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Arthur Schnitzler

Flucht in die Finsternis

Saga

Flucht in die FinsternisCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1912-1917, 2020 Arthur Schnitzler und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726544374

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

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I

Es klopfte ; der Sektionsrat erwachte, und auf sein unwillkürliches „Herein” erschien ohne weiteres der Kellner mit dem regelmässig für acht Uhr bestellten Frühstück in der Tür. Roberts erster Gedanke war, dass er gestern abend nun doch wieder vergessen hätte, die Tür zu versperren; aber er hatte kaum Zeit, einer Verstimmung über dieses neuerliche Zeichen von Zerstreutheit nachzugeben, da seine Aufmerksamkeit sofort durch die auf der Frühstückstasse neben Tee, Butter und Honig bereitliegenden Briefschaften in Anspruch genommen wurde. Unter anderen, gleichgültigeren fand er ein Schreiben seines Bruders vor, in dem dieser seiner Freude über das nahe bevorstehende Wiedersehen Ausdruck gab und nach Mitteilung unwesentlicher Familienneuigkeiten mit einer nicht unabsichtlichen Beiläufigkeit seiner kürzlich erfolgten Ernennung zum ausserordentlichen Professor Erwähnung tat. Robert setzte eine herzliche Glückwunschdepesche auf und liess sie ohne Verzug zum Amt befördern. Wenn auch Berufspflichten und andere Lebensumstände den persönlichen Verkehr zwischen den Brüdern oft für Tage und Wochen zu unterbrechen pflegten, es kam doch immer wieder ein Ereignis, das — oft gerade in seiner Geringfügigkeit — sie beide ihre Zusammengehörigkeit als unzweifelhaft und unauflöslich empfinden liess. Dem jüngeren Bruder zumal wollten bei solchen Gelegenheiten alle anderen abgelaufenen und noch bestehenden Beziehungen seines Lebens, sogar seine frühe Ehe mit einer trefflichen, nun längst verstorbenen Frau, als solche von geringerem Rang erscheinen, und immer mehr glaubte er das Verhältnis von Bruder zu Bruder nicht nur für sich als den besten und reinsten Gewinn seines Daseins, sondern auch im allgemeineren Sinne als das einzige von natürlich gesicherter Beständigkeit zu erkennen; sicherer als das zu den Eltern, die man allzu früh in Alter und Tod entschwinden sieht, fester als das zu den Kindern, die man, wie Robert freilich für seine Person niemals erfahren hatte, wenn nicht an andere Menschen, so doch an ihre eigene Jugend zu verlieren bestimmt ist; vor allem aber blieb es jederzeit frei von jenen Trübungen, die, unerwartet aus dunklen Seelengründen aufsteigend, über die Beziehungen zwischen Mann und Weib wolkenhaft heraufzuziehen pflegen.

So nahm Robert des Bruders Brief, der gerade heute, am Tage seiner Abreise, anlangte, wie ein günstiges Vorzeichen entgegen und fühlte sich in seinen Hoffnungen für die Zukunft, in die er nach einer unruhvollen Zeit wie in eine neue Epoche seines Daseins sollte, wunderbar gestärkt.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als Robert fertig gepackt hatte und sein Zimmer verliess. Es war die Stunde, da die meisten Gäste sich im Bad oder auf Spaziergängen befanden und es grade im näheren Umkreis des Hotels am stillsten war. Robert trat auf den breiten steinernen, weit ins Wasser laufenden Landungssteg, an den gelehnt der kleine helle Dampfer seine Mittagsrast hielt, blickte zu den wenigen, fast unbeweglichen, weissen, gelben und rötlichen Segeln hin, die im Kanal erglänzten, und liess seine Augen endlich nordwärts gleiten, wo die Enge, allmählich sich verbreiternd, das offene Meer ahnen liess. Er nahm den Hut ab, um sich die Sonne grade auf den Scheitel brennen zu lassen, atmete tief mit geöffneten Lippen, um den Salzgeschmack auf der Zunge zu spüren, und freute sich der linden Luft, die auf dieser südlichen Insel auch an solchen Spätoktobertagen oft noch mit sommerlicher Wärme schmeichelte. Allmählich kam ihm das Gefühl, als wäre der Moment, den er eben durchlebte, in Wirklichkeit längst vergangen und er selbst, so wie er eben dastand — auf dem Landungssteg, den Hut in der Hand, mit geöffneten Lippen —, ein verschwimmendes Bild seiner eigenen Erinnerung. Er hätte gewünscht, dieses Gefühl, das ihn keineswegs zum erstenmal und durchaus nicht als ein unheimliches, sondern eher als ein erlösendes überkam, länger festhalten zu können; aber mit dem Wunsche selbst war es auch geschwunden. Und nun war ihm, als hätte er mit der Gegenwart sich entzweit; Himmel, Meer und Luft waren fremd, kühl und fern geworden, und ein blühender Augenblick welkte dürftig dahin.

Robert verliess den Steg und beschritt einen der schmalen, wenig begangenen Pfade, die unter Kiefern und Steineichen, zwischen wildwachsendem Gestrüpp, ins Innere der Insel führten. Doch auch die Landschaft schien ihm duftlos, trocken und ihres gewohnten Reizes wie entkleidet. Er freute sich jetzt, dass die Stunde der Abreise nahe war, und in seiner Seele tauchten höchst lebendige Bilder von winterlich-städtischen Vergnügungen auf, nach denen ihn schon lange nicht mehr verlangt hatte. Er sah sich im Theater, auf einem bequemen Samtsessel, der Betrachtung eines heiteren Bühnenspiels hingegeben, sah sich durch hellbeleuchtete, menschenerfüllte Strassen wandeln, zwischen lockenden Auslagefenstern mit köstlichen Juwelen und Lederwaren; und endlich erschien ihm seine eigene Gestalt, ein wenig aufgefrischt und verjüngt, im stillen Winkel eines behaglich-vornehmen Restaurants an der Seite eines weiblichen Wesens, dem seine Phantasie unwillkürlich Albertens anmutige Züge verlieh. Zum erstenmal seit der Trennung dachte er ihrer mit einiger Wehmut; er fragte sich, ob es sonderlich klug gewesen war, sie widerstandslos dem jungen Amerikaner zu überlassen, dessen sie, der gefährlichen Nähe entrückt, nach wenigen Tagen gewiss nicht mehr gedacht hätte, und er überlegte, ob es in jenem abendlichen Waldgespräch am Vierwaldstätter See nicht vielmehr seine Pflicht gewesen wäre, die Freundin zu warnen — statt ihr zur Annahme eines Heiratsantrages zu raten, der, trotz aller leidenschaftlichen Bestimmtheit, als Ergebnis einer Bekanntschaft von nur wenigen Tagen doch einigermassen verdächtig erschien. Freilich täuschte sich Robert auch darüber nicht, dass sein augenblickliches Missbehagen viel weniger aus solchen verspäteten Gewissenszweifeln als aus der dankbaren und nun beinahe schmerzlich erwachenden Erinnerung seiner Sinne floss.

Verspätet ins Hotel zurückgekehrt, nahm er sein Mittagessen wie immer allein an einem der breiten Saalfenster mit dem Blick aufs Meer. Nachher verabschiedete er sich höflich von einigen Badebekanntschaften und liess sich endlich für eine kurze Weile am Tisch der Damen Rolf nieder, die auf der Uferterrasse ihren Nachmittagskaffee tranken. Fräulein Paula, der Robert während seines Aufenthalts auf der Insel keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte, wie ihm überhaupt der Verkehr mit unverheirateten Damen aus guter Familie wenig zusagte, betrachtete ihn heute mit einer Teilnahme, die ihn nachdenklich stimmte. Als er zum Abschied nicht nur der noch immer schönen, etwas hoheitsvollen Mutter, sondern, gegen seine Gewohnheit, auch der Tochter die Hand küsste, fühlte er auf seiner Stirn den warmen Glanz eines freundschaftlich-nahen Blickes ruhen, der gleichsam dunkler wurde, als ihm Roberts Augen begegneten.

