Читать книгу: «Predigt braucht Gefühl»

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Arndt Schnepper

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-417-22970-7 (E-Book)

ISBN 978-3-417-24163-1 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© 2020 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH

May-Eyth-Straße 41 . 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: info@scm-brockhaus.de

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.

Weiter wurde verwendet:

Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen. (ELB)

Umschlaggestaltung: Daniel Salewski,

SCM Bundes-Verlag gGmbH Witten

Titelbild: gettyimages.de, SvetaZi (Bild-ID 533727854)

Satz: Christoph Möller, Hattingen

Inhalt

Über den Autor

Einstimmung – das Vorwort

Kapitel 1: Bitte mit Gefühl!

Einleitung: Was können wir tun?

Drei Faktoren – wie Predigten wirken

Christus – der Meisterprediger

Glaube ist kein Gefühl – oder doch?

Die Schatten der Geschichte – Gründe unserer Gefühlsarmut

Kapitel 2: Theologische Kompetenz

Einleitung: In die Dynamik eintauchen

Erste Bewegung – vom Gesetz zum Evangelium

Zweite Bewegung – vom Zorn zur Liebe

Dritte Bewegung – von der Sorge zur Hoffnung

Vierte Bewegung – von der Sehnsucht zur Erfüllung

Kapitel 3: Ästhetische Kompetenz

Einleitung: Fühlung aufnehmen

Feiner Unterschied – mit und ohne Geist

Sich anstecken lassen – Affizierung

Unsichtbare Ströme – das Fluidum fassen

Was in der Luft ist – Atmosphären ahnen

Kapitel 4: Rhetorische Kompetenz

Einleitung: Öffentlich sprechen

Mal schlicht, mal ergreifend – Stilwechsel tut not

Der Sound von Mesopotamien – Sprache klingen lassen

Storytelling – Kunst des Erzählens

Biografisch werden – von sich selbst reden

Dein Haus brennt – konkret reden

Nicht nur auf Samtpfoten – aggressiv predigen

Kapitel 5: Soziale Kompetenz

Einleitung: In Kontakt treten

Keine Kleinigkeiten – Anfang und Ende

Gesprächsweise – Predigt im Dialog

Frei sprechen – Improvisation wagen

Massenpredigt – auch mal plakativ sein

Gefühle zeigen – Tränen lügen nicht

Modus der Erlösung – Heiterkeit versprühen

Kreise schließen sich – eins werden

Literaturhinweise

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Über den Autor


ARNDT SCHNEPPER ist Leiter des Praxisinstituts Evangelisation in Witten und unterrichtet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Braunschweig. Er ist promovierter Theologe und Autor mehrerer Bücher im Bereich der Praktischen Theologie.

Große Gefühle

auf der Kanzel

Eine Predigt, die mitreißt und begeistert, die zu Tränen rührt und bewegt, nachklingt und verändert – das ist die Sehnsucht vieler Gottesdienstbesucher.

Arndt Schnepper ermutigt dazu, Gefühlen in Predigten mehr Raum zu geben – so, wie es jahrhundertelang in Gottesdiensten der Fall war. Ganz praktisch zeigt er in kurzen wie einfachen Schritten auf, wie Predigten ihr Ziel nicht verfehlen: die Hörer und Hörerinnen. Damit die Worte nicht nur in den Kopf, sondern auch ins Herz gehen.

»Wir können mit einer Predigt den Glauben nicht ›machen‹. Er ist und bleibt etwas Unverfügbares. Aber wir sind durchaus in der Lage, für ein paar Voraussetzungen zu sorgen, damit eine Predigt dann wirksam werden kann. Oder so formuliert: Wir können etwas tun, damit das Wesentliche durch Gott geschehen kann.«

ARNDT SCHNEPPER

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Einstimmung – das Vorwort

Es gibt Predigten, die ziemlich schief sind. Kein Wunder, dass sie wenig Echo finden. Und es gibt ebenso Predigten, die ziemlich gut sind. Doch auch sie zeigen manchmal nur eine minimale Wirkung. Wie ist dieser Umstand zu erklären? In vielen Fällen fehlt es ihnen nicht an Ernst und Exegese, auch nicht an Gebet und Gebrauchshinweisen fürs praktische Leben. Es mangelt ihnen schlicht und einfach an Gefühl. Die Menschen bestehen eben nicht nur aus Verstand und Intellekt. Sie denken und grübeln nicht nur, sondern sie fühlen und empfinden auch. »Es gibt für den Menschen keine lebendige Wahrheit als die gefühlte«, so schrieb der Erweckungstheologe Friedrich August Gottgetreu Tholuck (1799–1877) in seinem Werk »Predigten über Hauptstücke des christlichen Glaubens und Lebens« (Tholuck 1842, S. 300). Hierbei geht es freilich nicht um eine Auflösung der Wahrheit und des Wissens zulasten einer übertriebenen Rührseligkeit. Das Ziel ist vielmehr, so zu predigen, dass der Mensch das Evangelium fassen kann – mit Kopf und Herz. Darum sollte eine Predigt beides enthalten: Informationen und Emotionen. Das ist keine neue Einsicht, aber eine, die immer wieder in Vergessenheit gerät. Nach einer Einführung in das Thema entfalte ich vier Kompetenzen. Es handelt sich um Fertigkeiten, die wichtige Schlüssel für emotionale Predigten sind.

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Kapitel 1: Bitte mit Gefühl!


Einleitung: Was können wir tun?

Was können wir tun, damit unsere Predigten eine Wirkung erzielen? Eine klassische Antwort auf diese Frage ist: nichts. Schlicht und ergreifend nichts. Vertreter und Vertreterinnen dieser Position finden sich in allen Kirchen und auf vielen Kanzeln. Sie eint die Überzeugung, dass die Wirkung einer Predigt ganz und gar von Gottes Wirken abhängig sei. Nur Gott allein könne durch unser Reden eine Resonanz der Zuhörer erwirken. Glaube sei immer eine Gabe, die ausschließlich durch den Heiligen Geist erschaffen werde. Darum, so die Überzeugung, führe die gestellte Frage auch in die Irre. Wenn überhaupt, dann sei das Gebet zu Gott ein legitimer Weg, der Predigt einen hohen Wirkungskreis zu ermöglichen. Auf den ersten Blick sieht dieser Standpunkt sehr ordentlich aus. Schließlich signalisieren die Anwälte dieser Position ein hohes Maß an Bescheidenheit. »Ich vermag nichts, Gott tut alles« – das ist die hohe Form der christlichen Zurückhaltung. Und ist die Ansicht nicht auch theologisch korrekt? Schließlich stimmt der Ansatz mit dem evangelischen Motto »Allein durch Gnade« (lat. sola gratia) bestens überein. Die Antwort klingt also gut, aber ist sie auch sachgemäß?

Drei Faktoren – wie Predigten wirken
Eindruck

Sicher ist an der beschriebenen Position richtig, dass wir eine Wirkung der Predigt weder planen noch produzieren können. Geistliche Dynamik lässt sich nicht mixen und in Flaschen abfüllen. Es stimmt ja: Wir können mit einer Predigt den Glauben nicht »machen«. Er ist und bleibt etwas Unverfügbares. Die biblischen Aussagen sind an dieser Stelle eindeutig. Wenn etwas geschieht, dann durch Gottes Wort und seinen Geist. Sachgemäß sprachen die alten Theologen von der Heilswirksamkeit der Schrift (lat. efficacia scripturae). So weit, so gut. Die entscheidende Frage ist aber nun, ob dies auch im Umkehrschluss bedeutet, dass wir »überhaupt nichts« tun sollen? Nun, das Wichtigste – den Glauben – können wir mit einer Predigt nicht erzeugen. Aber wir sind durchaus in der Lage, für ein paar Voraussetzungen zu sorgen, damit eine Predigt dann wirksam werden kann. Oder so formuliert: Wir können etwas tun, damit das Wesentliche durch Gott geschehen kann. Drei entscheidende Bedingungen möchte ich näher beleuchten.

Inspiration

Auch auf die Gefahr hin, dass das folgende Beispiel lapidar klingt, so ist es doch elementar. Die erste Bedingung, damit eine Predigt wirksam werden kann, ist ihre akustische Wahrnehmung. Es stimmt leider: Prediger und Predigerinnen, die zu leise sprechen, werden kein Gehör finden. Da können ihre Ideen noch so interessant sein. Wollen wir mit der Predigt eine Wirkung ermöglichen, müssen die Menschen uns hören können. Was für den Schall gilt, stimmt auch für die Predigt – ohne Worte kein Widerhall. Hier berühren wir also die äußeren Rahmenbedingungen, die gegeben sein müssen.

