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Fegoria

Dunkle Stunden

Roman

Annika Kastner

Erstausgabe im Februar 2021

Alle Rechte liegen beim Verlag

Copyright © Februar 2021

Booklounge Verlag

Johann-Boye-Str. 5

23923 Schönberg

Coverbild: @ konradbak – Can Stock Photo Inc.

978-3-947115-27-3

Inhalt

  Helden

  Willkommen

  Widmung

  Alice

  Crispin

  Alice

  Crispin

  Alice

  Crispin

  Alice

  Crispin

  Alice

  Crispin

  Alice

  Crispin

  Alice

  Crispin

  Alice

  Crispin

  Alice

  Crispin

  Alice

  Crispin

  Alice

  Crispin

  Alice

  Crispin

  Ein paar Worte ...

  Personen & Orte

  Playlist

Helden

Je­des Mär­chen, je­de Ge­schich­te hat ih­ren Helden. Un­se­re Helden sind nicht immer per­fekt, sie ha­ben Ecken und Kan­ten, ma­chen Feh­ler, ge­nau wie wir. Es kann auch sein, dass sie manch­mal von ih­rem Weg ab­kom­men, ei­ne an­de­re Ab­zwei­gung wäh­len als die, die wir für sie ge­wollt ha­ben. Aber es kommt letzt­lich da­rauf an, wie sie sich am En­de ent­schei­den. Dass sie dort den rich­ti­gen Weg wäh­len, der für sie be­stimmt ist, nicht den, den wir gern für sie hät­ten. Erst das macht sie zu un­se­ren Helden.

Willkommen

Hal­lo mein lie­ber Le­ser und ein herz­li­ches Will­kom­men zurück in Fe­go­ria.

Wenn du die­sen Band in den Hän­den hältst, heißt das, dass wir ge­mein­sam schon ein gro­ßes Aben­teu­er bis hier­her er­lebt ha­ben. Hast du mit Ali­ce ge­weint, mit Cri­spin ge­lit­ten oder dich um To­pas ge­sorgt? Schlägt dein Herz für No­am und Ci­an?

Dan­ke, dass du die­ses Aben­teu­er mit mir zu­sam­men er­lebst. Ali­ce und Cri­spin brau­chen je­de Un­ter­stüt­zung, die sie be­kom­men kön­nen, denn der Tag des letz­ten Kamp­fes naht un­wei­ger­lich.

Dei­ne An­ni­ka

Widmung

Oh, fast hät­te ich es ver­ges­sen: Du weißt doch, wie sehr ich Wid­mun­gen lie­be. Ich wid­me die­ses Buch je­dem, der sich schon ein­mal ge­wünscht hat, das Wun­der­land zu se­hen und nie auf­ge­hört hat, zu träu­men. Außer­dem mei­nem wun­der­vol­len Mann Phi­lipp und mei­nem Sohn Jos­hua – mein per­sön­li­ches Hap­py End. Mei­nen be­sten Freun­din­nen Syl­via, Co­si­ma und An­drea. Egal, wann oder wie spät es ist, immer seid ihr da und ich ha­be euch wahn­sin­nig lieb.

Alice

Kal­te Gischt spritzt mir ins Ge­sicht. Müh­sam öff­ne ich mei­ne Augen, die durch das Salz­was­ser ver­klebt sind, und schaue mich blin­zelnd um. Mein ge­sam­ter Körper fühlt sich zer­schla­gen und bleisch­wer an, als hät­te mich ein Bus bei vol­ler Fahrt er­wischt und an­schlie­ßend ge­wen­det, nur um si­cher zu ge­hen, dass ich auch tat­säch­lich platt bin. Müh­sam un­ter­drü­cke ich ein Stöh­nen, als ich mich schließ­lich vor­sich­tig be­we­ge. Es ist ein Wun­der, dass ich über­haupt ein­ge­schla­fen bin, doch die Er­eig­nis­se ha­ben ih­ren Tri­but ge­for­dert und mei­nen Körper in den Ru­he­zu­stand ver­setzt – die Hei­lung braucht Kraft und Zeit. Bei­des Din­ge, die mir ge­ra­de ziem­lich feh­len. Wä­re ich noch ein Mensch, da­ran he­ge ich kei­nen Zwei­fel, wä­re ich dort ge­stor­ben. Ich er­in­ne­re mich an alles, was ge­sche­hen ist, je­des Detail, was da­zu ge­führt hat, wie ich hier auf die­sem rau­en Fel­sen mit­ten im Meer ge­lan­det bin. Die Rück­bli­cke sind nicht grau­sa­mer als je­nes, was mir wi­der­fah­ren ist. Er­in­ne­rung an den El­ben­prin­zen, der sein Le­ben ris­kiert hat, um mich aber­mals in sei­ne Ge­walt zu brin­gen, was sich je­doch am En­de die­ses We­ges gar nicht als Ent­füh­rung, son­dern als Ret­tung ent­puppt hat. So viele Lü­gen, so viel Leid … so viel, was ich erst jetzt ver­ste­he. Er, von dem ich bis vor kur­zem ge­dacht ha­be, dass er mein Feind wä­re und in des­sen Arm ich end­lich wie­der Ru­he fin­de. Oh, wie falsch ich doch vor ein paar Stun­den noch ge­le­gen ha­be, mit tö­rich­ter Blind­heit ge­schla­gen. Scham durch­flu­tet mich, heiß und lo­dernd. Ich er­in­ne­re mich deut­lich an den Hass, ach was, die blan­ke Wut, die ich emp­fun­den ha­be, als ich ihn auf dem Fest Au­ge in Au­ge ge­gen­über­ge­stan­den ha­be. Der zün­geln­de Zorn, den ich ver­spürt ha­be, den Wunsch, ihn auf der Stel­le zu tö­ten. Bei un­se­rem Kampf in den Höh­len hät­te ich es ge­tan, wenn ich es ge­konnt hät­te. Ganz be­stimmt! Und die­ses Wis­sen raubt mir fast den Ver­stand. Gut, dass ich kei­nen Er­folg ge­habt ha­be und das Schi­cksal mir gnä­dig ge­we­sen ist. Wir ge­hö­ren zu­sam­men, un­ser Schi­cksal ist eins, das spü­re ich bis in Mark und Bein. Jetzt, wo es bei­nahe zu spät ist und die Wir­kung der fau­len Zau­be­rei nach­lässt, se­he ich kla­rer. Sein Weg, ist mein Weg. Wie ha­be ich dies ver­ges­sen kön­nen, ihn ver­ges­sen? Wie soll ich da­mit le­ben, was ich ge­tan ha­be? Aus­ge­rech­net ihm, den ich über alles lie­be? Ich er­in­ne­re mich an die Be­stien, die dort oben, weit über uns, in den Fel­sen hau­sen, und mei­nen Rü­cken im un­er­bitt­li­chen Kampf bis auf die Mus­keln auf­ge­ris­sen ha­ben – je­den­falls fühlt es sich im Mo­ment so an. Es ist mir ein Rät­sel, wie ich mich auf den Bei­nen hab hal­ten kön­nen. Oh­ne Cri­spin wä­re ich dort zu­grun­de ge­gan­gen. Nur ihm ist es zu ver­dan­ken, dass ich noch at­me. Er, die­ser stu­re Prinz, der bis zum letz­ten Atem­zug für uns kämp­fen wür­de.

Das Salz­was­ser brennt wie Feu­er auf mei­ner ver­letz­ten Haut, doch ich hei­ße den Schmerz will­kom­men, er lenkt mich von mei­ner in­ne­ren Qual ab. Wa­rum ist es nur so­weit kom­men? Ha­ben wir nicht et­was Glück ver­dient? Seit ich in die­sem Land le­be, ha­be ich mehr Ge­walt er­fah­ren, als ein Mensch er­fah­ren soll­te. Aber … ich bin kein Mensch. Es lie­gen noch Jahr­hun­der­te vor mir und ich be­te zu den Göt­tern, dass die­se den Schmerz und die Scham fort­spü­len wie die Wel­len mein Blut von die­sem Fel­sen un­ter mir. Ich drü­cke mich fes­ter an Cri­spins war­men Körper, su­che Trost. Mich in Si­cher­heit zu wie­gen, da er hier bei mir ist, hilft mir un­ge­mein. Cri­spin ist ge­kom­men – für mich. Mein Seelen­ge­fähr­te, mein Schi­cksal. Sei­ne Ar­me schlie­ßen sich en­ger, be­sitz­ergrei­fen­der um mei­nen Rumpf. Mein Herz pocht wild in mei­ner Brust. Wie kann er mich nach all dem noch lie­ben? Er ist der Stär­ke­re von uns bei­den, schon immer ge­we­sen, und ich ler­ne lang­sam, die­se Welt aus sei­nen Augen zu se­hen. Mei­ne al­te Welt ver­blasst stünd­lich mehr, denn mein Le­ben hier ist so völ­lig fern von dem, was ich ken­ne. Hart und gna­den­los, zu­dem vol­ler Wun­der. Dort drau­ßen auf dem Was­ser hät­te ich bei­nahe auf­ge­ge­ben. Ja, ich ha­be ge­nug ge­habt, das ge­be ich zu. Die­ses Wis­sen macht mich nicht stolz, aber es ist ein Mo­ment der Schwäche ge­we­sen. Ich bin be­reit ge­we­sen, zu ge­hen, all das hin­ter mir zu las­sen, da­mit er sich hät­te ret­ten kön­nen. Nein, er ist es, der uns am Le­ben hält, der uns nicht auf­gibt und da­für bin ich ihm un­end­lich dank­bar. Mein Weg ist noch nicht zu En­de. As­ta hat das, was wir ha­ben und je­nes, was uns ver­bin­det, zers­tö­ren wol­len, doch Cri­spin ist durch­aus mäch­ti­ger oder ein­fach nur di­ckköp­fi­ger – es trifft letzt­lich bei­des auf mei­nen Ge­fähr­ten zu … Die­sen ar­ro­gan­ten, selbst­herr­li­chen und doch lie­be­vol­len, für­sor­gli­chen El­ben­prin­zen, der vor Wi­der­sprü­chen nur so trotzt. Er hat sein Ver­spre­chen ge­hal­ten, ist für mich bis ans En­de der Welt ge­gan­gen, hat sich un­se­ren Wi­der­sach­ern allei­ne ge­stellt, nur um mich zurück­zu­for­dern. Ich wer­de schüt­zen, was mein ist, und du bist die mei­ne, Ali­ce. Das sind einst sei­ne Wor­te an mich ge­we­sen. Nein, der Prinz der El­ben ist nicht mein Feind. Es ist, als hat das Was­ser ei­ne hei­len­de Wir­kung ge­habt und mein Blut­ver­lust da­zu beige­tra­gen, den Trank zu ver­nich­ten. Alles wird plötz­lich viel kla­rer, er­gibt ei­nen Sinn. Er­in­ne­run­gen durch­flu­ten mich. Er ist so viel mehr, das spü­re ich tief in mir. Die Lie­be mei­nes Lebens. Wir sind ver­bun­den, wir sind eins. Seit Ta­gen füh­le ich mich das er­ste Mal als ein Gan­zes. Als wä­re ein wich­ti­ges Puz­zle­teil, wel­ches ge­fehlt hat, nun wie­der an sei­nen Platz ge­rückt. Zu­sam­men er­ge­ben wir ein Bild­nis. Ich ver­traue ihm. Seit der Ring fort ist, se­he ich kla­rer, bin gleich­zei­tig wü­tend auf mich selbst, dass sie mich so ha­ben täu­schen kön­nen. Aber ich weiß auch, dass ich kei­ne Chan­ce ge­gen As­ta und Cas­tiell ge­habt ha­be. Gott weiß, wie ich mich ge­wehrt, den­noch kläg­lich ver­sagt ha­be, und da­mit nicht nur mich, son­dern eben­falls Cri­spin in Ge­fahr ge­bracht ha­be. Das wird mir kein zwei­tes Mal pas­sie­ren. Ab jetzt bin ich wachs­amer.

Cri­spin zieht mich en­ger an sich und ver­sucht, mich vor den Trop­fen des to­sen­den Was­sers mit sei­nem Körper zu schüt­zen, doch dies ist un­mög­lich, egal wie sehr er sich be­müht. Das Meer wü­tet um uns he­rum und er wei­gert sich, oh­ne mich an Land zu schwim­men. Er ist so stur wie ein al­ter Och­se. Es macht mich wü­tend und glü­cklich zu­gleich. Ich möch­te nicht von ihm ge­trennt sein, will je­doch, dass er sich ret­tet. Nur er allein hät­te ei­ne rea­le Chan­ce zu über­le­ben. Aber nein, nun sit­zen wir bei­de hier fest, denn mei­ne Ver­let­zung hin­dert mich da­ran, durch das auf­ge­wühl­te Meer an Land zu kom­men. Er wird kei­nes­wegs pa­cken, mich bis da­hin mit­zu­neh­men, völ­lig gleich, was er be­haup­tet. Ich er­zit­te­re. Sein Körper schafft es nicht, mich zu wär­men, der kal­te Wind und das Meer sind ei­ne un­er­bitt­li­che Kom­bi­na­tion, die ge­gen ihn ar­bei­tet. Vor al­lem da ihm nicht mal ein Hemd ge­blie­ben ist, weil ich es tra­ge. Nicht, dass es et­was nützt, im Ge­gen­teil, es ist so­gar trie­fend nass.

