Читать книгу: «Spurgeon neu entdeckt»

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Arndt Schnepper

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-417-26999-4 (E-Book)

ISBN 978-3-417-24167-9 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© 2021 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH

May-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: info@scm-brockhaus.de

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.

Textstand 20|10

Weiter wurde verwendet:

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Lektorat: Christina Bachmann

Umschlaggestaltung: Daniel Salewski, Witten

Titelbild: DigitalVision Vectors, duncan1890 by gettyimages.de

Satz: Burkhard Lieverkus

Inhalt

Über den Autor

Zur Einstimmung

1: Frauchen, was soll ich tun?

2: Jede Blume wartet, dir etwas zu sagen.

3: Den richtigen Predigttext erkennen wir wie einen Freund.

4: Überlade deine Predigt nicht mit zu viel Inhalt.

5: Wisse, wie man Pausen macht.

6: Nach Gottes Gnade ist Sauerstoff das Wichtigste.

7: Es gibt in der Bibel kein Gebot, das lautet: Du sollst nicht lachen.

8: Sei häufig an Sterbebetten.

9: Habe etwas zu sagen.

10: Ich warne euch sehr davor, Predigten abzulesen.

11: Ein Fenster sollst du in der Arche machen.

12: Beispiele sind mächtiger als Vorschriften.

13: Kommentare sind gut, aber der Autor ist besser.

14: Jesus sagte nicht: »Weidet meine Giraffen«, sondern: »Weidet meine Schafe.«

15: Über den Wolken ist der Himmel blau.

16: Wir können die Menschen nicht ins Königreich schnarchen.

17: Ein Seelen-Gewinner muss ein Seelen-Liebhaber sein.

18: Prediger sollen helle Sterne, nicht dunkle Wolken sein.

19: Wie die Priester am Altar können wir ohne Feuer nichts tun.

20: Es ist bekannt, dass ich kein Tory bin.

21: Kunst ist kalt, nur die Natur ist warm.

22: Kanzeln machen Menschen lächerlich.

23: Ist Geschmack im Eiweiß?

24: Zwergenstolz und Ogerstolz sind beides Gräuel in den Augen des Herrn.

25: Man muss Inhalte wie feste Päckchen packen und sie mit der Schnur des Themas zusammenbinden.

26: Starte deinen Dienst mit einem blinden Auge und einem tauben Ohr.

27: Vorwärts! In Gottes Namen: Vorwärts!

28: Ich werde heute Abend zu Gottes Ehre eine gute Zigarre rauchen.

29: Tote zu erwecken ist unsere Mission.

30: Schüre die Flamme und nähre sie.

31: Er wäre ein guter Märtyrer, er würde zweifellos gut brennen, denn er ist so trocken.

32: Ein langweiliger Prediger schafft eine langweilige Hörerschaft.

33: Wenn der Ärger über dich kommt, ist alles verloren.

34: Das Evangelium ist eine gute Nachricht.

35: Wenn wir Bücherwürmer werden, freut sich die alte Schlange.

36: Wir müssen uns in Überzeugungskunst üben.

37: Es ist sehr unglücklich, wenn Prediger die Leute nicht ansehen.

38: Schmalbrüstige Prediger sollten jeden Morgen mit Hanteln trainieren.

39: Wer wichtige Wahrheiten sagt, darf nicht in ihren Ecken hängen bleiben.

40: Heute ein Wort und morgen wieder ein Wort – das ist langsames Feuer, das nur Märtyrer mögen.

41: Sei zart wie ein Frühlingswind und aufbrausend wie ein Tornado.

42: Wenn du deinem Hals etwas Gutes tun willst, nimm Pfeffer.

43: Mache deine Einleitung nicht allzu lang.

44: Wir müssen viel Schnupftabak in unsere Predigten werfen.

45: Garnier dein Geschirr, aber verwechsele die Beilage nicht mit dem Braten.

46: Ein Prediger sollte im Alltag ein geselliger Mensch sein.

47: Wir werden mehr schaffen, wenn wir manchmal weniger tun.

48: Zelte sind schlecht – unsagbar schlecht.

49: Seeluft und Spaziergang versorgen die Seele nicht mit Gnade, aber dafür den Körper mit Sauerstoff, was das Nächstbeste ist.

50: Meine lieben Freunde, ähem, ähem …

51: Hole einen Freund oder besser einen Feind, der dich erbarmungslos angreifen darf.

52: Beuge den Körper besser nach oben als nach unten.

53: Wir nutzen die Sprache des Marktes.

54: Lasst uns nicht Irrlehren suchen wie die Terrier, die nach Ratten schnüffeln.

55: Ich bin kein Bewunderer der Ansichten von Herrn Finney, aber er war zweifelsohne nützlich für viele.

