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Systemische Therapie und Beratung
In den Büchern der Reihe zur systemischen Therapie und Beratung präsentiert der Carl-Auer Verlag grundlegende Texte, die seit seiner Gründung einen zentralen Stellenwert im Verlag einnehmen. Im breiten Spektrum dieser Reihe finden sich Bücher über neuere Entwicklungen der systemischen Arbeit mit Einzelnen, Paaren, Familien und Kindern ebenso wie Klassiker der Familien- und Paartherapie aus dem In- und Ausland, umfassende Lehr- und Handbücher ebenso wie aktuelle Forschungsergebnisse. Mit den roten Bänden steht eine Bibliothek des systemischen Wissens der letzten Jahrzehnte zur Verfügung, die theoretische Reflexion mit praktischer Relevanz verbindet und als Basis für zukünftige nachhaltige Entwicklungen unverzichtbar ist. Nahezu alle bedeutenden Autoren aus dem Feld der systemischen Therapie und Beratung sind hier vertreten, nicht zu vergessen viele Pioniere der familientherapeutischen Bewegung. Neue Akzente werden von jungen und kreativen Autoren gesetzt. Wer systemische Therapie und Beratung in ihrer Vielfalt und ihren transdisziplinären und multiprofessionellen Zusammenhängen verstehen will, kommt um diese Reihe nicht herum.
Tom Levold
Herausgeber der Reihe Systemische Therapie und Beratung
Für Sabine – auf ewig!
Ansgar Röhrbein
Und das ist noch nicht alles
Systemische Biografiearbeit
Zweite Auflage, 2021

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Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Zweite Auflage, 2021
ISBN 978-3-8497-0266-3 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8174-3 (ePUB)
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Inhalt
Vorwort
1Mensch, Familie und Gesellschaft
1.1Leben zwischen unbegrenzten Möglichkeiten und Risiko
1.2Erwachsenwerden heute
1.3Von der Normalbiografie zur Patchworkbiografie
1.4Was haben andere Menschen mir mitgegeben?
1.5Zusammenspiel von Ressourcen und Stressoren
2Grundbegriffe der Biografiearbeit
2.1Biografie
2.2Biografisieren, Biografizität, biografische Kompetenz
2.3Identität
2.4Selbstwert
2.5Autonomie
2.6Ressource
2.7Autobiografisches Gedächtnis
3Wurzeln der Biografiearbeit
3.1Erste Ursprünge im 18. Jahrhundert
3.2Pädagogik und Biografieforschung
3.3Wechselbeziehung zwischen Biografieforschung und Biografiearbeit
4Charakter, Ziele und Möglichkeiten – Wofür Biografiearbeit?
4.1Charakter der Biografiearbeit
4.2Stärken des biografischen Arbeitens
4.3Chancen und Ziele von Biografiearbeit
4.4Historische Dimension
4.5Das Schweigen der Kriegskinder
4.6Zusammenfassung der Möglichkeiten
4.7Rahmenbedingungen der Arbeit
4.8Voraussetzungen der Fachkraft
5Biografiearbeit aus systemischer Perspektive
5.1Grundannahmen der systemischen Praxis
5.2Welche Geschichte erzähle ich mir?
5.3Das Menschenbild in der systemischen Praxis
5.4Aus der eigenen Geschichte Kraft schöpfen
5.5Hilfreiche Konzepte und Modelle
5.5.1Resilienz
5.5.2Salutogenese
5.5.3Positives Fühlen und Denken
5.6Hilfreiche Erkenntnisse für die Begleitung von Menschen
6Zugänge und Methoden der Biografiearbeit
6.1Gesammelte Schätze und Fragen zum Einstieg
6.1.1Meine Schatzkiste
6.1.2Einsatz von Bildern, Symbolen, Postkarten, …
6.1.3Erinnerungsstücke
6.1.4Fragen, die dabei helfen, Schätze zu heben
6.2Elf Methoden der Biografiearbeit
6.2.1Das Genogramm
6.2.2Die Zeitleiste/Lebenskurve
6.2.3Ein ressourcenorientierter biografischer Bilanzbogen
6.2.4»Wenn ich an … denke, dann geht mir … durch Kopf, Herz und Bauch …«
6.2.5Das Familienrad – Leitsätze, die mich geprägt haben und stärken
6.2.6Die Landkarte meiner Lieblingsorte
6.2.7Ressourcenbaum: Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges in einem Bild
6.2.8Das Familienwappen
6.2.9Der »Soundtrack meines Lebens«
6.2.10Das Lebensbuch
6.2.11Der Fragenkatalog der Würdezentrierten Therapie (Würdetherapie, »dignity therapy«)
7Zielgruppen und Arbeitsfelder für Biografiearbeit
7.1Mögliche Zielgruppen
7.2Arbeitskontexte
7.3Biografisches Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen
7.3.1Biografiearbeit in der Kindertageseinrichtung
7.3.2Biografiearbeit in der Schule
7.3.3Biografiearbeit mit fremduntergebrachten Kindern
7.3.4Biografiearbeit im Pflegekinder- und Adoptionsdienst
7.3.5Biografiearbeit in der Klinik
7.3.6Biografiearbeit in der stationären Jugendhilfe
7.4Biografisches Arbeiten mit Erwachsenen
7.4.1Junge Erwachsene in Berufsfindung, Studium oder beruflicher Weiterbildung
7.4.2Biografiearbeit in der Berufs- und Studierendenberatung
7.4.3Teilnehmer der Geburtsvorbereitung oder in der Erwachsenenbildung
7.4.4Menschen mit Behinderungen in stationären Einrichtungen und betreuten Wohnformen
7.4.5Menschen mit Migrationshintergrund
7.4.6Biografiearbeit im Allgemeinen Sozialen Dienst
7.4.7Menschen in der Familien- und Lebensberatung
7.4.8Kranke und ältere Menschen
7.4.9Sterbende Menschen: Würdezentrierte Fragen
8Ausblick
Literatur
Über den Autor
Vorwort
Liebe Leserin und lieber Leser,
ich bin das neunte Enkelkind meiner Großeltern Hildegard (geb. 1910) und Arthur Röhrbein (geb. 1898) und das fünfte Enkelkind meiner Großeltern Katharina (geb. 1909) und Wilhelm Kobs (geb. 1907). Insgesamt kann ich auf 14 Cousinen und fünf Cousins väterlicherseits sowie sechs Cousinen und vier Cousins mütterlicherseits zählen.
Mein Großvater Wilhelm (mütterlicherseits) blieb im Krieg – ich habe ihn nie kennengelernt. Meine Eltern erwiesen mir die Ehre, seinen Namen als zweiten Vornamen tragen zu dürfen. Er war Maschinenschlosser von Beruf und hat dem einen oder anderen Leuchtturm an der Küste seinen Halt gegeben. An meine Oma Katharina habe ich viele liebevolle Erinnerungen, denn sie war Oma im besten Sinne.
Mit meinem Großvater Arthur, der als Schreinermeister eine eigene Möbeltischlerei besaß, habe ich viele schöne Stunden erleben dürfen. Neben der Liebe zum Holz, die er auch an meinen Vater weitergab, nährte er meine Freude am Fußball und die Treue zur »alten Dame« Hertha BSC in Berlin. Meine Oma Hildegard (geb. 1910) verstarb 1944 im Wochenbett, und mein Opa heiratete ein zweites Mal. Doch auch seine zweite Frau Liesel (geb. 1909) lernte ich nicht kennen, weil sie 1948 an einer Blutvergiftung verstarb, ausgelöst durch einen Insektenstich. Mit seiner dritten Frau Ida (geb. 1900) lebte er noch einige Jahre bei uns in Essen, was schön und herausfordernd zugleich war.
