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Arno Alexander

Der gestohlene Mord

Kriminalroman

Saga

Der gestohlene Mord

© 1957 Arno Alexander

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711626078

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1. Kapitel

Der Parkplatzwächter rechts neben der Madeleine sah auf seine Uhr und wußte, daß er in genau fünf Minuten seine erste Morgenzigarette rauchen würde. Er spähte den Boulevard des Capucines hinunter, über die vielfarbigen Dächer der Wagen hinweg, die in ununterbrochener Schlange auf ihn zu und an ihm vorbeiglitten.

Er sah seine Morgenzigarette schon vom weitem — in Gestalt eines hellblauen Wagens mit geöffnetem Sonnendach. Der Wagen kurvte leise aus der Schlange in die Einfahrt des Parkplatzes. Der Wächter winkte aufgeregt auf den Platz, den er freigehalten hatte.

Schon die Pünktlichkeit dieser Frau war erstaunlich. Sieben Minuten vor neun, an jedem Wochentag, schloß sie das Schiebedach ihres Wagens, stieg aus, nickte dem Wächter wortlos und ohne Lächeln zu, gab ihm fünfzig Francs und ging um die Madeleine herum und in den Boulevard Malesherbes davon.

Sie trug ein Jackenkleid aus Rohseide. Es saß, als habe ihr Schneider es ihr in liebevollster Arbeit auf die bloße Haut genäht. Sie hatte ganz helles braunes Haar, aber fast schwarze Augenbrauen, gestreckte flache Bogen, die strichfein auf die Schläfen zuliefen.

Ihre merkwürdigen hellen, ockerfarbenen Augen hielten jeden auf Distanz. Der lange Hals ließ ihre Kopfhaltung fast hochmütig erscheinen.

Sie nickte wie immer. Der Wächter verbeugte sich zweimal, aber sie schien das nicht zu bemerken. Er sah ihr bewundernd nach.

Sie mochte sehr reich sein. Vielleicht die Frau eines großen Geschäftsmannes. So etwas wie eine Fürstin ...

Den Fünfzigfrancschein steckte der Wächter nicht erst in die Tasche. Er lief ein paar Schritte in die Rue Tronchet, um sich wie jeden Tag im Tabac-Bureau seine schwarzen Gauloises dafür abzuholen.

*

Sie war nicht reich und erst recht keine Fürstin. Sie war Sekretärin.

Es amüsierte sie, ihren Wagen hier stehen zu lassen, um dann mit einem Umweg in die Rue de Rome zu Fuß zu gehen. Ihr Chef brauchte nicht zu wissen, daß sie einen eigenen Wagen fuhr.

An der Ecke zur Rue de Madrid drückte sie die Tür eines jener großbürgerlichen Pariser Häuser auf, in deren breiten Treppenhäusern es auch im Sommer kalt und auch in den Geschäftsstunden still bleibt.

Bless Dorlon verschmähte es, den Fahrstuhl erst herunterzurufen. Sie suchte den Schlüssel aus ihrer Handtasche, während sie in den ersten Stock hinauflief.

„Maitre Sourette“, mehr stand nicht auf dem großen Messingschild des Büros.

Wer Sourette besuchte, der wußte auch, wer er war.

Das erste, worauf ihr Blick fiel, als sie die Tür öffnete, war ein Mantel in der Garderobe. Sourettes grauer Gabardine-Mantel, darüber sein breitkrempiger schwarzer Hut.

Das war fatal. Bless hatte nicht damit rechnen können, daß Sourette heute schon zurückkam. Sie verhielt eine Sekunde, dann glitt sie ganz in das Entrée und schloß die Tür leise hinter sich.

Der geizige Sourette hatte die Lampe in der Garderobe wieder gelöscht, aber ein Lichtstreif, der sich kegelförmig verbreiterte, fiel auf dem braunen Teppich in den Raum. Er kam aus dem Vorzimmer, dessen Tür halb offen stand. Bless konnte auf ihren Arbeitstisch sehen. An diesem Tisch stand Sourette. Er zeigte ihr den Rücken, gekrümmt, er sah aus wie verwachsen. Der gedrungene Mann stützte sich mit geballten Fäusten auf die Tischplatte. Vor ihm lagen Papiere, auf die er herunterstarrte.

Bless schob sich etwas zur Seite. Zwischen dem Körper und dem leicht gewinkelten Arm Sourettes hindurch konnte sie auf das Blatt sehen. Kein Zweifel, er hatte ihre Notizen gefunden. Sie erkannte deutlich am rechten Rand des Blattes die roten Ziffern.

Bless Dorlon hatte mit peinlicher Genauigkeit Buch geführt über die Summen, die sie seit zwei Jahren aus Sourettes verschiedenen Geschäftskonten hatte verschwinden lassen. Sie brauchte diese Buchführung, um ihr scharf kalkuliertes Spiel weiterspielen zu können.

Maitre Sourette war der Jurist verschiedener Verbände und Organisationen. Er verwaltete auch Gelder für sie, die sie aufgespeichert hatten, wie eine Armee Granaten für den Kriegsfall aufspeichert. Es war für Bless nicht schwer gewesen, mit Intelligenz und Wachsamkeit das Geld immer dort angehäuft zur Verfügung zu halten, wo es demnächst gebraucht wurde. Sie erhielt alle Informationen dazu und beherrschte das geschäftspolitische Spiel der Verbände wie ein Jongleur seine fliegenden Untertassen. Es mußte schon so etwas wie ein Generalstreik passieren, um die von Maitre Sourette betreuten Verbände alle gleichzeitig nach ihren Kampfreserven greifen zu lassen — und das Spiel der Sekretärin zu zerstören.

Oder — Maitre Sourette mußte eines Montags überraschend in sein Büro kommen und die Notizen seiner Sekretärin finden. Er brauchte die roten Summen nicht einmal zusammenzuzählen. Sie hatte am Sonnabend gewissenhaft Bilanz gemacht. Es waren etwas über zehn Millionen Francs.

Sie hörte, wie der Mann schnaufte. Sein Atem ging schnell. Lautlos trat sie zurück und sah um sich. Auf einem brusthohen schwarzen Fuß, der aussah wie eine eingeschrumpfte Säule aus Griechenland, stand eine kleine Sandsteintänzerin. Der Staub, der jeden Abend von den Schultern des Steinmädchens gewischt wurde, hatte im Laufe der Jahre einen grauen Schleier über ihre verspielten Glieder gelegt, als ob eine so unverhüllte Lebensfreude hier nicht herpaßte.

Bless Dorlon sank in die Hocke und legte ihre Handtasche auf den Teppich. Die dünnen Handschuhe behielt sie an den Händen. Dann hob sie die Tänzerin von ihrem Sockel, drehte sie herum und faßte sie mit beiden Händen um Hals und Brust.

Maitre Sourette bewegte sich. Er raschelte mit den Blättern und murmelte vor sich hin.

Bless trat rasch in die Tür hinter seinen Rücken. Sie hob die kleine Tänzerin hoch in die Luft.

Sie hielt den Atem an und schlug mit aller Kraft zu.

*

Es war nicht leicht, das Schlüsselbund aus der Tasche des Toten zu ziehen, denn er lag auf der rechten Seite. Das glatte Gesicht der Sekretärin zeigte keine Veränderung, es war jetzt auch wie aus poliertem Sandstein. Sie mußte achtgeben, daß sie sich nicht beschmutzte.

