Читать книгу: «Therapie in Aktion»

Шрифт:


EHP - Edition Humanistische Psychologie

Hg. Anna und Milan Sreckovic

Die Autoren

Lothar Kuschnik, Dipl.-Sozialwissenschaftler und ev. Pfarrer, Gestalttherapeut (FPI), Hypnotherapeut und Supervisor, seit vielen Jahren beratend und seelsorgerlich tätig; Ausbildung u.a. am Center for Human Communication, Los Gatos, Cal. USA, Weiterbildung in Psychoonkologie u.a. bei Carl Simonton, langjährige Tätigkeit in der Ausbildung von GestalttherapeutInnen und PsychoonkologInnen; Leiter des Weiterbildungsinstitut Rhein-Ruhr, Meschede (org@weiterbildung-wir.de); Veröffentlichung: Lebensmut in schwerer Krankheit - spirituelle Begleitung bei Krebs.

Arno Paschmann, Gestalttherapeut (DVG) und Supervisor in freier Praxis, Ausbildung u.a. am Center for Human Communication, Los Gatos, Cal. USA, Weiterbildung in Systemischer Therapie, körperorientierten psychotherapeutischen Verfahren (Stanley Keleman, Leland Johnson u.a.) und Atemtherapie; langjährige Tätigkeit in der Ausbildung von GestalttherapeutInnen und Mitwirkung bei der Ausbildung von Meditations- und Exerzitienleitern der Bistümer Münster und Aachen; Leiter des Weiterbildungsinstitut Rhein-Ruhr, Meschede (org@weiterbildung-wir.de); lebt auf Lanzarote.

© 2013 EHP - Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach www.ehp-koeln.com

Inhalt

Vorwort Joop Krop

Vorbemerkung

A Die Aktionstherapie I

1. Aktionstherapie - eine Handlungsmethode

2. Die Metapher als Basis der Aktionstherapie

B Biographie I

1. Einleitung

2. Joops Geburt u. Kindheit im Amsterdam der zwanziger Jahre

3. Joop ordnet seine Geburt in das Jahr 1924 ein

4. Leben im Jordaan

C Quellen der Aktionstherapie I

1. Gisela Konopka: Gruppenarbeit - eine Wurzel moderner Sozialarbeit

2. Klientenzentrierte Gesprächsführung - Carl Rogers

A Die Aktionstherapie II

Aktives Zuhören nach John Krop

Bodyarchitecture

1. Was ist Body Architecture/ Body Sculpting?

2. Warum Body Architecture?

3. Diagnostische und therapeutische Anwendung

4. Didaktische Anwendung

5. Typen von Body Architecture

6. Zusammenfassung

B Biographie II

1. Familienbilder - Tante Ka und OmeHuub

2. Kinderbilder einer versunkenen Zeit

3. „Die Essenz des Lebens ist die Suche“

C Quellen der Aktionstherapie II

Die Entstehung von Body Architecture

1. Familientherapie - Virginia Satir

2. Psychodrama - Jakob Moreno

3. Bioenergetik - Al Lowen, Stanley Keleman u.a.

4. Psychomotorische Therapie - Al Pesso

A Die Aktionstherapie III

Body Architecture in der Einzeltherapie und Einzelsupervision

1. Die Rolle des Therapeuten - ein Beispiel aus der Einzelsupervision

2. Die vier Phasen der Sitzung

Body Architecture in der Paartherapie

1. Ein Beispiel

2. Der Prozess

Initialphase

Die Skulptur ‚melken‘

Auswertung

Umsetzung

3. Schritte im Prozess

Um Erlaubnis bitten

Praktische Hinweise

4. Die Haltung des Therapeuten

Body Architecture durch den Therapeuten gestaltet

Einige Beispiele spezieller Paarprobleme und möglicher Skulpturen:

1. „Immer muss ich die Initiative übernehmen.“

2. „Du willst immer deinen Willen durchsetzen.“

3. „Ich mache dicht.“

4. „Ich bekomme keine Luft.“

5. „Wir haben uns auseinander gelebt.“

6. „Es ist für mich vorbei.“

7. „Ich bin total sauer auf dich.“

8. „Ich möchte, dass du …“

9. Geben und nehmen

10. „Wir kommen nie zusammen und haben wirklich Kontakt.“

11. Haltungen wortwörtlich genommen Phasen der Beziehung

B Biographie III

1. Schulzeit - der Horizont weitet sich

2. Jugendzeit - Ons Huis

C Quellen der Aktionstherapie III

Transaktionsanalyse - Eric Berne

A Die Aktionstherapie IV

Body Architecture mit Familien

Weitere Anwendungen von Body Architecture

1. In der Supervision von Arbeitsgruppen

2. In Selbsterfahrungs- oder Therapiegruppen

Schlussbetrachtung

B Biographie IV

1. Die (un) - wirkliche Invasion

2. Deportation: Fragen - Gedanken - Erinnerung

C Quellen der Aktionstherapie IV

1. Rage Reduction - Robert Zaslow

2. Verhaltenstherapie

A Die Aktionstherapie V

Arbeit mit Objekten

1. Der Leere Stuhl

2. „Energiekuchen“

3. Kramkiste

4. Gegenstände im Raum

5. Bilderbücher

6. Jungscher Miniatursandkasten

7. Malen

8. Weitere Objekte

BBiographie V

Ein junger Mann sucht seinen Platz in der Welt

C Quellen der Aktionstherapie V

Gestalttherapie - Fritz Perls

A Die Aktionstherapie VI

Geleitete Phantasie

1. Was sind geleitete Phantasien?

2. Kreierung einer visuellen Metapher

3. Phantasietypen

4. Wozu dienen Geleitete Phantasien?

5. Gefahren und Kontraindikationen

B Biographie VI

Ein Koffer und 50 $ - zum ersten Mal in den USA

C Quellen der Aktionstherapie VI

Psychosynthese - Roberto Assagioli

A Die Aktionstherapie VII

Verschiedene Phantasien

1. Phantasien mit vorgegebenem Szenario Beispiel: Das Kind, das du mal warst

2. Die Struktur einer Phantasie mit vorgegebenen Szenario

3. Die Guru-Phantasie

B Biographie VII

1. Eine junge Familie in den USA

2. Wieder zuhause

C Quellen der Aktionstherapie VII

1. Gruppendynamik - T-Gruppen und Sensitivitätstraining

2. Hypnotherapie - Milton Erickson

A Die Aktionstherapie VIII

1. Die Weggabelung

2. Die Phantasie einer Gefahr

3. Körperphantasie

4. Endlich zu Hause

5. Andere Themen

B Biographie VIII

Emigration in die USA

C Quellen der Aktionstherapie VIII

Rational-Emotive Therapie - Albert Ellis

A Die Aktionstherapie IX

1. Zukunftsphantasie

2. Idealphantasie

3. Schließung einer traumatischen Gestalt

4. Arbeit mit Marie - ein Lehrbeispiel

5. Phobien

B Biographie IX

1. Welfare Department

2. Center for Human Communication

3. Leben und (therapeutisch) arbeiten 1970 - 1995

4. „Es war eine erlaubende Zeit …“

C Quellen der Aktionstherapie IX

Bandler und Grinder - Neurolinguistisches Programmieren

A Die Aktionstherapie X

Arbeit mit Symbolen in der Phantasie

1. Jacks Ärger

2. Sheilas Angst

3. Probleme in der Arbeit mit Symbolen

Heilende Phantasie

1. Clarks Magen

2. Karins Kopfschmerz

3. Geleitete Phantasie in der Arbeit mit Krebspatienten

4. Frau M. - Das Geschenk der drei Sätze

5. Zusammenfassung

Arbeit mit Geleiteten Phantasien - zwei weitere Beispiele

1. Der siedende Kochtopf

2. Feuerbauch und Schutzlosigkeit

Arbeit mit allen drei Metaphern

„Mein Ende“ - eine Geleitete Phantasie mit Joop Krop

Schluss

Dank

Literaturangaben


Joop (John) P. Krop

Los Gatos, Cal. im April 2011

Vorwort

Als ich 1960 von Holland nach Kalifornien auswanderte, wusste ich nicht, dass ich inmitten einer Umwälzung auf dem Gebiet der Psychotherapie landen würde. Neue Theorien entstanden: Virginia Satir entwickelte am Mental Research Institut die Familientherapie, Eric Berne schied als Freund von der Psychoanalyse und entwickelte die Transaktionsanalyse. Jim und Susan Vargiu lehrten Psychosynthese. Fritz Perls lehrte am Esalen Institut Gestalttherapie wie später auch Bandler und Grinder Neurolinguistische Therapie (NLP). Therapeuten, die von außerhalb Kaliforniens kamen, fanden hier ein dankbares Publikum: Albert Ellis (Rational-Emotive Therapie - RET), Al Pesso (Psychomotorische Therapie), Moreno (Psychodrama), Al Lowen (Bioenergetik). Ich habe bei all diesen Pionieren der Humanistischen Psychologie gelernt und ihre Methoden mit meiner Art Therapie zu machen verbunden.

Ich habe auch meine Verbindung zu Holland aufrecht erhalten und dort unterrichtet. Als ich aufgefordert wurde, ein Buch über meine Methoden in Holländisch zu schreiben („Aktietherapie“), war ich gezwungen, meinen Rahmen zu entwickeln. Dabei kam folgendes heraus: Sobald ich mit meinen Klienten ein für sie wichtiges Anliegen klar benannt hatte, fragte ich sie, ob sie dieses weiter erforschen wollten. Waren sie damit einverstanden, dann entwickelte ich auf der Basis einer der drei folgenden Formen eine Metapher: Eine Körpermetapher, eine Metapher mit Gegenständen oder eine Phantasie, die das bestimmte Anliegen darstellt.

Diese Metapher warf mehr Licht auf das Anliegen des Klienten oder offenbarte einen anderen Aspekt und führte zu einem schnelleren und tieferen Verständnis des Anliegens. Dieser Ansatz bewahrte mich auch vor der Langeweile. Dieses Buch widmet sich hauptsächlich diesem Prozess.

Einer der Orte in Holland, wo ich arbeitete, war das HEEL-Institut, wo Deutsche in Gestalttherapie ausgebildet wurden. Die Autoren dieses Buches arbeiteten als Lehrtrainer für dieses Institut. Da hatten sie die Gelegenheit, meine Arbeit kennen zu lernen. In dieser Zeit erhielten sie auch das Certificate des Center for Human Communication, Los Gatos. Anscheinend gefiel ihnen mein Arbeitsansatz, sodass sie Jahre später (2011) Kontakt mit mir aufnahmen und erklärten, dass sie über meine Aktionstherapie ein Buch schreiben wollten. Ich war darüber hocherfreut! Als ich 1991 in Pension ging, hatte ich wirklich bedauert, nicht mehr über meine Methoden veröffentlicht zu haben, und dass sie daher mit mir verschwinden würden.

Lothar, Gertrud und Arno kamen für zehn Tage nach Los Gatos und interviewten mich zweimal täglich. Sie reisten mit vielen Informationen über Aktionsmethoden und über mich ab. Diese haben zu diesem Buch geführt. Ich danke Arno, Gertrud und Lothar für ihre Arbeit.

Mein Rat an den Leser ist: Lesen Sie dieses Buch zunächst, um Ihre Neugier zu befriedigen. Gehen Sie danach zurück zu Abschnitten, die Sie beeindruckt haben, und schauen Sie, ob Sie etwas davon in Ihre Arbeit integrieren können und wollen. Gute Reise!

Vorbemerkung

„Wir lernen nicht durch Einsicht, sondern wir sehen manchmal ein, was wir gelernt haben.“

Wolf Büntig

Joop (John) P. Krop ist der Begründer der Aktionstherapie, einer Therapieform, die in Deutschland bisher kaum bekannt ist. Joop hat diese Form therapeutischer Arbeit aus verschiedenen Quellen der Humanistischen Psychologie entwickelt. Ihm ist es wichtig, Menschen in Aktion zu bringen und ihnen so zu neuen Erfahrungen und Erkenntnissen zu verhelfen. Wir haben Joop im April 2011 in den USA interviewt und seine Schriften ausgewertet. So ist dieses Buch entstanden. Joop war vor 20 Jahren unser Ausbilder, später Supervisor, als Susanne (Lothars Frau), Gertrud, Arno und Lothar für ein niederländisches Gestalt-Institut als Lehrtherapeuten arbeiteten. Damals hatte er uns aus seinem Leben erzählt, und wir waren fasziniert. Da wandert ein junger Niederländer aus dem ‚Arme-Leute-Viertel’ „Jordaan“ in Amsterdam in den 50er Jahren in die USA aus und lernt „die Großen“ der Therapieszene der 70er Jahre kennen: Fritz Perls (Gestalttherapie), Eric Berne (Transaktionale Analyse) Virginia Satir (Familientherapie), J. Grinder und R. Bandler (NLP) um nur einige zu nennen. Als Arno einen Artikel von Joop aus dem Englischen übersetzte, erinnerten wir uns an ihn, und die Idee zu diesem Projekt entstand. Das Buch will drei Fäden miteinander verknüpfen: A - die Darstellung der Aktionstherapie, B - die Begegnung mit dem Menschen Joop Krop auch in seiner kreatürlichen Fragilität und C - die Quellen der Aktionstherapie. Uns hat es bewegt, diesen Mann am Ende seines Lebens so offen, lebendig und zerbrechlich zugleich zu erleben. Die Geleitete Phantasie über sein Ende (s. S. 221) zählt sicher zu den ganz besonderen Momenten unserer Begegnung und dieses Buches.

In unseren Interviews wird deutlich, wie eine therapeutische Haltung in einer bestimmten Sicht auf die Welt oder Lebenshaltung begründet ist. Wenn Joop formuliert: „Die Essenz des Lebens ist die Suche“, dann ist die Spur zu einer solchen Sicht auf das Leben vielleicht schon bei dem Vierjährigen auf den Straßen Amsterdams gelegt worden. Sein Vater ließ ihn „versteckte Hinweise“ auf Entdeckungen finden, und Joop lernte auf diese Weise, dass die Welt ein Feld für Entdecker ist. Er machte die Erfahrung, dass nichts so ist, wie es beim ersten Augenschein zu sein scheint. Wir können das akademisch als „Einführung in die Phänomenologie“ bezeichnen, die dem therapeutischen Tun der Verfahren der Humanistischen Psychologie als philosophische Grundhaltung innewohnt. Wir können es auch einfach als ein Bewahren kindlicher Entdeckerfreude beschreiben. Diese Haltung, den Phänomenen der Welt möglichst offen zu begegnen, erklärt den partnerschaftlichen Therapiestil von Joop. Er ist nicht der große Erklärer oder Besserwisser, sondern ein mit dem Klienten Suchender. Daher ist er schnell bereit, eine einmal gewonnene Erkenntnis wieder zu verwerfen, wenn sie dem Klienten nicht dient. Da ist keine Arroganz und kein Guru-Gehabe zu entdecken. Das macht die Aktionstherapie und ihren Begründer so sympathisch und ihre Anwendung so lebendig und spannend.

Während der Interviews sind wir auf ein Phänomen gestoßen. Joop ist nie einer Therapierichtung ausschließlich gefolgt. Er ist ein „Eklektiker“ oder ein „sturer Holländer“, wie er selbst sagt. Das ist deshalb erstaunlich, weil die meisten anderen Therapeuten seiner Generation zu „Schülern“ von Fritz Perls, Virginia Satir, Eric Berne, Bandler und Grinder u.a. wurden. Joop nicht. „Warum?“ - haben wir uns gefragt und folgende Erklärung gefunden, die in seiner Biographie begründet ist. Joop ist in einem besonderen Viertel in Amsterdam aufgewachsen: dem Jordaan. In seiner Nachbarschaft und Verwandtschaft sind ihm viele, zwar arme, aber sehr originelle Menschen begegnet, die alle ihre ‚eigene Art’ entwickelt hatten. Sein Vater hat schon früh in ihm die Neugier für die Welt geweckt, in der Montessori-Schule wurde dieser wache Forschergeist weiter gefördert. So hat sich Joop aus dem Arbeitermilieu empor gearbeitet und sich seine innere Unabhängigkeit bewahrt. Ganz selbstbewusst sagt er oft: „Ich habe das (gemeint ist ein Therapieverfahren) gesehen und das genommen, was zu mir passte.“ In der Darstellung der Begegnung von Joop mit den berühmten Männern und Frauen der Humanistischen Psychologie scheint dieses Selbstbewusstsein auf. Wir haben jeder Begegnung eine kurze Darstellung der betreffenden Therapierichtung angefügt. So entsteht ein Kompendium einiger Therapieverfahren der Humanistischen Psychologie. Der Leser bekommt einen Überblick über Gestalttherapie, NLP, Systemische Therapie, Transaktionsanalyse, Bioenergetik und vieles mehr. Die Darstellung der einzelnen Verfahren haben wir, ebenso wie die Biographie, als Quellen in die Beschreibung der Aktionstherapie eingearbeitet.

So entstand die Gliederung:

A - Darstellung der Aktionstherapie

B - Biographie von Joop Krop

C - Quellen der Aktionstherapie

Der Leser kann sich nun, seinem Interesse folgend, frei in diesem Buch bewegen, getreu Joops Motto: Die Essenz des Lebens ist die Suche.

Joop

Der Leser wird bei der Lektüre schnell merken, dass die wörtlichen Zitate von Joop kein wirkliches Hochdeutsch sind. Joop sprach in den Interviews mit uns Deutsch und Englisch und Niederländisch und je nach Tagesform auch alles in einem Satz. Wir haben uns nach einiger Zeit darauf eingestellt, und es macht den besonderen Charme dieser Sprache aus, dass manche Formulierung in ‚Niederländisch-Deutsch’ viel weicher klingt als in Hochdeutsch. So hoffen wir, auch in der Sprache, diese besondere Begegnung eingefangen zu haben.

