Читать книгу: «Dein ist mein ganzes Herz»

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Ein Lob auf die Liebe – Das Hohelied

Wie Paare sich finden

Liebe auf den ersten Blick – Adam und Eva

Brautschau am Brunnen – Rebekka und Isaak

Ein Schuh entscheidet – Rut und Boas

Hochzeit mit Hindernissen – David und Michal

Nicht lange gefackelt – David und Abigajil

Gegen einen bösen Geist – Sara und Tobias

Dreiecksgeschichten

Die Leihmutter – Abraham, Sara und Hagar

Betrug in der Hochzeitsnacht – Jakob, Lea und Rahel

Unter dem Druck der Verhältnisse – Hanna, Peninna und Elkana

Vom Ehebruch zum Mord – David, Batseba und Urija

Liebe in Verwicklungen

Die Last des Alltags tragen – Nochmals Adam und Eva

Gefährliche Notlüge – Abraham und Sara in Ägypten

Mit List und Tücke – Juda und Tamar

Späte Schwangerschaft – Elisabet und Zacharias

Vertrauen wiedergewinnen – Maria und Josef

Liebe und Gewalt

Die Wut der abgewiesenen Frau – Potifars Gemahlin und Josef

Erst begehrt, dann entehrt – Amnon und Tamar

Das Komplott der alten Männer – Susanna im Bade

Liebe und Politik

Liebe macht blind – Simson und Delila

Lebensrettende Diplomatie – Ester und Xerxes

Den Kopf verloren – Herodias und Johannes der Täufer

Die Ehe als Bild für Gottes Liebe

Du hast mich betrogen – Die Botschaft des Propheten Hosea

Hintergangen und doch treu – Die Botschaft des Propheten Ezechiël

Jesus und die Liebe

Zeichen der Liebe – Eine Frau salbt Jesus

Schuldig aus Liebe – Jesus und die Ehebrecherin

Liebe, stärker als der Tod – Die Auferweckung des Lazarus

Verratene Liebe – Jesus und Judas

Gott ist die Liebe – Das Hohelied der Liebe

Liebesworte, Lebeworte – Nachwort

Impressum

Einleitung

Verliebt sein ist ein wunderbares Gefühl. Dieses »Kribbeln im Bauch«. Die Gänsehaut selbst bei jedem kleinen Gedanken an den »Liebling«. Feuchte Hände vor Aufregung und die Angst, etwas zu vermasseln. Sehnsuchtsvolle Tagträume und beim Einschlafen. Das Funkeln beim Sich-in-die-Augen-Schauen und das Knistern bei heimlichen Berührungen …

Die erste Liebe vergisst man nie! Für die einen war es die sprichwörtliche »Sandkastenliebe«, für andere eine Grundschulliebe oder ein »Schwarm« in der Pubertät. Die erste »kleine« Liebe und erst recht die »erste große Liebe« behält ihren Platz in der Lebenserinnerung.

Glück entsteht, wenn aus dem Verliebtsein echte, tiefe Liebe wächst. Wenn zwei Menschen sich einander öffnen und miteinander vertraut werden, sich ihre schönen Seiten und Stück für Stück auch ihre Schattenseiten zeigen, wenn ihre Liebe wächst und tiefer wird und sie beschließen: Wir wollen unser Leben lang zusammenbleiben.

Wenn das geschieht, ist das ein Wunder. Niemand kann erklären, wie das geschieht. Und es ist auch ein Wagnis – denn niemand weiß, was die beiden an Schönem und Schwierigem miteinander erleben werden.

Das Verliebtsein und die Liebe gehören zum Menschsein untrennbar dazu. Der Mensch ist ja auf das Zusammensein mit anderen Menschen und in besonderer Weise auf die Zweierbeziehung ausgerichtet. Der andere Mensch ist Gegenüber und Ergänzung, man findet sich in ihm wieder und wird durch ihn verändert. Die Liebe ist ein wahres Gottesgeschenk, denn Gott hat die Menschen als Mann und Frau geschaffen, hat ihnen Vertrauen, Offenheit und Leidenschaft geschenkt.

Liebe ist ein kraftvoller innerer Motor. Vieles, was wir tun – Gutes und leider auch weniger Gutes –, tun wir aus Liebe. Vieles ertragen wir, vieles halten wir aus, vieles versuchen oder lassen wir, um geliebt zu werden. Als Kinder brauchen wir Zuneigung und Geborgenheit, sonst verkümmern wir. Als Erwachsene gibt uns die Liebe eines anderen Menschen Rückhalt und Selbstbewusstsein. Menschen, die sich geliebt wissen, können viel ertragen. Auch Ehepaare halten viel miteinander aus und durch. Sie erfahren, dass Belastungen sie zusammenschweißen und die Liebe darunter wachsen kann.

Mit den Jahren verändert sich die Liebe zwischen zwei Menschen. Sie wird häufig weniger leidenschaftlich, aber auch weniger launisch. Sie wird im guten Sinne alltäglich und damit belastbarer. »Wir können uns aufeinander verlassen«, sagen viele ältere Paare. »Wir haben unsere Streitigkeiten ausgetragen, wir wissen, was den anderen verletzt und stört. Deshalb wird unsere Ehe mit jedem Jahr harmonischer.« Und: »Es ist spannend, sich miteinander zu verändern, auf Herausforderungen gemeinsam zu reagieren.«

Wie schön, wenn das gelingt – und dabei keine Langeweile aufkommt, sondern die Spannung und der Respekt füreinander und die Neugier aufeinander bleiben. Der andere wird zwar vertraut, aber keineswegs bekannt.

Am Ende eines Lebens, wenn Bilanz gezogen wird, was sich gelohnt hat, was vergeblich war, was bleibt, kommen Menschen häufig zu dem Ergebnis: »Was zählt, ist die Liebe, die wir gegeben und empfangen haben.« Kein Geld der Welt, keine Karriere in Schwindel erregende Höhen, kein Nobelpreis kann die Liebe aufwiegen. Wer um seiner selbst willen angenommen ist, wer geborgen sein kann, wer für einen anderen Menschen im Mittelpunkt steht – der ist wirklich reich.

Leider ist manche Liebe mit Problemen belastet. Teils kommen sie von außen: der Druck der Familie, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Krankheit. Andere Probleme stecken auch in der Kombination der beiden Liebenden. Die Psychologie erklärt, dass wir uns oft in einen Menschen verlieben, von dem wir hoffen, er werde die Defizite in unserem Leben ausfüllen. Oder wir verlieben uns in jemanden, der uns an Vater oder Mutter erinnert und das, was sie an uns versäumten, nachholt. Mit solchen – meist unbewussten – Anforderungen überfordern wir aber den anderen Menschen, der ja er selbst und nicht unser Wunschbild ist. Es bedeutet deshalb Arbeit, das Verliebtsein in echte Liebe zu verwandeln, denn die nimmt ja den anderen auch mit seinen »anderen Seiten« wahr und ernst und an.

Liebe kann auch scheitern. Warum sie zerbricht, ist genauso rätselhaft wie ihr Entstehen. Es ist schmerzhaft, wenn eine Beziehung, die so hoffnungsvoll gestartet war, in die Brüche geht. Oft wird in aller Öffentlichkeit »schmutzige Wäsche gewaschen«, der aufgestaute und nie herausgelassene Ärger von Jahren bricht sich haltlos Bahn und zerstört, was vielleicht noch zu retten gewesen wäre. Enttäuschung und Schmerz sitzen tief. Psychologen sagen, dass es lange dauert, bis eine Trennung wirklich überwunden ist: Mindestens ein Viertel der Zeit, die eine Beziehung dauerte, braucht die Trauer um die zerbrochene Liebe. Manche Menschen kommen nie wieder über eine Trennung hinweg.

Ähnlich schlimm ist es, wenn Liebe nicht erwidert wird. Wenn der eine sich in Sehnsucht verzehrt, der andere aber die Gefühle nicht teilt – oder gar lächerlich macht. Zurückgestoßene Liebe kann sich rasch in ihr Gegenteil verwandeln: in abgrundtiefen Hass.

