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DARK PLACES

Anthony J. Quinn

Auslöschung

Aus dem Englischen von Sven Koch

Herausgegeben von Jürgen Ruckh


Originaltitel: Disappeared

© Anthony J. Quinn, 2012

First published in the United States in 2012 by MysteriousPress.com/

Open Road Integrated Media.

First published in the UK in 2014 by Head of Zeus Ltd

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2021

Aus dem Englischen von Sven Koch

Mit einem Nachwort von Ulrich Noller

© 2021 Polar Verlag e.K., Stuttgart

www.polar-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Andrea Stumpf, Gabriele Werbeck

Umschlaggestaltung: Britta Kuhlmann

Coverfoto: © JTATODD / Adobe Stock

Autorenfoto: © Eileen Quinn

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign

ISBN: 978-3-948392-26-0

eISBN: 978-3-948392-27-7

Für Cathal und Marie, die sich meine ersten Geschichten angehört haben und dabei lächelten

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Danksagung

»Nature Writing – mit Leichen«

Prolog
20. Januar, Washing Bay, Lough Neagh, Nordirland

Den ganzen Winter über hoffte David Hughes, ehemaliger Polizist der Special Branch, dass die Sonne den schwarzen Horizont durchstieß und die Trübnis lichtete. Zwar jagten häufig kräftige Winde die schweren Wolken über den Himmel, aber sie von dort zu vertreiben gelang ihnen nicht. Mit jeder Dämmerung breitete sich von Osten her ein verwaschenes Grau aus, das die Hügel in schales Licht tauchte, jedoch nicht für einen Farbtupfer als Fluchtpunkt für Hughes’ Gemüt sorgen konnte. Die an sein Cottage grenzenden Felder waren morastig und kahl, die Hecken aus Schlehdorn und Weißdorn um sie herum schwarz und verschlungen wie Stacheldraht.

An diesem Nachmittag war Hughes so unruhig, dass es ihn nicht im Haus hielt. Der Wind, der vom Lough herüberblies, war wieder finster geworden. Dunkel wie die Nacht, weil er ihn umfing und von der Welt abschirmte, während er gegen die Steinmauern des Cottage rempelte, über das Dach fegte, an die Fenster klopfte und sich mit spitzen Fingern in seinen Kopf bohrte, bis Hughes meinte, die versteckten Dämonen würden sich aus den Schatten darin hervorwinden.

Um sich zu beruhigen, schluckte er eine der vom Arzt verschriebenen Tabletten. Zwar halfen sie ihm nicht mehr beim Einschlafen, aber immerhin schoben sie die Gegenwart beiseite und machten ihn zu einem hohlen tumben Schatten seiner selbst. Lieber das, dachte er, als die Schreie zu hören, die aus den tiefsten Ritzen seines Gehirns kamen.

Mit grimmiger Entschlossenheit stellte er den Fernseher an und sah sich eine Heimwerkersendung an, gefolgt von einer Talkshow und einer Reportage über Flugbegleiter. Dabei schaltete er ständig um oder dämmerte weg und wachte wieder auf. Allmählich kehrte er in die Gegenwart und das dumpfe Gleichmaß eines Winterabends zurück. Schließlich ging er leicht humpelnd in die Küche, setzte den Wasserkessel auf und blickte aus dem Fenster.

Am Ende des Gartens entdeckte er einen Mann, der wild mit den Armen herumfuchtelte. Hughes hatte ihn bereits zuvor an der Hecke, die den Garten vom Ackerland trennte, entlanggehen sehen. Jetzt stand der Mann mit freiem Blick auf das Cottage unter der alten Eiche und warf die Arme in die Luft, als würde er wutentbrannt unsichtbare Steine schleudern.

David Hughes vergaß den Tee und den Keks, den er neben die Tasse auf den Unterteller gelegt hatte. Der Anblick des Fremden verwirrte ihn. In der Diele zog er etwas über, um sich gegen den heulenden Wind zu wappnen. Sein Spiegelbild und der um ihn schlotternde Mantel verrieten ihm, dass er abgenommen hatte. Zögernd und zweifelnd trat er ins Freie. Der Wind brüllte ohrenbetäubend. Ihm wurde davon so schwindlig, als hätte er sich den Kopf angeschlagen.

Erst als er direkt auf den Mann zuging, bemerkte er, dass der etwas rief. Doch der schwarze Wind ertränkte alle anderen Geräusche.

Vielleicht sollte ich diesen Mann mehr fürchten als meine Krankheit und den Wind, der schon den ganzen Winter so bläst, dachte Hughes. Vielleicht sollte ich mich um ihn und das, was ihn aufregt, nicht scheren und in meinen stumpfsinnigen Abend und die Sicherheit meines Hauses zurückkehren. Warum einen komischen Typen stören, der an einem Winterabend draußen rumläuft, mit den Händen in der Luft rumfuchtelt und sich selbst anbrüllt?

Aber die Neugier machte ihn mutig.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er den Fremden mit einem treuherzigen Lächeln, während er in die Rolle des arglosen Alten schlüpfte.

Der andere schrie und gestikulierte weiter, nur wurde das Gebrüll jetzt durch fliegende Schatten gedämpft. Der Wind war in die Äste über ihren Köpfen gefahren und rüttelte sie durch, sodass sich die Zwischenräume mit dem Tosen des Lough füllten.

Der Fremde baute sich vor ihm auf.

Sobald er sprach, bemerkte Hughes, dass das Geräusch des Winds und der Äste verschwand und der dämmrige Himmel noch düsterer wurde. Das Gesicht des Manns erstrahlte in kaltem Licht.

»Glauben Sie, dass wir selbst darüber bestimmen, wie wir leben und sterben?«

Hughes lachte auf. Die Frage des Fremden bereitete ihm bittere Freude. »Nur im Kleinen«, antwortete er. »Im Großen und Ganzen herrscht das Chaos über uns.«

Der Fremde zog einen kleinen Metallgegenstand aus der Hosentasche und warf ihn wie ein Spielzeug von einer Hand in die andere.

»Was ist das?«

Der Fremde erklärte, es sei eine besondere Art Batterie.

»An sich völlig harmlos«, sagte er. »Aber sie soll dem Zeitzünder einer Bombe, die viele Menschen das Leben kosten wird, den Strom liefern. Schon der Gedanke daran lässt es mir kalt den Rücken runterlaufen.

Aber diesmal werde ich die Sache absichtlich vermasseln«, verkündete er Hughes. »Das wird der letzte Auftrag, den ich für die IRA übernehme.«

Das Gesicht des Fremden war sehr blass. Hughes sah das Mitgefühl in seinen Augen. Es glich dem eines Vaters, der sich verzweifelt abmüht, seinem Sohn einen Schiefer aus dem Daumen zu ziehen.

Ein Detail der Geschichte kam ihm bekannt vor. In seinem Kopf trieb ein Bild aus der Vergangenheit heran.

»Wer sind Sie? Sie können unmöglich der sein, für den ich Sie halte!« Hughes klang plötzlich erregt.

Kurz spähte der aufgehende Mond durch die Wolkendecke, dann war er erneut verschwunden.

»Hören Sie nicht?«, rief Hughes. »Wer sind Sie? Ich kann doch unmöglich mit Oliver Jordan sprechen. Der ist seit fast zwanzig Jahren tot!«

»Ich bin wieder da«, sagte der Fremde. »Ich bin mit dem schwarzen Winterwind gekommen, um meine Mörder heimzusuchen.«

Erschüttert trat der alte Mann einen Schritt zurück. Jordans Tod war ihm immer etwas eigenartig vorgekommen.

»Sind nicht alle Morde eigenartig?«, fragte der Fremde, als könnte er Hughes’ Gedanken lesen.

Aber der Mord an Jordan war besonders merkwürdig gewesen. Nicht nur, dass die Ermittlungen dazu im Sande verlaufen waren, auch die republikanischen Paramilitärs hatten all die Jahre darüber geschwiegen. Doch wer konnte glauben, dass ein Geist an einem stürmischen Winterabend einfach so ein tief in der Vergangenheit begrabenes Verbrechen ansprach?

»Sie haben mich übertölpelt«, sagte Hughes, und jetzt schwang in seinen Worten ein Vorwurf mit. »Die Behörden konnten Ihr Verschwinden nie richtig aufklären. Was wollen Sie von mir?«

An den Handgelenken des Fremden sah er dunkle Ringe, Spuren der Fesseln, die ihm seine Kidnapper angelegt hatten. Das Bild in Hughes’ Kopf trat nun klar erkennbar an die Oberfläche. Er sah einen mit Paketschnur gefesselten Mann kopfüber in einem Kuhstall hängen, auf den Handrücken Brandmale, auf dem Boden lagen büschelweise ausgerissene Haare zwischen dem Kuhmist.

»Tote Körper wiegen schwerer als lebende«, sagte der Fremde.

»Das weiß ich. Ich schleppe die Erinnerung an Sie schon Jahre mit mir herum.«

»Trotzdem sind Sie damit immer weiter in die Sackgasse gelaufen. Es wird Zeit umzudrehen.«

»Was soll das heißen?«

»Ich will, dass Sie die Ermittlungen wiederaufnehmen. Die vielen losen Enden aufsammeln und zusammenführen. Sie sind der Letzte, der das Rätsel meines Verschwindens noch lösen kann.«

»Warum kommen Sie mir jetzt damit, wo ich so alt bin? Schauen Sie mich doch an. Ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen.«

»Selbst Sie haben eine Seele. Sie müssen das für Ihr eigenes Seelenheil tun.«

»Aber ich verliere mein Gedächtnis. Ich vergesse Gesichter, Namen und Zeiten, sie verschwinden wie Knöpfe, die mir vom Hemd springen. Mein Verstand löst sich auf.«

»Wenn Sie Frieden finden wollen, müssen Sie auch einen Weg finden, sich zu erinnern.«

Der Fremde reichte dem alten Mann die Batterie, seinen ersten Hinweis.

»Tun Sie’s für mich. Nur Sie allein. Ohne Polizei oder sonst jemanden. Die werden Sie nur davon abhalten wollen.«

»So hab ich immer gearbeitet«, flüsterte Hughes. »Immer allein.«

Er betrachtete die Batterie, dann steckte er sie in die Tasche.

Der Wind frischte wieder auf, und ein Schauer peitschte durch die Luft, der dem Fremden wie Dornen in Hände und Gesicht stach.

»Gut«, sagte er. »In einem Monat komme ich zurück und erkundige mich nach dem Fortschritt.«

Der dornige Schauer wurde heftiger, und er zerkratzte die Luft mit einem Geräusch, als würde eine Sense geschärft. Das Gesicht des Fremden schien in der Flut zu verschwimmen. Er tat ein paar Schritte rückwärts, und auf einmal wurde sein Körper wie ein schwarzes Leintuch vom tosenden Wind fortgetragen.

1
Ein Monat später, Coney Island, Lough Neagh

»Diesmal wollen sie dich töten.« In der vollgerümpelten Vogelbeobachtungshütte wandte sich Joseph Devine um, um zu sehen, wer ihn angesprochen hatte, aber außer ihm war niemand da. Seine Augen waren müde, und der beißende Wind, der vom grauen Seeufer über eine Meile heranfegte, brachte sie zum Tränen.

»Gott im Himmel, reicht’s denn nicht, mich zu erschrecken?«

»Diesmal nicht. Nicht für sie. Sie haben bereits zu lange gewartet.«

»Ich hab niemandem was getan«, sagte er. Aber das hatte er immer behauptet.

Schon den ganzen Tag versteckte er sich auf einer Insel, die für Wasservögel ein Rückzugsort war, aber für einen verängstigten alten Spitzel eine unsichere Zuflucht.

Sogar bis hierher war ihm die Stimme gefolgt.

»Ich bin kein Informant mehr«, sagte er flehend. »Ich tu auch nicht mehr so, als wär ich ein andrer als der, der ich bin. Merkst du das nicht?«

»Hast du’s etwa vergessen, Joseph?«, stichelte die Stimme weiter. »Ein Spitzel ohne Tarnung ist bald gar nichts mehr.«

Dem konnte er nicht widersprechen.

Er spähte durch das Fernglas auf den Ort, von dem er befürchtete, dass er für seinen Tod vorgesehen war – ein leer stehendes Cottage, das sich an dem baumbestandenen Ufer duckte. Für ihn war es kaum vorstellbar, dass er ausgerechnet jetzt, in dieser Phase seines Lebens, nach dem Ende der Troubles und dem Abschluss des Waffenstillstandsabkommens, sterben könnte.

Die Schuld, die ihm die Stimme aufbürdete, wog schwer.

»Am Ende hat dein Gewissen dich doch mürbe gemacht, Joseph. Jahrelang hat es geduldig gewartet. Aber es hatte dir gegenüber einen entscheidenden Vorteil. Die Zeit war auf seiner Seite.«

Die meiste Zeit seines Lebens war Joseph Devine vor etwas weggelaufen – vor der British Army, der Royal Ulster Constabulary, der IRA, merkwürdigen Autos im Rückspiegel oder unerwarteten nächtlichen Anrufen, sogar vor Schatten am Ende einer Gasse. Zwar würde er niemals das geringste Bedauern über den wiederholten Verrat äußern, der seine vierzigjährige Karriere begleitet hatte, aber er hatte auch nie aufgehört, hinter sich zu blicken und nach den Schatten Ausschau zu halten, von denen er wusste, dass sie immer dort warteten. Nachdem die Troubles vorüber waren und die Special Branch ihn praktisch in den Ruhestand versetzt hatte, war seine größte Befürchtung die, dass er sogar seinen geheimsten Verfolgern entwischt sein könnte. In was für ein Loch fiel er, wenn sogar sie verschwunden waren? Er wusste, dass er, wenn ihn keiner mehr beobachtete, auch nie mehr von sich selbst befreit sein und vor den Stimmen in seinem Kopf verschont bleiben würde.

Der klagende Ruf eines Stockentenerpels zerschnitt die Luft. Devine hielt die gewölbten Hände vor den Mund und antwortete mit einem heiser-kehligen Laut, dann ließ er schnell hintereinander vier Lockrufe folgen, um das unruhige Tier zur Rückkehr an die Beobachtungshütte zu bewegen. Er wollte den Vogel in seiner Nähe halten, weil er hoffte, er würde Alarm schlagen, wenn sich ein Eindringling näherte. So ein quakender Geigerzähler schlug bereits an, wenn auch nur ein Ast knackte.

Der Erpel hörte den falschen Ruf einer Ente in Not, flog eine enge Kurve und kehrte zurück. Ungefähr fünfzehn Meter vor dem Versteck schlug er mit den Flügeln und landete auf dem Wasser. Devine gestattete sich ein kurzes Lächeln, weil er den Vogel so problemlos angelockt hatte.

»Schon besser«, sagte die Stimme. »Jetzt sicherst du dich ab. Schließlich gibt’s auf der Welt keine besseren Wachposten als Wildvögel. Ein Meisterstreich, Mr. Devine, wie Master Brannigan, der alte Brandy Balls, sagen würde.«

Während im Westen die letzte Glut am Horizont noch einmal angeblasen wurde, hob Devine wieder das Fernglas vor die Augen und blickte auf das Haus, von dem er gehofft hatte, es würde sein Altersruhesitz werden. Sorgfältig inspizierte er das Ende des Feldwegs, das undurchdringliche Schlehdorndickicht, das an den verwilderten Garten grenzte, die Position der zerschlissenen Vorhänge in den Fenstern und prüfte alles auf ein Anzeichen der Schatten, vor denen er sich seit seiner Jugend versteckte.

