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Anny von Panhuys

Christel stellt was an

Roman

Saga

Christel stellt was an

© 1950 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711570197

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1.

Das Wartezimmer bei dem Zahnarzt Dr. Wendeck war sehr altmodisch eingerichtet. Wendeck hatte die Praxis seines Vaters übernommen und in der Wohnung wie in den Berufsräumen fast alles in dem früheren Zustand belassen. So wie heute hatte es schon bei seinem Vater ausgesehen. Inzwischen hatte Wendeck auch schon die Fünfzig überschritten und war seit zwanzig Jahren kinderloser Witwer. Er schien ein immer freundlicher, liebenswürdiger Mensch, war in Wirklichkeit aber ein nörgelnder, grämlicher Herr, sobald er keinen Patienten vor sich hatte.

Christel Ewald, seine Helferin, kannte ihn so, wie ihn seine Patienten nicht kannten.

Sie konnte ein Lied von dem unangenehmen Dr. Wendeck singen. Aber er besaß eine sehr große Praxis und zahlte ein gutes Gehalt, und wenn man zwei Jahre in solcher Stellung ausgehalten hat, hält man auch noch länger aus. Allerdings, tief drinnen im Herzen trug Christel fast ständig den Wunsch mit sich herum, bald einmal hier herauszukommen aus diesen Räumen, in denen sie sich oft wie eine Gefangene vorkam. Und dieser Sehnsucht hing Christel heimlich mit Seufzern nach, wenn Dr. Wendeck brummte, sie wäre zu langsam, oder rügte, sie wäre nicht bei der Sache gewesen. — —

Es war eines Abends, Anfang des Herbstes, Christel dachte schon an den Heimweg und an das Abendbrot, weil sie bereits Hunger verspürte, und stand seit vielleicht zwei Minuten untätig am Fenster des Wartezimmers. Um diese Zeit verlief sich kein Patient mehr hierher, wenn ihn nicht unerträgliche Zahnschmerzen oder ein zerbrochenes Gebiß dazu zwangen. Allerdings saß drinnen bei Dr. Wendeck noch eine Dame, die ein paar Goldplomben bekommen hatte und heut zum letzten Male bestellt worden war. Sobald die Patientin gegangen sein würde, durfte sie nach dem Auskochen der zahnärztlichen Instrumente auch verschwinden, dachte Christel Ewald mit einem kleinen frohen Aufatmen.

Sie sehnte sich heraus aus der ihr heute ganz besonders drückend erscheinenden Atmosphäre der moosgrünen Plüschgarnitur, die dem Wartezimmer etwas Muffiges gab. Dem jungen Mädchen fiel ein, daß sie noch eine Karteieintragung machen mußte. Mit einem letzten Blick auf die belebte Straße wandte sie sich vom Fenster ab. Also, an die kleine Arbeit gegangen! Christel schraubte die eben gelöste Kapsel des Füllfederhalters sofort wieder fest, denn eben klingelte es ziemlich heftig an der Korridortür. Da die Wirtschafterin sich um diese Zeit in der Küche befand, eilte Christel hinaus, um zu öffnen.

Na, wer verläuft sich denn jetzt noch hierher? ärgerte sie sich dabei. Dr. Wendeck hatte vorhin geäußert, er müsse nach dem Abendessen noch zu einer wichtigen Besprechung in die Friedrichstadt.

Christel überzeugte sich durch das Guckloch der Korridortür, wer draußen stand. Das junge Mädchen sah ein Männergesicht vor sich. Gut geschnitten war es, vielleicht ein wenig kantig, und zwei dunkle Augen schienen gerade hinein in die ihren zu blicken. Sie hörte ein ungeduldiges Hüsteln und öffnete.

„Gerade, wenn man Eile hat, muß man am längsten warten!“ klang es ihr ärgerlich entgegen.

Der Sprechende hatte vergessen, zu grüßen; er mußte es also wirklich sehr eilig haben, stellte Christel fest und fragte nach dem Wunsch des Herrn.

Der lange, etwas düstere Wohnungsflur wurde ständig von einem Wandarm erhellt, und die beiden Menschen schauten sich nun wie prüfend an. In den dunklen Männeraugen blitzte es auf. Donnerwetter, war das ein Mädel, das vor ihm stand! Er spürte einen ordentlichen Ruck durch seinen Körper gehen und fand es viel wichtiger, das bildhübsche Geschöpf noch ein paar Sekunden länger stumm zu bewundern als zu reden. Aber dann entschloß er sich doch, den Mund aufzutun, und sagte mit einem netten, jungenhaft frohen Lachen:

„Ich wollte gern einen Zahnnerv getötet haben. Er quält mich schon längere Zeit, aber vorhin setzte der Schmerz so toll ein, daß ich mich entschloß, den Quälgeist beseitigen zu lassen.“

Christel schüttelte bedauernd den Kopf.

„Der Herr Doktor ist noch beschäftigt und gleich danach will er fortgehen. Die Sprechstunden sind längst vorbei.“ Es tat ihr fast leid, so antworten zu müssen.

Der schlanke Besucher, der ungefähr sechs-, höchstens aber achtundzwanzig Jahre alt sein mochte, gefiel ihr. Die dunklen Augen paßten gut zu dem herben Gesicht. Er hatte etwas beinah Verwegenes an sich, das Frauen an Männern gern haben.

Er lachte wieder. „Sie sehen aus, als wenn Sie die rechte Hand des Zahngewaltigen sind, bitte, sorgen Sie dafür, Schwester, daß das rebellische Biest heute noch zur Ruhe gebracht wird.“ Er machte eine Handbewegung nach seiner rechten Wange und deutete damit an, wo das ‚rebellische Biest‘ zu suchen wäre. Gleichzeitig wandte er sich dem Wartezimmer zu, dessen Tür Christel vorhin weit offen gelassen hatte. Seinen Hut hatte er abgenommen und hielt ihn noch in der Linken.

Christel sagte eifrig:

„Es hat wirklich keinen Zweck für Sie, zu warten, mein Herr. Dr. Wendeck hat heute beim besten Willen keine Zeit mehr, aber wenn Sie um die nächste Straßenecke rechts gehen, werden Sie wieder einen Zahnarzt finden.“ Eigentlich hätten die wenigen Worte wohl genügt, aber das Lachen auf seinem Gesicht reizte Christel, noch hinzuzufügen: „Gar so schlimm scheint der Schmerz übrigens nicht zu sein, sonst wären Sie wohl kaum so vergnügt.“ Christel lächelte dabei. Sie konnte nicht anders. Wie ein frischer Hauch von Lebensfrohsinn umwehte es den späten Patienten. Frohsinn aber liebte sie, wo er ihr auch begegnete.

Dr. Wendeck war brummig, und die Großmutter, bei der sie seit dem Tode der Eltern lebte, sah die Welt und das Leben nur in der Vergangenheit, mit zweiundzwanzig aber hält man es mehr mit Gegenwart und Zukunft, und wenn Christel ein Lachen ins Ohr klang, wurde sie leicht davon angesteckt.

Der Besucher hatte schon die Schwelle des Wartezimmers überschritten. Christel huschte an ihm vorbei und breitete leicht die Arme aus. Sie hatte manchmal etwas zu lebhafte Bewegungen.

„Bitte, gehen Sie wieder, mein Herr, ich sagte Ihnen doch, es hat gar keinen Zweck, zu warten.“

Er sah sie an. Wahrhaftig, das hübscheste Mädel, das ihm bisher vor die Augen gekommen, war dies schlanke und doch kräftige Geschöpf in dem schneeweißen Schutzkittel. In dem feinen Gesicht von entzückender Regelmäßigkeit standen ein paar sehr große Augen von leuchtendem Blau, die Zähne waren einfach blendend und das leicht gewellte braune Haar hatte goldenen Glanz. Sie trug es etwas zurückgebürstet, aber man konnte sich denken, wie es sich locker und weich um die Stirn bauschen mochte, wenn Christel nur lose mit dem Kamm darüber hinstrich. Und wie sanft war die Linienführung des Mundes. So rein, so knospenhaft, so ... Er schaute wie gebannt auf den Mund und das Lächeln, das er als Ermutigung auffaßte. Er vergaß, warum er hierhergekommen, junges Blut überlegt nicht immer erst genau, was es tun darf, sondern tut es gleich. Es klang dicht an Christel Ewalds Ohr:

„Sie sehen noch so ungeküßt aus, Schwester!“ Und im gleichen Augenblick fühlte Christel, wie sich zwei Arme um ihren Körper legten, sie ein wenig hochrissen, und fast gleichzeitig preßte sich ein heißer Männermund so fest auf ihre Lippen, daß ihr der Atem stockte. Sie wandte dem Arbeitszimmer Dr. Wendecks den Rücken zu und hatte das leise Öffnen der Tür überhört. Im Rahmen derselben erschien eine sehr elegante Dame, die mit leicht geöffnetem Mund auf ihrem Platz verharrte, und hinter ihr baute sich die eckige Gestalt Dr. Wendecks auf. Seine Brauen waren drohend zusammengezogen, und er machte ein paar Bewegungen mit den langen Armen, die sehr viel bedeuten konnten. Vorläufig verschlug ihm jedoch das Erstaunen die Sprache.

