Читать книгу: «Kardinäle, Künstler, Kurtisanen»

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Arne Karsten ist ein deutscher Historiker und Kunsthistoriker und lehrt Geschichte der Frühen Neuzeit an der Bergischen Universität Wuppertal.

Volker Reinhardt lehrt allgemeine und Schweizer Geschichte an der Universität Fribourg/Schweiz. Er ist einer der renommiertesten Kenner der neuzeitlichen Geschichte Italiens und Roms.

wbg Paperback macht die wichtigsten Titel großer Autor:innen aus dem Programm der wbg in einer jungen und wertigen Edition für alle neugierigen Leser:innen zugänglich. Als wbg Paperback auch erhältlich:

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Harald Lesch, Ursula Forstner, Wie Bildung gelingt. Ein Gespräch

Philip Matyszak, Legionär in der römischen Armee. Der ultimative Karriereführer

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wbg Paperback ist ein Imprint der wbg.

© der 3., aktualisierten Auflage 2021 (1. Aufl. 2004) by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt)

Neuausgabe der 2004 bei wbg Theiss unter dem Titel „Kardinäle, Künstler, Kurtisanen. Wahre Geschichten aus dem päpstlichen Rom“ erschienenen Ausgabe.

Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.

Einbandabbildung: Allegorie des Herkules, Dosso Dossi, Florenz, Galleria degli Uffizi

© akg-images/Rabatti & Domingie

Einbandgestaltung: Andreas Heilmann, Hamburg

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-534-27352-2

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:

eBook (PDF): 978-3-534-27390-4

eBook (epub): 978-3-534-27391-1

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Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Impressum

Inhalt

VOLKER REINHARDT

Schattenbeschwörung und Traumhilfe

Die große Politik

VOLKER REINHARDT

Schreckliche Diplomaten, Politik der Illusionen. Auf dem Weg in den Sacco di Roma

ARNE KARSTEN

Der Botschafter und der Mörder

VOLKER REINHARDT

Der Sanierer

Familienbande und Familienkonflikte

VOLKER REINHARDT

Ein Mord, den jeder begangen haben könnte

ARNE KARSTEN

Verkehrsprobleme, frühneuzeitlich

ARNE KARSTEN

Maria Veralli

Karrieren und Abstürze

VOLKER REINHARDT

Fünf blutrote Hüte

ARNE KARSTEN

Der Untergang des Hauses Cenci, oder: Vom Geiz als Wurzel allen Übels

ARNE KARSTEN

Die Geschichten der Verlierer

Künstlerleben

VOLKER REINHARDT

Tod und Verschleppung

VOLKER REINHARDT

Abgeschlagene Köpfe und ein ausgestreckter Arm

ARNE KARSTEN

Der Großtyrann und das Gerücht

Kultur und Konflikte

VOLKER REINHARDT

Der Tage-Dieb

VOLKER REINHARDT

Fast eine Sternstunde. Ein Gespräch über die Welt und seine Folgen

ARNE KARSTEN

Bilderkrieg im Vatikan, oder: Von den Gefahren der Gelehrsamkeit

Die Welt des kleinen Mannes

ARNE KARSTEN

Chaostage im barocken Rom

ARNE KARSTEN

Delikatessen, oder: Die berühmten Würste aus Norcia

VOLKER REINHARDT

Brot, Blut und Stein

Schluss

VOLKER REINHARDT

Bilderkämpfe, Bilderstürme. Von der Unzerbrechlichkeit der Zeit am Tiber

Anmerkungen

Karte Italien

Liste der Päpste des 15. bis 18.Jahrhunderts

Kommentierte Auswahlbibliographie

VOLKER REINHARDT

Schattenbeschwörung und Traumhilfe

Wer heute einen Romspaziergang unternimmt, wandelt über eine verwaiste Bühne. Die grandiosen Requisiten stehen noch: himmelumspannende Kuppeln, hoch ragende Paläste, zerfallende Kirchen in Tempelruinen, Brunnen mit Schildkröten, schmalbrüstige Mietshäuser mit hohläugigen Antikenköpfen im Gemäuer. Die Menschen, die in ihnen lebten, aber sind lange tot. Ihre Knochen bleichen unter den steinernen Fußböden der Kirchen, durcheinander gewürfelt und übereinander geschichtet die kleinen Leute, in der modrigen Abgeschiedenheit ihrer marmornen und bronzenen Grüfte die großen Herren, oben und unten im Tod mehr noch als im Leben getrennt. Die Verkaufsschreie der Fischhändler bei S. Angelo in Pescaria, die Mitleid erregenden Seufzer der Bettler in der Via Belsiana, das gedämpfte Gemurmel der beratenden Kardinäle im Consulta-Palast, die Zurufe der Maurer auf dem Schwindel erregenden Gerüst von St. Peter, die Gebete der Straßenräuber auf dem Schafott, die mahnend erhobene Stimme der Bußprediger in Aracoeli – sie alle sind verklungen. Das Rumpeln der Räder goldgeschmückter Karossen, das Rauschen des Korns durch seine metallenen Messgefäße, das Pfeifen der Pestärzte in der Not der Epidemie, das Trippeln tanzender Füße auf marmornen Fußböden – verhallt. Selbst das Rauschen des Tibers in Zeiten des Frühlingsregens ist durch die abschirmenden Steinböschungen fast unhörbar geworden. Seidenschuhe, Getreidezylinder, Kutschen, Pestinstrumente: das alles gibt es noch. Im Museum. Und der Fluss ist nur noch ein Paradies der Ratten.

Die toten Römer, die toten Gegenstände, den toten Fluss belebt allein die Phantasie. Mit ihr hat es in historischen Städten ein zweifelhaftes Bewenden. Wer sich aus seiner eigenen Zeit hinausträumen will in ferne und fremde Räume, landet im Retortenland der Jedi-Ritter. Dort scheint alles anders und ist doch wie gehabt: wir selbst, etwas auffallend gewandet, mit intergalaktischen Waffen, zusammengesperrt mit lebenden Robotern und Mischwesen, die aus Menschen und Maschinen gepaart sind, dazu ein paar Sternenkämpfer aus dem mittelalterlichen Disneyland. Raum und Zeit sind in Sciencefictionfilmen überwindbar. Und gerade deshalb landet man, ob man die Zeitachse nun vorwärts oder rückwärts beschreitet, unweigerlich wie ein Wanderer im nächtlichen Schneesturm am immer gleichen Punkt: in der Ödnis einer Gegenwart mit Laserkanonenoutfit, aus der man sich doch gerade heraus bewegen möchte: in einer unfreiwilligen Parodie des Selbst. Wer nur seine eigene Zeit kennt, entkommt ihr nicht. Erst recht nicht in der Einbildung, am allerwenigsten in den Träumen.

Die in diesem Band vereinten neunzehn Geschichten wollen dem abhelfen, wollen Imaginationshilfe, Traumfluchtunterstützung leisten, und zwar durch äußerste historische Präzision. Treffpunkt ist eine Welt, die von uns weiter entfernt ist als die Milchstraße und zugleich ganz nahe scheint, rätselhaft vermischt aus Vertrautheit und Fremdheit. Akteure sind Menschen, die vor vierhundert Jahren in Rom lebten, Menschen wie wir – und doch zugleich ungreifbar, unfassbar anders. Es sind Menschen, die – mit einigen gefährdeten Ausnahmen – daran glauben, dass sich die Sonne um die Erde dreht, dass der Teufel unter ihnen umgeht, dass der Papst die Schlüssel zu Himmel und Hölle besitzt. Aber es sind auch Menschen, die an den großen Coup, an den kolossalen Glückstreffer, und zwar schon morgen, glauben: dann, wenn ein neuer Papst gewählt wird, auf den sie gewettet haben, der aus derselben Stadt wie ihre Vorfahren stammt und ihnen endlich Reichtum und Reputation verschaffen wird.

Diese Geschichten handeln von menschlichen Komödien und Tragödien, vom Leben in Buntheit, Prallheit, Üppigkeit, aber auch, für drei Viertel der Römer, von der ewigen Angst, ob die Brote morgen noch satt machen, ob der Tiber nicht über die Ufer tritt oder Mörder mit allerhöchster Lizenz nicht die Tür aufbrechen. Sie erzählen von Furcht und Hoffnung, rasender Leidenschaft, tödlichem Hass, zu früher Freude und von Verbrechen aus verlorener Ehre. Kardinäle, Künstler, Kurtisanen, Käsekrämer, Kerzenzieherinnen, Kutscher und Kammerdiener, sie alle leben in den engen Gassen einer Stadt, die 1527, am Vorabend ihrer furchtbarsten Katastrophe, 55000 Einwohner zählt und anderthalb Jahrhunderte später gut doppelt so viele. Nach heutigen Kriterien eine kleine Stadt, und auch damals sahen Metropolen anders aus: Venedig, Mailand und Neapel mit mindestens doppelt so vielen Einwohnern dürfen sich mit Fug und Recht als solche betrachten. Doch was für eine Stadt: Genies, Glücksritter, Geschäftemacher, Günstlinge, Gecken, Gläubige, alles, was Europa zu bieten hat, das Beste und das Schlimmste, strömt in sie hinein, fängt sich in ihren Netzen, richtet sich ein im Schatten ihrer Kuppeln und strebt nach der Gnadensonne der Mächtigen. Von all diesen Lebenskünstlern, Lebenshungrigen, Lebensmüden und Lebenslänglichen handeln diese Geschichten. Erfinden müssen sie nichts; das Leben übertrifft die Phantasie. So sind alle diese Schicksals-Anekdoten in Quellen belegt, jede Einzelheit, jeder Name, jede Handlung, jeder Weg, jeder Gegenstand, die in ihnen vorkommen, sind in den Dokumenten der Zeit verzeichnet. Und so mögen diese Erzählungen von komischen, traurigen, skurrilen und erhabenen Geschicken die steinerne Stadt wieder mit Fleisch und Blut bevölkern, und sei es nur im wahren Traum.

Die große Politik

VOLKER REINHARDT

Schreckliche Diplomaten, Politik der Illusionen. Auf dem Weg in den Sacco di Roma

Im März 1525 steht Rom noch in einiger Entfernung vom Krater des Vulkans, auf dem die päpstliche Diplomatie zu tanzen beginnt. Doch rücken der Papst und seine Minister dem Abgrund unaufhaltsam näher, wie von einem Unstern geleitet. Das jetzt anhebende Todesballett hat der damalige außenpolitische Chefberater Papst Clemens’ VII. Medici, Francesco Guicciardini, zwölf Jahre danach in seiner monumentalen Geschichte Italiens von 1490 bis 1534 festgehalten: Akt für Akt, Pirouette für Pirouette, bis zum Sturz ins Bodenlose. In die Bitternis und Empörung dieses unversöhnten Rückblicks mischt sich doppeltes Unbehagen: darüber, am Anfang mit dem eigenen Ratschlag die römische Politik in die fatale Richtung manövriert zu haben und dann der Eskalation der Unvernunft hilflos zusehen zu müssen. Die Niederschrift der unheilvollen Ereignisse bewirkt keine Katharsis, sondern qualvolles Nochmal-Erleben. Die Schatten der Toten steigen wieder auf. Selber auf den Tod krank, ringt der Historiker Guicciardini mit den Gespenstern der Vergangenheit. Bannen lassen sie sich nur durch die unbarmherzige Genauigkeit des Berichts.

Rom hatte im Machtkampf zwischen Kaiser Karl V., in Personalunion König von Spanien sowie Chef des Hauses Habsburg, und König Franz I. von Frankreich auf die falsche Karte gesetzt. In der Schlacht von Pavia am 24. Februar 1525 hatte der französische König nicht nur den Krieg um Mailand und die Blüte seines Adels, sondern auch seine Freiheit verloren. Sein päpstlicher Bundesgenosse hatte vom Sieger vorerst, so schien es, wenig zu befürchten. Beunruhigt war man in Rom dennoch. Clemens hatte immerhin erst kurz vor Aufnahme der Feindseligkeiten die Seiten gewechselt, um sich den vermeintlich stärkeren Bataillonen anzuschließen. Mit französischen Waffen hoffte er, die spanisch-kaiserliche Machtstellung zu schwächen, die sich zu einer regelrechten Hegemonie auszuweiten drohte; schließlich bildete ganz Süditalien einschließlich Siziliens einen Teil des habsburgischen Imperiums. Diese handfesten Machtinteressen Roms ließen sich allerdings durch eine erhabene Formel verbrämen: dass der Pontifex maximus als gemeinsamer Vater der Christenheit für Ausgleich unter den weltlichen Herrschern zu sorgen und deswegen eine einseitige Übermacht zum Schutze der Kirche und des Glaubens zu verhindern habe. Beim Kaiser durfte man für solche Floskeln auf Entgegenkommen hoffen, produzierte er doch selbst genug davon: nackte Staatsräson nobel zu bemänteln, das war seit langem Brauch der europäischen Politik.

Doch waren die Motive der römischen Besorgnis damit noch nicht erschöpft. Allzu lange hatte Giulio de’Medici, der spätere Papst Clemens VII., mit seiner ganzen Familie in den Zeiten ihres Exils 1494 bis 1512 die Gunst von Karls Großvater Maximilian genossen. Dass aus dem ehemaligen Klienten jetzt ein Gegner geworden war, konnte man durch eine nicht minder wohlklingende Wendung begründen: Rollentausch, Identitätsauswechslung, Annahme höherer Wesenszüge, eine Verwandlung, wie sie – so die offizielle Version des Papsttums – die Erhebung auf den Stuhl Petri durch den Heiligen Geist bewirke. Auch für diese Erklärung brachte Karl V. viel Verständnis auf, hatte er doch selbst in seinem erst 25-jährigen Leben mehr Länder und Titel geerbt als je ein Sterblicher vor ihm und damit stetig an internationaler Statur und Rang gewonnen. Auf diese Weise aber mussten die gerade noch Ebenbürtigen zu Vasallen schrumpfen – oder Freunde zu Feinden werden. Das alles war als unvermeidlich akzeptiert. Und auch dass dieser Verrat in der Stunde der Not und zuerst heimlich geschah, ist durch die neue Idee der Staatsräson gedeckt, wie sie wenige Jahre zuvor von Machiavelli prägnant formuliert, aber schon seit langem praktiziert wurde. Wenn sich das alles durch Normen entschuldigen ließ, was treibt dann dem Historiker Francesco Guicciardini mehr als ein Jahrzehnt danach den Angstschweiß auf die Stirn? Um diese Beklommenheit zu verstehen, muss man einen kurzen Umweg einschlagen. Er führt über den Charakter des regierenden Papstes.

Clemens VII., so Guicciardini, ist in jeder Hinsicht ein Sonderfall: Er glaubt, dass andere seine Lügen glauben. Und noch seltsamer: er glaubt die Lügen der anderen. Zudem ist er chronisch entscheidungsunfähig. Hat er einen Beschluss gefasst, überkommt ihn postwendend die tiefste Reue, sich so und nicht anders entschieden zu haben, woraufhin alles wieder rückgängig gemacht wird und die qualvolle Prozedur von vorne beginnt. Auf diese Weise hat der Papst schnell den Respekt der Kurie und damit seine Autorität gegenüber den Prälaten verspielt. Sein pathologischer Schwebezustand dringt zudem nach außen. Wie sollte es auch anders sein, wenn ein Eilbote dem anderen nachjagt, um eben ausgesandte Briefe wieder einzuziehen? Manchmal ist der erste Kurier so schnell, dass er nicht mehr eingeholt werden kann. Dann bekommen gekrönte Häupter sich widersprechende Botschaften des Papstes zu lesen – mit äußerst abträglichen Folgen für dessen Reputation. Vertrauen wird verspielt, Misstrauen macht sich breit. All dies hat zur Folge, dass der Medici-Papst Verhandlungen grundsätzlich doppelgleisig, immer mit den beiden verfeindeten Seiten zugleich führt, was ihm notwendigerweise als Doppelzüngigkeit, ja als Unehrlichkeit ausgelegt wird, umso mehr, als er für dergleichen heikle Manöver nicht die notwendige Geschicklichkeit und Kaltblütigkeit besitzt. Ganz im Gegenteil. Antrieb seiner Politik ist überwiegend Angst, die sich nicht zuletzt aus dem Misstrauen nährt, welches er selber einflößt, und deren logische Ergänzung, die Gier, der unersättliche Hunger nach noch mehr Macht, vor allem in Florenz, wo die Medici nach ihrer Vertreibung von 1494 seit 1512 hinter der immer brüchigeren Fassade der Republik de facto die Herrschaft ausüben.


