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Arno Alexander
Das Erbe des Professors Pirello
Kriminalroman
Saga
Das Erbe des Professors Pirello
© 1957 Arno Alexander
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711626085
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1. Kapitel
Vielleicht war es nicht ganz in Ordnung, daß die Tochter des Ministerialrats de Saint-Roch durch Paris fuhr wie der Minister selbst. Zwei Polizisten in weißen Helmen und weißen Stulpenhandschuhen stürzten sich auf donnernden Motorrädern ihrer schwarzen Limousine voraus in das Gewühl auf der Place St. Michel. Der „Flic“ auf der Kreuzung hob seinen weißen Zauberstab steil in die Luft und streckte den Arm beschwörend gegen den Quai hin aus. Wie von einer unsichtbaren Luftmauer aufgefangen blieben alle Fahrzeuge in der Einmündung des Quais plötzlich stehen, und viele machten beim scharfen Bremsen eine kleine Verbeugung. Zwischen den Lippen des Verkehrspolizisten schrillte die Trillerpfeife. Der schwere Citroën mit dem Stander der Republik schoß über die Seinebrücke, quer über den Platz, der in Sekunden für ihn reingefegt war, und verschwand im Boulevard Saint Michel.
Viele Köpfe drehten sich. Die meisten sahen nichts. Der Trillerpfeifenton hörte auf, der Verkehr flutete auf den Platz zurück. Schwach vernahm man Hupen und Trillern weiter oben von der Kreuzung zum Boulevard Saint Germain. Die Kavalkade schien nach links abzubiegen. Einige hatten doch etwas gesehen.
„Eine junge Frau?“
„Jetzt schicken sie schon ihre Freundinnen unter Polizeibedeckung durch die Stadt.“
„Besser als wenn man sie so ans Steuer ließe —“
Frühlingssonne verklärte das in den letzten Wochen verregnete Paris. Ladenmädchen kurbelten mit Begeisterung die Markisen herunter, als glühe schon Sommersonne. Die jungen Männer gingen ohne Mantel, aber mit dicken, bunten Wollschals. Hier und da leuchteten zitronengelbe Damenhüte in Topfform, der Schlager des kommenden Sommers.
Als die beiden weißbehelmten Motorradfahrer ihre schweren Maschinen zum Halten brachten, wie man durchgehende Pferde zügelt, lief sofort eine kleine Traube Neugieriger zusammen. Die schwarze Limousine hielt vor dem Portal der Privatklinik des Professors Riquet. Die Hälse reckten sich. Stieg ein Minister aus? Wollte er sich röntgen lassen? Etwa auf eine Infektion der politischen Richtung? Die Pariser sind seit tausend Jahren Spottvögel von unverminderter Qualität.
Eine junge Frau stieg aus, eher ein Mädchen, und ging mit raschen kleinen Schritten die sechs Stufen hinauf. Man sah nichts als ein schlichtes blaues Kostüm, ein Hütchen mit Schleier, schlanke Fesseln.
„Seht mal an! Der Minister!“
Aber sie verziehen es der Mademoiselle nicht ganz, daß sie ihr Gesicht verbarg. „Vielleicht hat sie eine krumme Nase.“
Nicole de Saint-Roch schlug auch in der kühlen, stillen Vorhalle des Krankenhauses den Schleier nicht gleich zurück. Sie hatte keine krumme Nase, wie die Spottvögel vermuteten, aber sie war totenblaß. Sie trat rasch auf die breite Gestalt zu, die lautlos im Hintergrund der Halle auftauchte. Die großen weißen Flügel an der Haube der Nonnenschwester schwammen durch das halbe Licht wie die Segel eines Schiffes. Nicoles Lippen formten eine schnelle Frage, aber sie sprach sie nicht aus. Die Schwester senkte das Haupt.
„Der Herr Professor erwartet Sie, Mademoiselle.“
Nicole lief die breite Treppe hinauf. Es war nicht angemessen, in diesem Haus zu laufen. Aber sie hielt es nicht mehr aus. Das Warten. Das Nichtwissen. Die stumme, kühle Feierlichkeit der Empfangshalle — wie in einem Krematorium.
Professor Riquet schien sie gehört zu haben. Er trat in die Tür seines Zimmers und sah ihr entgegen, als sie den Flur betrat.
Die Klinik von Professor Riquet an der Rue Claude Bernard gehörte nicht zu den großen und dennoch zu den berühmtesten Krankenhäusern von Paris. Seit der Krebsforscher Pirello selbst ein Opfer der Krankheit geworden war, die er sein Leben lang bekämpfte, gab es in Frankreich keine besseren Kenner des Krebses als Professor Riquet und Dr. Fauve, die beide seinerzeit Pirellos Assistenten gewesen waren. Beide lehrten heute an den Universitätskliniken. Daneben unterhielt Riquet seine Klinik und Fauve eine Privatpraxis.
„Nicole, da bist du!“
Der Professor streckte dem Mädchen beide Hände entgegen und zog sie in sein Zimmer. Er sah abgespannt aus. Hinter den Brillengläsern kniff er die klugen Augen ein wenig zusammen. Die breite, stattliche, etwas beleibte Gestalt hielt sich gebeugt. Heute sah man ihm nicht an, daß er ein ungewöhnlich junger Träger des Professorentitels war. Er neigte sich vor und küßte das Mädchen vorsichtig auf die Wange, trotz des Schleiers. Sie wandte das Gesicht zur Seite, als nehme sie den Kuß nur widerstrebend an. Sie entzog ihm ihre Hände.
„Sagen Sie schnell, Professor: er — lebt?“
Ein wenig schmerzte es ihn doch, daß sie ihn mit Sie ansprach. Es bedeutete nichts. Unter den Gebildeten Frankreichs sagen auch Eheleute in manchen Situationen Sie zueinander, ohne daß das einen Mangel an Sympathie oder an Liebe zu bedeuten braucht. Und Riquet und Nicole waren noch nicht Eheleute.
Riquet lächelte. „Natürlich. Ihr Herr Vater hat die Operation soweit glänzend überstanden —“
„Was heißt: soweit?“ fragte sie heftig.
„Es bedeutet nichts Besonderes. Es bedeutet nur, daß er noch schläft. Ich habe ihn noch nicht sprechen können —“
„Kann ich ihn sehen?“ Sie ließ ihn keinen Satz ganz zu Ende sprechen. Seine weithin bekannte Gelassenheit litt nicht darunter.
„Ich bitte um Geduld. Sie dürfen keine Angst haben, Nicole. Es ist trotzdem lieb von Ihnen, daß Sie so früh kamen —“
„Der Minister gab mir seinen Wagen.“ Sie zog unruhig die Handschuhe ab, warf sie auf den Tisch und nahm den Schleier vom Gesicht. Der stark geschminkte kleine Mund glühte unnatürlich in dem blassen, feinen Gesicht. Sie erschrak. Lautlos war eine Schwester eingetreten. Sie flüsterte dem Professor etwas ins Ohr. Nicole verschlang sie mit Blicken.
„Wartest du bitte ein paar Minuten, Nicole? Ich werde gerufen —“ „Zu ihm?“
Riquet lächelte. „Zu ihm. Dein Vater ist aus der Narkose erwacht.“
*
Professor Jaques Riquet ging langsam und nachdenklich über den Korridor und schloß die Knöpfe seines weißen Mantels. Erst als er die Hand auf eine Türklinke legte, gab er sich einen kleinen Schwung, als komme er freudig und eilig herein, und brachte ein beinahe pfiffiges Lächeln auf seinem Gesicht zustande.
Aber als er die Schwelle überschritt, kostete es ihn doch eine Sekunde höchster Selbstbeherrschung, um sich ein neuerliches Erschrecken nicht anmerken zu lassen.
Auch der Kopf des Ministerialrats de Saint-Roch lächelte aus den weißen Kissen. Aber dieser verfallene Greisenkopf trug allzudeutlich die Zeichen, die ein erfahrener Arzt nicht mißversteht. Innerlich stellte sich für den Professor eine bestürzende Parallele zu diesem intelligenten, feurigen, jetzt so veränderten Gesicht mit der stark vorspringenden Nase her: Clemenceaus Totenmaske.