Wie die Außenwelt ist auch die Innenwelt des Menschen für die Predigt von erheblicher Bedeutung. Eine wichtige Rolle spielt hierbei der kognitive Rahmen des Menschen, also seine Fähigkeit, zu denken und zu verstehen. Die Sache ist so simpel wie wahr: Eine Predigt, die meine Zuhörer nicht verstehen, wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erreichen. Das beginnt ganz grundsätzlich mit dem Zeichensystem, das eine Sprachgemeinschaft nutzt. Wird es nicht geteilt, kommt kein Verstehen zustande. Die Predigt muss also in der Muttersprache gehalten werden, die mein Gegenüber beherrscht. Wohl berichtet die Apostelgeschichte von der aramäischen Pfingstpredigt des Petrus, wo etliche Nationalitäten plötzlich alles verstehen konnten (Apostelgeschichte 2). Doch diesen Bericht dürfen wir getrost als Sonderfall der christlichen Kommunikation bezeichnen. Schließlich besuchen auch heute noch Missionare und Missionarinnen eine Sprachschule oder nutzen die Hilfe von Übersetzern. Grundsätzlich gilt: Nur wer begreifen kann, lässt sich auch bewegen.

Aber es geht nicht nur um die gesprochene Sprache. Es sind in der Predigt auch die Inhalte, die verständlich gemacht werden müssen. Es ist eine Binsenweisheit: Zu Kindern redet man anders als zu Jugendlichen oder zu Erwachsenen. Leute ohne Schulabschluss sind in aller Regel nicht wie Hochschuldozierende anzusprechen. Und Menschen ohne religiöse Bildung unterscheiden sich in ihrem Verständnisrahmen erheblich von engagierten Gottesdienstbesuchern. Die Beispiele zeigen, dass eine Predigt eine ziemlich anspruchsvolle Angelegenheit ist. Es ist eines, die Muttersprache der Zuhörer sprechen zu können. Es ist ein anderes, auch ihre Sprache zu sprechen. Wer sich nicht bemüht, seine Zuhörenden zu verstehen, steht in Gefahr, an ihnen vorbeizureden. Sprachfähigkeit ist gefragt.

Zum Hören und Verstehen gesellt sich aber noch eine dritte Voraussetzung, damit Predigten wirken können: das Fühlen. Und das ist kein nebensächlicher Faktor. Die moderne Hirnforschung legt nahe, dass das Fühlen das Denken mehr beeinflusst als umgekehrt. Doch der Reihe nach: Knapp drei Pfund wiegt das Gehirn eines Erwachsenen. Obwohl es recht klein, ist es doch das Körperorgan mit dem höchsten Energieverbrauch. Etwa 20 Prozent des gesamten Umsatzes wird hier beansprucht. Wichtige Funktionen sind hierbei die kognitiven Prozesse wie Denken, Deuten, Erinnern und Vorstellen. Sie vollziehen sich weithin in der sogenannten Großhirnrinde, der oberen Schicht des Gehirns. Rund 16 Milliarden Nervenzellen sind hier am Werk. Hinzu kommen die Gefühle, die im limbischen System beheimatet sind, das von der Großhirnrinde eingefasst ist. Beide Gehirnteile funktionieren durchaus eigenständig, sind aber auch auf hochkomplexe Weise miteinander verbunden. Parallel zu den Gefühlen entstehen im limbischen System auch die Ansichten über das, was richtig und falsch oder wichtig ist.

Eine weitere Einsicht der Hirnforschung betrifft nun das Verhältnis von Großhirnrinde und limbischem System. Denn hier gibt es eine klare Rangordnung: Das limbische System ist viel einflussreicher als die Großhirnrinde. Die emotionalen Schaltstellen steuern sehr viel stärker die Verstandesebene als umgekehrt. Diesen biologischen Befund kann man jederzeit an sich selbst nachvollziehen. Zum einen haben die Gefühle einen mächtigen Partner, nämlich unseren Körper. Viele unserer Emotionen, die sich im Kopf bilden, werden von körperlichen Erscheinungen begleitet. So kann unser Herz vor Freude hüpfen oder vor Angst rasen. Die Sorge vermag uns niederzudrücken, die Gewissheit schenkt uns einen aufrechten Gang. Bei innerer Unruhe bilden sich Falten auf unserer Stirn. Empfinden wir Glück, dann lächeln wir und fangen an zu strahlen. Zum anderen treffen wir viele unserer wichtigen Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Auch wenn wir alles sachlich durchdenken und die Argumente gegeneinander abwägen, gibt meistens unser Gefühl den Ausschlag. Denn das Leben verläuft anders als Mathematik oder Geometrie.

Blicken wir nun wieder auf die Predigt: Wenn sie Resonanz finden soll, dann muss sie dem Menschen entsprechen. Nicht dem Menschen, wie er im Idealfall sein sollte, sondern dem, der er in Wirklichkeit ist. Mit anderen Worten: Zuerst müssen die Schallwellen einen Weg durch das Gehör finden – das ist die leibliche Ebene. Das Gesagte muss sodann vom Gehirn verarbeitet und verstanden werden können – das ist die kognitive Dimension. Und das Geäußerte muss schließlich vom limbischen System als bedeutungsvoll empfunden werden – das ist die emotionale Bedingung. Fehlt der Predigt eine der drei Facetten, dann fehlt ihr Wesentliches. Ja, ein anschließendes Wirken wird fast unmöglich gemacht.

Natürlich gibt es auch hier die berühmten Ausnahmen, etwa wenn Gott eine Eselin zu Bileam sprechen lässt (4. Mose 22,28). Doch Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Und so ist es auch einzuordnen, wenn eine ziemlich schlichte und schlechte Predigt manchmal doch zu viel Nachdenken anregen kann. Oder wenn es passiert, dass eine emotionslose und langweilige Andacht zu heftigen Erschütterungen führt. Solche Fälle gibt es immer wieder, aber sie sind und bleiben eher selten. Damit Gott durch Predigten wirken kann, müssen Prediger und Predigerinnen von außen nach innen die Voraussetzungen hierfür schaffen.

Praxis

Doch wie sehen Predigten heute bei uns aus? Welche der drei genannten Faktoren werden möglicherweise bei uns vernachlässigt? Das ist natürlich eine Frage, die sich pauschal so nicht beantworten lässt. Ich wüsste auch nicht, wie man das messen sollte. Zu unterschiedlich sind kirchliche Traditionen, zu individuell auch die vielen Predigerinnen und Prediger. Dennoch gibt es Indizien, die in eine gewisse Richtung weisen.

Beginnen wir mit dem ersten Rahmenfaktor, also der akustischen Vernehmbarkeit. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war das eine riesige Herausforderung. Wohl traten immer wieder Prediger wie der mittelalterliche Berthold von Regensburg (1220–1272) auf, die zu vielen Tausend Zuhörern auf freiem Feld reden konnten. Doch sie waren echte Ausnahmeerscheinungen. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts musste der durchschnittliche Prediger zeit seines Lebens seine Stimme in Form halten, um im Kirchenraum durchzudringen. Viele Predigten werden die letzten Reihen nicht mehr erreicht haben. Und viele schwerhörige Menschen werden kaum etwas verstanden haben. Das änderte sich schlagartig mit der Einführung des Lautsprechers. Seitdem ist die Akustik überall gewährleistet. Das Schlimmste, was heute mancher Gemeinde am Sonntag zustoßen könnte, wäre ein Stromausfall.

Und wie steht es um den zweiten Faktor – das Verstehen? Erfahrungsgemäß ist das ein weites Feld. Das formale Verständnis ist ja in vielen Fällen gegeben. Wachse ich in Deutschland auf, dann verstehen mich dort die allermeisten Menschen, darüber hinaus auch in Österreich und der Deutschschweiz. Wenn wir nun das formale Verstehen der Sprache voraussetzen, so bleibt die Herausforderung, einmal die Bibel an sich zu verstehen, sodann die Zuhörer und ihre Hintergründe zu kennen und dann auch noch eine Brücke zwischen beiden zu schlagen. Für das Verständnis der Heiligen Schrift bieten sich theologische Zweige wie die Hermeneutik, die Exegese, die Sprachwissenschaften und die Geschichtswissenschaften an. Die Menschen und ihre Lebensverhältnisse versuchen wir mit den Sozialwissenschaften besser zu verstehen: Hier stehen Psychologie, Soziologie oder Pädagogik zur Verfügung. Wer predigt, wird immer versuchen, neue Einsichten dieser Forschungszweige in Anspruch zu nehmen.

Bleibt noch die dritte Bedingung der menschlichen Wahrnehmung: das Fühlen. Und hier wird schnell deutlich, dass es sich dabei meist um ein unbekanntes Terrain handelt. Natürlich nicht in dem Sinne, dass man von diesem Land des menschlichen Lebens überhaupt nichts wüsste. Schließlich gehört ein psychologisches Grundwissen heute zu einer Art Grundausbildung. Das Land der Gefühle ähnelt einem mehr oder weniger gut kartografierten Gelände. Man weiß darum Bescheid – aber man begibt sich dort nicht hinein. Man hat von den Emotionen und Motivationen gehört, ist aber zögerlich, sie für die Predigt nutzbar zu machen. Man spricht über die Gefühle ohne viel Gefühl – das kann nicht gut gehen.

Noch gelten die Emotionen vielen Predigern und Predigerinnen als zu vernachlässigende Faktoren. Für manche ist es geradezu ein hohes Ideal, Predigten ohne viel Gefühl zu halten. Denn der Glaube an den dreieinigen Gott, so die Annahme, sei ja schließlich auch kein Gefühl. Der Verstand erscheint ihnen als der Haupteingang zur menschlichen Seele. Und auch wenn Prediger im Gefolge einer reformatorischen Theologie der Vernunft nicht allzu viel zutrauen, so operieren sie doch weitestgehend immer mit denkerischen Mitteln. Man interpretiert, argumentiert, strukturiert, formuliert und definiert – so will man die Menschen erreichen.

