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Anny von Panhuys

Der Lebensretter

Roman

Saga

Der Lebensretter

© 1952 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711570234

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1.

„Vati, die Perlenkette musst du mir schenken, ich brauche sie unbedingt am Sonntag für Gretel von Grunows Kostümfest. Ich habe schon allen erzählt, dass ich sie bekommen werde, doch keine meiner Freundinnen will es glauben.“ Das junge Mädchen lachte übermütig. „Die Mädels werden Augen machen, wenn ich mit der herrlichen Kette antrete.“

Franz Wolfram machte eine fast verlegene Handbewegung.

„Die Kette kostet viel zuviel Geld“, wandte er ein. „Ich kann dir die Perlen nicht kaufen. Du besitzt ja auch schon Schmuck genug.“

Liselotte, die einzige Tochter Wolframs, war als Kind immer zart und kränklich gewesen, deshalb hatte er sie masslos verwöhnt, und sie hielt es längst für selbstverständlich, dass ihre Wünsche erfüllt wurden.

Nun betrachtete sie ihren Vater mit einem kleinen belustigten Lächeln, das ihr zwei Grübchen in die vollen rosigen Wangen zauberte. Sie drückte ihre glänzend polierten Nägel leicht in das helle Leder des Klubsessels, in dem sie sass, und antwortete ruhig:

„Du bist ja doch reich, Vati, und verdienst immer noch neues Geld dazu. Was bedeuten da für dich ein paar tausend Mark, wenn es sich um etwas handelt, was ich gern haben möchte. Bitte, schenk mir die Kette. Ich war schon bei Heller im Geschäft und habe sie probiert und ihm in sichere Aussicht gestellt, du kämest bald, sie für mich zu kaufen.“

Franz Wolfram hatte schon öfter festgestellt, dass Liselottes Wünsche in letzter Zeit immer ungewöhnlicher und kostspieliger geworden waren, und seine Schwester Ria, die in seinen Augen eine der klügsten und vernünftigsten Frauen war, die es gab, hatte erst gestern wieder zu ihm gesagt: „Wenn du bei Liselotte nicht bald bremst, verlangt sie nächstens noch Mond und Sterne von dir. Du solltest ihr einmal einen ihrer grossartigen Wünsche versagen. Sie muss doch endlich begreifen lernen, dass es auch unerfüllte Wünsche gibt, denn sie entwickelt sich sonst zu einer regelrechten Tyrannin.“

Er hatte darauf erwidert: „Ich kann Liselotte keinen Wunsch abschlagen. Sie ist das Ebenbild ihrer zu früh verstorbenen Mutter, und du weisst, wie sehr ich die geliebt habe.“

Ria hatte ihm freundlich zugenickt: „Ich weiss, Franz, doch du verdirbst das Mädchen durch deine Nachgiebigkeit. Du machst Liselotte lebensuntüchtig und egoistisch. Es ist ein sehr guter Kern in ihr, aber sie sollte endlich dahinterkommen, dass sie nicht der Mittelpunkt der sonderlichen Welt ist, um den sich alles dreht. Ihre zu leidenschaftlichen Wünsche musst du ihr versagen. Glaube mir, die kleine scheinbare Härte wird zu ihrem Besten sein.“

An diese Worte seiner Schwester hatte Wolfram gedacht, als Liselotte jetzt von ihm verlangte, er solle ihr bei Juwelier Heller eine teure Perlenkette kaufen, nur weil sie vor ihren Freundinnen geprahlt hatte, sie würde diesen Schmuck von ihrem Vater erhalten. Also erklärte er sehr ernst:

„Du hast Schmuck genügend, Liselotte – ich habe dir bereits den ganzen hinterlassenen Schmuck deiner Mutter geschenkt, und ich sehe keinen Grund, dir in diesen schweren Zeiten, da so viele Menschen Not leiden, noch ein so kostbares Stück zu kaufen, nur weil du dich vor deinen Freundinnen aufspielen willst, um mich deutlich auszudrücken.“

Die hellbraunen Augen Liselottes hatten sich verdunkelt, und das Lächeln war von dem feinen eigenwilligen Gesicht wie fortgeweht.

„Ist das dein voller Ernst, Vati?“ fragte sie, und in ihrer Stimme war ein heiserer Beiklang.

Wolfram hatte sich jedoch vorgenommen, diesmal stark zu bleiben, wenn es ihm auch schwer wurde, seinem über alles geliebten Töchterchen etwas abzuschlagen.

„Jawohl, es ist mein voller Ernst!“ Es wirkte sogar sehr energisch, als er hinzusetzte: „Es fällt mir nicht ein, diese überflüssige Laune von dir zu befriedigen. Du bist noch nicht einmal neunzehn Jahre und brauchst keine Perlen, die ein kleines Vermögen kosten.“

„Unter Mutters Schmuck besinden sich keine Perlen“, erklärte Liselotte, „ich aber liebe Perlen so sehr.“

Wolfram blieb ungerührt.

„Wenn du älter sein wirst, können wir uns vielleicht noch einmal über dieses Thema unterhalten.“ Er erhob sich von seinem Platze am Schreibtisch. „Mein liebes Kind, die Perlen kannst du jetzt nicht kriegen, also finde dich damit für die nächsten Jahre ab. Und nun habe ich keine Zeit mehr, ich werde im Kontor erwartet.“

Liselottes Gesicht wurde sehr bleich.

„Dann, Vati, tue ich irgend etwas ganz Verzweifeltes. Ich laufe fort von hier, weit fort und du siehst mich niemals wieder. Ich will und darf mich nicht verspotten lassen von meinen Freundinnen, und Juwelier Heller soll mich für keine Aufschneiderin halten. Ich habe doch zu ihm gesagt, dass du mir die Kette bestimmt kaufen wirst.“

Franz Wolfram war wirklich ärgerlich.

„Wegen Eitelkeitströdel begeht man keine solchen Torheiten, und du denkst auch gar nicht daran, aber du sollst dich schämen, mir damit zu drohen!“

Er ging aus dem Zimmer und liess die Türe energisch hinter sich ins Schloss fallen.

Da stand nun Liselotte Wolfram, und ihr war zumute, als hätte der Vater, der bisher immer mehr als gut zu ihr gewesen, sie ganz unsäglich schwer beleidigt. Wie hatte er gesagt? „Wegen Eitelkeitströdel begeht man keine solche Torheiten, und du denkst auch gar nicht daran, aber du solltest dich schämen, mir damit zu drohen.“

Ein Würgen sass ihr in der Kehle, und sie hatte nur den einen Gedanken, dem Vater zu beweisen, dass sie es ernst gemeint und dass es sich um keine leere Drohung gehandelt hatte. Sie war ein Mensch, der, von einer fixen Idee beherrscht, sich taub und blind dieser Wahnvorstellung unterordnet.

Tränen verdunkelten ihren Blick, sie fühlte sich grenzenlos missverstanden und erniedrigt.

Niemals war ihr Vater so zu ihr gewesen wie heute. Niemals!

Sie trat an das Fenster, und ein paar Tränen drängten sich aus ihren Augen. Sie kam sich so unglücklich vor und stand der Tatsache, dass ihr der Vater eine Bitte abschlagen konnte, völlig fassungslos gegenüber.

Sie wurde aus ihrem Nachsinnen gerissen, weil sich die Tür öffnete. Franz Wolframs Schwester Ria trat ein. Sie war seit langem Witwe und führte ihrem ebenfalls verwitweten Bruder den Haushalt. Sie war wie ihr Bruder gross und breit, hatte gerade, etwas grobe Züge, und ihr Haar war, wie das des Bruders, leicht ergraut.