Ach ja, noch eine Bemerkung zu Joops Namen. Sein Name im Niederländischen ist Joop, im Deutschen wäre es Johannes, in den USA wird er zu John. In den biographischen Darstellungen des Buches verwenden wir den niederländischen Geburtsnamen ‚Joop’. In den mehr theoretischen Teilen, wenn die ‚Einbürgerung’ in die USA ganz vollzogen ist, verwenden wir den dort gebräuchlichen Namen John.

Alle Teile der Biographie sind von Joop gelesen, und er hat dem Geschriebenen so zugestimmt. Es war für uns eine besondere Herausforderung, das Leben und Werk von Joop angesichts seiner schwindenden Kräfte in eine Form zu bringen, die Würdigung und Respekt für seine Lebensleistung ausdrücken und zugleich Joop als ‚Lehrer’ zu Wort kommen zu lassen. Das Einzige, was er bedauert, ist die Tatsache, dass er zu wenige ‚students’ in Aktionstherapie ausgebildet hat. Das wollen wir ändern, denn seine sehr bodenständige und klare Therapieform hat es verdient, den Weg in den ‚therapeutischen Handwerkskasten’ all derer zu finden, die Menschen begleiten.

Wir werden uns irgendwann von Joop verabschieden müssen. Irgendwann wird ein Anruf aus den USA kommen und dann …

Wir sind dankbar, dass er uns so offen empfangen hat und an keiner Stelle zu erkennen gab, dass ihm unser Interesse zu viel war. Im Gegenteil: Wir hatten den Eindruck, er hat seine Kräfte mobilisiert, um der Welt sein Vermächtnis mitzuteilen. Wir sind froh, dass wir dabei hilfreich sein können.


A A Die Aktionstherapie - Eine Handlungsmethode I
1. Einführung in die Aktionstherapie

„Alles was ich sage, sei Gespräch, nichts sei ein Rat. Ich würde nicht so kühn reden, wenn man mir folgen müsste.“

Erasmus von Rotterdam (ca. 1465 - 1536)

Aus zwei Gründen stellen wir dieses Wort des großen Humanisten Erasmus von Rotterdam der Darstellung von John Krops Aktionstherapie voran: Einerseits bezeichnet er sich auf Fragen nach seinem weltanschaulichen Hintergrund gerne selbst als Humanisten, und andererseits haben wir ihn in seiner praktischen Arbeit auch so erlebt: von grundsätzlichem Respekt vor dem Anderssein des Anderen durchdrungen, achtsam die Grenzen der Klienten berührend, eher immer einen halben Schritt hinter dem Klienten gehend den Prozess begleitend. Das wird im Folgenden auch in einigen Verbatims aus therapeutischen Gesprächen deutlich.

John Krop geht davon aus, dass wir alle in Glaubens-, Meinungs- und Wertesystemen leben, die wir über unsere Prägung erhalten haben: „Ich glaube, dass das Eis mich trägt; ich vertraue darauf, dass das Eis mich trägt; ich weiß, dass das Eis mich trägt; und ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Eis mich trägt“ (siehe: J. Krop „My Beliefs about Therapy“). Diese führen je nach den verschiedenen Erfahrungen zu unterschiedlichen Abstraktionen, Vorstellungen, verbalen Metaphern oder körperlichen Empfindungen. Diese wiederum bilden unterschiedliche innere und äußere (körperliche) Haltungen aus, legen Neigungen, in bestimmten Situationen entsprechend zu handeln, fest. Und wir investieren in diese Glaubens- und Wertesysteme, weil wir versuchen, der Welt einen Sinn zu geben, damit uns die Welt auf diese Weise sicherer und berechenbarer erscheint. Die Erschütterung des Glaubens- und Wertesystems eines Menschen im therapeutischen Prozess (therapeutisch induzierte Krise) führt folglich zu Verunsicherung. Solche Interventionen, ohne eine ausdrückliche und im Therapieverlauf auch fortlaufend erfragte Zustimmung des Klienten, sind für Krop inhuman. Der Respekt vor dem Gewordenen ist absoluter Leitfaden in John Krops Arbeit und führt oft zu einem vorsichtigen Tasten. Das wird besonders in seinen englischsprachigen Texten deutlich: Um einen Klienten zu fragen oder ihn um etwas zu bitten, benutzt man im Englischen das gleiche Wort: to ask. Dadurch kann das Fragen/Bitten die Stimmung der ganzen Therapiesitzung prägen, was folglich die Ängste der Klienten auf diese Weise reduziert (sie behalten das Gefühl der Steuerung/Kontrolle) und man findet im Verlauf der Sitzungen kaum nennenswerte Widerstände. Den Begriff Widerstand benutzt Krop auch kaum. Er spricht eher von eventuellen Zweifeln oder Ängsten der Klienten. Auch sonst geht er mit psychologischen Fachbegriffen sparsam um.

„Wir haben bei dem, wer wir sind und was wir tun, Wahlmöglichkeiten. Und eine Herausforderung in unserem Leben und der hauptsächliche Fokus für mich als Therapeut mit meinen Klienten ist es, darauf zu vertrauen. Ich kann zu meinen eigenen Wahlmöglichkeiten und Glaubens- und Wertesystemen stehen und sie, wenn es passt, meinen Klienten gegenüber zum Ausdruck bringen. Aber ich darf ihnen diese Wertesysteme und Wahlmöglichkeiten nicht überstülpen. Ich kann sie vor ihnen ausbreiten, vorausgesetzt, ich tue das in angemessener Weise, zur angemessenen Zeit und mit angemessener Absicht. Ehrlichkeit um der Ehrlichkeit Willen kann unbarmherzig oder gnadenlos sein.“ (J. Krop in „My Beliefs about Therapy“, S. 1 - eig. Übersetzung der Verf.)

John Krop entwickelte seine Aktionstherapie, weil ihm während seiner Arbeit als Sozialarbeiter/Sozialpädagoge sowohl bei seiner Tätigkeit in Amsterdam als auch später im Distrikt Santa Clara in Kalifornien zunächst das praktische Handwerkszeug fehlte. Das Studium in Amsterdam und in Minnesota war psychoanalytisch orientiert. Über die Erfahrungen, die er unter Einfluss verschiedener Vertreter der sich zur damaligen Zeit in Kalifornien entwickelnden Humanistischen Psychologie sammelte, entstand dann dieses zunächst agogische Verfahren.

„Als ich 1984 mein Buch (das niederl. „Aktietherapie“) schrieb, musste ich mich definieren, und da habe ich mich als Aktionstherapeut beschrieben. Aktion war allem gemeinsam: Gestalttherapie, Psychomotorische Therapie (Pesso), Bioenergetik, Psychodrama usw. Mein Anliegen war es immer, die Menschen vom ‚Darüber reden‘ zum Tun zu bringen. Die Aktion ist das Wichtige.“ (aus den Interviews mit J. Krop im April 2011)

Somit wurde die Aktionstherapie in erster Linie eine Handlungsmethode, die im Prinzip in allen Bereichen der Sozialarbeit/Sozialpädagogik anwendbar ist. Als therapeutisches Verfahren ist die Aktionstherapie in der ursprünglichen Bedeutung des ‚Therapierens‘ zu verstehen, nämlich als ,dienen‘ oder ,begleiten‘, nicht im engen heilkundlichen Sinne.


2. Die Metapher als Basis der Aktionstherapie

„Der Einsatz von Symbolen und Analogien ist eine wirkungsvolle Technik, um die nichtlinearen Prozesse in der rechten Gehirnhälfte zu beeinflussen.“

Eric Marcus, „Die Logik des Unlogischen“

Was ist eine Metapher?

Ursprünglich leitet sich das Wort Metapher von dem griechischen Verb metaphorein (= übertragen, übersetzen, transportieren) ab. Eine Metapher ist zunächst eine rhetorische Figur, bei der ein Wort nicht in seiner wörtlichen, sondern in einer übertragenen Bedeutung gebraucht wird. Beispiele aus unseren Redewendungen verdeutlichen diesen Vorgang: Wüstenschiff - Kamel, Rabenmutter - Mutter, die ihr Kind vernachlässigt.

Joop weitet den Begriff der Metapher aus. Er benutzt ihn synonym für ein Bild. Die Metapher ist der zentrale Handlungsansatz in der Aktionstherapie. In der Metapher drücken sich Dilemma und Anliegen der Klienten bildlich oder figürlich übertragen aus. Die Metapher kommt während der Initialphase des therapeutischen Gesprächs in den Vordergrund. Was am Anfang vielleicht noch unbestimmt, undeutlich und noch unfertig wirkt, wird über die Metapher sowohl für den Klienten als auch für den Therapeuten sichtbarer und prägnanter und ist dadurch besser zu handhaben.

John Krop benutzt drei Formen von Metaphern:

• Metaphern auf der körperlichen Ebene = Body Architecture

• Metaphern auf der mentalen Ebene = Geleitete Phantasie und Imagination

• Metaphern auf der gegenständlichen Ebene = Arbeit mit Objekten

Wie entsteht eine Metapher?

Die Kreierung einer Metapher verläuft etwa so: Der Therapeut hört dem Klienten zu, bis er ein mögliches Anliegen erkennt.

Dann überprüft er: „So, Sie sind nach Ihrer Scheidung so deprimiert, ist das richtig?“ - „Ja.“ -

„Wollen Sie das mal erforschen?“ (Oder: „Wollen Sie mehr darüber wissen?“

Oder: „Wollen Sie daran arbeiten?“) -

„Ja.“

„Nun, dann gehen wir damit weiter.“

Jetzt hat der Therapeut einen Kontrakt und versucht auf dieser Basis eine Metapher zu kreieren. Dabei wählt der Therapeut die Form der Metapher und auf welcher der drei Ebenen der Klient arbeiten soll.

Wenn sich der Therapeut für die Geleitete Phantasie entscheidet, sagt er etwa: „Lassen Sie mal ein inneres Bild aufkommen, das Ihre Depression repräsentiert.“

Innere Bilder entfalten ihre ganz eigene Kraft, denn ,unsere Seele denkt in Bildern’.

Sie stellen eine ganz besondere Ressource dar, und der Zugang dazu ist für viele Menschen eine große Entdeckung.

Visualisierungen und Geleitete Phantasien sind eine wunderbare Möglichkeit, Zugang zu den inneren Prozessen eines Menschen zu bekommen (diagnostischer Ansatz) und Veränderungsprozesse einzuleiten (therapeutische Umsetzung).

Entscheidet der Therapeut sich für die körperliche Ebene, sagt er: „Stellen Sie sich vor, irgendwo hier im Raum eine körperliche Haltung einzunehmen, die Ihre Depression darstellt, so etwas wie eine Skulptur.“

Ziel ist es, den Klienten über die Metapher in eine Aktion zu begleiten. Der sprachliche Ausdruck des Klienten hilft oft, eine treffende Metapher zu finden.

Hier ein paar Beispiele: „Ich fühle mich in die Ecke gedrängt“, „Ich werde auf einen Sockel gestellt“, „Ich fühle mich niedergeschlagen“, „Ich bin dann blind vor Wut“, „Ich bin erstarrt vor Angst“, „Ich ziehe mich zurück.“ Das sind Formulierungen, die alle mit der körperlichen Ebene verknüpft sind und deshalb auch körperlich umgesetzt werden können. Diese Metaphern, in welcher Form auch immer körperlich dargestellt, machen den inneren Prozess des Klienten sowohl ihm selbst als auch dem Therapeuten gegenüber deutlicher, prägnanter. Diese erhöhte Prägnanz entfaltet die Kraft, die für eine spätere Lösung notwendig ist.

Wählt der Therapeut den Zugang über die Arbeit mit Objekten, bittet er den Klienten: „Vielleicht setzen Sie Ihre Depression mal in diesen Sessel und sagen ihr, was Sie ihr jetzt sagen möchten.“ Dies ist eigentlich eine Technik aus der Gestalttherapie. Die Arbeit von Fritz Perls mit dem „leeren Stuhl“ war für ihn die Möglichkeit, alle nicht integrierten Teile einer Person real entstehen zu lassen. Durch Dialog, Identifikation im Rollentausch und Konfrontation kommt es schließlich zur Integration, dem Ziel des therapeutischen Bemühens in der Gestalttherapie. Die Arbeit mit Objekten hat auch den Vorteil, dass die inneren Prozesse des Klienten für ihn selbst und den Therapeuten in Form von Symbolen sichtbar nach außen gebracht werden: „Sie können sich weder für das Eine noch das Andere entscheiden? Dann wählen Sie doch bitte einmal einen Gegenstand als Symbol für das Eine und einen Gegenstand als Symbol für das Andere aus dieser Kramkiste (siehe S. 110 ff.).“

John Krops System kurz zusammengefasst:

1. Ich höre dem Klienten zu.

2. Wenn ich ein Anliegen erkenne, erforsche ich es weiter, bis eine genügende Prägnanz hergestellt ist.

3. Dann frage ich den Klienten, ob er mehr über sein Anliegen erfahren möchte, tiefer darauf eingehen, es besser begreifen will.

4. Wenn er zustimmt, haben wir einen Kontrakt. Der Kontrakt beinhaltet die exakte Benennung des Anliegens und ist Grundlage für die Kreierung einer Metapher. Ich lege sehr großen Wert auf den Kontrakt. Ein unklarer Kontrakt kann dazu führen, dass der Klient innerlich nicht die Verantwortung für den folgenden Prozess übernimmt, sondern sie dem Therapeuten zuschiebt.

5. Kann ich das Anliegen symbolisch ausdrücken, eine Metapher finden? Dazu haben wir ja die drei Möglichkeiten: Körper, Objekte, Geleitete Phantasie.

6. Wenn ich noch nicht weiß, welche von den drei Möglichkeiten ich wählen soll, exploriere ich weiter. Dabei arbeite ich ganz normal auf der sprachlichen Ebene: ,Erzählen Sie bitte noch etwas mehr von Ihrem Anliegen‘.

7. Wenn ich mich für eine der Möglichkeiten entschieden habe, kann ich sagen: ,Ich möchte Ihr Anliegen mal körperlich ausdrücken. Setzen Sie sich bitte hier im Raum in einer deprimierten Haltung hin. Ich übernehme dabei das, was Sie herunterzieht oder herunterdrückt. Wo soll ich Sie herunterdrücken oder herunterziehen? Hier oder hier oder wo?‘ Dabei berühre ich ihn in verschiedenen Körperbereichen, z. B. an der Schulter.

Damit ist eine Interaktion entstanden. Dann sehe ich ja, was passiert. Kollabiert er, bietet er Widerstand? Ich kann sagen: ,Was wollen Sie zu dem, was Sie deprimiert sagen?‘ Später könnten wir auch einen Rollentausch machen. Dann kann ich sagen: ,Wollen Sie nun einmal das/der Deprimierende sein?‘ Dann bin ich der Deprimierte, und er ist identifiziert mit dem Teil, dem er sich sonst ausgeliefert fühlt. Dabei geschieht einiges, was anschließend ausgetauscht werden kann.

8. Wenn ich mit Objekten arbeite, bitte ich z.B. den Klienten, seine Depression auf einen Stuhl zu setzen und mit der Depression zu sprechen. Oder ich schlage ihm vor, seine Depression im Sandkasten (siehe Jungscher Sandkasten S. 116 ff.) darzustellen, oder ich bitte ihn, ein Bild zu malen, das seine Depression ausdrückt.

9. Ich kann auch über eine Geleitete Phantasie mit ihm arbeiten. Dann bitte ich ihn, in sich ein Bild aufkommen zu lassen. ,Ich sehe einen Bunker… und da sind Schlitze, und ich kann rausschauen, aber man kann nicht an mich herankommen.’ Dann arbeite ich ganz normal mit den vier Phasen im Rahmen der Geleiteten Phantasie weiter.“

(siehe ab S. 131)


B B Biographie I
1. Einleitung

Es ist Freitag, der 8. April 2011. Wir drei Freunde, Arno, Gertrud und Lothar, sitzen in einem typisch amerikanischen Frühstücksrestaurant. „Southern Kitchen“ in Los Gatos. Wir kämpfen mit der Speisekarte, dem schnellen, routinierten amerikanischen Englisch der Bedienung und den Anstrengungen der Reise. Ach ja, und ein bisschen aufgeregt sind wir auch. Um 10 Uhr sind wir mit Joop Krop verabredet. Als wir mit Joop am Telefon über dieses Projekt gesprochen hatten, erzählte er, dass er in einem Rollstuhl sitzt, kaum noch Kontrolle über seine Beine hat und seine Sprache nach einem Schlaganfall verlangsamt ist. Die Zeit drängte, wenn wir mit ihm sprechen wollten. Also Flüge gebucht, Technik klar gemacht und auf in die USA. Zehn Tage Kalifornien und die Geschichte eines ganzen Lebens erwarten uns. Deshalb sind wir aufgeregt. Wir hatten Joop schon vorab gebeten, uns sein Leben in groben Zügen zu schildern. Was wir da lesen, macht uns immer neugieriger. Wir verabreden, jeden Tag zwei Sitzungen mit ihm zu machen, wissen aber nicht, ob das überhaupt klappt, ob seine Kräfte das zulassen.

Das Frühstück, amerikanisch üppig, ist verzehrt. Jetzt geht es los. Wir suchen die Straße, in der Joop wohnt. Das ist in dem kleinen Ort Los Gatos, eine Autostunde von San Francisco entfernt, nicht sehr schwierig. Um 10 Uhr stehen wir vor einem Holzhaus in einer ruhigen Nebenstraße. Vor der Haustür steht ein älterer SUV mit dem Aufkleber „WAR is NOT the ANSWER“ vom Friends Commitee on National Legislation (FCNL). Wir ziehen am Stab, der eine Klinge betätigt. Sofort ertönt Joops Stimme: „Kommt mal rein“, ruft er auf Deutsch. Das tun wir.

