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Anny von Panhuys
Der Liebe Zaubermacht
Frauenroman
Saga
Der Liebe ZaubermachtCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1953, 2020 Anny von Panhuys und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726629477
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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I
Ilma von Rauberg stand neben ihrem Bruder Norbert, und beide sahen dem eben vom Hof reitenden schlanken Manne nach, der noch einmal leicht zurückwinkte.
Ilmas Gesicht, das noch eben ein kleines Lächeln gezeigt, wandelte sich, nachdem von dem Reiter nichts mehr zu sehen war, es zeigte plötzlich einen schmerzlichen Ausdruck.
Norbert bemerkte die jähe Veränderung auf den feinen und doch kraftvollen Mädchenzügen.
„Sei doch mutig, Ilma“, sagte er leise, „laß dich nicht unterkriegen, bist doch sonst so ein tapferes Frauenzimmerchen. Nimm den Bernd, werdet glücklich, denn so wie jetzt geht doch die Geschichte nicht weiter, ihr reibt euch ja beide dabei auf.“
Ilma schluckte tapfer die Tränen hinunter und wandte, sich rasch der kleinen Freitreppe zu, die ins Haus führte.
„Laß das ruhen, Norbert! Es gibt für mich kein Überlegen mehr. Bernd soll sich endlich in das Unvermeidliche finden, ich kann und darf seine Frau ebensowenig werden, wie die irgendeines anderen Menschen auf der Welt.“
„Du liebst Bernd doch, du liebst ihn doch.“
Fast heftig klang die Widerrede des Bruders.
Ilma strich sich mit müder Bewegung das hellbraune, natürlich gelockte Haar zurück, das der Wind ein wenig gelöst hatte.
„Wollen das Thema endgültig begraben, Norbert!“ bat sie traurig und ging, als fürchte sie Widerspruch, schnell die Treppe hinauf.
„So entwischst du mir nicht, Ilma!“
Schon befand sich der Bruder an ihrer Seite.
Ilma schüttelte den Kopf.
„Du solltest klug sein. Norbert, und nicht immer von neuem gewaltsam aufrühren, was kaum ein lautes Wort verträgt. Ich will mich nicht gegen das Schicksal auflehnen.“ Sie blickte sich scheu um, ob auch niemand in der Nähe sei, ehe sie leise vollendete: „Ich habe nicht den Mut, dem alten Fluch, der über den Raubergs liegt, Trotz zu bieten.“
Norbert blickte wehmütig ernst, er nahm den Arm der Schwester und zog sie mit leichtem Zwange nach rechts, wo eine breite und doch etwas gewundene Treppe in den ersten Stock führte.
Willenlos ließ sich Ilma leiten, sie wußte, der Bruder gab sich noch nicht zufrieden, er hatte noch Einwände gegen ihren Entschluß. Er wollte sie überreden, dem Schicksal ihren Willen entgegenzusetzen.
Oben angekommen, öffnete Norbert eine der vielen in den Gang des ersten Stockwerks mündenden Türen.
„Komm, Ilma, wollen uns noch einmal aussprechen. Es ist alles so halb, was wir bisher redeten über das, was deine Zukunft, dein Glück heißt.“
Der gemütlichste und zugleich größte Raum des nicht besonders großen Herrenhauses von Rauberg tat sich vor Ilma auf. Norbert folgte der Schwester, schloß die Tür wieder.
Ilma stand einen Augenblick unschlüssig. Fast sah es aus, als wollte sie die Bibliothek sofort wieder verlassen, doch eine bittende Bewegung des Bruders hielt sie zurück.
Sie neigte den Kopf, zuckte die Achseln.
„Wenn du es nicht anders willst, Norbert.“
Sie nahm in einem Armstuhl mit breiter, hoher Lehne Platz. Das Leder war verschabt, und man vermochte kaum noch zu erkennen, daß es einmal braun gewesen.
Norbert trat an eins der Fenster, zog die schweren, dunklen Tuchvorhänge weit zurück.
Bruder und Schwester sahen sich an, beinah ein wenig scheu. Wie ein stummes Fragen und Antworten ging es zwischen ihnen hin und her.
Endlich machte der Mann dieser Pause ein Ende.
„Ilma, ich fühle mich dazu verpflichtet, dir noch einmal recht, recht herzlich und eindringlich zuzureden, Bernd Storkum zu heiraten. Der arme Kerl sieht schon ganz hager und unglücklich aus, und du leidest auch unter dem, was du deine Pflicht und Schuldigkeit nennst. Du bist doch keine bleichsüchtig hysterische Mamsell, die sich um eines Aberglaubens willen um ihr Lebensglück bringt, dich und den Menschen, den du liebhast.“
Ilm wollte sprechen. Er aber bat sie mit leichter Handbewegung, noch zu schweigen.
„Es handelt sich wirklich nur um einen Aberglauben, Ilma, um eine Einbildung, die nicht nur dir, die unserer ganzen Familie, unseren Vorfahren seit langem den Kopf verdreht hat. Ein paar Zufälle, eine Art erbliche Belastung, die zuweilen in irgendeiner Generation der Raubergs ab und zu zum Vorschein kommt . . .“
Jetzt lachte Ilma bitter auf, riß dem Bruder das Wort vom Mund.
„Wie du dich ausdrückst, Norbert, wie milde und gut das meinen Ohren klingen würde, wenn ich es nicht besser wüßte. Leider!“
Sie betonte das „Leider“ scharf, und dann sprang sie empor, stand hochaufgerichtet neben dem alten Lederstuhl.
„Stelle dich nicht lau!“ kam es leise und doch erregt aus ihrem Munde. „Spiele mir keine Komödie vor, Norbert, die dir nicht liegt! Nenne es meinetwegen Aberglauben, was dir und mir und unserem Bruder Konrad gleich einem Alpdruck auf der Brust liegt, seit wir wissend wurden. Aber sie alle, die vor uns gewesen und unseren Namen trugen, haben gebebt und gelitten unter dem alten Fluch. Man schrieb das Jahr 1638, als er sich zuerst an einem Rauberg erfüllte, und er ist seither nicht erloschen.“ Sie tat ein paar zögernde Schritte auf ein düsteres Bild an der linken Wand zu. Es zeigte einen finster blickenden Mann im Eisenharnisch mit Spitzbart und einem harten Spottzug um den Mund.
„Herr Ottomar Erhard von Rauberg vererbte uns den Fluch, er brach seinem Kaiser den Eid in den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges, noch heute müssen die Raubergs unter den Folgen seiner Untreue leiden.“
Norbert versuchte den Schatten zu scheuchen, der auf seiner Stirn lag. Es galt zwei Liebende zum Glück zu zwingen. Er versuchte zu lächeln.
„Ilma, ich glaube nicht an den Fluch. Nenne es Zufall, Vererbung, nenne es wie du willst; aber mache dich frei von der Wahnvorstellung! Du weißt, die hängende dicke Unterlippe der Habsburger ist erblich, du hast vielleicht auch schon gehört . . .“
Er kam nicht weiter. Ilmas blaßrosiges Gesicht hatte sich stärker gefärbt.
„Bitte, Norbert, wollen uns nicht selbst etwas vormachen. Wollen uns nicht gebärden wie Kinder, die sich allein im Dunklen fürchten und dann laut pfeifen und singen, um sich mutig zu zeigen. Wollen doch offen sein, uns nicht die Augen zuhalten.“
Norbert trat rasch zu ihr.
„Laß das doch, Ilma!“ Er schlug sich vor die Stirn. „Wie konnte ich dich auch gerade hierher führen?“
Ilmas Lippen zuckten.
Wo wir das Thema auch besprechen, ob in einem anderen Zimmer oder im Freien, es ist gleich, das Resultat bleibt doch dasselbe: Es ruht ein Fluch auf unserem Geschlecht. Und weil ich fürchte, daß ein Kind von mir das unselige Erbe antreten muß, werde ich ledig bleiben.“ Sie deutete auf die Ahnenbilder an der Wand. „Warum verstecken so viele Vorfahren die rechte Hand oder halten sie in merkwürdig erzwungener Stellung? Weshalb sieht man bei ihnen nicht die fünf Finger ordentlich nebeneinander wie an der linken Hand?“ Sie neigte sich dem Bruder zu. „Weshalb verbirgst du, Armer, deine Rechte, und weshalb war Vater fast immer traurig und niedergeschlagen, steckte die Rechte in die Jackentasche, damit Mutters mitleidiger Blick nicht daran festhängen sollte?“
Norbert atmete mühsam und schwer.
„Ilma, weshalb mußt du mir mein eigenes Leid so scharf umrissen vorführen, warum tastest du so hart an eine Wunde, die mich immer schmerzt?“
Ilma lächelte traurig.
„Verzeih, Bruder! Aber nicht, um dir weh zu tun, bin ich unbarmherzig; nur um mich zu schützen, bin ich es. Du bist ja noch tausendmal unbarmherziger gegen mich, wenn du es auch gut mit mir meinst.“ Sie faltete die Hände, rang sie ihm beschwörend entgegen. „Ahnst du denn auch nur im entferntesten, wie entsetzlich ich leide, wenn du mir zuredest, Bernds Frau zu werden? Ahnst du auch nur im entferntesten, in welche Seelenkämpfe du mich dadurch drängst? Laß mir doch meinen Frieden, gönne ihn mir!“ Ihre Stimme brach fast. „Unser Vorfahre brach seinem Kaiser den Treueid, sein bester Freund und einstiger Kampfgenosse schlug ihm dafür die bösen Schwurfinger bis zur Wurzel ab, und seither kommt noch in jeder Generation in Mannes- und zuweilen auch Weiberlinie das erste Kind mit verstümmelter rechter Hand zur Welt. ,Die Raubergs mit den drei Fingern‘ nennt man unser Geschlecht, und ,die Raubergs mit den drei Fingern‘ dürfen dem Zug ihres Herzens nicht folgen, weil sie es nicht verantworten können, die mißgestaltene Rechte weiterzuvererben in neue Jahrhunderte hinein.“ Sie breitete die Arme aus, spreizte die schlanken, nervigen Hände. „Ich trage den Fluch nicht, von uns drei Geschwistern traf nur dich das Los, Norbert. Aber wer gibt mir Gewähr, daß mein Kind verschont bleibt?“ Sie schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte: „Ich habe Bernd zu lieb, und deshalb, gerade deshalb muß ich entsagen.“
Norbert umfaßte die Bebende.
„Armes Ding, törichtes Schwesterchen, verbeiß dich doch nicht in solche Gedanken! Erzähle den Menschen, was dich hindert, dein Glück zu ergreifen und festzuhalten; die meisten werden dich auslachen.“ Er wiegte sie in seinen Armen leicht hin und her, als wäre sie ein kleines Mädchen. „Wer wird sich denn über so Fernliegendes schwere Gedanken machen! Hast doch den Bernd lieb von Kind an. Es schien doch den Eltern fast selbstverständlich, daß du ihn einmal heiraten, daß du einmal Gutsherrin auf Burdenhagen würdest, und nun es soweit ist, kramst du einen alten Aberglauben hervor und willst ihm dein und Bernds Glück zum Opfer bringen.“
Er zog der Schwester die tränenüberrieselten Hände vom Antlitz.
„Ilma, bist von je unseres Hauses Sonnennschein gewesen, ich habe gemeint, wenn kein Rauberg mit dem Gespenst der Vergangenheit fertig werden sollte, du wirst es. Dein Lachen, dein Frohsinn nimmt den Kampf mit Gespenstern auf, dachte ich, und nun versagst du. Immer und immer wieder hoffte ich, du würdest dich noch besinnenn, und muß nun erkennen, daß du dich nicht aus den Fängen des Aberglaubens befreien kannst.“ Seine Stimme ward immer weicher, zärtlicher. „Schwesterchen, ich will ja zugeben, es ist seltsam und unheimlich, daß immer wieder in gewissen Zeitabständen ein Kind aus Raubergblut geboren wird, dem die Schwurfinger verstümmelt sind. Aber weshalb soll das gerade deinem ersten Kind geschehen? Meist beschränkt sich diese, nun sagen wir Vererbung, überhaupt auf den Mannesstamm.“
Ilma blickte den Bruder mit tränenüberströmten Augen an.