Porträt des Francesco Guicciardini

Gedankenschwer im Staatsgewand, so zeigt das Cristoforo dell’Altissimo zugeschriebene Porträt Francesco Guicciardinis den Florentiner Patrizier. Zugleich ist der Betrachter versucht, in die melancholischen Züge des vorzeitig gealterten Historikers und Staatsdenkers Todesnähe und Verachtung der Welt, speziell ihrer Mächtigen, hineinzulesen. Vor allem aber ist das Bildnis gemalte Memoria, ein Werk des Gedächtnisses und des Gedenkens für die Familie. Sie hat diesen Auftrag getreulich erfüllt; das Studierzimmer des – so Felix Gilbert – größten Intellektuellen der Renaissance im Palazzo von Oltrarno erweckt den Eindruck, als habe er soeben erst die Feder aus der Hand gelegt.

Psychologisch entspricht dieser uneingeschränkt in Anspruch genommenen Lizenz zum Täuschen eine ebenso unbegrenzte Naivität, die Hinterhalte der anderen betreffend. Dieser Papst rechnet nie mit dem Prinzip des „Wie du mir, so ich dir“. Darin spiegelt sich eine fatale Überschätzung des Amtskredits, härter ausgedrückt: der Wahn, als Statthalter Christi in einem christlichen Europa unantastbar zu sein. Eine solche Rechnung aber ist ohne den Zeitgeist gemacht. Dieser nämlich unterscheidet zwischen der Sakralität des Papstamtes und der mehr oder minder hohen Würdigkeit seines Inhabers. Darüber aber macht sich kaum jemand falsche Vorstellungen – der Heilige Geist, so Guicciardini, lässt sich in den unreinen Seelen der heutigen Kardinäle gewiss nicht nieder. Und schließlich lag die Absetzung dreier ungeeigneter Päpste durch das eine und allmächtige Konzil in Konstanz erst einhundertacht Jahre zurück. Unangreifbar also war das Amt, nicht aber eine Person oder gar eine Familie. Beiden, Papst und Nepoten, konnte man im Fall extremer Regelüberschreitungen durchaus eine grausame Lektion erteilen.

Rachegelüste gegenüber Rom und dem Papsttum hatte zudem die Reformation seit 1517 kräftig geschürt. In der Beurteilung dieses zuerst rein theologischen, doch schnell auch politisch motivierten Fundamentalaufstandes gegen die römische Autorität unterläuft dem Papsttum – und speziell Clemens VII. – die folgenreichste Fehleinschätzung seiner Geschichte. Nichts Neues unter der Sonne, so lautet das Fazit der vatikanischen Haustheologen, ein fader Aufguss längst abgetaner Häresien, künstlich aufgebauscht durch die üblichen Erpressungsversuche gekrönter Häupter – und durch entsprechende Gegenmanöver leicht zu ersticken. Auf diese Weise übersieht man in Rom nicht nur die Anziehungskraft dieses theologisch-kirchlichen Gegenentwurfs auf intellektuelle und politische Kreise, sondern man verkennt auch die tiefe Erregung der Massen, die durch die ungeheuer grobschlächtige antirömische Propaganda hervorgerufen wird. In Hunderttausenden von illustrierten Flugblättern nämlich wird den einfachen Leuten im Bild vorgeführt, wie sie mit dem Papst und seinen Kardinälen zu verfahren haben – und warum: Schlagt sie tot, denn sie sind des Teufels. Das alles und noch manches mehr entzieht sich der selbstzufriedenen Wahrnehmung der Kurie. Mit einem solchen Papst so schweren Zeiten entgegenzugehen, macht vielen Römern Angst. Wer es sich leisten kann, setzt sich ab, in Vorausahnung dessen, was da kommen sollte. Im Rückblick erscheint Guicciardini das Verhängnis geradezu vorprogrammiert: ein Lehrstück, wie man scheinbar unerschöpflichen politischen und sozialen Kredit vergeudet, eine Parabel von der Pathologie der Macht, vom Zerstörungspotential der unbeschränkten Einzelherrschaft, wenn diese in falsche Hände fällt.

Franz I. in der Gewalt Karls V., d. h. ein christlicher Fürst von einem anderen gefangen gesetzt. Das war eine Konstellation, die päpstliche Interventionen zugunsten des Unterlegenen auf den Plan rief. Offiziell wurden diese Bemühungen mit der Rolle des Pontifex maximus als gemeinsamer Vater der Christen und Tröster der Gedemütigten gerechtfertigt, 1525 waren sie de facto vom Bedürfnis Roms motiviert, einen Schutzwall gegen das unaufhaltsam expandierende Imperium Karls V. zu errichten. So stoßen die Venezianer bei Clemens auf offene Ohren mit ihrem Vorschlag, ein bewaffnetes Schutz- und Trutzbündnis gegen den Kaiser zu schließen. Der Pakt ist unterschriftsreif aufgesetzt und ein Kurier zum König von England, der ihm beitreten soll, schon unterwegs, als ein kaiserlicher Gesandter mit Gegenvorschlägen Karls eintrifft. Dadurch wird der eben vereinbarte Vertrag schlagartig hinfällig und der Bote per Eilpost gestoppt.

Natürlich ist die Markus-Republik von dieser Richtungsänderung Roms zutiefst irritiert, umso mehr, als sie viel Geld zahlen müsste, um in diese Allianz einbezogen zu werden. Dieser Ärger lässt Clemens kalt; Hauptsache er und seine Familie genießen die Gunst des Siegers. Und so werden der Papst und die Medici schon am 1. April 1525 – gerade einmal fünf Wochen nach der Schlacht von Pavia – in den umfassenden Schutz des Kaisers aufgenommen. Zusätzlich verpflichten sich beide Seiten, Francesco Sforza, den schattenhaften, vom Reichsoberhaupt abhängigen Herzog von Mailand, durch Truppen zu unterstützen. In seiner Erleichterung über dieses Abkommen, das er für die Lösung aller seiner Probleme hält, tut der Papst sogar mehr als verlangt. Aufgrund unverbindlicher Zusicherungen Karls veranlasst er das französische Heer, den geplanten Feldzug zur Eroberung Neapels abzubrechen, und entlässt einen Großteil seiner eigenen Truppen. In seiner diplomatischen Handlungsfreiheit aber fühlt sich Clemens durch den Pakt keineswegs eingeschränkt; er ist ja noch nicht einmal ratifiziert – unauflösliche, ja unfassbare Widersprüche wahnhafter Machtausübung, so lautet das Urteil Guicciardinis.

Immerhin ist da ja noch der gefangene König von Frankreich, der auf Rache sinnt. Für solche Revanchepläne sind die päpstlichen Unterhändler ideale Ansprechpartner. Die für ihren Sohn als Regentin fungierende Königinmutter Louise von Savoyen nämlich macht den alten Bundesgenossen Venedig und Rom verlockende Angebote. Sie ist zu fast allem bereit; ein Königreich mit einem König im fremden Kerker ist ein Torso. Clemens leiht ihr umso geneigter das Ohr des „gemeinsamen Vaters“, als er den politischen Zustand Italiens als immer unerträglicher empfindet, trotz aller Garantien für sich und seine Familie; zu übermächtig ist der habsburgische Universalherrscher, der den Papst zudem mit Forderungen nach einem Konzil unter Druck setzt. Eine solche, die verworrenen Glaubensverhältnisse Europas ordnende Kirchenversammlung aber fürchtet der zunehmend von Panik getriebene Pontifex maximus mehr als alles andere. Zu frisch ist der Kurie die Demütigung von Konstanz in Erinnerung; zu lebendig sind weiterhin die Theorien, wonach die Gemeinschaft der Gläubigen über dem Papst stehe. Und noch ein ganz persönlicher Makel kommt hinzu: Clemens ist unehelich geboren und daher, bei strenger Regelauslegung, als Kleriker gar nicht zugelassen.

Die Entfremdung zwischen Papst und Kaiser nimmt zu, als Clemens den Pakt mit Karl veröffentlichen lässt, Letzterer jedoch den Bündnistext nicht als Ganzen bestätigt, sondern Klauseln ausnimmt, welche den römischen Zugriff auf das lehensrechtlich dem Heiligen Stuhl unterstellte Ferrara und die dort regierende Familie Este verstärken sollen: zum Nachteil des Reichs, wie der Kaiser befindet. Auf eine effizientere Oberhoheit über Ferrara aber sind die Päpste seit Jahrzehnten bedacht, ja, sie steigern sich fast duchgehend in eine gefährliche Anti-Este-Politik hinein. Clemens ist über die einseitige Abänderung des von ihm bereits publizierten Vertrags empört und zugleich zutiefst verängstigt: Was führt Karl gegen ihn im Schilde?

Kein Wunder also, dass sich der Papst auf immer dubiosere Unternehmungen einlässt. Das verhängnisvollste dieser Manöver ist die Verschwörung des Geronimo Morone, seines Zeichens Chefratgeber Francesco Sforzas, der sein Schattendasein gründlich satt hat und, von der großen Vergangenheit seiner Familie berauscht, endlich eigenständige Macht ausüben möchte. Als Bundesgenosse ist der Marchese di Pescara ausersehen; der Sieger der Schlacht von Pavia nämlich fühlt sich ungenügend belohnt, ja zurückgesetzt. In Sforzas Auftrag unterbreitet Morone dem schmollenden Feldherrn ebenso verführerische wie gefährliche Angebote: Pescara soll das Königreich Neapel, Francesco die volle Herzogsherrschaft in Mailand und, propagandistisch unverzichtbar, Italien die Freiheit vom spanischen Joch gewinnen. Das schöne Komplott krankt allerdings daran, dass Pescara nur scheinbar auf diesen Vorschlag eingeht, in Wahrheit aber Karl V. auf dem Laufenden hält. Dieser staunt nicht schlecht, dass auch sein Quasi-Bundesgenosse in Rom mit von der Partie ist, dem nach erfolgreichem Coup die Rolle als oberster Schiedsrichter Italiens zugedacht ist – mit vielen weiteren Aufstiegsmöglichkeiten für die Familie Medici, versteht sich.

Seinen Zorn muss der Kaiser jedoch einstweilen noch verbergen. Karl benötigt eine Sondererlaubnis, um die verwitwete Königin von Portugal, seine Cousine, heiraten zu können. Rom glaubt, dadurch in alt bewährter Weise ein unfehlbares Druckmittel in der Hand zu haben, und zieht die Dispensverhandlungen künstlich in die Länge. Währenddessen wird intensiv über die Konditionen für die Freilassung des französischen Königs gerungen. Und auch hier ist Rom an vorderster Front aktiv. Gesandte des Papstes sollen sondieren, ob Franz I. die vorgesehenen Bedingungen – unter anderem den Verzicht auf alle mailändischen und burgundischen Ansprüche – einzuhalten gedenkt, und ihn gegebenenfalls zum Wortbruch ermächtigen. Im Folgenden von beiden Seiten, der kaiserlichen wie der französischen, umworben, schwankt und wankt Clemens wie gehabt. Und aufgrund seiner Entscheidungsunfähigkeit wiederholen sich peinliche Episoden. Wieder ist das Bündnis mit Frankreich und Venedig zu Papier gebracht, erneut fehlt nur noch die Signatur des Papstes, als wie von Zauberhand ein kaiserlicher Bote am Vatikanischen Palast Einlass begehrt – natürlich mit Bündnisangeboten im Gepäck. Guicciardini, der das alles als ohnmächtiger Ratgeber miterlebt, fühlt sich wie in einem nicht enden wollenden Albtraum befangen: und täglich grüßt die Doppeldiplomatie. Was um alles in der Welt soll man nur an den Höfen Europas von dieser Politik halten? Ihm selbst bleibt ein gutes Jahrzehnt später in der Abgeschiedenheit seines Schreibkabinetts nur das letzte Mittel stolzer Selbstbehauptung: Ich, Francesco Guicciardini, habe anders geraten, aber die blinde Gier der Mächtigen nicht bezwingen können. Im Nachhinein ist die Feder stärker als das Schwert, der unbestechlich Kausalitäten aufzeigende Historiker mächtiger als die Herrschenden, er trägt den finalen Geschichtssieg über sie davon: so und nicht anders ist es gewesen.

Die Bündnisvorschläge Karls, die jetzt im Dezember 1525 nach Rom gelangen, sind nicht weniger doppeldeutig als die Strategien der Gegenseite. Die im kaiserlichen Schreiben enthaltene Bestätigung Francesco Sforzas als Herzog von Mailand nämlich würde den Kaiser nicht daran hindern, diesem als ungetreuen Vasallen den Prozess zu machen – sofern er von dessen Verwicklung in die Verschwörung weiß. Weiß der Kaiser und tut nur so, als ob er nicht wüsste, oder weiß er wirklich nicht, das sind die Fragen, die man sich in Rom besorgt stellt. Und weiß er von der Rolle des Papstes in all diesen Intrigen? Clemens zögert und erhält zwei Monate Frist, um den Allianztext nach eigenen Vorstellungen zu modifizieren. Davon abgesehen, versichern sich beide Seiten ihres unverbrüchlichen Vertrauens – und wissen doch genau, dass der Schein triumphiert. Clemens nämlich verfasst eigenhändig einen langen Brief an den Kaiser, der die besten Wünsche zum neuen Jahr 1526 ausdrückt und zugleich von doppeldeutigen Formeln nur so wimmelt, die Verstrickung in das Komplott weder zugibt noch leugnet, vorsorglich aber alle Schuld auf den – inzwischen opportunerweise verstorbenen – Marchese di Pescara abwälzt. Was ganz und gar nicht stimmt, wie die Kaiserlichen peinlicherweise genau wissen.

Unterdessen ist sich Karl V. mit seinem illustren französischen Gefangenen über die Konditionen von dessen Freisetzung einig geworden. Die harten Auflagen sind Makulatur. Franz denkt nicht einen Augenblick daran sie einzuhalten, darin vom Papst weiterhin tatkräftig bestärkt. Dieser nämlich tendiert jetzt mehr denn je zum Bündnis mit Frankreich und Venedig gegen den allmächtigen Kaiser. De facto geht es also um Machtpolitik, offiziell um Harmonie in der Christenheit als Voraussetzung für den Kampf gegen die Osmanen. Währenddessen wird die Lage der Eingeschlossenen im Mailänder Kastell immer prekärer; der Herzog ist krank, vom Damoklesschwert des Prozesses eingeschüchtert, und die Lebensmittel werden knapp. Die Einwohner der lombardischen Metropole leiden furchtbar unter der Zügellosigkeit der spanischen Soldaten, die sich als uneingeschränkte Herren über Leben und Besitz aufführen. Vor diesem Hintergrund neigt sich die politische Waagschale endgültig zum anvisierten Dreierbündnis Frankreich-Rom-Venedig. Dessen Abschluss wird jetzt vom Papst – in einer Art psychologischer Schubumkehr – über alle Maßen forciert.

Bei ruhiger Betrachtung aber türmen sich gegen eine solche Allianz gravierende Einwände auf. Noch nämlich sind die Söhne Franz’ I. in spanischer Geiselhaft; Blut aber ist dicker als Wasser, das gilt allemal für einen König, der nur durch das Fehlen männlicher Erben in der Hauptlinie des Hauses Valois auf den französischen Thron gelangt ist und seine Dynastie um jeden Preis fortsetzen möchte. So aber ist der wichtigste Verbündete des Papstes, kommt es hart auf hart, zu heiligem Egoismus verdammt. Ähnlich egoistisch sind die Prioritäten Venedigs: nur keine Wiederholung des achtjährigen Abnutzungskriegs auf eigenem Territorium wie zwischen 1509 und 1517 gegen Kaiser Maximilian. Clemens aber glaubt sich durch die Liga von Cognac, die am 18. Mai 1526 abgeschlossen wird, wieder einmal aller Sorgen ledig. Obwohl sich das Bündnis für alle Welt einsichtig gegen Karl V. richtet, wird dieser zum Beitritt binnen drei Monaten aufgefordert, wofür allerdings Gegenleistungen zu erbringen sind: Freilassung der königlichen Prinzen und Garantien für Francesco Sforza. Diese Einladung wird von kaiserlicher Seite denn auch als das verstanden, was sie ist: eine sinnentleerte Formalität, wenn nicht Hohn und Spott. Vorsorglich hat die Liga nämlich schon die Heereskontingente in einem Krieg gegen das Reichsoberhaupt festgelegt. Der im Geschützwesen unvergleichlich versierte Herzog von Ferrara, ein regelrechter Kanonen-Künstler, ist auf ausdrücklichen Wunsch des Papstes nicht dabei. Noch gravierender: der französische König zögert mit der Ratifizierung des Bündnisses. Er hat ein weiteres Blatt im Ärmel: Verhandlungen mit dem Vizekönig von Neapel, also mit Spanien und Karl V. Wie du mir, so ich dir. Gegen diesen Papst muss man sich absichern.