Bei einer Kopfdrehung strich er mit seinem Stoppelkinn über den schlanken kühlen Lauf des Jagdgewehrs, das neben ihm an der Wand lehnte. Da fiel ihm ein, dass er mit den neuen Handschuhen noch keine Schießpraxis hatte, und er fluchte. Sie waren so dick, dass es womöglich einen Einfluss darauf hatte, wenn er die Waffe hielt und den Abzug betätigte. Beim Dehnen seiner müden Finger spürte er die feuchte Kälte, die sogar durch das Leder gekrochen war, und packte das Fernglas fester.

Von einer nahen Eiche flog ein Krähenschwarm auf und lenkte ihn von der eingehenden Betrachtung des Cottage ab. Als er sich wieder darauf konzentrieren konnte, lag es unverändert still am Ufer. Abgesehen davon, dass kein Rauch aus dem Kamin stieg, war es ein Sinnbild häuslichen Friedens. Die Krähen ließen sich nieder, und die Nacht schlich die Uferlinie entlang. Er seufzte und ließ das Fernglas sinken.

»Du hast dir Ruhe verdient, Joseph«, schnurrte die Stimme. »Es war mühsam für dich, über all die Jahre den Schein zu wahren. Die Anstrengung hat dich müde werden lassen. Es ist weiß Gott ein Wunder, dass du überhaupt noch lebst.«

Froststacheln bohrten sich durch die eisigen Bodenbretter und stachen ihm ihre kalten Spitzen in Füße und Knie. Er meinte zu spüren, dass er, von der kalten Schwerkraft des Winters angezogen, wie ein Tier im Winterschlaf immer tiefer in sein Innerstes hineinsank. Die stundenlange Überwachung begann an ihm zu zehren.

»Mach einfach die Augen zu und schlaf, Joseph. Du hast das perfekte Versteck für einen perfekten Spitzel gefunden.«

Obwohl er sicher war, dass seine Feinde tief in ihren Gräbern ruhten, schwirrten ihre Geister seit Jahren durch seine Träume und peinigten ihn mit ihrem nächtlichen Gestöber, als wären sie Laub von einem unsterblichen Baum. Einzige Ablenkung war das Abspielen seiner Lieblingsplatte, die das erste Geschenk seines Vaters war, eine zerkratzte Aufnahme mit dem Titel Dawn in the Duck-Hide. Die A-Seite bestand aus einer gesprochenen Einführung in die Vogeljagd, auf der B-Seite waren nur die erwachenden Wasservögel bei Sonnenaufgang zu hören.

Sein ganzes Leben lang war er ein passionierter Entenjäger gewesen, und diese Aufnahme erfreute ihn stets aufs Neue. Das Schnattern, Quaken und die leisen Lockrufe waren ein Labsal für seinen Geist und schenkten ihm das innere Gleichgewicht, das er früher im Alkohol gefunden hatte. So war ihm auch die Lösung, wie er sich endgültig von der Vergangenheit befreien konnte, beim Lauschen dieser Vogelstimmen eingefallen.

Allerdings hatte er sich damit in falscher Sicherheit gewiegt. Als an jenem Morgen das Telefon klingelte, befiel ihn die kälteste Panik. Die vertraute Stimme am anderen Ende hatte nur wenige Worte gesprochen, dennoch hatte ihn der Anruf zur sofortigen Flucht aus dem Cottage veranlasst. Augenblicklich und ohne den geringsten Zweifel war ihm klar geworden, dass sich seine Feinde versammelten, um endgültig Rache zu nehmen.

Die Hintertür war von der Kälte verzogen gewesen, und er musste sie mit der Schulter aufstemmen. Trotz der Schmerzen in den arthritischen Händen zog er das Ruderboot über das glitschige Ufer, während er schnaufend unregelmäßige Atemwölkchen in der kalten Luft ausstieß. Die schneidende Morgenkälte schmerzte in seiner Lunge, und unter seinen Schritten zerbrachen kleine Eisplatten, deren Krachen und Knacken das stille Ufer aufschreckte.

Die Insel. Er war sicher, dass seine Verfolger nichts von dem Versteck wussten, das er sich dort eingerichtet hatte. Niemals hätte er so lange überlebt, wenn von seiner alten Findigkeit nicht noch einiges übrig wäre.

Er war ein Teenager gewesen, als die Schatten angefangen hatten, ihn zu verfolgen. Erst hatte er gemeint, der schnittige Wagen, der auf dem Nachhauseweg von einem Fußballspiel neben ihm hielt, habe sich verfahren und die Insassen wollten nach dem Weg fragen. Als auf der Fahrerseite das Fenster heruntergekurbelt wurde, erschien ein Mann mit grauem Gesicht und grauen Augen, dessen Stimme so dunkel und tief war wie der kräftige Motor seines Wagens.

»Hättest du Lust, für die andere Seite zu spielen, Joseph?«, fragte er mit einem Lächeln.

Woher kannte der Mann seinen Namen? Für einen Moment dachte er in aller Unschuld, der Fahrer sei der Trainer des Teams der Nachbargemeinde.

»Wer sind Sie überhaupt?«

»Das ist für den Augenblick nicht so wichtig, Joseph. Sagen wir einfach, ich bin Forscher und du bist mein Spezialgebiet.« Mit kühlem Blick lauerte er auf die Reaktion im Gesicht des Jungen.

»Ich will nichts weiter von dir als ein paar Informationen über die bösen Jungs und darüber, wer was mit wem macht. Dafür passen wir auf dich auf, du kriegst gutes Geld von uns, und wir helfen dir, wenn du Schwierigkeiten kriegst oder Soldaten dich belästigen.«

Devine machte einen Schritt rückwärts, dabei sanken seine Turnschuhe in den Schlamm am Straßenrand ein. Plötzlich hatte er das Gefühl, er habe sich in ein Schlüsselloch verwandelt, durch das gleißendes Licht fiel.

»Nein, danke«, sagte er, ohne den Anflug von Panik in seiner Stimme verbergen zu können.

Der Mann, der für ihn später nur der Anbahner war, nickte kurz. Er schien mit der Antwort zufrieden.

»Alles klar, war ja nur eine Frage«, sagte er und kurbelte das Fenster wieder hoch. Er salutierte knapp und fuhr davon.

Aber es folgten weitere Begegnungen auf einsamen Straßen, Gespräche über Onkel, die zusammengeschlagen worden waren, kranke, von Soldaten drangsalierte Verwandte und Warnungen, dass er von Paramilitärs verfolgt wurde. Manchmal wurden ihm Geld und schnelle Autos versprochen, manchmal verklausulierte Drohungen ausgesprochen, bei denen der Anbahner mit seinem kühlen Blick dem Jungen so starr in die Augen sah, als würde er magnetisch von einem Makel, einem inneren Pol der Schwäche angezogen, von dem Devine nicht einmal geahnt hatte, dass es ihn gab.

In den langen Jahren voller Ausflüchte und Täuschungen, die folgen sollten, hatte sich ihm eine Wahrheit offenbart, vor der es kein Entrinnen gab – dass nämlich sein erster Verrat einem Feuer glich, das niemals völlig herabbrennen würde. Sein ganzes Leben hatte er sich gefühlt wie ein Kind allein im dunklen Wald und sich immer einen so allumfassenden Verrat gewünscht, dass alles hinter ihm Liegende vollständig niederbrannte. Kein Rauch, keine Funken, keine glimmende Kohle, keine Spuren oder Schatten sollten übrig bleiben, nur noch Schutt und Asche.

Das ferne Krächzen einer Krähe weckte ihn aus einem kurzen unbequemen Schlaf. Aufmerksam lauschte er der Tonfolge. Krah-rah, krah-rah, krah-rah, krah-rah. Obwohl der Krähenruf halb vom Abendnebel verschluckt wurde, erkannte er den Laut, mit dem der Vogel anzeigte, dass keine Gefahr drohte.

Er lächelte über den Gedanken, dass er auf einen Krähenruf baute, um seine ärgste Furcht in Schach zu halten. Bei einem Jagdausflug hätte er sich vielleicht einen Spaß daraus gemacht, den Vogel vom Himmel zu holen.

Für die Wasservögel war die Schlafenszeit gekommen, und überall am Ufer schwärmten sie zurück in die Nester. Ihre Rufe antworteten der heranflutenden Nacht. Devine schloss die Augen, versammelte in Gedanken die Schlafrufe aller Vögel und verortete sie an ihren Schlafplätzen. So wob er sich in der Dunkelheit des Verstecks langsam selbst ein in das bewegliche Gespinst der Vogellaute, und während er dem Rufen und abendlichen Flügelrauschen zuhörte, schlief er wieder ein.

Das klägliche Quaken der Stockente ließ ihn aufschrecken. Der Laut erfüllte ihn mit Sorge, dieser Krächzer klang wie ein Todesschrei, ein klammes Gurgeln, das aus dem Vogelhals herausgepresst wurde. Er kletterte aus dem Versteck und watete in die Richtung des Lauts, aber er hatte abrupt geendet, wie verschluckt von der Schwärze der eisigen Nacht.

Doch dann hörte er ein weiteres klägliches Quaken aus dem Unterholz. Jetzt, im Freien, erkannte er den Misston darin. Den falschen Klang. Einen menschlichen Ton. So zu quaken erforderte Übung, aber ihn konnte man damit nicht täuschen.

Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr, und im selben Moment wurde ihm klar, dass sich ein Pfad zum Tod aufgetan hatte. Die Binsen schwankten, Schatten stürzten auf ihn zu. Während er durch das Ried zu seinem Versteck rannte, entdeckte er einen weiteren Schatten vor sich. Als er einen Haken schlug, hörte er etwas, das wie Lachen klang.

Die Stimme, die er heute Morgen am Telefon gehört hatte, sprach jetzt aus der Dunkelheit. Sie hatte sich verändert, war von jahrelangem Hass oder Krankheit entstellt. Er versuchte, ihren genauen Ursprung zu orten, den schwarzen Umriss, der die still ausschwärmenden Schatten auf die Beute lenkte.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass es so viele Verfolger sein würden. Die große Zahl erfüllte ihn mit Grauen. Was wäre, wenn sie alle Sühne von ihm forderten und ihn aufteilten, ein Stück von ihm für jede ihrer ganz persönlichen Versionen von Hölle wollten? Wie viele Tode konnte ein Mensch ertragen?

Als ihn ein schwerer Gegenstand im Gesicht traf und sein Mund sich mit Blut füllte, ließ er alle Hoffnung fahren. Ein zweiter Schlag drosch ihm das linke Auge wie einen Nagel in den Schädel.

Sein verbliebenes Auge irrlichterte umher, während die Schatten an seiner Kleidung rissen, bis sein Oberkörper entblößt war, und Schlag auf Schlag auf ihn einprasselte. Dann Totenstille, als sie innehielten und Atem schöpften. Die Arme schützend an den nackten Oberkörper gepresst, versuchte er sich wegzurollen. Seinen Körper nahm er nur noch als Schmerz wahr.

»Du mörderisches Dreckschwein«, sagte die bekannte Stimme nah an seinem zwinkernden Auge. Ein kaltes Lächeln zerschnitt dünne Lippen.

»Ich hab Jordan nicht umgebracht, wenn ihr das glaubt«, winselte er.

»Aber du hast mit denen, die’s getan haben, gemeinsame Sache gemacht«, entgegnete die Stimme. Sie schien von Speichel zu triefen, bereit, das kalte Mahl zu verschlingen, das gleich serviert werden würde.

»Ich wollte nur der Familie helfen. Wiedergutmachen, was passiert ist.«

Zu verletzt, um sich zu bewegen, begann er um Gnade zu flehen.

»Ich geb auf«, flüsterte er. »Ich geb auf.« Es wirkte eher wie ein an ihn selbst gerichtetes Versprechen.

Aber die Schatten ließen nicht von ihm ab, bis es fast dämmerte. Sie schlugen und traten auf ihn ein, als hätten sie jahrelang auf diese Gewalt verzichtet und genössen das Fest jetzt umso mehr.

Nachdem sie fertig waren und die Insel verlassen hatten, versammelte sich ein Krähenschwarm um das Opfer. Sobald die ersten hellen Flecken der Dämmerung am Himmel erschienen, begannen die Krähen zu zetern, als würden sie sich mit dem Krächzen über den schrecklichen Anblick beschweren, und übertönten damit den üblichen Morgenchor. Nur gab es kein Publikum, sie zu hören. Dünner Regen setzte ein und senkte sich wie ein Vorhang über den Informanten und die Insel, die ein Rückzugsort für Wasservögel war.

2

Dem angehenden Polizisten hatte man eröffnet, dass er als Rekrut erst mal viel Zeit in Gesellschaft Betrunkener verbringen würde. Als er am Samstagabend einen Notruf entgegennahm, dämmerte ihm, dass das grotesk untertrieben gewesen war. Der junge Officer hatte gerade mit einem Kollegen eine Runde durch die Pubs von Armagh City beendet. Er war unruhig, weil er den Trubel nach Schankende nicht gewohnt war, wenn wankende Betrunkene ihn durch die Scheiben des Streifenwagens anglotzten und ihr Grölen und Lachen durch das kugelsichere Glas drang. Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass der Pulk auf den Straßen herumtollender junger Leute einem vergifteten Organismus ähnelte, der freudig dem eigenen Tod entgegentanzte.

Abgestoßen hatte ihn der Anblick der Körperflüssigkeiten, die in Gassen und gegen Mauern plätscherten – der schäumende Schwall, der sich bei nächtlichen Exzessen auf die Straßen der ehrwürdigen Kirchenstadt ergoss. Auf dem Beifahrersitz kam er sich vor wie ein Taucher in einem Unterwasserkäfig, dem es vor den vorbeischwimmenden grinsenden Haien graute.

»Jetzt hindert sie nichts mehr, die Sau rauszulassen«, hatte der ältere Officer neben ihm bemerkt.

Die nordirischen Landstädte waren keine stummen, gehemmten und konfessionell getrennten Inseln der Nüchternheit mehr. Für seinen Kollegen waren diese Darbietungen eines ungezügelten Nachtlebens jedoch eher ein Plädoyer für die heilsame Kraft von ein klein bisschen Terror. Über die Paramilitärs und die schießwütigen Soldaten konnte man sagen, was man wollte, aber sie hatten gewusst, wie man Gesindel in die Schranken wies.

In der Ruhe der Leitstelle hörte der Rekrut jetzt einer sorgenvollen Anruferin zu und kam zu dem Schluss, dass es sich um einen betrunkenen Angehörigen handelte, der nicht nach Hause gekommen war. Er vermutete, dass auch die Anruferin nicht mehr nüchtern war. Fast hätte er den Hörer ein Stück vom Ohr weghalten müssen, um sie besser zu verstehen. Er zog einen Notizblock zu sich. Hinter dem schrillen Zetern bemerkte er einen letzten Rest von Selbstbeherrschung in der Frauenstimme, doch ihre übliche Contenance war von einer Welle der Empörung fortgespült worden. Er nahm ihre Angaben auf und prüfte, wo sich der nächste Streifenwagen befand.

Danach zog er eine kugelsichere Weste an und trat hinaus in den schützenden Schatten des Wachturms, um sich eine Zigarette anzuzünden. Leider war die Kollegin, die sonst Telefondienst machte und mit der er immer plauderte und flirtete, um diese Uhrzeit nicht mehr da. Die Langeweile zu ertragen, während man stundenlang auf den neuen Morgen wartete, war eine berufliche Fähigkeit, die der junge Officer erst erlernen musste.