Er begab sich ins Klavierzimmer, griff ein paar Akkorde auf dem verstimmten Flügel, verliess aber bald wieder den Raum, hinter dessen herabgelassenen Vorhängen der schwüle Nachmittag dunstete; und auf dem weissen, strahlenden Uferkies hin und her wandelnd, empfand er peinlich die unergründliche Leere jener nutzlosen Stunden vor einer festgesetzten Abreise. Daher entschied er sich, statt abends mit dem regelmässigen Dampfer, lieber gleich mit einem der kleinen Motorboote, noch im vollen Licht, die kurze Strecke übers Meer zu fahren, und wanderte bis kurz vor Abgang des Zuges in den winklighügeligen Strassen der Hafenstadt umher, deren Altertümer zu besichtigen er sich täglich vorgenommen hatte, um es ebensooft und endlich bis zur letzten Stunde aufzuschieben. Als er auf den obersten verwitterten Stufen der Arena stand, vom entweichenden Tagesschein umflossen, stieg, gleich einer dunklen Mahnung, aus der Tiefe des ungeheuren Kreises der Abend zu ihm empor.

II

Als der Zug den Bahnhof verliess, verweilte Robert am Fenster seines Abteils und nahm ohne Rührung von der gegenüber im blassrötlichen Grau verdämmernden Insel und vom Meere Abschied, auf dessen fernsten Wellen ein violetter Nachglanz der versunkenen Sonne schwamm. Zwischen ärmlichen Weinbergen keuchte der Zug langsam aufwärts, dem Karstland entgegen, und fuhr bald durch einen langen Tunnel in die abendliche Felsenlandschaft ein, deren Horizont nur die Ahnung, aber nicht mehr das Bild der See in sich fasste. Nun erst streckte sich Robert, den das Umherwandern in den unebenen und schlecht gepflasterten Strassen der alten Hafenstadt ermüdet hatte, auf sein Lager hin und suchte im Herzen nach dem frohen Vorgefühl, das ihn noch heute morgen während seines Spazierganges bewegt und beinahe beglückt hatte. Aber was er fand, war nicht Freude mehr, sondern eine sonderbare Bangigkeit, als fahre er einer bedeutungsvollen, ernsten Entscheidung entgegen. Kündigte die Nähe der Heimat in so unerwünschter Weise sich an? Sollte es ihm bestimmt sein, ebenso bedrückt, wie er fortgereist war, wieder heimzukehren, und brach nun nach manchen guten und freien Stimmungen der letzten Monate jenes Unbegreifliche, kaum in Gedanken, nimmer in Worte zu Fassende über ihn herein, das dunkel drohend noch Schlimmeres anzumelden schien?

Hatten die Ärzte sich geirrt oder ihn mit Absicht getäuscht, die von einer sechsmonatigen zerstreuenden Reise vollkommene Genesung für ihn zu erwarten behaupteten? Doktor Leinbach, sein Freund aus Jugendtagen, war freilich immer geneigt, Beschwerden, die man ihm klagte, leicht zu nehmen, und es konnte kaum als sehr beruhigend gelten, dass er alle irgendeinmal schon am eigenen Leib verspürt haben wollte. Aber dass auch Otto, wenn er ihn für ernstlich krank gehalten, die Verantwortung auf sich genommen hätte, den einzigen Bruder für ein halbes Jahr, ohne jede Begleitung, in die Welt hinauszuschicken, das war in keinem Fall anzunehmen. Zugleich aber musste Robert sich fragen, und nicht zum erstenmal, ob er sich dem Bruder auch ohne Rückhalt aufgeschlossen und nicht vielmehr in sonderbarer Scheu noch in der letzten Unterredung ihm gegenüber seinen Zustand als harmloser dargestellt, als er selbst ihn empfunden hatte, in der unbewussten Hoffnung, auf diese Art ein gelinderes Urteil zu erfahren?

Urteil: dies war das Wort, das sich ihm innerlich aufdrängte; und es was das richtige. Denn von Jugend auf hatte er sich dem älteren Bruder gegenüber bei äusserlich glänzenderen Eigenschaften als einen Menschen von geringerem Wert erkannt, und er verhehlte sich nicht, dass sein eigener bürgerlicher Wandel von Otto zwar mit Nachsicht, oft aber mit Ungeduld und Unmut betrachtet wurde. Und Robert begriff das sehr gut. Ottos pflichtenschweres Dasein, der Ernst seines Berufes, bei dessen Übung es um so wesentliche Dinge wie um Leben und Gesundheit ging, sein sicheres und zugleich opfervolles Ruhen in der Familie, all das stellte sich für Robert in so hehrem Lichte dar, dass ihm dagegen seine eigene Existenz, wenn sie auch in den Rahmen eines Amts gespannt war, oft genug wie ohne rechte Würde und ohne tieferen Sinn erschien.

Von seinem Bruder als ein Genesener, ja als ein Gebesserter vielleicht, mit Herzlichkeit begrüsst zu werden, dünkte ihn das Beste, was die Heimat zum Empfang ihm bieten konnte. Und dass die freudige Erwartung eines guten Wiedersehens sich allmählich in eine immer unruhevollere Bangigkeit gewandelt hatte, das musste verborgene Ursachen haben, denen Robert zögernd, aber widerstandslos nachgrübelte. Und er fühlte, wie aus den Gründen seiner Seele dumpf, doch unverscheuchbar, eine Erinnerung emportauchte, als wollte sie sich nicht länger in ihrem jahrelangen trügerischen Schlummer halten lassen; ein Wort fing an in ihm zu klingen, das sich vorerst seinen eigenen Sinn nicht einzugestehen wagte; und mit Absicht flüsterte er dieses Wort einmal, zehnmal vor sich hin, als vermöchte er es auf diese Weise seiner Bedeutung wie seiner Kraft zu berauben. Und wirklich begann es allmählich leerer und nichtiger zu werden, war am Ende nichts als ein zufälliges Nacheinander von Buchstaben, willkürlich aneinandergereiht, nicht sinnvoller als unter dem heimrasenden Zug das Singen der Räder mit dem es sich vermischte und in dem es sich endlich für den mählich Entschlummernden völlig verlor.