Das alles hatte sich blitzgeschwind und lautlos abgespielt.

Christel war so benommen, daß sie, die im allgemeinen schnell Entschlossene, sich nicht im geringsten wehrte. Aber der Fremde hob jetzt den Kopf und sah das wie versteinert dastehende Paar. Und jetzt spürte er auch den ekelhaften Schmerz im hohlen Zahn wieder, fast gleichzeitig stieß ihn das Mädel mit ganz überraschender Kraft zurück.

Er brauchte kein Hellseher zu sein, um zu wissen, jetzt würde Unangenehmes für ihn heraufziehen wie ein böses Wetter mit Blitz und Donner. Den Hut trug er noch in der Linken; er hatte ihn unwillkürlich krampfhaft festgehalten, und mit einem Sprung erreichte er den Korridor. Schnell drückte er die Türklinke nieder und lief die Treppen hinunter. Als er etwas überhastet aus dem Haus trat, fuhr eben eine leere Taxe vorbei. Anrufen, Fahrziel nennen und das Hineinspringen erforderten zusammen nur Sekunden. Gerade als oben im ersten Stock der Zahnarzt Dr. Wendeck mit Vorwürfen über ihr skandalöses Benehmen auf Christel Ewald losfuhr, sauste unten die Taxe schon fort, und die langjährige Patientin mit den blitzenden Goldplomben sagte kichernd:

„Ich hätte Ihnen so‘n kesses Betragen gar nicht zugetraut, Fräuleinchen.“

Dr. Wendeck geleitete die noch immer belustigt Lachende bis zur Treppe.

Als er zurückkam, pflanzte er sich vor Christel auf und hielt ihr den Zeigefinger drohend dicht vor die Nase. Er fauchte:

„Schön bloßgestellt haben Sie sich und mich dazu, Fräulein Ewald! Meiner Praxis bös geschadet haben Sie! Was bedeutet die Unverschämtheit? Wie durften Sie ihren Liebhaber hierherbestellen zu Kußstudien? Das übersteigt doch wirklich alle Grenzen der Möglichkeit!“

Sie hatte ihn unterbrechen wollen, aber es war ihr nicht gelungen. Seine grauen Augen hinter den scharfen Brillengläsern hatten sie bei dem Versuch so vernichtend angeblitzt, daß sie ihn noch ein Weilchen toben ließ. Er schloß schließlich empört:

„So kann man sich also in einem Menschen täuschen, und für Ihren Lebenswandel hätte ich die Hand ins Feuer gelegt!“ Es klang fast etwas tragisch.

Christel fand die Tonart eher komisch und hätte beinah gelacht, so wenig wohl ihr nach dieser Strafpredigt auch zumute war. Sie richtete sich gerade auf.

„Herr Doktor, Sie gehen von völlig falschen Voraussetzungen aus. Vor allem, ich weiß gar nicht, wer der Mensch vorhin gewesen ist, ich habe ihn heute zum erstenmal in meinem Leben gesehen.“

Dr. Wendeck wartete nicht erst ab, bis sie ihre Verteidigung vorgebracht hatte, sondern polterte: „Um so schlimmer haben Sie sich benommen, Fräulein Ewald! Ein anständiges Mädchen läßt sich nicht so mir nichts, dir nichts von einem Unbekannten küssen, noch dazu öffentlich in dem Wartezimmer eines Zahnarztes.“

Schon wieder reizte er Christel zum Lachen. Sie war wütend, und doch saß ihr das Lachen nahe. Sie wurde nicht mehr klug aus sich selbst, denn eigentlich war die dumme Geschichte, die der Fremde verschuldet, eher zum Heulen, aber dazu verspürte das junge Mädchen nicht die geringste Neigung. Sie erklärte möglichst ruhig:

„Der Herr kam vorhin und wollte einen Zahnnerv getötet haben. Ich erwiderte ihm, Sie hätten heute abend keine Zeit mehr dazu, er solle zu einem anderen Zahnarzt gehen, und dann hat er mich plötzlich umgefaßt und geküßt. Ich kann jedenfalls gar nichts für die Unverschämtheit des Menschen.“

Dr. Wendeck sah sie sehr ungläubig an.

„Und gesagt hat er nichts?“

Christel nickte: „O doch, gesagt hat er auch etwas!“ Es war ihr peinlich, die Worte des Fremden zu wiederholen, aber sie tat es, weil sie bei der Wahrheit bleiben wollte.

Dr. Wendeck strich fahrig über seine Stirn und über sein dünnes Grauhaar, sah dann auf ihren Mund, als bemerkte er ihn heute zum erstenmal.

Glühende Röte ergoß sich über Christels Gesicht bei diesem Blick. Sie wandte unwillkürlich den Kopf zur Seite, murmelte:

„Ich muß noch etwas auf einer Karteikarte vermerken.“ Sie nahm den Füllfederhalter zur Hand und wollte die Notiz machen, an deren Ausführung sie vorhin das Klingeln des Fremden gehindert.

Aber auch jetzt kam sie nicht dazu, ihren Vorsatz auszuführen. Dr. Wendeck lächelte spöttisch:

„Eine ganz nette Filmidee, Fräulein Ewald, die Sie mir als Erlebnis aufhängen wollen. Ich gehe wenig ins Kino, aber ich denke mir, solche Szenen werden einem da vorgesetzt. Vielleicht haben Sie den eben verzapften Unsinn von dem Fremden, seinem Kußüberfall, seiner ulkigen Erklärung dafür, samt dem tapferen Davonlaufen in ähnlicher Weise im Kino gesehen.“ Seine Stimme wurde schärfer. „Sie werden diesen Helden, mit dem Sie leider auch eine meiner treuesten Patientinnen überraschte, in Wirklichkeit sehr gut kennen. Dem Herrchen hat‘s zu lange gedauert, unten vor dem Haus auf Sie zu warten, und er wollte mal gucken, wie‘s hier oben stand. Falls er mich angetroffen, hätte er eben eine Ausrede vom Stapel gelassen. Das Alleinsein verlockte Sie beide zum Leichtsinn, und Sie vergaßen, wo Sie sich befanden. Weil Sie dann überrascht wurden, versuchten Sie die Sachlage, die eigentlich klar genug war, zu verdrehen und mir ein Märchen aufzutischen. Ich aber glaube längst nicht mehr an Märchen, Fräulein Ewald, ich hegte schon als Kind meine Zweifel. Ich weiß aber Bescheid, weil ich nämlich auch mal ein junger Mann gewesen bin.“

Zorn schoß in Christel hoch. Ihr Gesicht Dr. Wendeck wieder voll zuwendend, sprudelte es über ihre Lippen:

„Das kommt mir auch wie ein Märchen vor, ich kann mir gar nicht vorstellen, daß Sie einmal ein junger Mann gewesen sein sollen.“

Hinter den scharfen Brillengläsern fing es gefährlich an zu blitzen, und gleich darauf begann der Donner zu grollen. Wenigstens ähnelte ihm jetzt Dr. Wendecks Stimme.