Er drückte die Zigarette aus und traf eine Entscheidung. Immer wieder hatte Inspector Celcius Daly die Diensthabenden der Nachtschicht angewiesen, ihn bei ungewöhnlichen Vorkommnissen anzurufen, vor allem an Wochenenden. Die Schwemme alkoholbedingter Vergehen war jedoch nicht weiter ungewöhnlich. Diese Anweisung, die stets mit einem Blick seiner müden, wie zum Gebet nach oben wandernden Augen verbunden war, bewirkte, dass die anwesenden Polizisten alle etwaigen Schwierigkeiten allein zu bewältigen versuchten. In diesem Fall entschied der Rekrut aber anders, selbst wenn er damit Dalys Zorn auf sich ziehen sollte.

Celcius Daly hatte bis spät in die Nacht im Cottage seines Vaters am Torffeuer gesessen und Whiskey getrunken. Der Torf stammte von einem schimmligen Haufen, den sein Vater im Sommer des Vorjahrs gestochen hatte. Der alte Mann hatte sämtliche Torfstücke mindestens fünf Mal gewendet, ehe er sie ins Haus trug, und dennoch waren sie noch nass. Der feuchte Rauch hatte sich im Raum verteilt und bei Daly einen Hustenanfall ausgelöst. Daraufhin hatte er einen Dufflecoat angezogen und war vors Haus gegangen, wo die Luft klar und rein, aber auch kalt war.

Er sah, wie der Mond aufging, und zusammen mit dem Frost legte sein Licht einen silbrigen Raureifschimmer auf die Grate der Ackerfurchen, wo sein zweiundachtzigjähriger Vater bis eine Woche vor seinem Tod Kartoffeln gezogen hatte. Erneut füllte Daly sein Glas und kehrte zurück, um die im Mondlicht glänzenden Erhebungen zu betrachten, als wären es die Rippen eines hungrigen Tiers. Angetrunken, wie er war, fand er die Mondscheinszenerie wohl unterhaltsam. Es wurde fast drei Uhr nachts, bis er ins Bett wankte.

Das Telefon riss ihn aus dem Schlaf. Sein Magen war sauer, und seinem Mund entwich ein Fluch. Gerade hatte er einen bemerkenswerten Traum gehabt – eine Reihe Lottokugeln rollte in sein Blickfeld, und als wäre es eine Prophezeiung, leuchtete eine nach der anderen auf. Gebannt sah er zu, wie sie nacheinander fielen: 49, 11, 21, 7 …

Das Erste, was er nach dem Aufwachen tat, war, die Zahlen auf die Rückseite eines alten Fotos zu schreiben, das er in der Schublade des Nachtkästchens gefunden hatte. Leider hatte der Anruf die weiteren Glückszahlen abgeschnitten. Er versuchte, sich die fehlenden zwei Zahlen zu erschließen, aber die Gewissheit hatte ihn verlassen. Als er sich die Augen rieb, verschwanden die Zufallszahlen in der elementaren Zwecklosigkeit, die sich in der tiefen Nacht über alles legt. Er begriff, dass es mitten in der Nacht war und er allein im Bett lag.

Obwohl er und seine Frau sich bereits vor sechs Monaten getrennt hatten, überraschte es ihn, wenn er in Nächten wie dieser aufwachte, wie tief das Gefühl von Einsamkeit war. Das schwache Glimmen des Weckers war das einzige Licht im Raum – 3:50 zeigte er an. Die Bars sind längst geschlossen, und die meisten Feiernden müssten zu Hause sein, dachte er. Vielleicht war ein Ehekrach ausgeartet oder eine Schlägerei unter Betrunkenen auf der Straße hatte ein böses Ende genommen? Aber egal, was es war, er konnte sich auf einen Morgen mit flauem Magen einrichten. Immerhin hatte er noch nicht lang genug geschlafen, um den Katerkopfschmerz zu spüren.

Er stieg aus dem Bett und hob ab.

»Hallo, was gibt’s?«

»Ich hoffe, ich störe nicht, Sir«, sagte die Stimme.

»Nein, gar nicht«, antwortete er mit einem Seufzen und starrte auf die hingekritzelten Zahlen. Für einen Augenblick fühlte er sich betrogen. Was hatte es ihn, über die Jahre gesehen, gekostet, solche Anrufe anzunehmen? Reumütig dachte er an seine Frau und die bevorstehende Scheidung, und kurz überlegte er, dass eine glückliche Ehe mehr wert war als jedes Vermögen.

»Es hat sich was Ungewöhnliches ereignet.«

»Ein Toter?«

»Nein, eigentlich nicht. Eine alte Frau aus Washing Bay hat angerufen. Jemand hat ihre Hintertür aufgebrochen und ist in ihr Haus.«

»Ein Raub?«

»Nein. Ein paar Kleidungsstücke und Medikamente fehlen, aber deswegen hat sie nicht angerufen.«

»Sollen wir vielleicht das Versicherungsformular mit ihr ausfüllen?«, fragte Daly verdrießlich. Hatte ihn der Rekrut etwa bloß wegen eines verbockten Einbruchs aufgescheucht?

»Sie war kurz vorm Durchdrehen. Ich hab versucht, sie zu beruhigen. Sie hat behauptet, die Einbrecher hätten ihren älteren Bruder entführt. Einen gewissen David Hughes.«

Daly überlegte. »Ach? Haben die eine Lösegeldforderung dagelassen?«

»Davon hat sie nichts gesagt. Aber sie klang panisch. Ihr Bruder ist krank. Er hat Alzheimer. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.«

»Besteht vielleicht die Möglichkeit, dass er mal musste und sich verlaufen hat?«, fragte Daly genervt. Leider brachte man den Grünschnäbeln auf der Akademie keinen gesunden Menschenverstand bei.

»Sie behauptet, allein könnte er das Haus nicht mehr verlassen.«

»Okay. Sagen Sie den Leuten draußen, sie sollen vor dem Haus auf mich warten. Wir bilden einen Suchtrupp. Wer weiß? Vielleicht ist der alte Knabe irgendwo eingenickt. Hoffen wir, dass er nicht allzu weit gekommen ist.«

Daly schlüpfte in Hemd und Hose. Sein Mund war trocken, und er spürte, dass Kopfschmerz im Anmarsch war. Dass er es mit dem Whiskey übertrieben hatte, merkte er endgültig, als er sich nach seinen zusammengeknäulten Socken bückte. Ein Blick auf sein trübes Spiegelbild im Fenster verriet mehr über seinen momentanen Zustand, als er wissen wollte.

Das Cottage seines Vaters befand sich am Südufer des Lough Neagh. Im Winter ähnelte die Landschaft einer Miniaturtundra, so viele arktische Gänse bezogen hier ihr Winterquartier. Der Mond hatte sich in der kurzen Spanne, in der Daly geschlafen hatte, verzogen, durch das kleine Fenster war nichts mehr von ihm zu entdecken.

Anfang Februar und an Morgen wie diesem war der Lough am dunkelsten und vollsten. Auch die Felder und Moorflächen, die sich bis ans Ufer erstreckten, lagen jetzt im Dunkeln und ließen sich ohne die Orientierung an Hecken und Feldwegen kaum unterscheiden. Überall gab es Schlammlöcher, die so tief waren, dass ein Mensch bis zur Hüfte darin einsinken konnte. Die Landschaft war ein Flickenteppich aus Leben und Tod, den man nur mit Bedacht betreten durfte, selbst wenn man jung und kräftig war. Zumindest war es in den vergangenen Tagen trocken geblieben, dachte Daly. Er hoffte, dass die Flüsse in diesem Winter keine schlimmen Hochwasser führen würden. Erst vor sechs Monaten hatte ein Sturm mit heftigem Regen die Landschaft um den Lough geflutet und Daly zu einer unfreiwilligen Verlängerung der Totenwache für seinen Vater gezwungen. Der Blackwater River war über die Ufer getreten und hatte die Straße zum Cottage überschwemmt. Die Gemeindekirche, nur eine halbe Meile entfernt, war von der Außenwelt abgeschnitten gewesen und hatte nur noch auf einer kleinen grünen Insel aus dem Wasser geragt.

Selbst für irische Verhältnisse hatte die Totenwache lang gedauert. Durch die winzigen Fenster eines Schlafzimmers im ersten Stock sahen die Trauernden, wie ein tiefer Himmel sich ihrer Betrübnis annahm. Als der Regen aufhörte, breitete sich über alles eine merkwürdige Stille. Erst am nächsten Morgen, als die Sonne durch die Wolken brach, zog sich das Wasser langsam zurück.

Als der Leichenwagen auf der von glänzenden grünen Stechpalmen gesäumten Straße davonfuhr, war die Erleichterung der Trauergesellschaft fast mit Händen zu greifen. Daly folgte ihm mit seinen Verwandten und den Nachbarn in einem sich weit dahinziehenden Leichenzug. Die nasse Straße vor dem Leichenwagen strahlte wie der hellste Ort auf Erden. Jemand riss einen Witz über das alte Auto seines Vaters, das aus dem Hof gespült worden und auf einem Heuhaufen gestrandet war. Daly fiel ein, dass sein Vater den Motor immer bis zum Anschlag hochgejagt hatte, ehe er morgens zur Messe fuhr.

Er zwängte seine Füße in Gummistiefel und stieg in sein Auto. Um vier Uhr morgens war die winterliche Dunkelheit jenseits der Windschutzscheibe etwas Absolutes, eine Sackgasse in der Nacht. Er fuhr am Seeufer entlang bis nach Bannfoot und bog nach links in Richtung Autobahn ab. Dabei warf er einen Blick in den Rückspiegel. Kein Auto weit und breit. Am Kreisverkehr stellte er die Heizung niedriger und suchte im Radio nach einem Wetterbericht. Ein DJ mit rauer Stimme sprach Gälisch und legte Motown-Songs aus den Sechzigern auf. An den Rändern seines Bewusstseins stiegen vage Erinnerungen an Diskoabende in Gemeindezentren auf.

Er öffnete das Fenster einen Spalt, um einen klareren Kopf zu bekommen, und nahm die Autobahn nach Westen. Der alte Mann muss losgelaufen und irgendwo in einen Graben gefallen sein, dachte er. Wahrscheinlich ist er den Weg früher unzählige Male gegangen – eine kleine Wanderung über die altbekannten Furchen und Senken seiner Felder, nur am Tag und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.

Er setzte an, einen Wagen mit jungen Leuten zu überholen. Ein Bursche, offensichtlich betrunken, lehnte sich aus dem Fenster und bedachte den Detective mit einer obszönen Geste. Daly fuhr vorbei, ohne sich von der bevorstehenden Aufgabe ablenken zu lassen. Es würde nur ein kleiner Suchtrupp werden, wenn er nicht auch die Nachbarn einspannen konnte. In seiner zwanzigjährigen Laufbahn hatte er schon einige Suchtrupps zusammengestellt und wusste, dass die Leiche einer vermissten Person oft erst nach tagelanger Suche aus einem Fluss oder See gefischt wurde. Er hoffte, dass sie nicht zu spät kamen oder dass zumindest der schützende Mantel der Senilität dem alten Mann den schlimmsten Schrecken erspart hatte.

Daly staunte, wie abgelegen das Bauernhaus war. Hätten seine Verwandten dort gelebt, hätte er bei den ersten Anzeichen von Krankheit einen Umzug ins nächste Dorf veranlasst. Seine Scheinwerfer beleuchteten einen grasbewachsenen Feldweg, der anscheinend nicht allzu oft befahren wurde. Ein Warnschild vor Maul- und Klauenseuche, das nur unerlässliche Besuche gestattete, blitzte vor ihm auf. Er fuhr weiter; der letzte Ausbruch der Seuche lag über drei Jahre zurück.

3

Daly parkte in einem Hof hinter dem Wohnhaus. Den Versuch, ein paar kleine Anbauflächen daneben abzusperren, hatten ein unablässiger Wind und hungrige Tiere zunichtegemacht, die immer wieder Lücken in den Zaun gerissen hatten und darüber hinweggetrottet waren. Stellenweise hatte sich der Boden in schlammigen Morast verwandelt.

Die Anzeichen des Verfalls waren unübersehbar. Er zeigte sich im Durcheinander des Hofs voll rostiger Landmaschinen, in dem von Brombeeren und Unkraut halb überwucherten Garten und dem die Felder erobernden Schlehdorn. Von den Mauern blätterte die Farbe ab, auf dem Dach fehlten einige Ziegel. Dieselbe Vernachlässigung und der allmähliche Verfall waren auch beim Cottage seines Vaters nicht zu übersehen. Überall auf dem Land entlang des Seeufers standen solche verfallenden Häuser, geduckt hinter dunklen Hecken aus Schlehdorn, Weißdorn oder Holunder.

Als Daly ausstieg, schlug ihm muffiger Geruch entgegen, in den sich der übersüßliche Duft verfaulender Zwetschgen mischte. Sofort stürzte eine hagere Mittsechzigerin in einem schweren Morgenmantel auf ihn zu. Trotz der Dunkelheit und des Winds, der Eliza Hughes die grauen Haare ins Gesicht blies, war das Angstleuchten ihrer Augen sofort erkennbar. Im ersten Moment dachte Daly, sie sei verrückt, aber als sie zu sprechen begann, klang sie klar und bestimmt.

»Ich hab in den Schuppen und auf den Feldern nachgesehen. Nirgends eine Spur von ihm. Es ist zu spät, er ist längst verschwunden.«

Sie führte Daly ins Haus, und nachdem sie kurz mit einem Schlüssel herumgefummelt hatte, schloss sie die Tür zum Schlafzimmer des Vermissten auf. Daly kam der Raum eher wie ein Verhörzimmer als ein Schlafzimmer vor. An den nackten Wänden war weder ein Foto noch anderer Wandschmuck, das Fenster war winzig, und von der Decke hing eine grelle nackte Glühbirne. In der Raummitte stand ein vergittertes Bett, auf dem Boden davor lag eine Sensortrittmatte. Auf einer kleinen Kommode stand eine heruntergebrannte Kerze, deren Stummel von einem Häufchen Asche und verbranntem Papier umgeben war. Etwas an der Kerze kam Daly merkwürdig vor, aber er wusste nicht, was.

»Was ist passiert?«, fragte er.

»Ich hab David zur gleichen Zeit wie immer ins Bett gebracht und die Gitter festgemacht und die Sensormatte angeschaltet. Wenn er aufgestanden wäre, hätte der Alarm losgehen müssen.«

»Sie war sicher angeschaltet?«

Sie nickte.

»Ihr Bruder ist krank?«, fragte Daly nach einem weiteren Blick durch das Zimmer.

»Er ist dement. An manchen Tagen weiß er nicht mehr, wer er ist, und verwechselt mich mit unserer Mutter. Ich hab schon eine Pflegehilfe beantragt, aber Sie wissen ja, wie das heute mit den Sozialdiensten ist. Aber David könnte sich nie in das Leben in einem Pflegeheim einfügen.«

Als Daly die Hintertür kontrollierte, sah er, dass sie mit einem Hebeleisen aufgebrochen worden war. Der Schluss, dass Einbrecher ins Haus eingedrungen waren, lag nahe. Er nahm Eliza beim Arm und führte sie zum Küchentisch.

»Setzen wir uns«, sagte er. »Es scheint, dass in Ihr Haus eingebrochen wurde, Miss Hughes. Haben Sie nach den Wertsachen gesehen?«

»Hier gibt’s nichts, was irgendeinen Wert hätte. Sie haben nur seine Medikamente und ein paar seiner Anziehsachen mitgenommen«, entgegnete sie.

»Könnte es nicht sein, dass Ihr Bruder aufgewacht ist und in seiner Verwirrung einfach den Einbrechern gefolgt ist?«, schlug Daly vor.