Doch der Wind dreht sich. Hier und da spricht man in den Wissenschaften von einem »emotive turn«, also einer Wendung hin zu den Emotionen. Sie rücken heute mehr und mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit. Und das ist keineswegs eine Stilfrage. Für die Predigt geht es ums Überleben. Denn die Frage ist, ob wir mit der einseitigen Ausgestaltung der Predigt dem Menschen gerecht werden. Predigen wir menschlich, also mit Verstand und Gefühl? Falls nicht, predigen wir am Menschen vorbei.

Christus – der Meisterprediger
Eindruck

Am Anfang der christlichen Predigt steht Jesus Christus. Folgt man den Berichten der vier Evangelisten, war die öffentliche Rede eine seiner vornehmsten Tätigkeiten. Mal sprach er im kleinen Kreis, mal vor vielen Menschen. Manchmal stieß er auf vehemente Ablehnung, andere Male erlebte er enormen Zuspruch. In der Summe lösten seine Predigten eine Bewegung aus, die bis heute weiterlebt. Was er sagte und was die Evangelisten dann später schriftlich festhielten, bildet heute einen wesentlichen Teil des Neuen Testaments. Wenn wir heute danach fragen, wie wir predigen sollen, darf eine Orientierung an Jesus nicht fehlen.

Doch wie predigte Jesus eigentlich? Bekanntlich ist die Zahl der Veröffentlichungen zur Frage, was genau Jesus predigte, Legion. Heerscharen von Theologen unternehmen immer wieder aufs Neue den Versuch, seine überlieferten Aussagen zu verstehen und zu verorten. Sehr viel übersichtlicher wird es aber, wenn wir die Frage stellen, wie Jesus predigte. Das liegt daran, dass in keinem der Evangelien etwas darüber berichtet wird. Lässt sich daher überhaupt etwas zu seiner Predigtweise sagen? Bereitete Jesus sich etwa vor oder sprach er spontan? Hatte er auch die Gefühle seiner Zuhörer im Blick? Finden wir bei ihm eine Rücksicht auf die drei skizzierten Voraussetzungen, unter denen Predigt überhaupt gelingen kann? Es lohnt sich, die Evangelien auf diese Frage hin ein wenig näher zu betrachten.

Inspiration

Beginnen wir mit dem äußeren Kreis – den sinnlichen Voraussetzungen. Ohne technische Hilfsmittel und nur mit der Stimme zu sprechen, war im Altertum eine enorme Herausforderung. Daher nutzte man gerne naturgegebene oder künstliche Erhöhungen, um besser gehört zu werden. Schauspieler stellten sich auf eine Bühne und Feldherren kletterten auf ein Gerüst, um vor der Schlacht eine Rede an die Soldaten zu richten. Das taten sie aus zweierlei Gründen: Zum einen wurde so der Schall ihrer Stimme nicht vorschnell von den anwesenden Zuhörern abgeschwächt, sondern konnte sich über ihre Köpfe hinweg besser ausbreiten. Und zum anderen wurden sie an einer solch exponierten Stelle viel besser gesehen. Wo ihre Stimme vielleicht nur noch schwach vernehmbar war, da konnten sie mittels Gestik und Mimik immer noch verstanden werden. Auch Jesus wusste von solchen akustischen Rahmenbedingungen. So wird etwa zu Beginn der Bergpredigt darauf hingewiesen, dass er beim Anblick der vielen Menschen auf eine Anhöhe stieg (Matthäus 5,1). Das war eine wichtige Voraussetzung, damit er auch von allen Zuhörern gehört werden konnte.

Auch das Bemühen um die zweite Ebene des Sprechens – die Verständlichkeit – ist bei Jesus in hohem Maße gegeben. Natürlich können wir nur die Reden Jesu beurteilen, die uns die Evangelisten überliefert haben. Aber was uns vorliegt, ist auch heute noch nach rund 2000 Jahren erstaunlich gut verständlich. Sicher, viele Begriffe unterliegen einem Bedeutungswandel. Umso erstaunlicher ist die große Klarheit seiner Reden, die das Lesen auch heute ohne große Vorkenntnisse im Großen und Ganzen ermöglicht. Für etliche andere religiöse Schriften aus dieser Zeit, wie etwa aus der gnostischen Literatur, lässt sich das so nicht immer behaupten. Mit anderen Worten: Jesus sprach nicht dunkel und raunend wie ein Esoteriker, sondern er bemühte sich als Lehrer um Klarheit und Unkompliziertheit. Verständlichkeit im Reden, plain talk und einfache Sprache erscheinen bei ihm als hohes Ideal. Diesem Ideal fühlte sich auch Paulus verpflichtet, wenn er etwa den Christen in Korinth ins Stammbuch schrieb: »Aber in einer Gemeindeversammlung spreche ich lieber fünf verständliche Worte, die anderen helfen, als zehntausend Worte in einer anderen Sprache« (1. Korinther 14,19).

Verständlichkeit bedeutete für Jesus aber keinesfalls geistige Unbedarftheit oder gar Dummheit. So einfach seine Sprache damals und heute scheint, so akkurat waren bisweilen seine Argumentationsverfahren. Ganz offensichtlich waren ihm viele der damals gängigen Diskussionstechniken geläufig. So schließt er zum Beispiel in der Bergpredigt vom Kleineren aufs Größere. Wenn Gott das Gras des Feldes (das Kleine), das morgen in den Ofen geworfen wird, so schön ausstattet, sollte er sich nicht viel mehr auch um seine Kinder (das Große) kümmern (Matthäus 6,30)? Rhetoriker nennen dieses Beweisverfahren das argumentum a minore ad maius. Aber er nutzt auch das umgekehrte Verfahren, was gemeinhin als argumentum a maiore ad minus bezeichnet wird. Hier schließt er vom Größeren auf das Kleinere, wie etwa bei der Heilung des Gelähmten, der durch das Dach zu ihm heruntergelassen wird (Markus 2,12). Wenn er heilen kann (in den Augen der Zuschauer das Größere), dann hat er auch die Macht, Sünden zu vergeben (das Kleinere im Dafürhalten der Anwesenden). Mal argumentiert er mit der Erfahrung, sehr häufig auch mit dem Hinweis auf die Heilige Schrift. Jesus war, so Martin Luther, der »beste Dialecticus« (WA 47, 777, 17), also ein hervorragender Diskutant und Dialogpartner. Er war in keinem Gespräch um gute Gründe verlegen und erwies sich als ziemlich schlagfertig.

Jesus war ein großer Lehrer – aber er besaß kein Lehrhaus und leitete auch keine eigene Schule. Ganz im Gegenteil: Wohl hielt er sich manchmal in Kapernaum auf, doch die längste Zeit war er unterwegs. Er eilte von Ort zu Ort, um das Evangelium vom anbrechenden Reich Gottes zu predigen. Im Grunde ist das eine schlechte Voraussetzung, um viele Menschen um sich zu sammeln. Denn die mögen in aller Regel stabile und tragfähige Beziehungen. Einem Durchreisenden gegenüber sind sie eher skeptisch.

Jesus gelang es trotzdem die Leute mit seiner Predigt zu gewinnen – aber was war sein Geheimnis?

Praxis

Literaturwissenschaftler sprechen hier von der »poetischen Form« der Sprache Jesu. Auch wenn Jesus in Aramäisch predigte, die Evangelisten seine Reden ins Griechische übertrugen und wir heute die Texte in deutscher Sprache lesen, so ist bis heute der unnachahmliche »Sound« der Reden von Jesus zu spüren. Alles klingt und schwingt bei ihm. Seine Worte sind voller Bilder und Beispiele, Langeweile ist nicht möglich. Ja, man wird bei ihm von einem Thema zum nächsten mitgerissen.

Poetisch nennt man seine Predigtweise also nicht, weil er sich um hebräische Lyrik bemüht hätte. Mit dieser Bezeichnung ist vielmehr gemeint, dass es bewusst für die Zuhörenden geformte Sprache ist. Er nutzte keine Schriftsprache, wie etwa Paulus es in seinen Briefen tat, wo man beim Abfassen jedes Satzes noch mal nachdenken kann. Bei Jesus finden wir die typische Sprechsprache, die versucht, Aufmerksamkeit zu erregen. Es ist keine kühle und sachliche Sprache, es ist eine Rede, die den Hörenden berühren und bewegen soll. Es ist eine Predigtweise, die zielsicher auf die Emotionen abzielt. Als ungeheuer stark empfinden wir noch heute seine Geschichten und Gleichnisse, wie etwa die vom barmherzigen Samariter (Lukas 10), vom verlorenen Sohn (Lukas 15), vom vierfachen Ackerfeld (Matthäus 13) oder den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20). Durch und durch einprägsam sind auch seine sogenannten »Ich-bin«-Worte, wie sie im Johannesevangelium überliefert werden. Theologische Spitzenaussagen werden hier in ein emotionales Kleid eingewickelt, sodass sie bis heute ihre Wirkung nicht verfehlen.