Nach einer herzlichen Begrüßung mit Joop lernen wir Truus kennen, seine Frau. Hellwache Augen, gebeugte Gestalt und ein umwerfender Humor. Wir sind etwas geschockt, als sie gemeinsam mit der mexikanischen Haushaltshilfe den großen und immer noch kräftigen Joop aus seinem Rollstuhl in seinen Sessel hebt. Er hat einen breiten Riemen um seinen Bauch. An dem heben ihn die beiden Frauen hoch, so dass er mit schleifenden Beinen in seinen Sessel sinken kann. Seine Arme kann er kaum noch gebrauchen, sie zittern und sind sehr eingeschränkt in ihren Bewegungsmöglichkeiten. Lothar muss noch eine schwierige Klippe meistern. Joop hatte mit uns als Viererteam gerechnet. Lothars Frau Susanne, ebenfalls Gestalttherapeutin und seinerzeit Trainerin bei dem niederländischen Institut HEEL, ist im Oktober letzten Jahres an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstorben. Das wollten wir Joop nicht am Telefon mitteilen. Jetzt sagt Lothar es ihm, und wir sehen, wie seine Gesichtszüge entgleisen. Das Schicksal von Susanne füllt für einige Augenblicke den Raum. Nur 14 Wochen nach der Diagnosestellung am 2. Juli stirbt sie am 17. Oktober. Hinter nüchternen Fakten scheint ein Leben auf, sie ist plötzlich ganz präsent. Wir spüren alle fünf, wie fragil menschliches Leben ist, und Joop spürt es besonders.

Dann beginnen wir mit unserer ,Sitzung‘. Das Aufnahmegerät und die Kamera laufen, und wir stellen die ersten Fragen.


2. Joops Geburt und Kindheit im Amsterdam der zwanziger Jahre.

„Ich wurde am 5. Januar 1924 geboren, und es war kalt“, sagt Joop. „Ich hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können“, erzählt er weiter. Seine Mutter - Wilhelmina (Mien) van der Kruyf - ist erst 18 Jahre alt. Sie arbeitet in der Kantine einer Zigarettenfabrik. Sein Vater Marinus (Rinus) Krop arbeitet dort bis zu seiner Entlassung als Tischler. Die beiden jungen Leute lernen sich kennen und lieben. Als Rinus aufgrund der Wirtschaftskrise entlassen wird, bemerkt Mien, dass sie schwanger ist. Das ist ein Schock und in der damaligen Zeit eine Schande. Für die Vorhaltungen der zahlreichen Verwandtschaft hat Mien nur eine lakonische Bemerkung: „Wenn du so zusammen bist, bleibt es nicht beim Händchenhalten, und Rinus schien es zu mögen“. Ganz so leicht nehmen die beiden jungen Leute die Schwangerschaft aber nicht. Es ist Wirtschaftskrise. Mien arbeitet inzwischen als Putzfrau, um etwas Geld zu verdienen. Rinus ist arbeitslos. Mien ist verzweifelt und will das Kind abtreiben. Zunächst versucht sie es allein. „Aber schon damals war ich beharrlich und blieb drin“, sagt Joop. Dann gehen die beiden zu einem Mann, der Abtreibungen vornimmt. Doch weder der Mann noch sein schmutziges Haus flößen ihnen Vertrauen ein. Als sie wieder auf der Straße sind, sagen sie: „Nein, das nicht. Wir müssen heiraten“. So geschieht es, und das junge Paar bezieht eine Mansardenwohnung in der Simon Willem Straat 1. Die Verwandten helfen mit Möbeln. 1924 ist ein strenger Winter. Die einzige Heizmöglichkeit ist ein tragbarer Kerosinofen. Oft ist der Inhalt des Toiletteneimers morgens gefroren. Anfang Januar steht Mien auf einer Leiter, um die Fenster bei Juffrow Oud, der Besitzerin des Milchgeschäftes, zu putzen. Sie will „eben noch fertig machen“, als die Wehen einsetzen. Juffrow Oud schickt sie ins Krankenhaus. Eigentlich kommen Kinder damals meistens zu Hause mit Hilfe einer Hebamme zur Welt. Aber Mien und Rinus müssen ins Krankenhaus, weil sie kein Geld für die Hebamme haben. Doch als sie zu Fuß im Wilhelmina Ziekenhuis ankommen, schickt sie der Doktor wieder nach Hause. Joop will noch nicht das Licht der Welt erblicken. Nach zwei Tagen geht das junge Paar wieder ins Krankenhaus, weil die Wehen schlimmer werden. Der Arzt sagt: „Wir geben Ihnen eine Spritze, und wenn sie wach werden, ist das Kind da.“ So geschieht es. Joop wird mit einer Zange auf die Welt geholt. „Als Andenken habe ich einen platten Kopf“, meint er mit einem Lächeln. Jetzt lebt die junge Familie zu dritt in der Mansarde. Vater Rinus bemüht sich erfolglos um Arbeit. Rinus wird die Arbeitslosenunterstützung verweigert. Impulsiv wirft er einen Stein durch das Fenster des Arbeitsamtes. Er wird verhaftet und zu 9 Tagen Gefängnis verurteilt. Aber er bekommt seine Unterstützung und die Geschichte wird später in der Familie als kleine Heldentat erzählt, wie Joop sich erinnert.

Die Wirtschaftskrise in Europa wirft ihre Schatten voraus. In Holland gehen die Textilarbeiter in einen langen Streik. Sie wollen eine Lohnsenkung von 10 Prozent nicht kampflos hinnehmen. Es ist die zweite Kürzung in zwei Jahren. Sie sollen entweder die Kürzung akzeptieren oder anstatt 48 jetzt 53 Wochenstunden arbeiten.

Ein Textilarbeiter verdient zu der Zeit 20 Gulden pro Woche. Baron Van Heek, ein echter Baron, erklärt sein Jahreseinkommen auf 1.248.177 Gulden, so viel verdienen 1200 Arbeiter.

Die Textilarbeiter verlieren den Kampf.

Ein ähnliches Schicksal haben die Metallarbeiter. Die hohe Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Hoffnungslosigkeit schaffen eine gedrückte Stimmung.


3. Joop ordnet seine Geburt in das Jahr 1924 ein

Lenin stirbt und wird nicht von Trotzki beerbt, wie er es gewünscht hat, sondern von Stalin, dem Mann aus Stahl.

Hitler wird zu 5 Jahren Festungshaft wegen eines geplanten Umsturzes verurteilt. In seinen Verteidigungsreden betreibt er seine Nazi-Propaganda. Bevor das Jahr 1924 zu Ende geht, ist er wieder frei.

In Italien bekommt Mussolini 65 Prozent der Stimmen. Sein sozialistischer Gegenspieler Matteotti wird von den Faschisten ermordet.

Nach einer schweren Operation, die sein Leben bedrohte, ist Ghandi wieder frei.

Carson City in den USA erwirbt den zweifelhaften Ruf, „die humanste und schnellste Art“ der Hinrichtung eines Gefangenen zu praktizieren.

Die Olympischen Sommerspiele finden in Paris statt und der Läufer Paavo Nurmi, der fliegende Finne, gewinnt 5 Goldmedaillen. Der Schwimmer Johnny Weißmüller (später der erste Tarzan-Darsteller) ist der Liebling des Publikums und vor allem der Frauen.

Genauso geht es Rudolf Valentino und Douglas Fairbanks. Die Welt lacht über die Komiker Buster Keaton, Charlie Chaplin und Felix the Cat.

1924 werden Männer wie Jimmy Carter, George Bush sen., Marlon Brando, Sidney Poitier, Marcello Mastroianni geboren. Der Sänger Johnny Jordaan begeistert und lässt die Herzen der Amsterdamer und besonders des Wohnviertels „Jordaan“ schmelzen.


4. Leben im Jordaan

Ein großer Teil der Familie von Joop lebt im „Jordaan“, einem Wohnviertel in Amsterdam. Er selbst lebt mit den Eltern am Rande des Jordaan. Aber er identifiziert sich in Kindheit und Jugend mit dieser eigenen Welt und spricht auch „Jordaans“. „Der Name Jordaan ist wahrscheinlich vom biblischen Fluss Jordan abgeleitet: So wie dieser die Grenze Israels markierte, bildete die Prinsengracht die Grenze zwischen dem Viertel der Reichen und der Armen. Der Jordaan wurde nicht völlig neu angelegt, vielmehr entsprach die Lage der Straßen und Grachten dem Verlauf schon bestehender Entwässerungskanäle. Die Straßen verlaufen dadurch eigenartig schräg zur Prinsengracht“. (Christoph Driessen S. 47) „Als wollten sie dadurch verdeutlichen, dass hier auch immer ein ganz besonderer Menschenschlag gelebt hat, meint der Schriftsteller Cees Nooteboom.“ (ebd.) Diese Schilderungen beziehen sich auf das 17. Jahrhundert. „In dem relativ kleinen Bezirk wohnte bald jeder vierte Amsterdamer. Auch luftverpestende Industriebetriebe wurden dort angesiedelt, zum Beispiel Brauereien, Färbereien, und Seifensiedereien, Zucker-, Salpeter- und Schwefelraffinerien.“ (ebd.) Auch ein Vergnügungspark fand dort seinen Platz. „Er ist bereits auf den ältesten Plänen des Jordaan von 1625 eingezeichnet.“ (ebd.)

Durch die Jahrhunderte hat der Jordaan seine besondere Rolle im Konzert der Amsterdamer Wohnviertel gespielt. Heute wohnen dort Künstler, Intellektuelle und andere Menschen, die das Flair im Herzen Amsterdams lieben. Zu der Zeit von Joops Geburt war es noch das Viertel der armen Leute, Paradiesvögel gab es aber auch damals schon. (s. u. „Tante Ka und Ome Huub“)

10 Blocks in der Länge und Breite bietet der Jordaan seinen Bewohnern einen Ort, ihren Zusammenhalt zu pflegen. Sie haben alle nicht viel an materiellen Möglichkeiten, aber ihre Solidarität ist groß. Man kennt sich im Jordaan. Man redet mit- und übereinander. Klatsch ist akzeptiert. „Besser eine schlechte als gar keine Geschichte“. Man spricht sogar einen eigenen Dialekt: Jordaans. Im Rest des Landes wird diese Sprache belächelt, aber wer im Viertel nicht Jordaans spricht, macht sich zum Außenseiter. Joops Mutter Mien und eine ihrer Schwestern weigern sich, Jordaans zu sprechen. Sie bezahlen den Preis, lächerlich gemacht und als Snobs bezeichnet zu werden. Manchmal schämte sich Mien für die Mitglieder ihrer Familie, die betrunken auf der Straße laut lachten und in ihrem Jordaans-Dialekt derbe Scherze machten.


C C Quellen der Aktionstherapie I
1. Gisela Konopka: Gruppenarbeit - eine Wurzel moderner Sozialarbeit

Gisela Konopka gilt als die „Mutter der Gruppenarbeit“. 1910 als Gisela Peiper geboren, verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend in Berlin. Obwohl die Eltern in bescheidenen Verhältnissen lebten und ihren Lebensunterhalt mit einem kleinen Gemüsegeschäft verdienten, durfte Gisela aufs Gymnasium gehen und ihr Abitur machen. Die Familie war jüdisch, der Vater Sozialdemokrat, und die junge Gisela hatte sich schon bald einer linken jüdischen Jugendgruppe angeschlossen. Nach dem Abitur ging sie nach Hamburg und arbeitete als Fabrikarbeiterin. Dort schloss sie sich dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund an. Von 1929 - 1933 studierte sie an der Universität Hamburg Geschichte, Psychologie, Philosophie und Pädagogik/Sozialpädagogik. In ihrer Hamburger Zeit lernte sie den Facharbeiter Paul Konopka kennen. Da sie Kontakt zu Widerstandskämpfern hatte, wurde sie 1936 verhaftet und in das Konzentrationslager Hamburg-Fuhlsbüttel gebracht. In ihrer Autobiographie „Mit Mut und Liebe“ schreibt sie: „Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, in dem abgeschlossenen Raum zu ersticken. Plötzlich wurde ich von Hass überflutet. Ich bekämpfte die Nazis aus einer heftigen Reaktion heraus, weil mir die Achtung vor dem Menschen so wichtig war. Ihre Taten hatte ich verabscheut, aber so persönlich, so tief von innen heraus und so furchtbar wie in diesem Augenblick hatte ich noch nicht gehasst… Ich hasste, ich hatte Angst, ich war voller Zweifel“. (Gisela Konopka a.a.O. S. 147).

Nach einigen Wochen wird sie entlassen. Sie flieht über die Tschechoslowakei nach Österreich. Hier wird sie noch einmal verhaftet, wird wieder entlassen und kommt über Frankreich und Portugal schließlich 1941 in die USA. Zunächst verdient sie sich in New York den Lebensunterhalt durch Putzen. Sie beginnt ein Studium in „Social Group Work“ an der School of Social Work in Pittsburgh. Sie arbeitet dann als Social Group Worker in einer Klinik in Pittsburgh und bekommt schon 1947 einen Ruf als Professorin für Social Work an die Universität von Minnesota in Saint Paul. Gisela Konopka ist beeinflusst von dem Begründer der Gruppendynamik Kurt Lewin. Sie fühlt sich, wohl aufgrund des eigenen Schicksals, sozial benachteiligten Jugendlichen verpflichtet. Ihr Anliegen ist es, die Soziale Gruppenarbeit in der Sozialarbeit bekannt zu machen, aber vor allem auch Sozialarbeitern ein gutes Handwerkszeug zu vermitteln. Sie kommt nach dem Krieg noch einige Male zurück nach Deutschland, um Vorträge zu halten. Sie spricht vor Führungskräften sozialer Einrichtungen der Heimerziehung und vor Dozenten der Sozialen Gruppenarbeit an den Fachhochschulen für Sozialarbeit/-pädagogik.

Gisela Konopka schreibt das Buch „Soziale Gruppenarbeit: Ein helfender Prozess“. Es wird in den 60er Jahren in den USA und später auch in Deutschland zu einem Standardwerk für Gruppenarbeit. Für Gisela Konopka hat die Arbeit in der Gruppe eine heilende Wirkung. Sie arbeitet nicht konfrontativ, sondern nutzt die Kräfte, die in einer Gruppe wirksam sind für intensive Sozialisationsprozesse, besonders für junge Menschen, die aufgrund ihrer sozialen Situation besondere Schwierigkeiten haben. In der Gruppe gewinnen sie Selbstvertrauen, bauen ihre Defizite ab und werden so letztlich auch zu sozialen Wesen, die einander in Liebe begegnen können. In ihrem anderen Buch „Heime - Lückenbüßer oder Lebens-Chance?“ (Hausschwalbach Wiesbaden 1971) schildert sie die Methoden der Gruppenarbeit mit Kindern und Jugendlichen im institutionellen Rahmen.

Heute sind diese Methoden aus der Sozialarbeit und Therapie nicht mehr wegzudenken. Zu ihrer Zeit war Gisela Konopka eine Pionierin.


2. Klientenzentrierte Gesprächsführung - Carl Rogers (1902 - 1987)

Der Psychologe und Psychotherapeut Carl Rogers wurde mit der Entwicklung seines Klientenzentrierten Ansatzes in der Psychotherapie zu einem der Begründer der Humanistischen Psychologie, die den Menschen von seinem Potenzial her betrachtet und ihn nicht durch Diagnosen pathologisieren will. Rogers erkannte in seiner Arbeit mit sozialschwachen Kindern und Jugendlichen, dass die Lösung eines Problems immer im Klienten liegt. Zu Beginn der therapeutischen Beziehung versucht der Klient, dem Therapeuten die Lösungsverantwortung zuzuschieben. Je mehr durch die Gesprächsführung jedoch deutlich wird, dass der Klient und seine Lösungskompetenz gestärkt werden sollen, entsteht ein Klima des Vertrauens, der Sicherheit, der Geborgenheit. In diesem Klima wächst das Zutrauen des Klienten in seine eigenen Fähigkeiten. Rogers spricht von einer „Aktualisierungstendenz“, die jedem Menschen innewohnt. Er meint damit das Streben nach sinnhaftem Dasein und Selbstverwirklichung. Ziel der Klientenzentrierten Gesprächsführung ist die Unterstützung des Klienten bei der Entdeckung seiner Individualität und der Entwicklung seiner Ressourcen. Dabei sind die „Basisvariablen“ des Beraters im Beratungsprozess geprägt von Echtheit/Kongruenz, Akzeptanz und Empathie. Der Berater verzichtet auf jede Bewertung oder Interpretation des Klientenverhaltens. Er legt alle Vorstellungen vom äußeren Bezugssystem ab. Er taucht vielmehr in die Welt des Klienten ein, versucht die Welt mit den Augen des Klienten zu sehen. Dafür ist es entscheidend, das innere Bezugssystem des Klienten zu übernehmen, den Klienten so zu sehen, wie er sich selbst sieht. „Wenn wir Verständnis dafür aufbringen können, wie der Klient sich in diesem Augenblick selbst sieht, dann kann der Klient alles Übrige allein erledigen. (Carl Rogers, Die klientenzentrierte Gesprächsführung, Kindler Verlag, Regensburg 1972, S. 43) „Der Therapeut muss aufhören, sich mit der Diagnose zu beschäftigen, er muss seinen diagnostischen Scharfsinn ruhen lassen und den Wunsch aufgeben, professionelle Wertbestimmungen vorzunehmen; er muss aufhören, genaue Prognosen stellen zu wollen, und der Versuchung widerstehen, das Individuum insgeheim zu lenken.“ (ebd.) Es gibt drei Bezeichnungen für die von Rogers entwickelte Therapie. Zunächst nannte er sie „Non-direktive Gesprächsführung“. In seinen Anfängen nahm sich Rogers in der Gesprächsführung völlig zurück, wiederholte das vom Klienten Gesagte und konzentrierte sich beim „Spiegeln“ darauf, die emotionalen Anteile des Gesagten prägnant werden zu lassen. Weil viele seiner Schüler diese Methode sehr abstinent praktizierten und mit ihren eigenen Gefühlen außen vor blieben, entstand ein von Rogers gar nicht beabsichtigtes Gefälle im dialogischen Prozess. Aktives Zuhören wurde zum sog. „Rogern“. Im nächsten Schritt nannte Rogers seine Methode „Klientenzentrierte Gesprächsführung“. Der Begriff beschreibt den Fokus, der für Rogers immer beim Klienten ist (s.o.) Selbst der Begriff des „Klienten“ symbolisierte für den späten Rogers noch ein Gefälle in der Berater-Klienten Beziehung. Deshalb versuchte er den Namen „Personenzentrierte Gesprächsführung“ zu etablieren, was aber nicht gelang. Durchgesetzt hat sich die „Klientenzentrierte Gesprächsführung“ als Basis-Verfahren in der Schulung z. B. von Mitarbeitern in der Telefonseelsorge, in der Einzel- und Paarberatung sowie in der Hospizarbeit. Doch hören wir noch einmal Carl Rogers. Zur Rolle des Beraters sagt er: „Er darf sich nur auf ein Ziel konzentrieren: Zu tiefem Verstehen und zur Akzeptierung der Einstellung zu gelangen, die der Klient in dem Augenblick bewusst einnimmt, indem er Schritt für Schritt in das gefährliche Gebiet eindringt, das er bislang seinem Bewusstsein gegenüber geleugnet hat.“ (a.a.O.) In der klientbezogenen Therapie findet der Klient im Therapeuten ein echtes Alterego, das ihm hilft, das wahrzunehmen, was mit dem Selbst nicht vereinbar oder eine Bedrohung wäre. „Klientbezogene Beratung kann, wenn sie wirkungsvoll werden soll, weder ein Trick sein noch ein Werkzeug. Sie ist keine subtile Art von Leitung des Klienten, bei der vorgegeben wird, dass man den Klienten selbst die Leitung überlässt. Um wirkungsvoll zu sein, muss sie echt sein.“ (Rogers a.a.O.)