Aber der Arzt beherrschte sich gut. Fast gutgelaunt zog er einen Stuhl neben das Krankenbett. „Nun, mein lieber Patient, wie haben wir es überstanden?“
Er hatte selbst von diesem müden Mann eine schnelle Antwort erwartet, denn Saint Roch sprach sein Leben lang schnell und temperamentvoll. Aber jetzt stellten sich um die Augen des Kranken ganz allmählich die Fältchen eines fast belustigten Lächelns ein, und dann kamen leise, einzeln, tropfenhaft, sehr klare Worte: „Das — frage — ich — Sie!“
Riquet nahm sich zusammen. Beinahe etwas laut gab er Antwort: „Glänzend. Ich muß Ihnen ein Kompliment machen. Ich hätte es kaum für möglich gehalten, daß ein Mann Ihres Alters durch einen schweren Eingriff so wenig beeinträchtigt wird.“
Der Ministerialrat antwortete nicht und schloß die Augen. Es war hier etwas, das auch den Arzt schweigen hieß. Obwohl Riquet hier der Gesunde, Kräftige — und obwohl der alte Mann im Bett der Schwache, Todkranke war, hatte Saint-Roch ganz unbestreitbar die Herrschaft in den Minuten dieses Gesprächs. Der Arzt gehorchte. Er wartete. Dann sagte Saint-Roch, ohne die Augen zu öffnen:
„Ich habe Ihnen eine Frage zu stellen. Riquet, ich muß von Ihnen dreifach eine genaue Antwort darauf verlangen: als Mensch, als Vater und als Beamter. Im übrigen bin ich keine Memme. Die Frage lautet —“
Er machte eine kleine Pause und schlug die Augen auf: „Darf ich rauchen?“
Riquet verstand sofort. Die innere Eleganz dieses alten Ritters frappierte ihn aufs neue. Noch nie war einem Arzt die Frage aller Fragen auf eine so rücksichtsvolle Art gestellt worden. Es war unsinnig, einem Halbtoten, dessen Leben nur noch nach Stunden zählte, eine Zigarette zu verbieten. Und es war weder recht noch gut, einem Mann wie Saint-Roch die Wahrheit zu verbergen. Er wußte sie schon.
Riquet senkte den Kopf. „Ja, bitte!“ sagte er rauh.
Das Lächeln verschwand nicht aus dem Gesicht des Kranken. Er brauchte die Sekunden der Stille wohl nur, um neue Kraft zum Sprechen zu finden.
„Bitte schicken Sie mir in einer Stunde meinen Notar. Danach kommen Sie mit meiner Tochter zu mir. Gegen Abend schicken Sie den Geistlichen. Ich danke Ihnen, Professor!“
Der Ministerialrat schloß die Augen. Riquet spürte, daß der Kranke die Anwesenheit des Arztes nicht mehr empfand. Er hatte auch für die letzten Stunden seine Anweisungen mit der gewohnten Sicherheit und Klarheit gegeben und wünschte keine weiteren Kommentare. Riquet erhob sich langsam und ging hinaus.
*
Das tausendjährige Paris hat mehr Gräber als Wohnungen, aber es ist zu lebensvoll, um sich mit dem Tode lange aufzuhalten. Wer durch seinen Tod für eine Stunde zum Gespräch der Stadt werden soll, muß schon ein Filmstar oder ein Nationalheld sein. Den temperamentvollen Ministerialrat de Saint-Roch hatten nicht viele gekannt. Aber als er gestorben war, entdeckten die Pariser plötzlich, daß er ein Held war, und betrauerten ihn. Der Reichtum dieses Mannes, der jetzt erst bekannt wurde, beeindruckte die Pariser nicht einmal so sehr; die Gesellschaften, deren Aufsichtsräten er angehört hatte, widmeten ihm Anzeigen, die allein ein kleines Vermögen kosteten. Aber es erschienen Artikel darüber, daß hier der Letzte eines alten Geschlechts dahingegangen war. Sein Name stand schon in den Annalen der Kreuzzüge, und das begeisterte Paris. Er wurde beigesetzt in der Familiengruft auf dem Montmartre-Friedhof, wo Alexander Dumas und mancher andere Liebling Frankreichs liegt und wo man ohne Erbbegräbnis längst schon keinen Platz mehr haben kann. Er hinterließ eine junge und schöne Tochter. Und es war noch eine besonders ergreifende Geschichte für sich, daß der alte Ritter ausgerechnet unter dem Skalpell seines zukünftigen Schwiegersohns, des Professors Jaques Riquet, das Todesurteil des Geschicks hatte hinnehmen müssen. Das alles zusammen machte Louis de Saint-Roch noch nach dem Tode für einen Tag zum Helden aller Pariser, was bei diesem unsentimentalen Volk mancher noch so berühmte Mann nicht zu Lebzeiten erreicht.
Für Nicole de Saint-Roch aber war diese unvermutete Anteilnahme der Öffentlichkeit eine fast unerträgliche Belastung. Die Neugier des unübersehbaren Trauergefolges, die Zudringlichkeit der Pressefotografen, ihre trotz aller Ablehnung wiederholten Bitten um ein Interview brachten das Mädchen zur Verzweiflung. Sie erschien auf dem Friedhof am Arm des Professors, stumm und starr wie eine Marionette, tief verschleiert und tränenlos. Es war ihr nicht möglich, ihren Schmerz vor diesen Menschen zu zeigen.
Dann bat sie Riquet, sie nach Hause zu fahren. Dort sah er erstaunt, daß sie ihre Koffer hatte packen lassen. Sie sagte:
„Jaques, die leere Wohnung und das alles — ich kann nicht mehr. Ich überlasse alles der Wirtschafterin. Wenigstens für eine Woche —“
„Wohin, Nicole?“
„Vaters Häuschen in Cannes.“
Er nickte. Im Grunde war er erleichtert, denn auch er hätte nicht gewußt, wie er sie in Paris über die bittersten ersten Tage hinwegbringen sollte. Er wußte daß ihr Vater ein hübsches Haus in Cannes, an der Mittelmeerküste, besessen hatte. Er wußte auch, daß sie dort durch das Gärtnerehepaar vorzüglich betreut sein würde.
„Du bist sehr klug, Nicole“, sagte er und brachte sie an die Bahn.
*
Zwei Tage nach der Beisetzung des Ministerialrates starrte ein junger Assistenzarzt in Riquets Klinik kopfschüttelnd in ein zylinderförmiges Standgefäß. In dem Glas schwamm in einer Flüssigkeit, aufgehängt an einem Goldfaden, ein Stückchen Gewebe.
Der Arzt nahm eine starke Lupe zu Hilfe und betrachtete den kleinen grauen Körper eingehend. Dann stand er rasch auf, nahm das Glas mit und lief hinüber in den Vorraum zu Riquets Privatraum.
„Ist der Chef da?“
Überrascht sah die Sekretärin von ihren Krankenberichten auf.
„Was haben Sie denn da entdeckt?“ fragte das Mädchen neugierig.
„Ein Barthaar des Staatspräsidenten“, sagte der Arzt herzlos, „es gedeiht ausgezeichnet.“ Dann stürmte er in das Zimmer seines Professors.
Riquet sah ihn fragend, aber nicht ungnädig entgegen. „Na?“ fragte er.
Anstelle einer mündlichen Antwort setzte der junge Mann das Standglas dem Professor vor die Nase, mitten auf das Aktenstück, das auf dem Schreibtisch lag. In seinen Augen stand so etwas wie ein Triumphblitz.
Professor Jaques Riquet schob die Brille auf die Stirn und beugte sich dem Glas zu. Zuerst entzifferte er die Zeilen auf dem angeklebten Etikett. „Saint-Roch?“ sagte er verwundert und runzelte die Stirn. Dann betrachtete er den Inhalt des Glases.
Eine halbe Minute war es totenstill.
Dann fuhr der Professor mitsamt seinem Stuhl heftig zurück. „Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Gewebestück noch hierzubehalten?“ Seine Stimme klang streng. Aber der Arzt fühlte sich jetzt kühn. Er überlegte nur, ob er jetzt „Der Herr Ministerialrat“ sagen sollte oder „Ihr Herr Schwiegervater“.
