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Anny von Panhuys
Wir mußten einander finden
Frauen-Roman
Wir mussten einander finden
© 1935 Anny von Panhuys
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711592328
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1.
Die Geigenkünstlerin Ulli Gregorius machte eine ärgerliche Bewegung mit der Rechten. Abwehrend und abweisend.
Abwehrend und abweisend war auch ihr charaktervolles, gradliniges Gesicht, als sie stark betont sagte: „Herr van Xanten, jetzt bin ich wirklich am Ende meiner Geduld angelangt. Ich habe Ihnen nun schon schriftlich und mündlich versichert, ich verkaufe Ihnen meine Frohnstainer Geige nicht. Obwohl ich noch eine sehr schöne und wertvolle Geige besitze, ist die Frohnstainer doch mein Liebling. Sie ist mir über alles wertvoll als mein köstlichster Besitz. Nur wenn ich auf ihr spiele, vermag ich restlos mein bestes Können herzugeben. Und wenn Sie mir Ihr ganzes Millionenvermögen dafür bieten, würde ich genau so nein sagen wie jetzt, da Sie mir eine Viertelmillion geben wollen. Zum allerletzten Male: Nein, nein und nochmals nein! Außerdem erkläre ich Ihnen, ich werde fortan keinen Brief von Ihnen mehr beantworten und Ihren Besuch nicht mehr annehmen.“
Der stattliche Mynheer van Xanten, der reiche Handelsherr, dessen Frachtschiffe auf allen Meeren fuhren, verzog den Mund zu einem Lächeln.
„Gnädiges Fräulein, gestatten Sie mir trotzdem noch ein paar Sätze. Ich bedaure ja unendlich, daß Sie sich meinem sicher sehr günstigen Vorschlag gegenüber so ablehnend verhalten, aber ich muß die Geige haben. Ich bin ja nur ein Dilettant im Spiel Ihnen gegenüber, und ich will ja auch nicht mehr sein, doch bin ich ein leidenschaftlicher Musikfreund und ein Geiger, der glücklich ist, wenn er sich in seinen Mußestunden durch eigenes Spiel Freude bereiten kann. Vor allem aber bin ich Geigensammler, und es ist so herrlich, einmal nach dem, ein anderes Mal nach jenem Instrument zu langen. Ich besitze eine Amati, schlank und mattbraun mit einem Köpfchen von vollendeter Form. Ich besitze Geigen von Amatis Schülern, von Guarneri und Stradivari, ich besitze ein herrliches Exemplar des berühmtesten aller Mittenwalder Meister, eine Geige von Klotz, voll von glocklichem Wohlklang, voll von zärtlicher, herzwarmer Tiefe, eine Kiendl habe ich, eine von Georg Tiefenbrunner, eine von —“
Ulli Gregorius strich leicht über das helle Gelock, das ihre klare, gerade Stirn wie ein moderner Glorienschein umgab, und fiel ihm etwas erregt ins Wort: „Bitte, zählen Sie nicht weiter auf, es ist ja sinnlos. Wenn Sie alle diese Wertstücke, diese seltenen und teuren Geigen besitzen, ist es dopplt dreist, jawohl, dreist von Ihnen, mir meine Frohnstainer Geige noch abjagen zu wollen.“ Sie erhob sich brüsk. „Herr van Xanten, das alles haben Sie mir schon mehrmals schriftlich und mündlich erklärt, und jede Wiederholung erübrigt sich. Verzeihen Sie, aber ich muß Sie bitten, jetzt zu gehen, es ist Zeit, daß ich meine täglichen Uebungen beginne.“
Er war aufgestanden. „Sie reisen doch morgen ab, geben hier kein Konzert mehr, also wozu noch üben?“
Sie gab zurück: „Wenn ich auch heute kein Konzert mehr in Amsterdam gebe, so übe ich doch jeden Tag, ganz gleich, ob ich auftrete oder nicht.“
Er sah sie an, holte tief Atem und verneigte sich.
„Mein gnädiges Fräulein, Sie wissen, über welche Reichtümer Willem van Xanten verfügt, Sie wissen, welchen Weltruf seine Firma hat. Ich bin Witwer seit zehn Jahren, fünfundfünfzig Jahre alt und habe einen Sohn von dreißig, der Mitinhaber meiner Firma ist. Damit wissen Sie das Wichtigste über mich. Und jetzt, mein gnädiges Fräulein, bitte ich Sie um Ihre Hand. Erweisen Sie mir. die Ehre, meine Gattin zu werden, Sie würden dann eine der reichsten Frauen Europas.“
Ulli Gregorius vermochte nicht gleich zu antworten, aber ihre klugen grauen Augen, diese leuchtenden großen Künstleraugen, sahen den stattlichen Mynheer unablässig an, hingen fest an seinem scharfgeschnittenen Gesicht mit der vorspringenden Nase, den etwas verfälteten schweren Lidern über den hellbraunen kühlen Augen.
Endlich, als das Schweigen gerade anfing peinlich und drückend zu werden, lachte sie leise auf.
„Herr van Xanten, Sie bieten zu viel für meine Frohnstainer Geige, viel zu viel. Aber ich nehme nicht an. Sie wollen mich ja nur heiraten, um auf die Weise, dem Umweg über die Heirat, in den Besitz der Geige zu gelangen.“ Sie schüttelte den Kopf und sah jetzt sehr ernst aus. „Ich kenne Sie ja kaum, Herr van Xanten, sollte ich aber einmal heiraten, dürfte es nur ein Mann sein, den ich liebe und der mich wiederliebt. Verstehen Sie, Herr van Xanten, mich müßte er lieben und nicht meine Geige, meine schöne, seltene Geige, von der es in der ganzen Welt nur noch ein paar Exemplare gibt, die Sie sich aber wahrscheinlich ebenfalls weder mit Ihrem Geld noch mit Ihrem Namen verschaffen können. Die Geige ist mir heilig. Sie stammt aus der Familie meiner Mutter. Ihr Großvater war der berühmte Geigenbauer Frohnstainer. Also, Herr van Xanten, ich danke Ihnen für die Ehre, die Sie mir oder richtiger meiner Frohnstainer erweisen wollen, bedaure aber, sie nicht annehmen zu können. Im übrigen, meine Mutter hüstelt schon nebenan. Das heißt in Worte übertragen: Die Besuchszeit ist reichlich um.“
Willem van Xantens Gesicht war jetzt etwas gerötet. Er hatte, um in den Besitz der fiebrisch begehrten seltenen Geige zu kommen, Ulli Gregorius sogar heiraten wollen, diese Geigerin, die allerdings eine glänzende Könnerin war, aber die Höhe des Ruhms noch nicht erstiegen hatte. Er bot ihr seinen bekannten Namen, den Platz an seiner Seite fürs ganze Leben, und sie wies ihn ab wie den Erstbesten.
„Ich gehe, mein gnädiges Fräulein, hoffentlich kommt niemals ein Tag in Ihrem Leben, wo Sie bereuen, was Sie heute ausschlagen.“ Die Wut des Sammlers, dem man trotz aller Gegenwerte die Geige verweigerte, nach der er förmlich gierte, mußte sich noch entladen. Er trat einen halben Schritt vor, trumpfte auf: „Ich bin mächtiger als Sie, und wenn Willem van Xanten etwas will, verschafft er es sich. Auch die Frohnstainer Geige wird mein Eigentum werden. Mit oder ohne Ihre Zustimmung!“
Ganz erstickt klangen die letzten Worte, und dann drehte sich der breitschultrige große Mann schroff um, langte nach seinem Hut, der auf einem nahen Stuhl lag, und verließ grußlos das Zimmer.
Ulli Gregorius’ leicht gebräuntes Gesicht schien noch dunkler geworden, als sie auf die Tür blickte, durch die sich Willem van Xanten entfernt hatte.
„So ein unverschämter Mensch!“ entrang es sich ihr.
Aus dem Nebenzimmer trat Ullis Mutter ein. Sie hatte große Aehnlichkeit mit Ulli, nur war ihr Blondhaar an den Schläfen silbern, und ein paar Fältchen saßen auf der Stirn und um Mund und Augen.
Sie trat schnell auf die Tochter zu.
„Ich habe von nebenan alles mitangehört, Kind, ihr spracht ziemlich laut. Dieser Mensch ist ja ganz toll vor Begierde nach deiner Geige. Ein Glück, daß wir abreisen, ich traue dem dickfälligen Holländer zu, er ließe dir, wenn sich dazu Gelegenheit böte, sogar die Geige stehlen.“ Sie legte der Jüngeren die Hand auf die Schulter. „Aergere dich nicht, Ulli, genau genommen, ist das ja alles zum Lachen. Will dich der Mensch heiraten, nur um so zu der Frohnstainer Geige zu kommen.“ Sie wurde nachdenklich. „Eine Partie wäre das ja gewesen, Mädel, über die man in unserem Städtchen gestaunt hätte, aber du hast es, Gott sei Dank, nicht nötig, nach dem Reichtum des Mannes zu fragen, den du heiratest. Bis du einmal so weit bist, hast du ein großes Bankkonto. Und vorläufig denkst du ja noch nicht ans Heiraten, deine Kunst steht noch ganz im Vordergrund.“
Ulli Gregorius schöpfte tief Atem.
„Der Besucher hat mir die Stimmung verdorben, aber das geht vorbei. Ich will üben, will spielen, will mir die schlechte Laune wegspielen, die er hinterlassen hat.“ Sie lächelte die Mutter an. „Nein, vorerst denke ich weder an die Liebe noch ans Heiraten, nur meiner Kunst will ich leben. Spielen will ich überall, wo man mich hören möchte, und arbeiten will ich, damit mein Ruhm als Künstlerin wächst und so groß wird, daß er sich neben dem Namen Frohnstainer, dem Namen der Familie, aus der du stammst, Mutter, behaupten kann. Urgroßvater Josef Frohnstainer war ein ganz Großer, und die Geige von ihm, die durch dich in meine Hände gekommen, gebe ich nicht für alle Schätze der Welt.“
Die Aeltere fuhr sich über die Augen, die sich mit einem feuchten Schimmer überzogen hatten.
„Hast recht, Kind, die Geige festzuhalten. Dein Vater und ich haben sie festgehalten in Stunden bitterer Not und hätten uns oft damit helfen können. Wir haben sie für dich aufgehoben. Schon damals, als du, kaum sechsjährig, so verlangend die Händchen ausstrecktest, wenn dein Vater darauf spielte, gelobten wir uns, allen Versuchungen zum Trotz, die Geige geben wir nicht her.“
Ulli lächelte: „Und die Geige gebe ich nicht her, auch wenn alle goldstarken Handelsherren Hollands mich heiraten wollen.“
Trude Gregorius nickte. „Jetzt spiele, Kind, danach gehen wir noch ein wenig aus, essen irgendwo und bringen später unser Gepäck in Ordnung. Ich freue mich auf die Heimreise nach Deutschland, freue mich auf unser stilles, kleines Zuhause nach dem monatelangen Herumreisen von Land zu Land.“
Ulli blickte versonnen.