Sie stand auf und setzte Teewasser auf. »Sie haben ihn mitgenommen. Sie beobachten uns schon seit Wochen.«

»Wer?«

»Keine Ahnung. Aber letzte Woche gab’s nachts einen schweren Sturm. Eine Kuh wurde davon wuschig und ist durch den Weidezaun gebrochen. Unseren ganzen Garten hat sie zertrampelt und die Blumentöpfe umgeschmissen. Ich hab sie zurück auf die Weide gescheucht und den Besitzer angerufen.«

Sie reichte Daly eine Tasse dünnen Tee.

»Als ich draußen war, hab ich bemerkt, dass jemand ein Loch in die Hecke geschnitten hat. Auf dem Boden waren Zigarettenkippen und Fußspuren. Seitdem hab ich das Gefühl, dass sich draußen im Dunkeln jemand rumtreibt, der da nichts verloren hat.«

»Haben Sie irgendwas Wertvolles im Haus?«

»Nichts, was mehr als Erinnerungswert hätte. Mein Bruder hat sein Leben lang nichts anderes gemacht, als in die Kirche zu gehen, sich um den Hof zu kümmern und im Winter Enten zu jagen. Seine Felder waren für ihn der Garten Gottes. Die Arbeit war sein Leben.«

Daly nickte, dachte im Stillen aber an die vielen ledig gebliebenen Bauern, nach deren Tod man kleine unter der Matratze gehortete Vermögen fand.

»Wenn Ihr Bruder gegen seinen Willen fortgebracht wurde, dann hätte er doch sicher Lärm gemacht oder sich gewehrt?«

Ausdruckslos sah sie ihn an. »Wenn er nicht bewusstlos war.«

»Haben Sie eine Idee, wer so was mit ihm tun könnte?«

»Nein. David stand sich mit allen gut. Bevor er krank wurde.«

Daly ging auf einen zweiten Blick in das karge Schlafzimmer. Offenbar hielt das Alter wenig Trost und angenehme Überraschungen bereit. Vielleicht hatte der alte Mann das Fortschreiten seiner Krankheit und den Tod gefürchtet und war davor abgehauen? Daly erinnerte sich, wie oft er schon überlegt hatte, ob es nicht besser wäre, sich aus seinem Leben zu verabschieden, zumindest für eine Weile.

Eliza Hughes blieb in der Küche, als Daly hinaus in die Dunkelheit ging. Zwischen den niedrigen Schuppen strich der Strahl seiner Taschenlampe über verrostetes Gerümpel, ein umgedrehtes Ruderboot und allerlei landwirtschaftliche Geräte. Aus einem Korb Saatkartoffeln flitzte eine Mäusekolonie, und aus dem Schatten starrte ihn ein schwarzes Augenpaar an, das einer Ratte gehören musste. In der Luft hing Terpentingeruch. Er entdeckte nichts, was ihm bei der Suche nach dem Vermissten weiterhelfen würde.

Im Hof stieß er auf Officer Harland und Officer Robertson, die in den umliegenden Feldern gesucht hatten.

»Bisher nichts Auffälliges, Sir«, sagte Harland.

»Rufen Sie die Nachbarn an und informieren Sie sie, dass David Hughes vermisst wird«, sagte Daly. »Fragen Sie, ob jemand was gesehen oder gehört hat. Und bitten Sie sie, in ihren Schuppen und Scheunen nachzusehen. Es ist kalt heute Nacht. Wenn er da draußen unterwegs ist, sucht er bestimmt einen Unterschlupf.«

Wenn sie ihn nicht in der nächsten Stunde fänden, dachte Daly, müssten sie einen Spürhund anfordern und dazu einen Hubschrauber, der den weiteren Umkreis abflog. Mit seiner Taschenlampe untersuchte er die Hecke, die den Garten hinter dem Haus begrenzte. Dabei entdeckte er zwischen dicken Ästen eine Lücke, durch die der Wind ungehindert blies. Hier waren die Äste sauber herausgeschnitten worden, die Wunden noch frisch. Von dieser Stelle bot sich ein fast freier Blick auf die Hintertür.

Auf dem Rückweg zum Haus war die reglose Silhouette von Eliza Hughes im Küchenfenster zu sehen. Daly fühlte sich zu größerer Eile angespornt. Er lief mit der Taschenlampe in der Hand hinaus in das wellige Weideland, wo er immer wieder in schlammige, eisige Löcher trat. Der Mond kam hinter den Wolken hervor, und sein Licht, das durch die Bäume fiel, war so blau und kalt, dass Daly meinte, es in der eisigen Luft schmecken zu können.

Als er in einem verborgenen Graben umknickte, stürzte er kopfüber in ein Schlehdorndickicht. Rasch drehte er das Gesicht weg, um einem knorrigen Ast auszuweichen, und für den Bruchteil einer Sekunde sah er im Strahl seiner Taschenlampe etwas Weißes aufblitzen. Es flog an seinen Augen vorbei und war im nächsten Moment verschwunden, nur ein paar gefrorene Wassertropfen fielen von höheren Ästen herab. Deutlich hörte er ein Flattern zwischen den schwankenden Ästen. In dem Dickicht musste sich etwas verfangen haben. Aber was immer es war, es gab keinen Hinweis auf den alten Mann oder seine mutmaßlichen Kidnapper. Er kam sich vor wie ein Hund, der einer verflüchtigten Fährte folgen sollte.

Er arbeitete sich tiefer in das Schlehdorndickicht hinein. Als er auf einen versteckten Hohlraum stieß, schnappte er überrascht nach Luft. Etwas Gelbes winkte ihm zu, riesig wie zwei Clownshände. Erschrocken wich er zurück und tastete nach der Taschenlampe. In ihrem Schein sah er, dass jemand ein Paar Haushaltshandschuhe auf Zweige gesteckt hatte. Zum ersten Mal seit seinem Eintreffen fühlte er sich verunsichert. Er riss sich zusammen und untersuchte den Rest der Hecke. An den Zweigen hingen noch weitere Gegenstände – ein Wecker, eine alte Batterie, Tüten mit Nägeln und Draht. Als er die Taschenlampe auf den Boden richtete, streifte der Strahl über winzige, kaum wahrnehmbare Erhebungen. Er kniete sich auf den Boden und legte die Taschenlampe auf einen Stein. War das wirklich, wofür er es hielt? Dann sah er auf jeder Erhebung plumpe Kreuze mit einer Beschriftung. Namen und Daten: OLIVER JORDAN gest. 1989, BRIAN UND ALICE MCKEARNEY gest. 1984, PATRICK O’DOWD, gest. 1985.

Die Erhebungen waren sehr klein und sahen danach aus, als hätte ein Kind Friedhof gespielt, und nicht nach einer echten Gedenkstätte. Als Daly mit bloßen Händen darin grub, fand er nichts außer verrottenden Blättern und Erde. Ihm schien, als würde kurz ein Vorhang zur Seite gezogen, um das unheilvolle Bild eines kranken Geists aufscheinen zu lassen. Beim Aufsehen entdeckte er, dass alte Zeitungsausschnitte auf Dornen gespickt waren, wie Votivgaben für eine heidnische Gottheit. Die meisten Zettel waren durchnässt und vom Wind zerfetzt. Er nahm einen ab. Es war ein alter Bericht über eine Bombe, die nicht hochgegangen war. Ein anderer Ausriss war ein Artikel über eine Detonation, die ein sechsjähriges Mädchen und eine Nonne getötet hatte.

Plötzlich war er wie elektrisiert. Als hätte er in einem Lift die Aufwärts-Taste gedrückt und wäre mit der Kabine direkt in Hughes’ verwirrten Verstand gefahren. Plötzlich war er sicher, dass die Gedanken des alten Manns den engeren Kreis seines Gartens und seiner Felder verlassen hatten und weiter hinausgewandert waren.

Wieder im Cottage, übergab er Eliza Hughes die gelben Haushaltshandschuhe.

»Ich nehme an, die gehören Ihnen. Sie waren an einer Art Gedenkstätte in der Hecke, mit improvisierten Gräbern und Kreuzen.«

Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Du meine Güte, David und seine verrückten Spiele.«

Mit müdem Blick sah sie ihn an. »Inspector Daly, die Demenz hat den Kopf meines Bruders zu einem Rummelplatz gemacht, auf dem er den ganzen Tag Achterbahn fährt. Er vergisst nicht nur immer mehr und vergisst, wo er ist. Seit er diese Krankheit hat, hat er auch eigenartige Marotten, unter anderem hängt er alte Zeitungsausschnitte in der Hecke auf. Immerzu redet er von der Vergangenheit und behauptet, er sieht Geister. Seit ein paar Wochen bastelt er aus allem, was er in die Finger kriegt, Kreuze. Aus Bändern, Stöcken, Blumen oder Seilen. Ich versuch, alles wegzuräumen, wenn Besuch kommt, aber ich kann ihm ja nicht permanent hinterherlaufen. Und dann schreibt er immerzu irgendwelche Botschaften. Wirklich schreckliche Sachen, die ich lieber nicht wiederhole. Voller Flüche und Verwünschungen.«

Daly beschloss, nicht nachzuhaken. Die Frau war offenkundig in einer schrecklichen Situation. Ohne Beistand musste sie miterleben, wie der bröckelnde Verstand ihres Bruders tagtäglich weiter verfiel. Er rieb sich die Augen und stand auf.

»Wir tun unser Bestes, um Ihren Bruder zu finden, Miss Hughes«, versprach er. Schweigend und ihren Morgenmantel eng um sich ziehend, sah ihm Eliza nach, als er ging.

Draußen war es noch dunkel, und die Äste des Schlehdorns krallten sich an den Wind. Die umherhuschenden Lichtkegel zeigten ihm an, wo seine Officer die Felder absuchten, die sich bis zum unsichtbar daliegenden Seeufer erstreckten. In wenigen Stunden würde es dämmern. Wenn sie Hughes nicht bald fänden, würde er an Unterkühlung sterben. Nur Gott wusste, was im Kopf des alten Manns vor sich ging.

Auf dem Weg zurück zum Auto begann das Handy in Dalys Tasche zu klingeln. Er kannte die Nummer nicht und ging ran.

»Wo ist dein schwarzer Anzug, Celcius?«, fragte eine vertraute Stimme.

»Anna«, rief er überrascht und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. »Wo bist du?«

»In deinem Haus. Ich hab den Ersatzschlüssel unter dem gebrochenen Pflasterstein gefunden. Im Schrank und in der Kommode ist der Anzug nicht.«

»Was machst du denn da?«

»Der Schwiegervater meiner Schwester ist am Donnerstag gestorben, und heute Vormittag ist Beerdigung in Dublin. Ich wollte, dass du mich begleitest, aber jetzt ist es zu spät. Ich hab deinen Traueranzug nirgends gefunden.«

»Der ist in der Reinigung.«

»Ich denke oft an dich, Celcius. Das wollte ich dir längst sagen. Aber ich muss jetzt los.«

»Ich bin mit einem Fall beschäftigt. Kannst du nicht noch eine Stunde warten?«

Die bisherige Zärtlichkeit in ihrer Stimme wurde von der bekannten Entschiedenheit verdrängt. »Nein. Ich muss sofort los. Meine Schwester wartet auf mich. Und du bist ja immer mit irgendeinem Fall beschäftigt.«

»Einen Moment noch. Kannst du mir einen Gefallen tun?«

Sie seufzte. »Was denn?«

In einem verzweifelten Versuch, das Gespräch zu verlängern, drückte Daly das Telefon fester an sein Ohr. Sein Atem ging schneller, hektischer, als wäre er in einem Raum eingesperrt, in dem die Luft immer dünner wurde.

»Kannst du für mich einen Lottoschein ausfüllen?«, sagte er, ehe sie auflegte. »Ich hab so ein Gefühl, dass das unsere Glückszahlen sein könnten – 49, 11, 21, 7. Die zwei letzten kannst du dir aussuchen.«

Es gab eine Pause, während sie die Zahlen notierte.

Als sie wieder sprach, war die Zärtlichkeit in ihre Stimme zurückgekehrt. »Ist das jetzt der neue romantische Daly?«, fragte sie.

»Wie meinst du das?«

»Die Zahlen – rückwärts gelesen ergeben sie das Datum unseres ersten Rendezvous. Sieben Uhr am zwölften November 1994. Hätte nicht gedacht, dass du dich daran erinnerst.« Sie hielt kurz inne. »Ich ruf dich an, wenn die Zahlen gezogen werden. Bye, Celcius.«

Bei der Rückkehr in das Cottage seines Vaters empfingen Daly die Dämmerung mit drohendem Regen und ein aufziehender Kater. Doch eine Lücke hatte die Sonne noch in den Wolken gefunden und warf einen Lichtstreifen auf tief liegendes Moorland und Hecken. Auf dem Weg zur Tür drängten sich ihm einige Einzelheiten mit schmerzlicher Klarheit auf: die hellen Steinmauern, eine Fensterscheibe, in der sich das flammende Morgenlicht spiegelte, das Whiskeyglas, das weiß vor Reif im Schatten unter dem Vordach stand.

Bereits beim Eintreten ins Haus spürte er ihre Anwesenheit. Sie hatte sich die Mühe gemacht, im Wohnzimmer etwas Ordnung zu schaffen, Kleidungsstücke zusammenzulegen, benutzte Tassen und Teller wegzuräumen und die Zeitungen und CDs in ein Regal zu legen.

Er empfand einen Stich, weil sie sich die Zeit genommen hatte, sich den Gegenständen im Raum zu widmen, nicht aber auf ihn hatte warten oder das Gespräch fortsetzen wollen. Statt sich richtig zu verabschieden, hatte sie ihn mit diesem aufgeräumten Zimmer zurückgelassen, dessen Luft von ihrem Parfüm und einer unguten Stille erfüllt war. Die Erinnerung an ihre Stimme schrammte an den Rändern seines Katers entlang. Vielleicht hätte er den Anruf der Leitstelle doch ignorieren sollen, in seinem Verhau bleiben und auf ihr Kommen warten sollen?

In den ersten Monaten ihrer Trennung, als Anna bei ihren Eltern in Glasgow lebte, hatte Daly sie oft angerufen. Der Gedanke hatte ihn gequält, sie könnte mit einem anderen Mann zusammen sein. »Da ist niemand, dem wir die Schuld geben können, außer uns selbst«, hatte sie immer wieder gesagt. Aber ihm war es schwergefallen, ihr das zu glauben, und gefangen im Denken eines Detective, war er überzeugt gewesen, ein unbekannter Täter habe ihre Liebe zerstört. Diese Reaktion war in mancher Hinsicht irrational gewesen, gespeist von Selbsttäuschung und Wahn.

In den ersten Monaten hatte er tagtäglich auf die Post mit den Scheidungsunterlagen gewartet, aber sie kam nie. Er bot das gemeinsame Haus in Glasgow zur Vermietung an und bewarb sich um eine Versetzung nach Nordirland. Er hatte gehofft, nach Belfast zu kommen, aber zu seiner Überraschung wurde er nach Armagh geschickt, die Stadt, in der er aufgewachsen war. Zu der Zeit war es ihm sinnvoll erschienen, in das leer stehende Cottage seines Vaters zu ziehen.

In einem anderen Telefongespräch hatte er gefragt, was sie von ihm verlange. Sie hatte geantwortet, er müsse beweisen, dass er auch ein Leben jenseits seines Berufs habe. Noch in Glasgow kam er zu der bitteren Erkenntnis, dass er, zerrieben zwischen Lust an der Ermittlerarbeit und Papierkram, diesem Anspruch nicht gerecht werden konnte. Sie hätte genauso gut einen Beweis für die Existenz einer vierten Dimension fordern können. Mittlerweile würde er wohl sogar die Zeit krümmen, um zu retten, was er mit ihr gehabt hatte.

