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Das Liebesleben eines deutschen Jünglings

Erotische Bibliothek

Band 16

Arthur Zapp

Das Liebesleben eines deutschen Jünglings

Erstmals erschienen 1920

© Lunata Berlin 2019

Inhalt

Vorbemerkung des Herausgebers

Vorwort des Verfassers

Das Liebesleben eines deutschen Jünglings

Über den Autor

Die erotische Bibliothek

Vorbemerkung des Herausgebers

Ich lernte Albert Zell, der in den nachfolgenden Blättern die erotischen Erlebnisse seiner Jugendzeit erzählt, während des Feldzuges 1870/71 kennen, den wir als blutjunge Pennäler in demselben Regiment mitmachten. Gleiche Neigungen und Interessen schlangen bald das Freundesband um uns, das erst durch seinen Tod zerrissen wurde. Wenn wir auch jahrelang örtlich getrennt waren, geistig standen wir immer in Verbindung. Zell besaß alle Eigenschaften, die das weibliche Geschlecht anziehen und fesseln. Mit einem sehr ansprechenden Äußern verband sich ein lebhaftes, heißblütiges Temperament, viel Phantasie und warmes Gefühl. Wie er die Frauen, so zog auch ihn die Weiblichkeit unwiderstehlich an. Dabei war er durchaus keine leichte, oberflächlich angelegte Natur; er war keineswegs ein allzeit lustiger, fröhlicher Gesell, der das Leben von der heiteren Seite nahm. Im Gegenteil, die Grundzüge seines Charakters waren Ernst und Schweigsamkeit, ja, er neigte schon in jungen Jahren zur Melancholie. Eben diese Mischung seines Wesens war es wohl, die so sehr auf die Mädchen und Frauen wirkte, mit denen ihn seine etwas außergewöhnlichen Schicksale in Verbindung brachten. Einige seiner Beziehungen zu dem weiblichen Geschlecht sah ich entstehen und sich weiter entwickeln. Die meisten seiner erotischen Erlebnisse habe ich jedoch erst durch seine hier verzeichneten Bekenntnisse kennen gelernt. Wenn er wiederholt in den nachfolgenden Blättern das Typische seines Liebeslebens betont, so wird mancher Leser zweifelnd den Kopf schütteln. Man möge aber bedenken, daß sich diese erotischen Abenteuer, die hier in der Erzählung gewissermaßen Schlag auf Schlag folgen, in der Wirklichkeit sich auf viele Jahre verteilten. Wer das Leben kennt, wird wissen, daß ein so ungebundenes Liebesleben bei unserer Jugend die Regel bildet, bei der heutigen vielleicht noch mehr, als bei der, der mein Freund und ich angehörten. Welche Motive ihn bei seinen sehr offenherzigen Aufzeichnungen leiteten, wird der Leser aus seinen eigenen Erklärungen ersehen. Sie waren sicherlich keine unedlen, und wer vorurteilslos liest und die Schlußfolgerungen prüft, die er aus alledem zieht, wird zugeben, daß diesen sehr menschlichen Dokumenten ein kulturgeschichtlicher Wert nicht fehlt und daß die Absichten des Verfassers durchaus sittliche, kulturfördernde waren.

Mein Freund starb im Jahre 1917, nachdem er noch einen zweiten Band, der von seinem Eheleben berichtet und der den Titel: »In der Ehe, Bekenntnisse eines Ehemannes« führt, niedergeschrieben hatte. Er starb keines natürlichen Todes. Der große Weltkrieg hat auch ihn zu Fall gebracht, nachdem er ihm seine beiden Söhne und seine aufs innigste geliebte Frau, die den Tod ihrer Lieblinge nicht verwinden konnte, geraubt hatte. In seinem Testament hat er mir diese seine beiden letzten Manuskripte vermacht und mich beauftragt, sie zu sichten, eventuell zu überarbeiten und herauszugeben. Er selbst mochte bei der Durchsicht empfunden haben, daß er zuweilen doch allzu rückhaltlos verfahren, und daß manches nicht so der Öffentlichkeit übergeben werden konnte, als er es in seinem rücksichtslosen Wahrheitsdrang, der immer einer der Hauptzüge seiner Natur gewesen, kritiklos auf das Papier geworfen hatte.

Arthur Zapp

Vorwort des Verfassers

Wenn ich heute als Mann von 65 Jahren die Geschichte meines wilden jugendlichen Liebeslebens niederschreibe, so tue ich es wahrlich nicht aus Freude an der Erinnerung, denn neben manchem Schönen habe ich noch mehr Unschönes, Beschämendes zu berichten. Noch weniger schreibe ich aus Sensationslust, denn ich bin heute ein müder Greis, dem nur noch eine kurze Spanne Lebenszeit zugemessen ist und der resigniert, wunschlos, mit überlegenem Lächeln auf die Eitelkeiten des Lebens blickt. Ich veröffentliche die Erlebnisse meiner Jugendzeit aus demselben Grunde, der mich veranlaßt hat, in früheren Romanen die unnatürlichen, kulturwidrigen, durch und durch verrotteten Zustände in unserem Liebes- und Eheleben zu schildern und an den Pranger zu stellen. Ich will an dem mir zunächst liegenden Beispiel zeigen, wie sich das Liebesleben des deutschen Jünglings abzuspielen pflegt. Es handelt sich ja nicht um die Darstellung der Sitten eines Einzelindividuums, die wenig Wert haben würde, sondern um die des typischen Treibens unserer männlichen Jugend. So wie ich und meine damaligen Altersgenossen vor vierzig Jahren unter der Herrschaft der zweierlei Moral das schönste, höchste und stärkste Gefühl des Menschen geschändet, in den Schmutz gezogen haben, ohne uns dessen bewußt zu sein, weil wir die anderen so leben sahen, weil wir wußten, daß unsere Väter es nicht anders getrieben hatten, ebenso verzetteln auch noch heute die jungen Leute ihre Kraft zu lieben. Wer hat schuld an dieser beschämenden Tatsache, die unser ganzes Leben vergiftet und die Ursache von schweren moralischen und physischen Gebrechen und Leiden ist? Der einzelne nicht, sondern die Gesellschaft hat schuld, d.h. die tonangebenden Kreise, die die staatlichen Gesetze, die gesellschaftlichen Sitten und Gebräuche und Anschauungen geschaffen haben. Unsere sozialen Einrichtungen lassen nicht zu, daß die Männer der gebildeten, führenden Klassen vor dem 35. Lebensjahr heiraten. Das ist der Urquell alles Übels, der Prostitution und der illegitimen Verhältnisse, des wüsten Liebeslebens der unverheirateten Männer. Solange wir diese unsinnigen grellen Mißverhältnisse haben, solange wird und kann es nicht anders sein. Ich frage: Was sollen denn unsere jungen Männer tun, die noch ein halbes Dutzend Examina und lange Probe- und Diätarjahre vor sich haben, bevor sie eine Anstellung erlangen, die ihnen gestattet, eine Familie zu gründen? Will man den normalen, gesunden jungen Männern etwa zumuten, den stärksten natürlichen Trieb zu unterdrücken, sich körperlich selbst zu mißhandeln? Wenn sie es auch wollten, sie könnten es nicht, denn die gemißhandelte Natur würde sich doch elementar Bahn brechen. Ein gesunder, normaler junger Mann kann bis in die dreißiger Jahre hinein ohne geschlechtlichen Verkehr nicht leben. Er würde körperlich und seelisch ein Krüppel werden, wollte er es versuchen; Lebensfreude und Arbeitslust würden dahinsiechen, und er würde zur Liebe und Ehe und zur Erzeugung von Kindern nicht mehr tauglich sein. Die Natur läßt sich nicht spotten. Unsere unkulturellen sozialen Verhältnisse zwingen den normalen jungen Mann zur Prostitution mit allen ihren häßlichen, gefahrbringenden Begleiterscheinungen oder zur Verführung ehrbarer Mädchen oder zu widernatürlichen, ungesunden Manipulationen. Deshalb ist es Heuchelei oder Unverstand, will man die jungen Leute verdammen, die so leben, wie – ich gelebt habe. Die ganze geschlechtliche Frage ist nur ein Teil der großen sozialen Frage. Schafft Zustände, daß jeder junge Mann, gleichviel welchen Berufes, zwischen dem 20. und 22. Lebensjahr das Mädchen seiner Liebe heimführen kann, und daß er es nicht nötig hat, sich an ein reiches Mädchen, das ihm vielleicht Widerwillen einflößt, zu verkaufen und heimlich das Lasterleben seiner Jugend auch als Ehemann fortzuführen, um den in der Ehe unbefriedigten natürlichen Trieben zu genügen. In den meisten Kulturstaaten sind heute allein die Handarbeiter in der glücklichen Lage, mit zwanzig Jahren Liebesehen einzugehen und ihre natürlichen Begierden in legaler Weise zu befriedigen. In den unteren Ständen ist die Frühehe die Regel, in den oberen die Spätehe. Deshalb leben auch die jungen Leute der gesellschaftlich höheren Kreise geschlechtlich viel ungebundener, sittenloser und deshalb ist es auch Tatsache, daß Geschlechtskrankheiten in den oberen und mittleren Bevölkerungsschichten häufiger sind als in den Handarbeiterkreisen. Die jungen Arbeiter pflegen sehr häufig das von ihnen geschwängerte junge Mädchen zu heiraten, die »besseren« jungen Männer fast nie.

Schon in der Jugend müßte die Grundlage einer schöneren, reineren Auffassung von dem Verhältnis der beiden Geschlechter zueinander und ihrer gegenseitigen Pflichten gelegt werden. An Stelle einiger für die bei weitem größere Mehrzahl der Schüler wirklich recht entbehrlichen Disziplinen (z.B. Griechisch, höhere Mathematik, das Auswendiglernen starrer, veralteter Dogmen usw., wobei weder Geist noch Gemüt profitieren) müßte das wichtigste aus der Biologie, von der Natur des Menschen und auch Moralunterricht gegeben werden. Hierbei müßte die Jugend auch über das Wesen der geschlechtlichen Dinge in der ihr angemessenen Weise aufgeklärt und die heranwachsenden Jünglinge zur Achtung des Weibes, zur richtigen Würdigung des Liebeslebens und zur geschlechtlichen Selbstachtung erzogen werden...

Wenn ich meine Scheu, meine Bedenken, das erotische Leben meiner Jugendjahre der Öffentlichkeit preiszugeben, überwunden habe, so tat ich es, um durch ein aus dem Leben gegriffenes, ohne irgendwelche erdichteten romanhaften Zutaten und ohne alle Beschönigungen dargestelltes drastisches, eindruckfähiges Beispiel die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese unhaltbaren Zustände zu lenken und zum Nachdenken darüber anzuregen. Ich tat es in dem Bewußtsein, daß ja alle, die von meinen Offenherzigkeiten Kenntnis nehmen, dieselben Jugendsünden hinter sich haben, die einen mehr, die anderen weniger, und von dem Wunsche beseelt, die Erkenntnis der Reformbedürftigkeit unserer sozialen und damit verbundenen und davon abhängigen übrigen kulturwidrigen Zustände auf allen Gebieten des Lebens immer weiteren Kreisen zu erschließen und die Bestrebungen einer bisher noch so kleinen Gruppe von vorurteilslosen Kulturfreunden fördern zu helfen, unser Liebesleben und unsere Eheinstitution sittlicher, menschenwürdiger zu gestalten.

Albert Zell

Das Liebesleben eines deutschen Jünglings

Ich war noch nicht ganz fünf Jahre alt, als ich das erste erotische Erlebnis hatte. Die aktive Rolle, die dem Manne nach Sitte und Herkommen in erotischen Dingen gebührt, spielte ich jedoch nicht dabei, sondern meine ältere Schwester Marion und ihre Freundin waren es, die mich und meinen kleinen Freund Viktor von Lichtenstein veranlaßten, mit ihnen auf den Heuboden auf dem Hofe unseres elterlichen Grundstücks zu klettern, um hier Vater, Mutter und Kind zu spielen. Oben mußte ich mich zu der Spielgefährtin legen, und meine Schwester, die alles das angab, wies den kleinen Viktor an, sie zu umhalsen. Meine kleine Frau und ich ahmten diese Prozedur folgsam nach, und nach einem Weilchen zogen die beiden kleinen Mädchen ihre Puppen, die sie unter ihren Kleidern verborgen gehalten, hervor und erklärten: Die Kinder seien nun geboren. Man sieht, wie geschäftig die Phantasie der kleinen Mädchen ist, sich schon in frühester Kindheit in recht naiver Weise in die Hauptrolle ihres künftigen Lebens als Gattin und Mutter hineinzuträumen.

Mein Spielgefährte und ich waren aber nicht recht bei der Sache; uns langweilte das Spiel, und unwirsch verließen wir den Schauplatz unserer ersten kindlich harmlosen erotischen Betätigung.