Meine insgesamt 26 Tanten und Onkel habe ich alle kennengelernt, und ich habe sowohl am Niederrhein, woher meine Mutter stammt, als auch in Berlin, wo meines Vaters Wurzeln liegen, zahlreiche schöne und aufregende Stunden verbringen dürfen. Aufgewachsen bin ich zusammen mit meinen drei Schwestern zunächst in Ratingen (wo ich 1965 geboren wurde) und später in Essen-Borbeck, wo ich mich beheimatet fühle. Inzwischen ist unsere Familie auf ganz Deutschland verteilt und durch die jüngste Schwester meines Vaters haben wir auch eine kleine Dependance in den USA. Während ich an diesem Buch schreibe, hat unser jüngster Sohn Arne geheiratet und sich mit seiner Liebsten in einer eher ländlichen Region niedergelassen, lebt unsere Tochter Lea mit ihrem Lebensgefährten in Hamburg und ist unser ältester Sohn Jan vor Kurzem aus Dresden zurückgekehrt und wohnt nun in Witten. Auch meine drei Nichten und fünf Neffen leben bunt auf Deutschland verteilt.
Meine Frau Sabine und ich können auf 30 glückliche Ehejahre und eine spannende Kindheit im »Pott« zurückblicken. Auch wir haben bis zu unserem Wechsel nach Lüdenscheid im Jahr 1995 von 1988 bis 1992 einen Abstecher in die »Ferne« der Südpfalz unternommen, bevor wir für drei weitere Jahre noch einmal nach Essen in unsere Heimat zurückkehrten. Im Herzen sind wir immer »Ruhrpötter« geblieben – und das wird wohl auch so bleiben.
Grundsätzlich erfülle ich mir mit diesen Zeilen einen schon länger gehegten persönlichen Wunsch, eines meiner Lieblingsthemen einmal besonders in den Fokus zu nehmen, in eine neue Form zu bringen und meine Erfahrungen darin zu bündeln.
Als ich mich schließlich dazu entschied, dieses Buch zu schreiben, war mir allerdings nicht bewusst, was ich mir damit antue. Mein ursprünglicher Gedanke – »das schreibst du so runter« –, löste sich immer mehr in Wohlgefallen auf, je intensiver ich mich mit der Thematik auseinandersetzte. Obwohl ich inzwischen seit über 25 Jahren mit Menschen biografisch arbeite, war mir im Vorfeld nicht klar, was sich in diesem Bereich der selbstreflexiven Auseinandersetzung mit der eigenen »Gewordenheit« an »Wildwuchs«, wie es Ingrid Miethe (2014, S. 8) bezeichnet, entwickelt hat. Zahlreiche Autoren1 haben sich in den letzten Jahren intensiver damit beschäftigt, was Biografiearbeit aus- und wertvoll macht. Die Bandbreite reicht von kleinen Büchern (Matolycz 2013) über umfangreiche Lehr- und Handbücher (Girrulat et al. 2007; Hölzle u. Jansen 2009; Miethe 2014; Ruhe 2014) bis hin zu sehr praxisnahen, zielgruppenspezifischen Bänden, die mit zahlreichen Methoden aufwarten (z. B. Gudjons, Wagener-Gudjons u. Pieper 2008; Kerkhoff u. Halbach 2002; Lindmeier 2006; Lattschar u. Wiemann 2007; Specht-Tomann 2012; Osborn, Schweitzer u. Trilling 2013; Klingenberger 2015). Wo also anfangen und wo aufhören?
Ich habe in meinen Ausführungen versucht, die aus meiner Sicht wichtigsten Protagonisten zu Wort kommen zu lassen, erhebe aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit und entschuldige mich bereits jetzt bei denen, die möglicherweise auf den nächsten Seiten »zu kurz« gekommen sind. Wie gesagt – es gibt eine Fülle. Die Kunst liegt in der Auswahl.
Natürlich gehört es sich für eine grundlegende Betrachtung von biografischen Ansätzen, zu Beginn eine kleine theoretische Herleitung oder Begründung des Vorgehens zu wählen und darauf aufbauend den Nutzen für die Praxis abzuleiten. Bei der Recherche in den einzelnen Publikationen aus Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie habe ich selbst eine Menge hinzugelernt und hoffe, dass es mir gelungen ist, die einzelnen Stränge so miteinander zu verknüpfen, dass es Ihnen als Leser einen Gewinn bringt.
Wie bereits erwähnt, arbeite ich seit mehr als 25 Jahren mit Menschen aller Altersgruppen in unterschiedlichen Kontexten und Settings. Dazu gehören unter anderem meine Beratungstätigkeit im Märkischen Kinderschutz-Zentrum, die Begleitung von Menschen in Aus-, Fort- und Weiterbildungen, die Unterstützung von Unternehmen im Hinblick auf ihre Personal- und Teamentwicklung und meine Seminartätigkeit für Pflegeeltern, Tagesmütter und -väter und weitere Zielgruppen. All dies mache ich immer noch gerne, teilweise sogar mit wachsender Begeisterung! Ausgehend von meinen ersten Erfahrungen in der Erwachsenen- und Familienbildung über zahlreiche Jahre in der stationären Jugendhilfe bis hin zu meinem aktuellen bunten Mix von Familienberatung, Supervision und Dozententätigkeit war mir die Biografiearbeit oder die »biografische Selbstreflexion«, wie Gudjons, Pieper u. Wagener (1986) es genannt haben, stets eine treue Begleiterin.
Standen zu Beginn die werdenden Eltern im Fokus, so waren es später die fremduntergebrachten Kinder mit allen ihren Elternteilen und Bezugspersonen, aber auch die Erwachsenen, die sich für die Aufnahme eines »Gastkindes« als Pflege- oder Adoptivkind oder für eine Weiterbildung entschieden hatten. Heute sind es sowohl Kinder und Jugendliche als auch Mütter und Väter, die auf der Suche nach einer eigenen Standortbestimmung und einem gelingenden Miteinander mit einem interessierten Gegenüber die eigenen Gedanken und Gefühle sortieren möchten. Und zahlreiche Erwachsene in unterschiedlichen beruflichen Kontexten, die sich weiterqualifizieren und in der sich verändernden (Arbeits-)Welt den Durch- und Überblick behalten wollen, um den eigenen Aufgaben und Balanceprozessen gerecht werden zu können.
Im Jahr 2009 hat die Band Silbermond mit ihrem Song »Irgendwas bleibt« den Wunsch nach Beständigkeit und Halt zum Ausdruck gebracht, der mir heute an vielen Stellen in der Begleitung von Menschen begegnet und den vermutlich viele Menschen teilen:
»Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist
Und alles Gute steht hier still
Und dass das Wort, das du mir heute gibst
Morgen noch genauso gilt
Diese Welt ist schnell
Und hat verlernt beständig zu sein
Denn Versuchungen setzen ihre Frist«2
Das (Arbeits-)Leben wirkt zuweilen beschleunigt, unsicher und unübersichtlich, zeitweise wenig durchschaubar und unkalkulierbar. In solchen Phasen stehen Menschen häufig vor zentralen Fragen: Wer bin ich? Was macht mich aus? Wo komme ich her? Wo will ich hin? Und mit wem? Wie nehme ich meinem Leben Geschwindigkeit? Wie behalte ich die Übersicht und bleibe handlungsfähig? Was sorgt für Regeneration und Durchatmen? Was für Planungssicherheit und Perspektive?
Alle diese Fragen passen gut in den Kontext des biografischen Arbeitens. Denn eine große Stärke dieses Ansatzes ist es, sich selbst als Mensch ernst zu nehmen und unter fachlicher Begleitung in den Mittelpunkt zu stellen. Was Experten brauchen, um Menschen im Rahmen einer Biografiearbeit bei der Suche nach Antworten auf die aufgelisteten Fragen hilfreich zu begleiten, versuche ich in den nächsten Kapiteln zu beantworten, verbunden mit einem Überblick, worum es in der Biografiearbeit grundsätzlich geht.