Eben weil die Liebe ein so tief gehendes Gefühl und so eng mit unserem innersten Verlangen verbunden ist, kann sie in Gewalt umschlagen. Harmlose Eifersucht kennt jeder. Die Reaktion auf enttäuschte Liebe kann aber über Körperverletzung bis zum Totschlag reichen.

Die Liebe durchzieht das ganze Leben. Und weil sie ein zentrales Lebensthema ist, ist sie auch ein intensives Bibelthema. Die Liebesgeschichten der Bibel erzählen davon, wie Paare sich finden – und wie der Alltag ihre Liebe belastet. Sie erzählen von Dreiecksbeziehungen ebenso wie von enttäuschter Liebe. Sie lassen die Verbindung von Liebe und Politik ebenso wenig aus wie das dunkle Thema der Vergewaltigung. Dass Liebe blind macht und so mancher aus Liebe den Kopf verlor, wusste man in biblischen Zeiten auch schon. Und auf die erfüllte Liebe singt die Bibel ein seitenlanges, aufregendes Loblied.

Dass Gott und die Liebe miteinander zu tun haben, weiß die Bibel selbstverständlich auch zu berichten. So machen etliche Paare der Bibel die Erfahrung, dass Gott eingreift, um ihre Liebe zu retten! Und dass »Gott die Liebe ist«, das erlebten die Propheten des Alten Testamentes ebenso, wie es Jesus vorlebte.

Lesen Sie mit Vergnügen und mit Neugier die biblischen Liebesgeschichten. Vieles kommt Ihnen sicher bekannt vor, anderes ist eine Entdeckungsreise in ein unbekanntes Land, das Sie in Erstaunen versetzen wird.

Ein Lob auf die Liebe
Das Hohelied

Wie aufregend und spannend die erblühende Liebe zwischen zwei Menschen ist, wie ihre Leidenschaft erglüht, die beiden sich heimlich treffen, vorsichtig ihre Körper ertasten, sich vor Sehnsucht verzehren, wie Eifersucht sie heimsucht und sie sich dann doch wieder finden und vereinen – dies alles besingen die Hochzeitslieder, die im Hohenlied des Alten Testamentes gesammelt sind. Sie finden anrührende Worte für die Hingabe und das tiefe Vertrauen liebender Menschen. Wunderbar poetische Verse sind es, ohne falsche Scham, doch niemals anzüglich.

Die Lieder sprechen vorsichtig tastend von Liebe und Leidenschaft, mit erotischen Bildern und Beispielen aus dem Alltag der Hirten und Bauern: Der Bräutigam vergleicht das Haar seiner Geliebten mit eine Herde Ziegen, ihre Zähne mit der Farbe frisch geschorener Schafe. Die Braut wiederum freut sich auf ihren Liebhaber, dessen Augen wie Tauben sind und dessen Haar schwarz wie ein Rabe.

Auch für die Brüste, für die Figur, für Liebkosen und Begehren finden die Liebenden zärtliche Umschreibungen: »Deine Brüste sind zwei Zicklein, Zwillingsjunge der Gazelle« (4,5); »Meine Braut ist ein Garten voll erlesener Pflanzen … Aber noch sind mir Garten und Quelle verschlossen!« (4,12.15).

Diese Lieder sind im alten Israel bei Hochzeiten gesungen worden. Sie entstanden im Laufe mehrerer Jahrhunderte. Die Melodien, zu denen sie gesungen wurden, kennen wir – wie bei den Psalmen – leider nicht.

Wie kommen solche Hochzeitslieder, die überfließen von der Lust auf Leidenschaft, in die Bibel, die doch vielen Menschen als lust- und körperfeindlich gilt? Zum einen, weil die Bibel diesem Vorurteil nun wirklich nicht entspricht. Und zum anderen, weil diese Hochzeitslieder auch auf Gott hin ausgelegt wurden und werden: als Bilder und Umschreibungen für die große Liebe Gottes zu seinen Menschen. Wie ein Bräutigam seine Braut, wie eine Braut ihren Bräutigam liebt, ihm nahe sein will, sich für sie verzehrt – so intensiv liebt auch Gott seine Menschen, so sehr will er bei ihnen sein, so selbstverständlich gibt er alles für sie hin.

Es gibt nicht viele Religionen, die von der Liebe Gottes sprechen – und noch viel weniger, die die Liebe Gottes mit der Liebe der Menschen vergleichen. So gesehen ist die Bibel eine einzige große Liebesgeschichte, ein Buch der großen Liebe Gottes. Und wie heiß seine Liebe zu uns brennt, das drücken die Hochzeitslieder im Hohenlied aus. Sie sind quasi durchsichtig für die Liebe Gottes. (Hoheslied 1–8)

Das schönste aller Lieder, von Salomo.

Die Rollenangaben (SIE, ER, usw.) sind nicht Bestandteil des Bibeltextes, sondern zur besseren Orientierung hinzugefügt.

SIE

Komm doch und küss mich!

Deine Liebe berauscht mich

mehr noch als Wein.

Weithin verströmen

deine kostbaren Salben

herrlichen Duft.

Jedermann kennt dich,

alle Mädchen im Lande

schwärmen für dich!

Komm, lass uns eilen,

nimm mich mit dir nach Hause,

fass meine Hand!

Du bist mein König!

Deine Zärtlichkeit gibt mir

Freude und Glück.

Rühmen und preisen

will ich stets deine Liebe,

mehr als den Wein!

Mädchen, die schwärmen,

wenn dein Name genannt wird,

schwärmen zu Recht!

SIE

Schwarz gebrannt hat mich die Sonne,

schwarz wie Beduinenzelte,

wie die Decken Salomos.

Trotzdem bin ich schön, ihr Mädchen

aus der Stadt Jerusalem!

Seht nicht so auf mich herunter,

weil ich dunkler bin als ihr.

Draußen muss ich alle Tage

meiner Brüder Weinberg hüten.

Doch für meinen eigenen Weinberg

– für mich selbst – kann ich nicht sorgen;

dafür bleibt mir keine Zeit!

SIE

Sag mir, Geliebter,

wo kann ich dich finden?

Wo ruhn deine Schafe

mittags, wenn’s heiß wird?

Andere Hirten,

was sollen sie denken,

wenn ich nach dir frage,

überall suche?

ER

Musst du mich fragen,

du Schönste der Frauen?

Du musst es doch wissen,

wo du mich findest!

Nimm deine Zicklein

und folge dem Schafsweg!

Dort wirst du mich treffen,

nah bei den Zelten.

ER

Prächtig und schön siehst du aus, meine Freundin,

stolz wie die Stute an Pharaos Wagen!

Schmückende Kettchen umrahmen die Wangen

und deinen Hals zieren Schnüre mit Perlen.

Aber noch schöneren Schmuck sollst du haben:

silberne Perlen an Kettchen aus Gold!

SIE

Solange mein König mir nahe ist,

verbreitet mein Nardenöl seinen Duft.

Mein Liebster liegt bei mir, an meiner Brust,

er duftet wie würziges Myrrhenharz,

so kräftig wie Blüten vom Hennastrauch;

im Weinberg von En-Gedi wachsen sie.

ER

Schön bist du, zauberhaft schön, meine Freundin,

und deine Augen sind lieblich wie Tauben!

SIE

Stattlich und schön bist auch du, mein Geliebter!

Sieh, unser Lager ist blühendes Gras,

Balken in unserem Haus sind die Zedern

und die getäfelten Wände Zypressen.

SIE

Eine Frühlingsblume bin ich,

wie sie in den Wiesen wachsen,

eine Lilie aus den Tälern.

ER

Eine Lilie unter Disteln –

so erscheint mir meine Freundin

unter allen anderen Mädchen.

SIE

Wie ein Apfelbaum im Walde

ist mein Liebster unter Männern.

Seinen Schatten hab ich gerne,

um mich darin auszuruhen;

seine Frucht ist süß für mich.

SIE

Ins Festhaus hat mein Liebster mich geführt;

Girlanden zeigen an, dass wir uns lieben.

