Читать книгу: «Teilchenbeschleunigung»

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Teilchenbeschleunigung, Abschluss der Nikola-Rührmann-Trilogie, ist wie seine Vorgänger eine Momentaufnahme, die den multidimensionalen Charakter der Hafenstadt Hamburg einfängt – manifestiert in der Figur der Physikerin Dr. Nikola Rührmann. Zahlenfixiert und zitierwütig wie eh und je stapft und stolpert die bindungsscheue und doch an Freunden reiche Einzelgängerin durch ihre Stadt, die sich wie sie verändert hat.

Für mich reflektiert die Stimmung Hamburgs genau den Geist der Zeit, was diese Krimi-Chronik besonders reizvoll macht: Im ersten Roman Freitags isst man Fisch schillert ein Hamburg des Lebensfrühlings. Nichts ist festgelegt, es wimmelt von Konzepten und Ideen, deren Beständigkeit heiter unklar bleibt. Es ist das Ende der 1980er, und die »Szene« (Uni, Kneipen, Autonome, Musiker), in die Nik eintaucht, brodelt vor Ideologien und Einmischlust. Im zweiten Roman Kein Durchkommen, der eine Dekade später spielt, zeigt nicht nur das den Plot prägende Wetter mehr Grautöne. Kurz vor dem Millennium hat der Einfluss der Medien stark zugenommen. Nik und ihre Freunde sind mit Weichenstellen befasst – Arbeit, Forschung, Kinder –, während der Puls der Stadt mechanischer schlägt; Kunst, Musik und Drogen sind härter, fieberhafter geworden. Und nun, wiederum zehn Jahre später, kommt eine illusionslose Nikola zurück in ein strengeres, kälter glitzerndes Hamburg. Der Siegeszug von PR- und Dienstleistungsgesellschaft hat sich fortgesetzt, Jobs sind ein rares Gut, Wissenschaft und Forschung stehen unter Erfolgsdruck. Die prestigeträchtige Suche nach einer »Physik jenseits des Standardmodells« verschafft Nik einen Auftrag am renommierten Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY – nur leider nicht als Physikerin, sondern als Schnüfflerin und Frau fürs Grobe. Also begibt sie sich mit Vollgas auf sozialen und kriminalistischen Kollisionskurs, getreu dem Motto: Je schneller sich ein Teilchen bewegt, desto länger ist seine Halbwertszeit …

Else Laudan

Ann-Monika Pleitgen, Managerin, Ehefrau und Co-Autorin des Schauspielers Ulrich Pleitgen, schrieb schon als Kind leidenschaftlich gern. Ihr Sohn, der Physiker Dr. Ilja Bohnet, arbeitete bis 2012 am Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY), inzwischen ist er zur Dachorganisation von DESY in die Geschäftsstelle der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren gewechselt. Beim Schreiben des Kriminalromans Freitags isst man Fisch (nominiert für den GLAUSER 2010 als bestes Debüt) entdeckten Mutter und Sohn ihre Autorenteam-Fähigkeiten und schufen die eigenwillige Protagonistin Nikola Rührmann.

BOHNET PLEITGEN

TEILCHEN

BESCHLEUNIGUNG

Ariadne Krimi 1191

Argument Verlag

Ariadne Krimis

Herausgegeben von Else Laudan

www.ariadnekrimis.de

Bohnet Pleitgen bei Ariadne:

Freitags isst man Fisch (Ariadne Kriminalroman 1177)

Kein Durchkommen (Ariadne Kriminalroman 1183)

Teilchenbeschleunigung (Ariadne Kriminalroman 1191)

Deutsche Originalausgabe

Alle Rechte vorbehalten

© Argument Verlag 2012

Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg

Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020

www.argument.de

Umschlaggestaltung: Martin Grundmann

Fotomotiv: © enzo9110 – Fotolia.com

Lektorat: Else Laudan und Iris Konopik

Satz: Iris Konopik

ISBN 9783867549325

Erste Auflage 2012

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

Für Folker, Ida und Jan

Dieses Buch ist frei erfunden. Selbstverständlich würde das echte DESY niemals einen derart zwielichtigen Sonderauftrag vergeben.