„Wo waren wir doch überall! In Oesterreich und der Tschechoslowakei, in Rumänien und Italien. In Frankreich, Belgien und zuletzt in Holland. Ueberall war es anders, aber in dem für mich Wichtigsten doch gleich, denn überall hatte ich das Glück, vor vollen Häusern zu spielen, großen Beifall zu ernten und glänzende Besprechungen in den Zeitungen zu erhalten.“ Ihr Blick liebkoste das Antlitz der Mutter. „Wie sehr danke ich es dir und Vater, daß ihr mich meiner Neigung folgen ließet und euch nur die besten Lehrer Berlins gerade gut genug für mich schienen, obwohl es euch schwer genug wurde, das Geld dafür aufzubringen.“
Sie legte die Arme um den Hals der Mutter. Sie waren beide gleich groß, etwas über Mittelgröße, beide gleich schlank, und so standen sie Gesicht an Gesicht, blickten sich voll Liebe an, während die Jüngere sagte: „Kannst du es auch nur halbwegs nachempfinden, Mutterchen, wie selig die Augenblicke für mich sind, wenn man meinem Spiel Beifall spendet? Was ich da empfinde! Welche Seligkeit mich durchströmt, wenn ich höre, man dankt mir für mein Spiel! Und ahnst du, welches Glück in mir ist, wenn ich vor dem Publikum spiele? Ahnst du, daß ich manches liebe Mal ganz taumelig bin von einer Art Schöpferwonne, obwohl ich das, was ich spiele, doch gar nicht geschaffen habe, sondern es nur wiedergebe auf meiner Geige.“ Ihre Augen leuchteten, waren ganz dunkel von dem Glanz, der jetzt in ihnen war. „Wenn ich die Frohnstainer ansetze und mein Kinn auf ihren feinen schlanken Körper drücke, sie damit festhalte, kommt eine wundersame Kraft und Ruhe über mich, eine unbeschreibliche Sicherheit. Ich durchlebe dann alles im Herzen, was mein Bogen aus dem kleinen Geigenkörper lockt. Ich lebe, ich leide, ich weine, ich jauchze und lache, wie die Frohnstainer leidet und jauchzt und lacht. Sie versteht mich, ich verstehe sie, Mutterchen, es ist dann, als wäre Blut in ihr und Denken. Als wäre sie ein Mensch wie ich, der zu mir gehört. Ein Mensch gleichen Blutes und gleicher Denkungsweise.“ Ihre Stimme ward leise und raunend. „Weißt du, Mutter, wenn ich die Frohnstainer spiele, und vor dem Publikum spiele ich sie ja immer, dann mußte ich siegen. Sie führte mich zum Sieg, sie führt mich zum Ruhm, sie macht mich groß. Das kommt daher, weil Urgroßvater die Geige gebaut hat, Urgroßvater, der längst zu den bedeutendsten Geigenbauern aller Zeit gezählt wird. Er hat in seine Geigen all seine Liebe zur Musik mithineingebaut und mithineingepinselt in den Anstrich. Davon haben seine Geigen Wärme und Leben bekommen, und was Urgroßvater einmal beim Ausproben in die Geige hineingespielt an Seele, das singt und klingt in seinem Spiel. die Frohnstainer Künstlerseele Urgroßvaters grüßt die Urenkelin. Mich, Mutter, mich! Verstehst du das, Mutter, sage, verstehst du das?“
Die Aeltere lächelte weich.
„Ob ich das verstehe, Kind! Bin doch auch eine Frohnstainer, habe doch auch einmal eine Künstlerin werden wollen, aber meine Mutter war etwas hausbacken, sie mochte das Gefiedel nicht. Vielleicht war mein Talent aber auch nicht groß genug, sonst hätte es sich wohl trotzdem durchgerungen.“
Die letzten Worte hatten etwas Ergebenes, und ihr Lächeln war verschwunden. Doch gleich war es wieder da. „Ich bin glücklich, daß du eine große Künstlerin geworden bist und daß ich deine Erfolge miterleben darf. Und nun spiele, Kind, übe, ich höre dir von nebenan zu.“
Sie brachte der Tochter die Geige und ging dann aus dem Salon wieder zurück ins Nebenzimmer, in die Schlafstube, in der sie mit ihrer Tochter gemeinsam schlief während des viertägigen Aufenthaltes in Amsterdam, wo Ulli zwei Konzerte gegeben.
2.
Mynheer Willem van Xanten war außer sich vor Aerger. Als er heute den Weg zu der Geigerin angetreten, hatte er ganz sicher geglaubt, sie würde ihm die so heiß begehrte Geige verkaufen. Er hatte sich ja vorgenommen, eine unerhört hohe Bezahlung dafür zu bieten, und er hatte die Summe, die er sich als äußersten Preis vorgenommen, im Eifer des Besitzenwollens noch um das Doppelte erhöht. Er hatte der Geigerin schließlich sogar seine Hand angeboten, aber alles war umsonst gewesen, die hochmütige blonde Geigenprinzessin hatte glatt gedankt und ihm die Geige verweigert.
Hölle und Teufel, er war es nicht gewohnt, sich Wünsche zu versagen.
In Mailand, wo er sich gerade befand, hatte er Ulli Gregorius zum erstenmal spielen gehört, hatte in einer Kritik dort erwähnt gefunden, daß sie eine Frohnstainer Geige spiele! Eine Frohnstainer! Schon lange hatte er sie für seine Geigensammlung begehrt. Also schrieb er sofort an Ulli Gregorius und machte ihr ein großzügiges Angebot für die Geige. Sie antwortete höflich ablehnend. Nun wagte er einen Besuch, es war kurz vor ihrer Abreise nach Paris, brachte seinen Wunsch mündlich vor.
Ulli Gregorius aber bedauerte, ihm den Wunsch nicht erfüllen zu können, und reiste ab. Er reiste ihr kurz entschlossen nach. Reiste ihr nach Paris nach und nach Brüssel. Saß in ihren Konzerten, berauschte sich an dem wundersamen Klang der Frohnstainer Geige, erhöhte seine Angebote mündlich und schriftlich und folgte Ulli Gregorius nach Amsterdam, wo er wohnte. Er, der niemals an eine zweite Ehe gedacht, weil seine erste so mordsöde und unerfreulich gewesen, er, der ein Junggesellenleben ganz nach seinem Geschmack führte, hatte sogar das Opfer seiner Freiheit bringen wollen, um mit Hilfe des Eheringes zu der heftig begehrten Geige zu gelangen, und hatte sich einen Korb geholt.
Beim Himmel, wozu hatte er denn sein vieles Geld, wenn er sich nicht einmal seinen größten Wunsch damit erfüllen konnte? Eine Frohnstainer Geige war sein heißer Wunsch seit Jahr und Tag. Und niemals hatte er eine aufspüren können, nur gelesen hatte er darüber. Die wenigen Meisterwerke Josef Frohnstainers befanden sich im Besitz von Menschen, die sie nicht verkauften und nicht zu verkaufen brauchten. Hinter denen keine Not stand. Er hatte in Erfahrung gebracht, eine der Geigen besaß ein englischer Herzog, der mit dem englischen Königshause nahe verwandt war, eine andere zierte die Instrumentensammlung eines rheinischen Kohlengewaltigen, eine dritte lag in einem Pariser Museum, und eine weitere hatte ein Multimillionär über das große Wasser mitgenommen. Die Spuren sonstiger Meisterwerke aus Josef Frohnstainers berühmter Werkstätte am Fuße des Karwendelgebirges waren verweht. Die einzige, Willem van Xanten erreichbar scheinende Frohnstainer Geige gehörte Ulli Gregorius, und gerade diese Geige schien am unerreichbarsten.
„Eigensinniges Weibsbild!“ brummte Willem van Xanten vor sich hin, nachdem er das Auto bestiegen, das vor dem Hotel gewartet hatte, in dem die deutsche Geigerin wohnte. Willem van Xanten drückte sich fest in die Polster, und während die Limousine leicht dahinflog, blickte er zum Fenster hinaus, dachte wütend, daß er trotz seiner bombastischen Worte, die er vor dem Gehen Ulli Gregorius entgegengeschleudert, eigentlich völlig machtlos war, seinen Willen durchzusetzen, daß er sich würde fügen müssen und auf die Geige verzichten. Damit schwand aber auch die Hoffnung, überhaupt jemals eine Frohnstainer Geige sein Eigen zu nennen, darüber war er sich klar.
Ganz übertrieben und albern bombastisch kamen ihm jetzt die Worte vor, die er Ulli Gregorius zugerufen. Lachen mußte sie ja, wenn sie daran dachte, daß er sich wütend gebrüstet: Ich bin mächtiger als Sie, und wenn Willem van Xanten etwas will, verschafft er es sich. Auch die Frohnstainer Geige wird mein Eigentum werden. Mit oder ohne Ihre Zustimmung! Eine törichte Redensart blieb das, die ihm der Zorn entrissen. Machtlos war er wie ein ganz kleiner Niemand, machtlos wie ein Bettler.
Tiefe Falten lagen auf seiner Stirn, und obwohl er sich seiner Machtlosigkeit bewußt war und die Unmöglichkeit einsah, sich gegen den Willen der Geigerin in den Besitz der Frohnstainer zu setzen, kreisten seine Gedanken doch immer von neuem um denselben Punkt, versuchten immer wieder einen Plan auszuhecken, wie es sich vielleicht doch ermöglichen ließe, seinen Willen durchzusetzen.
In der Nähe des Reichsmuseums, in einer sehr stillen kurzen Straße, befand sich sein Haus, eine große weiße Villa mit seitlicher Einfahrt. Rückwärts lag ein Hof, dem Rasen und ein Springbrunnen ein vornehmes Aussehen gaben, und von dem Hof führte eine kleine Freitreppe in das Haus.
Er ging sofort in sein Arbeitszimmer. Er hatte erst in sein Büro am Hafen fahren wollen, aber alle Arbeitslust war ihm vergangen, und schließlich, im Büro fehlte er nicht allzusehr, sein Sohn leitete ja alles in seinem Sinne.
Als Sechzehnjährigen hatte er ihn schon an die Arbeit in sein Kontor gesetzt, mit zwanzig ihn mitreisen lassen auf den Frachtdampfern nach Java, Ceylon und Formosa. Mit fünfundzwanzig hatte er ihn zum Leiter seines Geschäftshauses in Surinam ernannt und zwei Jahre später zum Mitinhaber des Stammhauses hier in Amsterdam. Sein Sohn war geschäftlich der zuverlässigste Mensch der Welt. War es überhaupt, und er war stolz auf ihn. Sie hatten sich auch immer ausgezeichnet verstanden, lebten jetzt wie gute Kameraden zusammen. Nur wünschte er, Jan solle heiraten. Aber Jan zeigte, keine Eile, er war den Frauen gegenüber ziemlich kühl und zugeknöpft. Ihm aber lag daran, einen Enkel zu haben, denn es mußte doch wieder einer da sein, der einmal das große Erbe der Xantens übernehmen konnte. Immer hatten die Xantens einen Sohn gehabt, nur einen einzigen, aber der war gesund und kräftig gewesen und tüchtig, hatte das Erbe der Väter noch gemehrt.
Willem van Xanten saß an seinem Schreibtisch und dachte schon wieder an die Frohnstainer, als sich das Telefon meldete.
Eine Frauenstimme sagte: „Ich möchte Mynheer van Xanten sprechen.“
Es war in korrektem Holländisch gesprochen, aber mit ganz leichtem Anklang, der die Ausländerin verriet. Flüchtig durchzuckte es den Handelsherrn, es wäre vielleicht die Stimme von Ulli Gregorius. Die Hoffnung meldete sich, die Künstlerin könne sich eines anderen besonnen haben. Er wäre noch gern zu allem bereit. Bereit, ihr eine Viertelmillion auszuzahlen oder sie zu seiner Gattin zu machen.