Stärkt mich mit Äpfeln, mit Rosinenkuchen,

denn Liebessehnsucht hat mich krank gemacht.

Sein linker Arm liegt unter meinem Kopf

und mit dem rechten hält er mich umschlungen.

Ihr Mädchen von Jerusalem, lasst uns allein!

Denkt an die scheuen Rehe und Gazellen:

Wir lieben uns, schreckt uns nicht auf!

SIE

Mein Freund kommt zu mir!

Ich spür’s, ich hör ihn schon!

Über Berge und Hügel

eilt er herbei.

Dort ist er –

schnell wie ein Hirsch,

wie die flinke Gazelle.

Jetzt steht er vorm Haus!

Er späht durch das Gitter,

schaut zum Fenster herein.

Nun spricht er zu mir!

ER

Mach schnell, mein Liebes!

Komm heraus, geh mit!

Der Winter ist vorbei mit seinem Regen.

Es grünt und blüht, so weit das Auge reicht.

Im ganzen Land hört man die Vögel singen;

nun ist die Zeit der Lieder wieder da!

Sieh doch: Die ersten Feigen werden reif;

die Reben blühn, verströmen ihren Duft.

Mach schnell, mein Liebes!

Komm heraus, geh mit!

Verbirg dich nicht vor mir wie eine Taube,

die sich in einem Felsenspalt versteckt.

Mein Täubchen, zeig dein liebliches Gesicht

und lass mich deine süße Stimme hören! …

DIE MÄDCHEN

Ach, fangt uns doch die Füchse,

die frechen, kleinen Füchse!

Sie wühlen nur im Weinberg,

wenn unsre Reben blühn.

SIE

Nur mir gehört mein Liebster

und ich gehöre ihm!

Er findet seine Weide,

wo viele Blumen stehn.

Am Abend, wenn es kühl wird

und alle Schatten fliehn,

dann komm zu mir, mein Liebster!

Komm, eile wie ein Hirsch;

sei flink wie die Gazelle,

die in den Bergen wohnt.

SIE

Nachts lieg ich auf dem Bett und kann nicht schlafen.

Ich sehne mich nach ihm und suche ihn,

doch nirgends kann mein Herz den Liebsten finden.

Ich seh mich aufstehn und die Stadt durcheilen,

durch Gassen streifen, über leere Plätze –

ich sehne mich nach ihm und suche ihn,

doch nirgends kann ich meinen Liebsten finden.

Die Wache greift mich auf bei ihrem Rundgang.

»Wo ist mein Liebster, habt ihr ihn gesehn?«

Nur ein paar Schritte weiter find ich ihn.

Ich halt ihn fest und lass ihn nicht mehr los;

ich nehm ihn mit nach Hause in die Kammer,

wo meine Mutter mich geboren hat.

Ihr Mädchen von Jerusalem, lasst uns allein!

Denkt an die scheuen Rehe und Gazellen:

Wir lieben uns, schreckt uns nicht auf!

DIE ZUSCHAUER

Was kommt dort herauf aus der Wüste?

Wie Rauchsäulen zieht es heran;

es duftet nach Weihrauch und Myrrhe,

nach allen Gewürzen der Händler.

Schaut hin! Das ist Salomos Sänfte,

geleitet von sechzig Beschützern,

von Israels tapfersten Helden,

im Kampfe erprobt und bewährt.

Das Schwert hat ein jeder am Gürtel

zum Schutz gegen nächtliche Schrecken.

Aus edelstem Holz ließ der König

den tragbaren Thronsessel machen,

die Säulen mit Silber beschlagen,

die Lehne mit Gold überziehen.

Aus purpurnem Stoff sind die Kissen,

mit Liebe gewebt und bestickt

von Jerusalems Frauen und Mädchen.

Ihr Frauen von Zion, kommt her,

den König zu sehn und die Krone,

mit der seine Mutter ihn schmückte

zum heutigen Tag seiner Hochzeit,

dem Tag voller Freude und Glück.

ER

Preisen will ich deine Schönheit,

du bist lieblich, meine Freundin!

Deine Augen sind wie Tauben,

flattern hinter deinem Schleier.

Wie die Herde schwarzer Ziegen

talwärts vom Berg Gilead zieht,

fließt das Haar auf deine Schultern.

Weiß wie frisch geschorne Schafe,

wenn sie aus der Schwemme steigen,

glänzen prächtig deine Zähne,

keiner fehlt in seiner Reihe.

Wie ein scharlachrotes Band

ziehn sich deine feinen Lippen.

Wangen hinterm Schleier

schimmern rötlich wie die Scheibe

eines Apfels vom Granatbaum.

Wie der Turm des Königs David,

glatt und rund, geschmückt mit tausend

blanken Schilden, ragt dein Hals.

Deine Brüste sind zwei Zicklein,

Zwillingsjunge der Gazelle,

die in Blumenwiesen weiden.

Wenn die Schatten länger werden

und der Abend Kühle bringt,

komm ich zu dir, ruh auf deinem

Myrrhenberg und Weihrauchhügel.

Deine Schönheit will ich preisen!

Du bist lieblich, meine Freundin,

und kein Fehler ist an dir!

ER

Komm, meine Braut, geh doch mit, lass die Berge!

Lass den gefahrvollen Libanon, komm!

Fort von dem Gipfel des Berges Amana,

fort vom Senir und vom ragenden Hermon,

fort von den Lagerplätzen der Löwen,

fort von den Bergen der Panther, komm mit!

ER

Verzaubert hast du mich,

Geliebte, meine Braut!

Ein Blick aus deinen Augen

und ich war gebannt.

Sag, birgt er einen Zauber,

an deinem Hals der Schmuck?

Wie glücklich du mich machst

mit deiner Zärtlichkeit!

Mein Mädchen, meine Braut,

ich bin von deiner Liebe

berauschter als von Wein.

Du duftest süßer noch

als jeder Salbenduft.

Wie Honig ist dein Mund,

mein Schatz, wenn du mich küsst,

und unter deiner Zunge

ist süße Honigmilch.

Die Kleider, die du trägst,

sie duften wie der Wald

hoch auf dem Libanon.

ER

Meine Braut ist ein Garten

voll erlesener Pflanzen!

An Granatapfelbäumen

reifen köstliche Früchte.

Herrlich duften die Rosen

und die Blüten der Henna.

Narde, Safran und Kalmus,

alle Weihrauchgewächse,

Zimt und Aloë, Myrrhe,

alle Arten von Balsam

sind im Garten zu finden.

Eine Quelle entspringt dort

mit kristallklarem Wasser,

das vom Libanon herkommt.

Aber noch sind mir Garten

und Quelle verschlossen!

SIE

Kommt doch, ihr Winde,

durchweht meinen Garten!

Nordwind und Südwind,

erweckt seine Düfte!

Komm, mein Geliebter,

betritt deinen Garten!

Komm doch und iss

seine köstlichen Früchte! …

ER

Ich komm in den Garten,

zu dir, meine Braut!

Ich pflücke die Myrrhe,

die würzigen Kräuter.

Ich öffne die Wabe

und esse den Honig.

Ich trinke den Wein,

ich trinke die Milch.

Esst, Freunde, auch ihr,

und trinkt euren Wein;

berauscht euch an Liebe!

SIE

Ich lag im Schlaf, jedoch mein Herz blieb wach.

Da klopft’s! Ich weiß: Mein Freund steht vor der Tür.

ER

»Mach auf, mein Schatz, mach auf, ich will zu dir!

Mein Täubchen, öffne doch, lass mich hinein!

Mein Haar ist nass vom Tau der kühlen Nacht.«

SIE

»Ich habe doch mein Kleid schon ausgezogen

und müsst es deinetwegen wieder anziehn.

Auch meine Füße habe ich gewaschen;

ich würde sie ja wieder schmutzig machen!«

Durchs Fenster an der Tür greift seine Hand;

ich höre, wie sie nach dem Riegel sucht.

Mein Herz klopft laut und wild. Er ist so nah!

Ich springe auf und will dem Liebsten öffnen.

Als meine Hände nach dem Riegel greifen,

da sind sie feucht von bestem Myrrhenöl.

