Читать книгу: «Herzstücke Hamburg»
CHRISTINE LENDT,
ANNETT RENSING

HERZSTÜCKE
IN HAMBURG
BESONDERES ABSEITS DER BEKANNTEN WEGE ENTDECKEN



Inhalt
IMMER: EINE SÜNDE WERT!
1Einen echten Hamburger essen
2Flaschenhussen und Siebdruckkurse
3Das Aroma von Schanze und Pauli
4Zerbrochenes findet zusammen
5Elbegut Treibholzunikate
6Das Franzbrötchen – nur in Hamburg
7Haltestelle zur Wurst
8Viel Zeit für Arabica und Robusta
9Alternativen zum Zwiebelmuster
10Heißgetränk für den Scheich
11Labskaus zu Kalles Liedern
12Feilschen mit Eulen und Lerchen
13Abgang anhaltend mit dunkler Schoki
14Qualmen unter Schiffsmodellen
15Fischbude eines wahren Königspaares
16Geboren werden, anders herum
17Fünffach kulturell gefüllte Box
18Zu Gast beim Treppenkrämer
19Wo die letzten Reepschläger wohnten
20Fernsicht am Bahnhof Dammtor
MAL WIEDER: ZEIT FÜR KULTUR!
21Heimat einer zeitweilig versteckten Glocke
22Backstein à la Blinky Palermo
23Das Kreuz mit offenem Herz
24Wo Zappa für Bach spielt
25Keine Kohle zum Dichten
26Deutsches Maler- und Lackierer-Museum
27Hamburgische Geschichtchen
28Bildende Kunst statt Marktgemüse
29Psychedelische Spende vom SPIEGEL
30Der große Elbebetrug
31Das Brillenmuseum in Winterhude
32Kreative Insel auf dem Überseering
33Kultur im Torhaus der von Kurtzrocks
34Innen poppig, Mit langer Tradition
35Koppelung von nah und fern
36Bronzeleben vor hohen Häusern
37Ein literarisches Knusperhäuschen
38Schmetterlinge im Philosophenturm
39Mit Aby Warburgs Augen
40Schönheiten, ganz aus Gips
41Hamburger Rotspon im Speicher genießen
42Neuer Glanz für Ida Ehres Probebühne
43Die Galerie der Schlumper
44Wasserkunst auf der Elbinsel
45Ein Saal voller Unerschrockener
46Schwimmende Bühne mit Stuhlpaten
47Erstaunliche Volt-Kreationen
48Imbiss für hungrige Kunstfreunde
49Wo die Queen Mary 2 fast 800 000 Teile hat
50Kamm in – und werde ein Star
FÜR: ENTDECKER!
51Kunst statt Dunst
52Papa, ich will wieder ins Museum!
53Griffel, Rohrstock, Poesiealben
54Flughafenlandeplatz Beobachtungsposten
55Wasserspielplatz im Hamburger Stadtpark
56Die bisher süßeste Pädagogen-Idee
57Die Grotte unter dem Altonaer Balkon
58Arboristisches Kleinod in Eimsbüttel
59Hospital für hustende Igel
60Unterrichten statt austreten
61Tabakfabrik neben Geisterspielplatz
62Tour mit Coffee to swim
63Klotzmodelle und Windschnittiges
64Vergessene Perlen der Kunst
HEUTE: WILL ICH RAUS!
65Erben der großen Sturmflut
66Ein positiver Panzer-Effekt
67Die »Titanic« von Blankenese
68Der DJ vom Willkomm Höft
69In Wedel an die Südsee
70Museum mit Kieken und hohen Kanten
71Das mobile Kino: flexibles Flimmern
72Ein Wasser, weich wie Wolken
73Mit der Beifußfrau durch den Jenischpark
74Von der Parzelle zum Abenteuerplatz
75Beim Bahnenziehen Kapitänen zuwinken
76Letzte Hamburger Litfaßsäulen
77Die wunderbare Welt der Gehölze
78Das Tor zur Innenstadt
79Kommandozentrale unter Pöseldorf
80Ausflug zu den Austernfischern
81Pferdelose Reitbahn mit super Eis
82Die Madonna der Meere
83Der Bauernhof von Ottensen
84Im Garten des Reemtsmas
85Der Nullmeridian an der S-Bahn
86Hier blühte Frau Karl Druschki
87Brunnen für eine viel besungene Deern
88Geheimrekord einer Putte
89Das Dampfboot-Wartezimmer
90Die Falkenried-Bunkerbilder
91Chinatown in der Hafenstadt
92Ein Museum für Zusatzstoffe
93Bedrängtes Stift im Schutz der Blutbuche
94Gartendeck Große Freiheit
95Kuppelblick vom Augustinum
96Eine Stationslänge Gartenglück
97Haus der Ewigkeit
98Viel Kultur bei Luv und Lee
99Der Hafentaucher vom Hafenmuseum
100Ponton op’n Bulln
LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

Hamburg, diese wunderbare, vielseitige Stadt – Kosmos verschiedenster Menschen – versteht es, ihre Bewohner und Gäste zu überraschen, an Wochenenden, mitten im Alltag oder für eine besondere Stunde. Sie steckt voller Geschichten, die gelesen, gesehen oder gehört werden wollen. Oft verbergen sie sich an ungeahnten Plätzen, oft aber auch an Orten, die auch Einheimische längst zu kennen glauben, und eröffnen neue Perspektiven. Es sind lustige und ernste Geschichten, bunt und voller Abwechslung wie das Leben. Wir haben 100 davon zusammengetragen und dabei selbst Hamburg neu lieben gelernt. Und das jeden Tag immer wieder anders.
Viel Freude beim Entdecken!

