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Die Rebellenprinzessin

Anna Rawe

Über das Buch

Als Evangeline MacKay beginnt, einen mysteriösen Jungen zu sehen, ahnt sie noch nichts von der Wende, die ihr Leben nur wenige Tage später nimmt. Unfreiwillig findet sie sich plötzlich in einer Welt voller Magie – als Todfeindin einer tyrannischen Königin. Verbündete gewinnt sie bei einer Gruppe Widerstandskämpfer, die in ihr die lang prophezeite Retterin sehen.

Doch als Alpträume beginnen, Evangeline zu plagen, wissen selbst ihre engsten Vertrauten keinen Rat. Schon bald muss sie sich eingestehen, dass hinter den blutrünstigen Bildern mehr steckt als erwartet. Und dass alle Wege sie zu der Frau führen, der zu begegnen Evangelines Tod bedeutet.

Über die Autorin

Anna Rawe ist das Pseudonym einer deutschen Autorin. Worte enthielten schon immer eine besondere Magie für sie und so begann sie bereits mit sieben Jahren ihre ersten Geschichten zu verfassen. Mit „Die Rebellenprinzessin“ ist nun ihr erster Roman erschienen. Wenn sie sich nicht gerade in neuen Geschichten und Welten verliert, lässt sie gern die Finger über die Saiten einer Gitarre tanzen oder zieht mit Kamera und Rucksack bewaffnet durch die Welt.

Mehr von Anna findet ihr auf Instagram unter @writingannarawe und auf ihrer Website Flügel aus Papier

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Epilog

Zitierangaben

Prolog

Kein Zurück. Die Wahrheit sang in seinem Herzen und trieb ihn tiefer und tiefer in den Wald. Unter seinen Pfoten knackten Zweige und aus dem Unterholz drang vereinzeltes Rascheln. Er hörte das panische Fiepen einer Maus und den Flügelschlag der Eule, die sich in diesem Moment auf sie stürzte. Er roch Blut. Seine Sinne waren so scharf, dass es ihn nahezu um den Verstand brachte. Mit aller Kraft drängte er die Dunkelheit zurück, die sich seiner Gedanken zu ermächtigen drohte. Er musste sich konzentrieren. Seine Pfoten federten auf dem weichen Moos, als er in einen Trab verfiel. Wieder und wieder rief er sich die Worte seiner Mentorin in den Geist.

Es ist eine Gabe, Conan. Die Götter haben dich erwählt.

Er schnaubte und grub seine Krallen tief in die weiche Erde. Seinetwegen hätten die Götter jeden anderen für ihre undurchsichtigen Pläne erwählen können. Jemanden, der es darauf anlegte, ein Held zu sein. Jemanden, der nichts Besseres zu tun hatte, als dieser Bestimmung zu folgen. Einfach irgendjemanden.

Aber sie haben sich für dich entschieden, hörte er Tilly ein weiteres Mal betonen, Und egal, wie sehr du dich sträubst, deinem Schicksal kannst du nicht entkommen.

Wie immer hatte sie auch in diesem Punkt Recht behalten. Seine Gabe hatte sich weder unterdrücken noch ignorieren lassen und war anders als eine Erkältung auch nicht von allein verschwunden. Stattdessen hatten seine Versuche, vor dieser Bestimmung wegzulaufen, ihn nur tiefer ins Elend gestürzt. Und nun blieb ihm keine Wahl mehr.

Sein zweiter Körper war ihm noch immer fremd. Es bereitete ihm Unbehagen, die Muskeln seiner Hinterläufe zu spüren und zu wissen, dass jede ihrer Kontraktionen ihn schneller laufen lassen konnte, als er in menschlicher Gestalt jemals gelaufen war. Er mochte es nicht, wie der Wind sein Fell zerzauste, wenn er rannte. Vielleicht – ja, vielleicht – hätte sich all das auch wie Freiheit anfühlen können. Doch dazu hätte er diese Gabe als einen Teil seiner Selbst akzeptieren müssen – und dafür war er nicht bereit. Erst recht nicht, nachdem sie ihm alles genommen hatte.

Ein weiteres Mal drängte das Böse sich in sein Bewusstsein. Der Hunger nach Blut überrollte ihn, bevor er den Hirsch gewittert hatte. Alles in ihm schrie nach Jagd, seine Muskeln vibrierten voll ungeahnter Kraft, während die Vorstellung, seine Fänge in das warme Fleisch zu schlagen, erregte Schauder durch seinen Körper jagte. Auf leisen Pfoten näherte er sich dem Tier. Das Böse wisperte. Worte der Verlockung, Worte von Blut und Tod. Es sang, es rief, es zog ihn näher und näher, bis er kaum mehr wusste, was er tat. Noch ein Schritt und es würde ihn verschlingen, würde jedes winzige Stück seiner Selbst unter einen Bann stellen, den er nicht zu brechen vermochte.

Nein. Mit aller Willensstärke hielt er dagegen. Seine Krallen hinterließen tiefe Spuren in der Erde, als er sich zwang, zurückzuweichen. Sein Atem ging schwer und er spürte, wie Schweiß an seinem Körper hinabrann und sein Fell durchnässte. Schritt für Schritt kämpfte er sich weiter, während die Stimmen in seinem Kopf an Kraft verloren.

Schließlich verstummten sie ganz. Der Geruch des Hirsches lag noch immer deutlich zwischen den anderen Düften des Waldes, doch nicht länger spürte er das Pulsieren des Blutes oder den Drang, seine Zähne in den empfindlichen Hals des Tieres zu schlagen. Zögernd setzte er eine Pfote vor die andere, bis er sicher war, tatsächlich wieder Herr seiner Sinne zu sein. Dann jagte er in kräftigen Sprüngen davon.

Als er die Lichtung fand, nahte die Dämmerung bereits. Die Steine waren teilweise von Moos und Flechten bewachsen und es brauchte einen Moment, bis er den Kreis ausgemacht hatte, den sie bildeten. Langsam trat er zwischen ihnen hindurch und näherte sich der Mitte, während sein Blick die Umgebung musterte. Im Mondschein sah die Lichtung bleich und kalt aus. Schwarze Baumriesen umzingelten den Kreis von allen Seiten und streckten ihre langen Arme nach ihm aus. Es schien, als wären alle Geräusche unter einem Mantel tiefer Stille verschwunden. Seine empfindliche Nase, die sonst jeden noch so schwachen Duft anderer Lebewesen wahrnahm, fand in der klaren Luft kaum mehr als den Geruch des Waldes. Er war allein, so vollkommen allein wie er seit seiner ersten Verwandlung nicht mehr gewesen war.

Tu es. Die Stimme seiner Mentorin war klar. Du musst sie finden, Conan. Eure Schicksale sind miteinander verbunden wie die Fäden eines Spinnennetzes.

Er kannte seine Aufgabe. Langsam erhob er den Kopf und stieß den ersten Ton hervor.

Das tiefe Grollen, das seine Kehle verließ, hatte nichts mit den Worten gemein, die sein Verstand wiederholte. Es waren fremde Worte. Worte, deren Klang er nie zuvor gehört hatte und der doch so selbstverständlich in ihm sang wie ein Kinderlied. Magie.

Er spürte das Flimmern in der Luft und ahnte, dass es soweit war. Der erste Stein begann, bläulich zu glimmen. Mit jedem Wort, das er sprach, vervielfachte sich das Leuchten, bis auch die nebenstehenden Steine erstrahlten. Ringsum wurde der Kreis nun von gespenstischem Leuchten erhellt. Sein Herz schlug so schnell, dass ihm schlecht wurde, doch er hielt nicht inne. Das tiefe Grollen, das seine Worte nach außen trug, schwoll nur noch an, bis das Licht um ihn so gleißend war, dass er die Augen zu Schlitzen verengte.

Sein Knurren verwandelte sich in ein tiefes, wölfisches Heulen und als der letzte Ton verstummte, schoss Licht in Kaskaden durch den Wald. Die Luft explodierte und flog ihm in kleinen Fetzen um die Ohren. Seltsame Kräfte rissen an ihm, während der Wirbel aus Sturm und Licht ihn verschlang.

Das war das Ende. Und der Anfang.

Kapitel 1

Strahlende Herbstsonne fiel durch die großen Glasfenster und tauchte das kleine Café in warmes Gold. Obwohl der Oktober dieses Jahr für kanadische Verhältnisse warm ausfiel, sah ich zahlreiche Menschen mit dicken Winterjacken und großen Schals draußen vorbeieilen. Schnell hierhin, schnell dorthin. In einer Stadt wie Calgary musste alles schnell gehen. LKWs und gelbe Taxis drängten sich auf den Straßen. An manchen Tagen war der Verkehr hier so dickflüssig wie Sirup, der die schnurgeraden Straßen zwischen den Hochhäusern verklebte. Ich schüttelte den Kopf. Was für eine absurde Vorstellung. Meine kleine Tagträumerin, nannte Mom mich immer, wenn ich mal wieder der Welt um mich herum mehr Beachtung schenkte, als dem Gespräch, das wir gerade führten.

„Ein Latte Macchiato mit extra viel Schaum für das geheimnisvolle Mädchen am Fenster.“ Die Bedienung grinste breit, während sie das Glas abstellte. Sie war in ihren Zwanzigern, eine kurvige Frau mit rosa Wangen und kleinen Grübchen – der Typ Mensch, den man einfach mögen musste.

„Du bist neu hier, nicht wahr?“, fragte sie, „Ich habe dich schon einige Male im Café gesehen. Ich bin Carly.“

„Evangeline“, stellte ich mich vor, „Und ja, wir sind erst vor einigen Wochen hergezogen.“

Carly lächelte zufrieden. „Das habe ich mir schon gedacht“, erklärte sie, „Du klingst nicht wie eine Kanadierin. Eher … irgendwie britisch?“

Sie sah mich fragend an.

„Schottland“, bestätigte ich, „Eine Kleinstadt an der Ostküste, nahe Edinburgh.“

Carly war gerade in Begriff, zu antworten, als nach ihr gerufen wurde. Entschuldigend hob sie die Hände. „Tut mir leid, ich muss wieder an die Arbeit.“ Ihr Blick fiel auf meinen Kalender, der vor Hausaufgaben, Referaten und Terminen fast überquoll. Ich hatte nicht geahnt, dass der Umzug so viel nachzuholendes Unterrichtsmaterial bedeuten würde. „Wie es aussieht, hast du ja auch noch einiges vor dir.“

Ich nickte. „Leider, ja.“

„Das wird schon“, meinte Carly lächelnd, „War jedenfalls schön, dich kennenzulernen. Ich bin sicher, man sieht sich mal wieder, nicht wahr?“

„Auf jeden Fall.“

„Bis dahin.“ Sie winkte leicht, bevor sie sich umdrehte und zurück an die Arbeit ging.

Ich löffelte einen kleinen Berg Milchschaum von meinem Kaffee und warf einen Blick aus dem Fenster.

Da sah ich ihn.

Die Hände in den Taschen seiner Jeans lehnte er an der Wand des gegenüberliegenden Gebäudes und starrte mich so offen an, dass ich erschauerte. Sogar aus dieser Entfernung konnte ich die Farbe seiner Augen erkennen – ein strahlendes Blau, das perfekt zu seinem hellen Haar passte. Etwas wild und sehr blond, wirkte es in der klaren Oktobersonne fast wie ein Heiligenschein, der seine feinen Gesichtszüge umrahmte. Er konnte höchstens ein paar Jahre älter sein als ich. Und noch immer sah er zu mir herüber. Zweifellos zu mir.

Ein Geräusch ließ mich aufschrecken. Auf dem Display meines Smartphones erschien eine neue Nachricht. Maggie.

„Bin in einer Stunde daheim, dann können wir skypen.“

Eilig entsperrte ich das Display und antwortete.

„Okay. Bis dann.“

Es konnte nur Sekunden gedauert haben. Doch als ich wieder aufsah, war der Typ verschwunden. Die Wand gegenüber war leer, der blonde Haarschopf wie vom Erdboden verschluckt. Bei dem Versuch, die Straße weiter hinunterzusehen, hätte ich fast noch meinen Kaffee umgestoßen. Er war einfach weg.

Ich schüttelte den Kopf über mich selbst. Jetzt fing ich schon an, paranoid zu werden. Geistesabwesend trank ich einige Schlucke, während ich erneut versuchte, mich in die Bio-Aufgaben zu vertiefen. Ich machte mir einige Notizen, Skizzen, blätterte durch das zerlesene Buch, das ich vor ein paar Wochen bekommen hatte – doch die blauen Augen wollten einfach nicht aus meinen Gedanken verschwinden. Lächerlich, wie tief man sich doch in Tagträume stürzen konnte, nur um lästigen Hausaufgaben zu entkommen.

Ich schüttelte den Kopf. Das hier wurde so nichts mehr.

In einem Schluck kippte ich den restlichen Kaffee hinunter und packte das Notizbuch und meinen Kalender ein.

Noch immer in Gedanken verließ ich das Café und machte mich auf den Heimweg.

*****

Wir hatten ein Haus am Stadtrand gekauft, nahe dem Elbow River, in einem der reicheren Viertel. Sienna Hills war eines dieser kleinen Wohngebiete mit Vorgärten, typisch-amerikanischen Holzhäusern in glänzendem Weiß und riesigen Pick-ups in den Einfahrten, wo die Gebäude ordentlich nebeneinander aufgereiht standen und alles irgendwie gleich aussah.

Unser Haus machte dabei keine Ausnahme – abgesehen davon, dass es schon ein bisschen heruntergekommen war.

„Es hat Charme“, sagte Dad immer, wenn das Thema aufkam, „Und sobald wir uns etwas eingelebt haben, werde ich das Dach ausbessern und die Fassade neu streichen. Eine andere Farbe kann Wunder wirken, wisst ihr?“

Die Haustür war abgeschlossen und ich brauchte einige Minuten, um den Schlüssel aus meiner hoffnungslos überfüllten Tasche zu fischen. Mit einem ohrenbetäubenden Quietschen schwang die Tür schließlich doch noch auf.

Der Flur dahinter war ein einziger Hindernisparcours aus vollen Umzugskartons, halb aufgebauten Möbeln und jeder Menge Krimskrams, der seinen Platz in unserem neuen Haus noch nicht gefunden hatte. Ich kämpfte mich bis zur Treppe durch, auf der Ced bereits sein Spielzeug ausgebreitet hatte. Man musste höllisch aufpassen, um nicht auf eine Ansammlung spitzer Lego-Steine zu treten oder auf einem Kuscheltier auszurutschen. Entgegen aller Erwartungen schaffte ich es dennoch heil bis in mein Zimmer, wo ich meine Sachen abstellte und einen Blick auf die Uhr warf. Zehn vor fünf. In einigen Minuten würde Maggie anrufen.

Sie war meine beste Freundin seit ich denken konnte.

Eigentlich hieß sie Marjorie, doch sie fand, der Name passte nicht zu ihr. Solange ich sie kannte, stellte sie sich deshalb überall nur als Maggie vor. Maggie, die Plaudertasche mit der Neugier eines Kleinkindes und dem ansteckendsten Lachen, das ich kannte.

Mit dem Notebook auf den Knien machte ich es mir schon einmal in meinem Bett bequem.

Seit ich weggezogen war, skypten wir mindestens einmal pro Woche, meist stundenlang. Ihr schienen nie die Themen auszugehen – sei es nun der neuste Klatsch aus unserer Schule, die Errungenschaften ihres letzten Shopping-Trips oder ihre Träume von der Zukunft. Ihre Erzählungen gaben mir das Gefühl, immer noch dort zu sein, daheim in Schottland, und mit ihr gemeinsam am Pier zu sitzen und über das Leben zu reden, wie wir es früher oft gemacht hatten.

Maggie hatte diese Art an sich, die Dinge leicht zu nehmen. Sie sagte, was sie dachte und machte sich nie Gedanken darüber, was andere davon hielten.

Auch heute sprachen wir wieder fast zwei Stunden miteinander.

Maggies Katze hatte vorgestern Junge bekommen, drei kleine Kätzchen, jedes nur so groß wie Maggies Hand.

„Sie sind noch blind und taub und sehen aus wie Mini-Kobolde, mit diesem feuerroten Fell“, meinte Maggie lachend, „Und in zwei, drei Wochen werden sie unser Haus in Schutt und Asche legen.“

Ich grinste. „Tja, dann musst du wohl Schadensersatz und Unterhalt von dem Kater fordern, der für dieses Chaos verantwortlich ist.“

Maggie lachte auf. „Apropos Chaos“, meinte sie dann, „Weißt du, wer seit gestern ganz offiziell vergeben ist?“

„Sag bloß!“ Ich schlug die Hände vors Gesicht. „Ridley ist unter der Haube?“

Maggie nickte vielsagend. Stephan Ridley war an unserer Schule ein Jahr über uns gewesen. Ein Rugbyspieler mit Adoniskörper, dazu gar nicht mal wenig Köpfchen – der Traum eines jeden Mädchens.

„Ein Jammer“, bemerkte Maggie, „Wenigstens eine wilde Knutscherei auf dem Schulhof hätte doch drin sein dürfen.“

Ich schmunzelte. Typisch Maggie. Sie würde ihre Unabhängigkeit noch jeder festen Beziehung vorziehen.

„Und, wer ist die Glückliche?“

Maggie verzog die Lippen. „Ashley Cummings“, verkündete sie dann, „Aber wenn du mich fragst, hält das sowieso nicht lange. Immerhin sind die zwei einfach …“

Innerhalb weniger Minuten befanden wir uns mitten in einer Diskussion über Beziehungen und unsere Vorstellung des perfekten Partners. Wie jedes Mal, wenn wir auf dieses Thema kamen, folgte auch heute wieder Maggies Frage danach, ob ich irgendwelche süßen Typen kennengelernt hätte.

„Komm schon, irgendeinen muss es doch geben“, bohrte sie, „Ich habe kanadische Models gegoogelt und ganz ehrlich – die würdest du nicht von der Bettkante stoßen.“

Ich gab bloß ein Brummen von mir, während meine Gedanken erneut zu dem seltsamen Typen vorm Café schweiften. Die blauesten Augen, die ich je gesehen hatte. Unten klirrte ein Schlüsselbund an der Tür.

„Eline?“ Das war Mom. „Eline, Schatz, bist du daheim?“

„Ich bin oben.“ An Maggie gewandt, zuckte ich die Schultern. „Ich muss Schluss machen. Wir hören uns morgen, okay?“

„Okay.“ Maggie grinste. „Bis dann.“

Schritte trampelten die Treppe hinauf und kamen den Flur entlanggeflitzt. Ich konnte gerade noch das Notebook in Sicherheit bringen, dann flog Ceds dunkler Schopf direkt auf mich zu und warf sich in meine Arme.

„Eline, Eline!“, rief er dabei, „Du errätst nie, wo wir heute waren.“ Sanft strich ich ihm die Strähnen aus den schokoladenbraunen, großen Kinderaugen und beugte mich zu ihm herunter. „So?“, fragte ich schmunzelnd, „Wo wart ihr denn?“

„Bei der Feuerwehr“, verkündete er stolz, „Wir haben einen echten Feuerwehrmann getroffen und sind mit dem großen Feuerwehrauto gefahren. Das mit der langen Leiter und dem Blaulicht. Ich durfte sogar beim Feuerlöschen helfen. Die anderen hatten alle Angst, aber ich habe das Feuer gelöscht. Ich bin ein mutiger Junge, hat der Feuerwehrmann zu mir gesagt, ich lasse nichts anbrennen.“ Jetzt konnte ich nicht anders. Lauthals brach ich in Lachen aus.

„Was ist?“, fragte Ced und sah mich verwirrt an, „Warum lachst du?“

Ich schüttelte bloß den Kopf. „Nicht so wichtig“, sagte ich und strich ihm über den Kopf, „Klingt, als hättest du heute eine Menge Spaß gehabt.“

Er nickte und seine dunkle Mähne wippte im Takt. „Und wir haben dir auch was mitgebracht“, meinte er, ganz hibbelig vor Freude, „Mom hat gesagt, du freust dich ganz bestimmt, wenn wir was von Mario’s Maccaroni holen.“

Ich sprang auf. „Ihr wart bei Mario’s? Ehrlich?“

Er nickte erneut und seine kleine Hand zupfte an meinem Pullover. „Komm schon, Eline. Ich habe Hunger. Und Mac’n’Cheese schmecken nur …“

„… wenn sie schön warm und käsig sind.“ Eine von Dads Alltagsweisheiten, die sogar Ced mit seinen sieben Jahren auswendig kannte. Er liebte diese Nudeln genauso wie ich.

Lachend folgte ich ihm die Treppe hinunter bis in die Küche. Mom war bereits dabei, den Tisch zu decken. „Hey, Große“, begrüßte sie mich, während Ced ungeduldig um den Tisch herumsprang, „Wie war dein Tag?“

Ich zuckte nur die Schultern und holte Besteck aus einer der Schubladen. „Nichts Besonderes. Schule eben. Aber ich habe vorhin mit Maggie geskypt. Sie lässt euch Grüße ausrichten.“

Mom lächelte. Sie kannte Maggie schon seit wir beide noch in Windeln durch die Gegend gekrabbelt waren. Beste Freundinnen für immer und ewig.

„Wie geht es ihr denn?“, fragte Mom, „Lynette erwähnte letztens, sie hätte sich für die Uni beworben?“

Ich nickte. „Journalismus in Aberdeen“, erklärte ich, während ich das Besteck verteilte, „Ihre Noten reichen dafür allemal. Aber das Ergebnis bekommt sie erst in ein paar Monaten.“

Es war unser gemeinsamer Traum gewesen. Ein Studium in Aberdeen, eine kleine Wohnung, gemütliche Filmabende im Winter und lange Sommertage am Strand.

Begleitet vom wohlbekannten Rascheln der Papiertüte packte Mom das Essen aus und verteilte es auf die einzelnen Teller.

„Ich will extra viel Käse, Mom, viel Käse bitte!“, bettelte Ced, der unruhig auf seinem Stuhl herumrutschte.

„Aber du musst auch aufessen, Schatz“, bestand Mom, den vollen Teller in der Hand, „Versprichst du das?“

Ced nickte so inbrünstig, wie nur Siebenjährige es konnten.

„Also gut.“ Schmunzelnd stellte Mom den Teller vor ihm auf den Tisch und holte dann auch ihren und meinen.

Wie so oft in letzter Zeit waren wir nur zu dritt zum Abendessen. Dad blieb nicht selten bis neun in seinem Büro an der Universität. Sein neuer Job in der Forschungsabteilung für Mikrosystemtechnik war auch der Grund unseres Umzuges hierher gewesen. Ich erinnerte mich noch genau, wie er vor zwei Monaten verkündet hatte, er hätte ein Angebot aus Calgary bekommen, einen gut bezahlten Job an einer der renommiertesten Universitäten von Kanada. Nächsten Monat ziehen wir um, hatte Mom daraufhin angekündigt. Und dabei war es geblieben. All meine Proteste, doch bleiben zu dürfen, waren vergeblich gewesen.