Gna­den­los sorgt die raue See da­für, dass wir nicht wirk­lich trock­nen. Das Salz fühlt sich un­an­ge­nehm auf mei­ner Haut an. Der Kampf mit der Chi­mä­re, oben im Schloss, hat uns bis an un­se­re Gren­zen ge­bracht. Auch ihm mer­ke ich die Stra­pa­zen deut­lich an. Er ist nicht we­ni­ger zer­schun­den als ich. Sein Bein, bis auf die Mus­keln auf­ge­trennt, heilt eben­so dürf­tig wie mein Rü­cken, doch er be­schwert sich un­ter kei­nen Um­stän­den. Nie. Seit Stun­den ver­har­ren wir hier. Je­den­falls ge­he ich von Stun­den aus, ei­ne Uhr gibt es nicht. Zeit hat hier ei­ne an­de­re Be­deu­tung. Die Son­ne steht hoch am Himmel, die Nacht ist längst vor­bei, doch die Ge­fahr nicht, sie ist greif­bar. Ei­ne Uhr … In ganz Fe­go­ria kennt man sie nicht, aber ich er­in­ne­re mich wie­der an ei­ne Welt, in der es Uhren gibt, de­ren Zei­ger uns un­er­bitt­lich ja­gen, un­se­re Ta­ge pla­nen und für ei­nen geord­ne­ten Ab­lauf sor­gen. Das fehlt mir. Doch hier, in die­ser frem­den Welt, läuft es an­ders. Ich er­in­ne­re mich nicht an alles aus die­ser Welt, doch es wird immer mehr. Cri­spin sagt, es lä­ge an ei­nem Trank, den sie mir ver­ab­reicht ha­ben. Die Wir­kung wird gänz­lich ver­schwin­den, so­bald mein Körper sich re­ge­ne­riert hat. Bald – ei­ni­ge Stun­den, viel­leicht Ta­ge, dann wer­de ich wie­der alles wis­sen. Sein Wort in Got­tes Ohr.

Wenn ich die letz­ten Stun­de Re­vue pas­sie­ren las­se, ist es ein Wun­der, dass wir bei­de über­haupt noch le­ben. Da­raus kann ich nur schlie­ßen, dass er recht be­hält und die Göt­ter Plä­ne mit uns ha­ben. Ob sie so gut sind, wa­ge ich nicht, zu ur­tei­len. Aber wie heißt es so schön, die Hoff­nung stirbt zu­letzt, oder? Mei­ne Ge­dan­ken schwei­fen um­her. Tief zie­he ich die sal­zi­ge Luft in mei­ne Lun­gen. Mein Le­ben hat sich so sehr ver­än­dert. Es ist wie ein fer­ner, un­wirk­li­cher Traum und manch­mal ha­be ich Angst, dass ich ein­fach er­wa­che. Ich lie­ge in den Ar­men ei­nes El­ben, ei­nem ech­ten We­sen mit spit­zen Oh­ren und ei­nem un­ster­bli­chen Le­ben. Ich bin ei­ne Al­bin. Herr Gott, da­zu der Feind der El­ben und doch lie­ben wir uns. Ich bin kein Mensch mehr. Ver­fluch­te Schei­ße. Ich bin ei­ne Al­bin, wie­der­ho­le ich für mich selbst noch­mal. Mei­ne Oh­ren sind eben­falls spitz. Spit­ze Oh­ren!!! Das ist … nicht ver­rück­ter als alles an­de­re, was ich hier er­le­be. Nie wie­der wer­de ich in ei­nem Café sit­zen, ei­nen Muf­fin mit Scho­kog­la­sur be­stel­len oder ei­nen Ki­no­film se­hen. Da­für das Schwert schwin­gen und hof­fen, dass sie ei­nes Tages ei­ne Du­sche er­fin­den. Oh, noch bes­ser ei­ne Toi­let­te. Was für ei­ne Traum­vor­stel­lung. Cri­spins Na­se reibt über mei­nen Na­cken, lenkt mich ab. Ich spü­re sei­ne war­men Lip­pen, die ei­nen leich­ten Kuss auf mei­ne küh­le Haut hau­chen. Tausend Schmet­ter­lin­ge fan­gen in mei­nem Bauch an, zu tan­zen. Das wil­de hei­ße Feu­er in mir, ist in sei­ner Ge­gen­wart ei­ne war­me fried­li­che Flam­me, wie ein Dra­che, der sich zur Ru­he ge­legt hat. Es fühlt sich rich­tig an, als soll­te ich ge­nau hier sein, bei ihm. Der Ring an mei­ner Hand, den As­ta mir ge­ge­ben hat, weil er an­ge­blich den Zau­ber der El­ben un­ter­bin­det, ist fort. Mit ihm die Lü­gen. Er ist in den Höh­len ge­blie­ben oder ins Meer ge­spült wor­den, ich weiß es nicht. Tat­säch­lich hat die­ses klei­ne Me­tall­teil mei­ne Er­in­ne­run­gen zu­sam­men mit dem ver­fluch­ten Trank blo­ckiert. Sie ha­ben mich und alles, was mich aus­macht, zers­tö­ren wol­len. Das macht mir schre­ckli­che Angst, denn sie hät­ten si­cher­lich Er­folg ge­habt. Sie ha­ben mich rein­ge­legt. Mit Ge­walt, wie ich jetzt weiß, aber den­noch ist mir be­wusst ge­wor­den, dass auch ei­ne dunk­le Sei­te in mir wohnt. Ei­ne, wä­re mein Weg ein an­de­rer ge­we­sen, mein Ich hät­te sein kön­nen. Mir wird schlecht bei dem Ge­dan­ken, was Grimm heu­te Nacht mit mir vor­ge­habt hat. Hart schlucke ich und ver­bie­te mir, die­sen Ge­dan­ken weiter­zu­füh­ren. Cri­spin ist recht­zei­tig bei mir ge­we­sen, das ist alles, was zählt. Er hat es ver­hin­dert. Sei­ne Küs­se wer­den all das fort­spü­len, was Grimm hin­ter­las­sen hat. Die Käl­te, die Ver­zweif­lung … Ich weiß aus ei­ge­ner Er­fah­rung, wie hart und bru­tal er und sein Vater sein kön­nen. Zahl­rei­che blaue Fle­cke auf mei­nem Körper spre­chen Bän­de. Ich er­in­ne­re mich wie­der, wie ich ge­gen sie ge­kämpft ha­be, doch ich bin zu schwach ge­we­sen. Ein­zig mit ei­nem Stab aus Holz ha­be ich mich ih­nen ge­gen­über­ge­stellt. Glü­hend und lo­dernd bro­delt der Hass in mir, wenn ich an As­ta den­ke. Hass ist ein star­kes Ge­fühl. Mäch­tig. Er ver­dient schlim­me­res als den Tod.

Mein Blick wan­dert hin­auf. Ich blinz­le ei­ni­ge Ma­le. Nach dem Sprung von den Fel­sen, auf der Flucht vor der Chi­mä­re ins auf­ge­wühl­te Meer, har­ren wir al­so weiter aus, bis Cri­spin Ver­nunft an­nimmt oder ein Wun­der ge­schieht. Bei­des soll mir recht sein, ob­wohl ich das Wun­der be­vor­zu­ge. Wir ha­ben so viel ge­schafft, es wä­re un­fair, wenn es jetzt en­det. Nicht so. Aber uns läuft die Zeit da­von. »Cri­spin?« Mei­ne Stim­me klingt hei­ser. Ich un­ter­drü­cke ein wei­te­res schmerz­vol­les Stöh­nen.

»Ja, klei­ner Schmet­ter­ling?« So­fort rich­tet er sich auf, win­kelt sei­ne Ar­me an, wirkt sehr be­sorgt, wäh­rend ich mich ihm zu­dre­he. Er ist so stark. Ich has­se es, Angst in sei­ner Stim­me zu er­ken­nen. Durch mich hat er die­ses Ge­fühl erst ken­nen­ge­lernt. Je­mand wie er hat kei­ne Angst. Nicht so, wie er sie aus­ste­hen hat müs­sen. Er hat nie ei­ne Ge­fähr­tin ge­wollt, weil es sei­ne Schwach­stel­le wä­re, und selbst da­mit be­hält er recht. Hier bin ich und all das zeigt, dass sei­ne Be­fürch­tung wahr ge­wor­den ist. Ich schwäche ihn, und ge­nau das wer­den sich sei­ne Geg­ner zu­nut­ze ma­chen. Ei­ne feuch­te Sträh­ne fällt ihm in sein mar­kan­tes Ge­sicht, auf des­sen Wan­gen sich ein dunk­ler Bart­schat­ten ge­bil­det hat und von Krat­zern über­sät ist. Es ver­leiht ihm et­was Ge­fähr­li­ches und Har­tes, was mein Herz noch ein we­nig mehr klop­fen lässt. Trotz mei­ner Schmer­zen kann ich nicht um­her, fest­zu­stel­len, wie at­trak­tiv er ist. Er hat sei­ne Tu­ni­ka, so gut es geht, um mei­nen Rumpf ge­bun­den, um die Blu­tung zu stop­pen. Wenn ich ihm Glau­ben schen­ken darf, hat die Hei­lung be­reits be­gon­nen. Es fühlt sich nicht so an, aber mein Ver­trauen hat er. Al­be und El­ben hei­len schnel­ler, dem Himmel sei Dank. Ein dün­nes, ro­tes Rinn­sal treibt trotz­dem noch vom Fel­sen ins Meer. Bei mei­nem Glück wim­melt es gleich vor Hai­en. Mör­de­ri­sche Fe­go­ria-Mons­ter­haie. Ich bin si­cher, so et­was gibt es hier. Die Kral­len der Chi­mä­re ha­ben mich schwer er­wischt, doch immer­hin ha­ben wir eben­falls ei­nes die­ser Bies­ter in die ewi­gen Jagd­grün­de schi­cken kön­nen. Ich bin zwar ein ech­ter Tier­freund, doch bei die­sem Vieh hört es wirk­lich auf.

»Du musst ge­hen und mich zurück­las­sen, das muss dir be­wusst sein, Cri­spin. Wenn wir bei­de blei­ben, ster­ben wir. Noch schlim­mer: Grimm oder die Chi­mä­re ent­de­cken uns«, flüs­te­re ich, schaue ihm direkt ins Ge­sicht … Wo­bei mir ein schnel­ler Tod durch die Chi­mä­re lie­ber wä­re als ei­ne Ewig­keit mit Grimm. Cri­spin presst mür­risch die Lip­pen auf­ein­an­der, sei­ne Mie­ne nimmt ei­nen stör­ri­schen Aus­druck an. Er wird nicht nach­ge­ben, das weiß ich, und je­nes Wis­sen macht mich ver­rückt. Will er hier mit mir ster­ben? Ja, die Ant­wort liegt auf der Hand. Mir ist be­wusst, dass Dis­kuss­io­nen zwi­schen uns noch nie leicht ge­we­sen sind. Wir sind bei­de di­ckköp­fig und stur, nicht ge­ra­de un­se­re be­sten Eigen­schaf­ten.

»Nie­mals. Vor­her ster­be ich mit dir hier drau­ßen, Ali­ce. Ver­lan­ge alles, nur nicht das. Ich schaf­fe es nicht mehr und bin am En­de mei­ner Kräf­te, was das an­geht. Nichts und nie­mand wird uns tren­nen. Ge­nug ist ge­nug. Schau dich und mich an, uns be­kommt es nicht, wenn wir dies ver­su­chen. Und oh­ne dich ha­be ich kei­nen Grund mehr, weiter zu ma­chen. Wo­für soll­te ich noch kämp­fen? Gehst du von die­ser in die näch­ste Welt, wer­de ich dir fol­gen. Dann soll es so sein. Ich bin all das leid. Die­se Sor­ge, die Äng­ste und die Schmer­zen, die du er­dul­den musst. Es ist mir gleich, was mit mir ge­schieht, Ali­ce, aber ich kann es nicht er­tra­gen, dich ge­pei­nigt zu se­hen. Sie fü­gen mir kei­ne körper­li­chen Schmer­zen zu, doch wenn ich weiß, dass du lei­dest, ver­letzt es mich an an­de­rer Stel­le.« Er zeigt auf sein Herz. Mein Mund ist nur noch ei­ne har­te Li­nie. Ich sa­ge ja, er wird nicht nach­ge­ben.

»Ge­nau, wir wer­den auch ster­ben, wenn du nicht zur Ver­nunft kommst. Wir bei­de, Cri­spin. Du kannst es schaf­fen, ich nicht. Sei doch mal ei­ne Se­kun­de rea­lis­tisch. Dein Volk braucht dich. Mein Rü­cken … Ich glau­be, das Vieh hat et­was Wich­ti­ges ka­putt­ge­macht. Mei­ne Mus­keln …«

»Das wird hei­len, Ali­ce. Du bist ei­ne Al­bin. Das bringt dich nicht um. Es re­ge­ne­riert be­reits, das ha­be ich dir längst mit­ge­teilt. Gib dir noch et­was mehr Zeit. Wir ha­ben es so weit ge­bracht. Reiß dich zu­sam­men, ver­flucht. Du bist ei­ne Krie­ge­rin, du bist stark. Ja, mein Volk zählt auf mich, aber was brau­che ich? Ich ken­ne die Ant­wort und des­we­gen bin ich hier, nicht bei mei­nem Volk, al­so be­las­se es da­bei. Du bist ro­bust, das wis­sen wir bei­de. Dein Über­le­ben ist re­le­vant für mich und un­se­re Zu­kunft. Für die Zu­kunft Fe­go­ri­as. Auf­ge­ben kommt für je­man­den wie dich nicht in­fra­ge. Ent­täu­sche mich nicht.«

Ich la­che auf. »Und so lan­ge willst du hier aus­har­ren? Ta­ge? Wir ha­ben die­se Zeit nicht, du Stur­kopf. Ach was, ein Esel bist du. Du kannst noch so sehr drauf be­har­ren, dies­mal bist du im Un­recht, was du eigent­lich weißt, du willst es nur kei­nes­falls zu­ge­ben. Die­sen Kampf wirst du nicht ge­win­nen. Die­ses Mal nicht. Lass mich zurück und ret­te dich. Meinst du nicht, sie wer­den uns frü­her oder spä­ter auch hier su­chen? So viel Zeit kann Elil uns kaum ver­schaf­fen.« Cri­spins Augen schei­nen Blit­ze zu ver­sprü­hen. Er beißt die Zäh­ne fest auf­ein­an­der, mahlt sie ge­ra­de­zu. Mu­tig stre­cke ich mei­ne Hand aus und strei­che dem Mann, den ich vor Stun­den noch für mei­nen Wi­der­sa­cher ge­hal­ten ha­be, die wi­der­spens­ti­ge Sträh­ne aus dem Ge­sicht. Alles in mir schreit da­nach, ihn zu küs­sen, ihm die­sen stör­ri­schen Aus­druck vom Ge­sicht zu wi­schen. Mein Körper ver­zerrt sich nach ihm.