Dabei war ich durchaus kein phantasieloser Stockfisch; im Gegenteil, die Phantasie spielte in meinem späteren Liebesleben eine große, zuweilen stark stimulierende Rolle, aber sie schlummerte damals noch gänzlich. Im übrigen war ich schon in meiner frühen Kindheit ein Träumer. So habe ich in späteren Jahren meine Mutter erzählen hören, daß man mich einmal um die Mittagszeit vergebens im ganzen Hause und auf dem Hofe gesucht habe. Endlich fand man mich im Garten, im dichten Gebüsch; mit offenen Augen stand ich und starrte träumend vor mich hin. Ich selbst erinnere mich, daß ich als Kind die Gewohnheit hatte, mich in eine Märchenwelt hineinzudenken, mit der ich die Gestalten meiner Lektüre bevölkerte. Die böse Stiefmutter im Märchen von dem armen Geschwisterpaar Hänsel und Gretel verkörperte sich mir in der Gestalt einer bei uns Kindern gefürchteten häßlichen, keifenden, alten Nachbarin, und in einem biederen, wegen seiner jovialen Freundlichkeit bei uns Kindern beliebten alten Werkmeister einer Tuchfabrik sah ich den lieben Gott, von dem ich gelesen hatte, daß er zuweilen in Gestalt eines Mannes auf Erden wandele, um die Menschen, Gute und Böse, auf die Probe zu stellen.

Als ich elf Jahre alt war, machte ich meine ersten dichterischen Versuche. Damals war ein Mädchen, etwa in der Mitte der zwanzig, als Wirtschafterin in mein Elternhaus gekommen. Eveline Schrader war sentimental angehaucht, spielte die Gefühlvolle und erwies sich besonders mir gegenüber sehr liebenswürdig, und so machte ich sie zur Vertrauten meiner heimlichen lyrischen Bestrebungen. Sie lobte meine Gedichte, wohl mehr, um sich bei mir einzuschmeicheln, als aus wirklich objektivem künstlerischen Interesse; mehr denn als Dichter gefiel ich ihr offenbar als hübscher Bengel. Sie lehnte sich an mich, streichelte mir die Backen und mit schmelzender Stimme flüsterte sie mir ins Ohr: »Albert! Albertchen! Mein schöner lieber Junge!« Ihre heiße Wange schmiegte sich an meine.

Ich kann nicht sagen, daß mir diese Zärtlichkeitsanwandlung der etwa vierzehn Jahre Älteren Vergnügen bereitet und entsprechende erotische Regungen in mir erweckt hätte, im Gegenteil, die Verliebtheit der Wirtschafterin rief in mir, wie auch später ähnliche Situationen mit sinnlich begehrenden und meist älteren Mädchen und Frauen, nur eine peinlich beklommene Stimmung hervor. Aber die in dem liebeglühenden Alter des reifen Mädchens Stehende ließ nicht locker. Sie schwärmte mir von einem ihrer früheren Verehrer vor, wie lieb er sie gehabt, wie er ihre Schönheit gepriesen. Und eines Tages raffte sie ihr Kleid bis fast zum Knie: »Habe ich nicht ein schönes Bein, Albertchen?«

Natürlich wandte ich mich betreten ab und vermied von da ab, mit der Versucherin allein zu sein.

Ich war nahezu dreizehn Jahre alt, als ich endlich die Liebe kennen lernte, die in meinem ganzen späteren Dasein, wie im Leben jedes phantasiebegabten temperamentvollen Mannes, eine große Rolle spielen sollte. Der Blick der schwärmerischen blauen Augen, das freundliche Lächeln der blonden, anderthalb Jahre jüngeren Elise Grabert, einer Schulfreundin meiner gleichaltrigen jüngeren Schwester Gertrud, war es, was mich bezauberte und die ersten erotischen Triebe in mir wachrief. Nur ein halbes Jahr lang ungefähr währte diese Liebe, aber es war bereits eine Liebe mit allen obligaten Begleiterscheinungen: Schwärmerei, die sich in glühende Gedichte ergoß, süß empfundene Küsse und zuletzt brennende Eifersucht mit leidenschaftlichen heftigen Ausbrüchen.

Ich weiß es noch heute, wie eine schöne, selige Stimmung beim ersten Kuß über mich kam: Zart und keusch war mein Empfinden und doch voll inniger Zärtlichkeit. Das erste Erwachen der wunderbaren Zauberin Liebe, die natürliche Zuneigung der beiden Geschlechter, die mit unwiderstehlicher Gewalt den Knaben zum Mädchen drängt und die jungen Herzen mit hochklopfender Seligkeit erfüllt.

Mein Vater war damals häufig fern von Haus und Stadt, und so konnten wir Kinder, die wir jedesmal aufatmeten, wenn unser in seinen Erziehungsgrundsätzen übertrieben strenger Erzeuger abwesend war, uns freier bewegen. Mein Vater war – es war in der Konfliktszeit 1865 – Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses. Unsere Vaterstadt hatte, allen Bemühungen meines fortschrittlich gesinnten Vaters zum Trotz, noch keine Eisenbahn, und so war die Verbindung mit Berlin, die nur die Post und daneben ein noch langsamerer, großmächtiger, vorsintflutlicher Omnibus vermittelte, sehr beschwerlich und zeitraubend. Wir sahen also unsern Vater wochenlang gar nicht, und unsere gute Mutter, die überdies ein mildes Regiment führte, war von unserem großen Haushalt und den kleinen Geschwistern – wir waren unser sieben – viel in Anspruch genommen. So kam es, daß wir Älteren uns in dieser Zeit vielfach selbst überlassen waren. Im übrigen war mein Vater ein liberal denkender, gastfreier Mann, und er hatte nichts dagegen, daß des Sonntags nachmittags meine und meines älteren Bruders Freunde und die Freundinnen unserer beiden Schwestern sich zum Besuch bei uns einstellten. Es wurden Gesellschaftsspiele gespielt und getanzt, und zwischen uns Jungens und den Mädchen stand ein kindlich harmloser Flirt in voller Blüte.

Da packte mich Zwölfjährigen eines Tages zum erstenmal eine plötzliche, unerklärliche sinnliche Aufwallung. Ich befand mich mit meiner jüngeren Schwester und einer in ihrem Alter stehenden Schulgefährtin aus einer Nachbarsfamilie in unserem Wohnzimmer. Wir saßen an einem viereckigen Tisch, meine Schwester mir gegenüber, die etwa elfjährige Agnes Wahl zwischen uns. Und nun ereignete sich etwas Merkwürdiges, das mir noch heute fast unerklärlich ist. Es waren wohl die ersten Pubertätsregungen in mir und vielleicht auch die Wirkung der Mitteilungen eines neuen Freundes, der mir gerade damals von einer häßlichen Sache, die er heimlich betrieb, erzählt hatte. Meine Schwester war in ein vor ihr liegendes Buch vertieft, und auch Agnes Wahl hatte ihr Köpfchen über ein Buch gesenkt. Ich betrachtete sie schweigend; eine Locke ihres Blondhaars lag auf ihrer Stirn, auf ihren Wangen flammte eine Röte, vielleicht unter dem Einfluß der Lektüre, vielleicht auch war es meine unmittelbare Nähe, der Druck meines Schenkels, der sich gegen ihren preßte. Möglich, daß sie zu den frühreifen Kindern gehörte, bei denen sich schon in zarter Kindheit sinnliche Wallungen einstellen. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, ihr Atem ging heftig.

Da kam es über mich. Nie hatte ich ähnliches empfunden. Wie im Traum, wie in einer Hypnose, wie unter dem Zwange einer unwiderstehlichen höheren Gewalt ließ ich meine Hand unter den Tisch gleiten und drückte ihre Knie, und dann glitt sie begehrlich weiter, keck, dreist. Agnes Wahl saß mäuschenstill, rührte sich nicht und wehrte die unerhörte Annäherung nicht ab. Nur ihr Atem wurde lauter, die Glut in ihrem Antlitz brennender. Wahrscheinlich stand sie unter demselben unbewußten, dunklen Trieb wie ich, den ein niegekanntes, bezwingendes, atemraubendes Gefühl durchrieselte. Kein Entschluß war vorausgegangen, kein Willensakt war es, eine unwillkürliche, jäh erwachte, unbewußte, rein triebhafte Regung hielt mich und die kleine Spielgefährtin eine Weile im Bann, bis ich aufstand und mich wortlos entfernte. Das Wunderbare war, daß die kleine Agnes gar nicht hübsch war, weder körperlich noch seelisch Anziehendes besaß und mir nie ein Gefühl der Sympathie eingeflößt hatte, etwa wie vorher Elise Grabert. Und auch in den Knabenjahren nachher hat mich keine ähnliche Regung zu ähnlicher Tat getrieben, was war es? Ein rätselhaftes Spiel der Natur? Wahlverwandtschaft? Lag etwas Verwandtes in unseren Naturen, das aufeinander wirkte und den gleichen sinnlichen Drang in uns auslöste? Es mußte wohl so sein, und auch in späterer Zeit habe ich die Erfahrung gemacht und auch von Frauen und Männern bestätigen hören, daß Menschen auf uns körperlich in dieser Weise wirken, die uns seelisch nichts sind und weder durch äußerliche noch innerliche Eigenschaften unser Interesse erwecken. Merkwürdig, daß es gröber veranlagte, geistig und moralisch unter uns stehende Menschen zu sein pflegen, die uns in dieser rein sinnlichen Weise anziehen.

Neben diesen erotischen Wallungen hatte ich schon als Knabe ernste Bestrebungen. Stundenlang saß ich an meinem kleinen Schreibpult, einem Weihnachtsgeschenk, und verfaßte schon als elfjähriger Knabe nach einer historischen Erzählung ein großes fünfaktiges Drama und schrieb auch, neben einigen kleinen Gedichten, eine romantische Novelle, die als Fortsetzung des Schillerschen Fragments »Der Geisterseher« gedacht war.

Im Jahre 1866 verlegten meine Eltern ihren Wohnsitz nach einer größeren Stadt. In nahezu zwanzig Jahren hatte mein Vater seine Fabrik zu großer Blüte gebracht, aber das hatte seiner Unternehmungslust, seinem Tatendrang und seiner Arbeitslust nicht genügt. Nicht nur, daß er sich in verschiedenen Ehrenstellungen betätigte, als Stadtverordnetenvorsteher, Meister vom Stuhl der Loge, als Politiker, er hatte auch eine Vorschußkasse begründet nach dem System von Schulze-Delitzsch, zu dem er auch persönliche Beziehungen angeknüpft hatte. Dieses Institut hatte er weiter ausgebaut und in mehreren kleineren Städten des Regierungsbezirks Filialen angelegt. Nachdem er seine Fabrik verpachtet hatte, verlegte er nun den Hauptsitz der Kreditgesellschaft von Zell & Co., wie das zur Aktengesellschaft ausgestaltete Unternehmen jetzt volltönender hieß, nach der Regierungshauptstadt.

Es dauerte gar nicht lange – ich hatte noch nicht ganz mein sechzehntes Lebensjahr erreicht – als ich mich sterblich in eine neue Schulfreundin meiner jüngeren Schwester verliebte. Es war eine Jüdin zwischen vierzehn und fünfzehn, klein, mit gelblichem Teint, schwarzem Haar, keine Schönheit, aber ihre großen, schwarzen, seelenvollen Augen mit dem melancholischen Ausdruck, den man oft in den Augen der Jüdinnen findet, und vor allem ihr Wesen war es, was mich unwiderstehlich anzog und mich zu einer anbetenden Schwärmerei Jahre hindurch hinriß. Sie war lebhaft, klug, schlagfertig, zurückhaltend und doch seltsam anziehend. Sie flößte mir ebensoviel warme Sympathie wie Achtung ein. Wunderbar, rätselhaft ist das Menschenherz. Ich, der ich mich Agnes Wahl gegenüber vom dunklen Trieb zu einer meinen dreizehn Jahren gar nicht angemessenen, frechen Handlung hatte hinreißen lassen, war jetzt der schüchternste, keuscheste, zarteste Anbeter. Klara Bohm kam oft in unser Haus – die Eltern kannten sich nicht und nie kam außer meiner Schwester einer von uns in ihre Familie – aber stets begegnete ich ihr mit der größten Zurückhaltung, und doch war ich über die Maßen verliebt in sie, mit tiefem, innigem, verehrendem Gefühl. Nur mit dem reinsten, ich möchte sagen frommsten Gefühl dachte ich ihrer, und nie schlich sich ein unlauterer, begehrlicher Wunsch in meine Empfindungen.

Meine Liebe verstieg sich nie höher als zu einem stummen, leisen, schüchternen Händedruck, zu einem bewundernden Blick und zu allerlei zarten Aufmerksamkeiten. Daß ich ihr auf der Eisbahn die Schlittschuhe anschnallte und während des Laufes nicht von ihrer Seite wich, jedes Winkes gewärtig, zu jedem Dienst bereit, war selbstverständlich, sowie daß ich bei Gesellschaftsspielen in unserem Hause und auch sonst ihren Kavalier machte. Ob sie mein stummes, aber doch beredtes Werben mit entsprechenden Empfindungen erwiderte, weiß ich bis zum heutigen Tage nicht. Einmal wagte ich, ihr durch meine Schwester eine Bonbonniere zu schicken. Sie hatte das Präsent erst, wie mir Gertrud berichtete, nach längerem Sträuben angenommen und nur unter der Bedingung, daß die Freundin den Inhalt mit ihr teilte, was meine Schwester natürlich nicht ausschlug. Der Überbringerin hatte sie einen schlichten Dank an mich aufgetragen, mir gegenüber aber nie des Geschenkes Erwähnung getan.