Schnell öffne ich die Tür für meinen Freund;

doch er ist fort, ich kann ihn nicht mehr sehn.

Mein Herz steht still, fast tötet mich der Schreck!

Ich suche meinen Freund, kann ihn nicht finden.

Ich rufe ihn, doch er gibt keine Antwort.

Die Wächter finden mich bei ihrem Rundgang.

Sie schlagen ohne Mitleid auf mich ein

und reißen mir den Umhang von den Schultern.

SIE

Ihr Mädchen alle, ich beschwöre euch:

Wenn euch mein Freund begegnet, sagt ihm doch,

die Liebessehnsucht macht mich matt und krank!

DIE MÄDCHEN

Beschreib ihn uns,

du schönste aller Frauen!

Wer ist es, den du suchst?

Was unterscheidet ihn

von anderen Männern,

dass du uns so beschwörst?

SIE

Mein Liebster ist blühend und voller Kraft,

nur einer von Tausenden ist wie er!

Sein schönes Gesicht ist so braun gebrannt,

sein Haar dicht und lockig und rabenschwarz.

Die Augen sind lebhaften Tauben gleich.

Ganz weiß sind die Zähne, als hätten sie

gebadet in Bächen von reiner Milch.

Die Wangen sind Beete voll Balsamkraut,

die herrlichsten Würzkräuter sprießen dort.

Wie Lilien leuchtet sein Lippenpaar,

das feucht ist von fließendem Myrrhenöl.

Die Arme sind Barren aus rotem Gold,

mit Steinen aus Tarschisch rundum besetzt.

Sein Leib ist ein Kunstwerk aus Elfenbein,

geschmückt mit Saphiren von reinster Art.

Die Beine sind marmornen Säulen gleich,

die sicher auf goldenen Sockeln stehn.

Dem Libanon gleicht er an Stattlichkeit,

den ragenden Zedern an Pracht und Kraft.

Sein Mund ist voll Süße, wenn er mich küsst –

ja, alles an ihm ist begehrenswert!

Seht, so ist mein Liebster und so mein Freund.

Nun wisst ihr’s, ihr Mädchen Jerusalems!

DIE MÄDCHEN

Schnell, sag uns noch,

du schönste aller Frauen:

Wo ging dein Liebster hin?

Wir wollen mit dir gehn

und nach ihm suchen!

Wo könnte er denn sein?

SIE

Er ist in seinem Garten,

wo Balsamsträucher stehn,

wo er die Herde weidet

und schöne Lilien pflückt.

Nur mir gehört mein Liebster

und ich gehöre ihm!

Er findet seine Weide,

wo viele Blumen stehn.

ER

Schön wie Tirza bist du, Freundin,

strahlend wie Jerusalem;

wie ein Trugbild in der Wüste

raubt dein Anblick mir den Atem.

Wende deine Augen von mir,

denn sie halten mich gefangen.

Wie die Herde schwarzer Ziegen

talwärts vom Berg Gilead zieht,

fließt das Haar auf deine Schultern.

Deine Zähne glänzen prächtig.

Weiß sind sie wie Mutterschafe,

wenn sie aus der Schwemme steigen;

jedes kommt mit seinem Jungen,

keins ist unfruchtbar geblieben:

Keiner fehlt in seiner Reihe.

Deine Wangen hinterm Schleier

schimmern rötlich wie die Scheibe

eines Apfels vom Granatbaum.

Lass den König sechzig Frauen,

achtzig Konkubinen haben,

dazu Mädchen ohne Zahl!

Meine Liebe gilt nur einer:

meinem makellosen Täubchen!

Sie ist ihrer Mutter Liebling,

denn sie ist die einzige Tochter.

Sähen sie die andern Frauen,

Königinnen, Konkubinen,

alle würden sie besingen:

DIE FRAUEN

»Wer leuchtet so schön wie das Morgenrot,

so hell wie der Mond, wie der Sonne Strahl,

verwirrend wie Bilder im Wüstensand?«

ER

Ich ging hinunter in den Walnussgarten,

um mich am frischen Grün des Tals zu freuen,

des Weinstocks neue Triebe anzuschauen

und auch die ersten Blüten am Granatbaum.

SIE

Was ist mit mir? Ich kann mich kaum beherrschen,

obwohl ich doch aus edlem Hause stamme!

DIE MÄDCHEN UND FRAUEN

Komm, dreh dich im Hochzeitstanz, Schulammít!

Komm, dreh dich im Tanze und lass dich sehn!

SIE

Was habt ihr davon, mich beim Tanz zu sehn?

Was ist denn Besonderes an Schulammít?

ER

Deine Füße sind zierlich

in den Schuhen, du Fürstin!

Und das Rund deiner Hüften

ist das Werk eines Künstlers!

Einer Schale, der niemals

edler Wein fehlen möge,

gleicht dein Schoß, süßes Mädchen!

Wie ein Hügel von Weizen

ist dein Leib, rund und golden

und von Lilien umstanden.

Deine Brüste sind herzig

wie zwei junge Gazellen.

Einem Elfenbeinturm gleich

ist dein Hals, schlank und schimmernd.

Deine Augen – zwei Teiche

nah beim Tore von Heschbon.

Deine Nase ist zierlich

wie der Vorsprung des Wachtturms

an dem Weg nach Damaskus.

Wie das Karmelgebirge

ist dein Kopf, hoch und prächtig.

Voller Glanz ist dein Haupthaar;

in dem Netz deiner Locken

liegt ein König gefangen.

ER

Du bist schön wie keine andere,

dich zu lieben macht mich glücklich!

Schlank wie eine Dattelpalme

ist dein Wuchs, und deine Brüste

gleichen ihren vollen Rispen.

Auf die Palme will ich steigen,

ihre süßen Früchte pflücken,

will mich freun an deinen Brüsten,

welche reifen Trauben gleichen.

Deinen Atem will ich trinken,

der wie frische Äpfel duftet,

mich an deinem Mund berauschen,

denn er schmeckt wie edler Wein …

SIE

… der durch deine Kehle gleitet,

dich im Schlaf noch murmeln lässt.

SIE

Nur ihm, meinem Liebsten, gehör ich

und mir gilt sein ganzes Verlangen!

Komm, lass uns hinausgehn, mein Liebster,

die Nacht zwischen Blumen verbringen!

Ganz früh stehn wir auf, gehn zum Weinberg

und sehn, ob die Weinstöcke treiben,

die Knospen der Reben sich öffnen

und auch die Granatbäume blühen.

Dort schenke ich dir meine Liebe!

SIE

Kannst du den Duft der Liebesäpfel spüren?

Vor unsrer Tür ist köstlich süßes Obst,

die allerbesten Früchte, alt und neu,

für dich, mein Liebster, sind sie aufbewahrt!

SIE

Ich wünschte mir, dass du mein Bruder wärst,

den meine Mutter an der Brust genährt hat.

Dann dürfte ich dich unbekümmert küssen,

wenn ich dich draußen auf der Straße treffe,

und niemand würde dann die Nase rümpfen.

Ich nähm dich mit zum Hause meiner Mutter;

du könntest mich im Zärtlichsein belehren,

ich gäbe dir gewürzten Wein zu trinken

und meinen Most von Früchten des Granatbaums.

Sein linker Arm liegt unter meinem Kopf

und mit dem rechten hält er mich umschlungen.

Ihr Mädchen alle, ich beschwöre euch,

dass ihr uns nicht in unsrer Liebe stört!

DIE MÄDCHEN

Wer kommt dort herauf aus der Wüste,

gestützt auf den Arm ihres Liebsten?

SIE

Hier unterm Apfelbaum

hab ich dich aufgeweckt,

wo deine Mutter dich

empfing und auch gebar.

Du trägst den Siegelring

an einer Schnur

auf deiner Brust.

So nimm mich an dein Herz!

Du trägst den Reif

um deinen Arm.

So eng umfange mich!

Unüberwindlich

ist der Tod:

Niemand entrinnt ihm,

keinen gibt er frei.