Christine Lendt und Annett Rensing
IMMER
EINE SÜNDE WERT!
MEINE LIEBLINGSLÄDEN ZUM EINKAUFEN
1Einen echten Hamburger essen
2Flaschenhussen und Siebdruckkurse
3Das Aroma von Schanze und Pauli
4Zerbrochenes findet zusammen
5Elbegut Treibholzunikate
6Das Franzbrötchen – nur in Hamburg
7Haltestelle zur Wurst
8Viel Zeit für Arabica und Robusta
9Alternativen zum Zwiebelmuster
10Heißgetränk für den Scheich
11Labskaus zu Kalles Liedern
12Feilschen mit Eulen und Lerchen
13Abgang anhaltend mit dunkler Schoki
14Qualmen unter Schiffsmodellen
15Fischbude eines wahren Königspaares
16Geboren werden, anders herum
17Fünffach kulturell gefüllte Box
18Zu Gast beim Treppenkrämer
19Wo die letzten Reepschläger wohnten
20Fernsicht am Bahnhof Dammtor

01
EINEN ECHTEN HAMBURGER ESSEN
Wie der Name schon sagt: Die weltbekannte Frikadelle im Brötchen stammt aus Hamburg, zumindest laut der gängigen Überlieferung. Ursprünglich aber war das, was man heute mit Fast Food verbindet, etwas ganz anderes. Das original »Rundstück warm« gibt es im Goot, einem kleinen Deli im Kontorhausviertel.
Für Hafenarbeiter war das »Rundstück warm« das Mittel, das Leib und Seele zusammenhielt. Es bestand aus einem Brötchen mit einer Scheibe Schweinebraten samt Sauce und war eine komplette warme Mahlzeit, die sich überall und ohne Besteck verzehren ließ. Gut verpackt nahmen sie es noch im frühen 20. Jahrhundert mit zur Arbeit. Auf den Schiffen in Richtung USA hatten Seeleute und Passagiere den »Ur-Hamburger« als Proviant dabei. So reiste das Rezept für den Schweinebraten im Brötchen über den Atlantik, wo es sich wohl im Lauf der Zeit zum Hackburger wandelte.
Wie gut das fast vergessene Original schmeckt, entdeckte Steffen Mohr. Selbst in Hamburg geboren, arbeitete er viele Jahre im Hotelmanagement, lebte in London und auf den Bermudas. Er kehrte zurück, um ein eigenes Lokal in seiner Heimatstadt zu eröffnen. Im »Goot« erwartet Sie Traditionskost im Ambiente eines trendigen Delis, schlicht und edel. An den Wänden erzählen große Schwarz-Weiß-Fotografien ein Stück Hafengeschichte. Auch andere Künstler stellen ihre Werke aus.
Das legendäre Rundstück wird hier zu jeder Tageszeit serviert. Hausgemacht sind auch alle anderen Speisen, Tagessuppen und Kartoffelecken. Es gibt süß-würziges Sauerkraut nach altem Familienrezept und »Finest Cuts« vom Prager Schinken, Charolais-Rind oder anderen Braten. Das Goot verwendet Qualitätsfleisch aus der Region ohne Antibiotika und bietet auch Vegetarisches an. Die Küche hält, was der plattdeutsche Name verspricht: Hier schmeckt es einfach gut. Als hätte Muttern heimlich noch eben etwas Wärmendes in die Pausenbox gesteckt.
Goot – Finest Cuts · Depenau 10 (beim Chilehaus) · 20095 Hamburg Tel. 040/67 30 61 71 · www.goot-hamburg.de U 1 Meßberg

02
FLASCHENHUSSEN UND SIEBDRUCKKURSE
Darf’s ein bisschen mehr Hamburg sein? Fernsehturm, Hafendocks, Astrapullen oder doch lieber selbst gewählte Sinnsprüche auf Blusen, Kissen, Lampen gedruckt – nonchalant überzeugen die Inhaber mit ihrem Motto: »Es gibt nichts, was man nicht mit schönen Stoffen machen kann.«
Viele Hanseaten können die irgendwo abgebildeten Klischees ihrer geliebten Hafenstadt nicht mehr sehen. Andere bekommen nicht genug davon. Dem Siebdruckladen »Frohstoff« ist das egal, ihm ist der Spagat zwischen Hamburgensien und Heimatassoziationen (Eisvogel, Hase, Pusteblume) oder völlig anderen Motiven gelungen. Die Handsiebdrucke auf unterschiedlichsten Materialien, verwandelt in Interieurobjekte, Accessoires oder Kleidungsstücke, werden auch ins Haus geliefert und über den Einzelhandel vertrieben. Sie können bei Frohstoff auch einen Kurs belegen, der Ihrer Kreativität keine Grenzen setzt. Das Lieblingsmotiv kommt mithilfe eines besonderen Verfahrens auf das Sieb. Dieses Bild wird mit der ausgewählten Farbe bestrichen, auf den Bedruckstoff gedrückt, übergebügelt, fertig − Arbeitsweisen und Methoden sind vielfältig. Und jedes Kunstwerk hat sein eigenes Sieb. Kein Wunder, dass sich die Utensilien in den Produktionsräumen im Keller stapeln.
Das »Frohstoffpaar« Meike Marie Buchholz (Designerin) und Jörg Vogt (Schneider) hat noch etwas ganz anderes geschafft: Keine Kachel des Vorgängerladens, einer alten Wildschlachterei, wurde abgeschlagen. Die beiden haben ihr Geschäft sogar in die vermutlich nicht ganz behagliche Einrichtung des verstorbenen Metzgers eingefügt. An den gelblichen Fliesen stehen bei Frohstoff jetzt (ansprechend) die »Klassiker«: Eigens genähte Überwürfe für Flaschen, sogenannte Flaschenhussen, außerdem Buchhüllen und viele andere Kreationen. Wer selbst die Technik des Siebdrucks erlernen möchte, hat auch dazu bei »Frohstoff« Gelegenheit. Planen Sie hierfür ungefähr einen halben Tag ein.
Frohstoff Siebdruck & Textilmanufaktur Meike Marie Buchholz · Atelier Wexstraße 38 · 20355 Hamburg · Tel. 040/39 99 14 47 · www.frohstoff.de U 1 Jungfernstieg