Nur ein einziges Mal war ich nahe daran, meiner innigen leidenschaftlichen Liebe einen Ausbruch zu gestatten. Klara Bohm war wieder einmal bei uns zu Gast, wir Kinder belustigten uns, während die Eltern in einem anderen Zimmer weilten, mit allerlei kindlichen Spielen. Jetzt war das Handwerkspiel an der Reihe. Zwei der Mitspieler verabredeten sich zu der pantomimischen Darstellung irgendeiner handwerkmäßigen Tätigkeit, und die anderen mußten es erraten. Ich stand mit Klara Bohm im dunklen Nachbarzimmer, um mit ihr zu beraten. Ich sehe die Situation heute noch so deutlich vor mir, als wäre es erst gestern gewesen, wir lehnten beide am Ofen, dicht nebeneinander. Unsere Ellenbogen berührten sich, tiefes Schweigen herrschte zwischen uns. Auf mir lag etwas Beklemmendes; ein heißer, erregender Kampf spielte sich in mir ab. Mit keinem Gedanken war ich bei dem Spiel; nur die unmittelbare Nähe des angebeteten Mädchens erfüllte mich ganz. Ich verspürte sie in allen meinen Nerven, jede Fiber in mir war gespannt. Trotz aller Dunkelheit sah ich ihr mir so liebes Antlitz mit dem bezaubernden Blick in den berückenden dunklen Augen. Ein heißer Wunsch stieg in mir auf: »Nur einmal möchtest du sie küssen, nur einen einzigen Kuß auf ihre roten, schon geschwungenen Lippen pressen!«

Ach, ich fand nicht den Mut, und doch hatte ich die Empfindung, daß sie sich in ähnlicher Stimmung befand wie ich, daß sie meinen Kuß erwartete. Ich nahm all' meinen Mut zusammen: »Jetzt – ja jetzt tust du es!«

Schon wollte ich mich zu ihr hinüberneigen. Da erklang ihre lebhafte, ein wenig lispelnde und doch so liebliche Stimme, die ich so gern hörte: »Warum sprechen Sie nicht, Albert? Woran denken Sie?«

»Ich?« verlegen stotterte ich es, beschämt. Ihre Stimme klang ärgerlich, erregt. Ahnte sie, was in mir vorging? »Natürlich doch – an unser Spiel –« beeilte ich mich zu versichern, »was – was wählen wir denn nur? Schlagen Sie doch etwas vor ..!«

»Ich weiß nichts«, versetzte sie, und ich meinte, daß etwas beklommenes, Bedrücktes in ihrem Ton lag.

Wieder trat Schweigen ein, wieder kämpfte ich verzweifelt mit mir. Es war wie Feuer in meinem Arm, der den ihrigen fühlte; ich hörte ihre Atemzüge, jetzt streifte ihr Haar meine Wange. Ich biß die Zähne aufeinander. Jetzt!

Da löste sich ein ganz leiser Seufzer von ihrer Brust. Ich vernahm es deutlich. Und im nächsten Moment trat sie von dem Ofen hinweg, der Tür entgegen.

»Kommen Sie! Wir spielen Drechsler!«

Sie legte ihre Hand auf die Klinke und öffnete.

Es war verpaßt. Noch heute konnte ich mich ohrfeigen über meine dumme Schüchternheit. Nie wieder bot sich eine so günstige Gelegenheit. Und es wäre doch so herrlich gewesen, das angebetete, heiß geliebte Mädchen einmal in meinen Armen zu halten, einmal die Küsse zu tauschen, die doch schon auf unseren Lippen brannten.

Jahrelang habe ich sie noch im stillen geliebt, und auch später noch, wenn ich in den Ferien in das Elternhaus zurückkehrte, ihr meine stumme Huldigung entgegengebracht.

Noch heute wird es mir warm, und eine sanft melancholische, innige Empfindung beschleicht mein Herz, wenn ich an die so keusch und innig Geliebte meiner frühesten Jünglingsjahre zurückdenke.

In der Schule war ich damals ebensowenig wie früher und später ein guter Schüler. Mit vierzehn Jahren war ich erst nach Tertia gekommen, und da ich nicht rechtzeitig nach »Ober« aufgerückt war, hatte mich mein Vater aus dem Gymnasium genommen, um mich von einem strafweise entlassenen, aber im Lehrfach sehr tüchtigen, erfolgreichen Pädagogen, der sich durch Privatunterricht ernährte, für Sekunda vorbereiten zu lassen. So wenig fleißig ich als Schüler war, so eifrig war ich bei meinen privaten dichterischen Arbeiten. Für Lyrik habe ich nie Begabung und Neigung besessen. Dem Drama und der epischen Dichtung gehörte meine Liebe, höchst charakteristisch war es für die Art meiner literarischen Betätigung, daß ich schon als fünfzehnjähriger Knabe eine ganz realistische Novelle verfaßt habe: »Des jungen Gottlieb Knieriems Leiden.« Es war die paradostische Liebesgeschichte eines Schustergesellen, der sich in seine Meisterin verliebt hatte. Die Lektüre von »Werthers jungen Leiden« hatte mich dazu angeregt. Schon ein Jahr vorher hatte ich eine satirisch angehauchte Dichtung verfaßt; merkwürdigerweise war es ein Operettentext in Knittelversen: »Die Jungfrau von Katzenei«, als Parodie auf die Jungfrau von Orleans gedacht. Der Krieg in Schleswig-Holstein im Jahre 1864 hatte den äußeren Rahmen dazu gegeben.

Das Jahr 1868 brachte einen Wendepunkt in meinem Leben. Zum erstenmal verließ ich auf längere Zeit das Elternhaus. Ich wurde nach der Festungsstadt Küstrin in Pension gegeben; hier leitete ein von meiner Vaterstadt her meinem Elternhause befreundeter Direktor das Gymnasium, der mich nach kurzer, von ihm selbst erledigter Prüfung für die Sekunda aufnahm.

Mein Vater hatte dem im Geruch eines entschieden freisinnigen Mannes stehenden Pädagogen seinerzeit die Direktorstelle in unserem Heimatstädtchen verschafft.

Direktor Thiel war ein Original, ein begeisterter Jahn-Verehrer; er selbst betätigte sich als Vorturner in der ersten Riege seiner Gymnasiasten.

Ich wohnte nun in der Familie eines alten Rechnungsrates, der zwei Töchter besaß, von denen die eine etwa vierzehn, die andere zwanzig Lenze hinter sich hatte. Die jüngere, ein kleines, körperlich etwas zurückgebliebenes Mädchen, flößte mir keinerlei Interesse ein. Besser gefiel mir eine Freundin von ihr, die einen Kopf größer war als sie und immer sehr nett angekleidet ging. Eine prächtig proportionierte Gestalt besaß die Vierzehnjährige und ein bereits recht kokettes Wesen. Wie sie das mit langen Locken geschmückte, im übrigen aber nicht gerade hübsche Köpfchen trotzig in den Nacken warf und bald mit den blaugrünen Augen und dem etwas großen Mund lächelte, war gar verführerisch. Auch hatte ich damals schon mein Wohlgefallen an den straffen, schön geformten Waden, die, es war im Sommer, stets in leichten weißen Strümpfen steckten. Wenn sie auf der Straße Ball spielte und lebhaft hin- und hersprang, konnte ich mich eine ganze Stunde lang an dem Anblick der hübsch gebauten Mädchengestalt, vor allem aber an den hin- und herspringenden Beinen ergötzen, über denen auch bei den lebhaften Bewegungen sich ab und zu ein Streifen der weißen Höschen zeigte.

Meine erwachenden Sinne erhielten auch sonst Anregung. Das Dienstmädchen in der Familie meines Pensionsvaters, das auch mein Zimmer aufräumte, das ich mit einem Mitschüler teilte, erzählte uns, daß die ältere Tochter des Hauses sie angelegentlich auszuforschen pflege: was wir mit ihr sprächen und ob wir, wenn sie uns am Sonntagmorgen den Kaffee ins Zimmer brächte, noch im Bett lägen, wie wir dann aussähen usw. Und sie solle uns doch einmal mit Wasser bespritzen, um zu sehen, was wir dann wohl beginnen, ob wir aus dem Bett springen und sie für den Schabernack bestrafen würden.

Unsere Wirtstochter mochte wohl eine stark sinnlich beanlagte junge Dame sein. Das zeigte sich mir eines Tages in mich recht überraschender Weise. Es war am Abend; ich hatte mich zum gemeinsamen Abendbrot verspätet. An der Wand gegenüber von der Flurtür, durch die ich eintrat, stand ein Sofa, auf dem, am runden Tisch, die Pensionsmutter und ihre beiden Töchter saßen. Ich nahm an einem kleinen, unweit der Tür stehenden Tische Platz, auf dem schon mein Abendbrot stand. Tiefes Schweigen herrschte; die drei weiblichen Wesen waren mit Lektüre beschäftigt. Da plötzlich sah ich, wie die ältere Tochter ihre Hand unter den Tisch sinken ließ und verstohlen ihren Rock langsam hinaufzog, fast bis zum Knie. Mir war's ein berauschender Anblick. Ein bildschönes, geradezu ideal geformtes Bein (sie mochte sich dieses Vorzugs wohl bewußt sein) enthüllte sich im hellen Strumpf meinen still bewundernden Blicken.

Ein, zwei Minuten dauerte meine geheime Lust. Dann fiel der Rock wieder hinab, aber der Eindruck, den dieses kleine Erlebnis auf mich gemacht hatte, hielt noch lange vor. Auf einsamen Spaziergängen zauberte die Erinnerung mir das Bild immer wieder vor die Seele; meine aufgeregte Phantasie malte mir ähnliche Erlebnisse; wie im Traum ging ich umher und sah auf Feldern und Wiesen kurzgeschürzte Landmädchen bei der Arbeit.

Dieser sinnliche Rausch, den meine Umgebung wie die natürliche Stimmung der Pubertätszeit immer wieder nährte, erfuhr eine Unterbrechung durch neue Eindrücke. Die Hundstagferien waren gekommen und es war von meinen Eltern bestimmt worden, daß ich die Ferienzeit, wie schon so oft, bei unseren Verwandten in Pommern zusammen mit meinen Geschwistern verleben sollte. Unweit von Stargard besaß der älteste Bruder meiner Mutter ein Rittergut, das er von seinem Vater ererbt hatte, hier haben wir Kinder schöne Tage voll Freiheit, in reiner ländlicher Luft, in starker körperlicher Bewegung verlebt. Wie ein Beruhigungs- und Heilmittel wirkte das gesunde Landleben auf meine erhitzten Sinne. Onkel und Tante empfingen uns, wie immer, mit liebenswürdigster Gastfreundlichkeit. Hier herrschte ein anderer Ton als im elterlichen Hause, wo die Gegenwart des ernsten, strengen Vaters jede laute, geräuschvolle Fröhlichkeit dämpfte und oft erstickte. In dem mehrere Morgen großen Garten und park, draußen auf den Feldern, auf Wiesen und im Wald konnten wir uns nach Herzenslust austoben. Die Hauptcharakterzüge des behäbigen, gemütlichen Onkels August waren eine herzliche, unversiegliche Gutmütigkeit und ein schlichter natürlicher Sinn. Unter meines Vaters Erziehungsgrundsätzen stand an erster Stelle die Pflicht unbedingten Gehorsams und eines tiefen heiligen Respekts vor der Autorität der Eltern, vornehmlich aber des Vaters. In unserer Familie gab es nur einen Willen, den des Vaters, dem sich alle, auch die Mutter, ohne jeden Versuch eines Widerstandes zu fügen hatten. Nie habe ich erlebt, daß meine Mutter auch nur den leisesten Widerspruch gegen eine vom Vater getroffene Bestimmung gewagt hätte. Nie fand vor uns Kindern auch nur der geringste Wortwechsel zwischen den Eltern statt. Und uns Kindern wäre es auch nicht einmal im Traum eingefallen, dem Vater zu widersprechen. Ja, wir wagten kaum in seiner Gegenwart den Mund zu öffnen, wenn wir nicht gefragt waren. Gewissermaßen wie eine göttliche Macht und Vorsehung thronte er über uns; sein Wille war uns unverletzliches, heiliges Gebot. Auf der anderen Seite aber sorgte er für unser körperliches Wohlbefinden ebenso liberal und gewissenhaft wie für unser geistiges Vorwärtskommen. Nie war ihm in dieser Hinsicht eine Ausgabe zu groß, und wenn wir in der Schule einigermaßen gut bestanden, so erwies er sich auch gegen unsere Wünsche willfähig und freigebig.