„Monsieur de Saint-Roch hätte sich bei seiner Form des Krebses schon mindestens drei Monate früher über starke Schmerzen beschweren müssen“, erklärte der Assistenzarzt. „Das fiel mir auf.“
„Warum haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie die Sache untersuchen wollten?“
„Sie hätten mich ausgelacht, Professor, denn zweifellos haben Sie schon dasselbe erwogen und verworfen.“ Der junge Mann wurde plötzlich rot.
Riquet lächelte. „Das stimmt“, sagte er. „Mir fiel zwar auch auf, daß sich die Geschwulst hier ganz ungewöhnlich schnell entwickelt haben mußte. Aber dann sagte ich mir, daß mein — daß Monsieur de Saint-Roch ein Mann von Eisen war, ein Mann von einer ganz ungewöhnlichen Selbstbeherrschung, der wahrscheinlich nur viel später zu uns gekommen ist, als jeder andere es getan hätte.“
Er schob abermals die Brille auf die Stirn und betrachtete das Gewebestück. Dann murmelte er: „Aber das hier —“
Der junge Arzt schwieg. Riquet erhob sich nach einer schweigsamen Minute und begann, im Zimmer hin und her zu wandern. Einmal blieb er stehen und zählte an den Fingern einer Hand. Der Assistenzarzt folgte aufmerksam und begriff, daß Riquet noch einmal genau die Zahl der Tage nachrechnete, die seit der Operation verstrichen waren. Es war noch nie geschehen, daß eine Krebsgeschwulst in so unheimlicher Geschwindigkeit wuchs, wie an dem Gewebestück in diesem Standglas.
Riquet blieb stehen. Seine Stimme klang verändert. „Zuweilen hat unser Beruf etwas Unheimliches“, sagte er. „Der Patient wurde vor zwei Tagen begraben. Aber hier lebt ein Stück von ihm weiter.“
„Es lebt nicht nur, es erzählt sogar“, sagte der Assistent.
Riquet drehte sich um. „Was erzählt es? Haben Sie eine Vorstellung? Verstehen Sie?“
Der junge Mann zuckte ablehnend mit den Schultern.
„Haben Sie so etwas schon einmal gesehen?“ fragte der Professor und zeigte auf das Glas.
„Nein, Chef.“
Langsam ging Riquet ans Fenster und sah in den Garten des Krankenhauses hinaus. Dann sagte er leise und rätselhaft: „Aber ich.“
Der junge Mann hinter ihm zog die Augenbrauen hoch. „So? Ist denn ein derartiger Fall schon einmal in der Literatur beschrieben worden?“
Riquet gab keine Antwort. Erst nach einer Weile sagte er: „Bitte machen Sie Aufnahmen und reichen Sie mir Kopien herein. Und beobachten Sie weiter.“ Er wandte sich nicht um, als der Arzt mit dem Standglas davonging.
*
Professor Riquet und Dr. Jules Fauve waren fast gleichaltrig, beide knapp über die Vierzig hinaus. Beide waren Assistenten des Krebsforschers Pirello gewesen und zählten seither zu den ersten Kennern dieser Krankheit, und beide waren in relativ jungen Jahren zu großem medizinischen Ruf gelangt. Das aber war alles, was sie verband. Aus der früheren Zusammenarbeit war nie eine rechte Freundschaft geworden, wahrscheinlich waren ihre Temperamente zu verschieden dazu. Auch Fauve dozierte zwar, aber im Grunde lag ihm die akademische Laufbahn mit ihrer Regelmäßigkeit und ihrem beamtenhaften Zwang nicht. Deshalb war der Professorentitel bisher auch nur seinem stetigeren Kollegen zuteil geworden.
Als Assistenten bei Pirello hatten sie sich geduzt, jetzt aber, wenn sie sich trafen, verwendeten sie ein höfliches und herzliches Sie. Sie hatten nichts gegeneinander und waren beide klug genug, um eine zuvorkommende Bekanntschaft für nützlicher zu halten, als eine Freundschaft, die wahrscheinlich doch zu Unstimmigkeiten geführt hätte.
Jules Fauve hielt in seiner vornehmen Praxis am Quai Voltaire nur an zwei Tagen der Woche je zwei Stunden allgemeine Sprechstunde ab. Zu ihm wagten sich gewöhnlich nur Patienten, die ein außergewöhnliches Honorar auf den Tisch legen konnten, obwohl es bekannt war, daß Fauve auch schon an armen Schluckern die schwierigsten Operationen ausgeführt hatte, ohne einen Sou zu nehmen.
Am späten Vormittag eines dieser Maitage fuhr sein Finger noch einmal prüfend über eine junge, sehr appetitliche Schulter. „Also“, sagte seine stets ein wenig heisere Stimme, „es wäre wirklich beängstigend —“
Zwei kreisrunde blaue Augen starrten ihn entsetzt an und füllten sich mit Tränen. „Mon Dieu, Docteur, es ist doch nicht etwa ...“
„... wenn Sie sich erkälten würden, gnädige Frau“, vollendete Fauve, und die tiefen Falten auf seiner gebräunten Stirn vollführten einen vergnügten Tanz. „Deshalb ziehen Sie sich bitte wieder an.“
Wie ein geängstigtes Hühnchen flatterte die Patientin hinter einen Wandschirm. Von dort kam ihre verschüchterte Stimme: „Und Sie meinen wirklich, es ist eine harmlose Sache, Doktor?“
Fauve hatte sich an den Schreibtisch gesetzt und kritzelte auf seinem Rezeptblock. „Ich glaube kaum, Verehrteste, daß alles an Ihnen so harmlos ist, wie diese kleine Geschwulst“, sagte er. Fauve wußte genau, was er sich als Arzt der Pariser Gesellschaft leisten durfte, ja was er sich an kleinen Frechheiten zuweilen sogar leisten mußte, wenn er in Mode bleiben wollte. Er hatte recht — nicht ein Protest, sondern ein Kichern war hinter dem Wandschirm zu hören.
„Wir nehmen ganz einfach einen Tee“, dozierte er. „Reinigt das Blut, ohne es abzukühlen. Und in vierzehn Tagen —“
Er brach ab. Seine Assistentin war auf lautlosen Kreppsohlen eingetreten und hatte eine Visitenkarte vor ihm niedergelegt. Dr. Fauve zog seine ungemein bewegliche Stirnhaut bis in das tief ansetzende dichte schwarze Haar hinauf. Seine Augen sahen dabei aus wie die gemalten Augen eines Clowns. Es waren übrigens seltsam helle, graue Augen. Man hätte bei dem zierlichen, drahtigen, schwarzhaarigen und braunhäutigen Mann eher dunkelbraune Augen erwartet.
„Riquet? Na sowas!“ sagte Fauve respektlos.
„Und in vierzehn Tagen?“ flötete eine Stimme, und ein apartes Persönchen schwebte hinter dem Wandschirm hervor.
„Da sehen wir noch einmal nach. Bonjour, Madam!“ Fauve sprach zerstreut, ohne den Blick von dem Kärtchen zu heben, und so sah er auch nicht die schmollende Oberlippe seiner Patientin, die mit einem giftigen Seitenblick auf die Assistentin davonschwebte.
Fauve ließ sogleich Riquet bitten; die junge Dame war die letzte Patientin des Tages gewesen.
Riquets Eintritt verdeutlichte ohne ein Wort die große Verschiedenheit der einstigen Kameraden. Der junge Professor trug einen sehr dezenten dunkelgrauen Anzug. Er behielt einen schweren Spazierstock vorläufig am Arm und legte seinen steifen grauen Hut vorsichtig auf Fauves Schreibtisch. Dieser seriöse Aufzug ließ ihn wie fünfzig erscheinen. Jules Fauve dagegen, der stets in modischen Anzügen und wenn möglich mit einem Strohhut herumlief — oder besser gesagt in einem offenen gelben Jaguar herumfuhr — wurde zuweilen trotz seiner Stirnfalten für fünfunddreißig angesprochen.