Rogers war von einer großen Liebe zu den Menschen und zur Welt geprägt. Er engagierte sich für den Frieden von Irland bis Südafrika.

Joop lernte die Methode der Klientenzentrierten Gesprächsführung durch eine Kollegin, Ella Goubitz, kennen, als er nach seiner Rückkehr aus den USA im Büro für Gruppentherapie in Holland arbeitete. Ella hatte bei Rogers selbst studiert und Rogers war Ende der 50er Jahre der Stern am Himmel der psychotherapeutischen Gesprächsführung. Hier war endlich jemand, der ihm zeigte, wie man mit Klienten in Kontakt kommen kann. „Ich sog diese Ausbildung richtig in mich auf“, schreibt Joop. „Das war’s endlich. Ich konzentrierte mich jetzt ganz auf das, was der Klient sagte und auf seine unausgedrückten Gefühle. Dabei konnte ich ganz bequem vermeiden, meine eigenen Gedanken und Gefühle zu äußern. In dieser Zeit waren wir alle nur der Resonanzboden für die Klienten. Später ging Rogers selbst zu einer Form der Begegnung über, in der der Therapeut dem Klienten seine Gefühle und Gedanken vorlegt, aber niemals überstülpt. Ich erinnere mich noch gut, wie aufregend es war, das Gespräch in dieser Weise zu öffnen. Jetzt war Gesprächsführung für mich endlich konkret. Großer Dank an Ella und an Carl Rogers. In meiner späteren therapeutischen Arbeit habe ich dieses Prinzip beibehalten. Ich lege meine Ideen dem Klienten vor, aber ich stülpe sie ihm nie über.“


A A Aktionstherapie II
Aktives Zuhören nach John Krop

Hier ein Beispiel wie John Krop die Methode der Klientenzentrierten Gesprächsführung nach Rogers für sich umgesetzt hat.

„Wenn ich dir zuhöre, kann ich das passiv tun, mit dem Kopf nicken und ,mmh‘ und ,aha‘ sagen. Wenigstens gebe ich damit zu erkennen, dass ich da bin. Und ich unterbreche dich nicht. Du wirst dich trotzdem fragen, ob ich wirklich höre, was du sagst, und ich werde mich gelegentlich fragen, ob ich wirklich weiß, was du meinst.

Um sicher zu gehen, dass ich dich verstehe und auch um dich wissen zu lassen, was ich verstanden habe, kann ich formulieren, was ich glaube, von dir gehört zu haben. Wenn du z.B. ein Mitglied meiner Gruppe bist und dich bei mir beklagst:

Du: ,Und das ist zum wiederholten Male geschehen. Ich bin dabei, die Gruppe zu verlassen.‘

Ich: ,Du erwägst, die Gruppe zu verlassen?‘

Du: ,Nun, ich bin nah davor. Ich möchte nicht mehr die ganze Zeit kritisiert werden.‘

Ich: ,Du hast es völlig satt, kritisiert zu werden.‘

Du: ,Ja, ich will, dass sie aufhören, mich zu kritisieren und ich werde ihnen das auch sagen. Die Menschen machen das ständig mit mir. Sie denken, ich hätte keine Gefühle und machen mich fertig.‘

Ich: ,Das passiert auch anderswo, aber dieses Mal sorgst du dafür, dass sie damit aufhören.‘

Du: ,Das werde ich ganz sicher.‘

Mein aktives Zuhören hat dich ermutigt, weiter zu machen und zu einer eigenen Schlussfolgerung zu kommen.

Beim aktiven Zuhören gibt es verschiedene Ebenen.

a. Ich kann den Inhalt genau wiedergeben (‚Du wirst kritisiert.‘).

b. Eine bessere Art, zuzuhören, ist es, wenn ich auf Tendenzen oder Muster achte (,Und das scheint dir immer so zu ergehen.‘). Eine Tendenz ist die Bereitschaft, auf bestimmte Situationen in einer bestimmten typischen Weise zu reagieren. Das basiert auf einem fast überall vorhandenen, ständigen Gefühl eines Menschen, das er überall herumträgt: ,Niemand kümmert sich darum, was ich meine. Ich mache es immer falsch. Ich verliere immer. Sie scheinen nie Notiz von mir zu nehmen.‘ Und so weiter. Diese Tendenzen bestimmen in einem hohen Grad, wie jemand in einer bestimmten Situation reagieren wird. Wenn wir diese Neigungen ansprechen können, bekommt unser Kontakt viel mehr Bedeutung. Wenn ich dir wiedergebe, was du gesagt hast und es neu formuliere, dann ist es wichtig, dieses in einem Tonfall zu tun, der zu verstehen gibt, dass ich das von dir Gesagte als für dich wahr akzeptiere. Wenn ich deine Darstellungen auf provokante Weise wiedergebe, werde ich höchst wahrscheinlich Abwehr hervorrufen und deinen Gedankenfluss stoppen.

Zum Beispiel:

Ich: „Glaubst du wirklich, dass sie dich kritisieren?“

Du: „Natürlich tun sie das. Sogar gestern …“

Und deine ganze Energie geht in die Verteidigung und Unterstützung deiner Darstellung.

Aktives Zuhören ist eine sehr wirksame Fertigkeit; besonders, wenn du über die Stufe des bloßen Nachplapperns plus der damit verbundenen Gefühle hinausgehst und stattdessen die Bedeutung des von deinem Klienten Gesagten zurück gibst.

Aktives Zuhören lernen

Am Anfang benutzt du vielleicht ein paar hilfreiche Redewendungen, um dein Feedback einzuleiten, wie: ,Moment mal, habe ich dich richtig verstanden …‘ Oder: ,Ich höre, dass du sagst …‘ Oder: ,So weit es dich betrifft …‘ Oder: ,Du verspürst …‘.

Später wirst du weniger mechanisch werden, das Wesentliche des Gesagten erfassen und dein Feedback so geben, dass der Fluss des Menschen, dem du zuhörst nur minimal unterbrochen wird. Etwa so: ,Das bestürzt dich‘, ‚Das sollten sie dir nicht angetan haben‘, ‚Im Nachhinein würdest du es lieber anders gemacht haben‘. Ein Feedback ist immer ein Versuch. Es ist immer fragend gemeint ,Geht es dir so damit?‘, anstatt zu sagen: ,So geht es dir damit!‘ Wenn du unsicher bist, kannst du fragen: ,Ist das richtig?‘ Oder: ,Ist das so stimmig für dich?‘ Wenn dein Feedback von dem Menschen, dem du zuhörst, nicht akzeptiert wird, stecke keine Energie rein, um zu beweisen, dass du Recht hast. Erkläre auch nicht, warum du gedacht hast, dass dies oder jenes so gemeint war; selbst dann nicht, wenn du glaubst, dass du Recht hast. Frage stattdessen nach, was wirklich gemeint war.

Verfeinertes Zuhören

Beim verfeinerten Zuhören richtest du deine Aufmerksamkeit auf das, was dem Gesagten zugrunde liegt, z. B. die damit verbundene Absicht.

Du: ,Das passiert mir immer.‘

Ich: ,Du würdest das gerne ändern.‘

Neuformulierung einer unangenehmen Situation in eine wünschenswertere aber noch nicht geschaffene.

Du: ,Ich kann den Kleinen nicht ausstehen.‘

Ich: ,Du würdest gerne anders für ihn empfinden.‘

Wenn du mit mir über Andere, und was sie mit dir machen, sprichst, habe ich die Wahl, ob ich die Anderen oder deinen Anteil dabei aufnehme, z.B.:

Du: ,Meine Eltern haben mich immer von vielen Sachen abgehalten. Sie hatten immer Angst, ich könnte in Schwierigkeiten kommen.“

Ich: ,Deine Eltern waren überbehütend.‘ (,Sie‘ in den Blick genommen)

Im Gegensatz dazu:

Ich: ,Du hast nie gelernt, etwas selbstständig zu machen.‘ (‚Dich‘ in den Blick genommen)

Die erste Herangehensweise könnte dich einladen, zu deinen Eltern zu gehen und daraus eine ,Ich Armer‘ - Geschichte zu machen. Das rückt deine Hilflosigkeit in den Vordergrund. Die zweite Version nimmt mehr auf, was du jetzt machst und spricht mehr deine Kraft und Stärke an.

Natürlich kann ich auch beides aufgreifen: ,Deine Eltern waren überbehütend und das führte dazu, dass du glaubst, du hättest noch nicht gelernt, genügend für dich selbst zu tun.‘ Das gibt dir dann Gelegenheit, das für dich in diesem Augenblick Wichtigste aufzugreifen und weiter zu verfolgen.“

Body Architecture (Darstellung mittels des Körpers)

„Hinter deinen Gedanken und Gefühlen, mein Bruder, steht ein mächtiger Gebieter, ein unbekannter Weiser - der heißt Selbst. In deinem Leibe wohnt er, dein Leib ist er.“

Friedrich Nietzsche, „Also sprach Zaratustra“

Das obige Zitat lädt uns zu zwei Anmerkungen ein. Einmal betont hier Nietzche die Weisheit des Leibes und zum Anderen macht er auf eine sprachliche Feinheit aufmerksam: die Unterscheidung zwischen Leib und Körper. Im deutschen Sprachraum benutzen wir umgangssprachlich meistens den Begriff Körper. In der Gestalttherapie unterscheiden wir den Begriff Leib im Sinne des beseelten oder zuständlichen Daseinsmodus vom Begriff Körper als gegenständlichen Daseinsmodus. Diese Unterscheidung gibt es im angloamerikanischen Sprachbereich nicht. Da sich aber der folgende Text zu einem großen Teil auf englische Quellen Krops stützt, möge der Leser hier „Body“ und „Körper“ immer im Sinne von „Leib“ verstehen (Zur Vertiefung dieses Themas: F.-M. Staemmler 2003)

Body Architecture bzw. Body Sculpting ist eine von John P. Krop entwickelte spezielle Form, den Körper als Metapher in der Begleitung von Menschen einzusetzen. Zunächst stellen wir die Verwendung dieses Ansatzes in der Einzeltherapie vor. In einem späteren Kapitel wird dargestellt, wie besonders effektiv diese Technik in der Paartherapie ist.


1. Was ist Body Architecture / Body Sculpting?

Mit Body Architecture (Körperdarstellen) wird der ganze psychotherapeutische Prozess bezeichnet: zunächst das Problem oder Anliegen zu benennen, dann das Problem/Anliegen als eine Skulptur bzw. Statue aufzubauen (Sculpting), diese zu besprechen, zu verändern und der ganze ,Tanz‘, der sich aus solch einer Initialskulptur entwickeln kann. Wenn man Body Architecture als einen Film betrachtet, ist Body Sculpting (Körpermodellieren) nur ein Einzelbild in diesem Film.


2. Warum Body Architecture?

Wenn wir nur sitzen und reden, können wir eher vermeiden, eine Position zu vertreten. Wenn wir aufstehen, wird es schwieriger, keine Stellung zu beziehen. Die Körpersprache ist nicht zu leugnen und macht das Erkennen und den Ausdruck von Gefühlen und Impulsen prägnanter, als die verbale Sprache es vermag. Was aber noch wichtiger für Veränderungsprozesse ist: Bei den meisten Menschen wirken Interventionen, die auch den Körper mit einbeziehen, viel stärker als die nur verbalen. Das Tun greift tiefer und wirkt ganzheitlicher als das bloße Reden. Gabriel Marcel: „Das Wohlgefühl, die Ruhe sind sprachlos; Liebenden versagt die Sprache; Worte sind für die eigentliche Verfassung der Existenz stets unzureichend.“ (zit. in F.-M. Staemmler, S. 43)

Neuere Theorien (Bandler & Grinder, „The Structure of Magic II; dt. „Kommunikation und Veränderung: Die Struktur der Magie II“) weisen auf, dass wir auf bestimmte bevorzugte Weise die Welt um uns erfahren und verarbeiten. Einige Menschen nehmen die Umwelt bevorzugt über ihre Ohren (auditiv), andere über ihre Augen (visuell) und wieder andere über ihren ganzen Körper (kinästhetisch) wahr. Wir erreichen den Anderen am besten, wenn wir von dessen bevorzugter Weise, die Welt wahrzunehmen, Gebrauch machen. Body Architecture spricht sowohl kinästhetische als auch visuelle Vorlieben an. Und wir können auch miteinander reden und einander zuhören.


3. Diagnostische und therapeutische Anwendung

Body Architecture kann als diagnostisches Instrument angewandt werden: Der Therapeut/Berater bittet seinen Klienten, eine Körperhaltung einzunehmen, die sein Problem/Anliegen darstellt. So bekommen Klient und Therapeut einen klareren und umfassenderen Eindruck - ein Bild, eine Metapher - vom Thema. Das geht über die mehr rationale Verbalisierung hinaus. Sie finden etwas heraus.

Im nächsten Schritt wird Body Architecture dann zum therapeutischen Werkzeug: Wenn z.B. ein Paar mit dem, was die Skulptur ihnen über ihre Beziehung mitteilt, unzufrieden ist, kann der Therapeut beide bitten, sie so zu verändern, dass etwas Angenehmeres dargestellt wird. Sie verändern. Die Veränderungen, durch die sie sich von der alten Form in eine neue, wünschenswertere Form bewegen, machen erlebbar, was in Gang kommen muss, um diese neue Situation zu erreichen.


4. Didaktische Anwendung

Die dargestellten Methoden sind auch im Lehrbereich anwendbar. In einem Paar-Workshop kann der Leiter ein Paar bitten, die in diesem Artikel beschriebenen Positionen einzunehmen, um dann den Prozess zu verfolgen, den die beiden miteinander aushandeln.

Man könnte auch in einem allgemeinen Workshop zum Thema Kommunikation einzelne Teilnehmer bitten, diese Übungen zu machen, damit sie gewahr werden, wie sie tendenziell Kontakt aufnehmen, sich durchsetzen, etwas in Bewegung bringen usw. Body Architecture ist nicht auf die Arbeit mit Problemen begrenzt. Sie kann auch dem Bewusstmachen offensichtlich eingespielter Mustern dienen. Fordern Sie z. B. in einer Gruppe die Teilnehmer auf, eine Faust zu machen und schauen sich dann die vielen dargestellten Möglichkeiten an. Könnten da verschiedene Möglichkeiten des Umgangs mit Aggression sichtbar und erlebbar werden?

Jeweils etwas abgewandelt kann Body Architecture sowohl im sozialtherapeutischen (z.B. in der Paartherapie und Supervision) als auch im tiefenpsychologischen Bereich in der Einzel- und Gruppentherapie angewandt werden.


5. Typen von Body Architecture:

Man kann zwei verschiedene Arten der Körperdarstellung unterscheiden: a) aus dem Klienten heraus entstandene oder b) vom Therapeuten vorgeschlagene/kreierte.

a) Der Therapeut bittet den Klienten, sich auf einen für ihn angenehmen Platz im Raum mit einer solchen Haltung, Mimik und Geste zu stellen, wie es in etwa seinem Thema entspricht. Evtl. kann der Therapeut sich selbst zuerst als ,Material‘ zum Modellieren zur Verfügung stellen.

b) Im Therapeuten taucht ein Bild auf, welches das Thema des Klienten repräsentieren könnte. Dann kann er dieses Bild seinem Klienten mitteilen und ihn fragen, ob er ausprobieren möchte, ob dieses Bild mit seinem Thema übereinstimmen könnte, und ob er es so körperlich darstellen möchte.


6. Zusammenfassung:

Virginia Satir, John Krops langjährige Lehrerin, Supervisorin und Mentorin, beschreibt in ihrem Buch „Peoplemaking“ (dt. Titel „Selbstwert und Kommunikation“) verschiedene Körperhaltungen, die spezielle Verhaltensmuster ausdrücken: der Ankläger (mit ausgestrecktem Arm zielend), der Beschwichtiger (flehend auf den Knien), der Rationalisierer (steif, nur im Kopf aktiv), der Ablenker (ungeordnet und zugleich in alle Richtungen agierend).

Bioenergetik-Therapeuten richten ihre Aufmerksamkeit auf gewisse Farbwechsel, Versteifungen, Vibrationen, Körperhaltungen, Stimmfärbungen, Energiefluss und Atmung und ziehen daraus Folgerungen, was diese Beobachtungen ihnen über die Gefühle und die Verfassung der Person vor ihnen sagen.