Und so saßen wir schließlich hier, Mom allein mit Ced und mir. Ced plapperte noch immer fröhlich von seinem Schulausflug und Mom gab sich alle Mühe, nach dem zehnten Durchlauf immer noch interessiert zu wirken. Meine Gedanken schweiften inzwischen vier Wochen in die Vergangenheit.

Ich hatte die ganze Nacht bei Maggie verbracht. Wir hatten keine Sekunde geschlafen. Aufgeregt hatten wir in ihrem Bett gelegen und in der Dunkelheit über meine Zukunft diskutiert.

„Was soll ich denn bloß machen, wenn du nicht mehr da bist?“, hatte Maggie gefragt, „Physik wird sterbenslangweilig sein ohne dich. Und mit wem soll ich in der kleinen Nische in der Cafeteria sitzen und Hot or not spielen?“ Ich hörte sie neben mir schniefen. In meinen Augen brannten Tränen. „Gott, ich werde dich so vermissen, Ell.“

Ich griff nach ihrer Hand. Fest verschlang ich meine Finger mit ihren. „Ich werde dich auch vermissen, Mags“, flüsterte ich mit zitternder Stimme.

Am nächsten Morgen hatte uns das Taxi zum Flughafen gebracht. „Versprich mir, dass du einmal die Woche anrufst“, hatte ich ihr zugeflüstert, während sie mich umarmte.

„Mindestens“, kam Mags‘ Antwort direkt an meinem Ohr, „Und außerdem sehen wir uns zu Weihnachten schon wieder. Es sind nur vier Monate bis dahin.“

Ich nickte und rang mir ein schiefes Lächeln ab.

„Irgendwie werden wir das schon schaffen“, meinte Maggie so optimistisch wie eh und je.

„Eline? Eline!“ Eine Hand fuchtelte vor meinem Gesicht herum und katapultierte mich zurück an den Tisch. „Hm?“

„Ich wollte bloß wissen, ob du Nachtisch willst?“, fragte Mom, während sie die Teller stapelte, „Wir haben noch etwas Schokoladeneis und Blaubeeren von gestern.“ Wie auf Kommando riss Ced seine Arme in die Luft. „Ich will, ich will, ich will.“

Mom lachte. „Ist ja gut, Ced, du bekommst gleich was. Eline?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein danke, ich bin satt.“ Mit einem entschuldigenden Lächeln stand ich auf.

„Ich muss noch lernen“, erklärte ich, „Aber Mario’s war eine fantastische Idee. Ihr seid echt die Besten.“

Ced grinste. „Klar sind wir das.“

Kapitel 2

Da war er wieder.

Strahlend blondes Haar und funkelnd blaue Augen, deren Blick sich direkt in mich bohrte. Der Blick, der mir seit Tagen folgte.

Zuerst dachte ich, mein Verstand würde mir Streiche spielen, als ich ihn am Montag nach unserer ersten Begegnung wiedersah. Lässig lehnte er an der Glaswand der Bushaltestelle vor meiner neuen Schule, dieselbe Jeans und denselben durchdringenden Blick. Noch bevor ich realisieren konnte, dass er tatsächlich dort stand, nur einen Steinwurf entfernt, riss ein vorbeifahrender Lastwagen die Haltestelle aus meinem Blickfeld.

Sekunden später waren beide verschwunden. Den Lastwagen erkannte ich ein Stück die Straße hinunter, doch den Typ mit den blauen Augen hatte der Erdboden verschluckt, genau wie an dem Tag im Café.

Ich sah ihn danach noch einige Male – vor meiner Schule, vor dem Café, an einem Samstag in der Mall und ein einziges Mal sogar in der Nähe unseres Hauses. Keine einzige dieser Begegnungen konnte man wirklich als „Begegnung“ bezeichnen. Vielmehr war es ein kurzes Aufblitzen, ein sekundenlanges Erscheinen und das darauffolgende Verschwinden, kaum, dass ich ihn wahrgenommen hatte. Ich war mir nicht einmal sicher, ob er überhaupt existierte, denn bevor ich jemanden auf ihn ansprechen konnte, hatte er sich wieder in Luft aufgelöst.

Als ich ihn an diesem Nachmittag im Café erneut dort stehen sah, fackelte ich nicht lang. Wenn ich wirklich verrückt wurde, wollte ich jetzt sofort die Bestätigung. Ich ließ alles stehen und liegen und stürmte aus dem Café. Dank der großen Glasfront musste ich ihn dabei nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen lassen.

Jemand schrie meinen Namen, als ich rücksichtslos quer über die Straße rannte. „Evangeline!“

Es war nur ein kurzer Laut, vier Silben, doch aus einem Impuls heraus drehte ich mich um. Carly stand vor dem Café, kreidebleich und fassungslos. „Was um Himmels willen machst du denn da?“

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich ihn aus den Augen gelassen hatte, nur für den Bruchteil einer Sekunde.

Ich wirbelte herum.

Niemand. Er war weg. Die Straße hinauf und abwärts keine Spur von ihm. Ich hatte ihn schon wieder verloren.

„Verdammt.“

Wie konnte ein einzelner Mensch sich so schnell bewegen?

Wurde ich denn tatsächlich verrückt? Halluzinationen gingen doch mehr als weit über meine bisherigen Tagträumereien hinaus.

Aber wie konnte dieser Typ sonst einfach so auftauchen und wieder verschwinden, innerhalb von einem Augenblick?

„Evangeline!“ Atemlos kam Carly neben mir zum Stehen. „Was in aller Welt ist denn passiert? Du siehst aus, als wärst du einem Geist begegnet.“

Stumm schüttelte ich den Kopf. Dann fiel mir ein, dass sie Recht haben könnte. Ich wurde verrückt. Ich begann, Geister zu sehen.

„Du hast mir einen Riesenschreck eingejagt, weißt du das?“, plapperte Carly inzwischen weiter, „In einem Augenblick sitzt du seelenruhig am Fenster und dann – bam – springst du auf und rennst mitten über die Straße. Dir hätte sonstwas passieren können!“

Ich sah sie an. Carly, die vollkommen echte, sich um mich sorgende Bedienung. Und ich beschloss, dass es reichte, wenn ich allein von diesen seltsamen Begegnungen wusste.

„Es geht mir gut“, sagte ich, „Ehrlich. Es ist … ich dachte nur, ich hätte jemanden gesehen. Eine Verwechslung.“ Mit gehobenen Augenbrauen sah sie mich an. Sie glaubte mir nicht. Zeit für den Rückzug.

„Ach, eigentlich ist es ja auch egal.“ Schulterzuckend drehte ich mich um und wollte gerade die Straße überqueren, als Carly meinen Arm packte.

„Du hast was verloren“, sagte sie und streckte mir einen winzigen Brief entgegen.

Ich schüttelte den Kopf. „Der gehört mir nicht. Lass ihn liegen.“

Doch Carly dachte gar nicht daran. „Natürlich gehört er dir“, protestierte sie, „Es steht schließlich dein Name drauf. Schau.“ Mit einer Handbewegung hatte sie ihn umgedreht und hielt ihn mir so dicht unter die Nase, dass die geschwungenen Buchstaben mich vom Papier aus ansprangen wie wütende Tiger. Evangeline MacKay. Carly hatte recht.

„Ich weiß ja nicht, was du wirklich hier drüben wolltest …“, murmelte sie, „… aber du solltest ihn nehmen. Und wenn du reden möchtest, egal worüber …“ Ihre letzten Worte gingen im Straßenlärm unter.

„Schon okay“, sagte ich und nahm den Brief schließlich doch.

Er brannte auf meiner Haut, ungeöffnet, voller Antworten, die herauswollten, herausmussten. Dieses kleine Stück Papier hatte etwas mit ihm zu tun, da war ich mir sicher. Es bewies, dass ich nicht verrückt war.

Plötzlich war jede Sekunde, die ich hier draußen stand, eine Sekunde zu viel. „Lass uns zurück nach drinnen gehen“, drängte ich ungeduldig. Der Brief brannte und brannte lichterloh in meiner Hand.

Carly kam meinem Vorschlag nur zu gern nach. Die neugierigen Blicke der Gäste und Mitarbeiter des Cafés verfolgten mich, klebten auch Minuten nachdem ich wieder auf meinem Platz am Fenster saß, noch an meinem Rücken. „Eigenartiges Mädchen“, hörte ich sie reden, „Vielleicht geistig verwirrt. Ein Trauma. Hätte draufgehen können. Bei dem Verkehr. Was sie da drüben wollte? Ist einfach so aufgesprungen. Wirklich eigenartig.“

Der Brief lag direkt vor mir. Vorsichtig berührte ich die geschwungenen Buchstaben meines Namens. Alles in mir schrie danach, das Papier zu öffnen, auseinanderzufalten und die Antworten wie eine Landkarte vor mir auszubreiten. Wer war dieser blonde Kerl und woher wusste er, wer ich war? Was wollte er von mir? Wie schaffte er es, innerhalb von Sekunden zu verschwinden?

„Was steht drin?“ Ich hatte nicht bemerkt, dass Carly auf den Hocker neben mir gerutscht war. Erschrocken riss ich den Kopf hoch, fast, als hätte sie mich bei etwas Unerlaubtem ertappt.

Dabei war es nur der Brief, der geheimnisvolle Brief, der meinen Namen trug.

„Entschuldige“, schob Carly sofort hinterher, „Ich wollte dich nicht stören. Du hast nur ziemlich … naja, mitgenommen ausgesehen und da dachte ich –“

„Ich habe ihn noch nicht geöffnet“, platzte ich völlig unerwartet heraus. Auch Carly wirkte überrascht, denn einige Momente lang sagte sie gar nichts, sah mich bloß forschend an.

„Ich sollte wohl langsam gehen“, verkündete ich schließlich, „Mom wird sicherlich bald heimkommen und ich habe Ced versprochen, mit ihm LEGO zu spielen.“

„Klar, natürlich.“ Carly nickte, doch sie wirkte irgendwie eigenartig. „Wir sehen uns ja sicherlich morgen wieder.“

„Ja, bestimmt“, entgegnete ich knapp, während ich meinen Mantel überstreifte und den Brief in meine Tasche gleiten ließ, „Bis dahin.“

Ich hatte es plötzlich wahnsinnig eilig, das Café zu verlassen. Der seltsame Blick, mit dem Carly mich seit meiner – zugegeben nicht ganz ungefährlichen – Aktion bedachte, war mir unangenehm und der Brief lauerte noch immer ungeöffnet in meiner Tasche.

„Bis morgen“, verabschiedete Carly sich mit einem Lächeln, „Und pass auf dich auf, ja?“

Ich nickte bloß und nahm meine Tasche. „Bis morgen.“

Ich spürte ihren Blick noch Sekunden, nachdem ich das Café verlassen hatte. Besorgt und irgendwie auch mitleidsvoll hatte sie ausgesehen – als wäre ich ein kleines Kind, das sie davor bewahren musste, irgendeine Dummheit zu machen. Pass auf dich auf. Wirkte ich denn tatsächlich so mitgenommen? So zerbrechlich?

*****

Ich sah aus dem Fenster.

Vor meinen Augen verschwamm die Welt da draußen zu einem unscharfen Aquarell aus wirbelnden Farben. Wenn ich die Lider ein wenig verengte, konnte ich die Gischt spritzen sehen, das tiefblaue Meer, das krachend gegen die kreidebleichen Felsen schlug. Manchmal träumte ich, ich wäre wieder dort, würde an den Klippen sitzen, die Füße in der Luft baumelnd und dem tosenden, schäumenden Lied des Meeres lauschen. Für einen kurzen Moment war alles wieder wie früher. Wenn ich tief atmete, konnte ich sogar das Salz riechen, den Wind auf meiner Haut spüren, der mein Haar zerzauste.

Dann schlich sich plötzlich ein anderes Bild in meinen Tagtraum. Der Brief brannte wie Feuer in meiner Hosentasche und vor meinen Augen verwandelten sich die Klippen in den modernen Gebäudekomplex meiner neuen Schule. Die spritzende Gischt erstarrte innerhalb von Sekunden zu einem betonierten Schulhof und als ich hinuntersah, traf mich ein Blick aus blauen Augen. Er stand mitten auf dem Hof, die Arme verschränkt und die Miene selbst aus dieser Entfernung noch fordernd, als wüsste er, dass ich den Brief noch immer nicht geöffnet hatte.

Ich schüttelte den Kopf und zwang mich, den Blick abzuwenden. Dennoch tasteten meine Finger in der Hosentasche nach dem kleinen Umschlag. Ich hatte nicht vorgehabt, ihn zu öffnen. Ehrlich gesagt, hatte ich sogar mit dem Gedanken gespielt, ihn zu verbrennen. Immerhin konnte es mir egal sein, was darinstand. Ich hatte keine Zeit für irgendwelche Spielchen und außerdem …

„Evangeline?“

Als ich aufsah, traf mich Mr. Delanys vorwurfsvoller Blick.

„Was ist das?“, fragte er und deutete auf meinen Tisch. Meine Augen folgten seiner Hand, bis die Spitze seines Fingers auf meinen Block traf. Mein Stift lag nach wie vor quer über der unbeschriebenen Seite.

Verwirrt hob ich den Kopf. „Was …?“

Mr. Delany stemmte die Hände in die Hüften. „Du willst mir nicht erzählen, du könntest die Stoffwechselprozesse einer Zelle aus dem Gedächtnis herbeten, oder?“

„Ich …“ Hilflos zuckte ich die Schultern. „Nein.“

„Also, warum sehe ich keine Mitschriften?“

Verlegen schwieg ich. Hinter meinem Rücken hörte ich den Kurs murmeln und wispern. Mr. Delany beugte sich näher zu mir.

„Du bist keine schlechte Schülerin, Evangeline“, sagte er dann, „Ganz im Gegenteil. Ich denke, du könntest sogar einen Abschluss mit Bestnoten schaffen.“

„Aber …“

„Kein Aber.“ Mr. Delany deutete auf meinen leeren Block. „Ich erwarte, dass du zumindest in meinem Unterricht auch die Voraussetzungen dafür legst. Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, wie du aus dem Fenster starrst …“

„Tut mir leid“, murmelte ich schnell, „Kommt nicht wieder vor.“

Er schüttelte bloß den Kopf. „Das will ich auch nicht hoffen. Und jetzt fang endlich damit an, das Schema abzuzeichnen. Ich brauche den Platz an der Tafel.“

Erst, als er mir wieder den Rücken zuwandte und sich zurück zur Tafel begab, wagte ich es, auszuatmen. Dann griff ich nach dem Stift und machte mich daran, das Schema in meinen Block zu skizzieren, während ich mir schwor, noch heute Abend diesen Brief zu verbrennen.

*****

Ich lauschte meinen eigenen Atemzügen. Im Haus war schon vor Stunden Ruhe eingekehrt. Das Display meines Smartphones tauchte den Raum in unheimliches Licht. Ein Uhr.

Entschlossen warf ich die Decke zurück und setzte mich auf. Dann öffnete ich die Nachttischschublade und holte den kleinen Umschlag und ein Feuerzeug hervor, das ich aus einer der Küchenschubladen entwendet hatte. Ein letztes Mal drehte ich das Papier zwischen den Fingern.

Genug. Seit anderthalb Tagen trug ich diesen bescheuerten Umschlag nun schon mit mir herum wie eine tickende Bombe. Es war geradezu lächerlich, vor allem, weil ich mich nach wie vor weigerte, ihn zu öffnen. Meine Finger kribbelten und ein Teil von mir hätte das Papier am liebsten in Fetzen zerrissen, um herauszufinden, was das alles sollte, doch meine Vernunft erinnerte mich auch dieses Mal daran, dass ich keine Hand an die verklebte Lasche legen sollte.

Stattdessen hob ich das Feuerzeug. Je weniger ich wusste, desto einfacher wäre es, diese Sache zu vergessen. Mit einem leisen Klicken erwachte die Flamme zum Leben. Langsam hielt ich den Umschlag über das züngelnde Feuer.

„Nicht.” Ich fuhr auf und unterdrückte einen Schrei. Das Feuerzeug rutschte mir aus der Hand, während ich instinktiv ans andere Ende des Betts hechtete. Meinen Rücken gegen die Wand gepresst starrte ich den Jungen an. Kein Zweifel. Sein Haar strahlte selbst im Schein meiner Handytaschenlampe noch wie Flachs und die blauen Augen verfolgten mich bis in meine Tagträume.

„Was willst du?” Ich bemühte mich, ruhig zu bleiben. Das Letzte, was ich jetzt noch gebrauchen konnte, waren meine Eltern, die um ein Uhr nachts einen fremden Kerl in meinem Zimmer fanden. Ganz zu schweigen davon, dass ich nicht erklären konnte, wer er war oder wie er hier hereingekommen war.

„Lies den Brief.” Seine Stimme war entschieden und sein Blick ließ nicht für eine Sekunde von mir ab.

„Ich werde ganz sicher nicht tun, was – ”

„Lies. Den Brief.” Er trat einen Schritt näher und ich presste mich fester gegen die Wand.

„Wer bist du?” Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und ich verfluchte mich selbst dafür, dass ich so wenig Selbstbeherrschung aufbrachte. Den Jungen schien es wenig zu interessieren. Anstelle einer Antwort deutete er auf das kleine Stück Papier in meiner Hand. „Lies es.”

Dann wandte er mir den Rücken zu und verschwand. Wortwörtlich.

Ungläubig starrte ich auf die Stelle, an der er noch Augenblicke zuvor gestanden hatte. Nichts. Als hätte er sich einfach in Luft aufgelöst. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, während ich mich langsam an die Bettkante schob. Lange Schatten durchzogen mein Zimmer und die Bäume vor meinem Fenster ächzten im Wind. Vorsichtig schlüpfte ich in meine Schlappen und stand auf. Noch bevor ich den Lichtschalter erreicht hatte, wusste ich, dass er nicht mehr da war. Die Präsenz anderer, die man unterbewusst immer spürte, war verschwunden. Der Blick durch mein hell erleuchtetes Zimmer bestätigte das Gefühl – ich war allein.

Dennoch streifte ich durch den Raum, überprüfte meinen Schrank und sah unter dem Schreibtisch nach, bis ich schließlich das Licht wieder ausschaltete und ans Fenster trat. Auch draußen war keine Spur von dem seltsamen Jungen zu sehen. Der Garten lag still in der Kälte der kanadischen Nächte, nur die Zedern wiegten sich in der Brise. Ich verharrte eine Weile, die Nase gegen das kühle Glas gepresst, bis meine Gedanken sich beruhigten.

Es war völlig unmöglich, dass dieser Junge tatsächlich hier gewesen war. Niemand konnte einfach so auftauchen und wieder verschwinden, ohne auch nur den Hauch einer Spur zu hinterlassen. Ich musste halluziniert haben. Gut möglich, dass ich mir in all der Müdigkeit nur etwas eingebildet hatte. Ich seufzte und war bereits dabei, zurück in mein Bett zu kriechen, als mein Blick auf den Brief in meiner Hand fiel. Ich zögerte noch einen Moment, doch die Neugier war überwältigend. Mit einem flauen Gefühl im Magen zerriss ich den Umschlag und faltete den Zettel auseinander. Die wenigen Worte, die in säuberlicher Handschrift das weiße Papier bedeckten, warfen jedoch mehr Fragen auf, als sie beantworteten.

Range Road 35.

Überquere das Feld auf der linken Seite.

Folge dem Weg bis zum Ende.

Dort wirst du Antworten erhalten.

Komm in zwei Tagen. 4 Uhr. Allein.

Frustriert knüllte ich den Zettel zusammen. Ich würde ganz sicher nicht den Anweisungen einer Halluzination folgen. Ich hätte den blöden Brief verbrennen sollen, als ich noch die Gelegenheit dazu hatte. Aber jetzt war es zu spät. Selbst Feuer würde die Worte nicht aus meinen Gedanken treiben können. Wütend stopfte ich den Papierball in die unterste Ecke meines Mülleimers, bevor ich zurück unter die Decke kroch und mir schwor, nie wieder über die Halluzination oder den Brief nachzudenken.

Doch die Stimme des Zweifels sang unbeeindruckt weiter.

Eine Halluzination konnte keine Briefe schreiben. Ein fremder Junge konnte meinen Namen nicht kennen. Kein normaler Mensch konnte sich in Luft auflösen, wann immer es ihm gefiel.

Stöhnend wälzte ich mich auf die andere Seite. Ich wollte nichts weiter, als dass es ein Ende hatte. Wer immer dieser Kerl auch war, ich wollte ihn nie wiedersehen. Ich wollte, dass er mich in Ruhe ließ – egal, ob er nun eine Ausgeburt meiner Fantasie war oder nicht.

Doch meine verfluchte Neugier, die mich schon dazu getrieben hatte, den Brief zu lesen, blieb auch jetzt nicht still. Ich wollte wissen, wer dieser Junge war. Warum er Dinge konnte, die jeder Vernunft widersprachen. Ich wollte Antworten – und dann wollte ich ihm sagen, dass er mich allein lassen sollte. Dass ich ihn kein weiteres Mal irgendwo am Straßenrand sehen wollte – ganz zu schweigen davon, dass er einfach nachts in meinem Zimmer erschien. Nein, damit war er zu weit gegangen.

Was immer diese Sache war, ich würde sie beenden.

*****

Hier war ich also. Die Wipfel der Bäume bewegten sich im Wind, während sie ein schauriges Rauschen von sich gaben. Holz knackte und ab und zu durchdrang der schrille Ruf eines Vogels die Stille. Jedes dieser Geräusche ließ mich zusammenzucken, einen Herzschlag lang den Atem anhalten und mich umsehen. Doch egal, wie oft mein Blick durch die Umgebung schweifte, ich blieb allein zwischen den dunklen Stämmen und Kronen, die über meinem Kopf zusammenwuchsen und den Himmel verdunkelten. Dieser Ort war so verlassen, dass es einem Angst bereiten konnte.

Langsam begann ich mich zu fragen, warum ich überhaupt gekommen war.

Vielleicht war es mir gestern Nacht noch wie eine gute Idee erschienen, die Sache zu beenden, doch mittlerweile war ich nicht mehr so sicher.

Als ich daheim mein Fahrrad aus unserer vollgestellten Garage befreit hatte, hatte ich ihn ein weiteres Mal gesehen. Er hatte auf der anderen Straßenseite am Zaun gelehnt und mich beobachtet, fast so, als wolle er sicherstellen, dass ich den Anweisungen auf dem Zettel folgte. Seitdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass ich mich in seine Kontrolle begab. Dass ich mich selbst zum Teil eines Plans gemacht hatte, den ich nicht durchblickte

Ich schüttelte den Kopf. Ich wusste ja nicht einmal, wer er war – ganz zu schweigen davon, was er mit mir vorhatte. Und je länger ich hier stand und wartete, desto mehr machte ich mich zur Zielscheibe – oder etwa nicht?

