaum auf den Beinen halten.“

Aber die rassige, überschlanke Elisabeth reckte sich und rief:

„Ihr reist nicht zu eurem Vergnügen! Also nehmt euch zusammen.“

Der Zug hielt.

„Wer wird wohl zu unserem Empfang an der Bahn sein?“ fragte Adolf.

„Die liebe Familie“, erwiderte Resi — „die mich nicht riechen kann.“

„Was denn?“ fragte Elisabeth — „existieren außer dem Papa etwa noch Onkel und Tanten?“

„Du wirst staunen“, erwiderte Resi, „was du heute alles zu sehen und — zu küssen bekommst!“

„Ich denke nicht daran .....“

„Aber die anderen denken daran — und die sind in der Überzahl.“

Wirklich standen da zwei feine, alte jüdische Damen, von denen eine den Arm erhob, als sie die Barone v. Rosen-Geldberg mit ihren Frauen am Fenster sah.

„Die Tanten!“ rief Resi spöttisch — und Elisabeth meinte:

„Die sehen gar nicht so übel aus.“

„Ihre Familie ist älter als deine“, erklärte Richard.

„Inwiefern?“ fragte Elisabeth erstaunt — und er erwiderte, während er zu den alten Damen hinüberwinkte:

„Insofern es auch einen jüdischen Adel gibt.“

„Mach keine Witze, mir ist nicht danach zumute.“

„Der sich“, fuhr Richard fort, während er seiner Schwägerin aus dem Wagen half, „im Lauf der Jahrhunderte freilich mehr mit Pflege der Kultur als mit Raubbau beschäftigt hat.“

„Im Ghetto?“ erwiderte Elisabeth spöttisch.

„Vielleicht beschäftigt ihr euch jetzt statt mit jüdischer Kulturgeschichte mit euern Tanten“, erklärte Resi und wies auf die beiden alten Damen, die nicht, wie Elisabeth erwartet hatte, die Arme ausstreckten, um ihre Neffen zärtlich an sich zu ziehen, sondern sehr reserviert dastanden und ihnen nur kühl die Hände reichten.

Da sie Elisabeth nicht kannten, so stellte Richard sie vor. Er nannte zwei Namen — wohl absichtlich so leise, daß man sie nicht verstehen konnte. — Die Damen reichten Elisabeth die Hand — und eine von ihnen sagte:

„Mein Bruder freut sich sehr, daß Sie kommen. Ich habe den Auftrag, Sie alle in seinem Namen zu begrüßen.“

„Wie geht’s Papa?“ fragte Richard.

„Er ist von einer geistigen Frische, die man selbst bei jüngeren Menschen selten findet.“

Die drei Neffen fühlten sich getroffen und sahen ängstlich ihre Frauen an, während die Dame fortfuhr:

„Er arbeitet noch täglich vier bis fünf Stunden — liest Bücher und sammelt kostbare Gläser — mit derselben Liebe wie vor dreißig Jahren.“

„Bewundernswert ist das“, sagte Elisabeth — während Resi erklärte:

„Ich verstehe nicht, wie man in dem Alter noch Gefallen daran haben kann, zu sammeln. Man erschwert sich doch damit nur den Abschied.“

„Daran denkt er nicht“, sagte die Tante mit dem jüdischen Namen, den Elisabeth nicht verstanden hatte. Und sie wollte hinzufügen: das überläßt er Gott — unterdrückte es aber mit Rücksicht auf Elisabeth, obschon Gott ja eigentlich neutral war.

Den kleinen Iwan Tetenborn, der in einiger Entfernung stand, übersah sie absichtlich. Denn da er sich jedesmal verbeugte, wenn ihn zufällig ihr Blick traf, so wußte sie, daß er zu ihnen gehörte. Aber sie hatte zuviel Seltsames über die modernen Ehen in Berlin, vornehmlich über die ihrer Neffen, gehört, um nicht zu fürchten, daß der Herr in irgendeiner Form in eine der drei Ehen hineinspielte. Damit aber wollte sie nichts zu tun haben. Sie warf ihm daher einen Blick zu, der ihn veranlaßte, den Abstand zwischen sich und der Gruppe noch um ein paar Schritte zu vergrößern.

Vor dem Bahnhof standen drei Autos. Zwei davon waren für die Rosen-Geldbergs bestimmt, während das dritte den beiden Damen gehörte.

„Wohnen wir zu Haus?“ fragte Ernst, — und dies „zu Haus“ wirkte auf Elisabeth so fremd, daß sie zum ersten Male seit ihrer Ehe eine Distanz zwischen sich und ihrem Manne fühlte.

„Euer Vater dachte, für eine Nacht sei es bequemer, vor allem für euch, im Hotel zu wohnen.“ — Elisabeth atmete auf. — „Er hat daher Appartements für euch im Frankfurter Hof bestellt.“

„Ausgezeichnet“, sagte Resi. — Und da die Tante eben dicht bei den Autos wieder den kleinen Herrn auftauchen sah, so fragte sie:

„Wieviel seid ihr denn?“

„Wir sechs und dann drei Zofen“, erwiderte Richard.

„Und der Herr da?“

„Richtig, Tete!“ rief Resi — „der ist uns unterwegs zugelaufen.“

Iwan Tetenborn war herangetreten und verbeugte sich. Richard stellte ihn vor. Die beiden Damen bewegten nur leicht die Köpfe.

„Sie sind mit meinem Bruder, dem alten Baron, befreundet?“ fragte die Tante.

„Ich habe leider nicht den Vorzug, ihn persönlich zu kennen.“

Die Dame wandte sich an ihre Neffen und sagte:

„Euer Vater hat den Wunsch, den heutigen Abend allein mit euch zu verbringen — auch wir werden daher an der Feier, die übrigens nur in einem kleinen Essen besteht, nicht teilnehmen.“

Die drei Schwägerinnen lächelten sich zu — Iwan Tetenborn, der noch immer den Hut in der Hand hielt, wandte sich an die alten Tanten und sagte:

„Vielleicht, daß die Damen mir dann die Ehre erweisen .....?“

„Was für eine Ehre?“ fragte die Tante, die stets auch für ihre Schwester sprach, beinahe ängstlich.

„Als meine Gäste bei einem kleinen Essen im Frankfurter Hof den Geburtstag ihres Herrn Bruders zu feiern.“

Die Tanten waren sprachlos — die Schwägerinnen lachten laut — Richard sagte:

„Ich glaube, Tete, Sie haben die Namen meiner Tanten nicht verstanden: die eine heißt Fuld und die andere Cohnheim — ohne das leiseste ‚von‘ davor.“

„Aber“, wehrte der kleine Herr, dessen jüdische Herkunft unverkennbar war, ab und verbarg nur schlecht seine Enttäuschung — „als wenn ich auf derartige Äußerlichkeiten Wert legte!“

„Ich kenn’ Sie doch, Tete“, sagte Frau Resi ganz ungeniert, — und daß sie ihn richtig einschätzte, verriet er, indem er erwiderte:

„Als ob nicht jeder Kellner und Gast im Frankfurter Hof weiß, daß die Damen die Schwestern des alten Barons v. Rosen-Geldberg sind.“

Die Tante, die immer auch für die andere sprach, verabschiedete sich sehr unvermittelt von ihren Neffen und deren Gattinnen, indem sie sagte:

„Ich schlage vor, ihr sagt alle erst schnell einmal meinem Bruder guten Morgen — Sie natürlich nicht, Herr Tetenborn! — und fahrt dann ins Hotel. Mein Bruder hat das Diner für fünf Uhr festgesetzt, damit ihr den 10-Uhr-Zug nach Berlin noch erreicht.“

Elisabeth fing bereits an, den alten Herrn gern zu haben. Auch Resi, die in Frankfurt weitreichende Beziehungen hatte, dachte:

„Fein! da brauche ich nirgends Besuche zu machen.“

Sie verabschiedeten sich und verteilten sich in die Autos. — Die Zofen standen hilflos herum. — Die beiden Tanten fuhren als erste davon.