„Du willst mich trösten, mir helfen, ich verstehe dich, Norbert; aber laß, laß . . . ich habe nicht den Mut zu dem, was du mir rätst. Du nanntest den alten Fluch vorhin ein Gespenst, und der Ausdruck ist richtig. Denn ein Gespenst, ein fürchterliches Gespenst ist der alte Fluch, und wem er erscheint, der ist unglücklich fürs ganze Leben.“
Norbert fühlte, wie die Schwester zitterte, als sie jetzt hervorstieß:
„Ob Mannes- ob Weibesstamm, kein Geschöpf aus Raubergblut ist davor gefeit. Und wenn es auch nie im Mannesstamm erloschen ist, so beweist doch unsere Familiengeschichte, in welchen Launen es sich gefällt. Es kann geschehen, daß der nächste Fluch mein erstes Kind träfe, und erst deinen ersten Enkel, oder gar einen Urenkel Bruder Konrads der Fluch trifft. Es ist wie ein Lotteriespiel. Sicher ist keiner, und ich denke es mir furchtbar, wenn so ein unschuldiges, kleines Wesen mir die mißgestaltene Rechte . . .“
Sie brach ab, denn der Bruder hatte sich fast heftig abgewandt.
„Du bist unbarmherzig, Ilma“, stöhnte er auf, „gegen dich und mich.“
Ilma fuhr sich mit dem Taschentuch über die brendenden Augenlider.
„Damit ätze ich mir selbst das Herz entzwei, damit es sich nicht mehr nach Bernd sehnen soll“, sprach sie langsam, und ihre Worte fielen scharf und wehtuend in das tiefe, atemlose Schweigen des Raumes. Dann ging sie und verschwand, ohne daß der Bruder noch einen Versuch machte, sie zurückzuhalten.
Leise fiel die Tür hinter ihr ins Schloß.
Mit müdem Schritt wankte Norbert auf den Armstuhl zu, darin Ilma vorhin gesessen.
Weiß der Himmel, ihm, der Tröster und Helfer hatte sein wollen, standen jetzt auch Tränen in den Augen, ein paar heiße, versengend heiße Tränen, heraufgepumpt von wahnsinnigem Schmerz aus allertiefster Herzenstiefe. Er sann vor sich hin und stöhnte abermals laut auf. Auch er litt wie Ilma, litt vielleicht noch mehr als sie. Sie wurde begehrt, Liebe öffnete weit vor ihr die Tore, während er abseits stand. Während er es nicht wagen durfte, die Arme nach einem holden Geschöpf, dessen Besitz er vielleicht ersehnte, auszustrecken, weil seine Hand, seine arme, arme Rechte das Zeichen des Fluches trug, der über dem Hause Rauberg schwebte. Weil er es einem geliebten Wesen nicht zumuten durfte, sein eigen zu werden. Die Liebe, die ihm eine Frau schenken konnte, würde immer mit einem Teil Mitleid gemischt sein; und Mitleid ertrug er nicht, daran würde seine innigste Liebe zugrunde gehen!
O wie er litt, wie unsagbar er litt!
Er dachte bitter, nun starben die Raubergs bald aus. Konrad, sein jüngerer Bruder, würde ebensowenig heiraten wie er selbst; denn im Grunde dachten sie beide wie Ilma. Niemand aus ihrem Blute würde dann fernerhin Herr des kleinen Gutes sein. Fremde Menschen würden dann in absehbarer Zeit in dem uralten Hause wohnen, und von dem alten Turm auf dem Bergrücken, darauf vor vielen hundert Jahren die Burg seiner Väter gestanden, würde kein Rauberg mehr ins blühende Land niederblicken auf die grünsamtenen Heimatswiesen, die dunklen, schattigen Buchenwälder und den ferne schimmernden Main. Fremde lebten und liebten, jubelten und litten dann, wo ein uraltes Geschlecht erloschen. Erloschen wie eine Flamme, ausgeblasen von dem geisternden Atem eines Fluches, über den jeder aufgeklärte Mensch lachte, und der doch da war.
Er sah auf seine Rechte nieder und schüttelte mit unsäglich leidvoller Miene den Kopf. Nie und nimmer würde er es wagen, einem geliebten Mädchen die gezeichnete Rechte zum Bund fürs Leben zu bieten. Niemals!
Er preßte die oberen Zähne so fest in die Unterlippe, daß er einen faden, süßlichen Blutgeschmack spürte.
Das brachte ihn wieder zu sich, ernüchterte ihn.
Mit müdem Blick streifte er die Ahnenbilder, die ihn mit verstehenden Augen anzusehen schienen, und er mußte denken: Mancher von euch kennt mein Leid, und gefürchtet habt ihr euch alle einmal vor dem Gespenst unseres Hauses!
Eine tiefe Falte lag auf seiner Stirn, als er raschen Schrittes die Bibliothek verließ.
II
Leonhard Werkentin betrat nach kurzem Anpochen das Büro seines Oberingenieurs Dr. Konrad von Rauberg, der, den Kopf über eine Zeichnung geneigt, an einem großen Tische saß.
Nun sah Rauberg auf und erhob sich.
„Herr Werkentin . . .“, begann er ein bißchen verlegen und brach dann ab, denn er ahnte, was seinen Chef zu ihm führte. Wenn es sich um etwas Geschäftliches gehandelt hätte, würde er ihn in sein Kontor haben bitten lassen.
Werkentin war ein untersetzter, robuster Herr mit großknochigen Zügen und buschigem Schnurrbart. Seinen Reichtum sah man ihm nicht an, nichts an ihm ließ auf einen Emporkömmling schließen. Er war und blieb, was er gewesen, der biedere, derbe Schlossermeister aus Frankfurt-Bornheim, der heute eine der bestbekannten Maschinenfabriken Mitteldeutschlands besaß. Einfach und schlicht, wie er vor langen Jahren als junger Schlossermeister draußen in dem dörflichen Teil der Frankfurter Vorstadt gearbeitet, so war er in Wesen und Benehmen geblieben, so war auch seine Frau Luise, die sich noch immer nicht an ihre Stellung und ihren Reichtum gewöhnen konnte.
Anders, ganz anders aber, wie eine Blume in fremdem, gepflegtem Garten erblüht, lebte Amadora, ihr einziges Kind zwischen ihnen, war ihr Stolz, ihre Freude, ward von ihnen bewundert, verwöhnt und angestaunt.
Stumm standen sich die zwei Männer sekundenlang gegenüber, der breite, vierschrötige Leonhard Werkentin und der schlanke, rassige Konrad von Rauberg, dessen vornehme Züge eine gewisse peinliche Gespanntheit verrieten.
Endlich nahm der Ältere das Wort.
Er reichte dem Jüngeren die Hand, sagte mit etwas breitem Lächeln:
„Habe mal was läuten hören, wenn der Prophet nicht zum Berge kommt, muß der Berg zum Propheten kommen, und das dürfte in unserem Fall ja wohl so ziemlich stimmen.“
Er machte eine etwas ungeschickte Bewegung, suchte nach Worten. „Ach, wozu die langen Fisimatenten!“ stieß er dann mit einer scharfen Falte über der Nasenwurzel hervor. „Ich verstehe von Diplomatie rein gar nichts, deshalb will ich vorneweg gleich offen erklären, meine Frau schickt mich zu Ihnen.“ Er schlug sich auf den Mund, der buschige Schnurrbart sträubte sich vor Empörung. „Bin doch ein rechter Olwel, wie die Frankfurter zu sagen pflegen, denn meine Alte hat mir noch extra verboten, ihre Person mit ins Gespräch zu bringen.“ Er lachte. „Na, nu ist’s schon schnuppe, immerhin können wir ja vorläufig die Lesart beibehalten, daß mich nur Vatergefühle zu Ihnen führen, Herr von Rauberg. Gelt, ich darf mich setzen?“
Er saß bei der Frage bereits, winkte dem Jüngeren, seinem Beispiel zu folgen.
Leonhard Werkentin drehte ein paarmal an dem etwas plumpen Siegelring der Rechten.
„Ich bitte Sie, Herr von Rauberg“, sagte er dann etwas unvermittelt, „offen und ehrlich Farbe zu bekennen. Weshalb machen Sie seit ungefähr zwei Wochen um unser Haus, ja um meine Familie und besonders meine Tochter einen förmlichen Bogen?“ Er atmete tief. „Sehen Sie, verehrter Herr von Rauberg, früher hätte ich mir dabei nichts Besonderes gedacht, wenn Sie unsere Gesellschaft plötzlich gemieden hätten, ich würde mich sicher nicht aufgedrängt haben. Meine Frau und ich, so sympathisch Sie uns sind, wir beide hätten uns mit Ihrem Benehmen abgefunden; aber da ist Amadora, unser Mädel, die plagt sich und grämt sich, und nur ihretwegen suchte ich Sie heute in Ihrem Büro auf. Ich wollte ja nichts merken, drückte beide Augen zu, dachte, der Doktor von Rauberg ist ein feiner, anständiger Mensch, der wird schon wissen, was er tut, und wenn er was mit Amadora gehabt hat, vielleicht ’ne kleine Meinungsverschiedenheit, dann wird sich das schon wieder einrenken, um eine Bagatelle willen macht der niemanden unglücklich. Wie ich aber beobachten mußte, daß Amadora täglich blasser wurde und morgens um die Augenlider immer so einen dünnen roten Strich wie von nächtlichem Weinen hatte, gefiel mir die Sache doch nicht mehr recht. Da meinte ich zu meiner Frau: Hör’ mal, Luise, erst sitzt der Doktor Rauberg Tag für Tag bei unserem Mädel, musiziert mit ihm, radelt mit ihm aus, schmachtet es nach Noten an, und als wir, ganz einverstanden mit dem Zukunftsbild, allem freien Lauf lassen, macht er plötzlich so schroff Schluß, daß man vor einem Rätsel steht.“
Konrad von Rauberg fuhr sich über die Stirn, ihm war heiß geworden, und er saß wie ein Angeklagter, der nichts mehr erhofft, vor seinem Richter.
„Meine Frau war froh, daß ich endlich ein Thema anschnitt, das sie schon lange quälte, und sie wußte auch schon Bescheid und berichtete mir alles, was zwischen Amadora und Ihnen gewesen, und daß unser Mädel Tag für Tag auf Ihren Besuch bei uns gewartet hat. Amadora hat sich ihrer Mutter anvertraut, und Sie wissen nun, Herr von Rauberg, weswegen ich kam.“
Sein Organ hatte jetzt einen rauhen Beiklang. „Sie haben unser Kind geküßt, haben Amadora von Ihrer heißen Liebe gesprochen und allerlei bunte Träume von einer gemeinsamen Zukunft mit ihr gesponnen. Sie haben ihr gesagt, Sie würden in Kürze von mir ihre Hand erbitten, und statt dessen sind Sie ihr schon zweimal auf der Straße geflissentlich aus dem Wege gegangen.“ Er sprang auf, sah den Jüngeren zornig an. „Herr Doktor von Rauberg, weshalb unterbrechen Sie mich denn mit keiner Silbe, weshalb lassen Sie mich denn immer nur reden? Das ist doch unnatürlich! Schließlich können Sie mir doch durch eine kurze Erklärung all die lange Salbaderei ersparen, denn Sie wissen doch so gut Bescheid wie ich, was ich von Ihnen will. Lassen Sie sich doch nicht erzählen, was Sie viel besser als ich wissen!“
Konrad von Rauberg seufzte heimlich. Aber sein Entschluß war gefaßt.