Jesus predigte in einer Zeit, die wir heute als orale, also mündliche Kultur bezeichnen. Auch wenn die Menschen damals begannen, mehr und mehr zu schreiben – man denke an Paulus und seine zahlreichen Briefe –, so war die mündliche Rede doch die vorherrschende Kommunikation. Man wusste: Wer überzeugen möchte, muss zu den Menschen sprechen können. Er muss alle wesentlichen Voraussetzungen des Redens im Blick haben. Man konnte es sich nicht leisten, leise und langweilig vor sich hin zu reden – es war geboten, laut und vernehmlich sowie verständlich und mit viel Gefühl zu den Menschen zu sprechen. Nur so ließen sich die Zuhörer erreichen.

Was Jesus nun erfolgreich in seinem Alltag praktizierte, war auch Gegenstand der damaligen Wissenschaften. Immer wieder wurde im Altertum gefragt, wie mithilfe von Erfahrung und Überlegung die Voraussetzungen der wirksamen Rede beschrieben werden könnten. Eine wichtige Stimme war hier der römische Philosoph und Jurist Marcus Tullius Cicero (106–43 v.Chr.), der rund 100 Jahre vor Jesus geboren wurde. In seinem Werk »Über den Redner« (Original: »De oratore«) benennt er drei unersetzliche Aufgaben, die ein erfolgreicher Redner verfolgen muss, damit er Wirkung erzielt. Diese Faktoren wurden später auch als die officia oratoris, also die Wirkungsarten der Redekunst, bezeichnet. Es handelt sich um das Belehren (lat. docere), das Erfreuen (lat. delectare) und das Bewegen oder Erschüttern (lat. movere):

So konzentriert sich die gesamte Redekunst auf drei Faktoren, die der Überzeugung dienen: den Beweis der Wahrheit dessen, was wir vertreten, den Gewinn der Sympathie unseres Publikums und die Beeinflussung seiner Gefühle im Sinne dessen, was der Redegegenstand jeweils erfordert. (Cicero, De oratore II, 115)

Für seine Sache kann man die Zuhörer also nur gewinnen, wenn es gelingt, bei ihnen Gefühle zu wecken. Sich allein an den Verstand zu richten, reicht nicht, es muss das Herz getroffen werden. Es ist dieser Realismus der antiken Rhetorik, der ihr bis heute Bewunderung und Anerkennung verschafft. Die ausschließliche Betonung der Vernunft und der Argumentation wird dem Menschen nicht gerecht. Die Zuhörer wollen natürlich verstehen, sie möchten aber auch spüren und fühlen. Beides ist wichtig: gute Gedanken und große Gefühle. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um eine gegenseitige Ergänzung. Diese Gewissheiten waren zu Jesu Zeiten Allgemeinwissen – und Jesus scheint dieses Wissen auf vollkommenste Weise verkörpert zu haben. Er sprach nicht an den Menschen vorbei – im Gegenteil. Nach seiner Predigt auf dem Berg »entsetzten« sich (Lutherbibel) bzw. »erstaunten« (Elberfelder Bibel) die Menschen sehr. Denn, so die Begründung des Evangelisten, »er sprach mit Vollmacht – anders als die Schriftgelehrten« (Matthäus 7,29).

Glaube ist kein Gefühl – oder doch?
Eindruck

»Glaube ist kein Gefühl!« Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört? Ich weiß es nicht, aber dass er mir in Fleisch und Blut übergegangen ist, das weiß ich mit Sicherheit. Wahrscheinlich habe ich ihn auch selbst schon gebraucht. Doch sosehr er einerseits stimmt, so schwierig finde ich ihn mittlerweile. Unterstellt er doch, dass Glaube und Emotionen zwei unterschiedliche Welten sind. Erst spät stieß ich auf das Buch, das diesen Satz geprägt hat. Doch der Reihe nach.

Am 31. Juli 1976 stieg im US-Bundesstaat Colorado der Big Thompson River über die Ufer. Wolkenbruchartige Regenfälle hatten den Fluss anschwellen lassen. Nun überflutete er ganze Landstriche, entwurzelte Bäume, zerstörte Häuser und riss Fahrzeuge mit. Es entstanden enorme Sachschäden. Und viel schlimmer: Rund 140 Menschen fanden während des Unwetters den Tod. Es war eine furchtbare Katastrophe. Unter den Getöteten befanden sich auch sieben Mitarbeiterinnen der christlichen Studentenorganisation »Campus für Christus«. In großer Runde hatte man sich zu einem Freizeitwochenende auf der Sylvan Dale Guest Ranch getroffen. Es begann alles so verheißungsvoll. Doch dann brach das Unglück über sie herein. Auf der Flucht vor den Wassermassen wurden zwei ihrer Autos überspült. Zwei der jungen Frauen konnten sich noch befreien und später an Bäumen festklammern, für die anderen sieben kam jedoch jede Hilfe zu spät. Was mit so viel Erwartung und Freude begonnen hatte, endete als Tragödie. In dem später viel gelesenen Buch »Faith is not a feeling«, das anschließend auch in deutscher Sprache erschien (»Glaube ist kein Gefühl«), zeichnete Bailey die schrecklichen Ereignisse nach. Dabei machte sie keinen Hehl aus ihren tiefen, emotionalen Krisen, die sie erlebte. Immer wieder empfand sie große Trauer und fühlte sich von Gott verlassen. Aber sie berichtete auch, wie sie als Christin mit diesem schrecklichen Verlust umzugehen lernte. Ihre persönliche Entdeckung sei, so schreibt sie, dass Glaube kein Gefühl, sondern eine Entscheidung sei. Und sie hält fest, dass der Glaube sich nicht von schlechten Gefühlen herumreißen lassen darf, sondern sich an Gottes Wort und den darin enthaltenden Zusagen orientieren soll:

Jeder von uns hat Gefühle. Sie können uns zu Freunden oder zu Feinden werden, je nachdem, wie wir mit ihnen umgehen. Ich möchte Ihnen von einigen Kämpfen und Prüfungen berichten, die ich bestehen musste, bis ich lernte, meine Gefühle zu bändigen und zu meistern. Ich möchte Ihnen erzählen, wie ich es lernte, sie als einen Zugang zu Gottes Wort zu gebrauchen. (Bailey 2007, S. 7)

Das Buch enthält eine wichtige Botschaft, die auch heute gilt: Gefühle sind nicht neutral. Das stimmt etwa für die Traurigkeit. So kann sie echter Ausdruck eines erlittenen Verlustes sein. In einem solchen Fall gibt es keine Alternative, als diesem Gefühl auch Ausdruck zu verleihen. Von keinem Christen wird etwa in einem Todesfall erwartet, dass er sich freut und in die Hände klatscht. Dann ist nicht die Zeit, ein »Halleluja« (Lobet Gott) zu rufen, sondern ein »Kyrie eleison« (Herr, erbarme dich) zu seufzen.

Gefühle wie Traurigkeit können sich aber auch verselbstständigen und manchmal alle anderen inneren Regungen – wie etwa den Glauben – dauerhaft ersticken. Dunkle Stimmungen legen sich dann wie ein Mehltau auf den Menschen. Hier gilt die alte Weisheit, dass die entscheidende Nahrung des Glaubens das Evangelium ist. Auch wenn ich mich nicht danach fühle, so bestätigt mir die Heilige Schrift, dass ich Gottes Sohn und Tochter bin. Selbst wenn vieles dagegenspricht, so sichert mir die Verheißung zu, dass niemand mich aus Gottes Hand reißen kann. Als Christ und Christin darf ich mich dann nicht von irrlichternden Emotionen beunruhigen lassen. Darum hat der Buchtitel auch seine Berechtigung: »Glaube ist kein Gefühl.«.

Inspiration

Ohne das Buch zu lesen, wird der Titel jedoch schnell missverständlich. Denn auch wenn der Glaube kein Gefühl ist, so geht er fast immer mit Gefühlen einher. Einen Glauben ohne Gefühle gibt es eigentlich gar nicht. Ein Blick ins Neue Testament untermauert diesen Standpunkt. So sind für Paulus etwa Glaube und Gefühl keine Gegensätze, sondern das eine folgt aus dem anderen. So schreibt er etwa in seinem Brief an die Gemeinde Roms: »Denn im Reich Gottes ist nicht entscheidend, was man isst oder trinkt, sondern dass man ein Leben führt in Gerechtigkeit und Frieden und in der Freude im Heiligen Geist« (Römer 14,17).

Mit anderen Worten: Freudengefühl und innere Ruhe sind wesentliche Ausgestaltungen der Zugehörigkeit zu Gottes neuer Welt. Wegweisend ist für diesen Zusammenhang auch Paulus’ Darstellung der sogenannten »Frucht des Geistes« im Brief an die Galater: »Wenn dagegen der Heilige Geist unser Leben beherrscht, wird er ganz andere Frucht in uns wachsen lassen: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung« (Galater 5,22-23).

Nicht alle der genannten Kennzeichen sind dem Bereich der Emotionen zuzuordnen, einige aber schon, wie etwa Freude und Frieden. Man sieht: Glaube ist kein Gefühl. Aber wie gute Früchte folgen Gefühle auf den Glauben.