III

Als Robert in strömendem Regen am Bahnhof in den Wagen stieg, gab er dem Kutscher zuerst die Adresse seiner früheren Wohnung, die er vor der Abreise aufgegeben hatte; dann erst, sich besinnend, nannte er den Namen des alten Gasthofes, in dem er Quartier bestellt hatte. Hinter einer Kirche, zwischen hohen, düsteren Häusern der inneren Stadt gelegen, bot er nicht den freundlich-festlichen Anblick dar, mit dem neuentstandene den Anlangenden willkommen zu heissen pflegen; Robert aber hatte grade diesen gewählt, nicht nur, weil seine Geldmittel, wenn auch noch leidlich zusammengehalten, ihm einen längeren Aufenthalt in einer der moderneren Fremdenherbergen nicht gestatteten, sondern auch, weil er grade hier in einem Zimmer des vierten Stockwerks vor vielen Jahren in Gesellschaft eines längst verstorbenen Freundes, dessen Geliebte hier wohnte, manche fröhliche Stunde verbracht hatte. In seiner Erinnerung hatte er das Bild des Gasthofes sonderbarerweise wie das eines kleinen, alten Palastes aufbewahrt und suchte nun vergeblich nach den Spuren verblichener Pracht, die damals eine solche Täuschung hervorgerufen oder begünstigt haben mochten. Weder gab es die kunstreichen Zierate an dem eisernen Treppengeländer, noch waren an den Flurdecken die barocken Reliefs zu sehen, die er zu finden erwartet hatte; und der Stiegenteppich, schmal und zerschlissen, schimmerte in einem verblassten und ärmlichen Purpurrot. Doch das Zimmer, das man ihm anwies, hochgewölbt, mit zwei breiten Fenstern, behaglich eingerichtet und mit dem Ausblick auf die grünpatinierte Kirchenkuppel, versöhnte ihn mit dem trübseligen ersten Eindruck. Er liess sein Gepäck heraufschaffen und machte sich sofort daran, mit Hilfe einiger Kleinigkeiten aus eigenem Besitz, die er auch auf Reisen stets mit sich zu führen pflegte, wie Briefmappe, Papiermesser, Aschenschale und dergleichen, dem Gasthofzimmer einen leisen Schein von Häuslichkeit zu verleihen. Nachher begab er sich in das Badezimmer, dem wohl anzumerken war, dass es nur nach der widerwillig anerkannten Forderung einer neuen Zeit aus irgendeinem unbenützten Bodenraum für seine jetzige Bestimmung umgewandelt worden war. Eine gelbliche, in die Decke eingelassene Lampe verbreitete spärliches Licht in dem fensterlosen Raum, und durch den länglichen Spiegel, der in einem glatten, alten Goldrahmen an der Wand hing, ging ein Sprung von unten bis oben. Seiner Gewohnheit nach blieb Robert ziemlich lange im Bad, dann, den rauhen, weissen Mantel um die Schulter geschlagen, trat er vor den Spiegel hin und fand sein bartloses, schmales Gesicht recht frisch, ja sogar für seine dreiundvierzig Jahre von ziemlich jugendlichem Aussehen. Schon wollte er sich befriedigt abwenden, als aus dem trüben Glas in rätselhafter Weise ein fremdes Auge ihn anzublicken schien. Er beugte sich vor und glaubte zu bemerken, dass das linke Lid tiefer herabsinke als das rechte. Er erschrak ein wenig, prüfte mit den Fingern nach, zwinkerte, presste die Lider fest aneinander und öffnete sie wieder — doch der Unterschied gegenüber der rechten Seite blieb bestehen. Er kleidete sich rasch an, trat vor den grossen Wandspiegel zwischen den beiden Fenstern, öffnete die Lider, so weit er vermochte, und musste feststellen, dass das linke Lid seinem Willen nicht so rasch gehorchte wie das rechte. Doch das Auge selbst blickte klar, die Pupille antwortete dem Lichtreiz ohne Zögern; und da Robert sich überdies erinnerte, dass er die Nacht hindurch auf der linken Seite gelegen hatte, schien immerhin eine genügende Erklärung für die Schwäche des Lids gegeben. Trotzdem nahm sich Robert vor, morgen Doktor Leinbach oder Otto zu Rate zu ziehen oder, lieber noch, es darauf ankommen zu lassen, ob sein Bruder die Ungleichheit der Lider von selbst entdecken würde. Zugleich aber fühlte er diesen Vorsatz wie von einer unbestimmten Angst durchzittert, ungefähr so, als wenn er etwas Unrechtes begangen hätte und zumindest eines Verweises, wenn nicht gar einer Strafe gewärtig sein müsste. Zuerst wehrte er sich dagegen, diese Regung zu verstehen; dann streckte er beide Arme aus, wie um einen nahenden Feind abzuwehren, entfernte sich von seinem Spiegelbild und trat zum Fenster hin, an das die schweren Regentropfen klatschten. Sein Blick fiel auf die Marmorstatue des heiligen Christophorus, die gegenüber in einer Mauernische der Kirche stand, gradeso wie vor zwanzig Jahren. Nun erst merkte er, dass er sich in demselben Zimmer befand, das die Geliebte seines Freundes Höhnburg vor so vielen Jahren bewohnt hatte; nur die Möbel waren neu, und statt der schweren dunkelroten Plüschportieren fiel von der Messingstange des Alkovens in leichten Falten ein lichter, geblümter Kretonnevorhang herab, der zu der Farbe der neuen Tapete abgestimmt war. Sollte er diese Veränderung ins Helle, Freundliche als günstige Vorbedeutung ansehen? Er versuchte es vergebens. Denn mit grausamer Deutlichkeit stieg vor Roberts Sinnen der längst vergangene Frühlingsabend wieder auf, an dem nicht nur des Freundes, sondern — wie er tief erschauernd fühlte — vielleicht schon sein eigenes Schicksal geheimnisvoll sich angekündigt hatte. Und er erlebte ihn wieder.

Mit seinem Bruder Otto, dem Leutnant Höhnburg und anderen guten Bekannten war er nach einem Wettrennen in der Freudenau in einem menschenüberfüllten Pratergarten eingekehrt. Höhnburg war unter ihnen allen der Lauteste und Lustigste gewesen, noch lauter und übermütiger, als er sonst zu sein pflegte, und es war nicht sonderlich aufgefallen, als er dem Kellner ein Trinkgeld in ungewöhnlicher Höhe überreichte. Auf dem Heimweg aber hatte Otto den Bruder beiseitegenommen und ihm anvertraut, dass ihr gemeinsamer Freund Höhnburg — was die andern noch nicht ahnten, er selbst als Arzt aber seit etlichen Tagen mit Bestimmtheit wusste — unheilbarem Wahnsinn verfallen sei und in spätestens drei Jahren unter der Erde liegen werde. Robert lehnte sich zuerst gegen die Zumutung auf, in dem jungen Kavallerieoffizier, der ein solches Bild ungetrübter, ja gesteigerter Gesundheit bot und der zudem sein Freund war, einen Gezeichneten, einen Verurteilten zu erblicken. Als er sich aber endlich den Fachkenntnissen seines Bruders gegenüber bescheiden musste, begann ihm Wesen und Benehmen, ja die ganze Erscheinung seines Freundes unheimlich und immer unheimlicher zu werden; er vermied es, das Wort an ihn zu richten, ja hatte geradezu Angst, dass jener sich wieder zu ihm wenden und vielleicht den Arm unter den seinen schieben würde, und ohne Abschied verschwand er aus der Gesellschaft. Schon wenige Tage darauf erlitt Höhnburg einen Tobsuchtsanfall und musste einer Anstalt übergeben werden.

Bei der nächsten Begegnung mit Otto, ohne vorherige Absicht, wie einer ganz plötzlichen, unwiderstehlichen Eingebung folgend, stellte Robert die Forderung an den Bruder, dieser möge, wenn er irgendeinmal, sei es morgen oder in ferner Zukunft, die Vorzeichen einer Geisteskrankheit an ihm entdecke, ihn ohne weiteres auf rasche und schmerzlose Weise, wie sie dem Arzte ja immer zu Gebote stünde, vom Leben zum Tode befördern. Otto verspottete ihn zuerst als unverbesserlichen Hypochonder, Robert aber gab nicht nach und erklärte, dass brüderliche Liebe einen solchen Dienst nie und nimmer verweigern dürfe, da ja in jedem andern Fall der Kranke selbst nach Belieben seinen Leiden ein Ende machen könnte, während eine Geistesstörung den Menschen zum willenlosen Sklaven des Schicksals erniedere. Otto brach unmutig das Gespräch ab. Im Laufe der nächsten Wochen aber kam Robert mit solcher Beharrlichkeit immer wieder auf seine Forderung zurück, unterstützte sie mit so ruhig vorgebrachten und eigentlich unwidersprechlichen Gründen, dass Otto, um nur das unleidliche Geschwätz endlich loszuwerden, sich das erbetene Wort entreissen liess. Doch auch damit gab Robert sich noch nicht zufrieden; er schrieb an seinen Bruder einen Brief, darin er ihm trocken, gradezu geschäftsmässig, den Empfang jenes Versprechens bestätigte und ihm überdies riet, diese Bestätigung sorgfältig aufzubewahren, um sich vielleicht später einmal Anklägern oder Zweiflern gegenüber mit der unwiderleglichen Rechtfertigung einer notwendigen Tat ausweisen zu können.