Temperamentvoll sprang der Hausherr auf, um seinen Gast zu begrüßen. „Nun, das ist einmal etwas, Sie hier zu sehen! Sie haben doch das bessere Teil erwählt. Sie haben soviel Zeit, daß Sie sogar alte Knaben wie mich besuchen. Ich dagegen muß versuchen, hysterische junge Damen möglichst lange in ihrer Hysterie zu erhalten. — Louise!“ Er rief übertrieben laut ins Nebenzimmer hinüber. „Gehen Sie nach Hause, die Sonne scheint. Vorher bringen Sie uns einen Whisky. Oder lieber Cognac, Professor? Sie sind so angenehm konservativ.“
Riquet lächelte über den herzlichen Redeschwall des Kollegen. „In England ist gerade der Whisky konservativ.“
„So ist es immer. Was in einem Lande gerade letzte Mode ist, war im andern vor fünfhundert Jahren alte Sache. Zur Zeit haben alle jungen Frauen von Paris Schmerzen an der Seele. Neurosen. Wenn sie wüßten, daß etwas ganz Ähnliches schon zu Paracelsus’ Zeiten der letzte Schrei war, würden sie es sofort bleiben lassen. Aber ich werde es ihnen nicht verraten. Also doch Whisky?“
Man mußte es Fauve lassen, daß er einen guten Whisky besaß, und das war in Paris eine Sensation. „Und nun, Professor?“ fragte er. „Soll ich Sie untersuchen? Es würde mir ein Vergnügen sein, Sie in Stücke zu schneiden und so wieder zusammen zu nähen, daß nicht einmal Ihre Frau — Pardon!“ Eine große Verlegenheit breitete sich plötzlich auf seinem Gesicht aus. „Ich bin ein Tölpel. Ich wollte Sie nicht kränken. Im Gegenteil. Ich wollte gerade nicht davon sprechen —“
„Schon gut“, sagte Riquet gerührt. Er verstand dankbar, daß Fauve ihm Beileidsbekundungen hatte ersparen wollen und daß ihm das Verhältnis des Professors zu Nicole de Saint-Roch zu spät eingefallen war. „Machen Sie sich nichts daraus, Fauve. Ich wollte Ihnen etwas zeigen.“
Professor Riquet brachte aus seiner Brieftasche drei medizinische Fotografien zum Vorschein, die er bedächtig und nacheinander seinem Gastgeber hinüberreichte. Jules Fauve zog ein Monokel aus der Westentasche und klemmte es ins rechte Auge.
„Sie tragen ein Einglas?“ wunderte sich der Professor.
„Seit Jahren.“
Er wandte seine Aufmerksamkeit den drei Bildern zu und betrachtete sie flüchtig. Dann sah er fragend auf:
„Offen gestanden, auf den ersten Blick finde ich da nichts.“
„Das ist klar“, sagte Riquet ruhig. „Dazu müssen Sie erst wissen, daß diese Aufnahmen vom gleichen Gewebestück in Abständen von zwei Tagen aufgenommen sind, alle drei also in vier Tagen —“
„Was?“ rief Fauve. „Riquet! Sind Sie sicher? Pardon! Natürlich sind Sie sicher. Aber das ist ja —“
Seine Stimme wurde leiser und heiserer. Er brach ab und legte die Fotos langsam auf den Tisch. Das Gebirge seiner Stirnfalten wanderte zu den schwarzen Haaren hinauf. Dabei fiel das Monokel heraus. Aber das war ein berechneter Effekt, Fauve fing es mit der Hand auf und ließ es verschwinden. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er den Professor an.
Riquet erwiderte den Blick ebenso starr. Sein Mund hatte sich zu einem Strich zusammengepreßt. Es war eine Verständigung zwischen ihnen vorgegangen, über die sie kein Wort zu verlieren brauchten.
Plötzlich sprang Fauve auf und lief im Zimmer hin und her. Und wie um die Wiederholung der Ereignisse zu vervollständigen, wiederholte Riquet die Frage, die er seinem Assistenten gestellt hatte: „Haben Sie das schon einmal gesehen?“
Fauve blieb stehen. „Warum fragen Sie?“ sagte er. „Wollen Sie mich fragen, ob ich den Test auf Pirellos Injektion noch beherrsche?“
Riquet schwieg. Er saß steif, als hätte er ein Rückgrat van Gußeisen. Fauve lief quer durch das Zimmer und blieb vor ihm stehen. „Von wem ist das Gewebestück?“
„Von Monsieur de Saint-Roch“, sagte Riquet kalt.
„Mann! Wissen Sie, was das bedeutet?“ Abermals schoß Jules Fauve davon.
Riquets Lippen öffneten sich nur um einen Spalt. Dann sagte er: „Warum fragen Sie?“
„Sie meinen“, sprach Fauve mühsam beherrscht von der Tür her, „wir sollten die Exhumierung des Ministerialrates beantragen. Denn anders ist der Test nicht durchzuführen.“
Riquet zog stumm die Schultern hoch.
Allmählich schien Fauve seine Erregung zu meistern. Er setzte sich wieder, trank seinen Whisky aus, schenkte sich ein neues Glas ein und stürzte es hinterdrein. „Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen?“
„Der Patient kam viel zu spät zu uns. Eigentlich hätte er drei Monate früher Schmerzen haben müssen. Mir fiel das zwar auf, aber schließlich stirbt heute jeder sechste Franzose an Krebs, und was wir darüber wissen, ist herzlich wenig. Einer meiner Assistenten hat sich dafür interessiert und den Fall beobachtet. Kurz und gut: ich habe Tausende von Fällen gesehen. Aber eine so sprunghafte Entwicklung der Geschwulst kenne ich nur durch — Pirello. Haben Sie Ihre Aufzeichnungen von damals noch?“
Fauve fuhr handbreit auf seinem Stuhl in die Höhe. „Natürlich nicht: Ich habe sie genauso vernichtet wie Sie! Das wissen Sie! Und niemand außer Ihnen und mir —“
„Niemand? Wirklich?“ fragte Riquet.
Ein Schweigen trat ein, das wohl eine Minute dauerte. In dieser Minute ging eine sonderbare Veränderung mit Fauve vor. Sein Gesicht wurde hart, starr. Man hätte sagen können, daß er plötzlich Riquet ähnlicher wurde. Nach einer Minute sagte er: „Könnten Sie sich morgen nachmittag eine Stunde Zeit nehmen?“
Jetzt war es der Professor, der verwundert den Kopf hob. „Ja — und?“
„Es ist da eine sehr merkwürdige Geschichte. Eine überaus merkwürdige Geschichte“, sagte Fauve dunkel. „Sie liegt ein Vierteljahr zurück. Ob sie mit diesem Fall etwas zu tun hat, weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall hat sie etwas mit Professor Pirello zu tun. Die Sache ist so ernst, daß ich sie Ihnen jetzt und hier nicht schildern kann. Ich möchte das morgen tun. Aber im Beisein eines Rechtsanwaltes. Oder noch besser eines Kriminalbeamten. Oder am allerbesten gleich beider.“
„Was sagen Sie da?“ Professor Riquet beugte sich in maßlosem Erstaunen etwas vor und starrte seinem Gegenüber ins Gesicht.
Aber Dr. Fauve schien sein volles Gleichgewicht wiedergefunden zu haben. Nur wirkte er jetzt bedeutend sachlicher und betonter als sonst. Er zündete sich eine Zigarette an. Dann nickte er.
„Ja. Wenn Sie diese sonderbare Geschichte morgen hören, werden Sie mich verstehen. Es muß nicht zu meinem Schutz so sein, sondern vielleicht ebenso zu Ihrem Schutz. Vielleicht sogar mindestens ebenso zu Ihrem Schutz. Das hat nicht das Geringste mit einem mangelnden Vertrauen Ihnen gegenüber zu tun. Sie werden das morgen sofort sehen. Ich kann Sie bis dahin nur bitten, mir zu glauben.“
„Ich habe nicht den geringsten Anlaß, Ihnen nicht zu glauben“, sagte Riquet, und es klang, wahrscheinlich unbewußt, etwas frostig. Er stand auf. „Wollen Sie mich bitte Zeit und Ort wissen lassen?“
2. Kapitel
Die Zeit war 17 Uhr 30 des nächsten Tages, der Ort das Büro des Rechtsanwaltes Lieuwe, nicht sehr weit von der Praxis Fauves in der Rue St. Honoré. Diese Nähe der beiden Niederlassungen war nicht ganz ohne Beziehung, denn Lieuwe war, ähnlich wie Fauve, ein Mann, dessen Kunden größtenteils zur gutzahlenden und zugleich kapricenhaften Gesellschaftsschicht von Paris zählten. Schon deshalb mußten sie beide ihre Räume in diesem Viertel haben.