Cover

Anmerkung

Titel

Impressum

Widmung

Vorwort

Prolog

Die Ankunft

Das Vorstellungsgespräch

DESY

Flurfunk

Mahlzeit

Hotel Royal

Die Rotarier

Geister und Teilchen

Nacht mit Hindernissen

Bürogeflüster

Im Rathaus ist guter Rat teuer

Informanten

Sirenen und Fanfaren

Der Hehler

Sprung ins Nass

Blankenese am Morgen

Blutspuren

Sondierungsgespräche

Der Kontrollraum

Hotelmenagerie

Der Leuchtturm

Die Evaluation

Die Villa

Der Tunnel

Closed Session at High Noon

Schlussakkord

Epilog

Ceci n’est pas une pipe – noch ein Nachwort

Danksagung

Fußnoten

Je begreiflicher uns das Universum wird, umso sinnloser erscheint es auch. Doch wenn die Früchte unserer Forschung uns keinen Trost spenden, finden wir zumindest eine gewisse Ermutigung in der Forschung selbst. Die Menschen sind nicht bereit, sich von Erzählungen über Götter und Riesen trösten zu lassen, und sie sind nicht bereit, ihren Gedanken dort, wo sie über die Dinge des täglichen Lebens hinausgehen, eine Grenze zu ziehen. Damit nicht zufrieden, bauen sie Teleskope, Satelliten und Beschleuniger, verbringen sie endlose Stunden am Schreibtisch, um die Bedeutung der von ihnen gewonnenen Daten zu entschlüsseln. Das Bestreben, das Universum zu verstehen, hebt das menschliche Leben ein wenig über eine Farce hinaus und verleiht ihm einen tragischen Hauch von Würde.

Steven Weinberg

Teilchenphysiker und Nobelpreisträger

Prolog

Mittwoch, der 12. August 2009, 4:09 Uhr

Noch ist es nicht zu spät. Ich hetze die metallischen Treppenstufen im Eingangsportal des alten Elbtunnels hinunter, vorbei an stoisch dreinblickenden Porträtbüsten an der gefliesten Wand. Kein Mensch weit und breit. Die vier Fahrkörbe für die Autos schlafen noch. Nur das Klacken meiner hohen Absätze ist zu hören. Der Aktenkoffer aus Aluminium wiegt schwer in meiner linken Hand. Wie viel Geld wohl drin ist? Die Handschelle schneidet ins Fleisch. Großartiger Einfall, mich bei dem Gerangel ums Geld an den Koffer zu ketten. Mein linker Arm ist ganz lahm vom Tragen, und die Handschelle lugt verdächtig unter dem Ärmel meiner Bluse hervor.

Ob der Kerl tot ist? Ich hab ihm einen kräftigen Schlag gegen den Kopf versetzt, dass er an den Bettpfosten krachte. Aber davon stirbt man doch nicht.

Unten angekommen, blicke ich auf die beiden Tunnel mit je einer Fahrspur in der Mitte und schmalen Gehsteigen rechts und links. Ich bin allein. Ich nehme die rechte Röhre. Die schmiedeeisernen Wandleuchten werfen ein warmes Licht auf die Steinzeugreliefs, die in regelmäßigen Abständen die gekachelten Tunnelwände zieren.

Gestern Abend hab ich ihn aufs Hotelzimmer gelockt und so lange bezirzt, bis er mir schließlich erzählt hat, wo sich der Laptop mit der Analyse des Physikers befindet. Irgendwo im Freihafen. Auf der LA PALOMA. Dort erwartet ihn der Hehler um halb fünf. Hat mich ganz schön Kraft gekostet, mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem Bett sitzend das heiße Weibchen zu spielen, um das aus ihm rauszukitzeln.

Ich haste weiter durch den leicht gewölbten Tunnel. Das Licht der Wandleuchten links und rechts vereinigt sich an seinem Ende. Fern, noch sehr klein, sehe ich eine Gestalt. Kommt sie näher? Ich gehe weiter auf sie zu. Oder hinter ihr her? Ich zerre den Ärmel der Bluse über meine gefesselte Hand. Die Erscheinung wird größer, kommt näher. Scheiße. Wer ist das? Wir laufen aufeinander zu. Das Klackern meiner High Heels vermischt sich mit dem Hall seines Stechschritts. Unsere Echos verschmelzen zu einem Rhythmus. Diese akustische Einheit wird lauter und lauter. Schon kann ich das Gesicht erkennen. Blond. Jung. Hart. Ich starre geradeaus, schaue dem Mann nicht in die Augen, damit er mich nicht anspricht. Dicht vor mir bleibt er stehen, zeigt auf den Koffer und sagt: »Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand.« Dann geht er weiter.

Ich kremple den Ärmel hoch, straffe mein Kreuz und weiß, dass ich die LA PALOMA im Freihafen finden werde.