Heute sind wir daran gewöhnt, scharf zwischen Denken und Fühlen zu unterscheiden. Dem biblischen Verständnis entspricht das aber nicht. Hier steht die Bezeichnung des »Herzens« im Mittelpunkt. Und in ihm denkt und fühlt der Mensch. Es war Martin Luther, der diese ganzheitliche Sicht zu seiner Zeit wieder stark betonte. Für ihn sind Verstand (lat. intellectus) und Emotionen (lat. affectus) zwar eigenständige Vorgänge, sie gehören aber eng zusammen. Und ihr gemeinsamer Ort ist das Herz. Mit dem Herzen wird gedacht und gefühlt – und nicht bloß Letzteres, wie es heute oft verstanden wird. Das Herz ist das Zentrum der Persönlichkeit. Mit dem Herzen glaubt der Mensch auch. Eine Bevorzugung des Verstandes vor den Gefühlen kennt Luther nicht. Gefühle und Intellekt sind für Luther gleichermaßen elementare Seiten des Menschseins. Mit ihnen kann sich der Mensch von Gott abwenden oder ihm zuwenden. Ein Glaube ohne Intellekt ist blind, ein Glaube ohne Gefühl ist nicht lebendig. In seiner Vorrede zum Psalter entwirft Luther ein plastisches Bild, wie massiv die Gefühle das Herz bewegen und bestürmen. Er greift dabei auf ein Bild aus der Seefahrt zurück:

Denn ein menschliches Herz ist wie ein Schiff auf einem wilden Meer, welches die Sturmwinde von den vier Orten der Welt treiben. Hier stößt her Furcht und Sorge vor zukünftigem Unfall. Dort fährt Grämen her und Traurigkeit von gegenwärtigem Übel. Hier webt Hoffnung und Vermessenheit von zukünftigem Glück. Dort bläst her Sicherheit und Freude in gegenwärtigen Gütern. (Luther, WA DB 10 I, 100,33-37)

Mit anderen Worten: Der Intellekt ist ein wichtiger Teil des Herzens, aber eben nicht alleiniger. Gefühle bewegen uns oftmals viel stärker. Darauf sollte eine Predigt unbedingt Rücksicht nehmen. Der Berliner Erweckungstheologe August Neander (1789–1850) sagte es so: Pectus est quod facit theologum, also: Das Herz macht den Theologen.

Praxis

Ich denke, es ist höchste Zeit, die immer sehr beliebte Konfrontation von Gefühlen und Gedanken zu überwinden. Sie entspricht weder den modernen medizinischen Ergebnissen noch dem biblischen Menschenbild. Beide Funktionen sind zutiefst menschlich und gehören zusammen. Deshalb darf es bei aller Wertschätzung der Emotionen auch nicht um die Preisgabe der Rationalität gehen. Es muss außerdem immer legitim sein, Emotionen kritisch zu hinterfragen. Gefühl ist eben nicht alles, wie Goethe seinen Protagonisten Faust im gleichnamigen Drama sagen lässt. Genauso wenig, wie Verstand und Intellekt alles bedeuten. Beide Funktionen des menschlichen Herzens haben ihren jeweils eigenen Wert und bedürfen ihrer gegenseitigen Ergänzung. Die Gefährdung tritt dann ein, wenn sie isoliert erscheinen.

Es wäre aber zu kurz gegriffen, die Bedeutung der Emotionen nur vom Menschen her zu begründen. Gefühle sind nämlich nicht nur zutiefst menschlich, sie haben ihren Ursprung in Gott selbst. Immer wieder fällt beim Bibellesen auf, dass Gott ziemlich emotional dargestellt wird. So reut es ihn, dass er den Menschen geschaffen hat (1. Mose 6,69), und er zürnt gegen Mose (2. Mose 4,14). Gleichzeitig freut er sich über die Menschen (Zefanja 3,17) und ist gnädig gegenüber den Sündern (Psalm 25,8). Gleiches lässt sich auch über Gottes Sohn sagen. Er weint (Johannes 11,35), er jubelt (Lukas 10,21) und liebt (Johannes 11,5). Ja, Gott wird deshalb auch die Liebe selbst genannt (1. Johannes 4,16). Von theologischer Seite hat man manchmal mit Blick auf solche Aussagen von einem Anthropopathismus gesprochen. Darunter verstand man eine Vermenschlichung Gottes. Der Mensch habe, weil er es nicht besser gewusst habe, seine Gefühle auf Gottes Wesen übertragen. Gott sei aber Gott und habe deshalb keine Gefühle. Wenn in der Bibel nun doch von Gottes emotionalen Regungen die Rede sei, dann nur, weil der Mensch nicht umhinkönne, Gott aus seinen menschlichen Erfahrungen heraus zu beschreiben.

Das klingt erst mal gut, wird aber bei näherem Hinsehen dem biblischen Sachverhalt nicht gerecht. Denn der Clou des christlichen Menschenverständnisses ist ja gerade der, dass der Mensch nach Gottes Wesen und Bildnis geschaffen wurde (1. Mose 1,26). Er erhält von Gott sogar den Atem des Lebens (1. Mose 2,7). All dies sind Hinweise auf die Quelle der geistigen Verfasstheit des Menschen. Seine intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten sind nicht nur menschlich erklärbar, sondern sind auf Gottes Wesen zurückzuführen. Mit anderen Worten: Wenn wir denken und wenn wir fühlen, tun wir es, weil es Gottes Wesen bildhaft entspricht. Und wenn wir in den Predigten emotional werden und die Gefühle ansprechen, so liegt das Motiv nicht in einer rhetorischen Überzeugungsstrategie, sondern im Wissen um den göttlichen Ursprung der Gefühle und die geschöpfliche Signatur des Menschen.

Die Schatten der Geschichte – Gründe unserer Gefühlsarmut
Eindruck

Hören, Verstehen und Spüren – diese drei Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit eine Predigt wirklich wirken kann. Trotzdem haben es gerade die Gefühle oft schwer, ernst genommen zu werden. Verständlich und klug kann eine Predigt eigentlich nie genug sein. Dem bedachten und bewussten Appell an die Emotionen wird dagegen meist kritisch begegnet. Wenn ich bei Vorträgen über den Zusammenhang von Predigt und Gefühl spreche, begegnet mir in großer Regelmäßigkeit die Frage nach einer möglichen Manipulation. Besteht nicht die Gefahr, dass arglistige Prediger und Predigerinnen die Emotionen nutzen, um die Zuhörenden gewissenlos zu täuschen? Könnte es nicht sein, dass Menschen mithilfe starker Erregungen getäuscht werden? Darauf gibt es nur eine Antwort: Ja, das ist durchaus möglich. Es ist aber nur konsequent nachzufragen: Können all diese Befürchtungen nicht auch mit sachlichen Argumenten verfolgt werden? Und das ist die zweite Seite der Medaille. Manipulieren und täuschen kann man mittels der Gefühle, aber ebenso durch sachliche Rede. Es ist wie vieles in der Welt: Auf den richtigen Gebrauch kommt es an. Und es hilft nicht, aufgrund von Missbrauch einen wichtigen Kanal der menschlichen Wahrnehmung abzulehnen. Denn dann dürften wir streng genommen gar nichts mehr sagen.

Inspiration

Doch wie ist es zu erklären, dass die Gefühle es in unseren Predigten so schwer haben? Warum wird mehr vor ihnen gewarnt, als dass sie empfohlen werden? In der einschlägigen Literatur wird oft auf zwei historische Ereignisse hingewiesen, die gegensätzlicher nicht sein könnten: die europäische Aufklärung und der deutsche Nationalsozialismus. Beide haben – obwohl sie nun gar nicht miteinander zu vergleichen sind – die Haltung zu öffentlichen Gefühlen maßgeblich geprägt.

Gehen wir auf eine kleine Zeitreise und schalten einmal 400 Jahre zurück. Es ist die Nacht von Sonntag, dem 10. November, auf Montag, den 11. November 1619. Im oberbayerischen Neuburg an der Donau befindet sich der 23-jährige Franzose René Descartes (1596–1650). Es herrscht der Dreißigjährige Krieg und als Kriegsfreiwilliger steht er im Dienst der bayerischen Armee. Noch ist Descartes unbekannt, bald wird er als bedeutendster Philosoph der beginnenden Neuzeit gelten. Der Winter zwingt die Soldaten zum Abwarten. Es ist bitterkalt und Descartes zieht sich in ein Kaminzimmer zurück. Während draußen der eisige Wind über das Lager pfeift, setzt er sich nahe an einen Ofen und schaut lange in die glühende Kohle. Er denkt über eine uralte Frage der Menschheit nach: Was kann der Mensch wirklich wissen? Können wir, so fragt Descartes, unseren Sinnen wie Augen und Ohren eigentlich trauen? Nein, sie können täuschen. Ist es dann das Denken, dem wir immer folgen könnten? Nein, auch dieser Weg ist versperrt. Denn das Nachdenken könnte möglicherweise von einem Dämon getrübt sein. Descartes beginnt an allem zu zweifeln. Und in dieser Nacht findet er über den Zweifel zur Gewissheit. Im kritischen Denken wird ihm bewusst, dass er lebt. Er kann zwar nicht sicher sein, dass das, was er denkt, richtig ist. Doch das Denken und Zweifeln sind für ihn ein untrüglicher Beweis, dass es ihn gibt. So wird das Denken für ihn zur Basis, das Leben und die Welt zu verstehen.