Doch schon im nächsten Augenblick zerrann die Hoffnung, Ulli Gregorius konnte ja kaum ein paar Worte der holländischen Sprache, und er hatte sich mit ihr in deutscher Sprache unterhalten, die er fließend beherrschte.
Er antwortete in den Apparat hinein: „Hier ist Willem van Xanten selbst am Telefon. Wer ist dort?“
Wahrscheinlich handelte es sich um eine Dame der hiesigen Gesellschaft und eine Familieneinladung.
Die Frauenstimme sagte wie in höflicher Bitte: „Kann ich Sie persönlich sprechen, Mynheer? Es handelt sich um etwas für Sie sehr Wichtiges.“
Er stellte die Gegenfrage: „Darf ich wissen, mit wem ich spreche?“
Es war ihm, als höre er ein ganz leises Lachen. Ganz sicher aber war er dessen nicht. Die Antwort kam: „Mein Name ist vorerst noch unwichtig, Mynheer van Xanten, nur betonen möchte ich, das, was ich mit Ihnen besprechen möchte, hängt mit einem Gegenstand zusammen, an dessen Besitz Ihnen sehr viel gelegen ist. Er ist hellbraun und hat eine wunderbare Stimme.“
Er fragte atemlos vor jäher Erregung: „Sie meinen die Frohnstainer Geige?“
Wieder klang es wie ein leises, fernes Lachen an sein Ohr, dann sagte die Frau, jede Silbe durch die Art der Betonung unterstreichend: „Sie haben es erraten, Mynheer. Also, wann und wo kann ich Sie, aber heute noch, sprechen? Ich schlage vor, wir treffen uns im Café Potter.“
Er war jetzt der festen Meinung, die Sprecherin wäre die Mutter von Ulli Gregorius, die er bei seinen Besuchen in Mailand und Paris, als er die Künstlerin aufgesucht, flüchtig gesehen. Weshalb sollte sie nicht zufällig gut holländisch sprechen können?
Wahrscheinlich hatte sie der Tochter klargemacht, daß man solche Angebote wie die seinen als vernünftiger Mensch nicht ausschlagen darf. Vielleicht wollte sie auch zunächst hinter dem Rücken der Tochter mit ihm verhandeln.
Er antwortete: „Ja, im Café Potter wird es am besten sein. Es gibt da allerlei Plätze, wo man sich ungestört unterhalten kann. Wann darf ich Sie dort erwarten?“
„Mir ist jede Stunde recht.“
„Auch wenn ich Sie bitte, sofort zu kommen?“ fragte er.
„Ich bin in einer halben Stunde dort“, gab die Frauenstimme zurück. „Als Erkennungszeichen trage ich zwei weiße Nelken am Jackenaufschlag.“
Er sagte noch hastig: „Ich werde pünktlich sein. Jetzt ist es gerade ein Viertel vor zwölf, um ein Viertel nach zwölf bin ich im Café Potter.“
Er legte den Hörer auf die Gabel und rieb sich die Hände. Fein war das, großartig war das, nun durfte er wieder hoffen, sogar stark hoffen. Sein heutiger Gang zu der dickköpfigen Geigerin war also doch nicht erfolglos geblieben. Jetzt suchte man ihn, das Blatt hatte sich zu seinen Gunsten gewendet.
Er klingelte dem Diener, trug ihm auf, der Haushälterin zu melden, wenn er bis zwei Uhr nicht zurück wäre, solle sein Sohn mit dem Essen nicht auf ihn warten, er speise dann unterwegs. Es konnte schließlich eine lange Unterredung werden, dachte er.
Nachdem er sich in seinem Schlafzimmer noch ein wenig zurechtgemacht, verließ er sein elegantes Heim. Er wollte zu Fuß gehen. Ein bißchen Bewegung würde ihm gut tun. Mehr als eine halbe Stunde brauchte er für den Weg nicht.
Das Café Potter war stadtbekannt. Am Tage trug es einen sehr gediegenen Charakter zur Schau, der sich gegen Abend in einen etwas leichtsinnigeren verwandelte, sich aber trotzdem immer in den Grenzen der Anständigkeit hielt. Abends spielten die besten Kapellen bei Potter, und die reizendsten Weiberchen tauchten dort auf, um ihr neuestes Abendkleid nach dem Kabarett, Theater oder Konzert zu zeigen.
Ehe Willem van Xanten durch die breite Drehtür eintrat, sagte er sich noch einmal, es war bestimmt Frau Gregorius, die ihn erwartete.
Der Page an der Drehtür grüßte mit einem Ausdruck von Hochachtung. Willem van Xantens kräftige Figur, sein markantes, herrisches Gesicht kannte man in ganz Amsterdam.
Um diese Zeit waren die Gasträume fast leer, nur einige Pärchen saßen in den Ecken, flüsterten miteinander und freuten sich der Leere.
Langsam ging der Kaufherr durch die verschiedenen Abteilungen, und er suchte unwillkürlich nach der Mutter von Ulli Gregorius, an deren Aussehen er sich deutlich erinnerte. Was nicht schwer war, da sich Mutter und Tochter stark ähnelten.
Er betrat zuletzt einen kleineren Raum, in dem nur eine junge elegante Dame saß, und dachte ein wenig verstimmt, pünktlich war die gute Frau nicht. Er wollte den Raum schon wieder verlassen, als ihn ein diskretes Hüsteln zwang, noch einmal zu der jungen Dame hinüberzublicken, und nun bemerkte er auch am Aufschlag ihres dunkelblauen Jäckchens zwei weiße Nelken.
Also hatte er sich geirrt, als er Frau Gregorius zu finden erwartet, aber sicher war die Dame eine Abgesandte von ihr oder der Geigerin selbst.
Er ging auf den in der entferntesten Ecke stehenden Tisch zu und fühlte sich ein wenig befangen, wie ihm ein charmantes Lächeln der Fremden entgegenkam. Ein Lächeln der roten Lippen, ein Lächeln der großen schwarzen Augen. Er stand nun am Tisch, verneigte sich, nannte ganz leise seinen Namen.
Er hatte mit einem Male, er wußte selbst nicht warum, ein etwas peinliches Gefühl. Die Dame war sehr hübsch. Wohl waren ihre Züge unregelmäßig, aber von einer entzückenden Unregelmäßigkeit. Die Nase war sehr gerade, nur etwas zu kurz, das Kinn vielleicht zu klein, auch spannte sich die leicht gelblich gepuderte Haut etwas zu straff über den Backenknochen. Das gab dem Gesicht einen leicht asiatischen Anstrich, was die schmalen, nach den Schläfen hochgezogenen Brauen noch unterstützten. Aber alles in allem war die schmale Dame auffallend interessant. Besonders, wenn sie wie jetzt lächelte und köstliche Zähne hinter den gefärbten Lippen aufblitzten.
Sie sagte: „Nehmen Sie, bitte, Platz an meinem Tisch, Mynheer van Xanten, und wenn Sie Ihre Bestellung gemacht haben, wollen wir von der Frohnstainer Geige reden.“
Die Worte ‚Frohnstainer Geige‘ verscheuchten die seltsame Befangenheit, die sich seiner beim Anblick der fremden Dame bemächtigt, und er setzte sich, gab dem diensteifrig herzueilenden Kellner den Auftrag, ihm eine Tasse Kaffee zu bringen.
„Sobald der Kaffee vor Ihnen steht, beginne ich“, lächelte sie, als spüre sie, wie sehr er darauf wartete, zu hören, was sie ihm zu sagen hatte.
Er verneigte sich leicht im Sitzen. „Wie Sie wünschen, meine schöne Unbekannte.“
Sie lächelte weiter.
„Ich heiße Georgette de Martin, stamme aus Brüssel und halte mich nur vorübergehend hier auf.“
Er dachte, Georgette de Martin war sicher eine Künstlerin, eine Bekannte von Ulli Gregorius und von ihr geschickt worden.
Der Kellner brachte den Kaffee, entfernte sich wieder, und Georgette de Martin sagte halblaut: „So, nun können wir unser Thema besprechen.“ Sie spielte mit den kostbaren Ringen an ihrer Rechten. „Mynheer van Xanten, ich wohne im selben Hotel wie die Geigerin Gregorius und bewohne sogar ein Zimmer neben ihr. Ich muß Ihnen zu meiner Schande gestehen: mein größter Fehler ist die Neugier. Als ich heute vormittag eine ziemlich lebhafte Unterhaltung nebenan hörte, lauschte ich am Schlüsselloch, und weil ich Deutsch verstehe, erfuhr ich bald, um was es ging. Sie wollten die Frohnstainer Geige der Künstlerin kaufen und boten hohe, nein, fürstliche Preise dafür —“
Wilhelm van Xantens Züge hatten sich verdüstert. Also es handelte sich um keine Abgesandte von Ulli Gregorius. Diese etwas überelegante Dame hatte wohl nur auf raffinierte Weise die Bekanntschaft eines reichen Mannes machen wollen. Uebrigens war ihr Geständnis, seine Unterhaltung mit der Geigerin belauscht zu haben, reichlich dreist.
Er wollte etwas ärgerliches äußern, doch schien sie das zu ahnen, denn sie lächelte so bestrickend wie möglich: „Hören Sie mich, bitte, erst zu Ende, Mynheer van Xanten, ich glaube nämlich, bald werden Sie ein freundlicheres Gesicht machen. Also, ich erlauschte Ihre großzügigen Angebote und begriff Ihre Generosität einfach nicht, weil ich zufällig einen Herrn hier in Amsterdam kenne, der durch die schlechten Zeiten in Not geraten ist und gern seine Frohnstainer Geige — sie ist so echt wie die der Gregorius — verkaufen möchte. Dem brauchen Sie keine Viertelmillion bieten, für fünfzigtausend Gulden bar auf den Tisch gibt er sie Ihnen, und wenn Sie dann für meine Vermittlung noch ein paar tausend Gulden spendieren würden, wäre das Geschäft perfekt!“
Die Neuigkeit verschlang Willem van Xanten fast den Atem. Es wurde ihm, der sich seit Jahren bisher vergebens darum bemüht hatte, plötzlich Gelegenheit geboten, eine Frohnstainer Geige zu kaufen, und nicht einmal zu teurem Preis. Der Zufall, der da in seinen heißesten Wunsch hineinspielte und ihm helfen wollte, war wirklich einer von den ganz seltenen Zufällen, an die man nicht recht glaubt, wenn man sie nicht selbst erlebt.
Mißtrauen war plötzlich da, ließ sich nicht verscheuchen. Er zuckte leicht die Achseln.
„Frohnstainer Geigen sind sehr dünn gesät, meine Gnädige, und ich fürchte, der jetzige Besitzer der angeblichen Frohnstainer hält irgendein anderes, wahrscheinlich sogar gutes Instrument für die Arbeit des deutschen Geigenbauers Josef Frohnstainer.“
Georgette de Martin schüttelte den Kopf.