Erneut warf ich einen Blick auf mein Smartphone. Halb fünf. Ich wartete bereits seit fast einer Stunde und noch immer keine Spur von ihm. Das flaue Gefühl in meinem Magen drängte mich, zu gehen. Was immer all das zu bedeuten hatte, der Junge würde nicht mehr auftauchen. Das hier würde zu nichts mehr führen.

Ein letztes Mal sah ich mich um, ließ meinen Blick über die gesamte Lichtung schweifen. Ich war noch immer allein zwischen den hohen Stämmen. In einem plötzlichen Moment der Wut zerknüllte ich den Brief in meiner Faust.

„Verdammter Dreck“, fluchte ich und warf ihn in den Wald. Dann stapfte ich zurück zu meinem Fahrrad, das an einem der Stämme am Wegesrand lehnte, während mein Fluch noch immer zwischen den Wipfeln der Bäume hallte.

Einige Meter, bevor ich mein Rad erreichte, traf mich der erste Tropfen. Skeptisch wandte ich den Blick zum Himmel. Weitere nasse Perlen benetzen mein Gesicht.

„Na klasse“, schimpfte ich und holte das Rad, „Das hat mir ja gerade noch gefehlt.“

Während ich das Rad den schlammigen Waldweg entlang schob, frischte der Wind merklich auf und aus dem anfänglichen Nieseln wurde ein ausgewachsener Regenguss. Meine dünne Jacke hielt nur einen Bruchteil der Nässe ab, sodass ich mich einmal mehr beeilte, den Wald zu verlassen und nach Hause zu kommen, bevor das Gewitter richtig begann. Der Himmel hatte mittlerweile ein dreckiges Graublau angenommen und Wolken türmten sich über dem Feld am Horizont, als der Weg endlich wieder befahrbar wurde. In der Ferne grollte leise der Donner, während der Schotter unter meinen Rädern spritzte.

Gerade so kriegte ich die Kurve und näherte mich auf der Range Road den ersten Häusern. Es mussten noch anderthalb Kilometer sein, vielleicht auch zwei. Von Weitem erkannte ich das Licht in den Fenstern, irgendwo bellte ein Hund und Schafe blökten. Der Wind frischte auf und riss an meinem offenen Haar, an meiner Jacke. Die dicken Tropfen klatschten mir mitten ins Gesicht, durchweichten meine Jeans innerhalb von Sekunden. Vielleicht würde ich doch irgendwo anhalten müssen, bis das Gewitter vorbei war. Suchend sah ich mich um und entdeckte tatsächlich in einigen hundert Metern Entfernung einen alten Schuppen, etwas abseits auf dem Feld. Wenn ich noch bis dorthin … Eine starke Böe preschte seitlich gegen mein Rad und ich musste alle Kraft aufwenden, damit ich nicht von der Straße abkam. Mein Haar hing in nassen Strähnen in meinen Augen und meine Oberschenkel brannten vor Anstrengung. Ein markerschütterndes Krachen ließ mich zusammenzucken. Das Gewitter kam viel zu schnell näher. Wie konnte … Als ich mich umdrehte, schnappte ich nach Luft. „Heilige …!“

Unter den schwarzen Wolkenbergen bewegte sich etwas auf mich zu. Ich fuhr herum und krallte die Hände noch fester um den Lenker. Mein Atem ging stoßweise, mein Herz schlug mit einem Mal doppelt so schnell. Im Blinzeln zwischen den Tropfen sah ich nur die menschenleere Straße, zu beiden Seiten Felder, kein Baum und kein Strauch, nichts.

„Oh Scheiße! Scheiße, scheiße, scheiße.“ Nach Luft schnappend stieß ich mehr Flüche aus, als in allen siebzehn Jahren meines Lebens zusammen. Als ob das etwas ändern würde. Der Wind riss an mir, heulte und fauchte in meinen Ohren, prallte gegen das Rad und brachte mich zum Schlingern. Ich trat noch heftiger in die Pedale, schaltete in den höchsten Gang, begann, vor Anstrengung zu keuchen. Ich wusste, er war irgendwo hinter mir. Ein wirbelnder, dunkler Trichter aus Wind und Staub und Kraft. Ich trieb mich weiter an. Schneller. Bloß nicht umsehen. Da vorn war die Scheune. Ein kleiner schwarzer Punkt auf dem Feld. Nur noch ein paar hundert Meter. Ein paar Minuten. Meine Muskeln schmerzten, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Aber ich durfte nicht anhalten. Nicht jetzt. Regentropfen hagelten wie Geschosse auf mich nieder, Grashalme schnitten über meine Haut. Ein Blick nach vorn. Noch zweihundert Meter. Der Zweig kam wie aus dem Nichts. Ich hörte nur noch ein Klappern, ein Knacken, als das Holz brach und das Rad mit einem Schlag zum Stehen kam. Ich spürte, wie das Hinterrad in die Luft stieg und hörte mich schreien, streckte die Arme instinktiv nach vorn, verlor den Halt. Mein Körper prallte auf den Asphalt. Blieb liegen. Scharfer Schmerz durchzuckte mich und ich riss die Augen auf, drehte den Kopf, sah mich um, sah ihn, sah die Scheune, das Tor … Mit aller Kraft stand ich auf. Adrenalin jagte durch meine Adern wie knisternder, blitzender Strom und ich begann zu laufen. Meine Füße sanken in den Schlamm, klebten daran fest, rissen sich schmatzend wieder los und ich wandte den Blick nicht von der Scheune. Noch einhundert Meter, fünfzig. Dann verlor ich den Halt, stolperte, strauchelte, bis meine Beine wegknickten. Ich hörte ihn aufheulen, so dicht hinter mir, dass ich seinen kalten Atem spürte. Panik erfasste jede Faser meines Körpers. Um Hilfe schreiend sprintete ich weiter durch den Schlamm. Schneller, schneller. Noch zwanzig Meter. Noch zehn. Ich würde es schaffen, ich konnte … Ein Schrei, ein Donnerschlag.

Er packte meinen Fuß, mein Bein, meine Hüfte.

Und riss mich an sich. Mit sich. Nach oben.

Ich schluckte Staub und Gras und Dreck und hustete und bekam keine Luft und konnte nicht schreien. Überall war Wind, war Sturm, war Luft und oben und unten verschwand.

Ein Blinzeln und ich sah die Scheune, das Tor, den Spalt, der sich entfernte. Eine Sekunde und etwas Hartes knallte gegen meinen Kopf.

Ein Schrei entrang sich meiner trockenen Kehle, ein Krächzen. Vor meinen Augen drehte sich alles. Für einen winzigen Moment erkannte ich etwas.

Ein Tier, einen Wolf, einen heulenden Wolf, den Kopf zum Himmel erhoben. Schneidend gelb traf mich der Blick aus seinen Augen. Eine Sekunde, ein Blinzeln.

Dann wurde alles schwarz.

Kapitel 3

Das erste, was ich spürte, war die Kälte.

Klamme, eisige Kälte, die mich bis auf die Knochen durchdrang. Vor meinen Augen nahm die Welt nur langsam Gestalt an. Mein Schädel dröhnte. Unscharf erkannte ich Stämme um mich herum, Blätter und Äste und Moos, auf dem ich lag.

Stöhnend setzte ich mich auf. Jeder Knochen meines Körpers schmerzte, als hätte mich ein Lastwagen überrollt und die Schürfwunden an Knie und Armen sprachen für sich.

Ich war im Wald. Nur langsam kehrte die Erinnerung zurück. Der Brief und das Gewitter, der Tornado, die Scheune und … der Wolf.

Tropfen berührten meine kalte Haut. Es regnete noch immer. Dann konnte ich nicht allzu lang bewusstlos gewesen sein. Suchend sah ich mich um. Keine Spur von meinem Fahrrad oder der Scheune, nicht einmal ein Waldweg war zwischen den himmelhohen Bäumen zu erkennen.

Ich musste irgendwo zwischen den Feldern und dem Elbow River sein, in dem schmalen Waldstück, das das Flussufer säumte. Hatte mich der Tornado bis hierher mitgerissen? Wahrscheinlich. Die abgerissenen Blätter und Zweige der umstehenden Bäume sprachen eine ziemlich eindeutige Sprache. Der nächste Windstoß, der sie aufwirbelte, ließ auch mich erzittern. Die Kälte schien meine durchnässte Kleidung zu Eis zu gefrieren.

Fröstelnd holte ich mein Handy aus der Innentasche meiner Jacke.

„Komm schon“, flehte ich, während das Display zum Leben erwachte, „Oh, bitte!“

Doch das Zeichen in der rechten oberen Ecke blieb bei seiner Aussage. Kein Empfang. Ich hätte heulen können. „Einmal“, fluchte ich, während ich das Handy zurück in meine Jackentasche steckte, „Ein einziges Mal hätte ich dieses Drecksding wirklich gebrauchen können. Und dann …“

Entkräftet rappelte ich mich auf. Die Muskeln in meinen Beinen schmerzten bei jedem Schritt, doch der immer stärker werdende Regen ließ mir keine Wahl. Ziellos irrte ich zwischen den Stämmen umher, unsicher, welche Richtung ich einschlagen sollte. Als der Wind schließlich auffrischte und mir die Tropfen direkt ins Gesicht trieb, beschloss ich, dass die Richtung egal war, solange ich einfach nur aus diesem gottverdammten Wald herauskam.

Also lief ich. Spornte meinen erschöpften Körper ein weiteres Mal an.

Mittlerweile knallten die eisigen Tropfen wie Neun-Millimeter-Geschosse auf mich nieder. Ich rannte. Hastete zwischen den Bäumen hindurch, in dem verzweifelten Versuch, mich dem Regen zu entziehen.

Gespenstisches Wispern stieg zwischen den Stämmen auf. Rauschen und Flüstern, wie von tausenden Stimmen, zwischen denen ich allein blieb. Immer lauter erscholl die seltsame Sprache zwischen den Blättern, zerteilte die Luft um mich herum mit einer messerscharfen Klinge. Äste brachen, schlugen vor mir auf den Weg, sodass ich Mühe hatte, auszuweichen. Ich hielt mir die Ohren zu, doch der Wald gab nicht auf. Er streckte seine Arme nach mir aus und riss blutige Striemen in meine Haut. Dornen gruben sich tief in meine Beine und versuchten mich festzuhalten. Und überall flogen Blätter durch die Luft; umhüllten mich wie eine Gewitterwolke und tanzten einen schaurigen Reigen. Der Wind frischte auf, fuhr mir durch das nasse Haar und versuchte, mich mit sich fortzutragen. Ich schrie. Schrie gegen den Wind an, versuchte die Stimmen in meinem Kopf zu übertönen, die Panik und Angst und Entsetzen in allen Sprachen der Welt flüsterten.

Ein Knall. Grollend und dröhnend zerriss er den Himmel und bohrte sich mit all seiner Kraft in die Erde. Donnernd folgte ein Zweiter. Blitze erhellten den Wald für Sekundenbruchteile, ließen sich von der grölenden Lautstärke des Donners begleiten.

Schützend erhob ich die Hände über dem Kopf und sandte ein Stoßgebet gen Himmel, während ich um mein Leben rannte.

Unvermittelt blitzte ein Licht auf.

Etwas rechts von mir, zwischen den Bäumen. Nur für einen Augenblick. Und dann für einen zweiten. Eine Böe traf mich mit voller Wucht und riss mich zur Seite. Ich fing mich ab, stolperte weiter, fand das Licht. Und lief darauf zu.

Der Wald weitete sich. Konturen schälten sich aus den Schatten, hoben sich zwischen den Stämmen ab, bis ich schließlich erkannte, woher das Licht kam. Da war ein Fenster! Ein Haus!

Ich bot meine letzten Kräfte auf und setzte zu einem Endspurt an. Mit einem markerschütternden Knall prallte ich gegen die Tür, riss sie auf und stürmte ohne zu klopfen hinein.

*****

Ein spitzer Aufschrei empfing mich. Erschrocken knallte ich die Tür hinter mir ins Schloss und fuhr herum.

„Grannie?“ Eine Stimme erklang irgendwo über mir, dann polternde Schritte. Mein Blick erfasste eine Person am anderen Ende des Raums. Die Frau war vielleicht um die siebzig, mit hellgrauen Locken. Völlig perplex starrte sie mich an. Das Strickzeug war ihr vor Schreck auf den Tisch gefallen.

„Grannie, was ist passiert?“ Eine Gestalt rauschte an mir vorbei die schmale Holztreppe hinunter, wo sie zum Stehen kam. Der Blick der jungen Frau blieb an mir hängen. Schweigend taxierte sie mich.

„Ich … ich kann das erklären“, begann ich. Auffordernd blickte die junge Frau mich an, sagte jedoch kein Wort. Ich schluckte. „Ich habe mich verlaufen.“

Sie nickte, während sie an mir herabsah. „Darauf wäre ich von allein überhaupt nicht gekommen“, meinte sie säuerlich. Verwirrt folgte ich ihrem Blick über meine dreckige Jacke, in der sich ein halber Strauch verfangen hatte, bis zu meinen zerrissenen, schlammbespritzten Jeans. Meine Schuhe standen in einer großen Pfütze.

„Ich … Das tut mir leid.“ Ich wurde rot. „Dieses Gewitter da draußen … ich habe das Licht hier gesehen und bin …“ Ich verstummte, als ich die Miene der jungen Frau bemerkte. Na ganz toll, Eline, schimpfte ich in Gedanken, Sprich ruhig weiter in zusammenhanglosen Wortfetzen mit der Frau, deren Haus du gerade gestürmt hast. Macht bestimmt einen guten Eindruck.

„Ruby, Schätzchen“, schaltete sich da die ältere Frau ein, „Hör doch auf, sie so anzustarren. Das arme Ding hat doch wirklich niemandem etwas getan.“ Sie schien ihren Schock ganz gut überwunden zu haben. Erstaunlich flink kam sie auf mich zugelaufen. „Du musst doch ganz durchgefroren sein, Kleines. Wie heißt du?“

Unter dem neugierigen Blick der Frau wischte ich mir die nassen Strähnen aus dem Gesicht. „Evangeline. Evangeline MacKay.“

Sie schenkte mir ein warmes Lächeln. „Herzlich willkommen bei uns, Evangeline. Mich kannst du Grannie nennen und das hier …“ Sie zeigte auf die junge Frau, die nur einige Meter entfernt stand. „Das ist meine Enkelin Ruby.“

„Rubina“, kam es sofort aus ihrer Richtung, „Nenn mich Rubina.“

Grannie neben mir schüttelte den Kopf, während sie mir eine Hand auf den Rücken legte. „Keine Sorge, Schätzchen“, murmelte sie gerade laut genug, dass Rubina es verstehen konnte, „So ist sie immer zu Fremden.“

Mit sanftem Druck lotste sie mich an den Tisch, an dem sie gerade noch gesessen hatte. Rubinas misstrauischer Blick lastete weiterhin auf mir und ich fühlte mich so unwohl, dass ich mich am liebsten auf der Stelle in Luft aufgelöst hätte.

„Ruby, steh doch dort nicht so herum.“ Grannie wedelte mit der Hand. „Du siehst doch, dass sie ganz nass ist. Hol ihr frische Sachen.“

An der Art, wie Rubina die Lippen verzog, bevor sie sich umdrehte und die Treppe hinaufstieg, war nicht der leiseste Hauch von Freundlichkeit. Grannie schien das überhaupt nicht zu bemerken. „Na komm, Schätzchen, setz dich erst mal.“

Zögernd blieb ich stehen. „Ich … Ich will wirklich nicht stören“, startete ich halbherzig einen Versuch, „Wenn ich vielleicht einfach kurz ihr Telefon benutzen dürfte …“ Verständnislos sah Grannie mich an. „Wovon sprichst du, Kleines?“

„Ihr Telefon“, wiederholte ich, „Wenn ich kurz meine Eltern anrufen könnte …“

Genau in dem Moment stieß Rubina wieder zu uns, im Arm einen Stapel Kleidung.

„Das ist leider nicht möglich“, antwortete sie anstelle ihrer Großmutter barsch und drückte mir den Stapel in die Hand, „Links neben der Tür ist ein Raum, wo du dich umziehen kannst.“

Ich musste mich beherrschen, nicht direkt aufzuspringen. „Danke“, brachte ich gerade noch heraus, bevor ich so unauffällig wie möglich in besagtem Raum verschwand.

Erst, als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, atmete ich durch. Wo zur Hölle war ich denn hier gelandet? Ein Haus ohne Telefon? Grannie schien ja nicht einmal zu wissen, was ein Telefon überhaupt war. Und dann dieser feindselige Blick Rubinas. Als wäre ich eine Serienkillerin, die ihre Großmutter entführen wollte. Ja, zugegeben, ich war einfach in ihr Haus gestürmt. Und mein Anblick musste auch nicht unbedingt vertrauenserweckend sein. Aber mich so zu behandeln? Ich schüttelte den Kopf. Es wurde höchste Zeit, dass ich hier wegkam.

Mit vor Kälte zitternden Fingern fummelte ich nach dem Smartphone in meiner Jacke. Es kam einem Wunder gleich, dass es noch immer funktionierte, doch als ich die Anzeige betrachtete, hätte ich trotzdem heulen können. Kein Empfang. Nicht ein einziger Balken. In welchem gottverlassenen Nest saß ich hier eigentlich?

„Evangeline?“ Das war Rubinas Stimme auf der anderen Seite der Tür. „Ist alles in Ordnung?“ Sie klang besorgt, allerdings ahnte ich, dass es ihr dabei weniger um mich ging als vielmehr darum, ob ich hier drin eine Bombe bastelte oder mein MG zusammensteckte. Wahrscheinlich hätte ich schon vor fünf Minuten fertig sein sollen.

„Mir geht’s gut“, gab ich schließlich zurück, „Ich brauche nur noch ein paar Minuten.“ Draußen herrschte einige Sekunden lang Stille, dann entfernten sich Rubinas Schritte. Erleichtert atmete ich auf und sah mich zum ersten Mal genauer im Raum um. Es schien eine Art Badezimmer zu sein, mit einem altmodischen Waschtisch, auf dem ein Krug voll Wasser und eine Schüssel standen. Die Ecke schmückte eine schlichte Bank und gegenüber gab es eine schmale Toilette. Alles in allem eher minimalistisch, aber ich hatte sowieso keine Zeit, mich länger hier aufzuhalten.

Auf der Bank legte ich die frischen Sachen ab, bevor ich endlich aus meiner nassen Kleidung schlüpfte. Im Licht der flackernden Öllampe betrachtet, sahen meine Sachen noch schlimmer aus als erwartet. Die Jeans war hinüber, das Shirt völlig verdreckt und meine Schuhe waren so durchnässt, dass es sich anfühlte, als stünde ich auf Schwämmen.

Seufzend breitete ich den tropfenden Stoff über die Bank und faltete anschließend den Stapel auseinander, den Rubina mir in die Hand gedrückt hatte. Er entpuppte sich als ein langer, schlichter Rock, in den eine helle Bluse und dünne Lederschuhe eingewickelt waren.

Altmodisch, war mein erster Gedanke, Wie in diesen Historiendramen, auf die Dad steht.

Doch ich stand hier in Unterwäsche und selbst wenn vor mir ein neonpinkes Paillettenkostüm gelegen hätte, wäre das um Längen besser gewesen als meine eigenen nassen, verdreckten und zerrissenen Klamotten. Also zögerte ich nicht lang, sondern schlüpfte in die angenehm trockenen Stoffe. Die Bluse war bequem und fiel locker über den Bund des Rocks und die Schuhe waren erstaunlich weich. Schnell kämmte ich mir noch mit den Fingern durch die nassen Strähnen und steckte mein Handy in den BH. Wenn diese Frauen nicht einmal wussten, was ein normales Telefon war, was würden sie dann wohl erst von einem modernen Smartphone halten?

Als ich das Bad wieder verließ, hörte ich die beiden miteinander diskutieren. Rubina gestikulierte wild, während Grannie vergeblich versuchte, sie zu beruhigen. Es dauerte höchstens Sekunden, bis sie meine Anwesenheit bemerkten und Rubina verstummte.

„Da bist du ja!“ Freudestrahlend winkte Grannie mich zu sich. Ich zögerte. Am liebsten wäre ich direkt wieder umgedreht. Oder im Erdboden versunken.

„Na komm.“ Grannie lächelte ermutigend. „Setz dich zu uns. Wir beißen schon nicht.“

Sie vielleicht nicht, entgegnete ich in Gedanken, Aber bei Ihrer Enkelin wäre ich mir da nicht so sicher.

Ich brachte gerade noch ein schmales Lächeln zustande – eher das Aufblitzen eines Lächelns – als ich mich zu ihnen setzte. Rubinas Blick fühlte sich an wie ein Todesstrahl, mitten durch meinen Kopf hindurch.

„Du bist sicher hungrig, Schätzchen.“ Als wäre das hier nichts anderes als ein gemütliches Familientreffen, machte Grannie sich fast sofort an einer offenen Feuerstelle an der linken Wand zu schaffen. Im flackernden Licht der Holzscheite erkannte ich einen großen Kupferkessel, aus dem sie etwas Flüssiges, sicherlich Suppe, in eine Schüssel schöpfte.

„Das haben wir gleich“, hörte ich sie noch murmeln, dann kam sie auch schon mit einem Löffel und der Schüssel zurück, die sie vor mir abstellte. „Lass es dir schmecken, Kleines. Es ist noch mehr da.“

Einen kurzen Moment lang starrte ich in die Flammen unter dem Kupferkessel und fragte mich, ob Zeitreisen nicht doch real waren. Aber spätestens als der köstliche Duft der cremigen Suppe meine Nase erreichte und mein Magen in freudiger Erwartung ein leises Gurgeln von sich gab, waren meine Zweifel Nebensache. Die Suppe war köstlich, heiß und mit einem unglaublichen Geschmack nach Apfel und Zwiebel. Sofort breitete sich angenehme Wärme in mir aus. Eine Gänsehaut überlief meinen durchgefrorenen Körper.

„Danke.“ Erst, als die Schüssel bis auf den letzten Rest leer war, brachte ich wieder ein Wort hervor. „Das war wirklich köstlich.“

Grannie lachte. „Freut mich, dass es dir geschmeckt hat, Schätzchen.“

„Und jetzt, wo du satt bist, Schätzchen, kannst du uns ja auch endlich erzählen, was du bei diesem Gewitter mitten im Wald gesucht hast.“ Rubinas Tonfall troff nur so vor Angriffslust. Grannie zischte etwas in ihre Richtung, doch Rubina ignorierte sie. Erwartungsvoll bohrte sie ihren Blick stattdessen in mich.

„Ich … also das ist eine ziemlich lange Geschichte … Ich bin sicher, Sie wollen nicht …“

„Wir haben Zeit“, fiel Rubina mir ins Wort und blickte zum Fenster, „Das Gewitter zieht so schnell nicht mehr weiter.“

„Und sag doch bitte Du zu uns, Schätzchen“, fügte Grannie hinzu. Ich nickte bloß, während ich Rubinas Blick zum Fenster folgte. Draußen heulte der Sturm noch immer und dicke Regentropfen klatschten an die kleinen Fenster des Hauses. Rubina hatte recht. So schnell würde ich hier nicht mehr wegkommen.