Unüberwindlich –

so ist auch die Liebe,

und ihre Leidenschaft

brennt wie ein Feuer.

Kein Wasser kann die Glut der Liebe löschen

und keine Sturzflut schwemmt sie je hinweg.

Wer meint, er könne solche Liebe kaufen,

der ist ein Narr, er hat sie nie gekannt!

IHRE BRÜDER

Noch ist unsre kleine Schwester

für die Liebe viel zu jung,

denn sie hat noch keine Brüste.

Kommt sie erst ins rechte Alter,

dass sie jemand freien will,

müssen ihre Brüder wachen.

Sperrt sie sich wie eine Mauer,

schmückt man sie mit Silberzinnen.

Gleicht sie einer offenen Pforte,

schließt man sie mit Zedernbalken.

SIE

Eine starke Mauer bin ich,

Türmen gleichen meine Brüste.

Trotzdem will ich mich ergeben,

bitte meinen Freund um Frieden.

ER

Salomo hat einen Weinberg

auf dem Hang von Ba’al-Hamon.

Für die Ernte würde jeder

tausend Silberstücke zahlen;

darum wird er streng bewacht.

Salomo gönn ich die tausend,

auch den Wächtern noch zweihundert –

ich hab meinen eigenen Weinberg!

ER

Du Mädchen in den Gärten,

die Freunde warten schon:

Lass deine Stimme hören

und rufe mich zu dir!

SIE

Komm schnell zu mir, mein Liebster!

Komm, eile wie ein Hirsch;

sei flink wie die Gazelle,

die in den Bergen wohnt.

Wie Paare sich finden

Die Geschichten des Alten Testamentes entstanden größtenteils in der Zeit des Alten Orients – und so spiegeln sie auch die damalige Gesellschaftsform wider: Die Menschen lebten in Großfamilien und Sippen zusammen. Oberhaupt war der älteste Mann der Hauptfamilie. Er sorgte für die Seinen und musste sie durch die Unbilden des Lebens führen.

Der Bestand der Großfamilie war durch Hungersnöte, Kriege und Krankheiten gefährdet. Oberstes Ziel war die Erhaltung der Sippe, ihm musste sich alles andere unterordnen.

So hatten auch Liebe, Partnerschaft und Ehe meist wenig Romantisches an sich. Sie dienten der Fortpflanzung. In der Regel wurden Mann und Frau – oftmals auch ein Mann und mehrere Frauen – »verbunden«, d.h. auf Rat und Beschluss der Sippenältesten verheiratet. Welche Gefühle die beiden dabei hegten, spielte, wenn überhaupt, eher die zweite Rolle. Wichtig war, dass die Herden und Äcker in der Hand einer Familie blieben und die Sippe durch viele Kinder im Bestand gesichert wurde.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Bibel auch »Ehefindungsgeschichten« erzählt, die durchaus unserer Vorstellung von romantischer Liebe nahe kommen.

Liebe auf den ersten Blick
Adam und Eva

Von Gefühlen ist in der ersten Liebesgeschichte der Bibel zunächst gar nicht die Rede, sondern vom Brauchen. Der erste Mensch braucht nämlich Hilfe, braucht eine Partnerin und ein Gegenüber. Gott hatte den Menschen geschaffen, zunächst als Einzelwesen, und ihn in die Welt gesetzt. Als Bauer sollte er das Land bestellen und pflegen. Doch schnell wird klar: Das kann er nicht allein. Er braucht dazu ein anderes Wesen an seiner Seite, das ihn ergänzt und verantwortlich ist wie er. Können ihm die Tiere helfen? Er schaut sie alle in Ruhe an, gibt ihnen Namen – doch ein wirklicher Partner kann keines von ihnen sein. Und so erschafft Gott die »Menschin«, die Frau. Ganz eng ist sie dem Mann verwandt, quasi aus demselben Holz geschnitzt. Der Mann schaut die Frau an und sieht sofort: Die passt zu mir. Die gehört zu mir. Die versteht mich. Es ist tatsächlich »Liebe auf den ersten Blick«.

Alles, was die Beziehung von Mann und Frau bis heute ausmacht, ist schon in den Anfängen angelegt: Sie sind einander ähnlich und doch verschieden. Weil sie einander zum Leben brauchen, suchen sie sich. Und weil sie doch unterschiedlich sind, reiben sie sich aneinander. Hinter dieser alten Geschichte steht ein fortschrittliches Bild von der Liebe, das durchaus nicht selbstverständlich ist: Mann und Frau leben als Partner und ergänzen sich. Und ihre Zweisamkeit hat ein Ziel: Sie sollen in dieser Welt segensreich wirken. (1.Mose/Genesis 2,4-9.15-25)

Dies ist die Geschichte der Entstehung von Himmel und Erde; so hat Gott sie geschaffen.

Als Gott, der HERR, Erde und Himmel machte, gab es zunächst noch kein Gras und keinen Busch in der Steppe; denn Gott hatte es noch nicht regnen lassen. Es war auch noch niemand da, der das Land bearbeiten konnte. Nur aus der Erde stieg Wasser auf und tränkte den Boden.

Da nahm Gott, der HERR, Staub von der Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase. So wurde der Mensch ein lebendes Wesen.

Dann legte Gott im Osten, in der Landschaft Eden, einen Garten an. Er ließ aus der Erde alle Arten von Bäumen wachsen. Es waren prächtige Bäume und ihre Früchte schmeckten gut. Dorthin brachte Gott den Menschen, den er gemacht hatte.

In der Mitte des Gartens wuchsen zwei besondere Bäume: der Baum des Lebens, dessen Früchte Unsterblichkeit schenken, und der Baum der Erkenntnis, dessen Früchte das Wissen verleihen, was für den Menschen gut und was für ihn schlecht ist.

Gott, der HERR, brachte also den Menschen in den Garten Eden. Er übertrug ihm die Aufgabe, den Garten zu pflegen und zu schützen. Weiter sagte er zu ihm: »Du darfst von allen Bäumen des Gartens essen, nur nicht vom Baum der Erkenntnis. Sonst musst du sterben.«

Gott, der HERR, dachte: »Es ist nicht gut, dass der Mensch so allein ist. Ich will ein Wesen schaffen, das ihm hilft und das zu ihm passt.«

So formte Gott aus Erde die Tiere des Feldes und die Vögel. Dann brachte er sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er jedes Einzelne nennen würde; denn so sollten sie heißen. Der Mensch gab dem Vieh, den wilden Tieren und den Vögeln ihre Namen, doch unter allen Tieren fand sich keins, das ihm helfen konnte und zu ihm passte.

Da versetzte Gott, der HERR, den Menschen in einen tiefen Schlaf, nahm eine seiner Rippen heraus und füllte die Stelle mit Fleisch. Aus der Rippe machte er eine Frau und brachte sie zu dem Menschen. Der freute sich und rief: »Endlich! Sie ist’s! Eine wie ich! Sie gehört zu mir, denn von mir ist sie genommen.«

Deshalb verlässt ein Mann Vater und Mutter, um mit seiner Frau zu leben. Die zwei sind dann eins, mit Leib und Seele.

Die beiden waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.

Brautschau am Brunnen
Rebekka und Isaak

Isaak und Rebekka kamen auf sehr traditionelle Weise zueinander. Abraham, der Stammvater Israels, hatte auf Gottes Befehl seine alte Heimat verlassen und war in das Gebiet des heutigen Israel/Palästina gezogen – ungefähr um 1500 v.Chr. dürfte das gewesen sein. Als er für seinen Sohn Isaak eine passende Frau suchte, wollte er, dass Isaak eine Frau aus der »alten Heimat«, aus der eigenen Sippe heiraten sollte. Als Eheanbahner sandte er seinen ältesten Knecht, seinen engsten Vertrauten, dorthin. Er hatte die schwierige Aufgabe, eine gute, d.h. äußerlich und innerlich attraktive Frau für den Sohn des Stammvaters zu finden. Auf der weiten Reise in die alte Heimat überlegte er sich die Kriterien: Gastfreundlich, zuvorkommend, höflich und weit blickend sollte sie sein. Der erste Eindruck würde entscheiden: Daran, wie sie sich ihm und seinen Kamelen gegenüber verhielte, würde er erkennen, wer die Richtige wäre.