Etwa 20 Jahre später wird er seine Einsicht mit einem berühmten Ausspruch schriftlich festhalten. Es ist der Satz, der die neue Zeit der Philosophie markiert: »Je pense, donc je suis«, das heißt auf Deutsch: »Ich denke, also bin ich.« Und da Descartes viele seiner Bücher wie damals üblich in Latein verfasste, ist auch die lateinische Variante heute noch bekannt: »Ego cogito, ergo sum.« Es ist diese Überzeugung von Descartes, die den Boden für die sogenannte Aufklärung bildet. Die ratio, die Vernunft, gilt fortan als der goldene Schlüssel, um die Welt zu verstehen. Ihr wird nun so gut wie alles zugetraut. Und darum wird sie auch als der wesentliche Teil des Menschen geschätzt. Körper und Gefühle spielen natürlich noch eine Rolle, aber sie sitzen nur noch auf der Ersatzbank. Die These mancher Wissenschaftler ist, dass mit der Aufklärung die Rolle der Gefühle langsam zurückging. Dieser Prozess vollzog sich nicht von einem Moment auf den anderen, sondern er verlief in langen Wellen, aber er vollzog sich unaufhaltsam. Und das wirkte sich natürlich auch auf die Predigt aus.

Es gibt aber auch noch ein zweites Ereignis, das an dieser Stelle unbedingt Erwähnung finden muss: die zwölf Jahre nationalsozialistischer Terrorherrschaft in Deutschland und der Weg dorthin. Im Gegensatz zur akademischen Welt brach sich hier in der Politik eine Bewegung Bahn, die ganz bewusst die Emotionen steuern wollte. Gefühle wurden zum Gesetz der Kommunikation, das Pathos galt als herrschendes Prinzip der Verständigung. Mit dem 1933 neu geschaffenen Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda wurde zielgerichtet der Versuch unternommen, die Deutschen dauerhaft im Sinne der nationalsozialistischen Politik zu beeinflussen. Hochemotionale Reden, Aufmärsche im Fackelschein, Massenkundgebungen und theatralische Filmproduktionen bestimmten mehr und mehr den Alltag. Einer der grausigen Höhepunkte bildete 1943 die sogenannte Sportpalastrede in Berlin. 109 Minuten lang schwor der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (1897–1945) die Zuhörer auf den »Totalen Krieg« ein. Zum Schluss antworteten viele der Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit hysterischem Geschrei und lauten »Heil-Rufen«.

Im Rückblick kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als sei damals die ganze Bevölkerung einem Vollrausch erlegen gewesen. Kein Wunder, dass man nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland eine neue Sachlichkeit suchte und pflegte. Nichts sollte mehr an die emotional aufgeladenen Zeiten erinnern. Entsprechend nüchtern gestaltete sich fortan das Reden in der Öffentlichkeit – sowohl im Deutschen Bundestag als auch auf den Kanzeln in den Kirchen. Gefühle in der öffentlichen Rede waren erst mal tabu. Das ist fürs Erste sicher verständlich, aber auf Dauer für die Hörenden nicht förderlich.

Praxis

So schlimm ist es heute aber nicht mehr, mag man hier einwenden. Das stimmt sicherlich. Aber die Gegenfrage muss erlaubt sein: Ist es denn viel besser geworden? Nach meinem Eindruck eher nicht. Gefühle traut man der Musik und der Kunst zu, aber selten der Predigt. Im Singen und Beten erwarten wir emotionale Berührungen, nur vereinzelt in der Verkündigung. Wie ist dieser Umstand zu erklären?

Erfahrungsgemäß bleibt es immer ein wenig spekulativ, Phänomene unserer Zeit auf geschichtliche Ereignisse der Vergangenheit zurückzuführen. Das gilt auch für die gefühlsarme Predigt unserer Zeit. Weder Aufklärung noch Drittes Reich können darum hier als die einzigen Faktoren zählen. Vielleicht liegt eine weitere Ursache auch an ganz anderer Stelle – nämlich in der Verwissenschaftlichung der Predigt. Die Sachlage ist folgende: In aller Regel lernen Prediger und Predigerinnen ihr Handwerk an Theologischen Seminaren, Hochschulen oder Fakultäten der Universitäten. Wie in anderen Fachbereichen ist auch hier die wissenschaftliche Lehrvermittlung maßgebend. Sie weist in vielen Fällen ein hohes Maß an abstraktem Denken und kritischer Analyse auf. Das gehört zum guten Studium und ist eine wesentliche Voraussetzung für Bildung. So weit, so gut. Das Problem beginnt an der Stelle, wo in der späteren Berufspraxis die Predigt mit der akademischen Lehrvermittlung in eins gesetzt wird. Das geschieht in vielen Fällen natürlich unbewusst, aber es passiert viel zu häufig. Frischgebackene Theologen und Theologinnen treten dann wie kleine Privatdozenten auf. Natürlich finden sich auch dann immer noch Zuhörer, die daran Gefallen finden. Doch vergleicht man den enormen Aufwand, der mit einem theologischen Studium einhergeht, mit der oft mageren Resonanz auf die gehaltenen Predigten, kann das schon wehmütig stimmen.

Das skizzierte Problem ist in der evangelischen Predigtgeschichte nicht neu – es existiert schon seit der Reformation. Die erste evangelische Predigtlehre erstellte bekanntlich der reformierte Theologe und Marburger Professor Andreas Hyperius (1511–1564). In seinem Handbuch von 1553 erörtert Hyperius die dringende Notwendigkeit, auf die Gefühle – er nennt sie Affekte – der Zuhörer einzuwirken. Ein wesentliches Hindernis empfindet er hierbei in der Verwechslung von Predigt und universitärem Unterricht:

Nicht zuletzt wird der Prediger darauf bedacht sein müssen, Affekte [d.h. Gefühle] zu erregen; denn alle Kundigen stimmen darüber überein, dass er wahrlich keines Dinges mehr bedürfe als dieser einen Tüchtigkeit. Die, welche im Gotteshause nicht anders lehren, als die Professoren in der Universität zu lehren pflegen, können niemals erhebliche Geistesfrucht erzeugen; und man findet sehr wenige oder doch nur einige, die durch solche Predigten zur Sinnesänderung oder zur Besserung ihres Lebens sich führen lassen. Deshalb wird jeder, der in der Kirche einmal ein Lehramt übernommen hat, Tag und Nacht darauf aus sein müssen, doch endlich mal des innewerden zu müssen, dass er in dieser Hinsicht etwas leisten könne. (Hyperius 1901, S. 75)

Die Ausführungen verdeutlichen das bisher Gesagte. Der Klassiker der evangelischen Predigtlehre erklärt die Fähigkeit, Gefühle zu erwecken, zur Grundvoraussetzung für eine gute Predigt. Ohne sie sei nur wenig Segen zu erwarten. Gewarnt wird im selben Zug ausdrücklich vor der sachlichen Redeweise der Akademiker. Der Grund ist offensichtlich: Bei Schule und Gottesdienst bzw. Katheder und Kanzel handelt es sich um zwei durch und durch verschiedene Systeme. Während die sachliche Analyse in der Lehre unumgänglich und oft beherrschend ist, kann sie in der Predigt zur Falle werden. Die Predigt ist eben kein Vortrag und keine Vorlesung, sondern eine Rede ganz eigener Prägung. Sie ist eine eigenständige Kommunikationsgattung mit eigentümlichem Profil. Sie kann im Gegensatz zur akademischen Vermittlung – so Hyperius – auf die Erregung der Gefühle keinesfalls verzichten.

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Kapitel 2: Theologische Kompetenz


Einleitung: In die Dynamik eintauchen

Der Weg zur emotionalen Predigt ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf. Man kann die Predigt mit Gefühl nicht durch ein paar Techniken von heute auf morgen lernen. Sie ähnelt vielmehr einer langen Reise. Jahre und Jahrzehnte können vergehen, bis man darin meisterhaft wird. Doch der längste Weg beginnt bekanntlich mit dem ersten Schritt. Und der bedeutet an unserer Stelle das Kennen des Evangeliums von Jesus Christus. Dabei denke ich nicht an ausgewählte Texte der Heiligen Schrift, die besonders geeignet wären. Vielmehr geht es um die Dynamiken, die das Evangelium auslöst. Ohne ihre Kenntnisnahme können Prediger und Predigerinnen auf Dauer nur schwerlich starke Gefühle auslösen.

Das Problem vieler langweiliger Predigten heute ist ihr Thema. Oder sagen wir besser: ihr fehlendes Thema. Gerne und viel wird von Moral geredet. In der pietistischen Variante ist es die private Sittlichkeit, in der liberalen Version geht es zumeist um die Sozialethik. Sowohl das eine als auch das andere haben ihre Berechtigung. Doch bilden sie beileibe nicht den Kern der guten Nachricht von Jesus Christus. Hier geht es um mehr. Und dieses »Mehr« ist nicht eine fertige Portion, die man servieren könnte, es vollzieht sich vielmehr in Bewegungen. Vier solcher Dynamiken stelle ich stellvertretend vor. Sie lassen sich in beinahe allen biblischen Texten wiederfinden. Diese Bewegungen zu entdecken und darzustellen ist eine unentbehrliche Kompetenz für eine Predigt mit Gefühl.