Im Psychodrama werden z. B. traumatische Szenen im Leben eines Menschen dargestellt, so dass der Protagonist realisieren kann, was damals genau stattgefunden haben kann. Das Darstellen liefert eine viel stärkere Erfahrung als eine bloße Beschreibung.

Al Pesso beachtet in der Psychomotorischen Therapie Bewegungen, Gestik und andere Körperausdrücke und sieht sie als Ausdruck von Gefühlen, die eine interaktionale Antwort erwarten.

Gestalttherapeuten bitten die Leute u.a., ihre Gesten zu verstärken, um sich ihrer unausgedrückten Gefühle gewahr zu werden, fordern auf, zu Teilen ihres Körpers zu werden und ihnen eine Stimme zu geben.

All diese therapeutischen Ansätze stützen sich auf die Grundannahme der Humanistischen Psychologie, dass Körper, Geist und Seele eine Einheit bilden. Alle drei Ebenen sind nicht voneinander zu trennen, jede wirkt auf die anderen ein. Daraus folgert, dass wir über jede dieser drei Ebenen Zugang zum ganzen Menschen bekommen können. Wir, als Therapeuten, können unseren Klienten helfen, sich ihrer Körperhaltungen und Gesten bewusster zu werden, damit prägnanter wird, was offensichtlich in ihnen vorgeht und noch mehr gelebt werden will.

Aus den langjährigen Erfahrungen mit verschiedensten ganzheitlichen Therapieformen heraus, die den psychodynamischen Zugang zum Klienten u.a. auch über den Körper suchten, entwickelte John Krop mit Body Architecture seine spezielle Form der Körperarbeit in der Begleitung von Menschen.


B B Biographie II
1. Familienbilder - Tante Ka und Ome Huub

Tante Ka ist die älteste Schwester von Joops Mutter. Der kleine Joop liebt diese Tante sehr. Er beschreibt eine Besuchsszene: „Mutter hat Geburtstag. Die Familie kommt zu Besuch. Mutter ist besorgt: ,Ich hoffe Ka kommt nicht, sie sieht so komisch aus und dann ihr lautes ,Jordaans`.‘ Die Türklingel läutet. Ich öffne die Tür von oben, indem ich an einem Strick ziehe, der mit dem Riegel der Tür zur Straße verbunden ist. Rate mal, wer es ist? Es ist Tante Ka. Ich laufe nach drinnen und ruf laut: ,Tante Ka!‘ ‚Jesus, es ist Ka‘, sagt meine Mutter zu den anderen.

Ich liebe es. Ich mag Tante Ka. Sie ist ein ,Charakter‘, eine Lebenskünstlerin. Und sie hat ein Herz aus Gold. Ich bin auch einen Schritt in der Verwandtschaftsbeziehung entfernt und kann mich von der Scham und der Aufregung distanzieren.

Tante Ka stolpert die Stufen herauf: ,He, netter Pimmel!‘ Ich wusste nie, wie ich das verstehen sollte, bis ich hörte, wie sie zu meiner Schwester Willy sagte: ,He, nette Möse‘. Ich konnte nicht glauben, dass sie das so meinte, aber sie meinte es als Kompliment. Erdverbunden waren die Leute im Jordaan. Tante Ka steht jetzt oben an der Treppe. Ihr Haar ist schwarz und glänzend, sie hat es schön gekämmt. Sie benutzt Asche, um es so aussehen zu lassen, das erzählt sie ganz stolz. Sie hat ihre besten Kleider an. Monströs: Perlen, Ornamente. Ka kauft ihre Kleider auf dem Waterloo Plein Flohmarkt. Heute trägt sie auch ihre Strümpfe. Sie hält die Strümpfe mit Gummibändern. Aber die Bänder sind ihr zu eng, so trägt sie die Gummis unter ihren Knien, was bedeutet, dass ihre Strümpfe zu den Knöcheln herunterfallen. ,Ja, sie taten weh, so hab ich sie runter gemacht.‘

Tante Ka verbringt die Hälfte ihres Lebens auf dem Waterloo Plein. An Sonntagen geht sie zur jüdischen Ecke, die nur zwei Blocks von ihrer Wohnung entfernt ist. Dann kommt sie mit Secondhand-Kleidung und beschädigten Nippesfiguren, die ihre Wohnung füllen, zurück.

Heute gibt sie meiner Mutter etwas, das in Papier eingewickelt ist. Es ist eine Nippesfigur. Meine Mutter hasst Nippes, das weiß ich. Sie sagt: ,Aber Ka, ich hab doch schon so viel von dem Mist!‘ Meine Mutter schießt scharf aus der Hüfte.

,Es ist ein Schäfermädchen‘, sagt Ka. ,Sie hat einen Arm verloren, aber wenn du sie zur anderen Seite drehst, sieht es ja niemand.‘ Ka stellt es auf die Anrichte. Meine Mutter schäumt, beißt sich aber auf die Zunge.

Willst du etwas zu trinken, Ka?‘ Ka sagt nie Nein. Manchmal will sie Zitronenlikör, manchmal Oranje bitter, heute ist es Genever. ,Mit Zucker.‘ Als meine Mutter fragt, warum ihr Mann - mein Onkel Huub - nicht mitgekommen ist, knurrt Ka: ,Ich wollte nicht, dass der Bastard mitkommt.‘ Meistens streiten die beiden miteinander.

Ich liebe die raue Energie meiner Onkel und Tanten. Nichts Schlechtes über sie. Sie sagen, was sie denken. Ehrlichkeit zählt mehr als Nettigkeit. Das ist ein typischer holländischer Wesenszug, aber es wird im Jordaans intensiv praktiziert, gern mit viel Humor. Du musst immer mit einer Entgegnung rechnen, die witzig aber auch verletzend sein kann. Ich habe es aufgesaugt.“

Joops Augen glänzen, als er uns die alten Geschichten erzählt. Der Mann, der die „Geleitete Phantasie“ bekannt gemacht hat, taucht jetzt in seine inneren Bilder ein. Er ist wieder der kleine Junge und erzählt die folgende Geschichte von Onkel Huub mit einem kernigen Lachen:

„Onkel Huub hatte den Spitznamen ,Menschenretter‘. Er wohnte an einem der vielen Kanäle (Grachten), die Amsterdam durchziehen wie Adern den Körper des Menschen. Viele der Grachten haben zum Bürgersteig keine Absperrung, und deshalb fallen häufiger Betrunkene oder Kinder hinein. Dann riefen die Leute nach Huub. Und der kam angerannt in seinen Turnschuhen, die er ,für alle Fälle‘ immer trug. Ohne zu zögern sprang Huub dann in das schmutzige Wasser der Gracht und tauchte bald mit dem Ertrinkenden wieder auf. Dann zogen ihn die anderen mit einem langen Haken an Land.“ Jetzt kommt Joop glucksend richtig in Fahrt: „Einmal rettete Huub ein Kind. Er kam aus dem Wasser und tastete mit fragendem Gesicht alle seine Taschen ab. Nichts. Er rief: ,Meine Uhr, wo ist meine Uhr‘. Und die Eltern des Kindes konnten nichts anderes tun, als ihm eine neue Uhr zu kaufen.“

Wir schauen Joop irritiert an. Wo ist der Witz? „Das alte Schlitzohr hatte in seinem ganzen Leben keine Uhr“, lacht Joop.


2. Kinderbilder einer versunkenen Zeit

Bis zu seinem zwölften Lebensjahr lebt Joop mit seiner Familie ganz in der Nähe des Jordaans. Joop spielt in seinem Viertel gern mit seinen Freunden auf der Straße. Man spielt Räuber und Gendarm oder Fußball mit einem Tennisball. Für einen richtigen Fußball fehlt das Geld. In der „Knickerzeit“ wird mit Murmeln gespielt. Ein besonderes Vergnügen ist es, am Samstag sechs Wochen nach Ostern den „Faulpelz zu wecken“. „Luilak“ heißt der Tag. Ab morgens um 5 Uhr ziehen Jungs durch die Straßen des Jordaans und pochen mit ihren Stöcken an die Türen. Dabei singen sie: „Faulpelz, bist ein Bettsack, stehst erst um 9 oder 10 auf. Hat jemand den Faulpelz gesehen?“ Natürlich ist der Spaß groß, wenn jemand Tür oder Fenster öffnet und die Jungs mit einem Eimer Wasser vertreiben will. Anschließend gibt es um 7 die „Faulpelz-Brötchen“ beim Bäcker.

Die Tradition des Luilak stammt aus der Zeit, als junge Männer früh zum „Tau treten“ gingen, um Blumen für ihre Liebste zu pflücken.

„Ich hatte eine gute Kindheit“, beschreibt Joop diese Zeit. „Die Umstände waren schwer, aber trotzdem stellten meine Eltern unsere Armut niemals besonders heraus.“ Als die Familie ein WC mit fließendem Wasser bekommt, ist das ein großes Ereignis. Die Gasbeleuchtung der Wohnung war damals selbstverständlich. Als der kleine Joop losgeschickt wird, um einen neuen Glühstrumpf für die Lampe zu kaufen, können ihm die Eltern kein Geld mitgeben, und so bittet er darum, dass „angeschrieben“ wird. Das ist eine auch in Deutschland zu der damaligen Zeit in Arbeiterkreisen verbreitete Methode, das knappe Familieneinkommen etwas zu strecken.

Nach kurzer Zeit werden elektrische Kabel durch die Gasrohre verlegt, und die Familie hat elektrisches Licht. Wenn man ein „Kwartje“ (niederländische 25 Cent-Münze) einwarf, schien das Licht. Immer musste ein Kwartje auf dem Zähler liegen. Die Wohnung der Krops hat ein sonniges Wohnzimmer, ein Schlafzimmer für die Eltern und einen Alkoven ohne Fenster, in dem Joop schläft. Lebendig ist die Erinnerung in Joop, wie er seinem Vater beim Schreinern zuschaut, denn auch die kleine Werkstatt findet in einer Mansarde über der Wohnung noch Platz. Joop fühlt sich sicher und geborgen in seiner kleinen Welt. Nur wenn er Kohlen von der Mansarde holen muss, pfeift er vor Angst, sammelt die Kohlen und rennt wieder runter.

Jede Woche wird die Miete von einem Mann kassiert, der klingelt und ruft: „Die Miete, Frau Krop.“

Die Mutter von Joop geht weiterhin putzen, und weil der Vater häufig arbeitslos ist, schreinert er zu Hause oder kümmert sich um den kleinen Joop. Zusammen gehen sie zur öffentlichen Bücherei, wo der Vater populärwissenschaftliche Sciencefiction-Bücher ausleiht. Joop schaut sich begeistert die Bilder der „Reisen durch das Universum“ an. Der Vater erfindet bei diesen Gängen zur Bücherei viele Spiele für Joop.

„Siehst du die Spielkarte dort auf dem Bürgersteig? Berühr sie nicht mit deinen Fingern. Dreh sie vorsichtig mit einem Streichholz um. Das ist eine Botschaft. Was ist es?“ „Sieben Spaten.“ (Pik Sieben) „Gut. Das heißt, wir werden sieben Dinge finden. Pass gut auf.“ Wenn sie „Dinge“ finden, beginnt die Diskussion, ob eine leere Zigarettenschachtel ein „Ding“ ist. Unweigerlich geht Joop irgendwann an einem Cent vorbei. „Hey, pass auf, was da liegt.“

„Ich brauchte sehr lange, um zu begreifen, dass mein Vater immer wieder einen Cent deponiert hatte, damit ich ihn fand. Er war wunderbar kreativ.“ Diese Art, mit wacher Aufmerksamkeit durchs Leben zu gehen, hat sich Joop bis heute bewahrt. Sie ist auch bezeichnend für sein Verständnis von Therapie.


3. „Die Essenz des Lebens ist die Suche“,

wird er später formulieren. Vielleicht wurden Spuren zu dieser Haltung in eine Kinderseele auf den Straßen von Amsterdam durch einen liebevollen Vater gelegt.

Der kleine Joop verdient sein „erstes Geld“, als er bei einem seiner Spaziergänge mit dem Vater von einem Mechaniker gebeten wird, mit seiner kleinen Hand eine Schraube aus einem Gastank zu holen. Er findet Schraube und Mutter und ist so stolz, als er zwei „Kwartjes“ als Lohn bekommt. Umso mehr schmerzt es, als er einige Zeit später eben diesen Lohn abgeben muss, weil er beim Fußballspielen eine Scheibe zerschossen hat. „Dabei hat sich der Mann noch nicht einmal eine neue Scheibe gekauft“, empört sich Joop noch nach 80 Jahren mit blitzenden Augen über diese Ungerechtigkeit. Auch solche Erlebnisse hinterlassen Spuren in unserer Seele.

Manchmal, wenn der Vater genug Geld hat, kaufen die zwei auf dem Markt in Scheiben geschnittene Stücke Rinderherz. „Ein paar Stücke mit Salz und scharfem Senf direkt von einem Pappteller gegessen, treiben dir das Wasser in die Augen,“ erinnert sich Joop.

Joop wächst im Kreis seiner Verwandten auf. Die Tanten kümmern sich um ihn, denn seine Mutter ist das jüngste von neun Kindern der Familie, sein Vater das 7. von ebenfalls neun Kindern. Oma Krop wohnt auf der anderen Straßenseite. Opa Krop, nach dem Joop benannt ist, ist bereits verstorben, als Vater Rinus neun Jahre alt war.

Joop erinnert sich heute noch mit einem Gefühl der Dankbarkeit an seine Kindheit. Obwohl die Familie zeitweise von der „Fürsorge“ leben muss, empfindet Joop durch die Armut keine Belastung. „Nur einmal, als ich schwarze Strümpfe mit roten Zehen anziehen musste, die wir vom Sozialamt bekommen hatten, dachte ich, jeder müsste mir ansehen, dass sie vom Sozialamt wären. Die meisten meiner Erinnerungen sind von einem sicheren Gefühl geprägt, die Unterstützung der engeren und weiteren Familie war tragend für mich.“

„Zu Nikolaus“, erinnert sich Joop, „gab es einmal eine besondere „Überraschung“: „Ich bin zu Besuch bei Oma Krop, Tante Nel und Tante Riek. Mitten in der Feier plötzlich ein heftiges Klopfen an der Tür. Tante Nel öffnet und ruft in gespieltem Entsetzen: ,Oh, schau dir das an‘. Sie trägt eine lebensgroße Puppe herein. Einen Mann mit einer schrecklichen Maske. Ich bin total erschrocken und schreie mir die Seele aus dem Leib. Jetzt bin ich der Mittelpunkt: ,Gib ihm ein Glas Wasser. Bring das Ding in die Küche. Jopie, es ist doch nur eine Puppe. Nichts vor dem du Angst zu haben brauchst.‘ Alle haben ihre Ratschläge und Lösungen. Meine Mutter bringt mich ins Schlafzimmer. Als ich ruhiger geworden bin, kann ich zusehen, wie die Puppe auseinander genommen wird. Sie enthält Geschenkpakete. Jeder Empfänger muss das Gedicht vorlesen, das er mit seinem Päckchen bekommt. Das Gedicht beschreibt in humorvoller Form die Eigenarten des Beschenkten.“

Joop ist fünfeinhalb Jahre alt, als er für einige Tage zu Oma Krop gebracht wird. Auf dem Rückweg zu den Eltern erzählt ihm die Oma, dass er eine Schwester bekommen habe. Joops erste Frage ist: „Wo kommt die her?“ Jetzt muss seine Tante Riek helfen. Sie erzählt ihm die Geschichte vom Storch. „Aber warum muss meine Mutter dann im Bett bleiben?“ - „Der Storch hat sie gebissen, deshalb muss sie ein paar Tage im Bett bleiben.“ - „Wo hat er sie gebissen?“ - „Ins Bein.“ - „Darf ich das mal sehen?“ - „Nein, das ist nicht erlaubt.“ - „Wohin hat der Storch dich gebissen, Tante Riek?“ Sie hatte vor 14 Tagen seinen Cousin Guido zur Welt gebracht. Sofort beginnt Tante Riek zu hinken, um zu demonstrieren, dass der komische Vogel sie auch nicht verschont habe. „Erst wirft er ein Baby auf dich und anschließend beißt er dich.“

Joop braucht einige Zeit, um sich an die Schwester Willy zu gewöhnen. Den Rest seiner Jugend wird er dann ihr Beschützer. Mit ihr verbindet ihn bis heute ein herzliches Verhältnis. Sie lebt in Zaandam in den Niederlanden und hat ihn im Oktober 2010 in Los Gatos besucht.

Tante Riek liebt Geschichten, am liebsten sind ihr magische Bilder und Mythen. Von ihr lernt Joop: „Wenn du Salz verschüttest, musst du sofort eine Prise über die linke Schulter werfen, um das Unglück abzuhalten, das dich sonst unweigerlich befällt.“

Es gibt auch andere Gründe, das Unglück anzuziehen: einen Regenschirm in der Wohnung öffnen, unter einer Leiter durchgehen, an der Ecke des Tisches sitzen (du wirst 7 Jahre nicht heiraten), die Schuhe auf den Tisch legen (Armut). Wenn ein Spiegel zerbricht, bringt das den Tod in die Familie. („Erinnerst du dich, eine Woche bevor Opa Krop starb, fiel der große Spiegel mit dem goldenen Rahmen in unserem Wohnzimmer herunter. Ehrlich.“)

Das Waschen der Hände nach dem Toilettenbesuch lernt Joop mit dem Hinweis auf die Cholera, die ihn sonst qualvoll dahinrafft. Tante Riek weiß aber auch, was Glück bringt: verschütteter Zucker zum Beispiel oder wenn die Katze sich leckt, kommt Besuch. Wenn deine Ohren jucken, wird über dich gesprochen: linkes Ohr gut - rechtes Ohr schlecht. So wird Tante Riek zum beschützenden Engel seiner Kindheit.