56: Gib mir Kinder oder ich sterbe!

57: Es ist ein schöner Anblick, wenn ein Diener des Gesetzes einen Diener des Evangeliums abführt.

58: Angenommen, eine andere Lampe leuchtet heller als deine. Was soll’s?

59: Halte die Augen und Ohren offen, so wirst du Engel hören und sehen.

60: In dem Maß, wie dich Lob erfreut, wird dich auch die Kritik schmerzen.

61: Die Leute wollen nicht nur vernünftige, sondern auch emotionale Gründe hören – das nenne ich brennende Logik.

62: Groß muss dein Herz sein – wie der Hafen von Portsmouth oder Plymouth.

63: Der beste Predigtstil ist wie der beste Kleidungsstil: Man nimmt ihn nicht wahr.

64: Unser Ziel ist etwas anderes als Mäßigung, wir wünschen vielmehr, dass Menschen neu geboren werden.

65: Ein Schlüssel öffnet die Tür, weil er passt.

66: Ich habe oft bemerkt, dass Orte mit schlechter Wirtschaft auch schlecht für religiöse Bemühungen sind.

67: Ich habe kein anderes Geheimnis, als das Evangelium zu predigen – nicht über das Evangelium, sondern das pure Evangelium.

68: Es ist eine große Sache, in einer Atmosphäre voller Tau des Geistes zu predigen.

69: Du musst es selbst fühlen und du musst so sprechen wie ein Mensch, der es fühlt.

70: Jesus weinte.

71: Lerne die Kunst, Menschen zu bitten.

72: Sei exzentrisch!

73: Ihr seid wie Misthaufen, die mit Schnee bedeckt sind.

74: Ihr Männer von Plymouth, warum steht ihr hier und schaut in den Himmel?

75: Du kannst die Sterne tagsüber nicht sehen.

76: Cardiphonia ist die Sprache des Herzens.

77: Ah! Lächle nicht.

78: Lernen wir das Predigen nicht durch das Predigen?

79: Da gehen die Tausenden, trapp, trapp, trapp.

80: O Heiliger Geist!

81: Das Wachsen des Königtums ist wichtiger als das eines Clans.

82: Das ist ein schlechter Porträtmaler, der unter den Abgebildeten dessen Namen setzt.

83: Lasst mich von meiner Erfahrung berichten, um euch an eure zu erinnern.

84: Gebt mir den Glauben, der Golgatha und nicht dem Vesuv entspringt.

85: Komm! Komm! Komm!

86: Ich sollte meine eigene Pfennig-Kanzel haben.

87: Eine Verheißung ist wie ein Scheck, den ich einlösen kann.

88: Wozu ist ein Prediger gut, der nicht über Sünder weinen kann?

89: Schimpfe nicht über die kleine Gemeinde, mache sie größer.

90: Halte niemals den Pflug an, um eine Maus zu fangen.

91: Seine Lieblingstinte war violett.

92: Die Predigt mit »aber« und »falls« ist eine ärmliche Predigt.

93: Seelen-Gewinner haben alle ihre eigenen Wege.

94: Wenn ein Prediger ein Kind interessieren kann, vermag er jeden zu interessieren.

95: Wir sollten nicht länger als eine Dreiviertelstunde predigen.

96: Es ist traurig, wenn ein Prediger nicht auch mal unvorbereitet predigen kann.

97: Fliegen werden mit Honig und nicht mit Essig gefangen.

98: Er war nicht nur Prediger auf der Kanzel, sondern auch Pastor der Gemeinde.

99: Ich hasse Ministerialismus, aber ich merke immer wieder, wie er an mir hochkriecht.

100: Ich soll eine große Rede halten, aber das ist mir noch nie gelungen.

101: Das Notizbuch ist ein Beutel für Gedanken.

102: Wenn wir öfter und leidenschaftlicher predigen, wird es uns weniger ermüden.

103: Landgemeinden sind die Zubringer der Stadtgemeinden.

104: Lasst mich die Szene malen.

105: Wir müssen es ernst meinen, wenn wir predigen.

106: Bring die Walnüsse zum Dessert und lass uns den Ruf vom Prediger knacken.

107: Sei ein guter Koch, der nicht Geschirr, Pfannen, Nudelholz und Gewürzdose in den Speisesaal bringt, sondern ganz einfach das Festmahl schickt.

108: Die Predigt ist nicht nur menschliche Rede, sie ist Christus auf dem weißen Pferd.

109: Das Gesetz sprach: »Geh.« Das Evangelium sagt: »Komm.«

110: Ein ruhiger, eindringlicher Gesprächston ist am überzeugendsten.

111: Eier sind schön und gut, aber es sollen auch Küken aus ihnen werden.