Liselotte hatte sich umgewandt und blickte der Eintretenden ein wenig feindselig entgegen. Sie ahnte, von welcher Seite der Vater zu seiner Weigerung bestimmt worden war.

Ria Mönkeberg lachte vergnügt: „Na, Mädelchen, was tust du denn hier so allein im Arbeitszimmer deines Vaters? Und du siehst ja aus, als wären dir alle Felle weggeschwommen.“

Sie wusste genau, was los war. Der Bruder hatte sie, bevor er in seine Fabrik gefahren war, noch schnell von Liselottes Wunsch unterrichtet und hinzugefügt, dass er ihre Bitte glatt abgeschlagen hätte.

Liselotte erzählte der Tante das Vorgefallene.

Diese nickte. „Sehr vernünftig von deinem Vater, dass er so gehandelt hat. Du bist noch viel zu jung für so etwas wie echte Perlen. Und vor deinen Freundinnen, dem jungen Gemüse, brauchst du dich nicht zu genieren; Juwelier Heller fasst es bestimmt nicht ernst und bindend auf, wenn ein minderjähriges Mädchen ein paar Worte hinredet, als wenn es über die väterliche Börse und den väterlichen Willen frei verfügen dürfte. Darum brauchst du dich nicht so anzustellen, Liselotte! Soviel ich weiss, musst du jetzt in deine Gymnastikstunde. Also beeile dich und mach ein vergnügtes Gesicht.“

Das Mädchen aber stiess hervor: „Du hast Vati aufgestachelt, so böse zu mir zu sein, er wäre sonst gar nicht darauf verfallen, mir einen Wunsch abzuschlagen!“

„Möglich, mein Mäuschen, dass mein Einfluss ein bisschen dazu beigetragen hat, aus ihm einen etwas vernünftigeren Vater zu machen, als er bisher gewesen ist. Gut wäre es jedenfalls für ihn und für dich.“

Liselotte hasste in diesem Augenblick die grosse breite Frau mit dem stets zum Lachen bereiten Mund.

Sie schritt zur Tür und sagt schluchzend: „Vielleicht denkst du bald anders darüber und bereust es, wenn es zu spät ist!“

Ria Mönkeberg lachte laut auf: „Dummes Mädel, rede nicht solchen Unsinn!“

Liselotte aber rief von der Tür her mit der Stimme einer grossen Tragödin: „Lebe wohl, Tante Ria, grüsse den Vater von mir und tröste ihn!“

Die Tür war längst hinter ihr zugefallen, da stand Tante Ria noch immer und starrte auf die weisse, mit goldenen Ornamenten geschmückte Tür, hinter der die Nichte verschwunden war. Mit einem leichten Seufzer liess sie sich in den helledernen Klubsessel fallen, in dem Liselotte noch kurz vorher gesessen hatte, und überlegte, was sie mit den beiden letzten Sätzen anfangen sollte.

Lange sass sie so, schwankte zwischen einer seltsamen Angst, die sie bisher noch nie empfunden und einem Lachen über das „überspannte Mädel“ hin und her. Warum sollte sie Liselottes Vater grüssen und ihn trösten? Liselotte würde ihren Vater ja in vier Stunden bei Tisch wiedersehen, man pflegte pünktlich um ein Uhr dreissig zu Mittag zu speisen ... Dummes Zeug war solche Rederei also!

Aber sie lief schliesslich dann doch zur Tür, rief auf den Flur hinaus, dass es laut durch das Haus schallte: „Liselotte!“ und noch ein paarmal, so laut sie konnte: „Liselotte!“

Das Hausmädchen kam und meldete:

„Das gnädige Fräulein ist eben fortgegangen.“

Ria Mönkeberg befahl: „Laufen Sie ihr nach, Else, und bestellen Sie ihr, sie möchte zurückkommen, ich hätte ihr noch etwas Wichtiges zu sagen.“

Das Hausmädchen eilte bereits davon, doch kehrte es nach einer Viertelstunde unverrichteterdinge wieder zurück. „Vom gnädigen Fräulein ist weit und breit keine Spur zu sehen“, meldete es.

Ria erwiderte scheinbar ruhig: „Es ist gut, Else“, aber ihr war unheimlich zumute, ihr Herz schlug laut. Liselotte war überspannt, ihr war in dem erregten Zustand, in dem sie sich befand, alles zuzutrauen.

Liselottes Tante wollte sich selbst auslachen, aber sie brachte kein Lachen auf, sann nur immer wieder den beiden seltsamen Sätzen nach, die ihre Nichte gesagt hatte, ehe sie gegangen war. Sie rief Fräulein Strecker an, bei der Liselotte Gymnastikunterricht nahm, und bat sie, sofort Nachricht zu geben, sobald Liselotte dort ankäme. Nach mehr als einer Stunde telephonierte Fräulein Strecker endlich: „Fräulein Liselotte ist heute nicht zum Unterricht erschienen.“

Da erschrak Ria Mönkeberg bis ins Innerste. Ihre Angst wuchs. Sie rief ihren Bruder an und machte keinen Hehl aus ihren Bedenken.

Franz Wolfram lachte:

„Aber Ria, du bist so ängstlich? Das hätte ich dir gar nicht zugetraut! Liselotte bockt sich einfach aus und kommt dann ganz vergnügt nach Hause.“

„Gott gebe, dass du recht hast!“ erwiderte seine Schwester.

Franz Wolfram fühlte plötzlich ebenfalls eine unheimliche Beengung; es war, als lange irgend etwas Unheimliches nach ihm mit knochigen Eishänden. Er rief in die Muschel des Apparates: „Ich werde sofort nach Hause kommen, erkundige dich inzwischen bei Liselottes Freundinnen.“

2.

In einer unbeschreiblichen Stimmung hatte Liselotte Wolfram die Villa im Tiergartenviertel verlassen. Sie eilte vorwärts wie gejagt, und als ihr ein leeres Auto entgegenkam, hielt sie es an, stieg ein, nannte eine beliebige Strasse und eine beliebige Hausnummer. Als sie bereits im Wagen sass, fiel es ihr ein, in dem Haus und der Strasse hatte einmal ein Dienstmädchen von ihnen gewohnt, nachdem es sich verheiratet hatte. Nun sass Liselotte in der geschlossenen Taxe, und die Gedanken stürmten quälerisch auf sie ein. Masslos verwöhnt bisher, schien es ihr, weil ihr ein Wunsch versagt worden war, als müsse deshalb die Erde stillstehen, als wäre deshalb alle Zukunft undurchdringlich düster. Blossgestellt fühlte sie sich auch. An Juwelier Hellers Geschäft würde sie sich gar nicht mehr vorbeiwagen. Sie erinnerte sich deutlich, dass sie, als sie die Kette probierte, zu ihm gesagt hatte: „Sie dürfen, auch wenn Sie Gelegenheit dazu haben sollten, diese Perlen auf keinen Fall verkaufen, mein Vater holt sie bestimmt.“

Der alte würdige Herr Heller wusste ganz genau, wer Franz Wolfram war. Die Farbenfabrik Wolfram im Norden Berlins gehörte zu den ersten Unternehmen dieser Art. Wenn Franz Wolframs Tochter sich bei einem Juwelier zur Abnahme eines Schmuckgegenstandes verpflichtete, glaubte man ihr unbedingt.