Als ich wenig später auf der anderen Elbseite auf die Straße trete, dämmert der Morgen. Am Horizont verdichten sich Zirruswolken zu rosaroten Streifen. Ich blicke mich um. Wo liegt mein Schiff? Ich entscheide mich für den Fährkanal. Ich stakse über graues Kopfsteinpflaster, knicke mit meinen High Heels um. Jetzt reicht’s. Ich kicke die Schuhe von den Füßen und haste barfuß weiter. Ein Lkw rumpelt über die Straße, im Schlepp fliegt der Auflieger hinterher. Das Gefährt pustet rußige Abgase in die frische Morgenluft und verschwindet hinter der Biegung der Straße. Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig läuft die Karikatur eines Seemanns: Ringelpullover, weite Hose, weißer Backenbart, blaue Wollmütze mit rotem Bommel. Ich mache dem Mann Zeichen, damit er stehen bleibt, die High Heels schlackern beim Winken in meiner linken Hand, die Handschelle rasselt auf dem silbern glänzenden Koffer.

»Entschuldigen Sie«, sage ich höflich und versuche meine Atemlosigkeit zu unterdrücken. »Ich suche einen Stückgutfrachter namens LA PALOMA.«

Er bleibt stehen und mustert mich. »Aha.« Sein Blick fällt auf den Koffer.

»Wissen Sie vielleicht, wo das Schiff angelegt hat?«

»Aha«, wiederholt er bedeutungsvoll und starrt weiter auf den Koffer.

»Da ist nur Geld drin«, erkläre ich geduldig.

»Und der Typ, von dem Sie’s haben, is’ vermutlich dot«, sagt er in schnoddrigem Hamburgisch.

»Vermutlich«, antworte ich. Woher weiß der das, verdammt. »Was ist? Wissen Sie nun, wo ich die LA PALOMA finden kann?«

»Stückgut wird noch am Grevenhofkai umgeschlagen, am Ende der Straße rechts«, antwortet er und wendet sich ohne ein weiteres Wort von mir ab. Genau wie es dieser Max Frisch eben gesagt hat: Die Wahrheit glaubt einem sowieso niemand, sie ist die beste Tarnung. Aber der Typ, von dem ich den Koffer habe, ist vermutlich wirklich tot. Ganz sicher sogar. Ein Schauder ergreift mich. Ich habe das Bild vor Augen, wie er ausgestreckt auf dem Boden liegt. Der leblose Körper. Die klaffende Kopfwunde. Ich habe ihn umgebracht. Kaltblütig erschlagen. Was habe ich getan? Warum habe ich mich bloß auf diesen verfluchten Sonderauftrag eingelassen? Mission impossible!

Ich schaue auf meine Armbanduhr – 4:29 Uhr. Herrje, ich komme zu spät zum Treffpunkt.

Immerhin weiß ich jetzt, wo die LA PALOMA liegt. Sonst aber nichts. Dass Edu auch gar nichts sagt! Ich zwinge mich zur Ruhe, zurück auf Eins, denke ich, während ich auf nackten Füßen die Straße runterhetze und mir der Schweiß von der Stirn läuft, zurück auf Eins. Wie bin ich nur in diesen Schlamassel geraten? Wie hat diese blöde Geschichte überhaupt angefangen? Vor zwei Tagen. Am Montag um neun Uhr.

Die Ankunft

Montag, der 10. August, 9:02 Uhr, um genau zu sein

Exakt zu dieser Zeit lief der Zug aus Berlin in den Hamburger Bahnhof Dammtor ein. Ich stand an der Waggontür und spähte durchs Fenster. Auf dem Bahnsteig tummelten sich Geschäftsleute mit Handy am Ohr, gepäckbeladene Familien, ein altes Männchen im Jogginganzug, Verliebte, die sich lange Abschiedsküsse gaben, und andere, die mit gespannten Blicken den einfahrenden Wagen folgten. Das waren keine Reisenden, sie erwarteten Gäste, Verwandte, liebe Freunde. Ich selber durfte kaum damit rechnen, abgeholt zu werden. Ich bin nicht der Typ, der aus der Ferne alte Freundschaften pflegt. Nicht mal aus der Nähe. Und in Hamburg hatte ich mich seit acht Jahren nicht blicken lassen.

Verdamp lang her, verdamp lang, verdamp lang her, hörte ich aus dem Jenseits den niederrheinischen Singsang meines Großvaters Edu. Dass er ausgerechnet jetzt BAP zitierte, war nicht anders zu erwarten.

Die Bahnhofshalle mit ihren gleisumspannenden Stahlträgern musste in der Zeit meiner Abwesenheit aufwendig restauriert worden sein. Die Sandsteinmauern des Gebäudes leuchteten hellgelb im Morgenlicht. Mit einer gewissen Genugtuung stellte ich fest, dass die Uhr an meinem Handgelenk mit der auf dem Bahnsteig auf die Sekunde genau übereinstimmte. Hinter mir hatte sich inzwischen eine kleine Schlange Mitreisender gebildet, die zur Tür gewandt auf den Halt des Zuges wartete. Aus dem Lautsprecher tönte die sächselnde Stimme des Schaffners: »Unser nächster Halt ist Hamburg-Tammdor! Our next stop is Hamburg-Tammdor.« Mit einem Ruck kam der Zug zum Stehen, und ein Koffer landete in meiner Kniekehle.