»Es ist nicht an der Zeit, uns vo­nei­nan­der zu ver­ab­schie­den, Ali­ce. Egal, was du sagst, es wird mei­ne Mei­nung nicht än­dern. Dann ster­ben wir hier, ge­mein­sam.«

Es fühlt sich ver­traut an, ihn zu be­rüh­ren. Ich möch­te nichts lie­ber, als für immer in sei­nen Ar­men lie­gen. Sei­ne Brust hebt und senkt sich schnell. Er ist ver­är­gert. Sau­er auf mich, er­bost auf die Welt und ver­mut­lich da­rauf, dass ich recht ha­be. Ver­steht er denn nicht, dass ich nicht auf­ge­ben, son­dern ihn ret­ten will, so wie er mich stets ret­tet? Wa­rum räumt er sich die­ses Recht ein und ver­wehrt es mir? An ihm se­he ich eben­so Spu­ren des Kamp­fes: sei­ne zer­ris­se­ne Ho­se, die mit rost­ro­ten Fle­cken über­sät ist, sei­ne auf­ge­platz­te Lip­pe, das blau un­ter­lau­fe­ne Au­ge, wel­ches je­dem Preis­boxer Eh­re ma­chen wür­de. All die Bles­su­ren und Krat­zer, ver­teilt auf sei­nem mus­ku­lö­sen Körper, den ein Bild­hau­er nicht bes­ser hät­te er­schaf­fen kön­nen, und doch wirkt er stark und un­er­schüt­ter­lich. Lei­der auch wild ent­schlos­sen. Grimm, die­ser ver­fluch­te … Was wä­re pas­siert, wä­re ich län­ger dort­ge­blie­ben? Wä­re aus mir eben­so ein Mons­ter ge­wor­den, wie er ei­nes ist? Wä­re ich ver­lo­ren ge­we­sen? Mit mir all das, wo­für wir kämp­fen wol­len? Ich emp­fin­de Scham, wie ich mit den zwei Al­ben ge­spro­chen ha­be, die zu mei­ner Fa­mi­lie ge­hö­ren. Fa­mi­lie. Ich ha­be hier An­ge­hö­ri­ge mei­nes Blu­tes. Ich bin nicht allein. Was re­de ich, je­nes bin ich so­wie­so nicht. Cri­spin, Ci­an, No­am. Sie sind eben­so mei­ne Fa­mi­lie wie All­ia­ria und Elil. Die Er­in­ne­run­gen schmer­zen. Je­de, die wie­der­kehrt, ist ein Dolch­stoß in mein Herz.

Ich schaue dem Mann in die Augen, zu dem ich mich so hin­ge­zo­gen füh­le und der mich mo­men­tan schre­cklich wü­tend macht, weil er nicht hö­ren will. Ge­ra­de, als er et­was er­wi­dern will, lässt uns ei­ne Stim­me zu­sam­men­zu­cken. »Stö­re ich?« Ei­ne weib­li­che Stim­me, die verg­nügt klingt, er­tönt. Ich fah­re er­schro­cken he­rum. Vio­let­te Augen fun­keln mich an, ge­hö­ren zu ei­ner bild­schö­nen grün­haa­ri­gen Frau, die sich mit den El­len­bogen auf dem Fel­sen ab­stützt. Ob­wohl die Wel­len un­ge­bän­digt peit­schen, wirkt es bei ihr, als hät­te sie nicht an­satz­wei­se Schwie­rig­kei­ten, sich dort zu hal­ten. Ele­gant streckt sie ih­re lan­gen Ar­me von sich, ehe sie ih­ren Kopf in die Hand­flä­chen legt und uns da­bei lie­blich zu­blin­zelt.

Ih­re ro­ten Lip­pen öff­nen sich zu ei­nem Lä­cheln, ent­blö­ßen spit­ze Zäh­ne, die mich er­schau­dern las­sen. Ich rücke von ihr ab. Ei­ne Ni­xe oder täu­sche ich mich? Mei­ne Mutter ist wie sie ge­we­sen und doch frös­telt es mich bei ih­rem An­blick. Un­will­kür­lich glei­te ich mit mei­ner Zun­ge an mei­nen Zäh­nen ent­lang. Gott sei Dank er­tas­te ich nichts Spit­zes. Wo kommt sie plötz­lich her? Wer ist sie? Ei­ne Flos­se lugt hin­ter ihr aus dem Was­ser. Mei­ne Augen wei­ten sich über­rascht. Ja, ich ha­be recht, ei­ne Ni­xe. Dun­kel er­in­ne­re ich mich an die Schlacht in Escher und an Hän­de, die Orks ins Was­ser ge­zo­gen ha­ben. Es schüt­telt mich aber­mals. Ni­xen sind ge­fähr­lich. Das sind Ke­la­lans Wor­te ge­we­sen, als er mir die We­sen Fe­go­ri­as er­klärt hat. Mei­ne Mutter ist nicht ge­fähr­lich ge­we­sen, oder? Wo­bei, hier in Fe­go­ria ist je­der ein po­ten­ziel­ler Feind.

»Ich ge­ste­he, euch zu­zu­se­hen, ist ir­gend­wie er­otisch und be­schä­mend zu­gleich. Ihr wirkt so ver­zwei­felt, wollt euch für den an­de­ren auf­opfern und den­noch sind die Bli­cke zwi­schen euch glü­hend. Was ge­schieht nun? Paart ihr euch? Ich ha­be nicht so recht ge­wusst, wann ich in eu­ren Kampf ge­gen das Er­trin­ken ein­grei­fen soll. Das Be­ob­ach­ten hat mich amü­siert, wenn ich ehr­lich bin. Ich lie­be es, da­bei zu­zu­se­hen, wie ei­nem We­sen die Luft aus­geht, das Herz all­mäh­lich auf­hört zu schla­gen, und sie lang­sam un­ter­ge­hen, um den Meeres­tie­ren Nah­rung zu bie­ten. Ein wun­der­ba­res Schau­spiel. Es er­quickt mich je­des Mal. Eu­re dün­nen schwa­chen Bein­chen, wie sie ge­zap­pelt ha­ben … Ihr seid so hil­flos im Was­ser.« Sie blickt mich aus ova­len Augen an. »Von dir ha­be ich mehr er­war­te, Tochter des Meeres. Immer­hin tei­len wir uns glei­ches Blut. Wie auch immer, ihr habt es ja ge­meis­tert, ob­wohl ich mir et­was mehr Zeit als nö­tig ge­las­sen ha­be.« Lan­ge schlan­ke Fin­ger mit kral­le­nar­ti­gen Nä­geln krat­zen vor mir klei­ne Stei­ne vom Fel­sen und ver­ur­sa­chen da­bei ein Ge­räusch, wel­ches mich noch nä­her an Cri­spin he­ran rut­schen lässt.

Crispin

Mei­ne Ar­me schlie­ßen sich fes­ter um Ali­ce‘ zier­li­chen Körper. Es fühlt sich be­frie­di­gend an, wie sie sich nä­her an mich drückt, wäh­rend ich Triel nicht aus den Augen las­se. Die­se mus­tert Ali­ce ein­dring­lich, ehe sie sich mir zu­wen­det. Sie leckt sich über die spit­zen Zäh­ne, mus­tert mei­nen Körper un­ge­niert von Kopf bis Fuß. Mich lässt dies zwar kalt, aber Ali­ce ver­spannt sich merk­lich. »Oh, was für ein schö­ner Mann du bist. Nackt noch schö­ner als in Rüs­tung ver­hüllt. All die­se har­ten Mus­kel­strän­ge … Äu­ßerst ap­pe­tit­lich und viel­ver­spre­chend. Da hat sich das War­ten ge­lohnt, du Le­cker­bis­sen. Dein Glück, dass dei­ne Ge­fähr­tin da­bei ist, denn wir Ni­xen kön­nen im Lie­bes­spiel sehr über­zeu­gend sein. Das ver­gisst kein Mann so schnell. Was müss­te ich tun, da­mit ich den Rest von dir se­hen darf? Die läs­ti­ge Ho­se ist oh­ne­hin nur noch ein Lum­pen. Fort da­mit, Prinz, amü­sie­re mich. Mir steht der Sinn nach ei­ner Un­ter­hal­tung der an­de­ren Art.«

»Wie kann sie es wagen?«, murrt Ali­ce lei­se, mehr zu sich selbst als zu mir. Was mich eben­falls be­ru­higt: Sie wi­der­spricht Triel nicht. Auch wenn in den letz­ten Stun­den viele ih­rer Er­in­ne­run­gen zurück­ge­kom­men sind, weiß ich nicht ge­nau, wo wir ste­hen oder was sie fühlt. Gib nie et­was vor den Ni­xen preis, sie wür­den es ge­gen dich ver­wen­den, den­ke ich. Mir ge­fällt es, dass Ali­ce be­dacht han­delt, da­zu­ge­lernt hat – an­ders als vor Mo­na­ten. Sie schaut die Ni­xe vor sich so fins­ter an, als wür­de sie mit dem Ge­dan­ken spie­len, ihr für ih­re Wor­te die Haut ab­zu­zie­hen. Mitt­ler­wei­le wür­de ich ihr dies so­gar zu­trauen. Die­se Welt hat sie ver­än­dert. Das Wis­sen, dass sie eifer­süch­tig ist, im­po­niert mir, schmei­chelt mei­nem Her­zen und mei­nem Selbst­wert­ge­fühl. Dass Ali­ce sich er­in­nert und auf­ge­hört hat, ge­gen mich an­zu­kämp­fen, lin­dert den Schmerz in mir. Ich klam­me­re mich an das Wis­sen, dass alles so wird wie vor­her. Ich spü­re, wie sie sich mir wie­der öff­net, mei­ne Nä­he sucht und ih­re Bli­cke vol­ler Lie­be, aber auch vol­ler Trau­er und Scham sind. Der Trank lässt nach. Ich ver­mu­te, die Ver­let­zun­gen tra­gen ih­ren Teil da­zu bei, der Blut­ver­lust spült es fort – ihr Körper muss sich schnel­ler re­ge­ne­rie­ren, da­durch wird zu­dem der Trank zü­gi­ger ab­ge­baut.

»Sprich dich aus, Schwes­ter des Meeres.« Durch­aus in­te­res­siert hebt Triel die Augen­brau­en. Sie ist ge­fähr­lich, man darf sie nicht un­ter­schät­zen. Mein gan­zer Körper ist wach­sam und an­ge­spannt.

»Lass dei­ne Spiel­chen, Triel. Sie ist ge­ra­de nicht sie selbst und ge­schwächt. Sie ist durch ei­nen Trank ge­blen­det, ein fau­ler Zau­ber. Sie ist die mei­ne, ich der ih­re. Es be­steht kei­ne Hoff­nung für dich, sich mit uns zu paa­ren. Heu­te nicht und an kei­nem an­de­ren Tag.«

»Lang­wei­li­ger Elb!« Sie schmollt, je­doch nicht lan­ge. »Be­schrei­be den Trank!«

Ich schie­be Ali­ce hin­ter mich, schüt­ze sie mit mei­nem Körper. Auch wenn ich Triel ken­ne, Ni­xen sind nie harm­los und ihr neu­gie­ri­ger Blick be­hagt mir nicht. Ich bin vor ge­rau­mer Zeit da­bei ge­we­sen, als sie ih­ren Opfern die Haut vom Körper ge­ris­sen ha­ben, mit ih­ren Zäh­nen bei le­ben­di­gem Leib. An ih­ren Fin­gern klebt mehr Blut als an mei­nem Schwert. Sie tö­tet aus pu­rem Ver­gnü­gen, das un­ter­schei­det uns. »Er blo­ckier­te Tei­le ih­rer Er­in­ne­rung, lässt hin­ge­gen be­reits nach. Wie du siehst, es gibt nichts für dich zu ho­len«, er­läu­te­re ich sach­lich. »Was machst du hier, Triel, außer dich an un­se­rem Leid zu la­ben?«

»So un­freund­lich? Tsss … Spitz­ohr­prinz … Ler­ne, dich zu be­herr­schen, oder ich las­se dich zurück und ret­te nur sie. Es wä­re zwar ei­ne Ver­schwen­dung, aber … Ich zie­he es in Er­wä­gung.«

»Du willst uns ret­ten? Zu wel­chem Preis?« Ich bin äu­ßerst acht­sam, Ni­xen leis­ten kei­ne Ge­fäl­lig­kei­ten. Nie­mals! Sie sind ein­zig auf ihr ei­ge­nes Wohl aus.