Sie hatte dem Vater erklärt, sie würde irgend etwas Verzweifeltes tun und hatte Tante Ria schon Andeutungen gemacht. Nun musste sie einfach etwas Verzweifeltes tun! Die Freundinnen sollten sie nicht auslachen und der Juwelier sie nicht bei einer möglichen Begegnung zur Rede stellen.

Liselotte war es, als umwoge sie dichter Nebel, hinter dem etwas Schreckliches stand, das auf sie wartete. Aber sie empfand keine Angst, eher Stolz, als hätte sie eine Heldentat vor, wenn sie sich auch noch nicht klar darüber war, welcher Art sie sein würde. Sie fühlte nicht einmal im Unterbewusstsein, dass sie nur ein ganz törichtes, verantwortungsloses Geschöpf war, das einen gütigen Vater in Verzweiflung stürzen wollte. Das Auto hielt, Liselotte aber war so benommen von ihren Gedanken, dass sie ruhig sitzenblieb.

Der Chauffeur öffnete die Tür: „Wir sind da, Fräulein!“

Sie blickte ihn sekundenlang fragend an, dann aber stieg sie schnell aus, gab ihm Geld, ein Vielfaches des Betrages, den der Taxameter anzeigte, und lief davon wie eine Verfolgte.

Der Chauffeur schüttelte den Kopf, als er umkehrte.

Liselotte war aufs Geratewohl losgegangen und begann erst jetzt, während sie durch unbekannte Strassen irrte, zu überlegen, was sie überhaupt tun sollte. Es schwebte ihr vor, sie müsse ins Ausland fliehen, dort untertauchen in fremder Umgebung, unter fremden Menschen.

Sie hatte ihr ganzes erspartes Taschengeld eingesteckt, es waren etwas mehr als dreihundert Mark. Sie erinnerte sich an einen mehrwöchentlichen Sommer- und Badeaufenthalt in Aachen, und wie verhältnismässig leicht es gewesen sei, von dort aus die Grenze nach Belgien zu überschreiten. Einfach als Spaziergänger. Und war sie erst einmal jenseits der deutschen Grenze und drüben im Ausland, wollte sie nach Lüttich. Das war eine grosse und lebhafte Stadt, in der sie sicher so gut verschwinden konnte, als wäre sie nie gewesen ...

Sie musste zunächst nach Köln reisen, wenn sie ihren Plan ausführen wollte, überlegte sie. Im erstbesten Café wollte sie das Kursbuch zu Rate ziehen und feststellen, wann ein Zug nach Köln ging. Morgen vormittag spazierte sie dann schon über die Grenze. Alles andere fand sich, brauchte jetzt nicht überlegt zu werden.

Liselotte malte sich aus, dass ihr Vater und Tante Ria, die ihn aufgestachelt hatte, in dieser Nacht, in der sie nicht mehr im Hause war, kein Auge schliessen würden.

Wie würden sie ihre Hartherzigkeit bereuen!

Beinahe taten sie ihr leid.

Aber sie konnte sich nicht auslachen lassen von den Freundinnen, nicht zur Rede stellen von Juwelier Heller.

Sie verginge ja vor Scham.

Also blieb ihr kein Rückweg.

Was aus ihr würde, war ja gleich, ganz gleich ...

Liselotte befand sich jetzt, ohne recht zu wissen, wie sie hierhergekommen, mitten auf einer Brücke der Spree. Sie ging mit gesenktem Blick ihres Weges, doch plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen. Schreie und wildes Gejohl waren jäh hinter ihr laut geworden. Sie wandte sich erschreckt um und sah einen Trupp Menschen hinter einem Mann herjagen, und der Mann kam gerade auf sie zugerast.

„Aufhalten! Ein Wahnsinniger!“ schrie ein Chor von Stimmen, die zum Brausen anschwollen.

Liselotte war es, als riefe man es ihr zu, sie dachte nicht daran, dass auch Passanten aus der entgegengesetzten Richtung über die Brücke kamen.

Sie stand in verzweifelter Starrheit, sie konnte den Wahnsinnigen nicht aufhalten, dazu gehörten andere Kräfte als die ihren.

Und nun befand sich der Unheimliche, dem das Haar in wirren Strähnen in die Stirn hing, schon dicht vor ihr, keuchte heiser: „Aus dem Weg, Weibsbild!“

Er stiess nach ihr, und Liselotte, ohne es zu wissen, was sie tat, blind und taub vor Angst und Schreck, kletterte hastig über das Brückengeländer. Sie wollte sich von aussen festhalten, bis man den Tollgewordenen eingefangen hatte.

Da stürzte er vor, schlug ihr auf die Hände, bis sie sich von ihrem Halt lösten.

Und ehe noch jemand helfen konnte, wirbelte ein Seidenschal hoch auf wie eine Fahne, stürzte ein schlankes Mädchen hinunter in das graue Wasser.

Schreie des Entsetzens gellten auf, übertönten das Freudengeheul des Wahnsinnigen, der schon von seinen Verfolgern erreicht und festgehalten wurde. Er schien jetzt ziemlich ruhig geworden und lachte nur:

„Alle Weiber müssten so ersäuft werden!“

Ohne den geringsten Widerstand liess er sich wegführen.

Es handelte sich um einen plötzlich Erkrankten, der unweit der Brücke wohnte, und den man in eine Irrenanstalt hatte überführen wollen. In letzter Minute war er seinen Wärtern entwischt, und Liselotte war sein Opfer geworden.

Es achtete niemand mehr darauf, auf welche Weise man ihn wegbrachte, alle Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf den schmalen Mädchenkörper, der wie ein grosses Paket auf das Wasser aufgeschlagen war.

Immer mehr Leute eilten herbei, beugten sich über das Geländer und schauten erregt den erfolglosen Schwimmbewegungen zu.

Liselottes armer Kopf brachte keinen klaren Gedanken auf, Todesangst, grässlichste Todesangst schnürte ihr die Kehle zu, mühsam würgte sie ein paar Hilfeschreie hervor. Verzweifelt bemühte sie sich, ans Ufer zu kommen, und obwohl sie schwimmen konnte, gelang ihr keine einzige richtige Bewegung.

Von der Brücke aus beobachtete man voll atemloser Spannung die ergebnislosen Bemühungen des Mädchens, das dem sicheren Tod des Ertrinkens geweiht schien. Man redete lebhaft aufeinander ein, man schalt sich gegenseitig feige, aber keiner wagte den Sprung hinunter, und es gab doch bestimmt ein paar gute Schwimmer unter den vielen Neugierigen.

Bis jetzt war auch kein Polizist erschienen.

Plötzlich drängte sich ein Mann von ungefähr dreissig Jahren durch die Menge.

„Was gibt es hier zu sehen?“ fragte er, und weil er sich inzwischen sehr energisch weit genug vorgeschoben hatte, konnte er sich gleich selbst überzeugen, was unten im Wasser vorging.

Blitzgeschwind warf er seinen Mantel ab, und im nächsten Augenblick schwang er sich über das Geländer und schoss mit kühnem Sprung in die Tiefe. Mit einigen weitausholenden Armbewegungen teilte er das Wasser, und gleich darauf hatte er die Ertrinkende erfasst und schwamm mit ihr dem Ufer zu.

Liselotte Wolfram war nahe darangewesen, die Besinnung zu verlieren, gerade im letzten Augenblick hatte sie der starke Arm des Fremden an sich gezogen. Mit seiner Last kam er eben ans Ufer, als ein Schutzmann auftauchte, der ihm nun entgegentrat.