In meinen Ausführungen lege ich dabei den Schwerpunkt auf eine mögliche »Schatzsuche« und die Ressourcen aktivierenden und selbstwertstärkenden Vorgehensweisen. Schön ist es, wenn Menschen mit Johannes Oerding einstimmen können: »Ohne unser Gestern würd ich mich heut nicht so auf morgen freuen« (aus seinem 2017 veröffentlichten Lied »Hundert Leben«). Dies zeugt von guten Gaben, schönen Erlebnissen und tragfähigen Wurzeln, die es aus meiner Sicht zu entdecken gilt. Frei nach dem Motto: Worauf kann ich bauen, wen habe ich an meiner Seite, und welche Geschichte erzähle ich mir, damit mein Leben einen guten (weiteren) Verlauf nehmen kann?
Dank
Danken möchte ich zuerst meiner Familie und meinen Freunden, die mir für dieses Projekt den Rücken gestärkt haben; Anna Wiesemann für die schönen Zeichnungen; meinen zahlreichen Kollegen, die mir Rede und Antwort gestanden haben: Silvia Gelhausen, Juliane Haase, Nathalie Kompernaß, Dagmar Langenohl, Tim Reuter, Dagmar Rüther, Paul Rüther, Gabriele Teutenberg und Alina Wacker; Ralf Holtzmann, der an mich geglaubt und mich zum Durchhalten motiviert hat; meinen Teams am ISFT und hsi sowie im KiZ für die spannenden Dialoge zum systemischen Arbeiten; all meinen Klienten und Teilnehmern, die sich mit mir auf Schatzsuche begeben haben und mich mit ihren Erfahrungen beschenkt haben; und insbesondere natürlich meiner Frau Sabine, die mir trotz der erneut gestohlenen Zeit geduldig und liebevoll zur Seite gestanden und jeden Wunsch von den Augen abgelesen hat, wenn ich mal wieder am »Rande des Wahnsinns« war. Du bist und bleibst die Beste!
Ansgar Röhrbein Lüdenscheid, im Juni 2018
1Auf Wunsch des Verlages wird in diesem Buch darauf verzichtet, jeweils die männliche und die weibliche Form (hier: Autorinnen und Autoren) anzuführen. Gemeint sind jeweils beide Geschlechter, unabhängig davon, ob die männliche oder die weibliche Form benutzt wird.
2Songwriter: Stefanie Kloss/Andreas Nowak/Johannes Stolle/Thomas Stolle; © Sony/ ATV Music Publishing LLC, Universal Music Publishing Group, BMG Rights Management.
1 Mensch, Familie und Gesellschaft
»Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.«
Vaclav Havel
1.1Leben zwischen unbegrenzten Möglichkeiten und Risiko
Wenn wir uns das Leben von Menschen heute anschauen, dann beschreiben zahlreiche Wissenschaftler die aktuelle Zeit als herausfordernd, risikobehaftet, schnelllebig und verunsichernd. Viele junge Menschen brauchen viele Jahre im Beruf, bevor sie sich auf eine Festanstellung freuen können. Der Soziologe Ulrich Beck hat dieses Phänomen bereits Ende der 1980er-Jahre als Leben in der Risikogesellschaft beschrieben (Beck 1986). Demgegenüber scheint es auf der anderen Seite eine unendliche Anzahl von Möglichkeiten zu geben, für die sich Menschen aktuell entscheiden können. Nicht selten wird das Ausbalancieren dieser zwei Pole, Risiko auf der einen und unbegrenzte Möglichkeiten auf der anderen Seite, als eine der wesentlichen Aufgaben in der heutigen Gesellschaft beschrieben. So konstatiert der Schulpädagoge und Didaktiker Theodor Schulze, in früheren Gesellschaften seien »die Rahmenbedingungen für die Gestaltung einer individuellen Lebensgeschichte für die meisten Menschen verhältnismäßig übersichtlich und kontinuierlich durch kulturelle und standes- und schichtspezifische Muster und durch laufbahnbezogene Institutionen vorgezeichnet und geordnet« gewesen (Schulze 2003, S. 66). Im Unterschied dazu seien in »der fortgeschrittenen modernen Gesellschaft … viele dieser Rahmenbedingungen durchlässig und instabil geworden … Die Zahl der lebensgeschichtlich bedeutsamen Entwürfe und Entscheidungen haben sich vervielfacht« (ebd.).
Ähnlich beschreibt die Soziologin und Psychotherapeutin Margret Dörr die neuen Anforderungen an die Individuen (Dörr 2010, S. 35):
»Die beschleunigte Veränderungsdynamik der modernen Gesellschaft, die in der Soziologie mit den Stichworten ›Individualisierung‹, ›Enttraditionalisierung‹, ›Entstandardisierung‹, ›Säkularisierung‹ begriffen wird, hat mit dazu geführt, dass Menschen sich in neuer Weise der eigenen Selbstbilder und Identitäten zu versichern suchen.«
Der Sozialpsychologe Heiner Keupp kommt zu einer vergleichbaren Einschätzung der Gesamtsituation (Keupp 2013, S. 28):
»Individualisierung, Pluralisierung, Flexibilität und Mobilität gehören also immer mehr zu den Normalerfahrungen in unserer Gesellschaft. Sie beschreiben strukturelle gesellschaftliche Dynamiken, die die objektiven Lebensformen von Menschen heute prägen.«
Eine besonders herausfordernde Seite dieser Entwicklung beschreibt der Soziologe und Regionalforscher Bernhard Haupert im Zusammenhang mit einem zu beobachtenden tief greifenden strukturellen Wandel in den Generationsverhältnissen – die Entwicklung hin zu einer »präfigurativen« Kultur, wie die US-amerikanische Ethnologin Margret Mead (1971) es genannt hat, in der die Alten und Erwachsenen von den Jugendlichen lernen (Haupert 2010, S. 88):
»Die Kultur befindet sich in einer Pioniersituation, in welcher unbekannt ist, was das Neue sein wird … Der geforderte ständige Wandel erreicht eine Dimension, welche die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Erwachsenen überfordert. Dabei stehen für generative Krisen und die Krisen des Erwachsenwerdens keine erprobten Muster mehr zur Verfügung, an denen sich die Heranwachsenden orientieren können.«
Da die großen Metainstitutionen wie Kirche, Staat etc. zu zerbrechen drohen, »fehlen immer mehr die übergreifenden generativen Diskurse (Meta-Erzählungen), die milieu- und generationsübergreifend Sinn stiften« (ebd.). Haupert zieht folgende Zwischenbilanz der aktuellen Verhältnisse (ebd., S. 89):
»Die Pluralisierung von Lebenslagen erfordert eine hohe Wachsamkeit des Individuums, um mögliche Chancen zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Dazu ist hohe Frustrationstoleranz, Anpassungsbereitschaft und Flexibilität notwendig.«
Im Hinblick auf die Lebenssituation von Jugendlichen kommt Keupp zu einer ähnlich kritischen Einschätzung (Keupp 2013, S. 19 f.): Deren Lage sei heutzutage
»in der sozialen Lebenswelt durch eine eigentümliche Spannung gekennzeichnet: Einerseits sind schon für Jugendliche die Freiheitsgrade für die Gestaltung der eigenen individuellen Lebensweise sehr hoch. Andererseits werden aber diese ›Individualisierungschancen‹ erkauft durch die Lockerung von sozialen und kulturellen Bindungen. Der Weg in die moderne Gesellschaft ist, so gesehen, auch ein Weg in eine zunehmende soziale und kulturelle Ungewissheit, in moralische und wertemäßige Widersprüchlichkeit und in eine erhebliche Zukunftsunsicherheit.«
1.2Erwachsenwerden heute
Im Hinblick auf das, was das Aufwachsen in dieser Gesellschaft ausmacht, beschreibt Keupp folgende Zielsetzungen und notwendige Rahmenbedingungen (Keupp 2013, S. 38 f.):
»Erwachsenwerden ist ein schwieriger werdendes Projekt. An welchen Modellen und Werten sollen sich Heranwachsende orientieren oder von welchen sich abgrenzen? Und welche Ressourcen brauchen sie dazu?
•Sie müssen ihre eigene Lebenserzählung finden, die für sie einen kohärenten Sinnzusammenhang stiftet.
•Sie müssen in einer Welt der universellen Grenzüberschreitungen ihr eigenes »boundary management« in Bezug auf Identität, Wertehorizont und Optionsvielfalt vornehmen.