Die Räume des Rechtsanwaltes erfüllten jeden, der sie betrat, mit Wohlgefühl und Bewunderung. Sie waren allesamt mit alten Möbeln vollkommen stilrein eingerichtet. Und was hier nicht echt war, war jedenfalls hervorragend imitiert und deshalb kaum billiger. Lieuwe selbst paßte hierher mit seiner Silbermähne und seinen gepflegten Händen mit dem Siegelring, den er nach altertümlicher Sitte auf dem rechten Zeigefinger trug, als hätte er alle fünf Minuten damit wirklich ein Staatsdokument zu siegeln.
Das viktorianische Zimmer, in dem er sie empfing, erreichte den Höhepunkt der Stilreinheit dadurch, daß hier kein elektrisches Licht brannte, sondern ein Dutzend Kerzen auf silbernen Leuchtern. Auch Riquet und Fauve paßten hierher — sogar Fauve, der sich zu diesem Anlaß in einen dunklen Anzug geworfen und nicht einmal einen Strohhut mitgebracht hatte. Auch der Portwein paßte hierher, ein verhalten-feuriger Portwein von samtenem Bernsteinbraun, und die Gläser dazu waren garantiert viktorianisch nachgemacht.
Das einzige unpassende Zubehörteil dieser illustren Versammlung war der Kommissar Siloque. Er war auch der einzige, der keineswegs „Ah!“ sagte, als er in das kerzenerleuchtete Zimmer trat, sondern nur ein ungeduldiges Grunzen hören ließ. Er steckte in einem ausgebeutelten Anzug, den man höchstens anziehen konnte, wenn man im Garten die Radieschen umgrub. Dafür war er auch in Marokko geboren. Nun konnte man zwar darauf schwören, in ihm einen blutreinen Franzosen zu sehen, denn wie wäre er sonst Kommissar bei der Pariser Sûreté geworden. Aber wenn man über dem großen, schlaksigen Mann dieses Gesicht sah, dieses knochige, magere, gelbe, narbige Gesicht, dann mußte man doch schon großes Vertrauen in die Sûreté haben. Jetzt ließ er sich plumpsend in einen Sessel fallen und murmelte: „Et alors?“ Was soviel bedeutet wie: „Na und?“ Dazu schlug er ein Bein über das andere und wippte mit dem freien Bein einen nervösen Takt. Mit Grauen sahen die drei Herren, daß Siloque einen Kaugummi auspackte und in den Mund schob.
Die Vorreden dauerten eine Weile. Lieuwe betonte, daß ihm diese Umgebung angemessen erschienen sei für ein so diskretes Gespräch. Riquet und Fauve erklärten ihre Bewunderung für den Portwein. Siloque sagte dazu: „Tadellos! Haben Sie vielleicht eine Flasche Bier?“ Lieuwe läutete bestürzt, und ein Mädchen brachte Bier. Lieuwe erklärte den beiden Ärzten, Kommissar Siloque sei trotz seiner Eigenwilligkeit der einzige Kriminalist, dem man Diskretion zutrauen dürfe. Zu dieser Erläuterung grinste Siloque und entblößte dazu ein furchterregendes Raubtiergebiß.
Endlich räusperte sich Fauve. „Sie wissen, daß Professor Pirello einer unserer bedeutendsten Krebsforscher war. Professor Riquet und ich waren seine langjährigen und letzten Assistenten. Pirello starb an Krebs. Nicht ganz zufällig. Er hatte eine ungeheuerliche Entdeckung gemacht. Der fiel er zum Opfer.“ Fauve räusperte sich. Siloque murmelte: „Haben Sie vielleicht noch eine Flasche Bier?“
Sie ertrugen die Störung mit Anstand. Fauve fuhr fort: „Es gibt zahlreiche Stoffe, denen man eine krebserregende Wirkung nachsagt. Mit mehr oder weniger Berechtigung. Pirello hatte einen Stoff gefunden, der eine bestimmte Form des Magenkrebses ganz zweifellos auslöst und unheimlich schnell zur Entwicklung bringt. Bei den Experimenten damit erkrankte er selbst.“
Seiner Wirkung sicher, blickte Dr. Fauve die anderen der Reihe nach an. Riquet nickte gedankenverloren. Lieuwe fuhr durch seine Silbermähne. Siloque sagte: „Wie heißt das Zeug? War es ein Anilin-Derivat?“
Erschüttert hoben Fauve und Riquet die Köpfe und starrten den Kriminalisten an. War das ein verkappter Arzt?
„Oder Sodawasser?“ fragte Siloque lächelnd und bearbeitete seinen Kaugummi. Fauve hatte Mühe, seinen Faden wiederzufinden.
„Unseres Wissens sind die einzigen, die von diesen Experimenten wußten, Professor Riquet und ich. Nach dem Tode Pirellos haben wir seine und unsere Aufzeichnungen darüber restlos vernichtet. Wir folgten damit einem ausdrücklichen Wunsch des Professors. Es ist niemals eine Publikation erfolgt. Die Entdeckung war höchst gefährlich, aber nutzlos. Man konnte mit ihrer Kenntnis zwar einen unglaublich schnellen Krebs auslösen, aber niemals einen Krebs heilen, jedenfalls nach der Ansicht Pirellos. Und das war in dieser Lage für uns maßgebend.“
„Exakt“, sagte Riquet.
Fauve sprach weiter: „Jetzt hat Professor Riquet entdeckt, daß der Ministerialrat de Saint-Roch an einem so schnell fortschreitenden Krebs gestorben sein muß, wie man ihn sonst niemals beobachten kann. Eine so rasche Entwicklung kennen wir nur dann, wenn sie durch den Stoff ausgelöst wird, den Pirello entdeckt hat und an dem er selbst gestorben ist. Aber dieser Stoff kommt nirgends in der Natur vor, auch in keinem Nahrungsmittel, sei es natürlich oder künstlich.“
Siloque sagte: „Aha! Und wie heißt das Zeug?“
Dr. Fauve fuhr aufgebracht zur Seite: „Dieser Name ist eine der gefährlichsten Formeln, die es gibt. Glauben Sie, daß ich sie hier preisgebe, nachdem wir sie sieben Jahre lang aller Welt verschwiegen haben? Außerdem würden Sie nichts davon verstehen, denn diese Formel ist drei Zeilen lang!“
Siloque nickte ruhig. „Also sicher doch ein Anilin-Derivat“, sagte er schlicht.
Fauve mußte plötzlich lachen. Vielleicht half die Unerschütterlichkeit dieses Kommissars dazu, die überheizte Atmosphäre etwas zu entspannen. Gelöster lehnte er sich zurück: „Vor etwa einem Vierteljahr, genau am 21. Januar vormittags, fand ich in meiner Praxis, auf meinem Schreibtisch, in meinem Rezeptblock zu meiner Überraschung eine Theaterkarte. Eine Karte für einen Parkettplatz in der Opera. Es wurde an dem Abend ‚Les Indes Galantes‘ von Rameaux gegeben. Ich hätte glauben können, eine mir geneigte Patientin hätte mir die Karte dorthin geschmuggelt, als heimliche Einladung. Aber auf dem Rezeptblock stand ein dorthin geschriebenes Wort. Das Wort: Pirello.“
Jetzt war es der Rechtsanwalt, der zustimmend nickte. Professor Riquet richtete sich erstaunt aus seiner versunkenen Stellung auf. Siloque schien diesmal nichts gehört zu haben und kaute still vor sich hin.