Ein Herr hielt Liselottes Handtäschchen hoch und erklärte: „Die Handtasche hat die Ärmste verloren, es sind Visitenkarten auf ihren Namen darin.“ Obwohl er den Namen gelesen, nannte er ihn nicht laut. Er hatte das Gefühl, dem jungen Mädchen wäre vielleicht damit gedient. Er reichte dem Schutzmann ein Kärtchen und die Tasche.

Liselotte triefte vor Nässe, ihr war zum Sterben elend von dem herbstkalten Wasser und der Angst und dem Grauen, die sie eben durchgemacht hatte. Ein Auto war plötzlich zur Stelle, und der Retter half Liselotte in den Wagen. Der Schutzmann schrieb den Namen von der Visitenkarte in sein Notizbuch, und in diesen wenigen Sekunden drängte sich der Retter durch die Menge, fand seinen Mantel, von einem Jungen behütet, und eilte davon.

Niemand achtete auf ihn, alle Aufmerksamkeit galt dem Mädchen im Auto. Als der Polizeibeamte Namen und Adresse des Retters anfordern wollte, war der Unbekannte fort und nirgends mehr zu sehen. Die Rettungsmedaille schien ihn nicht zu locken.

Eine ältere Krankenschwester, die zufällig über die Brücke gekommen und den Vorgang miterlebt hatte, erbot sich, Liselotte, die zunächst keiner ärztlichen Hilfe bedurfte, nach Hause zu bringen. Ihr übergab der Schutzmann das Handtäschchen. Im Arm der Krankenschwester lehnte Liselotte Wolfram, und die gute Helferin wurde ebenso nass wie die Gerettete. Liselotte schämte sich dieser Rückkehr vor Vater und Tante.

Aber die Todesangst, die sie ausgestanden, hatte alle eingeschlummerte Vernunft wieder gründlich wachgerüttelt.

Sie dachte nicht mehr daran, in die fremde Welt hineinzufahren, um irgendwo draussen zu verderben. Das schien schon weit, weit hinter ihr zu liegen.

Und sie hätte jetzt auch nicht mehr weggekonnt, weil sie ja nun nichts weiter war als ein armes, durchnässtes Menschenkind, dem zunächst nichts wichtiger auf der Welt schien als das eine, wieder trocken zu werden und sich von dieser Aufregung zu erholen.

Liselotte schüttelte sich entsetzt bei der Erinnerung an das, was sie erlebt hatte.

Ihr war es, als sähen sie wieder die tückischen Augen des Wahnsinnigen an, als flüchte sie davor wieder über das Geländer der Brücke und fühle abermals die harten Schläge auf ihre Hände, die sie zwangen, den Halt loszulassen und in das schreckliche graue Wasser zu stürzen.

3.

Franz Wolfram war sofort auf den Anruf seiner Schwester nach Hause gekommen. Er fand Ria im Wohnzimmer erregt auf und ab gehend.

„Nun, was ist mit Liselotte? Ist wirklich Grund vorhanden, dass du mir Angst machtest ihretwegen?“ fragte er hastig.

Die Schwester antwortete mit zuckenden Lippen:

„Was weiss ich, ob wirklich Grund vorhanden ist. Ich weiss nur, dass ich vor Angst schon halb verrückt geworden bin. Liselotte war nicht in der Gymnastikstunde, die sie doch so gern hat und sonst nie schwänzt, und als sie wegging, sagte sie zu mir Lebewohl, und ich soll dich grüssen und dich trösten!“

Er erschrak furchtbar.

„Liselotte wird doch nicht etwa darandenken, irgendeine Torheit zu begehen, weil sie sich davor fürchtete, die Freundinnen könnten sie verspotten, nachdem sie zu ihnen so bestimmt von der Perlenkette gesprochen und ...“ Wolfram unterbrach sich. „Aber das Hin- und Herreden hat gar keinen Zweck. Wir müssen etwas tun.“

Ein ungeduldiges Klopfen unterbrach das Gespräch, und auf das ärgerliche „Herein“ des verängstigten Vaters trat der Diener ein, stotterte aufgeregt:

„Eine Krankenschwester bringt das gnädige Fräulein. Sie ist – sie ist – ins Wasser gefallen, glaube ich, sie ist ganz nass!“

Schon eilten die Geschwister aus dem Zimmer. Draussen auf dem Flur kam ihnen eine Krankenpflegerin mit grauem Haar entgegen, an ihrem Arm hing Liselotte. Das Wasser rann noch immer an ihr herab und hinterliess, wo sie ging, eine feuchte Spur. Das Haar klebte ihr am Kopfe, der Mantel der Schwester aber lag fest um ihre Schultern. So ging sie schwankend; dicht vor dem Vater aber war ihre Kraft zu Ende, sie brach in die Knie.

Franz Wolfram zog Liselotte in seine Arme.

„Schnell ins Bett mit dem armen Ding, schnell, schnell, und der Arzt soll sofort kommen.“

Er eilte voran, Liselotte wie ein Kind in ihr Zimmer tragend. Die Pflegeschwester folgte wie selbstverständlich, während Ria Mönkeberg nach dem Arzt telephonierte. Die Schwester brachte Liselotte zu Bett, ihre geübten Hände taten alles leicht und richtig. Verstört stand Franz Wolfram am Fenster und blickte starr hinaus. Er kam sich schuldig vor, und bald darauf trat Ria Mönkeberg ins Zimmer, die ebenfalls von einem tiefen Schuldgefühl niedergedrückt wurde. Liselotte lag mit geschlossenen Augen, sie mochte nicht reden, sie fühlte sich jämmerlich elend, und doch war ein ganz grosses Glücksgefühl dabei: Sie war ja am Leben geblieben. Ach, sie ekelte sich so sehr vor dem schmutzigen Wasser, in das sie hinuntergemusst hatte.

Die Schwester erzählte Franz Wolfram und Ria Mönkeberg, die erregt lauschten, was geschehen war, und dass der Retter, ein einfacher Mann ohne Hut, nachdem er seine tapfere Tat vollbracht hatte, heimlich davongeschlichen sei.

Franz Wolfram atmete tief auf. Gottlob, sein Kind hatte sich also nicht selbst das Leben nehmen wollen, wie er schon gefürchtet hatte. Dem Himmel sei Dank, dachte er erschüttert, Liselotte hat also nicht diese furchtbare Sünde auf sich geladen. Er setzte sich an das Bett der Tochter, sagte abgerissen:

„Wenn du ertrunken wärst ... Mädel, hätte ich dir in den Tod folgen müssen ... vor Herzeleid.“

Liselotte flüsterte erschauernd:

„Es war entsetzlich, was ich durchgemacht habe. Denk nur, ich wollte euch davonlaufen, euch nie wiedersehen, und deshalb geschah wohl das Grässliche. Es war meine Strafe, ich sollte erkennen, wie töricht und kindisch ich gewesen bin. Aber ich schämte mich so sehr vor meinen Freundinnen und dem Juwelier, und ich dachte, weil du so hart und fremd zu mir warst, du hättest mich nicht mehr lieb.“

Tante Ria brachte warme Milch, hielt Liselotte das Glas an die Lippen, und die Schwester sagte freundlich zuredend:

„Trinken Sie nur, Kind, damit Sie sich auch innerlich erwärmen. Hier im Bett werden die Lebensgeister bald wieder frisch und munter werden. Die Dampfheizung meint es auch gut, und ich glaube kaum, dass sich Folgen einstellen können. Für alle Fälle ist ja der Arzt bereits gerufen worden, wenn ich nicht irre?“

„Natürlich, Schwester, er muss sofort kommen“, versicherte Ria.