„Die Geige ist echt! Sind Sie sicher, eine Frohnstainer erkennen zu können, Mynheer?“
Er bejahte lebhaft: „Das will ich meinen. Ich kenne die Frohnstainer Arbeit genau. Sie hat bestimmte Merkmale. Sowohl äußerlich als auch im Ton, da würde mir so leicht niemand ein X für ein U vormachen. Außerdem kenne ich hier einen alten Geigenbauer, der selbst kein besonderer Violinspieler ist, aber eine fabelhafte Kenntnis der Meisterbauer hat.“
Sie nickte. „Das paßt ja großartig! Doch nun geradeheraus, Zeit ist Geld, und Geschäft ist Geschäft! Hätten Sie Lust zum Kauf zu den von mir vorhin genannten Bedingungen? Ich möchte erstens dem armen früheren Künstler helfen und zweitens eine Vermittlerprovision verdienen. Ich bin nicht unvermögend, aber das Leben ist teuer, und man möchte doch immer mit der Mode Schritt halten. Sie verstehen?“
Sie lächelte wieder, und er lächelte zurück. Die schmale, gepflegte Dame war wenigstens ganz ehrlich. Er verstand vollkommen und antwortete: „Selbstverständlich habe ich Lust zum Kauf, und wenn Sie glauben, der Geigenbesitzer ist mit dem von Ihnen vorgeschlagenen Preis einverstanden, ist mir der Preis sehr genehm. Ich biete Ihnen als Vermittlungsgebühr aber noch zehntausend Gulden; denn wenn die Geige echt ist, haben Sie mir den größtmöglichen Gefallen erwiesen.“
Sie neigte leicht den Kopf. „Ich nehme Ihr Angebot an, Mynheer, bitte Sie aber, ehe der Kauf abgeschlossen, zu niemand darüber zu sprechen, weil man, so sicher ich meiner Sache auch zu sein glaube, schließlich doch nicht wissen kann, ob der Herr, oder einfacher, ob mein Freund die Geige hergibt.“
Willem van Xanten, der noch eben die Echtheit der Geige angezweifelt, war inzwischen zu der Ansicht gekommen, die Geige würde echt sein, und er fragte erschrocken: „Sie waren doch vorhin fest überzeugt, der Herr, ich meine Ihr Freund, würde die Geige verkaufen, weil er sich zur Zeit in Not befindet?“
Georgette de Martin erwiderte leise, und es klang beruhigend: „Ich denke ja auch noch ebenso, aber man muß schließlich alles erwägen. Für alle Fälle rate ich Ihnen, bares Geld bereit zu halten, die volle Kaufsumme. Auch das mir zugedachte. Sie wissen, bares Geld lacht! Bringen Sie Ihren Sachverständigen einfach mit, wenn es so weit ist. Ich gebe Ihnen in allerkürzester Zeit Nachricht. Ich muß natürlich erst mit meinem Freund sprechen. Ich rufe Sie telefonisch an. Wahrscheinlich übermorgen.“
Er war jetzt wieder ganz Begierde und sah sich schon im Besitz der heiß ersehnten Frohnstainer.
Sie wiederholte: „Ja, wahrscheinlich rufe ich Sie übermorgen früh an, vielleicht auch schon morgen abend, es kommt darauf an. Halten Sie sich morgen abend und übermorgen früh zu Hause.“
Sie lächelte wieder, und er fand sie bildhübsch, nur schien es ihm jetzt, sie wäre doch nicht mehr ganz so jung, wie er sie anfangs geschätzt. Für ein junges Mädchen anfangs der Zwanziger hatte er sie gehalten, jetzt aber fand er, sie mußte schon an der Schwelle zu den Dreißigern stehen. Ganz winzige Fältchen drängten sich um die Augen durch den zarten Puder.
Sie machte eine Bewegung, sich zu erheben. „Ich muß gehen, Mynheer van Xanten. Meinen Kaffee habe ich vorhin gleich bezahlt. Auf Wiedersehen.“
Sie stand auf, grüßte sehr liebenswürdig und durchquerte mit schnellen, aber graziösen Schritten den Raum.
Er rief den Kellner, zahlte und brach auch auf. Er mußte ins Freie, mußte draußen erst ein wenig die Neuigkeit verdauen, daß er vielleicht schon übermorgen eine Frohnstainer Geige sein eigen nennen durfte, ohne das Opfer eines kleinen Vermögens zu bringen oder gar das seiner Freiheit.
Er hätte gern seinem Sohn davon erzählt, aber die Dame hatte ihn gebeten, noch zu schweigen, ehe der Verkauf getätigt worden, und sie hatte recht, denn ganz sicher durfte er seiner Sache noch nicht sein.
3.
Zwei Tage später, schon gegen neun Uhr vormittags, meldete sich das Telefon bei Willem van Xanten.
Er zuckte zusammen. Sollte das Georgette de Martin sein? Ganz nervös war er schon vor lauter Erwartung. Ihm war zumute wie einem Kind vor der Christbescherung, wie einem Kind, das freudig auf reiche Gaben hofft und trotzdem bangt, gar nichts zu erhalten.
Er nahm den Hörer zur Hand. Richtig, die Frauenstimme von neulich klang auf, meldete: „Mein Freund ist vollkommen mit den von mir gemachten Vorschlägen einverstanden und bittet Sie ihn zu besuchen. Wenn Sie wünschen in Begleitung Ihres Sachverständigen.“ Sie gab eine Adresse an in einer vornehmen Straße, fuhr fort: „Ich werde mich mit Ihnen zusammen einfinden, da ich ihn nicht allein besuchen möchte. Wann können Sie kommen? Ich warte dann unten vor der Tür.“
Er gab zurück: „Ich sprach schon mit dem Geigenmacher, er steht mir zur Verfügung. Ich hole ihn im Auto ab, und wir kommen sofort. Vielen Dank zunächst für Ihre Bemühungen.“
Er stand dann mitten im Zimmer, und ihm war ganz wirbelig zumute. Er murmelte: „Oh, wäre die Geige echt, ich muß eine Frohnstainer haben, ich muß! Der Wunsch nach einer Geige des Meisters, der vor hundertfünfzig Jahren Geigen gebaut, die inzwischen Weltruf erlangten, war bei ihm förmlich zur fixen Idee geworden.
Er rief im Geschäft von Vos an. Der Geigenbauer Barend Vos war sofort bereit. Willem van Xanten überzeugte sich zunächst, daß er das Geld richtig eingesteckt, das er sich noch gestern von der Bank geholt, dann ging er. Eine knappe Stunde danach fuhr er mit seinem Begleiter in einer Taxe vor einem hübschen Mietshause vor.
Eine elegante Dame ging vor dem Hause wartend auf und ab. Willem van Xanten begrüßte sie, stellte ihr Barend Vos vor, und dann stieg man gemeinsam in den zweiten Stock hinauf.
Oben angelangt, klingelte Georgetta de Martin.
Ein Dienstmädchen machte die Tür auf.
„Wir möchten zu Mynheer Boomhuys“, sagte Georgette de Martin.
Das Mädchen bat höflich näherzutreten: Mynheer Boomhuys erwarte die Herrschaften bereits. Ein elegantes Zimmer öffnete sich vor den Besuchern, und ein Herr von tadellosem Aussehen, zwischen fünfunddreißig und vierzig, begrüßte die drei. Georgetta de Martin stellte vor. Er bot Platz an, sage mit einer leichten Traurigkeit in der Stimme: „Verzeihung, daß ich kein liebenswürdigeres Lächeln aufbringe, Mynheer van Xanten, aber ich bin ehrlich traurig, weil ich mich wahrscheinlich von meiner geliebten Geige werde trennen müssen. Ich sage müssen, denn die günstige Gelegenheit, mir dadurch wieder zur Gesundheit zu verhelfen, darf ich nicht vorbeigehen lassen.“ Er ging mit langsamen und schwerfälligem Schritt zu einem Stuhl am Schreibtisch und hielt sich dabei ein wenig an der Wand fest, erklärte: „Ein böses Nervenreißen hatte mich fast lahm gemacht. Alle möglichen Bäder brachten mich schließlich wieder leidlich auf die Beine, aber die Kuren kosten schrecklich viel Geld. Ich bin jetzt in Behandlung eines hiesigen Spezialisten.“ Er ließ sich etwas ungeschickt nieder. „Verzeihung, daß ich so viel von mir sprach, die Geige wird Sie mehr interessieren.“
Willem van Xanten fühlte Bedauern für den hübschen großen Mann, der sich jetzt an die Dame wandte.
„Bitte, liebe Georgette, das Instrument befindet sich dort hinter dem Bücherschrank, bringe esden Herren.“
Gleich darauf stand ein Geigenkasten auf dem runden Mitteltisch, dem Willem van Xanten auf eine dazu auffordernde Bewegung des am Schreibtisch Sitzenden eine Geige entnahm.
Fast zärtlich hielt der große, etwas plumpe Willem van Xanten das kleine Musikinstrument in seinen Händen, das einem Kenner auf den ersten Blick durch die edle Form bewies, daß es etwas Besonderes war.
Von allen Seiten betrachtete Willem van Xanten die Geige, schien vergessen zu haben, daß er sich nicht allein befand. Fast kindlich war jetzt der Ausdruck seines Gesichtes, als wäre da plötzlich ein Glück über ihn gekommen, das er noch nicht fassen konnte, weil es zu groß war. Bis ins kleinste untersuchte er die Geige, sah durch die Schallöcher in das Innere, fand das Zeichen ihres Meisters, erwachte dann wie aus einem Traum, hielt die Geige Barend Vos entgegen, der nur ein kleiner Geigenbauer aus der Prinsengracht war, aber trotzdem vielleicht einer der zuverlässigsten Geigenkenner, die es gab.
Barend Vos untersuchte die Geige viel gründlicher als der Handelsherr, und dann stimmte er sie, spannte den Bogen, begann zu spielen. Er war kein schlechter Spieler und durfte sein Spiel auch vor anderen gut hören lassen.
Ein paar breite Akkorde füllten das Zimmer mit machtvollem Wohlklang, dann jubilierten Läufe auf bis in die höchste Lage, die G-Saite schloß mit herrlichem vollem Celloton.
Ein Lächeln lag auf dem Gesicht van Xantens, ein vollkommen glückliches Lächeln. Es war eine echte Frohnstainer Geige, er zweifelte nicht mehr daran.
Er sah Barend Vos an. Der ließ den Bogen sinken.
„Alle Kennzeichen sind vorhanden, alles, es ist eine echte Frohnstainer, Mynheer van Xanten, oder ich verstehe überhaupt nichts von Geigen.“ Vom Schreibtisch her kam eine müde Stimme: „Die Geige stammt von einem Onkel von mir, er vermachte sie mir, weil ich ihn immer um die Geige beneidet hatte. Sonst vermachte er mir leider nichts. Mein Onkel, Baron Ducreux, besaß ein großes Gut in der Auvergne.“
Willem van Xanten hörte kaum hin, was der Kranke sagte, er sah nur die Geige, ihr köstlicher Wohlklang lag ihm noch im Ohr. Sein Sammlerherz schlug höher. Endlich konnte er eine dieser mit Recht berühmten Frohnstainer Geigen erwerben, endlich war er am Ziel.
Er nahm das Instrument, setzte es ans Kinn und begann zu spielen.
Niemand hätte dem vierschrötigen, geschäftlich als ziemlich rücksichtslos bekannten Mann zugetraut, daß er so spielen könne. Er nannte sich selbst Dilettant, doch sein Können wuchs weit über Liebhaberkunst hinaus durch gründliche Schulung und eine Innigkeit, die in so seltsamem Gegensatz mit seinem Aeußeren stand.
Wie weich war sein Spiel. Verstrickt in die Süße, die das kleine Instrument an Wohlklang zu geben vermochte, lockte Willem van Xanten immer neue Melodienfolgen aus der Geige, und die kleine, schlanke Frohnstainer sang und klang.
Sang und klang so überwältigend, daß der alte Barend Vos den Atem anhielt und staunend dachte, niemals hätte er geglaubt, daß Willem van Xanten so spielen könne, und er hatte ihn doch schon mehrmals spielen gehört. Aber die Kraft kam aus der Geige, der köstlichsten aller köstlichen Geigen.