Eindrücke

Quellen

Weiterführende Literatur

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Über den Autor


ARNDT SCHNEPPER ist Leiter des Praxisinstituts Evangelisation in Witten und unterrichtet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität in Braunschweig. Er ist promovierter Theologe und Autor mehrerer Bücher im Bereich der Praktischen Theologie.

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Zur Einstimmung

»Haben Sie die Queen gesehen?« und »Haben Sie Spurgeon gehört?«. Diese beiden Fragen mussten US-amerikanische Touristen Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder beantworten, wenn sie von ihrer Reise aus Großbritannien in die Heimat zurückkehrten. So berichtete es das Literaturmagazin North American Review im Jahr 1858. Der Ruf des Predigers Charles Haddon Spurgeon (1834-1892) war schon in seinen jungen Jahren phänomenal. Und er verlor nach seinem Tod keineswegs an Strahlkraft.

Als der deutsche Theologieprofessor Helmut Thielicke (1908-1986) die Bücher von Spurgeon erstmals kennenlernte, bekannte er freimütig, dass es sich hierbei gemäß 2. Mose 3,2 um das Wunder eines Busches handle, der »zwar in Flammen stand, aber nicht verbrannte«.

Und auch gegenwärtig lässt sich dieses Feuer spüren. Man blase nur den Staub von seinen Büchern und lese ihn unvoreingenommen, so wird man rasch von der untrüglichen Hitze gepackt. Mit Blick auf seine gedankliche Frische und seine stilistische Klasse in puncto Predigt fallen einem nur wenig Ebenbürtige ein.

111 Predigttipps werden hier vorgestellt und sodann erläutert – das ist natürlich viel zu wenig. Doch die Begrenzung hat auch ihr Gutes. Ermöglicht sie doch einen raschen Zugang. Im Folgenden sprechen wir ganz freundschaftlich von »Charles«. Das ist so gewollt. Denn wer ihn liest und so mit ihm ins Gespräch kommt, empfindet bald ein ganz freundschaftliches Verhältnis zu ihm.

Arndt Schnepper

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1
Frauchen, was soll ich tun?

Susannah Spurgeon (1832-1903) berichtet in ihren Erinnerungen, dass ihr Mann Charles während der Predigtvorbereitung manchmal sein Zimmer verlassen habe, um ihr diese Frage zu stellen: »Liebe Frau, was soll ich tun?« Konkret ging es dann wohl meist um die Auswahl des Predigttextes. Susannah erzählt weiter, dass sie beide meist ein wenig miteinander gesprochen hätten und Charles dann wieder zuversichtlich zu seinem Schreibtisch zurückgekehrt sei. Was hier beiläufig Erwähnung findet, ist eine oft geteilte Erfahrung: Der Predigt hilft es, wenn sie vorher mit jemandem geteilt wird. Diese Einsicht gilt vor allem bei inneren Blockaden. Dabei kommt es gar nicht darauf an, dass mein Gegenüber ein theologischer Experte ist. Streng genommen muss mein Gegenüber überhaupt nicht viel zur Predigt wissen. Oft reicht es einfach, wenn ich vor jemandem meine Gedanken ein wenig ausbreite. Indem ich spreche, klart mein Geist auf. Und die Kommentare sind dann wie Leuchtkugeln. Sie können klug sein oder nicht – in jedem Fall schenken sie Licht. Also: Wenn ich wieder einmal auf der Stelle trete, einfach aufstehen und mit jemandem sprechen – es hilft.


Wifey, what shall I do? | Autobiography IV, 65

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2
Jede Blume wartet, dir etwas zu sagen.

Charles lebte in der Erwartung, dass Gott durch seine Schöpfung zu ihm spreche. Nicht, dass er meinte, die Natur könne ihm etwas sagen, was nicht schon in der Bibel zu lesen sei. Eine zweite Offenbarungsquelle war sie ihm nicht. Dennoch war er gewiss, dass er mittels ihrer Erscheinung die Wahrheit tiefer verstehen könne. Vegetation, Tierwelt, Gestein, Gestirne – fast alles konnte für ihn zu Gottes Medium werden. Man solle, so Charles, mit offenen Augen in die Welt treten und die Dinge wahrnehmen. Er spricht an dieser Stelle gerne von Meditation, also der aufmerksamen Betrachtung. Obwohl er selbst viele Bücher schrieb und noch mehr besaß, traute er der Natur eine ganze Menge zu. Verglichen mit ihr waren ihm Bücher nur »arme Sachen«. Mit dieser Ansicht befand er sich ganz im Einklang seines Meisters. Auch Jesus, so berichten es die Evangelien, wies seine Zuhörer auf die Lilien, die Sperlinge und den Senfbaum hin. Darum: Eine Predigt gewinnt, wenn sie in der Landschaft reifen kann. Der Blick auf den Bach, die Birke oder die Butterblume lässt meist tiefer sehen als bloß ein aufgeschlagenes Buch.