Ruhig, aber rasch ging sie in Sourettes Arbeitsraum hinüber. Das Schlüsselwort seines altmodischen Geldschranks kannte sie, und auch die Summe, die sich darin befand. Sie schob die drei Geldnotenpäckchen in einen steifen gelben Umschlag und schrieb ihre eigene Adresse darauf. Dann faltete sie die Blätter mit den roten Ziffern, deren Auffindung Sourette das Leben gekostet hatte, schob sie ebenfalls in den Umschlag und klebte ihn zu. Über den toten Mann am Boden hinweg nahm sie aus einem Kästchen auf ihrem Schreibtisch Briefmarken. Sie bewegte sich so sicher, als habe sie eine ganz alltägliche Geschäftspost fertigzumachen.

Und sie wußte, daß man eine Arbeit am schnellsten zu Ende bringt, wenn man sie ganz gelassen erledigt.

Ohne noch einen Blick auf den toten Mann mit dem zerschmetterten Kopf zu werfen, ergriff sie eine Schere und schnitt die Zuleitung des Telefons ab. Den Safe ließ sie offen stehen, mit eingestecktem Schlüssel.

Dann verließ sie die Wohnung, warf die Tür hinter sich zu und lief schnell die Treppe hinunter.

Schon drei Schritte vor der Haustür sah sie einen kleinen Straßenjungen, wie sie ihn suchte. Sie winkte ihn heran.

„Lauf zur Post und wirf diesen Brief ein. Willst du?“ Sie legte einen Hundertfrancschein auf den Umschlag. „Wird erledigt, Madame!“

Sie lächelte darüber, daß er sie „Madame“ nannte. Er lief davon.

Auch Bless lief jetzt, so schnell es in dem engen Rock ging. Sie lief um die Ecke in die Rue de Madrid und in ein kleines Café gegenüber dem Konservatorium. Auch jetzt am Morgen saßen schon Studenten hier und sahen ihr nach, wie sie, fast stolpernd, an den Schanktisch lief und sich eine Telefonmarke geben ließ. Sie eilte in die Telefonzelle in der Ecke des Caféraumes und ließ sich die Kriminalpolizei geben.

„Kommen Sie sofort! Monsieur le Maitre Sourette ist tot!“

„Ich bin seine Sekretärin. Ich fand ihn um neun Uhr bei Dienstbeginn in seinem Büro.“

„Er muß erschlagen worden sein. Ich spreche aus einem Café. Die Telefonschnur im Büro ist durchschnitten.“

„Ich warte auf Sie.“

Sie verließ eilig das Café, aber doch auf ihre Erscheinung bedacht, etwa so wie eine Dame, die zu einer Verabredung ohnehin schon eine Viertelstunde zu spät kommt. Sie ging in Sourettes Büro zurück, um die Polizei zu erwarten. Sie überlegte: Wenn die erste Vernehmung vorüber war, würde sie Eric anrufen.

*

Eric Lavigne legte den Telefonhörer langsam, geistesabwesend auf die Gabel zurück. Er starrte auf den Rücken seiner Sekretärin, als wolle er die roten Punkte ihrer Everglace-Bluse zählen. Er glaubte, die dunkle Stimme von Bless Dorlon noch zu hören, die eben gesagt hatte: „Ich muß dich sprechen, sofort!“ Aber sie hatte nicht verraten, was denn geschehen war. Er gab sich einen Ruck, fuhr sich durch das stark gewellte schwarze Haar und griff an den grellbunten Schlips.

„Sollte jemand nach mir fragen —“

Die Sekretärin drehte sich um und musterte den Junior der Firma drohend.

„Sagen Sie das lieber Ihrem Vater.“

„Was zahlt er Ihnen im Monat dafür, daß Sie für ein Schaf wie mich den Schäferhund spielen?“

„Monsieur Eric, ich meine es doch nur gut.“

„Jedenfalls hat mein Vater einen neuen Plan. Früher hatte ich hübsche Sekretärinnen!“ Mit einem verbitterten Gesicht marschierte Eric hinaus auf den Korridor.

Übrigens vermutete er richtig. Sein Vater hatte erkannt, daß sich hübsche Sekretärinnen im Zimmer des Juniors zu schnell in Freundinnen verwandelten.

Eric öffnete die Tür zum Zimmer seines Vaters, ohne anzuklopfen, und steckte seinen schmalen, gelblich-bleichen Kopf hinein.

„Ein Anruf, Pa, ich muß rasch einmal —“

Philippe Lavigne saß in Hemdsärmeln am Schreibtisch.

„Ich weiß nicht, was du dir eigentlich denkst. Ich habe dir hundertmal gesagt, du sollst in der Geschäftszeit deine heillosen Geschichten lassen.“

„Es handelt sich nicht um Geschichten, sondern um einen Kunden, und —“

„Kunden?“ Wie heißt dieser Kunde?“

„Darüber nachher, Pa. Ich kann ihn nicht warten lassen!“

Eric schloß schnell die Tür und schüttelte sich. Er verstand auch durch die geschlossene Tür, was ihm nachgerufen wurde:

„Untersteh dich nicht, einen Wagen zu nehmen!“

Nein, Eric unterstand sich nicht. Er hätte sich kaum ein Taxi leisten können — jedenfalls nicht mit dem Taschengeld, daß Monsieur Philippe seinem 22jährigen Sohn bewilligte. Eric hatte Lust, die Fäuste zu ballen. Aber er war soweit eingeschüchtert, daß er dazu erst einmal die Hände in die Taschen schob.

Auch das Mädchen in der Empfangsloge dieser Firmen-Etage blickte ihn streng an. Vielleicht hatte auch sie eine Anweisung von Vater Philippe — Eric verspürte ein brennendes Verlangen, ihr die Zunge herauszustrecken. Aber er unterließ es.

So war es immer. Hundertmal am Tag packte ihn die Lust zur Auflehnung, zur Revolution, zum Sturm gegen die Tyrannei. Aber es kam höchstens einmal im Monat dazu, daß er zu sagen wagte: „Pa, da bin ich anderer Meinung.“ Und Vater Philippe pflegte die Revolution durch einen Satz zu beenden wie: „Dop hatte auch immer eine Meinung.“

Dop nämlich war der Foxterrier, der vor ein paar Jahren gestorben war.

Eric stürzte auf die Straße. Er hatte nur ein paar Schritte zu laufen, aus der Rue Drouot auf die Oper zu. Von weitem sah er an einem der Tischchen vor dem Café Opéra Bless Dorlon sitzen — in ihrem hautengen rohseidenen Kleid, steif wie die Königin von Saba, hinter einem Apéritif, den sie nicht anrührte. Etwas atemlos kam er an.

„Danke, Bless. Für den Anruf. Höchste Zeit, daß du für Nachschub sorgst. Meine Munition ist wieder einmal restlos verschossen, und der Alte ...“

Mitten im Reden gab er ihr die Hand und ließ sich auf einen Rohrstuhl neben ihr fallen.

„... und der Alte verlangt einen schriftlichen Antrag in drei Ausfertigungen, wenn ich zwanzig Francs für den Bus brauche.“

Eric lachte. Bless hob ruhig das schöne, aber unbewegliche Gesicht und sah ihn an. Er hatte rehbraune Augen. Aber er konnte sie nicht länger als zwei Sekunden auf den gleichen Punkt gerichtet halten. Er hatte Lippen wie eine Frau und zerbrechliche Hände.