Während seiner Grundschulzeit beginnt Joop mit seinem Freund Ton Oud durch Amsterdam zu stromern. Da gibt es für zwei kleine Jungen eine Menge zu entdecken. Sie besuchen die Märkte: Albert Cuyp, den Waterloo Plein und den jüdischen Markt. Am liebsten sehen sie den Markthändlern zu, die ihr Geschäft ankurbeln, indem sie eine große Szene mit dem Publikum spielen. Joop erzählt: „Einmal wurde ich der unfreiwillige Teil einer solchen Szene. Ein Käsehändler verteilte Probierstücke seines Käses. Ich fing eins auf, steckte es schnell in den Mund, um ein anderes zu ergattern. Er kam auf mich zu, gab mir ein drittes Stück und sagte ganz laut: Hier sehen wir einen kleinen Kapitalisten - er hat schon viel und will immer mehr. Mir war das sehr peinlich, und ich grinste verlegen.“

Manchmal setzen die beiden Jungen mit der Fähre über den Fluss Y und streifen durch die Werften. Auf dem Friedhof in Sloterdijk faszinieren sie besonders die Kindergräber. Es ist eine sorglose Zeit des Entdeckens und meistens völlig ungefährlich. „Nur einmal“, erinnert sich Joop, „da hätte es böse enden können. In Kanälen wurden oft Flöße von Holzstämmen aufbewahrt. Sie wurden so gewässert, um dann als Pfähle benutzt zu werden. Die meisten Häuser in Amsterdam stehen auf solchen Pfählen. Mein Freund Ton und ich - ich war vielleicht 7 Jahre alt - sprangen von der Kade auf ein solches Floß. Ich sah einen Stock im Wasser treiben, den ich unbedingt haben wollte. So rannte ich ans Ende des Floßes beugte mich über den Rand und … fiel ins Wasser. Das Holz der Stämme war glitschig, und ich rutschte ab. Ich hatte noch nicht Schwimmen gelernt. Ton rannte die Kade auf und ab und schrie sich die Lunge aus dem Leib. Schließlich erregte er die Aufmerksamkeit eines Mannes. Der nahm sich eine Holzstange, sprang auf das Floß und versuchte mir die Stange zu reichen. Zu kurz. Ich war schon zweimal untergegangen, und es gab die Mär: Wenn du dreimal untergehst, ertrinkst du. Wir glaubten das. Dann sah ich plötzlich die weiße Stange vor mir, griff zu und war gerettet. Der Mann war selbst in den Kanal gesprungen, um mich zu retten. Jetzt mussten wir nach Hause gehen. Mein Freund Ton, der Mann und ich - klatschnass. Das blieb natürlich nicht unbemerkt, und bald liefen mir die anderen Kinder mit Spottliedern hinterher. Glücklicherweise war meine Mutter zu Hause. Sie zog mir die nassen Kleider aus, trocknete mich ab, währenddessen verschwand der Mann. So konnte ich meinem Retter nicht einmal richtig danken. Ich bekam Salzwasser zu trinken, gegen die Keime des Kanalwassers. Tante Riek wusste sofort, dass ich andernfalls an der Ruhr sterben würde.“

Niederländer fahren gern Fahrrad. So lag die Frage nah: „Sag mal Joop, wann hast du eigentlich Fahrrad fahren gelernt?“ Joop erinnert sich ganz genau: „Ich war ungefähr 8 Jahre alt, als ich für ein paar Tage zu Besuch bei Tante Riek war. Einer der Nachbarjungen hatte einen richtigen Fußball, und wir spielten tagelang Fußball. Eines Tages sah ich meinen Vater auf seinem Fahrrad, wie er den Platz umkreiste. An der Hand führte er ein zweites Fahrrad mit sich. Ich lief zu ihm und fragte: ,Papa, wem gehört das Fahrrad?‘ Er: ,Ich halte das für einen Jungen fest, der hat mich darum gebeten‘. Ich wusste, dass er mich ein bisschen auf den Arm nehmen wollte. Schließlich sagte er: ‚Ja, es gehört dir‘. Ich stieg sofort auf und fiel prompt hin. Das Fahrrad war auf ‚Wachstum‘ gekauft worden. Meine Beine waren zu kurz und würden auch in nächster Zeit nicht lang genug sein, die Pedale zu erreichen. Mein Vater machte mir Holzklötze auf die Pedale, und ich konnte fahren. Allerdings waren die Kurven schwierig, dann musste ich die Füße still halten, damit die Holzklötze nicht über den Boden schrammten. Die Familie machte sonntags ausgedehnte Touren zu den zahlreichen Verwandten in der ganzen Umgebung: Hilversum, Zaandvort, Utrecht.“

Die Arbeitslosigkeit des Vaters belastet die Familie, aber es gelingt den Eltern, Joop diese Belastung nicht spüren zu lassen. An seinem Geburtstag darf er sich eins seiner beiden Lieblingsgerichte wünschen: Gulasch oder einen leckeren Eintopf mit Zwiebeln und Fleisch. Als die Telefonzentrale von Amsterdam niederbrennt und wieder aufgebaut werden muss, bekommt der Vater endlich Arbeit.

Joop ist zwölf Jahre alt, als die Familie in einen der neuen Wohnblocks zieht, die die sozialdemokratische Stadtverwaltung für die Arbeiter bauen ließ. Jetzt hat Familie Krop ein Badezimmer und - ganz erstaunlich - warmes Wasser! So viel, wie sie wollen. Ein wahrer Luxus, der Joop heute noch strahlen lässt. Nur die kleine Küche fand die Familie nicht so schön. Die Mutter fand es gemütlicher, hier zu essen. Aber es war die Absicht der sozialdemokratischen Erbauer der Wohnungen, die Arbeiterfamilien dazu zu erziehen, im Wohnzimmer zu essen. Den Preis bezahlte Familie Krop sehr gern.

Die Wohnbedingungen in Amsterdam waren zu der Zeit katastrophal: Keller-Appartements, Alkoven als Zimmer, keine Toilette mit fließendem Wasser, zwei Familien in einer Wohnung. Viele Krankheiten und eine hohe Kindersterblichkeit waren die Folge. Die Sozialdemokraten beendeten diese Zustände. Arbeiterfamilien konnten jetzt unter menschenwürdigen Bedingungen leben.


C C Quellen der Aktionstherapie IIDie Entstehung von Body Architecture:
1. Familientherapie - Virginia Satir

Virginia Satir, die Begründerin der Familientherapie, gab auf Einladung J. Krops in den 60er Jahren im Welfare Department (Sozialamt) des Santa Clara County ungefähr 20 Workshops in Familientherapie für Sozialarbeiter. Sie war zu dieser Zeit als Familientherapeutin einigermaßen bekannt und verdiente 100 Dollar pro Tag. Einmal, bei einer Weiterbildung in Familientherapie für Beamte des County, war auch der Abteilungsleiter anwesend. Dieser sagte am Ende des Tages zu Joop: „Warum geben wir der Frau 100 Dollar? Was sie macht, kann doch jeder.“ Als Joop ihr diese Geschichte später erzählt, lacht sie nur und sagt: „Ja, heute koste ich 1500 Dollar pro Tag.“ Da war sie schon berühmt. Joop nimmt an den Workshops teil und lernt auf diese Weise Familientherapie. Die Angestellten und Beamten bringen die problematischen Familien aus ihrer Arbeit ein, und Virginia Satir gibt erläuternde Kommentare und Hinweise für die Arbeit. Das ist wirkliches Training und endlich das, was Joop immer gesucht hatte.

Joop erinnert sich an seine Begegnungen mit Virginia Satir: „Ich bewunderte am meisten ihre entspannte Haltung. Sie war Virginia in ihren Workshops, bei ihren Demonstrationsarbeiten und auch privat. Virginia war sehr normal, sie hatte keine therapeutischen Attitüden. Sie war sehr natürlich, so dass ich ,ich selbst’ sein konnte.

Ich habe von ihr gelernt, nicht in das (Familien-) System hineinzugehen, und mich der Gefahr, parteiisch zu werden, auszusetzen, sondern es von außen anzuschauen und es zu deuten. Dann brauche ich auch nicht meine Meinung zurück zu halten, sondern kann sie mit empathischer Grundhaltung darlegen ohne sie aufzudrücken‘. Ich sage ,Ich habe ein Bild von der Familie. Wollt ihr es sehen? - Ich sehe den Vater hier, die Mutter hier, den Sohn hier‘. Virginia handelte so, dass jedes Familienmitglied sich gesehen und akzeptiert fühlte, besonders der Symptomträger (,identified patient‘), derjenige, der beschuldigt wird, für das Unglück des Systems verantwortlich zu sein: der Vater, der säuft, oder der Sohn, der rebelliert. Virginia war sehr gut darin, ihre Arbeit zu demonstrieren, aber sie war nicht so gut darin, andere selbst arbeiten zu lassen. Von Virginia lernte ich auch, destruktive Einstellungen und Ansichten zu ‚rephrasieren‘ (umzuformulieren), um eine konstruktivere zu finden. Wenn ein Mann seine Frau mit einer Axt bedrohte, konnte sie die Frau fragen: ,Kannst du sehen, dass er zu dir kommen wollte?’ Das ging mir zu weit. Ich habe dann eher den Satz angeboten: gute Absicht - Scheiß-Ergebnis („good intentions - shitty outcomes“).

Ich habe von Virginia auch gelernt, den Klienten zu doppeln. Das Doppeln ist eigentlich eine Technik aus dem Psychodrama, bei der der Therapeut die verborgenen emotionalen Anteile des Klienten ausspricht. Die Dopplung eines wütenden Klienten durch den Therapeuten könnte etwa so aussehen: ,Ich fühle mich so hilflos und verletzt, dass ich einfach auf ihn losgehen möchte‘. - Klient: ‚Ja, das ist es, total hilflos‘, Wenn ich bei meinem Doppeln nicht das getroffen habe, was der Vater, die Mutter oder Sohn ausdrücken wollten, sah ich das an deren Reaktion und sagte: ,O.k., mach es richtig. Was willst du eigentlich sagen‘. So, ich war nicht Gott.“

Virginia hat die Familie auch aufgestellt. Dabei hat sie Berichtigungen durch die Familie akzeptiert… Joop schildert, wie eine Familie zu ihm in die Beratung kommt. Der Mann trinkt, die Frau und die beiden Kinder kommen mit zu der Sitzung. Nach einer kurzen Einleitung stellt Joop die Familie auf. Der Mann sitzt mit geballten Fäusten auf dem Sofa, die Frau steht in einigem Abstand und zeigt auf ihn, hinter ihr steht ihre Tochter, etwas abseits der Sohn. Es ist wichtig, nicht die Zuschreibungen der Frau zu übernehmen, sondern z. B. dem Mann durch das Doppeln seine Stimme zu leihen: ,Ich bin sehr böse. Ich trinke, um diese Wut nicht mehr zu spüren. Meine Frau dominiert, ich habe nichts zu sagen.’ Dann fragt Joop den Mann: „Willst du etwas ausprobieren? Willst du aufstehen und zu deiner Frau sagen: ,Ich nehme das nicht an‘. Wie ist das, wenn du das sagst? Ist es gut, ist es schlecht?“

Der Mann: „Nein, es ist gefährlich.“

Joop: „Sag das zu deiner Frau: ,Es ist zu gefährlich aufzustehen und zu dir zu gehen‘.“

Danach zur Frau: „Was willst du nun sagen?“

So bricht Joop mit dieser Arbeit die Rollenzuschreibungen in der Familie auf, weitet den Blick für neue Sichtweisen. Er sagt: „Ich war sehr gut im Doppeln, dabei habe ich die Erfahrungen aus der Bioenergetik genutzt, um in den Gesichtern und Körpern zu lesen.“ Auch Kinder haben auf diese Arbeit positiv reagiert. Wenn Joop sie gedoppelt hat, hat er vielleicht gesagt: „Ich bin bange. Ich habe Angst um meine Familie.“ Dabei arbeitet er gerne mit unvollendeten Sätzen: „Ich bin böse, wegen…“, wenn nichts kommt, kann er etwas sagen. Das ist eine besondere Spezialität in der Arbeit von Joop. Durch die unvollendeten Sätze bietet er dem Klienten eine Gelegenheit, bisher nur vorbewusstes Wissen zu formulieren. Er erzählt: „Wenn ich etwas probiere, habe ich die Hand auf der Schulter des Klienten. Dann spüre ich, ob es klappt. Wenn es nicht klappt, sage ich: ,Kannst du es stimmig machen?‘ So wird deutlich, dass die Verantwortung für den Prozess beim Klienten bleibt.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, die einzelnen Familienmitglieder zu bitten, das System nacheinander aufzustellen, um so die unterschiedliche Wahrnehmung sichtbar zu machen.


2. Psychodrama - Jacob Moreno

Das Psychodrama (gr. Psyche = Seele, Drama = Handlung) ist vom österreichischen Arzt Jacob Moreno (1890 - 1974) als Gegenentwurf zur Psychoanalyse entwickelt worden. Zunächst in der Gruppentherapie benutzt, wird es inzwischen auch im Einzelsetting eingesetzt. Der Protagonist baut sein intrapsychisches Szenario auf einer Spielbühne im Gruppenraum auf. Die anderen Gruppenmitglieder verkörpern die für den Protagonisten relevanten Personen. Er gibt ihnen ihre Rolle vor, indem er hinter sie tritt und in der 1. Person Singular das sagt, was sie wissen müssen, um die Rolle auszufüllen. Am Ende der Session ist es wichtig, die Mitspieler ganz formal aus ihren Rollen zu entlassen. Eine wichtige Technik im Psychodrama ist das Doppeln (s.o.). Beim Doppeln steht der Therapeut hinter dem Klienten und spricht die von ihm vermuteten unausgesprochenen Gefühle und Gedanken des Klienten aus. Wichtig für den Erfolg einer Psychodrama-Arbeit ist die Fähigkeit aller Mitspielenden und vor allem des Therapeuten, ihre Wahrnehmung im Hier und Jetzt genau zu präzisieren, denn es geht darum, dem Protagonisten durch Einfühlungsvermögen zu neuen Erkenntnissen und Erfahrungen zu verhelfen und nicht „sein Ding zu machen.“ Häufig werden alte Konfliktszenarien aus Elternhaus und Schule, die in die Kinder- und Jugendzeit zurückreichen, bearbeitet, da sie mit ihren Prägungen die Möglichkeiten des Klienten in seinem jetzigen Leben beeinträchtigen. Durch das Feedback (Rückmeldung, wie der Protagonist erlebt wird) und das Sharing (Mitteilen der eigenen durch die Arbeit hervorgerufenen Gefühle und Gedanken) der Mitspieler und Teilnehmer bekommt der Protagonist die Möglichkeit, eine Szene zu entwickeln, die heilend für ihn wirkt und so Lösungen entstehen lässt.

Doch lassen wir Joop erzählen, wie er das Psychodrama kennengelernt hat:

„Es gab Workshops und auch eine Psychodramagruppe, die ich besucht habe. Moreno war in der Zeit leider schon ein bisschen dement. Er kam als der große Held und bekam Applaus. Dann setzte er sich hin und Zerka, seine Frau, machte die Arbeit. Sie war gut. Wenn einer sagte: ,Ich denke, dass ich noch ein unerledigtes Geschäft mit meinem Vater habe. Er hat mich damals geprügelt.’- ‚O.k. wo ist dein Vater (mit Blick in die Gruppe)? Wie war dein Zimmer früher? Wie hast du auf die Umgebung damals reagiert?‘ Die Mitglieder der Gruppe waren dann der Vater, die Mutter, die Brüder. Dann wurde die Aktion eingeleitet. Der Vater hat gesprochen, die Mutter hat gesprochen und der Protagonist hat auch gesprochen. Dann gab es eine Aktion, in der der Protagonist vielleicht dem Vater Vorwürfe macht, der Vater aber nicht ,zurück haut‘, sondern mehr neutral bleibt. Das war sehr imposant. Es gab eine Gruppe in Palo Alto, die auch Psychodrama anbot. Da gab es eine Gruppe von Assistenten, wir nannten sie Wolfsrudel (wolf pack), die sehr konfrontierend war. Sie parodierten die Teilnehmer, ahmten sie übertrieben nach, und die Leiter arbeiteten in dieser großen Gruppe, es waren ca. 50 Leute anwesend, mit den Teilnehmern. Manchmal hatten diese ein Anliegen formuliert und manchmal nicht, das war ihnen egal. Wenn ein Klient traurig wurde und weinte, dann haben sie eine Schallplatte aufgelegt, auf der ein Baby weinte. Das kam sarkastisch rüber. Wenn der Klient in der Lage war, zurück zu kämpfen, war es in Ordnung. Konnte er das aber nicht, dann gab es keine Hilfe, und ich habe erlebt, wie Menschen ganz erschüttert nach Hause gingen, weil sie sich nicht getraut hatten ,Stop‘ zu sagen und die Gruppe vorzeitig zu verlassen. Es wurde viel ausprobiert in den 70er Jahren und manches ging eben auch mal schief. Nichtsdestotrotz hat mir Psychodrama gut gefallen, und ich habe Elemente davon in meiner Therapie gern benutzt.“


3. Bioenergetik - Al Lowen, Stanley Keleman u.a.

Joop hat eine vierjährige bioenergetische Ausbildung gemacht. Dabei hat er verschiedene Trainer kennengelernt, u.a. Alexander Lowen und John Pierrakos, die beiden Gründer des International Institute for Bioenergetic Analysis. Seine erste Erfahrung beschreibt er so: „Am ersten Tag stand ich mit zwei Anderen in Badehose vor der Gruppe und wurde von Stanley Keleman analysiert: Typischer europäischer Bau, instinkthafte Unsicherheit, viel Energie im Besonderen im Oberkörper. Er zieht sich aus seinem Körper‘. Ich fühlte mich nackt. Die Gruppe wurde nun aufgefordert, in Prozenten festzustellen, wie viel schizoide, orale, masochistische und viel rigide Charaktereigenschaften sie in uns sahen. Das war scheußlich. Das empfand ich als 100% pathologisierend. Später konnte ich den Nutzen dieser Entwicklungsstufen mehr würdigen. Die pathologische Orientierung konnte ich nicht würdigen. Ich habe sie aber für mich neu interpretiert. Und zwar habe ich es als Nicht-Vollenden einer Wachstumsphase begriffen.“

Für vier Charaktertypen aus bioenergetischer Sicht, schizoid, oral, masochistisch und rigide, hat Joop vier Fragen formuliert. Wenn sie nicht ausreichend beantwortet werden können, deutet das auf eine tiefe innere Blockade hin. Der Mensch kreist dann auf unbewusster Ebene immer um diese Fragen.