Mit vollen Sinnen genoß ich in Gesellschaft meiner Geschwister und meiner beiden Vettern (Töchter besaßen meine Verwandten nicht) das frische, freie Landleben. Den ganzen Tag waren wir draußen im Hof, Garten, Feld und Wald. Tagtäglich wurde gebadet, Reitversuche wurden unternommen und neue Freundschaften mit den Kindern und Besuchern auf den Nachbargütern geschlossen. Es herrschte unter den Gutsbesitzern und Pächtern eine ebenso schlichte wie herzliche Gastfreundschaft. Des Sonntags fuhr man stets irgendwohin. Es machte auf uns Stadtkinder immer einen halb komischen, halb rührenden Eindruck, wenn wir, die wir an die steifen Verkehrsformen des städtischen Lebens gewöhnt waren, sahen, daß die alten Gutsherren einander bei solchen Besuchen zur Begrüßung herzlich umarmten und küßten. Der alte Pastor Gerloff von einem der Nachbardörfer, der mit Frau, Tochter und Sohn unter den regelmäßigen Besuchern war, ging auch an uns fremden Kindern nicht vorüber, ohne jeden von uns mit einem Kuß zu begrüßen.

Während die älteren Herren sich in einem weiter abgelegenen Zimmer zum Boston oder L'hombre niederließen, suchten wir junges Volk zunächst stets den Garten auf, um uns hier an ländlichen Spielen zu vergnügen.

Auf dem nächsten Gute, der königlichen Domäne Luisenfließ, war es, wo ich von neuem mein Herz verlor und ich mich sterblich in die liebliche blonde Tochter des Oberamtmanns Schmitz verliebte. Ich sehe das fünfzehnjährige große schlanke Mädchen noch vor mir, mit den lieben freundlichen Blauaugen, mit dem so liebenswerten, ungemein sympathischen, natürlicher Herzenswärme entquellenden Wesen. Ich hatte sogleich bei der ersten Begegnung den Eindruck, daß ich ihr ebenso gefiel wie sie mir. Mit hochklopfendem, beseligten Herzen empfanden wir, wie sich zarte Fäden zwischen uns anspannen. Abgefallen war alles Sinnliche, Unreine von mir, was während der ersten Monate in Küstrin so bezwingend, betäubend von mir Besitz genommen. Ich war wieder ganz der ideale Schwärmer; die irdischen, allzu irdischen Regungen waren ganz der frommen Anbetung, dem wunschlosen, heiligen Gefühl selbstloser, innigster Herzensneigung gewichen. So oft ich dem geliebten Mädchen in diesen vier Wochen begegnete, gesellten wir uns sofort zueinander, und wenn wir auch wenig miteinander sprachen, es war uns beiden schon köstlichste Seligkeit, uns einander nahe zu fühlen, uns verstohlen die Hand zu drücken und glückberauscht zärtliche Blicke zu täuschen.

Die größte Rolle bei diesen ländlichen Besuchen spielte natürlich der Tanz am Abend. Wie haben wir doch geschwelgt, Johanna Schmitz und ich im Polka, im Walzer und im Galopp. Zart den Arm um das geliebte Mädchen geschlungen, während ihr Atem meine Wangen fächelte, ihr Blondhaar meine Stirn streifte, fühlte ich mich so unbeschreiblich glücklich, daß mir fast das ganze Herz zerspringen wollte.

Heilige Gelübde durchschauerten meine Seele: Immer, immer würde ich Johanna lieben, ihr teures Bild würde mich überallhin begleiten und alles häßliche aus meiner Nähe scheuchen, und jeden Augenblick würde ich bereit sein, ihr zuliebe alles, auch das schwerste und höchste, zu vollbringen.

Ach, wie bald bist du verflogen, schöner, reiner Jugendenthusiasmus! Andere weibliche Gestalten traten in mein Leben und entzündeten heißere, wildere Gluten in mir. Damals ahnte ich noch nicht, wie nahe ich dem verhängnisvollen Moment war, wo sich mir das Wesen der Geschlechtlichkeit enthüllte. Die irdische erstickte auf lange Zeit die himmlische Liebe.

Nach dem beglückenden, herrlichen, poesievollen Liebestraum empfand ich das tägliche Leben mit seiner verdrießlichen Prosa, die öde, jeden seelischen Schwung lähmende Schulfuchserei mit verdoppelter Unlust. Unter den pedantischen Schulmeistern war nur ein einziger, der es verstand, dem Unterricht belebende Geistigkeit, die Phantasie anregende, begeisternde Wirkung zu verleihen. Dies war unser Geschichtslehrer, ein freundlicher Mann von urbanem Wesen, mit prächtiger Rednergabe, wenn er uns einen Vortrag hielt, in schöner Sprache, mit hinreißendem Temperament und innerer Anteilnahme die geschichtlichen Vorgänge und Charaktere schildernd, hingen wir alle voll Aufmerksamkeit und tiefem Interesse an seinem Munde. Ich erinnere mich, daß ich mich besonders für Catilina begeisterte. Während mich Ciceros philiströse Reden langweilten und mit ihrem leeren Pathos nur Widerwillen in mir erzeugten, begeisterte ich mich an Sallusts Beschreibung der berühmten Verschwörung. Und meine Anteilnahme ging bei mir, dem trägen Schüler, der seine Arbeiten oft erst in den Pausen zwischen den Unterrichtsstunden anfertigte, so weit, daß ich zu Hause voll Eifer über Sallust saß und sogar eigene Anmerkungen zum Text machte. Überhaupt, die lateinische Sprache war mir sympathisch, während mir die griechische viele Schwierigkeiten bereitete und nur wenig Interesse einflößte. Schon als Quartaner hatte ich seinerzeit begonnen, eine Geschichte des römischen Reiches in lateinischer Sprache zu schreiben. Freilich, über die Anfangskapitel bin ich nicht hinausgekommen, von der griechischen Literatur interessierte mich nur Homer, dagegen war mir Sophokles ein Greuel. In Obersekunda verstieg ich mich sogar dazu, einige Stellen aus Homers Odyssee in deutsche Verse zu bringen, die ich in der Klasse mit Genehmigung des Lehrers vorlas.

Jetzt freilich, nach den Hundstagen, während mein Herz noch ganz erfüllt war von dem lieblichen Bild Johanna Schmitz', war ich nur lyrisch gestimmt, und mein heißes Sehnen ergoß sich in die weltschmerzlichen schlichten Verse:

Mein Schatz, laß dieses Lied dir sagen,

wie ich unsäglich lieb dich hab'!

Ach, will dein Herz für mich nicht schlagen,

bleibt mir nur noch der Weg zum Grab.

Wo du nicht bist, ist mir die Sonne

verhüllt in einen Nebelflor,

doch schau ich dich, zieht mich die Wonne

des Augenblicks zu Gott empor.

Ich habe in meinem ganzen Leben höchstens zwei Dutzend Gedichte geschmiedet; nur in frühester Jugend und bei sehr bewegtem Herzen wurde ein bißchen lyrisches Empfinden in mir wach.

Ein Erlebnis, das ich bald darauf hatte, lenkte meine Augen, freilich nur diese und nur für ganz kurze Zeit, auf ein anderes weibliches Wesen. Schon ein paarmal auf der Straße war mir ein junges Mädchen aufgefallen, das mit ihrem schon voll entwickelten Busen und mit ihrer kecken, bestimmten Art einen älteren Eindruck machte, als ihren sechzehn Jahren entsprach. Jedesmal sah sie mich mit ihren dunklen Feueraugen in so herausfordernder Weise an, daß mir das Blut ins Gesicht schoß. Eines Nachmittags sah ich aus dem Fenster der im ersten Stock gelegenen Wohnung meines Pensionsvaters. Da kam meine schöne Unbekannte die Straße herauf. Sie schaute mit einem Glutblick zu mir hinauf, während sie vorüberging.

Am Ende der kurzen Straße kehrte sie um und kam zurück. Diesmal hatte ihr Blick etwas so deutlich lockendes, daß unwillkürlich die Frage in mir aufstieg: »Was will sie von dir?« Nach ein paar weiteren Schritten drehte sie sich um und machte mit dem rechten Ellenbogen eine heftige, fast herrisch auffordernde Bewegung. Instinktiv gehorchte ich; es war kein Zweifel, sie wollte, daß ich zu ihr hinabkommen sollte. Also nahm ich meinen Hut und eilte auf die Straße. Sie ging langsam, von Zeit zu Zeit sich umblickend, ob ich ihr auch folgte, die Straße hinunter, dem Festungstor zu. Es war in der siebenten Abendstunde, im Dämmerlicht. Draußen bog sie in einen menschenleeren, vom Bäumen besäumten Weg ein. Jetzt verlangsamte sie ihre Schritte; mir hämmerte das Herz in der Brust. Noch nie in meinem Leben hatte ich ein mir unbekanntes Mädchen angesprochen, und allerlei beklemmende, lähmende Bedenken regten sich in mir. Bildete ich mir nicht am Ende etwas ein, das keinerlei realen Hintergrund hatte? Hatte ich ihrer Armbewegung nicht vielleicht eine falsche Bedeutung untergelegt? Würde sie mich nicht gehörig abblitzen lassen, wenn ich sie jetzt anredete? Und überhaupt, was sollte ich ihr eigentlich sagen?

Sie schritt so zögernd, daß ich es nicht vermeiden konnte, an ihr vorüberzugehen. Das Gesicht mit der Verlegenheitsglut auf die Brust gesenkt, schlich ich an ihr vorbei. In meiner hilflosen Befangenheit wußte ich nichts Besseres zu tun, als meine Schritte zu beflügeln. Da hielt mich ihre Stimme zurück.

»Haben Sie's denn so eilig, Herr Zell?«

Ich blieb stehen und starrte sie überrascht an.

»Sie kennen mich?«

»Freilich. Sie sind mir aufgefallen, und da habe ich mich erkundigt, wie Sie heißen und wo Sie wohnen.«

»Warum ... warum denn?«, stotterte ich tölpelhaft.

Sie lächelte und sah mich wieder mit ihren Glutaugen an, vor denen mir angst und bange wurde.

»Weil Sie mir gefallen und ich Ihre Bekanntschaft zu machen wünsche«, versetzte sie ohne Scheu.

Ich fühlte mich geschmeichelt. Nun war kein Zweifel mehr.

»Gefalle ich Ihnen denn nicht?«, fragte sie schelmisch, während wir unseren Weg wieder aufnahmen.

»Doch, doch!«, versicherte ich stammelnd, dabei den Blick vor ihren niederschlagend.

Aber meine Unbeholfenheit schien ihr Selbstgefühl, ihre Sicherheit noch zu erhöhen.

»Ein so hübscher Mensch wie Sie braucht doch nicht so schüchtern zu sein!«, ermunterte sie resolut.

Natürlich wurde ich dunkelrot; so geradeheraus hatte mir das doch noch keine gesagt, seit ich zum Jüngling gereift war. Es war eine eigentümliche Situation, die mich in grenzenlose Verwirrung brachte. Die Rollen waren vertauscht; das Weib, noch dazu ein so junges Geschöpf, war der aktive Teil, der Mann der passive.

Trotz der Schmeichelei war meine Stimmung keinesweges eine gehobene. Ich lächelte verlegen.

»Sie haben wohl noch niemals geküßt?«, fuhr sie fort.

»Doch – doch!«, gab ich zurück und dachte an Elise Grabert. Es war das einzige Mal gewesen, wo ich weibliche Lippen auf meinen gefühlt. Zugleich ärgerte ich mich über mich selber. Wenn ich damals so unternehmend gewesen war, warum benahm ich mich heute wie ein Stockfisch.

Sie wurde immer deutlicher. Sich ein wenig vorneigend und mich aus nächster Nähe mit ihren begehrlichen Blicken anblitzend, sagte sie schmeichlerisch:

»Sie haben einen so schönen Mund; ich glaube, Sie müssen sehr nett küssen können.« Trotz ihrer für ihre Jahre erstaunlichen Raffiniertheit kannte sie wohl das Menschenherz noch wenig. Gerade ihre dreiste, schamlose Art stieß mich ab und nahm ihr in meinen Augen allen Reiz. Ich weiß nicht mehr, welche Antwort ich ihr gab; ich erinnere mich nur, daß unsere Unterhaltung und unser Spaziergang bald ein Ende nahmen, wir verabschiedeten uns ziemlich kühl voneinander und verabredeten nicht einmal ein Wiedersehen.

Am nächsten Tage erkundigte ich mich über das Mädchen – sie hatte mir, noch ehe wir uns trennten, ihren Namen genannt. Was ich über sie erfuhr, steigerte die Antipathie, die mir ihr draufgängerisches Wesen eingeflößt, zum grenzenlosen Abscheu. Sie war eine Waise und lebte mit ihrem erwachsenen Bruder, der ein Geschäftsmann war, zusammen. Man erzählte sich von den Beiden kaum glaubliches, furchtbares.

Was sie mit mir vorgehabt hatte, konnte ich mir danach wohl denken. Aber noch war mir die geschlechtliche Begierde nicht zum Bewußtsein gekommen. Wenn ich dem kecken Mädchen in der Folge zufällig einmal begegnete, sah ich nach der anderen Seite.