Ein weiches, kosiges Dämmerstündchen im Wintergarten der Werkentin schen Villa hatte ihn schwach gemacht, ein liebreizendes, blondes Wesen alle seine Vorsätze umgeworfen. Viel zu schade war das blondeste, zarteste Mädchen für einen Rauberg, über dessen Haupt ein alter Fluch lag, der sich erfüllen konnte, wenn Amadora sein Weib geworden.
Ihr, der Zarten, Feinen, für die das Leben ein langer blumenbestreuter Weg sein sollte, durfte nichts Häßliches, Mißgestaltenes begegnen.
Die Raubergs mit den drei Fingern! — Entsetzlicher Gedanke!
Aber was sollte er tun?
Sollte er dem erregten Vater erzählen, daß er zufällig nach jenem Tage, an dem er Amadora seine Liebe gestanden, einen Brief vom Bruder erhalten hatte, darin ihm dieser von Ilmas endgültigem Verzicht auf Liebe und Ehe sprach und auch seinen eigenen Entschluß nicht unerwähnt ließ? Sollte er Leonhard Werkentin davon reden, ihm damit sein Verhalten erklären?
Konnte er das? Würden seine Bedenken dem Ohr des sehr nüchter urteilenden Vaters Amadoras nicht übertrieben und phantastisch klingen?
Leonhard Werkentin ärgerte das lange Schweigen. Was fiel Konrad von Rauberg nur ein, ihm so unhöflich zu begegnen?
Die Falte zwischen seinen Brauen vertiefte sich, und die Züge seines groben, wenn auch angenehmen Gesichts verdüsterten sich sehr.
„Herr Doktor von Rauberg, ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich zu Ihnen sprechen soll. Werden Sie sich nicht innerhalb Minutenfrist herbeilassen, mir eine Erklärung abzugeben, so verlasse ich dieses Zimmer, um meinem Kind zu sagen, daß es sein Herz an einen Unwürdigen gehängt hat.“
Jetzt erhob sich auch Konrad von Rauberg. Alles Blut war aus seinen Wangen gewichen.
„Nicht so schnell den Stab über einen armen Sünder brechen, Herr Werkentin!“ entgegnete er fast heftig. „Glauben Sie mir, ich quäle mich seit langen Tagen mit der marternden Frage herum, ob ich es wagen darf, mein Allerliebstes, mein Bestes und Schönstes auf der Welt in den entsetzlichen Bannkreis meiner Ängste zu reißen!“
Leonhard Werkentin blickte betroffen auf den Jüngeren, fand keinen Sinn hinter dem rätselhaften Satz.
Konrad Rauberg zuckte nachlässig die Schultern.
„Sie verstehen mich nicht, können mich nicht verstehen, und deshalb will ich mich Ihnen deutlicher erklären, selbst auf die Gefahr hin, von Ihnen als Narr verlacht zu werden.“ Er zupfte an seinem Jackett herum. „Vielleicht würde mir ein richtiges gesundes und unverfälschtes Lachen sogar gut tun.“ Er wies auf den Stuhl neben Werkentin. „Bitte, nehmen Sie nochmals Platz! Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen von einem alten Geschlecht.“
Nun saßen sich die beiden Herren wieder gegenüber, und Konrad von Rauberg sprach dem still Lauschenden von dem Fluch aus den Tagen des Dreißigjährigen Krieges, der noch heute, gleich einem Damoklesschwert, über dem Haupte jedes Rauberg hing.
„In jenen stürmischen Zeiten vor fast dreihundert Jahren“, endete Konrad von Rauberg, „nannten unsere Vorfahren einen trotzigen Edelsitz ihr eigen. Dörfer und Höfe gehörten dazu, soweit der Blick vom Wartturm zu schweifen vermochte, der zugleich einem Astrologen als Heim diente. Heute steht nur noch der Turm. Die Burg von einst ist der Erde gleichgemacht. Ein kleiner Gutshof mit Äckern und Wiesen ringsum, allzu viele Morgen sind es nicht, ist alles, was uns vom Einst geblieben. Mancher Bauer nennt eine größere Scholle sein als mein älterer Bruder Norbert. Also reich sind wir nicht, wir Raubergs, und durch den Fluch sind wir zudem gedrückt, beengt. Niemand von uns vermag die Flügel zu regen. Wir fürchten uns wie arme verfolgte Hasen vor dem scharfen Biß der Jaghunde.“
Leonhard Werkentin war fast verblüfft den Ausführungen gefolgt.
Jetzt schlug er mit der Faust auf den Zeichentisch, ein paar Bleistifte rollten entsetzt auf den Fußboden.
„Herr Doktor, beabsichtigen Sie mich zu uzen?“ schrie er mit Donnerstimme. „Möchten Sie mir mit ollen Märchen und Sagen den Kopf dumm machen? Daß Sie kein reicher Mann sind, ist mir vollständig gleichgültig, Sie sind ein ungewöhnlich tüchtiger Ingenieur, darauf kommt es mir an, und daß einer von altem Adel sich so einen ordentlichen, gediegenen Beruf wie Sie erwählten, gefällt mir erst recht.“ Er überhastete sich förmlich. „Daß Sie mir aber faulen Zauber vormachen wollen, ärgert mich. Wenn Sie sich übereilt haben mit Ihrer Küsserei, wenn Sie sich, der Lockung einer schönen Stunde folgend, zu etwas haben hinreißen lassen, was Sie heute reut, dann bringen Sie als Mann aber wenigstens so viel Mut auf, ehrlich zu sein. Man spielt nicht mit Amadora und ihrem Vater Versteck, Herr von Rauberg.“
Zornig blitzten Leonhard Werkentins Augen den Jüngeren an. Konrad von Raubergs Brust hob sich schwer atmend.
Er hatte es ja gewußt, der einfach denkende Vater der Geliebten würde ihm nicht glauben.
„Wie können Sie mich nur mit solchen Albernheiten ins Bockshorn jagen wollen?“ sagte der Ältere kopfschüttelnd.
Konrad von Rauberg erwiderte sehr ernst:
„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, alles, was ich Ihnen erzählte, entspricht der Wahrheit. Ich fürchte lediglich den alten Fluch, nur er ist es, der zwischen Amadora und mir steht, er schreckt mich wie ein böses, hartes Urteil!“
Da schüttelte der Ältere abermals den Kopf.
„Der Himmel soll mich bewahren, diesen Unsinn ernst zu nehmen! Das ist Spinnstubenklatsch und Waschweibertratsch. Paßt zu Wahrsagerinnen, die einen schwarzen Raben auf der Schulter hocken haben und Dumme belügen. Paßt aber doch nicht zu Ihnen und Ihren Geschwistern.“ Er lachte. „Sie haben ein Paar durchaus normale Hände, und das genügt mir. Wenn Sie verwachsen wären, würde ich Sie ja auch nicht gern an Amadoras Seite sehen, aber solch Mumpitz schreckt mich nicht.“
Er begann lauter und herzhafter zu lachen.
„Wenn das wirklich alles ist, was Sie hindert, meinem Kinde die Ruhe wiederzugeben, dann zögern Sie keine Minute mehr, dann nehmen Sie Ihren Hut und Überzieher und kommen Sie mit mir zu Tisch. Wir können daheim gleich so eine kleine intime Vorverlobung feiern.“ Konrad von Rauberg wollte aufstehen; doch im selben Augenblick klopfte es schüchtern an, und dann stand ein feines, kleines Wesen auf der Schwelle mit großen Mandelaugen von tiefblauer Farbe und lichtblondem, wirrem Haargelock.
Ein leichtes weißes Kostüm, ein winziges weißes Seidenbarett kleideten das zierliche, anmutige Mädchen entzückend.
Jetzt sprang Konrad von Rauberg auf, polternd fiel sein Stuhl zu Boden.
Daraufhin drehte sich Leonhard Werkentin um, starrte auf die holte, achtzehnjährige Blondheit.
„Amadora, was willst du hier?“
Amadora Werkentin sah von einem zum anderen.
„Ich wollte dich abholen, Vater, und nachdem ich lange in deinem Kontor gewartet und dann im Vorbeigehen hier laut sprechen hörte, deine Stimme hörte, Vater, fürchtete ich . . .“
Jetzt zog Leonhard Werkentin mit unendlich zärtlicher Bewegung seine prinzessinfeine Tochter vollends ins Zimmer.
„Was fürchtetest du denn, Amadora?“ fragte er, und ein leichtes, schalkhaftes Lächeln lag um seinen breitlippigen Mund.
Sie errötete. „Mutter hat mir vorhin gesagt, sie hätte dir alles verraten, und da fürchtete ich . . .“ ihr Blick flog zu Konrad von Rauberg, da fürchtete ich, du würdest ihn schelten“, stotterte sie.
Leonhard Werkentin schaute seinen Oberingenieur mit ernst forschenden Augen an, sprach leise:
„Ich verlache Ihre Bedenken, wollen Sie feiger sein als ein Vater?“
Amadora zog die schmalen, dunklen Brauen hoch.
„Was sagtest du da eben, Vater?“
Konrad von Rauberg warf im Moment jedes weitere Bedenken über Bord als überflüssigen, beschwerenden Fahrballast. Er nahm Amadoras beide Händchen in seine Hände, küßte sie eine nach der anderen wie zerbrechliche Kostbarkeiten aus einem Altarschrein.
„Amadora, ich wagte nicht recht, um dich zu werben, trotz unserer Küsse, du schienest mir zu schade, zu gut für einen, der den herben Namen Rauberg trägt. Doch nun ich mich mit deinem Vater ausgesprochen, ist es mir, als dürfte ich es wagen, und deshalb, hier vor deinem Vater, nimm mein Versprechen, daß ich dich achten und ehren werde als mein köstlichstes Gut, wenn du mein Weib werden willst.“
Da entzog ihm Amadora die feinen Fingerchen und mit strahlendem Glücksleuchten in den wundervollen tiefblauen Augen jubelte sie, während sie ihre Arme um seinen Hals schlang:
„Ob ich will, ob ich will? Tausendmal ja! ich will, weil ich dich liebhabe, Konrad.“
Leonhard Werkentin fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. Komisch, es war ihm fast, als kitzele ihn ein Tränlein der Rührung.
Dummes Zeug, ein Leonhard Werkentin ist nicht gerührt, der freut sich laut und lacht ein paarmal derb auf, jagt damit alle Rührung zum Teufel. Und nun lachte der breitschulterige, grobknochige Mann wirklich und konnte doch nicht verhindern, daß ein paar vorwitzige Tränenperlchen über seine Wangen kollerten.
Er putzte die feuchten Kugelchen schnell fort und blickte auf sein Mädchen.
Wie eine Elfe sieht sie aus, mußte er denken. Mochte nur der Himmel geben, daß sie an der Seite des von ihr erwählten Mannes wirklich das reine, echte Glück fand!
In seinen Augen wetterleuchtete es.
Wenn sie das Glück nicht fand, dann wehe dem Manne! Und von der dummen Sage von der verstümmelten Rechten der Raubergs brauchte sie eigentlich überhaupt nichts zu erfahren. Wenn die Geschichte auch lächerlich war, konnte man schließlich doch nicht wissen, wie Amadora sie aufnahm. Er wollte Konrad von Rauberg nachher gleich einen diesbezüglichen Wink geben.
Und er tat es bei erster Gelegenheit.
Konrad erwiderte lächelnd:
„Ich werde schweigen. Mein Glück steht mir viel zu hoch, als daß ich es in Gefahr bringen möchte. Und ich begreife nicht, wie ich noch vor kurzem so abergläubisch sein konnte. Nun ich Amadora vor aller Welt meine Braut nennen darf, erscheint mir der alte Fluch wirkungslos geworden.“
Er sandte einen langen Brief an die Geschwister, meldete ihnen, was geschehen, und nannte Ilma feige.
„Nimm dir dein Glück, zerbrich es nicht in Scherben um eines Phantoms willen, Schwester!“ schrieb er.