•Sie brauchen die »einbettende Kultur« sozialer Netzwerke und die soziale Kompetenz, um diese auch immer wieder mit zu erzeugen.
•Sie benötigen die erforderliche materielle Basissicherung, die eine Zugangsvoraussetzung für die Verteilung von Lebenschancen bildet.
•Sie benötigen die Erfahrung der Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der sie ihr Lebensprojekt verwirklichen wollen.
•Sie brauchen einen Kontext der Anerkennung, der die basale Voraussetzung für eine gelingende Identitätsarbeit ist.
•Sie brauchen Voraussetzungen für den alltäglichen interkulturellen Diskurs, der in einer Einwanderungsgesellschaft alle Erfahrungsbereiche durchdringt.
•Sie müssen die Chance haben, in Projekten des bürgerschaftlichen Engagements zivilgesellschaftliche Basiskompetenzen zu erwerben.«
Die letzte Shell-Studie (2015) macht in diesem Zusammenhang durchaus Mut, denn mehr als die Hälfte (52 %) der befragten Jugendlichen blicken optimistisch auf die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung, und 61 % sind optimistisch im Hinblick auf ihre eigene persönliche Zukunft. Darüber hinaus steigt auch das politische Interesse (fast 50 %) und die Bereitschaft, sich für sozial Benachteiligte zu engagieren (60 %). Sorgenvolle Gedanken kreisen um Terror (73 %) und einen möglichen Krieg in Europa (62 %). 95 % wünschen sich einen sicheren Arbeitsplatz.
Neben den jungen Erwachsenen sind auch die älteren Generationen durch die beschriebenen Entwicklungen gefordert. Die Zeiten, in denen ich ein (Berufs-)Leben lang bei einem Arbeitgeber tätig sein kann, gelten nur noch für eine ausgesprochen kleine Bevölkerungsgruppe. Ein großer Teil der Beschäftigten sieht sich einer permanenten Bewährungsprobe und der Notwendigkeit einer kreativen Gestaltung des eigenen Berufs- und Lebensweges gegenüber, ohne dabei verlässlich auf die bisherigen Mittel setzen zu können. Die Gesellschaft erwartet auch hier eine ständige Weiterentwicklung, um mit den Veränderungen Schritt zu halten.
1.3Von der Normalbiografie zur Patchworkbiografie
Keupp (2008, 2013) kommt daher zu dem Schluss, dass sich die »biografischen Schnittmuster« grundlegend verändern und diese immer weniger aus bislang bestimmenden normalbiografischen Vorstellungen bezogen werden können. Er identifiziert tief greifende kulturelle, politische und ökonomische Umbrüche, die durch einen global agierenden digitalen Netzwerkkapitalismus bestimmt werden und einen »Wertewandel«, welcher einerseits neue Lebenskonzepte stützt, der aber zugleich in »seiner pluralisierten Form« zu einem Verlust von als gültig angesehenen Werten führt und mehr selbst begründete Wertentscheidungen verlangt. Darüber hinaus beschreibt Keupp die Notwendigkeit veränderter Geschlechterkonstruktionen, da es aus seiner Sicht bisher noch nicht gelungen sei, die untergründig wirksamen patriarchalen Normen und Familienmuster zu überwinden. Weiter diagnostiziert er eine Pluralisierung und Entstandardisierung familialer Lebensmuster, deren Bestand immer weniger gesichert ist und die von den beteiligten Personen hohe Eigenleistungen in der Beziehungsarbeit verlangen. Der Autor konstatiert daher eine wachsende Ungleichheit im Zugang der Menschen zu »ökonomischem, sozialem und symbolischem Kapital«, woraus auch eine ungleiche »Verteilung von Lebenschancen« erwächst (Keupp 2013, S. 26 f.). Und er sieht einen wachsenden Einfluss der Medien auf Bildung, Beziehung und Vernetzung, mit noch nicht einzuschätzenden Folgen auf die jeweiligen Bereiche. Aufgrund der oben beschriebenen kulturellen, gesellschaftlichen und arbeitstechnischen Veränderungen in der Gesellschaft hält Keupp das Konzept der »Normalbiografie« für überholt und spricht stattdessen von »Patchworkidentitäten« (Keupp 2008), weil je nach Situation und Lebensphase die eigene Selbstbeschreibung und die persönliche Lebensplanung neu zusammengesetzt werden müssen.
Ein ordentliches Paket, was die aktuellen Generationen somit gemeinschaftlich tragen und gestalten müssen, ohne bereits für alle möglichen Fragen eine Antwort und das entsprechende Instrumentarium für die Bewältigung der jeweiligen Aufgaben bereitzuhalten. Auf der partnerschaftlichen Ebene und in der Familie gehören also Aushandlungsprozesse zunehmend zum Alltagsgeschehen, und diese setzen eine persönliche Standortbestimmung und Positionierung eines jeden Individuums voraus, um sich in dem Dialog nicht zu verlieren.
1.4Was haben andere Menschen mir mitgegeben?
Auch wenn sich in einigen Bereichen die Richtung des Lernens umgekehrt hat, so kommt es aus meiner Sicht dennoch weiterhin darauf an, was die Beteiligten als Essenz von wichtigen Menschen aus ihrer Familie und ihrem Umfeld für ihr Leben erhalten und in ihren »Rucksäcken« mitgenommen haben, um mit den beschriebenen Herausforderungen umgehen zu können.
Gerne greife ich in diesem Zusammenhang auf die Modelle der beiden Psychologen und Psychotherapeuten Klaus Grawe (2000) und Rainer Sachse (2002) zurück, die einige grundsätzliche menschliche Bedürfnisse und Erfahrungen beschrieben haben.
Grawe (2000) hat aufgrund seiner Forschungen vier Grundbedürfnisse als wesentlich für ein gelingendes Leben identifiziert:
1) Bindung und Zugehörigkeit:
Hiermit ist das Bedürfnis des Menschen nach Mitmenschen, nach Nähe zu einer Bezugsperson gemeint.
2) Orientierung und Kontrolle:
Dass das Leben einigermaßen sicher, verstehbar und vorhersehbar ist, weil es in gewohnten Bahnen und nach bekannten Prinzipien verläuft, und man Handlungsspielraum besitzt, sodass man mit seinem Tun tatsächlich etwas bewirken und Ziele erreichen kann.
3) Selbstwerterhöhung und -schutz:
Das Bedürfnis, sich als gut, kompetent, wertvoll und von anderen geliebt zu erleben.
4) Lustgewinn und Unlustvermeidung:
Das Bestreben, erfreuliche, lustvolle Erfahrungen herbeizuführen und schmerzhafte, unangenehme Erfahrungen zu vermeiden.
Im Hinblick auf das Kontrollbedürfnis schreibt Grawe (2004, S. 231):
»Je nach Lebenserfahrung, die das Individuum bezüglich seines Kontrollbedürfnisses (vor allem in seiner frühen Kindheit) macht, entwickelt es eine Grundüberzeugung darüber, ob Voraussehbarkeit und Kontrollmöglichkeit besteht, ob es sich lohnt, sich einzusetzen und zu engagieren, und inwieweit das Leben einen Sinn macht.«
Vergleichbares gilt für die anderen drei Bedürfniskategorien: Auf wen konnte ich mich stets verlassen? Wer hat mir Halt und Sicherheit gegeben? Wer hat mir gezeigt, dass ich ein wertvoller Mensch bin? Wer hat dafür gesorgt, dass ich vor unangenehmen Erfahrungen geschützt wurde und die Welt in meinem Tempo entdecken konnte?
Sachse benennt mit seinen sechs Beziehungsmotiven ähnliche Grundvoraussetzungen für persönliche Stabilität im Leben (Sachse 2001, S. 42 f.):
• »Das Bedürfnis nach Akzeptierung:
das Bedürfnis, von wichtigen anderen Personen um seiner selbst willen geliebt, geachtet, akzeptiert zu werden
• Das Bedürfnis, wichtig zu sein:
das Bedürfnis, für andere eine Bedeutung zu haben, in ihrem Leben eine Rolle zu spielen.