Every flower is waiting to teach you. | Lectures to my Students, 198

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3
Den richtigen Predigttext erkennen wir wie einen Freund.

In der englischen Staatskirche lag ein festes Formular vor, das die Predigttexte vorschrieb. In den presbyterianischen Kirchen, die auf Johannes Calvin zurückgingen, gab es auch die Tradition der Predigtreihe. Dort wählte der Prediger ein biblisches Buch aus, das er dann fortlaufend auslegte. Charles konnte sich für keines der beiden genannten Modelle erwärmen. Er favorisierte eindeutig die persönliche Auswahl. Meist wartete er bis zum Samstagabend, bis er sicher war, nun den passenden Text gefunden zu haben. Man wendet gegen diese Form heute gerne ein, dass sie doch sehr willkürlich sei. Doch Charles hätte sich hier missverstanden gefühlt. Er wollte gar nicht selbst den Text aussuchen. Er rechnete vielmehr mit dem Heiligen Geist, dass er ihm den sachgemäßen Text weise. Das ist, so finde ich, ein faszinierender Gedanke. Und wie erkennt man Gottes Geist? Charles meinte: Der richtige Text kommt wie ein Freund daher, bei dem wir intuitiv wissen: Ja, der ist es!


What is the right text? How do you know it? We know it by the signs of a friend. | Lectures to my Students, 88

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4
Überlade deine Predigt nicht mit zu viel Inhalt.

Keine Frage: Charles predigte lang und ausgiebig. Legt man seine gedruckten Predigten als Maßstab zugrunde, so sprach er wohl meist etwa eine Dreiviertelstunde. Dieser Länge entsprach allerdings eine inhaltliche Konzentration. Es ging ihm zumeist um einen Gedanken, den er dann unaufhörlich umkreiste. Am Ende seiner Predigten wusste man dann auch, worum es ging und worauf es ankam. Gerade für Predigtanfänger ist es oft eine Verlockung, zu viele Inhalte in eine Predigt zu packen. Die Vorstellung ist: Die Zuhörenden könnten sich dann ja alle selbst das Passende heraussuchen. In der Praxis erweist sich diese Idee aber oft als undurchführbar. Durch das einmalige Aussprechen eines Satzes passiert meist gar nichts. Wahrheiten brauchen nämlich Wiederholung. Natürlich nicht so, dass sie immer wortwörtlich wiederholt werden. Es kommt vielmehr darauf an, sie mittels von Erklärungen und Erzählungen immer wieder neu darzustellen.


[…] do not overload a sermon with too much matter. | Lectures to my Students, 80

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5
Wisse, wie man Pausen macht.

Schätzungsweise dreitausend Predigten hat Charles gehalten. Viele von ihnen wurden verschriftlicht und gedruckt. So lebendig sie heute auch noch sind, so wenig vermögen sie freilich das ganze Talent von Charles einzufangen. Denken wir etwa an seine Stimmlage, seinen Tonfall oder auch die Reaktionen des Publikums. Das alles erzählen uns die Niederschriften nicht. Umso wichtiger sind deshalb seine Äußerungen zu dem, was die Predigtsammlungen verschweigen. Dies betrifft etwa die Kunst, Pausen einzulegen. Ganz offensichtlich waren Pausen für ihn kein Nebenschauplatz. Pausen wirken in der Predigt nämlich wie Satzzeichen. Sie verstärken die Frage und erhöhen die Aussagekraft. Sie signalisieren auch, dass der Predigende nachdenkt, um Worte oder mit seinen Gefühlen ringt. Wer hin und wieder pausiert, wird schnell merken, dass er die Aufmerksamkeit wie ein Magnet an sich zieht. Das ist kein Theater, sondern schlicht und einfach ein wichtiger Teil der menschlichen Kommunikation.


Know how to pause; Make a point of interjecting arousing parentheses of quietude. | Lectures to my Students, 153

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6
Nach Gottes Gnade ist Sauerstoff das Wichtigste.

Hier haben wir ein typisches Spurgeon-Zitat! Einerseits betont er darin die unaufhebbare Rolle des göttlichen Mitwirkens bei der Predigt. Andererseits unterstreicht er aber auch den Wert des menschlichen Vermögens. Denn im 19. Jahrhundert gab es noch keine Zentralheizungen, die für angenehme Temperaturen im Gottesdienst sorgten. Also hielt man nur allzu gern die Fenster geschlossen, um das bisschen Wärme festzuhalten. Das wiederum hatte zur Folge, dass die Luft oft verbraucht war. In solcher Atmosphäre ließ sich beim besten Willen nichts erreichen. Darum plädierte Charles immer für das großzügige Öffnen der Fenster. Er war überzeugt: Wenn Menschen glauben sollen, müssen sie vorher auch wach sein. Diese Binsenweisheit lässt sich ohne Weiteres auf unsere Zeit übertragen. Gottesdienstliche Räume benötigen Mindestvoraussetzungen an Temperatur, Akustik, Mobiliar und Technik. Sind sie nicht gegeben, dann wird es auch für den besten Prediger sehr schwierig.