Nach Absendung seines Briefes fühlte Robert sich beruhigt, und es war von nun an, wie im gegenseitigen Einverständnis, zwischen den Brüdern von jener Abmachung mit keinem Worte, ja nicht einmal andeutungsweise mehr die Rede gewesen. Robert aber fühlte sich wie von einem Bann befreit; ja ihm war, als wäre nun von allen Möglichkeiten, die sein Dasein bedrohen könnten, grade jene düsterste ein für allemal aus der Welt geschafft. Auch als er sich im letzten Frühling gezwungen sah, jeder Beschäftigung zu entsagen, weil sein Gedächtnis versagte — als er sich aus der Gesellschaft zurückzog, weil ihn die gleichgültigsten Worte ärgerlich oder gar schmerzlich berührten, als er sogar sein geliebtes Klavierspiel aufgeben musste, weil es ihn selbst manchmal bis zu Tränen rühren konnte, deren er sich dann schämte —, auch damals hatte er keineswegs den Ausbruch des Wahnsinns gefürchtet, so wenig eine solche Befürchtung ihn während der ganzen Reise gequält hatte; und er wusste untrüglich, dass gestern abend im Eisenbahnwagen vor dem Einschlafen das schicksalsvolle Wort für ihn zum erstenmal aus seiner Buchstabentotheit wieder zu lebendiger Bedeutung erwacht war. Damit aber schien ihm der Vertrag zwischen ihm und seinem Bruder neu in Kraft getreten, und jenes Schreiben, das Otto gewiss sorgfältig aufbewahrt hatte, war zum Schuldschein geworden, gegen dessen stumme Unerbittlichkeit es in einer herandrohenden Stunde keinen Einspruch gab. Doch bedurfte es überhaupt eines solchen Scheins? War Otto nicht der Mann, einen Verlorenen aus der Welt zu schaffen, auch ohne durch einen bindenden Vertrag der Verantwortung enthoben zu sein — einfach aus Menschenliebe? Und Robert zweifelte nicht, dass sich kluge und edle Ärzte zu einem Vorgehen solcher Art viel öfter entschliessen, als im allgemeinen bekannt zu werden pflegt; auch ohne Rechtfertigungsbriefe in der Hand zu haben, wie Otto einen besass.

Aber kam es nicht auch vor, dass Ärzte sich täuschten. Können sie nicht selbst irrsinnig werden und einen geistig Gesunden für geisteskrank halten? Und ist auf solche Art nicht einer dem andern rettungslos ausgeliefert — der Kranke dem Gesunden, wie der Gesunde dem Kranken? An dieser Stelle aber riss Robert sich gewaltsam zurück. Er wollte sich’s nicht länger gefallen lassen, dass krankhafte Grübeleien ihn wehrlos in das trübe Land schwankender Möglichkeiten trieben, wo das Höchstwahrscheinliche und das kaum Vorstellbare in unlauterer Nähe beisammenwohnten. Wieder warf er einen raschen Blick in den Spiegel. Einen Unterschied zwischen rechts und links vermochte er jetzt nicht mehr wahrzunehmen. Beide Augen blickten etwas trüb und ermüdet, doch war er auf dem linken von Jugend auf ein wenig kurzsichtig gewesen und hatte die Gewohnheit angenommen, es zuweilen zusammenzukneifen. Dazu kam, dass er heute nacht kaum geschlafen hatte. Er sah im ganzen, das war nicht zu leugnen, abgespannt und übernächtig aus. So entschloss er sich, den beabsichtigten Besuch vorläufig zu verschieben, um Otto nach einer gut verbrachten Nacht, erfrischt, in gehobener Stimmung und womöglich — denn auch dies erschien ihm nicht ohne Bedeutung — bei gänzlich aufgehelltem Wetter zum erstenmal wieder gegenüberzutreten.

IV

Bald darauf trat er aus dem Tor des Gasthofs, behagte sich in der Vorstellung, als Fremder in den Strassen einer unbekannten Stadt umherzuspazieren, und nahm mit Absicht sein Mittagessen in einem Gasthaus, in das er früher niemals eingetreten war. Dann begab er sich auf die Suche nach einer Wohnung, lief stundenlang in verschiedenen Häusern treppauf, treppab, besichtigte Dutzende von leeren und von bewohnten Räumen, störte irgendwo eine junge Dame beim Klavierspiel, unterbrach anderswo einen Lehrer beim Unterricht zweier Knaben, unterhandelte mit zuvorkommenden, gleichgültigen und mürrischen Vermietern und Hausbesorgern und konnte sich bei all dem niemals vorstellen, dass sein ganzes Unternehmen ernst gemeint sei und zu einem bestimmten Ziel führen sollte. Einmal geriet er in eine Strasse, wo Erinnerungen einer längstvergangenen Zeit ihn umschwebten; hinter jenem Eckfenster im zweiten Stock hatte er vor vielen Jahren glückliche oder doch zum mindesten angenehme Stunden erlebt; und nicht eben schmerzlich, sondern eher wie einer kleinen Unannehmlichkeit wurde er sich des Umstandes bewusst, dass er heute so einsam in der Welt stand wie kaum je zuvor. Flüchtig zog ihm wieder Alberta durch den Sinn; gleich darauf aber, farbig und scharf umrissen, tauchte sehr lebendig das Bild des Fräulein Rolf vor ihm auf, der er sich durch den Abschiedsblick von gestern näher verbunden fühlte. Er versuchte sich ihren Vornamen ins Gedächtnis zu rufen, was ihm vorerst nicht gelang. Übrigens wusste er wenig von ihr und ihrer Familie; es war ihm kaum mehr bekannt, als dass Mutter und Tochter sowohl daheim als auf Reisen meist ohne den Vater zu sehen waren, der, ein gesuchter, fast berühmter Advokat, wegen seiner unglücklichen Neigung zum Börsenspiel doch eines zwiespältigen Rufes genoss. Hiermit mochte es auch zusammenhängen, dass die einzige Tochter, die gewiss schon in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre stand, bisher unvermählt geblieben war; und dunkel glaubte sich Robert eines Gerüchtes zu erinnern, das sie mit einem berühmten, seither verstorbenen Musiker verlobt gesagt hatte. Während er so über sie nachdachte, wurde ihm ihre Gestalt immer rührender und erschien ihm wie von Geheimnissen umflossen.

Am Abend besuchte Robert ein Vorstadttheater. In behaglicher, etwas müder und traumhafter Stimmung folgte er dem heiteren, musikalischen Spiel und war kindlich erfreut, als ihm der erste Komiker mitten in einem Couplet von der Bühne herab vertraulich zunickte. Nach dem Theater nahm er den Weg in ein Kaffeehaus der inneren Stadt, wo sich seit Jahren allabendlich ein kleiner Kreis von Bekannten zu versammeln pflegte, mit denen Robert von der Reise aus, wenigstens anfangs, auf Ansichtskarten flüchtige Grüsse getauscht hatte. Als er eintrat, sah er in der gewohnten Ecke Herrn August Langer sitzen, Vetter seiner verstorbenen Frau, einen liebenswürdigen, älteren Herrn, höheren Bankbeamten, der durch Tracht und Haltung seine vielbemerkte Ähnlichkeit mit einem in Sportkreisen sehr populären Aristokraten zu unterstreichen suchte. Schon von weitem, aber ohne sich zu erheben und ohne die Zeitung aus der Hand zu legen, winkte Langer dem Eintretenden zu, drückte ihm dann freundlich die Hand und stellte sofort mit Befriedigung dessen vorzügliches Aussehen fest. Rudolf Kunrich trat heran, ein kleiner Hofschauspieler, und stimmte Herrn Langer zu. Beide, sowohl Kunrich als auch Langer, erschienen Robert in den sechs Monaten seines Fernseins um viele Jahre gealtert. Der Eintritt Leinbachs, der als Familienvater und vielbeschäftigter Arzt hier nur ein seltener Gast war, bedeutete für Robert eine angenehme Überraschung. Leinbach, den Freund erblickend, nahm ihn sofort für sich allein in Anspruch, stellte die üblichen Fragen, wie man sie an einen von langer Reise Heimgekehrten zu richten pflegt, und fragte ihn endlich, ob er schon wieder ins Amt gehe.