„Mit dem Nachschub ist es aus, Eric“, sagte sie ruhig. „Sourette ist tot.“

„Tot? — Was? — Was ist Sourette?“

Sie sah auf diese langen, dünnen Hände, die er jetzt auf die Tischkante legte, als wolle er sich daran festhalten. Die Haut dieser Hände hatte den gleichen gelblich-bleichen Farbton wie sein langes Gesicht.

Sie nickte. „Tot. Totgeschlagen.“

*

Wer einen reichen Mann beneidet, täuscht sich mitunter. Philippe Lavigne war reich. Ihm allein gehörte die Chemie-Exportfirma, die es sich leisten konnte, im brandteuren Zentrum von Paris eine Büro-Etage zu haben. Und Philippes Macht strahlte von dieser Etage weithin aus. Seit vier Jahren behauptete er den heiß umkämpften Präsidentensessel der Chemie-Union, einem konzernartigen Zusammenschluß etlicher großer Werke und Handelsfirmen der chemischen Industrie.

Sein Wort konnte binnen Minuten Existenzen in Ecuador oder Kapstadt vernichten. Aber er selbst lebte wie der Lastesel eines armen Müllers.

Es kennzeichnete ihn, daß er mit hochgekrempelten Ärmeln am Schreibtisch zu sitzen pflegte. Er verrichtete seine Papierarbeit so, wie ein anderer Bäume fällen würde. Er schnaufte, schuftete und strengte sich entsetzlich an. Seine vierschrötige, muskulöse Gestalt wirkte wie eine Dampfturbine bei der höchsten Drehzahl. Wie eine Maschine funktionierte er nach seinem Terminkalender, und jede Minute, die ihm von seiner Planung verloren ging, brachte ihn an den Rand der Raserei.

Kurz vor elf Uhr an diesem Morgen sprang er auf und drückte dreimal kurz auf einen roten Knopf an seinem Diktiergerät. Das dreifache Klingelzeichen war in seinem Vorzimmer zu hören.

Das Zeichen wirkte wie der Alarmpfiff bei der Feuerwehr. Die erste Sekretärin warf Listen und Stifte von sich, schrie in ein Mikrophon, der Wagen des Chefs habe vorzufahren. Dann riß sie Lavignes Mantel aus dem Schrank und stürzte auf den Korridor, wo Lavigne im nächsten Augenblick bereits in voller Fahrt vorbeisauste.

Die zweite Sekretärin rannte hinterdrein mit einer Mappe, in der sich die zur jeweiligen Sitzung nötigen Papiere befanden.

Wenn es ihnen nicht gelang, Philippe Lavigne bis zum Fahrstuhl mit Mantel, Hut und Tasche zu versehen, dann mußten sie eben mit nach unten fahren. Zum Stehenbleiben hatte er keine Zeit.

„Was ist das für eine Schweinerei!“

Lavigne lief rot an und fluchte, während er nach dem linken Ärmel suchte, weil er diesmal doch stehenbleiben mußte. Jemand anders wagte es, ausgerechnet jetzt den Fahrstuhl zu benutzen. Als dann der erleuchtete Korb endlich eintraf und die Glastür sich öffnete, stellte sich heraus, daß Eric dieser Unglücksrabe war.

„Ah! Der Herr Sohn geruht zu kommen! Hätte ich mir denken können.“

Eric wirkte aufgeregt. Er hielt seinen Vater am Mantel fest.

„Pa — Maitre Sourette ist tot.“

„Warum nicht? Deshalb hältst du mich auf?“

„Sourette ist ermordet worden.“

Jetzt zögerte Philippe doch. Seine dunkelgrauen Augen erstarrten und ruhten für einige Sekunden auf dem unruhigen Gesicht des Sohnes.

„Komm mit!“ entschied Lavigne und zog seinen Sohn in den Fahrstuhl zurück. Die Kabine setzte sich summend in Bewegung.

„Woher hast du das?“

Eric zog es vor, die Antwort zu umgehen.

„Sourette ist vor etwa zwei Stunden in seinem Büro erschlagen worden.“

„Erschlagen? Was du sagst. Wer vergreift sich an diesem Fuchs.“

„Simpler Raubmord, anscheinend. Sein Geldschrank stand offen.“

„Sein Geldschrank stand offen“, sagte Lavigne nachdenklich.

Sie verließen den Fahrstuhl und eilten auf die Straße. Der Fahrer hielt die Wagentür auf. Lavigne fuhr einen alten, englischen Wagen. Fahrerraum und Fond waren wie in einem französischen Taxi durch eine verschiebbare Glasscheibe getrennt. Der Fahrer schloß sie ohne besondere Aufforderung, sobald er seine Adresse hatte.

Lavigne starrte konzentriert vor sich hin. „Der Geldschrank stand offen“, wiederholte er. „Erst vor zwei Stunden —“ Er stieß schnell hervor, ohne seinen Sohn anzusehen: „War noch etwas drin in dem Geldschrank?“

„Ich habe keine Ahnung. Was soll es gewesen sein?“

„Ein Schriftstück? Ein Protokoll?“

„War es eine Herstellungsformel? Ich könnte mir nicht denken, was dich sonst so interessiert.“

„Nein. Es ist das Gründungsprotokoll eines Vereins zur Beseitigung deines Vaters.“

„Pa!“ Eric starrte seinen Vater verblüfft an. „Jetzt erzählst du Räuberpistolen!“

Philippe Lavigne lachte bitter. Seine sonore Stimme klang etwas heiser. Eric fiel es plötzlich auf, daß sein Vater in den letzten Monaten alt geworden war. Die energischen Falten zu beiden Seiten seines Mundes sahen auf einmal melancholisch aus. Die Haut war schlaffer geworden, daran lag es.

„Dir wird bekannt sein, daß gewisse Herren sich emsig bemühen, mich als Vorsitzenden des Verbandes abzuschießen.“

„Ja, aber —“

„Ja? Tu doch nicht so, als ob du es wüßtest. Bei deinem Interesse für das Geschäft weißt du doch nicht einmal, womit wir überhaupt handeln. Aber es hilft nichts, du mußt es wissen. Es ist da eine Gruppe von Chemikern. Sie behaupten, der Verband dürfe nicht von den alten Kaufleuten, er müsse vielmehr von den Chemikern geführt werden. Natürlich ein kompletter Blödsinn.“

„Natürlich“, sagte Eric ohne eine Spur von Überzeugung.

„Es geht diesem Monsieur Ponti ganz einfach darum, sich an meine Stelle zu setzen. Verstehst du, was das bedeuten würde?“

„Wer ist Ponti?“ fragte Eric harmlos.

Philippe Lavigne stöhnte und sank ein wenig zusammen. Hatte es irgendeinen Sinn, diesem Sohn die Dinge auseinanderzusetzen? Für Philippe waren das Schicksalsfragen — und vielleicht waren sie es wirklich. Macht- und Einflußströme aus den großen Industriestaaten der Welt gipfelten in Ponti und Lavigne, die hier aufeinandertrafen. Von diesem Entweder-Oder hing etwas ab für die Wirtschaft des Landes. Vielleicht sah Lavigne die Dinge unter dem Vergrößerungsglas seiner leidenschaftlichen Anteilnahme — ihm kam es beinahe vor, als würden in diesem stillen Machtkampf die Geschicke einer Welt entschieden.