Endlich ließ Willem van Xanten den Bogen sinken und legte die Geige sanft in ihr Kastenbett zurück.
„Mynheer Boomhuys, ich möchte die Geige kaufen, sie ist zweifellos echt.“
Barend Vos lächelte ein kleines dürftiges Lächeln.
„Vielleicht ist es Ihnen recht, wenn ich mich jetzt empfehle, Mynheer van Xanten, ich darf mein Geschäft nicht länger als nötig meiner Frau überlassen. Sie wissen, Frauen haben morgens allerlei Haushaltungsdinge zu besorgen.“
Willem van Xanten reichte ihm die Hand.
„Herzlichsten Dank, verehrter Mynheer Vos, und bitte, lassen Sie sich nicht länger aufhalten.“
Vos machte den anderen eine kleine Verbeugung und ging. Gleich darauf hörte man draußen die Korridortür einschnappen.
Georgette de Martin sagte leise mahnend: „Mußt du nicht in die Klinik zur Bestrahlung, lieber Freund?“
Mynheer Boomhuys bestätigte es.
„Allerdings, Georgette, aber auf eine kleine Verspätung kommt es wirklich nicht an.“
Willem van Xanten griff nach seiner Brieftasche. „Wenn es Ihnen recht ist, möchte ich die Geige gleich mitnehmen, selbstverständlich, nachdem ich gezahlt habe.“
Boomhuys nickte. „Ich bin sehr froh, daß meine geliebte Geige in gute Hände kommt. Der Abschied wird mir schwer, und deshalb, verzeihen Sie, Mynheer van Xanten, machen Sie ihn kurz.“
Verständnisvoll sah ihn der Handelsherr an. Er begriff vollkommen, wie schwer dem anderen der Abschied von dieser Geige werden mußte. Er zählte ohne Umschweife das Geld auf, fragte Georgette de Martin: „Kommen Sie gleich mit, meine Gnädigste?“
Sie lächelte. „Natürlich“, und ein paar Minuten später befanden sie sich auf der Straße. Georgette de Martin blieb stehen.
„Kümmern Sie sich nicht weiter um mich, Mynheer van Xanten, ich habe noch allerlei Besorgungen. Sie glauben nicht, wie sehr ich mich für meinen armen Freund Boomhuys freue, daß die wertvolle Geige in die richtigen Hände gekommen ist. Jetzt darf ich aber wohl um —“
Er fiel ihr ins Wort: „Verzeihung, fast hätte ich es vergessen.“ Er schob ihr ein Päckchen Scheine zu, die er extra in einen Umschlag gesteckt.
Sie winkte eine Taxe heran.
„Vielen Dank, Mynheer van Xanten, ich werde immer gern an Sie denken.“
Schon stieg sie ein, nannte eine Adresse. Als das Auto sich in Bewegung setzte, winkte sie ihm noch durch das offene Fenster zu, und dann war es ihm, als höre er ein leises Lachen, ganz leise, wie aus weiter Ferne, wie vorgestern am Telefon, als er mit Georgette de Martin zum erstenmal gesprochen.
Verdreht! dachte er ein wenig ärgerlich. Was sollte das Lachen bedeuten, es störte ihn. Hübsch war Georgette de Martin, und vielleicht war er töricht gewesen, sie so einfach wegfahren zu lassen. Es klang doch eigentlich ziemlich ermutigend: Ich werde immer gern an Sie denken! Vielleicht wäre die schöne Freundin des armen Kranken einem kleinen Abenteuer nicht abgeneigt gewesen.
Er drehte sich ärgerlich um und ging die stille Straße hinunter. Man hätte ein Stück zusammen fahren können, dachte er, denn weit und breit war keine Taxe zu sehen. Er ging langsam seines Weges, aber dann fiel ihm die Geige ein, die er trug, und er vergaß darüber alles andere.
Der heutige Tag hatte ihm eine schöne Erfüllung gebracht.
Und nun tauchte auch eine leere Taxe auf. Er ließ halten und fuhr heim.
Willem van Xanten kam noch zu Tisch zurecht. Kurz vor ihm hatte sein Sohn das Speisezimmer betreten, und die Herren begrüßten sich mit kräftigem Händedruck. Jan van Xanten war ebenso groß wie sein Vater, aber seine Figur war schlank, und der Ausdruck seines Gesichts hatte, trotz aller Herbheit, etwas Angenehmes. Seine hellbraunen Augen blickten so kühl wie die seines Vaters, aber sie konnten auch lächeln und verrieten, daß Jan van Xanten warmherzig war, so kaufmännisch kalt er auch schien.
Die Herren nahmen Platz, und der ältere erzählte: „Ich hatte Gelegenheit, eine Frohnstainer Geige zu kaufen, Jan, denke nur. Du weißt doch, so ein Exemplar zu besitzen, ist schon lange mein Wunsch gewesen.“
Der Sohn lächelte. „Da gratuliere ich vielmals, Vater. Also hat die Geigerin, wie heißt sie doch gleich — na, ist ja egal —, dir die begehrte Geige doch verkauft?“
Willem van Xanten schüttelte den Kopf.
„Nein, sie war nicht herumzukriegen, sie hat damit gar nichts zu tun. Dieser Kauf war aber eine ganz ungewöhnliche Angelegenheit, ein wunderbarer und seltener Zufall.“
Jan van Xanten nickte. Mehr über den Zufall zu erfahren, zeigte er kein Interesse, meinte nur: „Um so besser“, und wechselte das Thema. „Höre mal, Vater, wie ist das eigentlich mit der Reederei Steen? Wir müssen uns einigen, die Leute drängen auf Schadenersatz, denn unser Dampfer ‚Klaas II‘ ist ihrem kleinen ‚Delfin‘ böse in die Flanke hineingerannt. Wir müssen schließlich doch zahlen. Wozu sollen wir es also erst auf eine gerichtliche Entscheidung ankommen lassen.“
Damit war das Gespräch von der Geige abgelenkt, und nun war Willem van Xanten ganz Geschäftsmann, die Geige, der endlich erfüllte Wunsch, trat völlig in den Hintergrund.
4.
Ulli Gregorius und ihre Mutter waren Tag und Nacht durchgefahren, hatten unterwegs nirgends haltgemacht, nicht einmal in Berlin, von dem ihr Wohnort nur noch ein knappes Stündchen entfernt war. So kamen sie am nächsten Abend in der kleinen märkischen Stadt an. Am Bahnhof stand Werner Gregorius und winkte Frau und Tochter, die am Abteilfenster standen, froh entgegen. Es war ein wundervoller Frühlingsabend voll herber Frische. Noch lag über dem Himmel ein mattrosiges Leuchten, ein letzter Gruß der Sonne, die zur Ruhe gegangen, und harziger Tannenduft kam vom nahen Wäldchen. Ulli Gregorius sog den Duft tief ein, dachte glücklich: Kleine Heimat, wie froh bin ich, wieder ein Weilchen hier leben zu dürfen!
Der Zug hielt, und Ulli reichte dem Vater zuerst ihren Geigenkasten, den er mit derselben Sorgfalt entgegennahm, mit der sie ihn hinausreichte. Dann kam Handgepäck, und nun erst begrüßte man sich durch Händedruck und Kuß.
Werner Gregorius blickte die Tochter voll Stolz an.
„Mädelchen, die Kritiken, die du mir von unterwegs geschickt, haben mich ganz hochmütig gemacht. Alle, die dich kennen, sind stolz auf dich. Unsere Freunde wollten dich zusammen abholen, sogar mit Gesang solltest du empfangen werden, aber ich habe energisch protestiert und es dann auch fertig gebracht, daß man dich wenigstens zunächst in Ruhe läßt.“
Man ging langsam dem Ausgang zu, und ihren Geigenkasten trug Ulli wieder selbst. Viele Einheimische grüßten. Ulli war sehr beliebt im Städtchen, weil sie trotz des Ruhmes, den ihre jungen zwanzig Jahre schon erworben hatten, ein einfaches und liebes Menschenkind geblieben war. Draußen bestieg man ein Auto, und während der Heimfahrt hielt der Vater die Hände der ihm gegenübersitzenden Ulli fest in seinen Händen. Sie erzählte ihm von Willem van Xanten und seinem Angebot, lachte silberhell. „Denk nur, Vater, was für eine ungebildete Person dein Mädel ist. Schlägt nicht nur eine Viertelmillion holländische Gulden aus, sondern auch einen Mann, so schwerreich ist, daß wir soviel Reichtum gar nicht ganz begreifen.“
Werner Gregorius, ein schmaler, schon grauhaariger Mann mit klugen, freundlichen Zügen, stimmte in das Lachen ein.
„Gottlob, Mädel, daß dich der Mammon nicht zu reizen braucht. Verdienst ja schon selbst schrecklich viel Geld und hast es wirklich nicht nötig, deine geliebte Frohnstainer zu verschachern. Aber es imponiert mir doch, wie hoch dieser Holländer die Frohnstainer einschätzt.“
Das Auto fuhr langsamer eine etwas ansteigende Straße hinauf und hielt bald. Ganz nahe dem Walde lag das Häuschen, in dem man allein wohnte. Suse stand vor der Tür, die alte, weißhaarige Suse, die eigentlich zum Haus gehörte. Sie war schon bei den Eltern von Werner Gregorius unentbehrliches Faktotum gewesen. Ulli umarmte die Alte, die kürzlich siebzig geworden, und ging an ihrem Arm ins Haus.
Die Alte schüttelte den Kopf.
„Bist ja eine Weltreisende und so was wie ein Wundertier geworden, Ulli; ich weiß gar nicht recht, ob ich überhaupt noch du zu dir sagen darf. Eigentlich gehört es sich wohl nicht mehr?“
Ulli lächelte jungmädchenhaft froh.
„Wir beide behalten uns lieb, Suse, und wir beide sagen du zueinander, und wenn ich Kaiserin von Abessinien werden sollte.“
In ihrem hübschen Zimmer stand Ulli und atmete tief auf. Oh, wie froh war sie, wie zufrieden. Schön und berauschend waren ihre Erfolge gewesen draußen in der großen Welt; aber herrlich war es auch, nach langen Wochen wieder daheim ausruhen zu können. Ausruhen! Sie hob die Arme und streckte sie aus, als wollte sie etwas umarmen. „Heimat, liebe Heimat!“ sagte sie leise. Wie eine Liebkosung klang es.
Sie ging an den Waschtisch, machte sich schnell etwas zurecht. Sie war müde von der ununterbrochenen Fahrt von Amsterdam bis hierher; gleich nach dem Abendessen wollte sie sich schlafen legen. Sie hatte ihr Gesicht gewaschen, nun bürstete sie über das kurzgeschnittene, von Natur lockige Haar, und dann ging sie zur Tür. Sie mochte den Vater nicht zu lange warten lassen, er war ja so lange, so lange allein gewesen.