Denn auch dessen Verhandlungen mit der Gegenseite gehen weiter. Trotzdem setzen jetzt die Kriegshandlungen ein. Das Heer der Liga, obwohl noch ohne die sehnlichst erwarteten Schweizer Söldner – das militärische Zünglein an der Waage in den Kriegen dieser Zeit –, beginnt seine Operationen in der Lombardei, wo es Lodi erobert. Der Befehlshaber des venezianischen Aufgebots und zugleich de facto Oberkommandierender der gesamten Armee ist ein alter Bekannter der Medici: Francesco Maria della Rovere, Herzog von Urbino. Ihn hatte Clemens’Vetter, Papst Leo X., 1516 in einem selbst nach den moralischen Maßstäben der Zeit schmutzigen Krieg aus seinem Herzogtum vertrieben, um dort einen Nepoten einzusetzen. Francesco Maria hatte zwar nach dem Tod Leos seinen Staat zurückgewonnen, doch unter Verlust einiger Gebiete, die an Florenz gefallen waren. Mit Clemens VII. war also eine Rechnung offen. Dementsprechend führt der Herzog jetzt und in der Folgezeit einen seltsamen Krieg. Vollmundige Verlautbarungen unmittelbar bevorstehender Triumphe kontrastieren mit Ausweichmanövern und Rückzügen allerorten. Dabei beruft er sich nicht minder hochtönend auf die spezifisch italienische Militärtradition: ragione, also Vernunft, nicht ferocia, Wildheit nach barbarischem Muster, sei der Garant des Erfolges. So zögerlich wie ihn aber hat man die hoch gerühmten gentleman-condottieri der Vergangenheit nie agieren sehen. Obwohl andauernd frisch angeworbene Schweizer ins Lager strömen, traut sich der Herzog erst sehr spät, die Belagerung von Mailand zu beginnen. Kurz zuvor trifft dort der Konnetabel von Bourbon mit spanischen Söldnern ein.

Auch er ist ein Heerführer der besonderen Art. Er hat die uralte Bindung seines Hauses an die Krone von Frankreich zerrissen und ist zum Kaiser übergelaufen; diesen Verrat bezahlt er mit der Verachtung seiner Standesgenossen in ganz Europa. Die kaiserlichen Soldaten in Mailand sind weniger empfindlich. Obwohl ihr Aufgebot dem der Liga weiterhin zahlenmäßig unterlegen ist, hebt dieser Zuzug die Stimmung in der belagerten Metropole. Und als die Verteidiger am Morgen des 8. Juli 1526 über die Mauern lugen, trauen sie ihren Augen nicht: Wo bitte sind die Feinde? Der Herzog hat den Abzug in angeblich sicherere Positionen, einige Meilen von der gemarterten Stadt entfernt, befohlen; seine wenig erfahrenen italienischen Fußsoldaten seien der Kampfkraft der spanischen Veteranen nicht gewachsen. Dabei hatten Scharmützel des Vortags genau das Gegenteil erwiesen. Della Roveres Offiziere sind ebenso rat- wie machtlos gegen diesen merkwürdigen Entschluss. Guicciardini schüttet klassischen Hohn aus: veni, vidi, fugi, dieser Anti-Cäsar kam, sah und floh.

Während im Norden eine Kriegskomödie zu seinem Nachteil aufgeführt wird, verhandelt Clemens VII. in Rom unverdrossen hinter dem Rücken seiner Alliierten, um sie zu möglichst günstigen Konditionen im Stich zu lassen. Und zu allem Überfluss lässt er sich darauf ein, einen Regimewechsel in Siena herbeizuführen, zum Nutzen und Frommen von Florenz und der Medici, die sich eine gefügige südliche Nachbarstadt wünschen. Dilettantisch eingefädelt, schlägt der Coup fehl, und das, obwohl die Republik Siena für ihre zermürbenden Konflikte zwischen rivalisierenden Interessengruppen berüchtigt ist, fremde Mächte also gute Interventionschancen haben. Unterdessen haben auch die Verteidiger des Mailänder Kastells die Waffen gestreckt. Francesco Sforza ist in den Händen seiner potentiellen Ankläger, was zu verhindern ein Hauptziel der Liga von Cognac gewesen war. Jetzt, da in Mailand alles verloren ist, zieht der Herzog von Urbino wieder vor die Mauern der Stadt; irgendwie muss man die vielen tausend Soldaten ja beschäftigen. Spektakuläre Aktionen aber bleiben weiterhin aus.

So viele Misserfolge rufen unweigerlich die inneren Gegner des Papsttums auf den Plan, die endlich die Stunde der Abrechnung herannahen sehen. Besonders kühne Pläne hegt die führende Baronalfamilie der Colonna, die seit alters Dutzende von castelli, Bergdörfern, in der römischen Umgebung und bis ins Königreich Neapel hinein beherrscht. Die Colonna wittern die Gelegenheit, ihre seit den Zeiten Alexanders VI. stetig verringerte Macht in alter Herrlichkeit zurückzugewinnen. Und sie brennen darauf, den verhassten Pontifex, der ihren chronisch oppositionellen Kardinal Pompeio aus dem Senat der Kirche ausgeschlossen hat, in seinem ureigenen Lebensraum zutiefst zu demütigen. An dieser zweiten Front stellt sich ein ungerufener Friedensstifter ein: Ugo de Moncada, seines Zeichens Vizekönig von Sizilien und laut Guicciardini einer der vielen düsteren Protagonisten, welche die schattenreiche diplomatische Bühne der Zeit bevölkern. Dementsprechend werden die Unterhandlungen zwischen Clemens und Don Ugo zu einem Paradestück der Doppelzüngigkeit. Der Papst nämlich plant, mit eigenen Truppen und seinen Verbündeten die spanische Herrschaft in Neapel zu stürzen. Und der Vizekönig hegt die Absicht, den ziellos hin und her schwankenden Pontifex mit Versöhnungsangeboten des Kaisers und der Colonna, dessen fünfter Kolonne in Rom, vollends zu desorientieren. Das gelingt in der Tat aufs beste, denn wieder einmal ist Clemens für die Täuschungsmanöver der Gegenseite blind. Er glaubt weiterhin, die Situation im Griff zu haben – und täuscht sich entsetzlich.

So ermahnt er in herrischen Tönen den König von Frankreich, endlich mehr Initiative zu zeigen und am besten Mailand, Genua und Neapel gleichzeitig anzugreifen. Und selbst den feindlichen Vasallen in Ferrara umwirbt der Papst, freilich auf seine Art. Was sollte der ahnenstolze Este-Herzog, der im Gegensatz zu den Medici-Parvenüs auf zweieinhalb Jahrhunderte der Herrschaft in seiner Hauptstadt sowie in Modena und Reggio zurückblicken konnte, von dem Vorschlag halten, die beiden letzteren Städte gegen das weitaus ärmere und zudem von den Venezianern begehrte Ravenna einzutauschen?

Inzwischen hat der Herzog von Urbino das Mailänder Unternehmen erneut abgeblasen und sich ein leichteres Objekt ausgewählt: Cremona, das sich bald darauf ergibt. Der strategische Nutzen dieser Alibieroberung tendiert gegen Null. Aufregender geht es derweil in Rom zu. Dort nämlich ist der große Coup der Colonna herangereift. Während ein Scheinangriff auf das Richtung Neapel gelegene Anagni die päpstlichen Truppen ablenkt, erstürmen sie mit gut fünfhundert Fußsoldaten und einigen Reitern in der Nacht zum 20. September 1526 drei südliche Stadttore, rücken nach Trastevere ein und dringen in den von Truppen weitgehend entblößten Borgo beim Vatikanischen Palast vor. Anfangs entschlossen, wie einst Bonifaz VIII. 1303 in Anagni im vollen päpstlichen Habit, die Tiara auf dem Kopf, unerschütterlich dem Ansturm der Gegner zu trotzen, wird Clemens VII. in letzter Minute in die Engelsburg und damit in Sicherheit gebracht. Denn dies ist nicht der Augenblick für effektvolle Inszenierungen. Die Familie Colonna, speziell der zu allem entschlossene Kardinal Pompeio, trachtet dem Pontifex nach dem Leben. Um ihre blutige Rache gebracht, halten sich die entfesselten Barone an Kult- und Kunstgegenständen des Vatikans schadlos und plündern, was nicht niet- und nagelfest ist. Der ganze Spuk dauert nicht länger als drei Stunden. Die Römer aber lassen sich die Nachtruhe nicht stören; für diesen Papst rührt keiner einen Finger.

Diese Parole gilt auch in der Lombardei, wo der Herzog von Urbino weiterhin energie- und ziellos rochiert. Inzwischen aber hat sich nördlich der Alpen Bedrohliches zugetragen. Nachdem die kaiserlichen Rüstungen aufgrund chronischer Geldknappheit nur zögernd vorangekommen sind, sammelt der populäre Landsknechtführer Georg von Frundsberg in Süddeutschland seine Veteranen, die durch das Ende des Bauernkriegs arbeitslos geworden sind, und stellt sie in den Dienst des Kaisers. Dieser allerdings hat kein Geld, um sie zu besolden. Obwohl Söldner normalerweise höchstens zwei Monate ohne Bezahlung bei der Fahne bleiben, kommt es in dieser eigenartigen Armee nicht zu den üblichen Meutereien. Das ist ein Alarmzeichen für die Feinde. Offenbar gibt es alternative Anreize – unheimliche Antriebe: Der Hass der vielen lutherisch gesonnenen Landsknechte gegen den Papst und nicht zuletzt nationale Ruhmes- und Revanchebedürfnisse halten diesen wilden Haufen zusammen. Man will den perfiden Italienern ein für alle Mal zeigen, was eine ehrliche deutsche Pike ist – und natürlich reiche Beute machen. Im Herbst 1526 hat dieses verwegene Heer den Gardasee erreicht und strebt Richtung Mailand, um sich mit den Truppen Bourbons zu vereinigen. Den Winter verbringen beide Seiten mit Stellungs- und Quartierwechseln, wobei intensivere Feindberührung vor allem von Della Rovere vermieden wird. Dennoch kommt bei einem strategisch überflüssigen Scharmützel der einzige Unterführer der Liga ums Leben, der das Zeug zum energischen Generalkommandanten gehabt hätte: Giovanni delle Bande Nere aus der jüngeren Linie des Hauses Medici.

Aber auch ohne größere Kampfhandlungen spitzt sich die Lage im Norden weiter zu. Frundsbergs vierzehntausend Landsknechte wollen verköstigt werden; die Versorgungsschwierigkeiten der spanischen Kontingente sind kaum geringer. Da die Poebene nach fast drei Jahrzehnten ununterbrochener Feldzüge ausgeplündert ist, der Krieg sich dort also nicht mehr selbst ernähren kann, muss man den Ort des Geschehens nach Süden verlagern; Toskaner und Römer sehen es mit ohnmächtigem Entsetzen. In Rom aber verhandelt Clemens weiterhin mit Moncada, als ob er alle Zeit der Welt und das allerbeste Gewissen hätte. In diesem Sinne hatte er ein bitterböses Breve an Karl V. gesandt, in dem er diesem als Kriegstreiber schwerste Vorhaltungen machte und sich selbst als unschuldiges Opfer dieser hinterhältigen Machenschaften darstellte. Dieser Ton erschien ihm dann allerdings nach dem üblichen Hin- und Herüberlegen zu scharf, so dass der fast schon obligatorische Zweitkurier mit einem weitaus milderen Schreiben hinterhergeschickt wurde, aufgrund des schlechten Wetters seinen Kollegen jedoch nicht mehr einzuholen vermochte. So kam Karl in den Genuss der beiden Texte, auf die er sich zweifach zu antworten das Vergnügen machte: einmal schroff, einmal verständigungsbereit. War das der Punkt ohne Wiederkehr, der letzte Anstoß dazu, den Dingen ihren Lauf zu lassen und diesen Papst seinem Schicksal zu überantworten?

Auch andernorts werden makabre Komödien aufgeführt. Geronimo Morone, die schwarze Seele der antikaiserlichen Verschwörung, sieht seiner für den nächsten Tag angesetzten öffentlichen Hinrichtung mit amüsierter Gelassenheit entgegen. Zu Recht: auf dem Schafott tut sich nichts, die schaulustigen Mailänder müssen enttäuscht von dannen ziehen. Der schlaue Diplomat wird nicht nur begnadigt, sondern rückt auch gleich wieder in seine alte Führungsposition auf. Im Zeitalter des Scheins sind Meisterbetrüger wie er absolut unverzichtbar. Das Jahr 1526 endet, wie es begonnen hatte: mit bösen Vorzeichen für Rom. Am Silvestertag nämlich schließt der Herzog von Ferrara einen Pakt mit dem Kaiser – rette sich, wer kann. Inzwischen nähert sich dessen immer zügellosere Armee Bologna und damit den Apennin-Übergängen. Clemens VII. aber sieht keinerlei Grund für Besorgnis oder gar Eile. Er führt in der nächsten Umgebung Roms Krieg gegen die Colonna und spanische Truppen, natürlich ohne die Unterredungen mit Moncada abzubrechen. Und während im Januar und Februar 1527 Moncadas Truppen Frosinone im römischen Hinterland belagern, versichern sich Papst und Kaiser in einem freundlich gehaltenen Briefwechsel ihrer guten Absichten und wechselseitigen Friedenssehnsucht, was Frankreich und Venedig naturgemäß aufs Höchste irritiert. Clemens zieht aus den milden Tönen seines Kontrahenten den Schluss, weiterhin am längeren Hebel zu sitzen, und hält dementsprechend seine Verbündeten energisch dazu an, mit der Expedition gegen Neapel endlich Ernst zu machen. Am 12. Februar soll das Unternehmen beginnen. Die Beute ist schon vorab verteilt. Das südliche Königreich ist für einen französischen Prinzen reserviert, der die siebenjährige Caterina de’Medici, eine Nichte des Papstes, heiraten soll; große Politik und Nepotismus befinden sich in zeittypischer Interesseneinheit. Der angesichts der Lage im Norden äußerst riskante Feldzug aber gerät von Anfang an ins Stocken: kein Geld, nichts zu essen, mangelhafte Logistik und keinerlei Enthusiasmus, stattdessen tiefes Misstrauen auf allen Seiten.

Die eisernen Würfel fallen anderswo. Dem abgerissenen kaiserlichen Heer hingegen stellt sich auf seinem Weg zur Beute kein nennenswerter Widerstand entgegen. Stattdessen hat der Herzog von Urbino eine Art Escortservice eingerichtet. Ein kleiner Heeresverband der Liga zieht der feindlichen Armee voraus, der große Rest hinterher, in sicherer Entfernung, versteht sich. Jetzt endlich geht Clemens’ Beratern ein Licht auf. Vielleicht sollte man dem Herzog von Urbino seine verlorenen Gebiete zurückgeben. Der Papst ist strikt dagegen. Sein Geiz erlaubt vorerst kein Einlenken; zähneknirschend gibt er am 13. April dann doch nach – als es längst zu spät ist. Inzwischen nämlich hat die feindliche Truppe das Gebirge überschritten und peilt Florenz an: rasend vor Hunger und Wut. Ihr sind auch die eigenen Kommandeure längst nicht mehr gewachsen; der Einzige, der diese verrohten Söldner noch bändigen könnte, Frundsberg, hat einen Schlaganfall erlitten und die Sprache verloren.