»Pardon!«, sagte dicht hinter mir der Mann, zu dem der Koffer gehörte. Ein Aktenkoffer aus Aluminium von enormer Schwere, wie meine Kniekehle schmerzhaft registrierte. Schon vorhin im Abteil hatte dieser Mann meine Phantasie in Unruhe versetzt. Er war von untersetzter, rundlicher Gestalt, hatte lockige graue Haare und buschige schwarze Brauen. Es waren seine flinken Augen im dunklen Gesicht, die in mir den Eindruck erweckt hatten, einem ganz gerissenen Typ gegenüberzusitzen, vielleicht sogar einem Mafioso, unterwegs von Palermo nach Hamburg, um dort einen einträglichen Auftrag zu erfüllen. Zwischenzeitlich hatte er sich auf die Abteiltoilette verzogen, ohne den Aluminiumkoffer aus der Hand zu lassen, und war mit einem Kollar um den Hals zurückgekommen, dem weißen Kragen des Priesters, aber beruhigte mich das?

Hinter mir knurrte jemand ungeduldig: »Knopp drücken!« Typisch Berliner Schnauze.

»Knopf drücken kann jeder«, rief ich zurück. »Hier geht’s darum, es im richtigen Moment zu tun.« Die grüne LED-Anzeige des Türöffners leuchtete auf. Ich drückte auf den Knopf, und zur Erleichterung aller öffnete sich kurz darauf die Waggontür des ICE. Doch als ich die schmalen Stufen runterkraxeln wollte, verhakte sich der Riemen meines Rucksacks in der Schnalle des Aluminiumkoffers. Ich wurde zurückgerissen und prallte gegen den runden Bauch des Priesters.

»Pardon!«, murmelte er geistesabwesend, dabei meinte ich aus seiner rauen Stimme einen leichten italienischen Akzent herauszuhören, was meine These verfestigte, dass ich es mit einem Mafioso im Priestergewand zu tun hatte.

»Warten Sie, wir müssen unser Gepäck kurz absetzen. Aber nicht direkt vor der Wagentür. Dort drüben vielleicht.« Ich wies auf den gelb umrandeten Raucherbereich. Der Priester nickte zurückhaltend. Und so tippelten wir wie siamesische Zwillinge ein paar Schritte beiseite.

»Pardon!«, wiederholte er nun schon zum dritten Mal, als wir unsere Gepäckstücke endlich entkoppelt hatten. Dann senkte er den Kopf. Kam jetzt die vierte französische Entschuldigung? Nein, er lächelte nur verhalten und schritt würdevoll davon.

Er hätte zum Abschied zumindest Amen sagen können, dachte ich, und Edu schob noch die Empfehlung Geh mit Gott, aber geh! hinterher. Die Mitreisenden liefen auseinander, der Bahnsteig leerte sich, der Zug fuhr wieder an, seinem Endbahnhof Altona entgegen. Zu meiner Überraschung wurde ich plötzlich von hinten umarmt. Ich befreite mich und drehte mich um.

»Doktor Nikola Rührmann zurück in Hamburg!« Taxi-Christian lachte, dass sein Adamsapfel hüpfte. Sein Fusselbärtchen war ergraut, aber seine Brillengläser glänzten verschmiert wie eh und je. »Herzlich willkommen!«

»Krischaan! Unglaublich, dass du mich tatsächlich abholst.«

»Nik, altes Haus, deine erste Kutschfahrt in Hamburg nach so vielen Jahren, die überlasse ich doch keinem anderen.«

Wir drückten uns innig.

»Unfassbar, dass du wieder da bist«, sagte er und hatte tatsächlich kleine Schluchzer in der Stimme. »Aber so ist unsere Nik. Da hört man jahrelang nichts von ihr und dann kündigt sie ihre Ankunft so unvermittelt an wie …« Er suchte nach einem Vergleich.

»Wie Bianca Castafiore per Telegramm ihren Besuch auf Schloss Mühlenhof?«, half ich ihm weiter.

Christian zückte sein Handy, schaute aufs Display und las: »Ankomme 10.08.2009 Hamburg-Dammtor um 9:00 Uhr. Nikolaus.« Er steckte das Handy zurück in die Hosentasche. »Die SMS ist von gestern Abend.«

»Es hat prompt nicht gestimmt. Der Zug hatte zwei Minuten Verspätung.«

»Immer noch so zahlenfixiert?« Er betrachtete mich, nahm meine weiße Bluse in Augenschein, das Jackett und den züchtigen Rock, und stupste mich dann in die Seite. »Gut siehste aus.«

»Den Kampfanzug trage ich nur, weil ich mich für einen Job vorstellen muss.«

Christian griff nach meinem Rucksack.