„Tete!“ rief Ernst dem kleinen Herrn zu: „Besorge unser Gepäck ins Hotel und kümmere dich um die Zofen!“

„Mit Vergnügen“, rief der zurück und sah etwas enttäuscht den drei Autos nach, die im Schneckentempo davonfuhren.

VI.

Als die beiden Autos vor der Villa des alten Barons v. Rosen-Geldberg hielten, gab der Hauswart dem Diener Jacob nach oben ein Klingelzeichen. — Jacob ging und meldete es seinem Herrn, der auf der Veranda seines Gartens beim ersten Frühstück saß.

„Die jungen Herrn Barone mit ihren Gattinnen fahren eben vor.“

Der Alte setzte die Tasse auf den Tisch und stand auf.

Unten in der Halle gab es eine kleine Verzögerung. Die Türen zu den Wohnzimmern standen offen und waren mit Blumen und anderen Geschenken angefüllt.

„Wir hätten doch wenigstens eine Blume mitnehmen sollen“, meinte Elisabeth, die im Gegensatz zu den anderen, die völlig teilnahmslos schienen, unsicher und nervös war.

„Es sind ja genug da“, erwiderte Resi, lief durch die Zimmer und kam, während die andern sich schnell in Ordnung brachten, mit einem großen Strauß Nelken zurück.

„Da“, sagte sie und legte die Blumen Elisabeth in den Arm. „Mach dich bei deinem Schwiegervater beliebt.“

Im selben Augenblick erschien oben auf der Treppe der alte Baron. Die hohe, schlanke, trotz des Alters kaum gebückte Gestalt mit dem feinen, schmalen, bartlosen Gesicht ließ trotz des leichten jüdischen Einschlags auf einen Aristokraten schließen. Er trug einen eleganten, wenn im Schnitt auch nicht ganz modernen grauen Gehrock, dazu einen dunklen Plastron, eine Blume im Knopfloch und eine etwas zu hoch geschlossene Weste, über der vom Hals herab eine goldene Kette hing.

Elisabeths erster Eindruck war: das könnte ebensogut ein alter Königsmarck oder — sie dachte an ihren Großvater mütterlicherseits — ein Graf v. Seydlitz sein.

„Guten Tag, meine lieben Kinder!“ rief der Alte und breitete die Arme aus.

„Guten Tag, Papa!“ riefen sie nicht gerade leidenschaftlich zurück. — Nur Elisabeth, die den Alten verwundert ansah, schwieg. Sie sah plötzlich all die alttestamentarischen Gestalten vor sich, die sie aus böhmischen Bädern und wohl auch von Abbildungen her kannte — und an die sie immer hatte denken müssen, wenn von dem Vater ihres Mannes die Rede war. Das war auch der Grund gewesen, warum sie sich bis jetzt gesträubt hatte, Mutter zu werden. — Und nun stand plötzlich ein Gentleman vor ihr, der in jedem Londoner Salon eine gute Figur gemacht hätte.

Mechanisch ging sie mit den anderen die Treppe hinauf. Adele legte als erste den Arm auf die Schultern des Alten, küßte ihn auf die Wangen und sagte:

„Ich gratuliere, Papa!“

Genau dasselbe tat Resi. Bei beiden wirkte es herzlos und konventionell. Auch der Alte schien unberührt, lächelte und dankte. Als jetzt Elisabeth mit den Nelken im Arm vor ihm stand, sah er sie gütig an, dachte, was für ein schönes Bild — und sagte:

„Ich freue mich — Elisabeth“ — man merkte, er hatte diesen Namen noch nie ausgesprochen — „daß Sie gekommen sind!“

„Ich mich auch!“ rief sie — und es kam ihr aus dem Herzen. Sie ließ die Blumen fallen, ergriff die Hand des Alten und küßte sie.

„Nicht doch, mein Kind!“ wehrte er gütig ab und schloß Elisabeth in die Arme. Denn er fühlte, daß sie allein mit dem Herzen bei ihm war.

„Die kann sich verstellen“, — sagte Adele leise — und Resi erwiderte:

„Fällt mir nicht ein.“

Dann umarmten und küßten die drei Söhne ihren Vater — auch sie sagten wenig oder nichts — und zehn Minuten später saßen sie alle sechs wieder in ihrem Auto und fuhren in das Hotel. —

Am Nachmittag um 5 Uhr saß der alte Baron im Frack mit seinen Söhnen und deren Frauen, die lange Abendtoiletten trugen, an dem festlich gedeckten, runden Tisch. Rings um den schweren Silberkandelaber, auf dem zwölf Kerzen brannten, stand kostbares Glas und Porzellan; Maiglöckchen, die Lieblingsblumen der vor Jahren verstorbenen Baronin, schmückten die Tafel.

Es wurde Kaviar und 1911er Riesling gereicht, aber die Unterhaltung kam nicht in Gang. Schließlich sagte der Alte:

„Also, Kinder, was haben wir uns zu erzählen?“

Er gab sich nicht der Hoffnung hin, den seit der Mutter Tod verlorengegangenen Kontakt mit seinen Söhnen wiederherzustellen, von deren Leben während der letzten zehn Jahre er nicht viel mehr wußte, als daß sie zwischen Berlin, Paris und London, zwischen Trouville, Biarritz und San Sebastian, zwischen Sils Maria und St. Moritz, Kairo und Assuan hin und her reisten.

Aber was an all den Orten sie allein erregte und interessierte, war immer das gleiche: die Gesellschaft — die Toiletten — die Vermögensverhältnisse — das Spiel — die Autos — und allenfalls der Sport, den andere ausübten. — Ort und Land, Völker und Sitten, ja selbst der Erdteil, spielten dabei nur eine Toilettenrolle — mit anderen Worten: es wechselte nur die Kulisse, vor der sich das immer gleichbleibende, geistlos-träge Spiel des gesellschaftlichen Verkehrs der oberen Tausend abspielte.

Der alte Baron bemühte sich, das Niveau der Unterhaltung zu heben. Er wies, als von Paris die Rede war, auf ein Gemälde an der Wand, ein Porträt Karls I. von England, nach dem berühmten Bildnis van Dycks, von der Hand eines Schülers des Meisters.

„Kostenpunkt?“ fragte Richard.

„Der Wert des Originals im Louvre ist gar nicht abzuschätzen“, erwiderte der Alte.

„Wenn ich mir das Original nicht leisten kann“, — meinte Adele — „ich würde mir keine Kopie an die Wand hängen.“

„Und weshalb nicht?“ fragte der Alte lächelnd. „Wenn die Kopie, wie in diesem Fall, genau so schön ist wie das Original?“

„Weil es aussieht, als wenn man wollte und kann nicht“, erwiderte Adolf — woraufhin Adele meinte:

„Dies Gefühl ist dir ja geläufig.“

„Ich finde“, erklärte Richard, „ein Porträt, mit dem man nicht verwandt ist, gehört ins Museum, aber nicht in ein Privathaus.“

Als der alte Baron erwiderte:

„Der Wert dieses Bildes beträgt hundertzwanzigtausend Mark“, flogen alle Köpfe dem Gemälde zu, das sie plötzlich:

„Blendend“

„Ganz wunderbar“

„Vor allem im Licht“

„Nein, gerade in den Farben“

„Durchaus naturalistisch“

„Ein Meisterstück der alten Schule“

„Unerhört dekorativ“

„In jeder Weise vollendet“ — fanden.