•Das nach verlässlicher Beziehung:
das Bedürfnis danach, eine Beziehung zu haben, auf die man sich verlassen kann, die tragfähig ist, die nicht ohne Weiteres infrage gestellt werden kann, die Belastung aushält; es ist ein Bedürfnis nach einer ›sicheren Bindung‹.
•Das Bedürfnis nach solidarischer Beziehung:
das Bedürfnis, dass der Interaktionspartner zu einem hält, einen unterstützt, Hilfe gibt, wenn man sie braucht, Geborgenheit realisiert, ›auf der eigenen Seite ist‹.
• Das Bedürfnis nach Autonomie:
das Bedürfnis danach, in seiner Selbstbestimmung, Selbstdefinition und Selbstentwicklung akzeptiert [zu] werden.
• Das Bedürfnis nach territorialer Unverletzlichkeit der eigenen Domäne:
das Bedürfnis danach, Bereiche des Lebens als eigene Bereiche definieren zu dürfen, Grenzen zu ziehen, und das Bedürfnis, dass diese Grenzen von Interaktionspartnern ernst genommen und respektiert werden und dass diese Partner die eigene Domäne nur betreten, wenn sie eine Erlaubnis dazu haben.«
Diese für Sachse zentralen Beziehungsmotive spielen für jeden Menschen eine wesentliche Rolle, auch wenn sie in der Reihenfolge und Wichtigkeit individuell eine andere Bedeutung haben können. Die Beziehungsmotive können sich laut Sachse in unterschiedliche positive Richtungen (wenn sie gut erfüllt werden) und negative Richtungen (wenn sie wenig, unsicher oder gar nicht erfüllt werden) entwickeln.
Wie leicht zu erkennen ist, fußen beide Modelle auf ähnlichen Erfahrungswerten und Grundannahmen, die sich in erster Linie in der Interaktion mit anderen (exklusiven) Bezugspersonen bewähren (müssen). Ganz wesentlich ist dabei die verlässliche Bindung (Bowlby 1969), deren Bedeutung sich inzwischen in zahlreichen Untersuchungen bestätigt hat. Der Psychologe Klaus Fröhlich-Gildhoff (2013, S. 65) fasst den hohen Wert so zusammen:
»Der wesentlichste Schutzfaktor, der am stärksten zu einer gelingenden Entwicklung beiträgt und viele Risikofaktoren abpuffern kann, ist eine stabile, wertschätzende, emotional warme Beziehung zu einer (erwachsenen) Bezugsperson.«
1.5Zusammenspiel von Ressourcen und Stressoren
Wenn es nun um einen möglichen Überblick zu den gelungenen und herausfordernden Aspekten der Bewältigung des eigenen Lebens geht, sei an dieser Stelle an das wertvolle sog. integrative Systemmodell der Familienentwicklung des Psychologen Klaus A. Schneewind (2010, S. 128 f.) erinnert, welches das Zusammenspiel von vertikalen Ressourcen und Stressoren sowie von horizontalen Ressourcen und Stressoren beschreibt (Abb. 1; Tabelle 1).
Abb. 1: Systemmodell der Familienentwicklung unter Berücksichtigung von Stressoren und Ressourcen (aus Schneewind 2010, S. 128)
Mit diesem Modell ist es Schneewind sehr gut gelungen, die individuelle Dimension, die partnerschaftliche Dimension, die Einflüsse des Mehrgenerationensystems und weiterer außenliegender Systeme an einem idealtypischen Modell von Paar und Familie zu beschreiben (Schneewind 2010, S. 130): »Im Zusammentreffen der vertikalen und horizontalen Dimension von Stressoren und Ressourcen entscheidet sich, wie ein Paar oder Familiensystem mit gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen umgeht.« Vergleichbares gilt auch für alleinstehende Menschen ohne Partner. In diesem Sinne stellt das Modell ein Gerüst zur Verfügung, um Bilanz zu ziehen, und eignet sich gut als Matrix, um »von oben« auf die aktuelle Lebenssituation zu schauen und entsprechende Such- und Sortierprozesse anzuregen:
•Wo bin ich, bzw. sind wir bereits gut aufgestellt?
•Was sind wertvolle Impulse aus meiner/deiner Familie?
•Wo passen unsere Konzepte gut zueinander?
Tab. 1: Beispiele für vertikale bzw. horizontale Stressoren und Ressourcen im individuellen System sowie im Paar- bzw. Familiensystem (aus Schneewind 2010, S. 129)
•Was fördert unser Familienklima?
•Wodurch sorgen wir für Lebensqualität?
•Was hilft uns mit möglichen Belastungen umzugehen?
•Auf welche Kraftquellen können wir zählen?
•Wo sollten wir noch »anbauen«?
Fragen, die im Trubel des Alltags gelegentlich untergehen können, die für die bewusste Gestaltung des eigenen Lebens jedoch von zentraler Bedeutung sind. Insbesondere, da die aktuellen, weiter oben beschriebenen gesellschaftlichen Herausforderungen (Kap. 1.2) von den handelnden Menschen permanente Standortbestimmungen und Anpassungsleistungen erwarten, damit sie den festen Boden unter den Füßen behalten.
Das kann nicht ohne Wirkung auf die unterschiedlichen Professionen bleiben, denn die »Möglichkeiten, an den zu bewältigenden Lebensaufgaben zu scheitern, sind gewachsen. Biografische Kompetenz ist gefragt« (Schulze 2003, S. 66). Aus Theodor Schulzes Sicht müssen sich die professionellen Fachkräfte daher auf unterschiedliche lebensgeschichtliche Voraussetzungen und biografische Perspektiven einstellen, »und die Förderung biografischer Kompetenz wird zu einer pädagogischen Aufgabe« (ebd.).
Dieser Einschätzung folgen auch Kraul und Marotzki (2002, S. 8) mit ihrer Schlussfolgerung, Menschen seien
»im Übergang zur Informationsgesellschaft im hohen Maße auf biografische Arbeit verwiesen. Das liegt nicht nur daran, dass eine sogenannte Normalbiografie ihre normative Kraft weitestgehend eingebüßt hat, sondern es hat auch viel damit zu tun, dass beispielsweise Lernen lebenslang in die Biografie integriert werden muss«.
Beide Autoren sprechen folglich von Biografiearbeit als einer modernitätstheoretisch fundierten Kategorie. In die gleiche Richtung zielt der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett: Seinen Studien zufolge nimmt die Kurzfristigkeit des Arbeitslebens den Menschen die Chance, »eine Lebensgeschichte durch Arbeit« zu entwickeln (Sennett 2001, S. 19), sodass eine »Sinnhaftigkeit« im eigenen Leben »erst durch erhöhte biografische Arbeit hergestellt werden kann« (Kraul u. Marotzki 2002, S. 9). Dieser die Biografiearbeit begründenden Spur will ich nun nachgehen.
2 Grundbegriffe der Biografiearbeit
»Was man verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr.«
Marie Curie
Wie bereits im Vorwort beschrieben, gibt es inzwischen eine Fülle unterschiedlicher Publikationen zu den Themen Biografiearbeit und Erinnerungskultur. Für eine vertiefende Auseinandersetzung verweise ich auf die Bände von Girrulat et al. (2007), Gudjons, Wagener-Gudjons u. Pieper (2008), Hölzle und Jansen (2009), Miethe (2014), Ruhe (2014) und Specht-Tomann (2012). Für die Arbeit mit Kindern ist das Buch »Mädchen und Jungen entdecken ihre Geschichte« von Birgit Lattschar und Irmela Wiemann (2007) weiterhin das Standardwerk.
Ich beschreibe in den folgenden Kapiteln, was unter Biografiearbeit zu verstehen ist und welche hilfreichen Effekte durch diese Form der Begleitung entstehen können. Eine wesentliche Einschätzung sei bereits hier vorangestellt: Biografiearbeit ist kein therapeutisches Vorgehen, allerdings erlebe ich die Übergänge zu Beratung und Therapie fließend. Biografiearbeit umfasst daher in erster Linie eine angeleitete Form sinnstiftenden Erinnerns und Sortierens, um sowohl im »Hier und Jetzt« als auch in der Zukunft mit gutem Boden unter den Füßen handlungsfähig zu sein und zu bleiben.