Norbert hatte ihr den Brief, nachdem er ihn in seinem Arbeitszimmer gelesen, bei der Abendmahlzeit übergeben. Jetzt saß sie in ihrem Schlafzimmer, las ihn noch mehrmals, und tausend Gedanken schossen dabei durch ihren Kopf. Konrad bat in dem Brief, niemals zu Amadora eine Silbe von dem Fluch zu äußern. Ein Bild Amadoras lag dem Briefe bei.
Ilma dachte: Sie ist so fein, sie zerbräche, wenn sich das Geschick an ihr erfüllen würde.
Sie legte den Brief und das Bild auf ein Tischchen und ging an das breite Eckfenster, das einen Ausblick auf die nahen Berge gewährte.
Auf dem leicht vorgelagerten Kegel hob sich der alte Wartturm gleich einem breiten, drohenden Finger, schob sich massig und düster in den hellen Dämmer des Herbstabends.
Ilmas Gedanken flogen unwillkürlich weit zurück in die Vergangenheit. Während des letzten Teils des Dreißigjährigen Krieges sollte eine Zeitlang ein landfahrender Astrologe auf dem Turm gehaust, sollte Herrn Ottomar Erhardt oft das Horoskop gestellt haben. Denn in jener Zeit liebten es die Herren, sich aus den Gestirnen ihr Schicksal künden zu lassen. Glaubten fest daran, daß die urewigen, unendlich fernen, unendlich großen Gestirne im Weltraum das Schicksal der Menschen bestimmten.
III
Norbert von Rauberg hatte in der Kreisstadt zu tun, er ließ den leichten Jagdwagen anspannen, und während der Fahrt mußte er viel an Konrad denken.
Daß der Bruder den Mut gehabt, den Ilma nicht aufgebracht!
Halb freute er sich darüber, halb bangte ihm vor der drohenden Wolke, die auch über Konrads Zukunft lag gleich einem Wetter, von dem man nicht genau weiß, ob es losbrechen oder vorüberziehen wird. Sehnsucht packte ihn an, und ein wenig Neid. Schön und lieb mußte es sein, eine Gefährtin zur Seite zu haben, ein Geschöpf, das einem mit Leib und Seele gehörte.
Gut würde es der Bruder haben, wenn er erst mit Amadora im eigenen Heim hauste. Die ihm persönlich noch unbekannte Braut Konrads gefiel ihm auf dem mitgesandten Bild ausnehmend. Er würde sie auch bewundern, wenngleich ihre Schönheit seinem Ideal nicht entsprochen haben würde. Er malte sich die Herrin von Rauberg anders aus. Groß müßte sie sein, und dunkles weiches Haar sollte ein sonnenwarmes, gebräuntes Gesicht umrahmen. Der Typus einer stolzen Südländerin, der schon im Mittelpunkt seiner Knabenträume gestanden, schwebte ihm vor.
Er schreckte plötzlich aus seinem Sinnen auf.
Der Hupenruf eines entgegenkommenden Autos riß ihn in die Wirklichkeit.
Er bog mit seinem Gefährt etwas zur Seite. Das vorbeirasende Auto wirbelte eine große, graue Staubwolke auf, und darin erstickte das Bild des stolzen, dunkelhaarigen Weibes, das seine Phantasie gemalt.
Er trieb das Pferd durch einen scharfen Zungenlaut zu größerer Eile an und zwang sich, an nüchterne Alltagsdinge zu denken, an Steuern, an die Wintersaat und an den Bau der neuen Scheune, mit dem im Vorfrühling begonnen werden sollte.
Ach, es gab ja so viele nüchterne Wichtigkeiten, die man auf ein sehnsüchtiges Herz packen kann, damit es still, ganz still und gefühllos wird.
Nachdem er alle Besorgungen in der Stadt erledigt, fiel ihm ein, daß er eigentlich Frau von Amelunxen wieder einmal einen Besuch machen müßte. Sie war einmal die beste Freundin seiner seligen Mutter gewesen und wohnte, seit sie Witwe geworden, in ihrer kleinen Heimatstadt. Sie war ziemlich wohlhabend, ihr Gatte war Gutspächter gewesen, und da sie keine Kinder besaß, lebte sie nun ganz, wie es ihr gefiel.
Die Villa Frau von Amelunxens war nur klein, enthielt nur Erdgeschoß und ersten Stock. Ein Gärtchen zog sich um das Häuschen, darin jetzt im Hochsommer viele bunte Blumen blühten.
Norbert warf dem jungen Burschen, der ihn auf solchen Fahrten begleitete, die Zügel zu. „Raste eine Stunde beim Löwenwirt, hole mich danach ab, Franz!“ Er sprang ab und schellte am Gartentor.
Ein sauber gekleidetes Mädchen kam vom Hause her, begrüßte ihn mit vertraulichem Lächeln und sagte im Tone eines leichten Vorwurfs:
„Gnädige Frau ist schon seit zwei Wochen von der Reise zurück und hat sich bereits gewundert, warum Herr oder Fräulein von Rauberg sich gar nicht sehen lassen.“
Norbert nickte ihr lächelnd zu.
„Ja, die Raubergs sind eine untreue Gesellschaft, Kathi. Hoffentlich vergibt uns Frau von Amelunxen.“
„Gnädige Frau hat auch eine neue Gesellschafterin von ihrer Reise mitgebracht“, plauderte Kathi. „Fräulein Becker ist unterwegs erkrankt und von ihrer Mutter nach Hause geholt worden. Ich bin froh, daß die Schmeichlerin fort ist.“
Norbert mußte über die Offenheit des Mädchens lachen. Ganz unrecht hatte sie nicht, auch ihm war Fräulein Becker stets unsympathisch gewesen; aber er behielt das für sich.
Frau von Amelunxen, eine stattliche Erscheinung Mitte der Fünfzig, mit scharfgeschnittenen Zügen und gescheiten Augen, kam dem Besucher bereits entgegen.
„Endlich, Norbert! Es ist aber auch wirklich Zeit, daß Sie sich nach mir alten Frau umsehen. Bin schon ganz ungnädig und wäre sicher in den nächsten Tagen nach Rauberg gekommen, um mich zu überzeugen, was eigentlich los ist.“
Norbert küßte die schon ein wenig welke Hand der liebenswürdigen Frau.
„Verzeihen Sie mir, Tante Amelunxen, aber wir hatten letzthin viel Arbeit daheim. Doch ich bringe wenigstens eine Neuigkeit mit, Konrad hat sich mit der einzigen Tochter seines Chefs verlobt. Noch nicht offiziell; aber darauf kommt es ja auch nicht an.“
Frau von Amelunxen schob ihren Arm unter den Norberts, ging mit ihm in das behagliche Wohnzimmer.
„Das ist ja eine liebe, liebe Neuigkeit“, meinte sie freudig, „wirklich, da will ich Konrad nur aufrichtig Glück wünschen.“ Sie drohte scherzhaft mit dem Finger. „Wer wird sich von seinem jüngeren Bruder beschämen lassen! Eigentlich hätten Sie den Reigen eröffnen müssen, Norbert.“
Er wehrte ab. „Ich denke nicht daran, und auch Ilma will nie heiraten. Sie wissen ja, Tante Amelunxen, welche Angst uns davor zurückhält.“
Die Dame strich über ihr ein wenig straff zurückgebürstetes Haar.
„Norbert, Sie tun mir leid, Sie und Ilma. Es kommt mir zuweilen vor, als wenn ihr beide euch gegenseitig mit dem alten Spuk ängstigt. Seid doch nicht töricht! Nehmt doch euer Leben wahr! Und Sie, Norbert, haben nach meiner Ansicht gewissermaßen sogar die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, eine Ehe zu schließen. Raubergblut darf nicht aussterben.“
„Raubergblut ist verflucht“, erwiderte er dumpf. „Gut ist’s, wenn es ausstirbt.“
Frau von Amelunxen zog die Stirn in Falten.
„Norbert, Sie sollen dergleichen nicht sagen, Sünde ist das in meinen Augen.“
Sie schüttelte bedauernd den Kopf.
„Schade, über das Thema werden wir uns wohl niemals verständigen können.“
Und dann brach sie ab, erzählte, daß ihre Gesellschafterin auf der letzten Reise krank geworden sei und sie sich aus Freiburg, wo sie sich gerade befunden, einen Ersatz mitgebracht habe.
„Eleonore Rasmussen ist die verwaiste Tochter eines früheren Freiburger Universitätsprofessors“, erklärte sie, „und ich traf sie eben bei der Stellenvermittlerin, als ich dort wegen einer neuen Gesellschafterin Nachfrage hielt.“ Sie stand auf. „Ich werde sie rufen. Sie soll uns ein Täßchen Tee bereiten.“
Schon war sie gegangen.
Norbert hätte sich viel lieber mit Frau von Amelunxen allein weiter unterhalten, Fräulein Beckers Gesellschaft hatte ihn stets angeödet; wer weiß, was für eine langweilige Suse die Neue war.
Aber das durfte er natürlich nicht äußern, und so wartete er denn etwas verstimmt, wen ihm die einstige Freundin seiner Mutter vorstellen würde.
Gesellschafterinnen sind ja meist häßlich, zu mindest aber haben sie altjüngferliche Manieren und Alltagsgesichter, dachte er.
Jetzt wurde der samtene Vorhang vom Nebenraum her zurückgeschoben, die Dame des Hauses trat wieder ein, und ihr folgte . . .
Norbert von Rauberg war aufgesprungen und starrte entgeistert auf das schlanke, hochgewachsene Weib, das da vor ihm stand und ihn anblickte mit dem wundervollsten Blick, der ihn je getroffen. Leicht verschleiert, nachtdunkel und geheimnisvoll waren die Sterne, die das hellbronzene, statuenschöne Antlitz belebten.
Blauschwarze Haarwellen umrahmten metallisch glänzend die gerade, klassische Stirn, und ein Mund erblühte in dem Antlitz so reif, so giftbeerenrot, daß er verlockte zu Tod und Verderben. Norbert fand keine Worte, alles schien ihm unwirklich, unglaubhaft.
Die stolze, berauschend schöne Südländerin seiner Knabenträume war lebendig geworden und sah ihn an mit ihren herrlichen Augen.
Ein forschender Blick war es, der auf ihm weilte, lange, lange. Endlich ließ er von ihm, und als Frau von Amelunxen vorstellte, neigte Eleonore Rasmussen leicht das Haupt.
Königlich kühl und unnahbar, und doch mit anmutiger Liebenswürdigkeit.
„Eleonore, ich bitte Sie, den Teetisch herzurichten, Sie machen es geschmackvoller als Kathi“, bat Frau von Amelunxen, und Norbert folgte mit einem leichten Erstaunen jeder Bewegung Eleonores. Nie und nimmer hätte er geglaubt, daß so herrisch hochgewachsene Gestalten solcher weichen, schmiegsamen Bewegungen fähig seien, daß solche formvollendete Hände so hausfraulich zu walten verstünden.
Eigen war das und überraschend, aber es gefiel ihm, wie ihm bisher noch nichts gefallen hatte.
Frau von Amelunxen bemerkte sein Erstaunen, und als Eleonore auf Minuten das Zimmer verließ, um etwas aus der Küche zu holen, sagte sie:
„Nicht wahr, ich habe mir eine ganz besondere Gesellschafterin zugelegt. Wie eine entthronte Fürstin eines südlichen Landes wirkt sie, und ist doch nur ein armes Hascherl, dem der Vater nichts hinterließ, als was sie auf dem Leibe trägt. Dafür aber kann sie Latein und Griechisch sowie Mathematik und kennt den Sternenhimmel, wie ich ungefähr unsere Kleinstadtstraßen kenne. Sie ist etwas menschenscheu, ihr Charakter ist vornehm und großzügig. Ich verstehe mich ausgezeichnet mit ihr, besser als mit Fräulein Becker.“
„Sie ist wie ein bezauberndes Bild, Tante Amelunxen, es ist ein künstlerischer Genuß, sie nur anschauen zu dürfen“, erwiderte Norbert.