»Wir ha­ben Ali­ce ein An­ge­bot zu ma­chen, es wür­de selbst dich aus die­ser miss­li­chen La­ge be­frei­en.«

»Wie lau­tet das An­ge­bot?« Oh­ne zu er­fah­ren, wie hoch der Preis für die­se Ret­tung ist, wer­den wir dem Han­del nicht zu­stim­men. Ich be­ob­ach­te mein Ge­gen­über ge­nau, je­de noch so klei­ne Re­gung ih­res Ge­sich­tes.

»Das, mein lie­ber Prinz, wird euch Ja­de er­klä­ren, denn sie war­tet auf dich und dei­ne klei­ne Halb­ni­xe.« Wie­der lä­chelt sie Ali­ce an. Aller­dings wirkt die­ses Lä­cheln nicht echt, son­dern auf­ge­setzt. Es ver­ur­sacht mir ei­ne Gän­se­haut. Nein, Triel hat Plä­ne und hier läuft et­was im Hin­ter­grund. Wir dürf­ten die­sem Han­del nicht ak­zep­tie­ren, das weiß ich ganz si­cher. »Aber vor­her will ich dir hel­fen, statt mich an dei­nem Leid zu er­freu­en, Prinz der El­ben. Ich ha­be heu­te ei­nen groß­zü­gi­gen Tag.«

Ali­ce greift nach mei­ner Hand, als Triel sich aus dem Was­ser hebt, die lan­ge Flos­se wird da­bei zu zwei lan­gen schlan­ken Bei­nen. Das Was­ser perlt an ih­nen ab, tropft vor ih­ren Bei­nen auf den Stein. Ich ste­he eben­falls auf, über­ra­ge da­bei die Ni­xe um mehr als ei­nen gu­ten Kopf, wie ich be­frie­di­gend fests­tel­le und ei­sig auf sie hin­ab­bli­cke. »Du kannst die Flos­sen ein­fach ge­gen Bei­ne tau­schen und lau­fen? Ich ha­be immer ge­dacht, es nimmt ei­ne ge­wis­se Zeit in An­spruch, um dies zu kön­nen.« Ich bin bei­lei­be über­rascht. Das zeigt aber­mals, wie lis­tig sie sind.

Sie legt den Fin­ger auf ih­ren Lip­pen. »Psst … Es gibt Din­ge, über die soll­te man nicht spre­chen. Ge­heim­nis­se gibt man nicht preis. Tar­nung, Täu­schung – auch du kennst das, Ho­heit. Al­so schwei­ge, sonst muss ich dich tö­ten. Es bie­tet uns Schutz. Wir wer­den oft un­ter­schätzt, da man denkt, wir sind nur im Was­ser ge­fähr­lich. Da­bei kön­nen wir oh­ne Pro­ble­me des Nachts euch die Keh­le durch­schnei­den, wenn uns da­nach be­liebt. Ver­giss das nie, wenn du an ei­nem Ge­wäs­ser ra­stest. Ich of­fen­ba­re mich auch nicht dir, Prinz, son­dern ihr, mei­ner Schwes­ter. Sie ist ein Teil von uns. Ihr steht es zu, dies zu wis­sen, ehe sie ei­ne Wahl trifft.« Ei­ne Wahl? Wo­von re­det sie? Mei­ne Augen ver­en­gen sich zu Schlit­zen. Sie schrei­tet auf Ali­ce zu, reicht ihr die Hand. »Ste­he auf, Tochter des Meeres! Ich wer­de dir hel­fen.«

»Ich …«, zö­gert Ali­ce, schaut mich an. Sie traut Triel eben­so we­nig wie ich. Un­si­cher­heit blitzt in ih­ren Augen auf.

»Was hast du vor Triel? Was wird es uns kos­ten?«, ver­lan­ge ich noch­mals, zu er­fah­ren. Ali­ce steht mit zit­tri­gen Bei­nen auf, ich stüt­ze sie acht­sam. Sie muss sich aus­ru­hen, hei­len. Das alles ist zu viel für ih­ren ge­schwäch­ten Körper.

»Schweig, Elb! Dies geht nur uns Schwes­tern et­was an.« Sie legt den Kopf schief. In ih­ren nas­sen Haaren klim­pern Mu­scheln, die dort ein­ge­ar­bei­tet sind.

»Hü­te dei­ne Zun­ge, Ni­xe«, mah­ne ich sie, wo­rauf­hin sie er­bost in mei­ne Rich­tung faucht, ehe sie den Blick zu Ali­ce rich­tet. Ali­ce streicht sich ihr Haar aus dem Ge­sicht, wäh­rend ich mich hin­ter sie stel­le und mei­ne Hand auf ihr Kreuz le­ge, da­mit sie weiß, dass ich da bin. Und nicht nur das, ich bin be­reit, je­der­zeit ein­zu­schrei­ten.

»Ich wer­de ih­ren Körper rei­ni­gen. Sie muss bei vol­lem Ver­stand sein, wenn sie sich für uns ent­schei­det«, teilt Triel mir kryp­tisch mit, was mir nicht ge­fällt, da­her runz­le ich Stirn pro­vo­ka­tiv.

»Kei­ne fal­schen Spiel­chen, mein Schwert funk­tio­niert ein­wand­frei«, las­se ich Triel tro­cken wis­sen, was sie mit ei­nem Zi­schen und ge­fletsch­ten Zäh­nen kom­men­tiert. Soll mir dies Angst ma­chen? Wenn ja, hat sie kei­nen Er­folg. Ihr Kopf wür­de schnel­ler auf dem Grund des Meeres lan­den, als sie bis drei zäh­len kann.

»Du wagst es, Elb?«, knurrt sie auf­ge­bracht. Das hin­ter­fragt sie noch? Ich wä­re durch­aus ge­willt, wei­taus mehr zu ris­kie­ren, um Ali­ce zu schüt­zen, da­her um­grei­fe ich mein Schwert­knauf her­aus­for­dernd und wei­che Ali­ce nicht von der Sei­te.

»Es ist okay, Cri­spin«, haucht Ali­ce, strafft da­bei ih­re Schul­tern. Sie hat ei­ne Ent­schei­dung ge­trof­fen, die mir ver­mut­lich nicht ge­fal­len wird. »Mei­ne Mutter, sie ist wie du ge­we­sen, oder? Ei­ne Ni­xe. Je­den­falls ha­be ich das ge­hört.«

Triel nickt. »Lass mich die Res­te des Gif­tes, wel­ches dich ver­wirrt, ent­fer­nen, Schwes­ter. Da­nach of­fen­ba­re ich dir, wes­halb ich hier bin. Öff­ne dei­nen Mund.«

»Was …«, set­ze ich an, um et­was zu fra­gen, doch Triel hält die Hand hoch und ver­langt of­fen­sicht­lich, dass ich schwei­ge. Sie beugt sich vor, bis ihr Mund ge­nau vor Ali­ce‘ Lip­pen ver­weilt.

Triel mus­tert sie. »Mund auf!« Zö­gernd kommt Ali­ce ih­rer Auf­for­de­rung nach. Triel legt ih­re schlan­ken Hän­de, mit Schwimm­häu­ten zwi­schen den Fin­gern, an ih­re Wan­gen an und schließt die Augen. Das Meer um uns he­rum scheint kurz still zu ste­hen, ehe die Ni­xe tief ein­at­met. Ali­ce ver­krampft sich, um­greift ih­ren Hals, wäh­rend ich sie stüt­ze.

»Auf­hö­ren!«, fah­re ich Triel an, wäh­rend das Meer um uns he­rum zu stür­men be­ginnt. Mit aller Kraft stem­me ich mich ge­gen die wil­de Gischt. Triel ig­no­riert mich, ihr Blick ist starr auf Ali­ce ge­rich­tet. Blaue Trop­fen tre­ten aus ih­rem Mund her­vor, wie klei­ne Per­len schwe­ben sie um uns he­rum, ver­meh­ren sich zu­se­hend. Ein be­acht­li­cher Wir­bel, der sich mit der Gischt ver­mischt und ei­nen wil­den Tanz auf­führt, ent­steht in­ner­halb we­ni­ger Se­kun­den. Als Triel den Mund schließt, fällt alles mit ei­nem lau­ten Platsch zu Boden. Das Meer spült den Rest des Zau­bers fort. Mein Herz pocht eigen­ar­tig schnell. Ich wa­ge es kaum, Ali­ce an­zu­se­hen. Ist sie wie­der ganz die Al­te? Er­in­nert sie sich an alles? Dies wür­de so vieles er­leich­tern.

»Der Zau­ber ist schon fast aus ih­rem Körper her­aus ge­we­sen. Die Res­te sind nun voll­kom­men fort. Gib mir dein Schwert, Prinz!« Triel hält die Hand auf, schaut mich for­dernd an.

»Nie­mals.« Mei­ne Kno­chen kna­cken, so fest um­klam­me­re ich den Griff. Auch wenn ich ihr dank­bar bin, lebens­mü­de bin ich nicht.

»Prinz?« Sie schaut fins­ter drein. Ih­re ge­öff­ne­te Hand ver­langt weiter­hin stumm mein Schwert.

Alles in mir kämpft da­ge­gen an. Ich ken­ne Triel, aber ver­traue ich ihr? Nein, die Ant­wort ist klar. Kann ich ihr ei­nen kur­zen Mo­ment trauen? Wo­mög­lich. Wer sagt mir, dass sie das Schwert nicht ge­gen uns rich­ten wird? An­der­seits, bräuch­te sie es? Sie kann uns hier so oder so ver­rot­ten las­sen. Ich bin im Zwie­spalt. Mir ist be­wusst, dass un­se­re Chan­cen ge­ra­de schlecht ste­hen, doch ich wer­de ei­nen Aus­weg fin­den, den fin­de ich immer. Ich ha­be schon un­ter schlech­te­ren Um­stän­den über­lebt, wenn auch nur um mein ei­ge­nes Le­ben und nicht das mei­ner Ge­fähr­tin.

Ali­ce wen­det sich mir zu, legt ih­re schlan­ke Hand zärt­lich auf mei­ne Wan­ge. Alles in mir zieht sich vor Sehn­sucht zu­sam­men. Zu lan­ge sind wir ge­trennt ge­we­sen. »Viel­leicht müs­sen wir ihr ver­trauen, Cri­spin. Ich füh­le mich … bes­ser. Wirk­lich. Es ist, als wür­de sich in mei­nem Kopf ei­ne gro­ße Ne­bel­wand lich­ten. Stück für Stück se­he ich mehr Bil­der, die sich lang­sam zu­sam­men­setz­ten. Ich se­he … dich. Uns. Ich se­he und füh­le so vieles …« Sie un­ter­bricht sich selbst, schluckt hör­bar. »Sie hat recht. Der rest­li­che Zau­ber ver­flüch­tigt sich. Ich er­in­ne­re mich an un­se­re er­sten Tref­fen, glas­klar. Vor ei­ner Mi­nu­te ist es noch ver­schwom­men ge­we­sen, sche­men­haft.«

All das über­for­dert sie emo­tio­nal. Das er­ken­ne an ih­rem un­glü­ckli­chen Ge­sichts­aus­druck. Und wenn ich ehr­lich bin, mich auch. Ich drü­cke sie an mich, schlie­ße ei­ne Se­kun­de die Augen, ehe ich mein Wort an die Ni­xe rich­te. »Ich ver­traue nie­man­den mehr«, tei­le ich ihr mit, wa­ge es, auf mein Ge­fühl zu hö­ren, wel­ches mich zur Vor­sicht er­mahnt. »Sprich, was du von uns willst oder ver­schwin­de.«

Triels Lä­cheln ist plötz­lich kalt wie Eis. Wis­send blit­zen ih­re Augen auf. »Du bist schlau­er, als gut für dich ist, Prinz. Oder soll ich sa­gen: Kö­nig, der sich er­he­ben möch­te? Oh ja, wir sind nicht un­wis­send. Auch uns kommt zu Oh­ren, dass du ei­ne Ar­mee ver­sam­melst und dich von dei­nem Vater los­ge­sahnt hast. Nur wa­rum? Was planst du?« Sie schaut von mir zu Ali­ce. »Mein Blut, ist dein Blut, Schwes­ter. Ich kann euch ret­ten, wenn du mein An­ge­bot an­nimmst. Du bist wie ich, ei­ne Ni­xe. Du soll­test nicht an Land bei ei­nem El­ben le­ben, das ist dei­ner un­wür­dig. Lass dein Er­be er­wachen, mö­gest du ei­ne Tochter des Meeres wer­den und die Göt­ter dir dei­ne Flos­sen schen­ken. Lass dich nicht durch et­was wie Lie­be be­herr­schen, denn sie macht schwach. Ent­schei­de dich für uns, für Macht. Je­des We­sen wird vor dir er­zit­tern. Du brauchst die­sen Mann nicht.« Ich pres­se die Zäh­ne auf­ein­an­der, knur­re lei­se. Es ist rich­tig ge­we­sen, ihr das ver­fluch­te Schwert zu ver­wei­gern. Ver­mut­lich hät­te sie es mir in den Leib ge­rammt. Triel be­ach­tet mich nicht. Wie kann sie es wagen? Statt un­ser Band zu wür­di­gen, ver­sucht die hal­be Welt, es zu zers­tö­ren. Se­hen sie nicht, wel­che Chan­ce sich uns auf­tut? Sind sie des Wahn­sinns, es so mit Fü­ßen zu tre­ten? Was glau­ben sie, wie viele Chan­cen die Göt­ter uns noch ge­wäh­ren? »Gibt mir dei­ne Hand!« Triels Augen fun­keln, wäh­rend die Wel­len immer stär­ker peit­schen, als wür­de das Meer sie an­feu­ern. Ich be­reue kei­ne Se­kun­de, auf mein Ge­fühl ge­hört zu ha­ben. Hin­ter­lis­tig. Bös­ar­tig. Ich ha­be es ge­ahnt. Ich he­be den Blick, mus­te­re Triel, die raub­tier­haft lä­chelt. »Still, Spitz­ohr!« Sie legt ih­ren Fin­ger auf die Lip­pen.« Ich wer­de mein Blut mit mei­ner Schwes­ter tei­len, so­mit den Teil des Meeres in ihr er­we­cken. Nie­mand lehnt die­ses groß­ar­ti­ge Ge­schenk ab. Sie hat das Recht, zu wäh­len, und sich ge­gen dich und die­ses ver­fluch­te Band zu ent­schei­den. Wir Ni­xen wol­len kei­ne Ge­fähr­ten, wir wol­len Macht. Es liegt uns im Blut, wir lie­ben die Furcht und das Tö­ten. Lie­be? Lä­cher­li­che, wi­der­wär­ti­ge Schwäche.«

Ich schüt­ze Ali­ce mit mei­nem Körper, tre­te ent­schlos­sen vor. »Nie­mals.«

»Nur so wer­de ich auch dich ret­ten. Lass sie ge­hen, keh­re in dein al­tes Le­ben zurück und gib mir, was uns ge­hört. Sie ge­hört zu mei­nem Volk, du zu dei­nem.«

»Sie ge­hört zu mir«, fau­che ich.