Bevor ich ab Kapitel 3 zu einer differenzierten Beschreibung dieses Vorgehens komme, ist es wichtig, in diesem Kapitel einige Begriffe zu erläutern, die in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle spielen. Neben Lebenslauf und Biografie gehören dazu biografische Kompetenz (Biografisieren, Biografizität), Identität, Selbstwert, Autonomie, Ressource und autobiografisches Gedächtnis. Allen diesen Begriffen ist gemein, dass sie Aspekte des menschlichen Werdegangs und die Bedingungen eines gelingenden Aufwachsens hin zu einem handlungsfähigen Subjekt in der Gesellschaft beschreiben.
2.1Biografie
Starten wir zunächst mit dem Begriff Biografie. Der Duden definiert sie als3
1. Beschreibung der Lebensgeschichte einer Person
2. Lebenslauf, Lebensgeschichte eines Menschen
Ursprünglich kommt der Begriff aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus bios (dt. »Leben«) und gráphein (dt. »schreiben, zeichnen, abbilden, darstellen«). Folgt man dem Wortstamm, dann heißt er wörtlich übersetzt Lebensbeschreibung, wie in der obigen Definition des Dudens.
Für die Biografiearbeit wird die Unterscheidung von Lebenslauf und Biografie als wesentlich erachtet:
•Im Lebenslauf sind in der Regel die chronologischen nachprüfbaren Daten, Fakten, Wohnorte und Stationen aufgelistet wie Geburt, Kindergarten, Schulzeit, Umzüge, Ausbildung, Studium, Hochzeit, Trennung, Ehrenamt, Berufstätigkeit etc. »Deswegen gilt er als weitgehend objektive Beschreibung von Lebens-, Bildungs- oder Besitzstandverhältnissen« (Nischak u. Schollas 2007, S. 23).
•Im Unterschied zum Lebenslauf umfasst eine Biografie wesentlich mehr (ebd.): »Biografie [bezeichnet] die durch Sinn und Bedeutung getragene subjektive Konstruktion gelebten menschlichen Lebens«.
Dieser Einschätzung folgen auch Marotzki und Tiefel (2005, S. 134):
»Die Biografie ist … nicht nur die Beschreibung des individuellen Lebenslaufes, in dem die objektiven Fakten des Lebens … zumeist chronologisch aufgelistet werden, sondern sie bringt die Sinnhaftigkeit und Bedeutung, die das Individuum diesen Fakten zumisst, zum Ausdruck. Jeder Mensch entwickelt in der aktiven Auseinandersetzung mit Lebensereignissen ein eigenes Verhältnis zu sich selbst und der ihn umgebenden Welt.«
Wesentlich ist in diesem Zusammenhang die jeweils individuelle Leistung, aber auch die subjektive Beschreibung des einzelnen Menschen, denn »Biografie unterliegt sowohl der narrativen als auch sozialen Konstruktion« (Hanses u. Homfeldt 2008, S. 11) und ist damit immer eine Momentaufnahme.
Für Wolfgang Raabe ist Biografie somit etwas, »das ständig in Bewegung ist« (Raabe 2004, S. 7). An ihr werde täglich gearbeitet und »gebaut«, und
»wenn wir hinschauen, sehen wir immer nur ein Stück davon. Wollen wir uns unsere Biografie näher anschauen, dann müssen wir sie uns aus den bekannten Teilen ›zusammenbauen‹. In diesem Sinne können wir uns eine Biografie als eine Aufschichtung von Erfahrungen vorstellen, die in bestimmten Beziehungen stehen« (ebd.).
An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass die Biografie in mehrere »Kapitel« eingeteilt werden kann und Menschen sich der unterschiedlichsten Ausdrucksformen und Materialien bedienen, um sich einen Überblick über ihr (gelebtes) Leben zu verschaffen. Zudem kann es sein, dass sich der Blick auf die einzelnen Kapitel mit den Jahren verändert und ihnen eine neue Bedeutung zugeschrieben wird. Gunthard Weber hat dies vor einigen Jahren in einem seiner Seminare in dem folgenden Satz auf den Punkt gebracht: »Ich habe heute nicht die Kindheit, die ich vor zehn Jahren hatte.« Und es ist sicher erlaubt, diesen Satz in der folgenden Weise zu ergänzen: Und in zehn Jahren wird es wieder eine andere sein als jetzt. Das Leben geht weiter, wir machen neue Erfahrungen und schauen in anderer Art und Weise zurück.
Miethe (2014, S. 13 ff.) fasst die unterschiedlichen in der Literatur beschriebenen Aspekte von Biografien wie folgt zusammen:
1. Biografien sind bedeutungsorientiert.
2. Biografien basieren auf sequenziellen Erfahrungsaufschichtungen.
3. Biografien sind subjektive Konstruktionen.
4. Biografie ist nicht statisch, sondern »work in progress«.
5. Biografie enthält immer Allgemeines und Spezielles.
6. Biografien sind Teil von Geschichte.
7. Biografien beinhalten nicht nur kognitive, sondern immer auch emotionale und körperliche Dimensionen.
Zielten die letzten Ausführungen zunächst auf die Beschreibung der Biografie als Gesamtes, so gelten die folgenden Abschnitte der Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Biografie.
2.2Biografisieren, Biografizität, biografische Kompetenz
Wie bereits beschrieben, ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und der eigenen Biografie ein aktiver, selbstreflexiver Prozess. Diverse Autoren haben für dieses Vorgehen unterschiedliche Begriffe gewählt. So schreiben Almut Nischak und Thomas Schollas in ihrem Kapitel »Systemische Biografie- und Erinnerungsarbeit – eine Einführung« (Nischak u. Schollas 2007, S. 24):
»Biografisieren bezeichnet in diesem Sinne die Leistung eines Menschen, Zusammenhänge herzustellen, Bedeutungen zuzuordnen und ein kommunizierbares Selbst- und Weltverständnis zu entwickeln.«
Eng an diese Beschreibung angelehnt, formuliert der Erziehungswissenschaftler und Soziologe Peter Alheit (1992, S. 77):
»Biografizität bedeutet, dass wir unser Leben in den Kontexten in denen wir es verbringen (müssen) immer wieder neu auslegen können, und dass wir diese Kontexte ihrerseits als ›bildbar‹ und gestaltbar erfahren.«
Dieser Auffassung folgt auch die Erziehungswissenschaftlerin Irma Jansen, wenn sie definiert (Jansen 2009, S. 20):
»Biografizität wird hier verstanden als eine Kategorie, bei der die biografische Arbeit des Individuums zu einem Selbstbildungsprozess wird, in dem Identität sich flexibel ›clustert‹ und sich entlang von Diskontinuitäten und Brüchen prozesshaft immer neu ausrichtet.«
In der Fachwelt hat sich in den letzten Jahren der Begriff der biografischen Kompetenz durchgesetzt, der letztlich ähnliche Aspekte umschreibt wie Biografisieren und Biografizität. So definiert Hubert Klingenberger (2015) biografische Kompetenz als
»die Fähigkeit eines jeden Menschen, die eigene Biografie überdenken, bewältigen und entwerfend gestalten zu können. Dazu zählen insbesondere sechs Aspekte:
•das Bewusstsein der persönlichen Vorstellung von Biografie
•das Bewusstsein über die jeweilige Art, in der Zeit zu leben (gegenwartsorientiert, zukunftsbezogen usw.)
•die Reflexion bisheriger Lebenserfahrungen und die verstehende Auseinandersetzung mit dem vergangenen Leben (Lebensbilanz)
•das Wahrnehmen und Aufgreifen gegenwärtiger Lebenschancen sowie die Bewältigung aktueller Krisen (Lebensbewältigung)
•das Entwerfen von Zukunftsplänen (Lebensplanung)
•das Bewusstsein über die Verwobenheit der eigenen Biografie mit Gesellschaft, Geschichte und Politik.«
(Aus Hubert Klingenberger: Biografiearbeit in Schule und Jugendarbeit. © Don Bosco Medien GmbH, München, S. 13.)