„Also dann …“ Meine Finger spielten unruhig am Saum der Bluse, während ich krampfhaft überlegte, wo ich anfangen sollte.

„Ich war im Wald“, begann ich schließlich, „Und … als ich nach Hause wollte, kam ich in dieses Gewitter. Ich … habe mich wohl irgendwie verlaufen.“

Jetzt sahen mich sowohl Rubina als auch Grannie skeptisch an.

„Verlaufen, also“, wiederholte Rubina. Sie drehte eine ihrer mahagonibraunen Locken zwischen den Fingern. „Aber wenn du dich hier nicht auskennst, solltest du nicht allein durch den Wald streifen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich war nicht … Ich meine, ich dachte, ich wäre nicht allein und den Weg kannte ich von –“

„Jemand war bei dir?“ Rubinas Frage brachte mich völlig aus dem Konzept. Ich konnte ihnen doch unmöglich von diesem Typen erzählen. Wahrscheinlich war er nicht mehr als eine Halluzination. Wie sollte ich das erklären, ohne komplett verrückt zu wirken?

„Nein, ich … ich war allein.“

„Warum zögerst du dann?“, bohrte Rubina unerbittlich weiter, „Und was hast du allein im Wald zu suchen? Du sagst, du kennst dich hier nicht einmal aus.“ Grannie warf ihr zwar einen mahnenden Blick zu, unterbrach sie jedoch nicht.

„Ja, das … ich …“ Verzweifelt rang ich um eine Antwort. „Ich habe – nein, ich war – ich wollte mich mit jemandem treffen.“

Ich war heilfroh, als Rubina sich endlich zurücklehnte. Meine Antwort schien sie zufriedenzustellen, ja sogar zu erleichtern. „Ein Treffen also.“ Sie sah Grannie vielsagend an. Ihnen beiden schien etwas klar geworden zu sein, das sich mir noch nicht erschloss.

„Beim nächsten Mal solltet ihr einen anderen Treffpunkt wählen“, sagte Rubina schließlich.

„Der Wald ist gefährlich, Kindchen“, ergänzte Grannie und nahm meine Hände, „Du solltest vorsichtiger sein. Egal, wie viel er dir bedeutet, wenn er dich nur in diesem Wald treffen will, dann kann wenig Ehrenhaftes an ihm sein.“ Ich runzelte die Stirn. Was zum Himmel wollte sie mir denn damit … Dann verstand ich.

„Nein, es ist – “ Ich konnte mich gerade noch rechtzeitig bremsen und mit zusammengepressten Lippen nicken. „Ja. Ich werde daran denken.“

Grannie lächelte. Da hatte ich gerade nochmal die Kurve gekriegt.

„Also, Schätzchen. Wenn du möchtest, kannst du die Nacht über hierbleiben. Das Gewitter wird sicherlich noch eine ganze Weile dauern.“

Obwohl ich damit hätte rechnen können, traf mich Grannies Angebot völlig unvorbereitet. „Das … das ist sehr nett von Ihnen –“

„Dir.“ Sie sah mich aufmunternd an.

Ich rang mir ein schmales Lächeln ab. „Richtig. Es ist sehr nett von … dir, aber … nur interessehalber … wie weit ist es denn von hier aus nach Calgary? Meine Eltern machen sich Sorgen, wenn ich nicht nach Hause komme und ich will ihnen auf keinen Fall zu Last –“

„Oh, nein. Nein, Schätzchen. Du fällst uns doch nicht zur Last.“

„Aber meine Eltern würden sicher gern wissen, wo ich bin. Wenn es nicht allzu weit ist, könnten sie mich vielleicht abholen.“

Rubina sah mich skeptisch an. „Dich … abholen?“, wiederholte sie langsam, „Bei diesem Wetter?“

Ich nickte. „Wenn Sie … ihr mir die Adresse hier sagen könntet …“ – und ich einen Ort in diesem Haus finden würde, an dem ich Empfang hatte – „… dann könnte ich meinen Eltern vielleicht Bescheid sagen.“

Jetzt lachte Rubina auf, laut und schallend. „Wie willst du das denn anstellen?“, prustete sie, „Telepathie?“

Ich zog die Brauen zusammen. „Nein, ich …“ Erst jetzt fiel mir wieder ein, dass die beiden nicht zu wissen schienen, was ein Telefon war. „Ist egal“, winkte ich deshalb gleich darauf wieder ab, „Ich werde einfach …“ Krampfhaft überlegte ich, wie ich sie doch noch dazu bringen könnte, mir den Ort zu verraten, an dem wir uns befanden. Calgary musste doch höchstens eine halbe Stunde entfernt sein. Wenn ich nur die Richtung wüsste …

„Mach dir keine Sorgen, Schätzchen“, unterbrach Grannie meine Gedanken, „Deine Eltern werden schon zurechtkommen. Und morgen siehst du sie ja schon wieder und kannst ihnen alles erklären. Ich bin sicher, sie wären mehr als froh, zu hören, dass du diese Nacht sicher und im Trockenen verbracht hast.“

Ich konnte nicht anders. Ergeben nickte ich schließlich. „Das wären sie.“

„Na siehst du, Kleines.“ Grannie lächelte. „Dann zeige ich dir gleich das Gästezimmer. Du bist doch sicher müde, nicht wahr? Du siehst ziemlich erschöpft aus.“

„Ich …“

„Möchtest du noch einen Tee vor dem Schlafengehen? Ein Bad?“

„Grannie.“ Rubina war sichtlich genervt von den Angeboten ihrer Großmutter. „Bring sie doch einfach ins Gästezimmer. Ein warmes Bett sollte mehr als genügend sein. Wir sind doch schließlich keine Herberge für Verirrte –“

„Ruby!“ Kopfschüttelnd sah Grannie sie an.

„Ist schon in Ordnung“, schaltete ich mich schnell ein, „Ich brauche kein Bad. Ich würde einfach gern schlafen gehen, wenn das Ihnen … euch nichts ausmacht.“

„Oh, natürlich nicht, Kleines, natürlich nicht.“ Grannie lächelte mild. „Ich zeige dir das Zimmer. Ruby?“ Grannie stand auf. „Holst du schnell noch ein frisches Laken und ein Handtuch für Evangeline?“

Alles andere als begeistert sah Rubina ihre Großmutter an, folgte schließlich aber wortlos ihrer Anweisung.

„Na komm, Schätzchen“, wandte sich Grannie daraufhin wieder mir zu, „Unser Gästezimmer ist zwar nicht besonders eindrucksvoll, doch wie sagt man so schön: Klein, aber fein.“ Sie schmunzelte und deutete zur Treppe.

„Da entlang, Liebes.“

*****

Ich stand am Fenster. Draußen stürmte es noch immer. Das stetige Prasseln des Regens wirkte von hier drinnen eigenartig beruhigend. Und auch die Blitze und einzelnen Donnerschläge hatten an Gefährlichkeit verloren. Jetzt war es fast, als wäre ich einfach nur ein Außenstehender, ein Beobachter hinter einer Glasscheibe, die Welt dahinter seltsam fremd und unbekannt.

Trotz der offensichtlichen Ablehnung, die Rubina mir entgegenbrachte, war ich froh, nicht mehr da draußen sein zu müssen. Das Zimmer, das Grannie und Rubina mir für diese Nacht überlassen hatten, war tatsächlich nicht besonders groß, doch für ein schmales Bett, einen Stuhl und einen kleinen Waschtisch reichte es allemal. Grannie hatte sogar angeboten, die altmodische Öllampe, die in der Mitte des Raumes hing, anzuzünden, doch ich hatte dankend abgelehnt.

Kurz darauf war Rubina mit den frischen Laken und einem Handtuch eingetroffen und obwohl ich Grannie erklärt hatte, dass ich das Bett auch allein machen könnte und sie wirklich schon genug für mich getan hätten, hatte Grannie in ihrer typisch-großmütterlichen Art darauf bestanden, das Bett selbst zu beziehen.

Als sie sich etwas später beide zurückgezogen hatten, hatte ich sie noch lange unten streiten gehört. Ich verstand nichts Konkretes, doch Rubina war so aufgebracht, dass ich einige Male beim Klang ihrer Stimme zusammenzuckte. Ich war fast sicher, dass es dabei um mich ging, doch ich konnte noch immer nicht verstehen, warum sich Rubina mir gegenüber so feindselig verhielt. Außer unerwünscht in dieses Haus zu platzen – in Todesangst wegen des Gewitters, wohlbemerkt – hatte ich ihr doch nichts getan.

Ich schüttelte den Kopf. Es hatte keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Schließlich war es nur eine Nacht und der einzige Stuhl in diesem Zimmer klemmte unter der Klinke der Tür – nur, um sicherzugehen.

Ich warf einen Blick auf die Uhrzeit meines Smartphones. 23:07 Uhr. Grannie und Rubina waren bereits vor einer halben Stunde zu Bett gegangen und das Haus lag seitdem in Stille. Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, wie alles nur dermaßen hatte schieflaufen können.

In einem Moment folgte ich der Einladung meines mysteriösen Stalkers und im nächsten übernachtete ich mutterseelenallein bei völlig Fremden in einer Hütte am Ende der Welt. Warum hatte ich den blöden Brief auch öffnen müssen, anstatt ihn einfach anzuzünden und das Papier brennen zu sehen?

Ich seufzte. Himmel, ich hatte mich noch nie so allein gefühlt. Ich konnte nur hoffen, dass bei Tageslicht alles besser aussah und ich den Rückweg nach Calgary fand. Für diese Nacht jedenfalls war ich am Ende. Nicht nur mein Körper, auch mein Verstand sehnten sich nach Schlaf, nach der Dunkelheit des Vergessens – zumindest für einige Stunden.

Erschöpft zog ich schließlich die dünnen Lederschuhe aus und hüllte mich dann, so wie ich war, in die Decke. Wärme umhüllte mich und ich schloss die Augen, vergrub mein Gesicht tief in dem weichen Kissen und atmete den klaren Geruch nach weißem Stoff.

Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, wieder zuhause zu sein, in meinem knarzenden Bett, in meinem sternenbeschienenen Zimmer, in unserem kleinen Haus.

Wenn ich die Augen nicht öffnete, konnte ich mir Ceds Zimmer neben meinem vorstellen, seinen kleinen Körper, der sich unter seinen Atemzügen sanft hob und senkte. Wenn ich die Augen nicht öffnete, konnte ich mir die leisen Stimmen meiner Eltern vorstellen, die unten im Wohnzimmer saßen, Wein tranken und bis tief in die Nacht hinein redeten, während der Fernseher im Hintergrund lief.

Wenn ich die Augen nicht öffnete …

*****

Ich hatte nicht bemerkt, dass ich eingeschlafen war. Als ich aufschreckte, wusste ich nicht, wo ich war. In meinem Kopf hallten die letzten Worte aus meinem Traum wider. Er darf dich nicht finden.

Ich wusste nicht, warum ich wach geworden war; das Haus lag vollkommen still da. Trotzdem raste mein Puls.

Verdammter Alptraum.

Leise stand ich auf und schlich zum Waschtisch. Die zart bemalte Keramikschüssel, die darauf stand, war mit Wasser gefüllt. In der glatten Oberfläche spiegelte sich mein Gesicht.

Meine blaugrauen Augen geschwollen vom Schlaf, mein blondes Haar noch immer – oder schon wieder – zerzaust, bot ich einen erbärmlichen Anblick.

In diesem Moment schwor ich mir, so etwas nie wieder zu tun. Nie wieder auf blöde Streiche oder Halluzinationen oder was immer es mit diesem Typen und dem Brief sonst auf sich hatte, hereinzufallen. In der Dunkelheit war es leichter, mir einzugestehen, wie viel Angst ich wirklich hatte. Ich wollte einfach nur noch nach Hause.

Plötzlich erzitterte mein Gesicht. Das Wasser bewegte sich, sandte Wellen kreisförmig von der Mitte zum Rand und zurück. Was war das?

Dann ein dumpfer Knall. Ich erstarrte. Ein weiterer Knall. Mein Herz schlug schneller. Vorsichtig schlich ich zur Tür und zog den Stuhl unter der Klinke hervor. „Grannie?“, fragte ich leise, „Rubina?“ Keine Antwort.

Ich öffnete die Tür einen Spaltbreit und spähte hinaus in den Flur. Wieder ein dumpfer Knall. Das Haus erzitterte. Aber im Flur war niemand zu sehen. Ich trat nach draußen und schloss die Tür behutsam hinter mir. „Rubina?“, fragte ich noch einmal, „Grannie?“ Wieder keine Antwort.

Ich ging auf die Treppe zu. Durch ein kleines Fenster am anderen Ende des Flurs fiel helles Mondlicht. Ich setzte einen Fuß auf die erste Stufe. Die Wand erzitterte abermals unter einem Knall.

Was passierte hier?

Zögernd stieg ich weiter nach unten. Auf der vierten Stufe blieb ich stehen; von hier konnte ich den Wohnraum gerade so überblicken. Gebückt versuchte ich den Auslöser für die immer wiederkehrenden Stöße zu entdecken.

Mein Blick blieb an zwei Gestalten hängen. Rubina in einem dunklen Mieder und engen Hosen stand breitbeinig und mit zwei Händen an einer langen Klinge vor Grannie, die - wie ich bei genauerem Hinsehen feststellte - ebenfalls ein Schwert hielt. Ein Schwert?

Ich war unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Wie erstarrt haftete mein Blick an den beiden Frauen. Grannie, mit ihren weißen Locken und dem steinernen Gesichtsausdruck. Ihre Hände zitterten, hielten das Schwert nicht ganz gerade. Neben ihr Rubina, das Schwert fest umklammert, kein Zittern, keine Angst. Angst wovor?

Ein weiterer Knall erschütterte das Haus. Die Tür ächzte in den Angeln.

Mir wurde flau im Magen.

Was zur Hölle ging hier vor?

Meine Hände zitterten. Der nächste Knall ließ mich zusammenzucken.

Was war da draußen? Was war hinter der Tür?

Mein Puls raste. Die Stille war geladen. Überall pulsierte die Energie, den kleinen Funken erwartend, der das Feuerwerk entzünden würde. Ich hielt den Atem an. Jeder Muskel meines Körpers war zum Zerreißen gespannt. Das Herz schlug gegen meine Rippen.

*****

Die Stille zerriss in einem ohrenbetäubenden Knall. Metall klirrte. Splitter schossen wie Kugeln durch den Raum. Das kleine Haus erzitterte bis auf die Grundmauern. Ich unterdrückte einen Schrei.

Ein Loch prangte dort, wo vor wenigen Sekunden noch die Tür gewesen war. Der abrupte Luftzug löschte das letzte Glühen des Feuers. Durch den Rahmen fluteten einzelne Streifen weißen Mondlichts, die eine riesige Silhouette umrissen.

Ich sah zu Rubina und Grannie. Überraschung ließ ihre Gesichter erbleichen. In Grannies Miene spiegelte sich Furcht, doch das Schwert lag nun fest in ihrer Hand. Rubina presste die Kiefer aufeinander. Ihre Knöchel am Griff des Schwertes traten weiß hervor.

Der Schatten im Türrahmen wuchs. Zentimeter um Zentimeter schälten sich seine Konturen aus der Dunkelheit. Nachtgraues Fell, das im Mondlicht seidig glänzte. Ein muskulöser Körper. Pranken mit scharfen Krallen, die ein schauerliches Kratzen auf dem alten Holzboden erzeugten. Die spitzen Ohren waren aufgestellt, lauschten jeder Bewegung, jedem Atemzug.

Langsam bewegte es sich auf die beiden Frauen zu, die Lefzen nach oben gezogen, sodass man die messerscharfen Zähne im Mondlicht weiß schimmern sah. Ein Knurren ertönte, das mir durch Mark und Bein fuhr. Jede Faser meines Körpers vibrierte.

Kalte Mordlust blitzte in den grellgelben Augen auf. Wie versteinert saß ich auf der Treppe, unfähig auch nur einen einzigen Finger zu bewegen. In Zeitlupe beobachtete ich die Bestie, die ihren riesigen Körper anspannte und ihr Gewicht auf die Hinterbeine verlagerte.

Ich öffnete meinen Mund zu einem stummen Schrei.

Die Bestie sprang.

Plötzlich ging alles so schnell. Der gewaltige Wolf warf sich direkt auf Rubina.

„Ruby!“ Grannies Schrei zerfetzte die Luft.

Rubina rollte sich zur Seite. Die Bestie krachte auf den Boden, dahin, wo vor wenigen Sekunden noch Rubina gestanden hatte. Rubina erhob ihre Klinge und riss eine klaffende Wunde in die ungeschützte Seite der Bestie. Dickes rotes Blut ergoss sich in Strömen über das Fell. Das Wesen grölte vor Schmerz und rappelte sich auf. Es fokussierte Rubina, bewegte sich direkt auf sie zu.

Sie wich zurück an die Wand, näher und näher. In ihrem Gesicht spiegelte sich bleiche Angst. Ein letztes Verharren, ein letztes Luftholen, dann stürzte sich die Bestie auf sie. Berge von Fleisch und Muskeln begruben Rubina unter sich.

Ein unmenschlicher, fast animalischer Schrei durchschnitt die Luft. Mit erhobenem Schwert stürzte Grannie sich auf die Bestie. Ihre Klinge drang mitten in den gewaltigen Körper. Die Bestie brüllte, bäumte sich auf, während Grannie das Schwert tiefer in ihren Körper trieb. Blutige Ströme rannen über das glänzende Fell.

Rasend vor Wut fuhr die Bestie herum. Wie eine lästige Fliege schüttelte sie Grannie einfach ab, bevor sie auf sie losging.

Du musst ihnen helfen!, schrie eine Stimme irgendwo in meinem Kopf, Hilf ihnen, verdammt!

Doch ich konnte nicht. Angst lähmte mich wie ein Gift. Sie verteilte sich schleichend in meinem Körper und ich konnte nichts tun, außer zuzusehen, wie das Monster nun Grannie in die Enge trieb.

Eine Bewegung in meinem Augenwinkel ließ mich den Kopf drehen. Rubina war aufgestanden. Riesige Krallen hatten tiefe Wunden in ihre helle Haut gerissen. Gesicht und Hände waren blutverschmiert, ihre Klinge tropfte rot. In ihrer Miene war jedoch keine Spur von Schmerz zu sehen. Nur Ruhe, tiefe konzentrierte Ruhe und das Funkeln lodernder Wut in ihrem Blick.

Mit einem einzigen Aufschrei schoss sie auf die Bestie zu und rammte die Klinge in die ungeschützte Flanke. Das Wesen brüllte markerschütternd, den gewaltigen Schädel nach oben gerissen. Für einen kurzen Moment schien die Zeit stillzustehen – die Welt verstummte.

Viel zu spät bemerkte ich die weißen Zähne, kleine Dolche, die knapp über Grannies Schlüsselbein in ihrem Fleisch steckten. Ich sah das Blut – Grannies Blut – das wie dunkler Rotwein über ihre Haut floss und sich auf dem Holzboden ausbreitete. Eisengeruch durchdrang die Luft. Grannies Kopf hing schlaff zur Seite. Unfähig, zu begreifen beobachtete ich die Szene.

„Nein!“ Rubinas Schrei dröhnte in meinem Kopf. Tränen flossen über ihr Gesicht und vermischten sich mit dem Blut. Wahnsinnig vor Zorn stach sie zu. Immer und immer wieder versenke sie ihr Schwert in der Seite dieses Monsters. Überall war Blut, so rot wie Kirschsaft.

Ein Teil von mir schrie vor Entsetzen, doch ich bewegte mich keinen Millimeter.

Die Bestie schnaubte, knurrte, brüllte. Mittlerweile stand sie in einer dunklen Lache. Ihr malträtierter Körper ließ von Grannie ab. Endlich.

Erneut stieß Rubina ihr das Schwert in die Seite.

Bitte!, flehte eine Stimme tief in mir, Lass es vorbei sein. Lass es endlich aufhören! Ich wollte die Augen verschließen vor all dem Blut. Ich wollte die Ohren verschließen vor den Schreien und dem Gebrüll. Aber ich konnte nichts tun, als weiterhin unbewegt zuzusehen.

Vor Schmerz tobend schlug die Bestie um sich. Ihre Pranken verfehlten Rubinas Kopf nur knapp.

Ich hielt den Atem an.

Die Bestie erstarrte.

Ihr Blick traf meinen.

Mordlust blitzte in ihren Augen auf.

Mordlust und … Gelb. Scharfes, schneidendes Gelb traf mich wie ein Hieb und ich schloss meine Augen. Alles in mir drehte sich. Ich kämpfte gegen die erstickende Schwärze an, die mich in Wogen überrollte. Ich durfte jetzt nicht bewusstlos werden! Nicht jetzt!

Mit einem Schlag öffnete ich die Augen wieder und rang nach Atem. Aber ich sah nicht das, was ich erwartet hatte.

Kapitel 4

„Nein!“ Rubinas Schrei zerfetzte die Stille. Sie kniete auf dem blutbeschmierten Boden, Grannies schlaffen Körper auf ihren Schoß gebettet. „Nein“, sagte sie immer wieder, „Nein, nein, nein.“

Mechanisch stieg ich die Treppe hinab.

Rubinas Kopf war nach unten gebeugt. Tränen tropften auf Grannies Gesicht. Ich kniete mich neben sie in die glitschig-rote Lache.

„Nein“, hauchte sie noch immer, „Grannie … Nein.“ Schluchzer schüttelten ihren Körper. Mit zitternden Fingern strich sie über Grannies Wangen. So zerbrechlich.

„Rubina?“ Sie schien meine Anwesenheit nicht zu bemerken. Verloren starrte sie in Grannies bleiches Gesicht.

„Rubina.“ Jetzt sah sie auf. Nach Halt suchend musterte sie mich. „Zu spät“, murmelte sie, „Viel zu spät.“ Dann sah sie wieder zu Grannie.

Vorsichtig berührte ich ihr schlaffes Handgelenk, wollte sie von Rubinas Schoß ziehen – als ich es spürte. Ein schwaches Schlagen, direkt unter der Haut. „Oh Gott“, hauchte ich und dann lauter, „Oh Gott. Oh Gott! Sie lebt! Rubina, sie lebt!“

Rubina hob den Kopf und sah mich verständnislos an.

„Sie lebt!“, wiederholte ich, „Sie hat einen Puls! Sie lebt!“

Ich sprang auf. „Wir brauchen einen Arzt!“ Rubinas Blick wechselte zwischen mir und Grannie. „Verdammt, ruf einen Arzt, Rubina!“ Meine Schreie wurden schriller. „Sie braucht Hilfe! Wir brauchen Hilfe! Steh auf! Komm schon, steh auf!“

Unendlich langsam erhob sie sich. „Ein … Arzt“, wiederholte sie schleppend, „Hilfe.“

„Ja, wir brauchen Hilfe! Ruf einen Arzt!“

Endlich wurde ihr Blick klar, fokussiert. „Warte hier“, sagte sie gefasst. Im nächsten Moment sprintete sie die Treppe nach oben, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

Ich kniete mich neben Grannie. Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich jetzt tun sollte.