Statt sich in letzter Minute zu energischen Verteidigungsanstrengungen aufzuraffen, setzt Clemens weiterhin auf Verhandlungen, natürlich mit beiden Seiten. Einerseits fordert er immer kategorischer Unterstützung von seinen Verbündeten, andererseits schließt er mit den Kaiserlichen einen Waffenstillstand auf acht Monate. Im Glauben, jetzt endlich im sicheren Hafen angekommen zu sein, gibt er – wiederum den Bestimmungen des Pakts vorauseilend – allen Gegnern in der römischen Campagna ihre zwischenzeitlich entzogenen Besitzungen zurück. Frankreich und Venedig sind naturgemäß alles andere als erfreut über die hinter ihrem Rücken getroffenen Abmachungen; ihre ohnehin geringe Bereitschaft, dem irrlichternden Pontifex maximus noch zur Hilfe zu eilen, erlahmt vollends. Nur ein einziges Mittel könnte die rasende Soldateska jetzt noch aufhalten: viel Geld, bar auf die Hand. Dazu aber sieht Clemens nicht den geringsten Anlass; wo blieben dann seine Nepoten? Andere sind klüger und greifen nach diesem Strohhalm; Bologna etwa kauft sich in letzter Minute von der Plünderung frei.

Der Papst aber pocht auf sein Vertragspapier und entlässt seine letzten Truppen. Als das kaiserliche Heer vor den Mauern von Florenz angekommen ist, brechen dort Tumulte aus. Seit vier Jahren trug die Arnostadt die Kosten der päpstlichen Politik; jetzt aber, im Augenblick der höchsten Gefahr, sieht sie sich allein gelassen. Längst war ein großer Teil des Patriziats und die überwältigende Mehrheit der Mittelschicht das pseudorepublikanische Vormundschaftsregiment des Papstes beziehungsweise seiner arroganten Parvenüs vor Ort überdrüssig. Sie alle werden jetzt vertrieben, jedoch binnen weniger Stunden zurückgeholt und wieder eingesetzt. Noch ist die Macht des Papstes nicht gestürzt, noch funktionieren seine Sicherheitskräfte. Um dieselbe Zeit, am 25. April 1527, hatte sich Clemens wieder seiner Verbündeten erinnert und eine neue Föderation mit Frankreich und Venedig geschlossen. Doch dieser Panikdiplomatie trauen die nominellen Alliierten längst nicht mehr; auf ein alles entscheidendes Gefecht lassen sie sich weiterhin nicht ein.

Nur pro forma werden einige Truppen per Eilmarsch Richtung Tiber geschickt; sie bleiben Zaungäste des dortigen Geschehens. In Rom nimmt der Papst den condottiere Renzo da Ceri unter Vertrag. Dessen große Zeit liegt lange zurück. Er versichert seinem Auftraggeber, dass die Verteidigung der Ewigen Stadt kein Problem darstelle und sich das feindliche Heer an deren Mauern die Zähne ausbeißen werde. Clemens ist beruhigt; vorsichtshalber lässt er jedoch einen feierlichen Aufruf an die Römer ergehen, sich ihrer mehr als zweitausendjährigen ruhmreichen Geschichte würdig zu erweisen. Das Echo ist schwach; der reichste Mann Roms, so Guicciardini süffisant, spendet dem Gemeinwohl stolze hundert scudi.

So kommt es, wie es kommen muss. In den Morgenstunden des 6. Mai 1527 erstürmt das kaiserliche Heer unter Bourbon, der gleich zu Beginn von einem Arkebusenschuss tödlich getroffen wird, ohne allzu große Mühe die Borgomauern, strömt von dort nach Trastevere und ergießt sich über die Brücken, die einzureißen man nicht für nötig befand, in die übrigen Stadtteile. Eine monatelange Terrorherrschaft der Soldateska hebt an, der inklusive der Kampfhandlungen an die viertausend Personen zum Opfer fallen. Und jetzt stürzt auch die Macht der Medici in Florenz quasi von selbst. Eine der üblichen Plünderungen aber, wie sie viele Städte der Zeit über sich ergehen lassen müssen, ist der Sacco di Roma nicht. Zum einen wird die Anarchie zum Dauerzustand; für die Römer bricht ein Alptraum an, der ein volles Dreivierteljahr dauert. Er kann zum anderen schon deshalb nicht enden, weil die Söldner keinen Befehlshaber mehr anzuerkennen bereit sind. Selbst kaiserliche Würdenträger, in die Ewige Stadt zur Herstellung eines Minimums von Ordnung abkommandiert, müssen um ihr Leben fürchten. Vor allem aber ist die Gewaltanwendung anders als sonst motiviert und auf andere Ziele gerichtet. Ein Großteil der deutschen Söldner hat aus der reformatorischen Propaganda die Botschaft mitgenommen, dass der Papst der Antichrist, Rom die Hure Babylon sei, die Vernichtung der Stadt und ihres Hauptes also ein frommes, möglicherweise sogar die seligen tausend Jahre Christi auf Erden einleitendes Erlösungswerk bedeute. Und dieser Auftrag wird nach Vorschrift, genauer: nach Gebrauchsanweisung vollzogen. Die wirkungsvollsten der antipäpstlichen Pamphlete nämlich waren, um ein leseunkundiges Publikum anzusprechen, mit aussagekräftigen Holzschnitten versehen. Darauf verrichten Landsknechte ihre Notdurft in die päpstliche Tiara, baumeln Kardinäle am Galgen. In der virtuellen Welt der Flugblätter wie in deren getreulicher Umsetzung auf römischen Straßen und Plätzen läuft alles auf einen dauerhaften Karneval, auf eine verkehrte, von oben nach unten und von unten nach oben gekehrte Weltordnung hinaus, in der die einfachen Leute sich selbst ein ewiges Schlaraffenland bescheren.

Dessen Verwirklichung schien jetzt endlich, im Zeichen des nahenden Weltenendes, angebrochen. Alle Zeugen der bestürzenden Vorgänge, so emotional ihr Bericht im Einzelnen auch aufgeladen ist, stimmen hierin überein: dass die Stunde der Profanierung, der systematischen Entweihung geschlagen hat, dass die Riten der Kirche jetzt zu deren Verhöhnung benutzt werden. Spottumzüge mit hohen Prälaten, rückwärts auf Maultiere platziert, dienen der Belustigung, vor allem aber der Selbstrechtfertigung der johlenden Menge und der Bestätigung der zentralen Botschaft: Dieser pervertierte Palmsonntag zeigt an, dass die Zeit gekommen ist, in der die Großen klein und die Kleinen groß sind. Söldner sind jetzt Herren. Wie echte Ritter nehmen sie vornehme Feinde gefangen und verlangen Lösegeld, im Unterschied zu ihren aristokratischen Vorbildern jedoch nicht einmal, sondern immer wieder. Und auch dann gibt es keine Garantie für die Freilassung. Nicht wenige römische Adelige müssen sich bis zu viermal aus den Händen ihrer Peiniger loskaufen – um dann doch nicht heil davonzukommen.

Schließlich aber kehrt sich diese Ökonomie des Terrors gegen ihre Urheber. Nach sechs Monaten der Anarchie nämlich ist in der Ewigen Stadt mehr Gold als Getreide vorhanden; Hunger und Seuchen sind die Folge. Am Ende fällt mehr als die Hälfte der Sieger den Folgen des Sieges zum Opfer. Es gibt also doch eine göttliche Nemesis, vermerken die meisten Chronisten erleichtert. Und noch eine Schlussfolgerung ziehen sie: Das Volk ist ein Tier, es bedarf der Zügel und gegebenenfalls der Ketten, damit es nicht über die Stränge schlägt. Einmal entfesselt, ist seine Herrschaft – von Neid, Ignoranz, Aberglauben und Dummheit angefacht – der schlimmste aller politischen Zustände.

Der Papst, im letzten Moment in die Engelsburg geflüchtet, verhandelt selbst in dieser äußersten Bedrängnis weiterhin mit Feind und Freund. Und am Ende hat er damit – so Guicciardinis ebenso resigniertes wie empörtes Fazit – sogar noch Erfolg. Schon bald nämlich gebärden sich Kaiser und Papst wie die engsten Freunde, das Malheur von 1527 ist schnell vergessen. Kein Wort mehr von dieser Peinlichkeit, als Clemens Karl an dessen dreißigstem Geburtstag in Bologna zum Kaiser krönt. Ein halbes Jahr danach, im August 1530, wäscht die eine Hand die andere, ein spanisches Heer macht der endzeitlich fanatisierten Republik in Florenz ein blutiges Ende. Die Medici sind wieder die Herrn ihrer Stadt. Und als i-Tüpfelchen auf der schönen dynastischen Freundschaft heiratet der neue Herzog von Florenz, Alessandro de’Medici, die ‘natürliche’ Tochter Karls V., Margarethe. Ihre sechsjährige Ehe wird ein Alptraum, dem erst die Ermordung ihres gewalttätigen Gatten durch einen eifersüchtigen Verwandten im Januar 1537 ein Ende setzt. Zu diesem Zeitpunkt liegt Clemens VII. schon über zwei Jahre im Grab. Er starb mit sich und der Welt zufrieden. Schließlich war es ihm gelungen, seine Familie auch mit dem Königshaus von Frankreich zu verschwägern; in Marseille hatte er höchstselbst den zweiten Sohn Franz’ I. mit Caterina de’Medici vermählt. Ihr wird viel später als Königin und Mutter von drei Königen eine bedeutende Rolle in der französischen Geschichte sowie ein lang anhaltender schlechter Ruf als Giftmischerin und Hugenotten-Mörderin beschieden sein – überwiegend zu Unrecht, wie die heutige Forschung befindet.

Überhaupt ist der Sacco di Roma kein tiefer Einschnitt, geschweige denn das brüske Ende einer Epoche. Nicht einmal das Papsttum verzeichnet die geringsten Sofortwirkungen. Nepotismus, Amtsverständnis, Selbstdarstellung, alles bleibt erst einmal unverändert. Langfristig aber stellt sich dann doch ein Memento ein. Die Herrschaft des Pontifex maximus ist auf Religion gegründet; übernatürliche, überzeitliche Einsetzung allein verleiht seiner Macht Weihe und Dauer. Dieser Unterschied zu weltlicher Macht bedarf der dauerhaften Umsetzung: in Propagandakunstwerken, aber auch in der praktischen Politik. Wenn der Papst jedoch dieselbe Staatsräson betreibt wie Kaiser und Könige, geht diese Differenz verloren. Das aber hat zur Folge, dass man mit Rom nicht zimperlicher umspringt als mit anderen Gegnern – und sich sein Machtanspruch definitiv verschleißt. Aus dieser Lektion von 1527 werden langfristig Lehren gezogen, verhüllter, indirekter, vorsichtiger zu agieren. Mit einem Schlüsselwort gesagt: es geht darum, prudenza zu praktizieren, sich vielfältig abzusichern, keine zu großen Risiken mehr einzugehen, Hintertüren offen zu lassen und vor allem in Worten, Bauten und Bildern die Andersartigkeit des Papsttums, seine religiöse Fundierung, zu verkünden. Um etwa 1600 ist diese Wende und Neuausrichtung definitiv vollzogen.

Zu diesem Zeitpunkt ruht Francesco Guicciardini seit mehr als einem halben Jahrhundert in der Familiengruft von S. Felicità in Florenz. Er hat den Wettlauf mit dem Tod knapp gewonnen – sein Werk ist fertig, er kann sterben. Auch er hat seine Schlüsse aus dem Schicksalsjahr 1527 gezogen. Alle Macht ist de facto Unvernunft, ihre Ausübung von der Verblendung der Mächtigen irregeleitet. Alle Macht ist daher böse. Die Geschichte gehorcht nicht der ordnenden Ratio, sondern wird vom verworrenen Kräftediagramm der Gier, der Expansion, des Betrugs getrieben. Vor allem aber bedeutet Geschichte umfassenden Wandel, der Mensch selbst bleibt in der Zeit nicht gleich; seine Vorlieben, seine Vorurteile, seine Glaubenswelten – alles ändert sich, und zwar fundamental. Man kann aus Vergangenheit nicht lernen, sondern sie nur im Rückblick verstehen. So erwächst aus der Katastrophe von 1527 eine große Erkenntnis und ein neuer Beruf: der des Historikers.

ARNE KARSTEN

Der Botschafter und der Mörder

Innozenz X. schäumte vor Wut. Selbst seinen engsten Mitarbeitern, jenen Angehörigen der famiglia, die täglich mit ihm zu tun haben und deshalb an die cholerischen Zornesausbrüche des Papstes nachgerade gewöhnt sind, hatte das heutige Schauspiel die Sprache verschlagen. Dabei war der Tagesbeginn zunächst scheinbar friedlich und formvollendet gewesen. Der französische Botschafter Henry d’Étampes-Valençay hatte sich zur Audienz im Quirinalspalast eingefunden, mit jenem pompösen Gefolge, das ein Vertreter der französischen Krone sich und seinem Herrn schuldig zu sein glaubte, und vielleicht sogar noch ein wenig mehr. Denn die Beziehungen zwischen dem regierenden Papst Innozenz X. Pamphili und Frankreich waren schlecht. In Paris warf man ihm die einseitige Begünstigung der Spanier vor, mit denen die Franzosen um die Vorherrschaft in Europa kämpften, wie auch um den größeren Einfluss an der römischen Kurie. Innozenz X. seinerseits betrachtete die französischen Versuche, die Politik des Papsttums zu beeinflussen, als unerträgliche Anmaßung.

Kein Wunder also, wenn sein Verhältnis zu d’Étampes-Valençay alles andere als herzlich war. Und der Botschafter tat nichts, um es zu verbessern. Im Gegenteil: auch bei dieser Audienz hatte er die endlosen Höflichkeitsrituale, die ein Gespräch mit dem Papst einzuleiten pflegten, in einem von ihm zur Perfektion entwickelten Ton provokativer Arroganz vorgetragen, der den ohnehin leicht erregbaren Papst zur Weißglut trieb. Und dann war das Gespräch auch noch auf die Barberini gekommen!

Innozenz’ X. direkter Vorgänger auf dem Stuhl Petri, Urban VIII., aus dem Hause Barberini, hatte sich seiner eigenen Familie gegenüber nicht anders benommen als die übrigen Päpste des 16. und 17. Jahrhunderts: großzügig. Das war nicht nur normal, sondern wurde von den Zeitgenossen sogar als moralisch anständiges Verhalten gewertet, schließlich konnte eine Karriere an der Kurie nur gelingen, wenn sie von der ganzen Familie getragen wurde. So war es nicht mehr als recht, sich dafür erkenntlich zu zeigen, wenn man zu höchsten Würden aufgestiegen war. Freilich durfte diese Erkenntlichkeit, um moralisch geboten oder auch nur vertretbar zu erscheinen, gewisse Grenzen nicht überschreiten, und Urbans Verwandtenförderung hatte alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt. Der Grund dafür lag weniger in besonders rücksichtslosen Bereicherungsmethoden als in der ungewöhnlich langen Dauer des Barberini-Pontifikates: Einundzwanzig Jahre lang flossen kirchliche und staatliche Einnahmen des Papstes zum guten Teil in die Taschen seiner drei Neffen, der Kardinäle Francesco und Antonio sowie Don Taddeos, der nach der Heirat mit Anna Colonna, aus ältestem römischen Adel stammend, der weltliche Chef des Hauses war.

Reich und mächtig also waren die Barberini während der Herrschaft ihres Familienpapstes geworden – und hatten sich dabei unvermeidlicherweise eine Vielzahl von Feinden geschaffen, die nur darauf warteten, den Parvenüs die Grenzen zeigen zu können. Die Gelegenheit kam mit dem Tod Urbans VIII. und der Wahl seines Nachfolgers. Jetzt schlug die Stunde all der Zurückgesetzten, Benachteiligten, Verbitterten, die einundzwanzig Jahre lang im Schatten gestanden hatten. Die Frage nach dem Verbleib astronomischer Summen wurde gestellt, immer lauter, immer drängender. Im Sommer 1645 setzte der neue Papst Innozenz X. eine Untersuchungskommission ein, und kurz danach gelangte der besonders kompromittierte Kardinal Antonio Barberini zu der Überzeugung, dass es klüger sei, sich aus dem Staub zu machen. Bei Nacht und Nebel verließ er ohne päpstliche Genehmigung Rom. Es war eine kaum noch bemäntelte Flucht. Seine Brüder hielten ein wenig länger aus, aber im Januar 1646 flüchteten auch sie gen Frankreich. Am Hof des französischen Königs hofften sie auf Asyl, hatten sie doch in den Jahren ihrer Herrschaft stets ein gutes Verhältnis zu Frankreich gepflegt. Nicht nur eine Pikanterie am Rande, sondern aufschlussreich für die gesellschaftlichen Strukturen der Epoche ist der Sachverhalt, dass es sich bei jenem französischen Premierminister, in dessen Schutz sich die Barberini flüchteten, um eine ihre ehemaligen Kreaturen handelte. Jules Mazarin war nämlich als Giulio Mazzarini geboren worden und hatte seine steile politische Karriere als Angestellter der Barberini begonnen, ehe er, gewiss aufgrund der interessanteren Aufstiegschancen, in den Dienst der französischen Krone gewechselt war. Nunmehr konnte er sich als Protektor seiner ehemaligen Herren bewähren – oder aufspielen.