03
DAS AROMA VON SCHANZE UND PAULI
Die Barmbeker nennen sie die »Spice Girls«, denn sie verschafften dem Stadtteil sein eigenes Gewürz. In ihrer Manufaktur in der Geierstraße kreieren Katharina Wilck und Bettina Matthaei ausgefallene Gewürzmischungen. Ihr Wissen geben sie in Seminaren weiter.
»Barmbek Booster« heißt die rote Hommage an den Standort der Manufaktur. Die Gewürzmischung aus der gestylten Weißblechdose verschärft zum Beispiel Rührei, Suppen und Bohnentöpfe. Noch zwei Hamburger Stadtteile haben ein eigenes Aroma: Es gibt »Schanzen Chili« und »Pauli Pepper«. Mit ungebremster Leidenschaft kreiert Kochbuchautorin Bettina Matthaei neue und ausgefallene Mischungen wie diese. Tag für Tag experimentiert sie in der Versuchsküche auf der Suche nach außergewöhnlichen Geschmackserlebnissen. Ihre Ideen entspringen Reisen in exotische Länder, das Ergebnis sind kleine Schätze der Aromenkunst. Ihre Tochter Katharina Wilck führt das Geschäft. Wenn eine Bestellung kommt, werden die Rohgewürze in aufwendiger Handarbeit gemahlen, gecuttert, gemischt und direkt abgefüllt. Die Philosophie verlangt der kleinen Manufaktur ein logistisches Kunststück ab, denn sie produziert die Mischungen auftragsbezogen und in kleinen Mengen.

Um die Ecke beginnt ein schöner Spaziergang. Entlang des Flusslaufs geht es bis in die Innenstadt oder hinaus ins schöne Alstertal.
Wenn Sie mehr erfahren möchten, können Sie an einem ca. dreistündigen Kurs teilnehmen. Nach einem Vortrag wird geschnuppert und probiert, gemahlen und gerührt. So erfahren Sie unter anderem, welche Rohgewürze den vier Geschmackssinnen zugeordnet werden, ob eine rosa Pfefferbeere süß ist und warum die Bezeichnung Pfeffersack als Kompliment gilt. Jeder Teilnehmer darf zwei eigene Gewürzmischungen herstellen. Vielleicht ist bald jemand dabei, der das Aroma von Eppendorf in ein Gewürz verwandelt.
1001 Gewürze · Gewürzmanufaktur · Geierstr.1 · 22305 Hamburg Tel. 040/60 87 60 00 · www.1001gewuerze.de Direktverkauf in der Hamburger Manufaktur s. Homepage U 3, S 1 oder 11 Barmbek

04
ZERBROCHENES FINDET ZUSAMMEN
Schon manche, die vor einem Scherbenhaufen standen, fanden bei Harald Schmalhaus die Freude wieder. Restaurierte Vasen, Teller, Tassen reihen sich dort aneinander. Die Porzellanwerkstatt im Kontorhausviertel ist Anlaufstelle für alle, denen etwas Wertvolles zerbrach. Die einen lassen das teure Erbstück restaurieren, andere kommen wegen ideeller Werte, sei es Großmamas Kaffeeservice, die Lieblingstasse vom Flohmarkt oder der Wandteller, der einen sicheren Aufhänger benötigt. Manches gute Stück wird hier in ein ganz besonderes verwandelt. Die Porzellanwerkstatt hat eine mehr als hundertjährige Geschichte. Wenn ein Kunde hereinkommt, klimpert eine besondere Klingel über der Tür: eine Tasse, die niemals kaputtgeht.
Die Porzellanwerkstatt · Altstädter Straße 11 · 20095 Hamburg Tel. 040/34 24 42 · www.dieporzellanwerkstatt.de U 1 Meßberg

05
ELBEGUT TREIBHOLZUNIKATE
Wenn die Elbe mal wieder höhere Wellen schlägt und über die Ufer rollt, bringt sie Geschenke mit. Hölzer, Äste und Planken, fein geschliffen vom Wasser. Jedes Stück ist für sich ein Unikat. Danach hält Francisca Schmidt Ausschau bei ihren Spaziergängen an den Stränden von Blankenese oder Falkenstein, und bei jedem Fund fragt sie sich: Wo dieses Holz schon überall gewesen sein mag? Wo wächst der Baum, dessen Stück hier vor mir liegt? »Manches Stück Treibholz erzählt uns so viel, dass es so, wie es an den Strand gespült wurde, schon ein vollendetes Kunstwerk darstellt. Dann mache ich aus den Stücken gern Skulpturen«, sagt die gelernte Segelmacherin. Ihre Werkstatt im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel führte sie einer neuen Bestimmung zu. In einem kleinen Hofladen mitten im Blankeneser Treppenviertel und im Onlineshop verkauft sie ihre Kunstwerke.
Elbegut · Sa & So 11–17 Uhr oder nach tel. Vereinbarung: 0172/216 50 98 Hans-Lange-Straße 7 · 22587 Hamburg · www.elbegut.de