Und unten im Wohnzimmer, in dem man auch die Mahlzeiten einzunehmen pflegte, saß Werner Gregorius, der Zeichen- und Musiklehrer an der Ersten Städtischen Bürgerschule, und wartete auf das Erscheinen seiner Tochter wie ein verliebter Gymnasiast auf das Erscheinen der Geliebten zum ersten Stelldichein. Er vergötterte sein talentiertes Kind und war unsagbar stolz auf sie, die den Ruhm unter das Dach seines einfachen kleinen Häuschens getragen. Er dachte, wenn Ulli gewollt, hätte sie die Frau eines steinreichen Amsterdamer Handelsherrn werden können. Er lächelte vor sich hin. Wie einfach und bescheiden war sein Leben verlaufen. Er war, wie selbstverständlich, in die Fußtapfen seines Vaters getreten, der vor ihm Zeichen- und Musiklehrer an der Ersten Städtischen Bürgerschule gewesen. Ein Mann ohne Ehrgeiz. Oder doch nicht? Hatte im Vater vielleicht in jungen Jahren heimlich derselbe Ehrgeiz gebrannt, den auch er kannte. Ein Ehrgeiz, der viel begehrt und träumt und dann plötzlich schmerzhaft klar und wehetuend einsieht, daß er gar keine Berechtigung dazu hat. Gar keine. Ein bißchen Klavierspiel, ein korrektes, braves Geigenstreichen, ein paar Kompositionen, die jeder Musikverleger zurückschickt, berechtigen zu keinem Ehrgeiz. Er hatte das durchgemacht und vielleicht auch der Vater, an dem er sich als einen stillen, etwas menschenscheuen Mann erinnerte.
Werner Gregorius nickte vor sich hin. Auch seine Frau, die als Gouvernante und Musiklehrerin im Hause der Gräfin Langer in die kleine Stadt gekommen, hatte früher Ehrgeiz gehabt. Sie spielte nett Geige, aber nur nett, und das hatte natürlich längst nicht gereicht, die Hand nach dem Ruhmespreis auszustrecken. Er murmelte: „Kleinzeug waren wir alle, nur Ulli ist groß, nur Ulli wird eine ganz Große!“
Die Tür öffnete sich, und Ulli, an die er so sehnsüchtig wie ein verliebter Gymnasiast dachte, trat ein, war schon bei ihm, setzte sich neben ihn auf das kleine, schon ein wenig niedergesessene Sofa, das sie sehr liebte und sich dagegen verwahrte, daß es durch ein anderes ersetzt würde.
Sie legte die Arme um den Hals des Vaters.
„Hör mal gut zu, was ich herausgefunden habe, Vater. Nämlich das: Die Welt ist überall interessant und schön, und ich kam mir unglaublich wichtig vor, weil ich in Mailand und Rom, in Paris und Gott weiß wo noch herumspazieren und mich feiern lassen durfte, aber hier ist’s doch am schönsten, hier in unserem kleinen Erdenwinkel, von dem die da draußen, mitten in der lautesten Welt, gar keine Ahnung haben.“
Er drückte sie zärtlich an sich.
„Mädelchen, magst recht haben, aber begehrenswert ist es doch, die Welt sehen zu dürfen, wo sie am lautesten ist. Die Lose fallen verschieden, du hast das Glück, Kind, daß dir beides gehört, die laute Welt, die Fremde und die kleine Heimat, der Hafen.“
Frau Gregorius kam, und dann erschien Suse, sagte wichtig: „Ich schicke jetzt das Essen herein, es ist alles fertig!“
In dieser Nacht schlief Ulli wundervoll, wie eingewiegt von sanften Händen. Sie hatte die Fenster ein wenig offen gelassen, und die Luft vom nahen Eichenwald zog in das Zimmer und erquickte die müde Schläferin. Aber gegen Morgen flog wie ein düsterer großer Falter ein Traum durch das geöffnete Fenster. Vielleicht kam es vom höher gelegenen Wald, der nachts so finster war, und in dem wohl die bedrängenden bösen Träume hausen.
Ulli Gregorius träumte, sie befände sich in ihrem Zimmer, und auf dem großen Tisch mit der buntgeblümten hübschen Kretonnedecke stände ihr Geigenkasten aus gelbbraunem Leder, der ihren kostbaren Schatz enthielt. Sie blickte darauf hin, und da erschien plötzlich eine Hand, die sich wie gierig durch die Luft vorwärts bewegte, wie ein kleines gefährliches Raubtier. Die Hand näherte sich dem Kasten, glitt mit krallig gebogenen Fingern dicht an den Kasten heran.
Sie wollte schreien: Fort, fort! Sie wollte nach der Hand schlagen und fühlte verzweifelt, sie besaß nicht die Kraft dazu. Sie vermochte kein Glied zu rühren, und ihr Mund blieb stumm, so sehr sie sich auch abmühte, wenigstens einen einzigen Hilfeschrei auszustoßen. Und nun muß sie stumm, wie gefesselt, zusehen, wie die gierige Hand den Kasten öffnete und unter der golddurchwirkten rotsamtenen Geigendecke ihren kostbaren Schatz herausnahm und sich damit durch die Luft zurückbewegte wie ein widerlicher Skorpion. Deutlich sah sie die Finger der Hand, die einem Manne gehören mußte, deutlich sah sie an dem Goldfinger einen sehr breiten Ring mit zwei Brillanten, die einen etwas größeren Rubin flankierten. Plötzlich war die Hand, die einem vielbeinigen eklen Tier glich, verschwunden und mit ihr die Frohnstainer Geige, eines der hervorragendsten Meisterwerke Urgroßvater Frohnstainers, die ihre Mutter mit in die Ehe gebracht.
Ulli erwachte mit starkem Herzklopfen und atmete tief und froh, weil alles nur ein Traum gewesen, ein Alpdruck. Man hatte gestern zu spät und schwer gegessen. Sie dachte: Träume kommen aus dem Magen.
Sie lächelte. Da drüben auf dem großen Tisch stand der mit gelblichbraunen Leder überzogene Geigenkasten, und ihre Frohnstainer schlief sanft und behütet unter der golddurchwirkten rotsamtenen Geigendecke. Ihr Zimmer war verschlossen, und der Traum war sehr dumm.
Sie streckte sich wohlig. Wie herrlich, endlich wieder einmal daheim zu erwachen! Eine Kirchenuhr schlug siebenmal. Ulli zählte mit. Sie überlegte, sie wollte bald aufstehen und später einen Spaziergang durch den geliebten heimatlichen Wald machen. Darauf hatte sie sich unterwegs in letzter Zeit schon oft gefreut. Sie döste noch ein wenig zur Decke empor, dann erhob sie sich. Sie war keine Freundin vom langen Herumliegen im Bett nach dem Erwachen.
Belustigt dachte sie jetzt an ihren Traum, und sie meinte, die Hand, die sie im Traum erschreckt, deutlich vor sich zu sehen.
Sie begab sich nebenan in das kleine Badezimmer, das sie sich nach den ersten erfolgreichen Konzerten in dem alten Häuschen hatte anlegen lassen, und duschte sich energisch ab. So, nun war sie vollkommen frisch. Schnell in das einfache graue Jackenkleid geschlüpft und hinunter zum Frühstück. Um halb acht wurde gefrühstüdckt, eine Viertelstunde später mußte der Vater in die Schule gehen, um zum Unterricht zurechzukommen.
5.
Ulli Gregorius schloß ihre Tür auf, aber ehe sie ihr Zimmer verließ, sah sie sich noch einmal nach dem Geigenkasten um. Ihr Blick glitt zärtlich über das ein wenig abgegriffene Leder des Kastens. Sie ging zurück, weil ihr einfiel, seit Amsterdam hatte sie ihre geliebte Frohnstainer eigentlich nicht mehr richtig gesehen. An der Grenze hatte sie den Kasten nicht einmal aufzumachen brauchen, und die Geige verdiente wirklich ein kleines Streicheln. Ihre Geige, ihre beseelte kleine Geige.
Sie öffnete den Kasten, zog sacht die golddurchwirkte rotsamtene Decke weg, aber dann stockte plötzlich ihr Atem, und sie riß die Geige hoch, betrachtete sie mit entsetzten Augen. Die Geige hatte zwar eine ähnliche Farbe wie die ihre, war aber von plumpem und gewöhnlichem Aussehen. War eine armselige billige Geige von widerliche Neuheit. Sie roch noch förmlich nach Lack. Wie täppisch die Wirbel in dem etwas eckigen Kopf steckten und wie rauh der Rand schien.
Sie starrte die Geige an, drehte sie immer wieder zwischen den Händen herum, als erhoffe sie davon eine Verwandlung der Geige. Sie begriff nichts, gar nichts. Wie betäubt war sie. Aber dann, mit einem Male, kam es ihr voll zum Bewußtsein, daß ihre Frohnstainer Geige weg war und man sie durch ein häßliches neues Instrument ersetzt hatte. Ulli Gregorius schrie laut und gellend auf. Wie ein Mensch in Todesnot.
Eine Minute später stürzten schon Werner Gregorius und seine Frau zur Tür herein. Suse war mit dem kleinen Dienstmädel, das man ihr seit kurzem zur Haushilfe beigesellt, auf den Wochenmarkt gegangen.
Ulli stand kreidebleich mitten im Zimmer und rief den Eltern das Schreckliche, das Unfaßbare entgegen. Sie zitterte an allen Gliedern und hielt die häßliche neue Geige mit spitzen Fingern hoch, als schäme sie sich, so etwas anzufassen.
Werner Gregorius sagte sanft: „Nun werde vor allem erst ruhig, liebes Kind, die Sache ist ja sehr, sehr sonderbar, aber wenn du ruhig geworden, erinnerst du dich vielleicht an irgend etwas, wodurch man dem Dieb auf die Spur kommen könnte.“ Er nahm ihr sacht das kleine Geigenscheusal aus der Hand legte es auf den Tisch. „Heute brauche ich erst um zehn Uhr fort, also haben wir genügend Zeit, uns über die rätselhafte Sache zu unterhalten. Komm hinunter, Ulli, Kaffee trinken, das wird dich frisch machen.“ Er nahm sie unter den Arm, und von seiner Frau gefolgt, führte er Ulli die Treppe hinunter, stützte die dabei, denn sie schien gar nicht zu wissen, daß es Stufen waren, über die sie schritt.