Und sein Sohn betrachtete die gleiche Sache ungefähr so, als würden ihm zum Nachtisch zwei Äpfel zur Auswahl vorgelegt.

Lavignes Gesicht wurde grämlich. „Doktor Ponti ist Chefchemiker bei Broussard“, sagte er müde, „und sitzt im Vorstand des Verbandes. Er hat wankelmütige Vorstandsmitglieder gewonnen, bei nächster Gelegenheit gegen mich zu stimmen. Um sie bei der Stange zu halten, hat er sie darüber ein gemeinsames Protokoll unterschreiben lassen.“

„Aha!“ machte Eric mit gespieltem Interesse. Philippe durchschaute die Heuchelei genau. Er spürte eine Aufwallung in sich. Instinktiv legte er die Hand auf das Herz. Er war über sechzig, und sein Arzt schlug die Hände über dem Kopf zusammen, so oft er ihn sah. Lavigne konnte sich kaum beherrschen, seinem Sohn nicht ins Gesicht zu schlagen.

„Das Protokoll lag im Geldschrank bei Sourette“, sagte er.

„Ach!“ Jetzt wurde Eric wirklich munter und richtete sich verwundert auf. „Woher weißt du das eigentlich alles?“

„Das geht dich nichts an. Wenn der Raubmörder dieses Protokoll mitgenommen hat, das für ihn ganz wertlos ist — ich wäre bereit, dafür eine gute Summe auszugeben, und ...“

Philippe Lavigne schloß die Augen. In dem Schweigen fiel Eric jetzt das Surren des Motors auf die Nerven. Er schob sich vor und starrte seinem Vater ins Gesicht, in dieses schwere, faltige Gesicht mit den Lidern über den großen Augäpfeln. Schließlich konnte er seine Ungeduld nicht halten. „Und?“ fragte er.

„... und fünfzigtausend Francs für dich, wenn du es vermitteln kannst.“

Eric lächelte spöttisch. Der Alte tat so, als seien fünfzigtausend Francs ein Kapital. Und man mußte auch noch so tun, als sei man ebenfalls dieser Meinung. Aber immerhin —

„Selbstverständlich“, sagte der Alte, „werde ich dabei das Geheimnis des Täters wahren. Mich interessiert nicht einmal, zu erfahren, wer es ist. Kannst du das machen?“

Der Druck der Bremsen hob sie ganz sanft in den Polstern an. Der Wagen hielt.

„Sind fünfzigtausend nicht etwas zu wenig bei diesem Auftrag?“ fragte Eric unverschämt. Wieder diese Aufwallung, der Griff zum Herzen.

„Also das Doppelte“, sagte Philippe wie unter Schmerzen.

„Und ich ...“

„Genug! Sag nichts mehr. Sag um Gottes willen kein Wort mehr!“

Philippe nahm seine Tasche und kletterte ins Freie, ohne seinen Sohn noch einmal anzusehen.

„Fahren Sie ihn zurück“, sagte er zum Fahrer. „Holen Sie mich in zwei Stunden.“

2. Kapitel

21 Uhr. Eric nahm aus der Tasche ein kleines Lederetui. Neun vielstrahlige winzige Goldsterne waren mit heißem Eisen dem grünen Saffian aufgepreßt. Es enthielt einen kleinen Schlüssel. Eric öffnete die Tür zur Wohnung von Bless Dorlon.

Sie liebte solche kultivierten Spielereien. Es lebte noch etwas vom Geschmack eleganter Damen aus Königszeiten in dieser Art, dem Liebhaber den Schlüssel zur eigenen Wohnung in einem solchen kunstvollen Futteral zur Verfügung zu stellen. Bless war nur ein paar hundert Jahre zu spät geboren. Sie wäre die Frau gewesen, mit Intelligenz, Gift und Liebe einen Thron ins Wanken zu bringen.

Sie begrüßte ihn nur mit einem flüchtigen Lächeln, beugte sich über eine kleine Bar und mischte vorsichtig einen eisgekühlten süßen Mokka mit reinem Weingeist zu einem Likör, den sie liebte, weil er ermunternd und betäubend zugleich wirkte.

Bless trug einen langen Rock aus weinrotem Samt, eine durchscheinende Bluse mit Pluderärmeln und viel Stickerei. In dieser Wohnung hätte man glauben können, die letzten zwei Jahrhunderte hätten nicht stattgefunden. Geschwungene zierliche Möbel mit blankem Lack und funkelnden Messingbeschlägen, das Kuriosum eines achteckigen Kristallspiegels, der ihr Bild verdoppelte. Fürstliche Embleme auf dem alten Teppich, der die Schritte verschluckte — wer weiß, welcher Marquis ihn in Lyon hatte weben lassen —, und aus dem Fenster der Blick über die alten Platanen des Jardin du Luxembourg auf die strenge Architektur des Palais’ gleichen Namens. Und dazu diese Frau mit dem roten Samtrock und dem Profil, das sie einer hellenischen Skulptur gestohlen hatte.

Sie legte ohne Kommentar einen Umschlag vor Eric auf den Tisch und ging zu ihrer Bar zurück.

„Ein Liebesbrief?“

„Sourettes letzte Grüße.“

„Fabelhaft!“ Er blätterte in dem Inhalt des Umschlags. Er enthielt nach oberflächlicher Schätzung eine halbe Million Francs. „Sourettes Nachlaß ist eine Wohltat.“

„Er wird sich schnell in einen Alptraum verwandeln. Die Sûreté weiß bereits, daß auf seinen Konten zwölf Millionen fehlen.“

„Formidable! So schnell arbeiten Polizisten?“

„Nein. Ich habe es ihnen gesagt.“

„Warum? War das nötig?“

„Ja.“

Sie brachte zwei Gläser mit reichem, feinem Schliff. Auch diese Gläser gehörten, wie alles hier, nicht Bless, sondern dem Inhaber der Wohnung. Diese Wohnung war mit all ihren geschmackvollen Kostbarkeiten nichts anderes als ein vermietbares Appartement in einer „Maison meublée“. Das war Paris. Paris war bereit, jedermann den kompletten Luxus der Pompadour, Voltaires oder Chateaubriands zur Verfügung zu stellen, stilrein bis zum Eierbecher — wenn dieser Jedermann nur bereit war, zu bezahlen. Bless bezahlte für diese drei Zimmer am Jardin du Luxembourg etwas mehr, als ihr Gehalt bei Sourette ausmachte.

„Ja, es war nötig. Als wissende Sekretärin hatte ich bei dem Kriminalkommissar sofort einen Stein im Brett. Ein reizender Mann übrigens. Breitschultrig, wortarm, raucht Pfeife.“

Eric war weder breitschultrig noch wortarm, und er verabscheute Pfeifenrauch. Bless hatte eine scheußliche Art, jemand zu verletzen; man wußte nie, ob sie es tückisch oder vielleicht nur ganz harmlos meinte.

„Ich habe ihm gesagt: wenn Sourette nicht ausgerechnet einen eingeschlagenen Hinterkopf hätte, würde ich an einen Selbstmord glauben. Wegen der zwölf Millionen nämlich, die sich in seinen Fingern in Rauch aufgelöst hatten.“

Sie goß das schwarzbraune, dickflüssige Getränk in die Gläser.

Eric kicherte.