„Dann ist ja gut für die junge Dame gesorgt.“ Die Schwester blickte sich in dem sehr luxuriösen Schlafzimmer um und sagte dabei leise:

„Der Retter verdient alles Lob. Der Mann sah nämlich nicht aus, als wenn er ein warmes Zimmer besässe. Niemand ausser ihm dachte daran, der Unglücklichen nachzuspringen, und ich bin fest überzeugt, sie wäre ohne ihn ertrunken.“

Liselottes Gesicht färbte sich mit dem zarten Rosa, das meist darüber lag wie ein sanfter Hauch. Sie bat hastig:

„Vati, du kannst vielleicht etwas für ihn tun, ich bin ihm doch so unendlich viel Dank schuldig.“

Franz Wolfram wandte sich an die Pflegerin: „Hat sich der Polizeibeamte seinen Namen notiert? Ich möchte den Retter meiner Tochter gern sprechen.“

Die Schwester schüttelte den Kopf.

„Der Fremde hat sich unauffällig davongemacht, ganz still und heimlich. Vielleicht hat ihn aber ein Polizist unterwegs festgehalten, denn sicher ist er in seinem nassen Zeug doch aufgefallen.“

Es klopfte. Dr. Weise, der Hausarzt, trat ein. Er war ein sehr vornehmer älterer Herr mit kleinem grauem Bärtchen. Er grüsste und erklärte sofort:

„Ich bin schon ein wenig orientiert, die Dienerschaft ist ja ganz aus dem Häuschen.“ Er trat an das Bett, fühlte Liselottes Puls, behorchte das Herz, richtete sich nach einer Weile auf. „Gottlob, es besteht kaum Gefahr. Das warme Bett, gutes Essen und dazu frohe Stimmung der Umgebung werden unsere liebe Patientin schnell wieder gesund und lebenslustig machen. Für alle Fälle aber muss das kleine Fräulein ein paar Tabletten schlucken, um einer Erkältung vorzubeugen. Na, hier ist die junge Dame ja in allerbester Pflege.“

Der Arzt tätschelte Liselottes Hand. Er kannte das Mädchen schon seit dessen Kindheit, da er im Hause Wolfram bereits lange Jahre Hausarzt war.

Auf seine Frage erklärte die Krankenschwester kurz, was geschehen und schloss: „Ich brachte Fräulein Wolfram nach Hause.“ Nach einem Weilchen setzte sie hinzu: „Nun will ich aber gehen, ich hatte vormittag dienstfrei und muss noch einiges besorgen.“

Liselotte drückte ihr matt, aber herzlich die Hand. „Vielen Dank, Schwester.“

Draussen wollte Ria Mönkeberg der Pflegerin eine Belohnung geben, doch diese wehrte ab.

„Das, was ich getan habe, ist Menschenpflicht, gnädige Frau, denken Sie aber an den Retter. Der Mann machte den Eindruck, als hätte er einmal bessere Tage gekannt. Seine Kleidung verriet noch einen Schein von Eleganz, war aber sehr mitgenommen, sein Gesicht sah vornehm, aber verhungert aus. Er ist wohl auch arbeitslos. Sie könnten ihm seine gute Tat bestimmt durch ein wenig Hilfe lohnen.“

4.

Ria Mönkeberg war zum Weinen traurig. Es war allerdings anscheinend alles glimpflich abgegangen, sofern Liselotte nicht etwa doch noch krank wurde, aber das Geschehene verlor trotzdem nichts von seiner Schrecklichkeit. Wenn Liselotte nicht in solcher Verwirrung das Haus verlassen hätte, wäre das Furchtbare jedenfalls nicht geschehen.

Unglaublich, ganz unglaublich schien es, dass ein Mädchen so einer Lappalie halber hatte davonlaufen wollen in irgendein unsicheres, wahrscheinlich böses Schicksal hinein.

Dass Liselotte so einen Entschluss fassen konnte, war sehr, sehr traurig; für den Bruder wie für sie.

Wie gross war denn eigentlich Liselottes Liebe zu Vater und Tante, die ihr die Mutter ersetzte, wenn sie um eines törichten Wunsches willen, der ihr nicht erfüllt worden war, gleich den Kopf verlor und davonlief?

Da, wo das Herz sass, tat es der sonst so energischen Frau sehr weh, und sie wischte schnell ein paar Tränen fort, ehe sie Liselottes Schlafzimmer wieder betrat. Der Arzt beruhigte eben ihren Bruder:

„Keine Angst, verehrter Herr Wolfram, Ihre Tochter ist schon morgen wieder ganz gesund. Das heisst, krank ist sie überhaupt nicht, nur der Schreck und die Kälte und Nässe setzen ihr noch zu.“ Er wandte sich an die eben eintretende Ria Mönkeberg: „Sie werden schon mütterlich fürs Prinzesschen sorgen, nicht wahr, gnädige Frau. Und hier habe ich die Tabletten aufgeschrieben. Unsere Patientin kann übrigens essen und trinken, worauf sie Appetit hat.“

Er verabschiedete sich, und Franz Wolfram begleitete ihn hinaus.

Nachdem der Arzt gegangen, liess sich der Taxi-Chauffeur melden. Er wartete noch immer auf seine Bezahlung. Er beklagte sich über die nassgewordene Polsterung seines Wagens. Franz Wolfram fand sich rasch und gut mit ihm ab, dann zog er seinen Mantel an und setzte den Hut auf. Mit seinem Auto fuhr er selbst so schnell wie möglich vor dem Juwelengeschäft Heller vor. Der alte weltgewandte Herr verneigte sich sehr höflich zur Begrüssung.

„Ich weiss, weshalb Sie kommen, Herr Wolfram“, sagte er. „Das gnädige Fräulein stellte mir schon Ihren Besuch in nahe Aussicht.“

Er schloss einen Kassenschrank auf und entnahm ihm ein Etui.

„Ich habe diese wunderschönen Perlen aus dem Schaufenster zurückgezogen für das gnädige Fräulein, damit niemand sonst Gelüste danach verspüren soll. Sie kleiden das gnädige Fräulein aber auch ganz hervorragend.“

Der Juwelier öffnete das längliche Etui und hielt es Franz Wolfram offen entgegen. Da lag auf goldbraunem Samt eine kleine Schnur leicht rosig schimmernder Perlen.

Und wegen dieser Perlenkette hätte sein einziges Kind, sein vergöttertes Töchterchen, beinahe in den Tod gehen müssen. Denn im Grunde genommen trug diese Kette die Schuld. Wie klein, fast bescheiden, schien ihm jetzt Liselottes Bitte, gemessen an den Folgen, die er durch die Nichterfüllung heraufbeschworen hatte.

Er sah den fragenden Blick des Juweliers, und es fiel ihm ein, dass er ausser dem Gruss beim Eintreten, bisher noch gar nichts gesprochen hatte.

Wolfram hüstelte und lobte etwas verlegen:

„Die Perlen sind sehr schön, meine Tochter beweist guten Geschmack.“

Der Juwelier lächelte.