Robert äusserte Zweifel, ob er einer Wiederaufnahme seiner Berufstätigkeit schon gewachsen sei.

Doktor Leinbach lächelte nur.

Robert beharrte: „Du vergisst, wie sehr ich mit meinen Nerven herunter war im Frühling, bevor ihr mich auf Reisen geschickt habt.”

Leinbach zuckte die Achseln: „Mein lieber Freund, wenn einer in der glücklichen Lage ist, sich wegschicken zu lassen — so schicken wir ihn natürlich weg. Andererseits gibt es viele Leute, denen es einfach nur an Zeit mangelt, verrückt zu werden.”

„Verrückt,” wiederholte Robert bei sich, warum sagt er gleich „verrückt”? Wenn ich nun die Geschichte mit meinem Augenlid vorbrächte? Es wäre vielleicht der richtige Moment. Und vorsichtig begann er: „Ich hatte übrigens die Absicht, dich morgen in deiner Ordinationsstunde heimzusuchen.”

„Ordinationsstunde —?! Da gehören zwei dazu, mein Lieber. Da müsste ich dich vor allem als Patienten ansehen.”

„Mir fällt nämlich seit einiger Zeit auf”, sagte Robert unbeirrt, „dass — mein linker Arm beträchtlich schwächer ist als mein rechter.” Der Einfall war ihm im gleichen Augenblick gekommen. „Ja, lach nur, es ist doch so.” Er hob langsam seinen linken Arm und liess ungeschickt die Finger spielen.

„Na”, meinte Leinbach übertrieben heiter, „pack doch einmal mein Handgelenk mit deinem gelähmten linken Arm!”

Robert tat so, und Leinbach liess ein scherzhaftes „Au” hören. „Und doch”, sagte Robert, „versichere ich dir: heute früh war mir, als könnte ich den Arm überhaupt nicht rühren; ja, die ganze linke Seite war irgendwie in dieses eigentümliche Gefühl miteinbezogen. Ich verspürte auch eine sonderbare Müdigkeit der linken Gesichtshälfte, und” — er wagte sich immer weiter vor — „das linke Auge konnte ich kaum öffnen.” Zugleich, da er den Blick Leinbachs doch mit einer gewissen ärztlichen Schärfe auf sich gerichtet sah, riss er beide Augen weit auf, um sich ja nicht zu verraten.

„Unsinn”, sagte Leinbach, „eine Seite ist bekanntlich immer schwächer als die andere. Die sogenannte Symmetrie der beiden Körperhälften ist überhaupt eine Fabel, das weisst du doch. Übrigens — wo bist du nur zuletzt gewesen? Am Meer, im Süden, nicht wahr? — Das war vielleicht nicht ganz das Richtige, besonders als Abschluss. Ich an deiner Stelle würde doch, bevor ich mein Amt antrete, ein paar Tage Gebirgsluft schnappen.”

„Du glaubst —?”

„Nicht etwa, dass ich es für notwendig hielte — keine Spur. Aber wenn man’s tun kann....” Er seufzte. „Von mir aus magst du natürlich ruhig in Wien bleiben.”

Der Dichter Kahnberg trat an den Tisch, begrüsste Robert zu dessen Verwunderung wie einen sehnlichst erwarteten Freund, zog ihn mit sich an einen Nebentisch, erzählte ihm die Fortsetzung einer Herzensgeschichte, von deren Beginn Robert seiner Erinnerung nach niemals das geringste erfahren hatte, und erkundigte sich, ob ein Buch, das er an ihn vor etlichen Monaten abgesandt, richtig angelangt sei. Robert besann sich, dass ihn das Werk, ein Drama in Versen, mit einer sehr warmen Widmung von der Hand des Dichters, erreicht und dass er es auch gelesen hatte. Doch vermochte er sich des Inhalts durchaus nicht zu erinnern. Er war eben in Verlegenheit, wie er sich verspätet bedanken und was er über das Buch sagen sollte, als die Herren insgesamt aufbrachen, um den Abend in einer Bar zu beenden. Robert schloss sich gerne an, und bald sassen sie alle in einem niederen, menschenerfüllten, überhellen Raum an kleinen Tischen und lauschten dem Klavierspieler, der Opernarien, Tänze, Lieder, aufs feinste harmonisiert, mit zwanglosen Übergängen unermüdlich vortrug.

Robert besonders hörte mit einer Art von fachmännischem Vergnügen zu, da sein eigenes Talent demjenigen dieses Nachtpianisten, der tagsüber als Sparkassenbeamter sein Brot verdiente, einigermassen verwandt war. Doktor Leinbach versuchte sein persönliches Verhältnis zur Musik philosophisch klarzulegen. Er sprach dieser Kunst einen sozusagen amoralischen Charakter zu, indem er für seinen Teil unter dem Einfluss schöner Klänge sich stets geneigt fühle, sich von sämtlichen Fehlern und Sünden, begangenen und zukünftigen, ein für allemal zu absolvieren. Robert erinnerte sich, dass er dieses Lokal zuletzt in Albertens Gesellschaft besucht hatte; und er fragte sich, wo sich die einstige Geliebte jetzt wohl befinden möge. Ob der junge Amerikaner, mit dem sie abgereist war, sie wirklich geheiratet hatte? Er zweifelte daran. Der Mann konnte doch ebensogut ein Hochstapler gewesen sein und sie drüben oder schon hier in Europa im Stich gelassen haben. Wie gewissenlos war er doch gewesen, sie — nicht etwa aus Edelsinn, sondern aus verletzter Eitelkeit — aufzugeben und einem wildfremden Menschen zu überlassen oder geradezu auszuliefern.

Immer mehr Leute drängten in den kleinen Raum und zwängten sich zwischen Tischen und Stühlen durch. Eine sehr grosse, unnatürlich magere junge Dame in Begleitung von zwei Herren blieb eine Weile, mit den Blicken im Saal umherschweifend, nah von Robert stehen, und ihr Arm streifte den seinen. Da sie keinen Platz fand, wandte sie sich mit ihren Begleitern wieder zum Gehen, doch an der Tür sah sie sich lächelnd nach Robert um.