The next best thing to the grace of God for a preacher is oxygen. | Lectures to my Students, 138

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7
Es gibt in der Bibel kein Gebot, das lautet: Du sollst nicht lachen.

Ähnlich wie im wilhelminischen Deutschland herrschte im viktorianischen England ein konservatives Klima vor. Schaut man sich heute Porträts von Queen Victoria und anderen Repräsentanten des Staates an, so sehen sie in aller Regel ziemlich steif und nüchtern aus. Diese Stimmung prägte wiederum auch die kirchliche Kultur. Wo man auch Gottesdienste besuchte, erblickte man ernste und feierliche Prediger. Das bedeutet natürlich nicht, dass damals alle Menschen ständig so dreinschauten. Es war vielmehr der als ideal empfundene Gesichtsausdruck für kirchliche Veranstaltungen. Mit diesem Ideal brach Charles sehr wirksam. Er schmunzelte, er lächelte, er lachte und er erzählte viele Witze. Er wusste, dass die Menschen Heiterkeit unendlich mehr schätzten als trockene Sachlichkeit. Aber Heiterkeit war bei Charles mehr als eine persönliche Gabe, sie war ein Ausdruck seines Glaubens. Für Prediger und Predigerinnen ist Heiterkeit darum eine ernste Angelegenheit.


There is no commandment in the Bible, which says ›Thou shalt not laugh.‹ | Magoon, The modern Whitfield, XXVI

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8
Sei häufig an Sterbebetten.

Es ist ein Ratschlag, der erst mal nicht besonders aufmunternd klingt. Wenn Charles ihn hier im Zusammenhang mit der Predigtkunst dennoch formuliert, dann geht es ihm nicht um die christliche Pflicht, Kranken und Sterbenden beizustehen. Das war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Für ihn war die Begegnung mit Menschen, die vor den Toren der Ewigkeit stehen, darüber hinaus ein Lernfeld. Wie alle Philosophie und Theologie wusste er um das Geheimnis des Memento mori (Gedenke des Todes). Es ist die Überzeugung, dass in der Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit ein Mensch eine Ahnung davon erhält, worauf es im Leben ankommt. Mit anderen Worten: Das Erleben des Todes verdichtet unser Wissen über uns und die Welt. Und das kann für eine Predigt von unschätzbarem Wert sein. Charles geriet ins Schwärmen, wenn er von dieser Erfahrung berichtete. Solche Momente seien »leuchtende Bücher«.


Once more, be much at death-beds; they are illuminated books. | Lectures to my Students, 200

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9
Habe etwas zu sagen.

So simpel dieser Hinweis auch klingt, so sehr hat er es in sich. Prediger und Predigerinnen müssen etwas zu sagen haben. Etwas, wofür es sich lohnt, sonntags zeitig aufzustehen und rechtzeitig im Gottesdienst zu sein. Aber was könnte das sein? Hinter vieles, was heute von Kanzeln und Pulten gesagt wird, lässt sich getrost ein Haken machen. Es ist alles richtig, aber Vibrationen entstehen dadurch nicht. Wenn man sich in die Predigten von Charles vertieft, stellt man überraschend fest, dass moralische Anweisungen wohl vorkommen, aber in der Summe eher eine Nebenrolle spielen. Charles ging es weniger um das, was wir für Christus tun können, als vielmehr um das, was er für uns tat. Das ist ein wichtiger Schlüssel, um seine Ausstrahlung zu verstehen. Wie viele Predigten reden davon, was wir tun sollten? In den einen geht es meist um die individuelle Moral, in anderen dagegen eher um soziale Dimensionen. Beides hat seinen Raum und Platz – doch nur für sich genommen kann es schnell langweilig werden.


Have something to say, and say it earnestly, and the congregation will be at your feet. | Lectures to my Students, 146

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10
Ich warne euch sehr davor, Predigten abzulesen.