06
DAS FRANZBRÖTCHEN – NUR IN HAMBURG
Kaum ein Produkt entzieht sich so sehr der Globalisierung wie ein einfaches Gebäckstück aus Hamburg: Das Plunderstückchen, gefaltet in unverwechselbarer Schmetterlingsform mit angeblich aphrodisierendem Zimtgeschmack, birgt ein Geheimnis.
Mit letzter Sicherheit weiß bis heute niemand, wer als Erfinder des Franzbrötchens gelten kann. Jahrelang recherchierte der Publizist Manfred Beseler, Herausgeber des Taschenbuchs Das Franzbrötchen im gleichnamigen Hamburger Verlag, die Herkunft des braungelben Plunders.
Viele Spuren der Gebäckforschung erwiesen sich als Irrweg. Die Einführung eines »Franz(osen)brots« im Zuge der Besetzung Hamburgs durch Napoleon Bonaparte in den Jahren 1806 bis 1813 kann inzwischen als widerlegt gelten. Ebenso die Anekdote über einen fülligen Bäckergesellen in Hamburg-Harburg, der sich nach durchzechter Nacht morgens auf den vorbereiteten Teig gesetzt und so dem Brötchen seine spätere Form gegeben haben soll. Die Gebäckexpertin Annette Hillringhaus aus dem Museum für Brotkultur in Ulm reiste schließlich 2010 eigens zum 1. Internationalen Franzbrötchen-Kongress in das Hamburger Kulturwerk West und präsentierte neue Archiv-Funde. Einem vergilbten Werbeplakat zufolge habe tatsächlich ein Franz‘scher Bäcker, Johann Heinrich Thielemann (1848−1901), möglicherweise beeinflusst durch die nordische Tradition des »Kopenhagener« und skandinavischen Plunderstückchens im einstmals dänischen Altona, das eigentümliche Gebäckstück schon früher als bekannt feilgeboten. Damit wurden auch die Aussagen von noch lebenden Nachkommen Thielemanns bestätigt, die Buchautor Beseler zuvor aufgespürt hatte. Die Franz’sche Bäckerei an der Großen Bergstraße 9 am Eingang zum Vergnügungsviertel Reeperbahn musste einem Modekaufhaus und dann einer Klinik weichen. Bei der Verkostung der eingesandten Proben aus 21 Bäckereibetrieben zum 1. Franzbrötchen-Kongress siegte letztendlich das kleine Café Luise.
Café Luise · Kleine Bäckerei e. K. · Mo–So 9–18 Uhr · Erdkampsweg 12 · 22335 Hamburg Tel. 040/52 98 57 17 · www.franzbroetchen-verlag.de U 1 Klein Borstel

07
HALTESTELLE ZUR WURST
Auch wenn’s nicht auf der Karte steht: Morgens um acht bekommen Sie auf Wunsch auch mal Spiegelei, Kartoffelsalat – nie auf Papptellern – und Herzlichkeit gibt es jeden Tag umsonst. Viele kommen einfach auf einen Kaffee oder wegen der Frikadellen und der extrem guten Currywurst-Saucen-Mischung.
Das Ehepaar Margret und Mathias Wolter liebäugelte mit einem seit Jahren leer stehenden Kiosk zwischen dem Niendorf Markt und Hagenbecks Tierpark und eröffnete 2006 den Imbiss in Niendorf. Hier fehlte einfach eine Wurstbude. Rot-weiß ist die Fassade, der Klassiker »Pommes Schranke« in Farben verewigt. Obwohl das FC-St.-Pauli-Trainingsgelände direkt hinter der Pommesbude liegt, brennen beide für den HSV. Schon frühmorgens stehen die ersten Autos an der Haltestelle. Doch die meisten Kunden kommen erst am späten Vormittag und stärken sich mit einer Currywurst und der leckersten Sauce der Stadt. Teuerstes Gericht ist mit 4,90 Euro das Schaschlik-Filet.

Nach der Frikadelle an der lauten Kollaustraße findet man Ruhe auf dem Alten Niendorfer Friedhof von 1840 mit Grüften und einem geheimnisvollen Mausoleum (Kollaustraße 241).
Es kommt auch vor, dass Otto Waalkes, Uwe Seeler oder Oliver »Dittsche« Dittrich auf einen Kaffee vorbeischauen. Die Kontakte entstanden in der Betriebssportanlange der Vereinsbank Niendorf. Dort führten sie das Clubhaus mit sechs Tennisplätzen und einem Sportplatz. Herr Wolter war jahrelang auch HSV-Tennistrainer. Die Anlage wurde 2004 geschlossen.
Schön laut ist es hier, wenn die Ampel auf Grün umschaltet und Massen von Autos vorbeibrausen. Trotzdem: Dies ist keine gewöhnliche Pommesbude. Wenn Sie also nur auf eine Wurstlänge bleiben, sind Sie selbst schuld. Denn die offenen Ohren für die Sorgen der Gäste sind unbezahlbar, hier geht es eben nicht nur um die Wurst. Und das ist auch gut so.
Haltestelle zur Wurst · Mo−Fr 10−18 Uhr · Kollaustraße 137 (beim St. Pauli-Trainingsgelände) 22453 Hamburg · Tel. 0151/15 37 42 53 Bus 391 Niendorfer Straße