Nach den Michaelisferien, die ich bei meinen Eltern zubrachte, kamen neue Schüler aus anderen Städten. Das Gymnasium in Küstrin bestand erst im zweiten Jahr und es hieß, daß man hier leichter das Abiturium würde bestehen können. Auch war bekannt, daß die Gymnasiasten sich hier größerer Freiheit erfreuten, als es sonst üblich war. Der Direktor war in der Tat ein humaner, freigesinnter Mann. So hatte er den Sekundanern und Primanern das Kneipen erlaubt und bestimmte Lokale für unseren Besuch freigegeben. Unter dem Einfluß von zwei neuen Freunden, die von Potsdam gekommen waren, gewöhnte ich mir noblere Passionen an, als ich sie bisher gepflegt hatte. Neunaugen, Sardinen und andere Leckereien sowie echtes Bier verdrängten die einfachen, billigeren Genüsse. Es waren zwei Brüder, die Söhne eines Geheimen Regierungsrats; der ältere war schon neunzehn Jahre alt, der andere anderthalb Jahre jünger; beide waren Primaner. Auf den Älteren hatte, wie er mir später erklärte, meine äußere Erscheinung einen sympathischen Eindruck gemacht und ich schloß mich, geschmeichelt, daß er, der Ältere, die Freundschaft des Sekundaners suchte, herzlich an ihn an. Wir wurden in der Folge gute Freunde. Ein guter Kitt unserer Freundschaft war auch das Übereinkommen, daß wir uns gegenseitig bei den Schularbeiten halfen: Ich diktierte ihm die deutschen Aufsätze und er machte meine mathematischen Aufgaben, denn der Mathematik stand ich geradezu hilflos gegenüber.

Den jüngeren Bruder mochte ich nicht leiden; er war eine auffallende Persönlichkeit. Trotz seiner jungen Jahre hochgewachsen und mit selten regelmäßigen Zügen. Manieren tadellos, immer mit einem verbindlichen Lächeln im Gesicht, aber mich fröstelte es bei seinem aalglatten Wesen, das großen Wert auf die äußeren Formen legte und sich immer wie das eines Erwachsenen gab. Er kleidete sich stets mit großer Sorgfalt, aber sein etwas arrogantes, renommistisches Benehmen machte ihn wenig beliebt. Er war der einzige in meinem damaligen Freundeskreise, der sich in erotischen Prahlereien gefiel und sich mit vielsagendem Lächeln und mit halben Andeutungen den Anschein gab, daß er in punkto Liebe ein Wissender sei.

Die Wirkung war allerdings die wahrscheinlich von ihm gewünschte. Er wurde für uns ein Gegenstand des Staunens, der Bewunderung und geheimen Neides. Erich Luckner war es auch, der uns eines Abends in eine Mädchenkneipe führte. Es war das erstemal, daß ich ein Lokal betrat, in dem eine freundliche Hebe das schäumende Bier kredenzte. Hübsch war sie und sehr munter; ihre Lebhaftigkeit und ihre halb anziehende, halb zurückscheuchende Art bezauberte uns alle. Erich Luckner war natürlich der Matador; sein gewandtes, einschmeichelndes Wesen versagte auch bei dem Schenkmädchen seine Wirkung nicht. Bewundernd, in steigender Erregung, von unbewußten Regungen durchglüht, sahen wir zu, wie er mit der Hebe verkehrte, ihr Artigkeiten sagte, ihre Hände ergriff und streichelte und schließlich seine Arme um ihre Taille legte. Mir wurde ganz heiß dabei, und uneingestandene Wünsche überfielen mich. Der jugendliche Don Juan brachte es richtig so weit, daß sich die nicht Allzuspröde von ihm küssen ließ. Sein Bruder folgte, und nun konnten auch wir übrigen drei uns nicht mehr zurückhalten. Das Mädchen ging sozusagen von einem Lippenpaar zum andern. Sie wollte sich ausschütten vor Lachen über die verliebten kußlüsternen Gymnasiasten. Ich aber war wie berauscht. Das war doch ein ganz anderer Kuß wie damals der von der kleinen Elise Grabert! Wie heiß es mich durchschauerte! In jedem Nerv verspürte ich die glutvollen Lippen der mich fest an sich pressenden Schenkin. Ja, die verstand zu küssen!

Und dann kam das große historische Ereignis, das meinem Leben eine plötzliche, ungeahnte Wendung gab und nicht nur in meinem äußeren Leben, sondern ebensosehr für mein inneres Leben und meine sittliche Entwicklung einen wichtigen Abschnitt bedeutete.

Am 19. Juli dieses Jahres erklärte Frankreich an Preußen den Krieg. Ich befand mich in den Ferien wieder auf dem Gute meines guten Onkels August. Auch bis in den stillen, weltabgeschiedenen Ort trieben die Wellen der ungeheuren Bewegung, die durch ganz Deutschland fluteten. Die Reservisten und Landwehrleute wurden eingezogen. Schon während der Anfänge des politischen Konflikts, noch vor unseren Ferien, hatten wir Pennäler mit großer Lebhaftigkeit die Möglichkeit eines zwischen Frankreich und Deutschland ausbrechenden Krieges erörtert. Hans und Erich Luckner und ich, wir hatten uns begeistert das Wort gegeben, als Freiwillige mitzugehen, wenn es wirklich ernst werden sollte. Nun, da die Würfel gefallen waren, ergriff es mich wie ein Fieber. Und als nun gar die Truppentransporte begannen – zehn Minuten vom Herrenhause befand sich die Eisenbahnstation, die den Namen von dem Gute meines Onkels hatte – da wurde der Wunsch, mein den Freunden gegebenes Wort einzulösen und den Feldzug mitzumachen, immer dringender in mir. Aber mein Onkel, dem ich mich offenbarte, riet mir ab. Mein Vater würde es doch nun und nimmer zugeben. Da kam eines Tages ein Brief von Hause, daß Robert, mein älterer Bruder, der das neunzehnte Jahr bereits zurückgelegt hatte, die Gestellungsorder erhalten hätte. Da war kein Halten mehr. Noch an demselben Tage schrieb ich einen langen, heiß flehenden Brief an meinen Vater. Was ich geschrieben, weiß ich nicht mehr, aber es hatte die erwünschte Wirkung. Nachdem ein paar Tage quälenden, bangen Wartens verstrichen waren, kam die zustimmende Antwort und mit der formellen Erlaubnis zugleich mein einjähriges Zeugnis, das der Vater bereits besorgt hatte. An meinen Onkel schrieb er, er möchte mich nach der nächsten Garnison bringen, denn wo ich einträte, sei ganz gleichgültig. Mein älterer Bruder aber – er war kleiner und schwächlicher als ich – war bei der militärärztlichen Untersuchung zurückgewiesen worden.

Keiner war froher als ich. Wir besannen uns nicht lange. Stettin wurde gewählt, und zwar das Ersatzbataillon des vierzehnten Infanterieregiments, weil der Kommandeur des Bataillons, ein alter, schon verabschiedet gewesener Major, seinerzeit meines Onkels Vorgesetzter gewesen. Einschalten will ich, daß die beiden Luckner, da ihnen der Herr Geheimrat seine Einwilligung nicht gegeben, heimlich durchgebrannt, aber von ihrem Vater wieder zur Schule zurückgebracht worden waren. Erst zu Neujahr, als der Krieg sich seinem Ende näherte, haben sie das sogenannte Notexamen gemacht und sind dann beide später Offiziere geworden. Vom Feldzug 1870/71 haben sie nichts gesehen.

Meinen Stolz kann man sich vorstellen, als mich der Militärarzt in Stettin für tauglich erklärt hatte. Leider erlitt meine Freude einen kleinen Dämpfer, als mir der Regimentsschneider erklärte, daß keine Monturen mehr da waren und er erst eine Uniform für mich anfertigen lassen müsse. Viele Einjährige exerzierten und gingen in ihren Zivilkleidern herum. Ich aber hätte um keinen Preis mehr das lumpige Zivil getragen; zum Glück hatte ich eine Drillichjacke aufgetrieben. Dazu legte ich ein paar eigene weiße Hosen an, umgürtete meine Lenden anstatt des fehlenden Säbels mit dem sogenannten »Spickaal« – eine Lederscheide, in der das abgeschraubte Bajonett des Zündnadelgewehrs steckte – zog ein paar weiße Tanzstundenhandschuhe an und stolzierte so, die Extramütze auf dem stolz emporgereckten Haupt, durch die Straßen Stettins.

Ein brausendes Leben begann. Das Exerzieren war ein Vergnügen, die Abende wurden im Kreise der Kameraden zechend, singend verbracht. Eines Tages kam an der Tafelrunde das Gespräch, das sich ja fast ausschließlich auf die täglichen Siegesnachrichten erstreckte, auch einmal auf erotische Dinge. Was da meine keuschen Ohren alles zu hören bekamen! Die Scham und die geheime Erregung brannten mir abwechselnd auf den Wangen. Die Kameraden waren fast alle über die Zwanzig, die meisten junge Kaufleute, ich, der siebzehnjährige Pennäler, war der jüngste in der Runde der Einjährigen unseres Bataillons.

Da tippte mir mein Nachbar auf die Schulter. Kersten hieß er, ungefähr dreiundzwanzig Jahre alt, Gutsinspektor seines Zeichens, ein netter, liebenswürdiger Mensch, der mir im Dienst und auch sonst stets freundlich zur Hand ging.

»Na, Zell, du sagst ja gar nichts! Mensch, ich glaube gar, du bist noch Jungfer!«

Beschämt saß ich da, unter den spöttischen und geringschätzigen Blicken der andern heftig errötend.

»Na, laß nur gut sein!«, tröstete mich der Kamerad, der schon einen Kinnbart und einen flotten Schnurrbart trug, mir gönnerhaft auf die Schulter klopfend. »Nichts wird man im Leben leichter und angenehmer los als die Jungfernschaft!«

Tosendes Lachen begrüßte und bestätigte diese Sentenz des Erfahrenen. Und als ich noch immer voll Scham den Kopf gesenkt hielt, fügte Kersten hinzu: »Scheinst ja höllisch schüchtern, Zell. Hast wohl Angst? Na, ich werde mich deiner annehmen.«

Der Kamerad hielt Wort. Schon am nächsten Nachmittag holte er mich aus meiner Wohnung ab.

»Ich habe etwas für dich. Werde dich zu dem Mädel begleiten. Wenn du erst auf den Geschmack gekommen sein wirst, findest du den Weg zu den süßen Weibchen schon allein.«

Mir war gar nicht wohl zumute, so neugierig ich auch war und so begierig mich schon die Prahlereien Erich Luckners und gar erst die Erzählungen der Kameraden gemacht hatten. Aber so par force, gewissermaßen unter militärischer Eskorte, widerstrebte es doch meiner noch unverdorbenen, noch nicht erotisch abgebrühten Natur.

Kersten führte mich in eine abgelegene, nicht eben freundliche Straße und in ein keineswegs einladendes Haus. Mir klopfte das Herz zum Zerspringen, als wir uns der Tür zu dem Parterrezimmer näherten. Wenn ich mich nicht geschämt hätte, wäre ich am liebsten ausgekniffen. Aber wenn Kersten es dann den andern erzählt hätte, ich wäre ja für immer unsterblich blamiert und Zielscheibe spöttischer Witze gewesen. Also ich biß die Zähne zusammen. Es ging eben einfach nicht anders. Kersten öffnete und zog mich mit sich über die Schwelle. Zum Glück herrschte schon Dämmerung. Vom Sofa löste sich eine Frauengestalt; sie mochte Mitte der Zwanzig sein. Soviel ich in meiner furchtbaren Befangenheit wahrnehmen konnte, sah sie gar nicht übel aus. Sie lächelte uns beide freundlich und einladend an. Ich kam mir wie ein Schlachtopfer vor.

»Da bringe ich dir was Rares«, sagte Kersten, seine Freundin mit einem Händedruck begrüßend. »So was hast du nicht alle Tage – ein ganzer Neuling!«

Er schob mich der Erstaunten, Lachenden entgegen; sie umschlang mich ohne weiteres herzhaft.

»Ist es wirklich wahr, Kleiner?«

Ich nickte beschämt, während es in meiner Brust stürmte und eine Flut der verschiedenartigsten Gedanken und Empfindungen in meinem Hirn wogte. Ich dachte an meine schwärmerische Jugendliebe: an Klara Bohm und an die zarte Blondine in Louisenfließ, die ich ebenfalls keusch und innig geliebt hatte, ich dachte auch an mein Elternhaus und verwünschte den Kameraden, der sich in seiner Rolle als Mentor blähte. Aber in die niederziehenden, sentimentalen Hemmungen spritzten auch ein paar aufschäumende Regungen der Neugierde und der Begehrlichkeit.

Bevor Kersten ging, eilte das Mädchen, ich wußte nicht, zu welchem Geschäft, in den Alkoven, der sich an ihr Zimmer schloß. Der Kamerad benutzte die Gelegenheit, um mir leise, hastig zuzuraunen: »Mehr als drei Mark gibst du ihr nicht – hörst du! Für einen Soldaten genug!«

Damit verließ er uns, und die Liebesverkäuferin zog mich zum Sofa.

Eine halbe Stunde später verließ ich die Priesterin der Venus vulgivaga, die mich die rein körperliche Liebe gelehrt hatte. Ein Glücksgefühl war nicht in mir, aber auf der Straße reckte ich mich doch stolz und sah jeden Jüngling in meinem Alter selbstbewußt, überlegen an. »Ich bin ein Mann!«, hätte ich jedem zurufen mögen. Dennoch fühlte ich keine Lust, die neue »Freundin« zu einem zweiten Liebesstündchen aufzusuchen. Wohl ging ich ein paarmal mechanisch, triebhaft in die Straße, aber ein Gefühl des Widerwillens hielt mich ab, in das schäbige Haus zu treten, in dem sich meine Wandlung zum Manne so nüchtern, so ganz poesielos, ich möchte fast sagen, so geschäftsmäßig vollzogen hatte. Ich Tor, ich ahnte ja nicht, um welches süßeste, himmelantragende, unvergänglich schöne Erlebnis ich betrogen worden war!