„Wohl mehr in deinen und meinen Fingern, scheint mir.“ Sie überging das, wie man ein Wort eines ungezogenen Kindes überhört.

„Ich mußte dem Kommissar überhaupt eine Lektion über Verbandswirtschaft erteilen. Er fragte, wie es denn komme, daß Sourette die Gelder seiner Klienten verwaltete und sogar das Zeichnungsrecht hatte.“

„Offen gestanden, ich weiß es auch nicht.“

„Was weißt du denn schon überhaupt, mon Petit?“

„Ich weiß, daß du sehr feurig werden kannst, wenn erst einmal das Licht aus ist.“

„Die Wirtschaftsverbände pflegen sich für Kampfzeiten eine stille Reserve zu schaffen, von denen ihre eigenen Aufsichtsräte nichts wissen. Dieses Geld legt man dem Syndikus auf ein verschwiegenes Konto —“

„Wahnsinnig interessant“, sagte er und tat, als ob er gähnen müsse.

„Trink, Kleiner! Vielleicht regt das deinen Verstand an. Du wirst ihn brauchen.“

„Ich brauche ihn schon, um herauszubekommen, wo an deiner raffinierten Bluse die Knöpfe versteckt sind.“

„Versteckspielen nützt nichts, Eric. Die guten Zeiten sind vorbei.“

„Ja, ja, vorbei!“ Er trank und nickte trübselig. Maitre Sourette war tot. Sie hatten auf seine Kosten in der letzten Zeit nicht schlecht gelebt. Eric ging dieser Tatbestand bis jetzt nicht sehr nahe. Bless war eine ungemein kluge Frau. Er zweifelte nicht, daß sie einen neuen Weg finden würde, um zu Geld zu kommen. Darin hatte er recht. Er sah nur noch nicht, worin dieser Weg bestand, sonst hätte er die Sache etwas anders betrachtet.

„Bitte unterschreib die Quittung“, sagte sie sachlich.

„Du mit deinen komischen Quittungen!“ Er zog eine Grimasse, suchte in seiner Jacke einen Kugelschreiber und in dem Umschlag mit dem Geld eine Quittung, die er dann unterschrieb, mit Vor- und Nachnamen. Er hatte in den letzten Monaten eine beträchtliche Menge Geld von Bless bekommen; er hatte es nicht zusammengezählt und gab sich über die Summe keine Rechenschaft. Aber sie hatte ihn jedesmal eine Quittung unterschreiben lassen. Jedesmal maulte er von neuem, wenn er diese Quittung sah. Aber Bless war in diesem Punkt wie ein Stück Granit. Ohne Quittung kein Geld. Und er brauchte das Geld. Er hielt es für eine Marotte, daß sie sich Quittungen geben ließ. Er hatte nie darüber nachgedacht, was sie damit wollte.

Sie nahm das unterschriebene Papier und betrachtete es nachdenklich.

„Sechs Millionen, Eric.“

„Was? Sechs — wunderschön! Wo sind sie?“

„In deiner Brieftasche sind sie im Laufe der Zeit verschwunden. Meine Sammlung deiner Quittungen geht jetzt über sechs Millionen. Die Hälfte von den zwölf, die Monsieur Sourette abhanden gekommen sind. Brüderlich geteilt.“

„Wozu von Verflossenem reden?“ sagte er unbehaglich.

„Für dich verflossen — für mich die Zukunft. Denn siehe da, Maitre Sourette wurde durch einen plötzlichen Todesfall dahingerafft —“

„Hä hä hä —“

„Ja — und jetzt werde ich Geld brauchen.“

Sie hatte sich ihm gegenüber auf ein altertümliches Taburett gesetzt und neigte sich plötzlich auf ihn zu. Er sah einen Augenblick in ihre ockerfarbenen Augen, die streng auf ihn gerichtet waren, dann irrte sein unsteter Blick ab und klammerte sich an der Wand fest.

„Es wird die höchste Zeit, daß du reich wirst, Eric!“ Er dachte an seinen Vater, und im gleichen Augenblick fiel ihm die Urkunde ein, nach der Philippe gefragt hatte. Sein eben noch bekümmertes Gesicht wurde hübsch durch ein kleines, triumphierendes Lächeln. Er war beinahe zehn Jahre jünger als sie, in diesem Augenblick sah man es deutlich.

„Wie ich höre, brauchst du Geld“, sagte er. „Warum nicht? Hast du vielleicht im Geldschrank von Maitre Sourette ein gewisses Papier gefunden?“

„Was für ein Papier?“

„Ein Protokoll, oder was weiß ich — unterschrieben unter anderem von einem Monsieur Ponti —“

„Doktor Ponti.“

„Ah — du kennst ihn?“

„Selbstverständlich. Und was ist mit dem Papier?“

„Mein Vater möchte es kaufen.“

Sie stand auf und ging in ruhigen Schritten zur Musiktruhe hinüber. Ein Tango in seinem Rhythmus beherrschter Leidenschaft klang auf. Eric bewunderte ihren bewußten, bis in jede Faser kontrollierten Gang. Aber es ärgerte ihn, daß sie keine Spur von Überraschung zeigte.

Sie kreuzte die Arme auf der Brust und blieb am Musikschrank stehen, sie wippte auf den Zehen kaum merkbar im Takt des Tanzes.

„Fünfhunderttausend kostet es.“

„Mon Dieu! Aber laß den Alten doch zahlen, zwanzig Prozent für mich?“

„Kannst du eigentlich noch tanzen?“

Er wurde rot und federte hoch, auf sie zu.

„Pfui! Du weißt doch, daß ich im vorigen Jahr im Turnier ...“

„Aber dir bekommt das Geld nicht. Seither bist du faul geworden.“

„Ja, du hast mich verwöhnt.“

„Ja, ich habe dich verwöhnt.“

Sie tanzten, aneinandergepreßt wie zusammengeschmolzen. Sie hatte ihn auf einem Tanzturnier kennengelernt. Er dachte, daß er durch seine Tanzkünste ihre Aufmerksamkeit gewonnen hatte. Er wußte nicht, wie lange Bless sondiert, geforscht und überlegt hatte, bis sie das richtige Opfer gefunden hatte — einen jungen Mann mit schwachem Herzen und reichem Vater, mit einem herzkranken Vater aus der oberen Pariser Geschäftswelt. Es gab nur wenig Söhne, wie Bless sie brauchte.

„Wie war der Alte heute?“

„Ah — er hat mich behandelt wie ...“

„... wie du es verdienst.“

„Bless! Du darfst mich aufziehen, aber du darfst mich nicht verletzen.“

Sie löste sich im Tanz ein wenig von ihm. Sie berührte ihn nur mit den Händen und mit der Brust. Das war schlimmer als das Aneinandergedrängtsein. Er spürte das Kribbeln, als sei seinem Blut in den Adern plötzlich Kohlensäure zugesetzt.