Triel rich­tet ih­ren Blick auf Ali­ce. »Das Was­ser er­kennt dich als sei­ne Tochter an. Je­de Ni­xe muss von ei­ner an­de­ren ge­seg­net wer­den, um in die Schwes­tern­schaft auf­ge­nom­men zu wer­den. Du wirst dein Blut mit mei­nem ver­ei­nen. Un­ter Was­ser wirst du nie wie­der Angst ha­ben müs­sen, zu er­trin­ken. Du wirst ewig le­ben, mäch­tig und stark sein. Aller­dings ist die Ent­schei­dung end­gül­tig. Wählst du uns und dei­ne Flos­se, ist es dir un­ter­sagt, weiter an Land zu le­ben. Es ist dir auch un­ter­sagt, dich mit ihm ab­zu­ge­ben. Wir sind dann dein Le­ben. Du bist so­mit ein Teil von et­was Grö­ße­rem. Wäh­le uns und ver­las­se die­ses Spitz­ohr, der oh­ne­hin un­ter dei­ner Wür­de ist.«

Plötz­lich däm­mert es in mei­nem Kopf. »Ihr Ni­xen wollt euch ei­nen Trumpf si­chern! Mei­ne Ge­fähr­tin in eu­ren Rei­hen wür­de euch mehr Si­cher­heit ver­schaf­fen als je­des Bünd­nis, wel­ches ihr aus­han­deln könn­tet. Ja­de weiß, dass ich Ali­ce nicht ver­let­zen wür­de, es nie könn­te.« Ich la­che hart auf. Sie hal­ten sich für so cle­ver. Triel zischt er­bost. Ich ha­be sie durch­schaut. Es geht ihr nicht um Ali­ce, nein, sie wol­len ein­zig Schutz. Ali­ce wirkt leicht pa­nisch, gar ver­wirrt. Sie hat Angst vor den Kon­se­quen­zen die­ses Er­bes. Sie ist wie er­starrt, bringt kein Ton her­vor, da­bei se­he ich, wie es in ihr ar­bei­tet.

»Es obliegt ihr allei­ne, ob sie sich uns an­schließt, oder sich von uns ab­wen­det. Lasst es mich so sa­gen: Die meis­ten von uns wäh­len wei­se oder ster­ben. Was soll sie an Land, an der Sei­te ei­nes Prin­zen oh­ne Heimat, wo sie eins der ge­fürch­tets­ten We­sen der Mee­re wer­den könn­te und das mit mehr Lieb­ha­bern, als sie zäh­len kann?«

»Wa­ge es nicht, uns zu dro­hen!«

»Ich will das nicht.« Ali­ce un­ter­bricht uns und wir bei­de schau­en sie über­rascht an.

»Sei nicht tö­richt, Misch­ling. Nie­mand von uns paart sich mit an­de­ren Ras­sen. Schon gar nicht mit dem Ziel, ein Kind zu zeugen. Dei­ne Mutter ist naiv und ein­fäl­tig ge­we­sen, ge­blen­det durch die­ses Ge­schwätz ei­nes Ge­fähr­ten. Du bist nur zur Hälf­te ei­ne Ni­xe. Statt dich zu tö­ten, bie­ten wir dir Macht. Es ist ei­ne Eh­re, dass wir dir die­ses An­ge­bot un­ter­brei­ten. Hin­ge­gen ei­ne Schand­tat, sich mit ei­nem Alb fort­zu­pflan­zen, denn es ver­wäs­sert un­ser Er­be. Doch bist du hier, an der Sei­te ei­nes Spitz­oh­res, ver­wäs­serst un­ser Er­be noch mehr. Wir blei­ben stets un­ter un­se­res­glei­chen. Wir wol­len kei­ne Ge­fähr­ten. Sie sind hin­der­lich und schwä­chen uns. Es ist gut, dass die­ses Band aus­ge­löscht wor­den ist. Wir ver­ab­scheu­en Schwäche. Wir ver­ab­scheu­en Ge­fähr­ten. Un­se­re Män­ner sind uns un­ter­le­gen. Fin­det ei­ner von uns ei­nen Ge­fähr­ten, so zö­gern wir nicht, ihn zu tö­ten, mit Freu­de. Ich wür­de ihm die Keh­le aus­rei­ßen und ver­spei­sen.«

»Nun, das klingt … nicht be­son­ders roman­tisch.« Ali­ce rückt noch nä­her an mich he­ran. Ihr Zit­tern be­schert selbst mir ei­ne Gän­se­haut. Be­sitz­ergrei­fend le­ge ich mei­ne Hand auf ih­ren Bauch, spü­re ih­ren nas­sen Körper an mei­ner nack­ten Brust. Sie wirkt ent­schlos­sen und strafft die Schul­tern.

Triel lacht auf. Of­fen­bar amü­siert es sie. »Glau­be mir, We­sen, die wil­lig sind und sich mit uns ver­gnü­gen, an de­nen man­gelt es uns nicht. Soll­test du dich ent­schei­den, bei uns zu blei­ben, wirst du es se­hen. Du wirst viele fügs­ame Opfer fin­den, die sich dir be­din­gungs­los hin­ge­ben. Du wirst frei wäh­len kön­nen. Hor­che in dich hin­ein. Spürst du die Sehn­sucht nach Macht?«

Ich ver­stei­fe mich augen­bli­cklich. Allei­ne der Ge­dan­ke, dass je­mand Hand an Ali­ce le­gen könn­te, lässt mich rot­se­hen. »Ei­nen Troll­mist wird sie, das weißt du, Triel. Sie ist nicht wie du, seelen­los. Hier­mit darfst du un­ser Bünd­nis als be­en­det an­se­hen. Wie kannst du es wagen, mich so hin­ter­ge­hen zu wol­len? Soll Cas­tiell euch doch aus­rot­ten, um kei­ne von euch wä­re es scha­de.« Ich spu­cke vor ihr auf die Er­de.

Ali­ce legt ih­re Hand auf mei­ne, dreht sich um und schaut zu mir auf. Ihr Blick ist fest, ziel­be­wusst. Sie nickt mir zu, lä­chelt schwach. »Ich weiß, wer und was ich bin, Cri­spin, und wo mein Platz ist. Ich se­he so klar, wie lan­ge nicht mehr. Viel­leicht ver­ste­he ich zum er­sten Mal wirk­lich, was wir sind und was uns ver­bin­det. Wo­mög­lich bin ich an­fangs wie du ge­we­sen, ha­be es nicht glau­ben wol­len oder kön­nen, doch jetzt weiß ich es. Sie könn­te nichts sa­gen, was mei­ne Mei­nung oder Ge­füh­le zu dir be­ein­flus­sen oder än­dern wür­de.« Sanft legt sie ih­re Hand auf mei­ne Wan­ge, mein Kie­fer mahlt an­ge­spannt. »Es tut mir so leid, dass du we­gen mir lei­den musst. Ver­zeih mir! Ich ha­be dir so weh­ge­tan … Ver­flucht, ich ha­be dich so­gar um­brin­gen wol­len. Ehr­lich, ich er­in­ne­re mich an die Wut, die ich auf dich ge­habt ha­be, doch trotz al­lem bist du ge­kom­men und hast mich ge­fun­den. Du bist alles, was ich will. Ich wür­de immer wie­der dich wäh­len.« Ehe ich ant­wor­ten kann, oder mei­ne Spra­che wie­der­fin­de, rich­tet sie ihr Wort an Triel. »Ich ha­be mei­ne Ent­schei­dung be­reits ge­trof­fen, mei­ne Be­stim­mung ist Cri­spin. Ich wäh­le ihn. Jetzt, mor­gen und für alle Zeit. Immer. Dein An­ge­bot be­schämt mich, wo du un­se­re Ge­schich­te zu ken­nen scheinst. Dei­ne Über­he­blich­keit wi­dert mich an. Ich wei­se dein Ge­schenk dan­kend zurück. Wenn ich so ein Le­ben wol­len wür­de, hät­te ich auch bei den Al­ben blei­ben kön­nen. Du ahnst nicht, was dir ent­geht, in­dem du dich ge­gen ei­nen Ge­fähr­ten wehrst.«

»Willst du mich be­lei­di­gen? Ich wür­de ihn auf der Stel­le tö­ten, wenn ich ihn fin­de«, zischt Triel auf­ge­bracht. Ih­re Augen fun­keln vol­ler Zorn. Sie kann of­fen­bar nicht glau­ben, dass Ali­ce mich statt ih­rer wählt.

Ich hin­ge­gen at­me er­leich­tert auf. Ali­ce‘ Wor­te ha­ben et­was in mir ge­löst. Ei­ne Last fällt mir von den Schul­tern, zent­ner­schwer. Ein klei­ner Teil von mir hat die Furcht ver­spürt, sie könn­te sich von mir ab­wen­den, und nach al­lem, was sie an mei­ner Sei­te er­lebt hat, ei­nen an­de­ren Weg ein­schla­gen. Ich hät­te es ihr nicht ver­den­ken kön­nen. Der ego­is­ti­sche Teil in mir hät­te nie auf­ge­hört, um sie zu kämp­fen. Zum er­sten Mal hat sie sich vol­lends zu mir be­kannt, zu un­se­rer Ver­bin­dung. Das macht mit mei­nem Herz ganz ver­rück­te Din­ge … Es pocht wild und die an­ima­li­sche Sei­te in mir möch­te sie an mich rei­ßen und in die Welt hin­aus­schrei­en, dass sie nur mir ge­hört. Ali­ce stellt sich auf die Ze­hen­spit­zen, un­se­re Lip­pen tref­fen sich. Es fühlt sich an, als wür­de auch ich nach Hau­se kom­men. End­lich. Oh, bei den Göt­tern, sie hat mir so sehr ge­fehlt. Sie hat mir nie ge­glaubt, dass die­se Ver­bin­dung be­steht, doch jetzt, nach all dem, be­greift sie es, ob­wohl ich mir ge­wünscht hät­te, dass sie da­für nicht sol­che Qua­len er­le­ben muss.

In mir pul­siert un­se­re Ver­bin­dung vor wil­der Freu­de. Ali­ce‘ war­men Lip­pen auf den mei­nen, weich und un­nach­gie­big. Ich weiß, dass sie nicht lügt, sie wie­der die ist, die ich an die­sem furcht­ba­ren Tag, an dem man sie ent­führt hat, ver­las­sen ha­be. Fe­go­ria ist nicht sanft, das weiß ich. Fe­go­ria ist ei­ne Welt, in der nur die Stärk­sten über­le­ben. Dies hat mich bis­her nie ge­stört, da ich mich zu den Stär­ke­ren zäh­le. Ge­nau das ist der Punkt: Ich bin ro­bust und wer­de mein Glück selbst su­chen. Mei­ne Geg­ner sol­len sich fürch­ten, denn ab so­fort wird mich nichts mehr auf­hal­ten, mein Schi­cksal zu er­fül­len – mit Ali­ce an mei­ner Sei­te.

Jetzt ver­ste­he ich, was das Ran­ken­we­sen da­mit ge­meint hat, dass dies mei­ne Mis­sion wä­re, Ali­ce allei­ne zu be­frei­en. Es ist mei­ne Auf­ga­be, mein Test, mich wür­dig zu er­wei­sen. Wür­dig, sie zu lie­ben, und qua­li­fi­ziert, für all das zu kämp­fen, was wir an­stre­ben. Ich bin da­ran ge­wach­sen und se­he vieles kla­rer als zu­vor. Ich be­trach­te die Al­ben durch die Be­geg­nung mit Elil voll­kom­men an­ders. Ali­ce be­hält eben­falls recht, ich ha­be das Gan­ze zu schwarz-weiß ge­se­hen. Al­be sind für mich mein Ge­burts­feind. Zu­vor ha­be ich nie mit ei­nem ge­spro­chen oder ih­nen die Chan­ce ge­ge­ben, sich mir zu er­klä­ren. Nicht, dass sie es ge­wollt hät­ten, doch mit Ali­ce‘ An­kunft scheint ein Stein ins Rol­len ge­bracht wor­den zu sein, der nicht mehr zu brem­sen ist. Fe­go­ria ist im Wan­del. Mir ist ein­ge­trich­tert wor­den, dass Al­be von Grund auf ver­dor­ben und bö­se sind, je­nes ha­be ich ge­glaubt. Wie oft ist mir die­ses Bild auf den Schlacht­fel­dern be­stä­tigt wor­den … Es gibt nicht nur schwarz und weiß, auch Grau­tö­ne, wie Ali­ce so schön sagt. Die­se ha­be ich ge­se­hen und ver­ste­he ih­re Denk­wei­se nun. Ich ha­be mei­nen Stolz her­un­ter­schlu­cken, Hil­fe an­neh­men und mein Wis­sen er­weitern, mei­ne Per­sön­lich­keit ent­fal­ten und mich fin­den müs­sen. Der Mann, der ich sein will, nicht der, den mein Vater ge­formt hat. Ich den­ke, ich ha­be jetzt ein Bild da­von, wer ich bin und wer ich sein möch­te, nicht wer ich sein muss. Ja, ich bin der Kö­nig, wi­der­wil­lig, aber ich wer­de mei­nen Platz ak­zep­tie­ren, weil es mein Schi­cksal ist. Fe­go­ria hat ei­ne Zeit des Frie­dens ver­dient. Ali­ce hat eben­falls ei­ne wei­trei­chen­de Ent­schei­dung ge­trof­fen und das Er­be ih­rer Mutter ab­ge­lehnt. Nun müs­sen wir in die Zu­kunft bli­cken, die die Göt­ter für uns vor­her­ge­se­hen ha­ben – ge­mein­sam.