»Und?«, fragte ich. »Wie ist es dir inzwischen ergangen als …«, ich holte tief Luft, um die folgende Substantivierung zu bewältigen, »als Groß-Raum-Taxi-Unternehmer?« Anerkennend klopfte ich gegen sein kleines Bäuchlein, das der Rollkragenpullover nur ungenügend versteckte. »Hunger zu leiden scheinst du ja nicht.«

»Hey, Drag King, gefalle ich dir etwa nicht?«

»Hey, taxi driver, you are talkin’ to me?«, gab ich zurück, während wir die Bahnsteigtreppen runterliefen.

»Hey, Butch Cassidy!«

»Hey, Crackpot!«

Wir traten aus der Bahnhofshalle. Die Wipfel der Bäume in Planten un Blomen wiegten sich im Wind. Ich blickte auf das Radisson Hotel und den Fernsehturm, die in den strahlend blauen Himmel stachen.

»Tja. Nu’ hat Hamburg mich wieder.«

»Das musst du erst noch beweisen, du Quiddje.«

Am Ende des Taxistands wartete eine weiße Stretch-Limousine. Ein paar Taxifahrer hatten sich neugierig um sie geschart und warfen, die Hände respektvoll hinterm Rücken verschränkt, einen Blick ins Innere der Prachtkarosse.

»Voilà!« Mit einladender Geste öffnete Christian mir die hintere Autotür und half mir galant beim Einsteigen. Die Kollegen verzogen sich stillschweigend.

»Das ist ja wohl ein Scherz!«, entfuhr es mir. »Eine Ziehharmonika auf Rädern?«

»Nein, eine Übergangslösung«, sagte Christian. »Meine übrigen Taxen sind auf Schicht oder in Reparatur.«

Ich ließ mich in das weiche Polster fallen, und Christian schloss behutsam die Tür. Sie dankte es ihm mit einem sanften Klack. Christian rutschte hinters Steuer und startete die Limousine.

»Sapperlot, bist du weit weg«, rief ich ihm von meinem Platz aus zu, während ich neugierig alles um mich herum betrachtete. Goldfarbene Leisten glitzerten an den Wänden und Brillantimitationen in den Mittelarmlehnen der Sofasessel. Ein Kühlfach mit Silberbechern für den Champagner fehlte ebenso wenig wie ein Humidor samt Zigarrenabschneider. »Ich bin beeindruckt!« Ich drückte vorwitzig einen Knopf am eingelassenen Seitenfach meines Sitzes, woraufhin eine von innen beleuchtete Acrylglas-Kugel unaufdringlich Parfüm verströmte. Na ja.

»Wohin soll denn die Reise gehen?«, bellte Christian von vorne.

»Direkt zum DESY, lieber Extra Long Vehicle Driver. Ich bin schon spät dran.«

»Zu diesem Forschungszentrum in Bahrenfeld? Was willst du denn dort?« Die Limousine schnurrte los. Vom Motor war nur ein harmonisches Summen zu hören. Ich fühlte mich wie in einer sanft schaukelnden Wiege.

»Da wartet vielleicht ein neues Aufgabenfeld auf mich. Als Wissenschaftsreferentin. Forschungspolitik und so weiter. In …«, ich schaute auf meine Uhr, »51 Minuten beginnt das Vorstellungsgespräch.«

»Na, das hört sich endlich mal seriös an.«

»Weiß ich nicht. Es geht auch um Geld. In dem Einladungsschreiben war sogar von einem Sonderauftrag die Rede.«

»Das klingt allerdings mysteriös. Nach Geheimwaffen und Plutoniumschmuggel«, brummte Christian. Ich sah im Rückspiegel, wie seine Augen hinter der Nickelbrille aufgeregt blinzelten.

»Quatsch«, wiegelte ich ab. »Hinter dem Sonderauftrag verbirgt sich vermutlich was ganz Harmloses. DESY ist ein staatlich finanziertes Zentrum der Grundlagenforschung zur Untersuchung der Struktur der Materie. Was die Welt im Innersten zusammenhält und so.«

»Die machen da doch Materie und Antimaterie.«

»Die Physiker dort versuchen mit ihren Experimenten den Urknall im Labor zu simulieren.«

»Das ist sicherlich hypergefährlich. Beim Urknall ist doch schon damals alles auseinandergeflogen.«

»Ach Unsinn, Krischaan. Außerdem schaffen sie es bei ihren Experimenten sowieso nicht ganz zurück zum Ursprung. Dazu fehlt ihnen die Energie. Aber immerhin kommen sie bis auf eine Pikosekunde an den Big Bang heran.«