Erste Bewegung – vom Gesetz zum Evangelium
Eindruck

Ein Gespenst geht um in den Kirchen und Gemeinden – das Gespenst der Gesetzlichkeit. Alle, die theologisch etwas zu sagen haben, verbünden sich in der Jagd auf das Gespenst. Es gibt kaum einen schlimmeren Vorwurf als den, gesetzlich zu predigen. Wer den Ruf hat, gesetzlich zu sein, der ist erledigt, der kann einpacken. Und das alles geschieht nicht ohne Grund. Denn unter Gesetzlichkeit versteht man in aller Regel eine Predigtweise, die immer stark betont, was man tun sollte, und dabei außer Acht lässt, was Christus schon getan hat. Gesetzlichkeit ist streng genommen eine verbrämte Variante der Selbsterlösung. »Tu dies, tu jenes, dann bist du auf der richtigen Seite« – so klingt in etwa die Botschaft. Das geschieht natürlich eher subtil, aber so ist die Tendenz. Hinzu kommt, dass die Gesetzlichkeit gerne im Verbund mit einem Formalismus auftritt. Denn bei ihren Appellen geht es meist nicht um die elementaren Forderungen der Zehn Gebote oder der Bergpredigt. Nein, hier werden gerne Mahnrufe hinsichtlich recht oberflächlicher Verhaltensweisen ausgesprochen. Es geht dann nicht mehr um unmissverständliche Bibeltexte, sondern um Tage, Textilien oder Traditionen.

Gesetzliche Predigt hat darum zu Recht einen schlechten Ruf. Sie kann die Freiheit und die Freude des Glaubens ersticken und ganze Gemeinden lähmen. Gesetzlichkeit ist aber auch oft ein Gespenst. Was ich damit meine? Sicher, gesetzliche Predigten gibt es immer wieder, doch sie sind längst nicht mehr so prominent, wie sie es vielleicht einmal waren. Die gesetzliche Predigt ist vielfach wie ein Nachtgespenst aus dem schottischen Hochland. Wir warnen vor ihm, doch tatsächlich gesehen haben es nur wenige. Und aus Sorge vor der Gesetzlichkeit vermeiden wir möglichst alles, was nur im Entferntesten daran erinnern könnte. Wir machen um das biblische Zueinander von Gesetz und Evangelium einen großen Bogen. Wir lassen das Gesetz links liegen und lösen das Evangelium isoliert heraus. Evangelium ohne Gesetz, ganz exklusiv – so soll es sein. So war es aber von Paulus gar nicht gemeint. Und ganz nebenbei merken wir nicht, wie damit auch der Predigt eine emotionale Kraft genommen wird.

Inspiration

An dieser Stelle lohnt es sich, zu den Wurzeln der Reformation zurückzukehren. Martin Luther hat gewiss manches geschrieben, was er besser nicht hätte schreiben sollen. Aber im Jahr 1530 gelangen ihm seine drei Hauptschriften, die auch heute noch bewegen. Hierzu zählt vor allem das Büchlein »Von der Freiheit eines Christenmenschen«, in dem er sich dafür ausspricht, neben dem Evangelium auch das Gesetz zu predigen.

Man darf nicht nur einerlei predigen, sondern alle beide Worte Gottes. Die Gebote soll man predigen, die Sünder zu erschrecken und ihre Sünden zu offenbaren, dass sie Reue haben und sich bekehren. Aber dabei soll es nicht bleiben, man muss das andere Wort, die Zusage der Gnade, auch predigen, um den Glauben zu lehren, ohne welchen die Gebote, Reue und alles andere vergebens geschieht. Es gibt wohl noch Prediger, die Reue der Sünde und Gnade predigen, aber sie streichen die Gebote und Zusagen Gottes nicht heraus, dass man lerne, woher und wie die Reue und Gnade kommt. Denn die Reue fließt aus den Geboten, der Glaube aus den Zusagen Gottes. Und so wird der Mensch durch den Glauben göttlicher Worte gerechtfertigt und erhoben, der durch die Furcht vor dem Gebot Gottes gedemütigt und zur Selbsterkenntnis gekommen ist. (Luther, WA 7, 34, 11-22)

Für Luther ist klar: Gesetz und Evangelium haben zwei verschiedene Aufgaben. Das Gesetz ängstigt den Menschen. Hier werden Ansprüche formuliert, die einfach nicht zu erfüllen sind. Das bereitet dem Menschen Furcht und er spürt, dass er ein Sünder ist. Das Evangelium weckt dagegen den Glauben. Im Gesetz wird gefordert, im Evangelium wird verkündet, was bereits vollbracht ist. Luther gebraucht etliche Beispiele, um dieses Zueinander von Gesetz und Gnade zu verdeutlichen. So vergleicht er die Predigt mit einem Gang zur Apotheke. Mit dem Gesetz deckt der Prediger die Krankheit auf, mit dem Evangelium heilt er sie (WA 10 III, 338 3-10). Oder er verweist auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter als Illustration. Durch das Gesetz gerät der Mensch unter die Geschlagenen und Hoffnungslosen. Geholfen wird ihm nun nicht durch die Priester und Leviten, die ihn doch nur zur Eigenleistung auffordern. Gerettet wird er durch Christus, der ihn nach Hause bringt und versorgt (WA 10 III, 340,14-341,12). Bekannt ist Luthers Motiv vom »fröhlichen Wechsel«. Christus übernimmt unsere Ungerechtigkeit und eignet uns seine Gerechtigkeit zu. So schreibt Luther 1531 in seiner Auslegung zum Galaterbrief:

Als der barmherzige Gott sah, dass wir durchs Gesetz niedergeworfen werden und unter dem Fluch festgehalten sind und dass wir durch nichts uns selbst befreien können, da sandte er seinen Sohn in die Welt und warf auf ihn unser aller Sünden und sprach zu ihm: Du sollst Petrus sein, jener Verleugner, du sollst Paulus sein, jener Verfolger, Lästerer und Gewaltmensch, du sollst David sein, jener Ehebrecher, du sollst jener Sünder sein, der die Frucht im Paradies aß, jener Räuber am Kreuz, in Summa. (Zitiert nach: Kleinknecht 1980, S. 169–170)

Spätestens hier merkt man, welche emotionalen Potenziale die Einbeziehung von Gesetz und Evangelium haben können. Man merkt, dass es hierbei nun richtig existenziell werden kann. Wer das bedenkt und diese Struktur in die Predigt einbezieht, wird immer hellwache Zuhörer haben.

Praxis

Die Ausgangslage ist verzwickt. Aus Sorge vor einer falschen Gesetzlichkeit sind wir geneigt, ausschließlich auf das Evangelium zu setzen. Dies führt in vielen Fällen aber zu einer ausgesprochen kraftlosen und harmlosen Predigt. Wir kennen diese Botschaften zur Genüge: »Jesus nimmt dich an«, »Gott liebt dich«, »Du bist in seinen Augen wertvoll« – so oder so ähnlich klingen die Aussagen am Sonntag. Doch so richtig bewegt das nur noch die wenigsten. Denn es ist ja alles sattsam bekannt. Luther hätte gesagt: Es fehlt die Predigt vom Gesetz. Denn ohne das Gesetz macht das Evangelium faule und gefräßige Christen, die denken, sie bräuchten nichts Gutes zu tun. So wie das Gesetz ohne Evangelium wiederum die Menschen nur durstig und verzweifelt werden lässt (WA 33,432,18-39). Es braucht eben immer beides. Doch wir lösen diese Dialektik meist zugunsten des Evangeliums auf. Und das führt dann auf Dauer zur Langeweile. Sicher sprechen wir auch heute noch über die Gebote. Doch darunter verstehen wir zuallererst die Regeln für unser Leben. Das hat natürlich auch seine Berechtigung. Doch das Drama ist, dass die aufdeckende Dimension des Gesetzes, wie Paulus sie in Römer 7 beschreibt, verloren gegangen ist.

Wie können wir nun heute das Gesetz predigen? Ein erster Schritt wäre es, die enthüllende Dimension des Gesetzes zu thematisieren. Dies sollte nicht nur sachlich und abstrakt geschehen, sondern anschaulich und nachvollziehbar. Der evangelische Theologe Siegfried Kettling gebraucht hierfür ein einleuchtendes Bild:

Ich las von einem Jungen, der alles, was er fand, in seine Hosentasche steckte, so auch eines Tages einen merkwürdigen weißen Steinbrocken, den er auf einer Baustelle entdeckte. Anschließend watet er mit seinen Freunden in den nahen Dorfteich. Plötzlich beginnt er mörderisch zu schreien: »Es brennt, es brennt! Mein Bein brennt!« Die Kameraden halten ihn für verrückt: Wie kann es mitten im kühlen Wasser brennen? Doch der Kleine setzt sein verzweifeltes Geschrei fort: »Hilfe, mein Bein brennt!« Tatsächlich zeigt sich dann am Oberschenkel eine so tiefe Brandwunde, dass sofort ärztliche Hilfe nötig ist. (Kettling 1992, S. 10)

Bei dem Gestein handelte es sich, so Kettling, um ungelöschten Kalk. Und wenn der in Verbindung mit Wasser gerät, kommt es zu einer enormen Wärmeentwicklung, die zu Verbrennungen führen kann. Das Gesetz ist wie das Wasser. Es macht offensichtlich, was wir mit uns herumtragen und wer wir sind.