Dann jagte eine flüchtige Röte über sein scharfes Rauberggesicht. „Ich rede Unsinn, Tante Amelunxen, lachen Sie nur auch!“
Eben trat Eleonore wieder ein, das Mädchen war bei ihr, und bald darauf konnte man am Tisch Platz nehmen.
Die Teemaschine dampfte, und Eleonore bereitete mit reizender Geschicklichkeit den goldbraunen Erfrischungstrank, reichte Norbert die gefüllte Tasse.
Frau von Amelunxen plauderte von ihrer letzten Reise, Eleonore warf mit ihrer tiefen, warmen Altstimme zuweilen ein paar Sätze ein.
Norbert beteiligte sich am Gespräch, aber was er redete, hätte er später kaum zu sagen gewußt. Immer wieder suchten seine Blicke heimlich die schöne Eleonore Rasmussen, die ihm die Verkörperung all dessen schien, was ihm eine Frau reizvoll machte.
Frau von Amelunxen versprach, in Kürze einmal nach Rauberg zu kommen und setzte hinzu: „Rauberg dürfte auch besondere Anziehungskraft auf Sie ausüben, liebe Eleonore, es gibt dort einen alten Wartturm, der einst das Asyl eines Astrologen gewesen ist. Die Räume, darin er gehaust, befinden sich noch so ziemlich in dem ehemaligen Zustand.“
Eleonore Rasmussen blickte zu dem jungen Gutsherrn hinüber.
„Das interessiert mich allerdings sehr, Herr von Rauberg, und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn . . .“
Sie sah Frau von Amelunxen bittend an.
Die Dame nickte ihr zu.
„Ich habe Herrn von Rauberg schon vorhin erzählt, daß Sie etwas von der Astronomie verstehen, und er begreift deshalb natürlich, daß Sie auch für die Astrologie etwas übrighaben.“
Eleonore Rasmussen lächelte.
„O, eine ganze Menge habe ich dafür übrig. Denn schließlich kann man doch nicht ganz beiseiteschieben und mit ein paar Worten abtun, was bedeutende Männer fast unheimlich stark beeinflußt hat. Und wenn auch heute kein aufgeklärter, denkender Mensch der Sterndeuterei besondere Zugeständnisse machen wird, muß man doch staunen, daß ein Mann wie Wallenstein ganz blind daran glaubte, sein Schicksal sei ihm vorher in den Gestirnen bestimmt. Merkwürdig auch, daß ein durchaus klarer Kopf wie Luther etwas von der Sterndeuterei gehalten haben soll und sein Freund Melanchton selbst das Horoskop stellte.“
Norbert erfreute sich an dem Anblick des belebten, schönen Gesichts, und er dachte, schade, daß Eleonore Rasmussen nicht weitersprach. Er hätte ihr immerfort zuhören mögen.
Er war Frau von Amelunxen fast dankbar, die sie durch die Bemerkung, die Astrologen hätten eigentlich kaum jemandem genützt, zum Weitersprechen brachte.
Eleonore schüttelte den Kopf.
„Sie irren, gnädige Frau, mit der Annahme, wenn es auch so scheint. Die Astrologen haben der astronomischen Wissenschaft genützt, und zwar dadurch, daß sie gründliche Aufzeichnungen über den Lauf der Gestirne machten, die dann zum Besten der ernsten Astronomie verwandt werden konnten.“
Es trat wieder Schweigen ein. Draußen fuhr ein Wagen vor. Norbert horchte auf. Die Plauderstunde war um. Franz wollte ihn abholen.
Er verabschiedete sich von Frau von Amelunxen mit der Bitte, recht, recht bald nach Rauberg zu kommen, der Wagen stehe jederzeit zur Verfügung, die Damen abzuholen, und dabei freute er sich schon auf das Wiedersehen mit Eleonore Rasmussen, der er zögernd die Linke reichte.
Seine Rechte hielt er krampfhaft versteckt.
Eleonore fragte, nachdem er gegangen, Frau von Amelunxen darüber; es war ihr aufgefallen, daß Norbert Rauberg sowohl die Teetasse mit der Linken zum Munde geführt hatte wie die kleinen Kuchen.
Da erzählte Hertha von Amelunxen von dem Fluch der Raubergs, an den sie selbst nicht glauben wollte, wenngleich sie sich nicht ganz frei davon machen konnte, daß es da doch Zusammenhänge zwischen dem eidbrüchigen Herrn des siebzehnten Jahrhunderts und dem jetzigen Ältesten der Familie geben müßte. Daß eine Kette liefe von jenem zu diesem.
Eleonore Rasmussen begriff nun, weshalb Norbert von Rauberg davor zurückgeschreckt war, ihr beim Abschied die Rechte zu bieten.
Fast hätte sie gelächelt, und heimlich tat sie es auch. Schätzte er sie so ein, glaubte er ein kleines, zimperliches Weibchen vor sich zu haben?
Ihre schlanke, hohe Gestalt schien zu wachsen, und sic dachte, daß ihr eine ehrliche Manneshand mit drei Fingern lieber sei als eine normale Hand, an der fünf falsche Gierfinger saßen. Ekel schüttelte sie, wenn sie an eine solche Hand dachte, die sie einmal gekannt, die ihr Liebe und Treue geschworen, und Liebe und Treue gelogen und getrogen hatte.
Noch nicht allzu weit lag das Erleben zurück, aber es schmerzte nicht mehr; allzu tief hatte sie die Wunde ausgebrannt mit dem scharfen Höllenstein — Verachtung!
Doch jetzt daran nicht denken! Schade um jeden Gedanken an einen völlig wertlosen Menschen!
Frau von Amelunxen erzählte von Rauberg, und ihre Gesellschafterin hörte zu, beschwor Norberts Gestalt vor ihr geistiges Auge, erinnerte sich seiner vornehmen Haltung, seiner offenen, angenehmen Züge, und ein Gefühl von warmer Sympathie quoll in ihr auf.
Ob seine Schwester Ilma ähnlich war wie Norbert Rauberg?
Und während Eleonores Gedanken sich so mit Norbert und der Familie Rauberg beschäftigten, weilten des Mannes Gedanken nur bei ihr.
Wie eine Offenbarung war ihm die Gesellschafterin Frau von Amelunxens erschienen, und niemals im Leben hatte ihn die verkrüppelte Rechte so geschmerzt wie heute, da er davor zurückgescheut, sie einem schönen Weib zum Abschiedsgruß zu bieten.
Er überlegte. Wie viele Männer waren entstellt, mit Körpergebrechen aus den Kriegen heimgekehrt, ohne deshalb auf Liebe und Ehe zu verzichten. Aber etwas anderes, etwas ganz anderes dünkte ihn das.
Sein Gebrechen war erblich!
Ein Jammer ohnegleichen packte ihn an, und es schoß ihm durch den Kopf, es wäre ihm tausendmal wohler gewesen, wenn er Eleonore Rasmussen niemals begegnet wäre. Aber nein, nein! Herrlich war es, sie nur gesehen zu haben. Eine kostbare Statue, ein Meisterbild darf man bewundern, sich daran erfreuen, ohne Begehr danach zu tragen. Ein Rauberg muß bescheiden sein. Die schlichteste Magd würde es sich noch überlegen, ob ihr ein Rauberg gut genug sei, ob sie das frevle Spiel wagen dürfe, daß ihr erstes Kind als „ein Rauberg mit drei Fingern“ zur Welt kommen könnte.
Dennoch, seine allzu finsteren Gedanken überhuschte gleich einem blendenden, kurzen Licht, aus geheimnisvollen Höhen entsandt, die Aussicht, Eleonore Rasmussen bald wiederzusehen, und mehr im Unterbewußtsein freute er sich auch darüber, daß die schöne Eleonore nur eine Gesellschafterin und arm war. Er gebot ja auch über keine Reichtümer; aber ein sorgenfreies Leben vermochte er der Frau, die ihm angehören wollte, doch zu bieten. Vielleicht auch ein wenig mehr.
Die stolzen Schultern Eleonores würden bald müde werden unter dem Joch der Abhängigkeit. Wenn Frau von Amelunxen auch keine Tyrannin war von der Sorte, die eigens dazu geschaffen schienen, arme Gesellschafterinnen zu quälen, so gab es, wenn man das Brot der Abhängigkeit aß, doch nicht immer weiche Brocken.
Er rief sich selbst zur Ordnung. Wohin verirrte sich sein Sinnen und Sehnen?
Rechnete er schon heimlich auf die Armut und Abhängigkeit der schönen Eleonore Rasmussen, um ihr den Platz an seinem Herzen und Herd zu bieten? War er schon so weit, daß er ein Schachergeschäft ins Auge faßte, um ein köstliches Juwel einzutauschen?
Scham schüttelte ihn. Nein, so bescheiden war er nicht. Liebe mußte auch mit Gegenliebe zahlen!
Ilma fragte ihn, ob er Frau von Amelunxen aufgesucht hätte. Er bejahte die Frage und erwähnte flüchtig, die mütterliche Freundin habe sich von ihrer letzten Reise eine neue Gesellschafterin mitgebracht. In den nächsten Tagen dürfte man die Damen auf Rauberg erwarten.
„Sieh einmal an“, wunderte sich Ilma, „so ist Fräulein Becker also nicht mehr persona grata bei Tante Amelunxen? Das ist gut, hab ebensowenig für sie übriggehabt wie du. Wes Geistes Kind ist denn die Neue?“ setzte sie hinzu und blickte den Bruder an.
Er schluckte förmlich, ehe er antwortete. Nur nicht ausführliche Auskunft geben! Er fürchtete, seine Worte würden sonst zu einem gewaltigen Hymnus auf Eleonores seltene Schönheit ausklingen.
„Fräulein Rasmussen ist eine mittellose Professorentochter, die Latein und Griechisch, Mathematik und mehr Weisheit versteht.“
Unvermittelt wollte er auf ein anderes Thema überspringen.
Ilma lächelte. „Allem Anschein nach ist dir die Neue so unsympathisch, wie es Fräulein Becker gewesen, und ich kann mir schon das Äußere dieses Fräuleins vorstellen. Eine Professorentochter, die mit Latein und Griechisch vollgepfropft ist, dürfte ein Scheusälchen sein.“
Norbert wehrte ab. „O nein, aber . . .“
Ilma nickte ihm zu. „Laß nur, Bruder, weise Damen sind selten reizvoll. Weshalb soll Tante Amelunxens Gesellschafterin zu den Ausnahmen gehören?“ Sie blickte mit umflorten Augen vor sich nieder. „Bernd hat mir vorhin durch einen Boten einen Brief gesandt. Er will sich noch immer nicht mit meinem Entschluß abfinden, stellt mir eine Art Ultimatum, ich soll mir alles noch einmal gründlich überlegen. In einigen Wochen will er sich die Antwort holen. Wenn ich dann nicht ja sage, schreibt er, wird er sein Gut verkaufen und weit fortgehen, auswandern. Er könne nicht in meiner Nähe bleiben, so wie die Dinge jetzt stehen.“
Ilma war dem Weinen nahe.
„Konnten wir denn nicht in guter Freundschaft leben, Bernd und ich, meinst du nicht auch, Norbert? Bernd ist hart gegen sich und mich!“
Norbert dachte an die Gesellschafterin Frau von Amelunxens, die er erst ein einziges Mal im Leben gesehen, und die dennoch schon eine Macht auf ihn ausübte, sein Denken beeinflußte, wie es seither noch nie ein Mensch getan.
„Ich glaube Bernd zu verstehen, Ilma“, gab er zurück, „er fühlt sich außerstande, dir oft zu begegnen, er fürchtet sich, zu mächtig an ein Glück erinnert zu werden, das er schon von je ersehnt, und das ihm nie zu Teil werden soll, weil du dich eigensinnig auf einen alten Aberglauben versteifst. Er von seinem Männerstandpunkt grollt dir und muß dir grollen.“
Ilma machte eine heftige Bewegung, wollte etwas erwidern und schwieg dann doch.