„Keine Sorge“, murmelte ich deshalb. Meine Hand schloss sich um Grannies. „Wir holen Hilfe. Rubina ruft einen Arzt. Alles wird gut.“

Sekunden später tauchte Rubina auf. „Wir müssen sie zu den anderen bringen!“, verlangte sie atemlos, während sie ein Laken neben Grannie auf dem Boden ausbreitete, „Nimm ihre Beine. Vorsichtig! Bei drei heben wir sie rüber.“

„Rubina was –“

„Drei!“

Innerhalb von Sekunden lag Grannie auf dem weißen Stoff. „Nimm die Enden!“, wies Rubina mich an, „Na los, mach schon!“

„Was soll das, Rubina? Was hast du vor?“

„Sie retten!“, schnauzte sie, „Bei drei.“

Mit einem Ruck hoben wir Grannie in die Luft.

„Und jetzt los!“ Rubina setzte sich in Bewegung. Zu spät wurde mir klar, was sie da tat.

„Aber wir können doch nicht –“

„Klappe!“

„Aber sie braucht einen –“

„Klappe, verdammt!“

Ich verstummte. Mondlicht verlieh der Welt einen Silberschimmer. Nichts erinnerte an den Angriff. Friedlich ruhte die Welt um uns herum. Vereinzelt hallten die Rufe einer Eule durch die Nacht. Schon bald war die Blockhütte außer Sichtweite und wir stolperten mitten durch den Wald. Die Luft hatte sich abgekühlt und eine frische Brise strich über meine bloße Haut. Ich war nicht mehr dazu gekommen, meine Schuhe anzuziehen, also lief ich barfuß, nur in dieser dünnen Bluse und einem Rock durch den nächtlichen Wald.

Meine Arme zitterten bald vor Kälte und Anstrengung. „Wie weit …“

„Reiß dich zusammen!“

Nur Minuten später hielten wir – mitten im Wald. Suchend sah ich mich um. „Was zur Hölle machen wir hier?“, brüllte ich über Grannies leblosen Körper hinweg, „Sie braucht einen Arzt!“

„Sei endlich still!“ Rubina machte Anstalten, sie abzulegen und ich konnte gerade noch rechtzeitig reagieren. Bevor ich auch nur ein Wort gesagt hatte, fiel Rubina einige Schritte entfernt auf die Knie und begann, im Laub zu scharren. Fassungslos starrte ich sie an.

„Zum Himmel nochmal!“ Ohne sich umzudrehen stieß sie die Worte hervor. „Was stehst du da noch? Hilf mir!“

Zögernd näherte ich mich ihrer gebeugten Gestalt. Ich hatte das dumpfe Gefühl, sie könnte den Verstand verloren haben. Moosklümpchen flogen in alle Richtungen, als sie wie eine Besessene mit der Erde kämpfte. Ich bekam Angst.

„Rubina.“

Ich wollte sie gerade wegzerren, da sah ich es. Zwischen den Grasbüscheln lag eine Holzplatte am Hang. Nein, sie war dort verankert. Rubina legte einen großen eisernen Ring frei, dann stand sie auf und machte sich daran zu schaffen.

„Fass mal mit an!“, befahl sie harsch, während sie sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Platte stemmte. Zögernd griff ich zu und tat es ihr gleich. Mit einem Ruck klappte die Platte nach oben und gab steinerne Stufen frei.

„Worauf wartest du, verdammt?“ Rubina war bereits wieder zu ihrer Großmutter gelaufen und hatte das Laken ergriffen. „Beeil dich!“ Gemeinsam hievten wir das Laken erneut in die Luft und schleppten Grannie zum Eingang.

„Was genau ist das hier?“, fragte ich, als wir die Treppe betraten. Ich erhielt keine Antwort. Vorsichtig stiegen wir Stufe um Stufe nach unten in den Hügel. Je weiter wir kamen, desto dunkler wurde es. Das Mondlicht leuchtete den Gang nur noch spärlich aus und schließlich gar nicht mehr. Es war stockdunkel. Ich begann, die Stufen zu zählen. Eins, zwei, drei … ich war bei fünfzig, als es plötzlich wieder hell wurde. Gelblicher Lichtschein drang in die Dunkelheit. Kurz drauf öffneten sich die Treppen in einen schmalen Gang. Rubina begann zu sprinten. Wenig später erreichten wir endlich einen Raum.

„Wir brauchen Hilfe!“ Wie ein Komet krachten wir in das Zimmer und begegneten den versteinerten Mienen mehrerer Männer und Frauen. Völlig sprachlos starrten sie uns entgegen, musterten zuerst Grannies leblosen Körper auf dem Laken, bis schließlich ihre Blicke auf mir verharrten.

„Schaut nicht so, tut etwas!“ Rubinas Stimme hallte von den steinernen Wänden wider. „Die Bestie ist zurück. Ihr müsst Grannie retten!“

Endlich kam Bewegung in diese Leute. Ein Mann fasste einen anderen, jüngeren bei den Schultern. „Hol die Heilerin“, befahl er ruhig. Der junge Mann nickte und verschwand durch einen der Gänge, während der ältere vortrat.

„Wer ist das?“, fragte er und musterte mich skeptisch.

Rubina ignorierte seine Frage. „Bitte!“, verlangte sie erneut, diesmal wesentlich schriller, „Helft ihr! Rettet Grannie!“

Der Mann wirkte nicht ansatzweise schockiert – weder von dem leblosen Körper Grannies in diesem Laken, noch von Rubinas Worten.

„Wer ist das, Rubina?“, wiederholte er langsam.

Rasend vor Wut warf Rubina ihren Kopf herum.

„Grannie wird sterben!“, schrie sie mitten in sein Gesicht, „Also hör verdammt nochmal auf, Fragen zu stellen und hilf uns!“

Endlich gab der Mann nach. Beherrscht deutete er auf den kreisrunden Tisch, der die Mitte des Raumes einnahm. „Legt sie dorthin.“

Noch bevor Grannies Körper mit dem Laken die Tischplatte berührte, stürmte eine Frau in den Raum.

„Was ist passiert?“, fragte sie atemlos. Ihr Gewand klimperte bei jeder Bewegung und ein seltsamer Duft nach Gewürzen und Kräutern umwehte sie wie eine Wolke. „Wo ist sie?“

Ich trat ein paar Schritte zur Seite, um ihr den Weg freizumachen. Bunte Tücher und schwarze Locken rauschten an mir vorbei. Dann beugte sich die fremde Frau über Grannies Körper.

„Sie hat viel Blut verloren“, hörte ich sie murmeln, „Ich weiß nicht, ob …“

„Bitte!“ Rubina strich Grannie erneut mit zitternden Händen über die Stirn. Ihre Augen waren geschwollen und rot. „Bitte, tut alles, was Ihr könnt.“

„Ich werde mein Bestes versuchen.“ Die Heilerin fasste Rubinas Hand und hielt sie für einige Sekunden, bevor sie sie in Grannies legte. Dann breitete sie in einer fließenden Bewegung ihre Hände über Grannies leblosen Körper. Ein goldenes Leuchten ging von ihren Handflächen aus.

Ich brachte kein Wort zustande. Stumm beobachtete ich, wie das Leuchten zu einem Glimmen wurde und schließlich ganz verschwand, wie die Heilerin anschließend nach Wasser und Tüchern verlangte, wie sie verschiedene Fläschchen, Gläser, Phiolen und Tiegel aus einem Lederbeutel holte und seltsam riechende Zutaten in einem kleinen Schälchen vermengte, wie eine Frau ihr Tücher und Wasser reichte und die Heilerin eines der Tücher mit einer klaren Flüssigkeit beträufelte und vorsichtig auf die klaffende Wunde zwischen Grannies Schulter und ihrem Hals drückte. Grannie stöhnte und die Heilerin murmelte einige beruhigende Worte, bevor sie erneut in ihren Lederbeutel griff und etwas zutage förderte, das an eine Nadel mit etwas Faden erinnerte. Mit geschickten Stichen nähte sie das offene Fleisch über der Wunde wieder zusammen. Anschließend rührte sie das Gemisch in der Schale ein weiteres Mal um, ehe sie es gleichmäßig über der Naht auftrug und mehrere Tücher faltete, die sie wie einen Verband um Grannies Schulter schlang.

„Das ist alles“, sagte sie schließlich, ohne den Blick von Grannies Körper zu wenden, „Mehr kann ich momentan nicht tun.“

Sie packte die Fläschchen und Phiolen und Schälchen und Tiegel zurück in ihren Beutel und dann trat sie zurück.

„Sie sollten für sie beten“, hauchte sie in Rubinas Richtung, bevor sie sich umdrehte und ging.

Stumm starrte Rubina auf den schlaffen Körper ihrer Großmutter. Ihre Finger blieben fest mit denen von Grannie verschränkt, während sie lautlos niedersank.

Im Augenwinkel bemerkte ich, dass jemand neben mich getreten war. Zögernd drehte ich den Kopf ein Stück und erkannte den älteren Mann von vorhin.

„Wir sollten sie allein lassen“, flüsterte er so leise, dass ich Mühe hatte, ihn zu verstehen. Mit einer Handbewegung wies er auf einen der Tunnel, die den Raum verließen.

*****

„Ich denke, wir sollten uns unterhalten.“

Die Stimme des Mannes durchbrach das Schweigen, das uns bisher umgeben hatte. Kaum, dass wir den kleinen Raum betreten hatten, wies er auf einen Stuhl.

„Bitte, setz dich.“

Stumm kam ich seiner Aufforderung nach. Noch immer versuchte ich zu begreifen, was ich gesehen hatte. Mit den Fingern fuhr ich die Rillen auf dem Holztisch nach, der zwischen mir und dem Mann stand. Dieses Wesen – Unmöglich, dass ein Wolf so riesenhaft und … blutrünstig war. Und das hier – dieser Raum, diese Tunnel mit den kahlen Steinwänden und Holzbalken, mit Fackeln – Wo um alles in der Welt war ich nur gelandet? Meine Fingerspitze verharrte in einer besonders tiefen Kerbe, die das helle Holz des ansonsten dunkel gewordenen Tisches offenlegte.

„Ich bin Raymond.“

Als ich den Blick hob, sah ich direkt in seine dunklen Augen, die mich so durchdringend musterten, dass ich schauderte.

„Wie heißt du?“

Ich zögerte mit meiner Antwort.

„Evangeline“, sagte ich schließlich knapp, „Evangeline MacKay.“

Er nickte. „Also gut, Evangeline. Du hast Ruby also geholfen, Grannie herzubringen?“

„Ja.“

„Die beiden haben dich nie zuvor erwähnt. Woher kennt ihr euch?“

Ich sah auf. Während die warmen Flammen dunkle Schatten an die Wände warfen, schien sich die Zeit in Sirup zu verwandeln.

„Ich kenne sie nicht wirklich“, hörte ich mich sagen, „Sie … sie haben mir angeboten, bei ihnen zu übernachten. Nur für diese Nacht.“

„Warum?“ Raymonds Stimme war so langsam wie warme Schokolade. „Wie kommt es, dass du ein Dach über dem Kopf suchst? Und warum bist du ausgerechnet bei Ruby und Grannie untergekommen? Soweit ich weiß, hatten die beiden seit Jahren keinen Besuch mehr.“

Mein Blick konzentrierte sich wieder auf die Kerben in der Tischplatte.

„Es war eine … Notlage“, erklärte ich schließlich, „Ich habe mich verlaufen und bin in dieses Gewitter geraten. Ihr Haus war das erste, das ich fand. Ich war einfach nur froh …“

Ich verstummte, ohne den Satz zu beenden. Bei dem Gedanken an Grannies Lächeln stieg warme Übelkeit in mir auf. Der Eisengeruch schien mit einem Mal überall zu sein und ich musste schlucken.

„Und Grannie und Rubina haben dir ein Zimmer angeboten?“, hakte Raymond nach.

„Ich wollte nicht … Ich meine, ich wollte mich nicht aufdrängen. Ich habe sie nach einem Telefon gefragt, doch sie haben keins.“ Als ich wieder daran dachte, kam mir ein Gedanke. „Vielleicht wissen Sie ja zufällig, wie weit es von hier aus nach Calgary ist?“

Der Mann rang für einen kurzen Moment um seine Fassung, fing sich jedoch schnell wieder.

„Es … ist ein ganzes Stück“, antwortete er knapp, „Wohnst du dort?“

„Ja.“ Meine Finger kratzen über kleine Holzsplitter am Rand der Kerbe.

„Deine Eltern werden dich sicherlich schon vermissen.“

Der Gedanke an Mom und Dad ließ mich für einen Augenblick innehalten. Ich sah die beiden in unserem Wohnzimmer, zwischen all den offenen Kisten und Kartons und Legosteinen und Kuscheltieren, Mom auf der Couch sitzend, den Kopf in die Hände gestützt und Dad am Fenster, wie er zum fünfzigsten Mal in dieser Stunde versuchte, mich zu erreichen.

„Du kannst über Nacht hierbleiben, wenn du möchtest.“ Ich hörte, wie Raymond atmete. Tief und ruhig, obwohl er vor Anspannung die Hände so ineinander verschränkt hatte, dass die Knöchel weiß hervortraten.

„Und morgen …“ Er zögerte. „… Morgen bringe ich dich in die Stadt. Was sagst du?“

Erneut schweifte mein Blick durch den Raum. Die kahlen Wände und die Fackeln, das fensterlose Mauerwerk fünfzig Stufen unterhalb der Erde – hier lud absolut nichts zum Bleiben ein. Andererseits war der Gedanke, mich ein zweites Mal zu verirren oder womöglich sogar dieser Bestie über den Weg zu laufen, noch viel weniger verlockend. Was half es mir schließlich, Hals über Kopf aufzubrechen, wenn in einigen Stunden alles schon klarer und einfacher sein könnte?

„Okay.“ Ich nickte. Für einige Sekunden glaubte ich, Verunsicherung in Raymonds Zügen zu lesen, doch gleich darauf wischte ein zuversichtliches Lächeln alle Zweifel weg und Raymond stand auf.

„Gut“, schloss er, „Dann zeige ich dir jetzt, wo du schlafen kannst.“

Mit einer zuvorkommenden Geste öffnete er die Tür und führte mich hinaus auf den Gang.

*****

Aufgewühlt streifte ich durch den kleinen Raum. Seit Stunden hatte sich nichts getan, obwohl ich es kaum erwarten konnte, diesen Ort endlich zu verlassen. Raymond hatte von Morgen gesprochen, doch ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren.

Noch immer hielt ich mein Smartphone fest umklammert. Es war das erste, was ich getan hatte, nachdem Raymond mich allein gelassen hatte. Ohne auf das Zeichen zu achten, das mir erneut sagte, ich hätte keinen Empfang, hatte ich versucht, meine Eltern zu erreichen, hatte SMS geschrieben, die nie versendet wurden. Ich wusste nicht, wie lange ich so dagestanden – wie oft ich es probiert hatte, bis der Akku schließlich die letzten zehn Prozent erreicht hatte. Ich hoffte, dass ich diese zehn Prozent vielleicht noch brauchen konnte, wenn ich endlich einen Ort mit Empfang finden würde, weshalb ich es schließlich widerwillig ausgeschaltet hatte. Seitdem konnten Stunden vergangen sein – oder auch nur Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten.

Je länger ich über all das nachdachte, desto schlimmer wurde es. Diese altmodische Kleidung und Menschen, die offenbar ohne Strom lebten, Tunnel unter der Erde und eine seltsame Heilerin anstelle eines Notarztes – konnte ich in eine Sekte geraten sein? Und wenn ja, würden sie mich dann wirklich zurück nach Hause bringen? Mein Herz raste bei dem Gedanken an die Alternativen.

Verzweifelt suchte ich nach einer anderen Erklärung, nach einer beruhigenderen Möglichkeit, doch die Bilder dieser Nacht überlagerten alles. Immer wieder tauchten Szenen vor meinem inneren Auge auf. Ich hörte Rubina schreien. Ich sah Blut spritzen, so viel Blut. Und immer wieder hörte ich das Donnern, das Bersten von Holz, das Brüllen der Bestie. Es war grauenhaft. Und unerklärlich.

Was ich gesehen hatte, konnte nicht existieren! Und doch hatte es Grannie fast umgebracht, hatte die Hütte in ein einziges Blutbad verwandelt.

Ich hatte noch nie zuvor so panische Angst verspürt. Panische Angst, es könnte zurückkehren. Panische Angst vor diesen Menschen. Panische Angst an diesem fensterlosen Ort.

Ich raufte mir das Haar, lief immer weiter, Runde um Runde durch den Raum, weil ich wusste, dass Stillstand die Bilder zurückbringen würde, die Gedanken, die dunklen Finger der Angst um mein Herz.

Wieder und wieder setzte mein Verstand aus, während ich nach Erklärungen suchte, nach einer Lösung, nach irgendetwas, das all das ungeschehen machen konnte.

Noch nie zuvor hatte ich all die Kisten und das Chaos daheim so vermisst. Noch nie zuvor hatte ich mir so sehnlich die Arme meiner Eltern gewünscht, die sich beschützend um mich legten. Noch nie zuvor hatte ich so dringend nicht allein sein wollen.

Doch in all dem Chaos stach dieser eine Gedanke immer deutlicher hervor. Ein Gedanke, für den ich Jahre zu alt war. Ein Gedanke, der mich mit solcher Furcht erfüllte, dass ich den Atem anhielt. Ein Gedanke, der alles erklären könnte. Wenn ich ihn nur ließe …

„Endlich begreift Ihr.“ Die knarzige Stimme ließ mich vor Schreck zusammenzucken.

„Wer – “ Suchend sah ich mich um, doch da war niemand.

„Wenn Ihr erlaubt, mich vorzustellen?“

Die Stimme kam vom … „Heilige – “ Die nächsten Worte blieben mir im Hals stecken. Auf dem Tisch gegenüber saß ein Frosch. Ein kleiner, grüner Frosch.

„Sir Henry Irvin Edgar Wallace“, stellte er sich galant vor, „Aber für Euch, Mylady, nur Wallace.“

Er deutete eine Verbeugung an. „Ich bin höchst erfreut, endlich Eure Bekanntschaft machen zu dürfen.“

Ich war kurz davor, einen Herzinfarkt zu erleiden. „Wie zur Hölle –“

Ruhig bleiben … Ich schloss die Augen und zählte.

Eins. Ich musste verrückt geworden sein.

Zwei. Sprechende Frösche existierten nicht.

Drei. Ich öffnete die Augen und der Frosch grinste zu mir herauf.

„Ihr könnt die Augen so oft schließen wie Ihr wollt, Mylady, aber davon werde ich nicht verschwinden.“

Ich schnappte nach Luft. Das war vollkommen unmöglich. Das widersprach allem, einfach allem!

Und doch passte es so perfekt in das absurde Puzzle der letzten Nacht …

„Ihr habt die richtigen Schlüsse gezogen, Mylady“, kommentierte der Frosch inzwischen, „Scheut Euch jetzt nur nicht, die Tatsachen zu akzeptieren, die diese Schlüsse mit sich bringen.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Das ist nicht wahr“, sagte ich laut. Weder der Frosch noch diese absurden Gedanken verschwanden.

„Das ist nicht wahr“, wiederholte ich, „Das kann nicht wahr sein, nichts davon!“

„Wollt Ihr wirklich leugnen, dass ich hier sitze? Direkt vor Euch?“ Die riesigen Froschaugen funkelten provokant. „Ihr wisst doch genauso gut wie ich, was mit Euch passiert ist …“ Er machte eine kurze Pause, grinste. „… oder besser gesagt: Wo Ihr Euch gerade befindet?“

Fassungslos sah ich ihn an.

„Nein“, hauchte ich, „Nein, das ist nicht – Ich bin nicht …“

„Und ob Ihr hier seid, Mylady.“ Altklug spazierte der Frosch über den Tisch. „Ihr seid hier, mitten in Ciaora. Genauer gesagt neuneinhalb Meter unter dem moosigen Boden des Foraoise gan Deireadh, des unendlichen Waldes. Wobei Euch ja offensichtlich eher die Tatsache interessiert, wo Ihr nicht mehr seid – in Eurer Welt.“

„Ihr lügt!“ Der Schrei entrang sich meiner Kehle so selbstverständlich wie das Amen. „Ihr seid nicht mehr als eine Halluzination, eine Einbildung – noch dazu eine schlechte!“

„Also das ist nun wirklich unerhört!“ Der Frosch hatte die dürren Arme verschränkt und war wie erstarrt vor mir stehengeblieben. „Wie könnt Ihr es wagen, mich einen Lügner zu nennen? Oder eine Halluzination?“ Aufgeregt erhob er die Arme zum Himmel. „Ich weiß noch nicht einmal, was von beidem die größere Beleidigung ist.“

Er schnaubte. „Aber gut! Von mir aus! Wenn Ihr meine Hilfe nicht wollt, werde ich Euch nicht länger belästigen.“

Noch bevor seine letzten Worte bei mir angekommen waren, erschien wie aus dem Nichts ein eigenartiger lilafarbener Nebel, der immer dichter wurde, bis er den Frosch schließlich ganz umhüllte.

„Undankbares Pack!“, glaubte ich ihn noch murmeln zu hören, dann lichtete sich der Nebel und der Frosch war wie vom Erdboden verschluckt.

Völlig durcheinander sank ich auf die Pritsche.

Das konnte nicht sein! Das alles konnte nicht die Wahrheit sein! Und doch war es die einzig logische Erklärung für alles, was in der letzten Nacht passiert war – für die Hütte ohne Strom, für die Kleider, die Heilerin und diese Tunnel, für den sprechenden Frosch – und für dieses Wesen, diese Bestie.

Ich wischte mir die wirren Strähnen aus den Augen und erhob den Blick zur Decke des Raumes. So viel Stein. Und darüber eine andere Welt? War das die Antwort, nach der ich gesucht hatte?

Ich war erstaunt, dass ich den Gedanken tatsächlich zuließ. Die Vorstellung allein war absurd, doch irgendwie passte alles zusammen. Es war so einfach, wie nur die Realität sein konnte.

Eine andere Welt …

Doch Raymond hatte versprochen, mich zurück nach Calgary zu bringen. Die Erinnerung entzündete einen Funken in meinem Inneren, der nur Sekunden darauf in Zweifel entflammte. Denn ein klitzekleiner Teil tief in mir wusste, dass nichts, was der Frosch gesagt hatte, wahr sein konnte. Dass es weder Magie noch andere Welten gab.

Und dieser Teil von mir war wahnsinnig vor Angst, denn er konnte nicht erklären, warum dieses gelbäugige Monster existierte, warum Frösche sprachen und Großmütter mit Schwertern um sich schlugen.