Der Vertraute Abrahams machte an einem Brunnen Halt. Dies war die »Infobörse« der damaligen Zeit: Dort traf man sich beim Wasserholen, dort wurden die neuesten Neuigkeiten ausgetauscht, Geburten und Todesfälle bekannt gegeben – und auch Ehen angebahnt. Der Knecht traf tatsächlich auf eine junge Frau, die alle seine Kriterien erfüllte … Später, im Zelt der Familie wird deutlich, dass er nicht nur auf die richtige Frau, sondern auch auf die passende Sippschaft gestoßen ist. Wer diese Geschichte liest, erkennt: Gott hat seine Hand im Spiel bei dieser Eheanbahnung. Er überlässt es nicht dem Zufall, wen der Sohn von Abraham heiratet, geht es doch um die Geschicke seines Volkes Israel.

Die Eheleute, die einander vorher noch nie begegnet sind, gewinnen einander lieb. Dies ist eine bemerkenswerte Notiz am Ende der Geschichte – denn normalerweise spielten die Gefühle in einer Eheanbahnung kaum eine Rolle.

Und noch etwas ist bemerkenswert: Die Ehe mit Rebekka tröstete Isaak über den Tod seiner Mutter Sara. Dies ist sicher eine Erfahrung, die viele Menschen machen: dass Liebe den Tod anzunehmen hilft. (1.Mose/Genesis 24,1-67)

Abraham war sehr alt geworden. Der HERR hatte ihn gesegnet und ihm alles gelingen lassen. Eines Tages sagte er zu seinem ältesten Knecht, der seinen ganzen Besitz verwaltete: »Leg deine Hand zwischen meine Beine und schwöre mir! Versprich mir beim HERRN, dem Gott des Himmels und der Erde, dass du für meinen Sohn Isaak keine Frau auswählst, die hier aus dem Land Kanaan stammt. Gib mir dein Wort, dass du in meine Heimat gehst und ihm eine Frau aus meiner Verwandtschaft suchst.«

Der Besitzverwalter sagte: »Was soll ich aber tun, wenn die Frau mir nicht hierher folgen will? Soll ich dann deinen Sohn wieder in deine Heimat zurückbringen?«

»Auf keinen Fall!«, sagte Abraham. »Das darfst du niemals tun! Der HERR, der Gott des Himmels, wird seinen Engel vor dir herschicken, sodass dein Auftrag gelingt und die Frau dir folgen wird. Er hat mich aus meiner Sippe und Heimat weggeholt und mir mit einem Schwur zugesagt, dass er meinen Nachkommen dieses Land geben wird. Wenn die Frau dir nicht folgen will, bist du nicht mehr an deinen Schwur gebunden. Aber auf keinen Fall darfst du meinen Sohn dorthin zurückbringen!«

Da legte der Verwalter seine Hand zwischen die Beine Abrahams und schwor ihm, alles so auszuführen, wie er es verlangt hatte. Dann machte er zehn von den Kamelen seines Herrn reisefertig, nahm wertvolle Geschenke mit und reiste nach Mesopotamien, in die Stadt, in der die Familie von Abrahams Bruder Nahor lebte.

Als er dort ankam, hielt er an der Quelle vor der Stadt an und ließ die Kamele niederknien. Es war gegen Abend, um die Zeit, wenn die Frauen zum Wasserholen herauskommen.

»HERR, du Gott meines Herrn Abraham«, betete er, »gib mir Glück zu meinem Vorhaben! Sei gut zu meinem Herrn und erfülle seinen Wunsch! Gleich werden die jungen Mädchen aus der Stadt hierher kommen und Wasser schöpfen. Dann will ich eins von ihnen bitten: ›Reiche mir deinen Krug, damit ich trinken kann!‹ Wenn das Mädchen sagt: ›Trink nur; ich will auch deinen Kamelen zu trinken geben‹, dann weiß ich: Sie ist es, die du für deinen Diener Isaak bestimmt hast. Daran werde ich erkennen, dass du zu meinem Herrn gut bist und seinen Wunsch erfüllt hast.«

Kaum hatte er zu Ende gebetet, da kam aus der Stadt ein Mädchen mit einem Wasserkrug auf der Schulter. Es war Rebekka, die Tochter von Betuël und Enkelin von Milka, der Frau von Abrahams Bruder Nahor. Sie war sehr schön und noch nicht verheiratet; kein Mann hatte sie berührt. Sie ging die Stufen zum Wasser hinab, füllte ihren Krug, hob ihn auf die Schulter und kam wieder herauf.

Schnell trat der Verwalter Abrahams auf sie zu und bat sie: »Gib mir doch einen Schluck Wasser aus deinem Krug!«

»Trink nur, Herr!«, sagte das Mädchen, ließ sogleich den Krug auf ihre Hand herunter und hielt ihn so, dass er trinken konnte. Als er genug getrunken hatte, sagte sie: »Ich will noch mehr Wasser holen, damit auch deine Kamele trinken können!«

Sie leerte den Krug in die Tränkrinne, stieg rasch wieder zur Quelle hinab und schöpfte so lange, bis alle Kamele genug hatten. Abrahams Verwalter stand schweigend dabei und schaute ihr zu. Er wartete gespannt, ob der HERR seine Reise gelingen lassen würde.

Als die Kamele getrunken hatten, holte er für Rebekka einen kostbaren goldenen Nasenring und zwei schwere goldene Armreifen hervor und sagte zu ihr: »Wessen Tochter bist du? Hat dein Vater in seinem Haus vielleicht Platz für uns, damit wir übernachten können?«

»Ich bin die Tochter von Betuël«, antwortete sie; »es ist der Betuël, den die Milka dem Nahor geboren hat. Wir haben Platz genug und auch Stroh und Futter für die Tiere.«

Da warf sich der Verwalter Abrahams vor dem HERRN nieder und betete: »Dank sei dir, HERR, du Gott meines Herrn Abraham! Du hast ihm deine Güte und Treue bewahrt und hast mich geradewegs zu den Verwandten meines Herrn geführt.«

Das Mädchen lief inzwischen nach Hause zu ihrer Mutter und erzählte, was sie erlebt hatte. Sie hatte einen Bruder, der hieß Laban. Als der den goldenen Schmuck sah und hörte, was der Mann zu ihr gesagt hatte, lief er hinaus an die Quelle. Dort wartete Abrahams Besitzverwalter noch mit den Kamelen.

»Komm herein zu uns!«, rief Laban. »Du bringst den Segen des HERRN mit. Warum bleibst du hier draußen? Ich habe schon alles herrichten lassen, auch für deine Kamele ist genug Platz.«

Da ging der Verwalter mit ins Haus. Laban ließ die Kamele abzäumen und Streu und Futter für sie holen. Dem Gast und seinen Leuten brachte man Wasser, damit sie sich die Füße waschen konnten. Als sie ihm aber etwas zu essen brachten, sagte er: »Ich esse erst, wenn ich meinen Auftrag ausgerichtet habe.«

Laban forderte ihn auf zu reden, und er begann:

»Ich bin Abrahams Besitzverwalter. Der HERR hat meinen Herrn reich gesegnet und zu hohem Ansehen gebracht. Er hat ihm viele Schafe, Ziegen und Rinder gegeben, dazu Silber und Gold, Sklaven und Sklavinnen, Kamele und Esel. Auch hat Sara, die Frau meines Herrn, ihm in ihrem Alter noch einen Sohn geboren, dem er seinen ganzen Besitz vermacht hat. Nun hat mein Herr mich einen Eid schwören lassen und hat mir aufgetragen: ›Du darfst für meinen Sohn Isaak keine Frau aus dem Land Kanaan wählen. Geh zu meinen Verwandten, zur Familie meines Vaters, und hole ihm von dort eine Frau.‹ Als ich einwandte, dass die Frau mir vielleicht nicht in das fremde Land folgen werde, da sagte er: ›Der HERR, nach dessen Willen ich mich immer gerichtet habe, wird seinen Engel mit dir schicken und deine Reise gelingen lassen, sodass du für meinen Sohn eine Frau aus meiner Verwandtschaft, aus der Familie meines Vaters, findest. Wenn meine Verwandten dir aber keine Frau für meinen Sohn geben wollen, bist du nicht mehr an deinen Schwur gebunden.‹ Als ich nun heute an die Quelle kam, betete ich zum HERRN und sagte: ›Gott Abrahams, meines Herrn, wenn du doch meine Reise gelingen lassen wolltest! Ich stehe hier an der Quelle und bitte dich um ein Zeichen: Zu dem ersten heiratsfähigen Mädchen, das herauskommt, will ich sagen: Gib mir doch einen Schluck aus deinem Krug! Wenn sie darauf sagt: Trink nur, und auch deinen Kamelen will ich zu trinken geben – dann weiß ich: Sie ist es, die du, HERR, für den Sohn meines Herrn bestimmt hast.‹ Kaum hatte ich diese Worte in meinem Herzen gesprochen, da kam Rebekka mit dem Krug auf der Schulter, stieg die Stufen zur Quelle hinab und schöpfte Wasser. Ich sagte zu ihr: ›Gib mir doch etwas zu trinken!‹ Da ließ sie sogleich ihren Krug von der Schulter herunter und sagte: ›Trink nur, und auch deinen Kamelen will ich zu trinken geben!‹ Als alle Tiere getrunken hatten, fragte ich sie nach ihrem Vater, und sie sagte mir, dass es Betuël sei, der Sohn Nahors von seiner Frau Milka. Da legte ich ihr den goldenen Ring an die Nase und die Goldreifen um ihre Arme. Und dann warf ich mich nieder und dankte dem HERRN, dem Gott meines Herrn Abraham, dass er mich geradewegs zum Bruder meines Herrn geführt hat und ich jetzt dessen Tochter als Frau für den Sohn meines Herrn erbitten kann. Sagt mir nun also, ob ihr meinem Herrn gut seid und seinen Wunsch erfüllen wollt! Wenn nicht, dann muss ich anderswo suchen.«

Laban und seine Familie erwiderten: »Das hat der HERR gefügt! Wir können seine Entscheidung nur annehmen. Hier ist Rebekka, nimm sie mit! Sie soll den Sohn deines Herrn heiraten, wie der HERR es bestimmt hat.«

Als Abrahams Verwalter das hörte, warf er sich auf die Erde und dankte dem HERRN. Darauf packte er Silber- und Goldschmuck und festliche Kleider aus und gab sie Rebekka. Auch ihrem Bruder und ihrer Mutter gab er kostbare Geschenke. Dann aßen und tranken die Gäste und legten sich schlafen. Am anderen Morgen sagte Abrahams Verwalter zum Bruder des Mädchens und zu seiner Mutter: »Lasst mich jetzt zu meinem Herrn zurückkehren!«

Die beiden baten ihn: »Lass sie doch noch eine Weile bei uns bleiben, nur zehn Tage; dann kann sie mit dir gehen!«

Er aber sagte: »Haltet mich nicht auf! Gott in seiner Güte hat meine Reise gelingen lassen. Ich möchte jetzt zu meinem Herrn zurückkehren.«

»Wir rufen das Mädchen«, sagten die beiden, »sie soll selbst entscheiden.«

Sie riefen Rebekka und fragten sie: »Willst du mit diesem Mann mitgehen?«

Rebekka sagte: »Ja, das will ich.«

Da verabschiedeten sie Rebekka und ihre Amme und auch den Verwalter Abrahams mit seinen Leuten. Sie segneten Rebekka und sagten: »Schwester, du sollst die Mutter von vielen Tausenden werden! Mögen deine Nachkommen ihre Feinde besiegen und ihre Städte erobern!«

Rebekka und ihre Dienerinnen machten sich reisefertig, setzten sich auf die Kamele und zogen mit dem Besitzverwalter Abrahams. So brach er mit Rebekka in seinem Gefolge auf.

Isaak wohnte zu der Zeit im südlichsten Teil des Landes in der Nähe des Brunnens Lahai-Roi. Eines Abends, als er gerade auf dem Feld war, sah er auf einmal Kamele daherkommen. Auch Rebekka hatte Isaak erblickt. Schnell stieg sie vom Kamel und fragte den Verwalter Abrahams: »Wer ist der Mann, der uns dort entgegenkommt?«

»Es ist mein Herr«, erwiderte er; und Rebekka bedeckte ihr Gesicht mit dem Schleier.

Der Besitzverwalter erzählte Isaak, wie alles gegangen war, und Isaak führte Rebekka in das Zelt seiner Mutter Sara. Er nahm sie zur Frau und gewann sie lieb. So wurde er über den Verlust seiner Mutter getröstet.

Ein Schuh entscheidet
Rut und Boas

Einen ganz anderen Weg zur Ehe gehen Rut und Boas. Rut war von Hause aus Moabiterin, sie stammte also aus einem Nachbarstamm der Israeliten. Sie lebte in Moab zusammen mit ihrem Mann, mit Schwager, Schwägerin, Schwiegervater und Schwiegermutter. Dann geschah das größte Unglück, das einer Frau in jener Zeit um 1100 v.Chr. zustoßen konnte: Ihr Mann starb, ihr Schwager starb und auch der Schwiegervater. Rut, ihre Schwägerin und die Schwiegermutter Noomi blieben verwitwet zurück. Noomi war Israelitin und entschied sich, zu ihrer eigenen Sippe zurückzukehren. Sie riet ihren Schwiegertöchtern, ebenfalls zu ihren Heimatfamilien zurückzugehen. Während die Schwägerin dies Angebot annahm, versprach Rut der Noomi: »Wo du hingehst, da will auch ich hingehen.« Und so kam die Moabiterin Rut nach Israel, wo sie wie eine Tochter Noomis angesehen wurde.

Noomi setzte nun alles daran, Rut wieder einen Mann zu verschaffen. Denn nur als verheiratete Frau war sie beschützt und versorgt. Aber Noomi wollte Rut nicht an irgendwen verheiraten, sondern dachte an eine »standesgemäße« Verbindung mit einem Mann aus ihrer Sippschaft. Die Sippe war rechtlich auch dazu verpflichtet, eine verwitwete Frau zu versorgen – und das bedeutete, dass einer der Verwandten sie heiraten musste. Es gab dazu eine festgelegte Reihenfolge, welcher Mann für welche Frau zunächst als Versorger in Frage kam.

Der Mann, den Noomi für Rut ins Auge fasste, hieß Boas. Und sie fädelte es geschickt ein, dass Boas die Rut als freundliche, fleißige und ehrliche Frau kennen lernte – und sorgte auch dafür, dass er ihre weiblichen Reize entdeckte …

Vor der Hochzeit galt es noch ein juristisches Problem zu lösen: Noomi besaß ein Stück Land, das ein anderer für sie verwaltete. Dieses Land wollte sie vor der Eheschließung zurückbekommen. Als Frau war sie aber nicht geschäftsfähig. Also musste ein so genannter Löser her, also einer, der für Noomi das Land auslöste. Wer dies tun konnte, war von den Verwandtschaftsgraden her in einer bestimmten Reihenfolge festgelegt. Boas suchte den in Frage kommenden Löser auf. Dieser wäre auch bereit gewesen, das Land zu kaufen – aber die weiteren Verpflichtungen wollte er dann doch nicht eingehen: nämlich Rut zu heiraten und mit ihr einen Sohn zu zeugen, der das Land später erben würde. So überließ der Löser dem Boas das Land. Als Zeichen für den Landkauf wurde traditionell ein Schuh überreicht.