Schließlich, alles, was sie zu ihrer Entlastung hätte vorbringen können, wurde immer wieder zu einem Schmerz für Norbert; denn er war doch der Unfreieste, war der in dieser Generation Gezeichnete.
Sie versuchte zu lächeln, aber das Herz war ihr gar so schwer, und plötzlich fiel sie dem Bruder um den Hals und weinte, weinte . . .
Beruhigend strich er über das krause, braune Haar.
„Es kann ja noch Rat werden, du ringst dich sicher noch zum Mut durch.“
Ilma schwieg auch jetzt, aber sie dachte, eigentlich gehörte ungleich mehr Mut und Willenskraft dazu, einem Glück zu entsagen, als es skrupellos an sich zu reißen.
IV
Auf eine Benachrichtigung Frau von Amelunxens sandte Norbert den Landauer nach der Kreisstadt, und am frühen Nachmittag fuhren die Damen vor der kleinen Freitreppe des Gutes an.
Ilma und Norbert standen beide zur Begrüßung bereit, und Ilma mußte ihre ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um beim Anblick Eleonores Rasmussens nicht einen lauten Ausruf höchsten Erstaunens auszustoßen.
Eine blendende Schönheit, eine junge Fürstin entstieg dem Wagen.
Die Kleidung war zwar überaus einfach, aber vielleicht unterstrich gerade diese Einfachheit die körperlichen Reize der Gesellschafterin doppelt. Ein ganz schmuckloses Cheviotkostüm von grauer Farbe, ein kleiner Dreispitz vom gleichen Grau gab ihrem Aussehen etwas so überaus Vornehmes, daß Ilma sich zusammenreißen mußte, um sich nicht tief zu verneigen vor der armen Professorentochter.
Eleonore bemerkte Ilmas Erstaunen, und ein leichtes, hauchartiges Lächeln irrte über ihre wundervollen Züge, gab ihnen einen neuen Reiz. Doch gleich kehrte die kühle Ruhe darauf zurück, die ihnen gewöhnlich eigen war.
Nach dem Kaffee suchte man den Wartturm auf.
Eleonore fand die Schwester des Gutsherrn ebenso sympathisch wie ihn und dachte mit heimlichem Aufatmen, wie gut es für sie sei, jetzt in völlig anderen Verhältnissen zu leben als früher, allem fern, was ihr Schmerz und Sorge bereitete. Bei Frau von Amelunxen war Frieden, und Frieden war bei ihren Freunden.
Oder nicht? War dieser Frieden, der sie hier auf Rauberg so wohltuend berührte, nicht echt, war er nur scheinbar, und lauerten unter seiner Decke Stürme und Qualen? Frau von Amelunxen hatte ihr ja kein Hehl daraus gemacht, welcher finstere Geist im Hause der Raubergs umging und das alte, edle Geschlecht dem Untergang weihte.
Doch nicht! Ein Rauberg hatte sich verlobt; aber die Geschwister hier auf dem Gut wollten dem Moloch Vergangenheit opfern.
Sie beobachtete Ilma.
Das hübsche Mädchengesicht trug Spuren von Leid, und um die klugen Grauaugen lagen Schatten, die wohl geblieben als Zeugen durchwachter und durchweinter Nächte.
Eleonore ließ den Blick in die Runde schweifen.
„Sie wohnen in besonders lieblicher Gegend, Fräulein von Rauberg“, sagte sie, „ich habe den Taunus früher nicht gekannt, das heißt, ich habe die Berge nur gelegentlich einer Reise von weitem gesehen. Es ist so heimelig hier. Ich glaube man kann hier hausen und das Leben da darußen in der Welt verträumen, vergessen.“
Ilma schaute die ihr zur Linken gehende hochgewachsene Dame forschend von der Seite an. Was sich die Natur für Launen gestatte! Schuf ein Meisterwerk, gab ihm einen hochgelehrten, aber armen Mann zum Vater und stieß es dann in den Schatten einer dienenden Existenz.
Eleonore wies auf den Wartturm, der plump und massig vor ihnen aus dem kahlen Bergkegel erwuchs.
„Ich bin begierig, das Tuskulum eines alten Astrologen kennnenzulernen.“
Ilma zuckte mit den Schultern.
„War ein landfahrender Herr, der Astrolog, soll aber ziemlich lange auf Rauberg geweilt haben. Unser Vorfahre, unter dem er hier Obdach fand, soll nichts ohne seinen Rat angefangen haben.“
Eleonore nickte. „Ja, die Astrologen haben einmal starken Einfluß gehabt, Es ist ja historisch festgestellt, daß Wallensteins Hausastrologe, Battista Zenno oder Seni genannt, sich in den letzten Tagen des großen Feldherrn ständig in seiner Nähe aufgehalten hat.“
Jetzt war der Berg, zu dem man auf sanftgewundenen Pfaden emporschritt, erstiegen.
Norbert wandte sich der Gesellschafterin zu.
„Ein bißchen Staub und Spinngewebe werden Sie oben mit in den Kauf nehmen müssen, Fräulein Rasmussen. Die Raubergs haben bisher wenig Interesse für das ehemalige Sterndeuterquartier da oben gezeigt. Nur die Plattform ringsum lockt einen oder den anderen von uns hinauf. Der Blick genießt da oben die Schönheiten der Heimat, der Krimskrams alter Scharteken und Instrumente läßt uns kalt.“
Er öffnete mit einem großen, altfränkisch geformten Schlüssel eine kleine Tür, die über und über mit Eisen beschlagen war, und ging den Damen voran.
Schmale, sehr ausgetretene Steinstufen führten zum Turm hinauf. Feuchte, modrige Luft legte sich einem beklemmend auf die Brust, ein Geraschel wie Wind, der über dürre Blätter fährt, ließ den Gedanken an entweichende Ratten aufsteigen. Zweimal machte die Treppe eine Biegung, zweimal konnte man auf einem meterbreiten Viereck ausruhen, ehe man weiter zur Höhe kletterte.
Endlich war ein Vorraum erreicht. Grob und ungefügig drängte sich der Steinbau hier zusammen, und eine vielhundertjährige Vergangenheit hockte zwischen den Quadern und spie ihren muffigen Atem aus, trübte den frischen Hauch der Gegenwart, den die vier Menschen mit sich brachten aus der Helle des sonnigen Tages, der über dem Taunuslande lag.
Eine Truhe stand in dem Vorraum. Sie war von häßlicher Form, mit grober Schnitzerei verziert, niemand mochte bisher Verlangen nach dem unschönen Möbel empfunden haben.
Eleonore Rasmussen blieb davor stehen.
Norbert erklärte, die Truhe enthalte viele alte stockfleckige Bücher, die anscheinend noch keinen Rauberg gereizt hätten.
„Aber eine Professorentochter reizen sie“, gestand Eleonore lächelnd.
Norbert schlug den schweren Deckel zurück. Die Truhe war über die Hälfte mit alten Folianten und allerlei vergilbten Papieren vollgestopft.
„Wenn Sie die Bücher genauer besichtigen wollen, Fräulein Rasmussen, steht die Truhe zu Ihrer Verfügung“, sagte Norbert, und ohne daß er es wollte, lag etwas von der großen Bewunderung, die er für ihre Schönheit empfand, im Blick seiner Augen, im Ton seiner Stimme.
Elenore nahm eins der obenliegenden Bücher empor.
Es war in Schweinsleder gebunden und verfasert, dikker Staub hing daran. Sie öffnete es, schaute neugierig hinein.
Es war ein handschriftliches Exemplar, und sie legte es zögernd zurück, die wenigen Worte, die sie dabei sprach, verrieten, daß sie sich am liebsten sofort damit beschäftigt hätte.
Frau von Amelunxen konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
„Liebe Eleonore, Herr von Rauberg hat Ihnen eben die ganze Truhe zur Verfügung gestellt, er wird Ihnen sicher gestatten, sich dieses Buch bei ihm auszuleihen.“
„Aber natürlich, nehmen Sie mit heim, was Ihnen beliebt“, antwortete Norbert überschnell, froh, Eleonore Rasmussen eine Gefälligkeit erweisen zu dürfen.
Mit Dank nahm Eleonore an und legte sich das Buch zum späteren Mitnehmen zurecht.
Jetzt öffnete Norbert ein schmales Türchen, ein niedriges, kleines Gemach tat sich auf, und man hätte meinen können, um Jahrhunderte zurückversetzt zu sein in diesem Raume, der einmal den Sterndeuter Herrn Ottomar Ehrhards beherbergt hatte.
Ein unförmiger Tisch nahm fast das halbe Zimmer ein. Darauf standen ein rohgeschnittenes Kruzifix und ein Totenkopf, daneben lagen zwei Folianten und ein altes Doppelfernrohr, das noch zu jenen ersten des Holländers Lippershey gehören mochte. Außerdem befand sich auf dem Tische eine Himmelskugel aus über- und ineinandergehenden Ringen gebildet. Ein wurmzerfressener Stuhl befand sich weiter in dem Raume und an den Wänden auf schmutziggelben Kartons einige seltsame Zeichnungen, die Horoskope vorstellten. Eine niedrige Bettstatt, ein paar uralte Krüge war alles, was der Raum sonst noch enthielt, und doch stand Eleonore Rasmussen, als sähe sie ganz besondere Dinge.
Norbert schob einen Vorhang zurück, der die eine Zimmerecke abschnitt. Eine schmale Treppe ward sichtbar, verblüffte hier im Zimmer. Norbert lächelte über Eleonores erstaunten Blick. Er stieg die sechs Stufen hinauf, stieß eine Luke auf. Der blaue Gotteshimmel schaute in das alte Gemach, darin noch der Geist eines längst gestorbenen Jahrhunderts webte.
Eleonore folgte Norbert hinauf zur Plattform. Frau von Amelunxen und Ilma blieben im Zimmer zurück, da die ältere Dame nicht schwindelfrei war.
Die Ummauerung, die in Meterhöhe die Plattform umgab, zeigte Risse und Sprünge. Eleonore sah bewegt hinaus in die Weite, die sich jetzt ihren bewundernden Augen darbot.
„Die herrliche Welt liegt uns jetzt zu Füßen“, lächelte sie, und indem sie hinaufschaute zum Firmament, sagte sie bewundernd: „Ein besseres Heim für einen Astrologen als den Wartturm von Rauberg vermag ich mir kaum vorzustellen. Ich male mir aus, wie er an sternenreichen Abenden hier oben stand und, zum Himmel blickend, die Konstellation der Sterne zu einem Zusammenhang mit den Menschenschicksalen zwingen wollte.“ Sie wandte sich lebhaft an Norbert. „Wenn jener Astrolog kein Charlatan war, der Törichte ausnützte, sondern ein Mann, der selbst glaubte, was er verkündete, hat er von hier aus die Verbindung mit dem Himmelsgewölbe in geradezu idealer Weise herstellen können.“
Norbert neigte den Kopf.
„Das mag wohl richtig sein, Fräulein Rasmussen.“
Ihm war es, als ruhte ihr Blick auf seiner Rechten, die er gedankenlos auf den Mauerrand gelegt hatte. Mit jäher Bewegung zog er sie zurück, dunkler färbte sich sein gebräuntes Gesicht dabei.
Eleonore deutete die Bewegung richtig.
Ihre eben noch lächelnden Züge wurden sehr ernst.
„Herr von Rauberg, bitte, werfen Sie mich bitte nicht in einen Korb mit albernen Zimperliesen, die vor einer Hand erschrecken, weil Natur die Hand ein wenig stiefmütterlich behandelte! Ich weiß von Frau von Amelunxen, welches Leid Sie drückt! Es ist also nicht nötig, es vor mir zu verstecken.“ Ihre Stimme ward leiser, und doch kam jedes Wort hart und fest aus ihrem Munde.