Kapitel 5

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, als ich jemanden vor der Tür hörte. Morgen, war das Einzige, was mir einfiel, Es musste endlich Morgen sein. Ich stand auf und öffnete die Tür, bevor auch nur ein Klopfen zu hören war.

Raymond musterte mich überrascht. „Also das … ging wirklich schnell.“

Ich entgegnete nichts. Seit Stunden hatte ich an nichts anderes denken können als die Worte des Frosches. Sinn und Unsinn hatten mein Inneres durcheinandergewirbelt, bis ich nicht mehr wusste, was ich glauben sollte. Raymonds Anwesenheit ließ mich allerdings wieder Hoffnung schöpfen. Er hatte versprochen, mich nach Calgary zu bringen und dass er jetzt hier war, konnte nur eines bedeuten.

„Komm.” Er legte mir eine Hand auf die Schulter und begann, mich den Gang hinunterzuführen. „Hast du gut geschlafen?”

Ich zögerte, während mein Magen nervöse Purzelbäume schlug. „Nicht richtig.”

Wir bogen um eine Ecke und Raymond gab ein Brummen von sich. „Das habe ich mir schon gedacht.”

Eine Viertelstunde und unzählige Abzweigungen später erreichten wir einen Raum. Er war etwas größer als das Zimmer, in dem ich eingesperrt gewesen war, aber ebenso schlicht möbliert. Es gab einen großen Tisch mit einem Stuhl auf der einen und zwei weiteren auf der gegenüberliegenden Seite. Dazu einige als Regale dienende Bretter an der Wand. Überall lag Papier – Karten, Notizen und Briefe – gemischt mit Büchern, Lupen, Stiften und anderen Utensilien.

„Ich verstehe nicht.” Hilfesuchend wandte ich mich an Raymond. „Was machen wir hier?”

Anstelle einer Antwort ging er einmal um den Tisch herum.

„Setz dich“, sagte er und wies auf einen der beiden Stühle vor mir, „Möchtest du ein Glas Wasser?“

Eilig räumte er den Tisch frei und holte eine Kanne sowie zwei Becher von einem kleinen Beistelltisch. Noch immer stand ich wie festgenagelt in der Mitte des Raumes.

„Sie haben versprochen, mich nach Calgary zu bringen”, sagte ich und hörte mich dabei an, wie ein weinerliches Kind, dem sein Spielzeug weggenommen wurde. Wallace’ Worte schienen mit jeder Minute lauter durch meine Gedanken zu hallen. Angespannt ballte ich die Fäuste.

„Evangeline.” Raymond seufzte. „Wir sollten reden. Ich denke, es ist Zeit, dass ich dir einiges erkläre.”

Ich schnappte nach Luft. War es das? Eine düstere Ahnung legte sich wie eine Hand um meinen Hals und ließ mich nach Luft ringen. Meine Beine begannen zu zittern und ich schaffte es gerade noch, mich an der Lehne des Stuhls festzuklammern. Kraftlos sank ich auf die harte Sitzfläche. Ich spürte Raymonds besorgten Blick auf mir ruhen, während er ein Glas mit Wasser füllte und es vor mir abstellte. Mein Kopf war mit einem Mal wie leergefegt.

„Ich kann nicht sagen, wie leid es mir tut, dass du so lange warten musstest.“ Raymonds Stimme war nahezu tonlos, als würde er die Worte eines Protokolls zitieren. „Die letzte Nacht muss sehr aufwühlend gewesen sein. Ich kann mir vorstellen, dass du viele Fragen hast.”

Ich beobachtete, wie er sich setzte und langsam die Hände auf der Tischplatte faltete. „Ich bin bereit, dir alle Antworten zu geben, die du brauchst. Doch zuvor habe ich einige Fragen an dich.”

Noch immer brachte ich kein Wort heraus.

„Kannst du dich erinnern, wie du zu Grannies Hütte gelangt bist?”

Ich starrte ihn an. War das sein Ernst? „Ich habe mich verlaufen. Das habe ich Ihnen gestern schon gesagt.”

„Was hast du gemacht, bevor du dich verlaufen hast?”

„Ich bin in den Wald gefahren. Da war dieser Brief und ich dachte – ” Ich unterbrach mich selbst, als ich seinen Blick bemerkte. „Was geht Sie das eigentlich an?”

Raymond überging meine Frage, ohne die Miene zu verziehen. „Gibt es zwischen dem Zeitpunkt, an dem du den Wald betreten hast und dem, an dem du dich verlaufen hast, irgendeinen Zeitraum, an dem deine Erinnerung unklar wird? Hast du zu irgendeinem Zeitpunkt vielleicht das Bewusstsein verloren?”

Sprachlos sah ich ihn an. Dieses Detail hatte ich bisher niemandem gegenüber erwähnt. Doch offenbar war mein Blick Antwort genug. Raymond lächelte. „Nur noch eine kurze Frage, dann ist es geschafft.”

Er machte eine Pause und wartete, bis er meine ungeteilte Aufmerksamkeit hatte. „Was bedeutet der Name Morrigan für dich?”

Ich starrte ihn an. „Morrigan? Zum Teufel, ich kenne keine Morrigan und ich will auch gar nicht wissen, wer sie ist! Ich will einfach nur zurück nach Hause und wenn Sie mir nicht helfen, finde ich mich eben selbst wieder nach draußen.”

Wütend stand ich auf und marschierte zur Tür. „Einen schönen Tag noch!”

„Warte!” Ich war noch nicht einmal ganz aus der Tür, als sich Raymonds Griff fest um meinen Oberarm schloss. „Du kannst nicht gehen.”

„Ach.” Schnaubend fuhr ich herum. „Und warum nicht? Haben Sie etwa Angst, ich könnte Ihre seltsame kleine Sekte auffliegen lassen?”

„Du könntest sterben.” Raymond holte tief Luft. „Und du wirst dieses Calgary dort oben nicht finden.”

Mit einem Schlag hielt ich inne. War das das Geständnis, auf das ich gewartet hatte? Der endgültige Beweis dafür, dass der Frosch recht hatte?

„Komm wieder rein”, drängte Raymond sanft, „Ich kann dir alles erklären. Wenn du danach immer noch gehen möchtest, bringe ich dich nach draußen.”

Ich zögerte, doch schließlich ließ ich mich von ihm zurück an den Tisch führen. Ich spürte, wie das Herz gegen meine Rippen schlug, als ich langsam auf den Stuhl sank. Meine Kehle war wie zugeschnürt, während dieselbe Frage immer und immer wieder durch meine Gedanken wirbelte. Ich brauchte endlich Klarheit.

„Wo bin ich?”

Meine Frage verhallte in der Stille. Ich sah, wie Raymond mit sich rang. Er hatte versprochen, mich nach Hause zu bringen und dann hatte er mir Antworten versprochen – aber mit jeder Sekunde, die ich darauf wartete, dass ein Wort seine Lippen verließ, bezweifelte ich, dass er auch nur eines dieser Versprechen halten würde. Meine Stimme zitterte.

„Hatte er recht?“ Verzweifelt musterte ich Raymond. „Hat dieser Frosch die Wahrheit gesagt? Bin ich … in einer anderen Welt?“

Einen Moment lang sagte Raymond gar nichts, starrte mich nur aus großen Augen an.

„Du weißt es schon?“, fragte er dann ungläubig.

„Ich weiß gar nichts!“, schoss ich sofort zurück und konnte nicht vermeiden, dass meine Stimme laut wurde, „Ich weiß nicht, was das hier ist oder was Sie von mir wollen, ich weiß ja nicht mal, wie ich hergekommen bin oder wie ich wieder nach Hause komme. Das einzige, was ich weiß, ist, dass sprechende Frösche nicht existieren und dass dieses Monster, das Grannie attackiert hat, eine Ausgeburt der Hölle war und nicht einmal das –“ Ich musste schluchzen. „Sagen Sie mir endlich, was hier los ist! Bitte!“

Ich stützte den Kopf in die Hände, während Tränen in meinen Augen brannten. Das hier war ein Alptraum, ein einziger Alptraum.

„Es ist die Wahrheit.” Raymonds Stimme ließ mich aufsehen. „Wir haben allen Grund zu der Annahme, dass du dich nicht länger in der Welt befindest, die du kennst.”

Er zögerte, bevor er etwas hinzufügte. „Dieses Land hier heißt Ciaora. Hast du schon einmal irgendetwas davon gehört?”

Stumm schüttelte ich den Kopf. Das war es dann also. Ich war in einer anderen Welt. Ich fühlte mich, als hätte man mir in den Magen geschlagen. Gut möglich, dass ich mich übergeben würde, sobald ich den Mund öffnete.

„Es gibt da noch etwas, das du wissen solltest”, schob Raymond inzwischen hinterher, „Es ist der Grund, aus dem wir dich bisher von der Oberfläche ferngehalten haben.” Er zögerte und suchte offenbar nach den richtigen Worten. „Da draußen gibt es Menschen, die es auf dich abgesehen haben.”

„Wer?” Verständnislos musterte ich ihn. Ich war kaum sechsunddreißig Stunden in diesem seltsamen Land. Was konnte ich schon verbrochen haben, dass mir jemand nach dem Leben trachtete?

„Es ist ziemlich kompliziert.” Raymond fuhr sich durch das dunkle Haar. „Aber in der Kurzform gibt es eine Art Prophezeiung, die besagt, dass jemand von außerhalb unserer Welt das Land aus der Tyrannei der Königin befreien wird. Und, naja, du bist seit einhundert Jahren die erste von Außerhalb, die Ciaora betreten hat.”

„Das ist doch nicht wahr!” Die Übelkeit, die mir noch Momente zuvor so schwer im Magen gelegen hatte, verwandelte sich in rasende Wut. „Sie wollen mir also allen Ernstes erzählen, dass Sie an eine dämliche Prophezeiung glauben?”

„Die Königin – Morrigan – glaubt daran”, entgegnete Raymond sachlich, „Und sie wird alles tun, um ihre Macht zu verteidigen.”

„Sie meinen, sie wird mich umbringen?” Ich rang um meine Fassung. „Das ist doch lächerlich. Ich könnte nicht mal einer Fliege ernsthaft gefährlich werden. Und überhaupt, wie sollte ich – ”

„Keine Sorge.” Raymond musste meinen entsetzten Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn in seinem Blick erkannte ich Mitleid. „Hier bist du sicher. Und wir werden alles daran setzen, dass das auch so bleibt.“

„Wir?” Ich war mir nicht sicher, ob ich die Antwort auf meine Frage überhaupt hören wollte. Im Moment fühlte es sich an, als würde ich inmitten eines Tornados versuchen, ein Streichholz zu entflammen. Jede Antwort, die ich erhielt, wurde von einem ganzen Sturm weiterer Fragen ausgelöscht. Und nachdem ich Raymonds Blick bemerkte, wusste ich, dass es mit dieser Antwort nicht anders sein würde.

„Diese Tunnel sind der unterirdische Stützpunkt einer Rebellion.” In Raymonds Stimme hörte ich Stolz. „Wir sind aus der Not entstanden, die Morrigan über unser Land gebracht hat. Doch wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Hoffnung zu bewahren und die Ankunft des Retters vorzubereiten. Wir agieren bereits seit acht Jahren und haben seitdem mehr als zwanzigtausend Gleichgesinnte um uns scharen können.”

Ich war sprachlos. Jedes Mal, wenn ich dachte, meine Situation könnte kaum absurder werden, schaffte Raymond es, noch eine Schippe draufzulegen. Rebellen, die gegen ein grausames Regime kämpften – Himmel, hatte ich nicht langsam genug gehört?

„Ich weiß, auf dich muss das alles ziemlich befremdlich wirken”, schob Raymond in diesem Moment ein, „Auch für uns kamen die Neuigkeiten sehr überraschend. Die letzten Jahre waren nicht einfach. Allein die Prophezeiung hat uns die Kraft verliehen, Qualen und Entbehrungen im Angesicht der Hoffnung zu ertragen. Jetzt zu wissen, dass sich all unsere Arbeit auszahlt, dass sich die Prophezeiung tatsächlich erfüllen wird …”

Er verstummte und sah mich an. In seinem Blick lag etwas, das mich stutzen ließ.

„Moment.” Nur langsam sickerten Raymonds Worte in mein Bewusstsein. „Sie wollen doch nicht sagen … Ich meine, Sie denken doch nicht wirklich, dass ich – ”

Raymonds Lächeln verriet mir alles, was ich wissen musste. „Evangeline, du bist diejenige, auf die wir all diese Jahre gewartet haben. Du bist die Retterin, von der die Prophezeiung spricht.“

„Nein.” Ich schüttelte den Kopf. „Sie müssen sich irren. Ich bin nicht – “

„Es fällt dir schwer, zu begreifen. Das ist nur verständlich.” Raymonds Lächeln war so zuversichtlich, dass mir übel wurde. „Niemand verlangt von dir, sofort eine Entscheidung zu treffen. Du solltest nur wissen, dass du uns vertrauen kannst. Du bist sicher bei uns.“

„Aber ich will doch überhaupt nicht – ” Ich beherrschte mich gerade noch. „Ich meine, ich will einfach nur nach Hause, verstehen Sie das?“

„Natürlich.” Raymond nickte. „Und ich würde dir liebend gern helfen, allerdings – “

„Allerdings was?”, bellte ich. Im Gegensatz zu Raymond war meine Geduld nach bösen Königinnen, seltsamen Kulten und ein paar Worten, die mich zur Befreierin eines ganzen Landes machen sollten, wirklich am Ende. „Bitte. Können Sie mir nicht einfach sagen, wie ich wieder zurückkomme? Ich wollte das hier alles nicht.“

„Das glaube ich dir.“ Raymond musterte mich lang. „Aber was ich eigentlich zu erklären versuche, ist, dass wir dir nicht helfen können. Die Portale, die einst unsere beiden Welten verbanden, sind schon vor Jahrhunderten geschlossen wurden. Niemand weiß mehr, wo sie sich befinden.“

„Aber irgendwie muss ich doch hergekommen sein.“ Ich warf die Hände in die Luft. „Es muss doch einen Weg geben, eine Verbindung, ein –“

„Es tut mir wirklich leid.“ Raymond entgegnete meinem Blick. „Doch um ehrlich zu sein, dürftest du nicht einmal hier sitzen. Seit Jahrhunderten ist kein Fall eines Weltenwanderers bekannt geworden. Allein deine Ankunft hier ist ein Mysterium.”

Ich schüttelte den Kopf. „Aber wenn ich hierher gekommen bin, müssen die Portale doch noch existieren? Wenn ich das Portal finden kann, durch das ich gekommen bin – ”

Der Ausdruck auf Raymonds Miene ließ mich innehalten.

„Es ist nicht so einfach.” Er faltete die Hände. „Mit der Schließung der Portale damals sind auch deren Wächter – die Feen – in Vergessenheit geraten. Niemand weiß, wo sie sich aufhalten. Doch ohne Feenstaub ist es unmöglich, ein Portal zu öffnen – selbst, wenn es jemandem gelingen würde den Standort ausfindig zu machen.”

Er seufzte. „Ich will es nicht schwarzreden, Evangeline. Aber du solltest bedenken, dass in den hundert Jahren zuvor bereits unzählige Versuche unternommen wurden, die Feen zu finden und Portale zu öffnen. Falls es überhaupt noch Informationen zu diesem Thema gibt, dann höchstwahrscheinlich in der königlichen Bibliothek. Doch sich dort hineinzuwagen, würde für dich und die meisten von uns den Tod bedeuten.“

„Dann …” Ich schnappte nach Luft. In meinem Kopf drehte sich alles, während Raymonds Worte in einer Endlosschleife durch mein Gehör kreisten. Rotglühende Wut ballte meine Hände zu Fäusten, als mir bewusst wurde, wie geschickt er dieses Gespräch geplant haben musste. Wahrscheinlich hatte er sogar ein Skript geschrieben, um mir genau die Fakten einzutrichtern, die es benötigte, damit ich seinen Plänen bedingungslos folgte. Doch so einfach würde ich es ihm nicht machen.

„Dann behaupten Sie also, dass ich vorerst in dieser Welt festsitze?”, wiederholte ich langsam, „Und die beste und wahrscheinlich einzige Möglichkeit, einen Rückweg zu finden, liegt völlig außer Reichweite in Besitz der Königin. Ach, Moment, warten Sie – “ Wütend funkelte ich ihn an. „Es geht hier ja um dieselbe Königin, gegen die Sie und Ihre seltsamen Rebellen kämpfen. Warum sollte ich mich also nicht direkt anschließen? Ist es das, was Sie zu sagen versuchen? Dass ich mich entweder Ihnen anschließen oder in dieser Welt sterben kann? Sind das meine Optionen?“

Ich wandte den Blick nicht eine Sekunde von ihm, doch anstelle des erwarteten Protestes antwortete er nur mit beharrlichem Schweigen. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass er es nicht leugnen würde. Ich saß hier fest – ohne jegliche Chance auf einen Rückweg und er hatte nicht einmal den Anstand, es zu leugnen.

„Nein.” Ich weigerte mich zu glauben, dass es so sein konnte. Immerhin war ich in einem Land voller Magie gelandet – man hätte meinen sollen, das Wort unmöglich hatte hier aufgehört zu existieren. Es musste einen anderen Weg geben, eine andere Möglichkeit, die Raymond mir vorenthielt, um mich für seine Pläne zu gewinnen.

„Ich verstehe, dass das alles viel für dich ist“, versuchte er es in diesem Moment erneut, „Aber gerade deshalb muss ich dich bitten, keine überstürzten Entscheidungen zu treffen. Deine Ankunft hier ist ein Wunder und wenn die Götter dies für den richtigen Zeitpunkt erachten, dich zu uns – “

„Ach halten Sie den Mund!“ Ich sprang auf. „Ich will nichts mehr von Ihren Lügen hören! Sie können sich eine andere Retterin suchen!”

Wütend stürmte ich zur Tür und war bereits drauf und dran, sie aufzureißen, als Raymonds Arm mich zurückhielt.

„Bitte, Evangeline. Denk doch einmal darüber nach.“

„Lassen Sie mich los!” Rasend vor Zorn rang ich meinen Arm aus seinem Griff und stürmte nach draußen. Meine Schritte hallten im Takt meines Herzens von den kalten Steinen wider, als ich blindlings durch die Gänge sprintete. Raymonds Worte saßen mir im Nacken wie die wilde Jagd und trieben mich unaufhörlich weiter.

Du bist seit einhundert Jahren die erste, die Ciaora betreten hat. Ich schnaubte. Und wenn schon, hieß das immer noch nicht, dass es meine Pflicht war, diesem abgedrehten Haufen in einem Mordkomplott gegen die böse Königin zu unterstützen.

Ich fegte um eine Ecke, dann um noch eine. Mein Blick raste die Wände entlang, immer auf der Suche nach etwas Vertrautem, doch da war nichts als Stein. Endloser Stein und Feuer , die mich im Vorhof der Hölle willkommen hießen. Ich rannte und rannte, bis mein Atem nur noch stoßweise ging und das Feuer der Fackeln auch in meinen Lungen brannte. Der Rauch ließ mich keuchen und husten, bis ich schließlich stolperte. Ich konnte mich gerade noch an einer der kalten Tunnelwände abfangen, bevor meine Beine nachgaben. Ein weiteres Mal sah ich mich um, doch auch jetzt konnte ich nicht den geringsten Hinweis auf ein Ende der Tunnel erkennen. Die steinernen Gänge schienen sich in einem Labyrinth endloser Kreuzungen und Schleifen zu verlieren.

Kraftlos sank ich zu Boden. Das war es. Ich konnte laufen, so weit ich wollte und würde mich doch immer nur im Kreis drehen. Ich war hier unten gefangen und wahrscheinlich würde ich verhungern, ehe ich allein einen Ausweg gefunden hatte. Ohne Hilfe war ich verloren und ich hasste Raymond und Rubina dafür, dass sie mir das angetan hatten.

Verzweifelt stützte ich den Kopf in die Hände. Mit einem Mal fühlte es sich an, als würde sich mein Leben in einer ständigen Abwärtsspirale bewegen. Zuerst die Halluzinationen, dann der Brief und der Tornado, die Bestie und jetzt das. Tränen brannten in meinen Augen und ich hatte nicht die Kraft, sie zurückzudrängen, als mich jemand am Arm berührte.

Unter verschleiertem Blick erkannte ich einen der Dunkelgekleideten, der mir auf die Beine half. Wortlos ließ ich zu, dass er mich auf die Füße stellte und langsam den Gang zurückführte, den ich gekommen war. Mein Instinkt rebellierte. Am liebsten hätte ich mich ein weiteres Mal losgerissen, doch mein Verstand sagte mir, dass es sinnlos war und mein Körper war so erschöpft, dass ich nicht wusste, woher ich die Kraft, erneut aufzubegehren, nehmen sollte. Als der Wächter schließlich innehielt und eine Tür öffnete, löste ich mich langsam aus seinem Griff und taumelte in den Raum. Das Klicken, mit dem die Tür ins Schloss fiel war kaum mehr als eine Bestätigung meiner ausweglosen Lage.

*****

Fest umklammerten meine Finger das Smartphone. Die Zeit war aus den Fugen geraten und es war mir egal. Sie mochte rasen oder zäh wie Karamellsirup durch die Ritzen dieses Raumes sickern, doch seit ich mit dem Rücken an die kalte Steinwand gelehnt auf der harten Pritsche hockte, hatte sie jede Bedeutung für mich verloren. Stunden oder Minuten hatte ich den kleinen Kasten aus Glas und Aluminium angestarrt und versucht, einen Silberstreif an meinem Horizont zu erkennen. Stattdessen hatte das schwarze Display mich nur daran erinnert, wie sehr ich meine Eltern vermisste. Wie gern ich ihre Stimmen hören und ihnen sagen würde, dass ich lebte. Wie viel ich darum geben würde, jetzt in einer tröstlichen Umarmung zu versinken.

Doch es waren nicht die Arme meiner Mutter, die mich umschlossen, sondern der harte Stein. Mit jedem Atemzug, den ich hier unten tat, schien die Decke des Raumes tiefer zu sinken. In meiner Vorstellung rückten die Wände näher und näher, bis der Druck auf meiner Brust unerträglich wurde und die Luft aus meinen Lungen wich.

Ich blinzelte und das Bild verschwand. Was blieb, war das allesverzehrende Gefühl der Einsamkeit. Innerhalb der letzten Stunden – des letzten Tages – hatte sich alles verändert. Und ich hatte nicht mehr die Kraft, mich all den Fragen zu widersetzen, die Raymonds Worte in mir aufgeworfen hatten.

Konnten er und der Frosch die Wahrheit gesagt haben? Und falls ja, was bedeutete es dann für mich? Was konnte ich von Raymond und diesen Rebellen erwarten? Und wie sollte ich es schaffen, die Tunnel zu verlassen, um mir ein eigenes Bild zu machen?

In Gedanken spulte ich unablässig den Nachmittag ab, der für all das verantwortlich war. Der sonderbare Junge mit dem leuchtend blonden Haar stand noch gestochen scharf in meiner Erinnerung, genau wie die Worte auf dem Briefpapier. Dann dieses Gewitter, der Tornado … und der Wolf.