Der Kaffeetisch war gedeckt. Müde ließ sich Ulli nieder, raffte sich plötzlich zusammen, rief erregt: „Einen dummen Traum habe ich gehabt, das heißt, er schien mir nach dem Erwachen dumm und war es eigentlich gar nicht, wie ich jetzt finde.“ Ihre Worte überstürzten sich, als sie kurz den Traum erzählte. Sie schloß mit Heftigkeit: Ich sah einen Ring an der abscheulichen Diebeshand, einen breiten Goldring mit einem Rubin zwischen zwei Brillanten, und ich meine fast, ich hätte auch in Wirklichkeit so einen Ring an einer Männerhand gesehen.“
Die Mutter fragte betont: „Vielleicht an der Hand Mynherr van Xantens?“
Ulli nickte lebhaft: „Natürlich, Mynheer van Xanten trug so einen Ring! Ich weiß es ganz genau! Daß ich auch nicht sofort daran dachte. Aber jetzt gibt es für mich auch keine Rätsel mehr. Der Traum enthält viel Wahrheit, die Geige wurde mir durch Willem van Xanten gestohlen. Selbst wird er es allerdings nicht getan haben, aber mit seinem Reichtum dürfte es ihm nicht schwer gefallen sein, irgendein gewissenloses Subjekt zum gemeinen Diebstahl zu verleiten. Ich erinnere mich nur zu deutlich an seine letzten Worte, als er zornig mein Hotelzimmer verließ. Er sagte drohend: „Ich bin mächtiger als Sie„ und wenn Willem van Xanten etwas will, verschafft er es sich. Auch die Frohnstainer Geige wird mein Eigentum werden. Mit oder ohne Ihre Zustimmung!“
Werner Gregorius antwortete empört: „Gemein war die Drohung, und noch gemeiner ist es, daß dieser reiche Mann die Drohung wahrgemacht hat. Pfui Teufel! das soll ihm übel bekommen. Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter, wo irgendein Buschklepper jeden bestahl, der etwas besaß, was ihm gerade gefiel.“ Er streichelte Ullis Rechte. „Trinke eine Tasse Kaffe, Mädelchen, Mutter hat dir schon eingegossen. Und iß ein Butterbrötchen dazu. Sieh Mutter hat es dir schon zurechtgemacht. Vor allem sollen wir die Angelegenheit ganz kalten Blutes betreiben, denn wir müssen damit rechnen, daß ein Mensch, der nicht einmal vor so niedrigen Mitteln zurückscheut, um seinen Willen durchzusetzen, auch zur Lüge fähig ist und den Diebstahl glatt ableugnet. Und da Willem van Xanten in Holland eine mächtige und einfußreiche Persönlichkeit ist, wie ihr betontet, muß alles, was wir tun, vorher gut überlegt werden.“ Er schüttelte den Kopf. „Es will mir eigentlich nicht einleuchten, daß ein Mann wie dieser Holländer, der doch schließlich nicht an den Pranger gestellt werden möchte, so etwas riskiert. Es gehörte ja fabelhafte Umverschämtheit dazu. Unglaublich wäre es. Und doch, die Drohung hat er ausgestoßen.“
Seine Frau warf ein: „Ich sagte nach seinem Weggehen gleich zu Ulli, ich traue dem dickfelligen Holländer zu, er ließe ihr die Geige stehlen, wenn Gelegenheit dazu wäre.“
„Und das hat er getan“, sagte Ulli mit festem sicheren Tonfall. „Aber auf welche Weise, da rätsele ich noch dran herum. In Amsterdam sah ich die Frohnstainer zuletzt. Am Abend, bevor wir abreisten. Unterwegs öffnete ich den Geigenkasten allerdings nicht ein einziges Mal. An der Zollgrenze verlangte man es auch nicht. Irgendwie in der Zeit zwischen dem Abend vor der Abreise und meiner Ankunft hier muß eine unheimlich geschickte Hand den Umtausch bewerkstelligt haben.“
Sie begann zu weinen, fast lautlos, aber unendlich schmerzlich. Ihr Gesicht war sofort tränenüberströmt.
Ihr Vater tröstete sie: „Du wirst die Geige wiederbekommen, Mädchen, fasse Mut. Wenn der Mensch sie in seinen Besitz zu bringen verstanden, bekommst du sie sicher wieder, ganz sicher. Weine nicht, dein Weinen tut mir weher als der Verlust der Geige. Mußt du armes, liebes Mädel auch so ein abscheuliches Pech haben! Ich weiß ja, wie du an der Geige hängst. Gott, wir hängen ja alle daran, alle. Wie ein lieber Mensch war sie.“ Er stand auf und ging nachdenklich im Zimmer herum. „Heute mittag wollen wir gründlich beraten, Ueberstürzung hat keinen Zweck, gar keinen. Es fragt sich eben, ob es klüger ist, die Polizei zu unterrichten oder auf den Herrn Holländer direkt loszugehen, ihn vor die Wahl zu stellen: Anzeige oder Rückgabe der Geige.“
„Ich glaube, es wäre ganz klug gehandelt, ihn vor die Wahl zu stellen. Der Mann hat schließlich einen Namen zu verlieren, und ich glaube nicht, daß er es darauf ankommen läßt, bloßgestellt zu werden.“
„Meine liebe, liebe Geige“, schluchzte Ulli und barg die tränenüberströmten Augen in dem Taschentuch.
Werner Gregorius blickte finster.
„Ein Halunkenstreich ist das, ein Hallunkenstreich von beispielloser Frechheit. Sei ruhig, Kind“, unterbrach er sich und strich über Ullis blondes Haar, „der Mynheer wird es bestimmt nicht aufs äußerste ankommen lassen, sondern auf einen geharnischten Brief klein beigeben, dann erhältst du deine Frohnstrainer wieder. Es ist ja ein Glück, daß du in nächster Zeit keine Konzerte zu geben hast, und die Geige nicht brauchst, sonst könnte es dich beim Spiel vielleicht stören, ich meine behindern, dein Bestes zu geben.“
Ulli fuhr sich energisch mit dem Taschentuch über die Augen.
„Mit Tränen und Jammern ist nichts getan. Meine Geige will ich wiederhaben, oder es gibt einen Skandal, der dem unverschämten Menschen die Achtung für immer wegreißt, wie ein starker Sturm!“
Mittags besprach man die Angelegenheit weiter und abends wieder. Das Ergebnis der eifrigen Beratungen war, daß sich Werner Gregorius entschloß, mit seiner Tochter nach Amsterdam zu reisen und mit ihr persönlich Mynheer van Xanten aufzusuchen. Man war sich darüber einig, Briefe gingen zu langsam, und die Hin-und-her-Schreiberei hatte keinen Sinn.
Hinreisen und diesem Kerl einfach die Pistole auf die Brust setzen“, hatte Werner Gregorius entschieden, und er ging am nächsten Morgen in der Schule zum Direktor und erbat dringend eine Woche Urlaub in wichtiger Familienangelegenheit, der ihm als langjährigem, sehr geschätzem Lehrer sofort gewährt wurde.
Am gleichen Abend noch reisten Vater und Tochter ab, und Ulli fuhr wieder in der Richtung auf Amsterdam zu, das sie so freundlich verlassen, um ein paar Monate ganz ruhig und still in dem kleinen Heimatstädtchen zu verbringen. Und wie sich die Räder drehten, klang es im gleichen Rhythmus in ihr Ohr: Meinen Geige hole ich wieder, meine liebe, kleine Geige!
Oh, empfand sie Zorn gegen Mynheer van Xanten, ihr Zorn war so stark, daß er schon dem Hasse verwandt war.
6.
In der Prinz Hendrikkade, der alten ehemaligen Buitenkand, von wo einstens die überseeischen Schiffe ihre weiten Wege antraten, liegt das mächtige Bürogebäude der Firma van Xanten & Sohn. Seit Bestehen der Firma hieß sie ‚Xanten & Sohn‘ und hatte bis zu den derzeitigen Inhabern den Namen mit Recht geführt. Im ersten Stock befand sich das Kontor von Willem van Xanten und das seines Sohnes. Ein schmaler grauhaariger Herr gab eben dem in schlichter brauner Uniform steckenden Pförtner seine Karte, und die junge blonde Dame, die den Herrn begleitete, sagte in äußerst mangelhaftem Holländisch: „Wir wünschen Mynheer van Xanten in einer sehr dringenden Angelegenheit zu sprechen.“
Der Pförtner machte eine Handbewegung, die andeutete, man möge ein wenig warten. Er klingelte, und gleich darauf erschien ein Page in der gleichen Uniform wie der Pförtner. Er nahm die Karte mit ein paar erklärenden Worten des Pförtners in Empfang und verschwand. Schon nach wenigen Minuten kehrte er zurück und bat, ihm zu folgen.
Ulli Gregorius war es, als würde der Zorn, der sie gegen Willem van Xanten erfüllte, mit jedem Schritt den sie vorwärts machte, stärker, als wüchse er ins Ungeheure. Sie fieberte förmlich danach, ihm ihre Empörung mit scharfen Worten ins Gesicht zu schleudern.
Der Page öffnete eine Tür, führte die Besucher in ein schönes dunkelgetöntes Empfangszimmer, das geschmackvoll und bequem eingerichtet war. Er bot Platz an, ging dann sofort.
Es herrschte tiefe Stille; plötzlich klang das hohle Tuten eines alten Hafendampfers auf, danach zerriß das Heulen einer Sirene die friedvolle satte Ruhe, doch war sie gleich wieder da wie vorher, und Ulli schien es, die Stille schlüge weich über ihr zusammen wie dicke gefütterte Vorhänge.
Ein Schritt war plötzlich da, vom Nebenraum kam er, schlank und vornehm trat ein Herr ein, verneigte sich kurz, nannte seinen Namen, Jan van Xanten.
Ulli erschrak. Daran hatte man gar nicht gedacht es noch besonders zu betonen, daß man Willem van Xanten zu sprechen wünschte.
Sie erklärte in ihrem sehr dürftigen Holländisch: „Wir möchtei Mynheer Willem van Xanten sprechen.“
Er antwortete in fließendem Deutsch. „Plagen Sie sich nicht mit unserer Sprache ab, Fräulein Gregorius, ich spreche vollständig die Ihre. Mein Vater ist heute nach Haarlem und kommt erst morgen abend zurück. Aber vielleicht können Sie die Angelegenheit, die Sie hierher führt, mir mit besprechen.“
Ulli blickte Jan van Xanten forschend an. Er gefiel ihr. So zuverlässig sah er aus, so aufrichtig und gediegen. Sie brächte es nicht fertig, ihm zu erzählen, wie schuftig sich sein Vater gegen sie benommen. So unangenehm es ihr war, bis zur Rückkehr des Kaufherrn untätig in Amsterdam zu warten, wollte sie es doch tun, weil ihr Jan van Xanten leid tat. Sie durfte ihm nicht anvertauen, was ihr sein Vater angetan.
Sie antwortete: „Es handelt sich um etwas, worüber mein Vater und ich lieber nur mit Ihrem Herrn Vater selbst sprechen möchten. Wir werden wiederkommen, wenn er von Haarlem zurück ist. Wir werden also übermorgen früh unseren Besuch wiederholen.“
Jan van Xanten glaubte im Bilde zu sein. Er sagte: „Sie sind die Geigenvirtuosin Ulli Gregorius, ich weiß, mein Vater interessiert sich sehr für die Geige, die Sie an ihren Konzertabenden spielten, und ich vermute, er bedrängt Sie sogar ein wenig wegen der Geige, die sein Sammlerherz ganz rebellisch machte. Sie sehen ich bin unterrichtet. Ich nehme nun an, Sie haben es sich anders überlegt, und möchten meinem Vater jetzt die Geige verkaufen. Um Ihnen da Zeitverlust zu sparen, muß ich erwähnen, mein Vater hatte inzwischen durch Zufall Gelegenheit, von anderer Seite eine Frohnstainer Geige zu erwerben, und nun hat er damit natürlich das Interesse für Ihr Instrument verloren.“
Er sagte es kühl-liebenswürdig, wie es seine Art war, aber er dachte dabei unwillkürlich, die noch so junge und schon berühmte Geigerin war ungemein sympathisch.
Ulli hatte dem Sohn die Gemeinheit seines Vaters verschweigen wollen, doch das, was sie eben erfahren, verblüffte sie über die Maßen. Erregte Worte wollten sich über ihre Lippen drängen. Nur mühsam bezwang sie sich, aber ihr Vater konnte nicht schweigen. Was er eben gehört, machte jede Rücksicht überflüssig.
Er rief empört: „So, Ihr Vater hat eine Frohnstainer Geige gekauft? Seltsam, höchst seltsam! Aber das paßt zu dem, was uns hierher geführt, ganz genau. Ist nur eine Bestätigung dessen, was wir schon, ehe wir es wußten, annehmen mußten. Frohnstainer Geigen sind sehr rar, Herr van Xanten, und Ihr Vater wird den Verkäufer nennen müssen, weil man meiner Tochter die Frohnstainer Geige auf höchst raffinierte und geheimnisvolle Weise gestohlen hat. Als Ihr Vater nach ergebnislosem Verhandeln, da meine Tochter ihm ihre Geige nicht verkaufen wollte, das Hotelzimmer meiner Tochter verließ, drohte er, sich in den Besitz der Geige zu setzen, mit oder ohne den Willen meiner Tocher. Und das hat er getan! Wir sind hier, um die Geige von ihm zurückzufordern oder ihn anzuzeigen. Ich rate Ihnen, Ihren Vater zu beeinflussen, sonst gibt es einen Heidenkrach!“
Jan van Xanten hatte schweigend zugehört, jetzt rann es wie eine Blutwelle über sein scharf geschnittenes Gesicht, und er preßte heiser hervor: „Herr, nehmen Sie diese Beschuldigung gegen meinen Vater zurück. Ich verlange das von Ihnen.“
Es sah aus, als wollte er sich auf Werner Gregorius stürzen.