Für den Schizoiden: Bin ich existenziell gegründet? Stehe ich zu mir?

Wenn man nicht zu sich stehen kann, kann man das im Leib sehen. Man kann sehen, dass jemand nicht gegründet ist. Diese Menschen müssen lernen, sich zu gründen. Es kann sein, dass durch das Gründen starke Gefühle im Klienten aufkommen, was zunächst bedrohlich für ihn ist. Er hat nicht gelernt, mit diesen Gefühlen umzugehen, deshalb vermeidet er sie. Weil er befürchtet, dass er mit ihnen in Berührung kommt, wenn er sich wirklich auf einen Kontakt zu einem anderen Menschen aber auch zu sich selbst einlässt, vermeidet er, zu sich zu stehen, wirklich anwesend zu sein, sich zu gründen. Bereits der Augenkontakt kann bedrohlich sein, weil er als „Eindringen“ in die eigene Welt erlebt wird.

„In einer Übung habe ich das oft so gemacht“, erzählt Joop. „Der Klient muss sich hinstellen und sagen: ,Ich bin hier’. Dann frage ich wiederholend: ‚Weißt du das sicher?’ Für ihn war ja das da Sein traumatisch in seinem früheren Erleben. Wenn er da war und vielleicht weinte, wurde er bestraft. So wurde er ängstlich. Das Trauma war so stark, dass er beschloss, nicht da zu sein. In der Übung konnte er den Schmerz noch einmal erleben. Er erlebt sich als verwundbar, aber er kann seine Reaktion verändern. Etwa: ,Ich bin da, was du sagst, ist mir gleichgültig.’ Er lernt, sich im Kontakt abzugrenzen. In einer anderen Übung stellt sich Joop vor den Klienten und sagt, dass er ihn anschauen soll. Dann sagt er, indem er ihn auch anschaut: ,Ich bin für dich da.‘ Im nächsten Augenblick geht er aus dem Augenkontakt und sagt: ,Ich bin nicht da.‘ Das wiederholt der Therapeut ein paar Mal. Dann werden die Rollen getauscht. Jetzt hat der Klient die Wahl zu sagen: ,Ich bin da, ich bin nicht da.‘ Joops Kommentar: „Ich habe in der Auswertung dieser Übung oft erlebt, dass die Klienten erzählt haben, wie sicher sie sich gefühlt haben, wenn sie ,nicht da waren.’“

Für den Oralen: Werden meine Bedürfnisse befriedigt?

Diese Menschen müssen lernen, zu bitten, damit ihre Bedürfnisse befriedigt werden können. Das heißt, sie übernehmen auch die Verantwortung für ein Bedürfnis, äußern es und erwarten nicht länger, dass die Umwelt ahnt, was sie brauchen.

Joop erinnert eine Übung für die „Oralen“. Der Klient legt sich mit dem Rücken auf die Matte und hebt die Arme. Dann wird gewartet was kommt. Wen will er etwas fragen, was will er fragen oder sagen. Der Therapeut geht zu ihm und sagt: ,Ich werde für dich da sein’. Dann geht er weg, kommt wieder und sagt: ,Ich werde nicht für dich da sein.’ „Das ist eine sehr tiefe emotionale Erfahrung“, sagt Joop, „die wir dann hinterher aufgearbeitet haben. Der Klient muss sagen, was er will. So lernten Menschen mit einer oralen Struktur, dass man ohne Versorgung als erwachsener Mensch dennoch bestehen kann. Ein Teil der Übung wird durch Fragen nicht beantwortet“, ergänzt Joop, „du bekommst nichts - und niemand stirbt.“

Für den Masochisten: Muss ich leisten, um geliebt zu werden?

„Meine Übung für den Masochisten: Er legte sich auf die Matratze und wurde von mir mit einer Hand gestreichelt (,bekommt Liebe’). Sagte: ,Ich liebe dich, ich bin da für dich.’ Mit der anderen Hand gab ich einen Druck auf seine Brust und verstärkte den Druck, während ich weiter mit der anderen Hand und verbal ,Liebe gab’.

Der Klient wurde verwirrt, wusste nicht, was er denken sollte. Er hatte nicht den Mut, die Hand mit dem Druck wegzustoßen. Denn er fürchtete, die Hand mit der Liebe zu verlieren. Die hätte ich dann auch zurückgezogen. Die Person wurde verzweifelt, aber auf diese Weise erlebte sie den zentralen inneren Konflikt ihres Lebens. Diese Klienten mussten lernen zu sagen: ,Ich will deine Liebe mit beiden Händen, also ganz.‘ Oder sie mussten lernen, die Beziehung aufzugeben, wenn sie nur unter diesen schmerzlichen Bedingungen gestaltet wurde. Die Lösung kreierten wir dann, indem der Klient sagte: ,Dies ist nicht die Beziehung, die ich will. Mach es anders.‘ Dann konnte ich fragen: Wie? Dann fanden wir gemeinsam eine gute Lösung.“

Für den Rigiden: Kann ich mich verletzlich zeigen?

Hier bietet sich besonders die Arbeit mit Geleiteten Phantasien oder mit Objekten an, erklärt uns Joop. Eine spezielle Übung habe er für diesen Typus nicht entwickelt.

„So habe ich die bioenergetische Methode für mich umgesetzt und die Klienten gefragt, ob sie damit weiter arbeiten wollen. Ich habe aber die feste Zuschreibung (Etikettierung) herausgenommen.

Ich habe viele Trainer gesehen, die bioenergetische Analyse gemacht haben, aber ich selber fühlte mich nicht in der Lage dazu. Wenn ich z. B. Klienten gebeten hätte, sich für eine bioenergetische Sitzung zu kleiden, dann hätte ich auch nur bioenergetisch arbeiten können. Ich hätte dann keine Geleitete Phantasie machen können.

So bin ich nie ein Gestalttherapeut, Bioenergetiker, Transaktionsanalytiker oder Therapeut einer Richtung geworden. Ich habe dankbar ihre Methoden gelernt und in meine Arbeitsweise integriert. Sturer Holländer.

Von der Bioenergetik habe ich die genaue Beobachtung des Körpers, vor allem der nonverbalen Signale, gelernt. Das hat mir beim Poker und Bridge spielen oft geholfen. Wenn ich am Körper eines Klienten etwas wahrgenommen habe, wie z. B. ein chronisches Halten in der Brust, habe ich ihm das gesagt und ihn gefragt, ob er das weiter erforschen will.“

Der eigentliche Begründer der Bioenergetik, Al Lowen, hat Joop nicht so sehr beeindruckt. Er hat im Rahmen seiner Ausbildung vier Workshops bei ihm gemacht. „Wir mochten ihn, aber er war nicht der beste Trainer“, erinnert sich Joop. „Er imponierte uns sehr, wenn er Leute analysierte. Ich war beeindruckt, aber ich war nicht in der Lage, es selbst zu tun. Ich konnte nicht so viel sehen wie Al Lowen oder Keleman. Ich habe, wie gesagt, Elemente aus der Bioenergetik benutzt. Ich hatte z. B. eine Matratze und bat die Menschen, sich darauf zu legen. Dann drückte ich auf die Brust und wartete, was passierte. Die Gefühle kamen zum Ausdruck, und ähnlich arbeitete ich auch mit dem Würfel, auf den die Klienten schlugen, um ihren Ärger auszudrücken. Aber nach einiger Zeit habe ich diese Methoden nicht mehr so oft gebraucht, weil ich bemerkte, dass der Ausdruck allein, z. B. von Ärger, nicht wirklich verändernd in den Menschen wirkt.“ Und er ergänzt: „Es ist bedauerlich, dass Al Lowen die Begrifflichkeit der Psychoanalyse zur Beschreibung seiner Charakterstrukturen benutzt hat. Eric Berne hat gesagt: ,Die Psychoanalyse und ich sind als Freunde auseinander gegangen.’ Al Lowen hätte das Gleiche sagen können. Ich wünschte, er hätte es getan.“

Die Arbeit von Stanley Keleman war anders. Er forciert nicht so sehr den ,großen Ausbruch’, sondern fragt z. B. bei einem aggressiven Impuls zum Schlagen: ,Mach es mal ganz langsam. Spürst du, wo dieser Impuls entsteht?’

„Keleman wirkte sehr gegründet“, erzählt Joop, „er machte keine Show wie Perls oder Simkin. Perls schickte die Klienten ja zurück auf den Platz, wenn sie keine ,richtige Show gegeben hatten’. Er hatte immer ein Auge auf das Publikum. Keleman war anders. Ich vertraute ihm.“

Bioenergetik

Die Bioenergetische Analyse, kurz Bioenergetik genannt, ist ein psychotherapeutisches Konzept, das von dem amerikanischen Arzt Alexander Lowen seit 1947 entwickelt wurde. Als Patient und Schüler von Wilhelm Reich übernahm er dessen Charakteranalyse, die auf der Körperanalyse basierte. Reich wiederum war in seinem Denken der Psychoanalyse Freuds verhaftet und ‚verkörperte’ dessen intrapsychische Analyse. Der Ausspruch: „Verdrängung ist durch Muskelkraft geleistete Arbeit“, wird Wilhelm Reich zugeschrieben. Allerdings meint sein Energie-Begriff die funktionelle Einheit von Körper-Seele und Kosmos. In den Charakterstrukturen verkörpern sich Gefühle (vgl. Stanley Keleman „Verkörperte Gefühle“). Die Charakterpanzerung entsteht nach Reich durch die Verdrängung von Gefühlen, Begierden, Trieben und den Schutz vor Reizen der Umwelt. „Wir formen uns hin zu dem Zweck, dem wir dienen wollen“, sagt Stanley Keleman. Lowen übernahm die psychoanalytische Diagnostik und ergänzte sie um am Körper beobachtbare Phänomene. Ein psychisches Trauma führt zu einer körperlichen Veränderung - Panzerung. So entstand das Body Reading. Der Therapeut ,liest’ am Körper des Klienten die psychischen Traumata und verdrängten Gefühle. Lowen übernimmt in seiner Einteilung der Charakterstrukturen die Theorien von Freud und Reich und ergänzt sie durch eigene Beobachtungen:

Schizoid

Der schizoide Mensch ist, wie der Name nahelegt, gespalten in seinem Denken und Fühlen. Er zieht sich eher nach innen zurück, wenn ihm der Kontakt zu bedrohlich wird. Bedrohlich wird es immer dann, wenn tiefe Gefühle geweckt werden. Ebenfalls abgespalten ist beim schizoiden Typ der Kontakt zum Körper und seinen Gefühlen. Er hat einfach ein schwaches Selbst-Gefühl und kann sich schwer abgrenzen, deshalb meidet er Beziehungen, in denen tiefe Gefühle entstehen. Ähnlichkeiten zum schizoiden Typ nach Riemann („Grundformen der Angst“) sind evident.

Oral

Die orale Charakterstruktur ist eine lebenslange Fortsetzung der oralen Lebensphase im Babyalter. Der Mensch will versorgt werden, ohne Verantwortung zu übernehmen. Aggressionen sind ihm fremd. Er will gehalten, versorgt und behütet werden und klammert sich gern an den Partner. Innerlich haben oral fixierte Menschen das Gefühl einer großen Leere, intensive Sehnsuchtsgefühle und große Wünsche an ,die Welt’. Manchmal kompensieren Menschen mit oraler Charakterstruktur ihre innere Not durch eine übertriebene Abgrenzung. Stimmungsschwankungen zwischen Depression und Hochgefühl erinnern an bipolare Störungen. Ähnlichkeiten mit der gestalttherapeutischen Kontaktstörung der Konfluenz sind sehr deutlich.

Psychopathisch

Der Mensch mit einer psychopathischen Charakterstruktur leugnet Gefühle. Dabei sind es besonders sexuelle Gefühle, die negiert werden. Stattdessen geht es dem Psychopathen nach der bioenergetischen Analytik um Macht und damit den Wunsch, andere Menschen zu beherrschen. Seine Mittel der Wahl sind die Tyrannei oder die Verführung. Er will sein Umfeld im Griff behalten, fühlt sich für alles verantwortlich und traut anderen wenig zu. Angst hat er vor Erlebnissen des Kontrollverlustes und der Hilflosigkeit. Eigentlich verleugnet er seine tiefen Bedürfnisse, versorgt zu werden oder anders gesagt seine starken oralen Bedürfnisse.

Masochistisch

Das Verhalten des masochistischen Menschen ist sehr different von seiner inneren Gestimmtheit. Äußerlich gibt er sich sehr angepasst, fast unterwürfig. Dabei hat er innerlich eine beharrliche Abwehr und einen fast trotzigen Widerstand, den er unter äußerem Druck offenbaren muss. Der masochistische Charakter hat in sich starke Hassgefühle, er fühlt sich auch ,eigentlich’ oft überlegen. Wenn ein emotionaler Ausbruch droht, wird er durch eine starke Struktur der Muskulatur verhindert. Durchsetzen kann sich dieser Typ nicht.

Aggressiv ist er gar nicht. Er neigt zum Klagen und Jammern. Die Opferrolle nimmt er gern ein. Lowen beobachtet noch, dass das Essen und auch die Defäkation eine besondere Rolle spielen. Es fällt die Nähe zur Retroflektion der gestalttherapeutischen Neurosenlehre auf.

Rigide

Den rigiden Charakter kennzeichnet eine stolze Haltung. Er will eine gewisse Unnahbarkeit signalisieren. Dabei ist er sehr auf der Hut, dass er nicht ausgenutzt oder manipuliert wird. Er will sich um jeden Preis durchsetzen und tritt deshalb oft aggressiv, manchmal auch verletzend auf. Er ist egozentrisch, liebt es sich mit anderen zu messen.

Lowen unterteilt den rigiden Charakter in zwei weitere Kategorien:

phallisch
Bei diesem Typ dreht sich viel um die sexuelle Potenz. Er ist aggressivverletzend und oft auch ungeduldig. hysterisch

Der hysterische Typ nach Lowen neigt zu einem übertriebenen Verhalten. Er will Aufmerksamkeit um jeden Preis. Seine übersteigerten gefühlsmäßigen Reaktionen spiegeln sich im vegetativen körperlichen Bereich. Dabei wird die Sexualität eher als eine Abwehr benutzt, um sich gegen ein tiefes Einlassen zu schützen.


4. Psychomotorische Therapie - Al Pesso

„Pesso hat mich sehr beeindruckt“, sagt Joop und schildert uns eine Arbeit, die er mit Pesso in den siebziger Jahren gemacht hat. Albert Pesso war ursprünglich ein Tänzer. Wenn er als Trainer in seinen Workshops arbeitete, forderte er die Teilnehmer auf, eine Struktur entstehen zu lassen.

„Als Ausbilder war er nicht so gut“, meint Joop, „er konnte es nicht ertragen, seine Studenten Fehler machen zu lassen. Er übernahm es immer selbst. Er selbst war überragend in der Arbeit mit einer ‚Struktur‘ “.

Struktur meint die Einzelarbeit in der Gruppe. Eine Struktur dauert ungefähr 50 Minuten. Zunächst schildert der Klient sein Anliegen, und der Therapeut führt ihn durch gezielte Fragen zu alten Gefühlen und Reaktionsmustern (old map), die in Beziehung zum aktuellen Anliegen stehen.

Wenn wir sehr in unseren alten Prägungen und Bildern von Beziehungen verhaftet sind, übertragen wir sie in der Regel auf unsere aktuellen Beziehungen. Freud nannte dieses Phänomen „Übertragung“. Pesso nennt diese alten Prägungen und damit verbundenen Gefühle „wahre Szene“. Sein Ziel ist es, den Klienten diese „wahre Szene“ in ihrer Gefühlsqualität empfinden zu lassen. Dann tauchen automatisch Assoziationen und Erinnerungen an Szenen in unserer Lebensgeschichte auf, die mit der „wahren Szene“ in Verbindung stehen. So gelangt Pesso nach der erzählenden Ebene einen Schritt weiter in eine therapeutische Tiefung und exploriert mit dem Klienten die „historische Szene“. Diese historische Szene wird dann mit Rollenspielern genau so auf die Bühne der Struktur gebracht, wie der Klient sie damals erlebt hat. Das erinnert uns an die Arbeit des Psychodramas nach Moreno. Im Durchleben der „historischen Szene“ tauchen natürlich starke Gefühle im Klienten auf. Gefühle, die er damals nicht ausdrücken konnte. Durch die Erfahrung von Schutz und Gehaltensein kann er so in Kontakt mit seinen wirklichen Bedürfnissen kommen und sie ausdrücken. Jetzt geht es um die Reaktion der Umwelt. Zum einen der Umwelt von damals, in der Regel die Eltern, und dann um ein „ReProgramming“ der alten Erfahrung durch „ideale Eltern“. Diese Rolle nimmt der Therapeut mit Unterstützung der Gruppenteilnehmer ein. So entsteht eine heilende Gegenszene (Antidot). Durch das tiefe Erleben dieses Geschehens auf Gefühls- und Körperebene kann eine neue mentale Programmierung geschehen. Wir finden hier den gleichen erlebniszentrierten Ansatz wie in der Gestalttherapie wieder, die sagt: „In jedem wirklichen zweiten Erleben geschieht Heilung.“ Pesso war der Respekt vor der Freiheit und damit auch der Autonomie des Klienten ein großes Anliegen, darin stimmt er mit Joop Krop ganz überein. Der Klient bestimmt, ebenso wie jeder Rollenspieler ganz allein, wie weit er in seinem Prozess geht.