„Das Erstaunliche war“, sagte Fauve, „dieses Wort Pirello war in meiner Handschrift dorthin geschrieben. Es war eine verblüffende Nachahmung meiner Handschrift. Besser gesagt: es war meine Handschrift selbst, wie ich Rezepte zu schreiben pflege. Die Ähnlichkeit war so unglaublich, daß ich einige Minuten im Zweifel gewesen bin, ob ich selbst in einer Art von Bewußtseinsspaltung dieses Wort dorthin geschrieben hatte. Aber es ließ sich sonnenklar feststellen, daß keine Bewußtseinsspaltung der Welt mir zu der Opernkarte verholfen hätte. Ich hatte einfach keine Zeit dazu gehabt, sie mir zu besorgen.“
Fauve hatte sich in eine steigende Erregung hineingesprochen. Je schneller und heftiger er redete, um so heiserer wurde er auch, aber beides zusammen gab einen sehr eindrucksstarken Effekt. Riquet konnte sich diesem Eindruck nicht entziehen. Der Herr Professor hörte offenen Mundes zu wie ein Dorfschüler. Als Fauve schwieg, ertappte er sich und sah um sich. Lieuwe starrte auf seine Lackschuhspitzen, Siloque kaute gelangweilt vor sich hin. Riquet schämte sich ein wenig. Zugleich wurde eine Verwunderung in ihm wach, die schon mit einer Prise Mißtrauen versetzt war: warum wunderten diese beiden sich eigentlich nicht, wenn sie eine derart unglaubliche Geschichte hörten? Die Erklärung bekam er sogleich, zumindest, was den Rechtsanwalt betraf.
„Ich fand für das Ganze keine Erklärung“, sagte Fauve, „höchstens eine Theorie. Wenn Sie, Herr Kommissar ...“ — er machte eine lächelnde Verbeugung zur Seite — „... einem Laien eine Theorie erlauben wollen. Ich dachte mir in meinem einfältigen Kopf: Jemand will dir hier das Geheimnis des Professors Pirello entreißen. Irgend jemand, der davon eine schwache Ahnung hat und es genau wissen will, um damit ein Verbrechen zu begehen; denn, bitte sehr, wozu sonst? Um mich zu erpressen, oder um mir eine Erpressung anzukündigen, zeigt er mir, daß er meine Rezeptschrift meisterhaft nachahmen kann. Damit kann er mich als Arzt in die größte Gefahr bringen, zum Beispiel durch nachgeahmte Rauschgiftrezepte. Und der mir zugewiesene Platz in der Oper sollte der Treffpunkt sein.“
„Und was geschah?“ fragte Riquet atemlos.
„Gar nichts“, sagte Fauve. „Die ganze Sache klingt so unglaublich, daß ich sie selbst nicht glauben würde. Aber ich bin am selben Tag hierher zu Monsieur Lieuwe gegangen und habe den Rezeptzettel mit dem Wort Pirello bei ihm hinterlegt. Monsieur Lieuwe wird so liebenswürdig sein, ihn nachher zu zeigen. Und am nächsten Morgen habe ich die gebrauchte Opernkarte ebenfalls hier hinterlegt.“
„Also Sie waren da?“ stieß Riquet heraus.
„Ja, ich war dort und setzte mich auf meinen Platz. Und ich hatte Monsieur Lieuwe gebeten, sich im Rang eine Karte zu nehmen und mit einem scharfen Feldstecher auf mich und meine Nachbarn herunter zu äugen.“
„So ist es“, sagte Lieuwe. „Nachdem mir Doktor Fauve diese Schauermär berichtet hatte, habe ich zunächst das Ganze zu Protokoll gebracht und von meinen Kollegen Fierres und Coss beglaubigen lassen. Sie mögen das für eine übertriebene Vorsicht halten, aber jetzt ist es vielleicht ganz angenehm. Dann bin ich ins Theater gegangen. Von den ‚Indes Galantes‘ habe ich nicht viel gesehen, und von Monsieur Fauve auch nicht, obwohl ich ihn durch mein Jagdglas angestarrt habe, bis mir die Augäpfel eintrockneten. Links von ihm saß ...“
„Moment!“ ließ sich plötzlich Kommissar Siloque vernehmen. „Zunächst interessiert nur: Sie wurden nicht angesprochen, Monsieur Fauve?“
„Nein“, sagte Fauve.
„Nicht daß ich wüßte“, ergänzte Lieuwe.
„Und in den Pausen? Und überhaupt?“
„Es hat sich nichts abgespielt. Gar nichts“, erklärte Fauve. Und Rechtsanwalt Lieuwe schüttelte den Kopf: „Ich habe ihn natürlich auch in den Pausen und hinterher nicht aus den Augen gelassen.“
„Ich denke mir“, flocht Fauve ein, „die Burschen haben trotz aller Vorsicht gesehen, daß ich mir Rückendeckung verschafft hatte, und haben die Finger von der Sache gelassen. Ich war darüber sogar stolz und wertete es als klaren Abwehrsieg für mich.“
„Und dann?“ fragte Siloque.
„Dann? — Nichts. Seither habe ich nichts weiter davon gehört. Ich hatte die Sache schon vergessen. Bis gestern. Da lebte sie in mir auf. Aus Gründen, die Sie sich jetzt selbst zusammenreimen können.“
Man hörte deutlich das leise Knistern in einer der Kerzenflammen. Jeder der Herren schien auf eigene Rechnung bemüht, die Stille zu überbrücken und nicht als erster zu sprechen. Die Folgerungen aus Fauves Erzählungen waren zwar klar, aber ungeheuerlich. Lieuwe ergriff wortlos eine kleine Messingschere und begann, die Kerzen zu putzen. Fauve tötete den Rest seiner Zigarette und nahm sofort eine neue aus dem geschnitzten Kästchen, das auf dem Tisch stand. Siloque brachte eine keulenförmige Tabakspfeife zum Vorschein und fing an, sie gedankenverloren aus einer verbeulten Blechschachtel zu stopfen. Nur Riquet blickte vor sich auf den Boden. Sein Ausdruck verriet angestrengtes Nachdenken.
„Sie können alle Dokumente jederzeit einsehen“, sagte Lieuwe endlich.
„Alle?“ fragte Siloque. „Noch mehr Dokumente?“
„Erlauben Sie —“ unterbrach Riquet. Er hob den Kopf und gleichzeitig eine Hand. Seine Sätze kamen jetzt so akzentuiert und klar, als setze er seinen Studenten einen Lehrsatz auseinander. „Ich halte es für richtig, wenn wir deutlich ausdrücken, um was es sich handelt.“ Wenn das wirklich seine Absicht war, so zeigte der Professor erstaunliche Kühnheit, denn schließlich betraf die Angelegenheit ihn am meisten: Er sagte: „Saint-Roch ist an einer ungewöhnlich rapiden Art von Krebs verstorben. Nach unserer Kenntnis kommt dieser galoppierende Krebs nur zustande, wenn Saint-Roch den von Pirello entdeckten Stoff aufgenommen hat. Es ist aber beinahe unvorstellbar, daß er diesen seltenen Stoff durch einen Zufall aufgenommen hat. Folglich müßte er ihm absichtlich beigebracht worden sein. Das würde aber Mord bedeuten. — Folgen Sie mir?“
„Hm!“ brummte Fauve und nickte. Riquet fuhr sogleich fort: „Nach unserer Kenntnis ist diese Substanz aber nur Doktor Fauve und mir bekannt. Ein etwaiger Mordverdacht fällt in erster Linie auf uns beide.“
Riquet sah triumphierend von einem zum andern, als sei ihm soeben ein glänzender wissenschaftlicher Beweis gelungen. Lieuwe fuhr sich erregt über das silberne Haar. Kommissar Siloque aber sagte mit fast teilnahmsloser Ruhe: „Kompliment zu Ihrem Mut, Professor! Dann lassen Sie uns auch gleich erwähnen, daß Saint-Roch sehr reich war und daß Sie mit seiner Tochter verlobt sind, nicht wahr? Danach würden Sie zuerst ins Kreuzfeuer geraten.“
„So ist es wohl“, entgegnete Riquet etwas unruhig, aber ohne Rückhalt. Rechtsanwalt Lieuwe räusperte sich und sagte leise, indem er sein Glas erhob: „Eine Gesellschaft von vier Herren, in der mit solchem Freimut gesprochen wird, werde ich kaum ein zweites Mal erleben, und ich bin glücklich, dabei sein zu dürfen.“ Er trank. Fauve verzog spöttisch die Lippen. War das Pathos dieses Mannes eine Art Kundendienst, oder kam es aus ehrlicher Ergriffenheit? Die Lage war allerdings einzigartig. Zwei weitbekannte Ärzte, die hier vor Zeugen dabei waren, aus ärztlicher Verantwortung Peinlichkeiten gegen sich selbst auszuhecken! Nur Siloque blieb trocken bei der Sache:
„Monsieur Fauve, haben Sie irgendeine Vermutung, wer Ihnen das Wort ‚Pirello‘ auf den Rezeptblock geschrieben haben kann?“
„Die Vernehmungen beginnen“, seufzte Fauve. „Es kann nur einer der Patienten des Tages gewesen sein. Es waren acht. Eine Liste ihrer Namen liegt ebenfalls bei Monsieur Lieuwe. Vier von ihnen sind mir näher bekannt und kommen höchstens in zweiter Linie in Frage.“
„Und Ihre Sprechstundenhilfe?“
„Theoretisch auch sie. Praktisch scheint es mir ausgeschlossen.“
„Hm. Wissen Sie, wer im Theater in Ihrer Nähe saß?“
„Links von mir eine ältere Dame mit einem Lorgnon und Spitzenschal, prädestiniert zur gestrengen Schwiegermutter; rechts ein Turteltaubenpärchen, das sich beunruhigend oft schnäbelte. Ich habe darüber eine Notiz gemacht, die bei Monsieur Lieuwe liegt und von ihm nach seinen Beobachtungen ergänzt und bestätigt wurde. Über die Namen weiß ich natürlich nichts.“
„Enorm!“ sagte Siloque. „Ihre Sicherheitsvorkehrungen sind erstaunlich.“
Fauve sah den Kommissar stirnrunzelnd an. „Wundert Sie das bei einer Sache von solchem Gewicht? Ich sagte Ihnen ja, was ich befürchtete.“
Kommissar Siloque lächelte freundlich. „Trugen Sie früher einen Schnurrbart?“
„Wie bitte?“ Fauve sah entgeistert aus.