Sie sagte ironisch: „Er wird dir zum vierzigsten Geburtstag ein Schaukelpferd schenken.“

„Aber Bless! Was kann ich denn tun?“

„Nichts. So wie du bist, kannst du gar nichts tun. Ich fürchte, ich werde für dich etwas tun müssen.“

Er sah sie für eine Sekunde aus ängstlichen rehbraunen Augen an. „Meinst du denn, daß du etwas tun kannst?“

„Warum nicht?“

„Du würdest dich beeilen müssen. Er sagte heute, daß man dabei ist, ihn als Präsidenten abzuschießen, und ...“

„Ich weiß.“

„Du — natürlich! Du weißt alles.“

„Wenn man ihn aus dieser Stellung verdrängt“, meinte sie, „wird es auch mit eurer Firma bergab gehen. Das wolltest du doch sagen?“

„Ja — ich verstehe zwar nicht viel davon, aber ...“

Sie ließ ihn stehen, ging an den Musikschrank und hob die Nadel von der Platte. Die plötzliche Stille wirkte wie ein Schock, und Eric wie ein Fisch, den man auf den Sand geworfen hat. Mit der Musik war die laue, tragende Stimmung mit einem Schlag verschwunden.

„Setz dich!“ sagte sie und füllte die Gläser. „Man muß darüber reden.“

Er ging zögernd zu seinem Sessel zurück.

„Wenn du etwas tun könntest; aber ich bitte dich, nur kein Krach! Dadurch wird alles noch viel schlimmer!“

„Man muß es so machen, daß er keine Wahl hat. Man muß ihn vor vollendete Tatsachen stellen. Er muß von zwölf Uhr bis Mittag in die Lage geraten, daß er gar keinen Krach mehr machen kann.“

„Genial gesagt. Aber wie um alles in der Welt willst du das anstellen?“

„Ich werde nachdenken. Zunächst ist es nötig, daß ich in eurer Firma angestellt werde.“

Er hatte sein Glas schon erhoben, jetzt vergaß er zu trinken.

„Du willst — das wäre fabelhaft! Das heißt —“ Er wiegte den Kopf hin und her. „Wenn ich denke — eine Frau wie du in diesem Rattennest von unansehnlichen Tanten, die mein Vater sich aussucht —“

„Diese Mädchen interessieren mich nicht.“

„Ich weiß nur nicht, wie ich das machen soll. Wenn ich meinem Vater eine Sekretärin empfehle, ist das für ihn der beste Grund, sie zur Hölle zu schicken.“

„Schwachkopf. Ich denke, er will das Papier aus Sourettes Geldschrank kaufen?“

„Ja — und?“

„Es kostet fünfhunderttausend Francs. Die Verbindung dahin kann dir ein Mädchen schaffen, das dafür eine Anstellung in der Firma deines Vaters verlangt. Nun?“

„Manchmal habe ich Angst vor dir, Bless.“

„Manchmal? Du sollst immer Angst haben.“

Sie stand auf und ging zu der ganz niedrigen, großen, quadratischen Couch hinüber. Im Hinlegen streifte sie die Schuhe von den Füßen. Dann faltete sie die Hände unter dem Kopf. „Mach die Stehlampe aus!“

Gehorsam löschte er sie. Es brannte nur noch eine entfernte Wandleuchte. Das lackierte Holz der Möbel wurde zu ungewissen Formen, in deren Glätte hier und da ein Lichtblitz sich spiegelte, und die Messingbeschläge blitzten in der Dunkelheit auf. Er setzte sich neben sie.

3. Kapitel

Dr. Maurice Ponti setzte zum vierten Male mit aller Kraft an, um den Halsknopf seines schneeweißen Sporthemdes zu schließen. Die Folge davon war, das er das Knöpfchen in der Hand hielt. Er präsentierte es auf flachem Handteller seiner Frau Mireille, die im gelbgesternten blauen Morgenrock am Frühstückstisch saß.

„Da! Zum Nachtisch.“

„Du Barbar!“

„Barbaren sind es, die Oberhemden so stärken, daß sie steif wie Sperrholz sind.“

Mireille lachte. Sie hatte eine ganz hohe, helle Stimme. Sie lief nach Nadel und Faden.

„Dafür nähe ich dir Hemd und Knopf am Hals fest.“ Sie war Südfranzösin, einen Kopf kleiner als ihr Mann, ihr schwarzes Haar flog im Gehen. Sie war rundlich, graziös und temperamentvoll, und alle Welt bestaunte das Paar, wo es gemeinsam auftrat: die zärtliche, charmante kleine Frau und den großen Mann mit den langen Schritten. Er war kaum vierzig und trotzdem weißhaarig, dazu stets kupferbraun gebrannt.

Mireille stellte sich auf die Zehenspitzen und nähte eifrig. Er versuchte, über ihren dunklen Kopf hinweg ein Stück Brot in den Mund zu bekommen.

„Daß du dich zum Frühstück niemals hinsetzen kannst!“

„Es kommt darauf an, fünf Minuten vor den Assistenten im Labor zu sein.“

„Man könnte etwas früher aufstehen.“

„Es kommt aber auch darauf an, morgens so lange wie möglich seine Frau in den Armen festzuhalten. Jedenfalls behauptet das eine Dame namens Mireille.“

„Beim nächsten Male heirate ich keinen Mann mit einem Beruf. Könntest du dich nicht pensionieren lassen?“

„Wenn du Lust hast, ab morgen von Gartengras zu leben, ginge das natürlich.“

Sie zog sich an ihn heran, als wolle sie ihn küssen, aber es war nur, um den Faden abzubeißen.

„Mußt du dazu aber solche Schlachten ausfechten wie gestern?“ fragte sie und legte den Kopf schief.

Er holte seine Krawatte und drehte ihr vor dem Spiegel den Rücken zu. Er war nach stürmischer Sitzung des Konzernvorstandes erst spät und erschöpft nach Hause gekommen.

„Man ist als Mann nicht dazu da, um im Garten Tomaten zu begießen. Wir haben eine Konjunktur, und ich möchte nicht erst etwas davon haben, wenn mir schon die letzten Zähne ausgefallen sind.“

„Ich weiß. Herr Doktor Ponti muß immer und überall der erste sein.“

„Zum Beispiel mußte er mit Gewalt die schönste Frau Frankreichs zur Frau haben.“

„Lügner“, sagte sie geschmeichelt.

„Und nun, da er sie hat, muß er auch etwas darstellen, um ihrer würdig zu sein.“

Er steckte noch ein Stück Brot in den Mund, nahm im Stehen einen Schluck Kaffee und zog die Jacke über.

„Ich denke nur manchmal, daß du dir gerade einen Mann wie Lavigne zum Feinde machen mußt —“

„Ich an deiner Stelle würde darüber nachdenken, ob Perlen oder Korallen besser zu deinen Ohren passen.“

„Maurice, diese Dinge fressen dich auf. Nicht dein Beruf als Chemiker, sondern diese Wirtschaftsprobleme, diese Verbandsintrigen, diese ganzen widerlichen Anfeindungen, diese — diese — ach, ich weiß nicht!“

„So ernst, Mireille?“

„Ja, so ernst.“

Er nahm sie bei den Schultern.