Wir lernen Charles hier als einen Befürworter der freien Predigt kennen. Oft betrat er die Bühne nur mit wenigen Notizen, oft genug verzichtete er ganz auf sie. Damit war er nicht alleine. Schon in der frühen Kirche galt diese Form der Predigt als das Maß aller Dinge. Die Vorteile der freien gegenüber der abgelesenen Predigt liegen auch heute auf der Hand: Sie ist bei Weitem lebendiger und den Menschen zugewandter. Und schließlich ist eine Predigt auch kein Vortrag, sondern die Gute Nachricht. Doch wie gelangt man zu dieser Fertigkeit? Charles ging es nicht um ein stupides Auswendiglernen des vorbereiteten Stoffes. Vielmehr machte er Mut, im Stoff intensiv zu leben. Darum forderte er auch dazu auf, Predigten aufzuschreiben, um sie so zu verinnerlichen. Das Ziel war also, sich mit dem Manuskript vorzubereiten, dann aber ohne Manuskript die Predigt vorzutragen. Wer es heute ausprobiert, wird rasch merken, welche Aufmerksamkeit plötzlich entstehen kann.


Very strongly do I warn all of you against reading your sermons […]. | Lectures to my Students, 152

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11
Ein Fenster sollst du in der Arche machen.

Diese Anweisung aus der göttlichen Konstruktionsskizze an Noah steht ganz zu Beginn der Dritten Reihe der Vorlesungen von Charles. Es ist ein Buch, das die Kunst der Illustration in den Blick nimmt. Und Charles gelingt mit der Hinzuziehung dieser Aufforderung aus 1. Mose 8,6 eine glänzende Darstellung seines Anliegens. Für ihn sind Bilder und Vergleiche wie Fenster, die Licht auf das Gesagte fallen lassen. So wie ein Raum ohne Öffnung mit Fug und Recht als Gefängnis empfunden wird, so ist auch eine Predigt ohne Veranschaulichung alles andere als hörenswert. Charles wusste: Die Menschen haben Augen – egal, ob diese nun geöffnet oder geschlossen sind. Darum möchten die Menschen auch immer etwas sehen, selbst wenn sie lediglich zuhören. Neben manchen praktischen Hinweisen führt Charles in dem besagten Buch auch eine lange Bibliografie an, mit deren Hilfe nützliche Bilder, Vergleiche und Parabeln gefunden werden können. Das mag als Hinweis dienen, Zeichen und Symbole bewusst zu sammeln – damit sie im entscheidenden Moment zur Hand sind.


A window shalt you make in the ark. | Third Series, 1

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12
Beispiele sind mächtiger als Vorschriften.

Man sollte, könnte, dürfte und müsste – die Häufigkeit von Modalverben ist in unseren Predigten oft frappierend. Sinnvoll sind sie meistens nicht, denn die Resonanz bleibt zumeist aus. Doch wie lässt sich Veränderung von Lebenspraxis in Gang setzen? Charles sah es sehr pragmatisch: schlicht und ergreifend durch Beispiele. Dabei machte es für ihn wenig Unterschied, ob es sich hierbei um zeitgenössische oder historische, persönliche oder in Erfahrung gebrachte Modelle handelte. Hauptsache, es waren beispielhafte Erzählungen. Diese Einsicht ist natürlich nicht neu. Verba docent, exempla trahunt (Worte belehren, Beispiele ziehen), das wusste schon der Römer Seneca. Der springende Punkt liegt in der Umsetzung. Die gelang Charles meisterlich. Während sich viele seiner Amtskollegen in langwierigen Erklärungen verloren, war er sich keineswegs zu schade, auch Geschichten zu erzählen. Und die Leute dankten es ihm. Denn ein Beispiel ersetzt bekanntlich mehr als tausend Worte.


Examples are more powerful than precepts; hence I quote them. | Third Series, 17

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13
Kommentare sind gut, aber der Autor ist besser.

Es gibt heute noch schöne, alte Fotografien in gelblich-bräunlicher Sepiafarbe, auf denen Charles in seinem Studierzimmer zu sehen ist. Um ihn herum türmen sich dort in meterhohen Regalen rund zwölftausend Bücher, die er für seine Predigtvorbereitung nutzte. Einige Jahre nach seinem Tod wurden 1906 viele von ihnen in die USA verkauft, wo sie mittlerweile im Midwestern Baptist Theological Seminary in Kansas City (Missouri) zu bestaunen sind. Keine Frage: Charles liebte Bücher und darunter vor allem Kommentare. Und er las sie eifrig. Gleichzeitig war er aber überzeugt, dass es keinesfalls ausreiche, Bücher zur Bibel zu lesen. Er wollte ebenso den Autor der Schriften konsultieren, nämlich Gott. Beide Wege gehörten für ihn zusammen. Wenn heute in der Predigtlehre der meditative Umgang mit der Heiligen Schrift wieder neu betont wird, dann entspricht das ganz seinem Ansatz. Betend versuchte er die Texte zu verstehen und betend entwickelte er seine Gedanken für die Predigt.