„Es ist noch nicht lange her, daß Sie ihn abschneiden ließen, nicht wahr?“
„Ja; aber kennen Sie mich denn von früher?“ fragte Fauve verwirrt.
Siloque lachte polternd. „Mir fiel nur auf, daß Sie so oft nach der Oberlippe greifen.“
Fauve stimmte in das Lachen ein, aber es klang nicht ganz echt. Siloque war der einzige, an dessen breitschultrigem Phlegma die quälende Spannung dieser Lage abzuprallen schien. Er stocherte mit einem abgebrannten Streichholz in seinem Pfeifenkopf herum und fragte: „Können Sie nachweisen, ob die Krankheit durch den Pirelloschen Stoff hervorgerufen wurde?“
Die Ärzte wechselten einen Blick. Ja, das war die entscheidende Frage, vor der sie sich fürchteten, obwohl sie ja im Grunde hierher gekommen waren, um sie zu erörtern. Und Siloque sprach sie gelassen aus. Endlich sagte Riquet: „Vielleicht.“
„Was heißt vielleicht?“
Fauve schaltete sich ein: „Ich nenne diesen Reizstoff Aminyl, ohne dadurch sein Geheimnis zu verraten. Wenn wir Aminyl im Körper nachweisen, gibt es keinen Zweifel. Wenn wir es nicht nachweisen, hat es sich vielleicht schon zersetzt.“
„Das heißt“, sagte Siloque, „wenn Sie es nachweisen können, ist der Mordverdacht unbezweifelbar und amtlich?“
„Ja, Monsieur“, sagte Riquet starr.
„Man müßte ihn exhumieren?“
Niemand sprach. Die Kerzen auf den silbernen Leuchtern flackerten etwas. Die Ärzte blickten stumm auf die Tischplatte. Siloque erriet ihre Gedanken. Die Entscheidung war schwierig, der Skandal kaum zu vermeiden. Er sagte: „Meine Herren, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wir wollen diesen Kreis als ein Schiedsgericht betrachten und eine Abstimmung herbeiführen. Eine geheime Abstimmung. Sie kann Ihnen, den beiden Ärzten, die Entscheidung zwar nicht abnehmen. Deshalb sollen Sie dadurch auch nicht gebunden sein. Aber es kann Ihnen den Schritt wohl erleichtern, wenn Sie wissen, wie wir alle vier darüber denken, jeder für sich und vor seinem Gewissen, wenn niemand Rücksicht zu nehmen braucht. Was denken Sie?“
Die Erleichterung über diesen ausgezeichneten Vorschlag war so groß, daß für einige Minuten eine beinahe heitere Stimmung aufkam und die lähmende Spannung wich. Lieuwe wurde mit der Durchführung der sonderbaren Abstimmung betraut. Sie tranken und machten Vorschläge wie die Schulbuben.
Nur Riquet war stiller. Er war aufgestanden und betrachtete im Hintergrund des Raumes eine alte Büchse, die an der Wand hing und im Kerzenschimmer funkelte. Lieuwe händigte endlich jedem zwei Karten aus. Jeder erhielt eine weiße Karte und eine, die mit einem Kreuz gezeichnet war. Sie starrten alle auf die Bleistiftkreuze und waren sofort vollkommen ernst. Lieuwe stellte ein Kupfergefäß auf den Tisch. Er sagte:
„Wer für die Exhumierung stimmt, legt die Karte mit dem Kreuz in den Topf. Ich habe mir die Kreuze nicht angesehen. Trotzdem erkläre ich, daß ich diesen Wahlakt als Notar vornehme, nicht als Privatperson. Sie sind also auf alle Fälle durch meine notarielle Schweigepflicht geschützt.“
„Hoffentlich ohne Honorar“, brummte Siloque, aber niemand reagierte.
„Ich lege jetzt meine Karte hinein“, verkündete Lieuwe. „Wollen Sie bitte das Gefäß um den Tisch, gehen lassen. Die nicht benutzten Karten nehmen Sie mit nach Hause und vernichten Sie dort.“
In vollkommener Stille wurde diese Abstimmung vollzogen. Sofort, als er seine Karte abgelegt hatte, erhob sich Professor Riquet abermals und ging lautlos auf dem tiefen Teppich auf und ab. Jeder war ängstlich bemüht, den anderen nicht auf die Finger zu sehen.
Lieuwe nahm mit einer gewissen Feierlichkeit die Karten aus dem Gefäß und legte sie auf den Tisch. Er sprach nicht. Sie blickten jetzt atemlos auf sein Gesicht, dann auf seine Hände. Er deckte die Karten auf. Eine von ihnen war weiß. Die drei anderen zeigten das Kreuz.
Mit einer impulsiven Bewegung griff Fauve über den Tisch und drehte die weiße Karte herum. Aber sie war auch auf der andern Seite weiß.
„Pardon!“ murmelte Fauve, wandte zögernd den Kopf und blickte Riquet an. Auch Lieuwes Blick folgte der gleichen Richtung.
Siloque räusperte sich. „Haben Sie noch eine Flasche Bier?“
Diesmal mußte Lieuwe selbst in die Küche gehen, denn er hatte das Mädchen zu Bett geschickt. Solange er draußen war, sprach niemand ein Wort. Siloque nahm die geöffnete Flasche mit einem dankenden Nicken entgegen.
„Sofern Sie das Urteil dieses Schiedsgerichtes anerkenen sollten —“ sagte er.
Heftig stieß Riquet hervor: „Natürlich!“
Fauve nickte: „Warum nicht?“
Siloque trank gelassen. Dann sagte er: „Dann ist es am einfachsten, wenn Sie gemeinsam als ein ärztliches Konsilium einen entsprechenden Antrag aufsetzen und mir morgen zur Weiterleitung zuschicken.“
Riquet hatte sich erhoben und stand steif da. „Das Einverständnis des Kollegen Fauve vorausgesetzt, ist der Antrag hiermit bereits mündlich gestellt. Die schriftliche Ausfertigung geht Ihnen morgen zu. Doktor Fauve?“
Fauve blieb sitzen und lächelte. „Aber das ist doch selbstverständlich, lieber Kollege —“
*
Die Leiche des Ministerialrates de Saint-Roch wurde exhumiert. Vorher fühlte der Justizminister sich getrieben, den Professor Riquet persönlich anzurufen: „Verehrter, lieber Professor: Ich weiß, daß die Sache für Sie nicht angenehm ist. Ihre Verlobte —“
„Sie ist zum Glück nicht in Paris.“
„Ah! Professor, ich rechne es Ihnen hoch an, daß Sie keinen Antrag auf eine Geheimhaltung der Exhumierung gestellt haben. Ich habe den Fall eingehend nach allen Richtungen geprüft, aber —“
„Ich weiß, daß eine Geheimhaltung nicht möglich ist“, sagte Riquet müde, „aber ich danke Ihnen herzlich.“
Drei Tage später setzten die Ärzte Riquet und Fauve ihre Unterschriften unter ein Gutachten, in dem sie erklärten, daß die tödliche Erkrankung des Ministerialrates zweifellos durch eine Aufnahme des Stoffes Aminyl hervorgerufen worden war. In einer Anmerkung erklärten sie ferner, daß sie den vollständigen wissenschaftlichen Namen dieser Substanz nur auf richterlichen Beschluß und vor besonders zur Geheimhaltung verpflichteten Personen offenbaren würden.