»Eine Piko was? «

»Ein Millionstel eines Millionstels einer Sekunde nach dem Urknall. Das sind die Bedingungen, die man in den Experimenten der Hochenergiephysik künstlich erzeugen kann.«

Christian überlegte kurz. Dann fragt er: »Wie lange ist der echte Urknall her?«

»Etwa vierzehn Milliarden Jahre.«

»Wenn man der Bibel glauben darf, war es ein Montag«, bemerkte Christian trocken. »Und was haben die fleißigen Physiker sonst so rausgefunden?«

Sieh mal an, unversehens mitten im Physikunterricht? »Materie, lieber Krischaan, besteht mehr oder weniger aus leerem Raum, in dem winzige Wellenpakete herumfliegen. Zeit und Raum sind keine konstanten physikalischen Größen, sondern relative. Das Universum dehnt sich aus, und zwar mit wachsender Geschwindigkeit. Unsere Sonne ist nur eine von etwa zehntausend mal Millionen mal Millionen mal Millionen von Sternen. Und mehr als zehn Milliarden Jahre brauchte das Universum, bis Leben auf der Erde entstanden ist.«

»Und was ist mit den schwarzen Löchern? Daran arbeiten deine Grundlagenforscher doch bestimmt auch.«

»Na klar!«

»Um daraus Bomben zu bauen.«

»Jetzt sei doch nicht närrisch. Grundlagenforschung ist …«, ich suchte nach einem passenden Begriff, »im Grunde genommen eine besondere Form der Kulturarbeit. Sie verfolgt keinen konkreten Produktionszweck, verstehst du?«

»Nö«, sagte Christian nur. »Für irgendwas muss sie doch gut sein?«

»Auf genau solch eine Frage soll der Physiker Michael Faraday einem englischen Ministerialbeamten mal geantwortet haben: Ich weiß nicht, für was meine Arbeit einmal gut sein wird. Aber ich weiß, dass Sie Steuern darauf erheben werden.« Ich lachte über mein gelungenes Zitat. Christian nicht. »Aber natürlich strahlt die Grundlagenforschung stark auf Wirtschaft und Gesellschaft aus«, dozierte ich weiter Richtung Fahrersitz. »Der Kühlschrank, die Tischlampe, CD-Player und Computer, letztlich alle Technik basiert auf Grundlagenforschung. Indirekt sorgt sie also für die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität.«

»Auch für die der Waffenindustrie? Im Rahmen eines Sonderauftrags.«

»Ach, Krischaan.« Er blieb einfach unbelehrbar. Ich sank erschöpft in die Polster der Sitzbank zurück und blickte aus dem Fenster.

Wir fuhren an den neuen Messehallen vorbei, in großem Bogen auf die Fruchtallee und im Mahlstrom des Berufsverkehrs in den Westen der Stadt. Hamburg hatte sich verändert. Wie alles sich verändert mit der Zeit. In kleinen, unmerklichen Schritten. Unaufhörlich. Unentwegt.

»Wie geht es Esthie?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln.

Christian zuckte traurig die abfallenden Schultern und lehnte sich, die Arme steif ausgestreckt, vom Steuer zurück. »Esthie will bald in die Schweiz fahren.«

»Das ist doch schön. Hast du was gegen die Berge?«

»Leider will sie nicht mit mir fahren, sondern mit einer Freundin.«

»Hin und wieder braucht eine Frau so was wie eine Auszeit, das ist normal«, murmelte ich mechanisch. Ich war in Gedanken schon im Forschungszentrum. Ob ich den Job bekommen würde? Ich konnte ihn gut gebrauchen. Seit Beginn der Finanzkrise war ich ohne feste Arbeit. Berlin hatte mir schon lange nichts mehr zu bieten. Wie unglaublich frei ich jetzt war. Aber was nützte mir das? In diesem Land konnte ich überallhin, aber bedauerlicherweise nicht mehr raus.

In der Fruchtallee klaffte in einer Häuserzeile eine Lücke. Was hatte an dieser Stelle mal gestanden? Ich konnte mich nicht erinnern.

»Leider fällt ausgerechnet mein Geburtstag in Esthies sogenannte Auszeit«, kläffte Christian nach hinten. »Für so viel Gleichgültigkeit kann ich wirklich kein Verständnis aufbringen.«

»Wenn wir die Frauen verstehen könnten, ginge viel von ihrem Zauber verloren«, erwiderte ich und schaute seitlich zum Fenster raus. Eine flanierte gerade auf der anderen Straßenseite über den Bürgersteig. Ihr kurzes Kleid flatterte im Wind. »Sie sind hier viel modebewusster als in Berlin«, stellte ich fest.