The commentators are good instructors, but the Author himself is far better […]. | Lectures to my Students, 42

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14
Jesus sagte nicht: »Weidet meine Giraffen«, sondern: »Weidet meine Schafe.«

Nicht hoch sollen die Predigten hängen, sondern niedrig. Der Fokus liegt nicht bei den wenigen Giraffen, die oben in den Baumgipfeln äsen, sondern bei den vielen Schafen, die sich unten am Boden bewegen. Mit diesem und vielen ähnlich klingenden Ratschlägen orientierte sich Charles ganz am Ideal der einfachen Predigt, wie es schon Augustinus (354-430) gefordert hatte. Der sermo humilis (niedrige Predigt) ist eine Forderung im frühen Christentum. Hinter dieser Vorstellung steht einerseits die Beobachtung, dass sowohl Jesus als auch seine Apostel den einfachen Stil pflegten. Im Vergleich mit Sokrates und Platon sprachen sie sehr viel schlichter und eingängiger. Im Hintergrund steht aber auch die Erfahrung, dass einfache Predigten meistens alle Zuhörenden ansprechen, wohingegen anspruchsvolle Reden nur wenige erreichen. Und das ist die Krux der Theologen: Jahrelang lernen sie im Studium hohe Gedanken kennen und müssen dann wieder in die Niederungen des Gemeindealltags hinabsteigen. Nicht allen gelingt das. Die Predigten von Charles sind hier ein guter Kompass.


The Lord Jesus did not say ›Feed my giraffes,‹ but ›Feed my sheep.‹ | The Salt-Cellars I, 56

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15
Über den Wolken ist der Himmel blau.

Charles war ein Optimist. Nicht dass er die Augen vor den Schrecken des Lebens verschlossen hätte. Er selbst neigte auch, wie wir heute wissen, zu depressiven Verstimmungen. Graue Wolken schoben sich oft genug vor sein Gemüt. Der Optimismus, den er besaß, war hart erstritten. Er gründete sich auf die Zusagen, die er in der Heiligen Schrift fand und so sein Eigen nannte. Die Verheißungen bildeten die Basis für seine positive Sicht der Dinge. Und diese Sicht versuchte er immer und immer wieder in seinen Predigten zu vermitteln. Mit seiner ganzen seelischen Kraft hielt er die Zuhörenden an, die dunklen Vorkommnisse nicht als letzte Realitäten zu betrachten, sondern auf den Gott des Himmels zu warten. Das, was man jetzt sehe, sei nur ein Teil der Wirklichkeit. Dahinter, so Charles, verberge sich der liebende Vater, der sich bald seiner Kinder annehme. Diese Haltung verfehlte ihre Wirkung nicht. Und genau genommen war es ja eine sachgemäße Verlebendigung der vielen Trostworte von Jesus selbst.


Above the clouds the sky is blue. | The Salt-Cellars I, 57

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16
Wir können die Menschen nicht ins Königreich schnarchen.

Schnarchen ist ein starkes Wort. Doch Charles liebte es deftig und so wählte er ebendiese Bezeichnung. Vielleicht passt langweilen in unserem oft vorsichtigen Sprachgebrauch besser. Im Kern handelt es sich freilich um dieselbe Sache. Gewarnt wird vor der Predigt, die schläfrig macht. Hier bekommen die Zuhörenden den Eindruck, dass alles schon sattsam bekannt ist. Hier werden keine Erwartungen gehegt, weil sie auch nicht gepflegt werden. Dann hilft es auch nicht, dass alles richtig ist, was man sagt. Es ist dann todrichtig – das lockt keinen Hund hinter dem Ofen hervor und wird auch keinen Menschen für das Himmelreich gewinnen. Interesse erzeugen ist an dieser Stelle ein probates Gegenmittel. Etwas Neues sagen, etwas witzig sagen, etwas spannend machen, etwas Unvorhergesehenes äußern, etwas ergriffen berichten, etwas mit Rührung erzählen, etwas Erstaunliches aussprechen, etwas Heftiges mitteilen, etwas Erschütterndes flüstern, etwas von allen bisher nur Gedachtes zur Sprache bringen – das weckt Interesse.


We cannot snore men into the kingdom. | The Salt-Cellars II, 183

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17
Ein Seelen-Gewinner muss ein Seelen-Liebhaber sein.

Der Begriff des Soul-Winners (Seelen-Gewinner) galt schon im 19. Jahrhundert als ein wenig ungewöhnlich. Wenn Charles ihn dennoch aufgriff, so tat er es im Wissen um den biblischen Sprachgebrauch. Denn dort ist die Seele häufig ein Synonym für den Menschen an sich. Prediger und Predigerinnen sollten die Seele mögen, schätzen, respektieren – ja, sogar lieben. Hörer und Hörerinnen merken rasch, wie der Predigende ihnen gegenüber auftritt. Wer mit Distanz, Misstrauen, Dünkel oder Arroganz auftritt, wird keinen Blumentopf, geschweige denn einen Menschen für Gottes Reich gewinnen. Die Liebe zu den Menschen aber verändert alles. Wer aus ihr heraus predigt, redet anders. Der Ton wird wärmer, die Inhalte werden plastischer, die Botschaft wird dringlicher. Das ist auch die Erklärung, weshalb oft theologisches Wissen, rhetorische Finesse, ja, sogar das Gebet ihre Grenzen haben. Fehlt die Liebe zu den Zuhörenden, fehlt zu viel.