Der alte Baron aber spülte mit einem Glase 1881er Malaga, den man zur Schildkrötensuppe reichte, den bitteren Geschmack herunter und faßte den Entschluß, das Gemälde dem Staedelschen Museum zu vermachen.

Nur einmal ließ sich der Alte dazu verleiten, die Unterhaltung seiner Kinder zu unterbrechen. Sie stritten sich gerade darüber, ob die guten Klubs in England noch immer so exklusiv wie früher seien — und Adolf sagte:

„Wenn man in London nicht in einem großen Klub ist, ist man doch aufgeschmissen.“

„Man weiß ja nicht einmal, was man tagsüber in London anfangen soll“, — meinte Resi — „die zwei Stunden im Hydepark füllen den Tag nicht aus — und shopping macht bei der konservativen Einstellung der Modistinnen auch kein Vergnügen. In Paris kann man sich das Verrückteste ausdenken, und jede Modistin wird begeistert darauf eingehen.“

„Es gibt in London ein Britisches Museum“, sagte der Alte.

„Hm, davon habe ich gehört“, erwiderte Ernst.

„Es ist von zehn bis sechs geöffnet — und man kann sich da sehr gut die Zeit vertreiben.“

„Archäologen, aber keine modernen Menschen“, meinte Adolf.

„Ich mache mir auch nichts aus alten Gemälden“, stimmte Ernst seinem Bruder bei — und Richard sagte:

„Ich schon — aber nicht in solchen Massen.“

„Kinder! Kinder! Was redet ihr da zusammen!“ sagte der Alte — und Elisabeth meinte:

„Ich sage Ernst auch immer, er soll in Gesellschaften vorsichtig mit seinen Reden sein — man kann nie wissen, ob nicht doch mal einer dabei ist, der etwas versteht.“

„Das ist sehr klug von Ihnen, mein Kind. Und wenn Sie wieder mal mit meinem Sohne in London sind, dann gehen Sie mit ihm wenigstens zu der Sladeschen Sammlung im Britischen Museum und zeigen Sie ihm die Glassammlung ...“

„Richtig!“ sagte Resi und nahm noch einmal von dem Salmi von Huhn, zu dem es einen 1908er Château Latour gab — „über deine Glassammlung wollten wir mit dir sprechen.“

„Oh!“ erwiderte der Alte und schien auf das angenehmste überrascht. „Habt Ihr Interesse für meine Gläser?“

„Indirekt“, sagte Resi — und da ihr Richard sehr unsanft auf den Fuß trat und ihr überdies durch Blicke zu verstehen gab, daß sie dies Gespräch nicht fortführen solle, so sagte sie, indem sie sich eine Hummerschere auf den Teller legte, um abzulenken:

„Donnerwetter! sind das Kerle!“

Der Alte saß noch immer erwartungsvoll — so daß Richard es für gut hielt aufzustehen, sein Glas mit 1921er Dom Scharzhofberger zu erheben und zu sagen:

„Ein stilles Glas im Andenken an unsere geliebte Mutter.“

Der Alte erhob sich — mit ihm die anderen. Sie tranken — und die Glassammlung war vergessen. — Aber eine Viertelstunde später, bei 1915er Steinberger Cabinet, der dem Geschmack des Rehrückens jene milde Zartheit gab, fragte der Alte plötzlich:

„Also, Resi, was wolltet Ihr mir über meine Gläser sagen?“

„Nichts, nichts!“ wehrte Richard ab. „Wir wollten sie nur mal genauer ansehen, weil wir doch so selten Gelegenheit dazu haben.“

„Wenn Ihr wirklich Interesse dafür habt“, sagte der Alte erfreut — „dann müßt Ihr morgen noch hier bleiben — um sie gründlich zu studieren.“

„Unmöglich!“ erwiderte Resi. „Ich muß morgen abend in Paris sein.“

„Und auf mich wartet die Schneiderin in Berlin“, sagte Adele — während Elisabeth sich geniert zu ihrem Manne wandte und meinte:

„Wir haben zwar Dr. Wertheimer für morgen abend versprochen — aber wir könnten ihm absagen.“

„Das geht unmöglich“, widersprach Ernst lebhaft — und der Alte, dem zumute war, als wenn man ihn mit beiden Händen abwehrte, beugte sich über den Tisch und schwieg.

Dieses Schweigen empfanden alle als peinlich. Nur aus diesem Grunde sagte Elisabeth:

„Die Artischockenböden mit Pilzen sind ausgezeichnet.“

„Die ißt du doch zu Hause nie“, erwiderte Ernst und goß, als er seine Ungeschicklichkeit merkte, sein Glas in einem Zuge herunter.

„Wer ist denn Dr. Wertheimer?“ fragte der Alte — „doch nicht etwa“ — und er deutete einen kleinen Mann mit einem dicken Bauch an.

„Der ist es!“ rief Resi belustigt. „Der kleine dicke Bankier aus Rotterdam.“

„Und mit dem verkehrt ihr?“

„Er verdient vier bis fünf Millionen im Jahr“, sagte Adolf.

„Was geht das euch an?“

„Er ist sehr nett zu uns“, sagte Adele — und Ernst fügte hinzu:

„Uns läßt er sogar verdienen.“

„Man kann mit jemandem Geschäfte machen und braucht darum noch lange nicht mit ihm zu verkehren“, betonte der Alte.

„Das war früher einmal“, belehrte Richard seinen Vater. „Heute verlangen die Leute, wenn sie einen verdienen lassen, daß man gesellschaftlich mit ihnen verkehrt.“

„Sie bezahlen mit anderen Worten das Recht, mit euch an einem Tisch zu sitzen?“

„Es gibt Dinge“, sagte Elisabeth, „die hören sich häßlich an, wenn man sie ausspricht.“

„Und wenn man sie ausführt — wie? — das macht euch nichts?“

„Es sind eben Konzessionen“, erwiderte Elisabeth. „Anfangs ist es schwer — aber man gewöhnt sich dran.“

„Vor allem geht ja die Initiative meist von den andern aus“, sagte Adele — „und man merkt es immer erst, wenn es zu spät ist.“

„So geht es mir mit den Männern auch“, sagte Resi — worauf Richard ihr das Glas aus der Hand nahm und sagte:

„Tu mir die Liebe, Resi, und trink nicht mehr.“

„Mir könnte das nicht passieren“, sagte der Alte — „daß sich mir jemand aufdrängt, den ich in meinem Hause nicht sehen will.“

„Abwarten, Papa!“ erwiderte Richard.

„Allerdings nahm ich bis heute an“, fuhr der Alte fort — „daß ich Leuten, die mit euch verkehren, auch mein Haus öffnen kann.“

„Da rate ich dir doch, vorsichtig zu sein“, sagte Resi.

„So erschien zum Beispiel heute Mittag, als ich beim Lunch saß ...“

„Herr Iwan Tetenborn ...“ fiel ihm Resi ins Wort.

„Du weißt?“

„Ich errate!“

„Er gab seine Karte ab, auf der stand: Der Reisebegleiter und Freund Ihrer Söhne erlaubt sich, Ihnen untertänigst seine Glückwünsche zu Füßen zu legen.“

„Unglaublich!“ riefen alle sechs.