„Du täuschst dich, Mireille. Genauso wie viele andere Frauen. Sie denken, sie hätten mehr von ihrem Mann, wenn er öfter bei ihnen in der Küche säße. Das ist ein schwerer Irrtum. Ein Mann, der keine Feinde hat, ist auch in der Liebe nur ein Waschlappen.“

„Das sagst du.“

„Das weiß ich. Ein Boot muß aufs Wasser, sonst geht es entzwei. Und ein Mann muß sich streiten.“

„Du bist verrückt.“

„Es gibt nichts Unsympathischeres als einen Mann, der in jeder Hinsicht absolut normal ist. Du jedenfalls würdest ihn unausstehlich finden.“

„Dich finde ich auch unausstehlich.“

Sie bekräftigte diese Äußerung durch einen minutenlangen Kuß. —

Ponti fuhr seinen Wagen selbst schnell und sicher aus der Gegend des Arc, wo er wohnte, nach Courbevoie hinaus, wo das Werk der chemischen Fabrik Broussard und sein Versuchslabor lagen. Er zog den blütenweißen Kittel an und ging langsam, die Hände in den Taschen, zwischen den langen Tischen im Versuchssaal dahin, von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz, wo zwei Dutzend Chemiker in Hunderten von Versuchen das gleiche Experiment mit einer winzigen Abweichung wiederholten — die Kärrner moderner Erfindungen. Pontis Gesicht war konzentriert, aufmerksam. Er sprach kaum, wenn die Chemiker über ihre Ergebnisse berichteten, aber er dankte jedem mit einem Wort.

Er stand noch zwischen den langen Reihen sich unendlich wiederholender Retorten und Schlangenkühler, als seine Sekretärin eine Dame im grauen Kostüm in den Saal führte. Die Sekretärin machte ein verwirrtes Gesicht, sie war verlegen. Es war ihr nicht gelungen, diese Besucherin zum Warten im Büro zu bewegen. Bless Dorlon hatte behauptet, eine gute Bekannte Dr. Pontis zu sein.

Ponti sah ihr entgegen, und seine Miene verfinsterte sich für einen Augenblick. Aber dann lächelte er und ging rasch auf sie zu.

„Eine Überraschung, Madame!“

„Ich bin nicht Madame, Monsieur Ponti.“

Er verzog den ohnehin etwas schiefen Mund. „Das wußte ich.“

„Dann ist es nicht gerade ein Kompliment, mich so zu nennen.“

„Im Gegenteil. Darf ich Sie auch weiter so nennen?“

„Warum?“

„Ihre Haltung ist die einer klugen, erfahrenen Frau, die — sagen wir — auch die Männer sehr gut kennt.“

„Wer sagt Ihnen, daß ich sie nicht auch als Mademoiselle kenne?“

Sie lachten, und er verließ den Saal und führte sie in sein Zimmer. Sie kannten sich, weil Ponti ein häufiger Besucher und Klient von Maitre Sourette gewesen war. Keiner seiner Besuche war ohne ein kleines Wortgefecht mit der Sekretärin abgelaufen. Sie hatten beide Freude daran.

„Ich hörte, daß Ihr Chef gestorben ist.“ Er deutete auf einen Sessel.

„Mit Verlaub gesagt, man hat ihn umgebracht.“

Dr. Ponti nickte und bot Zigaretten an.

„Ich fürchte, Sie haben mich nicht nur aufgesucht, um mir guten Morgen zu sagen.“

„Richtig. Es ist eine Art Nachlaß meines Chefs, was ich Ihnen überbringe. Ein Dokument.“

„Ah?“ Ponti war sichtlich angenehm überrascht. „Ich hatte es bereits verloren gegeben.“

„Wenn Sourette sein Ende vorhergesehen hätte, so hätte er mir zweifellos den Auftrag gegeben, Ihnen dieses Papier auszuhändigen. Ich betrachte den Auftrag als gegeben.“

„Man sollte Sie in Gold fassen.“

„Einverstanden“, sagte sie und zog aus der Handtasche ein Papier, das sie vor ihm auf den Tisch legte.

Seine Augenbrauen wanderten in die Höhe, als er es las. Auf dem Zettel stand in Schreibmaschine:

Aushändigung des Protokolls erfolgt gegen Barzahlung von 100 000 Francs.

Verblüfft sah er auf, ihre ockerfarbenen Augen hielten seinem Blick gelassen stand.

„Ich verstehe nicht ganz —“

„Den genannten Auftrag hat mir Maitre Sourette eben nicht mehr geben können. Er entspringt meiner eigenen Initiative. Ist Initiative in unserer Zeit nicht etwas Seltenes?“

Er lachte auf. „Sie auch, Mademoiselle! Sie sind wirklich sogar etwas Einmaliges.“

„Danke. Außerdem liegt mir für das Schriftstück bereits ein wesentlich höheres Angebot vor.“

„Ah! Von wem?“

„Von dem Betroffenen, Monsieur Philippe Lavigne.“

„Sie kennen natürlich den Inhalt des Protokolls?“

„Ich pflege solche Dinge sofort nach Lektüre zu vergessen.“

„Um sich bei passender Gelegenheit wieder daran zu erinnern?“

Sie schwieg. Ponti drückte seine Zigarette aus. Ihm wurde plötzlich klar, daß in dem Machtkampf zwischen ihm und Lavigne unvermutet eine eigenartige neue Figur auftauchte. Der Tod von Maitre Sourette hatte sie freigemacht. Sourettes Sekretärin Bless Dorlon kannte alle Ränke und Schliche, die Dr. Ponti mit seinen Gesinnungsfreunden gesponnen hatte, um Philippe Lavigne zu stürzen. Denn alle diese Schlingen waren bei Pontis Freund Sourette gesponnen worden. So lange Sourette lebte, hatte niemand an der Verschwiegenheit der Sekretärin gezweifelt. Aber nun —

„Sie — sind sehr kühn“, sagte Ponti langsam.

„Ich bin offen“, widersprach sie. „Ich komme zu Ihnen.“

Diese Frau besaß offenbar Qualitäten, die über den Rang einer normalen Mitarbeiterin weit hinausgingen. Es war angezeigt, diese merkwürdige Mitwisserin unschädlich zu machen. Ob aber dazu eine einmalige Zahlung von hunderttausend Francs ausreichte, das schien sehr fraglich.

„Haben Sie eigentlich schon eine neue Tätigkeit gefunden?“ fragte Ponti vorsichtig.

„Würden Sie mir eine Position anbieten können?“

„Ich suche eine Mitarbeiterin, deren Hauptaufgaben Klugheit und Verschwiegenheit wären. Eine Privatsekretärin.“

„Recht verlockend, Doktor Ponti. Ich war eigentlich schon entschlossen, ein Angebot der Firma Lavigne anzunehmen.“

Er schlug mit der flachen Hand knallend auf den Tisch und lachte. „Mon Dieu! Das geht in einem Tempo, mit dem ich kaum mitkomme. Ein Angebot — zu einer ähnlichen Aufgabe?“

„Nein. Ich habe mich dort beworben — um eine ganz einfache Bürotätigkeit. Ich glaube nicht, daß man dort etwas von meiner — nun, von meiner Vorbildung ahnt.“

Dr. Ponti verging das Lachen. Es gab nicht den geringsten Zweifel, daß diese kleine Hexe entschlossen war, ihre Kenntnisse aus Maitre Sourettes Büro nutzbringend anzuwenden. Welche Wege sie dazu beschritt — Ponti brauchte ja nur auf den Zettel vor seinen Augen zu blicken, um es zu wissen. Die Kälte, Kühnheit und Unverschämtheit, mit der sie dabei vorging, war geradezu beispiellos.