Ebenso wichtig ist es, zu fragen, wie nun die Reue ausgelöst werden kann. Soll ich etwa die Zuhörenden mittels der Zehn Gebote rügen, kritisieren, ja, vielleicht sogar anklagen? Ich will diese Möglichkeit nicht vorschnell abtun. Schließlich ist dieser Ansatz als sogenannte Bußpredigt eine wichtige Gattung der Predigtgeschichte. Diese Form kann aber nur gelingen, wenn zuallererst der Prediger und die Predigerin ihre eigene Betroffenheit deutlich machen. Denn schließlich stehen die Verkündigenden nicht neben dem Gesetz, sondern eben auch unter ihm. Das darf auch nicht nur en passant im Nebensatz erwähnt werden. Die Bestürzung über die eigene Unzulänglichkeit sollte sprachlich und sichtlich wahrgenommen werden können. Man muss nicht immer wie Paulus rufen: »Ich elender Mensch«, aber ähnliche Sätze dürfen durchaus fallen. Und sie sollten vertrauenswürdig klingen. Ansonsten verkommt die Predigt zu einer Standpauke und der Predigende wird zum Moralapostel.

Konkretionen sind an dieser Stelle hilfreich. Es hilft nicht weiter, in guter Manier immer nur vom »Gesetz« zu sprechen. Das ist ein biblischer Fachbegriff, der heute vielen unterschiedlichen Verständnissen unterliegt. Entscheidend ist, dass die Hörenden begreifen, welche Forderungen an sie gestellt werden. Mit den Zehn Geboten und der Bergpredigt lassen sich hier etliche Themen aufgreifen. Geht es lediglich darum, ein integrer Mensch zu werden, oder geht es um mehr?

Unerlässlich ist, bei allem das enge Ineinander von Gesetz und Evangelium zu beachten. Fehlt Letzteres, ist alles verloren. Es geht nicht darum, die Menschen zurechtzuweisen oder abzukanzeln, sondern mithilfe des Gesetzes zur Gnade zu führen. Darum darf es auch nicht so kommen, dass man in der ersten Predigt das eine und in der folgenden Predigt das andere betont. Beides gehört zusammen und darf nicht aufgelöst werden.

Zweite Bewegung – vom Zorn zur Liebe
Eindruck

Es gibt Begriffe in der Bibel, die zu manchen Zeiten geflissentlich ausgespart werden. Eine Bezeichnung, auf die das heute zutrifft, ist der Zorn. Das heißt, manchmal kommt er doch noch vor. Die Aufforderung des Paulus an die Epheser: »Sündigt nicht, wenn ihr zornig seid, und lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen« (Epheser 4,26), findet immer mal wieder Verwendung. Sehr gerne wird sie auch in Traupredigten oder Kommunikationsseminaren untergebracht. Doch hier ist schließlich auch von menschlichen Gefühlen die Rede, nicht von göttlichen. So ist es still um den Zorn geworden.

Doch wer nun meint, an dieser Stelle zeichne sich wieder der endgültige Abfall von christlichen Grundwahrheiten ab, sei beruhigt. Diese Abwendung ist nichts Neues und fand schon öfters statt. Im Grunde genommen steckt hinter einem solchen Ausblenden die Ansicht, dass ein ewiger Gott ohne Gefühle besser vorstellbar sei als einer mit Gefühlen. Natürlich wissen auch die Vertreter einer solchen Position, dass die Bibel durchgehend von Gottes Gefühlen berichtet. Diesen Umstand erklären sie dann etwa so, dass sich die Bibel hier auf das Niveau einfacher Leser herablasse, es in Wahrheit aber ganz anders sei. Oder aber man selektiert die göttlichen Gefühle. Große, gute Emotionen sind durchaus vorstellbar, kritische Empfindungen eher nicht. Mit anderen Worten: Liebevoll ja, zornig nein – so stellt man Gott dann dar. Gut getan hat das der Predigt aber nicht. Ganz abgesehen davon, dass damit auch elementare Textpassagen der Bibel einfach ausgeblendet werden.

Inspiration

An dieser Stelle lohnt die Beschäftigung mit Jonathan Edwards (1703–1758). Im deutschsprachigen Raum ist Edwards eher unbekannt. Doch er ist nicht irgendein Prediger. Heute gilt er als bedeutendster Theologe und Philosoph des jungen Nordamerikas.

Damals sind es unruhige Zeiten. Die englischen Siedler führen abwechselnd Kriege mit Indianern, Franzosen und später sogar mit ihrem eigenen Mutterland. Und viele der nordamerikanischen Kolonisten empfinden in dieser Phase kein ausgesprochenes Interesse für religiöse Fragen. Das geistliche Erbe ihrer puritanischen Vorfahren droht zu schwinden. Schließlich gilt es zu überleben. Man denkt lieber an Saatgut und Schweinezucht als an Bibellesen und Beten. Das ändert sich in den 1730er-Jahren merklich mit dem sogenannten great awakening (großes Erwachen). Menschen beginnen vermehrt, Gottesdienste zu besuchen. Und die Prediger fangen an, einen neuen Predigtstil zu praktizieren. Später wird man zwischen den old lights (alte Lichter) und den new lights (neue Lichter) unterscheiden. Die »alten Lichter« pflegen einen sachlichen Vortragsstil, die »neuen Lichter« bevorzugen die emotionale und leidenschaftliche Predigt. Edward ist alles andere als ein extrovertierter Feuerkopf. Vom Typ her scheint er eher ein nachdenklicher Intellektueller zu sein, der in seinen letzten Lebensjahren sogar Rektor der späteren Princeton-Universität wird. Dennoch zählt auch er bald zu den new lights und setzt sich für das awakening ein.

Von seinen zahlreichen Predigten erlangt eine besondere Berühmtheit. Er hält sie am 8. Juli 1741, also mitten im großen geistlichen Aufbruch, und predigt über 5. Mose 32,35. Der Titel ist bezeichnend: »Die Sünder in den Händen eines zornigen Gottes« (»Sinners in the Hands of an Angry God«). Die Predigt erscheint nach heutigen Maßstäben recht lang, doch es gibt wohl keinen Absatz, der nicht auf den drohenden Tag des Gerichts hinweist:

Ihr alle, die ihr die große Wandlung des Herzens noch nicht erlebt habt, welche die gewaltige Kraft des Geistes Gottes in euren Seelen zu bewirken vermag; ihr alle, die ihr also noch nicht zum zweiten Male geboren und damit zu neuen Kreaturen geschaffen wurdet, die ihr also noch tot seid in euren Sünden und noch nicht in das neue, bisher noch unbekannte Licht und Leben emporgehoben wurdet, ihr alle seid noch in den Händen eines zornigen Gottes. Euer Lebenswandel mag sich in vielen Beziehungen noch so sehr gebessert haben; ihr mögt religiöse Neigungen haben und in euren Familien wie im Kämmerlein und im Hause Gottes eine gewisse Form der Religion pflegen – es ist dennoch nur sein bloßer Wille, der euch in diesem Moment davor bewahrt, vom ewigen Verderben verschlungen zu werden. (Edwards 2012, S. 9)

Man reibt sich heute erstaunt die Augen. Wie anders wurde damals doch gepredigt! Und wie sehr fand eine solche Predigt Anerkennung. Auf diesem Hintergrund ist auch zu verstehen, dass Edwards zu den »neuen Lichtern« zählte. Wer von der Überzeugung ergriffen ist, dass Gottes Zorn und Gericht ausstehende Realitäten sind, der kann nicht mehr ruhig auf dem Stuhl sitzen bleiben. Prediger und Predigerinnen mit einer solchen Sicht werden auf ganz natürliche Weise emotional. Sie wissen: Sie spielen nicht irgendwelche Glasperlenspiele, sondern es geht um Leben und Tod. Denn: »Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen« (Hebräer 10,31). Edwards’ predigte die Leute darum nicht aus der Kirche heraus, sondern zog sie hinein in eine große dynamische Bewegung.

Unter dem Stichwort hellfire preaching (Höllenfeuerpredigten) wurde Edwards Predigt auch bald heftig kritisiert. Dabei wird allerdings oft vergessen, dass diese Predigtform wohl eine wichtige, aber eben auch nur eine in seinem breiten Predigtrepertoire bildete. Sein Predigtverzeichnis gibt beredt darüber Auskunft, wie viele seiner Predigten ausgesprochene Evangeliumspredigten waren. Alles in allem war er aber darauf bedacht, bei allen Themen und Texten auf die Gefühle seiner Zuhörer einzuwirken. Ob Liebe und Zorn oder Gnade und Gericht – er wollte das Gemüt der Menschen erreichen.

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Дата выхода на Литрес:
03 апреля 2025
Объем:
175 стр. 10 иллюстраций
ISBN:
9783417229707
Издатель:
R.Brockhaus
Правообладатель:
Bookwire
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