Er ging in die Küche und öffnete irgendeine Dose. Er hatte keine Lust, das Etikett zu lesen, aber es roch, als würde Anna es höchstens an ihre Katze verfüttern. Nach ein paar Bissen ließ er die Gabel in der Dose stecken, stand auf und schleppte sich ins Bett.

4

Die namenlose Stimme am anderen Ende der Leitung sprach wenig und beendete das Gespräch rasch. Father Jack Fee hörte sich die nüchtern aufgezählten Tatsachen an, denen nichts von einer Tragödie anhaftete, und legte dann ebenfalls auf. Es war fünf Uhr morgens, und er saß in seinem kalten Arbeitszimmer. Während der Troubles war er Vikar in einer Gemeinde im Grenzgebiet gewesen, daher wusste er, was der Überbringer der Nachricht meinte. Der Mann hatte mit großer Autorität gesprochen, auch wenn die Nachricht selbst nicht schlüssig war und man ihn vielleicht zum Narren halten wollte. Aber für Father Fee war sie traurig und mehr als das – bestürzend. Er ging zu seinem Schreibtisch und schrieb die Worte nieder. Es war seine Pflicht als Priester, den Anweisungen zu folgen, auch wenn das Priesterseminar ihn auf so etwas nicht vorbereitet hatte.

In einem Baum auf Coney Island wartet ein Toter auf Sie.

Das klingt wie eine makabre Aufgabe bei einer Schnitzeljagd, dachte er. Bis er sich gewaschen, angezogen und sein Gebetbuch und die heiligen Öle eingepackt hatte, war die Dämmerung aufgezogen. Er öffnete die Haustür und ging hinaus. Der Morgen roch nach feuchtem Moos. Aus den tiefen Wolken, die über den tristen Himmel zogen, tröpfelte es leicht. Beneidenswert, mit welch stiller Zielstrebigkeit sich Wolken bewegen, dachte er.

Ein grauer Star hatte Father Fee auf einem Auge fast erblinden lassen. Das bedeutete auch, dass er nicht mehr selbst Auto fahren konnte, sondern auf die Hilfe eines Gemeindemitglieds angewiesen war. Die ihm heute bevorstehende Prüfung wollte er seinem üblichen Fahrer jedoch ersparen. Mit einem Stoßgebet zum heiligen Christophorus fuhr er mit seinem zehn Jahre alten Renault über die schlaglochübersäten ländlichen Straßen bis zu dem Ring der Townlands, die Munchies genannt wurden.

Bisher hatte er insgesamt sechs Ermordeten die Letzte Ölung gegeben. Anrufe hatten ihn an Straßengräben oder stille Waldflecken geleitet, wo ihre Leichen lagen, mit Düngersäcken über dem Kopf und die Hände mit Paketschnur gefesselt. Alle sechs waren als Spitzel gegeißelt worden, während der Troubles eine hochgefährdete Spezies.

In der schlechten alten Zeit war seine Gemeinde für ihn weniger ein sicherer Hafen einer gottesfürchtigen Schar gewesen als vielmehr das Niemandsland zwischen zwei Armeen, Schauplatz für IRA-Überfälle und Patrouillen der British Army. Die herkömmliche Unterscheidung zwischen richtig und falsch hatte für die Mitglieder seiner Gemeinde wenig Bedeutung gehabt, es kam nur darauf an, was für das Überleben notwendig war oder nicht.

Durch ein dichtes Birkenwäldchen kam Father Fee in das Townland Derryinver mit einem weiten Blick über den Lough Neagh. Er manövrierte den alten Wagen durch eine Abfolge von Kurven, die den Einheimischen zufolge selbst einem Häretiker den Teufel austreiben konnten, und fuhr, knirschend schaltend, an der Maghery Church vorbei. In der Ferne waren vage die Umrisse der schneebedeckten Sperrin Mountains zu erkennen. Dann beschleunigte er und rollte durch eine Landschaft, die mit ihren dichten Hecken und abfallenden Feldern auch ein Naturschutzgebiet für Scharfschützen darstellen konnte.

Es war passend, dass dies eine seiner letzten Aufgaben vor dem Ruhestand sein sollte. Die achtundvierzig Jahre seines Berufslebens waren ein einziger trauriger Gang durch sämtliche Fegefeuer dieser verfluchten Provinz gewesen. Vielleicht würde er, wenn er vom Totenbett aus zurückblickte, erkennen, dass die Troubles ihm das Priesteramt gerettet hatten, vor allem gegen Ende zu, als sich die Verbrechen, die ihm seine Gemeindemitglieder beichteten, wie ein Knäuel Schlangen um seine Seele legten. Da war es leicht gewesen, Gut und Böse zu unterscheiden und sein eigenes Abgleiten in spirituelle Gleichgültigkeit zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen.

Als er in den Maghery Park einbog, kam sein Wagen dort, wo nicht gestreut worden war, auf einer Eisplatte ein wenig ins Rutschen. Ein Fischer, der gerade mit seinem Boot anlegte, sah auf und winkte ihm zu. Father Fee überspielte sein ungutes Gefühl, stieg aus und erkundigte sich freundlich nach dem Befinden der Mutter des Manns, die schwer erkrankt war.

Es war ein langer, dunkler Winter mit viel zu vielen wolkenverhangenen Himmeln gewesen. Doch am Ufer des Lough stach Father Fee die grelle Spiegelung in den Augen und ließ sein Starauge tränen. Die hellen Wellen schwappten gegen das Fischerboot und ließen kleine Lichtbogen um den dunklen Rumpf laufen.

Der Priester bat den Fischer, ihn nach Coney Island überzusetzen. Dann ließ er sich schwerfällig auf der Holzbank nieder und spielte mit den Dosen der heiligen Öle und dem Weihwasserfläschchen in seiner Rocktasche. Er war froh um den Sonnenschein, während sie hinausruderten. Die Ruderblätter tauchten nur so tief ein, dass sie mit jedem Schlag mehr Licht als Wasser herausschöpften. Die Helligkeit ließ Father Fee für den Moment alle beängstigenden Gedanken an das Kommende vergessen, und er war zufrieden, dem Fischer beim Rudern zuzusehen und sich mit ihm verbunden zu fühlen. Menschenfischer, Fischer verlorener Seelen, dachte er im Stillen. Er ließ ein paar Worte über das Wetter fallen, hütete sich aber, den Grund für diese Fahrt oder etwas von seiner Angst zu verraten.

Er hatte schon mehrere an abgelegenen Stellen versteckte Informantenleichen gefunden, mit dem Gesicht auf dem Boden liegend und von Ranken und Unkraut umschlungen. An diesen x-beliebigen Orten, wo sein Blick von blühenden Pflanzen und durch die Hecken raschelnden Vögeln abgelenkt wurde, waren sie schwer auszumachen gewesen. Doch sobald er die Insel betrat, ahnte er, dass es dieses Mal anders sein würde. Wer auch immer die Leiche hier abgelegt hatte, hatte einen Hang zur makabren Inszenierung. Der Leichnam war groteskerweise sitzend in einer Baumhöhle hindrapiert, Kopf und Schultern waren nach vorne gesackt, auf dem fahlen Gesicht lag ein Ausdruck verhärmter Erschöpfung. Father Fee erkannte auf den ersten Blick, dass es eines seiner älteren Gemeindemitglieder war, ein regelmäßiger Kirchgänger noch dazu. Er hatte sich schon gewundert, warum er ihn seit Wochen nicht gesehen hatte.

Traurig schüttelte der Priester den Kopf. Ein weiteres menschliches Opfer des gewaltsamen sozialen Schiffbruchs, der Troubles hieß, war angespült worden. Obwohl das Bomben seit mehr als einem Jahrzehnt beendet war, kam es noch immer scheußlich oft vor, dass konfessionelle Konflikte und Mord sein Priesterleben beeinträchtigten.

Wenn er vom Altar aus auf seine kleine Gemeinde blickte, dachte Father Fee oft an ihre Ängste und Hoffnungen, an ihre Familien und ihren Alltag, die kleinen Lasten auf ihren Schultern und in ihren Herzen. Seit dem Waffenstillstand hatten sich viele Paramilitärs hier am Seeufer niedergelassen – manchmal sogar ganze Familien. Einige hatten in der Politik ein neues Betätigungsfeld gefunden, andere waren dem Alkohol verfallen, und ein paar hatten zu Gott gefunden. Letztere waren jene, deren Gewissen von dem gequält wurde, was sie gesehen und getan hatten. Durch das Sakrament der Beichte wurde ihnen die Gnade Gottes zuteil, aber ihre Unsicherheit zwang sie dazu, sich dessen immer wieder zu vergewissern. Sie waren die verlorenen Schafe seiner Herde, die jetzt an jedem Tag in der Woche zuverlässig zur Messe kamen, sich großzügig an den Kollekten beteiligten und sich sogar erboten, ihm eine Reise nach Rom und in das Heilige Land zu ermöglichen. Bei Beerdigungen legten sie ihm die groben Hände auf die Schultern und flüsterten: »Sehr schön, Herr Pfarrer.«

Auf den Stationen des Kreuzwegs sah er sie, gespiegelt in den verglasten Bildern von Christus und seinem Leidensweg auf dem Kalvarienberg, alle hinter sich versammelt.

Wenn er sie vom Altar aus betrachtete, machte sich sein grauer Star besonders unangenehm bemerkbar.

Er sah den Erpresser mit kaltem Blick hinter der Mutter mit dem kleinen Kind sitzen, und in den letzten Reihen saß der herzlose Mörder neben dem alten Ehepaar, dessen Söhne alle in Amerika lebten.

Die furchtbaren Verbrechen spukten immer durch seine Gedanken.

Und dann war da Joseph Devine gewesen.

Zu seinem Gesicht, wenn es nachdenklich nach oben zu der Figur am Kreuz gerichtet war, hatte sich Father Fee beinahe zärtlich hingezogen gefühlt. Zu diesem alten Mann, der mit seinem Gewissen rang. Alle Kraft floss in den letzten Kampf gegen die Stimmen in seinem Kopf.

Seine Gedanken wanderten zurück zu Devines letzter Beichte. Es war ein ungewöhnliches Gespräch zwischen Beichtvater und Beichtendem geworden. Begonnen hatte es damit, dass Devine berichtete, er habe sich nicht über die Taufe der Enkelin eines Freunds freuen können.

»Father, ich habe überhaupt nichts dabei empfunden«, hatte er geflüstert. »Selbst lächeln ist mir schwergefallen. Ich habe es auch nicht über mich gebracht, das Baby im Arm zu halten.«

Father Fee hatte geschwiegen, es wollte ihm keine tröstliche Antwort einfallen. Obwohl sie durch ein Metallgitter getrennt waren, schien Devines Gesicht sehr nah zu sein. In seinem Atem leichter Alkoholgeruch.

»Habe ich denn Grund für meine Befürchtungen?«

»Was sind denn deine Befürchtungen?«

»Dass ich nie meinen Frieden finden werde?«

Die Frage beunruhigte Father Fee. Ehe er antwortete, rieb er sein krankes Auge.

»Warum solltest du keinen Frieden finden? Gottes Gnade ist unerschöpflich. Du musst nichts weiter tun, als vor Gott ein vollständiges Bekenntnis abzulegen.«

»Das tue ich jeden Monat, Father.«

Der Priester schwieg.

Dann sagte er mahnend: »Du erzählst mir nicht die ganze Wahrheit. Du bist heute nicht wegen dieser Taufe zu mir gekommen. Dich plagt etwas anderes. Aber ich weiß nicht, was. Vielleicht schämst du dich zu sehr, um es zu sagen. Ich weiß es nicht. Der Einzige, der das weiß, bist du. Und Gott.«

»Sonst plagt aber nichts mein Gewissen, Father«, entgegnete Devine ein wenig aufsässig.

»Warum bist du dann hier?«

Und dann fielen die Worte, die Father Fee erwartet hatte. Erfreut stellte er fest, dass Scham noch immer eine wirksame Kraft war. Es kam selbstverständlich darauf an, aus welcher Gemeinschaft man stammte und wie viel Bedeutung die Meinung anderer hatte. Aber in diesem Land begegnete man Informanten immer noch mit größter Verachtung. Father Fee hatte sogar Leute sagen hören, dass man seine Nachbarin vergewaltigen konnte und es bald vergessen würde, aber wenn der Großvater Spitzel gewesen war, bliebe man noch als Enkel sein Leben lang Außenseiter.

Im Halbdunkel des Beichtstuhls spürte Father Fee Devines Blick.

»Ich dachte, ich könnte die vergangenen Taten hinter mir lassen, aber die Stimmen verschwinden nicht. Ich habe für die britischen Sicherheitsdienste spioniert. Für Geld. Wegen meiner Informationen kamen Menschen ums Leben.«

Aufmerksam lauschte Father Fee dem Geständnis. Mit einem Seufzer wappnete er sich.

»Wie oft ist das vorgekommen?«

»Öfter, als ich mich daran erinnere.«

»Und empfindest du Reue über deine Taten?«

»Am Anfang ja, da hab ich mich schuldig gefühlt. Da hat mir mein Gewissen keine Ruhe gelassen. Aber allmählich ist die Scham verschwunden. Und es stimmt ja, dass die Männer, die durch meine Mithilfe umkamen, gefährlich und gewalttätig waren. Keiner von denen war unschuldig.«

Den Priester beschlich ein Gefühl tiefer Müdigkeit. Es war, als suchte er krampfhaft nach einem Ausweg aus einem Albtraum.

Devine wartete geduldig auf Absolution durch den Priester, doch statt sie zu erteilen, schloss Father Fee nur die Augen. Der Hunger seiner Gemeinde nach Vergebung von Sünden erschien ihm unersättlich, ein Schlund, den er bis in alle Ewigkeit füttern musste. Sein Mund war trocken, in seinem Kopf pochte es. Der Priester meinte nicht einfach mit der üblichen Formel fortfahren zu können. Licht drang durch den Schlitz unter der Beichtstuhltür. Als er auf seine Hände blickte, bemerkte er überrascht, dass sie zitterten. Vielleicht sollte das die letzte Beichte sein, die ich abnehme, dachte er. Morgen rufe ich den Diözesansekretär an und bitte um meine Versetzung in den Ruhestand.

Schließlich ergriff er doch noch das Wort. »Normalerweise schlage ich zur Buße Gebete vor, aber in deinem Fall weiche ich davon ab. Du bist zu mir um Vergebung gekommen, aber das ist hier nicht so einfach. Ehe ich dich von deinen Sünden lossprechen kann, musst du dafür Buße tun.«

Dann erläuterte er die ungewöhnliche Aufgabe, die ihm als Sühne vorschwebte.

Schließlich segnete er Devine und schloss das Sprechgitter. Die Beichte war beendet. Er hörte, wie Devine stotterte und etwas zu sagen versuchte. Er glich einem Kind, dem keine weiteren Fragen mehr einfielen.

Danach fühlte sich der Priester seltsam beschwingt. Nach Jahren braver Pflichterfüllung, in denen er sich gegenüber dem Willen Gottes hintangestellt hatte, empfand er diese Abweichung vom Beichtritus wie eine Befreiung. Jetzt musste er Männern, die gemordet oder Beihilfe dazu geleistet hatten, das Leben nicht mehr einfach leichter machen.

Vor Devines Leiche redete sich Father Fee ein, dass alles, was geschehen war, Vorsehung war. Selbstverständlich hatte er sich nicht vorstellen können, dass Devine ermordet werden würde, aber in dem Umstand, dass er als Erster bei dem Toten sein durfte, sah er das Walten einer höheren, vielleicht sogar göttlichen Gerechtigkeit. Jetzt konnte er Devine mit den Sterbesakramenten versehen und ihm die Beichte abnehmen.