Alice

Ich möch­te nie auf­hö­ren, Cri­spin zu küs­sen. Nie­mals wie­der. Ge­füh­le dro­hen, mich zu über­wäl­ti­gen, und es fühlt sich an wie ei­ne Er­lö­sung. Sein Duft um­fängt mich, er riecht nach Wald, ge­mischt mit rau­er See und nach … ihm, nach Cri­spin, nach Heimat.

Wie ha­be ich je­mals an ihm zwei­feln kön­nen? Allein die Er­in­ne­rung an die Wut, die ich ver­spürt ha­be, als wir ge­kämpft ha­ben, und der Wil­le, ihn zu ver­let­zen … Ich schä­me mich so fürch­ter­lich, aber ich schwö­re, ich wer­de es gut­ma­chen. Ich möch­te mich am liebs­ten tausend­mal ent­schul­di­gen. Mei­ne Hän­de lie­gen auf sei­ner war­men Brust, un­ter der sein Herz kräf­tig schlägt. Der Blick aus sei­nen ein­dring­li­chen Augen ist for­schend und lie­be­voll, sein oft so stör­ri­scher Mund zu ei­nem leich­ten Lä­cheln ver­zo­gen.

Triel muss ver­rückt sein, wenn sie denkt, ich wür­de dies auf­ge­ben. Sie ahnt nicht mal, wie sich ein Ge­fähr­te an­fühlt, sonst wür­de sie nicht so re­den. Die­ses Emp­fin­den ist mit nichts ver­gleich­bar, was ich bis­her er­lebt ha­be. Un­mög­lich. Cri­spin auf­zu­ge­ben, wür­de be­deu­ten, dass ich ei­nen Teil von mir selbst ver­nich­te. Nein, hier ge­hö­re ich hin, zu die­sem Mann, und ab jetzt wer­de ich nicht mehr zurück­blei­ben oder war­ten. Nein, ich wer­de kämp­fen und noch här­ter als zu­vor trai­nie­ren!

»Scha­de, sehr scha­de. Ein Ver­such ist es wert ge­we­sen. Was bie­tet ihr mir statt­des­sen für eu­re Ret­tung an?« Triel wirkt un­ge­dul­dig, noch immer zor­nig. Sie ist nicht be­reit, auf­zu­ge­ben. Cri­spin hin­ge­gen lä­chelt in un­se­ren Kuss hin­ein. Er scheint zu­frie­den zu sein.

»Klei­ner Schmet­ter­ling, das hat mir ge­fehlt. Nichts ge­gen dein krie­ge­ri­sches Ge­schick, aber so ist es mir lie­ber«, flüs­tert er lei­se, nur für mich hör­bar. Wir lö­sen uns wi­der­wil­lig vo­nei­nan­der. Triel macht ei­nen Kopf­sprung ins Was­ser, taucht sog­leich mit peit­schen­der Flos­se wie­der auf und spritzt uns mit vol­ler Ab­sicht nass. Nun gut, da­mit kann ich le­ben. »Was? Sol­len wir auf dir rei­ten?«, pro­vo­ziert Cri­spin, was sie er­bost zi­schen lässt.

»Bin ich ein Del­fin? Wa­ge es nicht, so re­spekt­los mit mir zu re­den, Prinz. Sonst wer­de ich dich er­trän­ken, so­bald sich mir die Chan­ce bie­tet. Du treibst es bis an mei­ne Gren­zen, ver­fluch­ter Elb. Das schwö­re ich bei den Göt­tern. Du über­spannst den Bogen deut­lich. Dass ei­ne von uns lie­ber dich wählt als uns, grenzt an ei­nen Fre­vel. Ich weiß nicht, wie Ja­de dies auf­neh­men wird. Sie wählt dich, ein lum­pi­ger Elb, statt uns! Für je­den an­de­ren Misch­ling wä­re dies das To­des­ur­teil.«

»Oh, da ist je­mand emp­find­lich. Man kann nicht immer ge­win­nen, Triel. Was kos­tet un­se­re Ret­tung? Sprich!« Cri­spin scheut nicht da­vor, sie weiter zu rei­zen. Ih­re Dro­hung über­geht er, denn Triel wür­de es nicht wagen, mich in sei­ner Ge­gen­wart an­zu­grei­fen. Egal, was sie sagt, sie kennt sei­nen Ruf. Je­der kennt ihn.

»Ich brin­ge euch ein­zeln. Erst Ali­ce, dann …«, er­klärt sie, doch mein Ge­fähr­te tritt vor, schiebt mich be­sitz­ergrei­fend hin­ter sich, strafft sei­ne brei­ten Schul­tern.

»Nie­mals! Nicht in tausend Jah­ren las­se ich Ali­ce allein mit dir ge­hen. Für wie när­risch hältst du mich? Ei­nen Feh­ler macht man ein­mal, in mei­nem Fall ein zwei­tes Mal, so tö­richt wie ich ge­we­sen bin. Aber nein, kein drit­tes Mal. Es kos­tet mich stets tausen­de Jah­re mei­nes un­ster­bli­chen Lebens und wahr­schein­lich wer­de ich so­gar der er­ste Elb mit grau­en Haaren sein. Wir wer­den uns nicht tren­nen. Dir traue ich nicht. Ich se­he nicht mal mehr un­ser Bünd­nis als sol­ches an. Ihr habt mich be­trü­gen wol­len. Hin­ter­häl­ti­ges Pack! Du drohst Ali­ce und jetzt soll ich sie mit dir ge­hen las­sen? Für wie dümm­lich hältst du mich, Ni­xe?«

»Al­so, wenn ich ehr­lich bin, stim­me ich ihm aus­nahms­wei­se zu. Das en­det meist bö­se für mich, in­so­fern ich mich von ihm tren­ne. Und … ich ver­traue hier nie­man­den mehr außer ihm. An­schei­nend ha­ben sämt­li­che Völ­ker ko­mi­sche Plä­ne mit mir, da­von ha­be ich die Na­se gest­ri­chen voll. Wir ge­hen zu­sam­men, oder du kannst oh­ne uns ge­hen. Wir fin­den ei­nen Aus­weg, den fin­den wir immer. Wir brau­chen dich nicht.« Die Wor­te klin­gen mu­ti­ger, als ich mich füh­le. In­ner­li­che zit­te­re ich wie Espen­laub. Er blickt mich ver­wun­dert an, doch ich schen­ke ihm ein Lä­cheln. »Was?« Bei die­sem ent­geis­ter­ten Blick steigt ein gur­geln­des Ki­chern in mir auf.

»Du stimmst mir zu? Oh Gott, du bist du fal­sche Al­bin oder es pas­sie­ren tat­säch­lich noch Wun­der!«

»Oje, seid ihr immer so an­stren­gend?« Triel spritzt uns aber­mals nass. Sie wirkt mehr als un­ge­dul­dig. Ver­mut­lich wür­de sie uns lie­ber fres­sen, als weiter zu ver­han­deln.

»Ver­lieb­te We­sen sind mir ein Graus. Es macht sie schwäch­lich, wi­der­lich weich. Prinz, bei un­se­rem er­sten Tref­fen hast du mir bes­ser ge­fal­len. So rau und hart, un­nach­gie­big mit ei­nem Hauch Ver­zweif­lung. Das ist männ­lich ge­we­sen, aber jetzt …«

Was bil­det die­ses Fisch­fi­let sich eigent­lich ein? »Wie gut, dass es nicht dei­ne Sor­ge sein muss, wie er­otisch mein Ge­fähr­te ist, denn du wirst nie das Ver­gnü­gen ha­ben, ihn zu er­for­schen«, zi­sche ich durch­aus er­bost.

»Man soll­te den Tag nie vor dem Abend lo­ben, Misch­lings­ver­rä­te­rin.« Sie spielt mit mir, das wird mir um­ge­hend klar. Und lei­der hat sie ei­nen Punkt ge­trof­fen, auf den ich aller­gisch rea­gie­re.

»Cri­spin steht nicht auf gars­ti­ge Fisch­stäb­chen.« Cri­spin hus­tet in sei­ne Hand, doch sei­ne Schul­tern zu­cken da­bei ver­däch­tig. Er amü­siert sich kö­nig­lich, die­ser Blöd­mann. Er mag es, wenn ich mich auf­re­ge.

»Fisch­stäb­chen? Hat sie mich ge­ra­de be­lei­digt, das Al­ben­bas­tard­kind auf den dün­nen Bein­chen?« Triel leckt sich die Zäh­ne. »Sei froh, dass ich noch nicht be­schlos­sen ha­be, dich zu tö­ten. Ich könn­te dich mit den Zäh­nen zer­flei­schen und aus­wei­den.«

»Willst du dei­nen Drei­zack ho­len? Ich ha­be echt kei­nen Bock mehr da­rauf, dass mir stän­dig je­der sagt, was bes­ser für mich ist und meint, mir dro­hen zu kön­nen. Ver­schwin­de, wir brau­chen dei­ne Hil­fe nicht. Auch wenn du denkst, dass du ge­fähr­lich bist, un­ter­schät­ze mich nicht. Du war­test hier ver­ge­bens da­rauf, dass ich ein­wil­li­ge.« Wut bro­delt in mir hoch. Ich ha­be ge­nug von all dem. Die­ser Welt wer­de ich ab jetzt mei­ne Kral­len zei­gen.

»Es ist dei­ne letz­te Chan­ce. Man lehnt die­ses An­ge­bot nicht acht­los ab. Die­se Chan­ce bie­tet sich dir nie wie­der.«

Mein Blick huscht zum Strand und auch Cri­spin be­merkt, dass sich dort Al­be sam­meln, die uns su­chen. Noch sind sie nicht auf die Idee ge­kom­men, dass wir auf dem Meer ver­wei­len. Die raue See und die Fel­sen bie­ten uns Schutz, zu­min­dest für ei­ne kur­ze Wei­le, denn die er­sten Dra­chen stei­gen be­reits in die Luft. Es ist nur ei­ne Fra­ge der Zeit, ehe sie uns fin­den. Cri­spin und ich wech­seln ei­nen ein­dring­li­chen Blick. Wir kom­mu­ni­zie­ren wort­los. Ich könn­te, will ich sa­gen, doch er schüt­telt den Kopf. Wir fin­den ei­nen an­de­ren Weg. Un­se­re stil­le Kom­mu­ni­ka­tion dau­ert nur we­ni­ge Se­kun­den, aber die Ent­schei­dung ist ge­fal­len. Ich ver­las­se mich da­rauf, dass Cri­spin die La­ge bes­ser be­ur­tei­len kann als ich, denn ich ha­be mäch­tig Schiss, wenn ich ehr­lich bin. Der Ge­dan­ke, Grimm wie­der­zu­se­hen, ist furcht­ein­flö­ßend.

Triel setzt ein Mu­schel­horn an ih­re Lip­pen und hält es un­ter Was­ser. Kur­ze Zeit spä­ter taucht ei­ne weite­re Ni­xe ne­ben ihr auf, ih­re ro­ten Augen mus­tern uns un­miss­ver­ständ­lich, wäh­rend ihr blau­es lan­ges Haar im Was­ser hin­ter ihr treibt. Sie legt den Kopf schief, ent­blößt ih­re Zäh­ne. »Wir könn­ten dich ein­fach zwin­gen, das weißt du, oder?«, lä­chelt Triel.

»Ver­sucht es nur.« Cri­spin hebt sein Schwert und schwingt es lo­cker im Hand­ge­lenk. »Ich kann es kaum er­war­ten. Ich glau­be, es wä­re mir so­gar ei­ne Freu­de, dir den Kopf sau­ber von den Schul­tern zu schla­gen.« Be­wun­dernd schaue ihn an. Wie kann er so furcht­los sein? »Sieh zu und ler­ne, klei­ner Schmet­ter­ling«, neckt er mich lei­se, kas­siert da­für ei­nen fes­ten Boxer ge­gen sei­nen Ober­arm. Er zuckt nicht mal mit der Wim­per.

»Dein Ego ist oh­ne­hin schon so rie­sig, da muss ich es nicht noch för­dern.« Mei­ne Ant­wort lässt ihn hei­ser auf­la­chen. Ich weiß nicht, was ihn ge­ra­de so mun­ter macht. Ist es die Nah­tod­er­fah­rung? Er ist nicht be­reit, auf­zu­ge­ben. Je­mand hat einst ge­sagt, un­se­re größ­te Schwäche liegt ge­nau da­rin, im Auf­ge­ben.