Christian manövrierte die Stretch-Limousine souverän durch den dichten Autoverkehr, wechselte lässig die Spuren, als würde er nicht dieses überdimensionale Ungetüm lenken, sondern einen schnittigen Zweisitzer.

»Wie geht es Jan N Punkt?«, fragte ich.

»Weiß nicht. Seit der Trennung von Xiao-hong hab ich ihn nicht mehr gesehen. Du weißt doch davon?«

»Ja, ja.« Asphalt-Wilfried hatte mir bei seinem Besuch vor anderthalb Monaten in Berlin davon erzählt. Ich war damals in einer verdammt melancholischen Stimmung gewesen. Und die Nachricht von Jans Trennung hatte mich weiter runtergezogen. Du hast die Midlife-Crisis, ming Mädsche, hatte Edu mir von seiner Wolke heruntergebetet. Aber das war es nicht. Ich fand es bloß hart, wie sich alles veränderte. In kleinen, unmerklichen Schritten. Unaufhörlich. Unentwegt.

»Und hast du was von Wilfried gehört?«, fragte Christian.

»Nein«, log ich. Dieser verfluchte Alkohol. Diese verdammte Midlife-Crisis. Und diese verdammte Missionarsstellung. Da ist die Chance, schwanger zu werden, am größten …

»Heute im Zug saß ich einem Priester gegenüber«, sagte ich rasch, um auf andere Gedanken zu kommen. »Erst habe ich ihn für einen Mafioso gehalten. Bis er sich das Kollar angelegt hat, du weißt schon, diesen Priesterkragen, da sah er plötzlich ganz seriös aus, komisch, nicht? Das heißt, ich finde das eher beunruhigend als komisch.«

»Meine Schwester Rosi hat mir mal ein Priestergewand zum Fasching geschneidert. Auf dem Fest hatte ich damit aber kein Glück bei den Frauen.«

»Lässt sich denken.«

Während sich Christian in einer umständlichen Beschreibung der Herstellung des Priestergewands erging, ließ ich die Bilder der Stadt am Autofenster vorbeiziehen und gab mich der Vorstellung vom bürgerlichen Leben als Forschungsreferentin in Hamburg hin. Daran würde ich mich erst noch gewöhnen müssen.

»Alles wird dann nur noch mit der Nähmaschine zusammengenäht«, beendete Christian seinen Vortrag, als wir in eine Toreinfahrt einbogen.

»So eine Nähmaschine ist seit langem mein größter Traum«, murmelte ich.

Wir waren angekommen. Von außen wirkte das Labor recht unspektakulär. Die zwei- bis dreistöckigen Gebäude machten nicht den Eindruck, als wären sie Brutstätte einer hochkomplizierten wissenschaftlichen Zukunft. Die Pförtner winkten uns einfach durch.

»Normalerweise muss man sich an dieser Stelle als Besucher anmelden«, wunderte sich Christian, zuckte die Achseln und fuhr durch die offene Schranke.

»Dein Long Vehicle ist eben so eindrucksvoll, dass sich niemand traut, uns anzuhalten.« Zwar kein Fahrzeug, um inkognito von A nach B zu kommen, aber zweifellos eines, mit dem man ankam.

Die Stretch-Limousine hielt großartig vor dem Hauptgebäude des DESY, auf dem Werksgelände blieben Leute staunend stehen, sogar aus den Fenstern schauten einige heraus. Christian sprang aus dem Auto, um mir die Tür aufzuhalten. Ich prüfte im Spiegel Frisur, Teint und Outfit. Alles so weit okay. Ich konnte mich sehen lassen. Lippenstift wollte ich keinen auftragen. Ich entstieg der Limousine und warf mir meinen Rucksack auf den Rücken.

»Viel Glück bei deinem Sonderauftrag, Nik Knatterton!«

»Danke, Krischaan. Ach, und hier noch eine kleine Rechenaufgabe, die dich von trüben Gedanken ablenken wird.«

Christian stöhnte auf. »Nee, nich al wedder.«

»Nur eine klitzekleine Aufgabe«, beruhigte ich ihn. »Was ist zwölf Millionen dreihundertfünfundvierzigtausend sechshundertneunundsiebzig mal neun?« Ich sagte die Zahl wie zum Mitschreiben auf. »Nein, du musst die Lösung nicht gleich ausrechnen. Gib sie mir bei unserem nächsten Treffen.«