Der Priester kniete sich auf den Boden und legte dem Mann behutsam die Hand auf die Stirn. Dann sprach er die Worte, die er schon so oft gesprochen hatte.

»Möge Gott, der Allmächtige, dir seine Gnade zuteilwerden lassen, dir deine Sünden vergeben und dir das ewige Leben schenken.«

Das Gebet dauerte nur wenige Sekunden. Danach streifte sein Blick eine alte Hortensie, die vom Gewicht der durchweichten Blüten des Vorjahrs niedergedrückt war. Tief gebeugt waren ihre Zweige, die diese Überfülle an toten Blüten kaum zu tragen vermochten. Er fragte sich, warum die Natur den Strauch seine riesigen Blütenstände nicht abwerfen ließ, wenn sie verblüht waren, um es ihm leichter zu machen. Eine verzweifelte Sehnsucht nach den ersten Frühlingsboten ergriff ihn, nach einem zarten Schneeglöckchenblatt oder einer Blattknospe kurz vor dem Aufbrechen, aber der Strauch taugte dafür nicht, so wenig wie ihm der Ballast, der sich über die Jahre in seinem Kopf angesammelt hatte, half.

Wasser trat in sein krankes Auge, und dann fing auch das gesunde an zu tränen. Devines Leiche verschwamm vor seinem Blick wie ein Dorn, der sich nicht fassen und herausziehen ließ.

5

Nachdem sie den wackligen Bootsanleger hinter sich gelassen hatten, riet der Fischer Celcius Daly, sich zurückzulehnen und die Landschaft zu genießen. Beim Hinausrudern aus der Mündungsbucht tat sich im Norden die weite Seefläche des Lough Neagh auf, während die Uferlinie immer zerklüfteter wurde. Bald sah Daly die Umrisse von Coney Island, und als das Boot sich der Insel näherte, entdeckte er den verkohlten Eichenstumpf, die ein Blitz in Brand gesetzt hatte. Eine Gruppe von Männern und Frauen, teils in Schutzanzügen, wuselte zwischen den geschwärzten Baumteilen hin und her. Als der Fischer an einer Schilffläche vorbeiruderte, flog eine Seeschwalbe mit zunehmend gereiztem Keckern auf sie zu.

Der schlanke, schnittige Fiberglasrumpf des Polizeiboots, des einzigen, das hier im Einsatz war, blockierte fast den gesamten Anlegesteg. Daly gelang es, auf die Planken zu springen, ohne sich ein Bein zu brechen. Er war froh, wieder halbwegs festen Boden unter den Füßen zu haben.

»In der Regel machen Leichen keine Geräusche«, warnte Ruari Butler, der heranschlendernde Rechtsmediziner, den Detective zur Begrüßung. »Aber ich fürchte, hier haben wir es mit einem sehr speziellen Fall zu tun.«

Er zeigte Daly den Tatort mit einer Beflissenheit, als ob er ihn durch ein Naturschutzgebiet führen würde. Unbeholfen tastete Daly hinter dem großen Mann nach dem Absperrband, um darüberzusteigen, und stolperte leicht.

Auf den ersten Blick entdeckte Daly nichts Auffälliges. Der Körper eines barfüßigen älteren Manns war sitzend gegen einen verkohlten Baumstumpf gelehnt. Seine Miene war entspannt, der Mund stand leicht offen, und die Zunge hing heraus, als hätte sie versucht, dem Tod ihres Wirts zu entwischen. In der Luft hing der Duft überreifer Schlehen, und das Surren der um die Leiche schwirrenden Fliegen erweckte den Anschein, als würde sie leise schnarchen. Kein sichtbares Anzeichen für ein Verbrechen, bemerkte er. Es könnte auch der tragische Unfall eines alten Manns sein, der wie jeden Morgen barfuß hierhergekommen war und sich in dieser Baumhöhle ausgeruht hatte, als ihn der Tod ereilte.

Aber bei genauerem Hinsehen war offensichtlich, dass Teile der Leiche versengt waren und man kaum zwischen menschlichen Sehnen und verbranntem Holz unterscheiden konnte. Die schwarzen, im Feuer geschrumpften Gliedmaßen des Opfers und die verkohlten Äste waren ineinander verschlungen, als hätte sich der Körper um die Überreste eines deformierten Zwillings gewickelt. Eine Untersuchung des Kopfs ergab vielfache stumpfe Verletzungen und Reste klebrigen Bluts. Der Hinterkopf war grießig wie ein durch den Fleischwolf gedrehter Knorpel.

Um die Leiche schwirrten Kriminaltechniker, die fleißig fotografierten, Haarproben nahmen und mikroskopisch kleine Beweisstücke aus dem Gebüsch klaubten, um ein brutales Stück Vergangenheit zu heben und zu katalogisieren. Nach getaner Arbeit würden sie damit abmarschieren und es in den Regalen eines forensischen Labors einlagern.

Butler sprach zu ihm, aber Daly konnte seinen Worten kaum folgen, weil er zu sehr mit diesem Anblick beschäftigt war. Manche Detectives vermochten alle Einzelheiten eines grausamen Mords aufzusaugen wie ein Hochleistungsstaubsauger, aber Daly gehörte nicht dazu. Butler bemerkte sein Unbehagen. Um ihm zu helfen, die Fassung wiederzuerlangen, richtete der Pathologe den Blick auf das Südufer des Sees und fing wie zum Spaß an, die dortigen Townlands des County Armagh aufzuzählen: Clonmakate, Columbkille, Maghery und Derrylileagh.

Der Schauder, der Daly in die Eingeweide gefahren war, war jedoch schwächer ausgeprägt als die professionelle Rivalität im Umgang mit Unangenehmem, die ihn mit Butler verband, und so ärgerte er sich ein wenig über dessen taktvolle Ablenkung von seiner Schwäche.

»Wie lang ist die Leiche hier?« Daly blickte auf das entspannte Profil des Gerichtsmediziners.

»Zum Glück wurde das Opfer gefunden, bevor der eigentliche Verwesungsprozess eingesetzt hat oder sich die Wildtiere hier daran haben gütlich tun können.«

»Dann hätte es für ihn ja kaum besser laufen können, was?« Dalys Ton war eisig.

»In gewisser Hinsicht ja. Für eine Leiche ist so ein Wildschutzgebiet kein guter Aufenthaltsort.«

»Und was wäre einer?«

Unbeeindruckt von Daly wie von der Leiche, ging Butler behutsam um einige Holzstücke herum, allein auf den Fortgang seiner Gedanken und Schlussfolgerungen konzentriert. Ähnlich wie die Mathematik machte der Tod die Dinge einfacher. Herauszufinden, wie etwas geschehen war, bedeutete, die Dinge mit klarem, nüchternem Blick zu betrachten und den Schleier der Gefühle zu lüften.

»Immerhin hat er die Sterbesakramente bekommen«, bemerkte Daly.

»Freundlicherweise verabreicht durch Father Jack Fee aus Maghery. Kennen Sie ihn?«

»Nein. Ich bin kein regelmäßiger Kirchgänger. Aber ich werde ihn besuchen.«

»Er sagt, der Tote ist Joseph Devine, ein frommes Mitglied seiner Gemeinde. Offenbar hat Mr. Devine keine näheren Verwandten. In seiner Jacke war eine Brieftasche mit einem Führerschein und mehreren Bankkarten.«

Die Wellen von einem vorbeifahrenden Motorboot klatschten gegen den Anlegesteg. Die beiden Männer sahen zu, wie das Boot um das Inselufer kurvte und aus ihrem Blickfeld verschwand.

»Das Opfer wurde durch eine Reihe von Schlägen gegen den Kopf, ausgeführt mit einem stumpfen Gegenstand, getötet«, fuhr Butler fort. »Außerdem wurden seine Gliedmaßen angezündet, möglicherweise um ihn zu foltern. Dabei diente Baumharz als eine Art Brennstoff. Den genauen Todeszeitpunkt werden wir nicht mehr herausfinden, aber grob geschätzt dürfte er nicht länger als vierundzwanzig Stunden zurückliegen.«

Mit einer Pinzette drückte der Gerichtsmediziner auf die Brust des Opfers. Es folgte ein Zischen, und aus dem Hals der Leiche kam ein Geräusch. Ein anhaltendes raues, vogelartiges Gurgeln. Es war eines der merkwürdigsten Geräusche, die Daly je gehört hatte. Hoch, wild, unmenschlich.

Er sah Butler beinahe flehend an. »Was zum Teufel war das?«

»Erkennen Sie’s nicht?«

Butler öffnete den Mund des Opfers. Er hatte die Kehle schon eingehend untersucht. Geschickt fummelte er mit der Pinzette einen kleinen Metallgegenstand heraus und hielt ihn vor Daly in die Höhe.

»Eine Entenpfeife. Steckte knapp über dem Kehlkopf.«

Die Anspannung auf dem Gesicht des Detective nahm etwas ab.

»Nach dem Trauma in der Mundhöhle zu schließen, wurde sie dem noch lebenden Opfer gewaltsam eingeführt.«

Er schwieg einen Moment wie ein Schauspieler, der sich die Bühne zurückerobert. »Weil die Leiche so theatralisch zur Schau gestellt wurde und weil ein Priester über den Fundort informiert wurde, kann man wohl davon ausgehen, dass hier irgendwelche Paramilitärs die Hand im Spiel hatten.«

»Für diese Vermutung haben wir noch keine Beweise«, knurrte Daly.

»Für die Medien ist das auch ohne Beweise ein gefundenes Fressen.«

Daly zuckte die Achseln. »Vielleicht bringt uns der Rummel ja ein paar brauchbare Hinweise.«

»Einen kann ich jetzt schon bieten. Offenbar war sein Tod für die Mörder von großer Bedeutung.«

»Wieso?«

»Verbrennen, foltern und dann totschlagen, dazu eine tief in den Hals gerammte Entenpfeife. Nach meiner Erfahrung werden nicht viele Opfer so zugerichtet. Eine Kugel in den Schädel wäre doch viel einfacher und effektiver gewesen.«

Daly war nörgelig. »Also sind unsere Hauptverdächtigen Paramilitärs mit kranker Fantasie und einem Faible für Entenjagd.«

Butler deutete ein schiefes Lächeln an. Dann wandte er sich der Leiche zu und setzte seine Arbeit fort, während Daly – froh, dem gruseligen Anblick des verkohlten Baumstumpfs zu entkommen – sich auf den Weg machte, um die übrige Insel in Augenschein zu nehmen. Eigentlich hätte er am Tatort bleiben und den Kriminaltechnikern zur Hand gehen sollen, aber er musste einen klaren Kopf bekommen. Außerdem war hier Butler für die Spurensicherung verantwortlich, und der würde keinen Stein auf dem anderen lassen.

Zurück am Ufer, nahm Daly ein paar tiefe Atemzüge Seeluft und sah zu, wie die Wolkenschatten über das Wasser huschten. Weiter unten im Süden verschwanden die Mourne Mountains im abnehmenden Winterlicht mit einem letzten violetten Schimmer am Horizont.

Coney Island war ein wilder, merkwürdiger Ort, an den nur vom Sturm überraschte Fischer oder wagemutigere Vogelbeobachter kamen. Während der elisabethanischen Kriege war die Insel von den Anführern des O’Neill-Clans als Zuflucht genutzt worden, und sie war nach einer Hexe benannt, die angeblich für die englische Königin spioniert hatte. Der Legende nach hatte sie Red Hugh O’Neill vergiftet, während sie seine Wunden nach einer Schlacht versorgte. Hexe, Mörderin und Spionin in einer Person, dachte Daly. Im Vergleich zu Miss Coney war Mata Hari eine Pfadfinderin.

Während er am Ufer entlangwanderte, legte er sich einen Plan für die Ermittlungen zurecht und überdachte die einzelnen Schritte. Nach der Spurensicherung am Tatort würden sie damit beginnen, die am Lough lebenden und arbeitenden Menschen zu befragen. Sie würden versuchen herauszufinden, wie der Tote auf die Insel gekommen war und wie die Mörder dorthin gelangt und wieder verschwunden waren. War jemandem etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Waren plötzlich fremde Boote oder Autos in der Gegend gewesen? Am Seeufer gab es zwei Gemeinden, eine protestantisch, die andere katholisch, beide in tiefem Argwohn miteinander verbunden. Alles, was auch nur im Entferntesten ungewöhnlich gewesen war, war garantiert von jemandem bemerkt worden.

Er kam an einen Kiesstrand mit wunderbar rund geschliffenen Kieselsteinen, und während er dort entlangspazierte, spielte er mit dem Gedanken, ein paar davon auf das Boot des Fischers zu schaffen. Damit könnte er den vernachlässigten Garten seines Vaters etwas hübscher machen. Eine Möwe tauchte ins Wasser und kam mit einem zappelnden Aal im Schnabel heraus. Im See wimmelte es von Leben, dachte er, aber genauso war dort der Tod zu Hause. Vielleicht war die Zivilisation hinter dem Lough ja nur seiner Fantasie entsprungen?

Zum Leben war Nordirland kein so übler Ort mehr, sprach er sich Mut zu. Möglicherweise war das Essen nicht so gut, und es gab auch hier schlechte Menschen, aber durch den Friedensprozess wurde das viele Leid, das in den vergangenen vierzig Jahren entstanden war, langsam geheilt.

Auf den Kieselstrand folgte dichtes Röhricht, das weit in den Lough hinausreichte. Beim Blick auf den Zerrspiegel der Seefläche schauderte es ihn. Dieser Mord war besonders grausam gewesen, und er befürchtete, dass sich die Ermittlungen lange hinziehen und schwierig werden würden. Die Mörder waren einige Risiken eingegangen, offenbar weil sie sicher waren, auf dieser unbewohnten Insel ungestört zu bleiben. Hatten sie ihr Opfer hierhergelockt, oder war es zu einem vereinbarten Treffen gekommen?

Er bemerkte eine Spur aus abgeknicktem Schilfrohr und kürzlich aufgewühltem Schlamm, die in das Röhricht führte. Als er darauf zuging, flog ein Schwarm Enten aus Nestern auf. Es waren flinke, vorsichtige Wesen, und ihre Körper waren für eine schnelle Flucht gebaut. Kurz blieb er stehen und betrachtete versonnen ihre gewandten Bewegungen, die sich im Wasser verdoppelten. Der einfachste Weg, um Ordnung ins Chaos zu bringen, dachte er plötzlich, war, zu warten, bis sich wieder Stille einstellte.

Im Röhricht stieß er auf eine Vogelbeobachtungshütte. Sie war nicht so klapprig und besser gebaut als jene, die er aus seiner Kindheit kannte. Im Innern fand er ein Fernglas. Eigentlich, dachte er, dienen Vogelbeobachtungshütten eher dazu, sich vor anderen Menschen zu verstecken, damit die das idiotische Verhalten von Ornithologen und Entenjägern nicht mitkriegen. Das Fernglas war von überraschend guter Qualität – keines der alten Dinger, wie er auf den ersten Blick vermutet hätte. Er nahm es und betrachtete damit die Uferlinie, eine verschlungene Gruppe von Wurzeln und Felsen, die über ihrem Spiegelbild schwebte. Er hatte weder Stift noch Block, um die Tiere zu notieren, die er entdeckte, aber zur Vogelbeobachtung war er ja nicht gekommen. Sein Blick blieb an einem heruntergekommenen Cottage hängen, halb versteckt unter Bäumen, die Hintertür einen Spaltbreit offen. Außer dem Haus war am Ufer kein Anzeichen von menschlichem Leben zu sehen.