08
VIEL ZEIT FÜR ARABICA UND ROBUSTA
Eine der letzten privaten Röstereien betreibt Jens Burg, ein Traditionalist. Bereits sein Vater, Großvater und Urgroßvater waren mit Leib und Seele der aromalosen Rohbohne verfallen. Seit Zimt- und Vanillegeschmack jüngere Generationen in Coffee-Shops locken, boomt das schwarze Getränk.
Wenn Sie den Eppendorfer Weg entlanggehen, werden Sie hin und wieder sprichwörtlich an der Nase herumgeführt. Zum Beispiel zu einem Ort, der wohlriechende Atmosphäre verspricht: die Kaffeerösterei Burg. In der dazugehörigen Museumsrösterei in der Speicherstadt am St. Annenufer, heute Genuss Speicher genannt, wurde schon seit 1896 im Kaffeespeicher von Hansen & Studt Kaffee gelagert. Morgens um sieben läuft hier alles nach Plan. Kaffeebohnen, sowohl reine Arabica mit klangvollen Namen wie »Jamaica Blue Mountain« oder »Hawaii Kona« als auch Robusta-Sorten werden geröstet – und der Duft macht Appetit darauf, mehr zu erfahren. Kernstück des Museums ist ein Trommelröster aus den 1920er-Jahren. Im Schnitt werden 130 Kilogramm Rohkaffee am Tag geröstet. Das Leben einer Kaffeebohne mit ihren Gattungen, Röst- und Zubereitungsvarianten ist vielschichtig. Der Kaffee wird hier bei 200 °C 20 Minuten geröstet − Großröstereien benötigen dafür nur drei Minuten bei 600 °C. Diesen Unterschied können Sie schmecken. Vor rund 20 Jahren entstand das Museum in einem Hinterhof mit Mühlen, Schütten, Werbetafeln und Kaffeepflanzen. Im Zuge der Trendwende zum Industriekaffee in deutschen Haushalten wurde vieles aus den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren ausrangiert. Burg sortierte alles liebevoll nach Sinn und Zweck. Dann kaufte Vietnam, weltweit größter Produzent von Robusta-Kaffee, 2010 rund 11 000 Exponate auf, die die Region Europa repräsentieren. Im Ladengeschäft kann zwischen 20 reinen Kaffeesorten, mehr als 60 Aromakaffees, elf Espressoarten und an die 100 verschiedenen Tees ausgewählt werden. Es ist die Mischung, die Qualität macht.
Kaffeemuseum Burg · Öffnungszeiten s. Homepage St. Annenufer 2 · 22457 Hamburg · Tel. 040/55 20 42 58 www.kaffeemuseum-burg.de · U 1 Haltestelle Meßberg

09
ALTERNATIVEN ZUM ZWIEBELMUSTER
Klein, fein und zentral gelegen ist der Ort, an dem geübte Hände Ton bändigen, wo jedes Produkt von Hand gefertigt ist, wo sich ein Becher vom anderen unterscheidet. Wenn Sie keine Lust mehr haben, Ihren Schrank zu öffnen, um 200 Teile Zwiebelmuster zu sehen, sind Sie hier genau richtig.
Betritt man das Lädchen, in dem keramische Einzel-, Design- und Serienstücke dargeboten werden, liegt ein halb lautes Summen in der Luft: Die Akustik kommt von der elektrischen Drehscheibe. Es riecht nach Erde und gebranntem Ton. Durch eine kleine Öffnung hinter dem warm beleuchteten Ausstellungsraum ist der Kopf der Meisterin, Susanne Behrens, zu sehen. Freundlich kommt sie mit von Tonschlicker beflecktem Pulli nach vorn und fragt, ob sie behilflich sein kann. Wenn nicht, verschwindet sie wieder in ihre Mini-Werkstatt. Giftgrün schimmern sie und blassrosa, helllila, grellorange und tiefschwarz. Erstarrte Tropfen in Milchig-Weiß. Eine Poesie der Farben und Strukturen auf den Scherben. Inspirationsquelle ist der Garten hinter dem Haus. Wenn alle Glieder schmerzen, gräbt Susanne Behrens dort mit bloßen Händen.

Auf Wunsch setzt die Keramikerin auch Designvorstellungen ihrer Kunden wie z. B. Porzellanlampen o. ä. um.
Wie viel Geschick, Kraft und Zeit nötig sind, um eine ästhetische Keramikkunst aus einem 40 Kilogramm schweren Klumpen zu formen, wird erst bei Betrachtung dieser Arbeit deutlich. Liegt mal seelische Unausgeglichenheit vor, erinnert sich Ton an den unliebsamen Umgang spätestens im Brand. Sein Gedächtnis ist gnadenlos: Verziehen der Gefäße, Risse, verlaufene oder abgeplatzte Glasuren sind das Ergebnis.
Susanne Behrens weiß, warum sie mit Idealismus diese Arbeit macht. In einer Welt, die sich wieder nach dem Einzigartigen, Sensiblen, Bodenständigen sehnt, ist Ton das perfekte Material, sich auszudrücken.
Susanne Behrens · Mi–Fr 14–18 Uhr, Sa 10.30−14 Uhr und nach Vereinbarung Eppendorfer Weg 88 · 20259 Hamburg · Tel. 040/490 50 19 · www.susannebehrens.de U 2 Christuskirche, Bus 4, 20, 25