Acht Tage später war wieder Kersten der Verführer, der mich abermals zu einem bezahlten Schäferstündchen verleitete.

Wir waren im »Elysium«, wo alle Tage Tanz und zugleich ein förmlicher Liebesmarkt stattfand. Das weibliche Publikum bestand fast ausschließlich aus Prostituierten. Ich war schon damals ein flotter, und ich darf wohl sagen, ein gewandter Tänzer, und nach Herzenslust überließ ich mich den Freuden des Tanzes. Kersten aber, dessen Sinne wohl von der Berührung mit den aus allen Poren Sinnlichkeit schwitzenden Mädchen gereizt worden waren, hielt es für angezeigt, nach Terpsichore auch der Venus zu huldigen. Schon hing ihm, als Feierabend geboten war, eines der Weiber, das sich weder durch Schönheit noch durch Jugendfrische auszeichnete, am Arm. Er winkte mir mit dem Kopf, und halb widerstrebend, halb in erwachender Begierde, schloß ich mich ihm an. Alle drei begaben wir uns in seine Wohnung. Er hatte mit einem Freunde, einem Artilleristen, der einige Tage vorher zur Front gegangen war, zwei Zimmer inne. Im Schlafzimmer standen noch zwei Betten. Als Wirt war er so liebenswürdig, mir den Vortritt einzuräumen. Aber die an und für sich schon nicht gerade himmlischen Freuden in den Armen der wenig berauschenden Circe wurden durch Kerstens Ungeduld noch wesentlich gedämpft. –

Nur vier und eine halbe Woche dauerte meine militärische Ausbildung, woran der langsame Schritt und das Einzelexerzieren den Hauptanteil hatten. Kompagnieexerzieren gab es überhaupt nicht, und nur einmal waren wir zum Schießstande gezogen. Ganze fünf Schuß habe ich mit meinem Zündnadelgewehr abgegeben. Aber das kriegerische Feuer und die jugendliche Abenteuerlust waren groß. Doch beinahe wäre meine Freude zu Wasser geworden. Unser Major rangierte mich als Jüngsten aus der Reihe der von ihm gemusterten Einjährigen aus. Nur mein flehentliches Bitten und der Hinweis, daß ich nur des Krieges wegen freiwillig eingetreten, bewogen ihn, mich wieder zu den übrigen zurückzustellen.

Am nächsten Tag ging's mit rauschender Militärmusik nach dem Bahnhof. Wie stolz wir durch die Straßen marschierten, von der Menschenmenge lebhaft begrüßt! In Berlin wurde die erste größere Rast gemacht. Mein älterer Bruder und meine Mutter erwarteten mich hier. Das Mittagessen in der Bahnhofsrestauration wollte mir gar nicht schmecken. Es lag mir wie ein Alb auf der Brust und schnürte mir die Kehle zu. Die Unterhaltung wollte nicht in Fluß kommen. Über eine Stunde waren wir zusammen, dann erschallte das Signal: »Einsteigen!« Meine Mutter wollte mir auf dem Bahnsteig das Geleit geben. Aber ich litt es nicht. Nein, in dem Wirrwarr, unter den vielen Soldaten! In Wahrheit aber fürchtete ich für meine Standhaftigkeit, und es schien mir besser, meiner Mannhaftigkeit nicht allzuviel zuzumuten. Ziemlich hastig umarmte ich beide und lief dann eilig, ohne mich auch nur einmal umzusehen, davon. Als ich mein Abteil erreicht hatte, fiel es mir doch schwer aufs Herz. Der Abschied war ein gar zu flüchtiger gewesen, und vielleicht war es ein Abschied für immer. Meine liebe, innig verehrte, gute Mutter! Ich hatte es wohl bemerkt, wie sie die ganze Zeit über mit ihrer Bewegung gekämpft, wie sie ihre Tränen aber um meinetwillen zurückgedrängt hatte. So war sie immer gewesen, selbstlos, opferbereit. Wieviele Opfer hatte sie mir nicht bereits gebracht, wieviele Sorgen um meinetwillen erduldet, wenn es galt, zwischen dem strengen Vater und mir zu vermitteln! Wie oft hatte sie mir heimlich ein paar Taler zugesteckt, um meine kleinen Schulden zu bezahlen. Immer war sie über die Maßen voll Güte und Nachsicht gegen uns Kinder gewesen.

Ein heißer Schmerz krampfte mir das Herz zusammen. Gar zu gern hätte ich ihr noch einmal die Hand gedrückt, noch einmal in die liebevollen, milden Augen geblickt und ihr ein paar Worte der Liebe und des Dankes gesagt. Zu spät! Mit schwerem Herzen sprang ich in den Wagen. Die Kameraden hatten bereits wieder ihren Lieblingsgesang angestimmt. Während mir die hellen Tränen über die Wangen liefen, fiel ich schluchzend ein: »Lieb Vaterland, magst ruhig sein!«

Drei Tage und zwei Nächte fuhren wir mit der Eisenbahn. Von Homburg vor der Höh' ging es in Eilmärschen nach Metz. In Forbach, der ersten französischen Stadt, in die wir für zwei Tage einquartiert wurden, wollten mich meine Quartierwirte, ein altes kinderloses Ehepaar, durchaus bei sich behalten. Ich sei doch noch zu jung, um in den Krieg zu ziehen, sie wollten mich an Kindesstatt annehmen.

Vor Metz, unter Kanonendonner, ging der militärische Drill von neuem los; sogar langsamer Schritt wurde wieder – unglaublich – exerziert, freilich auch, zu unserer aller Freude, die erste Felddienstübung abgehalten.

Auch mit dem ewig Weiblichen kamen wir hier in Berührung. Neben dem Hause, wo wir in einer Scheune kampierten, wohnte eine allerliebste »Blanchicheuse«, die unsere Wäsche besorgte. Aber ich mußte mich begnügen, mit ihr zu plaudern und ein wenig platonisch zu scharmieren; mein Schulfranzösisch kam zu ungeahnten Ehren.

Wieder einmal in meinem jungen Leben mußte ich eine Enttäuschung erfahren. Ach ja, Theorie und Wirklichkeit stimmten gar oft nicht überein! Die fesche, flotte Marketenderin, die die Truppe ins Feld begleitet und die hungrigen und nicht nur nach Schnaps und Bier dürstenden Krieger erquickt, hatte ich mir doch ganz anders vorgestellt, als die Gehilfin unseres Markentenders Vater Zacharias es war, die uns Schinkenstullen zu 50 Pfennig das Stück und ganz scheußlich kratzendes »Eau de vie« kredenzte. Immer unordentlich und schlampig, schon etwas angejahrt, bot sie in ihrem Wollrock und in der Männerjacke einen nichts weniger als berauschenden Anblick. Dennoch zirkulierte das Gerücht in der Kompagnie, daß der Feldwebel und der Unteroffizier der Reserve Zander, ein manierlicher, hübscher, vierundzwanzigjähriger Mensch, gewisse Beziehungen zu der »schönen« Therese, einer unverfälschten Berlinerin, unterhielten.

Als Metz genommen war, ging es in Eilmärschen nach Paris. Zweier Erlebnisse mit schönen Französinnen erinnere ich mich, von denen das eine, bei dem der Unteroffizier die Hauptrolle spielte, recht charakteristisch kriegerisch war. Eines Morgens in aller Frühe, stand die Kompagnie zum Abmarsch bereit. Der Kompagnieführer, ein Premierleutnant, konnte jeden Augenblick kommen. Unteroffizier Zander fehlte noch immer. Der Feldwebel fluchte und fragte seine Leute aus. Die Kerle lächelten nur verschmitzt. Schon sahen wir den Kompagnieführer auf seinem Braunen dahersprengen, da stürmte Zander im Laufschritt heran und erreichte noch rechtzeitig seinen Platz. Unterwegs auf dem Marsch erzählte er mir lachend: »Das tolle Weib, meine Quartierwirtin, wollte mich partuh nicht fortlassen. Eine üppige junge Frau, der Mann im Kriege! Schon die ganze Nacht über hatte sie mir keine Ruhe gelassen. Als ich am Morgen – meine Korporalschaft war schon auf dem Sammelplatz unterwegs – Lebewohl sagte, kam noch einmal eine stürmische Zärtlichkeitsanwandlung über sie. Sie ließ nicht locker; in aller Eile, mit dem gepackten Affen auf dem Buckel, mußte ich ihr noch eine letzte Liebesbezeigung erweisen.«

Das andere Erlebnis war zarter, poesievoller; es hat sich als eine meiner lieblichsten Erinnerungen an den Feldzug 1870/71 meinem Gedächtnis eingeprägt. Es war in einem lothringischen Dorf, als ich eines Abends um zehn Uhr von einem Besuch bei einem Kameraden, dem Avantageur Arthur Zeydel, an den ich mich angeschlossen hatte, nachdem Kersten in ein anderes Bataillon versetzt worden war, in mein Quartier zurückkehrte. Ich war angenehm überrascht, als ich in dem geräumigen Wohnzimmer, das der Familie zugleich als Schlafzimmer diente, neben der jungen Tochter meiner Quartierwirte ein anderes junges Mädchen antraf, eine so auffallend schöne Erscheinung, daß ich wie bezaubert dastand.

Die beiden Freundinnen lehnten am Kamin im lebhaften Gespräch, während das alte Ehepaar in dem einen der beiden großen Betten schnarchte – das zweite Bett war, ländlich, sittlich, für mich bestimmt. Die Tochter des Hauses war eine zarte Blondine, kaum dem Backfischalter entwachsen. Man hätte sie für ein deutsches Gretchen halten können, auch ihrem schüchternen, befangenen Wesen nach. Vergeblich hatte ich mich am Nachmittag bemüht, mit ihr eine Unterhaltung anzuknüpfen. Ähnlich den deutschen Mädchen im gleichen Alter hatte sie auf alle meine Versuche, mit ihr ein Gespräch zu unterhalten, nur immer: »Oui, monsieur«, »non, monsieur« geantwortet.

Welch' einen frappanten Gegensatz bot nun die andere! Eine echt südländische Erscheinung: dunkle feurige Augen, schwarzes krauses Haar, eine üppige, voll entwickelte Gestalt, dazu eine höchst temperamentvolle Beweglichkeit. Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich, daß sie von mütterlicher Seite italienischer Abkunft war. Sie teilte mir mit lebhaftem, sprudelndem Wortschwall mit, daß sie während der Nacht das in der Kammer nebenan befindliche Bett ihrer Freundin teilen würde, da sie sich nicht getraue, zu Hause zu schlafen. Sie sei vor den »balourdises prussiennes« des in ihrem Hause, das sie nur mit ihrer Mutter bewohne, im Quartier liegenden deutschen Capitaine geflüchtet. Ja, wenn es ein französischer Soldat wäre, erklärte sie mit südländischer Lebhaftigkeit, während die großen dunklen Augen flammten, dann würde sie ihm ihre Lippen nicht geweigert haben, aber sich von einem Preußen küssen lassen – jamais, jamais, jamais!

Ich seufzte leise, denn mein Herz brannte lichterloh. Eine Liebesstunde mit dem leidenschaftlichen berückenden Mädchen, das wäre der Himmel gewesen! Damals ging mir die Erkenntnis auf, wie jammervoll armselig meine bisherigen erotischen Erlebnisse und daß sie nur ein Surrogat, ja eine Verzerrung des süßesten Menschentriebes, eine Versündigung an dem heiligen Geist der Liebe gewesen.

Abgesehen von ihrer chauvinistischen Aufwallung, erwies sich die begeisterte Französin als ein liebenswürdiges, reizendes Geschöpf. Während wir lebhaft plauderten, ruhten meine Blicke bewundernd auf ihr. Gar nicht sattsehen konnte ich mich an den feinen, edelgeformten, ausdrucksvollen Zügen; nie wieder bin ich einer so vollendet schönen Französin begegnet. Bis gegen Mitternacht schwatzten wir; dann sagte sie mir mit einem freundlichen Händedruck Gute Nacht.