Daly blinzelte. Das Gesicht des Toten hatte sich so tief in sein Gedächtnis eingebrannt, dass er dessen Umrisse in den dunklen Bäumen und ihrem Spiegelbild darunter wiederentdeckte. Er setzte das Fernglas ab. Er wusste nicht einmal, wonach er suchte. Genauso gut konnte er einen Märchenwald nach Spuren eines Ungeheuers absuchen.

Er trat aus der Hütte und ging den Pfad durch das Röhricht zurück. Ein durchweichtes, blutiges Ding fiel ihm ins Auge. Weil er es für einen toten Vogel hielt, stupste er mit dem Schuh dagegen. Doch es erwies sich als der erste Hinweis, der ihn auf die Spur der Täter führen konnte. Es sah aus wie ein blutiger Tauchhandschuh, und er hob ihn auf, um ihn in eine Asservatentüte zu stecken. Vielleicht hatte der Angreifer ihn ausgezogen, um besser zupacken zu können. Daly begriff, dass der Überfall sehr genau geplant und mit großem Aufwand durchgeführt worden war. Dann fragte er sich, wie lange es gedauert haben mochte, bis das Opfer gestorben war.

Als der Fischer Daly zum Festland zurückruderte, war es später Nachmittag geworden. In immer mehr Cottage-Fenstern erschien Licht. Von Mücken umschwirrt, traten sie an Land. Der Fischer meinte, im Winter seien sie nicht so schlimm wie die Sommermücken. Jetzt könnten sie nur einmal stechen.

6

Am Rand des Fahrwegs, der zu dem abgelegenen Cottage führte, zwängte sich eine Schar Kriminaltechniker in weißen Schutzanzügen durch die Lücken in einer Schlehdornhecke. Daly und die an der Einfahrt zum Cottage postierten Uniformierten begrüßten sich mit einem kaum merklichen Nicken. Dabei sah er aus dem Augenwinkel, wie Detective Derek Irwin gelangweilt gegen einen rostigen Schubkarren trat.

Bereits seit sieben Uhr morgens beaufsichtigte Irwin die Spurensicherer, die rund um Joseph Devines Cottage zugange waren.

»Ich dachte schon, Sie lassen uns hängen«, sagte er grußlos, als er Daly bemerkte. Irwin war nicht am Fundort der Leiche gewesen, entsprechend ungetrübt war sein forscher Blick. Es hatte den Anschein, als könnte jeden Moment unterdrückte Wut aus dem Detective herausplatzen.

»Wirklich prima hier. Ich dachte, Sie hätten es heute früh eilig mit dem Anfangen. Nach Ihrem Anruf bin ich sofort aus dem Haus gestürzt, ich hab nicht mal gefrühstückt.«

Im Licht von Irwins funkelnder Gereiztheit war Dalys Miene ein dunkler Granitblock. Dieser kleine Zornesausbruch ließ ihn nicht einmal blinzeln.

»Kein Grund zur Panik«, sagte Daly kühl. »Devines Mörder sind nicht erst vor ein paar Minuten zur Hintertür raus. Im echten Leben sind Verbrechen nicht so simpel.«

Irwin schnitt ein verächtliches Gesicht und zog sein Handy aus der Tasche, das zu klingeln begonnen hatte. »Ist privat«, verkündete er, neigte den Kopf mit den langen Locken zur Seite, und im nächsten Moment waren alle Empörung und Müdigkeit aus seiner Stimme verschwunden: »Hi Poppy. Hey, ich hoffe, ich hab dich gestern Nacht nicht aufgeweckt. Hat ewig gedauert, bis ich ein Taxi bekommen hab.« Er senkte die Stimme zu einem rauen Flüstern. »Kann ich heute Abend kommen? Sag bloß nicht Nein, das würde mich in tiefste Depressionen stürzen.« Das Handy gierig an den Mund gedrückt, entfernte er sich ein paar Schritte weiter.

Irwin war mindestens zehn Jahre jünger als Daly und stand für die Art von Jugend, von der Daly innig hoffte, er habe sie hinter sich gelassen. Die vielen SMS, die Irwin bekam, und seine geflüsterten Telefonate ließen auf ein bewegtes Sexualleben schließen. Dabei mochte Daly die Energie und das Ungestüm, mit dem sich Irwin ins Leben stürzte, obwohl er die Tage meist mit Routineermittlungen zu Sachbeschädigungen und Hauseinbrüchen verbrachte. Allerdings zeichnete sich der junge Detective auch durch einen Mangel an Geschick und Umsicht aus, der Daly befürchten ließ, er könnte manchmal mehr mit den Verwicklungen seines Liebeslebens beschäftigt sein als mit den Problemen eines Falls.

Irwin kehrte zurück und klappte sein Handy zu.

»Sie sehen scheiße aus«, sagte er nach einem prüfenden Blick auf Daly. »Wegen der vielen Wochenenden allein steht der Kessel ziemlich unter Druck, was? Ich glaube, Ihr Problem ist, dass Sie nicht genug unter Leuten sind.«

Dalys Trennung von seiner Frau war allen Kollegen bekannt. So etwas ließ sich bei der Polizei kaum verbergen. Nur wer glücklich liiert war, eilte freitagabends mit einem fröhlichen Lächeln nach Hause. Daly quittierte Irwins Bemerkung mit einem Nicken, als hätte sie ihm ein Quäntchen Trost beschert.

»So was wie Treue gibt’s heut nicht mehr«, fuhr Irwin mit einem Zwinkern fort. »Wir spielen doch alle dauernd Bäumchen wechsle dich. Jeder ist Single, die Verheirateten nur nicht so oft.«

Daly wandte sich ab. Das Unbehagen über seine gescheiterte Ehe behinderte ihn wie ein gebrochener Flügel. Das Ende seiner Beziehung mit Anna hatte sie wieder zum Dreh- und Angelpunkt all seiner Gefühle gemacht, genau wie damals, als er angefangen hatte, um sie zu werben. Er hoffte, dass das vorübergehend war und nur so lange anhielt, bis er sich an den freien, glamourösen Lebensstil eines Junggesellen gewöhnt hatte, den Irwin inszenierte.

Als er jedoch sah, wie der jüngere Detective die Einfahrt hinaufschlenderte, sich dauernd mit der Hand durch die dichten Haare fuhr und den Text eines Popsongs halb trällerte, halb brummte, fragte er sich, welche Peinlichkeiten ihm noch bevorstanden, bis er dieses Ziel erreichte.

Ein junger Uniformierter mit ängstlichem Gesichtsausdruck hob das Absperrband an, um sie ins Cottage zu lassen. Das Eintreten in das Haus eines Mordopfers empfand Daly ähnlich wie den Einbruch in eine Kirche. Weil damit die Ruhe und die Unversehrtheit jener vier Wände verletzt wurden, die eigentlich die grausame Welt draußen halten sollten.

»Devine muss jemand mit ziemlich guten Kontakten zu Paramilitärs auf die Zehen getreten sein«, meinte Irwin. Sein Eifer kehrte zurück. »Was meinen Sie, welche Truppe das war? Die Real IRA, die Continuity IRA, die INLA oder die echte, irre, voll geheime IRA?«

»Nicht alle Arschlöcher auf der Welt sind republikanische Paramilitärs«, erwiderte Daly. »Aber wenn ich in diesem Fall wetten müsste, würde ich auch auf sie setzen.«

Die Eingangstür wies keinerlei Spuren eines gewaltsamen Eindringens auf, und weder in der Diele noch in einem der vollgestellten Zimmer schien es einen Kampf gegeben zu haben. Devine war so überstürzt aufgebrochen, dass er nicht einmal die Hintertür zugemacht hatte. Der Telefonhörer lag neben der Gabel, und in der Spülküche stand ein Topf mit klumpigem Porridge auf der Kochplatte.

»Jedes Haus erzählt eine eigene Geschichte«, sagte Daly.

Irwin steckte einen Finger in den Porridge und probierte. »Na, dann sieht mir die hier stark nach Goldlöckchen und die drei Bären aus.«

Die beiden Detectives traten ins Wohnzimmer, dessen gesamte Inneneinrichtung sich aus den 1950ern bis ins Heute gerettet hatte: Auf einer schweren Anrichte standen ein Röhrenradio und, als sentimentale Souvenirs aus dem katholischen Irland, ein religiöser Aufstellkalender und eine Flasche mit Weihwasser aus Knock. Außerdem gab es ein Porträt des vormaligen Papsts und eine Figur der Jungfrau Maria. Selbst die Lichtschneise, die von der Sonne durch das Zimmer geschnitten wurde, schien in der Vergangenheit festgefroren zu sein. Nur der Papst war, wie Daly bemerkte, staubfrei. Im Ringen um Gleichstellung hatte er gegenüber der verstaubten Marienfigur offenbar noch einen Vorteil.

Daly nahm die Marienfigur in die Hand und blies eine Spinnwebe weg. Marias Augen waren leer, ihre Gesichtszüge wirkten hagerer als die auf den Heiligenbildern, an die er sich erinnerte, so als hätte diese Jungfrau zu viele schlaflose Nächte erlebt. Oder bildete er sich das nur ein? Vielleicht war es auch eine Folge dessen, dass so viele verlorene Seelen Nachtwache hielten und Hunderte Male inbrünstig Marienlieder sangen.

Was die Haushaltsführung betraf, so war Devine nicht über Junggesellendurchschnitt hinausgekommen. Unter dem Küchentisch stand eine Kiste, aus der die leeren Stout-Flaschen ragten. In einem Gästezimmer gab es ein durchgesessenes Sofa, dessen mitgenommene Polster unter einer alten Decke lagen, und einen abgewetzten schwarzen Ledersessel. Das gesamte Cottage war mit grünem Linoleum mit Fliesenmuster ausgelegt, das nach Jahren der Abnutzung aber nur noch an wenigen Stellen zu erkennen war.

Das Einzige, was nicht den Eindruck eines verwehenden Lebens hinterließ, war eine Sammlung von Enten, die in einem Büfett und auf der tiefen Fensterbank in der Küche verteilt war. Beim ersten Blick auf die Enten stockte Daly kurz der Atem, weil er sie zunächst für echt hielt. Sie waren aus Holz geschnitzt und wirkten handbemalt. Als er näher trat, spiegelte sich das Zimmer im Glanz ihrer Glasaugen.

»Lockenten!«, entfuhr es Daly. »Nur wer allein lebt, kann seine Hobbys richtig ausleben.«

»Die sehen aus wie Antiquitäten. Sie könnten sogar ein bisschen was wert sein«, meinte Irwin und nahm eine in die Hand. Als der Kopf zu nicken anfing wie der einer fressenden Ente, hätte er sie vor Überraschung beinahe fallen gelassen.

»Jedenfalls könnten sie die Entenpfeife in Devines Hals erklären.«

»Nämlich?«

»Die Mörder fanden das wohl irgendwie witzig. Ein kranker Humor, aber die Pfeife passt zu Devine. Die Mörder müssen wissen, dass er ein Faible für Entenjagd hatte.«

Daly fiel ein, dass der vermisste David Hughes ebenfalls passionierter Entenjäger war. Hier schälte sich ein Muster heraus.

»Das ist doch pervers«, sagte Irwin angewidert. »Und ich dachte, die republikanischen Paramilitärs täten nichts anderes mehr als Blumensträuße binden und für Menschenrechte eintreten.«

Als es klingelte, fuhren beide herum.

Irwin ging nachsehen. Gleich darauf kam er mit verbissener Miene zurück.

»Keiner da. Wahrscheinlich ein dummer Scherz von einem Kollegen.«

Das Haus war bereits nach Fingerabdrücken abgesucht worden, alle Türgriffe, Gläser, Schubladen und Fensterscheiben waren mit Pulver eingepinselt worden. Es waren nur die Abdrücke von einer Person gefunden worden. Das war ungewöhnlich, aber Daly hatte schon geahnt, dass Devine ein Eigenbrötler gewesen war.

»Der nächste Nachbar hat angegeben, dass Devine Anfang letzten Jahres in diese Bruchbude gezogen ist«, sagte Irwin.

»Was, denken Sie, war der Grund dafür?«

Statt zu antworten, öffnete Irwin die Hintertür. Eine Böe blies einen Schwung altes Laub und trockene Ahornsamen über die Schwelle. Als Daly hinausging, eröffnete sich ihm ein weiter Blick auf den Lough Neagh mit seinen verzweigten, von Bäumen gesäumten Buchten. Er sah mehrere Landzungen, die er nicht genau erkannte, weil sie sich im windumtosten Nichts verloren. Es war der ideale Ausguck für einen Wilderer, nicht einsehbar und geschützt vor dem Treiben auf den Straßen, Feldern oder Dörfern. Der kurze, von undurchdringlichen Hecken gesäumte Weg zum Ufer glich einem Pfad an die Ränder des menschlichen Daseins. Am Himmel über ihm quäkte ein Schwarm Gänse mit lang gestreckten Hälsen im Winkelflug. Dalys Blick folgte der fliegenden Formation und wanderte dann zum Horizont, als hätten ihn alle Naturphänomene dorthin gelotst. Er gestattete sich einen Moment müßigen Schauens, ehe er ins Haus zurückkehrte.

Die friedliche Stimmung wurde durch das erneute Läuten der Türklingel gestört.

Irwin machte ein verdrießliches Gesicht, als er durch den Gang stapfte. Dieses Mal blieb er länger weg.

»Es ist mir schleierhaft, was für Knallköpfe die heute in den Dienst lassen«, sagte er bei seiner Rückkehr. »Keiner will’s gewesen sein.«

»Vielleicht ist es gar nicht die Türklingel«, sagte Daly und fing an, durch die Zimmer zu gehen und zu lauschen. Er sah in der dunklen Diele und im Wohnzimmer nach. Die Marienfigur und das Papstfoto standen still, auch die Lockenten bewegten sich nicht. Nur Staubteilchen schwebten in einem Sonnenstrahl, ein uraltes feines Staubgespinst.

Wieder klingelte es, nicht allzu laut, aber fordernd, Aufmerksamkeit heischend. »Ich weiß, dass da jemand ist. Warum antwortet niemand?«, schien das Läuten zu sagen. Dalys Nackenhaare sträubten sich.

»Glauben Sie an Geister?«, hörte er Irwin hinter sich fragen.

»In manchen Nächten glaub ich nicht mal an mich selber«, erwiderte Daly. »Aber hierfür muss es eine rationale Erklärung geben. Vielleicht hat Devine eine Art Alarmanlage, die ständig ausgelöst wird?«

Er nahm den Telefonhörer und legte ihn dann auf die Gabel. Die Leitung war stumm.

Sie stiegen eine schmale Treppe hinauf in eine Dachkammer. Dort lag ein Stapel Papier auf einer Kommode, vor allem Rechnungen und Broschüren für Lockenten und mehr Jagdausrüstung. Zu zweit durchsuchten sie die Kommodenschubladen und griffen auch in die Taschen von Hosen und Hemden. Am Boden einer Schublade lag ein geöffneter Umschlag. Daly zog ein Foto und eine handgeschriebene Einladung heraus. Sie galt der Versammlung eines Vereins von Entenjägern und stammte aus dem Vorjahr. Darauf stand: Nach dem Mittagessen und der Musik hält unser Vorstand David Hughes einen Vortrag. Das Foto zeigte eine Gruppe älterer Männer mit massenhaft toten Enten vor einer Art Unterstand oder Schuppen. Nachdem er den Pass und den Führerschein gesehen hatte, erkannte Daly das Mordopfer sofort. Er stand in der ersten Reihe, und mit seinem misstrauischen, traurigen Blick in einem Gesicht ohne Lächeln wirkte er wie ein Mensch, der am Rand seines eigenen Grabs kniete.