10
HEISSGETRÄNK FÜR DEN SCHEICH
Seit über zehn Jahren räumt Esin Rager mit dem Vorurteil des Schlabberpulli und Wollsocken tragenden Teetrinkers auf. Die Gründerin von samova überzeugt mit einer modernen, multikulturellen Teekultur. Das neue Image des heißen Getränks ist: weltoffen, trendy und poppig verpackt.
Es war einmal eine Frau mit osmanischen Wurzeln namens Esin, Morgenwind. Sie lebte in der Tee-Metropole Hamburg, trank gerne Tee, hatte es aber satt, immer nur die gleichen qualitätslosen Sorten zu kosten. Eines Tages brachte ihr Mann von seinen Reisen aus fernen Ländern exotische Kräuter mit. Sie entwickelte aus diesen wohlriechenden Ingredienzen 25 wunderbare Teemischungen und gab ihnen fantasievolle Namen. Der Duft, die Farbe und der Geschmack dieser Mischungen verführten sogar Nicht-Teetrinker. Für die Erfinderin ist das Heißgetränk »wie sonst nur die Musik – ein Bestandteil der Kulturen dieser Welt«. So lässt sogar ein Scheich aus Abu Dhabi »Magic Gold«, eine Kombination aus Rosenblättern, Safran, Blattgold und schwarzem Tee, in die Emirate einfliegen. Dort wird er von der Königsfamilie als Zeichen von Dankbarkeit und Freundschaft weitergereicht.
Esin Ragers Reich der Aromen, das samova, befindet sich aber nicht in einem Schloss, sondern in Billstedt, in einem ehemaligen Wasserwerk. Hier, in der sogenannten Palastküche, kann Tee gekostet, gerochen oder gekauft werden. Eine Tasse Heidis Delight mit Minze, Zitronenmelisse und Rosmarin zaubert Teegenießer in eine andere Welt.
Biokräuter wie Färberdistel, Kornblume sowie Frauenmantelblätter versetzen einen in die Schweizer Alpen, und von Kraft durchströmt wähnen Sie sich schon auf einer Bergtour durch Bäche und Almwiesen. Zuvor können Sie aber auch an samovas regelmäßigen Tanztees teilnehmen. Esin heißt übrigens auch Inspiration.
samova GmbH & Co. KG · Öjendorfer Weg 30 A (Kulturpalast Billstedt) 22119 Hamburg · Tel. 040/85 40 36 40 · www.samova.net U 4 oder U 2 Haltestelle Billstedt Outlet-Laden · Sa 12–19 Uhr · Merkenstr. 41 · 22117 Hamburg U 4 oder U 2 Haltestelle Steinfurther Allee, weiter mit Bus 432 Haltestelle Reinskamp


11
LABSKAUS ZU KALLES LIEDERN
Im Hafenviertel rund um die Große Elbstraße gibt es viele Kneipen und Bars. Die Haifischbar ist ein Original. Auch wenn sie sich heute als »maritime, freundliche Gaststätte« bezeichnet: Die raue Brise, die seit ehedem Seefahrer hereintreibt, weht beständig.
Der Matrose starrt hinab auf den Tresen, sein verlorener Blick im Gemälde verewigt. Vielleicht saß auch er einst hier an der Bar, kurz vor dem Aufbruch nach Übersee, die Geliebte weinend am Kai. Nur eine der wildromantischen Geschichten, die im Schummerlicht der Haifischbar lebendig werden. Wände und Decke hängen voll mit Andenken aus aller Welt, Totenköpfe, ein Sombrero, Öllampen, Rettungsringe, Netze, Taue, Flaggen, eine hölzerne Bordleiter, mittendrin klafft das Gebiss eines Hais. Tote Fische, wohin man schaut. Spielautomaten. Die blank gesessenen Barhocker trugen schon manchen Stammgast, bis der Tresen die Stirn berührte. Nebenan bietet die Seemannsmission Fahrenden ein Bett für die Nacht. »Kapitäne schauen immer noch gern bei uns vorbei«, raunt Barmann Kalle, »es kommen aber auch Prominente, Szeneleute und sogar Touristen.« Seit ungefähr 20 Jahren zapft er die herben Biere, bringt Grog zum Durchwärmen und Labskaus, das klassische Seemannsgericht.
Freddy Quinn und andere Stars verhalfen der Kneipe in den 1960er-Jahren zu Ruhm, als sie in einer verrauchten Fernsehserie mitspielten. »In der Haifischbar ist es ganz wunderbar«, reimten sie fröhlich. Inzwischen versucht die Haifischbar ab und zu, eine ganz normale Hafengastronomie zu sein. Es stehen Sonnenschirme vor der Tür und nachmittags gibt es Kuchen (auf Anfrage). In Wahrheit hat sich zum Glück nichts geändert. Es ist drei Uhr in der Früh, von der Reeperbahn strömen neue Gäste herein. »Sollen wir wirklich …?«, sagen ihre Gesichter. Es ist eben auch eine Spelunke. Spätestens, wenn Kalle zur Gitarre greift, fühlt sich jeder willkommen. Ein zweites Zuhause, wie für alle, die zur See fahren und fern der Heimat einkehren.
Haifischbar · Große Elbstraße 128 · 22767 Hamburg Tel. 040/380 93 42 · www.haifischbar.hamburg S-Bahn Königstraße (S 1 / S 2 / S 3 / S 31)

12
FEILSCHEN MIT EULEN UND LERCHEN
Samstags verwandelt sich das Schlachthofgelände in einen einzigartigen Marktplatz. Hier finden Sie alles, außer drei Dinge: Neuwaren, Socken und Sonderposten. Darauf legt man hier Wert. Zu einem echten Flohmarkt gehört eben echter Trödel. Flohschanze ist für alle da, die den Jahresputz zur Entrümpelung nutzen. Und das machen viele Hamburger. Sehr viele. Besonders an der Flohschanze ist das Verständnis für die unterschiedlichen Biorhythmen der Menschen. Hier gibt es nämlich einen gestaffelten Aufbauzeitplan mit »Ab-9-Uhr-Standflächen«. Die Eulen verdienen damit zwar weniger als die Lerchen unter den Verkäufern, aber um Geld geht es hier nicht wirklich beim Treiben rund um die denkmalgeschützte Alte Rinderschlachthalle. Ziel ist, möglichst das Doppelte des Ertrags gleich wieder auszugeben.
Flohschanze · Sa 8−16 Uhr (ganzjährig) · Neuer Kamp 30 · 20357 Hamburg Tel. 040/270 27 66 · Infos & Standvergabe: www.marktkultur-hamburg.de U 3 Feldstraße