Es war das erste Mal, dass ich wieder an ihn dachte. Ich sah ihn direkt vor mir, heulend im Auge des Sturms. Dinge flogen vorüber – Blätter vielleicht, oder nur Staubkörner, die der Wind aufgewirbelt hatte. Sie verwischten das Bild und die Gestalt des Wolfes verschwamm vor meinen Augen. Stattdessen nahm ich nun immer deutlicher den lilafarbenen Nebel wahr, zu dem der Tornado zerfiel. Seltsam schwer wallte er von der Kante der Pritsche und ließ eine kleine grüne Gestalt zurück.

Nur langsam klärten sich meine Gedanken. Der Frosch grinste überlegen zu mir herauf. „Glaubt Ihr mir jetzt, Mylady?”

Ich war zu perplex, als dass ich hätte antworten können. Sprachlos starrte ich zu ihm hinunter.

„Ich hatte schon fast erwartet, dass Ihr versuchen würdet, wegzulaufen”, sinnierte er auch völlig ohne mein Zutun, „Raymond hat einfach kein Talent, was menschlichen Umgang betrifft. Es wundert mich wirklich, wie er es bisher so weit gebracht hat.”

Noch immer brachte ich kein Wort zustande. Alles, was ich zu wissen geglaubt hatte, schien sich allein durch die Anwesenheit des Frosches in Asche und Rauch zu verwandeln. Zurück blieb nichts als seine Frage. Glaubte ich ihm?

„Ich kann einfach nicht fassen, dass es das sein soll“, murmelte ich irgendwann.

Wallace hob den Kopf und bedachte mich mit einem Blick, als hätte ich gerade einen schlechten Scherz gemacht. „Ihr sprecht mit mir, nicht wahr?”

Für einen Moment war ich verwirrt, nickte jedoch.

„Ihr sprecht mit einem sprechenden Frosch, Mylady.” Wallace’ Tonfall war belehrend. „Wenn ich mich nicht irre, ist das ein eindeutiges Zeichen dafür, dass Ihr entweder verrückt oder nicht länger in der Welt seid, die Ihr kennt. Wobei das eine das andere ja nicht ausschließen muss.”

Er grinste und ich presste die Kiefer zusammen, als mir klarwurde, worauf er hinauswollte. Dann musste ich wieder an den seltsamen Jungen denken und daran, wie er jedes einzelne Mal verschwunden war, bevor ich mich versichern konnte, dass er echt war. Doch vielleicht war genau das der Beweis, das ich mir alles nur einbildete. Wenn ich mir den Jungen eingebildet hatte, dann vielleicht auch den Brief und den Tornado und …

„Eines muss man Euch lassen, Mylady.” Als ich aufsah, hatte Wallace die breiten Froschlippen verzogen. „Stur seid Ihr.”

„Was geht Euch das an?”, entgegnete ich trotzig, „Vielleicht bin ich ja so verrückt, wie Ihr sagt. Vielleicht bin ich verrückt genug, mir einen ganzen Alptraum voller böser Königinnen und Bestien und sprechender Kröten auszudenken und Ihr habt nur Angst, dass ich aufwachen und Eure Existenz beenden könnte.”

Wallace zog eine seiner seltsam nackten Froschbrauen in die Höhe, sagte jedoch nichts. Es war auch nicht nötig – ich wusste ohne seine Bemerkungen, wie naiv ich klang. Wie ein Kind, das immer noch am Weihnachtsmann festhielt, obwohl es seine Geschenke bereits im Kleiderschrank der Mutter entdeckt hatte.

Ich schüttelte den Kopf. „Aber das ist unglaublich. Ich meine, angenommen, Ihr und Raymond … habt Recht …” Mir fiel es immer noch schwer, die Worte auch nur über die Lippen zu bringen. „Angenommen, ich bin in diesem Ciaora, würde das bedeuten, dass Magie existiert. All die Geschichten und Ammenmärchen, die man bei uns den kleinen Kindern erzählt, sollen mit einem Mal Wirklichkeit sein. Das kann ich nicht glauben.”

„Könnt Ihr es nicht?”, fragte Wallace forsch, „Oder wollt Ihr es nicht?”

Er machte eine Pause und sah mich eindringlich an. Ich ahnte bereits, was folgen würde und meine Schultern sanken beim Gedanken daran.

„Wenn Ihr mich fragt, dann ist es nicht der Fakt, dass Magie existieren könnte, der Euch Sorgen bereitet. Der Grund, aus dem Ihr so verzweifelt nach einer anderen Erklärung sucht, ist vielmehr der, dass Ihr noch immer daran festhaltet, es gäbe einen Rückweg.”

Ich sah ihn an und für einen Moment wusste ich nicht, was ich darauf sagen sollte. Er hatte Recht, er hatte so viel Recht, dass es mir Angst machte.

„Aber wenn es stimmt …“, murmelte ich kaum hörbar, „Wenn Raymond die Wahrheit sagt – Werde ich meine Familie dann jemals wiedersehen?“

Bei dem Gedanken an Mom und Dad, an Ced und Maggie, die alle mit einem Mal so weit entfernt schienen, verengte sich meine Kehle und ich spürte erneut brennende Tränen in meinen Augenwinkeln. Wie konnte ich mit dem Wissen leben, sie vielleicht nie wieder in die Arme zu schließen? Ihnen nie gesagt zu haben, wie sehr ich sie liebte und wie viel sie mir bedeuteten?

„Ich will ehrlich zu Euch sein, Mylady.“ Wallace war aufgestanden und betrachtete mich mit einer so ernsten Miene, wie ich sie bisher nie an ihm gesehen hatte. Nicht einmal das kleinste Fünkchen seines belustigten Grinsens umspielte noch seine Mundwinkel. „Ich könnte Euch jetzt sagen, dass Ihr Euch nicht sorgen sollt und dass alles gut werden wird. Ich könnte Euch versprechen, dass es einen Weg gibt und dass Ihr ihn finden werdet. Doch das wäre gelogen. Wie Eure Zukunft aussieht und ob Ihr zu Eurer Familie zurückkehrt, liegt allein in Euren Händen. Das Einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass Raymond die Wahrheit gesprochen hat.“

Ich schluckte. Da waren sie – die Worte, die ich die ganze Zeit über gefürchtet hatte, ohne es zu wissen.

„Also …” Meine Stimme zitterte. „Also muss ich mich diesen Rebellen anschließen, wenn ich nicht in dieser Welt sterben will? Ich muss irgendeine Auserwählte spielen, um die Chance auf eine Rückkehr zu bekommen?“

Wallace zuckte nur die Schultern.

„Es ist Eure Entscheidung, Mylady“, sagte er tonlos, „Aber für den Moment scheint es mir, als ob dies die einzigen Möglichkeiten sind, die Euch bleiben. In Zukunft mögen sich vielleicht weitere erschließen, doch im Moment …”

Er musste den Satz nicht beenden. Fassungslos senkte ich den Blick und starrte auf den ausgetretenen Steinboden des Zimmers. Ich dachte an die Gänge, in denen ebendieser Stein mich von allen Seiten umgab, an den stechenden Geschmack des Fackelrauches in meinen Lungen und Raymonds ausdruckslose Miene. Sollte das hier wirklich meine Bleibe für die nächsten Tage, Wochen – für den Rest meines Lebens bleiben?

Die Vorstellung erschütterte mich so tief, dass ich um Luft rang. So schleichend, wie sie verschwunden war, kehrte die Verzweiflung zurück und legte ein enges Band um mein Herz. Du bist die Auserwählte, hallten Raymonds Worte in meinen Gedanken wider, Du bist diejenige, auf die wir all die Zeit gewartet haben. Übelkeit stieg meine Kehle empor und ich unterdrückte ein Würgen. Es war zu viel. Es war alles zu viel.

„Kommt, Mylady.“ Wallace’ Stimme ließ mich hochschrecken. Als ich mich umsah, entdeckte ich ihn in der Türöffnung. Erneut bedeutete er mir mit seinen dürren Froscharmen, zu ihm zu kommen.

„Folgt mir“, verlangte er, „Vielleicht kann ich ja doch etwas tun, um Eure Lage ein wenig zu verbessern.“

*****

„Wohin führt Ihr mich?“ Nachdem wir stillschweigend unzählige Kreuzungen und Abzweigungen passiert hatten, ergriff ich endlich das Wort. Ich hatte das Gefühl, schon seit Stunden zu laufen und langsam begann ich zu glauben, dass Wallace mich nur im Kreis herumführte. Aber das konnte auch daran liegen, dass diese Tunnel alle gleich aussahen.

Ab und an glaubte ich, einen Windhauch auf meiner bloßen Haut spüren zu können. Doch es konnte nur eine Einbildung sein. Ich war meterweit unter der Erde.

Einige Schritte später riss die Decke auf und offenbarte mir den freien Blick auf tausende Sterne.

Überrascht stieß ich Luft zwischen meinen Lippen hervor. Der Himmel war von einem tiefen Nachtblau, übersät mit unzähligen, hell funkelnden Punkten. Der kühle Abendhauch strich sanft über mein Gesicht und zauberte ein Lächeln auf meine Lippen. Genussvoll sog ich die erfrischende Kälte in meine Lungen. Endlich schien mein Kopf wieder klarer und meine Knochen leichter zu werden. Glück strömte wie warmes Gold durch meine Adern und mischte sich unter mein Blut. Es war das Letzte, was ich heute noch zu sehen erwartet hatte.

„Danke“, murmelte ich atemlos in Wallace‘ Richtung. Schmunzelnd ließ der Frosch sich auf einem kleinen Baumstumpf in der Nähe nieder. Sein neugieriger Blick lastete auf mir, während ich in kleinen Kreisen über die Lichtung streifte. Ich genoss es, endlich wieder das federnde Moos unter jedem meiner Schritte zu spüren, den Duft der Kiefernnadeln zu inhalieren und die von silbrigem Mondlicht geküssten Blätter zu berühren. Es wäre so einfach, jetzt zu laufen. Ich könnte mich einfach ins Unterholz schlagen, immer geradeaus, bis ans Ende der Nacht. Früher oder später musste ich auf eine Siedlung oder eine Stadt treffen. Ich könnte mir selbst ein Bild davon machen, ob Raymond die Wahrheit gesprochen hatte.

„Ich verstehe, dass Ihr so denkt, Mylady”, ließ mich Wallace’ Stimme in diesem Moment aufschrecken, „Doch Ihr solltet wissen, dass Ihr Euch so in Gefahr begebt.”

Fassungslos sah ich ihn an. Es wunderte mich kaum, dass der Frosch nun offenbar auch imstande war, meine Gedanken zu lesen, doch ich würde mich von ihm nicht länger einschüchtern lassen. Gefahr hin oder her, das hier war meine Chance. „Wenn Ihr von Morrigan sprecht – Ich sehe nicht, welchen Grund sie hätte, mich umzubringen.”

Entschlossen wandte ich mich ab und näherte mich dem dichten Buschwerk, das die Lichtung umstand. Rote Beeren funkelten an einigen der Äste und erinnerten mich daran, dass ich seit gestern Abend nichts mehr zu mir genommen hatte. Wenn ich rannte, würde ich so schnell auch nicht mehr an etwas Essbares kommen.

„Was ist mit der Bestie, Mylady?” Wallace’ Stimme ließ mich abermals innehalten. „Braucht sie einen Grund, Euch umzubringen?”

Ich fuhr herum.

„Was zum Teufel wollt Ihr eigentlich von mir?“, fluchte ich, „Erst bringt Ihr mich hier raus und legt mir einen Fluchtweg zu Füßen und dann macht Ihr mit Euren neunmalklugen Reden wieder alles kaputt. Wer zur Hölle glaubt Ihr denn, wer Ihr seid? Einer von Raymonds Komplizen?”

Bei dem, was mir in den letzten Tagen eröffnet wurde, würde mich das zumindest nicht mehr wundern. Ein Frosch, der für den Anführer einer kranken Sekte arbeitete – es passte fast schon zu perfekt in das schiefe Bild, das ich bisher von den Rebellen erhalten hatte.

Doch Wallace winkte ab.

„Gott bewahre, nein!“ Er schüttelte den Kopf und sein Gesichtausdruck war so angewidert, dass ich unmöglich den Blick abwenden konnte. „Von Gruppierungen jeglicher Art habe ich mich zweihundert Jahre lang ferngehalten und plane nicht, das in nächster Zeit zu ändern.“

„Zweihundert Jahre?“ Mit einem Schlag hatte er meine vollste Aufmerksamkeit „Wie ist das möglich?“

Gerade, als Wallace zu einer Antwort ansetzte, kam mir ebenfalls der entscheidende Gedanke.

„Magie“, sagten wir im selben Atemzug.

Wallace grinste breit zu mir herauf. „Ihr lernt schnell, Mylady. Aber vielleicht seid Ihr ja an der ganzen Geschichte interessiert?“

Verwirrt sah ich ihn an. „Die ganze Geschichte?“

„Die Geschichte, wie ich zu einem unsterblichen, sprechenden Frosch wurde.“

„Dann wart Ihr nicht immer unsterblich? Oder konntet Ihr nicht sprechen?“

Wallace lächelte mild und wies auf einen Platz im Gras. Ich zögerte, doch schließlich gewann meine Neugier. Weglaufen konnte ich auch nach dieser Geschichte noch. Vorsichtig sank ich zwischen die weichen Halme und heftete meinen Blick auf Wallace.

„Ich wurde als Mensch geboren“, eröffnete er, „In meiner Jugend war ich ein ziemlicher Frauenheld. Ich stammte aus einer wohlhabenden Familie, war gelehrt und des allgemeinen Erachtens nach auch recht gutaussehend – kurzum: ich habe die Herzen unzähliger Mädchen gebrochen. Eines Tages begegnete sie mir – wunderschön und so temperamentvoll, dass ich der Versuchung nicht widerstehen konnte, sie zu verführen. Allerdings hatte ich – egozentrisch wie ich war – keine zwei Minuten darauf verschwendet, herauszufinden, wer sie war. Ich brach ihr Herz und ließ sie stehen wie all die Mädchen, die mir zuvor verfallen waren.“

An dieser Stelle seiner Erzählung glitt Wallace' Blick in die Ferne vergangener Tage.

„Was soll ich sagen?” Er zuckte die Schultern. „Es stellte sich heraus, dass sie eine Hexe war. Meine letzten Worte an sie hatten sie nicht unbedingt fröhlich gestimmt, also stand noch am selben Abend auf meiner Schwelle und verfluchte mich. Die Details, wie das Ganze vonstattenging, will ich Euch hier lieber ersparen. Am Ende stand ich jedenfalls als Frosch da. Sie sagte, ich solle solange einsam und unglücklich als rückgratloser Lurch leben, bis mir ein Kuss der wahren Liebe mein Glück zurückbringen würde. Ich schätze, sie erwartete damals nicht, dass das jemals geschehen könnte.“

Wallace verstummte und seine Augen lächelten, als er darüber sprach.

„Auf mich wirkt Ihr nicht gerade unglücklich“, bemerkte ich, als das Schweigen bereits einige Sekunden andauerte, „Aber Ihr seid noch immer ein Frosch.“

Wallace‘ Blick wurde klar, als er mich fokussierte, doch das Lächeln verschwand nicht aus seiner Miene.

„Gut beobachtet, Mylady“, lobte er schmunzelnd, „Ihr werdet sicherlich verstehen, dass man, wenn man seit zweihundertdreiundsiebzig Jahren ein Leben als rückgratloser Lurch führt, irgendwann aufhört, unglücklich darüber zu sein und stattdessen die Vorzüge eines solchen Lebens erkennt.“

„Aber Ihr habt den Fluch nie gelöst?“

Wallace grinste. „Oh, ganz im Gegenteil, meine Liebe. Einige Jahre nachdem ich verflucht wurde, fand ich meine wahre Liebe. Sie hieß Isobel und war die Zofe einer Prinzessin, der sie jeden Wunsch von den Lippen ablesen und jeden noch so lächerlichen Befehl befolgen musste. Jeden Nachmittag spielten sie stundenlang irgendein Brettspiel und obwohl Isobel sie gewarnt hatte, dass die Figuren ins Wasser fallen könnten, bestand die Prinzessin darauf, auf dem breiten Rand des Brunnens im Schlossgarten zu spielen. Die Prinzessin war nicht sonderlich hell und brauchte Ewigkeiten, um überhaupt einen Spielzug zu machen. Isobel hätte sie mit Leichtigkeit geschlagen, doch sie ließ sie jedes einzelne Mal gewinnen, um ihren Ärger nicht auf sich zu ziehen. Irgendwann bemerkte die Prinzessin allerdings, dass Isobel sich langweilte und bekam einen heftigen Wutausbruch, bei dem sie alle Spielfiguren mit einer Bewegung vom Brett fegte. Als sie sah, dass einige davon im Brunnen gelandet waren, schrie sie Isobel an, alles wäre ihre Schuld und sie solle die teuren Figuren gefälligst wieder herausholen, bevor sie wutentbrannt davonrannte und Isobel stehen ließ.“

Ich musste unwillkürlich lächeln. Die Geschichte kam mir seltsam bekannt vor. „Lasst mich raten … das war genau der Moment, in dem Ihr in Erscheinung getreten seid?“

Wallace hob den Kopf und schmunzelte bei der Erinnerung an jenen Moment.

„Sie hat sich fürchterlich erschreckt, als ich auf den Brunnenrand sprang und mich ihr vorstellte, doch nachdem ich alle Spielfiguren vom Grund des Brunnens aufgesammelt hatte, bot sie mir zum Dank ein Abendessen an. Wir sind uns nähergekommen und nach einer Weile hat es sie nicht mehr gestört, dass ich ein Frosch war. Ich muss wohl dazu sagen, dass ich durch den Fluch zwar mein gutes Aussehen, aber nicht meinen sprühenden Charme verloren hatte.“

Ich musste grinsen. Sprühender Charme … ja, so konnte man es auch nennen.

„Aber sie hat Euch nicht geküsst?“, hakte ich nach.

„Sie liebte mich von ganzem Herzen“, entgegnete Wallace anstelle einer Antwort, „Als ich ihr an jenem Tag meine Liebe gestand und ihr von dem Fluch erzählte, zweifelte sie nicht eine Sekunde.“

„Sie küsste Euch“, stellte ich fest, „Aber wie könnt Ihr dann noch immer ein Frosch sein?“

Wallace zuckte bloß die Schultern und machte eine vage Geste mit seinen Froschfingern.

„Die Hexe war höchstens halb so gut, wie sie für diesen Fluch hätte sein müssen“, erklärte er gelassen, „Nichtsdestotrotz hielt der Fluch, was sie sich davon versprochen hatte. Der Kuss brachte mir mein Glück zurück – er vereinte mich mit Isobel und überwand das letzte Hindernis für unsere Liebe. Nur dass wir beide erwartet hatten, ich würde mich wieder in einen Menschen verwandeln, war ganz offensichtlich eine Fehleinschätzung.“

Ein dunkler Schleier legte sich über seine Züge. Für einige Sekunden schwieg er, den Blick in die Ferne gerichtet.

„Isobel hat sich wirklich bemüht“, sagte er schließlich, „Doch das Leben als rückgratloser Lurch war für sie eine wesentlich größere Herausforderung als für mich. Ich dachte, meine Liebe zu ihr würde ausreichen, um sie vergessen zu lassen, was sie durch mich geworden war. Sicherlich habe ich deswegen erst viel zu spät bemerkt, wie unglücklich sie tatsächlich war. Sie ist vor die Räder einer Kutsche gesprungen, während ich zusah. Sie hat mir das Herz gebrochen.“

Ich zuckte zusammen, doch Wallace seufzte bloß und faltete die Hände.

„Obwohl es nicht das war, was die Hexe mit ihrem Fluch zu erreichen versucht hatte, betrachte ich es als gerechte Strafe“, meinte er schließlich, „Ihr seht, im Leben geschieht nicht immer nur das, was man erwartet oder sich wünscht. Manchmal muss man die Dinge einfach nehmen wie sie kommen und das Beste daraus machen.“

Und mit diesen letzten Worten stieg abermals der lilafarbene Nebel um ihn herum auf und verhüllte die Gestalt des Frosches vor meinen Augen. Gern hätte ich irgendetwas gesagt, das ihn bewog, zu bleiben, doch bevor mir etwas Passendes einfiel, war der Nebel und mit ihm auch Wallace verschwunden.

Nur ein kleiner, weißer Zettel segelte langsam zu Boden.

Kapitel 6

Der neue Tag schimmerte bereits in violettem Licht, als ich in die Tunnel zurückkehrte. Der Zettel, den Wallace zurückgelassen hatte, war tief in meiner Faust verborgen. In wenigen Worten war darauf der Weg zu meinem Zimmer beschrieben, doch ich war mir fast sicher, dass es Wallace nicht darum gegangen war. Was er mir gegeben hatte, war mehr. Es war meine Karte in die Freiheit – meine Sicherheit, selbst entscheiden zu können, was ich tat. Ich brauchte nun weder Raymonds noch sonst irgendjemandes Hilfe, wenn ich die Tunnel verlassen wollte.

Ironischerweise war es jedoch genau dieser Zettel, der dafür sorgte, dass ich meine anfängliche Idee, einfach wegzulaufen und mich bis in die nächste Stadt durchzuschlagen, verwarf. Diesen Plan konnte ich auch in einigen Stunden oder Tagen noch umsetzen, wenn ich sicher war, dass Laufen und auf ein wenig Glück hoffen meine beste Option war. Vorerst jedoch wollte ich Informationen sammeln. Ich musste mehr über die Welt herausfinden, in der ich gelandet war – egal, ob es sich nur um das kleine Universum eines völlig abgedrehten Kultes handelte oder um eine tatsächliche Parallelwelt voller Magie.

Ich bog gerade um eine Ecke, als ich den Schatten bemerkte. Viel zu spät realisierte ich, was geschah und so prallte ich mit voller Wucht gegen die Gestalt. Desorientiert taumelte ich zurück.

„Evangeline?” Die Stimme klang ungläubig. Als ich mich wieder gefangen hatte, erkannte ich Rubina, die mich forschend musterte. „Alles in Ordnung?”

Ich nickte nur. Ich konnte nicht leugnen, dass ihre Frage mich erstaunte. Gleich darauf fühlte ich mich schlecht, weil ich seit unserer Ankunft hier kaum einen Gedanken an sie verschwendet hatte. Ob ich es zugeben wollte oder nicht, doch ich verdankte ihr und ihrer Großmutter vielleicht mein Leben.

„Wie geht es Grannie?”

Rubina hob kurz die Brauen.

„Besser”, sagte sie dann, „Die Heilerin glaubt, sie hat das Schlimmste überstanden.”

Wieder nickte ich nur. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Mich für die Rettung bedanken? Grannie und ihr Glück wünschen? Obwohl ich gern behauptet hätte, dass ich ihr ihr abweisendes Verhalten vergeben hätte, lauerte immer noch ein Funken der Wut in meinem Bauch.