„Ich kündige Ihnen wegen ungebührlichen Benehmens, Fräulein Ewald.“

Christel schauerte zusammen. Du lieber Himmel, ihr war zumute, als hätte der grämliche, grauhaarige Herr eben einen Eimer mit eiskaltem Wasser über ihrem Kopf ausgeleert. Wie oft hatte sie sich hier fortgesehnt, aber die jähe Erfüllung ihres Wunsches traf sie schwer, traf sie so, daß sie Dr. Wendeck ganz verdattert ansah. Sie wollte sprechen und brachte doch kein Wort hervor. Ganz tief holte sie Atem. Ihr Mut von kurz zuvor hatte sie verlassen, und sie biß sich so derb auf die Lippen, daß es ihr weh tat, weil sie allzu rasch etwas gesagt, was besser unausgesprochen geblieben wäre. Ratlosigkeit spiegelte sich auf ihren Mienen.

Dr. Wendeck ging mit raschem Schritt auf sein Arbeitszimmer zu.

„Ich ordne heute alles selbst. Sie brauchen sich nicht mehr aufzuhalten.“ Bissig warf er ihr über die Schulter hin zu: „Lassen Sie ihren mutigen Helden nicht länger warten und bedanken Sie sich bei ihm für das, was Ihnen jetzt vielleicht unangenehm ist. Übrigens, wenn Ihr Märchen zum Teil stimmen sollte ... Sie haben es dem Monsieur sehr leicht gemacht. Ich rate Ihnen, ziehen Sie den Burschen nur ordentlich am Ohr. Ein anständiger Kerl läßt ein Mädel nicht in solcher zweifelhaften Lage zurück und gibt Fersengeld.“

Klapp! machte die Tür zum Arbeitszimmer, hinter der Dr. Wendeck verschwunden war.

Christel starrte mit weitgeöffneten Augen darauf, als rechnete sie mit Dr. Wendecks Wiedererscheinen. Wohl mehrere Minuten verharrte sie so, dann aber machte sie ihre Eintragungen fertig. Danach zog sie den Mantel an, setzte den kleinen kecken Hut auf und verließ etwas benommen die Wohnung. Auf der Treppe blieb Christel stehen. Die Pille, die sie hinunterschlucken mußte — bildlich ausgedrückt — saß ihr wie ein schmerzhaft fühlbarer Fremdkörper im Halse. Großchen würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie die schlimme Nachricht von der Kündigung hörte. Christel umfaßte das Treppengeländer und rührte sich nicht. Monatlich hundertzwanzig Mark bedeuteten schließlich keine Kleinigkeit. Man war nicht sicher, ob man in einer neuen Stellung soviel erhalten würde. Dr. Wendeck hatte ja sogar für das nächste Vierteljahr Zulage versprochen. Vielleicht fände sich sobald überhaupt keine neue Stellung. Dann säße man da mit schwerem Kopf und konnte auf den Frechling, den Fremden, dem man das alles verdankte, schimpfen von morgens bis abends. Christel blickte sich um. Ein heimliches Hoffen, Dr. Wendeck könnte sie vielleicht zurückrufen, war plötzlich in ihr erwacht. Wie schön, wie schön, wenn er ihr sagen würde: ‚Sie dürfen bleiben!‘ Doch niemand rief sie, und sie glaubte zu wissen, weder morgen noch später würde Dr. Wendeck die drei für sie so inhaltsschweren Worte sprechen. Er hielt meist an seinen einmal gefaßten Entschlüssen fest.

Ein mattes Lächeln huschte um ihren Mund. So oft hatte sie gewünscht, das hohe Mietshaus in der Großen Frankfurter Straße nicht mehr betreten zu brauchen, wie ein Glück war ihr das erschienen, — und jetzt, wo sie schon in wenigen Wochen keinen Schritt mehr hierhin zu tun brauchte, hätte sie am liebsten laut geweint. Wahrhaftig, jetzt war es soweit, jetzt brannten die Tränen hinter ihren Lidern und setzten ihr zu. Sie warf den Kopf zurück. Heulen? Fiel ihr nicht ein, das hätte gerade noch gefehlt. Sie hatte nichts begangen. Die dumme Antwort, die sie Dr. Wendeck gegeben, wäre natürlich besser unterblieben, aber — Dr. Wendeck hätte sie auch nicht wie eine Lügnerin und leichtsinnige Person behandeln dürfen.

Ein neuer Gedanke verdrängte plötzlich alles andere. Christel war eingefallen, der Übeltäter von vorhin könnte draußen vor dem Haus auf sie warten, um sich bei ihr zu entschuldigen. Sie verspürte Herzklopfen, und alles schien ihr mit einemmal gar nicht mehr besonders schlimm.

2.

Christel trat auf die Straße und ihre Blicke suchten gründlich den Bürgersteig vor dem Hause ab. Nach rechts und links schaute sie, auch hinüber auf die andere Straßenseite, aber die Elektrischen und Autos nahmen ihr die weite Sicht. Sie schlenderte erst ein paarmal ganz langsam hin und her und schob sich dann mit einem Trupp Menschen auf die gegenüberliegende Straßenseite. Aber der Fremde tauchte auch dort nicht auf. Er würde überhaupt nicht auftauchen. Der Himmel mochte wissen, in welchem Viertel er sich jetzt schon befand.

Berlin war ja so riesengroß, und — eigentlich hatte Dr. Wendeck recht, der Held hatte ‚Fersengeld‘ gegeben. Ein feiger, unverschämter Geselle war er, der sie in eine peinliche Lage gebracht und dann prompt im Stich gelassen hatte, anstatt alles aufzuklären, wie es seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen. Sie seufzte. Ein tolles, nein, nur ein albernes Erlebnis hatte sie heute gehabt, und es lohnte gar nicht, darüber nachzudenken. Es mußte ihr genügen, daß sie unschuldigerweise die Folgen zu tragen hatte. Um eine neue Stellung sollte sie sich kümmern und darum, wie sie Großchen die unangenehme Neuigkeit beibringen konnte.

Jemand berührte Christels Schulter. Sie schrak zusammen und drehte hastig den Kopf herum. Sie hatte wahrhaftig geglaubt, der Fremde wäre es, und sagte nun nur langgedehnt:

„Ach, du bist’s, Fränze!“

„Das klingt fast, als hätte ich dir eben eine ganz große Enttäuschung bereitet“, lächelte Franziska Dorner. Sie war groß, mattblond und hatte schmale, lebhafte Augen. Sie wußte, daß sie nicht hübsch war, und spöttelte manchmal darüber.

Sie war Blumenbinderin in einem Geschäft des Westens, dessen Kundschaft sehr anspruchsvoll war. Von der Natur hatte sie einen wunderbaren Schönheitssinn mit ins Leben bekommen und war stets bereit, alles Schöne, das sie sah und hörte, begierig in sich aufzunehmen. Ihr Chef behandelte sie wie eine Kostbarkeit, weil er wußte, Fränze Dorner war nicht leicht zu ersetzen. Sie war eine der Seltenen ihres Berufs, die um der Blumen willen auf die Welt gekommen zu sein schienen. Die verwöhnteste Kundin stellte sie bestimmt zufrieden. Meisterhaft verstand sie es, Sträuße oder Blumenschmuck für eine Festtafel zusammenzustellen. Wenn ihre schmalen langen Finger die Blumen nur berührten, war es, als ob die sich dabei verwandelten, als ob ein Wunder an ihnen geschähe. Die Farben der Blüten schienen plötzlich leuchtender zu werden, die Stengel schienen sich zu straffen, und die Blätter oder Gräser bogen sich weicher.

Fränze Dorner schob ihren Arm unter den Christels.

„Ich habe bei einer Frau Hanna Bolten — es scheint eine reiche Witwe zu sein — für diesen Abend einen Tisch für eine Geburtstagsfeier zurechtgemacht. Gelbe und weiße Nelken nahm ich dafür, es sah ganz reizend aus. Frau Bolten trägt auch ein gelbes Seidenkleid mit weißem Schleiercape über den Schultern. Die Blumen sollten dazu passen. Anscheinend denkt sie an eine neue Ehe, und der Zukünftige wird heute abend wohl auch an dem duftenden Tisch sitzen. Ich habe gedacht — weil ich mich nun doch in der Nähe befand, wollte ich dich abholen. Beinahe hätte es aber nicht geklappt, du wärst mir fast entwischt. Und jetzt freust du dich nicht mal, Christel, wo wir uns doch in letzter Zeit gar nicht besonders oft sehen konnten. Zudem wollte ich dich einladen, mich in irgendein gutes Speisehaus zu begleiten. Ich habe heut die Spendierhosen an. Mein Chef hatte nämlich vorgestern sein fünfundzwanzigjähriges Geschäftsjubiläum. Er war bei der Gelegenheit nobel, seit vorgestern bin ich um zweihundert Mark reicher.“

„Da gratuliere ich dir herzlich, Fränze“, sagte Christel ein wenig gepreßt. „Ich freue mich mit dir!“

Fränze kniff die Freundin leicht in den Arm.