Ein frisch gefülltes Glas Champagner stand vor ihm. Er trank es in einem Zug aus — mit Lust, fast mit Begier. Der Klavierspieler phantasierte über Themen aus Wagnerschen Opern in parodistischem Walzertempo. Irgend etwas längst Vergangenes zog durch Roberts Sinne. Vor vielen Jahren, zu Beginn seiner Ehe, war er einmal während einer Tristan-Aufführung mit seiner jungen Gattin in der verdunkelten Loge sehr zärtlich gewesen. Es war ihm nun in der Erinnerung, als hätte er sie damals unendlich geliebt, und er dachte, dass vielleicht manches in seinem Leben anders gekommen wäre, wenn sie nicht so jung hätte sterben müssen. Trotz dieses wehmütigen Einfalls fühlte er sich ganz behaglich und merkte, dass er mit der Hand sanft zum Klavierspiel den Takt schlug. Er lächelte oder wollte vielmehr lächeln, denn plötzlich fühlte er seine Lippen zucken, Tränen stiegen ihm in die Augen, und er konnte sich eben noch mit Mühe zurückhalten, laut aufzuschluchzen. Er biss die Zähne zusammen, sah rings um sich, ob irgend jemand seine Schwäche bemerkt hätte, und lachte nun auf, aber so laut und schrill, dass etliche Blicke sich nach ihm wandten. Leinbach schaute ihn scharf an. „Was hast du?” fragte er. Robert schüttelte den Kopf. „Mir ist was Komisches eingefallen”, sagte er. — „Darf man wissen?” fragte Leinbach anscheinend nur aus Neugier. — „Nichts für euch, nichts für euch”, erwiderte Robert, blickte dann verstohlen umher, stellte für sich fest, dass er keine weitere Aufmerksamkeit erregte und dass nur aus einer Ecke zwei Augen, die einem jungen Mädchen angehörten, höhnisch oder vielleicht bedauernd auf ihn starrten. Er gab den Blick so hart zurück, dass das junge Mädchen wegsah und mit Beflissenheit durch den Strohhalm ihr Eisgetränk weiterschlürfte. Robert aber sagte sich, dass er nicht länger bleiben dürfe, und rief nach dem Kellner. Ich werde nicht so dumm sein und ihm zehn Gulden Trinkgeld geben, dachte er. Indes war die ganze Rechnung schon von August Langer beglichen worden. Robert bedankte sich mit humoristischer Übertriebenheit und empfahl sich. In den Teller auf dem Deckel des Pianinos legte er zu den dort schon gesammelten kleineren Münzen ein goldenes Zehnkronenstück, ärgerte sich zugleich, wagte aber nicht, es wieder zurückzunehmen. Der Pianist nickte zum Dank, und immerfort weiterspielend sagte er: „Herr Sektionsrat sind verreist gewesen? Nun wird man aber hoffentlich wieder öfter das Vergnügen haben.” Wie nett doch die Leute mit mir sind, dachte Robert. Alle: Kahnberg, Langer, der Klavierspieler; — sogar der Komiker im Theater hat mir von der Bühne her zugenickt. Nur Leinbach ist und bleibt ein unleidlicher Narr. — Er hasste ihn in diesem Augenblick.

Die Strassen waren beinah menschenleer. Von einer Turmuhr schlug es zwei. Ein Glück, dachte er, dass man noch keine Amtsstunden einzuhalten hat und sich morgen wird ausschlafen können. Er ging rasch und sicher, trällerte vor sich hin, endlich begann er sogar zu singen mit einer schönen dunklen Stimme, die ihm selber fremd vorkam. Vielleicht ist es gar nicht meine Stimme, dachte er, vielleicht bin ich es überhaupt gar nicht selber? Vielleicht träume ich? Vielleicht ist es mein letzter Traum, den ich träume, der Traum auf dem Sterbebett?

Er erinnerte sich eines Einfalls, den Leinbach vor Jahren in grösserer Gesellschaft ganz ernsthaft, ja, mit einer gewissen Wichtigkeit vorgebracht hatte. Er hatte damals einen Beweis gefunden, dass es eigentlich keinen Tod auf der Welt gebe. Es sei ja zweifellos, erklärte er, dass nicht nur für Ertrinkende, sondern dass für alle Sterbenden im letzten Augenblick das ganze Leben mit einer ungeheuren, für uns andere gar nicht zu erfassenden Geschwindigkeit noch einmal sich abrolle. Da nun dieses erinnerte Leben natürlich auch wieder einen letzten Augenblick habe und dieser letzte Augenblick wieder einen letzten, und so weiter: so bedeute das Sterben im Grunde nichts anderes als die Ewigkeit — unter der mathematischen Formel einer unendlichen Reihe. Robert erinnerte sich noch, wie erbittert Otto dieses Gefasel zurückgewiesen hatte; Robert aber, ohne sich für Leinbachs Auffassung gradezu einzusetzen, hatte keineswegs vermocht, sie völlig unsinnig zu finden. Wenn jene Erklärung stimmte, so wusste man freilich nie, zum wievielten Male man irgendeine Sache durchlebte, und überdies war es gleichgültig, da man ja alles unendliche Male zu durchleben verdammt war. — Ach, Unsinn über Unsinn! Eine fragwürdige Erscheinung, dieser Leinbach, und als Arzt überhaupt nicht ernst zu nehmen! Den konnte man natürlich anschwindeln, wie man nur wollte; es war keine Kunst. Mit Otto würde man kein so leichtes Spiel haben ...

Das Tor des Gasthofs öffnete sich vor ihm. Als er die Treppen hinaufstieg, standen plötzlich wieder, wie vor beinah zwanzig Jahren, die Wände eines kleinen alten Palasts um ihn; und das verblichene Rot des Stiegenteppichs leuchtete wie Purpur unter seinen Füssen. Zum wievielten Male schritt er wohl diese Treppe jetzt hinauf? Zum hundertsten, zum tausendsten Male? Und immer wieder? Wie oft war sie der arme Höhnburg hinaufgegangen zu seiner geliebten Schauspielerin? Und ging er sie immer noch, und musste sie ewig gehen —?! Zum Teufel mit den unsinnigen Gedanken! Jedenfalls wollte sie nicht enden, diese Treppe. In welche Finsternis verlor sich der Gang? Jäh war die Beleuchtung im Stiegenhaus verlöscht. Robert schrak zusammen. Aber er fasste sich, entzündete ein Streichholz und leuchtete sich so bis zur Tür. Als er sie hinter sich geschlossen und das Zimmerlicht eingeschaltet hatte, atmete er auf, wie einer Gefahr entronnen.

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Mit einem aufgetakelten Segelboot sowie einem Schlachtschiff, die er beide soeben in einem Spielwarengeschäft in dankbarer Erinnerung an seinen Aufenthalt am Meer erstanden, trat er am nächsten Tag in das Zimmer seiner Neffen, eines neunjährigen und eines sechsjährigen Knaben, die dem Oheim und den Geschenken einen freudigen Empfang bereiteten. Eben war er daran, den Kindern, ohne besondere Fachkenntnisse, aber höchst gemeinverständlich, die Bauart der kleinen Modelle zu erläutern, als die Mutter mit vielen kleinen Paketen heimkehrte und Robert aufs herzlichste willkommen hiess. Mit ihrem gewohnten spöttisch-vergnügten Lächeln bat sie ihn, sich in seinen technischen Erörterungen nicht stören zu lassen.

Gleich nach ihr, wie in einer Vorahnung von Roberts Besuch, zu früherer Stunde als gewöhnlich, trat Otto ein, noch im Überrock und mit der schwarzledernen Instrumententasche. Sein Haar und sein Bart erschienen Robert recht ergraut. „Nun also, da wäre man ja wieder”, sagte er etwas trocken. Er legte die Tasche hin, ergriff des Bruders Hände, schüttelte sie, und nach einem leichten Zögern umarmte er ihn, worauf sie beide etwas verlegen waren. Marianne nickte wie befriedigt. „Du kommst heute wohl schon aus dem Ministerium?” fragte Otto. — „Du überschätzt meinen Eifer”, sagte Robert. „Mein Urlaub ist noch nicht abgelaufen, und es wäre nicht undenkbar, dass ich noch auf ein paar Tage ins Gebirge gehe. Edmund, den ich gestern abend zufällig im Café getroffen habe, rät mir dazu.” Er hatte absichtlich Leinbachs Vornamen genannt, um ihn gewissermassen als den alten Freund und nicht etwa in seinem für Otto immer etwas anzweifelbaren ärztlichen Charakter ins Gespräch einzuführen. Otto konnte trotzdem ein ironisches Lächeln nicht unterdrücken. Um so mehr liess es sich Robert später, als man bei Tische sass, angelegen sein, Leinbachs menschliche Vorzüge, insbesondere seine Liebenswürdigkeit und Gutherzigkeit zu loben, wobei er die Absicht verfolgte, sich von dieser Seite eines Schutzes gegenüber feindseligen Mächten zu versichern. Er sprach lebhaft, mit bewusster Aufgeräumtheit, berichtete dann ebenso von seiner Reise, verweilte mit besonderer Wärme bei der Schilderung der schönen Sommertage am Vierwaldstätter See, ohne Albertens zu erwähnen, und es war ihm dabei, als wenn er irgendeinen über ihm schwebenden Verdacht abwehren müsste.