In Nancy verweilten wir ein paar Tage, und hier fanden die von den Strapazen zurückgedrängten Sinne der Soldaten Gelegenheit, sich zu betätigen. Auch ich war unter denen, die eines der trotz Feindseligkeit und Krieg offenstehenden Bordelle besuchte. Bei mir war es wohl wieder mehr die Neugier, die jugendliche Abenteuerlust und Eitelkeit, als ein wirklich dringendes Verlangen, die mich trieben, das »Freudenhaus« aufzusuchen. Ich freute mich nicht wenig in dem Gedanken, nachher, wenn ich in die Heimat und zur Schule zurückkehrte, vor den Mitschülern mit meinen interessanten Erlebnissen zu glänzen. Zunächst ging es ganz geschäftsmäßig zu. Im Hausflur befand sich, wie in einem Theater, eine Kasse, die von einem älteren Weibe, wahrscheinlich einer ausrangierten ehemaligen Jüngerin der Venus vulgivaga, bedient wurde. Fünf Franks war die Taxe, die jeder Soldat erlegen mußte. Dann wurde man zu einer »Schönen« in eines der zahlreichen kleinen Zimmer geführt. Ich hatte diesmal mehr Glück als seinerzeit in Stettin. Es war ein wirklich nettes, hübsches Geschöpf, das auch nicht so vollständig weiblicher Anmut und Grazie entbehrte wie ihre deutschen Berufsgenossinnen, deren Gunst ich bis dahin erkauft hatte. Sie war zärtlicher als die anderen und bemühte sich, ein persönliches Wohlgefallen zu erwecken. Tat sie es nur aus Berechnung? Ich erinnere mich, daß sie von ihrem freudlosen Leben erzählte, und von der Habgier der Bordellmutter, die ihr und ihren Genossinnen nichts anderes als die allerdings gute Kost und die Bekleidung ließ. Wenn ihr ihre »Liebhaber« nicht eine paar Franks zusteckten, bekäme sie auch nicht einen Sou in die Hände.

Ich verschloß mich dem deutlichen Wink nicht und sah mit Vergnügen, wie sie das ihr gereichte Geldstück in ihren Strumpf steckte.

Vor Paris hatten wir zunächst ein paar Ruhetage in dem Dorf Champlan. Nach den anstrengenden Märschen war das eine wohltat, Dienst hatten wir nicht; nur die Mannschaften rückten alle Tage zum Kartoffelbuddeln aus; wir Einjährigen waren davon dispensiert und so konnte ich, ein Langschläfer, wie ich war, dem Genuß, bis gegen Mittag im Bett zu liegen, nach Herzenslust fröhnen. Mein »Putzkamerad«, wie die meisten Leute ein Pole, war für meine Bequemlichkeit mit der Fürsorge einer Hausfrau bedacht. Alle Morgen, bevor er mit seinen Kameraden aufbrach, stellte er den selbstgekochten Kaffee, dem er eine derbe mit Schmalz bestrichene Stulle beifügte, vor mein Bett. Leider wurde die so innig begehrte Nachtruhe durch gewisse kleine, recht lästige Lebewesen gestört, während der letzten Marschtage waren diese kleinen Tierchen, die ein so starkes Unbehagen verursachten, plötzlich unter den Truppen erschienen, niemand wußte woher.

Zwei Wochen später lernte ich endlich den vollen Ernst des Krieges kennen: die blutige, männermordende Schlacht. Es war am zweiten Dezember, als wir bei Champigny zum erstenmal in die Schlacht kamen. Zuerst lagen wir stundenlang im Granatfeuer; die französische Artillerie schoß vorzüglich. Vor, zwischen und hinter uns krepierten die Granaten. So oft solch' ein Luder über uns dahinsauste, neigten wir instinktiv die Köpfe. Hinter mir lag unser Gruppenführer, ein alter Sergeant, mit lang auf die Brust wallendem Backenbart, der schon 1864 und 1866 mitgemacht hatte. Die Pfeife, die während des Marsches beständig an einem Knopf über der Brust hing, setzte er in Brand.

»Sie glauben nicht, Einjähriger«, redete er mich an, »wie das beruhigt, haben Sie denn nichts Rauchbares bei sich?«

Ich krabbelte mit meinen Fingern an meinem Waffenrock herum. Richtig! Zwischen dem zweiten und dritten Knopf steckte noch eine Zigarre, die letzte. Der Sergeant gab mir Feuer, und wir dampften um die Wette. Aber ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, daß mir die Zigarre einen besonderen Genuß gewährt hätte.

Da veranlaßte mich plötzlich ein ungewöhnliches Geräusch, mich umzusehen. Mein Sergeant Thielke lag lang ausgestreckt vornüber und hielt sich mühsam mit den Händen über dem Erdboden. Seine Augen hatten einen starren Ausdruck, seinen bleichen Lippen war die Pfeife entfallen; keuchende, pfeifende Laute entrangen sich seinen Lippen.

»Sergeant, was ist Ihnen?«, fragte ich entsetzt.

»Ge–troffen!«, stammelte er mühsam.

Jetzt bemerkte ich ein fast faustgroßes Granatstück, das neben dem Verwundeten auf der Erde lag. Das Ding war ihm gegen die Säbelkoppel geschlagen und mußte ihm eine starke Konfusion verursacht haben.

Der Zugführer winkte zwei Krankenträger heran. Thielke wurde unter Ächzen und Stöhnen auf eine Tragbahre gelegt und davongetragen. Als man ihn aufhob, reichte er mir noch die Hand. Seine Pfeife legte ich neben ihn.

Unsere vor uns auf einer Anhöhe aufgefahrene Artillerie mußte zurück; wir aber gingen vor. Im Sturmschritt ging es einen Weinberg hinab; wir sahen die Rothosen vor uns laufen; dann warfen sie sich in einen Graben und eröffneten von hier mit ihren Chassepots ein Schnellfeuer auf uns. Rechts und links fielen unsere Braven. Mein Putzer, ein Pole, »was sich nur gebrochen deitsch sprak«, erhielt einen Schuß in den Unterleib; ich sehe ihn noch vor mir, wie er, das Gesicht schmerzlich verzogen, beide Arme und Hände gegen den Leib preßte und noch ein paar Schritte weiter taumelte; dann sank er zu Boden.

An einer etwas erhöht liegenden Chaussee, die ein wenig Deckung bot, machten wir halt und warfen uns der Länge nach zu Boden. Stundenlang lagen wir im Schnee. Manch' einer, der allzu unvorsichtig den Kopf erhob, mußte auch hier sein Leben lassen. Schauerlich hallten die Klagerufe der weiter abliegenden Verwundeten über das mit der hereinbrechenden Dämmerung still werdende Schlachtfeld.

Meine Gedanken richteten sich nach der Heimat. Ahnten meine Eltern, welchen blutigen Gefahren ich soeben entgangen, welchem ungewissen Schicksal ich vielleicht in wenigen Stunden entgegenging? Gedachte Klara Bohm, die noch immer Heißgeliebte, Treuverehrte, meiner?

Um neun Uhr erhielten wir den Befehl, in das noch zum Teil von den Franzosen besetzte Champigny – sie hatten bei Morgengrauen mit großer Übermacht die überrumpelten Württemberger aus dem Dorf geworfen – einzurücken. An einer am Kreuzpunkt der beiden breiten Dorfstraßen gelegenen großen Villa machten wir halt. Die Wachen wurden ausgerufen; wir anderen begaben uns in die Zimmer, entzündeten Feuer und erlabten uns, die wir den ganzen Tag über nichts genossen hatten, an Brot und Kaffee. Bevor ich mich auf die blanke Diele niederstreckte, trug ich das schon vorher am Abend auf dem Schlachtfeld in mir entstandene Gedicht in mein Notizbuch ein:

Bei Champigny, am Abend des 2. Dezember 1870.

Die tiefste Ruh' rings um mich her,

es schweigt das Schlachtgetümmel –

manch' brechendes Auge, es sieht nicht mehr

den sternenklaren Himmel.

Der Mond zieht herauf in bleicher Pracht,

glänzt weit über die schaurige Runde.

Schlaft wohl, ihr Brüder, zur ewigen Nacht

auf hartem, kühlen Grunde!

Wie still ringsum, wie lauschig die Nacht,

nur die Sträucher sich neigen und wiegen!

Sie flüstern von neuer blutiger Schlacht,

von neuen Kämpfen und Siegen.

Sie flüstern von dir, die du, ach so fern,

mein denkst in Bangen und Grauen –

noch leuchtet, mein Lieb, der Hoffnung Stern:

wir werden uns wiederschauen!

Schlaf wohl, mein Kind, sanft sei dein Traum,

es grüßen dich meine Lieder;

die Seufzer verhallen im Weltenraum –

bald, Schatz, bald sehn wir uns wieder!

Den ganzen Tag über lagen wir hinter den Barrikaden der Straße zwischen den toten Württembergern und Franzosen, die am 30. November hier erbittert gekämpft hatten; jeden Augenblick waren wir des Angriffs seitens der Franzosen gewärtig. Aber sie begnügten sich, während des ganzen dritten Dezembers mit uns Schüsse zu wechseln. Wir machten uns das Vergnügen, ihnen mit Chassepotgewehren zu erwidern, die wir in der Villa und auf den Straßen gefunden hatten.

Am Abend zogen die Franzosen ab, nach Paris zurück. Uns allen aber fiel es wie ein Alp von der Seele, denn bei einem Angriff des an Zahl uns weit überlegenen Feindes wäre es uns, die wir die Vorposten bildeten, übel ergangen.

Wenn ich nun schließlich von meinen Empfindungen während der Schlacht sprechen soll, so muß ich sagen: Das stille, tatlose Liegen in der Reserve, während die feindlichen Granaten unter uns aufräumten und wir vom Gegner nichts sahen, war eine scheußliche Seelenmarter. Jeden Augenblick dachte man, wenn wieder solch' ein Biest geräuschvoll heransauste: »Diesmal gilt es dir!« Aber als wir dann unter Hurrarufen – es klang aus mancher Brust nicht gerade wie ein Sieges- oder Triumphruf – vorgingen, fiel dieser quälende, unleidlich dumpfe Druck von einem. Man hatte überhaupt keinen Gedanken, keine Empfindung mehr; man rannte mechanisch, weil Kommando und Pflicht es verlangten, während einen die Chassepotkugeln mit ihrem summenden Geräusch wie Bienen umschwärmten und man den Kopf zum Ausweichen rechts und links drehte.

Noch während der Belagerung von Paris wurden wir zur Manteuffelschen Armee nach dem Jura abkommandiert. Hier marschierten wir auf den gebirgigen Höhen durch Schnee und Eis wochenlang, immer Bourbakis Truppen vor uns herjagend. Oft kamen wir spät abends in ein Dorf, vor dem noch die Wachtfeuer der flüchtenden Feinde brannten. Endlich wurde Waffenstillstand gemacht und die Friedenspräliminarien begannen. Froh, des Krieges und der ständigen Gefahren und Strapazen herzlich überdrüssig, traten wir den Heimmarsch an. Was wir wieder an Marschleistungen vollbringen mußten, war unerhört. Aber man hat doch da gelernt, sich in das Ganze zu fügen und hat seinen Willen bis zum äußersten gestählt. Ja, es bedurfte oft der stärksten seelischen Anstrengung, nicht schlapp zu werden und sich nicht todmüde, unlustig auf die Erde fallen zu lassen, wenn einmal der Marsch kein Ende nehmen wollte. Lust am Weibe, Erotik in irgendwelcher Form konnte da nicht aufkommen, wenigstens bei mir körperlich unreifem Burschen nicht. Es kostete mich Mühe genug, die soldatische Pflicht restlos zu erfüllen.

Schließlich nahm, wie alles Unangenehme auf Erden, auch dieses entsetzliche Marschieren ein Ende und wir gelangten nach Metz. Unser ganzes Bataillon wurde in eine große Tabakfabrik einquartiert. Die lothringische Hauptstadt war damals noch ein gefährliches Terrain, und größte Vorsicht wurde uns im Verkehr mit der Einwohnerschaft anbefohlen, besonders auch mit dem weiblichen Teil derselben, denn es wurde erzählt, daß Soldaten, die sich von einem Frauenzimmer hatten verleiten lassen mit zu gehen, nicht wieder zum Vorschein gekommen waren. Deshalb wurden wir wohl auch in Massenquartieren zusammen gehalten. Schön war es nicht, denn der Platz war so eng, daß jeder sich mit seinem Raum, den die schmale, auf dem Erdboden liegende Matratze einnahm, zu allen seinen Hantierungen, wie Putzen, Essen usw., behelfen mußte. Das paßte uns natürlich schlecht, denn wir glaubten jetzt endlich einmal Anspruch auf ein bißchen Bequemlichkeit und – ein bißchen Liebe zu haben. Unser Feldwebel ließ zum Glück mit sich reden, und so erhielten wir drei Freiwilligen der Kompagnie und mein Freund, der Avantageur Zeydel, die Erlaubnis, für eine Nacht in einem nahegelegenen Hotel kampieren zu dürfen. Freilich, auch hier war alles überfüllt, aber es gelang uns, ein Zimmer mit zwei Betten zu erhalten. Das dünkte uns schon, wenig verwöhnt wie wir waren, eine große Errungenschaft, und gern wollten wir uns je zwei mit einem der weichen und geräumigen Betten begnügen.

Aber vorher gab es noch allerlei Schönes. Während sich zwei der Kameraden mit Billardspiel im großen Restaurationszimmer vergnügten, machten wir, mein Freund Arthur Zeydel und ich, uns an die beiden jungen Mädchen hinter dem Büfett heran, die, wie sie uns mitteilten, Nichten des kinderlosen Hotelbesitzers waren. Es waren blutjunge Dinger, zwischen sechzehn und achtzehn, aber außerordentlich entgegenkommend, so daß wir sehr angenehm überrascht waren. Natürlich gingen wir beiden unternehmenden jungen Soldaten und daneben ein paar flotte, hübsche, phantasievolle Jungen, mit Entschlossenheit und soldatischer Bravur vor. Ich will hier einschalten, daß mein Kompagniekamerad nur ein halbes Jahr älter war als ich und ebenso wie ich aus jugendlicher Begeisterung direkt von der Schulbank zu den Fahnen geeilt war. Er war mein Intimus geworden im Laufe der letzten Monate. Gleiche Neigungen, gleiche Begabung hatte rasch ein herzliches Freundschaftsband um uns geschlossen. Auch er besaß literarische Bestrebungen und auch ihm galt der Dichterberuf als höchster, und gelegentlich teilten wir uns unsere während des Feldzugs entstandenen kurzen poetischen Ergüsse mit.