13
ABGANG ANHALTEND MIT DUNKLER SCHOKI
Zu jeder guten Stulle gibt es das passende Bier, dank fachkundiger Beratung aus rund 70 Sorten ausgewählt. Bereits beim Lesen der Karte gewinnen Sie hier überraschende Erkenntnisse. »Kräftig, goldfarben und von feiner Hefe durchzogen. Duft nach Pfirsich und Ananas.« Oder: »Sehr süffig und erfrischend, wunderschöner Hopfen. Abgang anhaltend mit dunkler Schoki.« Schon die Karte zu studieren erweitert das eigene Wissen in vielerlei Hinsicht. Denn Axel Ohm und Patrick Rüther reisten um die Welt und brachten mit, was sie in ihrem »Altes Mädchen Braugasthaus« in den historischen Viehmarkthallen (1896) bei leckerem Essen für ausschankwürdig hielten. Sicherheitshalber klären die Betreiber auf: »Aber keine Angst, bei uns geht das nicht so in Richtung Wein, der von Pinguinen zum Essen serviert wird. Im Gegenteil: Wir sind da eher total entspannt.«
Altes Mädchen Braugasthaus · Mo−Sa ab 12, So ab 10 Uhr · Lagerstraße 28b 20357 Hamburg · www.altes-maedchen.com · U 3, S 3, S 21 Sternschanze


14
QUALMEN UNTER SCHIFFSMODELLEN
Warum eigentlich nicht? Trauen Sie sich doch mal wieder in eine richtig voll gequalmte Kneipe zu gehen. Beim Eintreten kräuseln sich erste Rauchwölkchen um Ihre Nase. In der seit 1896 bestehenden Pinte lässt es sich inmitten von Ur-Hamburgern gut schnacken. Vielleicht doch eine genüsslich schmöken?
Im Dämmerlicht und der Wärme des dunkel gehaltenen Raumes stellt sich ein nostalgisches Gefühl ein. An der Decke schwanken alte Schiffsmodelle und hängen verstaubte Marionetten; auf dem Boden steht ein altes Holzschaukelpferd, an der Wand wartet eine Musikbox auf einen Gast mit dem passenden Musikgeschmack. Die Welt ist hier ein bisschen stehen geblieben. Reduziert auf die sinnliche Erfahrung, in Zigarettennebel, Wärme und Biergeruch für den Augenblick geborgen zu sein.
Manche nennen es Gemütlichkeit. Genauso können bei dem einen oder anderen Gast auch beklemmende Assoziationen aufsteigen. Zum Beispiel Erinnerungen an den Frauenmörder Fritz Honka, der in den 1970er-Jahren gern Korn mit gelber Brause in einer ähnlichen Eckkneipe auf dem Kiez trank, dem »Goldenen Handschuh«. Dort lernte er seine Mordopfer kennen, die er wenig später auf dem Dachboden zersägte. Glücklicherweise verkehrt hier ein anderes, bunt gemischtes Publikum. Viele kommen vom rauchfreien Mercado-Center um die Ecke, um endlich in aller Ruhe die geliebten Zigaretten zu genießen.
Seit dem Rauchverbot 2008 haben Wirte in die Trickkiste gegriffen: Damit ihre Gäste weiterhin qualmen dürfen, gründeten sie Vereinslokale, in denen rauchen noch erlaubt war. Vor einigen Jahren wurde diese Auflage aufgehoben, solange das Lokal bis zu 75 Quadratmeter beträgt. Die Kneipe heißt jetzt »Gaststätte Möller« und nicht mehr »Raucherclub Möller’s«. Der Chef Dieter Ostwald, selbst Nichtraucher, hat auf das Schild mit den Öffnungszeiten gekritzelt: »Solange ich Lust hab« – hier wird eben nicht nur Umsatz gemacht.
Gaststätte Möller · Tgl. ab 11 Uhr · Bahrenfelderstraße 91 · 22765 Hamburg Tel. 040/39 22 57 · S-Bahnhof Altona S 1, S 3, S 11 Bahnhof Altona


15
FISCHBUDE EINES WAHREN KÖNIGSPAARES
Vier Fischbrötchen auf dem Schild über dem Fenster weisen darauf hin: Hier ist die Küche schnell und schlicht. Eingeweihte wissen: Viel, viel mehr steckt drin in der Holzbude vom Museumshafen Övelgönne. Hier erwarten Sie Salsamusik zum Matjes, wilde Seemannsgeschichten und ein Eisbrecher vor der Tür.
Nuggis erste Elbkate stand ab 1992 und war ein Fahrradhäuschen vom Baumarkt. Ein Kran hatte es samt Betonfundament auf den Anleger Övelgönne befördert. Heute ist die Bude nicht mehr sechs-, sondern viereckig und mindestens genauso gemütlich wie früher. Es gibt unverändert dick belegte Fischbrötchen, Bockwurst, Krakauer und Erbsensuppe, draußen an der Klappe und drinnen an der winzigen Bar. Dazu die Knolle Astra, aufn Poller setzen, mehr braucht man nicht. Nach Jahren als Schiffladungskontrolleur und Leichtmatrose, Fahrten mit Papagei Paula und Pavian Ali und vielen Frauen in vielen Häfen fand Nuggi hier eine neue Berufung. Zuvor besaß er einen Imbiss auf Rügen, der wurde ihm geklaut.