Nach Tisch, da der Bruder Ordination abhalten musste, blieb Robert mit der Schwägerin allein. Schweigend rauchte er seine Zigarre, als Marianne sich mit der Frage an ihn wandte: „Was macht denn dein Klavierspiel?” — „Mein Klavierspiel”, wiederholte er etwas melancholisch, „das weiss ich eigentlich selber nicht. Auf Reisen kommt man begreiflicherweise wenig dazu. Manchmal hat es mir wohl gefehlt.” — „Uns auch”, meinte Marianne lächelnd. Es war Roberts Gewohnheit gewesen, sich nach den Mahlzeiten, die Zigarre zwischen den Lippen, an den Flügel zu setzen und sich, wie Marianne es nannte, musikalischen Kaffee- und Havannaphantasien hinzugeben. So erhob er sich auch jetzt, begab sich ins Nebenzimmer ans Klavier und spielte allerlei Ernstes und Heiteres, Klassisches und Banales, nach- und durcheinander, ähnlich wie es gestern der Pianist in der Bar getan.

Plötzlich liess er die Hände auf den Tasten ruhen, wandte sich nach Marianne um, die in der Diwanecke, mit einer Stickerei beschäftigt, seinem Spiele gefolgt war, und sagte: „Nun ist’s genug. Es geht ohnehin nicht recht.” Und da sie eine Einwendung erhob, fuhr er fort: „Auch ist es höchste Zeit, dass ich mich wieder auf die Wanderschaft mache. Ich bin nämlich auf Wohnungssuche.”

„Ob du nicht lieber noch eine Weile warten solltest?” sagte Marianne. „Da du schon einmal im Hotel abgestiegen bist... Es könnte sich ja doch fügen, dass du bald eine geräumigere Wohnung benötigst.” Robert, solcher Anspielungen von Mariannens Seite nicht ungewohnt, schüttelte den Kopf: „Dazu ist es nun doch allmählich zu spät geworden.” — „Warum?” erwiderte sie lebhaft. „Es kommt ja doch noch. Eines schönen Tages wirst du uns mit deiner Heiratsanzeige überraschen.”

Denkt sie an eine bestimmte Person, fragte er sich. An Fräulein Rolf am Ende? — Ich habe doch kaum dreimal mit ihr gesprochen. Sollte man trotzdem hier schon unterrichtet sein? Dann fiel ihm ein, dass an verschiedenen Orten der Schweiz Bekannte ihn mit Alberta gesehen hatten, zu der seine Beziehungen auch für Bruder und Schwägerin kein Geheimnis gewesen waren. Marianne hatte sich sogar manchmal, wenn sie ihn mit seiner Geliebten im Theater oder sonst irgendwo gesehen hatte, anerkennend und mit kaum verhehlter Bewunderung über deren guten diskreten Geschmack geäussert. Da man es längst aufgegeben hatte, Robert mit bürgerlichem Masse zu messen, und er seit Beginn des Verhältnisses mit Alberta seiner Umgebung ruhiger, ja glücklicher erschienen mochte als in den Jahren vorher, so zweifelte er nicht, dass die Familie eine eheliche Verbindung mit Alberta nicht ungern gesehen hätte. Dass er die Torheit begangen, das anmutige Geschöpf kampflos einem anderen zu überlassen, das konnte niemand, auch Marianne konnte es nicht ahnen, und er selbst begriff es in diesem Augenblick weniger denn je.

Er versuchte, sich das letzte Gespräch mit Alberta ins Gedächtnis zurückzurufen. Er erinnerte sich seiner anfangs scherzhaften Bemerkungen über den Amerikaner, ihres sonderbaren Schweigens, ihres Lächelns und endlich ihrer plötzlichen, ganz unerwarteten Mitteilung, dass der Fremde ihr seine Hand angetragen habe. Er wusste auch noch ganz genau, dass es ihn vorübergehend angewandelt, als wenn er ohnmächtig zu Boden stürzen oder Alberta einen Schlag vor die Stirn versetzen müsste. Aber er hatte weiter den Heiteren, den Überlegenen gespielt und freundschaftlich-väterlich Alberta zur Annahme jenes Antrages geraten, da er ihrer Zukunft nicht hinderlich im Wege stehen wolle. So hatten sie sich am Ende dahin geeinigt, dass sie noch heute abend dem Amerikaner ihr Jawort erteilen und dass Robert am nächsten Morgen, ohne sie noch einmal zu sehen, allein abreisen solle. Robert erinnerte sich auch sehr deutlich, wie er um sechs Uhr früh seine Rechnung bezahlt und in einem nicht eben unangenehmen Gefühl von Befreitheit mit einem letzten kaum wehmütigem Blick nach dem Fenster, hinter dessen geschlossenen Vorhängen Alberta noch schlafen mochte, die Bergstrasse an den See hinuntergefahren war.

Woran er sich aber durchaus nicht zu erinnern vermochte, das war der Augenblick, da er von Alberta endgültig Abschied genommen hatte. Noch sah er sich mit ihr auf einem schmalen Pfad, der, von dem breiteren Spazierweg abzweigend, ins Dunkel des Waldes führte; er entsann sich auch, dass er später, schon in der Finsternis, allein, von schwerer Müdigkeit befangen, auf einem Baumstumpf gesessen war; aber wie er den Weg ins Hotel zurückgefunden, was er in seinem Zimmer getan, wie er zu Bett gegangen und wie er des Morgens wieder aufgestanden war, davon wusste er nicht das geringste mehr. Erst beim Bezahlen der Rechnung in der Hotelhalle, wo eben der Boden gefegt wurde, setzte sein Gedächtnis wieder ein. Und plötzlich, mit einer bohrenden Angst, fragte er sich, ob das Gespräch mit Alberta nach jenem ihm in Erinnerung gebliebenen äusserlich scheinbar ruhigen Abschluss nicht etwa noch eine Fortsetzung ganz anderer Art gefunden hatte, die ihm aus dem Gedächtnis entschwunden; ob er nicht wirklich, von wühlender Eifersucht übermannt, zu einem Schlage gegen sie ausgeholt — ob er sie nicht gar erwürgt und nachher unter verwittertem Laub versteckt und eingescharrt hatte? Nur dies war sicher: Er war mit ihr in den Wald gegangen und ohne sie zurückgekehrt; ob sie später allein zurückgekommen war, das hatte er ja niemals erfahren. War sie nicht heimgekehrt, so musste es freilich im Hotel aufgefallen sein, aber konnte er denn ahnen, was er zur Erklärung ihres Ausbleibens für geschickte Lügen erfunden und vorgebracht haben mochte? Wenn er, wie er es nun mit einem Male für möglich hielt, in einem Dämmerzustand einen Mord begangen, so lag alles andere gleichfalls im Bereiche der Möglichkeit; vor allem List und Tücke jeder Art, um das Verbrechen zu verschleiern.

Es war ihm bewusst, dass all diese Einfälle und Erwägungen im Verlauf von wenigen Sekunden durch sein Hirn gejagt waren. Nun aber, da er Mariannens Augen mit einem unverkennbaren Ausdruck der Besorgnis auf sich gerichtet sah, fühlte er, dass er tödlich erblasst war; und er sagte sich, dass es vor allem darauf ankam, sich nicht zu verraten. Mit einer gewaltigen Willensanstrengung vermochte er seinem Antlitz einen harmlosen Ausdruck zu verleihen, und er bat Marianne, ihn bei seinem Bruder zu entschuldigen, da er jetzt eilen müsse, um eine Wohnung auf der Wieden, die nur bis zu einer gewissen Stunde zur Besichtigung freistände, nochmals in Augenschein zu nehmen. „Für morgen aber lade ich mich wieder zu Tisch bei euch ein, wenn ich nicht doch vielleicht”, setzte er eilig hinzu, „für ein paar Tage auf den Semmering fahre.” — „Unruhiger Geist”, rief Marianne ihm zum Abschied nach.