„Ich meine, ein Mann dürfte so einen kleinen Schicksalsstoß nicht derart auffassen, daß er ein Lebensdrama daraus macht. Es laufen so viele arme Krüppel in der Welt herum, die weder Heim noch Geld besitzen. Der Fehler, den die Natur an Ihrem Körper begangen, ist gar so winzig und müßte von Ihnen überwunden werden können.“
Norbert empfand die Worte wie einen scharfen Schlag. Unwillkürlich richtete er sich straffer auf.
„Nun, Fräulein Rasmussen, wenn Sie auch durch Frau von Amelunxen schon Bescheid wissen, erfuhren Sie doch wohl kaum, daß mich weniger die eigene mißgestaltete Rechte schmerzt als alle die anderen rechten Rauberghände, die seit ungefähr drei Jahrhunderten vor mir da waren und von denen manche, nein viele, viel zu viele der meinen glichen. Meine Schwester Ilma und ich werden deshalb einsam bleiben, weil wir den unseligen Fluch nicht weitergeben wollen an die, die nach uns kommen könnten.“ Seine Augen blickten sie mit einem seltsam dunklen Blick an. „Welche Frau, die lebensfroh und von heller, lebensbejahender Gemütsart wäre, würde einen Rauberg mit den drei Fingern wie mich zum Gefährten wählen! Dreimal würde es sich jede überlegen, um dann wahrscheinlich doch nein zu sagen.“
Eleonore hielt dem Blick des Mannes stand.
„Herr von Rauberg, ich bedauere, welche schlechte Meinung Sie von den Frauen haben, aber ich glaube, daran trägt Ihre Verbitterung die Schuld. Sie haben sich in ein Kleid von Verbitterung gehüllt und haben nicht den Willen, das häßliche Gewand von sich zu werfen.“ Sie lächelte ein wenig. „Von verbitterten Menschen geht ein geheimnisvolles Fluidum aus, ähnlich den tückischen Krankheitskeimen, das steckt alle an, die Ihnen nahekommen oder in Ihrer Nähe leben müssen. Es ist wie ein heimlich schleichendes Gift. Und bitte, Herr von Rauberg, nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich, meine einfache Stellung ganz beiseitesetzend, Ihnen zu sagen wage, Sie tragen die Schuld, wenn Ihre hübsche, liebenswürdige Schwester eine früh gebrochene, müde, alte Jungfer wird. Ein weibliches Wesen wie Ihre Schwester ist zur Gattin und Mutter von der Natur bestimmt. Ihr Äußeres, ihre Frische der Bewegung, die Sehnsucht nach Glück in ihren Augen sprechen allzu deutlich.“
„Kann ich dafür, wenn meine Schwester den Fluch fürchtet gleich mir?“ erwiderte Norbert schnell und erregt.
Eleonore gab sofort Antwort.
„Natürlich! Ihre Gegenwart, Ihr Denken beeinflußt Ihre Schwester. Das beste Beispiel dafür bietet doch Ihr Bruder, der fern von Ihnen es wagt, dem Schicksal seinen Manneswillen entgegenzusetzen.“
Norbert lachte. Ein kurzes, rauhes Lachen.
„Sie können so weise reden, Fräulein Rasmussen, weil Sie allem fernstehen, was den Raubergs schon immer Sorge geschaffen.“ Er blickte sie mit leichtem Hohn an. „Die Braut meines Bruders Konrad weiß nichts von dem Fluch, der über unserem Hause liegt, und sie soll nichts davon erfahren, wünscht mein Bruder; er stiehlt sich also gewissermaßen sein Glück, ist nicht offen zu dem Mädchen, das seine Frau werden soll.“
Eleonore zuckte die Achseln.
„Ich meine, Ihr Bruder hätte ruhig offen und ehrlich sein dürfen. Ein Mädchen, das ihn wirklich liebhat, hätte ihm jede Angst vom Herzen gelacht. Liebe ist doch das Stärkste auf Erden, ist doch tausendmal stärker als ein alter Fluch.“
Über Norberts Gesicht zuckte es.
„Wieder möchte ich Ihnen entgegnen, Sie können weise reden, Fräulein Rasmussen, weil Sie allem fernestehen, was den Raubergs schon immer Sorge geschaffen, aber ich tue es nicht, den Einwand vermögen Sie wohl mit irgendeinem anderen abzuwehren. Nein, ich will Sie statt dessen fragen: Würden Sie selbst den Mut aufbringen, eines Raubergs Weib zu werden, vielleicht gar das eines Mannes, der Ihnen eine Hand wie die meine zu reichen wagte?“
Von einer überströmenden, zornigen und zugleich heißen Empfindung, die er nicht völlig zu deuten wußte, dazu bewogen, hielt er der schönen Gesellschafterin seine Hand entgegen.
Eleonore durchzuckte es gleich einem elektrischen Schlag. Was war das, was ihr aus den leuchtenden, bittenden und zugleich forschenden Augen entgegensprang wie ein zündender Funke? Was war das nur, was die Männerstimme durchglutete und in ihr ein Echo wecken wollte? Was war das nur, was einen heimlichen Sehnsuchtsschauer nach Glück in ihr löste und sich wohlig und doch beengt um ihre Glieder spann?
Sie atmete unhörbar tief auf. Ihre Blicke gaben das Antlitz des Mannes frei, schweiften hinaus über Berge und Täler, glitten über still ruhende Dörfer und saugten sich fest an dem lichten Streifen, der weit draußen, fast wo sich Himmel und Erde im Kusse trafen, aufschimmerte. Es war der Main, der im Sonnenglanz leuchtete wie Silber, darauf reicher Kerzenschein fiel.
Sie vermochte den Mann an ihrer Seite nicht anzusehen, sie fühlte sich so unfrei, sie, die selbstbewußte, selbständige Eleonore Rasmussen.
Sollte sie ausweichend antworten? Sollte sie dem Mann dadurch beweisen, daß es wirklich nur Wortweisheit gewesen, die sie gesprochen, daß ihr Denken und Fühlen davon völlig verschieden war? Nein, so niedrig durfte er sie nicht einschätzen, dazu war sie sich zu schade. Sie riß den Blick von der Landschaft los, sah Norbert ernst an.
„Wenn ich einen Rauberg liebhätte, würde ich jauchzend über seine Furcht hinweglachen und mich den Teufel um Vergangenes kümmern. Die Gegenwart würde mein Glück ausfüllen und mit meinem festen Willen zum Glück jagte ich alle Zukunftssorge zu der Vergangenheit. Mit dem Manne, dem meine Liebe, meine Achtung gehören, risse ich den alten Fluch in Fetzen.“ Sie sprach immer freier und rascher. „Und wie altes, faulendes Herbstlaub würde ich den zerrissenen Fluch in die Erdscholle mit einpflügen. In Segen und Frucht gewandelt, müßte er mir daraus wieder keimen und wachsen.“
Norbert schwankte fast, so stark und erschütternd klang es ihm ins Ohr. Sturm umjauchzte ihn, Siegeslächeln strahlte die mächtige Sonne, die blutrot, in unirdischer, blendender Majestät hinter den westlichen Bergen versinken wollte.
Mit einem Laut, der wie ein unterdrückter Schrei war, packte er mit der Rechten die eine Hand Eleonores.
„Ich danke Ihnen, Sie haben aus einem Armen einen Krösus gemacht.“ Er neigte sich, küßte die schmalen, vornehmen Finger, die mit leisem Beben in den seinen ruhten. „Heute zum ersten Male stört mich die Hand nicht, die mir sonst ein tägliches Ärgernis war. Mein Wünschen und Wollen möchte den Himmel stürmen.“
Eleonore verstand. Ein sanftes Rot spülte unter ihrer Wangenhaut hin, purpurner brannten die Lippen in dem edelgeschnittenen, südländisch dunklen Gesicht. Ein heimlich heiliger Ruf schien aus fernen Welten zu ihr zu dringen und in ihrem Herzen festzuhängen, mit leisem Nachhall wiederzuklingen: Wach auf, diesmal winkt dir ein echtes Glück!
Fast heftig entzog sie dem Manne die Hand.
„Herr von Rauberg, wenn es Ihnen recht ist, gehen wir jetzt wieder hinunter.“
Mit stummer Verneigung bejahte der Gutsherr.
Ilma fragte Eleonore Rasmussen, ob ihr die Aussicht gefallen. Und dann verließ man den Turm. Das Buch des Astrologen aber nahm Eleonore mit.
„Ich will es gründlich durchackern“, erklärte sie, „denn es ist im sogenannten Mönchslatein geschrieben. Das reinste Kauderwelsch ist das im Verhältnis zum Caesar. Aber mein Vater verstand viel davon, und manche alte Handschrift, manches seltsame Wort haben wir gemeinsam enträtselt. Ich freue mich auf die anregende Arbeit.“
Als Eleonore in den Wagen stieg, traf sie ein tiefer Blick Norberts, der sie nicht mehr losließ während der ganzen Fahrt. Wie ein schöner, verflogener Falter umgaukelte er sie und flatterte ihr nach in ihren Träumen.
V
Konrad von Rauberg lebte wie in einem Rausche von Glück. Tagtäglich suchte er die Villa auf, darin die blonde, feine Amadora unter dem zärtlichen Schutz der Eltern lebte, und täglich ward seine Liebe größer und stärker. Amadora war ihm das Höchste und Wertvollste auf der Welt.
Sie erwiderte seine Liebe mit weicher Innigkeit, ihre Augen strahlten die Seligkeit wider, die in ihrem Herzen wohnte, und stets ging sie ihm entgegen, wenn sie seinen Schritt im Hausflur vernahm. Dann flog sie ihm um den Hals, gleichgültig dagegen, ob sich ein Dienstbote schmunzelnd an dem Anblick erfreute. Was galt ihr die Umgebung, was galt ihr jeder andere Mensch gegen ihn! Seine stolze Männlichkeit, die zu seinem herben, hochklingenden Namen paßte, seine ritterliche Art dünkten ihr die Bejahung all ihrer Mädchenträume.
O, wie grenzenlos sie ihm vertraute! Offen und klar wie seine Züge war er in seinem Innern. Ein lauter, wahrhafter Charakter, der nie log, nie etwas verbarg. Wahrheit und Geradheit waren ein Teil seiner selbst, so wünschte sie ihn, so liebte sie ihn.
Es war eines Nachmittags. Um vier Uhr beendeten die Herren ihre Büroarbeit, und Amadora saß auf erhöhtem Fenstersitz, von wo aus sie bis zur Straße zu blicken vermochte. Gleich würde Konrad mit dem Vater kommen. Sie freute sich schon darauf, bei Tisch dem Geliebten gegenüberzusitzen und seine liebkosenden Worte zu hören.
Sie lächelte vor sich hin, blickte dann auf die Uhr. Ach nein, ihre Sehnsucht fuhr mit Extrapost, es war noch nicht so weit, fast eine halbe Stunde fehlte noch, bis der Vater und Konrad da sein konnten.
Sie schaute auf, eben hatte die Gartenschelle geschrillt.
Sie machte ein mißmutiges Gesicht, denn sie erkannte die Dame, die Einlaß begehrend vor der Tür stand. Franziska Kromau, eine entfernte Verwandte mütterlicherseits, die ab und zu zum Besuch kam, allerlei neidische Spitzfindigkeiten losließ, und erst zu gehen pflegte, nachdem sie tüchtig gegessen, die Mutter angeborgt und verschiedene Taktlosigkeiten begangen hatte. Die Mutter war leider zu schwach der vierschrötigen, zweimal mal verwitweten Frau, die draußen in der Bornheimer Vorstadt ein winziges Posamentiergeschäft betrieb, einmal geradeheraus die Meinung zu sagen.
„Die arme Person tut mir leid“, verteidigte sich die gutmütige Mutter sie, wenn Mann und Tochter zuweilen die größte Lust verspürten, der scharfzüngigen Klatsche den Stuhl vor die Tür zu setzen.