„Für die Art von Schönheit wie die des gnädigen Fräuleins sind Perlen das einzig Richtige. Zu goldblondem Haar, braunen Augen und so klarem rosigem Teint gehören ganz einfach Perlen.“

Franz Wolfram nickte nur. Daheim lag sein schönes blondes Töchterchen im Bett wie eine Kranke, um den armen zarten Körper zu erwärmen, der im schmutzigen Flusswasser beinahe den Tod gefunden hatte. Schnell musste er ihr bringen, wonach sie verlangte.

Er zog sein Scheckbuch, füllte einen Scheck mit der verlangten Summe aus, äusserte noch ein paar belanglose höfliche Worte und fuhr dann heim. Seine Hand fühlte mehrmals in der Tasche nach, ob sich das längliche Etui noch an seinem Platz befand. Er konnte es kaum abwarten, Liselotte mit den Perlen zu beschenken. Endlich hielt sein Wagen vor der Villa, endlich konnte er die Treppe hinaufeilen. Er nahm immer mehrere Stufen auf einmal.

Wolfram klopfte an Liselottes Schlafzimmertür.

Seine Schwester öffnete und flüsterte:

„Sie schläft. Ganz plötzlich ist sie eingeschlafen.“

Er trat auf den Zehenspitzen näher und blickte gerührt auf das feine Gesicht seines Kindes, dessen Augen fest geschlossen waren.

Liselotte atmete ganz ruhig, aber dem Vater war es, als läge ein bitterer Zug um den jungen Mund und dunkle Schatten unter den Wimpern, als wäre das geliebte Antlitz deutlich vom Leid gezeichnet. Die Qual der bösesten Stunde dieses jungen Lebens hatte ihre Spuren zurückgelassen.

Wolfram blickte seine Schwester an und zog das Etui aus der Tasche, legte es vorsichtig auf die Bettdecke, so dass es Liselotte, sobald sie aufwachen würde, gleich in die Hände fallen musste.

Ria Mönkeberg zog den Bruder ins Nebenzimmer, machte die Türe zu.

„Die Perlen hättest du nicht kaufen dürfen, Franz“, sagte sie vorwurfsvoll. „Es ist ein Zeichen von Schwäche, dass du ihr doch nachgibst.“

In seinen Augen, die den ihren so ähnlich waren, blitzte es zornig auf.

„Was du meinst, Ria, ist mir ziemlich unwichtig, jetzt, wo es darum geht, meinem Kinde eine Freude zu bereiten nach dem Furchtbaren, was es durchgemacht hat. Du hast mir ja öfter den guten Rat gegeben, Liselotte weniger zu verwöhnen, und genau besehen war das, was heute geschehen, die Antwort darauf, dass ich deinen Rat befolgte. Ich gebe dir sogar recht bis zu einem gewissen Grade, Liselotte ist ja vielleicht zu verwöhnt; aber was schadet es denn schliesslich? Ich habe ja nur das eine Kind und reich genug bin ich auch, also verwöhne ich sie weiter. Glaube mir, das ist schon am besten so.“

Ria zuckte die Achseln.

„Wenn ich dir riet, Liselotte nicht so grenzenlos zu verwöhnen, geschah es doch nur aus dem Gefühl heraus, ihr Gutes zu erweisen. Das Leben wird vielleicht gegen Liselotte einmal etwas härter sein, und dann tut alles doppelt weh. Ein bisschen Abhärtung in dieser Beziehung hätte ihr nichts geschadet. Sie ist zu selbstbewusst, und was sie will, ist nach ihrer Ansicht richtig und muss sein.“

Wolfram machte eine abwehrende Handbewegung.

„Ich liebe mein Kind und tue, was ich kann. Der Weg, den du mir gezeigt, war falsch.“

Ein Freudenschrei von nebenan liess beide aufhorchen. Im nächsten Augenblick eilte Franz Wolfram in das Schlafzimmer seiner Tochter. Er fand sie mit rosigen Wangen und strahlenden Augen aufrecht im Bett sitzen. Um ihren Hals aber lagen die schimmernden Perlen.

„Bist du jetzt zufrieden, mein Kind?“ fragte Franz Wolfram zärtlich.

Liselotte schien gar nicht mehr zu wissen, was sie heute durchgemacht hatte. Vielleicht empfand sie es auch nicht mehr so schwer, weil es ja nun eigentlich der Preis für die ersehnte Kette gewesen war.

Sie strahlte den Vater an und versicherte: „Ich bin unbeschreiblich glücklich, Vati, eine übergrosse Freude hast du mir bereitet!“

Dann nahm sie seine Hand und zog sie an ihre Lippen.

Wolfram neigte sich herab und bedeckte das feine Gesicht mit Küssen. Dabei dachte er an ein anderes Antlitz, das auch so zart und rosig, das ihm das liebste auf der Welt gewesen war und das Liselottes Mutter gehört hatte, seiner schönen jungen Frau, die allzufrüh von ihm hinüber ins unendliche Reich der Ewigkeit gegangen war.

5.

Am nächsten Vormittag konnte Liselotte schon wieder wie immer am Frühstückstisch sitzen, und ausser einer belanglosen polizeilichen Nachfrage im Hause hatten Franz Wolfram und seine Tochter keinerlei Scherereien. Die Zeitungen, die Herr Wolfram schon vor dem Frühstück durchgesehen hatte, brachten wohl Notizen über den Vorfall, aber der Name Wolfram war nirgends genannt worden, und so war es allen am angenehmsten. Liselotte meinte nachdenklich:

„Wer mag wohl mein Lebensretter sein? Ich erinnere mich an nichts weiter, als an ein paar dunkle Augen und dunkles Haar. Doch du wirst ihn ausfindig machen, Vati, nicht wahr? Ich muss ihm doch danken.“

„Ja, das musst du selbstverständlich“, gab Wolfram zu. „Ich werde ihn durch eine Detektei suchen lassen. Ehe ich heute in die Fabrik fahre, setze ich mich mit einem mir bekannten Institut dieser Art in Verbindung.“ –

Liselotte wagte nicht, in den nächsten Tagen auszugehen. Obwohl man in den Zeitungen ihren Namen nicht genannt hatte, fürchtete sie doch, es könnte etwas davon durchgesickert sein, dass sie es gewesen sei, die den Kopf verloren und vor dem Geistesgestörten über das Geländer der Spreebrücke geklettert war.

Ria Mönkeberg ärgerte sich darüber, wenn sie sah, wie ihr Bruder die verwöhnte Tochter jetzt mit Gaben förmlich überschüttete und ihr für das Kostümfest, für das sie sich Perlen gewünscht hatte, auch noch wertvolle Ohrgehänge aus Perlen der gleichen Art schenkte.

Liselotte aber atmete auf. Keine ihrer Freundinnen hatte eine Ahnung davon, wie teuer sie diese Perlen hatte erkaufen müssen, und alle bewunderten auf dem Kostümfest die rosigschimmernden Meereswunder. Sie bewunderten auch die köstlichen Ohrgehänge und wünschten sich heimlich, ihre Väter hätten auch ein wenig von den Eigenschaften, die Liselottes Vater besass ... Gretel von Grunows Eltern, die das Kostümfest gaben, waren zwar auch sehr reiche Leute, aber sie verwöhnten ihr Kind nicht so. Sie hatten allerdings drei Töchter.