Oh­ne die Ni­xen aus den Augen zu las­sen, greift er mei­ne Hand und zieht sie an sei­ne Lip­pen. »Wir wer­den Schwim­men.« Er küsst je­den mei­ner Fin­ger­knö­chel, was mei­ne Bei­ne zit­tern lässt. Hit­ze schießt durch mei­ne Adern. Ich weiß, dass sein Plan ver­rückt ist, aber ni­cke den­noch. Sei­ne Mie­ne wird wie auf Knopf­druck wie­der hart, er blickt auf. Über uns ver­neh­men wir Flü­gel­schlä­ge, laut und kräf­tig, und ein schwar­zer Schat­ten kommt schnell auf uns zu­ge­rast. Es fühlt sich an wie ei­ne kal­te Du­sche. Wir ha­ben zu lan­ge ge­war­tet – Grimm kommt uns ho­len. Cri­spin stößt mich zu Boden, be­deckt mei­nen Körper mit sei­nem, wäh­rend die Ni­xen ab­tau­chen, um dem Dra­chen zu ent­kom­men, der sich auf uns stürzt. Pa­nik brei­tet sich in mir aus. Das ist nicht fair. Wa­rum?

Crispin

Ich ver­su­che, Ali­ce mit mei­nem Körper ab­zu­schir­men, und dre­he mich mit er­ho­be­nem Schwert um. Be­reit, mit Blut um un­ser Le­ben zu kämp­fen und Grimm die Stirn zu bie­ten. »Lust auf ei­nen schnel­len Ritt?« Elil sitzt in vol­ler Kampf­mon­tur auf die­sem Un­ge­tüm von Dra­chen und ich hal­te per­plex in­ne. Mit die­sem An­blick ha­be ich bei den Göt­tern nicht ge­rech­net – und bei sei­nem An­ge­bot dreht sich mir der Ma­gen um. Dra­chen­rei­ten? Es gibt in mei­nen Augen kaum et­was Schlim­me­res, mit dem man mir Qua­len zu­fü­gen könn­te. Aller­dings wer­de ich die­se Schwäche nie­mals preis­ge­ben und ich kann nicht leug­nen, auch ei­nen An­flug von Er­leich­te­rung, dass er hier ist, zu ver­spü­ren. Die­se Wen­dung ist über­ra­schend und po­si­tiv. Die Göt­ter schei­nen uns heu­te wohl­ge­son­nen, was wirk­lich lang­sam Zeit wird.

»Dass ich je­nes mal sa­ge … Aber ich bin froh, dich zu se­hen«, brin­ge ich fei­xend her­vor, wo­rauf­hin sich sei­ne Mund­win­kel zu ei­nem ver­schmitz­ten Lä­cheln ver­zie­hen. Alles an die­sem Bild ist wi­der­sprüch­lich: Ein tod­brin­gen­der Alb, der mich an­lä­chelt und mir sei­ne hel­le Hand reicht wie ein Freund.

»Du hast ei­ne Schwäche für mich, oder?« Ich win­ke ab.

»Ja, ge­nau so groß wie mei­ne Schwäche für Troll­dung.«

»Nicht sehr höf­lich sei­nem Ret­ter ge­gen­über, Prinz.«

Ali­ce er­hebt sich eben­falls. Sie mus­tert den Al­ben vor uns, der uns die Hand immer noch ent­ge­gen­hält. Plötz­lich zö­gert er, zieht sie an sei­ne Brust, ehe er mich an­schaut.

»Wird sie mich um­brin­gen? Dann war­ne mich vor, mein El­ben­freund.«

»Nein, sie hat ih­re Er­in­ne­run­gen wie­der­er­langt.«

»Wenn das so ist, kommt! Es wird nicht mehr lan­ge dau­ern, bis sie hier sind und euch su­chen. Mei­ne Män­ner len­ken sie ab, so lan­ge es geht. Sie wis­sen be­reits, dass ihr Hil­fe ge­habt habt. Cas­tiell und Grimm sind außer sich vor Wut. Sie su­chen die Ver­rä­ter. Al­so ge­nau ge­nom­men mich. Dass ihr Kom­man­dant der­je­ni­ge ist … Nun, das zie­hen sie wohl kaum in Er­wä­gung. Glück für uns. Vor­erst. Bald wird bei ih­nen der Edel­stein fal­len und sie wer­den eins und eins zu­sam­men­zäh­len. Wenn dies ge­schieht, wä­re ich gern fort.« Sei­ne Zäh­ne blit­zen auf.

Ein wei­te­rer Dra­che er­scheint über uns, er ist feu­er­rot. Sei­ne Schup­pen glän­zen im Licht der Son­ne. All­ia­ria klam­mert sich in vol­ler Kampf­aus­rüs­tung an Lio­ma. Bei­de wir­ken ent­schlos­sen. »Wir müs­sen los, sie kom­men. Was dau­ert das so lan­ge?«, zischt sie. Ali­ce macht ei­nen Schritt auf den Dra­chen zu, er­greift die ihr dar­ge­bo­te­ne Hand. Ich le­ge mei­ne Hän­de an ih­re Hüf­te und he­be sie an. Mit Schwung lan­det sie auf dem Rü­cken des Dra­chen und grinst wie ein klei­ner El­bling. Die­se Freu­de kann ich nicht tei­len, ge­wiss nicht, doch tra­ge ich mein Schi­cksal mit Fas­sung, wie es sich ge­hört. Ich drü­cke mei­ne Hand un­auf­fäl­lig auf mei­nen jetzt schon glu­ckern­den Ma­gen, ste­cke das Schwert weg.

»Dass ich das noch­mal ma­che …«, murm­le ich, ehe ich Elils Hand eben­falls er­grei­fe und mich auf die­sen ver­fluch­ten Dra­chen hie­ve, hin­ter Ali­ce Platz neh­me. So­fort grum­melt es ge­fähr­lich in mir. Mein Körper scheint an mir zu zwei­feln. El­ben sind nicht zum Flie­gen be­stimmt, de­fi­ni­tiv nicht.

»Hal­tet euch fest, das wird kein schö­ner Flug«, teilt der ver­fluch­te Alb mir mit, steigt so­fort sen­krecht in die Hö­he. Mein Ma­gen bleibt ir­gend­wo un­ter uns, mir wird un­sag­bar übel und ich bei­ße die Zäh­ne so kräf­tig auf­ein­an­der, dass mein ver­damm­ter Kie­fer knackt. Den­noch be­hal­te ich die Hal­tung und drü­cke mich an Ali­ce, um sie zu si­chern. Ich kann und wer­de die­se Schwäche nicht preis­ge­ben. Nie­mals! Vor­her bei­ße ich mir die Zäh­ne aus.

Was macht Ali­ce? Sie lacht aus vol­lem Hals und freut sich viel zu sehr über die­se fürch­ter­li­che Art, sich fort­zu­be­we­gen. Bei den Göt­tern, wo­mit ha­be ich das ver­dient? »Als wä­re ich ein Vogel«, ruft sie ge­gen den Wind, doch ich kann die­se Be­geis­te­rung we­der tei­len noch ver­ste­hen. Ich be­te still zu den Er­schaf­fern, dass wir es bald über­stan­den ha­ben.

»Dein klei­ner El­ben­prinz sieht das si­cher an­ders, er ist nicht für so et­was ge­macht. Das sind nur ech­te Al­be. Er hat sich nach un­se­rem er­sten Flug wie ei­ne klei­ne La­dy hin­ter den Bü­schen er­bro­chen. Sehr amü­sant. Ich wünsch­te, sei­ne Män­ner hät­ten dies ge­se­hen. Der le­gen­dä­re Prinz der El­ben, der sich nach ei­nem klei­nen Flug er­bricht.«

»Das hast du ihr jetzt un­be­dingt er­zäh­len müs­sen, oder?«, knur­re ich, wo­rauf­hin er ge­gen den Wind lacht. Das wird er mir für alle Ewig­kei­ten vor­hal­ten. Zum er­sten Mal, seit ich den­ken kann, wer­de ich rot bis an die Oh­ren­spit­ze. Es ist mir mehr als un­an­ge­nehm, dass er Ali­ce die­se Schwäche of­fen­bart. Vor al­lem, dass je­mand mich in solch ei­nem schwa­chen Mo­ment ge­se­hen hat, dann auch noch ein Alb. Schlim­mer geht es kaum. Ali­ce drückt trös­tend mei­ne Hand. Ich un­ter­drü­cke ein Knur­ren, will kein Mit­leid. Das ist … Nein!

»Hal­tet euch fest!« Wir ma­chen ei­ne schar­fe Dre­hung, weichen Bäu­men aus und flie­gen tie­fer, um un­ent­deckt zu blei­ben. Äs­te schla­gen ge­gen mei­ne Bei­ne, schram­men an uns ent­lang und ich ver­su­che, Ali­ce mit mei­nem Körper ab­zu­schir­men. Nicht viel spä­ter bre­chen wir aus dem Di­ckicht, stei­gen weit hin­auf in den Himmel, bis die Wol­ken un­ter uns ver­wei­len. Son­nen­licht blen­det mich und ich knei­fe die Augen zu­sam­men. »Cas­tiell hat uns aus­ge­schickt, euch zu fin­den«, teilt Elil uns mit und zeigt ne­ben sich. Dort glei­ten min­des­tens drei­ßig weite­re Dra­chen ne­ben uns her, wie ich über­rascht und leicht be­sorgt fests­tel­le. »Das sind mei­ne Män­ner, sie sind mir treu er­ge­ben. Die an­de­ren Trupps su­chen in der an­de­ren Rich­tung. Ich ha­be sie auf­ge­teilt. Sie wer­den nie­mals auf die Idee kom­men, dass ihr mit uns fliegt oder wir euch zur Flucht ver­hel­fen. Als er­ster Kom­man­dant ist es schwer, dies mit mei­nem Stolz zu ver­ein­ba­ren, denn ich füh­le mich wie ein Ver­rä­ter. Aller­dings hand­le ich nur im Sin­ne mei­nes Vol­kes und das Wis­sen hilft mir.«

»Wie sieht dein Plan aus?«, hin­ter­fra­ge ich.

»Wir kön­nen euch nicht bis ans En­de brin­gen, so leid es mir tut. Es ist zu ris­kant. Wir kön­nen sie kurz täu­schen, doch je­de Mi­nu­te zählt. Wäh­rend wir auf der Su­che nach euch sind, führt ein wei­te­rer Teil von uns alle aus dem Schloss, die sich uns an­schlie­ßen wol­len – je­ne, de­nen ich ver­traue, die sich ge­gen Cas­tiell stel­len. Ich wer­de sie mit dei­ner Kar­te füh­ren und auf dein Wort set­zen, dass wir will­kom­men sein wer­den. Die­ser Plan klingt immer noch so ver­rückt in mei­nen Oh­ren, aber hät­te mir je­mand ge­sagt, dass Cri­spin, der Kron­prinz der El­ben, mit mir auf ei­nem Dra­chen rei­ten wird, hät­te es nicht we­ni­ger ver­rückt ge­klun­gen.«

Ich den­ke fie­be­rhaft nach. Den Zeit­punkt für den Treff­punkt mit Ci­an und No­am ha­ben wir um Län­gen ver­passt. Sie ha­ben uns ge­stern er­war­tet. Wo wer­den sie lang­kom­men? Ich über­le­ge eif­rig und ver­su­che her­aus­zu­fin­den, wo wir sind. Aller­dings ha­be ich kei­nen blas­sen Schim­mer und fra­ge mich, wie Elil mit ei­nem Dra­chen na­vi­gie­ren kann. Ich be­wun­de­re ihn da­für, wenn ich ehr­lich bin, denn un­ter uns se­he ich nichts als Wol­ken, wei­che und di­cke Wol­ken.

»Elil, dan­ke, dass du uns hilfst.« Ali­ce rich­tet ihr Wort an ih­ren Cou­sin.

»Für ein bes­se­res Le­ben«, er­wi­dert er nur, ehe sich der Dra­che um sich selbst dreht. Bei den Göt­tern, ich schwö­re, er macht dies mit Ab­sicht, um mich zu quä­len. Hät­te ich heu­te et­was ge­ges­sen, so wä­re es jetzt auf dem Weg, tal­wärts.

All­ia­ria taucht ne­ben uns auf. »Fangt!« Sie wirft ei­nen Sack zu uns her­über, den ich ge­schickt auf­fan­ge, und zwi­schen uns plat­zie­re. »Neue Klei­dung und Vor­rä­te.« Ich ni­cke ihr dan­kend zu. Sie lä­chelt und wirkt nicht mehr wie die Zo­fe, die ich ken­nen­ge­lernt ha­be. Ihr Haar ist streng nach hin­ten zu ei­nem ho­hen Zopf ge­bun­den, be­tont ih­re schar­fen Ge­sichts­zü­ge und ver­leiht ihr et­was Krie­ge­ri­sches, was mir zu­vor ent­gan­gen ist. Ih­re Rüs­tung gleicht der, die Ali­ce auf dem Fest der Al­be ge­tra­gen hat, sie glänzt im Licht der Son­ne. Stolz und er­ha­ben schaut sie zu uns rü­ber. Sie äh­nelt Ali­ce mehr, als ich an­ge­nom­men ha­be.

»Bringt uns an den Rand der Ge­bir­ge! Von dort aus fin­de ich den Weg und wir wer­den als­bald auf mei­nen Bru­der tref­fen … Ich ken­ne sei­ne Rou­te. Ich ha­be die Kar­ten ge­nau stu­diert und mir den Weg ein­ge­prägt. Ich über­las­se nichts dem Zu­fall. Dein Über­le­ben kann da­von ab­hän­gen, ei­nen zwei­ten Plan in der Hin­ter­hand zu ha­ben.«

»So sei es«, ruft Elil, gibt sei­nen Dra­chen­reitern mit Hand­zeichen Be­feh­le, ehe er sich im mör­de­ri­schen Tem­po wie­der auf den Weg macht und die Wol­ken an uns vor­bei­zie­hen. Es fühlt sich ko­misch an, mit ei­ner Ar­mee Al­be zu flie­gen. Alles in mir ist auf Ob­acht, auch wenn Elil es ge­schafft hat, mein Ver­trauen zu ge­win­nen. Er hat sich be­wie­sen.