„So etwas wie Sie habe ich noch nicht gesehen“, sagte Ponti ruhig. „Und jetzt wollen Sie mit der Drohung, zu Lavigne zu gehen, mein Angebot in die Höhe treiben. Verstehe ich es so richtig?“

„Nein, falsch. Ich überlege, ob es nicht angezeigt wäre, beide Angebote zugleich anzunehmen.“

Ponti gestand sich, daß er sich sehr zusammennehmen mußte, um dieser eigenartigen Frau Schach zu bieten. Er war noch nicht einmal dazu gekommen, sich hinzusetzen, er lehnte am Schreibtisch. Jetzt stieß er sich ab, öffnete die Tür zum Vorzimmer und rief seiner Sekretärin zu:

„Machen Sie uns bitte zwei Tassen Kaffee.“

„Nicht für mich“, sagte Bless ruhig.

„Also nur eine.“ Er schloß die Tür wieder. Was wollte diese Frau mit den seltsamen Augen eigentlich? Nun, das war klar, sie wollte Geld verdienen. Sie hatte bei Sourette allerlei geheimnisvolle Kenntnisse erworben und war darauf aus, sie in Geld umzusetzen. Sie war nicht dumm, sie war kühn, kaltblütig und entschlossen. Das hieß: sie war gefährlich. Sie war sicherlich im Augenblick noch keine Feindin des Dr. Ponti. Aber wenn sie damit Geld verdienen konnte, daß sie ihn schädigte, so würde sie es ohne Bedenken tun. Und als Sourettes Sekretärin mußte sie genügend Dinge erfahren haben, die für Dr. Ponti ziemlich wichtig waren. Das Protokoll aus dem Geldschrank, das sie ihm für hunderttausend Francs anbot, war der erste Beweis.

Es war unmöglich, diese Frau einfach aus den Augen zu lassen und nach Hause zu schicken. Sie würde sehr bald auf eine weniger ruhige Art wieder auf der Bildfläche erscheinen.

„Beide Stellungen?“ sagte Ponti. „Wie wollen Sie das machen? Der Tag hat meines Wissens nur vierundzwanzig Stunden.“

„Würde eine davon nicht für Sie genügen? Eine Privatsekretärin für die wirklich vertraulichen Angelegenheiten hat nicht länger zu tun als eine Stunde am Tag. Ihre Aufgabe ist es nicht, stundenlang dazusitzen und sich die Nägel zu feilen. Ihre Aufgabe ist es, intelligent zu sein und den Mund zu halten.“

Bless brach ab. Die Tür wurde geöffnet. Die Sekretärin brachte eine Tasse Kaffee herein. Ponti empfing die Tasse, behielt sie in der Hand und schlürfte davon. Er dankte mit einem Nicken. Die Tür schloß sich wieder.

„Reden wir einfach und klar“, sagte Dr. Ponti. In seiner Stimme und in seinem Gesicht kam plötzlich ein Zug von Härte zum Vorschein. „Sie wollen mich, für teures Geld, mit Informationen aus Lavignes Büro versorgen.“

Bless antwortete nicht. Sie nickte leicht.

„Und umgekehrt wollen Sie Lavigne — ebenfalls für teures Geld — mit Informationen aus meinem Büro versorgen.“

Jetzt schüttelte Bless den Kopf.

„Sie mißverstehen mich, Monsieur. Ich kenne Philippe Lavigne überhaupt nicht. Er hat keine Ahnung, wer ich bin. Er weiß nicht einmal, daß ich Sourettes Sekretärin war. Ich kenne lediglich seinen Sohn, der an den geschäftlichen Dingen völlig uninteressiert ist.“

„Ich weiß“, murmelte Ponti.

„Ich trete bei Lavigne als ganz gewöhnliches Schreibmädchen ein und habe weder Neigung noch Gelegenheit, eine Agentenarbeit für ihn zu verrichten. Im übrigen ist es Ihre Sache, Monsieur, in welchem Maße Sie mir Ihre Geheimnisse zugänglich machen werden oder nicht. Ich bin jedoch bereit, Ihnen Informationen, die ich in Lavignes Büro beschaffen werde, zur Verfügung zu stellen. Sagen wir: zu verkaufen. Nachrichten sind eine Ware wie andere auch.“

„Und wie stellen Sie sich das praktisch vor?“

„Ich werde bei Ihnen eine Nebenbeschäftigung annehmen. Ich werde am freien Mittwochnachmittag und sonst an den gewöhnlichen Wochentagen je eine Stunde vor oder nach Büroschluß zu Ihrer Verfügung stehen.“

Dr. Pontis Gesicht wurde plötzlich jungenhaft und vergnügt.

„Ein solches Angebot ist mir in meinem Leben noch nicht gemacht worden. Ich habe oft über Agenten und Spione gelesen, aber ich habe nie mit ihnen zu tun gehabt. Ich hätte mir niemals träumen lassen, daß man in einem solchen — ehem — Beruf so aussieht wie Sie.“

„Sie sehen, es ist ein Beruf wie andere auch.“

„Warum tun Sie das, Mademoiselle Dorlon?“

„Glauben Sie, daß ich von einem gewöhnlichen Sekretärinnengehalt leben kann?“

Er sah sie an. Bless Dorlon trug keinen auffallenden Schmuck, keine Brillanten, kein Perlenkollier. Und doch sah man ihr auf irgendeine unerklärliche Weise sofort an, daß diese Frau viel, sehr viel Geld verbrauchte. Dem Dr. Ponti erging es in diesem Augenblick wie dem Parkwächter an der Madeleine, der Bless Dorlon für eine reiche Frau hielt, für so etwas wie eine Fürstin ...

Dr. Ponti nahm wortlos aus seinem Schreibtisch zwei Hefte und stellte zwei verschiedene Schecks über je 50 000 Francs aus. Er reichte sie hinüber.

Bless Dorlon betrachtete die beiden Papiere kritisch. Dann zog sie aus ihrer Handtasche das Protokoll, das Dr. Ponti bei Maitre Sourette hinterlegt hatte, und lieferte es aus. Ponti erkannte die Echtheit auf den ersten Blick. Er spielte den Gleichgültigen, als er das Dokument in die Rocktasche schob. Insgeheim atmete er auf. Es wäre ein schlechter Spaß gewesen, wenn Lavigne den Beweis dafür in die Hand bekommen hätte, welcher Schlag von Dr. Ponti und seinen Verbündeten gegen ihn vorbereitet wurde.

„Jetzt kommen wir zu der Frage, was Sie für Ihre geplante Nebenbeschäftigung bei mir verlangen“, sagte Dr. Ponti ...

*

Am Abend dieses Tages empfing Bless aus der Hand von Eric Lavigne 500 000 Francs in bar und überreichte ihm dafür — eine Fotokopie des gleichen Protokolls.

Eric starrte darauf. „Bless! Das ist doch kein Original!“

„Dein Scharfblick ist bestürzend. Natürlich ist es kein Original. Deinem Vater kann das gleich sein. Er braucht nicht die Urkunde. Er braucht nur zu wissen, wer an dem Komplott gegen ihn beteiligt ist und was sie vorhaben. Das steht auf der Kopie genauso wie auf dem Original.“

„Ja — aber — er wird entsetzlich fluchen. Was hast du mit dem Original gemacht?“

Bless zählte 120 000 Francs ab. „Hier — zwanzig Prozent wie verabredet. Das Original kaufte Ponti für hunderttausend!“

„Mon Dieu! Fabelhaft! Aber warum so billig?“

„Das war nicht billig“, sagte Bless Dorlon. „Das war unheimlich teuer. Warte es ab, mon cher.“

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9788711626078
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