In dieser Auflistung wird die Komplexität der individuellen Leistung eines jeden Menschen deutlich, die letztlich immer wieder dazu führen soll, dass ich weiß, wer ich bin, dass ich mich in meinem Leben weiterhin auskenne und weiß, worauf ich bauen kann, wenn ich die Zukunft plane.
Hans Georg Ruhe verweist explizit darauf, dass gerade auch der Fachmann, der mit Menschen biografisch arbeitet, über eine gute eigene biografische Kompetenz verfügen sollte (Ruhe 2014, S. 37).
2.3Identität
An dieser Stelle macht es Sinn, einen weiteren Begriff in den Blick zu nehmen: Identität. Darunter verstehen wir unsere Unverwechselbarkeit, unsere Einmaligkeit und somit die Kontinuität des eigenen »Ich«. Nach dem deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker Erik Erikson ist das »Gefühl der Ichidentität … also die angesammelte Zuversicht des Individuums, dass der inneren Gleichheit und Kontinuität auch die Gleichheit und Kontinuität seines Wesens in den Augen anderer entspricht« (Erikson 1968, S. 256). Erikson unterteilt den lebenslangen Identitätsfindungsprozess in mehrere Stufen und entsprechende Entwicklungsaufgaben (Tabelle 2). Für ihn gleicht die Identität der Erfahrung des Sich-gleich-Bleibens in der Zeit (Erikson 2000). Da es, wie bereits weiter oben beschrieben, vermutlich schwierig ist, permanent die oder der »Gleiche« zu bleiben, ist dies analog auch als Sich-treu-Bleiben zu verstehen. Das passt gut zu dem Verständnis des Begriffs von Margret Mead: »Identität [bedeutet] im Wesentlichen Bindung an Sinnkonzepte, kulturelle Werte und Orientierung an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft innerhalb der Gesellschaft« (Mead 1971, zit. nach Oerter u. Dreher 2002, S. 263). Der US-amerikanische Psychologe David G. Myers unterscheidet in Anlehnung an Erikson zwischen Identität – »dem Gefühl für das eigene Selbst« – und sozialer Identität, dem »Wir-Gefühl als Teil unseres Selbstkonzepts; derjenige Teil unserer Antwort auf die Frage »Wer bin ich?«, der durch unsere Gruppenzugehörigkeit bestimmt wird« (Myers 2014, S. 212).
| Identitätsstufe (ungefähres Alter) | Thema | Aufgabe oder Lernvorgang und Konsequenz bei Gelingen oder aber Nichtgelingen |
| Säugling und Kleinkind (0–1 Jahr) | Vertrauen vs. Misstrauen | Werden seine Bedürfnisse angemessen befriedigt, entwickelt das Kind Urvertrauen oder aber Misstrauen in Bezug auf die Menschen und seine Umgebung |
| Kleinkind (1–2 Jahre) | Autonomie vs. Scham und Selbstzweifel | Das Kind lernt, seinen Willen durchzusetzen und Dinge selbstständig zu erledigen oder aber zweifelt an seinen Fähigkeiten |
| Vorschulkind (3–5 Jahre) | Initiative vs. Schuld | Das Vorschulkind lernt, Dinge aus eigener Initiative zu erledigen und Pläne durchzuführen oder aber entwickelt Schuldgefühle wegen seiner Unabhängigkeitsbestrebungen |
| Schulkind (ab 6 Jahre bis Pubertät) | Kompetenz vs. Minderwertigkeit | Das Kind erfährt Lust an der Erfüllung einer Aufgabe oder aber fühlt sich minderwertig |
| Adoleszenz (ca. 13–20 Jahre) | Identität vs. Rollendiffusion | Der Teenager verfeinert sein Selbstbild durch Erproben verschiedener Rollen, die dann integriert werden und die Identität bilden, oder aber gerät in Verwirrung und weiß nicht, wer er ist |
| Frühes Erwachsenenalter (ca. 20–40 Jahre) | Intimität vs. Isolation | Junge Erwachsene kämpfen darum, enge Beziehungen einzugehen und die Fähigkeit zu Liebe und Intimität zu erlangen oder aber fühlen sich einsam und isoliert |
| Mittleres Erwachsenenalter (ca. 40–60 Jahre) | Generativität vs. Stagnation | Im mittleren Erwachsenenalter will der Mensch seinen Beitrag zur Welt leisten, meist durch Familiengründung und Arbeit andernfalls entwickelt er ein Gefühl der Sinn- und Zwecklosigkeit |
| Spätes Erwachsenenalter (ca. ab 60 Jahre) | Ich-Integrität vs. Verzweiflung | Denkt der ältere Mensch über sein Leben nach, vermittelt ihm dies Befriedigung oder ein Gefühl des Gescheitertseins |
Tabelle 2: Stufen der psychosozialen Entwicklung nach Erik Erikson (nach Myers 2014, S. 211)
Der Moralpsychologe Augusto Blasi (1988) fasst den Identitätsbegriff von Erikson in der folgenden Form zusammen:
»1) Identität ist eine Antwort auf die Frage ›Wer bin ich?‹.
2) Im Allgemeinen führt die Antwort auf diese Frage zur Herausbildung einer neuen Ganzheit, in der die Elemente des ›Alten‹ mit den Erwartungen an die Zukunft integriert sind.
3) Diese Integration vermittelt die fundamentale Erfahrung von Kontinuität und Selbstsein.
4) Die Antwort auf die ›Identitätsfrage‹ wird durch eine realistische Einschätzung der eigenen Person und der eigenen Vergangenheit sowie
5) der eigenen Kultur, insbesondere ihrer Ideologien und den [sic!] Erwartungen der Gesellschaft an die eigene Person, erreicht.
6) Gleichzeitig werden die kulturellen Erwartungen ›kritisch hinterfragt‹, und auch die Berechtigung der sozialen Erwartungen wird überprüft (Krise).
7) Der Prozess des Hinterfragens und der Integration kristallisiert sich um fundamentale Probleme, wie die berufliche Zukunft, die Partnerbeziehungen und um religiöse und politische Standpunkte.
8) Er führt zur persönlichen Verpflichtung in diesen Bereichen und
9) ermöglicht – von einem objektiven Standpunkt aus gesehen – die produktive Integration in die Gesellschaft.
10) Subjektiv vermittelt diese Integration ein Gefühl von ›Loyalität und Treue‹ sowie
11) ein tiefes Gefühl der Verwurzelung und des Wohlbefindens, der Selbstachtung und Zielstrebigkeit.
12) Die sensible Phase für die Entwicklung der Identität ist die Adoleszenz.«4
Die hier beschriebenen Aspekte zur Herausbildung von Identität erinnern in ihrer Komplexität stark an die zuvor dargelegte biografische Kompetenz. Das verwundert nicht weiter, denn laut Oerter und Dreher (2002, S. 292) stecken in Identitätsbeschreibungen
»zwei Grundbemühungen des Individuums, nämlich die Bemühung, sich selbst zu erkennen, und das Bestreben, sich selbst zu gestalten, an sich zu arbeiten, sich zu formen. Damit sind Selbsterkenntnis und Selbstgestaltung die zwei Prozesse, die Identitätsentwicklung vorantreiben«
und damit eine flexible Anpassung an die jeweiligen Verhältnisse und die Verortung im »Hier und Jetzt« ermöglichen.