Als er aus dem Tore trat, stand gegenüber, vor einem grossen Spiegelfenster, eine Zigarre rauchend, ein Herr von fragwürdig-verdächtiger Eleganz, der mit auffallender Raschheit den Blick wandte, als Robert ihn ins Auge fasste. Sind wir so weit? dachte er flüchtig. Dann aber lachte er. Es wäre das Neueste, sagte er vor sich hin, wegen einer Wahnidee verhaftet und zur Rechenschaft gezogen zu werden. Denn dass es nur eine törichte Einbildung gewesen war, die ihn früher überfallen, dessen war er jetzt wieder ganz gewiss. Ob man aber nicht doch, dachte er weiter, vorsichtshalber an die Schweizer Hoteldirektion schreiben sollte? Und wäre es auch nur, um etwaigen Verdächtigungen gegenüber eine Bestätigung in der Hand zu haben, dass Alberta an jenem Abend gleichfalls heimgekommen und dass sie am nächsten Tag in Gesellschaft eines anderen Mannes abgereist sei. Er warf einen Blick nach der Seite. Die bedenkliche Erscheinung des eleganten Herrn war verschwunden.

Robert setzte seinen Weg fort und zwang sich, an etwas Gleichgültiges zu denken. Er versuchte, sich den Inhalt seiner letzten Arbeit — zur Statistik des niederösterreichischen Volksschulwesens — ins Gedächtnis zu rufen, und es beruhigte ihn, dass manche Einzelheiten daraus, an die er monatelang nicht mehr gedacht und die ihn im Grunde niemals sonderlich interessiert hatten, sich seinem ausgeruhten Geiste heute mit grösster Klarheit darboten. Zugleich bedauerte er, und nicht zum ersten Male, dass auf einem anderen Gebiete, wo er weit besser zu Hause war, auf dem der musikalischen Unterrichtsfragen, seine Mitarbeiterschaft bisher nicht in Betracht gezogen worden war, und zweifellos nur darum, weil Hofrat Palm mit Eifersucht darüber wachte, dass man ihm nicht jemand an die Seite setzte, der von diesen Dingen mehr verstand als er selbst. Robert verspürte Heimweh nach seinem Kanzleiraum, nach dem grossen Schreibtisch, dem bequemen, schwarzledernen Lehnsessel, den hohen Regalen mit den Aktenfaszikeln, den gelblichen Wänden mit den Landkarten und Tabellen, er sehnte sich nach einem Wirkungskreis, wo es ihm beschieden wäre, wahrhaft Nützliches zu leisten und die Anerkennung seiner Vorgesetzten, vielleich gar ein Lob aus des Ministers eigenem Munde zu erringen, was ihm nicht nur zur Befriedigung seines Ehrgeizes, sondern auch aus einem anderen, ihm nicht gleich deutlich werdenden Anlass von Wichtigkeit zu sein dünkte. Und nun entdeckte er zu seinem Verdruss, dass eine törichte Angst immer noch auf dem Grunde seiner Seele lauerte, etwa so, als könnte der düstere Wahn, der ihn selbst verlassen, unabhängig von ihm, wie ein freigewordener böser Geist, in anderen Menschen sein gefährliches Wesen weitertreiben. Doch als er, um sich blickend, an einem nachmittägig belebten Teil der Ringstrasse unter vielen Menschen sich völlig unangefochten, ein harmloser Spaziergänger unter andern, fand, zerfloss auch diese letzte Einbildung in nichts.

Unwillkürlich fiel sein Auge auf eine Frauengestalt, die in einem ziemlich armseligen, hellbraunen Mantel, mit einer schwarzen Rolle auf dem Schosse, auf einer Bank sass. Ihr Antlitz war blass, nicht mehr jugendlich, fast vergrämt; jetzt, aufschauend, lächelte sie kaum merklich und sah gleich wieder vor sich hin. Robert setzte seinen Weg fort und blieb, von einem Landschaftsbild angezogen, vor der Auslage eines Kunsthändlers stehen, als im Spiegelfenster jene Frauengestalt wieder erschien, gesenkten Blickes, eilig vorüberschreitend. Robert wandte sich nach ihr um, sie ging weiter, ohne seiner zu achten, beide Hände in die Taschen ihres Mantels vergraben, aus deren einer die schwarze Rolle hervorragte. Ihr Gang war aufrecht und etwas schleichend; der anliegende, zu enge und zu lange Mantel verriet angenehme, nicht überschlanke Formen. Robert folgte ihr und überlegte, was sie eigentlich sein mochte. Beamtenfrau, dachte er, Buchhalterin? — Da sie ihren Schritt allmählich verlangsamt hatte, zweifelte Robert nicht, dass sie die Verfolgung nicht übelnahm, und an einer Strassenecke, schon weiter draussen in der Vorstadt, richtete er unbefangen das erste Wort an sie.

„Würden Sie mir’s übelnehmen, Fräulein, wenn ich um die Erlaubnis bäte, mich Ihrem Spaziergang anzuschliessen?” — Sie darauf mit einer angenehmen Stimme, weder erstaunt noch beleidigt: „Es ist kein Spaziergang, ich gehe nach Hause.” Sie sah ihn kaum an. — „Aber die Erlaubnis”, meinte er, „darf ich wohl als erteilt betrachten?”

Sie zuckte die Achseln, etwa, als wollte sie sagen: Mit mir muss man wirklich nicht so viel Geschichten machen; — dann erst sah sie ihn von der Seite an. Er sprach davon, dass sie ihm schon auf der Ringstrasse aufgefallen sei; — wie sie auf der Bank gesessen war, die Hände in den Manteltaschen, die Rolle auf dem Schoss, den Blick vor sich hin gerichtet — das sei ein hübsches Bild gewesen. — „Sie sind doch kein Maler?” fragte sie. — „Leider nicht”, erwiderte er. Und da er keinen Grund hatte, ihr seinen Namen zu verhehlen, so stellte er sich in aller Form vor. Sie nannte den ihren ganz beiläufig, und in dem leicht weiterfliessenden Gespräch, ohne sich erst eindringlich fragen zu lassen, erzählte sie ihm allerlei von ihrem Leben. Sie gab Klavierlektionen; ihr Mann, ein Magistratsbeamter, war vor drei Jahren gestorben; und nun, verwitwet und kinderlos, wohnte sie in einer nahen Seitengasse, bei einer besseren Handwerkersfamilie. Im vergangenen Sommer hatte sie sich zum erstenmal nach ihres Mannes Tod drei Wochen Urlaub gegönnt, die sie in einer kleinen, wohlfeilen Sommerfrische nahe von Wien verbrachte. „Dort habe ich mich auch wieder verlobt”, setzte sie hinzu. „Es ist aber nichts draus geworden. Besser so”, schloss sie achselzuckend, als sei sie kein besseres Schicksal gewohnt und nie eines besseren wert gewesen als des ihr beschiedenen. —

Ein offener Einspänner trottete vorbei, der Kutscher schwang grüssend die Peitsche. Robert lud seine Begleiterin zu einer kleinen Spazierfahrt ein, sie stiegen ein, fuhren durch die Vorstadt weiter und dann unter dem Bahnviadukt hinaus auf die Laxenburger Strasse, mit dem Blick auf die im Abend verdämmernde Hügelkette. Allmählich rückten sie näher aneinander. Als auf dem nahen Geleise ein Eisenbahnzug an ihnen vorbeisauste, nahm Robert Anlass, von seiner eben verflossenen Reise zu erzählen, später brachte er das Gespräch auf die Musik, worauf sie ohne tieferes Interesse einging, da sie in ihrer Eigenschaft als Klavierlehrerin eben nur von den zufälligen Kenntnissen Gebrauch machte, die sie sich früher einmal, in besseren Lebensumständen als heute, zu erwerben Gelegenheit gehabt hatte.

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9788726544374
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