Im Hafen können Sie den Dampf-Eisbrecher »Stettin« besichtigen (tgl. 10−18 Uhr). Manchmal ist er auf Fahrt und nimmt Gäste mit. Termine siehe www.dampf-eisbrecher-stettin.de.
Er stammt aus Ottensen und heißt eigentlich Dieter Nuggmeyer, aber so nennt ihn keiner. Vielmehr kennt man ihn auch als »König der Dominikanischen Republik«, und die Königin, wenn man so will, heißt »Nani« Lucia Hiraldo. Er traf sie auf den Großen Antillen, verlor sein Herz und nahm sie als Braut mit in den Nieselregen. Seither ist Nuggi, vorher höchstens fünf Wochen lang verheiratet, so etwas wie sesshaft geworden, aber nur für einige Monate im Jahr. Während der anderen folgt er weiterhin dem Fernweh. Nani sorgt unterdessen dafür, dass es immer knackfrische Fischbrötchen gibt. Wenn ihr die Heimat fehlt, verwandelt Salsamusik die hanseatische Kate in einen ganz warmen Ort.
Nuggis Elbkate · Museumshafen Övelgönne · Neumühlen 1 · 22763 Hamburg Bus 112 bis Haltestelle Neumühlen/Övelgönne · HADAG-Fähre 62 bis Anleger Neumühlen/Museumshafen

16
GEBOREN WERDEN, ANDERS HERUM
Ein Lokal in einem Hinterhof der Reeperbahn, das durch zwei gespreizte Frauenbeine zu betreten ist, lässt keine Zweifel offen, denken Unwissende, und gehen lieber weiter. So verpassen sie die wohl kultigste Kneipe auf dem Kiez. Im hauseigenen Boxring trainierten schon die Klitschkos.
Die Ritze sollte ursprünglich »Spalte« heißen, aber das war den Behörden zu schlüpfrig. Wie alt sie ist, weiß niemand so genau, denn als sie eröffnet wurde, regelte man solche Dinge auf dem Kiez noch per Handschlag. Es muss wohl in den frühen 1970er-Jahren gewesen sein. Seitdem hat sich kaum etwas verändert im Hinterhof Reeperbahn Nummer 140. Noch immer empfängt der dunkle Eingang zwischen den schlanken Beinen jeden Gast. Es ist ein wenig wie geboren werden, nur anders herum und mit Erwachsenen. Das Tür-Gemälde stammt von Erwin Ross (1926–2010). Der Künstler, einschlägig bekannt als »Rubens von der Reeperbahn«, gestaltete 1962 auch die Wolkenkratzer-Skyline für den »Star-Club«. Vor dem Bühnenbild begann die Karriere der Beatles.

Die Pin-up-Kunst von Erwin Ross lebt ebenso weiter wie seine Promi-Porträts. Sie alle können bestaunt werden unter: www.kiez-kunst-hamburg.de
Weil Wirt Hanne Kleine früher Boxer in der DDR-Nationalmannschaft war, ließ er in der Tiefgarage unter der Ritze einen Ring bauen. Alle waren sie hier, von Max Schmeling über Don King bis hin zu den Klitschkos. Ihre Fotos und Autogramme pflastern die Wände der Bar. Der Kiez-Kneipier starb im November 2011. Seine Witwe Kirsten (das Türgemälde zeigt ihre Beine) führte das Erbe weiter, mitsamt Boxring und Stammgästen wie Udo Lindenberg, Ben Becker und Jan Fedder, und übergab 2015 an Carsten Marek. Ein Original zwischen modernen Tabledance-Bars, Entertainment-Tempeln und Spielhallen. Es verwundert nur etwas, dass es hier bayerisches Bier gibt.
Zur Ritze · Mo−Do ab 17 Uhr, Fr–So ab 14 Uhr · Reeperbahn 140 (Hinterhof) · 20359 Hamburg www.zur-ritze.com · S 1, S 3 Reeperbahn


17
FÜNFFACH KULTURELL GEFÜLLTE BOX
Aus alt mach älter und doch wieder neu. In Ottensen wurden historische Fabrikanlagen nicht einfach aufgeräumt, sondern funktional neu gestaltet. Mit dem Borselhof begann 1989 der Siegeszug der Fabrikimmobilien als Adresse für Kreative.
Alte Gleise im Kopfsteinpflaster führen zum Borselhof, einer aufwendig sanierten und modern genutzten ehemaligen Reißmaschinenfabrik. In der Basilika, dem Herzstück, befand sich früher die Gießerei und bis 2012 ein Privattheater. Nun hat hier »The Box« ein spannendes Konzept verwirklicht: fünf verschiedene Shops in einer Halle. Gegliedert durch eine filigrane Metallkonstruktion in ein Mittel- und zwei Seitenschiffe, eingefasst durch eine Empore und von einem großen Glasdach überspannt. Es harmonieren miteinander zwei Kunstgalerien (Schwerpunkt moderne Kunst, Fotografie und Skulptur die eine, internationale Jungstars die andere) mit einem Laden für Küchendesign, Klassiker-Möbel und Bücher sowie einem Café.
Bretter können bekanntlich die Welt bedeuten und da der Boden nicht »urig« genug aussah, wurde er noch mal herausgerissen, die nagelneuen Eichendielen mit rostigen Eisenstücken in eine große Waschtrommel geschoben, geschleudert, wieder ausgelegt, mit Öl begossen und angezündet. Durch diese Technik wirkt das Holz wie aus dem Jahr 1868, dem Gründungsjahr der Fabrik, und passt zum Charme der alten Halle.
Konzerte und Lesungen stehen regelmäßig auf dem Programm. Etwas Besonderes ist die 2017 eröffnete One Kitchen. In der Miet-Kochschule können sich Anfänger oder Fortgeschrittene nach persönlichen Vorlieben mit Kochkursen kulinarisch weiterbilden. Darüber hinaus haben privat Interessierte die Möglichkeit, Veranstaltungen in »The Box« abzuhalten.
Fast ehrfürchtig steht man in diesen wunderbaren Räumlichkeiten, würde am liebsten verweilen, um abends an Designtischen zu speisen und nachts in eines der Betten in dem denkmalgeschützten Bau zu fallen.
The Box · Öffnungszeiten s. Homepage · Borselhof / Borselstraße 16 F · 22765 Hamburg Tel. 040/39 90 62 14 · www.thebox-hamburg.com Bus 2, 37, 150 Borselhof
Бесплатный фрагмент закончился.