„Freund und Reisebegleiter meiner Söhne, wiederholte ich mir und ließ ihn, was ich sonst nie tue, hereinbitten. Einen besonders günstigen Eindruck machte euer Freund auf mich nicht — aber da ich gerade beim Essen saß — was blieb mir da anderes übrig, als ihn aufzufordern?“

„Du hast mit ihm geluncht, Papa?“ rief Resi belustigt. „Das weiß morgen ganz Berlin.“

Der Alte ärgerte sich — und um auf andere Gedanken zu kommen, wandte er sich an Resi und sagte:

„Also, ich weiß noch immer nicht, was ihr mir über meine Gläsersammlung sagen wolltet.“

„Es war nur so eine Idee von uns“, erwiderte Resi. — „Du weißt doch, daß in Berlin sämtliche Privatsammler ihre Sammlungen verauktioniert haben. Auch jüngere als du. Mit dem Alter hat es also nichts zu tun — wie etwa bei dem alten Wolschinsky, der seiner drei Kinder wegen seine sämtlichen Kunstschätze versteigern ließ — damit sie sich nicht später einmal in die Haare geraten — aber das ist ja bei uns nicht zu fürchten — immerhin, eine Sammlung kostbarer Gläser verliert an Wert, wenn man sie in drei Teile teilt. — Überhaupt, für jemanden, der so viel herumreist wie wir — sag selbst, wo soll man damit hin — und wenn ein Stück zerbricht — die Dienstboten in Berlin sehen sich nicht so vor wie die in Frankfurt — man ärgert sich — erst über das Mädchen und dann mit der Versicherungsgesellschaft, die sich zu drücken sucht — so schön die Gläser sind — ich sah sie vorhin, als wir hinaufgingen — ich habe einen Blick dafür — von meinem zweiten Mann her — aber ich glaube, du würdest auch ruhiger leben, wenn du die Sorge um die Sammlung los wärst. Überlege es mal! Es braucht ja nicht heute zu sein — obgleich man solche Dinge nicht auf die lange Bank schieben soll — wir stehen alle in Gottes Hand — Professor Caro in Berlin hat mir gesagt, sie sei als Ganzes fast drei Millionen wert. Das ist doch ein Wert! Eine Million pro Kopf — das heißt, pro Familie. Denn ich erbe ja nicht, sondern dein Sohn. Und was ich hier vorbringe, geschieht zum Besten deiner Söhne — uns drei Frauen ist es natürlich ganz gleichgültig, was daraus wird.“

Da Resi eine Pause machte, so fragte der Alte:

„Bist du fertig?“

„Ja — das heißt — ich habe mich erkundigt — so eine Auktion muß richtig vorbereitet sein. Da der September der beste Monat dafür ist, so müßte man sofort mit den Vorarbeiten beginnen.“

„Aber wozu denn das?“

„Und gerade heute?“

„Das hatte doch Zeit!“ sagten die andern — und Richard fügte hinzu:

„Ich hatte dir ausdrücklich verboten, davon zu sprechen.“

„Wir sind ja keine Erbschleicher“, fuhr Resi fort — „im Gegenteil, wir wünschen, daß du hundert Jahre alt wirst. Aber warum soll man nicht davon sprechen? Davon stirbt man nicht.“

„Du sollst endlich aufhören“, drängte Richard — und Elisabeth sagte empört:

„Ich stehe auf.“

„Du?“ fragte Resi — „du hast es doch nötiger als wir.“

„Vielleicht — aber ich ertrag das nicht.“

„Und gestern in Berlin, als ich davon anfing, warst du begeistert von der Idee.“

Elisabeth entfärbte sich und sagte zögernd:

„Gewiß — aber da wußte ich noch nicht ...“

„Was wußtest du nicht?“ fragte Resi.

Elisabeth sah den alten Baron an und sagte:

„Ich bitte Sie, seien Sie mir nicht böse.“

Der Alte schüttelte den Kopf und reichte Elisabeth die Hand.

„Ich kannte Sie ja noch nicht“, sagte sie — „und hatte Sie mir ganz anders vorgestellt.“

„Darf Elisabeth denn nicht ‚du‘ zu dir sagen, Papa?“ fragte Richard — der froh war, daß man endlich von etwas anderem sprach.

„Aber natürlich darf sie.“

„Ich wünsche es mir sehr“, sagte Elisabeth, erhob sich und trat an den alten Baron heran. — Der stand auf, legte den Arm um sie und küßte sie auf die Stirn. Dann hob er die Hand, hielt sie über ihren Kopf und sprach halblaut einen hebräischen Segen.

Als Elisabeth wieder auf ihrem Platze saß, erhob sich der alte Baron.

„Großer Gott!“ entfuhr es Resi — „wir haben ihn ja nicht hochleben lassen.“

Alle sprangen auf und riefen:

„Adolf, du!“

Und Adolf klopfte ans Glas und sagte:

„Lieber Vater. Als dein ältester Sohn habe ich die ehrenvolle Aufgabe, dich im Namen der Familie hochleben zu lassen. Unser Vater, er lebe hoch!“

„Hoch!“ riefen alle — und stießen mit dem Alten an.

Als sie wieder auf ihren Plätzen saßen, sagte Resi spöttisch:

„Ich bin ganz gerührt von Adolfs gehalt- und gefühlvoller Rede. Wirklich, Adolf, wenn du im Auswärtigen Amt geblieben wärst — ich glaube, aus dir wäre etwas geworden!“

Jetzt hatte Resi die Lacher auf ihrer Seite. Auch der alte Baron stimmte in die Heiterkeit mit ein. Dann klopfte auch er an das Glas und sagte — ohne sich zu erheben:

„Meine lieben Kinder! Ich danke euch, daß ihr gekommen seid — und freue mich, besonders dich, Elisabeth, als Tochter bei mir zu sehen. Ich habe das Gefühl, als könnten wir gute Freunde werden. Aber auch dir, Resi, verüble ich deine Worte nicht. Du hast den Mut, auszusprechen, was du denkst und was die andern denken. Ich bin in meinem Leben stets für Offenheit gewesen. Gerade an einem Tage wie diesem, wo wir zum ersten und vielleicht zum letzten Male so unter uns sind, wollen wir statt der üblichen Geburtstagsphrasen ehrlich miteinander sein. — Ihr macht euch Sorge, meine Sammlung könnte nach meinem Tode durch Teilung und Streitigkeiten unter euch entwertet werden. Diese Besorgnis ist von eurer Seite aus nicht unberechtigt. Sie sollte sich aber über die Sammlung hinaus auch auf alle die andern Kunstwerke erstrecken, die ich — und vor mir mein Vater, Großvater und Urgroßvater, gesammelt haben. Es ist die Sorge der Lebenden! Aber nicht der Toten!“ Diese beiden Sätze betonte er — und da die sechs ihn offenbar nicht verstanden, so fuhr er fort: „Dem Toten kann es an und für sich ja gleichgültig sein, wie sich seine Kinder mit dem Erbe auseinandersetzen — zumal, wenn sie imstande sind, auch ohne dies Erbe das Leben fortzusetzen, das sie bis dahin geführt haben. Noch ein Auto, noch eine Reise, ein paar Gesellschaften und ein Dutzend Kleider mehr im Jahr — lohnt es sich für mich, deshalb auch nur eine letztwillige Verfügung zu treffen? Es lohnt sich nicht! — Ihr verfahrt, als wäret ihr namenlose und traditionslose Neureiche. Deren einzige Macht ist das Geld! Aber ich und eure Mutter vermachen euch Wertvolleres! Einen Namen, dessen Wert nicht darin liegt, daß er Jahrhunderte alt ist, sondern, daß in jeder Generation die Träger dieses Namens Persönlichkeiten waren, die den Ruf der Jahrhunderte von neuem bestätigten. Ob da einer von ihnen ein bißchen Geld mehr oder weniger hatte, das hat in all den Jahrhunderten nie eine Rolle gespielt. Und nie ist es geschehen, daß einer eurer Ahnen seine Tür jemandem geöffnet oder ihn gar aufgefordert hat, an seinem Tische Platz zu nehmen, nur weil er ein reicher Mann war, von dem er Vorteile erwarten durfte. Ein Name wie der unsere verpflichtet. Von ihm kann man mit dem Dichter sagen: ‚Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen‘. — Mit anderen Worten: zeige dich des Namens wert, wachse in ihn hinein, indem du etwas leistest, was ihm Ehre macht! Sei als Mensch so bedeutend, wie es der Name ist, den du trägst. Wenn nicht auf dem Gebiete, auf dem deine Väter Großes leisteten, dann auf einem anderen Gebiet. — Ihr, Jungens, seid nicht Repräsentanten, sondern nur Nutznießer eures Namens. — Auch der beste Namen nutzt sich ab, wenn keine Leistung ihn bestätigt. Noch laufen Snobbisten und gesellschaftliche Streber diesem Namen nach. Ihr würdet sie auslachen, wenn ihr ihrem Gelde noch etwas anderes außer eurem Namen entgegenzusetzen hättet — und wenn es nur eine Persönlichkeit wäre! — Ihr wünscht, daß ich mein Haus bestelle und dafür sorge, daß über alles so zweckmäßig wie möglich schon zu meinen Lebzeiten Bestimmungen getroffen werden. Ich erwidere darauf: Das Wertvollste, was ich euch vermachen konnte, den Namen, habt ihr bereits. Aber ihr wißt nichts damit anzufangen. Ihr tragt ihn, wie man ein Plakat trägt. Ich aber sage euch: am gleichen Tage, wo einer von euch — gleichviel auf welchem Gebiet — eine Leistung vollbringt, die durch sich wirkt und unserem Namen Ehre macht, kommt wieder! — Der Frau des Tüchtigsten werde ich den Familienschmuck überantworten und meine Sammlungen, durch die sie zu einer der reichsten Frauen Europas wird.“