In einem anliegenden Brief an die Staatsanwaltschaft legten sie dar, daß der Ministerialrat den Stoff Aminyl nach menschlichem Ermessen nicht zufällig aufgenommen haben könne. Man müsse befürchten, daß er ihm in böswilliger Absicht gegeben worden sei. Die Substanz könnte recht unauffällig dem Essen zugesetzt werden. Eine zwei- bis dreimalige Gabe würde genügen. Die Eröffnung einer Untersuchung müsse der Staatsanwaltschaft nahegelegt werden.
Das Schreiben schloß mit dem schicksalsschweren Satz: „Die krebserregende Wirkung des Stoffes Aminyl wurde durch Professor Pirello entdeckt und niemals veröffentlicht. Sie ist nach unserer Kenntnis nur den unterzeichneten Ärzten Professor Riquet und Doktor Fauve bekannt.“
Die Untersuchung war von den beiden Ärzten in vollkommen sachlicher, unpersönlicher und reibungsloser Zusammenarbeit durchgeführt worden.
Aber schon am Tage, bevor dieses Gutachten einging, meldete sich Kommissar Siloque bei seinem Vorgesetzten, dem Chefinspektor Daubree, und erstattete ihm einen ausführlichen Bericht. Der Chefinspektor, ein gepflegter Herr von fünfundfünfzig Jahren mit graumelierten Schläfen, wurde blaß. „Wollen wir hoffen, daß sich die Geschichte in Rauch auflöst“, sagte er.
Siloque schüttelte melancholisch den Kopf. „Da können wir auch gleich hoffen, daß der ewige Weltfriede ausbricht. Glauben Sie, Chef, daß Leute wie Riquet und Fauve überhaupt davon anfangen, wenn sie im Grunde ihrer Sache nicht längst sicher sind? Die blamieren sich auch nicht gern.“
„Aber warum beschäftigen Sie sich jetzt schon damit?“
„Mein Pech ist zuverlässig. Seit zwei Jahren sind sämtliche hoffnungslosen Fälle mir übertragen worden. Zweifellos werde ich auch diesen bekommen.“
Daubree schneuzte sich. Er kannte Siloques respektlose Art und schätzte ihn, aber es ging ihm doch immer wieder auf die Nerven. „Warten Sie ab!“
„Ich muß rasch anfangen, wenn ich noch zu Lebzeiten mit der Voruntersuchung fertig werden will. Der betroffene Personenkreis umfaßt halb Paris, und zwar die schwierige Hälfte. Erstens: Nicole de Saint-Roch, die Erbin, und alle, die noch von ihrem Erbe profitieren könnten. Das ist zunächst Riquet, aber wer weiß! Zweitens —“
„Mon Dieu!“ erschrak der Inspektor.
„Zweitens Riquet und Fauve als angeblich einzige Kenner dieser Teufels-Substanz. Drittens alle früheren Mitarbeiter des Professors Pirello, — vielleicht gibt es da doch noch mehr Mitwisser.“
„Siloque, ich meine —“
„Viertens die acht Patienten, die am 21. Januar bei Doktor Fauve waren, dazu seine Sprechstundenhilfe. Fünftens sämtliche Personen, die am 21. Januar abends die Opera besuchten.“
„Kommissar, jetzt hören Sie mal!“
„Sechstens alle Gegner und Feinde des Toten, im Privatleben, in der Wirtschaft und in der Ministerialbürokratie. Mehr sind mir noch nicht eingefallen.“
„Entsetzlich!“ schrie Daubree und hielt sich die Ohren zu. „Ich verreise! Ich lasse mich sofort krank schreiben und fahre zur Kur auf die Molukken!“
„Ja, Chefinspektor müßte man sein“, brummelte Siloque. Sein Vorgesetzter überhörte das und stöhnte: „Uns kann nur noch retten, daß das Gutachten der Ärzte negativ ausfällt.“
„Ab morgen wird es jede beliebige Möglichkeit geben, außer dieser einen“, prophezeite Siloque unerbittlich.
„Kommissar, Sie können einem den schönsten Tag vergällen.“
„Ja, ja, die Welt ist schlecht“, sagte Siloque bekümmert, „sonst brauchte man ja auch keine Sûreté.“ —
48 Stunden später, als Paris bereits seine Sensation hatte, fand das Gespräch eine unvermutete Fortsetzung. „Ich werde Ihnen helfen“, sagte Daubree. Der Chefinspektor war am frühen Nachmittag in das Dienstzimmer des Kommissars getreten. Siloque saß nachdenklich auf seinem Schreibtisch und drehte seinen grauen Hut zwischen den Händen. Die Kollegen sagten von diesem Hut, er stamme aus dem Silur, einer frühen Epoche der Erdgeschichte, in der noch Saurier und ähnliche Tiere herumkrochen.
„Bitte, was?“ sagte Siloque und verzog sein nicht sehr hübsches Gesicht zu einer Fratze der Fassungslosigkeit.
„Helfen. Allein werden Sie mit diesem Riesenfall tatsächlich in Jahren nicht fertig.“
„Sie hätten doch auf die Molukken fahren sollen, Chef.“
„Siloque, jetzt seien Sie ein guter Junge. Sie behalten den Fall in eigener Regie. Aber ich will auch einmal wieder Menschen sehen. Ich komme um am Schreibtisch. Es ist ein Elend, Vorgesetzter zu sein.“
„Ich bin gerührt“, verkündete Siloque. Er war tatsächlich gerührt. Es sagte: „Es ist trotzdem unmöglich, alle in Frage kommenden Personen zu untersuchen. Wir müssen nach Schnittpunkten suchen. Nach Schnittpunkten zwischen den Personenkreisen. Einen haben wir schon, Riquet. Er ist Kenner des Aminyl und gleichzeitig Verlobter der Erbin.“
„Prächtig“, sagte Daubree. „Ich habe eine Pistole und eine Erbtante. Trotzdem habe ich sie nicht umgebracht, sondern sie ist von selbst gestorben. Etwas mager, nicht?“
„Wie fett ein Fall wird, hängt davon ab, wie man ihn ernährt“, orakelte Siloque und zog etwas hervor, was einmal ein Notizbuch gewesen war. „Acht Patienten suchten am 21. Januar Doktor Fauve auf. Einer davon soll ihm in seiner eigenen Schrift das Wort ‚Pirello‘ auf den Block geschrieben und die Opernkarte dazugelegt haben. Fünf habe ich besucht. Eine Dame, bei der ich von ihrem eingemachten Pflaumenkompott essen mußte, während ihr braves Kind mir mit Büroklammern gegen den Hals schoß. Eine weitere Dame, die das Zipperlein hat. Eine dritte Dame, die mich zum Abendessen eingeladen hat, weil ihr Mann verreist ist.“
„Werden Sie hingehen?“
„Eine vierte Dame, die meistens Schmerzen im Kopf hat, es unerhört findet und sich über mich beschweren wird. Und ein pensionierter Professor, der darüber empört war, daß er nicht die Managerkrankheit bekommt. Mir reicht’s.“
„Armer Kommissar!“
„Das Dumme ist, daß bereits alle Leute Bescheid wissen, sobald man den Namen Fauve auch nur erwähnt. Infolge dieser intelligenten Pressenotizen.“
„Danke für das Kompliment! Was wollen Sie machen? Wir sind nun mal eine Demokratie.“
„Und was für eine!“ sagte Siloque. „Wollen Sie die restlichen drei Adressen nehmen, Chef? Anschließend werden Sie genug Menschen gesehen haben für ebensoviel Jahre.“
Бесплатный фрагмент закончился.