Liselotte wurde allgemein gefeiert, weil sie wirklich wunderschön aussah in dem Kostüm einer Dame aus der Biedermeierzeit. So zart und fein steckte sie in dem weitfaltigen Kleid aus heller geblümter Seide, und die Schute umrahmte das rosige Gesicht verführerisch. Über dunkle Samtschleifen am viereckigen Halsausschnitt des Kleides legte sich die vielbewunderte, schwer errungene Perlenkette, und der Herzog Douglas Burnham, der mit Frau von Grunow verwandt war und auf einer Reise bei ihr Besuchsaufenthalt genommen hatte, war von der blonden Biedermeierdame ganz begeistert. Er tanzte mit ihr, soviel er nur irgend konnte, und fragte Liselotte, ob er sich morgen vormittag nach ihrem Befinden erkundigen dürfe. Liselotte nickte zustimmend. Natürlich dürfe er das, ihre Tante würde sich freuen, der Vater aber sei vormittags leider nie zu Hause. Seine Fabrik liesse er keinen Tag im Stich, wenn es nicht ganz dringend nötig war.

Der Herzog Burnham lächelte. Die Wolfram-Werke kannte man auch in England, viel gediegener Reichtum stand hinter dem Namen, grösserer Reichtum, als die Burnhams je besessen, trotz ihrer vornehmen Abstammung, des Riesenschlosses im Norden Englands und des Stadtpalastes in London am St.-James-Park. Die Burnhams hatten immer von ihrem Gelds gelebt, vom alten ererbten Reichtum, und der war allmählich sehr zusammengeschmolzen. Franz Wolfram aber war ein moderner Geschäftsmann und arbeitete ebenso unverdrossen, wie sein Vater, der Gründer der Wolfram-Werke, gearbeitet hatte. Das hatte ihm seine Verwandte, Frau von Grunow, erzählt, und er fand, Liselotte Wolfram sei jung und schön und reich genug für einen etwas blasierten und geldknappen englischen Herzog. Er konnte vollständig Deutsch, sie lispelte ein niedliches Englisch, es gab also keinerlei Verständigungsschwierigkeiten.

Liselotte wurde von Gretel von Grunow gelegentlich beiseite gezogen. Gretel war grossknochig und eckig, hatte vorstehende Zähne und allzu blassblaue Augen. Sie raunte der Freundin zu:

„Hast du’s bemerkt, Liselotte, mein Vetter ist verliebt in dich, und ich glaube, wenn du willst, könntest du seine Frau werden. Herzogin von Burnham, du, das klingt nach bedeutender Vornehmheit. Es ist einer der ersten Namen Englands. Vor zwei Jahren starb der Vater von Douglas, da wurde er Herzog.“

Liselotte lächelte.

„Dein Vetter gefällt mir ganz gut, aber weisst du, als meinen Mann kann ich ihn mir nicht recht vorstellen.“ Sie blickte ein bisschen verträumt in die Weite. „Mein künftiger Gatte müsste eine grosse Figur und dunkle Augen haben und, verzeih, Gretel, aber ich finde, so hellblond dürfte er nicht sein.“

Die Freundin schüttelte den Kopf.

„Ach, die Helden, von denen man geheiratet werden möchte, die stellen sich nur sehr selten ein, und so ein waschechter englischer Herzog ist wohl nicht zu verachten. Vielleicht denkst du auch bald so.“

Gretel von Grunow schien recht zu haben, denn als der Herzog am nächsten Vormittag zur Besuchszeit im Hause Wolfram erschien, überlegte Liselotte doch, ob es nicht hübsch wäre, wenn sie sich Herzogin von Burnham nennen dürfte. Sie spielte schon mit dem Gedanken wie ein Kind mit einem neuen Spielzeug.

Ria Mönkeberg war sehr höflich zu dem Besucher, aber in ihrer Höflichkeit lag so viel Kälte, dass der Herzog merkte, die Tante war nicht so leicht zu erobern wie anscheinend die Nichte. Den Vater musste er auf jeden Fall trotzdem kennenlernen. Das süsse Mädel entsprach zu sehr seinen Wünschen und ihr Reichtum noch mehr ...

Als der Herzog gegangen war, fasste Ria Mönkeberg ihr Urteil über ihn in die Worte zusammen:

„Der Mensch ist mir sehr unsympathisch. Er sieht aus wie aus wabbeligem Griessbrei zusammengebacken, in dem man verblasste Vergissmeinnichtaugen gepiekt hat.“

Liselotte verteidigte ihn und meinte, er wäre sehr vornehm. Sie liebäugelte immer lebhafter mit dem Titel einer Herzogin.

Um halb zwei, wie täglich, kam Franz Wolfram aus der Fabrik. Er machte ein sehr zufriedenes Gesicht und berichtete gleich nach der Suppe:

„Dein Retter ist bereits gefunden, Liselotte, die Detektei hat rasch gearbeitet. Er heisst Doktor Walter Eisenmann und ist merkwürdigerweise auch Chemiker wie ich. Er ist arbeitslos und soll zur Zeit nicht mal ein eigenes Dach über dem Kopf haben, sondern manchmal sogar Gast der Asyle sein. Jedenfalls ein armer Teufel, von dem es doppelt anerkennenswert ist, dass er die gefährliche Rettung riskiert hat für dich, Liselotte, ohne mit einer Belohnung zu rechnen. Denn, wenn er das auch nur im entferntesten getan hätte, wäre er nicht heimlich weggelaufen. Durch einen Freund von ihm wird ihm nun mit Hilfe der Detektei ein Brief von mir zugestellt. Ich habe ihn für morgen vormittag hierhergebeten und bleibe deshalb morgen ausnahmsweise zu Hause.“

Ria Mönkeberg sagte eifrig:

„Ich bin sehr begierig, diesen braven Menschen kennenzulernen! Es gehört wirklich ungewöhnliche Charakterstärke dazu, als Arbeitsloser in seiner Notlage nach solcher Heldentat still wieder ins armselige Dunkel zurückzutreten.“

„Ich will mich aber auch so herzlich bei ihm bedanken, dass er es nicht bereuen soll, was er getan hat“, versicherte Liselotte mit Nachdruck. „Und dass er Chemiker ist, passt ja ganz besonders gut, Vati. Da kannst du ihn sicher in deinem Betrieb irgendwo unterbringen. Hoffentlich kommt er auch! Ich habe keine Ruhe, ehe ich mich nicht richtig bei ihm bedankt habe.“

„Da hast du auch allen Grund dazu“, konnte sich Ria Mönkeberg nicht versagen zu bemerken.

Ihr Bruder warf ihr einen verweisenden Blick zu, Liselotte aber lächelte:

„Du hast ganz recht, Tantchen, ich habe wirklich Grund dazu. Dank seiner Hilfe blieb ich am Leben, und da ich die in deinen Augen jetzt doppelt überflüssige Perlenkette nun doch bekommen habe, möchte ich meinem Lebensretter mit allen Mitteln aus seiner Notlage helfen. Vati wird in der Beziehung tun, was er nur irgend kann, davon bin ich überzeugt. Ich bin sehr, sehr gespannt, ihn kennenzulernen.“

Aber als es soweit war, wartete man vergebens auf Walter Eisenmann. Er kam nicht. Also schrieb ihm Herr Wolfram zum zweiten Male.

Und dieser Brief wurde ihm wieder durch Vermittlung der Detektei zugestellt, da er seinen Aufenthalt fast ständig wechseln musste. Es waren selbst arme Teufel, bei denen er sich herumdrückte.

Der Architekt Wetter, der zur Zeit einen Schreiberposten bekleidete, weil er keine passende Stellung fand, brachte ihm den Brief mit in das kleine Stübchen, in das er den langjährigen Freund für kurze Zeit aufgenommen hatte. Hoch oben im Norden Berlins, im vierten Stock eines Hinterhauses.