Die drei jungen Barone saßen nach dieser Rede mit gesenkten Köpfen da und wagten nicht aufzusehen. — Um so erregter waren die drei Frauen, die aufgesprungen waren und dem alten Baron laut Beifall klatschten.

„Ich halte die Wette“, rief Resi und streckte dem Alten die Hand hin.

„Was für eine Wette?“ fragte er erstaunt.

„Daß ich mit Richard das Rennen mache.“

„So? Das wird sich ja zeigen!“ widersprach Adele, während Elisabeth sagte:

„Jedenfalls haben wir jetzt eine Aufgabe zu erfüllen.“

VII.

Als die sechs in das Hotel Frankfurter Hof zurückfuhren, waren sie in einer Stimmung, die sie noch nie an sich beobachtet hatten. Es wäre — zum mindesten von den drei Brüdern v. Rosen-Geldberg — zuviel gesagt, wenn man behaupten wollte, daß sie im Innersten aufgewühlt waren. Dazu war ihr Innerstes wohl zu leer. Aber sie waren aus ihrer Lethargie erwacht und fühlten, daß sie in ihrem Leben, das bisher wie eine ununterbrochene Folge von Schaustellungen und Vergnügungen an ihnen vorübergezogen war, zum erstenmal mehr als die Rolle des Zuschauers spielen sollten. — Die weit temperamentvolleren drei Frauen aber waren geladen mit Aktivität und saßen ihren Männern mit Gefühlen gegenüber, als wenn sie ein Attentat auf sie planten.

„Was hast du vor mit mir?“ fragte Adolf ängstlich — und Frau Adele erwiderte:

„Gerade darüber zerbreche ich mir den Kopf.“

„Ich werde heute nacht kein Auge schließen“, sagte Resi.

„Glaubst du, ich?“ fragte Elisabeth — worauf Adele den Vorschlag machte, statt schlafen zu gehen, in ihrem Salon noch eine Flasche White Horse zu trinken. —

Im Hotelsalon fielen die drei Brüder etwas ermüdet in die Sessel, die um einen kleinen Tisch herumstanden, während ihre Frauen mit erhitzten Köpfen im Zimmer herumliefen.

„Ich hatte schon längst das Gefühl, es müsse etwas mit euch geschehen“, sagte Resi, die jetzt vor den drei Brüdern stand.

„Warum hast du denn nie etwas gesagt?“ fragte Richard.

„Haben wir uns in dem letzten Jahr denn überhaupt auch nur ein einziges Mal unter vier Augen gesprochen?“

„Ist das meine Schuld?“

„Hier steht nicht zur Diskussion, wer schuldig ist, sondern wer die Millionenwerte eures Vaters erbt.“

„Ich zerbreche mir gar nicht erst den Kopf“, sagte Adele — „denn mit Adolf ist doch nichts anzufangen.“

„Glaubst du, mir wird gelingen, aus Ernst einen Johore zu machen?“

„Was für einen Johore?“ fragte Adele.

„Oder wie heißt der japanische Tenor, nach dem sie vor ein paar Jahren alle ganz verrückt in Europa waren? — Es kann auch ein indischer Dichter gewesen sein.“

„Du meinst Tagore“, verbesserte Resi — und Elisabeth erwiderte — ohne im geringsten verlegen zu sein:

„Möglich — ich kenne mich in der indischen Literatur nicht aus — dafür weiß ich um so besser mit Pferden Bescheid.“

„Wenn Richard nicht Richard wäre — ich könnte aus jedem halbwegs normalen Manne einen Bismarck machen“, erklärte Resi.

„Na, normal sind wir doch!“ sagte Adolf.

„Viel zu normal!“ erwiderte Resi — dann trat sie dicht an Adolf heran und sagte:

„Vielleicht, wenn ich dich geheiratet hätte.“

„Nimm ihn dir“, erwiderte Adele.

„Du meinst, wir könnten tauschen?“

„Und wo bleibe ich, wenn ihr tauscht?“ fragte Elisabeth.

„Bei deinem Manne, der im übrigen auch der gescheiteste ist.“

„Ernst gescheit?“ wiederholte Elisabeth und mußte lachen. Sie trat dicht an ihren Mann heran, fuhr ihm mit der Hand durchs Haar und sagte: „Mein guter Junge bist du — aber im Kopf hast du nicht viel.“

„Mehr als meiner“, rief Resi — während Adele zu Richard aufsah und sagte:

„Wenn ich dich zum Manne hätte!“

„Ihr habt eben die falschen Männer geheiratet!“ erwiderte der — und die drei Frauen stimmten zu und sagten:

„Das ist es!“

„Läßt sich leider aber nicht mehr ändern“, sagte Richard.

„Wieso nicht?“ fragte Resi. „Mir käme es auf eine Scheidung mehr nicht an.“

„Nur kein Skandal“, bat Elisabeth — und Adele meinte:

„Man könnte die Umgruppierung ja in aller Ruhe vornehmen. Und wenn sie sich als richtig erweist, später die Konsequenzen ziehen und heiraten.“

„Wir sind drei Paare. Wären wir zwei, könnten wir einfach tauschen.“

„Also müssen wir losen!“ schlug Resi vor.

„Ich lasse keine Lotterie aus mir machen“, widersprach Richard — und auch Elisabeth erklärte:

„So ganz dem Glück wollen wir’s denn doch nicht überlassen. Dazu ist der Einsatz zu hoch. Wenigstens meiner!“

„Spielen wir um sie!“ schlug Adele vor. — „Wie wäre es mit einem Tennismatch?“

„Etwas verrückt“, meinte Resi — „aber es paßt zu uns.“

Der Vorschlag fand Beifall — zumal jede der Frauen glaubte, die beste Spielerin zu sein.

„Ich bin einverstanden“, erklärte Elisabeth, „aber es darf niemand etwas davon erfahren.“

„Einen Unparteiischen brauchen wir auf alle Fälle“, erwiderte Adele und fragte: „Wo ist Tete?“

„Der sitzt vermutlich noch unten und feiert mit unseren Tanten Papas Geburtstag.“

„Die hatten doch abgelehnt.“

„Er wird ihnen erzählt haben, daß er bei Papa zum Frühstück war, und die Tanten werden glücklich gewesen sein, daß sie daraufhin annehmen konnten.“

Richard telephonierte nach dem Speisesaal und fand seine Vermutung bestätigt. Die beiden Tanten waren in rosiger Laune und machten keinerlei Anstalten zu gehen.