Wie wertvoll diese Leistung für das eigene Leben ist, beschreibt der Philosoph Peter Bieri (2016, S. 15):
»Selbsterkenntnis ist dasjenige, was dazu führt, dass wir eine transparente seelische Identität ausbilden und dadurch in einem empathischen Sinne zu Autor und Subjekt unseres Lebens werden können. Sie ist also kein freischwebender Luxus und kein abstraktes philosophisches Ideal, sondern eine sehr konkrete Bedingung für ein selbstbestimmtes Leben und damit Würde und Glück.«
2.4Selbstwert
Ähnlich verhält es sich mit dem nächsten Begriff – dem Selbstwert. Auch der Selbstwert ist gleichermaßen Ergebnis und Basis einiger wesentlicher Voraussetzungen, die zu einem tragfähigen Fundament für ein gelingendes Leben führen und in gewisser Weise sogar auch den guten Boden zur Selbsterkenntnis bereiten können. Getreu dem berühmten Zitat von Martin Buber: »Der Mensch wird am Du zum Ich«.
Nach den Psychologinnen und Psychotherapeutinnen Friederike Potreck-Rose und Gitta Jacob (2003, S. 70 ff.) ruht der Selbstwert auf den vier Säulen Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen, soziale Kompetenz und soziales Netz (Abb. 2). Den Autorinnen zufolge beschreibt Selbstakzeptanz die positive Einstellung zu sich selbst: sich selbst anzunehmen, wie man ist, mit allen Stärken und Schwächen, mit seinem Aussehen, seinen Bedürfnissen und Grenzen. Das Selbstvertrauen gründet sich in einer positiven Einstellung gegenüber den eigenen Fähigkeiten und Leistungen sowie dem eigenen Können und den damit erzielten Ergebnissen. Soziale Kompetenz beschreiben die Autorinnen als »das Erleben von Kontaktfähigkeit« (ebd., S. 77 f.). Sozial kompetent ist jemand, der flexibel reagieren und sich an Menschen und Situationen in angemessener Form anpassen kann. Das soziale Netz steht schließlich für die Eingebundenheit in unterschiedliche soziale Systeme und eine stabile wechselseitige Qualität der Beziehungen im Hinblick auf Verlässlichkeit und Wichtigkeit (ebd., S. 78 f.).
Abb. 2: Die vier Säulen des Selbstwertes5
Im Hinblick auf die notwendigen Voraussetzungen innerhalb der Familie ist es aus Sicht der US-amerikanischen Psychotherapeutin und Familientherapeutin Virginia Satir (1994, S. 48) zur Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls notwendig, dass Kinder in einer Atmosphäre aufwachsen,
»in der individuelle Unterschiede gewürdigt werden, Liebe offen zum Ausdruck gebracht wird, wo die Möglichkeit besteht, aus Fehlern zu lernen, wo offen kommuniziert wird, Regeln flexibel gehandhabt werden, Verantwortlichkeit (Übereinstimmen von Versprechungen und deren Umsetzung in der Realität) vorgelebt wird und Ehrlichkeit praktiziert wird.«
Die Pädagogin Christina Krause und der Gesundheitswissenschaftler und Psychotherapeut Rüdiger-Felix Lorenz definieren in ihrem ausgesprochen gelungenen Buch »Was Kindern Halt gibt – Salutogenese in der Erziehung« das Selbstwertgefühl als »die gefühlsmäßig verankerte Beziehung eines Menschen zu sich selbst … [welche] die Akzeptanz der eigenen Person sowie Zuversicht in die eigenen Möglichkeiten ein[schließt]« (Krause u. Lorenz 2009, S. 51). Analog zu Potreck-Rose und Jacob beschreiben sie ähnliche Bedingungen, die zu einem günstigen Wachstumsprozess führen (ebd.): »Das Selbstwertgefühl entsteht aus dem Erleben von Angenommenwerden, von Kompetenz, von Partizipation und von Anerkennung.« Hier wird deutlich, wie stark der Mensch mit seiner Binnenstruktur in Interaktion mit seiner Umgebung steht und wie beide Dimensionen, die intra- und die interpersonelle, sich wechselseitig bedingen und stärken.
2.5Autonomie
Ein weiterer für die Biografiearbeit wichtiger Begriff ist Autonomie. Der Duden definiert sie als
1. (bildungssprachlich) [verwaltungsmäßige] Unabhängigkeit, Selbstständigkeit
2. (Philosophie) Willensfreiheit6
Der argentinische Autor, Psychiater und Gestalttherapeut Jorge Bucay erläutert in seinem Werk »Drei Fragen – Wer bin ich? Wohin gehe ich? Und mit wem?« den Wortstamm wie folgt (Bucay 2017, S. 84):
»Das Wort Autonomie klingt technisch und distanziert, aber gemäß seiner etymologischen Bedeutung (von auto, was »selbst« bedeutet, und nomos, was »Gesetz oder Norm« heißt) beinhaltet es ganz ohne Zweifel die Herausforderung, frei zu sein. Autonom ist jemand, der immer in der Lage ist, seine eigenen Regeln, Gesetze und Gewohnheiten festzulegen, zu handhaben und zu systematisieren.«
Bieri versteht unter Autonomie »die Bestimmung über mich selbst« (Bieri 2016, S. 73), und er führt an anderer Stelle aus (ebd., S. 13):
»Selbstbestimmt ist unser Leben, wenn es uns gelingt, es innen und außen in Einklang mit unserem Selbstbild zu leben – wenn es uns gelingt, im Handeln, im Denken, Fühlen und Wollen der zu sein, der wir sein wollen.«
2.6Ressource
Ein weiterer Schlüsselbegriff der biografischen Arbeit ist der Begriff der Ressource. Der Duden definiert eine Ressource wie folgt:7
1. natürlich vorhandener Bestand von etwas, was für einen bestimmten Zweck, besonders zur Ernährung der Menschen und zur wirtschaftlichen Produktion, [ständig] benötigt wird
2. Bestand an Geldmitteln, Geldquelle, auf die jemand zurückgreifen kann
Als Ressourcen werden laut dem Psychologen Hilarion Gottfried Petzold (1997, S. 451 f.) »alle Mittel gesehen, durch die Systeme sich als lebens- und funktionsfähig erhalten (operating), Probleme bewältigen (coping), ihre Kontexte gestalten (creating) und sich selbst im Kontextbezug entwickeln können (developing)«. Die Psychologen Thomas Möbius und Sibylle Friedrich betrachten personale, soziale und materielle Ressourcen als »diejenigen Mittel …, die zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben personaler und sozialer Systeme wesentlich beitragen« (Möbius u. Friedrich 2010, S. 15).
Der Schweizer Entwicklungspsychologe Werner Wicki (1997, S. 49) unterscheidet Ressourcen in drei Kategorien (Tabelle 3).
| Inhalt | Herkunft | ||
| Personale Ressourcen | Familiale Ressourcen | Außerfamiliale Ressourcen | |
| Materiell/physisch | Körperliche Gesundheit, Kleidung, persönliches Vermögen, Besitz | Wohnraum, Nahrungsmittel, Einkommen | Sozialleistungen, soziale Stützsysteme (im Sinne materieller Hilfe) |
| Psychisch/sozial | Bildung, psychisches Wohlbefinden, Überzeugung, Persönlichkeit, Belastbarkeit | Zusammenhalt, partnerschaftliche Unterstützung, Rituale, Werte, Kultur, Erziehung | Soziale Unterstützung, soziale Stützsysteme (informationsbezogene Hilfe), gute Dritte |
Tabelle 3: Ressourcentypen mit Beispielen (aus Wicki 1997, S. 49)
Der Soziologe Norbert Herriger stellt eine umfassende Definition vor, die besonders auf die funktionale Bedeutung und die Gestaltung im Alltagsleben fokussiert (Herriger 2006, S. 3):
»Unter Ressourcen wollen wir somit jene positiven Personenpotenziale (»personale Ressourcen«) und Umweltpotenziale (»soziale Ressourcen«) verstehen, die von der Person
1) zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse,
2) zur Bewältigung altersspezifischer Entwicklungsaufgaben,
3) zur gelingenden Bearbeitung von belastenden Alltagsanforderungen,
4) zur Realisierung von langfristigen Identitätszielen genutzt werden können und damit zur Sicherung ihrer psychischen Integrität, zur Kontrolle von Selbst und Umwelt sowie zu einem umfassenden biopsychosozialen Wohlbefinden beitragen.«
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