Ulli hatte bisher auf einem Ledersessel gesessen, nun sprang sie auf, trat vor den Erregten hin.
„Hüten Sie sich, meinen Vater zu berühren. Was er gesagt hat, glaubt er und ich verantworten zu können. Jedenfalls kam mir meine, von Ihrem Vater fast sinnlos hartnäckig begehrte Geige zwischen dem Abend vor dem Verlassen meines Amsterdamer Hotels und der Ankunft in meinem Heimatort abhanden. Ihr Vater aber erhielt gerade jetzt eine Frohnstainer, während er vorher, trotz aller Mühe, keine auftreiben konnte. Sie werden meinem Vater zugeben müssen, daß so ein Zufall mindestens sehr merkwürdig ist.“
Die Augen Jan van Xantens blickten eiskalt.
„Ich ersuche Sie dringend, Ihre Gedanken für sich zu behalten, ich dulde es jedenfalls nicht, daß jemand meinen Vater einer so kleinlichen Tat verdächtigt.“
Ulli richtete sich kerzengrade auf.
„Und ich dulde es nicht, daß Sie meinen Vater und mich wie Verleumder behandeln. Wir entfernen uns jetzt, das Weitere wird sich finden.“ Sie faßte ihren Vater am Aermel. „Komm, Vater, hier haben wir nichts mehr zu suchen!“
Werner Gregorius nickte: „Stimmt, hier haben wir nichts mehr zu suchen.“
Beide gingen auf die Tür zu, und von dort her meldete sich Ullis Stimme noch einmal. Ganz leise und schwerfällig.
„Sie sollten mit Ihrem Vater sprechen, ihm zureden, mir die Geige zurückzugeben. Dann will ich alles vergessen und nicht fragen, auf welche Weise der geschickte Diebstahl geschehen ist.“
Jan van Xanten erwiderte hart: „Ich verbiete Ihnen, auf Ihrer abscheulichen Verdächtigung zu beharren. Tun Sie, was Sie wollen.“
Werner Gregorius rief empört: „Das werden wir auch, schade um den Zeitverlust, den wir erlitten. Unser erster Weg in Amsterdam hätte uns auf die Polizei führen müssen. Aber der Gang hierher hat sich trotzdem gelohnt, weil wir dadurch wenigstens erfuhren, daß der reiche und mächtige Handelsherr Willem van Xanten eine Frohnstainer Geige besitzt, die er vor wenigen Tagen noch nicht besaß. Er wird den Nachweis ihrer Herkunft führen müssen, und dann werden wir ja weiter sehen!“
Er öffnete die Tür, zog Ulli mit sich, die noch einmal den Kopf wandte, und deren Augen dem eisigen Blick Jan van Xantens begegneten. Sie wollte zornig sein auf den schlanken Mann, wollte empört denken, es geschah ihm recht, wenn nun für seinen Vater und ihn der Skandal kam, denn sie zweifelte keine Sekunde daran, daß es ihre geliebte Geige war, die Willem van Xanten jetzt besaß. Aber ihr Zorn schien ihr selbst matt, sie brachte keine richtige Empörung mehr auf, empfand nur ein peinliches Gefühl, weil Jan van Xanten mit leiden müßte, wenn es jetzt einen Skandal gäbe, der die Person seines Vaters wie in eine große graue Wolke hüllen würde, die den Straßenstaubwolken glich, den häßlichen und schmutzigen Straßenstaubwolken.
Wie betäubt standen Vater und Tochter dann wieder auf der Straße, der Prins Hendrikkade, die einen wunderhübschen Spazierweg bot. Werner Gregorius schob seinen Arm unter Ullis, und schweigend gingen sie ein paar Minuten vorwärts, jeder ganz mit seinen Gedanken beschäftigt. Endlich sagte Werner Gregorius: „Das, was wir eben erfahren haben, bedeutet für mich das Unverschämteste, was mir jemals begegnete. Was meinst du, Kind, wollen wir den Fall sofort der Polizei melden oder erst irgendwo ein wenig frühstücken? Der Aerger hat mir seltsamerweise einen Mordsappetit gemacht.“
Ulli lächelte matt: „Dann wollen wir erst frühstücken gehen.“
Sie war froh, Zeit zu gewinnen, denn von neuem quälte sie ein Gefühl, das Mitleid war für Jan van Xanten oder dem Mitleid nahe verwandt. Jan van Xanten, der so kühl und selbstbewußt dreinschaute, würde binnen kurzem den Blick senken müssen vor der öffentlichen Anklage, die sie gegen seinen Vater erheben wollte. Erheben mußte, verbesserte sie sich in Gedanken.
Ulli wohnte mit ihrem Vater wieder in demselben Hotel, in dem sie mit ihrer Mutter abgestiegen war. Sie brachte den Vater in das Hotelrestaurant, überlieferte ihn einem deutschsprechenden Kellner, und begab sich dann nach oben. Sie hatte das Verlangen nach kurzem Alleinsein, um sich alles noch einmal zu überlegen. Ihr Vater war so wütend auf Willem van Xanten und so wütend auf den Sohn, daß er Rücksicht von ihrer Seite einfach nicht mehr verstehen würde. Jan van Xanten hatte ja auch ihr Entgegenkommen in beleidigendem Sinne aufgefaßt.
Sie betrat ihr Zimmer, es lag links von den Räumen, die sie mit ihrer Mutter innegehabt. Sie warf den Hut aufs Bett, hängte das Jackett über eine Stuhllehne, und dann riß sie ein Fenster auf. Das leise und doch schwere Parfüm, das sich hier im Zimmer festgehängt, und das sie schon gestern abend bei der Ankunft etwas belästigt hatte, störe sie jetzt sehr. Es mußte vor ihr eine Dame in dem Zimmer gewohnt haben, die das schwüle Parfüm etwas zu ausgiebig benützt hatte. Nun lehnte sie am offenen Fernster, blickte hinunter auf die lebhafte Straße. Das Glockenspiel einer nahen Kirche verkündete in melodischer Tonfolge, es war wieder eine Erdenstunde zu Ende gegangen.
Ulli Gregorius war fest überzeugt, Jan van Xanten glaubte an die Unschuld seines Vaters und begriff seine Empörung gegen ihren Vater und sie. Aber sie konnte doch nicht nur um Jan van Xanten zu schonen, eine unerhörte Gemeinheit seines Vaters totschweigen. Sie konnte doch nicht seinetwegen das Opfer bringen, einen steinreichen Menschen, der sich ihre Frohnstainer auf irgendeine unrechtmäßige Weise verschafft, ruhig im Besitz ihrer geliebten Geige zu lassen. Das konnte sie nicht tun. Er würde sie einfach nicht verstehen. Und das war auch wohl schwer, verstand sie sich doch selbst nicht.
Was ging sie Jan van Xanten an, dessen Blick so eiskalt dem ihren begegnet, dessen Stimme so scharf und verletzend noch immer in ihr nachklang. Was konnte ihr daran liegen, wenn Willem van Xantens Person in den Mittelpunkt eines Skandals geriet, wenn sein Name in eine häßliche Affäre verwickelt wurde.
Was konte ihr daran liegen? Sie mußte sogleich mit dem Vater zur Polizei.
Ihr Herz klopfte ihr daran
Ihr Herz klopfte ganz toll, als wäre sie im Begriff, etwas ganz Schlimmes, etwas Unerhörtes zu tun.
Und was sie vorhatte, war doch nur etwas ganz Selbstverständliches. Ein Bestohlener wandte sich doch immer an die Polizei, wenn er keine ganz besonderen Gründe hatte, es zu unterlassen.
Sie wandte sich wieder ins Zimmer zurück. Ihr Vater wollte sie nach dem Frühstück abholen, sie hatte erklärt, gar keinen Hunger zu haben.
Und unten im Restaurant saß Werner Gregorius, stellte fest, so ein warmes Frühstück mit einem halben Fläschchen Rotwein war doch etwas ganz Famoses. Das erstemal in seinem eintönigen Leben genoß er die Abwechslung, um diese Zeit so schlemmen zu dürfen. Sonst wickelte er in der Schulpause um diese Zeit seine einfachen Frühstücksstullen aus, aß einen Apfel dazu. Sein Aerger trat etwas zurück vor der Feier der Stunde.
In seinem Büro aber ging Jan van Xanten ruhelos auf und ab. Er hatte über die Anklage der Besucher mit einem verächtlichen Achselzucken wegzukommen versucht, aber es war ihm nicht gelungen, zu schwer wog die Anklage, die man gegen seinen Vater erhoben hatte. Schwerer, immer schwerer schien sie zu werden. Zu Boden drückte sie seinen Stolz, diese verfluchte, verlogene Anklage.
Auf eine raffinierte Erpressung mußte alles hinausgehen. Nur darauf.
Er sah in Gedanken einen schmalen grauhaarigen Herrn, der halb Künstler, halb Gelehrter schien, sah ein blondes Mädelchen mit reinen Zügen und klaren, tiefen Grauaugen.
Vater und Tochter hatten äußerlich nichts von Erpressern, aber heutzutage verlor man ja oft den Glauben an das Aeußere der Menschen.
Er atmete hastig, seine scharfen Züge lagen wie in dunklen Wolken. Abscheulich war die Anklage, abscheulich war der Verdacht. Er überlegte. Nein, Erpresser waren Vater und Tochter nicht, sie glaubten bestimmt das, was sie behaupteten, und es war ein böser und heimtückischer Zufall, der gerade jetzt seinem Vater eine Frohnstainer Geige in den Weg geführt, gerade jetzt, da man die Künstlerin um die ihre bestohlen. Es waren zwei Geschehnisse, die völlig abseits voneinander gingen, die nicht das geringste miteinander zu tun hatten. Aber die Geigerin und ihr Vater sahen Zusammenhänge, und schließlich durfte er ihnen das nicht einmal übelnehmen. Statt die beiden, die sich in ihrem Recht glaubten, noch mehr in ihren Aerger hineinzutreiben, wäre es wohl klüger gewesen, ihnen ganz ruhig den genauen Sachverhalt klarzumachen, auf welche Weise sein Vater zu einer, von ihm schon lange und fast krankhaft heftig begehrten Frohnstainer Geige gekommen.
Er schüttelte den Kopf. Den genauen Sachverhalt kannte er ja selbst nicht, hatte sich auch bisher nicht im geringsten dafür interessiert. Nichts weiter wußte er von dem Vater, als daß er durch einen seltenen Zufall eine Frohnstainer Geige hatte erwerben können.
Schade, daß sein Vater erst morgen abend zurückkehren würde aus Haarlem, inzwischen hatten Vater und Tochter den Fall längst angezeigt.
Er lachte kurz und ärgerlich auf. Sein Vater hatte keine Anzeige zu fürchten, und alles weitere Nachdenken konnte er sich ersparen.
Er setzte sich an den Schreibtisch, klingelte und diktierte der eintretenden Sekretärin Briefe.
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