Tete, dem Richard sagte, daß er ihn in einer wichtigen Angelegenheit noch heute nacht sprechen müsse, platzte vor Neugier und wünschte die Tanten zum Teufel.

Inzwischen berieten die sechs.

„In Berlin können wir das Tennismatch doch unmöglich austragen“, meinte Elisabeth. „Da gibt es einen Skandal — und ich habe Rücksicht auf meinen Papa zu nehmen.“

„Dann in Baden-Baden“, erwiderte Resi. „Ich wüßte jedenfalls sonst keinen Ort in Deutschland, an dem wir um die Jahreszeit nicht auf Bekannte stoßen und trotzdem den Komfort haben, den wir gewöhnt sind.“

„Aber ich kenne einen!“ sagte Elisabeth und schlug Bad Eilsen bei Hannover vor. „Der schönste Golfplatz ...“

„Wir wollen Tennis spielen.“

„... gute Tennisplätze, das bestgeführte Hotel — vor allem aber wenig Berliner, die diese Perle scheinbar noch nicht entdeckt haben.“

Und da alle begierig waren, dieses Bad kennenzulernen, so ließ Resi mitten in der Nacht eine Verbindung mit dem „Hotel Fürstenhof“ in Bad Eilsen herstellen und verlangte den Generaldirektor Sonnenhof zu sprechen.

„Ich werde Sie mit dem Direktor verbinden.“

„Dem Generaldirektor!“ wiederholte Resi.

Der Nachtportier stellte die Verbindung her.

„Hier Resi v. Rosen-Geldberg. Sagen Sie, Sonnenhöfchen, seit wann schlafen Sie denn mitten am Tage?“

„Aber es ist doch mitten in der Nacht.“

„Gott, was sehen Sie komisch aus!“

„Frau Baronin können mich doch gar nicht sehen!“

„Natürlich kann ich. Also hören Sie, Sonnenhöfchen — Ihr Name ist übrigens köstlich — aber nur bei gutem Wetter ...“

„Ich wüßte wirklich gern, was mir um drei Uhr nachts die Ehre verschafft ...“

„Regen Sie sich nicht auf — sondern notieren Sie — Sie haben doch einen Block am Bett?“ —

„Also was, bitte, soll ich notieren?“

„Daß ich mit einer ganzen Horde morgen nacht ...“

„Mit welchem Zuge?“

„In Autos natürlich — bei Ihnen eintrudle. Und zwar drei Barone v. Rosen-Geldberg mit ihren Frauen, Zofen, Dienern, Chauffeuren, Autos.“

„Was darf ich belegen?“

„Drei Appartements mit je einem Salon, zwei Schlafzimmern und Bädern und das Nötige für die Dienerschaft.“

„Und auf wie lange?“

„Für eine Nacht und den darauffolgenden Vormittag. — Aber was die Hauptsache ist: sämtliche Tennisplätze müssen ab übermorgen für uns reserviert bleiben.“

„Das wird nicht gehen.“

„Es geht!“

„Darüber können wir uns ja noch unterhalten, wenn Sie hier sind.“

„Ausgeschlossen — wir kommen nur des Tennisplatzes wegen.“

„Von Frankfurt nach Eilsen — um Tennis zu spielen?“

„Wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Im Gegenteil — ich freue mich — aber außer dem Tennisplatz haben wir hier ...“

„Einen fabelhaften Golfplatz — ich weiß.“

„Und die besten Schlamm- und Schwefelbäder.“

„Die uns nicht im mindesten interessieren.“

„Im Augenblick habe ich allerdings nur ein Appartement ...“

„Sie werden morgen abend drei haben. — Und nun ziehen Sie sich das Deckbett über die Ohren und schlafen Sie weiter! Gute Nacht!“ — Sie hing den Hörer an und sagte: „So, die Zimmer hätten wir, den Tennisplatz auch — wir fahren also morgen früh 5 Uhr 40 nach Berlin ...“

„Es ist bereits halb zwei“, bemerkte Adele.

„Also haben wir noch unendlich viel Zeit. Um 12 Uhr 44 sind wir in Berlin, lunchen im Bristol, bestellen uns für drei Uhr unsere Autos mit Koffern zum Hotel. Gegen neun etwa sind wir dann in Bad Eilsen. Und am nächsten Morgen: Auf in den Kampf!“

„Du tust gerade so, als wenn es dabei etwas zu gewinnen gäbe“, sagte Adele — und Resi erwiderte:

„Für mich ist es schon ein beruhigendes Gefühl, daß ich bei diesem Kampf nichts verlieren kann.“

„Ihr seid sehr frech“, sagte Richard plötzlich. Die drei Frauen stutzten und sahen ihn an, während er fortfuhr: „Aber gerade so gefallt ihr mir. Und wenn Papa nichts weiter erreicht hat, als euch einander näherzubringen, so hat sich die Reise auch gelohnt.“

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und es erschien, müde und strapaziert, Iwan Tetenborn.

„Haben Sie die Tanten auch schön nach Hause gebracht?“ frotzelte ihn Resi.

„Ich habe gesagt, ich fühle mich nicht wohl — sonst hätten sie bis morgen früh Geburtstag gefeiert.“

„Wenn du eine von ihnen heiratest“, sagte Richard — „würdest du unser Onkel werden.“

„Welche?“ fragte Iwan, der es für ernst nahm.

„Am besten gleich alle beide. Du hast doch gute Beziehungen! Du mußt dem Minister glaubhaft machen, daß du bei dem Alter meiner Tanten befürchten mußt, in absehbarer Zeit Witwer zu werden. Dieses Risiko schwächst du ab, indem du beide heiratest, die sowieso ihr Leben lang noch nicht getrennt waren.“

Tetenborn lachte — wie immer, wenn er verlegen war. Mit dem Gedanken, eine von beiden zu heiraten — und er wußte auch, welche — nämlich die, die ständig schwieg — hätte er sich in der Vorstellung, daß er des alten Barons Schwager und der Onkel der drei jungen Barone wurde, abgefunden. Sich aber mit beiden zu belasten, schien ihm untragbar. Während er noch nach einer ausweichenden Antwort suchte, die niemand verletzte, sagte Resi:

„Wissen Sie schon das Neueste, Tete? — Mit uns geht eine große Veränderung vor.“

Tetenborn sperrte den Mund weit auf — und Elisabeth sagte:

„Raten Sie!“

„Eine Veränderung? — Wollen Sie sich die Haare rot färben lassen? Ich las in einem französischen Blatt ...“

„Unsinn! Etwas viel Ernsteres! — und es betrifft nicht nur uns Frauen, sondern alle sechs.“

Tetenborn riet:

„Sie wollen — aus dem Poloklub austreten — das dürfen Sie mir zuliebe nicht tun — oder gar Ihren Wohnsitz nach Paris verlegen — das gesellschaftliche Leben Berlins stände still.“

„Etwas viel Ernsteres.“

„Ja, gibt es das?“

„Wir haben dies Leben satt.“

„Sie wollen sich umbringen!“ rief Tetenborn entsetzt.