A soul-winner must be a soul-lover. | The Salt-Cellars I, 56

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18
Prediger sollen helle Sterne, nicht dunkle Wolken sein.

Vor allzu einfachen Erklärungen wird heutzutage gerne gewarnt. Recht so. Wenn das aber im Umkehrschluss bedeutet, dass man überhaupt keine klaren Aussagen mehr machen darf, dann fällt man von der anderen Seite des Pferdes herunter. Klare, verständliche Aussagen sind in der Predigt nötiger denn je. Unsere deutsche Sprache bietet eine Vielzahl von sogenannten Modalpartikeln, die eine Aussage in einen Schwebezustand versetzen. Hierzu gehören Wörter wie: vielleicht, möglicherweise, wahrscheinlich, eventuell, gegebenenfalls, womöglich, vermutlich, allenfalls, unter Umständen, je nachdem usw. Nun ist offensichtlich, dass auch solche Beschreibungen ihre Berechtigung haben. Und dennoch sollten immer wieder Momente aufblitzen, wo es »Ja, ja« oder »Nein, nein« heißt. Martin Luther (1483-1546) schrieb einst an Erasmus von Rotterdam: »Der Heilige Geist ist kein Skeptiker.« Charles hätte dem wohl gerne zugestimmt.


Ministers should be stars to give light, not clouds to obscure. | The Salt-Cellars II, 32

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19
Wie die Priester am Altar können wir ohne Feuer nichts tun.

Sein Leben lang rang Charles mit der Frage, wie Predigten wirksam werden können. Einerseits war ihm klar, dass es ganz auf Gottes Wirken ankommt. Gleichzeitig wusste er aber auch, dass der Geist in aller Regel mittels Menschen wirkt. Und als einen bedeutenden Beitrag des Predigers identifiziert er das »Feuer«, worunter er die Energie des Predigenden verstand. Diese Feststellung leuchtet durchaus ein. Denn man merkt Predigten rasch an, mit welcher Kraft sie einhergehen. Werden sie müde, matt und marode vorgetragen? Dann werden sie meist nur wenig bewirken. Oder steht der Prediger gleichsam unter Strom? Glüht und brennt er für die Sache? Falls ja, ist das zwar noch keine Garantie für die Wirksamkeit. Doch die Chancen steigen beträchtlich. Nur wer entflammt ist, kann andere entzünden. Wie die Priester damals am Altar das Feuer benötigten, so sind die Prediger heute auf die Flammen der Begeisterung angewiesen. Freilich lag Charles nichts an einer einstudierten Energie. Er bestand darauf, dass sie von oben komme müsse.


Like the priests at the altar, we can do nothing without fire. | The Sword and the Trowel 1881, 315

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Es ist bekannt, dass ich kein Tory bin.

Charles zögerte nicht, sich regelmäßig zu politischen Themen zu äußern. Ohne sich parteipolitisch zu binden, stand er doch in vielen Fragen meist der Liberal Party nahe, die den Gegenpol zur konservativen Tory Party bildete. So trat er öffentlich für die Trennung von Staat und Kirche ein, sprach sich für die staatliche Unterstützung verarmter Familien aus, war ein erklärter Gegner der Sklaverei in den USA und positionierte sich auch als ausgesprochener Kriegsgegner. Nur so ist es wohl zu erklären, dass der mehrfache Premierminister William Gladstone einige Male seine Gottesdienste besuchte. Und es war wohl diese besondere Kombination von konservativer Theologie und moderner Gesellschaftspolitik, die ihn für viele Menschen so interessant machte. Seine Frau Susannah berichtete später, dass anlässlich einer Wahl die Türen und Mauern ihres gemeinsamen Hauses mit blauer Farbe bestrichen worden waren – den Farben der Tories. Doch Charles blieb gelassen. Im Abendgottesdienst erklärte er, jedermann wisse ja, dass er kein Konservativer, also kein Tory, sei. Und er rechne damit, dass die Urheber die blauen Wände bestimmt bald wieder überstreichen würden – was auch geschah.


It is notorious that I am no Tory […]. | Autobiography III, 342

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1 082,01 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
03 апреля 2025
Объем:
104 стр. 7 иллюстраций
ISBN:
9783417269994
Издатель:
R.Brockhaus
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

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