„Du verstehst es aber großartig, deine Freude zu verbergen“, stellte sie etwas betreten fest. „Jedenfalls scheint heute mit dir nicht viel anzufangen zu sein. Bist wahrscheinlich diesen Morgen mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett gestiegen. Oder war dein Zahnkünstler wieder mal besonders eklig und gallig?“ Sie lachte. „Mach dir nichts draus, schöne Christel, das graue Gestell hat längst vergessen, wie jungen Menschen zumute ist.“

Christel widersprach: „Er behauptet allerdings das Gegenteil. Er meinte gerade vorhin, er wäre auch mal ein junger Mann gewesen.“ Sie blieb stehen und sagte erregt: „Ich hab’ ihm aber geantwortet, das könnte ich mir nicht vorstellen.“

Fränze zog die um zwei Jahre jüngere Freundin mit sich fort.

„Aber Christel, was war da für’n Geist in dich gefahren? Dergleichen darf man doch seinem Chef nicht sagen — selbst wenn du recht haben solltest! Natürlich hat er dir einen ordentlichen Marsch geblasen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Hättest dich nicht wundern müssen, wenn du zum Dank für deine Offenheit aus der Stellung geflogen wärst.“

„Was du doch für eine große Menschenkennerin bist!“ lachte Christel zornig. „Ich bin tatsächlich aus der Stellung geflogen.“

„Kunststück! Wenn du dich so ruppig gegen deinen Brotgeber benommen hast!“ Fränze fragte nun ernst: „Du bist also nun tatsächlich entlassen worden?“

„Ja“, nickte Christel, „in einigen Wochen ist meine Zeit bei Dr. Wendeck um.“

„Aber wie kamst du eigentlich dazu, ihm eine derartige Liebenswürdigkeit an den Kopf zu werfen? War er frech gegen dich, hat er sich in dich verknallt? Das könnte ich sogar begreifen.“

Christel zuckte die Achseln.

„Der weiß gar nicht, was Verknallen ist! Und ich glaube, wenn ich dir erzähle, wie die ganze Geschichte, die zur Kündigung führte, angefangen hat, kriege ich eine Mordswut hier mitten auf der Straße, und die Leute blieben stehen.“

Fränzes schmale Grauaugen blickten forschend in das Gesicht der Freundin, die ihr ganz verändert vorkam. Sie machte den Vorschlag: „Es ist wohl am gescheitesten, wir fahren zu mir. Ich habe daheim allerlei zu essen und zu trinken, und dort kannst du ohne Zeugen deiner Mordswut freien Lauf lassen. Wir werden bei euch vorbeigehen, und du sagst deiner Oma Bescheid. Sie kriecht dann eben etwas früher ins Bett. Das tut sie, soviel ich weiß, sogar sehr gern.“

Sie bogen in eine Seitenstraße ein und erreichten den Andreasplatz. Dort wohnte die verwitwete Frau Anke Ewald, geborene Wobbe. Eine schmale, mittelgroße, sich auffallend gerade haltende Frau von sechsundsiebzig Jahren war sie, mit dichtem weißem Haar, das in breiten glatten Scheiteln über der Stirn lag. Die Blauaugen Christels wiederholten sich bei ihr. Sie waren aber nicht mehr so glänzend und so voll Tiefe. Müde schien das Blau, weil sich die Sonne der Jugend längst nicht mehr darin spiegelte. Mit wenigen Worten wurde Frau Ewald davon unterrichtet, daß Christel die Freundin nach Hause begleiten sollte. Die alte Frau nickte.

„Meinetwegen nehmen Sie Christel mit, liebe Fränze, aber behalten Sie das Mädel nicht zu lange bei sich, damit sie morgen früh gut ausgeschlafen hat.“

Sie blickte Christel unwillkürlich genauer an, fragte ernst: „Was gibt es, Christel, du siehst verstimmt aus? Hast du Ärger gehabt?“

Christel dachte: Heraus mußte die Wahrheit doch, also wollte sie lieber gleich Klarheit schaffen. Sie hob die Schultern, erklärte mit trotziger Stimme:

„Dr. Wendeck hat mir gekündigt, Großchen. Nächsten Ersten ist’s zu Ende mit der Herrlichkeit in der Großen Frankfurter Straße. Ich muß mir also eine neue Stellung suchen.“

„Warum hat er dir denn gekündigt, Christel?“ fragte die alte Frau sehr erschrocken. „Ich habe immer angenommen, er wäre sehr zufrieden mit dir. Er wollte dir doch jetzt sogar wieder dein Gehalt erhöhen.“ Sie mußte sich in den Lehnstuhl setzen, der noch vom Schattenhof in den Vierlanden stammte, vom Hof, auf dem sie geboren war und von dem aus sie den Klavierlehrer und Musiker Ewald geheiratet hatte, der sie mitnahm in die große Stadt Berlin. Ihr Leben lang aber hatte sie sich nach der Heimat zurückgesehnt, nach dem Schattenhof in der hamburgischen Landschaft, auf dem die Wobbes gewohnt seit dreihundertundfünfzig Jahren. Sie drängte:

„Rede doch, Christel, ich möchte klarsehen, denn ohne Grund kann dir Dr. Wendeck nicht so Knall und Fall gekündigt haben.“ Sie sprach hochdeutsch, aber im Tonfall ihrer Worte lag noch stark der Rhythmus ihres heimatlichen Dialekts. Frau Ewald schaute die Enkelin forschend an. „Was will er von dir, der Zahnarzt, was hast du ihm nicht recht gemacht?“

Fränze dachte: Schade, nun gab’s heute abend kein Fortkommen mehr von hier, denn sie sah es Christel an, mit ein paar einfachen Sätzen ließ sich das nicht mitteilen, was sie ganz durcheinandergebracht zu haben schien. Fränze stand gerade vor dem braunen Samtsofa. In einer Ecke ließ sie sich nieder. Sofaecken wurden immer von ihr bevorzugt, wenn sie Gelegenheit fand, ihre große kräftige Gestalt darin möglichst behaglich unterzubringen.

Christel aber stand mitten im Zimmer mit lässig hängenden Armen. Plötzlich aber flogen sie hoch, und wie eine Anklage schleuderte das junge Mädchen hinaus:

„Ich habe Dr. Wendeck, wenn er auch nie zugab, daß er mit meinen Leistungen zufrieden gewesen, doch alles recht gemacht. Bis heute, bis der fremde Mensch zu uns hereinschneite und mich küßte. Ich kann doch nichts für seine Dreistigkeit, ebensowenig, daß er einfach davonlief und verschwand, als wenn nichts geschehen wäre, nachdem er das Unheil angerichtet hatte. Deshalb bin ich doch keine Lügnerin!“

Anke Ewalds Augen trafen sich mit denen Fränze Dorners. Es waren zwei fragende, ratlose Blicke, die ineinandertauchten.

Fränze rief Christel laut zu:

„Von was und von wem redest du denn eigentlich, Mädel? Chinesisch würden wir beinah besser verstehen als das, was du uns eben auf Deutsch vorgesetzt hast. Versuche doch, klar und deutlich zu erzählen, was geschehen ist, denn: Dunkel ist der Rede Sinn!“

Christel schüttelte sich so gründlich, als hätte sich irgend etwas an sie angeklammert, das sie loswerden wollte.