Boas war sehr stolz auf seine junge Frau Rut: »Du hast mir die Gnade erwiesen, mich zu erwählen – und nicht einen von den jungen Männern«, bedankt er sich bei ihr. Einer der Nachkommen von Rut und Boas war der bekannteste Staatsmann Israels: König David. Weil die beiden seine Urgroßeltern sind, wurde diese Liebesgeschichte aufgeschrieben und überliefert. (Rut 3–4)

Eines Tages sagte Noomi zu Rut: »Meine Tochter, ich möchte, dass du wieder einen Mann und eine Heimat bekommst. Du weißt, dass Boas, mit dessen Leuten du auf dem Feld warst, mit uns verwandt ist. Er arbeitet heute Abend mit der Worfschaufel auf der Tenne, um die Spreu von der Gerste zu trennen. Bade und salbe dich, zieh deine besten Kleider an und geh zur Tenne. Sieh zu, dass er dich nicht bemerkt, bevor er mit Essen und Trinken fertig ist. Pass gut auf, wo er sich hinlegt, und wenn er schläft, schlüpfe unter seine Decke und lege dich neben ihn. Er wird dir dann schon sagen, was du tun sollst.«

»Ich werde alles so machen, wie du gesagt hast«, antwortete Rut. Dann ging sie zur Tenne und verfuhr genau nach den Anweisungen ihrer Schwiegermutter.

Als Boas gegessen und getrunken hatte, legte er sich gut gelaunt und zufrieden am Rand des Getreidehaufens schlafen. Leise ging Rut zu ihm hin, schlüpfte unter die Decke und legte sich neben ihn.

Um Mitternacht schrak Boas auf und tastete um sich. An ihn geschmiegt lag – eine Frau.

»Wer bist du?«, fragte er und bekam die Antwort: »Ich bin Rut, deine Sklavin! Breite deinen Gewandsaum über mich und nimm mich zur Frau; du bist doch der Löser!«

Boas erwiderte: »Der HERR segne dich! Was du jetzt getan hast, zeigt noch mehr als alles bisher, wie treu du zur Familie deiner Schwiegermutter hältst. Du hättest ja auch den jungen Männern nachlaufen können und jeden bekommen, ob arm oder reich. Nun, meine Tochter, sei unbesorgt! Ich werde tun, worum du mich gebeten hast. Jeder in der Stadt weiß, dass du eine tüchtige Frau bist. Doch da ist noch ein Punkt: Es stimmt zwar, dass ich ein Löser bin und dir helfen muss; aber es gibt noch einen zweiten, der den Vortritt hat, weil er näher verwandt ist als ich. Bleib die Nacht über hier! Morgen früh werde ich ihn vor die Wahl stellen, ob er der Verpflichtung nachkommen will oder nicht. Wenn nicht, werde ich es tun. Das verspreche ich dir, so gewiss der HERR lebt. Bleib jetzt liegen bis zum Morgen!«

Rut blieb neben ihm liegen; aber in aller Frühe, noch bevor ein Mensch den andern erkennen konnte, stand sie auf. Denn Boas sagte: »Es darf nicht bekannt werden, dass eine Frau auf der Tenne war.«

Dann sagte er noch zu ihr: »Nimm dein Umschlagtuch ab und halte es auf!« Er füllte einen halben Zentner Gerste hinein und hob ihr die Last auf die Schulter. Dann ging er in die Stadt.

Als Rut nach Hause kam, fragte ihre Schwiegermutter: »Wie ist es dir ergangen, meine Tochter?«

Rut erzählte alles, was Boas für sie getan und zu ihr gesagt hatte. »Und diese ganze Menge Gerste hat er mir mitgegeben«, fügte sie hinzu. »Er sagte: ›Du darfst nicht mit leeren Händen zu deiner Schwiegermutter kommen.‹«

Noomi antwortete: »Bleib nun hier, meine Tochter, und warte ab, wie die Sache ausgeht. Der Mann wird nicht ruhen, bis er sie noch heute geordnet hat.«

Boas war inzwischen zum Versammlungsplatz am Stadttor gegangen und hatte sich dort hingesetzt. Da ging gerade der andere Löser, von dem Boas gesprochen hatte, vorbei. Boas rief ihm zu: »Komm hierher und setz dich«, und der Mann tat es. Dann holte Boas zehn Männer, die zu den Ältesten der Stadt gehörten, und sagte zu ihnen: »Setzt euch hierher zu uns!«

Als sie sich gesetzt hatten, sagte er zu dem anderen Löser: »Du weißt, dass Noomi aus dem Land Moab zurückgekehrt ist. Sie bietet den Landanteil zum Verkauf an, der unserem Verwandten Elimelech gehört hat. Ich wollte dir das sagen und dir den Vorschlag machen: Erwirb den Landanteil Elimelechs in Gegenwart der hier sitzenden Männer und in Gegenwart der Ältesten meines Volkes! Sag, ob du deiner Verpflichtung nachkommen und von deinem Recht als Löser Gebrauch machen willst oder nicht. Ich will es wissen, denn du bist als Erster an der Reihe und nach dir komme ich.«

Der andere antwortete: »Ich mache das!«

Boas fuhr fort: »Wenn du von Noomi das Feld Elimelechs übernimmst, musst du zugleich die Verpflichtung übernehmen, für die Moabiterin Rut zu sorgen und anstelle ihres verstorbenen Mannes einen Sohn zu zeugen. Dem wird später das Feld zufallen, damit der Name des Verstorbenen auf dessen Erbbesitz weiterlebt.«

»Wenn es so ist, verzichte ich«, sagte der andere. »Ich schädige sonst meinen eigenen Erbbesitz. Ich trete dir mein Recht als Löser ab. Ich kann es nicht wahrnehmen.«

Dann zog er seinen Schuh aus und gab ihn Boas mit den Worten: »Erwirb du das Feld!« Mit diesem Zeichen bestätigte man früher in Israel bei Geschäftsabschlüssen den Wechsel des Besitzrechtes an Grund und Boden.

Boas wandte sich an die Ältesten und die anderen anwesenden Männer und sagte: »Ihr seid heute Zeugen, dass ich von Noomi alles erworben habe, was Elimelech und seinen Söhnen Kiljon und Machlon gehörte. Ich habe damit auch die Moabiterin Rut, die Witwe Machlons, als Frau erworben und die Verpflichtung übernommen, an Machlons Stelle einen Sohn zu zeugen, dem sein Erbbesitz gehören wird. Machlons Name soll in seiner Sippe nicht vergessen werden, und seine Familie soll in dieser Stadt und in Israel bestehen bleiben. Ihr habt meine Erklärung gehört und seid dafür Zeugen.«

Die Ältesten und alle Männer auf dem Platz am Tor sagten: »Wir sind dafür Zeugen! Der HERR mache die Frau, die in dein Haus kommt, kinderreich wie Rahel und Lea, die zusammen das Haus Israel groß gemacht haben. Mögest du in der Sippe Efrat zu Reichtum und Einfluss gelangen und möge dein Name berühmt werden in Betlehem. Durch die Nachkommen, die der HERR dir durch diese Frau geben wird, soll deine Familie so bedeutend werden wie die Familie von Perez, dem Sohn von Tamar und Juda.«

So nahm Boas Rut zur Frau. Der HERR ließ sie schwanger werden und sie gebar einen Sohn.

Da sagten die Frauen zu Noomi: »Der HERR sei gepriesen! Er hat dir heute in diesem Kind einen Löser geschenkt. Möge der Name des Kindes berühmt werden in Israel! Es wird dir neuen Lebensmut geben und wird im Alter für dich sorgen. Denn es ist ja der Sohn deiner Schwiegertochter, die in Liebe zu dir hält. Wahrhaftig, an ihr hast du mehr als an sieben Söhnen!«

Noomi nahm das Kind auf ihren Schoß und wurde seine Pflegemutter. Ihre Nachbarinnen kamen, um ihm einen Namen zu geben, denn sie sagten: »Noomi ist ein Sohn geboren worden!« Und sie gaben ihm den Namen Obed. Obed wurde der Vater Isais, Isai der Vater des Königs David. Dies ist die Liste der Nachkommen von Perez: Perez zeugte Hezron, Hezron zeugte Ram, Ram zeugte Amminadab, Amminadab zeugte Nachschon, Nachschon zeugte Salmon, Salmon zeugte Boas, Boas zeugte Obed, Obed zeugte Isai und Isai zeugte David.

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