In jedem Fall war Mazarin von dieser Konstellation begeistert. Mit den Barberini hatte er einen hervorragenden Vorwand im Hause, sich in die Politik des Kirchenstaates einmischen zu können, und das tat er mit großer Entschlossenheit. Seine Politik zielte darauf, den Papst zu einer Amnestierung der Barberini zu bewegen: damit würde alle Welt sehen, wie weit die französische Macht reichte. Umgekehrt wollte Innozenz X. genau aus diesem Grund von Amnestie nichts wissen. Er war der Herr im Kirchenstaat und nicht im mindesten gesonnen, sich von anderen Mächten in innere Angelegenheiten hereinreden zu lassen.


Diego Velázquez, Porträt Papst Innozenz’ X. Pamphili, Galleria Doria-Pamphilj, Rom

Diego Velázquez, als spanischer Hofmaler wiederholt in Italien, schuf das Porträt des Pamphili-Papstes im Jahre 1650. In der Wahl des Malers drückte sich nicht zuletzt die politische Ausrichtung des Papsttums in diesen Jahren aus: Innozenz X. (1644–1655) setzte zu Beginn seiner Herrschaft eindeutig auf ein gutes Verhältnis zu Spanien; entsprechend schlecht entwickelten sich die diplomatischen Beziehungen zu Frankreich. Eindrucksvoll kommt in dem Bild die Verschlagenheit des für seine Stimmungsschwankungen und unkontrollierten Wutausbrüche berüchtigten Pontifex zum Ausdruck, der bei der Enthüllung des Bildes gesagt haben soll: „Troppo vero“ – „Zu wahr!“

Kein Wunder also, dass Innozenz X. auf die Ausführungen des Botschafters d’Étampes-Valençay mit Unwillen reagierte, als man auf die Barberini-Affäre zu sprechen kam. Das war allerdings nicht der einzige Grund für seinen Wutanfall. Vielmehr hatte der Papst vor ein paar Tagen erfahren, dass d’Étampes im Botschaftsgebäude einem lange gesuchten Berufskriminellen und mehrfachen Mörder Unterschlupf gewährte. Das klingt für unsere Ohren unglaubwürdig, war aber im Rom des 17. Jahrhunderts nicht gar so sensationell. Wenn man dem päpstlichen Stadtherren die Grenzen seiner Macht vor Augen führen wollte, war die Beherbergung von Kriminellen keine schlechte Methode. So dachte sich auch d’Étampes und ließ für den Banditen sogar einen versteckten Verschlag zimmern. In den folgenden Wochen war die Gegend um die französische Botschaft ein gefährliches Pflaster. Eines Morgens fanden Passanten im Morgengrauen vor dem Tritonenbrunnen einen abgeschlagenen Kopf, der so entsetzlich zugerichtet war, dass er nicht einmal identifiziert werden konnte. Wenig später wurde ein Soldat der päpstlichen Truppen in derselben Gegend umgebracht.

Schließlich aber kamen die päpstlichen sbirri (wörtlich: Häscher, die frühneuzeitlichen Vorläufer der Polizei im Kirchenstaat) dem Banditen auf die Schliche. Auf seinen Kopf war inzwischen die beachtliche Summe von 300 scudi ausgesetzt, etwaigen Denunzianten vollkommene Anonymität zugesichert worden. Unter diesen Umständen waren sogar einige Botschaftsangestellte zur Aussage bereit, die nicht nur die Anwesenheit des Verbrechers bestätigten, sondern den Bütteln des Papstes auch noch sein Versteck verrieten, „denn um das Kopfgeld zu bekommen kümmerte man sich nicht um die Schande, für einen Verräter gehalten zu werden und einen Rebellen gegen seinen Herrn“.

Innozenz X. war sich seiner Sache also zu Recht sicher, als er in seiner Wut dem französischen Botschafter an den Kopf warf: „Nehmt zur Kenntnis, dass wir Berichte und Beweise haben, dass sich in Eurem Palast Verbrecher aufhalten!“ Und wie hatte d’Étampes darauf reagiert? Nicht etwa mit Verlegenheit oder gar einer Entschuldigung, sondern mit entrüstetem Leugnen! Dergleichen war unerhört? Innozenz verlor den Rest seiner Fassung. Es fehlte nicht viel, und der fünfundsiebzigjährige Greis hätte sich auf sein Gegenüber gestürzt. Die Audienz endete mit der brüsken Verabschiedung d’Étampes, und noch bevor der Botschafter den Quirinalspalast verlassen hatte, rief der Papst den Chef der Stadtverwaltung, den governatore di Roma, Monsignore Girolamo Farnese, zu sich. Hier galt es, ein Exempel zu statuieren, und zwar ein weithin sichtbares. Wenn d’Étampes-Valençay glaubte, er könne den päpstlichen Ordnungskräften auf der Nase herumtanzen, so würde es höchste Zeit, ihn eines Besseren zu belehren!

Der Plan, den der greise Papst und der governatore di Roma nun fassten, war ebenso schlicht wie spektakulär: er sah nicht weniger als die Erstürmung der französischen Botschaft vor, mithin die Verletzung der diplomatischen Immunität, um den Verbrecher festnehmen zu können. Zu diesem Zweck würde man nicht nur ein paar sbirri losschicken, sondern ihnen zur Rückendeckung 150 Mann der päpstlichen Garde mitgeben. Die Soldaten waren in drei Gruppen zu 50 Mann aufzuteilen. Jede Gruppe hatte eine der Zugangsstraßen zur Botschaft zu sperren und erhielt zu diesem Zweck auch gleich noch ein leichtes Feldgeschütz. War die französische Botschaft auf diese Weise isoliert, sollten die sbirri ohne Vorankündigung das Tor des Palazzo aufsprengen, das Personal festsetzen und sich auf die Suche nach dem Mörder machen, ihn festnehmen und daraufhin zum Quirinal gehen, um ihn dem Papst vorzuführen. Der würde in diesem Moment gerade d’Étampes zur Audienz empfangen und ihm das menschliche Corpus Delicti zeigen, wenn es an den Fenstern des Audienzzimmers vorbeigeführt wurde. Kein Zweifel, das würde Eindruck machen! Und bei dieser Gelegenheit konnte Innozenz dem Botschafter nicht nur sein Vergehen vorwerfen, sondern den arroganten Kerl auch gleich aus Rom ausweisen.

Gesagt, getan: als d’Étampes einige Tage später erneut zur Audienz erschien, wurde der Plan in die Tat umgesetzt. Die Tore der französischen Botschaft waren kaum gesprengt, als die sbirri auch schon das gesamte Botschaftspersonal festnahmen, damit es nicht etwa den Hausherrn benachrichtigen konnte. Dann machte man sich daran, das beschriebene Versteck zu suchen, wo man den Verbrecher in ahnungslosem Schlaf antraf, ihn sich in aller Eile ankleiden ließ, fesselte und zum Quirinal abführte. Da von Seiten der völlig überraschten Franzosen keinerlei Widerstand geleistet wurde, brauchten die Soldaten nicht einzugreifen und auch der Einsatz der Feldgeschütze in den engen Straßen Roms unterblieb.

Als der Papst die Prozession der sbirri mit dem Delinquenten in ihrer Mitte sah, rief er den Botschafter ans Fenster und machte seine Vorsätze wahr, indem er ihn ins Gesicht einen Lügner nannte, und, besonders tödlicher Vorwurf in der auf Etikette bedachten höfischen Gesellschaft, einen schlechten Edelmann. D’Étampes war tatsächlich für einen Augenblick sprachlos, erst recht als ihm bedeutet wurde, er habe drei Stunden Zeit, um Rom, sechs Stunden, um den Kirchenstaat zu verlassen. Doch war es eher ein Schweigen der Wut als der Beschämung. Kaum in der Botschaft zurück, schickte er einen Eilboten los, der die Nachricht vom Skandal nach Paris bringen sollte. Daraufhin verließ er wie befohlen Rom.

Der Nachrichtenverkehr im 17. Jahrhundert war für unsere Begriffe äußerst langsam; selbst ein hoch bezahlter Eilbote brauchte unter günstigen Bedingungen rund zehn Tage von Rom nach Paris. Es versteht sich, dass d’Étampes der Ansicht war, die Ereignisse würden die Sendung eines solchen rechtfertigen. Die Antwort des französischen Königs kam denn auch rasch, und sie fiel aus, wie d’Étampes es erhofft und erwartet hatte. In hochoffizieller Empörung über die Verletzung der diplomatischen Immunität wurde verlangt, der Papst solle unverzüglich Genugtuung leisten, und zwar indem er zuallererst den Botschafter nach Rom zurückrufe, zweitens die am Übergriff auf die Botschaft beteiligten sbirri öffentlich hinrichten lasse und drittens den governatore der Stadt Rom nach Paris schicke, damit er dort offiziell den König um Entschuldigung bitte.

Der Papst war erneut außer sich. Hatte er nicht mit seiner Polizeiaktion lediglich das Recht, ja die Pflicht eines verantwortungsbewussten Landesherren ausgeübt? War nicht auf dem Botschaftsgelände tatsächlich ein notorischer, steckbrieflich gesuchter Mörder gefasst worden? Und hatte d’Étampes-Valençay schließlich nicht nur mit dessen Aufnahme gegen Recht und Gesetz verstoßen, sondern ihn darüber hinaus auch noch angelogen? Der Wutausbruch war verständlich und ebenso die nächste Reaktion Innozenz’ X. Gegenüber dem Überbringer des französischen Forderungskataloges, Henri Arnauld, Abt von S. Nicola, lehnte er es kategorisch ab, über eine Rückkehr d’Étampes in die Ewige Stadt auch nur zu verhandeln. Die unerträgliche Arroganz und maßlose Unverschämtheit des Diplomaten wolle er an seinem Hof nicht mehr dulden.

Das mochte vielleicht verständlich sein, gefiel aber den führenden Politikern in Paris, zumal dem Kardinal Mazarin, nicht im allermindesten. Die Affäre nahm nunmehr eine bedrohliche Wendung. Frankreich sandte 12000 Mann frischer Truppen zur Belagerung der südtoskanischen Hafenstadt Orbetello, um deren Besitz man sich seit längerer Zeit mit Spanien stritt. Es war bisher ein einigermaßen lustlos geführter Nebenkrieg des ganz Europa erschütternden Konfliktes zwischen den beiden Großmächten, der sich schon einige Jahre matt und ereignisarm in die Länge zog, nun aber mit einem Schlag an Interesse gewann. Denn Orbetello lag ganz in der Nähe des Kirchenstaates. Mazarin ließ dem Papst ausrichten, dass die frischen Truppen für einige Unruhe im Kirchenstaat sorgen könnten, wenn dem König nicht Genugtuung geleistet werde. Das war eine kaum noch verhüllte Kriegsdrohung. In Rom bekam man Angst. Eine Reihe von Kardinälen wies den Papst auf die kaum abschätzbaren Gefahren hin und auch Angehörige des römischen Adels drängten mit Nachdruck auf eine diplomatische Lösung.

Zähneknirschend gab Innozenz X. nach, erklärte sich zu neuen Verhandlungen bereit – und musste feststellen, dass die Franzosen inzwischen eine neue Forderung erhoben: die Amnestierung der Barberini-Brüder! Es war damit endgültig klar, dass die Genugtuungsforderungen für die Verletzung der Botschaftsimmunität nur ein Vorwand für die Demütigung des Papstes war, aber was nützte den Römern alle moralische Entrüstung. Die Macht in Form der stärkeren Bataillone war auf Seiten der Franzosen und hat noch selten nach Recht und Moral gefragt. Wenn der Papst glaubte, längst überholte Suprematieansprüche erheben zu können, so war es aus Sicht des Pariser Hofes höchste Zeit, ihn über die realen Machtverhältnisse aufzuklären.

Die Lektion fiel bitter aus. Innozenz’ X. Kompromissvorschlag, den inzwischen nach Rom zurückgekehrten und weniger belasteten Kardinal Francesco Barberini wieder in seine Ämter einzusetzen, nicht jedoch den besonders frankophilen Antonio, wurde rundweg abgelehnt. Vollständige Rehabilitierung beider Kardinäle, so lautete die kategorische Forderung, und am Ende wurde sie erfüllt. Damit endete die Affäre, eine der vielen diplomatischen Niederlagen, die das Papsttum im 17. Jahrhundert erlitt und die seinen unaufhaltsamen Abstieg von einer europäischen Großmacht zu einem italienischen Kleinstaat markierten. Selbst die persönliche Demütigung blieb Innozenz X., der den Kampf so vermessen-hochgemut begonnen hatte, nicht erspart. Henry d’Étampes-Valençay, den arroganten französischen Botschafter, musste er nach Rom zurückrufen und sich weiterhin während der Audienzen über dessen Unverschämtheiten ärgern.

VOLKER REINHARDT

Der Sanierer

1676 waren die guten Jahre am Tiber lange vorbei. Im Westfälischen Frieden von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, den konfessionellen Ausgleichszustand in Deutschland und eine europäische Friedensordnung festschrieb, wurde der Papst nicht einmal erwähnt. Es war wohl auch besser so. Denn er war nicht einverstanden, im Gegenteil. Doch die römischen Proteste gegen diese dauerhafte Aufwertung der ‘Ketzer’ kümmerten die führenden Mächte nicht mehr. Aus päpstlicher Sicht noch fataler: sie betrieben Religionspolitik jetzt zunehmend in eigener Regie. Dass die Kirche ein Teil des Staates, ja dessen Behörde und daher den Anweisungen des Herrschers unterworfen sein sollte, diese Überzeugung bricht sich vor allem in Frankreich Bahn; dort regiert mit Ludwig XIV. ein König, der eine hohe Auffassung von seinem Rang und seinen Rechten hegt. Für den Papst bleibt in seiner Sicht der Dinge wenig mehr als ein formaler Ehrenvorrang. Aber auch dieser ist in Gefahr, mehr noch: die römische Ehre insgesamt. Seit zwei Jahrzehnten zirkulieren auf dem europäischen Buchmarkt anzügliche Broschüren, die dem interessierten Publikum Blicke hinter kuriale Vorhänge verheißen, Motto: toll treiben es die Nepoten.

Vor allem aber krankt Rom ökonomisch. Im Klartext: der Kirchenstaat ist finanziell ruiniert, seine Wirtschaftskraft stark geschwächt – und die Ursache für diese Misere so simpel wie heutzutage aktuell. Man hatte über seine Verhältnisse gelebt. Sprich auf Pump. Oder um es anklagender auszudrücken: man hatte das Vermögen der nächsten Generation gleich mit ausgegeben. Und noch eine gewisse Parallele zur Gegenwart drängt sich auf: die Hoffnung auf einen Wirtschaftsboom, welcher durch ein steigendes Bruttosozialprodukt und eine diskrete Inflation die angesammelten Schulden tilgen helfen würde, erwies sich als eine Illusion. Spätestens hier ist der Punkt erreicht, um die geneigte Leserin, den geneigten Leser fairerweise zu warnen: wer den Wirtschaftsteil seiner Tageszeitung undurchblättert beiseite legt, sollte zur nächsten Geschichte übergehen. Doch nicht selten findet man auf diesen Seiten die wahren Tragödien. Oder auch Heldentaten oder wie im hier zu erzählenden Fall auch beides zusammen.

Ende 1676 summierte sich das Defizit der öffentlichen Hand in Rom auf fünfzig Millionen scudi. Das zumindest schreiben die venezianischen Botschafter. Als gewiefte Kaufleute müssen sie es wissen. Oder zumindest einigermaßen zutreffend abschätzen können. Der Papst und seine zuständigen Amtsträger selbst haben kaum eine ungefähre Vorstellung, wie tief sie in der Kreide stehen. Sie wollen es auch gar nicht wissen – so wie der Verdammte auf Michelangelos Jüngstem Gericht halten sie sich die Hand vor die Augen, um den Abgrund nicht zu sehen, in den sie stürzen. Oder besser: in dem sie längst unsanft gelandet sind. Dass man keinen Überblick hat, liegt vor allem daran, dass es keine auch nur ansatzweise zentrale Kassenführung gibt. Jede Behörde mit eigenem Budget und eigener Gerichtsbarkeit – und es ist nirgendwo aufgelistet, wie viele das eigentlich sind – wirtschaftet vor sich hin. Und zwar mehr schlecht als recht. Wer römische Kassenbücher zwischen 1640 und 1676 durchsieht, den packt das kalte Grausen. Zahlen werden nicht mehr addiert und wenn doch, oft genug falsch; Saldi werden nicht mehr gezogen, Bilanzen nicht mehr erstellt: eine traumhafte Situation für die Geschäftswelt in Rom, vor allem für die genuesischen Großfirmen, die Getreide einkaufen und Kredite bereitstellen. Niemand schaut ihnen auf die Finger. Rom, der große Selbstbedienungsladen in Sachen Finanzen.