„Du lieber Himmel, hab Geduld, Fränze, ich bin doch so schrecklich wütend, wenn ich nur daran denke, daß ein fremder Mann, einer, den ich sicher im ganzen Leben nicht mehr wiedersehen werde, mir so geschadet hat.“ Sie stand in ungefähr gleicher Entfernung von der alten Frau wie Fränze und lachte plötzlich böse. „Ich sollte mich ja freuen, daß ich Dr. Wendeck bald nicht mehr zu sehen brauche. Ich finde, selbst wenn er lächelt, ist alles um ihn herum noch grau in grau. Und ich spielte manchmal mit dem Gedanken, ihm kündigen zu können. Man spielt aber oft mit allerlei Gedanken und weiß doch genau, es bleibt nur Spiel.“ Sie stampfte mit dem Fuß auf. „Ich rede wirklich zuviel um die Geschichte herum, also los, ich werde hübsch der Reihe nach erzählen. Wie ein kurzes Theaterstück ist’s. Der erste Akt davon paßt für ein Lustspiel, der zweite dagegen für ein Trauerspiel.“

Sie zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. Dann begann sie in fast kühlem Berichtston von dem Geschehenen zu reden. Sie wurde ein paarmal von ihren Zuhörerinnen unterbrochen, aber sie achtete kaum darauf und war denn auch bald beim Schluß angelangt.

Die alte Frau zog mechanisch den unteren Saum ihrer Schürze wie glättend durch die Finger.

„Das alles ist wirklich kaum glaublich, und wenn Dr. Wendeck für Schwindel hält, was du ihm von dem Fremden sagen konntest, darf man es ihm nicht übelnehmen. Ich glaube dir natürlich, aber ich bin auch deine Großmutter und kenne dich.“

Fränze Dorner schüttelte heftig den Kopf.

„Dr. Wendeck kennt Christel nun auch schon zwei Jahre, und schließlich braucht man sie nur anzusehen, um zu wissen, daß sie nicht lügt.“

Christel rieb ihre Stirn.

„Ganz tolles Kopfweh habe ich bekommen, und das Herz springt mir nächstens zum Halse hinaus, so hoch ist es schon geklettert mit seinem Klopfen.“

Fränze riet: „Wenn es das durchaus tun will, so laß es nur, ich tret’s dann tot und du bist fortan herzlos. Wenn dir der Held deines Abenteuers vielleicht doch noch einmal im Leben begegnen sollte, kannst du dich fürchterlich an ihm rächen.“

„Er wird mir nicht begegnen, dem lag nichts daran, sonst wäre er auf irgendeine Weise vor Dr. Wendeck für mich eingetreten.“ Sie sprang auf. „Sollte es aber doch geschehen, sollte er mir noch einmal über den Weg laufen, dann würde ich ihm eine runterhauen, an die er denken sollte. Ganz gleich wäre es mir, wo ich ihn träfe. Mitten auf der Straße oder im Theater oder im Ballsaal, meinetwegen auch in der Eisenbahn oder im Warenhaus, wenn es drinnen am überfülltesten ist. Ich schwöre, die Ohrfeige erhält er dann von mir.“ Sie hob die Rechte.

„Dergleichen Unsinn beschwört man nicht“, sagte Anke Ewald ernst.

Christel schien es gar nicht gehört zu haben. Sie ließ die Hand wieder sinken und malte sich aus:

„Vielleicht begegne ich ihm am Potsdamer Platz, nachmittags gegen fünf, wenn’s da gerade so recht, recht belebt ist, oder ich entdecke ihn in der Skala, wenn die Werkmeister was vorträgt, oder im Sommer am Wannsee oder ...“ Sie fand nicht gleich weiter.

„... oder in der Kartoffelpufferbäckerei am Bahnhof Friedrichstraße“, half Fränze neckend aus und lachte lustig. „Du bist ja verdreht, schöne Christine. Schließlich verfällst du noch auf die Idee, es wäre fortan dein Lebenszweck, den Menschen zu suchen, damit er zu seiner Ohrfeige kommt.“ Sie tippte sich auf die Stirn. „So schlimm ist das alles doch gar nicht. Wenn du deinem Chef nicht die dreiste Antwort gegeben hättest, hätte er dir überhaupt nicht gekündigt. Ich verstehe dich vollkommen, es ist manchmal geradezu wohltuend, wenn man seinem gepreßten Herzen Luft machen kann, aber es ist nicht immer klug, das zu tun, du kaum mündig gewordenes Lebewesen.“

„Schade um die schöne Stellung!“ seufzte die alte Frau Ewald und setzte beinah stolz klingend hinzu: „Als ich jung war, hätte sich kein Herr solche Frechheit herausgenommen, wie es der Fremde gegen dich gewagt hat.“

„Schade, daß man nicht weiß, wer er ist“, lächelte Fränze. „Ich hätte ihn gern einmal gesehen.“ Sie fragte lebhaft: „Wie sieht er eigentlich aus, Christel?“

Um deren Lippen zuckte es.

„Ich wäre froh, wenn ich antworten könnte: Er hat wie ein Buschklepper ausgesehen! Aber leider kann ich das nicht tun. Er sah aus wie ein Sportler.“ Sie blickte ins Leere, beschrieb ihn: „Er ist gediegen gekleidet, groß und schlank und hat breite Schultern, aber keine auswattierten, wie sie sich so viele Herren zulegen, um recht kraftvoll zu wirken. Er hat scharfe Gesichtszüge, lebhafte dunkle Augen und wäre durch sein sehr kräftiges und weißes Gebiß, das man beim Lachen fast vollständig sieht, die beste Reklame für einen Zahnarzt. Sein Haar, hellbraun und schräg gescheitelt, ist sehr dicht, und die Brauen scheinen über der Nasenwurzel leicht zusammengewachsen. Er hat im Wesen etwas sehr Sicheres und Draufgängerisches —“

„— wie sein Davonlaufen bestens beweist!“ fiel ihr Fränze ins Wort und meinte dann nachdenklich: „Hast ihn dir, obwohl alles sehr schnell gegangen sein soll, doch überraschend gründlich angeschaut, Christel. Aber lassen wir das vorläufig und denken wir an unseren Aufbruch, sonst lohnt es kaum noch, daß du mich begleitest.“

Christel sah die ältere Freundin überlegend an, ehe sie antwortete: „Ehrlich gestanden, Fränze, verspüre ich eigentlich auch gar keine Lust mehr dazu. Groß-chen hat ja sowieso Abendbrot bereit gehalten, und wenn du mir einen Gefallen tun willst, bleibe noch ein Weilchen hier und iß mit.“ Fränze gab sofort nach.

„Gern, wenn es dir so lieber ist.“

Frau Ewald verließ still das Zimmer, sie wollte in der Küche noch ein paar Vorbereitungen für den Gast treffen. Sie selbst aß immer schon zeitiger, weil es ihr besser bekam. Sie war jetzt etwas niedergedrückt. Die Kündigung Christels, einige Monate vor dem Weihnachtsfest, zerstörte wahrscheinlich ein paar Pläne, die mit dem Fest zusammenhingen und auf deren Verwirklichung man sich schon gefreut hatte.

3.

Kaum befanden sich die beiden Mädel allein, schob Fränze die jüngere Freundin mit ein paar liebevollen, aber kräftigen Stößen zum Sofa und nahm neben ihr Platz.

„Jetzt bekenne mal, du verschlagenes Weibsbild, was du bisher noch nicht bekannt hast, nämlich, daß dir der Mann ganz ungewöhnlich gefallen hat.“ Sie lachte: „Feuerrot bist du eben geworden. Wenn man jemand die Wahrheit auf den Kopf zusagt, kann man danach allerdings oft solchen Farbwechsel beobachten. Schöne Christine: Wie konntest du zum Beispiel wissen, daß seine Schultern ihre edle männliche Breite keiner Rockwattierung verdanken, wie du vorhin in herzerfrischender Offenheit ausgeplaudert hast?“

Christel lachte verlegen:

„Möchtest mich wohl auf den Arm nehmen, Fränze? Meinetwegen, wenn du’s durchaus wissen willst, ich hab’ das gefühlt, als er mich so fest umarmt hat.“

„So, so!“ machte Fränze und ihre grauen Augen blickten äußerst vergnügt. „Schade, daß dieser Held ausgerissen ist wie Schafleder. Er wäre dir sicherlich gefährlich geworden.“

Christel zog die dunklen, schmalen Brauen dicht zusammen.

„Aus Männern, die nicht den Mut haben, für ihre Taten einzustehen, mache ich mir nichts.“

„Eine Tat nennst du den geraubten Kuß?“ lachte Fränze. „Ach, du gütiger Himmel, schöne Christine, was liegt denn an so einem Kuß? Der lange Edgar hat dich zum Beispiel doch auch schon geküßt. Ich hab’s doch selbst gesehen.“

Christel erwiderte zornig: „Laß mich mit dem langen Edgar zufrieden, der küßt alle Mädel, die er hübsch findet, wenn sie sich nicht wehren. Und als du deinen Geburtstag feiertest und uns ein bißchen zuviel Wein spendiertest, hat er mich eben auch geküßt. Ich habe mir aber noch tagelang danach die Lippen abgerieben und den Mund gespült.“

„Das aber hast du heute abend noch nicht getan, Mädelchen“, erinnerte Fränze. „Also, hole es nach, sonst wächst dir der Schnurrbart.“ Sie hob keck ihre etwas breite Nase.

Christine stand auf. „Ich muß Großchen in der Küche helfen, sie wird schon alles auf dem Tablett zurechtgestellt haben.“

Blitzgeschwind hatte sie sich an Fränze vorbeigedrängt, die gar keinen Versuch gemacht hatte, sie festzuhalten, sondern sich nur noch behaglicher in die Sofaecke drückte.

Alte Sofas, von der Art dieses braunen, mit Samt überzogenen Möbels, haben es in sich. Sie speichern in ihrem langen Dasein, irgendwo in ihrer Urväterpolsterung, eine Unmasse von Gemütlichkeit und Behagen auf.

Fränze blickte sinnend vor sich hin und das, was ihr zuletzt durch den Kopf gegangen, faßte sie in die leicht klingenden und doch so inhaltsschweren Worte zusammen:

„Das schlimmste und dümmste, schöne Christine, ist, daß du dich Hals über Kopf in den fremden feigen Mann verliebt hast!“ Sie sagte es sehr leise, als vertraue sie sich damit selbst ein Geheimnis an.

Draußen in der Küche aber sprach eben die alte Frau zu der Enkelin:

„Du wirst bald eine andere Stellung finden, Christel, und es ist vielleicht gut, daß du von Dr. Wendeck fortkommst. Er hat dir mit seinem muffigen Wesen ziemlich oft die frohe Stimmung genommen.“ Sie nickte Christel zu. „Es ist sogar möglich, daß es Dr. Wendeck inzwischen noch leid wird, dir so schnell gekündigt zu haben, und er die Kündigung zurücknimmt.“

Das junge Mädchen ergriff das große Tablett, auf dem Großchen das Abendessen aufgebaut hatte. Die Teller und Bestecke klirrten aneinander.

„Ich möchte nun wirklich nicht mehr bei ihm bleiben, Großchen, es ist ein ekliges Gefühl, immer in der Nähe eines Menschen beschäftigt zu sein, der einem nicht glaubt.“

Frau Anke Ewald schob noch ein Glas auf das Tablett und wollte etwas erwidern. Aber sie unterließ es im letzten Augenblick, dachte an die oft angewandten Sprichwörter: Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird! und: Kommt Zeit, kommt Rat! Eins davon paßte sicher.

Zwei Stunden lang blieb Fränze noch in der kleinen Zweizimmerwohnung am Andreasplatz, und als sie sich verabschiedet hatte, war sie fest überzeugt, Christel wieder ein bißchen ‚aufgemöbelt‘ zu haben. Sie wäre aber bald ganz anderer Meinung geworden, wenn sie die Freundin etwas später hätte beobachten können.

Christel hatte der alten Frau eine gute Nacht gewünscht und war in ihre Kammer gegangen, die außer der Waschkommode nur ein Bett, einen Tisch und einen Stuhl enthielt. Über dem Bett hing ein gemaltes Bild des Schattenhofes, das Großchen einst von daheim mitgebracht hatte.

Christel betrachtete es heute mit versonnenen Augen und dachte: Schön müßte es sein, im Sommer dorthin zu fahren, wenn die Linden zu blühen beginnen, die auf dem Bild schon dicht und grün um das Wohnhaus standen wie treue Wächter. Eine Bank unter einem der mächtigen Bäume lud zur Rast ein, und das Leuchten der scheidenden Sonne lag wie ein goldener Himmelsgruß über den Dächern der Ställe und über dem weiten Hof, auf dem man gerade die Last eines frühen Erntewagens in die Scheuer brachte.

Auf dem Schattenhofe wohnten noch heute die Wobbes, Blut von ihrem Blut, ein kräftiger, gerader Menschenschlag, wie Großchen immer betont erzählte, aber bauernstolz bis auf die Knochen. Man war Anke Ewald, die vor fünfundfünfzig Jahren nach Berlin geheiratet hatte, noch heute nicht besonders gutgesinnt. Es war ihr damals Gelegenheit geboten worden, in einen großen Hof der Marsch hineinzuheiraten, aber sie hatte sich doch für den Musiker aus Berlin entschieden, den sie während eines kurzen Aufenthaltes in Hamburg zufällig kennengelernt. Die Entscheidung Ankes war den Wobbes damals unverständlich geblieben und auch inzwischen keinem der jüngeren Familienmitglieder recht klargeworden.

Christel grübelte: Ausruhen möchte man in dem alten Haus mit den dicken Mauern, hinter dessen Fensterscheiben sich schneeweiße Gardinen bauschten, die Geheimnisse zu verbergen schienen, denn sie verwehrten es jedem Neugierigen, hineinzuschauen.

„Schattenhof!“ sagte Christel vor sich hin. Der Name klang nicht fröhlich, aber er klang eigen, sogar ein wenig unheimlich. Sie lächelte: Eine Tochter vom Schattenhof in den Vierlanden hätte sich wohl kaum so täppisch benommen, wie sie es heute getan hatte. Die würde sich gleich kräftig gewehrt und dem traurigen Helden sicher sofort ihre Meinung in das unverschämte Gesicht geschrieben haben. Christel hob die Rechte, als wollte sie das, was sie unterlassen, noch nachholen. Ihre Hand sank nieder. ‚Ich bin ja verdreht, ein Schlag in die leere Luft wäre blöd‘!

Christel schob die zehn Finger ineinander wie zum Gebet, und in ihr wurde immer inbrünstiger der Wunsch rege, dem Fremden recht bald irgendwo einmal zu begegnen, damit sie ihren Schwur halten könnte.

Plötzlich fühlte sie Tränen hinter ihren Lidern, Tränen, die sich ungeduldig hervordrängten, trotzdem sie sich dagegen wehren wollte. Oh — einmal noch diesen Menschen in das dreiste Abenteurergesicht sehen dürfen, ihm dann vergelten, was er ihr angetan.

Sie überlegte. Wie schön wäre es gewesen, wenn der Fremde sich ruhig und mutig dem empörten Dr. Wendeck gestellt und bekannt hätte: ‚Ich war närrisch geworden, aber das Mädel trägt keine Schuld an dem Vorfall!‘ Sie würde ihm dann vergeben haben.

Vielleicht hätte er nachher sogar unten auf der Straße gewartet, bis sie gekommen, und sie wären zusammen durch den abendlichen Berliner Osten gewandert, lachend und plaudernd. Er hätte sie ein Stück auf dem Heimweg begleitet. Und ihr wäre jetzt anders zumute. Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte leise. Großchen durfte es nicht hören, aber die Tränen taten ihr gut, und sie dachte an das lachende, verwegene Männergesicht, dachte an zwei kraftvolle Arme, die sie umfangen hatten, und an einen Mund, der fest auf dem ihren geruht. Sie dachte an einen Menschen, den sie haßte, und weinte vor — Haß — —

Christel schlief wenig in dieser Nacht, aber ehe sie ihren Gang zur Tagesarbeit antrat, zeigte sie der alten Frau ein recht frohes Gesicht und lächelte:

„Es ist wirklich alles gar nicht so schlimm, Großchen. Im Grunde genommen bin ich zufrieden, daß ich von dem ollen Nörgelpeter weg kann. Ich finde bestimmt binnen kurzem eine andere Stellung. Wir verhungern auch nicht, wenn ich mal ein paar Monate faulenzen müßte; du läßt mich dann ein Weilchen von deiner Witwenrente mitessen.“ Sie scherzte: „Ich schnalle mir den Gürtel auch etwas enger. Es wird schon alles wieder in Ordnung kommen.“

Unterwegs sah ihr Gesicht aber nicht mehr so vergnügt aus. Ein scharfes Fältchen hatte sich zwischen ihren Brauen eingekerbt, und es blieb dort, bis sie vor der Tür ihres Chefs stand. Jetzt verschwand das Fältchen. Christel wollte und konnte sich zusammennehmen. Dr. Wendeck brauchte nicht einmal zu ahnen, wie elend und bange ihr ums Herz war.

Die Frau, die hier täglich vormittags die gröberen Arbeiten verrichtete, öffnete ihr wie jeden Morgen. Sie hieß Frieda Fuchs, war hübsch, sechsundvierzig Jahre und die Witwe eines Kassenboten.

Christel grüßte freundlich, und während sie Mantel und Hut ablegte, fragte Frau Fuchs:

„Haben Sie vielleicht eine Rückfahrkarte verloren, Fräulein Ewald? Wenn nicht, wissen Sie aber wohl, wer sie verloren haben könnte. Sie muß einem von den jestrijen Patienten jehören.“ Sie ging Christel voraus in das Wartezimmer und fuhr fort: „Die Karte hat neben der Schwelle jelejen. Un soviel wie ich davon verstehe, hat sie sojar noch bis morjen Jültigkeit.“ Sie nahm von einer Nickelschale einen Eisenbahnfahrschein und hielt ihn Christel entgegen, die den Namen des Ortes las, der als Ziel angegeben war. Sie meinte: „Mir gehört die Karte nicht, aber ich will nachdenken, wer gestern hier gewesen ist und wer der Eigentümer sein könnte. Ein paar von den gestrigen Patienten werden übrigens heute wiederkommen.“

Frau Fuchs machte ein versonnenes Gesicht.

„Mit Rückfahrkarten muß man sehr vorsichtig sein. Wenn man zum Beispiel denkt, nu is für die Rückfahrt jesorgt, un verkrümelt daraufhin sein janzes Jeld in ‘nem fremden Ort, denn steht man nachher da wie die Kuh vor‘t neue Tor. Nämlich mir is es mal so jejangen in Werder bei der Baumblüte. Einer, der da vom Obstwein puppenlustig jeworden war, hat die Rückfahrt für mich bezahlt. Ein hübscher Kerl war er. Nachher hat er mich sojar besucht, und ich habe ihm, wie sich das jehört, sein jepumptes Jeld wiederjeben wollen. Denken Sie vielleicht, er hätte es jenommen? Bewahre! Er hat mir bloß immerzu vorphantasiert, ich wäre so ‘ne hübsche Frau un janz sein Jeschmack.“ Sie redete frisch darauflos. „So was habe ich natürlich janz jerne jehört, weil mein Verstorbener nie so was gesagt hat.“ Sie verzog den Mund. „Der hat man immer bloß jeschimpft.“

Christel warf einen Blick auf die Uhr, die über dem moosgrünen Plüschscheusal hing, das sich auch heute noch Sofa zu nennen wagte. Sie unterbrach die Redselige:

„Ich muß Dr. Wendecks Instrumente zurechtlegen.“

„Ach, Sie haben noch ein bißchen Zeit“, meinte Frau Fuchs in beinah bittendem Ton. „Ich werde rasch weitererzählen, ich möchte das einmal vom Herzen herunter haben, weil ein paar Frauen damals zu mir jesagt haben, ich hätte mich mordsdämlich benommen.“

Christel verspürte wenig Lust, noch länger zuzuhören. Sie hatte selbst genug auf dem Herzen, und die Rückfahrkarte brannte ihr förmlich in den Händen. Sie hatte im Geist schon alle gestrigen Patienten an sich vorbeigehen lassen. Sie waren ihr alle bekannt, und sie wußte, daß sie sämtlich in Berlin wohnten. Die Karte gehörte also wohl keinem von ihnen. Allerdings war gestern noch jemand dagewesen, den sie nicht kannte, ein dreister und unverschämter Mensch, einer, über den sie gar nichts wußte. Sie hatte auch keine Ahnung, wo er zu suchen wäre. Wahrscheinlich war die von Frau Fuchs neben der Schwelle des Wartezimmers gefundene Rückfahrkarte so etwas wie ein Fingerzeig des Schicksals, wahrscheinlich hatte sie jener Fremde verloren.

„Ich habe jetzt wirklich keine Zeit. Wir gehen lieber mittags zusammen hier weg. Unterwegs erzählen Sie mir dann alles ausführlich, Frau Fuchs.“

„Wenn‘s nich anders jeht, können wir‘s so machen“, stimmte die Frau zu und entfernte sich.

Christel aber ordnete im Arbeitszimmer Dr. Wendecks alles so, wie er es vorzufinden wünschte, wenn er kurz vor neun Uhr den Raum betrat. Der erste Patient des Tages wurde von ihm gewöhnlich um diese Zeit herbestellt.

Die Pinzetten, Bohrer und Messerchen, die Sonden, Spiegelchen und Exkavatoren blitzten. Bald lagen in Reih und Glied ausgerichtet alle die Gegenstände auf dem Drehtischchen, die ein Zahnarzt heutzutage braucht. Christel war es, als blinkten sie ihr spöttisch zu. Sie beeilte sich mit ihrer Arbeit und holte dann den Fahrschein aus der Tasche ihres weißen Kittels, den sie vorhin übergezogen. Eingehend betrachtete sie die Karte. Als Ziel war der Name einer märkischen Stadt darauf gedruckt, die nicht allzu weit von Berlin lag.

Christel glaubte ihrer Sache immer sicherer zu sein. Der Verlierer war der Mensch, der die Schuld trug, daß sie ihre gute Stellung nun bald würde aufgeben müssen. Und was hatte sie noch alles vorgehabt in nächster Zeit. Einen bequemen Liegestuhl hatte sie Großchen schenken wollen, und im Sommer hatte sie beabsichtigt, mit ihr irgendwohin in die Hamburger Landschaft zu reisen — von wo es nicht mehr weit war bis zum Schattenhof —, um ihre Ferien dort mit ihr zu verbringen. Großchen fieberte oft förmlich nach ein paar kräftigen Atemzügen Heimatluft, wie sie ihr gestanden hatte.

Christel unterdrückte einen Seufzer, denn eben ertönte die Flurklingel und im gleichen Moment tat sich auch die Tür von Dr. Wendecks Privatwohnung auf und der Zahnarzt trat ein. Grau in grau! mußte Christel wieder, wie schon so oft, denken, als Dr. Wendeck ihren Gruß lässig und unfroh erwiderte. Frau Fuchs hatte eben geöffnet, denn man hörte, daß jemand nebenan im Wartezimmer Platz nahm. Dr. Wendeck machte eine seiner schlenkernden Bewegungen, die ausdrücken sollte, der Patient könne eintreten, und Christel machte sofort die Tür zum Wartezimmer auf. Eine dicke Dame, mit dem Ausdruck unverhohlener Zahnarztangst auf dem Hängebackengesicht, schob sich herein. Ein liebenswürdiges Lächeln Dr. Wendecks versuchte, ihr Mut zu machen. Jetzt konnte er lächeln, weil ihm das Lächeln gewissermaßen bezahlt wurde.

Christel begriff nicht, daß es noch immer Menschen gab, die vor dem Zahnarzt Angst haben konnten wie vor dem unsinnig heraufbeschworenen schwarzen Mann in Kindertagen.

Sie assistierte gewohnheitsmäßig, denn sie war ja sicher bei der Handreichung, ihre Gedanken aber wollten nicht bei der Sache bleiben, die beschäftigten sich mit der Rückfahrkarte in ihrer Kitteltasche. Der darauf gedruckte Ortsname schien sich immer fester in ihrem Kopf zu verankern, und als das Surren des Bohrers wie das gleichmäßige Hinundherschwirren eines dicken Brummers die im Zimmer herrschende Stille unterbrach, war es ihr, als höre sie immer wieder denselben Namen, der auf der Fahrkarte angegeben war, heraus. Wenn die Karte dem Unbekannten gehörte und er tatsächlich nach dem Ort gefahren war, bestand auch die Möglichkeit, den dreisten Herrn wiederzusehen und den Schwur zu erfüllen. In Christels Augen blitzte es unternehmungslustig auf.

Die Patientin schaute erschrocken drein. Was war denn los? Es hatte beinah den Eindruck gemacht, als wollte das hübsche Ding auf sie losfahren.

Die Vormittagsstunden verflossen in anstrengender Tätigkeit, bis Christel schließlich zu Tisch gehen durfte. Frau Fuchs stand schon bereit, sich ihr anzuschließen.

„Wir machen ja den Weg zusammen, Fräulein Ewald, ich erzähle Ihnen dabei weiter von meinem Abenteuer. Denn ein richtiges Abenteuer ist’s noch jeworden mit dem Herrn, der mir damals die Fahrkarte von Werder zurück nach Berlin bezahlt hatte.“

Was blieb Christel weiter übrig, als zuzuhören. Frau Fuchs, die in der Königsbergerstraße wohnte, schritt neben ihr her. Nett und sauber sah sie aus in einem dunklen Mantel und einem kleinen mützenförmigen Hut, und Christel sagte unwillkürlich:

„Sie hätten eigentlich noch einmal heiraten sollen, Frau Fuchs, Sie sehen wirklich noch sehr gut aus.“

Frieda Fuchs lachte: „Das is es doch jrade jewesen, das hat er doch auch jesagt, der jalante Herr, der dann bei mir auftauchte. Und das wollte ich Ihnen ja jetzt erzählen.“ Sie holte tief Atem. „Ich habe man jelacht, wenn er mir allerhand Komplimente sagte, aber jut jetan hat’s mir doch. Das war immer, als ob mich einer mit so’ne janz weichen, lieben Hände streicheln tat. Ein paarmal sind wir abends ausjejangen un er hat mich überall hinjeführt, wo ich in meinem Leben noch nich jewesen bin. Mein Mann war abends bloß fürs Zuhausebleiben. Es hat mir nu alles natürlich sehr schön jefallen, un ich fing an nachzudenken, was denn woll aus der Jeschichte werden sollte. Was einen Anfang hat, das hat ja auch mal ein Ende. Ich hatte ein paar bekannten Frauen davon erzählt un sie meinten alle: ‚Frau Fuchs, der Mann wird Ihn‘ sicher einen Heiratsantrag machen.‘ Ich habe das riesig jerne jehört, un ich kam mir damals mächtig wichtig vor. Drei Jahre is es nu her. Eine Schlosserei hat er jehabt mit zwei Jesellen, draußen am Wedding. Frau Schlossermeisterin! Das war mir in den Kopf jestiegen un ich war damals eitel wie’n janz junges Mädchen. Dauerwellen habe ich mir machen lassen un Lackschuhe mußte ich haben, un denn hat er wirklich um meine Hand anjehalten. Janz richtig un reputierlich. Wie’s im Buch steht. Ich hab’ ihm nich jleich jeantwortet, weil mir, wo es soweit war, janz besoffen zumute jewesen is, denn das jroße Jlück war nu da.“ Sie machte eine Pause und blickte Christel ganz sonderbar an. Mit einer Mischung von Trauer und Selbstverspottung.

Christel war längst völlig bei der Sache. Sie war begierig zu erfahren, warum Frau Fuchs, obwohl ihr das Leben eine so große Glücksmöglichkeit geboten, noch immer Frau Fuchs hieß, die als Stundenhilfe in den Haushaltungen des Berliner Ostens ihr nicht allzu reichliches Brot verdienen mußte. Sie ermunterte: „Erzählen Sie doch zu Ende, ich möchte gern hören, wie es weiterging.“

Frieda Fuchs lächelte so richtig süßsauer.

„Es jing eijentlich überhaupt nich weiter, denn auf den Antrag folgte nich mehr viel, damit war sie schon beinah aus, die Jeschichte.“ Sie hüstelte, die Kehle war ihr plötzlich rauh geworden. „Ja, sehen Sie, Fräulein Ewald“, fuhr sie fort, „als ich ihm nich jleich Bescheid jab von wejen die Heirat, weil ich mein Jlück erst so recht von allen Seiten bewundern wollte, drängte er: ‚Liebe Frau Frieda, fassen Sie rasch un feste zu. Manche andere an Ihrer Stelle täte das liebend jerne!‘ Un dann hat er jelacht un sich ein bißchen aufjeplustert. Er könnte janz junge Mädchen haben un wäre doch schon fünfunddreißig. Sojar eine von neunzehn wäre dabei, bildhübsch un mit Moneten un ’ner piekfeinen Einrichtung, aber er hätte sich in mich verschossen.“ Sie seufzte. „Da war es mir mit einemmal, Fräulein Ewald, als ob ich aus ’nem janz schweren Traum aufwachte, da sah ich plötzlich die janze Jeschichte anders, da wußte ich, daß ich mir wochenlang selbst was vorjemacht un es nich jemerkt hatte. Aber nu war’s Tag jeworden um mich ’rum und alle die hübschen Zukunftspläne purzelten ’runter un fielen mir auf den Kopf. Dreiundvierzig war ich, un er fünfunddreißig, junge Mädels konnte er kriejen, un ich wollte ihm den Weg versperren. Das durfte ich doch nich, das wäre doch ’ne Jemeinheit jewesen. Ich hatte keine Kinder und mein Seliger hat mir die Schuld jejeben. Der Doktor meinte, ich würde auch keine bekommen. Eine Junge aber könnte dem Mann vielleicht ein halbes Dutzend schenken, un ich wollte einer, die mehr Anrecht darauf hat, einen juten Platz als Frau un Mutter wegnehmen. Wie ’ne Betrügerin kam ich mir da vor, und ich habe ihm das alles offen jesagt. Er hat mich dafür janz jroß un verbiestert anjesehen, so lange anjesehen, daß ich’s kaum ertragen konnte, aber schließlich is er janz still wegjejangen, hat bloß noch jesagt, er will sich das überlejen, aber er käme bestimmt wieder.“

Sie zog mit schmerzlicher Gebärde die Schultern hoch.

„Er ist nich wiederjekommen, un vorijes Jahr hab’ ich in der Zeitung ‘ne Annonce jelesen, da teilt er seinen Freunden mit, daß ihm seine Frau Zwillinge jeschenkt hat. Un ich weiß nu, es war jut, daß ich damals noch rechtzeitig zu Verstand jekommen bin. Aber was meine Bekannten sind, die werfen mir das alles als jroße Dummheit vor un behaupten, ich hätte mein Jlück verscherzt. Nu möchte ich bloß mal hören, was Sie dazu meinen, Fräulein Ewald.“

Sie waren inzwischen am Andreasplatz angelangt, wo Christel wohnte. Sie reichte der anderen die Hand.

„Sie haben wie ein grundanständiges Menschenkind gehandelt, und der Mann wird Ihnen das sicherlich auch heimlich oft danken.“

Frau Fuchs nickte zufrieden.

„Ich freue mich, daß Sie meiner Meinung sind, Fräulein Ewald. Eijentlich is mir die olle Jeschichte nur einjefallen, als ich Ihnen heute die Rückfahrkarte jab. Da dachte ich daran, wie ich damals meine verloren hatte und janz aufjeregt auf ’m Werderschen Bahnhof stand, bis mir der nette Kerl half.“ Sie grüßte, winkte Christel dann noch zu und bog nach links ab.

Das junge Mädchen schaute ihr nach. Hübsch war Frau Fuchs geblieben bis jetzt, und es schien durchaus verständlich, daß sie noch vor wenigen Jahren sogar einem bedeutend jüngeren Mann hatte gefallen können. Daß sie eine sichere Zukunft ausgeschlagen hatte und weiter in fremden Diensten ihren Unterhalt verdiente, mußte ein Opfer genannt werden. Es kam noch dazu, daß sie den Mann anscheinend sehr gern gehabt.

Die Gründe zu dieser Handlungsweise waren ehrenhaft gewesen. Sie hatte wirklich kein Recht auf den Platz gehabt, den ihr ein Verliebter angeboten, der vielleicht in kurzer Zeit von seiner Verliebtheit geheilt worden wäre. Sehnsüchtig hätte er dann allen Vätern, die Kinder an der Hand führten, auf der Straße nachgeblickt und bedauert, daß er sich selbst um das schönste Erdenglück, um Kindersegen, gebracht hatte.

Christel fand, daß die Frau bewundernswert gehandelt hatte und sich manche heirats- und versorgungswütige Witwe an ihr ein Beispiel nehmen durfte. Die späte Liebesgeschichte der einfachen, aber hübschen Frau Frieda Fuchs war sehr lehrreich.

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Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
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200 стр. 1 иллюстрация
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9788711570197
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