„Ich habe nach dir gesucht.” Rubinas Worte ließen mich aufsehen. „Ich wollte mich bei dir entschuldigen.”

Ich starrte sie an. Das … kam unerwartet.

„Ohne dich wäre Grannie jetzt wahrscheinlich – ” Sie unterbrach sich und schluckte, dann straffte sie die Schultern. „Jedenfalls tut es mir leid, dass ich dich so harsch behandelt habe. Ich wusste ja nicht, dass du tatsächlich die Wahrheit gesagt hast.”

Ach was. Ich musste mich beherrschen, nicht die Lippen zu verziehen. Stattdessen zwang ich mich zu einem Lächeln und erinnerte mich ein weiteres Mal daran, dass es ebenfalls Rubina gewesen war, die die Bestie schlussendlich vertrieben hatte. „Schon vergessen.”

Für einen Moment sah ich Skepsis in Rubinas Blick aufblitzen, doch genauso schnell wie der Funke erschienen war, erlosch er auch wieder.

„Was machst du überhaupt hier draußen?”, fragte sie schließlich, „Solltest du nicht in deinem Zimmer sein?”

„Ich brauchte etwas frische Luft.” Gerade rechtzeitig fiel mir ein, dass es wohl besser wäre, wenn vorerst niemand von dem Zettel wüsste. Falls die Rebellen mich hier behalten wollten, wäre das nur von Nachteil. Doch Rubina ging gar nicht weiter darauf ein.

„Harte Nacht?”, riet sie stattdessen.

Ich nickte nur. Ich sehnte mich danach, mit irgendjemandem über die letzten Tage zu sprechen. Jemand, der nicht allwissend war und ständig kryptische Ratschläge auspackte, sondern jemand, der einfach zuhörte. Ich wagte zu bezweifeln, dass Rubina großes Interesse an meinem Gejammer hatte, doch entgegen meiner Erwartungen gelang es ihr, mich ein weiteres Mal zu überraschen.

„Komm”, sagte sie und berührte mich sanft am Arm, „Ich bringe dich zurück zu deinem Zimmer.”

Zögernd folgte ich ihrer Anweisung und wir setzten uns in Bewegung. Für eine Weile gingen wir schweigend, nur das Geräusch unserer Schritte auf den ausgetretenen Steinen.

„Hast du Familie?”, fragte sie irgendwann, „In deiner Welt, meine ich?”

Sprachlos sah ich sie an. Bisher hatte es niemanden hier auch nur die Bohne interessiert, ob es jemanden gab, der mich vermisste. Oder den ich vermisste.

Zögernd nickte ich. „Meine Eltern und mein Bruder.”

Rubina senkte den Blick. „Sie müssen dir fehlen.”

„Das tun sie.” Meine Worte waren kaum mehr als ein trockenes Würgen. Der Gedanke daran, dass ich womöglich nie zurückkehren würde und nicht einmal die Gelegenheit gehabt hatte, mich zu verabschieden, bereitete mir Bauchweh.

„Als meine Eltern gestorben sind, war es, als würde meine Welt enden.” Rubinas Worte ließen mich nach Luft schnappen. „Es hat sich angefühlt, als wäre ein Loch in meinem Herzen, das niemals heilt. Es fühlt sich immer noch so an.”

Erstaunt hob ich den Kopf. „Deine Eltern sind tot?”

„Sie sind gestorben, als ich zehn war.” Rubinas Stimme war ausdruckslos, doch ich spürte den Schmerz, den sie zu verbergen versuchte.

„Wie?”, fragte ich dennoch, „Wie sind sie gestorben?”

Rubina hob den Kopf und betrachtete mich für einen Moment schweigend.

„Die Bestie”, sagte sie dann, „Sie hat meiner Mutter die Kehle aufgerissen und als mein Vater und Grannie sie schützen wollten, hat sie auch die beiden angegriffen. Ich habe meinen Vater sterben sehen. Ich habe am oberen Ende der Treppe gesessen, genau wie du vor einigen Tagen.”

Ich war fassungslos. „Das … Das tut mir so leid für dich.”

„Ich habe gelernt, damit zu leben.” Sie klang ernst. „Aber vielleicht verstehst du jetzt, warum ich in dieser Nacht so reagiert habe. Ich hätte nicht auch noch Grannie an dieses Monster verlieren können.”

„Natürlich.” Ich nickte.

Wieder versanken wir in Schweigen, während ich zu verarbeiten versuchte, was Rubina durchgemacht haben musste. Mitanzusehen, wie dieses Monster die eigenen Eltern zerfleischte – das war grausam. Und nichts gegen den Schmerz, den ich verspürte. Immerhin bestand für mich zumindest noch eine geringe Hoffnung, meine Eltern und meinen Bruder wiederzusehen.

„Da wären wir.” Rubinas Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass die Tür, vor der wir standen zu meinem Zimmer führte. Rubina sah mich erwartungsvoll an, doch ich zögerte.

„Was ist?”, fragte sie, „Willst du nicht reingehen?”

„Ich …” Ich starrte auf meine Fußsspitzen. „Ehrlich gesagt … Nein.”

Ich spürte ihren forschenden Blick auf mir und wusste, dass ich ihr eine Erklärung schuldete.

„Ich kann nicht länger allein sein”, murmelte ich leise, „Ich halte es nicht länger aus. Wenn ich diesen Raum betrete, werden meine Gedanken mich erschlagen und ich … Ich weiß nicht länger, was ich glauben soll.”

Vorsichtig hob ich den Kopf. Rubinas Blick war voller Mitleid. Sanft legte sie mir eine Hand auf die Schulter.

„Natürlich.” Sie lächelte aufmunternd. „Wie wäre es, wenn ich dich stattdessen ein wenig herumführe? Ich nehme an, Raymond hat das bisher versäumt?”

Ich sah sie an. „Aber Grannie – ”

„… wird auch noch eine Stunde ohne mich auskommen. Die Heilerin ist bei ihr, bis ich zurückkomme.” Rubina schenkte mir einen zuversichtlichen Blick. „Also, was sagst du?”

*****

Während der folgenden Stunde führte Rubina mich durch endlose Tunnel und Höhlen. Sie zeigte mir den Speisesaal und die Küche. Das Lager – eine Ansammlung von Räumen, die mit Regalen vollgestellt und von schmalen Durchgängen verbunden waren, überraschte mich mit seiner riesigen Auswahl an Gebrauchsgegenständen, medizinischen Hilfsmitteln und Arzneien, sowie Waffen und Kleidung.

„Woher bekommt ihr all diese Dinge?” Fragend musterte ich Rubina. „Das muss doch ein Vermögen gekostet haben.”

Rubina zuckte die Schultern.

„Es sind viele kleine Vermögen”, erklärte sie dann, „Die Menschen spenden, was sie können, um unsere Sache zu unterstützen. Manche schicken Lebensmittel, andere selbstgewebte Kleidung und einige Medizin oder Waffen. Wir tragen diese Vorräte nun schon seit Jahren hier unten zusammen und ich schätze, unsere Strategie funktioniert. Dadurch, dass wir alles nur in kleinen Teilen einlagern, hat die Königin bisher noch keinen Verdacht schöpfen können.”

„Sie weiß nicht, dass ihr existiert?” Nach allem, was ich bisher von dieser Königin gehört hatte, fand ich das schwer zu glauben.

Rubina schmunzelte. „Sie weiß nicht, wo wir uns aufhalten.”

Ich begriff. Solange die Königin nicht wusste, wo sie angreifen sollte, wären die Rebellen sicher.

„Sie sucht nach uns”, schob Rubina im nächsten Moment nach, „Schon seit Jahren hat sie ein hohes Preisgeld auf jeden Hinweis ausgesetzt. Ein paar Mal haben die Leute geredet, doch sie hatte nie genug, um gegen uns vorzugehen. Und wir sind vorsichtiger geworden. Das Meiste regeln wir jetzt über mehrere Mittelsmänner, von denen jeder nur das Nötigste weiß und so im Falle eines Falles weder sich selbst noch uns in Gefahr bringt. Nur Mitglieder, die sich über Jahre hinweg loyal zu den Rebellen erwiesen haben, werden in wichtige Angelegenheiten eingeweiht.”

Während Rubina sprach, streifte ich an den Regalen entlang. Zum ersten Mal seit Raymond mir von den Rebellen erzählt hatte, begriff ich die Ausmaße dieses Aufstandes. Hunderte, Tausende Menschen, die für einen Schimmer Hoffnung – für den Glauben an Veränderung – alles gaben, was sie hatten. Wenn Raymond und Rubina denn die Wahrheit sprachen. Wenn dieses ganze Gerede über eine andere Welt und eine böse Königin mehr als nur Gerede war.

Eilig verdrängte ich die Gedanken und sah zu Rubina. „Welche Rolle spielt Raymond eigentlich in alledem?”

Rubinas Blick verriet mir, dass sie mit dieser Frage nicht gerechnet hatte.

„Raymond?” Sie hob die Brauen. „Er ist einer der Botschafter. Er vertritt die Menschen der westlichen Provinzen im Rat.”

Der Rat … Ich verzog die Lippen, als mir Raymonds Worte erneut in den Sinn kamen. Die anderen Abgeordneten und natürlich auch ich wären sehr glücklich, dich als die Auserwählte in unserer Mitte aufnehmen zu dürfen.

„Was ist?” Rubina musterte mich forschend.

Ich schüttelte den Kopf. „Nichts. Ich … Ich habe mich nur gefragt, was es mit diesem Rat auf sich hat. Raymond hat bereits davon gesprochen, doch …”

„Er hat dich noch nicht vorgestellt.” Rubina seufzte. „Das ist wieder typisch. Kein Wunder, dass du nicht weißt, was du von uns halten sollst.”

Ich warf ihr ein unsicheres Lächeln zu.

„Der Rat ist der Kopf der Rebellen”, erklärte Rubina noch im selben Augenblick, „Alle großen Entscheidungen werden dort getroffen. Mittlerweile sind Abgeordnete neun verschiedener Völker Ciaoras dabei.”

„Und Raymond ist so etwas wie der Vorsitzende?”

Rubina lachte auf. „Bei allen Göttern nicht.”

Kopfschüttelnd führte sie mich durch die Tür aus dem Lager heraus. „Unser oberstes Prinzip ist die Gleichberechtigung. Der Rat trifft alle Entscheidungen gemeinsam.”

Ich runzelte die Stirn. „Aber Raymond – ”

„Er macht sich gern ein wenig wichtig.”

Der Rauch der Fackeln brannte mittlerweile in meinen Lungen und verwandelte das aufsteigende Lachen in meiner Kehle in ein heiseres Husten. „Das ist mir bisher entgangen.”

Rubina schmunzelte, während sie mich um die nächste Ecke schob. „Du darfst ihn nicht falsch verstehen. Er war einer der ersten, die sich der Prophezeiung verschrieben haben. Er und einige andere haben die Rebellen erst ins Leben gerufen.”

Erstaunt sah ich sie an.

„Er spricht nicht viel von der Zeit zuvor, doch Gerüchten zufolge war er Soldat. Einer der Männer, die die Großen Kriege überlebt haben, nur um danach mit leeren Händen in ein zerstörtes Land heimzukehren.”

Ich hatte gerade zu einer Nachfrage angesetzt, als sich ein weiterer Raum vor uns öffnete.

„Die Bibliothek”, erklärte Rubina und machte eine weiter ausschweifende Geste, als der kleine Raum verdient hatte. An den einfachen Steinwänden lehnten gerade einmal zwei wackelige Regale und der Großteil der Bücher sah aus, als wäre er bereits durch Dutzende von Händen gewandert. In den trockenen Geruch des Rauches mischte sich nun auch der von altem Leder und Moder.

„Das sind alle Bücher, die wir vor den Männern der Königin retten konnten.” Rubinas Stimme war tonlos. „Hier unten ist zwar nicht der beste Ort, um sie aufzubewahren, doch immerhin besser als die Scheiterhaufen, die – ”

Das Geräusch von Schritten ließ Rubina hochschrecken.

„Was um alles in der Welt macht ihr hier?” Raymonds Stimme war genauso unverkennbar wie die Gestalt, die in den Schein der Fackeln trat. „Ich habe schon überall nach euch gesucht. Warum ist Evangeline nicht auf ihrem Zimmer?”

„Reg dich ab, Raymond.” Rubina bedachte ihn mit einem strengen Blick. „Es ist halb so wild. Ich habe sie nur ein wenig herumgeführt.”

Ich nickte unsicher. „Ich habe sie dazu überredet.”

„Solltest du nicht bei deiner Großmutter sein?”, schoss Raymond zurück, ohne überhaupt auf mich einzugehen.

Rubina wechselte einen Blick mit mir. „Die Heilerin ist bei Grannie, bis ich zurückkomme. Ich glaube, Evangeline hat mich dringender gebraucht.”

„Ach.” Endlich fiel Raymonds Blick auch auf mich. Mit zusammengezogenen Brauen musterte er meine Erscheinung, als wüsste er nicht recht, was er mit Rubinas Worten anfangen sollte.

Als er nach mehreren Augenblicken noch immer nichts gesagt hatte, wurde ich wütend. „Ich wusste nicht, dass es mir verboten ist, mein Zimmer ohne Ihre Erlaubnis zu verlassen.”

Raymonds Miene wechselte von Skepsis zu Erstaunen, während Rubina näher zu mir trat.

„Er hat es nicht so gemeint”, murmelte sie laut genug, dass auch Raymond es hören konnte, „Er macht sich nur Sorgen.”

Sorgen? Ich sah zu dem Mann, der mich eine halbe Ewigkeit lang ahnungslos in einem fensterlosen Raum zurückgelassen hatte, bis er schließlich entschieden hatte, mich in seine absurden Theorien einzuweihen. Nein, Raymond machte sich sicherlich keine Sorgen um mich. Er machte sich höchstens Sorgen um die Rolle, die ich für ihn spielen sollte.

Ich schnaubte. „Zum Teufel damit. Ich werde mich nicht behandeln lassen wie eine Schwerverbrecherin.”

„Eine Schwerverbrecherin?” Raymond stieß ein bitteres Lachen aus. „Es geht um deinen Schutz, Evangeline. Ich versuche, dir zu helfen.”

„Sie ist völlig verloren, Raymond, siehst du das nicht?” Rubina drückte meine Hand, bevor sie einige Schritte nach vorn trat. „Sie ist erst vor ein paar Tagen in eine völlig fremde Welt gestolpert und anstelle ihr Zeit zu geben, sich mit allem vertraut zu machen, lässt du sie wegsperren und in Isolation halten. Wie soll sie da auch nur ansatzweise Verständnis für unsere Sache aufbringen?”

Sprachlos starrte Raymond sie an.

„Du erwartest, dass sie Dinge akzeptiert, die für sie vielleicht unvorstellbar scheinen. Du verlangst, dass sie uns vertraut. Es ist das Mindeste, dass wir ihr im Gegenzug ebenfalls ein wenig Vertrauen entgegenbringen.”

Ich hielt den Atem an. Rubinas Worte waren ein Spiegelbild all dessen, was ich in diesem Moment fühlte und ich war unendlich dankbar, dass sie den Mut gefunden hatte, sie auszusprechen. Allerdings ließ Raymonds sauertöpfische Miene mich noch im selben Moment zweifeln, dass irgendeines dieser Worte etwas ändern könnte. Nervös erwartete ich eine Reaktion.

Starres Schweigen lag über der gesamten Szene, als wäre die Welt für einen Augenblick stehen geblieben. Schließlich ließ Raymond die Schultern sinken.

„Rubina hat recht.” Seine Stimme war tonlos. „Es tut mir leid, dass ich dir das Gefühl gegeben habe, wir würden dir nicht vertrauen. Selbstverständlich bist du frei, zu gehen, wann und wohin du willst.”

Ich zog die Brauen zusammen. „Was ist, wenn ich die Tunnel verlassen will?”

Raymonds zusammengepresste Lippen verrieten, wie sehr ihm diese Frage missfiel. „In diesem Fall bitte ich dich, einen Wächter mitzunehmen. Nur zu deiner eigenen Sicherheit.”

Ich riss die Augen auf. Damit hatte ich nicht gerechnet. „Dann darf ich nach draußen?”

„Entgegen deiner eigenen Überzeugung bist du keine Gefangene hier, Evangeline. Alles, was ich tue, dient deiner Sicherheit.”

Mit diesen Worten wandte er sich ab. „Ich werde den Rat morgen versammeln, um dich vorzustellen. Ich hole dich ab, wenn es soweit ist.”

Noch bevor ich etwas hätte entgegnen können, war er um die nächste Ecke verschwunden. Seine Schritte hallten in der Stille, die zurückblieb.

„Das kam unerwartet.” Geräuschvoll stieß Rubina Luft aus. „So habe ich ihn selten erlebt.”

„Wirklich?” Ich musterte sie. Für mich war Raymond noch immer ein Buch mit sieben Siegeln. Seit meiner Ankunft hier schien er nichts anderes zu tun, als mich herumzukommandieren und ohne Rubinas Eingreifen hätte ich sicherlich auch dieses Mal den Kürzeren gezogen.

„Deine Ankunft hier hat uns alle überrascht”, erklärte sie in diesem Moment, „Ich schätze, Raymond ist einfach überfordert. Und nervös.”

Sie trat zu mir. „Er ist ein guter Anführer, aber sein Umgang mit anderen lässt manchmal zu wünschen übrig. Gib ihm etwas Zeit.”

Ich nickte. Etwas anderes blieb mir auch nicht übrig.

Rubinas Lächeln war warm.

„Komm”, sagte sie und nahm meinen Arm, „Ich bringe dich zurück zu deinem Zimmer. Du hast eine Ratsversammlung, auf die du dich vorbereiten solltest.”

Auf einer Flut an Erklärungen und Anweisungen trieb ich durch die Gänge. Rubinas Worte verschwammen zu einem reißenden Strom an Informationen, die ich nicht verarbeiten konnte. Einzig die warme Berührung ihrer Hand versicherte mir, dass ich nicht verloren war.

*****

Ich hätte gelogen, hätte ich behauptet, nicht nervös zu sein. Das Klopfen an der Tür ließ mich zusammenzucken und ich hatte es so eilig zu öffnen, dass ich nahezu über meine eigenen Füße gestolpert wäre. Als ich schließlich draußen stand, musterte Raymond mich gründlich.

„Bereit?”, fragte er dann.

Ich nickte. Meine Kehle war wie zugeschnürt, als ich ihm durch die Gänge folgte. Ich nahm an, dass er versuchte, mich auf die anstehende Konferenz vorzubereiten, doch ich konnte mich auf keines seiner Worte konzentrieren. Stattdessen spukte Rubinas Stimme durch meinen Kopf und faselte etwas von Nixen und Najaden, von Baummenschen und Trollen und Elfen, das sich schlichtweg absurd anhörte. Je näher wir dem Konferenzraum kamen, desto deutlicher waren weitere Stimmen zu hören – der Rat.

Kurz bevor wir den Durchgang erreicht hatten, hielt Raymond noch einmal inne.

„Wegen gestern …” Es war so ungewohnt, ihn die Hände ringen zu sehen, dass ich den Blick kaum abwenden konnte. „Ich wollte mich noch einmal bei dir entschuldigen. Du sollst wissen, dass es uns – mir – nicht nur um dich als … Auserwählte geht.”

Er zögerte und ich konnte sehen, dass er nervös war. „Wir wollen dir helfen, Evangeline. Egal, für welchen Weg du dich entscheidest. Wir werden dich unterstützen.”

Mit einem Mal hatte ich einen Kloß im Hals. Zögernd brachte ich ein Nicken zustande, vermied es allerdings, Raymond anzusehen. Stattdessen räusperte ich mich. „Also, was ist? Stellen Sie mir jetzt den Rat vor?”

„Du.” Raymonds Antwort ließ mich den Kopf heben. Er lächelte. „Nicht Sie. Du.”

Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff was er meinte. Dann lächelte auch ich. Raymonds Hand berührte mich sanft an der Schulter. „Komm.”

Als wir den Raum betraten, kehrte nahezu sofort Stille ein. Elf Augenpaare richteten sich auf mich, während die Stimmung im Raum vor Anspannung zu summen begann. Es war wie eine dieser altmodischen Kuriositätenschauen auf Jahrmärkten – und ich war die Kuriosität, ein Mann mit zwei Köpfen, wenn man so wollte. Ich hatte das unbändige Bedürfnis, auf der Stelle umzudrehen und auf dem Gang zu warten, bis sich mein Herzschlag wieder beruhigte, doch Rubinas Worte ließen mich nicht los.

Als ich es schließlich wagte, den Kopf zu heben, wusste ich nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte. Rechts von mir stand ein Mann mit Pferdekörper, gleich daneben eine Frau, in deren bleichweißes Haar hunderte schimmernder Muscheln geflochten waren. Bei einigen von ihnen konnte ich nur raten, welches Wesen sie sein mussten, bei anderen war es offensichtlich. Rubina hatte mir von den Halsketten der Nymphen berichtet, die sie mit ihrem Heimatelement verbanden. Auch ihre Beschreibung des Trolls war ausgezeichnet gewesen – ich brauchte keine drei Sekunden um die riesenhafte Gestalt des alten Mannes mit dem faltenzerfurchten Gesicht in der Menge zu finden. Zu anderen Männern und Frauen konnte ich wiederum nur Vermutungen anstellen.

„Es freut mich, dass ihr es alle einrichten konntet.“ Raymonds Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Erst jetzt bemerkte ich, dass die Blicke von mir gewichen waren. Raymond stand wie jedes der anderen Ratsmitglieder hinter seinem Platz an der kreisrunden Tafel. „Ich weiß, es war kurzfristig, doch diese Angelegenheit ist von äußerster Wichtigkeit für alle von uns.”

Er machte eine Pause und bedeutete mir, zu ihm zu kommen. Zögernd trat ich an die Tafel.

Raymond warf mir ein ermutigendes Lächeln zu, bevor er sich wieder an den Rat wandte. „Lasst mich euch Evangeline vorstellen. Die Auserwählte.”

Noch bevor die letzte Silbe über Raymonds Lippen gekommen war, schnappten die ersten Botschafter nach Luft. Im Zuge eines Wimpernschlages explodierten Stimmen und Lachen genau wie aufgebrachtes Gröhlen. Misstrauische Blicke streiften mich von allen Seiten, während die Botschafter untereinander wild diskutierten. Ich zuckte zusammen, als Raymond mir eine Hand auf die Schulter legte. Als ich zu ihm aufsah, hatte er die andere Hand bereits erhoben und sich an den Rat gewandt.

„Ruhe”, verlangte er bestimmt, „Bitte, beruhigt euch.”

Nur nach und nach ebbte der Sturm an Stimmen zu einer leichten Brise aus Wispern ab. Ich setzte gerade an, aufzuatmen, als eine Männerstimme die einkehrende Stille zerriss.

„Woher wissen wir, dass sie keine Spionin ist?”

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