Die Kardinäle, welche im August 1676 das Konklave beziehen, wissen oder ahnen zumindest, wie ernst die Lage ist, auch wenn sie keine sicheren Zahlen kennen. Schon seit mehr als einem Jahrzehnt hat sich das Kollegium der Purpurträger in ganz neuartiger Weise sortiert – und damit zugleich polarisiert. Die alten Gefolgschaften, die sich um Spanien und Frankreich und um die Kardinalnepoten der letzten Päpste scharen, bestehen durchaus fort. Doch die damit gezogenen Grenzen verblassen zunehmend; viel schärfer tritt jetzt eine neuartige Trennlinie hervor. Auch sie mutet uns Heutigen vertraut an. Denn sie verläuft zwischen Reformern und Beharrern. Die Letzteren, überwiegend saturierte alte Männer, besitzen eine seltene Fähigkeit: unbegrenzt verdrängen zu können. Ihre Devise lautet: es wird schon weitergehen, zumindest so lange, wie wir leben. Hatte nicht schon der Erzbösewicht Machiavelli anderthalb Jahrhunderte zuvor in seinem ruchlosen Traktat über den Fürsten geschrieben, dass die Herrschaft des Papstes schlichtweg nicht untergehen kann? Die Fraktion der Reformer – sie macht gerade einmal ein Neuntel der Wahlberechtigten aus – ist davon längst nicht mehr überzeugt. In ihren Augen ist die Welt böser geworden, ja sie schreckt vor nichts mehr zurück, nicht einmal davor, Hand an das Papsttum zu legen. Dabei versteht diese Gruppierung der zelanti, der „Eiferer“, Reform im ursprünglichen Wortsinn: Wiederherstellung der alten, besseren Gestalt. In diesem Fall heißt das: zurück zu den strengen Leitsätzen des Konzils von Trient, die in ihrer Schärfe niemals zur Anwendung gelangt sind. Vor allem aber bedeutet es einen politisch-moralischen Appell, dessen Befolgung in ihren Augen gleichfalls seit mehr als einem Jahrhundert überfällig ist: schaffen wir endlich den ewigen Stein des Anstoßes aus dem Weg – schaffen wir den Nepotismus ab. Seit langem ist kaum ein Jahr vergangen, in dem nicht – auch das eine Ähnlichkeit zum frühen 21. Jahrhundert – der regierende Papst eine hochkarätige Kommission ins Leben gerufen hat, die sich dieser Frage aller Fragen zu widmen hatte. Darf er oder darf er nicht – darf der regierende Pontifex maximus seine Verwandten erhöhen, und falls ja, wie weit, wie glanzvoll, wie kostspielig? Was wie ein müßiges Spiel der Regierenden aussehen mag, ist in Wirklichkeit blutiger, heiliger Ernst: Roms Herz, der Nepotismus, schlägt unruhig. Und nach der Mitte des 17. Jh. erbringt diese angstvolle, qualvolle Gewissensbefragung immer seltener die erhofften beschwichtigenden Antworten (die am Ende doch nicht beruhigen können) und stattdessen immer häufiger ein niederschmetternd negatives Resultat: nein, er darf nicht, schlimmer noch, er stellt sein Seelenheil aufs Spiel, wenn er es tut. Und so stirbt Innozenz’ dritter Vorgänger, Alexander VII., der sich am Beginn seiner Regierung als erster eine Generalsanierung des Systems Rom zu Ziel gesetzt hatte, 1667 im Zustand der völligen Verzweiflung; er hatte einige Monate lang durchgehalten, hatte seine Verwandten von Rom fern gehalten, um dann umso rückhaltloser rückfällig zu werden.

Neun Jahre später wird die Wahl des neuen Papstes auf diese Weise zu einer Abstimmung über Sein oder Nichtsein: Rückwärtserneuerung im Sinne einer rigorosen moralischen Ökonomie – oder Augen zu und vorwärts in den Bankrott. Im Jargon der Fachkommissionen ausgedrückt: wollen wir, brauchen wir einen Papst, dem nichts Menschliches fremd ist, oder einen Pontifex, der ganz dem Jenseits zugewandt ist? Theologisch konnte man beide Varianten begründen. Schließlich war Christus, der Gottessohn, selbst Mensch geworden, hatte sich also aus der einsamen Höhe des Göttlichen herabgelassen zu seinen Geschöpfen, nicht zuletzt, um auch deren Empfindungen zu teilen. Also musste auch Er gewusst haben, dass Blut dicker ist als Wasser; und waren Seine Apostel nicht gleichfalls nach Verwandtschaft handverlesen? Dieser religiösen Rechtfertigung des Nepotismus radikal entgegen waren die ‘Eiferer’ der Ansicht, dass das Amt des Papstes im Wesentlichen nicht von dieser Welt sein durfte, sondern auf Zeitenende und Ewigkeit gerichtet zu sein hatte. Weltliche Herrschaft war eine Last, eine Treuhänderschaft, die man leidend und duldend auf sich nehmen musste: zum Nutzen der anderen – und mit sauberen Händen. Mani pulite 1676.

Und damit enden die Parallelen zur Gegenwart. Denn am 21. September 1676 erheben die Kardinäle den radikalsten aller Reformer zum Papst: Benedetto Odescalchi, fünfundsechzig Jahre alt, seit einunddreißig Jahren Kardinal und dadurch mit den Missständen des alten Systems bestens vertraut. Hinterher konnte niemand behaupten, er habe nicht gewusst, was er tat. Der neue Papst hatte wie nicht wenige Kardinäle der letzten zwei Jahrhunderte einen Lebensstil des symbolischen Widerstands geführt und damit das Gegenbild einer alternativen Kirche gezeichnet. In Zeiten des voll entfalteten, um nicht zu sagen: entfesselten Nepotismus hatte er innerweltliche Askese praktiziert. Ein weißgetünchtes Schlafgemach fast ohne Möbel, nur ein Kruzifix an der Wand, frugalste Mahlzeiten, dauerndes Memento mori – bedenke, dass du sterben musst. Das war sehr barock, passte zum Zeitgeist und hieß noch nicht viel. Schließlich hielt sich auch Alexander VII., welcher der süßen Stimme des Blutes am Ende nachgab, einen aufgeschlagenen Sarg als Wohnzierde.


Gianlorenzo Bernini, Karikatur Innozenz’ XI. Odescalchi

Ein fader Pedant, öder Kleingeist und Verächter des Schönen – so zeigt Berninis grausame Karikatur den durchgreifendsten Reformpapst der Neuzeit. Diesen Hass zog sich Innozenz XI. dadurch zu, dass sein Regierungsprogramm „Spitäler statt Spektakel“ lautete, womit die römische Kunstindustrie in eine Auftragskrise ohnegleichen gestürzt wurde. Im Übrigen ermangelte der rigorose Luxusverbieter und Sitteneinschärfer, der zugleich die Zwangskonversionen der Hugenotten im Frankreich Ludwigs XIV. ab 1685 indirekt missbilligte, nicht des Humors und der Fähigkeit zur Selbstkritik – vielleicht hätte er also bei aller Bitternis der Charakterzeichnung über sein genial verzerrtes Konterfei sogar geschmunzelt.

Innozenz XI. aber war aus anderem, aus härterem Holz geschnitzt. Und bei aller Weltabgewandtheit war er ein Finanzpolitiker großen Stils. Den global players der großen Konzerne sollte schnell Hören und Sehen vergehen. Nicht umsonst stammte dieser Papst aus einer Familie, die über Generationen hinweg im Großhandel reich geworden war; diese ererbten Managerqualitäten werden jetzt gegen die Großfinanz gewendet. ATTAC hätte seine Freude daran.

Um einen Sumpf auszutrocknen, muss man seine Ausdehnung kennen. Und so beginnt jetzt ein seltsames Spiel: wer findet bislang unbekannte Schulden? Hier taucht nochmals eine gewisse Übereinstimmung zum Jahr 2004 auf. Bei kaum einer anderen Tätigkeit sind Finanzpolitiker so erfinderisch wie bei der Einrichtung von Schattenbudgets, Zusatzetats und versteckten Sonderkassen. Für die römischen Finanzkontrolleure bedeutete das konkret: Berge finden. Monti, also Berge nämlich hießen die öffentlichen Schuldaufnahmen, mittels deren Rom in fünf viertel Jahrhunderten seine Nepoten, seine Bauten und seine Kriege finanziert hatte. Ein solcher ‘Berg’ bestand aus einer Pauschalanleihe, meistens in der Größenordnung von einhunderttausend bis einer Million scudi (zum Vergleich: ein Handwerker verdient um die Mitte des 17. Jh. jährlich etwa sechzig bis siebzig scudi), welche in der Regel von einem Bankenkonsortium en bloc übernommen, also vorgestreckt wird. In Zeiten extremer Geldnot – also im Normalfall – zahlt der Kreditgeber jedoch nicht den Nennwert, sondern einen durch ein so genanntes Disagio, einen Abschlag, niedrigeren Wert; Rabatte von bis zu zehn Prozent sind durchaus üblich. Mit anderen Worten: das Papsttum bekommt dann beispielsweise statt einer Million nur 900000 scudi ausbezahlt, hat aber für den vollen Betrag die Zinsen zu zahlen.

Auf der Seite der Banken aber tun sich verlockende Gewinnspannen auf. Denn die meist billig erstandenen Großanleihen ließen sich in vielfältig gestückelter Form lukrativ absetzen. Aufgeteilt in „Bergorte“ von hundert scudi, waren diese römischen Staatsschatzbriefe auch und gerade für den Kleinsparer attraktiv. Und wenn das Familienvermögen nicht reichte, dann tat man sich mit Verwandten, Freunden oder Nachbarn zusammen – und lebte als glücklicher Rentier von deren Erträgen bis ans Lebensende. Noch Giacomo Casanova versorgt seine abgelegten Mätressen zwecks Verheiratung mit solchen Kleinrenten. Die ideale Mitgift waren sie nicht zuletzt aufgrund der päpstlichen Zahlungsmoral. Diese nämlich ist eisern. Im Gegensatz zu König Philipp II. von Spanien, der zweimal den Staatsbankrott ausrufen und danach den Schuldendienst, die Zinszahlungen also, einstellen ließ, waren die Päpste durchgehend darauf angewiesen, ihren Ruf der Kreditwürdigkeit zu wahren – die Nepoten jedes neuen Pontifikats warteten schließlich ungeduldig auf ihre fürstliche Ausstattung. Mochten Könige auf dem Schafott enden und die Türken vor Wien stehen: diese Rente war sicher. Schon damals machten solche Sprüche die kleinen Leute glücklich. Mit dem Unterschied, dass sie stimmten. Zumindest bis Innozenz XI. kam.

Monti wurden seit dem Pontifikat Clemens’VII. (1523–1534) eingerichtet, und zwar in zwei verschiedenen Spielarten. Die so genannten „erlöschenden“ Berge gelten nur zu Lebzeiten des Anteilzeichners, können nicht vererbt werden und stellen daher eine Hochrisikoinvestition dar. Dementsprechend werfen sie eine fabulöse Rendite ab: bis zu 12%. Etwas für Finanzzocker also. Dieser Menschentyp aber wird zunehmend rar in Rom, in Italien, im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts. Viel beliebter sind daher die „ewigen“ monti, die man getrost per Testament hinterlassen kann. Die einzige Gefahr, dass sie erlöschen könnten, besteht im theoretischen Rückkaufrecht der Kurie. Doch wann hatte man schon erlebt, dass ein Staat Schulden zu tilgen vermochte? Dementsprechend konnten die Konsortien die Anteile meist deutlich über dem Nennwert absetzen, manchmal sogar mit einem Aufschlag von einem Viertel. Daraus ergab sich, wie unschwer zu berechnen, eine hübsche Profitmarge. Bei standesbewussteren Geldanlegern noch höher geschätzt waren die so genannten „Kaufämter“. Noch älter als die monti, hüllten sie die schnöde Kredit-Zins-Operation in die Prunkgewänder einer öffentlichen Tätigkeit. Natürlich waren das des Kaisers neue Kleider. Der Kreditgeber durfte sich mit einem phantasievollen Titel – etwa Ritter des heiligen Petrus – schmücken, ohne damit irgendwelchen beruflichen Verpflichtungen zu unterliegen: alles Schall und Rauch, außer dem ‘Gehalt’, den Zinszahlungen also, versteht sich. Sie waren sehr real und lagen für die Lebenszeit- und Dauerämter in etwa in Höhe des „Bergorte“-Ertrags.

Anno 1676 warfen die „ewigen Berge“ fünf oder sechs Prozent ab. Hochgerechnet auf die gesamte Staatsschuld waren das jährlich mindestens zweieinhalb Millionen scudi Aufwendungen allein für Zinsen. So viel aber brachte der ganze Kirchenstaat samt seiner Hauptstadt nicht ein. Dieses Jahresbudget weist 1674 gerade einmal einen Nennwert von 2,4 Millionen auf. Davon aber mussten sämtliche öffentlichen Ausgaben bestritten werden: die Gehälter der zahlreichen Amtsträger, Kosten für Verteidigung, Subventionen aller Art, nicht zuletzt für Brot, Ausgaben für Botschafter, Straßenbau etc., summa summarum Fixkosten von mehr als zweieinhalb Millionen. Dabei waren die Zinszahlungen in ungefähr derselben Höhe nota bene nicht miteinberechnet. Man hatte ein Gegenfinanzierungsproblem. Gewiss, das Papsttum hatte noch eine andere, verschwiegenere Kasse: die Datarie. Über sie wurden die so genannten Gnadenhandelsoperationen abgewickelt. Deren große Zeit fiel in den Pontifikat Alexanders VI. Anno 1500 konnte man Kardinalate noch meistbietend verkaufen; ein roter Hut brachte je nach Kaufkraft des Interessenten zwanzig- bis dreißigtausend Dukaten (d.h. inflationsbereinigt, auf das Jahr 1676 bezogen, an die hunderttausend scudi) ein. So lukrativ diese Verkäufe waren, ihre Nachteile lagen in der damit verursachten Rufschädigung: in der Zerstörung des religiösen Kapitals, ohne welches langfristig auch kein Geld mehr fließen würde. Und unter einem so skrupulösen, tief religiösen Papst wie Innozenz XI. war selbst an weitaus unanstößigere Geschäftspraktiken dieser Art nicht mehr zu denken. Sogar Heiratsdispense – ein Verkaufsschlager des Renaissancepapsttums – gab man jetzt gratis.

Ein echtes Dilemma also: was konnte man tun? Der neue Papst setzt, wie im Zangengriff, an vier Seiten zugleich an. Und zwar zuerst bei sich. Schon nach wenigen Wochen verdient der päpstliche Hof diesen Namen nicht mehr. Die Ausgaben für Repräsentation aller Art tendieren gegen Null. Innozenz selbst sucht sich im Quirinalspalast – den überhaupt zu beziehen ihm schwere Gewissensnöte verursacht – die schäbigsten Zimmer, ohne Fenster. Die prachtvollen Gartenanlagen auch nur zu betreten, hindert ihn eine heilige Scheu. Zehn Jahre lang trägt er dieselbe Soutane, bis sie in Fetzen fällt. Und die päpstliche Tafel wird bei Feinschmeckern berüchtigt. Das alles ist natürlich vorrangig symbolisch, gewiss auch eine Frage des Images, der angestrebten Wirkung nach außen; der finanzielle Nutzeffekt fällt demgegenüber kaum ins Gewicht.