„Im Gegenteil! Wir wollen einen Sinn in unser Leben legen.“

„Ja, wie kommen Sie denn auf die Idee? Es ging doch bisher alles gut — auch ohne Sinn. — Wozu plötzlich so revolutionäre Gedanken?“

„Weil wir nicht länger die Frauen von Männern sein wollen, deren einzige Bedeutung darin liegt, daß sie die Söhne des Barons v. Rosen-Geldberg sind.“

„Einzige Bedeutung?“ wiederholte Tete fassungslos. „Als wenn das nicht genug wäre! Alles, was Sie tun, kann die Bedeutung nur herabmindern.“

„Nicht die Geburt — die Leistung macht den Mann“, verkündete Resi.

„Wie kommen Sie plötzlich zu dieser kommunistischen Weltauffassung?“

„Wieso kommunistisch?“ fragte Elisabeth. — Tetenborn erwiderte:

„Das kann ich im Augenblick nicht sagen — aber es klingt so.“

„Kommunismus ist ein Schlagwort“, erklärte Adolf — und da er früher einmal Diplomat gewesen war, so horchten alle auf — „mit dem man feige Seelen ins Bockshorn jagt.“

„Wo hast du das her?“ fragte Resi begeistert. „Ich glaube, aus dir ließe sich ein Lassalle machen.“

„Wieso Lassalle?“ fragte Adolf. „Ein gesellschaftlicher Außenseiter, der nie in unseren Kreisen verkehrt hätte.“

„Hätte Napoleon bei uns verkehrt, als er noch einfacher Leutnant auf Korsika war?“ fragte Resi. „Und was hat er nachher als Kaiser der Franzosen für eine gesellschaftliche Rolle gespielt?“

„Er konnte einladen und verkehren, mit wem er wollte“, bestätigte Elisabeth.

„Also Napoleon!“ sagte Adolf — ohne recht zu wissen, weshalb. Aber Iwan Tetenborn fuhr, als wenn ihm jemand einen Stoß gegeben hätte, zusammen — wich dann ein paar Schritte zurück und sagte — zitternd vor Erregung:

„Jetzt — verstehe ich.“

„Was ist Ihnen, Tete?“ fragte Elisabeth.

„Sie wollen in Deutschland die Monarchie errichten.“

„Wer?“

„Die Dynastie des Hauses v. Rosen-Geldberg wird eine Hausse an allen Börsen der Welt zur Folge haben.“

„Sie kriegen es fertig und verbreiten das.“

„Kein Wort kommt über meine Lippen. — Immerhin läßt sich damit an der Börse morgen viel Geld verdienen.“

Er stürzte zur Tür und verschwand.

VIII.

„Und nun ziehen Sie das Deckbett über den Kopf und schlafen Sie weiter“ — diese teilnahmsvollen Worte der Baronin Resi v. Rosen-Geldberg beschäftigten den Generaldirektor Sonnenhof die ganze Nacht über, während der er sich den Kopf über die Unterbringung der drei Familien mit Gefolge zerbrach. Er schaffte schließlich Rat — wie, blieb sein Geheimnis — und war gegen Morgen gerade im Begriff, wieder einzuschlafen, als der Direktor des Fürstenhofs an seine Tür klopfte und ihn dringend zu sprechen wünschte. Diese Störung war so ungewöhnlich, daß Sonnenhof aus dem Bett sprang und dem Direktor entgegeneilte. Der hielt einen Berg von Depeschen in den Armen.

„Was ist los?“ fragte Sonnenhof — und der Direktor erwiderte:

„Eine Invasion aus Berlin.“

„Für wann?“

„Sämtlich für morgen — und ausschließlich Appartements mit Salon und Bad, Garage und Dienerschaft.“

„Das hängt mit den Baronen v. Rosen-Geldberg zusammen“, erklärte Sonnenhof. „Irgendeine Kluboder Geburtstagsfeier. — Bringen Sie die Leute unter, so gut es geht.“

„Es geht überhaupt nicht. Das Badehotel ist auch besetzt.“

„Geben die Leute an, wie lange sie bleiben wollen?“

„Eine Nacht.“

Sonnenhof überlegte.

„Wir müssen ihnen sämtlich abdepeschieren“, meinte der Direktor.

„Nicht einem drahten wir ab“, widersprach Sonnenhof, der inzwischen die Telegramme durchgeblättert hatte. „Das sind lauter prominente Leute. Eine derartige Gelegenheit, den besten Gesellschaftskreisen Berlins unser Bad zu zeigen, kehrt nie wieder. Sie drahten, — und zwar an alle: ‚Werden trotz Überfüllung bestmöglich für Unterkunft sorgen.‘“

„Man kann die Leute doch nicht im Freien kampieren lassen.“

„Warum nicht?“

„Herr Generaldirektor!“

„Man muß es ihnen natürlich plausibel machen“, erwiderte Sonnenhof und telephonierte an den Kurdirektor v. Sievert:

„Wenn wir in den nächsten vierundzwanzig Stunden auf dem Posten sind, ist in Bad Eilsen auf Jahre hinaus jedes Zimmer besetzt.“

„Uns fehlen dreiundzwanzig Appartements, siebenundsechzig Betten ...“, jammerte der Direktor.

„Nichts fehlt uns“, erwiderte Sonnenhof und sprach dann wieder in den Apparat: „Sie müssen für morgen abend“ — draußen wurde es hell — „also für heute abend, ein Fest arrangieren, das keinen Menschen auf den Gedanken kommen läßt, ins Bett zu gehen.“

„Eine großartige Idee! Aber wie stellt man das an?“

„Denken Sie darüber nach!“

„Für heute sagen Sie?“

„Ich hab’s“, rief Sonnenhof. „Wir veranstalten zu Ehren der Berliner Gäste ein Sommerfest unter der Flagge: ‚Das Nachtlager zu Eilsen‘ — klingt doch wunderbar! — Tendenz des Festes muß sein, daß sämtliche Gäste im Freien kampieren, auf dem Rasen und in Liegestühlen. Außerdem bauen wir für besonders Vergnügungssüchtige Lauben.“

„Die Idee ist nicht übel“, sagte der Kurdirektor. „Aber ob Sie damit die verwöhnten Berliner die ganze Nacht über im Freien halten?“

„Das wird darauf ankommen, was Sie als Kurdirektor für Überraschungen bieten!“

„Man könnte einen Cowboy-Film im Freien drehen.“

„Ausgezeichnet! “

„Überfall auf das Hotel — die Gäste fliehen — die Cowboys besetzen Fürstenhof und Badehotel.“

„Dazu brauchen Sie doch Operateure und Aufnahmeapparate.“

„Gute Kapellen brauche ich und gute Eintänzer — das ist viel wichtiger. Einen Operateur lasse ich aus Hannover kommen — und wenn wir unseren Gästen sagen: eine der ersten amerikanischen Filmgesellschaften macht heute nacht die Aufnahmen für den Weltfilm: ‚Das Nachtlager von Eilsen‘ — die Gäste können zuschauen — und wer will, darf mitspielen — ich garantiere Ihnen, da ist das Interesse so groß, daß die Nacht zu kurz wird.“

Sonnenhof begeisterte sich an seinem Projekt.