Also, wir waren mit den beiden hübschen kecken Französinnen sehr rasch zu einem Einverständnis gelangt. In der Nacht, so verabredeten wir vier, wenn alles im Hause schlafen würde, sollten Zeydel und ich unsere rasch gewonnenen Liebsten in ihrem Stübchen besuchen. Sie schliefen im ersten Stockwerk, während wir ein Parterrezimmer innehatten. Um in der Nacht keinem Hindernis zu begegnen, lud mich die eine der willfährigen Schönen ein, mit ihr hinaufzusteigen, damit ich den Weg zu dem Eldorado kennen lerne, das sich uns nach Mitternacht erschließen sollte. Also wir schlichen die Treppe hinauf, die niedliche Cathérine und ich; oben erblickte ich einen langen Korridor, der an mehreren Fremdenzimmern vorbeiführte.

Ganz am Ende des Ganges, so wisperte mir das Mädchen zu, befände sich ihre und der Schwester Kammer. Unterwegs kamen wir an einer offenstehenden Tür vorbei. Mein Blick glitt unwillkürlich in das Zimmer. Ein Herr von unverkennbar echt französischem Typus saß an einem Tisch, und vor ihm stand ein junger Mann, offenbar sein Diener.

»Monsieur le capitaine!« flüsterte mir meine Begleiterin zu, und an dem Blick voll Haß, der mir aus den Augen des Franzosen entgegensprühte, konnte ich unschwer seine Empfindungen beim Anblick meiner Uniform erkennen. Aber das scherte mich wenig; meine Gedanken und Empfindungen gehörten ganz meinem mir voranschreitenden Schätzchen an und dem in Aussicht stehenden interessanten vielversprechenden erotischen Abenteuer.

»Hier!« Cathérine stieß die letzte Tür im Korridor auf und ich erblickte einen bescheiden möblierten kleinen Raum, in dem sich meinen aufleuchtenden Blicken zwei saubere, freundlich einladende Betten zeigten.

Meine Seele jauchzte und ich drückte der verschämt lächelnden einen begeisterten Kuß auf die Wange.

»Ma chérie! Mon amour!« raunte ich ihr ins zierliche Ohr. »Que je serais heureux!«

Sie drückte herzlich, allem Anschein nach ebenso sehr wie ich von dem Vorgefühl der uns erwartenden Freuden berauscht, meine Hand, die ihre umspannt hatte. Dann traten wir den Rückweg an.

Mein Freund und ich waren natürlich seelenvergnügt. Das war so recht was für unsere liebeglühenden, abenteuerlustigen Sinne, und wir beglückwünschten uns, daß wir es so gut getroffen. Ja, diese schneidigen Französinnen waren doch netter als unsere prüden deutschen Mädchen!

Wir nahmen uns vor, in Unterkleidern, d. h. in Hemd und Unterhosen, das Faschinenmesser für alle Eventualitäten umgeschnallt, unsere Liebesexpedition anzutreten. Aber es kam anders. Um zehn Uhr suchten wir unser Schlafzimmer auf, um uns durch ein bißchen Schlummer zu unserem nächtlichen Unternehmen zu stärken. Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen hatte, als ich mit einem entsetzlichen Leibweh aufwachte. Es waren äußerst schmerzende Krämpfe, die mich packten und mich in furchtbaren Schmerzen hin- und herwinden ließen. Mein Kamerad neben mir erwachte.

»Du, es ist Zeit!«, flüsterte er.

»Jawohl, es ist Zeit«, gab ich in grimmiger Selbstverspottung, in ohnmächtigem Zorn über das grausame Schicksal zurück, – »es ist Zeit, aber nicht zur Liebe!«

Damit erhob ich mich stöhnend – das Unterzeug hatte ich anbehalten – um dem mich beherrschenden quälenden Drange zu folgen. Leise fluchend tappte ich mich in den Flur hinaus. Leider hatte ich verabsäumt, mich für alle Fälle über eine gewisse Lokalität zu vergewissern, und so langte ich nach kurzer Irrwanderung, mich eine kleine Treppe hinabschleppend, in einen kellerartigen Raum. Aber trotz der Erleichterung ließen die Schmerzen nicht nach, und bis zum Morgengrauen verbrachte ich die Zeit in scheußlicher Qual. Noch fast mehr als das körperliche Übel setzte mir der Gedanke zu, daß uns die beiden Huldinnen – denn mein Kamerad wollte die Expedition allein nicht wagen – uns nun vergebens erwarteten, und daß uns dieser tückische Zwischenfall um eines der sicherlich hübschesten, genußreichsten Liebesabenteuer brachte.

Elastisch, wie die glückliche, frische Jugend ist, fühlte ich mich am Morgen nach kurzem Schlummer und nachdem ich mich an einer Tasse starken Kaffees gelabt, ganz leidlich.

Viel Zeit blieb uns nicht; wir mußten zum Morgenappell wieder bei der Kompagnie sein, und so verließen wir das Hotel, ohne von den beiden betrogenen Schätzen Abschied nehmen zu können.

Waren sie betrogen? Oft habe ich mit Freund Zeydel diese merkwürdige Affäre besprochen, und noch heute ist mir rätselhaft, welches die Ursache dieser plötzlichen Erkrankung sein mochte. Hatte ich mich erkältet – wir hatten ein Oberfenster unseres Schlafzimmers der Ventilation wegen offengelassen? Aber war anzunehmen, daß mir, der ich doch während des Feldzuges an Wind und Wetter gewöhnt und wiederholt auf freiem Felde, auf feuchtem, kaltem Erdboden, nur in meinen Mantel eingehüllt, kampiert hatte, das rauhe Märzlüftchen diesen bösen Streich gespielt, das doch meinem Kameraden neben mir nicht geschadet hatte? Allerlei romantische Gedanken fuhren uns durch den Kopf, war die verliebte Zutraulichkeit der beiden jungen Französinnen, die uns so überraschend schnell rückhaltloses Liebesglück versprochen, nur intrigante Heuchelei gewesen? Hatte Cathérine vielleicht, in chauvinistischem Fanatismus, Gift in das mir kredenzte Glas Bier geschüttet? Oder noch schlimmer, waren die beiden Mädel etwa die Geliebten des französischen Capitaine, der mich mit so grimmigem Blick gemessen, hatten sie mit ihm verabredet, daß sie uns eine Falle stellen sollten? Möglich, daß er die Absicht gehabt, uns in der Nacht in der Kammer seiner Landsmänninnen mit Hilfe seines Burschen meuchlings zu überfallen. Im Grunde aber waren wir doch geneigt, einen blinden, bösen Zufall für unser Mißgeschick verantwortlich zu machen, denn es wollte uns gar nicht in den Sinn, daß die lieben blitzjungen Mädel abgefeimte Betrügerinnen gewesen.

Wir waren alle froh, daß wir schon am nächsten Tage die ungastliche Fabrik verlassen durften und nach dem nur zwei Stunden entfernten Dorf Augny abmarschierten. Schon im Herbst 1870 hatten wir wochenlang hier gelegen, teils in einem großen Schafstall, teils auf Heuböden und in aus Erde, Rasen und Baumstämmen und Strauchwerk selbst errichteten Baracken kampierend. Damals waren nur einige wenige alte Leute in dem großen stattlichen Dorf gewesen. Diesmal sahen wir Straßen und Häuser von einer zahlreichen Einwohnerschaft belebt, und manche liebreizende Frauen- und Mädchengestalt bot sich unseren aufleuchtenden Blicken. Auch mit der Unterkunft war es diesmal besser bestellt; wir wurden in Bürgerquartiere gelegt. Ich traf es freilich nicht besonders gut; mit meinem Burschen wurde ich bei einem Flickschuster einquartiert, dessen Wohnung nur aus einem geräumigen Zimmer mit einem großmächtigen Himmelbett, und einer Küche bestand. Dieses Himmelbett war das Prachtstück des ärmlichen Mobiliars, und ich mußte es mit meinem Quartiergeber teilen, während mein Putzkamerad auf einem allabendlich auf dem Fußboden zurechtgemachten Strohlager schlief.

Der alte Hagestolz war ein eifriger französischer Patriot. Manche Nachtstunde hindurch haben wir, friedlich nebeneinander ruhend, in heftigen Disputen verbracht, und wenn ich ihm sagte, daß er und seine lothringischen Landsleute nun bald Deutsche sein würden, wurde er fuchswild.

»Sie können unser Land deutsch machen«, erklärte er pathetisch, »aber unsere Herzen nicht!«

Ein recht angenehmes Leben begann. Man war so einsichtsvoll, uns nicht mit Drill und Exerzieren zu quälen, sondern uns einmal die uns so nötige Ruhe und Erholung zu gönnen. Nur aus einem geringen Nachtdienst und täglich zweimal kurzem Appell bestand unser militärischer Dienst. Brot, Fleisch und Gemüse wurde uns von unserem Train geliefert, und mein Bursche schmorte und briet, daß es eine Lust war. Sogar Monsieur Dubais verschmähte es nicht, hin und wieder an dem Mahl der verdammten Preußen teilzunehmen. Mein Abendbrot nahm ich regelmäßig in der großen Auberge Meunier. Der »Aubergiste« hatte uns Einjährigen der beiden Bataillone, die in Augny lagen, einen besonderen Raum eingerichtet, dessen weißgetünchte Wände ein künstlerisch veranlagter Kamerad mit allerlei kriegerischen und friedlichen Bildern schmückte. Herrliche Stunden haben wir etwa zwanzig junge Burschen hier pokulierend, scherzend, singend verlebt. Eine besondere Anziehungskraft und einen lang entbehrten Reiz bildeten unsere schöne Hebe, die achtzehnjährige liebliche Tochter unseres Wirtes, wir haben sie alle herzlich verehrt, die freundliche Mademoiselle Josephine. Aber so sehr sich auch der eine und andere bemühte, ihrer Gunst teilhaftig zu werden, es gelang keinem. Immer liebenswürdig, lustig und zu jedem Scherz aufgelegt, wußte sie sich doch auch bei den kecksten von uns in Respekt zu setzen und Distanz zu halten. Wie oft haben wir nicht über ihre drolligen Versuche, »dütsch« zu sprechen, gelacht. Doch kann ich wohl sagen, ohne prahlerisch zu sein, daß sie mich ein klein wenig, wenn auch in allen Ehren, vor den übrigen bevorzugte. Noch tönt mir ihr schelmisches: »Mon petit coquin! Mon petit polisson!« in den Ohren, mit denen sie meinen lebhaften Huldigungen zu begegnen pflegte.

Auch mit den übrigen Einwohnern standen wir auf bestem Fuß. Natürlich, wir brachten ja reichlich Geld unter die Leute. Auch von der ärmeren Nachbarschaft strömten Hausierer ins Dorf, die allerlei Leckereien und sonstige Waren feilboten. Unter ihnen stellte sich fast täglich eine Anzahl von Fabrikmädchen aus dem nahen Ars sur Moselle ein, die uns »L'eau de vie« und Backwerk zum Kauf anboten. Und hier fanden endlich unsere in der Ruhe und den verhältnismäßigen Wohlleben sich lebhaft regenden Sinne die erwünschte Befriedigung. So erinnere ich mich, daß wir einmal, vier Kameraden, ebensoviele Mädchen in den zwischen Augny und Ars gelegenen Wald begleiteten, hier trennten wir uns; jeder nahm eins der Mädchen, das sich ihm gern zugesellte, unter den Arm. Die blutjungen Dinger – keine war über zwanzig – waren einem Liebesabenteuer ebensowenig abgeneigt wie wir und vergaßen Patriotismus und mädchenhafte Scheu. In Liebessachen fühlt ja ein normales, natürlich und gesund empfindendes Weib immer international.

Acht Wochen währte dieses beschauliche, behagliche Leben. Dann hieß es: Friede! Nach der Heimat zurück! Obgleich unser aller Herzen freudig pochten, so wurde es doch manchem von uns schwer, von dem hübschen Dorf mit seinen freundlichen Einwohnern zu scheiden. Ich ging am Morgen unseres Ausmarsches mit Freund Zeydel in die Auberge, um unsere Feldflaschen mit dem guten süffigen Rotwein Monsieur Meuniers füllen zu lassen. Natürlich bediente uns die schöne Josephine. Sie mochte uns wohl erwartet haben. Als wir ihr zum letzten Lebewohl mit der Bescheidenheit, zu der sie uns erzogen hatte, die Hand reichten, umschlang sie uns, einen nach dem anderen, im ausbrechenden Gefühl und küßte jeden von uns herzlich auf die Lippen. Zum Schluß reichte sie dem Kameraden sowohl wie mir einen der auf dem Tisch bereitliegenden duftenden Sträußchen.

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9783750203372
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