Daly konnte gerade noch den Poststempel auf dem Umschlag lesen, als es unten wieder klingelte. Es klang, als würde etwas tief in den Mauern des Cottage Verborgenes vibrieren.

»Das kommt ungefähr alle zehn Minuten«, sagte er.

Daly ging in den Trockenraum mit den Wasserrohren und klopfte gegen die Leitungen. In der Küche überprüfte er den Kühlschrank und den Wasserkessel. Beide waren abgeschaltet. Dann stellte er sich ins Wohnzimmer und wartete. Irwin lief unruhig durch das Haus und jagte eingebildeten Geräuschen nach. Auch das Haus selbst schien beunruhigt zu sein und knarrte und scheuerte an seinem Fundament.

Genau zehn Minuten später begann das Papstfoto zu wackeln, und eine weitere Staubwolke schwebte von der Anrichte auf. Das Klingeln war jetzt lauter und vorwurfsvoll, drängend. Daly nahm den Fotorahmen in die Hand. Dahinter lag ein rundes schwarzes Gerät, das mit jedem Vibrieren über die Anrichte rutschte. Daly schnappte es sich, noch bevor es verstummte. Es war ein Pager. Daly drückte auf Empfang, und eine Nachricht erschien: SICHTKONTAKT ZU ZIEL A VON HAUS 1 ZU HECKE C3. SPRICHT MIT EVT UNBEK. IN HAND METALLOBJ. Die Nachricht war vor zwei Tagen gesendet, aber nicht beantwortet worden.

Irwin sah erst den Text, dann Daly fragend an.

»Wer schaut denn da wohin?«

»Möglicherweise ein Entenjäger? Keine Ahnung.«

Beim Nachdenken zwickte Irwin die Augenbrauen zusammen, was ihm das Aussehen eines grübelnden Schuljungen verlieh. »Vielleicht war Devine das Ziel. In diesem Fall wäre es nicht beim Sichtkontakt geblieben.«

Daly sah den Nachrichteneingang des Pagers durch. Er fand eine Reihe weiterer, ähnlich kryptischer Botschaften. Zwei davon waren in der vergangenen Woche gekommen, beide in einem offenbar sehr sorgfältig chiffrierten Code verfasst. Darin schien es um einen Mann in einem Haus zu gehen, in dem er womöglich wohnte. SICHTKONTAKT ZU ZIEL A VON C4 BEWEGUNGSLOS AN GIEBELWAND, und dann A TRÄGT PAPIER ZU HECKE C3. KEIN SICHTKONTAKT. ERSCHEINT BEI C2 BEWEGUNGSLOS. DANN ZURÜCK ZU HAUS 1.

Daly fragte sich, warum diese Nachrichten geschickt worden waren. Um Devines Verfolgungswahn neue Nahrung zu geben oder um ihn zu warnen, dass er beobachtet wurde? Er starrte durch das kleine Fenster auf die Hecke kahler, im Wind wogender Schlehdornsträucher, die den Garten einfassten. Dabei dachte er an Eliza Hughes und ihren herumirrenden Bruder, huschende nächtliche Schatten und ein Augenpaar, das offenbar niemals den Blick von dieser geheimnisvollen Landschaft nahm.

Sie wollten das Cottage gerade verlassen, als ein teuer aussehender Mercedes heranfuhr und ein kleiner, grauhaariger älterer Mann ausstieg. Er hatte das zufrieden-selbstgerechte Auftreten, das zu reichen Männern gehörte wie Zigarrengeruch und das Zischen von Golfschlägern.

»Inspector Daly«, rief er, »wieder führen uns widrige Umstände zusammen. Selten kreuzen sich unsere Wege bei eitel Sonnenschein.«

Der Mercedes-Fahrer war der Anwalt Malachy O’Hare, einer der mächtigsten Vertreter der örtlichen Zunft.

»Was bringt Sie denn hierher?«, fragte Daly.

»Reine Neugier. Ich wollte sehen, wo sich Joseph versteckt hatte.« Die volltönende, melodiöse Stimme des Anwalts erklang in letzter Zeit allerdings öfter, um Lokalrunden zu schmeißen, als Verbrechern die Haut zu retten. Er schien auch nicht mehr richtig vertraut mit polizeilichen Ermittlungsmethoden.

»Das ist ein Tatort, Mr. O’Hare.« Daly deutete auf das gelbe Absperrband. »Weiter dürfen Sie nicht.«

»Einer Ihrer Männer hat mich heute Morgen angerufen. Joseph war früher bei uns angestellt, vierzig Jahre war er in der Kanzlei als Gehilfe tätig.« O’Hare sah Daly offen und gewinnend an. »Wir vermuten, dass er noch etwas hat, das uns gehört.« Er sprach freundlich, aber mit Nachdruck.

»Na, genau solche Informationen will ich doch hören.« Daly setzte ein professionelles Lächeln auf. »Um was handelt es sich denn?«

»Ach, nur ein paar Akten zu alten Fällen. Keine laufenden Verfahren. Aber zum Schutz unserer Mandanten müssen wir natürlich Vertraulichkeit wahren.«

»Dann kommen Sie doch mal mit«, sagte Daly. »Und währenddessen erzählen Sie mir alles, was Sie über Mr. Devine wissen.«

»Was soll ich groß berichten, außer dass er ein guter Kanzleigehilfe war? Über sein Privatleben hat er kaum etwas erzählt.«

»Aber Sie glauben, dass er wichtige Akten mitgenommen hat?«

Vor dem ersten Schritt ins Cottage trat sich O’Hare auf der abgewetzten Türmatte seine teuren Schuhe ab. »Sagen wir, man hatte da so einen Verdacht.«

Trotz des Zwielichts im Haus erkannte Daly, dass aus den Augen des Rechtsanwalts Unruhe sprach. Er wartete geduldig in der Hoffnung, dass sich während ihres Gesprächs zeigen würde, warum der Anwalt den ungewöhnlichen Schritt unternommen hatte, so eilig an einem Tatort aufzutauchen.

Mit gerunzelter Stirn blickte O’Hare auf die Lockenten-Sammlung. Er zog die Augenbrauen hoch, als wären sie Geschworene, die gleich ein Urteil verkündeten.

»Man staunt immer wieder, was die Mitarbeiter privat so treiben. Ich wusste gar nicht, dass er sich für Enten interessiert. Vielleicht war er zwanghaft? Man soll ja über Tote nichts Schlechtes sagen, aber ich habe ihn immer für einen geistlosen, langweiligen Menschen gehalten.«

»Wir sind nicht hier, um den Stab über ihn zu brechen«, entgegnete Daly.

»Devine war bei uns fast so lange Kanzleigehilfe, wie ich Rechtsanwalt bin«, fuhr O’Hare mit der unaufgeregten Exaktheit eines Staatsanwalts fort, der darlegt, was gegen den Beklagten vorgebracht wird. »Und eins können Sie mir glauben: Er war geistlos. Diese Lockenten haben sich seit unserem Eintreten kein Jota bewegt, aber trotzdem steckt in ihnen mehr Leben, als je in dem Mann war, Gott sei seiner Seele gnädig. Ich würde mir lieber eine Glatze rasieren lassen, als mit ihm plaudern zu müssen. Er war der größte Langweiler in der Kanzlei. Aber vermutlich ist in der Juristerei eine gewisse Bräsigkeit keine schlechte Eigenschaft. Wer keine Langeweile aushält, hat als Anwalt auf Dauer keinen Erfolg.«

»Fällt Ihnen jemand ein, der ihn gerne tot gesehen hätte? Vielleicht ein unzufriedener Mandant?«

»Unsere Kanzlei befasst sich fast ausschließlich mit den Alltagsgeschäften des menschlichen Miteinanders: Verträge, Auflassungserklärungen, Testamente … Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass sich ein Mandant so über Joseph aufregen könnte, dass er ihn umbringen möchte. Allerdings gab es einmal einen Fall, bei dem er mitten auf einer Beerdigung einen Schriftsatz überbracht hat. In dem Moment, als Joseph dem Mann die Papiere aushändigte, wurde dessen Vater ins Grab hinabgelassen. Ich glaube, dass er sich über die emotionalen Auswirkungen nicht im Klaren war. Aber das ist lange her, das war in den Siebzigern. Abgesehen davon fällt mir kein Grund ein, warum ihn jemand hätte umbringen wollen.«

O’Hare erlag seiner Neugier und nahm eine Lockente in die Hand.

»Wir sollten den Wert dieser Stücke taxieren lassen«, sagte er, ohne sich allzu sehr für die Enten zu interessieren. Vielmehr blickte er forschend im Zimmer umher.

»Vielleicht sollte ich einen Mitarbeiter schicken, der sich ein bisschen Zeit nimmt und Josephs Hinterlassenschaften durchgeht. Es gibt auch bei Lockenten Antiquitäten, für die es Sammler gibt. Man müsste eine Vermögensaufstellung machen. Sie könnten unseren Mann ja im Haus einsperren und durchsuchen, wenn er rauskommt. Die Wertgegenstände lassen sich sicher in ein, zwei Stunden erfassen.«

»Und ihn durch eventuelle Beweisstücke wühlen lassen? Sie sollten eigentlich besser Bescheid wissen, als mir so was vorzuschlagen.«

»Ja, ja, natürlich, Sie haben recht.«

O’Hare warf Daly erneut einen Blick zu, um festzustellen, wie sehr sich der im Raum stehende Verdacht verdichtet hatte. Er musste es auf andere Art versuchen.

»Wurde die Leiche denn zweifelsfrei identifiziert?« Um einen persönlicheren Ton bemüht, neigte er sich bei der Frage zu Daly.

»Wenn nicht, dann haben Sie sich unbefugt Zutritt in das Haus eines Vermissten verschafft, und wir haben zwei Straftatbestände zu klären, nicht bloß einen. Halten Sie es denn für ausgeschlossen, dass er durch fremde Hand zu Tode kam?«

»Seltsam finde ich es schon.«

»Was ich seltsam finde, ist, dass Sie, nur weil ein Officer heute Vormittag anruft, alles stehen und liegen lassen und hierherkommen. Das ist wirklich seltsam. Devine war nur ein kleiner Angestellter Ihrer Kanzlei, und er war seit längerer Zeit nicht mehr für Sie tätig.«

»Ojemine«, seufzte O’Hare. »Alles an dieser Situation – die Umgebung, der verwahrloste Zustand des Hauses – wirkt auf mich höchst ungewöhnlich. Ich verstehe überhaupt nicht, warum er hierhergezogen ist.«

»Wenn man an einen solchen Ort zieht, tut man das, weil man vor irgendwas flieht. Verkehrsstaus, die Hektik des Alltags, Langeweile, die Vergangenheit«, meinte Daly. »Die langen verregneten Nachmittage und der gelegentliche Sonnenuntergang allein machen’s wohl nicht aus.«

O’Hare machte ein ernstes Gesicht. »Ich fürchte, uns stehen noch mehr unangenehme Überraschungen bevor. Sie müssen mich informieren, wenn Sie vertrauliche Unterlagen von uns finden. Andernfalls könnte der Ruf der Kanzlei schweren Schaden nehmen.« Ein schiefes Lächeln huschte über O’Hares Mund, dann flüsterte er, fast als redete er mit sich selbst: »Die Vergangenheit ist ein vollgeschissener Nachttopf, und Devine hat darin mit einem großen Stock herumgerührt.«

»Die einzige unangenehme Überraschung für mich ist der Mord an diesem Mann. Wir werden alles dransetzen, die Mörder zu fangen. Aber wenn irgendwelche Unterlagen auftauchen, geb ich Ihnen Bescheid.«

Zum Abschied ließ O’Hare noch einen besorgten Blick durch das Zimmer schweifen. Devines Tod schien ihn ernsthaft zu beunruhigen. Seine Nervosität rief Daly ins Gedächtnis, dass der Anwalt bereits während der Troubles tätig gewesen war und zur Selbstverteidigung wohl auch eine Waffe getragen hatte. Es war eine Zeit voller Gewalt gewesen, und Anwälte waren eine Spezies, die nicht darauf hoffen konnte, sich viele neue Freunde zu machen.

»Sie sehen nicht gut aus«, sagte Daly.

O’Hare massierte seinen Arm. »Zu hoher Blutdruck. Der Arzt sagt, ich soll mehr Zeit auf dem Golfplatz verbringen. Und wenn mich Devine nicht am Donnerstag angerufen hätte, wäre ich jetzt auch dort.«

»Das erklärt vielleicht Ihre Besorgnis«, sagte Daly. »Warum hat er Sie denn angerufen?«

»Es war ein eigenartiges Gespräch.« Bei diesen Worten wurde der Ausdruck auf O’Hares blassem Gesicht verkniffen. »Er sagte, er wolle mit mir reden, aber nicht am Telefon. Als ich wissen wollte, wo, sagte er nur: ›Ich geb Ihnen Bescheid.‹ Er sagte, er wolle Informationen über einen alten Fall. Er gab auch zu, wichtige Akten mitgenommen zu haben. Aber mehr habe ich nicht aus ihm herausbekommen. Ich habe angefangen, mit ihm über dies und das zu plaudern, das Wetter, die Gesundheit, wo er jetzt lebt. Da hat er erzählt, er habe ein wunderbares Plätzchen am Lough gefunden. ›Ein schöner Ort zum Sterben‹, hat er gesagt. Ich dachte, dass er wohl schön langsam verrückt wird.«

Im nächsten Moment lenkten Irwins Rufe ihre Aufmerksamkeit nach draußen. Ein Officer hatte in einer Ecke des Gartens die Überreste eines Feuers entdeckt. Der Anwalt folgte Daly ins Freie.

Unter der grauen Asche befand sich ein Karton mit halb verbrannten Papieren. O’Hare erkannte den Karton und begann zu strahlen. Sein Selbstvertrauen kehrte zurück, und mit einem siegessicheren Lächeln streckte er die Hand nach den angekohlten Akten aus.

»Augenblick. Der Brandstelle darf nichts entnommen werden«, sagte Daly drohend. »Nicht mal von unseren Leuten. Auch wir müssen uns an die Regeln halten.«

»Warum?«

»In der Asche befinden sich Gegenstände aus dem Haus. Wir können nicht ausschließen, dass Baumaterial mit Asbest dabei ist. Daher darf niemand diese Asche berühren, bis ein Team mit entsprechender Schutzausrüstung da ist. Und ich weiß nicht, wie lang das dauert.«

»Diese Akten sind möglicherweise eine tickende Zeitbombe. Wer weiß, welche vertraulichen Informationen sie enthalten«, sagte O’Hare schrill.

»Lungenkrebs ist eine schreckliche Krankheit. Ich selbst hab zwar noch nicht erlebt, wie jemand daran gestorben ist, aber ich habe gehört, dass die Erkrankten am Ende an ihrem eigenen Blut und Speichel ersticken.«

O’Hare zog ein großes Taschentuch aus der Hosentasche und legte es sich über den Mund. Für einen Moment starrten er und der Detective die tickende Zeitbombe an. Kurz blitzte in den Augen des Anwalts Enttäuschung auf, dann fasste er sich und fand zu seiner charmanten Unverbindlichkeit zurück.

»Also gut, Inspector. Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe. Ich würde gerne informiert werden, sobald die Überreste des Feuers untersucht wurden. Diese Akten sind weiterhin Eigentum der Kanzlei.«

Nachdem O’Hare abgefahren war, kehrte Daly zu der Feuerstelle zurück. Die spontane Reaktion des Anwalts hatte gereicht, ihn zu der kleinen Lügengeschichte zu veranlassen. Er schob die Asche beiseite und zog die Akten heraus. Justitias Waage würde durch einen hinters Licht geführten Anwalt nicht groß aus dem Gleichgewicht kommen.

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