Walter Eisenmann betrachtete den Brief nur geringschätzig.

„Wieder von dem reichen Wolfram! Der gute Mann kann sich seine Dankesrede anscheinend nicht verkneifen.“ Er lachte spöttisch und zog die dunklen, fast etwas düster wirkenden Brauen dicht zusammen. „Sechsmal, nein öfter schon, habe ich draussen in seiner Fabrik um ein Pöstchen gebettelt. Wenn’s nicht anders gegangen wäre, hätte ich Etiketten auf Flaschen und Dosen geklebt, aber ich wurde überhaupt nicht vorgelassen, und jetzt reisst sich der hochmächtige Herr förmlich ein Bein nach mir aus.“ Seine schwarzen Augen, die über einer scharf und klassisch geformten Nase standen, blitzten zornig. „Was habe ich davon, dass mir Herr Wolfram die Pfote drückt und Lobhudeleien sagt, weil ich ihm sein Töchterchen gerettet habe in einem Anfall von Nächstenliebe, dem ich bei ähnlicher Gelegenheit natürlich auch wieder erliegen würde? Ich habe ein sogenanntes gutes Werk getan aus Selbstverständlichkeit, aus Pflichtgefühl, damit ist die Sache doch erledigt. Was soll ich mich dafür feiern lassen? Und falls man mir vielleicht, weil ich ein abgerissenes armes Luder bin, ein paar Scheine in die nicht mehr vorhandene Brieftasche stopfen will, muss ich auch verzichten. Für so was nimmt man einfach kein Geld. Na also, was soll ich dann bei dem Mann?“

Erich Wetter, der blonde, trotz aller Schwierigkeiten meist vergnügte Freund, nickte:

„Stimmt ja so ziemlich alles, oller Schwede, aber lesen solltest du den Brief trotzdem, und mit zuviel Vorurteil solltest du an Franz Wolframs Person auch nicht rangehen. Dass er eine Riesenfabrik hat und reich ist, darfst du nicht als Laster von ihm betrachten. Er soll sein Leben lang rasend fleissig gewesen sein, habe ich gehört, und Geld ist doch keine ansteckende Krankheit; was übrigens wundervoll wäre, denn dann drückte ich mich von morgens bis abends an reiche Leute heran und liesse mich anstecken. Doch ich will nicht abschweifen, vor allem rate ich dir, den Brief zu lesen.“

Walter Eisenmann setzte sich mit einem Seufzer auf einen der zwei wackeligen Stühle, die das Stübchen enthielt, und riss den Brief auf.

Er überflog ihn nur flüchtig, reichte ihn dann dem Freunde, der halblaut vorlas:

„Verehrter Herr Doktor!

Vergebens habe ich neulich auf Ihren Besuch gewartet. Ich würde natürlich gern zu Ihnen kommen, wie es sich das für einen Vater, der Ihnen unsagbar viel zu danken hat, eigentlich gehört, aber meine Auskunft erklärte mir, Sie wären schwer anzutreffen. Deshalb bat ich Sie zu mir, sehr verehrter Herr Doktor Eisenmann. Nehmen Sie meiner Tochter, meiner Schwester und mir doch, bitte, nicht die Freude, Ihnen die Hand schütteln zu dürfen für das grosse Opfer, das Sie für einen hilfsbedürftigen Mitmenschen brachten. Sie wagten Ihr Leben für mein armes Kind, und Sie müssen dafür unseren warmen innigen Dank persönlich annehmen.

Halten Sie mich nicht für unhöflich, wenn ich bei der Gelegenheit gleich einfliessen lasse, dass ich weiss, dass Sie arbeitslos sind. In meinem Unternehmen ist zur Zeit durch Zufall eine angenehme gutbesoldete Stelle frei, und ich biete Sie Ihnen an, da Sie Chemiker sind. Sie dürften sich bald einarbeiten. Es wäre für mich eine ganz besondere Freude, den Lebensretter meiner Tochter zu meinen Mitarbeitern zählen zu dürfen.

Ich bitte Sie herzlich, mich morgen vormittag in meiner Stadtwohnung zu besuchen. Ich werde zu Hause sein und hoffe bestimmt auf Ihr Kommen.

Nehmen Sie den Ausdruck ganz besonderer Hochachtung entgegen von Ihrem ergebenen

Franz Wolfram.“

Erich Wetter hatte allmählich immer schneller gelesen. Nun der Brief zu Ende war, legte er ihn auf die bunte Linoleumdecke des kleinen Tisches und sagte nach tiefem Atemholen:

„Mensch, das nenne ich Dusel! Ja, was willst du nun eigentlich noch mehr? Du brauchst dir also nicht bloss Händedrücke und Dankesworte zu holen, du brauchst nicht zu fürchten, dass man dich mit ein paar Geldscheinen beschenken will, du sollst eine Stellung haben, eine richtige gediegene Stellung, wie sie sich für deinen Beruf gehört. Also gibt es keine Bedenken mehr, Männeken, mit übertriebener Empfindlichkeit. Tausende von Arbeitslosen gingen zu Wolfram, wenn ihnen dort auch nur eine leidliche Stellung winkte. Also, lieber Freund, mach keine Flausen und bereite dich gleich für morgen vor. Vor allem bügele deine Kluft ordentlich auf! Meine Wirtin pumpt dir ein Bügeleisen und hilft dir, wenn’s nötig sein sollte. Sie ist ja auch bloss ein armer Schlucker und weiss, wie solchen Leuten zumute ist.“

Dr. Walter Eisenmann erhob sich langsam; er überragte den nicht kleinen Freund noch um reichlich Kopfeslänge. Er war sehr schlank, und sein Gesicht trug deutlich die Spuren arger Entbehrung. Aber seine scharfen Züge, die dunklen, klugen Augen, das weichfallende glänzende Schwarzhaar machten ihn zu einem interessanten Menschen.

Eisenmann ging ein paarmal durch das Zimmerchen, wobei er ein wenig verdrossen hinwarf: „Ich wäre ein Narr, wenn ich die Gelegenheit nicht nützen würde, wieder Arbeit zu finden. Auf diese Weise darf ich den Dank natürlich annehmen.“ Er reckte sich. „Du glaubst ja gar nicht, wie sehr ich mich nach Arbeit sehne, wie ich ihr förmlich entgegenfiebere. Da habe ich früher, als ich noch in fester Stellung sass, manche faule Ausreden gebraucht, um einem Arbeitstag aus dem Wege zu gehen, und jetzt würde ich jeder sich bietenden Arbeitsstunde nachlaufen.“ Er lächelte, und sein Gesicht verlor dadurch alle Herbheit. „Eine glänzende Idee ist das von dem dankbaren Vater! Na, wenn ich erst mal wieder im Betrieb bin, werde ich zeigen, dass ich was kann, damit man mich auch behält.“

Er begann Pläne zu schmieden, bis ihn sein Freund schliesslich unterbrach. „Plätte zunächst lieber deine Hosen, Walter, die Dinger schlagen ganz unverschämte runde Sorgenfalten. Da muss Straffheit rein und vorn so ein harter gediegener Bügelstrich. So was imponiert immer noch.“

Sie lachten beide vergnügt, ihre achtundzwanzig Jahre hatten trotz langer Sorgentage und so mancher Enttäuschung und Bitternis noch nicht die Fröhlichkeit verlernt.

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9788711570234
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