Dieser hingegen ist bei der Umstrukturierung der Staatsschuld gewaltig. Denn der neue Papst betet nicht nur reichlich, er arbeitet unaufhörlich, mindestens fünfzehn Stunden am Tag. Und bei aller Frömmigkeit studiert er pausenlos Rechnungen und Bilanzen. Hier vollzieht sich eine erste Revolution. Denn eine Brigade gut ausgebildeter Finanzprüfer (wo waren diese Leute eigentlich vorher?) hat, wiederum binnen weniger Monate, zumindest das Gros der verstreuten Schulden ausfindig gemacht, getreu dem Motto, dass man das Schreckliche kennen muss, um es zu bannen. Die dabei entdeckten Hunderte von Anleihen werden jetzt in einen einzigen riesenhaften monte eingebracht. Das klingt nicht eben umstürzend und ist doch eine im Europa der Zeit nahezu einzig dastehende Operation. Ihr Resultat ist eine übersichtliche und zugleich konsolidierte Staatsschuld. Doch das ist nur der erste Schritt. Auf den der zweite sogleich folgt. Alles Protestgeschrei der europäischen Finanzwelt hilft nichts: für sämtliche monti wird die Verzinsung jetzt einheitlich auf drei Prozent zurückgeschraubt. Das war eine kühne und weitblickende Maßnahme. Die Finanzberater des Papstes nämlich schätzen richtig ab, dass die römische Kreditwürdigkeit dennoch erhalten bleiben werde. Waren doch in den letzten zwei Jahrzehnten die Erträge aus Landbesitz und -verpachtung am Beginn einer Abschwungphase der europäischen Ökonomie, die schließlich hundert Jahre dauern sollte, kontinuierlich gesunken, und zwar um bis zu vierzig Prozent. Vor diesem düsteren Hintergrund war eine sichere Rendite von drei Prozent aus den römischen Staatstiteln nicht zu verachten.

Haarscharf am Markt, unter konsequenter Ausnutzung der von diesem gebotenen Chancen, bewegt sich zum anderen die Subventionspolitik des Papstes. Hier kommt ihm Glück zur Hilfe, dem man allerdings auch kräftig nachhilft. Denn nach den schweren Versorgungskrisen der Jahrhundertmitte fallen jetzt die Ernten wieder deutlich besser aus, ganz abgesehen davon, dass nach den Epidemien dieser Krisenzeit weniger Mägen zu füllen sind. Zudem tut die päpstliche Wirtschaftspolitik alles, um ein Überangebot an Getreide am Tiber herbeizuführen – mit überwältigendem Erfolg. Auf diese Weise sinken die Weizenpreise so tief, wie sie seit einem Menschenalter nicht mehr gelegen haben. Auch hier hagelt es natürlich Proteste. Doch der Papst bleibt fest. Ein Shareholder-Value-Pontifex war Innozenz XI. wahrlich nicht. Doch nicht nur die römischen Aristokraten mussten verzichten lernen.

Derart billiges Getreide hätte es erlaubt, Brot zu einem Traumgewicht pro Einheitspreis von einem Hundertstel scudo zu verkaufen. Doch daran dachte der Papst nicht im Traum. Jetzt, so seine Argumentation, war durch eine besondere Gnade Gottes die Gelegenheit geboten, auch diesen Etatposten zu sanieren. Und so verkauft die staatliche Getreidebehörde billig erworbenen Weizen unverändert teuer an die römischen Bäcker, die ein Jahrzehnt hindurch einer rigorosen Zwangsabnahme unterliegen. Und auch hier intensive Marktbeobachtung: die dadurch verursachte Verteuerung wird sehr genau im Auge behalten: ein Brotpreis, der den uralten Forderungen des Volks nach erschwinglicher Basisnahrung entspricht, bleibt dennoch gewährleistet. Das mögliche Schlaraffenland allerdings wird ihnen verschlossen. Würden Politiker unserer Tage eine solche Operation wagen, so würden sie diese wohl sozial ausgewogen nennen – und flugs abgewählt werden.

Rein zweckrational betrachtet aber macht dieses Vorgehen Sinn: in Zeiten des Überflusses den Verbrauchern zumutbare Kosten zu verursachen, um für die nächsten Krisen Reserven anzusammeln. Und das Vorhaben gelingt, über alle Erwartungen hinaus. Die europäischen Finanzexperten reiben sich ungläubig die Augen. 1689 sind am Ende des Pontifikats nämlich stolze fünf Millionen Staatsschulden tatsächlich getilgt. Und es gibt wieder ein ansehnliches Plus im laufenden Budget. Rom hat finanzielle Lebenskraft für ein weiteres langes Jahrhundert gewonnen. Dazu trägt entscheidend bei, dass dieser Papst keine Nepoten hat – als erster und einziger aller länger regierenden Päpste seit mehr als drei Jahrhunderten. Das ist die zweite, die moralische Revolution. Sie erzeugt gewiss auch finanzielles, vor allem aber symbolisches Kapital. Und doch ist sie wie alle Revolutionen riskant. In den endlosen Debatten der vorangehenden Jahrzehnte hatten die Befürworter des Nepotismus eines ihrer stärksten Argumente – über den Mensch gewordenen Christus hinaus – darin gefunden, dass ein Papst, der die planmäßige Verwandtenförderung beseitigt, auf diese Weise seine Vorgänger diskreditiert. Das aber konnte man als einen Akt des Hochmuts auslegen: besser sein zu wollen als so viele vom Heiligen Geist erkorene Amtsinhaber. Innozenz XI. nahm diesen Einwand ernst, so ernst, dass die geplante Bulle, welche den Nepotismus für alle Zeit unterdrücken sollte, vorerst nicht zustande kam und erst 1692 unter seinem zweiten Nachfolger Innozenz XII. mit manchen Kompromissen verkündet wurde. Doch gegenüber der eigenen Familie machte der Odescalchi-Papst keine halben Sachen: kein Geld, kein Amt, kein Rang, kein Einfluss für seine Verwandten. Finanziell konnten sie das ohne weiteres verschmerzen. Und auch wenn die Römer den Neffen des Papstes, Don Livio, sprichwörtlich als stiefonkelhaft vernachlässigt bedauerten – langfristig haben die Odescalchi von dieser rigorosen Haltung mehr profitiert als die meisten Nepoten von den über sie ausgeschütteten Füllhörnern. Zum einen konnten sie sich darauf berufen, einen geradezu heiligen Papst hervorgebracht zu haben; und zum anderen durften sie mit stolzgeschwellter Brust von sich sagen: was wir geworden sind, sind wir trotzdem geworden. Und das war nicht wenig. Aber auch wenn er jede unmittelbare Unterstützung der Seinen ablehnte, in Sachen Heiratspolitik sprach der Papst kein Veto aus. So verschwägerten sich die Odescalchi wie gehabt mit der Crème de la Crème der römischen und italienischen Aristokratie, für die ein solcher Pontifex in der Verwandtschaft schlicht eine Statusaufwertung bedeutete.

Bankiers, kleine Leute, Nepoten – sie alle mussten sparen. Noch härter aber traf es Architekten, Maler und Bildhauer. Anfängliche große Erwartungen – dass dieser Papst etwa die Kolonnaden des Petersplatzes grandios erweitern würde – zerschlugen sich in Windeseile. Seinem Selbstverständnis als Erhalter und Befestiger entsprechend baute dieser Papst keine neuen architektonischen Weltwunder wie seine Vorgänger, sondern bewahrte allenfalls ältere Substanz, wenn sie es wert war, vor allem dann, wenn sie symbolischen Aussagewert besaß. Der Papst schützt die Kirche vor dem Einsturz – diese neue Selbstdarstellung findet ihren konsequenten Ausdruck im Medium der Restaurierung und vielleicht noch radikaler in der Umfunktionierung. Was für Pracht und Prunk errichtet wurde, hat jetzt den nüchtern-heiligen Geboten der Caritas zu dienen. So wird der Lateranpalast, für den es seit seiner Errichtung unter Sixtus V. (1585–1590) nie eine sinnvolle Verwendung außer der gab, Erhabenheit an geschichtsträchtiger Stätte anzuzeigen, kurzerhand zum Hospital umgebaut. Dieser Wandel sollte sich als fundamental erweisen – Rom entdeckt die Ästhetik des Minimalen, die Propaganda der Schlichtheit. Dass Verzicht auf Prunk aussagekräftiger sein kann als aller Glanz der Form: diese Entdeckung prägt das Selbstverständnis des Papsttums bis heute.

Kaum weniger schwer als Bankiers und Luxushändler trifft die Sanierung des maroden Systems die Gewerbe, die der Unterhaltung dienen. Dieser Dienstleistungssektor war in Rom traditionell gut besetzt. Musiker, Schauspieler, Regisseure und selbst Kurtisanen hatten die kurze, rigorose Reformzeit unter Pius V. (1566–1572) ohne allzu schwere Kundschaftsverluste überstanden und speziell unter dem mondänen Pontifikat Urbans VIII. (1623–1644) eine Blütezeit ohnegleichen erlebt. Und hier, im verzweifelten Versuch, das Lebensgefühl einer Epoche nach strengen alten Reinheitsgeboten zu reformieren, stößt der exemplarisch erfolgreiche Pontifikat des konservativen Reformers denn auch an Grenzen. Gewiss, man konnte den Römern ihren heiß geliebten Karneval verbieten, wenngleich nicht ohne das Risiko, brachialen Unmut zu erzeugen. Und natürlich reichte der Arm des Papstes auch weit genug, um die Aufführung von Singspielen aller Art zu untersagen. Selbst die verblüfften Jesuiten mussten damit rechnen, dass ihre moralisch erbaulichen Schuldramen auf einmal der schnöden Zerstreuung verdächtig wurden. Alle Lustbarkeiten aber lassen sich die Römer nicht verbieten. Diejenigen, die ihnen dabei zu Diensten sind, müssen jedoch mancherlei Restriktionen und Schikanen in Kauf nehmen.

So bietet der Pontifikat des späten Reformpapstes reichlich Stoff zu historischer Spekulation. Wären alle oder auch nur die meisten Päpste seit der Mitte des 16. Jh. wie er gewesen: die Geschichte Roms und der Kirche wäre anders verlaufen. Zeigt die Herrschaft Innozenz’ XI. doch ein für alle Mal auf, welche Belastung der Nepotismus für das Papsttum bedeutete – und wie abwegig alle Thesen von einer sinnvollen Herrschaftsfunktion der Nepoten, zu welchem Zeitpunkt auch immer, sind. Dass man Rom, den Kirchenstaat und die katholische Kirche insgesamt im Gegenteil ohne Papstverwandte weitaus effizienter und für die öffentliche Meinung akzeptabler zu regieren vermochte, dass man auf das dazu nötige Reservoir loyaler und kompetenter Amtsträger jederzeit zurückgreifen konnte, ohne die Bande des Blutes zu bemühen – auch dafür steht der Modellpontifikat von 1676 bis 1689. Auf der anderen Seite wäre ein Rom ohne Nepoten eine ziemlich glanzlose Stadt – streicht man alle ihre Bauten, Statuen und Bilder heraus, dann sieht der römische Stadtplan pockennarbig aus.

Das Rad des Zeitgeistes aber ließ sich durch alle konservativen Reformanstrengungen nicht mehr zurückdrehen. Und am Ende auch der Nepotismus nicht. Im 18. Jh. ist er, in dezent standardisierter, doch weiterhin intensiver Ausprägung wieder da. Und am Ende reicht auch die finanzielle Sanierung Roms und des Kirchenstaats nur bis 1798. In diesem Jahr kommen die französischen Revolutionstruppen und rufen die Republik aus: auch eine Sanierung.

Familienbande und Familienkonflikte

VOLKER REINHARDT

Ein Mord, den jeder begangen haben könnte

Hinter dem Quirinal ist Rom zu Ende. Wer weiter geht, betritt die Zone des Schweigens. Marmorbilder ohne Kopf und mit zerbrochenen Händen, Brunnen, die verschlafen rauschen, Schatten, die durch samtige Sommernächte huschen. Tagsüber arbeiten hier emsige Weinbauern, abends gehört die Stadt der Gärten und Grotten den Beutel- und Halsabschneidern. Und den vornehmen Partygästen. Nächtliche Picknicks im Grünen sind in. Zur Kühle der Nacht gesellt sich ein wollüstiger Schauer. Die Nähe zu den wilden Vaganten, die bei flackerndem Lagerfeuer ausschweifende Feste feiern, stimmt die Hautevolée sinnlich. Vorausgesetzt, sie hat ihre Leibwächter dabei. Und auch dabei spielt man ein prickelndes Spiel: Wer die wenigsten Bewaffneten braucht, hat das höchste Prestige: Er ist unangreifbar – oder er hält sich dafür.

In dieser Hinsicht ist die Gesellschaft, die sich am Abend des 14. Juni 1497 in einem Weingarten zwischen S. Pietro in Vincoli und S. Martino ai Monti zusammengefunden hat, unschlagbar. Eine Mini-Escorte reicht völlig aus. Ansonsten ist man ganz unter sich: die zwei Söhne des regierenden Papstes Alexander VI., Juan Borgia, der Herzog von Gandia, und sein älterer Bruder Cesare, der Kardinal-Erzbischof von Valence, sowie beider Mutter, Vanozza de’ Catanei, viele Jahre lang die Quasigattin des ehemaligen Kardinals und jetzigen Pontifex. Dass dieser sich inzwischen jüngere Mätressen genommen hat, mindert die gewachsene Herzlichkeit nicht im mindesten – so sind die Männer eben, auch wenn sie die Tiara tragen. Die glückliche Rumpffamilie, die da zusammenkommt, hat eine Menge zu feiern.

Gelacht wird auf Kosten eines angeheirateten Verwandten, der jetzt zum Ex-Schwager gemacht wird. Und zur komischen Figur in ganz Italien: Giovanni Sforza, Herzog von Pesaro, Noch-Gatte von Juans und Cesares Schwester Lucrezia. Mit den Sforza, so der unfehlbare Instinkt der Borgia, geht es unaufhaltsam bergab. Ludovico, der Herzog von Mailand, der seinen Neffen, den legitimen Herrscher, vergiftet haben soll, hat sich in den Fallstricken seiner ränkereichen Politik selbst verfangen. Und sein Bruder Ascanio Sforza, der Alexander durch seine Bestechungsmanöver zum Papst gemacht hat, wird allmählich lästig. Er pocht allzu penetrant auf die Abmachung von 1492: ein Papsttum, geteilt durch zwei. Und gebärdet sich als Über-Pontifex. Inzwischen aber ist der Papstmacher in einer geschwächten Position. Auch über ihm hängt das französische Damoklesschwert. Fordert der Bruder des Königs, der Herzog von Orléans, endlich sein mailändisches Erbe ein, ist es um die Sforza geschehen. So aber hat Giovanni, der ungeliebte Schwager, seine Schuldigkeit getan. Bzw. eben nicht. Die Begründung für die Auflösung der Ehe nämlich lautet: Nicht-Vollzug. Mit anderen Worten: Impotenz. Der trutzige Kriegsmann Giovanni, mit siebenundzwanzig in der Blüte seiner Jahre, als Versager in der ritterlichsten aller Disziplinen? Ein echter Borgia-Scherz. An den Höfen Italiens amüsiert man sich königlich. Gerade heute Nachmittag hat man Kardinal Ascanio die Unabänderlichkeit dieses Entschlusses eröffnet. Und man hat sein Gesicht noch vor Augen. Der Beleidigte muss gute Miene zum bösen Spiel machen. Verstellen muss er sich umso mehr, als er sich akut bedroht fühlt. Schließlich haben die Ärzte während seiner gerade überstandenen schweren Erkrankung bedenklich den Kopf geschüttelt. Denn sie diagnostizierten Symptome der etwas anderen Art. Schwarze, aufgequollene Zunge, chronische Übelkeit. Eine vorerst noch dosierte Botschaft aus dem Giftbecher? Arrogante Feinde ganz klein: so lieben es die Borgia. Nur Lucrezia nicht. Diese Pointe, findet sie, geht auf ihre Kosten. Beleidigt hat sie sich in ein vornehmes Nonnenkloster zurückgezogen. Soll sie nur schmollen, Juan und Cesare lassen sich den Spaß nicht verderben. Man wird die ungebärdige Schwester rasch zur Raison bringen und bald einem neuen Kurzzeit-Gatten zuführen. Ihn wird ein noch viel härteres Los treffen: Cesares Würgeschlinge.