Konrad, der sie auch kennengelernt, hatte alle Erörterungen über sie mit den Worten abgetan: „Franziska Kromau lebt in gedrückten Verhältnissen, in kinderloser Einsamkeit, sie weiß vielleicht gar keine rechte Erklärung für den Begriff. Glück. Solchen Menschen muß man viel vergeben.“
Amadora aber hatte sich trotzdem gelobt, daß sie ihr späteres eigenes Heim vor der Verwandten verschlossen halten würde, sie mochte sich nicht den eklen, kleinlichen Klatsch in ihr Paradies tragen lassen.
Amadora hörte die etwas hohe Stimme Franzika Kromaus schon auf dem Flur draußen und daneben die leise Stimme der Mutter. Neben Amadoras Zimmer lagen Wohn- und Speiseräume. Die Tür von nebenan öffnete sich mit lautem Ruck. Breit und grobknochig schritt Franziska Kromau über die Schwelle, blickte tadelnd auf Amadora, die sich jetzt erst langsam und zögernd von ihrem Fensterplatz erhob.
„Ei, des muß man sage, des gnädige Fräulein läßt sich Zeit, kann ’ner alten Frau keinen Schritt entgegengehe. Sag’ mal, Dore, hast du des in dein feines Pensionat gelernt? Aber gelt, du meinst, du bist schon ’ne Baronin und hast es net nötig, alte Leut die Ehr zu erweise.“
Scharf und breit prasselten die Vorwürfe auf das blonde Mädchen nieder, das, sich stolz aufrichtend, zur Mutter hinübersah, als erwarte sie von ihr Hilfe gegen den Angriff.
Frau Luise Werkentin machte eine Bewegung, die sich die Tochter mit: Ach, laß sie doch! übersetzen konnte.
Frau Werkentin haßte Unruhe und Ärger, duldete lieber, als daß sie sich zur Wehr setzte. Da zwang auch Amadora ihre Empörung nieder; doch die eine Erwiderung vermochte sie sich nicht versagen:
„Höre, Tante Franziska, ich giere nicht nach einem Adelstitel, und ich hätte Konrad genau so lieb, wenn er den schlichtesten Namen führte. Uns Werkentins kann wohl niemand nachreden, daß wir hochmütig sind.“
Franziska Kromau zuckte mit den eckigen Schultern, die sich wie knorrige Äste unter der prall anliegenden lila Atlasbluse abzeichneten.
„Na ja, ist schon gut“, brummte sie und dachte, sie hatte ja heute noch das beste Späßchen vor sich. Denn ein Späßchen dünkte sie, was anderen die Stimmung gründlich zu verderben vermochte.
Sie setzte sich behäbig auf einen feingliederigen Rokokostuhl, der ein unwilliges Knirschen hören ließ.
„Solche Spielerei kämen mir net in mei Wohnung“, entrüstete sie sich, und Frau Luise spöttisch zublinzelnd, fuhr sie fort: „Als der Leonhard noch die Schlosserei draußen in Bornheim hatte, waren vier Rohrstühle, ein verschrammtes Vertiko und ein paar eintürige Schränke eure feinsten Möbel.“
Jetzt überzog auch Frau Luises gutmütiges Gesicht ein Schatten.
„Leonhard und ich schämen uns unserer Vergangenheit nicht, im Gegenteil, wir sind stolz darauf, daß Leonhards Fleiß und Umsicht uns vorwärts brachten. Aber du sprichst immer von früher, als wäre die Schlosserwerkstatt in Bornheim eine Schande für uns.“
Franziska Kromau wiegte den Kopf mit dem schlechtgefärbten Haar, dessen Spitzen fuchsig-lila schimmerten.
Ihre schmalgeschlitzten Augen nahmen einen harmlosen Ausdruck an.
„Wie ihr mich immer mißversteht! Ich wollte ja nur ausdrücken, ihr habt eigentlich Glück gehabt im Leben, während andere, die auch fleißig gewese sind, nie aus der Misere rauskomme.“ Sie plusterte sich auf. „Mir kann doch auch niemand vorwerfe, ich wäre faul. Bin doch vom frühe Morge bis uff den späte Abend im Geschäft, gönne mir nix Überflüssiges, und kann doch net aus Bornheim rauskrabbele wie ihr. Mei zwei Männer ware fleißige Leut — vielleicht wenn sie net so bald gestorben wäre — es waren beide Schenies.“
Franziska Kromau, wie sie nach ihrem letzten Gatten hieß, hatte mit beiden Männern, die untergeordnete Musiker gewesen, in ständigem Zank und Streit gelebt. Elende Bierfiedler hatte sie sowohl den einen wie den anderen genannt, nach ihrem Tode aber drückte sie beiden die Krone des Genies auf.
Leonhard Werkentin kniff verärgert die Lippen ein, als sich Franziska Kromau mit im Speisezimmer einfand. Die Frau mit der spiegelnden lila Bluse bemerkte dergleichen einfach nicht, wenn es ihr nicht paßte. Sie aß gern viel und gut, und Montag am Nachmittag war im Lädchen doch nichts zu tun. Am meisten gellte die Ladenklingel Sonnabends, wenn die Hausfrauen den Sonntagsstaat für die Familie instandsetzen mußten. Da wühlte sie zwischen Nähgarn und Hosenknöpfen, doch auch Socken und Handschuhe wurden verlangt. Der Sonnabend war der gesegnetste Tag der Woche.
Konrad Rauberg fand die etwas unmögliche Verwandte belustigend, sie störte ihn am wenigsten. Er wußte nicht, daß kleinlicher Neid in der alt werdenden Frau saß. Neid auf Luise Werkentin, mit der sie einstens in fernen Kindheitstagen durch Sommerhitze und Winterschnee in die dörfliche Schule gegangen. Barfüßig oder in dicken, gestopften Strümpfen. Nun war ihr Los ungleich.
Neid macht die Augen blind, nennt Arbeit und Verdienst nur „Glück“ und „Zufall“.
Man nahm am Tische Platz, der von Amadora gedeckt, wie ein Ausklang ihrer eigenen frohen, bräutlichen Stimmung war. Es machte ihr Freude, stets reizvolle Blumen zum Schmuck zu verwenden und dem Tisch eine festliche Note zu geben um Konrads willen. Amadora trug ein elfenbeinfarbenes Tuchkleid mit schmalen, dunkelblauen Samtbandverzierungen. Das dunkle, weiche Blau hob die Weiße der zarten Mädchenhaut, und das lichte Blond der Haare vertiefte noch das Blau der großen, strahlenden Augen.
Konrad mußte die Geliebte immerfort anschauen, und sie erwiderte liebevoll seine Blicke, ließ sich von seiner stummen, zärtlichen Bewunderung umschmeicheln wie von sommerwarmen Wellen.
Frau Franziska Kromau äugte mehrmals zu dem Paar hinüber.
Natürlich, das Jungvolk, dem keine Not und Sorge im Rücken saß, hatte es leicht. Solchem Übermut mußte man ein bißchen Rauhreif auf das Blühen werfen. Ein bißchen Geducktwerden konnte den beiden ebensowenig schaden wie den zwei älteren Leuten, die so selbstzufrieden dasaßen, daß es sie eine förmliche Herausforderung dünkte.
Beim Nachtisch, nachdem sie gründlich von dem feinen Pudding gegessen, schien ihr der rechte Augenblick gekommen, sich eine Spezialfreude zu bereiten. Sie hüstelte, lächelte zu Konrad hinüber:
„Sie sind eigentlich aus ’ner interessante Familie, Herr Baron, in Ihrer Familie soll sich ja eine Hand vererben . . .“
Konrad setzte das Weinglas, das er gerade zum Munde führen wollte, hart auf den Tisch nieder, fiel Franziska Kromau ins Wort:
„Bitte, Verehrteste, langweilen Sie mich nicht mit Ammenmärchen!“
Amadora begriff nicht, weshalb ihr Liebster so schroff war. Schließlich wußte er ja noch gar nicht, was Franziska Kromau sagen wollte. Auch die Eltern warfen der Verwandten Blicke zu, als hätte sie Unerhörtes begangen.
Komisch war das. Sie fragte lächelnd: „Was habt ihr nur alle? Laßt doch die Tante erst ausreden, denn nun ist meine Neugier geweckt, nun möchte ich gerne wissen, was sie zu erzählen beabsichtigte.“
Franziska Kromau triumphierte. Auf den Erfolg war sie nicht im mindesten vorbereitet.
Der Baron und das Ehepaar Werkentin schienen ja eine entsetzliche Angst davor zu haben, Amadora könnte etwas erfahren von der verkrüppelten Rechten der Raubergs. So viel Wichtigkeit hatte sie der Geschichte gar nicht beigelegt, die ihr von einem früheren Hausmädchen, das auf Rauberg gedient und nun draußen in Bornheim verheiratet war und im gleichen Hause mit ihr wohnte, erzählt worden war.
Sie tat sehr erschreckt, duckte die eckigen Schultern.
„Ich will nix gesagt habe, wenn’s net recht ist; aber ich dachte, es sei nix Böses, und man könnt’ davon rede, weil’s doch wahr sein soll.“
„Was soll wahr sein?“ Amadora fragte es rasch.
Konrad von Rauberg strich leicht und gütig über Amadoras Hände, die gefaltet in ihrem Schoß ruhten.
„Nichts, mein Lieb, irgendein müßiges Geschwätz geht um. Alte Familien können manches Lied davon singen. Dein Köpfchen soll solche Albernheiten nicht aufnehmen.“
Frau Luise erhob sich zum Zeichen, daß die Mahlzeit beendet war.
Franziska Kromau behielt ihre harmlose Miene bei, aufstehend wandte sie sich Amadora zu.
„Wenn dein Bräutigam nicht wünscht, daß davon gesprochen wird, dann darfst du nicht fragen; ein Mann wie er wird dir sicher nichts verschweigen, was du wissen mußt.“ Ihre Seidenbluse knackte in den Nähten. „Ich muß ja offen bekennen, ich an deiner Stelle wäre ängstlich, denn . . .“
Sie schwieg, von dem drohenden Blick Konrad von Raubergs doch etwas eingeschüchtert. Doch gleich gewann sie ihre Keckheit zurück. Der Ton, den der adlige Herr ihr gegenüber anschlug, paßte ihr ganz und gar nicht. Nun tat sie erst recht, woran er sie zu hindern versuchte.
„Stelle Sie sich doch net so an, Herr Baron“, sprudelte sie hervor, „Sie mache ja die Dore bloß ängstlich, und es ist doch wirklich nix dabei, wenn sie weiß, daß in Ihrer Familie die meisten Kinder mit einer verkrüppelten Hand zur Welt kommen, daß sie an der Rechten nur drei Finger haben.“
So, nun war ihr wohl! Sie atmete tief und befriedigt auf.
„Narrengewäsch!“ schalt Konrad von Rauberg und vermied Amadoras Blick.
„Ihr Bruder hat doch auch die Hand . . .“ trumpfte die Peinigerin auf. „Aber jetzt muß ich fort, habe zu tun daheim.“
Niemand kümmerte sich um sie, als sie ging. Stumpfes, schwüles Schweigen ließ sie hinter sich zurück.
Frau Franziska war froh, sich gleich darauf im Freien zu befinden. Ganz wohl war ihr zuletzt doch nicht gewesen. So bald durfte sie sich in der Villa der Verwandten kaum mehr blicken lassen, das wußte sie, dafür hatte sie aber die Genugtuung, dem Glück der Familie einen ordentlichen Stoß versetzt zu haben, denn alle hatten ja kreidebleich ausgesehen, als sie ihnen ihr Wissen entgegengeworfen.
Vielleicht zerbrach sogar die Verlobung daran. Schaden tat das nichts; im Gegenteil, sie wenigstens würde sich aufrichtig darüber freuen. Schadenfreude sollte ja die reinste Freude sein.
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