„Ich lass’ im Freien servieren, tanzen und die Gäste machen, was sie wollen. Sorgen Sie nur für möglichst viel Lauben.“

„Und wenn die Nacht vorbei ist und die Gäste erschöpft sind?“

„Dann jagen wir sie in unsere Schlamm- und Schwefelbäder.“

„Wie wollen Sie das anstellen?“

„Indem große Scheinwerfer verkünden: ‚Das Gesündeste nach einer durchwachten Nacht ist ein Schlamm- oder Schwefelbad‘.“

„Das nenn’ ich, aus der Not ein Geschäft gemacht.“

„Geschickt zu disponieren ist die Seele jedes Geschäfts. Ich lasse mich so leicht nicht ins Bockshorn jagen. — Nach dem Bad wird der Lunch wieder im Freien serviert. Und nach dem Lunch fahren die Autos mit dem großen Gepäck, das gar nicht geöffnet wurde, zur Rückfahrt vor. In der Kunst, den Gästen, ohne daß sie es merken, seinen Willen aufzuoktroyieren, liegt das Geheimnis des Erfolgs. So etwas haben selbst die Berliner noch nicht erlebt — und nach Berliner Art werden sie unter ihren Bekannten verbreiten: Wenn ihr euch amüsieren und gut baden wollt, geht nach Eilsen. Wir haben da jede Nacht durchgetanzt — und uns doch erholt.“

„Zugegeben — aber wo bleibt das Geschäft?“

„Die Reklame wäre lohnend — auch wenn kein Geschäft dabei herausspränge. Man könnte sogar mit ruhigem Gewissen draufzahlen. Aber ich glaube es nicht. Wenn wir es richtig aufziehen, gewinnen wir das Spiel. Ein Appartement und ein paar Zimmer für Widerspenstige müssen natürlich bereitgehalten werden. Die Hauptsache wird sein, daß man die Rosen-Geldbergs, von denen das Ganze zweifellos ausgeht, für den Spaß gewinnt. Das übernehme ich. Das Fest arrangieren Sie! Scheuen Sie keine Kosten. Eine ähnliche Gelegenheit, Propaganda für Eilsen zu machen, kehrt nie wieder!“

Der anfangs noch etwas verschlafene Kurdirektor war jetzt ganz munter. Das war etwas für ihn! Ein Sommerfest sozusagen aus dem Rasen zu stampfen. Aus nichts als aus einem blauen Himmel und in Blüte stehenden Bäumen Stimmung zu erzeugen — er fühlte sich plötzlich um zehn Jahre jünger — der Korpsstudent in ihm erwachte — und mit dem Lied auf den Lippen: „Möchte nie auf Erden — etwas anderes werden — als ein feuchtvergnügter Studio“, faßte er seine junge Frau, die gerade die Schulbrote für ihre Kinder strich, um die Taille und tanzte mit ihr einen Blackbottom. —

Abends aber glich der festlich illuminierte Fürstenhof einem Märchenschloß. Der weite Park vor dem Hotel war ein einziger Hain von Blumenlauben. In der Mitte war ein weiter Wiesenraum freigelassen, auf dem etwa sechzig runde Tische standen, die für das Souper gedeckt waren — mit brennenden Kerzen in silbernen Leuchtern, auf Blumen und kostbarem Porzellan. Schon von halb sieben an, als die ersten Autos kamen, tanzte man zur Musik einer aus Hannover geholten Jazzband, die zusammen mit der Kurkapelle und dem Künstlertrio des Hotels dafür sorgte, daß bis morgens früh keine Pause entstand.

Es fiel dem Generaldirektor Sonnenhof auf, daß die Berliner Gäste offenbar unabhängig voneinander die Reise nach Bad Eilsen angetreten hatten, trotzdem aber sämtlich miteinander bekannt waren.

„Sie auch hier?“ begrüßten sie sich immer von neuem erstaunt — und auf die weitere Frage: „Wieso?“ erfolgte stets nur ein geheimnisvolles Lächeln.

Als einer der Ersten war Tete zur Stelle, der auch darauf bestand, ein Zimmer zu bekommen, während die andern voller Neugier und in der Erwartung, etwas Besonderes zu erleben, sofort sich in das Vergnügen stürzten.

Am erstauntesten aber waren die Rosen-Geldbergs. — Kurz hinter Hannover sagte Adele zu ihrem Manne:

„In diesem Eilsen wird man sich endlich einmal ausruhen können“ — und eine Stunde später rief sie beim Anblick des erleuchteten Fürstenhofs, der belebten Wiesen und der vielen Menschen, die sich im Tanze drehten:

„Gott sei Dank! Hier ist was los! — Sieh nur, wie himmlisch!“

Adolf betrachtete vom Auto aus stehend das Bild.

„Wie in Versailles zur Zeit der Ludwige“, sagte er.

„Der Ludwige?“ fragte Adele — erstaunt über den treffenden Vergleich — worauf Adolf unsicher wurde und erwiderte:

„Es können auch die Orleans gewesen sein.“

Adele schwieg und dachte: „Aus ihm könnte man höchstens einen Empfangschef machen.“

Als die Rosen-Geldbergs an dem Hotel vorfuhren, sahen sie zu ihrem Erstaunen überall ihnen bekannte Wagen:

Da stand der Buick Tetenborns neben dem Rolls Royce Fredi Försters — Deinhard v. Eckardsteins Chrysler neben Kurt Milowskis rotem Mercedes — und Dr. Wertheimers Packard neben Meiningers Duysenberger.

„Ich kehr’ um!“ rief Elisabeth wütend — aber schon stand Tete am Wagenschlag und bettelte mit einem so dummen Gesicht: „Bleiben Sie mir zuliebe“, daß Elisabeth ausstieg und Tetenborn fragte: „Nur, wenn Sie mir sagen, wie Sie das wieder angestellt haben.“

Und Tete gestand, daß er den gemeinsamen Bekannten in der Nacht von Frankfurt aus telegraphiert hatte: „Wenn Sie etwas Besonderes erleben wollen, so seien Sie morgen abend in Bad Eilsen.“

„Und was bezwecken Sie mit dieser — bewußten Irreführung?“ fragte Elisabeth ärgerlich.

„Einem historischen Vorgang einen würdigen Rahmen zu geben.“

„Was haben Sie den Leuten erzählt?“ fragte Resi.

„Nichts — die platzen vor Neugier.“

„Und dieses Fest?“ — Resi wies auf Park und Wiesen.

„Ist mir auch ein Rätsel“, erwiderte Tete. „Vermutlich wissen es doch noch andere.“

Der Generaldirektor war zur Begrüßung an sie herangetreten:

„Wie steht es mit dem Tennisplatz?“ fragte Resi.

„Die Plätze sind taghell erleuchtet — Sie können die ganze Nacht über spielen“, erwiderte Sonnenhof. „Auch eine Jazzband steht, wenn Sie wünschen, für den Tennisplatz zur Verfügung.“

„Großartig!“ rief Resi. — „Wir spielen sofort.“

„Die bequemsten Räume zum Umziehen finden Sie im Sporthaus direkt bei den Tennisplätzen. Ich habe die Räume für Sie belegt und Ihr Gepäck bereits hinüberbeordert.“

„Wie aufmerksam!“ erwiderte Resi.

„Wir müssen zum mindesten doch erst essen“, sagte Richard, wandte sich an Sonnenhof und fragte: „Frack oder Smoking?“

Sonnenhof wies auf die Lauben und gedeckten Tische im Freien und sagte:

„Am besten im Tennisdreß. — Wir feiern nämlich ein Sommernachtsfest.“

Tetenborn hatte den neugierigen Berlinern, die durchaus wissen wollten, weswegen sie gekommen waren, geheimnisvoll erwidert:

„Devise: die Barone v. Rosen-Geldberg.“

Also wurden sie mit großem Jubel empfangen. Die Stimmung beim Essen, das mit großem Raffinement zusammengestellt war, stieg von Stunde zu Stunde. Um Mitternacht kletterte Tetenborn auf einen Tisch, warf erst den silbernen Leuchter mit den brennenden Kerzen, dann ein paar Gläser und Schalen um und rief:

„Meine Damen und Herren! Deutsche Frauen und Männer! Gleichviel, welcher Partei und Konfession — ich ersuche Sie, sich zu Ehren der Freiherren v. Rosen-Geldberg, eines der ältesten und reichsten Geschlechter Deutschlands, zu erheben und mit mir einzustimmen in den Ruf: Wozu immer Gottes Gnade sie berufen möge: Hurra, hurra, hurra!!!“

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9788711488508
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