Nunc est bibendum. Angestoßen wird nicht nur auf die Demütigung der arroganten Sforza, sondern auf einen weiteren kolossalen Erfolg, der gerade eine Woche zurück liegt. Am 7. Juni nämlich hat Alexander VI. im Konsistorium der Familie Borgia einen enormen Rang- und Machtzuwachs beschert. Das Herzogtum Benevent – eine römische Exklave im Königreich Neapel mit glorreichen Erinnerungen an die fast tausend Jahre zurückliegende Zeit langobardischer Eroberung– nebst angrenzender Gebiete wird Juan, dem 20-jährigen Lieblingssohn des Pontifex, als erbliches Lehen übertragen. De facto bedeutet das eine unabhängige Herrschaft, die nur noch lose an die Oberhoheit des Papstes gebunden bleibt. Und einen Dorn im Fleisch des Königs von Neapel. Auch mit ihm, so wissen die Borgia, geht es bergab: vier Könige in drei Jahren, einer schwächer als der andere. Dafür werden die großen Adeligen immer stärker. Die mächtigsten dieser Barone aber sollen bald Borgia heißen. Das wäre die vorletzte Stufe auf dem Weg zum Thron. Ihn betrachtet die Sippe längst als ihr rechtmäßig zustehendes Eigentum. Gegen die Verleihung Benevents zu protestieren, ja sie als unverantwortliche Verschleuderung kirchlichen Besitzes anzuprangern, aber hat nur ein einziger von sechsundzwanzig Kardinälen gewagt: Francesco Todeschini Piccolomini, Nepot Pius’ II. (1458–1464). Die Borgia und ihre vielen Anhänger im Kardinalskollegium betrachten ihn als eine Art lebendes Fossil. Denn er redet unablässig mit erhobenem Zeigefinger von Sittlichkeit und Schicklichkeit. Wie sie unter seinem Onkel vorherrschten, versteht sich. Als eine Art Kurien-Narren lässt man ihn gewähren. Gehör findet er ja kaum noch.


Porträt Papst Alexanders VI. Borgia

Nach dem Tod Alexanders VI. am 18. August 1503, den seine Feinde – und das hieß: fast ganz Rom und Italien – auf einen irrtümlich vertauschten, den Gegnern der Borgia zugedachten Giftbecher zurückführten, ist die Jagd auf die Wappen und Bilder der verhassten Sippe eröffnet. So überleben nur wenige Porträts des Pontifex, der aus dem Papsttum ein reines Familienunternehmen machte (und in Wirklichkeit an Malaria zugrunde gegangen sein dürfte). In jüngeren Jahren als schön und stattlich beschrieben, ist Alexander mit der charakteristischen Adlernase und dem voluminösen Mund zwar weiterhin als vital ausgewiesen (seinen letzten nachweisbaren Sohn zeugt er mit siebzig), doch zunehmend fettleibig – Ohnmachtsanfälle bei Prozessionen sind die Folge.

Mit diesem Erfolg ist zugleich die Erinnerung an eine peinliche Schlappe getilgt. Ursprünglich nämlich wollten die Borgia ihr Territorium auf Kosten der Orsini errichten, die grob gerechnet ein gutes Drittel Latiums als weitgehend unabhängiges Herrschaftsgebiet regieren. Als Rebellen gegen die Kirche und Feinde Italiens – eine schöne neue, die nationalen Emotionen aufpeitschende Brandmarkung – exkommuniziert, verlieren die tödlich beleidigten Barone im Herbst 1496 Burg um Burg an die Borgia. In der entscheidenden Schlacht von Soriano am 24. Januar 1497 aber schlagen sie das päpstliche Heer vernichtend. Das Desaster verursacht hat Juan Borgia, der zwanzigjährige Chaos-Stratege. Doch das ist jetzt, bei der Gartenparty in lauschiger Sommernacht, vergessen und vergeben – so scheint es zumindest. Denn die Sieger müssen am Ende doch klein beigeben. Um wieder in die Gunst Alexanders aufgenommen zu werden, haben sie viel Geld zu zahlen und sogar einige Gebiete abzutreten. Wer einen Papst auf seiner Seite hat, fällt immer auf die Füße. Zumindest so lange dieser lebt. Danach aber wird es brenzlig. Und so dürfte sich Cesare im Stillen seine Gedanken machen. Wie soll man mit Juan, diesem ebenso eingebildeten wie unfähigen Stammhalter, einen Staat und eine Dynastie begründen?

Anmerken aber lässt er sich an diesem ausgelassenen Abend nichts. Bei so viel Heiterkeit wird es spät im Weinberg der Vanozza. Doch auch das schönste Fest muss einmal zu Ende gehen. Bei Einbruch der Nacht bricht man auf. Durch die duftenden Gärten und die stillen Straßen zieht die Gesellschaft Richtung Tiber. Bei Ascanio Sforzas Palast in der Via del Pellegrino nahe des Campo de’ Fiori trennen sich die Wege. Juan nämlich hat noch etwas vor. Was, das ist angesichts seines anzüglichen Grinsens nicht schwer zu erraten. Jetzt, wo niemand dabei ist, mahnt Cesare seinen Bruder, auch und gerade bei amourösen Abenteuern vorsichtig zu sein. Doch dieser nimmt nur einen Stallknecht mit und, nicht zu vergessen, die maskierte Gestalt, die schon auf der Weinberg-Party dabei war. Seit drei Wochen folgt sie dem Papstsohn auf Schritt und Tritt. Die meisten Römer halten sie für eine alte Kupplerin. Doch das erklärt nicht ihre Allgegenwart. Sie steigt hinter Juan aufs Maultier. Und dieser verschwindet im Dunkel der Nacht.

Kurz darauf wird weiterer Ballast abgeworfen. Der Stallknecht erhält die Anweisung, bis 23 Uhr an der Piazza dei Giudei beim Bogen der Octavia auf Juan zu warten und dann nach Hause gehen. Tatsächlich tut er weder das eine noch das andere. Am nächsten Morgen findet man ihn schwer verletzt. Juan aber taucht nicht auf. Vielleicht, so sinnt der besorgte Vater eingedenk eigener Erfahrung, ist die Nacht heiß und lang geworden. Als es aber weder am Abend noch am nächsten Morgen ein Lebenszeichen gibt, wird die höchste Alarmstufe ausgerufen. Alexander ist vor Angst ganz außer sich. Ohne Zögern wolle er sein Papsttum für das Leben des geliebten Sohnes hingeben. Solche Ausbrüche, die Prioritäten markieren, zirkulieren in den vatikanischen Korridoren und römischen Straßen. Ein Familienpapst, fürwahr.

Unterdessen laufen die Fahndungen auf Hochtouren. Konkret bedeutet das, dass man sich umhört. Und Verdächtige verhört. Mehr haben die Polizeimethoden der Zeit nicht zu bieten. Hellhörig wird man, als sich im Laufe des Tages ein dalmatinischer Holzhändler meldet. Er hat eine ebenso einfache wie beunruhigende Geschichte zu erzählen. Während der Nacht, die er zum Schutz seiner Ware auf einem Boot gegenüber der Kirche S. Giorgio degli Schiavoni verbracht habe, sei er, auch im Schlaf immer auf der Hut vor Dieben, von gedämpften Geräuschen geweckt worden. Zuerst hätten zwei Männer das Terrain sondiert und dann, als die Luft rein war, ein Zeichen gegeben. Daraufhin sei ein Reiter auf einem Maultier erschienen, mit einem Leichnam hinter dem Sattel. Diesen hätten zwei weitere Begleiter mit einem kräftigen Schwung in den Tiber geworfen. Erkannt habe er niemanden. Und im Übrigen seien solche Vorfälle die Regel. Interessiert aber habe das die Behörden bisher nicht. Entsorgung von Mordopfern auf römische Art. Die Borgia werden sich schon bald dieser Methode erinnern: in den Tiber mit den Feinden ihres Hauses.

Alexander ist vom lakonischen Bericht des Holzhändlers wie elektrisiert. Sämtliche Fischer Roms werden aktiviert. Und wer sich irgend über Wasser halten kann, geht im Tiber schwimmen – hohe Belohnungen locken. Am 16. Juni wird der Gesuchte unweit eines Lustgartens des Kardinals Ascanio Sforza tatsächlich aus dem Fluss gezogen – mit neun Dolchwunden und durchgeschnittener Kehle. Von seinen kostbaren Kleidern und aus der reich bestückten Geldbörse fehlt nichts. In all dieser Hektik aber bleibt ein fundamentales Faktum unbeachtet: Der Tote treibt oberhalb der Stelle, welche der wachsame Dalmatiner als Leichenkippe bezeichnete. Tote aber kraulen nicht.

Wie dem auch sei, jetzt herrscht Staatstrauer. Der Papst isst und schläft drei Tage und Nächte lang nicht. Mehr noch: er verkündet, in sich gehen zu wollen. Von jetzt an werde die Liebe zu den Armen, nicht zur Familie regieren. Ja diese wird, unerhörte Neuerung, sogar aus dem Vatikan verbannt. Einige Borgia müssen bis nach Süditalien emigrieren. Und wie immer, wenn Reform angesagt ist, wird eine Kommission ernannt. In ihr haben die wenigen noch verbliebenen Kardinäle vom alten Schrot und Korn wie Todeschini Piccolomini und Oliviero Carafa aus Neapel das Sagen. Einmal ins Leben gerufen, rechtfertigt das Gremium seine Tätigkeit durch die zügige Ausarbeitung von Vorschlägen. Sie klingen altväterlich züchtig und ähneln nicht zufälligerweise den Wahlkapitulationen der Vergangenheit, mittels deren die Kardinäle im Konklave den künftigen Papst auf eine Art Verfassung der Kirche zu verpflichten versuchten. Die dem schlechten Gewissen Alexanders entsprungene Arbeitsgruppe nämlich fordert: mehr pastorale Kirche, weniger Prunk, Obergrenzen für die Einkünfte von Kardinälen – und zugleich mehr Kontrollmacht für diese, auf dass der Pontifex nicht mehr über die Stränge schlage.

Und schon erkaltet der seelsorgerische Eifer des Borgias-Papstes im Rekordtempo. Die Alten können es nicht lassen. Wo käme man bei der Umsetzung dieser Pläne hin? Kein Familienstaat und, fast genauso schlimm, keine rauschenden Feste mit schönen jungen Frauen im Vatikan mehr. So macht das Papstamt keinen Spaß. Damit aber ist das Ende der Reform schnell besiegelt, schon im Herbst ist alles toter Buchstabe. Scharfblickende Zeitgenossen waren ohnehin der Meinung, dass alles nur Täuschung war: inszeniert, um das spanische Königspaar Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon, das sich so sittenstreng gerierte, günstig zu stimmen. Ein Zeichen, dass man den strafenden Fingerzeig Gottes verstanden und beherzigt habe, sollte her. Im Übrigen ist die Ausdeutung des Mordes damit noch nicht ausgestanden. Einige Monate später werden spanische Botschafter mit Alexander in diesem Sinne brutalen Klartext reden: die durchgeschnittene Kehle seines Lieblingssohnes sei eine letzte Warnung, in sich zu gehen. Inzwischen aber hatte der Papst eine Replik parat: Ferdinand und Isabella seien dadurch, dass Gott ihnen überlebende Nachkommen verweigere, weitaus härter geschlagen.

Während die Utopie einer sittlich regulierten Kurie aufscheint, flackert und erlischt, suchen die Borgia ihren Mörder. Wie beim Jüngsten Gericht kann sich kaum jemand sicher fühlen. Die nahezu unbegrenzte Zahl der Verdächtigen ist symptomatisch. Die Borgia haben sich zahllose Feinde, aber keine sicheren Freunde geschaffen. Man traut ihnen schlicht nicht über den Weg: so viele gebrochene Versprechen, so viele aufgekündigte Allianzen, so viele nicht eingehaltene Verpflichtungen. Und so viel Gier nach Macht und Geld. Wer diesem Papst die Hand küsst, achte auf seine Lippen. Das zumindest ist das Image Alexanders und seiner Lieben.

Und so reiht sich, was Rang und Namen hat, ein in den Reigen der potentiellen Mörder. Täglich notieren die römischen Wettbüros neue Favoriten. Zuerst liegt Kardinal Ascanio Sforza vorn. Vendetta läge in seinem Fall ja wahrlich nahe. Und nahe liegend ist auch der Tatablauf: der Abschied, der Leichenfund, alles in Steinwurfweite. Zudem wollen Zeugen gegenüber seinem Palast den Lärm von Straßenkämpfen gehört, ja Juan dort sogar noch lebend gesehen haben. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier Indizien in gewollter Häufung auftreten. Irgendjemand scheint auf Ascanio mit dem Finger zu zeigen. Diesem wird ob so vieler gezielter Hinweise beklommen zu Mute. Wie so oft während des Borgia-Pontifikats ergreift er die Flucht – er fürchtet offenbar den Überfall bewaffneter Brigaden. Solche Attentate sind in diesen Jahren nichts Ungewöhnliches. Als sich kürzlich das Gerücht verbreitete, der mit Ascanio und Alexander tödlich verfeindete Kardinal Giuliano della Rovere sei inkognito aus seinem langjährigen Exil in Frankreich nach Rom zurückgekehrt, fand man anderen Morgens den Bischof von L’Aquila, der in Giulianos Palast wohnte, grausam gemeuchelt vor. Alexander selbst aber gibt Entwarnung: Ascanio sei es nicht gewesen, er habe nichts zu befürchten. Dennoch kein Seufzer der Erleichterung: wer glaubt schon diesem Papst.

Der offizielle Freispruch gilt auch für den entheirateten Giovanni Sforza. Dieser war schon zuvor aus Rom entwichen, um dem öffentlichen Hohn zu entgehen. Doch natürlich hätte er seine Häscher schicken können. Hat er aber nicht, so der Papst. Giovanni rächt sich trotzdem, und zwar für einen Schlagetod seines Kalibers erstaunlich subtil. Er setzt nämlich das Gerücht in die Welt, Alexander habe die Ehe Lucrezias geschieden, um sich selbst mit ihr zu verlustieren. In der Tat ist die Beziehung zwischen Vater und Tochter sehr innig, wenngleich aller Wahrscheinlichkeit nicht auf diese Weise intim. Dafür vertraut er Lucrezia. Und zwar so rückhaltlos, dass er sie bald danach zur Gouverneurin der Stadt Spoleto ernennt und ihr später sogar während seiner Abwesenheit die Obhut über den Vatikan anvertraut – einschließlich des Rechts, seine Korrespondenz zu öffnen. Einem Pontifex maximus, der so etwas tut, traut Europa in wollüstigem Grauen auch das Schlimmste, auch den Inzest zu.

Die Mörder-Kandidaten kommen und gehen: Gonsalvo de Cordoba, der große spanische Feldherr, der den Feinden Alexanders die Festung Ostia entrissen hatte und durch Juan um den verdienten Ruhm gebracht worden war; Antonio Maria della Mirandola, der die Verführung seiner Tochter mit dem Blut des Verführers gesühnt haben soll – und viele, viele andere. Vielsagendes Schweigen des Papstes breitet sich allein über die Orsini aus. Für sie war die Vergabe Benevents an Juan ein schwerer Schlag, mussten sie doch um ihre angrenzenden Güter, logische Objekte der nächsten Borgia-Begehrlichkeiten, fürchten. Und auch sonst waren sie bisher die Meistgeschädigten des Pontifikats; so argwöhnten sie – nicht ohne gute Gründe –, dass ihr Clanchef Verginio kurz zuvor in seinem neapolitanischen Gefängnis durch päpstliches Gift gestorben war. Doch, o Wunder, sie bleiben unbehelligt. Mehr noch: als zwei Jahre später aus der nächsten Ehe Lucrezias mit einem Prinzen des aragonesischen Hauses ein Knäblein entspringt, darf ein Orsini ihn aus der Taufe heben. Diese rührenden Szenen tun ihre Wirkung. Als Cesare – der das Kardinalat inzwischen gegen einen französischen Herzogtitel und eine Tochter des Königs von Navarra eingetauscht hat – kurz danach zur Ausrottung der päpstlichen Vikare in der Romagna ausrückt, stehen ihm neben französischen Truppen auch zwei Herzöge der Orsini zur Seite, als sei nichts gewesen. Doch es war etwas. In der Neujahrsnacht 1503 lockt Cesare diese unsicheren Verbündeten in die Falle von Senigallia, der Papst den Kardinal Orsini hingegen ins Verlies der Engelsburg. Dort stirbt dieser unliebsame Purpurträger Ende Februar des üblichen schnellen und natürlich ungeklärten Todes. Die beiden Herzöge aus dem Hause Orsini aber werden auf Befehl Cesares erdrosselt.

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23 декабря 2023
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