Doch hören wir jetzt Joop weiter zu:

„Ich hatte noch persönlich eine Erfahrung mit Pesso. Die Leute konnten mich nicht als negativen Vater wählen, weil ich zu stark war. Pesso dachte, dass ich dem nicht zustimmen würde. Aber das war nicht das Problem.

Ich war damals schon Leiter des Centers und besuchte mehrere Workshops von Pesso in Amsterdam und dann auch in Monterey. Pesso war eigentlich in den USA, aber er ging auch nach Holland, um dort Workshops zu geben. Man kann nicht sagen, dass die Psychomotorische Therapie auf eine andere Therapie aufgebaut ist. Er ist damit auf den Markt gekommen, und hat es ganz genial verbreitet.“

Frage: „Sag mal Joop, was würde passieren, wenn ich mit einem Anliegen in einer Gruppe von Pesso wäre?“

Joop: „Er würde die Teile deines Anliegens benennen lassen. Wenn es ein Problem mit dem Vater wäre, würde er jemanden aus der Gruppe bitten, der Vater zu sein. Aber er würde einen negativen und einen positiven Vater wählen. Dann würde eine Interaktion passieren. Natürlich funktioniert das Ganze auch mit der Mutter. Wenn es eine Mutter geben würde, würde er fragen, welche speziellen Sätze sie gesagt hat. Die werden der Vertreterin dann eingegeben.

Bleiben wir beim Vater. Zuerst wird mit dem negativen Vater abgerechnet. Man geht in ein Gefecht mit ihm. Aber der Rollenspieler des negativen Vaters wird nicht zum Schauspieler. Er bekommt die Sätze, die er sagen soll, vom Klienten. Der Therapeut fragt: ,Was würde er nun sagen?’ Am Ende dieser Sequenz wird der negative Vater aus dem Raum geschickt. Er bleibt draußen, bis die Struktur abgeschlossen ist. Der Klient sagt dann: ,Ich hab dich nicht mehr nötig, lass mich in Ruh.’ Der Vater kann aber auch noch Widerstand leisten: ,Du hast mich nötig.’ Wenn er weg ist, ist da eine Erleichterung aber auch ein Bedauern. Der Vater fehlt. Man gibt dann Zeit, um zu bedauern, dass man keinen Vater mehr hat. Ich muss es in meiner Seele mitkommen, ich muss spüren, wie es ist, ohne Vater zu sein. Man kann dann eine Weile dasitzen und dann fragen: ,Ist es nun Zeit für den positiven Vater? Bist du nun bereit dafür? Wo soll er sitzen, wo willst du sitzen?’ Das ist eine ganz emotionale Situation. Der positive Vater spricht auch nicht selbst. Er bekommt seine Sätze von dem Klienten. Der Therapeut fragt: ,Was wird er nun sagen?’. ,Was willst du nun hören?’ Wenn der positive Vater das sagt, wird Zeit gegeben: ,Kannst du das hören?’ ‚Nein.’ ‚Willst du das noch mal hören?’ ‚Ja.’ ‚Ich liebe dich wirklich.’ ‚Wirklich?’ ‚Ja, ich liebe dich wirklich.’ Das geht so lange, bis der Klient es akzeptiert und genug gehört hat. ‚Willst du noch mehr hören? Bist du fertig. Danke deinem positiven Vater. Kann der nun aus der Rolle gehen?’ ,Ok, ich bin nicht länger dein positiver Vater. Ich bin wieder Joop, dein Therapeut.’

Wenn die Struktur beendet ist, kommt auch der negative Vater wieder herein. Aber es kann schon ein bisschen schwierig sein, wenn der negative Vater wieder herein kommt. Er muss dann ebenfalls aus der Rolle entlassen werden.

Die meisten Strukturen wurden mit den Eltern ausgearbeitet.

In der Gestalt hat man bei Perls nur den Vater hinausgeschickt, aber dann hat man keinen mehr.“

Jetzt kehrt Joop wieder zu seiner Arbeit mit Pesso zurück. „Ich hatte mich in Truus in Holland verliebt. (s. u.) Sie war in einer meiner Supervisionsgruppen, die ich 1974 in Holland gab. Sieben Gruppen mit sieben Leuten. Ich lud Truus in die USA ein. Sie wollte eigentlich nur sehen, wie ich lebte. Aber ich machte ein sehr ambitioniertes Programm mit ihr. Mexiko, Monterey und so. Ich wollte ihr zeigen, wie schön es hier ist. Aber sie entschied sich hierher zu kommen, weil meine Kinder hier waren.

Mir hat Pesso in der Situation geholfen. Ich war in einem Workshop mit ihm, und es war meine Zeit, um zu arbeiten, eine Struktur zu machen. Ich erzählte, womit ich beschäftigt war und er gab der Gruppe den Auftrag: Ihr seid Truus, ihr seid die Kinder, ihr seid die Berge und Täler Kaliforniens, ihr seid Holland. Ich stellte sie auf, und ich sagte ihnen, was sie zu sagen hatten. Die Berge und Täler von Kalifornien sagten: ,Wir sind hier für dich. Komm’

Von Holland die sagten: ,Du bist hier aufgewachsen. Komm.’“

Jetzt ist Joop ganz eingetaucht in die Erinnerung. Tränen stehen in seinen Augen und mit belegter Stimme spricht er weiter.

„Und Truus sagte: ,Ich liebe dich. Ich will tun, was du willst.’“

Joop kommen Tränen und erzählt weiter: „Ich war sehr aufgeregt. Mir half das, zu verstehen, was ich nun wirklich wollte. Ich endete in Kalifornien mit Truus. Das war mein Wunsch.“

Frage: „Wie hast du das gespürt, Joop? Wie hast du das Feeling dafür bekommen?“

Joop: „Ich bin auch auf die verschiedenen Plätze gegangen und habe gespürt, wie es sich anfühlt. Ich habe dann auch zu den verschiedenen Vertretern etwas gesagt. Und die Kinder haben zum Beispiel gesagt: ,Wir wollen dich hier.’ Ich habe vorher mit einem Gestalttherapeuten gearbeitet. Der hat gesagt: ,Setz Holland auf diesen Stuhl und Kalifornien auf diesen Stuhl. Und mach einen Dialog. Das wirkte auch. Irgendwie. Aber Pesso war total beeindruckend für mich. Mir war dann klar, was ich wollte. Aber dennoch war es entscheidend, was Truus wollte. Eine gute Freundin von Truus war auch in dem Workshop. Und ich bat sie, Truus zu sein. Sie hat Truus erzählt, was in der Struktur geschehen ist.

Von Pesso habe ich gelernt, wie gearbeitet wird, wenn es ,schlechte Eltern‘ bei einem Klienten gab. Es wurde erst die Arbeit mit den ,schlechten Eltern‘ gemacht. Dann kamen die guten Eltern herein. Und er fragte, was willst du von den guten Eltern hören? Und sie sagten es. So wie ich es euch erzählt habe. (s.o.)

In meiner Therapie habe ich den Rat von Pesso befolgt: ,Sei als Therapeut nie das schlechte Elternteil. Du kannst das gute Elternteil sein, nicht das negative. Für den negativen Teil, nimm jemanden aus der Gruppe.‘ Wenn ich allein arbeitete, habe ich den negativen Vater auf den Stuhl gesetzt (wie in der Gestalttherapie). Und dann die Frage: ,Wo willst du deinen negativen Vater haben?’ Und dann konnte ich den Stuhl nehmen und ihn hinaustragen. ,Was willst du nun hören, das wichtig für dich ist? Ich will nun dein idealer Vater sein. Ich bin dein idealer Vater. Was willst du hören?’ Meistens wollten die Klienten dann auf dem Boden sitzen. Und dann sagte ich es: ,Ich liebe dich. Unbedingt. Du brauchst nicht immer gut zu sein.’ Alle Dinge, die sie hören wollten. Dann am Ende: ,Hast du genug gehört?’ Dann gehe ich wieder aus der Rolle. ,Ich bin nicht mehr dein idealer Vater, ich bin Joop, dein Therapeut.’ Das war wichtig. Also die negativen Eltern in den Stuhl und die positiven Eltern in den Vollzug der Therapie. Ich habe die Methode von Pesso ein wenig verändert. Ich habe immer alles genommen, und habe es genommen, wie ich es brauchte. I did it my way. Ich war Eklektiker.“


A A Die Aktionstherapie IIIBody Architecture in der Einzeltherapie/Einzelsupervision
1. Die Rolle des Therapeuten - ein Beispiel aus der Einzelsupervision

Bei der Arbeit mit Body Architecture in der Einzeltherapie und Einzelsupervision muss der Therapeut oft eine Doppelrolle einnehmen. Mal ist er Antagonist (Gegenspieler), mal ist er Therapeut.

Hier ein Beispiel aus der Einzelsupervision:

Dora beklagt sich, dass immer wieder Kollegen in ihren Arbeitsbereich kommen, um mit ihr zu plaudern. Das ist in Ordnung, aber manchmal wird es ihr zu viel, speziell, wenn sie viel zu tun hat.

Th.: „Sie kommen in deinen Bereich, und das ist manchmal o.k. und manchmal nicht. Und dann ist es für dich schwierig, ,nein‘ zu sagen?“

Dora: „Ja“

Th.: „Dann schlage ich dir vor, damit ein Experiment zu machen, einverstanden?“

Dora: „Wie?“

Th.: „Diese Hälfte des Raums ist dein Bereich, wo dein Schreibtisch steht. Und ich bin dein Kollege oder deine Kollegin, der/die plaudern will. … Ich komme jetzt“.

Der Therapeut betritt ihr Gebiet (in der Rolle des Kollegen), und sie setzt dem keinen Widerstand entgegen. Das besprechen nun beide (der Therapeut in seiner originären Rolle), und anschließend wird das Experiment so lange wiederholt, bis sie mit ihrer Reaktion zufrieden ist.

Beispiele aus der Einzeltherapie: „Ich fühle mich so deprimiert, so niedergedrückt.“

Der Therapeut bittet den Klienten irgendwo im Raum eine Haltung einzunehmen, die sein ,Deprimiertsein‘ symbolisiert. Er setzt sich mit gebeugtem Kopf in eine Ecke mit dem Gesicht zur Wand.

Th.: „Ich bin jetzt der Teil von dir, der dich niederdrückt.“

Er drückt den Klienten noch weiter nach unten und sagt Sätze, die er vorher von ihm gehört hat: „Du bist unwürdig, du kannst nichts, bist unfähig.“ Und er nimmt wahr, wie der Klient reagiert. Wird er ärgerlich oder beklagt er sich, nimmt es aber hin; reagiert er böse und richtet sich auf. Nach der Auswertung kann der Therapeut anbieten, selbst die Haltung des Klienten anzunehmen und dieser wird zum Unterdrücker.

Beim Zuhören kann im Therapeuten oft ein Bild auftauchen. Hört er vom Klienten: „Ich bin überlastet!“, kann er auf die Idee kommen, diesem in die nach vorne ausgestreckten Arme einen Stuhl zu hängen und zu warten, wie er mit der Zeit reagiert. Kommt irgendwann „Jetzt reicht es aber! Jetzt habe ich die Nase voll!“, dann kann er den Klienten bitten, diesen Satz zu verstärken, ihn lauter und mit mehr Nachdruck auszusprechen. Kommt lange keine Reaktion, obwohl dem Klienten anzusehen ist, dass er am Rande der Erschöpfung steht, kann er ihn bitten, zu sagen: „Bevor ich aufgebe werde ich lieber…“, oder noch stärker „Lieber breche ich zusammen, als dass ich …“.

Klienten können vergessen, was in einer Sitzung besprochen wurde, nie aber eine solche Skulptur mit ihren Folgen.


2. Die vier Phasen der Sitzung

Der Verlauf einer solchen therapeutischen Sitzung kann in vier Phasen unterteilt werden. Hier ein Beispiel:

Deskriptive Phase

Der Therapeut bittet den Klienten, in wenigen Worten sein Problem zu beschreiben.

Ein Beispiel:

Klient: „Am Arbeitsplatz habe ich Schwierigkeiten, mit anderen in Kontakt zu kommen. Sie sagen, dass ich alles in mich hineinfresse.“ Zusammengefasst heißt das: Ich bin anderen Menschen gegenüber verschlossen und daraus entstehen Konflikte.

Darstellungsphase

Der Therapeut kann jetzt den Klienten fragen, ob er aus ihm (dem Therapeuten) eine Statue machen will, die ,Verschlossen-Sein‘ ausdrückt. Gelingt diese Darstellung, bittet der Therapeut den Klienten, seinen Platz einzunehmen.

Ziel ist es, dass der Klient sich so gut wie möglich mit dem Bild der Verschlossenheit identifiziert. Die Darstellung ist ‚fertig‘, wenn der Klient meint, dass er seinem Ausdruck von Verschlossenheit nichts mehr hinzufügen kann.

Vertiefung

Klient und Therapeut versuchen nun im Gespräch gemeinsam eine Bilanz zu ziehen aus dem, was sie erfahren haben. Z.B.:

Kl.: „Anfangs versuchte ich, eine Statue zu machen, bei der die Hände vor den Augen sind. Aber das ist es nicht, was in der Realität passiert. Wenn ich verschlossen bin, fühle ich vor allem Spannung in mir. Deshalb versuchte ich, das Gespannt-Sein zu betonen und machte ein straffes Bild. Anfangs fand ich das schwierig. Ich fand es auch sonderbar, dass ich dich (den Therapeuten) modellieren musste. Aber als ich erst einmal damit zugange war, bekam ich Freude daran. Es war dann einfach, als Statue der Verschlossenheit deinen Platz einzunehmen.“

Th.: „Was hast du körperlich gespürt, als du die Statue warst?“

Kl.: „Die Verschlossenheit war besonders in meinem Gesicht und in meinen Augen.“

Th.: „Was passiert, wenn du dich im Alltag verschlossen fühlst?“

Kl.: „Ich habe den Eindruck, dass ich dann auf einen Punkt starre, und dass auch meine Gedanken sich fixieren.“

Th.: „Achte mal auf deine Schultern und auf deinen Atem. Versuche noch mal, in die verschlossene Haltung zurückzukehren.“

Kl.: „Meine Schultern gehen nach vorn, und mein Atem wird flacher.“

Th.: „Lass das geschehen. Wenn du da etwas länger drin bleibst, was kommt dann in dir hoch?“

Kl.: „Das fühlt sich nicht angenehm an; ich fühle mich ängstlich und verlegen.“

Th.: „Wenn ich dich noch mal bitten würde, eine Statue zu machen, was würdest du dann aussuchen, das Bild der Angst oder das Bild der Verlegenheit?“

Kl.: „Das der Verlegenheit.“

Th.: „Dann tu es mal.“

Der Klient setzt zuerst den Therapeuten und dann sich selbst auf die Kante eines Stuhls und wendet dann sein Gesicht zur Seite.

Th.: „Was geht in dir vor?“

Kl.: „Dieses Bild kenne ich sehr gut von mir aus der Zeit, als ich noch ein Kind war, aber auch als Erwachsener bei Gelegenheiten, wenn viele Menschen zusammen sind. Bei Feiern fühle ich mich nie wohl.“

Th.: „Hast du etwas an dir, was du selbst nicht angenehm findest?“

Kl.: „Früher hatte ich eine Hasenscharte. Daran bin ich mit Erfolg operiert worden; man sieht fast nichts mehr davon. Dennoch quälte man mich in der Schule; man nannte mich ‚Kaninchen‘ und ich blieb am liebsten im Hintergrund.“

Th.: „Was würdest du jetzt ändern wollen?“

Kl.: „Ich würde gerne etwas lockerer auf Menschen zugehen.“

Th.: „Stell dich mal gegen die Wand. Nimm die verschlossene Haltung an. Mach dich ganz langsam los und versuche, das Gegenteil von Verschlossenheit auszudrücken. Dann kommst du langsam zu mir. Übertreibe ruhig deine Haltung.“

Der Klient tut das und kommt mit ausgestreckten Armen auf den Therapeuten zu. Sein Gesicht bleibt dabei starr.

Th.: „Bist du jetzt zufrieden? Wie fühlt sich dein Gesicht an?“

KL.: „Mein Gesicht ist immer noch straff. Ich werde mal versuchen, zu lächeln. Ja, das fühlt sich viel besser an, aber ich finde es doch noch sehr gemacht und unecht.“

Th.: „Versuche es noch mal, aber bewege dich jetzt so, wie du dich am wohlsten fühlst.“

Der Klient kommt mit ruhigen Schritten auf den Therapeuten zu; seine Arme sind locker, und er sieht frei im Zimmer umher.

Th.: „Ich habe das Gefühl, dass du dich so o.k. fühlst. Stimmt das? … Geh dem mal nach, was sich alles bei dir geändert hat.“

Kl.: „Ich fühle mich weniger straff, weniger gespannt. Ich fühle mich locker, und das finde ich angenehm. Ich spüre mich jetzt mehr. Ich konnte mich frei im Zimmer umsehen. Das bin ich nicht gewohnt; meistens schaue ich auf einen Punkt und sehe dann eigentlich nichts.“

Th.: „Vielleicht kannst du das für dich selbst etwas mehr üben.“

Kl.: „Das möchte ich jetzt schon.“

Er geht durch den Raum und schaut sich um.

Kl.: „Merkwürdig, ich sehe jetzt schon viel mehr Sachen im Raum, die ich zuerst nicht gesehen habe. Das will ich gerne üben.“

Th.: „Ich kann mir ein solches Gefühl sehr gut vorstellen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich auch zu wenig wahrnehme. Ich habe den Eindruck, dass wir gemeinsam etwas erlebt haben.“

Kl.: „Das finde ich auch.“

Бесплатный фрагмент закончился.

1 803,96 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
334 стр. 8 иллюстраций
ISBN:
9783897975682
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги