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Fegoria
Dunkle Stunden
Roman
Annika Kastner
Erstausgabe im Februar 2021
Alle Rechte liegen beim Verlag
Copyright © Februar 2021
Booklounge Verlag
Johann-Boye-Str. 5
23923 Schönberg
Coverbild: @ konradbak – Can Stock Photo Inc.
978-3-947115-27-3
Inhalt
Helden
Willkommen
Widmung
Alice
Crispin
Alice
Crispin
Alice
Crispin
Alice
Crispin
Alice
Crispin
Alice
Crispin
Alice
Crispin
Alice
Crispin
Alice
Crispin
Alice
Crispin
Alice
Crispin
Alice
Crispin
Ein paar Worte ...
Personen & Orte
Playlist
Helden
Jedes Märchen, jede Geschichte hat ihren Helden. Unsere Helden sind nicht immer perfekt, sie haben Ecken und Kanten, machen Fehler, genau wie wir. Es kann auch sein, dass sie manchmal von ihrem Weg abkommen, eine andere Abzweigung wählen als die, die wir für sie gewollt haben. Aber es kommt letztlich darauf an, wie sie sich am Ende entscheiden. Dass sie dort den richtigen Weg wählen, der für sie bestimmt ist, nicht den, den wir gern für sie hätten. Erst das macht sie zu unseren Helden.
Willkommen
Hallo mein lieber Leser und ein herzliches Willkommen zurück in Fegoria.
Wenn du diesen Band in den Händen hältst, heißt das, dass wir gemeinsam schon ein großes Abenteuer bis hierher erlebt haben. Hast du mit Alice geweint, mit Crispin gelitten oder dich um Topas gesorgt? Schlägt dein Herz für Noam und Cian?
Danke, dass du dieses Abenteuer mit mir zusammen erlebst. Alice und Crispin brauchen jede Unterstützung, die sie bekommen können, denn der Tag des letzten Kampfes naht unweigerlich.
Deine Annika
Widmung
Oh, fast hätte ich es vergessen: Du weißt doch, wie sehr ich Widmungen liebe. Ich widme dieses Buch jedem, der sich schon einmal gewünscht hat, das Wunderland zu sehen und nie aufgehört hat, zu träumen. Außerdem meinem wundervollen Mann Philipp und meinem Sohn Joshua – mein persönliches Happy End. Meinen besten Freundinnen Sylvia, Cosima und Andrea. Egal, wann oder wie spät es ist, immer seid ihr da und ich habe euch wahnsinnig lieb.
Alice
Kalte Gischt spritzt mir ins Gesicht. Mühsam öffne ich meine Augen, die durch das Salzwasser verklebt sind, und schaue mich blinzelnd um. Mein gesamter Körper fühlt sich zerschlagen und bleischwer an, als hätte mich ein Bus bei voller Fahrt erwischt und anschließend gewendet, nur um sicher zu gehen, dass ich auch tatsächlich platt bin. Mühsam unterdrücke ich ein Stöhnen, als ich mich schließlich vorsichtig bewege. Es ist ein Wunder, dass ich überhaupt eingeschlafen bin, doch die Ereignisse haben ihren Tribut gefordert und meinen Körper in den Ruhezustand versetzt – die Heilung braucht Kraft und Zeit. Beides Dinge, die mir gerade ziemlich fehlen. Wäre ich noch ein Mensch, daran hege ich keinen Zweifel, wäre ich dort gestorben. Ich erinnere mich an alles, was geschehen ist, jedes Detail, was dazu geführt hat, wie ich hier auf diesem rauen Felsen mitten im Meer gelandet bin. Die Rückblicke sind nicht grausamer als jenes, was mir widerfahren ist. Erinnerung an den Elbenprinzen, der sein Leben riskiert hat, um mich abermals in seine Gewalt zu bringen, was sich jedoch am Ende dieses Weges gar nicht als Entführung, sondern als Rettung entpuppt hat. So viele Lügen, so viel Leid … so viel, was ich erst jetzt verstehe. Er, von dem ich bis vor kurzem gedacht habe, dass er mein Feind wäre und in dessen Arm ich endlich wieder Ruhe finde. Oh, wie falsch ich doch vor ein paar Stunden noch gelegen habe, mit törichter Blindheit geschlagen. Scham durchflutet mich, heiß und lodernd. Ich erinnere mich deutlich an den Hass, ach was, die blanke Wut, die ich empfunden habe, als ich ihn auf dem Fest Auge in Auge gegenübergestanden habe. Der züngelnde Zorn, den ich verspürt habe, den Wunsch, ihn auf der Stelle zu töten. Bei unserem Kampf in den Höhlen hätte ich es getan, wenn ich es gekonnt hätte. Ganz bestimmt! Und dieses Wissen raubt mir fast den Verstand. Gut, dass ich keinen Erfolg gehabt habe und das Schicksal mir gnädig gewesen ist. Wir gehören zusammen, unser Schicksal ist eins, das spüre ich bis in Mark und Bein. Jetzt, wo es beinahe zu spät ist und die Wirkung der faulen Zauberei nachlässt, sehe ich klarer. Sein Weg, ist mein Weg. Wie habe ich dies vergessen können, ihn vergessen? Wie soll ich damit leben, was ich getan habe? Ausgerechnet ihm, den ich über alles liebe? Ich erinnere mich an die Bestien, die dort oben, weit über uns, in den Felsen hausen, und meinen Rücken im unerbittlichen Kampf bis auf die Muskeln aufgerissen haben – jedenfalls fühlt es sich im Moment so an. Es ist mir ein Rätsel, wie ich mich auf den Beinen hab halten können. Ohne Crispin wäre ich dort zugrunde gegangen. Nur ihm ist es zu verdanken, dass ich noch atme. Er, dieser sture Prinz, der bis zum letzten Atemzug für uns kämpfen würde.
Das Salzwasser brennt wie Feuer auf meiner verletzten Haut, doch ich heiße den Schmerz willkommen, er lenkt mich von meiner inneren Qual ab. Warum ist es nur soweit kommen? Haben wir nicht etwas Glück verdient? Seit ich in diesem Land lebe, habe ich mehr Gewalt erfahren, als ein Mensch erfahren sollte. Aber … ich bin kein Mensch. Es liegen noch Jahrhunderte vor mir und ich bete zu den Göttern, dass diese den Schmerz und die Scham fortspülen wie die Wellen mein Blut von diesem Felsen unter mir. Ich drücke mich fester an Crispins warmen Körper, suche Trost. Mich in Sicherheit zu wiegen, da er hier bei mir ist, hilft mir ungemein. Crispin ist gekommen – für mich. Mein Seelengefährte, mein Schicksal. Seine Arme schließen sich enger, besitzergreifender um meinen Rumpf. Mein Herz pocht wild in meiner Brust. Wie kann er mich nach all dem noch lieben? Er ist der Stärkere von uns beiden, schon immer gewesen, und ich lerne langsam, diese Welt aus seinen Augen zu sehen. Meine alte Welt verblasst stündlich mehr, denn mein Leben hier ist so völlig fern von dem, was ich kenne. Hart und gnadenlos, zudem voller Wunder. Dort draußen auf dem Wasser hätte ich beinahe aufgegeben. Ja, ich habe genug gehabt, das gebe ich zu. Dieses Wissen macht mich nicht stolz, aber es ist ein Moment der Schwäche gewesen. Ich bin bereit gewesen, zu gehen, all das hinter mir zu lassen, damit er sich hätte retten können. Nein, er ist es, der uns am Leben hält, der uns nicht aufgibt und dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Mein Weg ist noch nicht zu Ende. Asta hat das, was wir haben und jenes, was uns verbindet, zerstören wollen, doch Crispin ist durchaus mächtiger oder einfach nur dickköpfiger – es trifft letztlich beides auf meinen Gefährten zu … Diesen arroganten, selbstherrlichen und doch liebevollen, fürsorglichen Elbenprinzen, der vor Widersprüchen nur so trotzt. Er hat sein Versprechen gehalten, ist für mich bis ans Ende der Welt gegangen, hat sich unseren Widersachern alleine gestellt, nur um mich zurückzufordern. Ich werde schützen, was mein ist, und du bist die meine, Alice. Das sind einst seine Worte an mich gewesen. Nein, der Prinz der Elben ist nicht mein Feind. Es ist, als hat das Wasser eine heilende Wirkung gehabt und mein Blutverlust dazu beigetragen, den Trank zu vernichten. Alles wird plötzlich viel klarer, ergibt einen Sinn. Erinnerungen durchfluten mich. Er ist so viel mehr, das spüre ich tief in mir. Die Liebe meines Lebens. Wir sind verbunden, wir sind eins. Seit Tagen fühle ich mich das erste Mal als ein Ganzes. Als wäre ein wichtiges Puzzleteil, welches gefehlt hat, nun wieder an seinen Platz gerückt. Zusammen ergeben wir ein Bildnis. Ich vertraue ihm. Seit der Ring fort ist, sehe ich klarer, bin gleichzeitig wütend auf mich selbst, dass sie mich so haben täuschen können. Aber ich weiß auch, dass ich keine Chance gegen Asta und Castiell gehabt habe. Gott weiß, wie ich mich gewehrt, dennoch kläglich versagt habe, und damit nicht nur mich, sondern ebenfalls Crispin in Gefahr gebracht habe. Das wird mir kein zweites Mal passieren. Ab jetzt bin ich wachsamer.
Crispin zieht mich enger an sich und versucht, mich vor den Tropfen des tosenden Wassers mit seinem Körper zu schützen, doch dies ist unmöglich, egal wie sehr er sich bemüht. Das Meer wütet um uns herum und er weigert sich, ohne mich an Land zu schwimmen. Er ist so stur wie ein alter Ochse. Es macht mich wütend und glücklich zugleich. Ich möchte nicht von ihm getrennt sein, will jedoch, dass er sich rettet. Nur er allein hätte eine reale Chance zu überleben. Aber nein, nun sitzen wir beide hier fest, denn meine Verletzung hindert mich daran, durch das aufgewühlte Meer an Land zu kommen. Er wird keineswegs packen, mich bis dahin mitzunehmen, völlig gleich, was er behauptet. Ich erzittere. Sein Körper schafft es nicht, mich zu wärmen, der kalte Wind und das Meer sind eine unerbittliche Kombination, die gegen ihn arbeitet. Vor allem da ihm nicht mal ein Hemd geblieben ist, weil ich es trage. Nicht, dass es etwas nützt, im Gegenteil, es ist sogar triefend nass.
Gnadenlos sorgt die raue See dafür, dass wir nicht wirklich trocknen. Das Salz fühlt sich unangenehm auf meiner Haut an. Der Kampf mit der Chimäre, oben im Schloss, hat uns bis an unsere Grenzen gebracht. Auch ihm merke ich die Strapazen deutlich an. Er ist nicht weniger zerschunden als ich. Sein Bein, bis auf die Muskeln aufgetrennt, heilt ebenso dürftig wie mein Rücken, doch er beschwert sich unter keinen Umständen. Nie. Seit Stunden verharren wir hier. Jedenfalls gehe ich von Stunden aus, eine Uhr gibt es nicht. Zeit hat hier eine andere Bedeutung. Die Sonne steht hoch am Himmel, die Nacht ist längst vorbei, doch die Gefahr nicht, sie ist greifbar. Eine Uhr … In ganz Fegoria kennt man sie nicht, aber ich erinnere mich wieder an eine Welt, in der es Uhren gibt, deren Zeiger uns unerbittlich jagen, unsere Tage planen und für einen geordneten Ablauf sorgen. Das fehlt mir. Doch hier, in dieser fremden Welt, läuft es anders. Ich erinnere mich nicht an alles aus dieser Welt, doch es wird immer mehr. Crispin sagt, es läge an einem Trank, den sie mir verabreicht haben. Die Wirkung wird gänzlich verschwinden, sobald mein Körper sich regeneriert hat. Bald – einige Stunden, vielleicht Tage, dann werde ich wieder alles wissen. Sein Wort in Gottes Ohr.
Wenn ich die letzten Stunde Revue passieren lasse, ist es ein Wunder, dass wir beide überhaupt noch leben. Daraus kann ich nur schließen, dass er recht behält und die Götter Pläne mit uns haben. Ob sie so gut sind, wage ich nicht, zu urteilen. Aber wie heißt es so schön, die Hoffnung stirbt zuletzt, oder? Meine Gedanken schweifen umher. Tief ziehe ich die salzige Luft in meine Lungen. Mein Leben hat sich so sehr verändert. Es ist wie ein ferner, unwirklicher Traum und manchmal habe ich Angst, dass ich einfach erwache. Ich liege in den Armen eines Elben, einem echten Wesen mit spitzen Ohren und einem unsterblichen Leben. Ich bin eine Albin. Herr Gott, dazu der Feind der Elben und doch lieben wir uns. Ich bin kein Mensch mehr. Verfluchte Scheiße. Ich bin eine Albin, wiederhole ich für mich selbst nochmal. Meine Ohren sind ebenfalls spitz. Spitze Ohren!!! Das ist … nicht verrückter als alles andere, was ich hier erlebe. Nie wieder werde ich in einem Café sitzen, einen Muffin mit Schokoglasur bestellen oder einen Kinofilm sehen. Dafür das Schwert schwingen und hoffen, dass sie eines Tages eine Dusche erfinden. Oh, noch besser eine Toilette. Was für eine Traumvorstellung. Crispins Nase reibt über meinen Nacken, lenkt mich ab. Ich spüre seine warmen Lippen, die einen leichten Kuss auf meine kühle Haut hauchen. Tausend Schmetterlinge fangen in meinem Bauch an, zu tanzen. Das wilde heiße Feuer in mir, ist in seiner Gegenwart eine warme friedliche Flamme, wie ein Drache, der sich zur Ruhe gelegt hat. Es fühlt sich richtig an, als sollte ich genau hier sein, bei ihm. Der Ring an meiner Hand, den Asta mir gegeben hat, weil er angeblich den Zauber der Elben unterbindet, ist fort. Mit ihm die Lügen. Er ist in den Höhlen geblieben oder ins Meer gespült worden, ich weiß es nicht. Tatsächlich hat dieses kleine Metallteil meine Erinnerungen zusammen mit dem verfluchten Trank blockiert. Sie haben mich und alles, was mich ausmacht, zerstören wollen. Das macht mir schreckliche Angst, denn sie hätten sicherlich Erfolg gehabt. Sie haben mich reingelegt. Mit Gewalt, wie ich jetzt weiß, aber dennoch ist mir bewusst geworden, dass auch eine dunkle Seite in mir wohnt. Eine, wäre mein Weg ein anderer gewesen, mein Ich hätte sein können. Mir wird schlecht bei dem Gedanken, was Grimm heute Nacht mit mir vorgehabt hat. Hart schlucke ich und verbiete mir, diesen Gedanken weiterzuführen. Crispin ist rechtzeitig bei mir gewesen, das ist alles, was zählt. Er hat es verhindert. Seine Küsse werden all das fortspülen, was Grimm hinterlassen hat. Die Kälte, die Verzweiflung … Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie hart und brutal er und sein Vater sein können. Zahlreiche blaue Flecke auf meinem Körper sprechen Bände. Ich erinnere mich wieder, wie ich gegen sie gekämpft habe, doch ich bin zu schwach gewesen. Einzig mit einem Stab aus Holz habe ich mich ihnen gegenübergestellt. Glühend und lodernd brodelt der Hass in mir, wenn ich an Asta denke. Hass ist ein starkes Gefühl. Mächtig. Er verdient schlimmeres als den Tod.
Mein Blick wandert hinauf. Ich blinzle einige Male. Nach dem Sprung von den Felsen, auf der Flucht vor der Chimäre ins aufgewühlte Meer, harren wir also weiter aus, bis Crispin Vernunft annimmt oder ein Wunder geschieht. Beides soll mir recht sein, obwohl ich das Wunder bevorzuge. Wir haben so viel geschafft, es wäre unfair, wenn es jetzt endet. Nicht so. Aber uns läuft die Zeit davon. »Crispin?« Meine Stimme klingt heiser. Ich unterdrücke ein weiteres schmerzvolles Stöhnen.
»Ja, kleiner Schmetterling?« Sofort richtet er sich auf, winkelt seine Arme an, wirkt sehr besorgt, während ich mich ihm zudrehe. Er ist so stark. Ich hasse es, Angst in seiner Stimme zu erkennen. Durch mich hat er dieses Gefühl erst kennengelernt. Jemand wie er hat keine Angst. Nicht so, wie er sie ausstehen hat müssen. Er hat nie eine Gefährtin gewollt, weil es seine Schwachstelle wäre, und selbst damit behält er recht. Hier bin ich und all das zeigt, dass seine Befürchtung wahr geworden ist. Ich schwäche ihn, und genau das werden sich seine Gegner zunutze machen. Eine feuchte Strähne fällt ihm in sein markantes Gesicht, auf dessen Wangen sich ein dunkler Bartschatten gebildet hat und von Kratzern übersät ist. Es verleiht ihm etwas Gefährliches und Hartes, was mein Herz noch ein wenig mehr klopfen lässt. Trotz meiner Schmerzen kann ich nicht umher, festzustellen, wie attraktiv er ist. Er hat seine Tunika, so gut es geht, um meinen Rumpf gebunden, um die Blutung zu stoppen. Wenn ich ihm Glauben schenken darf, hat die Heilung bereits begonnen. Es fühlt sich nicht so an, aber mein Vertrauen hat er. Albe und Elben heilen schneller, dem Himmel sei Dank. Ein dünnes, rotes Rinnsal treibt trotzdem noch vom Felsen ins Meer. Bei meinem Glück wimmelt es gleich vor Haien. Mörderische Fegoria-Monsterhaie. Ich bin sicher, so etwas gibt es hier. Die Krallen der Chimäre haben mich schwer erwischt, doch immerhin haben wir ebenfalls eines dieser Biester in die ewigen Jagdgründe schicken können. Ich bin zwar ein echter Tierfreund, doch bei diesem Vieh hört es wirklich auf.
»Du musst gehen und mich zurücklassen, das muss dir bewusst sein, Crispin. Wenn wir beide bleiben, sterben wir. Noch schlimmer: Grimm oder die Chimäre entdecken uns«, flüstere ich, schaue ihm direkt ins Gesicht … Wobei mir ein schneller Tod durch die Chimäre lieber wäre als eine Ewigkeit mit Grimm. Crispin presst mürrisch die Lippen aufeinander, seine Miene nimmt einen störrischen Ausdruck an. Er wird nicht nachgeben, das weiß ich, und jenes Wissen macht mich verrückt. Will er hier mit mir sterben? Ja, die Antwort liegt auf der Hand. Mir ist bewusst, dass Diskussionen zwischen uns noch nie leicht gewesen sind. Wir sind beide dickköpfig und stur, nicht gerade unsere besten Eigenschaften.
»Niemals. Vorher sterbe ich mit dir hier draußen, Alice. Verlange alles, nur nicht das. Ich schaffe es nicht mehr und bin am Ende meiner Kräfte, was das angeht. Nichts und niemand wird uns trennen. Genug ist genug. Schau dich und mich an, uns bekommt es nicht, wenn wir dies versuchen. Und ohne dich habe ich keinen Grund mehr, weiter zu machen. Wofür sollte ich noch kämpfen? Gehst du von dieser in die nächste Welt, werde ich dir folgen. Dann soll es so sein. Ich bin all das leid. Diese Sorge, die Ängste und die Schmerzen, die du erdulden musst. Es ist mir gleich, was mit mir geschieht, Alice, aber ich kann es nicht ertragen, dich gepeinigt zu sehen. Sie fügen mir keine körperlichen Schmerzen zu, doch wenn ich weiß, dass du leidest, verletzt es mich an anderer Stelle.« Er zeigt auf sein Herz. Mein Mund ist nur noch eine harte Linie. Ich sage ja, er wird nicht nachgeben.
»Genau, wir werden auch sterben, wenn du nicht zur Vernunft kommst. Wir beide, Crispin. Du kannst es schaffen, ich nicht. Sei doch mal eine Sekunde realistisch. Dein Volk braucht dich. Mein Rücken … Ich glaube, das Vieh hat etwas Wichtiges kaputtgemacht. Meine Muskeln …«
»Das wird heilen, Alice. Du bist eine Albin. Das bringt dich nicht um. Es regeneriert bereits, das habe ich dir längst mitgeteilt. Gib dir noch etwas mehr Zeit. Wir haben es so weit gebracht. Reiß dich zusammen, verflucht. Du bist eine Kriegerin, du bist stark. Ja, mein Volk zählt auf mich, aber was brauche ich? Ich kenne die Antwort und deswegen bin ich hier, nicht bei meinem Volk, also belasse es dabei. Du bist robust, das wissen wir beide. Dein Überleben ist relevant für mich und unsere Zukunft. Für die Zukunft Fegorias. Aufgeben kommt für jemanden wie dich nicht infrage. Enttäusche mich nicht.«
Ich lache auf. »Und so lange willst du hier ausharren? Tage? Wir haben diese Zeit nicht, du Sturkopf. Ach was, ein Esel bist du. Du kannst noch so sehr drauf beharren, diesmal bist du im Unrecht, was du eigentlich weißt, du willst es nur keinesfalls zugeben. Diesen Kampf wirst du nicht gewinnen. Dieses Mal nicht. Lass mich zurück und rette dich. Meinst du nicht, sie werden uns früher oder später auch hier suchen? So viel Zeit kann Elil uns kaum verschaffen.« Crispins Augen scheinen Blitze zu versprühen. Er beißt die Zähne fest aufeinander, mahlt sie geradezu. Mutig strecke ich meine Hand aus und streiche dem Mann, den ich vor Stunden noch für meinen Widersacher gehalten habe, die widerspenstige Strähne aus dem Gesicht. Alles in mir schreit danach, ihn zu küssen, ihm diesen störrischen Ausdruck vom Gesicht zu wischen. Mein Körper verzerrt sich nach ihm.
»Es ist nicht an der Zeit, uns voneinander zu verabschieden, Alice. Egal, was du sagst, es wird meine Meinung nicht ändern. Dann sterben wir hier, gemeinsam.«
Es fühlt sich vertraut an, ihn zu berühren. Ich möchte nichts lieber, als für immer in seinen Armen liegen. Seine Brust hebt und senkt sich schnell. Er ist verärgert. Sauer auf mich, erbost auf die Welt und vermutlich darauf, dass ich recht habe. Versteht er denn nicht, dass ich nicht aufgeben, sondern ihn retten will, so wie er mich stets rettet? Warum räumt er sich dieses Recht ein und verwehrt es mir? An ihm sehe ich ebenso Spuren des Kampfes: seine zerrissene Hose, die mit rostroten Flecken übersät ist, seine aufgeplatzte Lippe, das blau unterlaufene Auge, welches jedem Preisboxer Ehre machen würde. All die Blessuren und Kratzer, verteilt auf seinem muskulösen Körper, den ein Bildhauer nicht besser hätte erschaffen können, und doch wirkt er stark und unerschütterlich. Leider auch wild entschlossen. Grimm, dieser verfluchte … Was wäre passiert, wäre ich länger dortgeblieben? Wäre aus mir ebenso ein Monster geworden, wie er eines ist? Wäre ich verloren gewesen? Mit mir all das, wofür wir kämpfen wollen? Ich empfinde Scham, wie ich mit den zwei Alben gesprochen habe, die zu meiner Familie gehören. Familie. Ich habe hier Angehörige meines Blutes. Ich bin nicht allein. Was rede ich, jenes bin ich sowieso nicht. Crispin, Cian, Noam. Sie sind ebenso meine Familie wie Alliaria und Elil. Die Erinnerungen schmerzen. Jede, die wiederkehrt, ist ein Dolchstoß in mein Herz.
Ich schaue dem Mann in die Augen, zu dem ich mich so hingezogen fühle und der mich momentan schrecklich wütend macht, weil er nicht hören will. Gerade, als er etwas erwidern will, lässt uns eine Stimme zusammenzucken. »Störe ich?« Eine weibliche Stimme, die vergnügt klingt, ertönt. Ich fahre erschrocken herum. Violette Augen funkeln mich an, gehören zu einer bildschönen grünhaarigen Frau, die sich mit den Ellenbogen auf dem Felsen abstützt. Obwohl die Wellen ungebändigt peitschen, wirkt es bei ihr, als hätte sie nicht ansatzweise Schwierigkeiten, sich dort zu halten. Elegant streckt sie ihre langen Arme von sich, ehe sie ihren Kopf in die Handflächen legt und uns dabei lieblich zublinzelt.
Ihre roten Lippen öffnen sich zu einem Lächeln, entblößen spitze Zähne, die mich erschaudern lassen. Ich rücke von ihr ab. Eine Nixe oder täusche ich mich? Meine Mutter ist wie sie gewesen und doch fröstelt es mich bei ihrem Anblick. Unwillkürlich gleite ich mit meiner Zunge an meinen Zähnen entlang. Gott sei Dank ertaste ich nichts Spitzes. Wo kommt sie plötzlich her? Wer ist sie? Eine Flosse lugt hinter ihr aus dem Wasser. Meine Augen weiten sich überrascht. Ja, ich habe recht, eine Nixe. Dunkel erinnere ich mich an die Schlacht in Escher und an Hände, die Orks ins Wasser gezogen haben. Es schüttelt mich abermals. Nixen sind gefährlich. Das sind Kelalans Worte gewesen, als er mir die Wesen Fegorias erklärt hat. Meine Mutter ist nicht gefährlich gewesen, oder? Wobei, hier in Fegoria ist jeder ein potenzieller Feind.
»Ich gestehe, euch zuzusehen, ist irgendwie erotisch und beschämend zugleich. Ihr wirkt so verzweifelt, wollt euch für den anderen aufopfern und dennoch sind die Blicke zwischen euch glühend. Was geschieht nun? Paart ihr euch? Ich habe nicht so recht gewusst, wann ich in euren Kampf gegen das Ertrinken eingreifen soll. Das Beobachten hat mich amüsiert, wenn ich ehrlich bin. Ich liebe es, dabei zuzusehen, wie einem Wesen die Luft ausgeht, das Herz allmählich aufhört zu schlagen, und sie langsam untergehen, um den Meerestieren Nahrung zu bieten. Ein wunderbares Schauspiel. Es erquickt mich jedes Mal. Eure dünnen schwachen Beinchen, wie sie gezappelt haben … Ihr seid so hilflos im Wasser.« Sie blickt mich aus ovalen Augen an. »Von dir habe ich mehr erwarte, Tochter des Meeres. Immerhin teilen wir uns gleiches Blut. Wie auch immer, ihr habt es ja gemeistert, obwohl ich mir etwas mehr Zeit als nötig gelassen habe.« Lange schlanke Finger mit krallenartigen Nägeln kratzen vor mir kleine Steine vom Felsen und verursachen dabei ein Geräusch, welches mich noch näher an Crispin heran rutschen lässt.
Crispin
Meine Arme schließen sich fester um Alice‘ zierlichen Körper. Es fühlt sich befriedigend an, wie sie sich näher an mich drückt, während ich Triel nicht aus den Augen lasse. Diese mustert Alice eindringlich, ehe sie sich mir zuwendet. Sie leckt sich über die spitzen Zähne, mustert meinen Körper ungeniert von Kopf bis Fuß. Mich lässt dies zwar kalt, aber Alice verspannt sich merklich. »Oh, was für ein schöner Mann du bist. Nackt noch schöner als in Rüstung verhüllt. All diese harten Muskelstränge … Äußerst appetitlich und vielversprechend. Da hat sich das Warten gelohnt, du Leckerbissen. Dein Glück, dass deine Gefährtin dabei ist, denn wir Nixen können im Liebesspiel sehr überzeugend sein. Das vergisst kein Mann so schnell. Was müsste ich tun, damit ich den Rest von dir sehen darf? Die lästige Hose ist ohnehin nur noch ein Lumpen. Fort damit, Prinz, amüsiere mich. Mir steht der Sinn nach einer Unterhaltung der anderen Art.«
»Wie kann sie es wagen?«, murrt Alice leise, mehr zu sich selbst als zu mir. Was mich ebenfalls beruhigt: Sie widerspricht Triel nicht. Auch wenn in den letzten Stunden viele ihrer Erinnerungen zurückgekommen sind, weiß ich nicht genau, wo wir stehen oder was sie fühlt. Gib nie etwas vor den Nixen preis, sie würden es gegen dich verwenden, denke ich. Mir gefällt es, dass Alice bedacht handelt, dazugelernt hat – anders als vor Monaten. Sie schaut die Nixe vor sich so finster an, als würde sie mit dem Gedanken spielen, ihr für ihre Worte die Haut abzuziehen. Mittlerweile würde ich ihr dies sogar zutrauen. Diese Welt hat sie verändert. Das Wissen, dass sie eifersüchtig ist, imponiert mir, schmeichelt meinem Herzen und meinem Selbstwertgefühl. Dass Alice sich erinnert und aufgehört hat, gegen mich anzukämpfen, lindert den Schmerz in mir. Ich klammere mich an das Wissen, dass alles so wird wie vorher. Ich spüre, wie sie sich mir wieder öffnet, meine Nähe sucht und ihre Blicke voller Liebe, aber auch voller Trauer und Scham sind. Der Trank lässt nach. Ich vermute, die Verletzungen tragen ihren Teil dazu bei, der Blutverlust spült es fort – ihr Körper muss sich schneller regenerieren, dadurch wird zudem der Trank zügiger abgebaut.
»Sprich dich aus, Schwester des Meeres.« Durchaus interessiert hebt Triel die Augenbrauen. Sie ist gefährlich, man darf sie nicht unterschätzen. Mein ganzer Körper ist wachsam und angespannt.
»Lass deine Spielchen, Triel. Sie ist gerade nicht sie selbst und geschwächt. Sie ist durch einen Trank geblendet, ein fauler Zauber. Sie ist die meine, ich der ihre. Es besteht keine Hoffnung für dich, sich mit uns zu paaren. Heute nicht und an keinem anderen Tag.«
»Langweiliger Elb!« Sie schmollt, jedoch nicht lange. »Beschreibe den Trank!«
Ich schiebe Alice hinter mich, schütze sie mit meinem Körper. Auch wenn ich Triel kenne, Nixen sind nie harmlos und ihr neugieriger Blick behagt mir nicht. Ich bin vor geraumer Zeit dabei gewesen, als sie ihren Opfern die Haut vom Körper gerissen haben, mit ihren Zähnen bei lebendigem Leib. An ihren Fingern klebt mehr Blut als an meinem Schwert. Sie tötet aus purem Vergnügen, das unterscheidet uns. »Er blockierte Teile ihrer Erinnerung, lässt hingegen bereits nach. Wie du siehst, es gibt nichts für dich zu holen«, erläutere ich sachlich. »Was machst du hier, Triel, außer dich an unserem Leid zu laben?«
»So unfreundlich? Tsss … Spitzohrprinz … Lerne, dich zu beherrschen, oder ich lasse dich zurück und rette nur sie. Es wäre zwar eine Verschwendung, aber … Ich ziehe es in Erwägung.«
»Du willst uns retten? Zu welchem Preis?« Ich bin äußerst achtsam, Nixen leisten keine Gefälligkeiten. Niemals! Sie sind einzig auf ihr eigenes Wohl aus.
»Wir haben Alice ein Angebot zu machen, es würde selbst dich aus dieser misslichen Lage befreien.«
»Wie lautet das Angebot?« Ohne zu erfahren, wie hoch der Preis für diese Rettung ist, werden wir dem Handel nicht zustimmen. Ich beobachte mein Gegenüber genau, jede noch so kleine Regung ihres Gesichtes.
»Das, mein lieber Prinz, wird euch Jade erklären, denn sie wartet auf dich und deine kleine Halbnixe.« Wieder lächelt sie Alice an. Allerdings wirkt dieses Lächeln nicht echt, sondern aufgesetzt. Es verursacht mir eine Gänsehaut. Nein, Triel hat Pläne und hier läuft etwas im Hintergrund. Wir dürften diesem Handel nicht akzeptieren, das weiß ich ganz sicher. »Aber vorher will ich dir helfen, statt mich an deinem Leid zu erfreuen, Prinz der Elben. Ich habe heute einen großzügigen Tag.«
Alice greift nach meiner Hand, als Triel sich aus dem Wasser hebt, die lange Flosse wird dabei zu zwei langen schlanken Beinen. Das Wasser perlt an ihnen ab, tropft vor ihren Beinen auf den Stein. Ich stehe ebenfalls auf, überrage dabei die Nixe um mehr als einen guten Kopf, wie ich befriedigend feststelle und eisig auf sie hinabblicke. »Du kannst die Flossen einfach gegen Beine tauschen und laufen? Ich habe immer gedacht, es nimmt eine gewisse Zeit in Anspruch, um dies zu können.« Ich bin beileibe überrascht. Das zeigt abermals, wie listig sie sind.
Sie legt den Finger auf ihren Lippen. »Psst … Es gibt Dinge, über die sollte man nicht sprechen. Geheimnisse gibt man nicht preis. Tarnung, Täuschung – auch du kennst das, Hoheit. Also schweige, sonst muss ich dich töten. Es bietet uns Schutz. Wir werden oft unterschätzt, da man denkt, wir sind nur im Wasser gefährlich. Dabei können wir ohne Probleme des Nachts euch die Kehle durchschneiden, wenn uns danach beliebt. Vergiss das nie, wenn du an einem Gewässer rastest. Ich offenbare mich auch nicht dir, Prinz, sondern ihr, meiner Schwester. Sie ist ein Teil von uns. Ihr steht es zu, dies zu wissen, ehe sie eine Wahl trifft.« Eine Wahl? Wovon redet sie? Meine Augen verengen sich zu Schlitzen. Sie schreitet auf Alice zu, reicht ihr die Hand. »Stehe auf, Tochter des Meeres! Ich werde dir helfen.«
»Ich …«, zögert Alice, schaut mich an. Sie traut Triel ebenso wenig wie ich. Unsicherheit blitzt in ihren Augen auf.
»Was hast du vor Triel? Was wird es uns kosten?«, verlange ich nochmals, zu erfahren. Alice steht mit zittrigen Beinen auf, ich stütze sie achtsam. Sie muss sich ausruhen, heilen. Das alles ist zu viel für ihren geschwächten Körper.
»Schweig, Elb! Dies geht nur uns Schwestern etwas an.« Sie legt den Kopf schief. In ihren nassen Haaren klimpern Muscheln, die dort eingearbeitet sind.
»Hüte deine Zunge, Nixe«, mahne ich sie, woraufhin sie erbost in meine Richtung faucht, ehe sie den Blick zu Alice richtet. Alice streicht sich ihr Haar aus dem Gesicht, während ich mich hinter sie stelle und meine Hand auf ihr Kreuz lege, damit sie weiß, dass ich da bin. Und nicht nur das, ich bin bereit, jederzeit einzuschreiten.
»Ich werde ihren Körper reinigen. Sie muss bei vollem Verstand sein, wenn sie sich für uns entscheidet«, teilt Triel mir kryptisch mit, was mir nicht gefällt, daher runzle ich Stirn provokativ.
»Keine falschen Spielchen, mein Schwert funktioniert einwandfrei«, lasse ich Triel trocken wissen, was sie mit einem Zischen und gefletschten Zähnen kommentiert. Soll mir dies Angst machen? Wenn ja, hat sie keinen Erfolg. Ihr Kopf würde schneller auf dem Grund des Meeres landen, als sie bis drei zählen kann.
»Du wagst es, Elb?«, knurrt sie aufgebracht. Das hinterfragt sie noch? Ich wäre durchaus gewillt, weitaus mehr zu riskieren, um Alice zu schützen, daher umgreife ich mein Schwertknauf herausfordernd und weiche Alice nicht von der Seite.
»Es ist okay, Crispin«, haucht Alice, strafft dabei ihre Schultern. Sie hat eine Entscheidung getroffen, die mir vermutlich nicht gefallen wird. »Meine Mutter, sie ist wie du gewesen, oder? Eine Nixe. Jedenfalls habe ich das gehört.«
Triel nickt. »Lass mich die Reste des Giftes, welches dich verwirrt, entfernen, Schwester. Danach offenbare ich dir, weshalb ich hier bin. Öffne deinen Mund.«
»Was …«, setze ich an, um etwas zu fragen, doch Triel hält die Hand hoch und verlangt offensichtlich, dass ich schweige. Sie beugt sich vor, bis ihr Mund genau vor Alice‘ Lippen verweilt.
Triel mustert sie. »Mund auf!« Zögernd kommt Alice ihrer Aufforderung nach. Triel legt ihre schlanken Hände, mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern, an ihre Wangen an und schließt die Augen. Das Meer um uns herum scheint kurz still zu stehen, ehe die Nixe tief einatmet. Alice verkrampft sich, umgreift ihren Hals, während ich sie stütze.
»Aufhören!«, fahre ich Triel an, während das Meer um uns herum zu stürmen beginnt. Mit aller Kraft stemme ich mich gegen die wilde Gischt. Triel ignoriert mich, ihr Blick ist starr auf Alice gerichtet. Blaue Tropfen treten aus ihrem Mund hervor, wie kleine Perlen schweben sie um uns herum, vermehren sich zusehend. Ein beachtlicher Wirbel, der sich mit der Gischt vermischt und einen wilden Tanz aufführt, entsteht innerhalb weniger Sekunden. Als Triel den Mund schließt, fällt alles mit einem lauten Platsch zu Boden. Das Meer spült den Rest des Zaubers fort. Mein Herz pocht eigenartig schnell. Ich wage es kaum, Alice anzusehen. Ist sie wieder ganz die Alte? Erinnert sie sich an alles? Dies würde so vieles erleichtern.
»Der Zauber ist schon fast aus ihrem Körper heraus gewesen. Die Reste sind nun vollkommen fort. Gib mir dein Schwert, Prinz!« Triel hält die Hand auf, schaut mich fordernd an.
»Niemals.« Meine Knochen knacken, so fest umklammere ich den Griff. Auch wenn ich ihr dankbar bin, lebensmüde bin ich nicht.
»Prinz?« Sie schaut finster drein. Ihre geöffnete Hand verlangt weiterhin stumm mein Schwert.
Alles in mir kämpft dagegen an. Ich kenne Triel, aber vertraue ich ihr? Nein, die Antwort ist klar. Kann ich ihr einen kurzen Moment trauen? Womöglich. Wer sagt mir, dass sie das Schwert nicht gegen uns richten wird? Anderseits, bräuchte sie es? Sie kann uns hier so oder so verrotten lassen. Ich bin im Zwiespalt. Mir ist bewusst, dass unsere Chancen gerade schlecht stehen, doch ich werde einen Ausweg finden, den finde ich immer. Ich habe schon unter schlechteren Umständen überlebt, wenn auch nur um mein eigenes Leben und nicht das meiner Gefährtin.
Alice wendet sich mir zu, legt ihre schlanke Hand zärtlich auf meine Wange. Alles in mir zieht sich vor Sehnsucht zusammen. Zu lange sind wir getrennt gewesen. »Vielleicht müssen wir ihr vertrauen, Crispin. Ich fühle mich … besser. Wirklich. Es ist, als würde sich in meinem Kopf eine große Nebelwand lichten. Stück für Stück sehe ich mehr Bilder, die sich langsam zusammensetzten. Ich sehe … dich. Uns. Ich sehe und fühle so vieles …« Sie unterbricht sich selbst, schluckt hörbar. »Sie hat recht. Der restliche Zauber verflüchtigt sich. Ich erinnere mich an unsere ersten Treffen, glasklar. Vor einer Minute ist es noch verschwommen gewesen, schemenhaft.«
All das überfordert sie emotional. Das erkenne an ihrem unglücklichen Gesichtsausdruck. Und wenn ich ehrlich bin, mich auch. Ich drücke sie an mich, schließe eine Sekunde die Augen, ehe ich mein Wort an die Nixe richte. »Ich vertraue niemanden mehr«, teile ich ihr mit, wage es, auf mein Gefühl zu hören, welches mich zur Vorsicht ermahnt. »Sprich, was du von uns willst oder verschwinde.«
Triels Lächeln ist plötzlich kalt wie Eis. Wissend blitzen ihre Augen auf. »Du bist schlauer, als gut für dich ist, Prinz. Oder soll ich sagen: König, der sich erheben möchte? Oh ja, wir sind nicht unwissend. Auch uns kommt zu Ohren, dass du eine Armee versammelst und dich von deinem Vater losgesahnt hast. Nur warum? Was planst du?« Sie schaut von mir zu Alice. »Mein Blut, ist dein Blut, Schwester. Ich kann euch retten, wenn du mein Angebot annimmst. Du bist wie ich, eine Nixe. Du solltest nicht an Land bei einem Elben leben, das ist deiner unwürdig. Lass dein Erbe erwachen, mögest du eine Tochter des Meeres werden und die Götter dir deine Flossen schenken. Lass dich nicht durch etwas wie Liebe beherrschen, denn sie macht schwach. Entscheide dich für uns, für Macht. Jedes Wesen wird vor dir erzittern. Du brauchst diesen Mann nicht.« Ich presse die Zähne aufeinander, knurre leise. Es ist richtig gewesen, ihr das verfluchte Schwert zu verweigern. Vermutlich hätte sie es mir in den Leib gerammt. Triel beachtet mich nicht. Wie kann sie es wagen? Statt unser Band zu würdigen, versucht die halbe Welt, es zu zerstören. Sehen sie nicht, welche Chance sich uns auftut? Sind sie des Wahnsinns, es so mit Füßen zu treten? Was glauben sie, wie viele Chancen die Götter uns noch gewähren? »Gibt mir deine Hand!« Triels Augen funkeln, während die Wellen immer stärker peitschen, als würde das Meer sie anfeuern. Ich bereue keine Sekunde, auf mein Gefühl gehört zu haben. Hinterlistig. Bösartig. Ich habe es geahnt. Ich hebe den Blick, mustere Triel, die raubtierhaft lächelt. »Still, Spitzohr!« Sie legt ihren Finger auf die Lippen.« Ich werde mein Blut mit meiner Schwester teilen, somit den Teil des Meeres in ihr erwecken. Niemand lehnt dieses großartige Geschenk ab. Sie hat das Recht, zu wählen, und sich gegen dich und dieses verfluchte Band zu entscheiden. Wir Nixen wollen keine Gefährten, wir wollen Macht. Es liegt uns im Blut, wir lieben die Furcht und das Töten. Liebe? Lächerliche, widerwärtige Schwäche.«
Ich schütze Alice mit meinem Körper, trete entschlossen vor. »Niemals.«
»Nur so werde ich auch dich retten. Lass sie gehen, kehre in dein altes Leben zurück und gib mir, was uns gehört. Sie gehört zu meinem Volk, du zu deinem.«
»Sie gehört zu mir«, fauche ich.
Triel richtet ihren Blick auf Alice. »Das Wasser erkennt dich als seine Tochter an. Jede Nixe muss von einer anderen gesegnet werden, um in die Schwesternschaft aufgenommen zu werden. Du wirst dein Blut mit meinem vereinen. Unter Wasser wirst du nie wieder Angst haben müssen, zu ertrinken. Du wirst ewig leben, mächtig und stark sein. Allerdings ist die Entscheidung endgültig. Wählst du uns und deine Flosse, ist es dir untersagt, weiter an Land zu leben. Es ist dir auch untersagt, dich mit ihm abzugeben. Wir sind dann dein Leben. Du bist somit ein Teil von etwas Größerem. Wähle uns und verlasse dieses Spitzohr, der ohnehin unter deiner Würde ist.«
Plötzlich dämmert es in meinem Kopf. »Ihr Nixen wollt euch einen Trumpf sichern! Meine Gefährtin in euren Reihen würde euch mehr Sicherheit verschaffen als jedes Bündnis, welches ihr aushandeln könntet. Jade weiß, dass ich Alice nicht verletzen würde, es nie könnte.« Ich lache hart auf. Sie halten sich für so clever. Triel zischt erbost. Ich habe sie durchschaut. Es geht ihr nicht um Alice, nein, sie wollen einzig Schutz. Alice wirkt leicht panisch, gar verwirrt. Sie hat Angst vor den Konsequenzen dieses Erbes. Sie ist wie erstarrt, bringt kein Ton hervor, dabei sehe ich, wie es in ihr arbeitet.
»Es obliegt ihr alleine, ob sie sich uns anschließt, oder sich von uns abwendet. Lasst es mich so sagen: Die meisten von uns wählen weise oder sterben. Was soll sie an Land, an der Seite eines Prinzen ohne Heimat, wo sie eins der gefürchtetsten Wesen der Meere werden könnte und das mit mehr Liebhabern, als sie zählen kann?«
»Wage es nicht, uns zu drohen!«
»Ich will das nicht.« Alice unterbricht uns und wir beide schauen sie überrascht an.
»Sei nicht töricht, Mischling. Niemand von uns paart sich mit anderen Rassen. Schon gar nicht mit dem Ziel, ein Kind zu zeugen. Deine Mutter ist naiv und einfältig gewesen, geblendet durch dieses Geschwätz eines Gefährten. Du bist nur zur Hälfte eine Nixe. Statt dich zu töten, bieten wir dir Macht. Es ist eine Ehre, dass wir dir dieses Angebot unterbreiten. Hingegen eine Schandtat, sich mit einem Alb fortzupflanzen, denn es verwässert unser Erbe. Doch bist du hier, an der Seite eines Spitzohres, verwässerst unser Erbe noch mehr. Wir bleiben stets unter unseresgleichen. Wir wollen keine Gefährten. Sie sind hinderlich und schwächen uns. Es ist gut, dass dieses Band ausgelöscht worden ist. Wir verabscheuen Schwäche. Wir verabscheuen Gefährten. Unsere Männer sind uns unterlegen. Findet einer von uns einen Gefährten, so zögern wir nicht, ihn zu töten, mit Freude. Ich würde ihm die Kehle ausreißen und verspeisen.«
»Nun, das klingt … nicht besonders romantisch.« Alice rückt noch näher an mich heran. Ihr Zittern beschert selbst mir eine Gänsehaut. Besitzergreifend lege ich meine Hand auf ihren Bauch, spüre ihren nassen Körper an meiner nackten Brust. Sie wirkt entschlossen und strafft die Schultern.
Triel lacht auf. Offenbar amüsiert es sie. »Glaube mir, Wesen, die willig sind und sich mit uns vergnügen, an denen mangelt es uns nicht. Solltest du dich entscheiden, bei uns zu bleiben, wirst du es sehen. Du wirst viele fügsame Opfer finden, die sich dir bedingungslos hingeben. Du wirst frei wählen können. Horche in dich hinein. Spürst du die Sehnsucht nach Macht?«
Ich versteife mich augenblicklich. Alleine der Gedanke, dass jemand Hand an Alice legen könnte, lässt mich rotsehen. »Einen Trollmist wird sie, das weißt du, Triel. Sie ist nicht wie du, seelenlos. Hiermit darfst du unser Bündnis als beendet ansehen. Wie kannst du es wagen, mich so hintergehen zu wollen? Soll Castiell euch doch ausrotten, um keine von euch wäre es schade.« Ich spucke vor ihr auf die Erde.
Alice legt ihre Hand auf meine, dreht sich um und schaut zu mir auf. Ihr Blick ist fest, zielbewusst. Sie nickt mir zu, lächelt schwach. »Ich weiß, wer und was ich bin, Crispin, und wo mein Platz ist. Ich sehe so klar, wie lange nicht mehr. Vielleicht verstehe ich zum ersten Mal wirklich, was wir sind und was uns verbindet. Womöglich bin ich anfangs wie du gewesen, habe es nicht glauben wollen oder können, doch jetzt weiß ich es. Sie könnte nichts sagen, was meine Meinung oder Gefühle zu dir beeinflussen oder ändern würde.« Sanft legt sie ihre Hand auf meine Wange, mein Kiefer mahlt angespannt. »Es tut mir so leid, dass du wegen mir leiden musst. Verzeih mir! Ich habe dir so wehgetan … Verflucht, ich habe dich sogar umbringen wollen. Ehrlich, ich erinnere mich an die Wut, die ich auf dich gehabt habe, doch trotz allem bist du gekommen und hast mich gefunden. Du bist alles, was ich will. Ich würde immer wieder dich wählen.« Ehe ich antworten kann, oder meine Sprache wiederfinde, richtet sie ihr Wort an Triel. »Ich habe meine Entscheidung bereits getroffen, meine Bestimmung ist Crispin. Ich wähle ihn. Jetzt, morgen und für alle Zeit. Immer. Dein Angebot beschämt mich, wo du unsere Geschichte zu kennen scheinst. Deine Überheblichkeit widert mich an. Ich weise dein Geschenk dankend zurück. Wenn ich so ein Leben wollen würde, hätte ich auch bei den Alben bleiben können. Du ahnst nicht, was dir entgeht, indem du dich gegen einen Gefährten wehrst.«
»Willst du mich beleidigen? Ich würde ihn auf der Stelle töten, wenn ich ihn finde«, zischt Triel aufgebracht. Ihre Augen funkeln voller Zorn. Sie kann offenbar nicht glauben, dass Alice mich statt ihrer wählt.
Ich hingegen atme erleichtert auf. Alice‘ Worte haben etwas in mir gelöst. Eine Last fällt mir von den Schultern, zentnerschwer. Ein kleiner Teil von mir hat die Furcht verspürt, sie könnte sich von mir abwenden, und nach allem, was sie an meiner Seite erlebt hat, einen anderen Weg einschlagen. Ich hätte es ihr nicht verdenken können. Der egoistische Teil in mir hätte nie aufgehört, um sie zu kämpfen. Zum ersten Mal hat sie sich vollends zu mir bekannt, zu unserer Verbindung. Das macht mit meinem Herz ganz verrückte Dinge … Es pocht wild und die animalische Seite in mir möchte sie an mich reißen und in die Welt hinausschreien, dass sie nur mir gehört. Alice stellt sich auf die Zehenspitzen, unsere Lippen treffen sich. Es fühlt sich an, als würde auch ich nach Hause kommen. Endlich. Oh, bei den Göttern, sie hat mir so sehr gefehlt. Sie hat mir nie geglaubt, dass diese Verbindung besteht, doch jetzt, nach all dem, begreift sie es, obwohl ich mir gewünscht hätte, dass sie dafür nicht solche Qualen erleben muss.
In mir pulsiert unsere Verbindung vor wilder Freude. Alice‘ warmen Lippen auf den meinen, weich und unnachgiebig. Ich weiß, dass sie nicht lügt, sie wieder die ist, die ich an diesem furchtbaren Tag, an dem man sie entführt hat, verlassen habe. Fegoria ist nicht sanft, das weiß ich. Fegoria ist eine Welt, in der nur die Stärksten überleben. Dies hat mich bisher nie gestört, da ich mich zu den Stärkeren zähle. Genau das ist der Punkt: Ich bin robust und werde mein Glück selbst suchen. Meine Gegner sollen sich fürchten, denn ab sofort wird mich nichts mehr aufhalten, mein Schicksal zu erfüllen – mit Alice an meiner Seite.
Jetzt verstehe ich, was das Rankenwesen damit gemeint hat, dass dies meine Mission wäre, Alice alleine zu befreien. Es ist meine Aufgabe, mein Test, mich würdig zu erweisen. Würdig, sie zu lieben, und qualifiziert, für all das zu kämpfen, was wir anstreben. Ich bin daran gewachsen und sehe vieles klarer als zuvor. Ich betrachte die Alben durch die Begegnung mit Elil vollkommen anders. Alice behält ebenfalls recht, ich habe das Ganze zu schwarz-weiß gesehen. Albe sind für mich mein Geburtsfeind. Zuvor habe ich nie mit einem gesprochen oder ihnen die Chance gegeben, sich mir zu erklären. Nicht, dass sie es gewollt hätten, doch mit Alice‘ Ankunft scheint ein Stein ins Rollen gebracht worden zu sein, der nicht mehr zu bremsen ist. Fegoria ist im Wandel. Mir ist eingetrichtert worden, dass Albe von Grund auf verdorben und böse sind, jenes habe ich geglaubt. Wie oft ist mir dieses Bild auf den Schlachtfeldern bestätigt worden … Es gibt nicht nur schwarz und weiß, auch Grautöne, wie Alice so schön sagt. Diese habe ich gesehen und verstehe ihre Denkweise nun. Ich habe meinen Stolz herunterschlucken, Hilfe annehmen und mein Wissen erweitern, meine Persönlichkeit entfalten und mich finden müssen. Der Mann, der ich sein will, nicht der, den mein Vater geformt hat. Ich denke, ich habe jetzt ein Bild davon, wer ich bin und wer ich sein möchte, nicht wer ich sein muss. Ja, ich bin der König, widerwillig, aber ich werde meinen Platz akzeptieren, weil es mein Schicksal ist. Fegoria hat eine Zeit des Friedens verdient. Alice hat ebenfalls eine weitreichende Entscheidung getroffen und das Erbe ihrer Mutter abgelehnt. Nun müssen wir in die Zukunft blicken, die die Götter für uns vorhergesehen haben – gemeinsam.
Alice
Ich möchte nie aufhören, Crispin zu küssen. Niemals wieder. Gefühle drohen, mich zu überwältigen, und es fühlt sich an wie eine Erlösung. Sein Duft umfängt mich, er riecht nach Wald, gemischt mit rauer See und nach … ihm, nach Crispin, nach Heimat.
Wie habe ich jemals an ihm zweifeln können? Allein die Erinnerung an die Wut, die ich verspürt habe, als wir gekämpft haben, und der Wille, ihn zu verletzen … Ich schäme mich so fürchterlich, aber ich schwöre, ich werde es gutmachen. Ich möchte mich am liebsten tausendmal entschuldigen. Meine Hände liegen auf seiner warmen Brust, unter der sein Herz kräftig schlägt. Der Blick aus seinen eindringlichen Augen ist forschend und liebevoll, sein oft so störrischer Mund zu einem leichten Lächeln verzogen.
Triel muss verrückt sein, wenn sie denkt, ich würde dies aufgeben. Sie ahnt nicht mal, wie sich ein Gefährte anfühlt, sonst würde sie nicht so reden. Dieses Empfinden ist mit nichts vergleichbar, was ich bisher erlebt habe. Unmöglich. Crispin aufzugeben, würde bedeuten, dass ich einen Teil von mir selbst vernichte. Nein, hier gehöre ich hin, zu diesem Mann, und ab jetzt werde ich nicht mehr zurückbleiben oder warten. Nein, ich werde kämpfen und noch härter als zuvor trainieren!
»Schade, sehr schade. Ein Versuch ist es wert gewesen. Was bietet ihr mir stattdessen für eure Rettung an?« Triel wirkt ungeduldig, noch immer zornig. Sie ist nicht bereit, aufzugeben. Crispin hingegen lächelt in unseren Kuss hinein. Er scheint zufrieden zu sein.
»Kleiner Schmetterling, das hat mir gefehlt. Nichts gegen dein kriegerisches Geschick, aber so ist es mir lieber«, flüstert er leise, nur für mich hörbar. Wir lösen uns widerwillig voneinander. Triel macht einen Kopfsprung ins Wasser, taucht sogleich mit peitschender Flosse wieder auf und spritzt uns mit voller Absicht nass. Nun gut, damit kann ich leben. »Was? Sollen wir auf dir reiten?«, provoziert Crispin, was sie erbost zischen lässt.
»Bin ich ein Delfin? Wage es nicht, so respektlos mit mir zu reden, Prinz. Sonst werde ich dich ertränken, sobald sich mir die Chance bietet. Du treibst es bis an meine Grenzen, verfluchter Elb. Das schwöre ich bei den Göttern. Du überspannst den Bogen deutlich. Dass eine von uns lieber dich wählt als uns, grenzt an einen Frevel. Ich weiß nicht, wie Jade dies aufnehmen wird. Sie wählt dich, ein lumpiger Elb, statt uns! Für jeden anderen Mischling wäre dies das Todesurteil.«
»Oh, da ist jemand empfindlich. Man kann nicht immer gewinnen, Triel. Was kostet unsere Rettung? Sprich!« Crispin scheut nicht davor, sie weiter zu reizen. Ihre Drohung übergeht er, denn Triel würde es nicht wagen, mich in seiner Gegenwart anzugreifen. Egal, was sie sagt, sie kennt seinen Ruf. Jeder kennt ihn.
»Ich bringe euch einzeln. Erst Alice, dann …«, erklärt sie, doch mein Gefährte tritt vor, schiebt mich besitzergreifend hinter sich, strafft seine breiten Schultern.
»Niemals! Nicht in tausend Jahren lasse ich Alice allein mit dir gehen. Für wie närrisch hältst du mich? Einen Fehler macht man einmal, in meinem Fall ein zweites Mal, so töricht wie ich gewesen bin. Aber nein, kein drittes Mal. Es kostet mich stets tausende Jahre meines unsterblichen Lebens und wahrscheinlich werde ich sogar der erste Elb mit grauen Haaren sein. Wir werden uns nicht trennen. Dir traue ich nicht. Ich sehe nicht mal mehr unser Bündnis als solches an. Ihr habt mich betrügen wollen. Hinterhältiges Pack! Du drohst Alice und jetzt soll ich sie mit dir gehen lassen? Für wie dümmlich hältst du mich, Nixe?«
»Also, wenn ich ehrlich bin, stimme ich ihm ausnahmsweise zu. Das endet meist böse für mich, insofern ich mich von ihm trenne. Und … ich vertraue hier niemanden mehr außer ihm. Anscheinend haben sämtliche Völker komische Pläne mit mir, davon habe ich die Nase gestrichen voll. Wir gehen zusammen, oder du kannst ohne uns gehen. Wir finden einen Ausweg, den finden wir immer. Wir brauchen dich nicht.« Die Worte klingen mutiger, als ich mich fühle. Innerliche zittere ich wie Espenlaub. Er blickt mich verwundert an, doch ich schenke ihm ein Lächeln. »Was?« Bei diesem entgeisterten Blick steigt ein gurgelndes Kichern in mir auf.
»Du stimmst mir zu? Oh Gott, du bist du falsche Albin oder es passieren tatsächlich noch Wunder!«
»Oje, seid ihr immer so anstrengend?« Triel spritzt uns abermals nass. Sie wirkt mehr als ungeduldig. Vermutlich würde sie uns lieber fressen, als weiter zu verhandeln.
»Verliebte Wesen sind mir ein Graus. Es macht sie schwächlich, widerlich weich. Prinz, bei unserem ersten Treffen hast du mir besser gefallen. So rau und hart, unnachgiebig mit einem Hauch Verzweiflung. Das ist männlich gewesen, aber jetzt …«
Was bildet dieses Fischfilet sich eigentlich ein? »Wie gut, dass es nicht deine Sorge sein muss, wie erotisch mein Gefährte ist, denn du wirst nie das Vergnügen haben, ihn zu erforschen«, zische ich durchaus erbost.
»Man sollte den Tag nie vor dem Abend loben, Mischlingsverräterin.« Sie spielt mit mir, das wird mir umgehend klar. Und leider hat sie einen Punkt getroffen, auf den ich allergisch reagiere.
»Crispin steht nicht auf garstige Fischstäbchen.« Crispin hustet in seine Hand, doch seine Schultern zucken dabei verdächtig. Er amüsiert sich königlich, dieser Blödmann. Er mag es, wenn ich mich aufrege.
»Fischstäbchen? Hat sie mich gerade beleidigt, das Albenbastardkind auf den dünnen Beinchen?« Triel leckt sich die Zähne. »Sei froh, dass ich noch nicht beschlossen habe, dich zu töten. Ich könnte dich mit den Zähnen zerfleischen und ausweiden.«
»Willst du deinen Dreizack holen? Ich habe echt keinen Bock mehr darauf, dass mir ständig jeder sagt, was besser für mich ist und meint, mir drohen zu können. Verschwinde, wir brauchen deine Hilfe nicht. Auch wenn du denkst, dass du gefährlich bist, unterschätze mich nicht. Du wartest hier vergebens darauf, dass ich einwillige.« Wut brodelt in mir hoch. Ich habe genug von all dem. Dieser Welt werde ich ab jetzt meine Krallen zeigen.
»Es ist deine letzte Chance. Man lehnt dieses Angebot nicht achtlos ab. Diese Chance bietet sich dir nie wieder.«
Mein Blick huscht zum Strand und auch Crispin bemerkt, dass sich dort Albe sammeln, die uns suchen. Noch sind sie nicht auf die Idee gekommen, dass wir auf dem Meer verweilen. Die raue See und die Felsen bieten uns Schutz, zumindest für eine kurze Weile, denn die ersten Drachen steigen bereits in die Luft. Es ist nur eine Frage der Zeit, ehe sie uns finden. Crispin und ich wechseln einen eindringlichen Blick. Wir kommunizieren wortlos. Ich könnte, will ich sagen, doch er schüttelt den Kopf. Wir finden einen anderen Weg. Unsere stille Kommunikation dauert nur wenige Sekunden, aber die Entscheidung ist gefallen. Ich verlasse mich darauf, dass Crispin die Lage besser beurteilen kann als ich, denn ich habe mächtig Schiss, wenn ich ehrlich bin. Der Gedanke, Grimm wiederzusehen, ist furchteinflößend.
Triel setzt ein Muschelhorn an ihre Lippen und hält es unter Wasser. Kurze Zeit später taucht eine weitere Nixe neben ihr auf, ihre roten Augen mustern uns unmissverständlich, während ihr blaues langes Haar im Wasser hinter ihr treibt. Sie legt den Kopf schief, entblößt ihre Zähne. »Wir könnten dich einfach zwingen, das weißt du, oder?«, lächelt Triel.
»Versucht es nur.« Crispin hebt sein Schwert und schwingt es locker im Handgelenk. »Ich kann es kaum erwarten. Ich glaube, es wäre mir sogar eine Freude, dir den Kopf sauber von den Schultern zu schlagen.« Bewundernd schaue ihn an. Wie kann er so furchtlos sein? »Sieh zu und lerne, kleiner Schmetterling«, neckt er mich leise, kassiert dafür einen festen Boxer gegen seinen Oberarm. Er zuckt nicht mal mit der Wimper.
»Dein Ego ist ohnehin schon so riesig, da muss ich es nicht noch fördern.« Meine Antwort lässt ihn heiser auflachen. Ich weiß nicht, was ihn gerade so munter macht. Ist es die Nahtoderfahrung? Er ist nicht bereit, aufzugeben. Jemand hat einst gesagt, unsere größte Schwäche liegt genau darin, im Aufgeben.
Ohne die Nixen aus den Augen zu lassen, greift er meine Hand und zieht sie an seine Lippen. »Wir werden Schwimmen.« Er küsst jeden meiner Fingerknöchel, was meine Beine zittern lässt. Hitze schießt durch meine Adern. Ich weiß, dass sein Plan verrückt ist, aber nicke dennoch. Seine Miene wird wie auf Knopfdruck wieder hart, er blickt auf. Über uns vernehmen wir Flügelschläge, laut und kräftig, und ein schwarzer Schatten kommt schnell auf uns zugerast. Es fühlt sich an wie eine kalte Dusche. Wir haben zu lange gewartet – Grimm kommt uns holen. Crispin stößt mich zu Boden, bedeckt meinen Körper mit seinem, während die Nixen abtauchen, um dem Drachen zu entkommen, der sich auf uns stürzt. Panik breitet sich in mir aus. Das ist nicht fair. Warum?
Crispin
Ich versuche, Alice mit meinem Körper abzuschirmen, und drehe mich mit erhobenem Schwert um. Bereit, mit Blut um unser Leben zu kämpfen und Grimm die Stirn zu bieten. »Lust auf einen schnellen Ritt?« Elil sitzt in voller Kampfmontur auf diesem Ungetüm von Drachen und ich halte perplex inne. Mit diesem Anblick habe ich bei den Göttern nicht gerechnet – und bei seinem Angebot dreht sich mir der Magen um. Drachenreiten? Es gibt in meinen Augen kaum etwas Schlimmeres, mit dem man mir Qualen zufügen könnte. Allerdings werde ich diese Schwäche niemals preisgeben und ich kann nicht leugnen, auch einen Anflug von Erleichterung, dass er hier ist, zu verspüren. Diese Wendung ist überraschend und positiv. Die Götter scheinen uns heute wohlgesonnen, was wirklich langsam Zeit wird.
»Dass ich jenes mal sage … Aber ich bin froh, dich zu sehen«, bringe ich feixend hervor, woraufhin sich seine Mundwinkel zu einem verschmitzten Lächeln verziehen. Alles an diesem Bild ist widersprüchlich: Ein todbringender Alb, der mich anlächelt und mir seine helle Hand reicht wie ein Freund.
»Du hast eine Schwäche für mich, oder?« Ich winke ab.
»Ja, genau so groß wie meine Schwäche für Trolldung.«
»Nicht sehr höflich seinem Retter gegenüber, Prinz.«
Alice erhebt sich ebenfalls. Sie mustert den Alben vor uns, der uns die Hand immer noch entgegenhält. Plötzlich zögert er, zieht sie an seine Brust, ehe er mich anschaut.
»Wird sie mich umbringen? Dann warne mich vor, mein Elbenfreund.«
»Nein, sie hat ihre Erinnerungen wiedererlangt.«
»Wenn das so ist, kommt! Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie hier sind und euch suchen. Meine Männer lenken sie ab, so lange es geht. Sie wissen bereits, dass ihr Hilfe gehabt habt. Castiell und Grimm sind außer sich vor Wut. Sie suchen die Verräter. Also genau genommen mich. Dass ihr Kommandant derjenige ist … Nun, das ziehen sie wohl kaum in Erwägung. Glück für uns. Vorerst. Bald wird bei ihnen der Edelstein fallen und sie werden eins und eins zusammenzählen. Wenn dies geschieht, wäre ich gern fort.« Seine Zähne blitzen auf.
Ein weiterer Drache erscheint über uns, er ist feuerrot. Seine Schuppen glänzen im Licht der Sonne. Alliaria klammert sich in voller Kampfausrüstung an Lioma. Beide wirken entschlossen. »Wir müssen los, sie kommen. Was dauert das so lange?«, zischt sie. Alice macht einen Schritt auf den Drachen zu, ergreift die ihr dargebotene Hand. Ich lege meine Hände an ihre Hüfte und hebe sie an. Mit Schwung landet sie auf dem Rücken des Drachen und grinst wie ein kleiner Elbling. Diese Freude kann ich nicht teilen, gewiss nicht, doch trage ich mein Schicksal mit Fassung, wie es sich gehört. Ich drücke meine Hand unauffällig auf meinen jetzt schon gluckernden Magen, stecke das Schwert weg.
»Dass ich das nochmal mache …«, murmle ich, ehe ich Elils Hand ebenfalls ergreife und mich auf diesen verfluchten Drachen hieve, hinter Alice Platz nehme. Sofort grummelt es gefährlich in mir. Mein Körper scheint an mir zu zweifeln. Elben sind nicht zum Fliegen bestimmt, definitiv nicht.
»Haltet euch fest, das wird kein schöner Flug«, teilt der verfluchte Alb mir mit, steigt sofort senkrecht in die Höhe. Mein Magen bleibt irgendwo unter uns, mir wird unsagbar übel und ich beiße die Zähne so kräftig aufeinander, dass mein verdammter Kiefer knackt. Dennoch behalte ich die Haltung und drücke mich an Alice, um sie zu sichern. Ich kann und werde diese Schwäche nicht preisgeben. Niemals! Vorher beiße ich mir die Zähne aus.
Was macht Alice? Sie lacht aus vollem Hals und freut sich viel zu sehr über diese fürchterliche Art, sich fortzubewegen. Bei den Göttern, womit habe ich das verdient? »Als wäre ich ein Vogel«, ruft sie gegen den Wind, doch ich kann diese Begeisterung weder teilen noch verstehen. Ich bete still zu den Erschaffern, dass wir es bald überstanden haben.
»Dein kleiner Elbenprinz sieht das sicher anders, er ist nicht für so etwas gemacht. Das sind nur echte Albe. Er hat sich nach unserem ersten Flug wie eine kleine Lady hinter den Büschen erbrochen. Sehr amüsant. Ich wünschte, seine Männer hätten dies gesehen. Der legendäre Prinz der Elben, der sich nach einem kleinen Flug erbricht.«
»Das hast du ihr jetzt unbedingt erzählen müssen, oder?«, knurre ich, woraufhin er gegen den Wind lacht. Das wird er mir für alle Ewigkeiten vorhalten. Zum ersten Mal, seit ich denken kann, werde ich rot bis an die Ohrenspitze. Es ist mir mehr als unangenehm, dass er Alice diese Schwäche offenbart. Vor allem, dass jemand mich in solch einem schwachen Moment gesehen hat, dann auch noch ein Alb. Schlimmer geht es kaum. Alice drückt tröstend meine Hand. Ich unterdrücke ein Knurren, will kein Mitleid. Das ist … Nein!
»Haltet euch fest!« Wir machen eine scharfe Drehung, weichen Bäumen aus und fliegen tiefer, um unentdeckt zu bleiben. Äste schlagen gegen meine Beine, schrammen an uns entlang und ich versuche, Alice mit meinem Körper abzuschirmen. Nicht viel später brechen wir aus dem Dickicht, steigen weit hinauf in den Himmel, bis die Wolken unter uns verweilen. Sonnenlicht blendet mich und ich kneife die Augen zusammen. »Castiell hat uns ausgeschickt, euch zu finden«, teilt Elil uns mit und zeigt neben sich. Dort gleiten mindestens dreißig weitere Drachen neben uns her, wie ich überrascht und leicht besorgt feststelle. »Das sind meine Männer, sie sind mir treu ergeben. Die anderen Trupps suchen in der anderen Richtung. Ich habe sie aufgeteilt. Sie werden niemals auf die Idee kommen, dass ihr mit uns fliegt oder wir euch zur Flucht verhelfen. Als erster Kommandant ist es schwer, dies mit meinem Stolz zu vereinbaren, denn ich fühle mich wie ein Verräter. Allerdings handle ich nur im Sinne meines Volkes und das Wissen hilft mir.«
»Wie sieht dein Plan aus?«, hinterfrage ich.
»Wir können euch nicht bis ans Ende bringen, so leid es mir tut. Es ist zu riskant. Wir können sie kurz täuschen, doch jede Minute zählt. Während wir auf der Suche nach euch sind, führt ein weiterer Teil von uns alle aus dem Schloss, die sich uns anschließen wollen – jene, denen ich vertraue, die sich gegen Castiell stellen. Ich werde sie mit deiner Karte führen und auf dein Wort setzen, dass wir willkommen sein werden. Dieser Plan klingt immer noch so verrückt in meinen Ohren, aber hätte mir jemand gesagt, dass Crispin, der Kronprinz der Elben, mit mir auf einem Drachen reiten wird, hätte es nicht weniger verrückt geklungen.«
Ich denke fieberhaft nach. Den Zeitpunkt für den Treffpunkt mit Cian und Noam haben wir um Längen verpasst. Sie haben uns gestern erwartet. Wo werden sie langkommen? Ich überlege eifrig und versuche herauszufinden, wo wir sind. Allerdings habe ich keinen blassen Schimmer und frage mich, wie Elil mit einem Drachen navigieren kann. Ich bewundere ihn dafür, wenn ich ehrlich bin, denn unter uns sehe ich nichts als Wolken, weiche und dicke Wolken.
»Elil, danke, dass du uns hilfst.« Alice richtet ihr Wort an ihren Cousin.
»Für ein besseres Leben«, erwidert er nur, ehe sich der Drache um sich selbst dreht. Bei den Göttern, ich schwöre, er macht dies mit Absicht, um mich zu quälen. Hätte ich heute etwas gegessen, so wäre es jetzt auf dem Weg, talwärts.
Alliaria taucht neben uns auf. »Fangt!« Sie wirft einen Sack zu uns herüber, den ich geschickt auffange, und zwischen uns platziere. »Neue Kleidung und Vorräte.« Ich nicke ihr dankend zu. Sie lächelt und wirkt nicht mehr wie die Zofe, die ich kennengelernt habe. Ihr Haar ist streng nach hinten zu einem hohen Zopf gebunden, betont ihre scharfen Gesichtszüge und verleiht ihr etwas Kriegerisches, was mir zuvor entgangen ist. Ihre Rüstung gleicht der, die Alice auf dem Fest der Albe getragen hat, sie glänzt im Licht der Sonne. Stolz und erhaben schaut sie zu uns rüber. Sie ähnelt Alice mehr, als ich angenommen habe.
»Bringt uns an den Rand der Gebirge! Von dort aus finde ich den Weg und wir werden alsbald auf meinen Bruder treffen … Ich kenne seine Route. Ich habe die Karten genau studiert und mir den Weg eingeprägt. Ich überlasse nichts dem Zufall. Dein Überleben kann davon abhängen, einen zweiten Plan in der Hinterhand zu haben.«
»So sei es«, ruft Elil, gibt seinen Drachenreitern mit Handzeichen Befehle, ehe er sich im mörderischen Tempo wieder auf den Weg macht und die Wolken an uns vorbeiziehen. Es fühlt sich komisch an, mit einer Armee Albe zu fliegen. Alles in mir ist auf Obacht, auch wenn Elil es geschafft hat, mein Vertrauen zu gewinnen. Er hat sich bewiesen.
Der Flug verläuft äußerst turbulent. Als wir nach viel zu langer Zeit endlich landen, geben meine Knie fast nach, so zittrig sind sie. Nur mit Mühe und Not gelingt es mir, stehen zu bleiben, was dieser verfluchte Alb mit einem Feixen quittiert. Kalter Schweiß sitzt mir im Nacken und ich atme einige Male tief ein, um die Übelkeit zu überwinden, während Alice leichtfüßig neben mir landet. Sie schaut mich fragend an, ehe sie leicht schmunzelt. Die anderen Drachenreiter schweben weiter über unseren Köpfen. Es ist ein sonderliches Gefühl, dass sie uns schützen, nicht, dass sie uns angreifen wollen. In meinem Kopf ist dieses Wissen jedoch erst halb angekommen.
»Es tut mir leid, dass ich euch nicht weiter begleiten kann. Hier solltet ihr auf deinen Bruder treffen – in ein, zwei Tagen, wenn deine Route stimmt.« Ich nicke ihm ernst zu. Sie stimmt, das weiß ich. »Wir sehen uns an einem besseren Ort, mein Freund. So die Götter wollen, werden wir Seite an Seite kämpfen.« Freund … Die Worte schmecken komisch in meinem Mund, aber er hat recht.
»So sei es, Freund. Mögen wir uns wiedersehen. Wir treffen uns im Wüstenhain. Pass auf dich auf«, erwidere ich und meine jedes Wort genau so, wie ich es sage.
»Dein Prinz sorgt sich um mich, Alice. Niedlich, oder?« Alice schnaubt belustigt, nimmt ihren Cousin in den Arm, was ihn kurz erstarren lässt. Wir ähneln uns sehr, anscheinend ist er diese körperliche Nähe ebenso wenig gewöhnt wie wir.
»Ich frage mich wirklich, was ich alles verpasst habe.«
»Das willst du nicht wissen«, murre ich. Elil nickt uns noch einmal zu, steigt dann hinauf in den Himmel und ist alsbald nur noch ein Fleck am Horizont. Mit ihm verschwinden auch die anderen Drachen, nur wir bleiben zurück. Diese Rettung ist denkbar unerwartet gekommen. Ich ziehe Alice an meine Brust, drücke meine Lippen auf ihre warme Stirn, mein Mund streift ihren, ehe ich ihren ungeschützten Hals küsse. Ich gönne mir diese Sekunde und genieße das Gefühl, dass wir zusammen und, bis auf ein paar Kratzer, wohlauf sind. Sie schlingt die Arme um meinen Rumpf, was ich mit einer Umarmung erwidere. Ihr weicher Körper schmiegt sich an mich, sorgt dafür, dass die Besorgnis in mir abnimmt. Wir halten uns einige Sekunden nur fest. Wir haben es geschafft. Zwar sind wir noch nicht in Sicherheit, doch unsere Sterne stehen besser als heute Morgen. Darauf kann ich aufbauen. »Küss mich.« Es ist keine Bitte, sondern ein Befehl, den ich an Alice richte. Ich brauche sie wie die Luft zum Atmen. So sehr, dass es mich schmerzt. Sie ist hier, bei mir. Wir sind zusammen und leben. Diesmal hat es nicht so rosig ausgesehen wie sonst. Es hat durchaus schon solch brenzligen Situationen in meinem Leben gegeben, aber keine hat diese Furcht in mir ausgelöst wie jene, die Alice betrifft.
»Nur zu gern«, flüstert sie, woraufhin ihre Finger über meinen Nacken gleiten, sich in meinen Haaren, die ganz hart vom Salz sind, vergraben. Ich freue mich auf ein Bad und saubere Kleider. »Wir beide geben ein schönes Paar ab, oder? Dreckig bis zur Nasenspitze.« Sie lächelt mich an. Ein Glucksen bahnt sich den Weg aus meiner Brust. Es fühlt sich fremd an … So lange habe ich nicht mehr gelacht.
»Da vorne gibt es einen Bach. Ich habe ihn von diesem Ungetüm aus erblickt. Vielleicht sollten wir uns waschen und umziehen. So sehr ich dich liebe, aber du hast recht. Du müffelst, meine Liebste. Dann sehen wir weiter. Es wird bald Nacht werden. Wir müssen einen Schlafplatz finden. Ich kenne diese Gegend nicht oder was hier nachts umherstreift. Aktuell möchte ich das auch gar nicht.«
»Als ob du nach Rosen duften würdest«, neckt sie mich, als wir uns Hand in Hand einen Weg durch das Unterholz bahnen.
»Oh, was würde ich für eine Haarkur geben«, stöhnt sie, doch ich habe keine Ahnung, was eine Haarkur ist, oder wie ich sie ihr beschaffen kann. Ich spüre jeden Schritt in meinen Knochen und ahne, dass es Alice nicht anders geht, doch keiner von uns beschwert sich. So sanft wie möglich, hebe ich sie über einen umgefallenen Baum. Sie verzieht kurz ihr Gesicht. Ihr Rücken muss furchtbar schmerzen, aber er heilt. Immer wieder werfe ich verstohlene Blicke darauf. Auch bemerke ich ihre Blicke, als sie mein leichtes Hinken wahrnimmt. Diese Chimäre hat ganze Arbeit geleistet. Mein Bein benötigt dringend eine Pause, um zu regenerieren. Wir finden den Bach, entledigen uns unserer Kleidung und baden im eiskalten Wasser. Ich lasse die Umgebung nicht aus den Augen, auch wenn alles friedlich wirkt. Oh, was freue ich mich auf Zeiten, wo ich nicht hinter jedem Baum eine Gefahr vermuten muss. Ich liebe es sonst, unter freiem Himmel zu nächtigen und die Sterne zu betrachten.
Alice spritzt mich nass. Ich komme nicht drum herum, ihren bezaubernden Körper zu mustern. Mein eigener Körper reagiert mit Begierde auf den Anblick meiner Gefährtin, wie sie mit dem nackten Rücken zu mir im Wasser steht und sich nun weiter fröstelnd wäscht. Vorsichtig trete ich hinter sie, tupfe ihr sanft das Blut und den Schmutz vom ramponierten Körper ab, ehe ich meine Lippen auf ihre Schulter drücke. Sie ist so tapfer. Mein wunderschöner Schmetterling. Stark und schön. Meine. Sie ist übersät von Blutergüssen und Schürfwunden, ebenso wie ich. Am schlimmsten aber ist ihr Rücken, auch wenn die Heilung schon gut vorangeschritten ist. Der lange Schnitt hat sich geschlossen, Schorf und Narbengewebe bildet sich langsam. Bald wird nur noch eine Narbe zurückbleiben und mich daran erinnern, wie schnell das Leben ausgehaucht sein kann. Meine Hände streichen sachte ihre Seite hinab und sie erzittert unter meinen Berührungen. Himmel, ich bin den Göttern so dankbar, dass wir wieder zusammen sind. Das Wissen, dass sie mich liebt, nach all dem, ist schier unglaublich. Ich drehe sie zu mir um, fahre mit dem Mund ihren Hals entlang, beiße spielerisch hinein und trotz unserer Blessuren stöhnt sie genüsslich auf. Diese Nähe zu ihr macht mich gerade völlig fertig. Gefühle strömen auf mich ein. Erleichterung, Wut, Angst, Liebe. Mein momentanes größtes Problem? Verlangen. Ich möchte sie all das Schlechte vergessen lassen und neue, schöne Erinnerungen erschaffen. »Soll ich aufhören?«, frage ich mit rauer Stimme. Mein Daumen fährt vorsichtig über ihre weiche Haut. Sie schmiegt ihren Körper an mich, das kalte Wasser ist längst in Vergessenheit geraten. Flammen schießen durch mich hindurch. Es lodert heiß in meinen Adern.
»Dann müsste ich dich wirklich töten. Wehe, du hörst auf«, murmelt sie leise an meiner Brust und drückt ihre Lippen auf einen Bluterguss in der Größe eines Pferdehufes. Mein Mundwinkel hebt sich. Ich umgreife ihre Taille, ziehe sie so eng an mich, dass kein Blatt mehr zwischen uns passt, und erobere ihren Mund mit dem meinem. Meine harte Männlichkeit drückt sich an ihren Bauch, zeigt ihr mehr als deutlich, wie sehr ich sie begehre. Und das tue ich, mit jeder Faser meines Körpers. Ihre Hände krallen sich in meine Schultern. Sie brennt ebenso lichterloh wie ich. In mir zischt das Inferno, bereit, mich zu verzehren, wenn ich nicht weitermache, sie nicht weiter küsse und ihren Körper in Besitz nehme. Mit dem Finger fährt sie meine Bauchmuskeln entlang, woraufhin ich genüsslich die Augen schließe. Diese Frau bringt mich um den Verstand. Mit meiner Hand wandere ich tiefer, erforsche ihre warme Mitte, während sie sich in meinen Armen windet. »Ich brauche dich, Crispin«, flüstert sie erstickt an meine Brust. Genau das will ich hören. Mit Schwung hebe ich Alice hoch, sie schlingt die Beine um meinen Körper und ich trage sie aus dem Wasser, während sie meinen Hals küsst und mich an den Rand meiner Selbstkontrolle bringt. Unter den Bäumen gehe ich in die Knie. Sie schmiegt sich an mich, als wären wir eins. Ihr Schoß drückt sich einladend und aufreizend gegen mich. Ich kann mich kaum noch beherrschen, nicht wie ein wildes Tier über sie herzufallen. Ich bette sie vorsichtig auf dem Laub, was sie nicht zu stören scheint. »Fass mich an, Crispin«, fleht sie. Zu gerne komme ich dieser Aufforderung nach.
Meine Hand wandert über ihren Nacken. »Ich fasse dich doch an«, necke ich sie.
»Ich brauche mehr von dir«, wimmert sie fast und ich genieße das Wissen, dass sie sich ebenso verzerrt wie ich mich.
»Sag mir, zu wem du gehörst, Alice? Für jetzt und alle Zeit«, fordere ich rau, denn alles in mir benötigt diese Antwort. Ich muss wissen, dass sie mein ist. Ein animalischer Teil in mir lechzt danach, dass ihre schönen Lippen es aussprechen.
»Zu dir, ich gehöre dir«, haucht sie. Schon brauche ich keine Aufforderung mehr, sondern versenke mich mit einem Stoß in ihr.
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