Der Flug ver­läuft äu­ßerst tur­bu­lent. Als wir nach viel zu lan­ger Zeit end­lich lan­den, ge­ben mei­ne Knie fast nach, so zit­trig sind sie. Nur mit Mü­he und Not ge­lingt es mir, ste­hen zu blei­ben, was die­ser ver­fluch­te Alb mit ei­nem Fei­xen quit­tiert. Kal­ter Schweiß sitzt mir im Na­cken und ich at­me ei­ni­ge Ma­le tief ein, um die Übel­keit zu über­win­den, wäh­rend Ali­ce leicht­fü­ßig ne­ben mir lan­det. Sie schaut mich fra­gend an, ehe sie leicht schmun­zelt. Die an­de­ren Dra­chen­reiter schwe­ben weiter über un­se­ren Köp­fen. Es ist ein son­der­li­ches Ge­fühl, dass sie uns schüt­zen, nicht, dass sie uns an­grei­fen wol­len. In mei­nem Kopf ist die­ses Wis­sen je­doch erst halb an­ge­kom­men.

»Es tut mir leid, dass ich euch nicht weiter be­glei­ten kann. Hier soll­tet ihr auf dei­nen Bru­der tref­fen – in ein, zwei Ta­gen, wenn dei­ne Rou­te stimmt.« Ich ni­cke ihm ernst zu. Sie stimmt, das weiß ich. »Wir se­hen uns an ei­nem bes­se­ren Ort, mein Freund. So die Göt­ter wol­len, wer­den wir Sei­te an Sei­te kämp­fen.« Freund … Die Wor­te schme­cken ko­misch in mei­nem Mund, aber er hat recht.

»So sei es, Freund. Mö­gen wir uns wie­der­se­hen. Wir tref­fen uns im Wüs­ten­hain. Pass auf dich auf«, er­wi­de­re ich und mei­ne je­des Wort ge­nau so, wie ich es sa­ge.

»Dein Prinz sorgt sich um mich, Ali­ce. Nied­lich, oder?« Ali­ce schnaubt be­lus­tigt, nimmt ih­ren Cou­sin in den Arm, was ihn kurz er­star­ren lässt. Wir äh­neln uns sehr, an­schei­nend ist er die­se körper­li­che Nä­he eben­so we­nig ge­wöhnt wie wir.

»Ich fra­ge mich wirk­lich, was ich alles ver­passt ha­be.«

»Das willst du nicht wis­sen«, mur­re ich. Elil nickt uns noch ein­mal zu, steigt dann hin­auf in den Himmel und ist als­bald nur noch ein Fleck am Ho­ri­zont. Mit ihm ver­schwin­den auch die an­de­ren Dra­chen, nur wir blei­ben zurück. Die­se Ret­tung ist denk­bar un­er­war­tet ge­kom­men. Ich zie­he Ali­ce an mei­ne Brust, drü­cke mei­ne Lip­pen auf ih­re war­me Stirn, mein Mund streift ih­ren, ehe ich ih­ren un­ge­schütz­ten Hals küs­se. Ich gön­ne mir die­se Se­kun­de und ge­nie­ße das Ge­fühl, dass wir zu­sam­men und, bis auf ein paar Krat­zer, wohl­auf sind. Sie schlingt die Ar­me um mei­nen Rumpf, was ich mit ei­ner Um­ar­mung er­wi­de­re. Ihr wei­cher Körper schmiegt sich an mich, sorgt da­für, dass die Be­sorg­nis in mir ab­nimmt. Wir hal­ten uns ei­ni­ge Se­kun­den nur fest. Wir ha­ben es ge­schafft. Zwar sind wir noch nicht in Si­cher­heit, doch un­se­re Ster­ne ste­hen bes­ser als heu­te Mor­gen. Da­rauf kann ich auf­bauen. »Küss mich.« Es ist kei­ne Bit­te, son­dern ein Be­fehl, den ich an Ali­ce rich­te. Ich brau­che sie wie die Luft zum At­men. So sehr, dass es mich schmerzt. Sie ist hier, bei mir. Wir sind zu­sam­men und le­ben. Dies­mal hat es nicht so ro­sig aus­ge­se­hen wie sonst. Es hat durch­aus schon solch brenz­li­gen Si­tua­tio­nen in mei­nem Le­ben ge­ge­ben, aber kei­ne hat die­se Furcht in mir aus­ge­löst wie je­ne, die Ali­ce be­trifft.

»Nur zu gern«, flüs­tert sie, wo­rauf­hin ih­re Fin­ger über mei­nen Na­cken glei­ten, sich in mei­nen Haaren, die ganz hart vom Salz sind, ver­gra­ben. Ich freue mich auf ein Bad und sau­be­re Klei­der. »Wir bei­de ge­ben ein schö­nes Paar ab, oder? Dre­ckig bis zur Na­sen­spit­ze.« Sie lä­chelt mich an. Ein Glu­cksen bahnt sich den Weg aus mei­ner Brust. Es fühlt sich fremd an … So lan­ge ha­be ich nicht mehr ge­lacht.

»Da vor­ne gibt es ei­nen Bach. Ich ha­be ihn von die­sem Un­ge­tüm aus er­blickt. Viel­leicht soll­ten wir uns wa­schen und um­zie­hen. So sehr ich dich lie­be, aber du hast recht. Du müf­felst, mei­ne Liebs­te. Dann se­hen wir weiter. Es wird bald Nacht wer­den. Wir müs­sen ei­nen Schlaf­platz fin­den. Ich ken­ne die­se Ge­gend nicht oder was hier nachts um­hers­treift. Ak­tu­ell möch­te ich das auch gar nicht.«

»Als ob du nach Rosen duf­ten wür­dest«, neckt sie mich, als wir uns Hand in Hand ei­nen Weg durch das Un­ter­holz bah­nen.

»Oh, was wür­de ich für ei­ne Haar­kur ge­ben«, stöhnt sie, doch ich ha­be kei­ne Ah­nung, was ei­ne Haar­kur ist, oder wie ich sie ihr be­schaf­fen kann. Ich spü­re je­den Schritt in mei­nen Kno­chen und ah­ne, dass es Ali­ce nicht an­ders geht, doch kei­ner von uns be­schwert sich. So sanft wie mög­lich, he­be ich sie über ei­nen um­ge­fal­le­nen Baum. Sie ver­zieht kurz ihr Ge­sicht. Ihr Rü­cken muss furcht­bar schmer­zen, aber er heilt. Immer wie­der wer­fe ich ver­stoh­le­ne Bli­cke da­rauf. Auch be­mer­ke ich ih­re Bli­cke, als sie mein leich­tes Hin­ken wahr­nimmt. Die­se Chi­mä­re hat gan­ze Ar­beit ge­leis­tet. Mein Bein be­nö­tigt drin­gend ei­ne Pau­se, um zu re­ge­ne­rie­ren. Wir fin­den den Bach, ent­le­di­gen uns un­se­rer Klei­dung und ba­den im eis­kal­ten Was­ser. Ich las­se die Um­ge­bung nicht aus den Augen, auch wenn alles fried­lich wirkt. Oh, was freue ich mich auf Zeiten, wo ich nicht hin­ter je­dem Baum ei­ne Ge­fahr ver­mu­ten muss. Ich lie­be es sonst, un­ter frei­em Himmel zu näch­ti­gen und die Ster­ne zu be­trach­ten.

Ali­ce spritzt mich nass. Ich kom­me nicht drum he­rum, ih­ren be­zau­bern­den Körper zu mus­tern. Mein ei­ge­ner Körper rea­giert mit Be­gier­de auf den An­blick mei­ner Ge­fähr­tin, wie sie mit dem nack­ten Rü­cken zu mir im Was­ser steht und sich nun weiter frös­telnd wäscht. Vor­sich­tig tre­te ich hin­ter sie, tup­fe ihr sanft das Blut und den Schmutz vom ram­po­nier­ten Körper ab, ehe ich mei­ne Lip­pen auf ih­re Schul­ter drü­cke. Sie ist so tap­fer. Mein wun­der­schö­ner Schmet­ter­ling. Stark und schön. Mei­ne. Sie ist über­sät von Blut­er­güs­sen und Schürf­wun­den, eben­so wie ich. Am schlimm­sten aber ist ihr Rü­cken, auch wenn die Hei­lung schon gut vor­an­ge­schrit­ten ist. Der lan­ge Schnitt hat sich ge­schlos­sen, Schorf und Nar­ben­ge­we­be bil­det sich lang­sam. Bald wird nur noch ei­ne Nar­be zurück­blei­ben und mich da­ran er­in­nern, wie schnell das Le­ben aus­ge­haucht sein kann. Mei­ne Hän­de strei­chen sach­te ih­re Sei­te hi­nab und sie er­zit­tert un­ter mei­nen Be­rüh­run­gen. Himmel, ich bin den Göt­tern so dank­bar, dass wir wie­der zu­sam­men sind. Das Wis­sen, dass sie mich liebt, nach all dem, ist schier un­glau­blich. Ich dre­he sie zu mir um, fah­re mit dem Mund ih­ren Hals ent­lang, bei­ße spie­le­risch hin­ein und trotz un­se­rer Bles­su­ren stöhnt sie ge­nüss­lich auf. Die­se Nä­he zu ihr macht mich ge­ra­de völ­lig fer­tig. Ge­füh­le strö­men auf mich ein. Er­leich­te­rung, Wut, Angst, Lie­be. Mein mo­men­ta­nes größ­tes Pro­blem? Ver­lan­gen. Ich möch­te sie all das Schlech­te ver­ges­sen las­sen und neue, schö­ne Er­in­ne­run­gen er­schaf­fen. »Soll ich auf­hö­ren?«, fra­ge ich mit rau­er Stim­me. Mein Dau­men fährt vor­sich­tig über ih­re wei­che Haut. Sie schmiegt ih­ren Körper an mich, das kal­te Was­ser ist längst in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Flam­men schie­ßen durch mich hin­durch. Es lo­dert heiß in mei­nen Adern.

»Dann müss­te ich dich wirk­lich tö­ten. We­he, du hörst auf«, mur­melt sie lei­se an mei­ner Brust und drückt ih­re Lip­pen auf ei­nen Blut­er­guss in der Grö­ße ei­nes Pfer­de­hu­fes. Mein Mund­win­kel hebt sich. Ich um­grei­fe ih­re Tail­le, zie­he sie so eng an mich, dass kein Blatt mehr zwi­schen uns passt, und er­obe­re ih­ren Mund mit dem mei­nem. Mei­ne har­te Männ­lich­keit drückt sich an ih­ren Bauch, zeigt ihr mehr als deut­lich, wie sehr ich sie be­geh­re. Und das tue ich, mit je­der Fa­ser mei­nes Körpers. Ih­re Hän­de kral­len sich in mei­ne Schul­tern. Sie brennt eben­so lich­ter­loh wie ich. In mir zischt das In­fer­no, be­reit, mich zu ver­zeh­ren, wenn ich nicht weiter­ma­che, sie nicht weiter küs­se und ih­ren Körper in Be­sitz neh­me. Mit dem Fin­ger fährt sie mei­ne Bauch­mus­keln ent­lang, wo­rauf­hin ich ge­nüss­lich die Augen schlie­ße. Die­se Frau bringt mich um den Ver­stand. Mit mei­ner Hand wan­de­re ich tie­fer, er­for­sche ih­re war­me Mit­te, wäh­rend sie sich in mei­nen Ar­men win­det. »Ich brau­che dich, Cri­spin«, flüs­tert sie er­stickt an mei­ne Brust. Ge­nau das will ich hö­ren. Mit Schwung he­be ich Ali­ce hoch, sie schlingt die Bei­ne um mei­nen Körper und ich tra­ge sie aus dem Was­ser, wäh­rend sie mei­nen Hals küsst und mich an den Rand mei­ner Selbst­kon­trol­le bringt. Un­ter den Bäu­men ge­he ich in die Knie. Sie schmiegt sich an mich, als wä­ren wir eins. Ihr Schoß drückt sich ein­la­dend und auf­rei­zend ge­gen mich. Ich kann mich kaum noch be­herr­schen, nicht wie ein wil­des Tier über sie herz­ufal­len. Ich bet­te sie vor­sich­tig auf dem Laub, was sie nicht zu stö­ren scheint. »Fass mich an, Cri­spin«, fleht sie. Zu ger­ne kom­me ich die­ser Auf­for­de­rung nach.

Mei­ne Hand wan­dert über ih­ren Na­cken. »Ich fas­se dich doch an«, ne­cke ich sie.

»Ich brau­che mehr von dir«, wim­mert sie fast und ich ge­nie­ße das Wis­sen, dass sie sich eben­so ver­zerrt wie ich mich.

»Sag mir, zu wem du ge­hörst, Ali­ce? Für jetzt und alle Zeit«, for­de­re ich rau, denn alles in mir be­nö­tigt die­se Ant­wort. Ich muss wis­sen, dass sie mein ist. Ein an­ima­li­scher Teil in mir lechzt da­nach, dass ih­re schö­nen Lip­pen es aus­spre­chen.

»Zu dir, ich ge­hö­re dir«, haucht sie. Schon brau­che ich kei­ne Auf­for­de­rung mehr, son­dern ver­sen­ke mich mit ei­nem Stoß in ihr.

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9783947115273
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