Das Vorstellungsgespräch

Montag, der 10. August, 10:23 Uhr

»Können Sie mir noch folgen, Frau Doktor Rührmann?« Professor Hermann Mann, Forschungsdirektor des DESY, blickte mich aus tiefliegenden Augen an. Seine Haut war wächsern, das volle, sorgfältig gescheitelte Haar kalkweiß. Er trug einen hellgrauen Dreiteiler, der seine Blässe auf kongeniale Weise unterstrich. Und zum weißen Hemd eine kleine, schief sitzende Fliege, die rot-rosa gestreift war – überraschend auffällig für einen sonst so farblosen Mann. Er hatte eine hohe, runzlige Stirn, einen grüblerischen Gesichtsausdruck und strahlte eine gewaltige Nervosität aus, deren Ursache ich mir nicht erklären konnte, schließlich bewarb ich mich hier um eine Stelle, nicht er. Seit exakt dreiundzwanzig Minuten, wie ich einem vorsichtigen Blick auf meine Armbanduhr entnehmen konnte, saß er mir, geneigt wie der Schiefe Turm von Pisa, an dem großen Konferenztisch gegenüber und referierte über Aufgaben und Ziele seines Forschungszentrums. Ich selbst war so gut wie noch gar nicht zu Wort gekommen.

»Können Sie mir folgen?«, wiederholte er.

»Natürlich kann ich Ihnen folgen. Überallhin«, sagte ich entschlossen und guckte grimmig. Ich hatte allerdings den leisen Verdacht, dass Professor Mann um den heißen Brei herumredete und dass ich im Kreis laufen würde, wenn ich ihm tatsächlich folgte.

»Das ist gut. Das ist sehr gut. Wie ich eingangs bereits sagte, ist das Deutsche Elektronen-Synchrotron, kurz DESY, eins der international erfolgreichsten Laboratorien für Teilchenphysik. Es gehört zu den bekanntesten Großforschungseinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland.«

»Ein Forschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft, das vor sehr großen Herausforderungen steht«, warf Petra Landau, die kaufmännische Geschäftsführerin, lächelnd ein. Sie saß ihm zur Rechten und war außerordentlich gut gelaunt. Oder tat zumindest so. Vielleicht, um die Nervosität ihres Kollegen ein wenig auszugleichen. Petra Landau war von geradezu übernatürlicher Reizlosigkeit. Sie trug ein hochgeschlossenes Kleid, in dem ihre schmale Figur steif wie ein Plättbrett wirkte. Sie hatte ungewöhnlich große Hände und kurzes, aschblondes Kraushaar, das ihr rundes Gesicht umwehte. »Frau Rührmann«, preschte sie unvermittelt vor, »den folgenden Gesprächsteil bitten wir Sie diskret zu behandeln.«

Was in aller Welt meinte sie? Ich ließ mir die Irritation nicht anmerken. »Kein Problem«, beteuerte ich, und Petra Landau fuhr unverzüglich fort:

»Eigentlich schienen die Tage unseres größten Teilchenbeschleunigers namens DORIS schon gezählt«, ihr glucksendes Lachen zeigte unbefangen weiße, auffallend unregelmäßige Zähne, »aber der Ausfall des LHC am CERN Ende letzten Jahres verschafft uns ungeahnte Möglichkeiten.«

Professor Hermann Mann nickte. »Kurz nach der Panne an dem Beschleuniger unserer Kollegen in Genf hat uns das deutsche Forschungsministerium überraschend in Aussicht gestellt, den Betrieb von DORIS ein weiteres Jahr zu finanzieren.« Er sprach stockend, aber wohlüberlegt. Dem fast unmerklichen Zittern seiner Stimme begegnete er durch gezielten Einsatz von Pausen. »Ausgerechnet in dieser entscheidenden Phase des Betriebs meinen einige unserer Physiker nun auf Spuren von rätselhaften Geisterteilchen gestoßen zu sein.«

»Was denn für Geisterteilchen?« Etwa das Higgs-Boson, dieses ominöse Teilchen, von dem immer wieder in der Presse die Rede ist, das für die Masse in der Welt verantwortlich sein soll? Das wäre in der Tat eine Sensation.

»Die Elementarteilchen unseres Universums und ihre Wechselwirkungen werden durch das sogenannte Standardmodell beschrieben«, holte Hermann Mann aus, ohne auf meinen Einwurf einzugehen. »Es wird durch teilchenphysikalische Experimente sehr gut bestätigt, enthält aber eine ganze Reihe von physikalischen Hilfsparametern, für die es bisher keine theoretische Erklärung gibt.«

»Deswegen sind im Grunde alle Teilchenphysiker überzeugt, dass das Standardmodell nur eine Hilfskonstruktion ist«, wandte Petra Landau feixend ein, »ein Konzept, das irgendwann einmal abgelöst wird von der wahren Theory of Everything.«

»TOE – die Weltformel?«, fragte ich, als verstünde ich etwas davon.

Hermann Mann nickte bestätigend. »So etwas in der Art. Nun wurde an unserem Beschleuniger DORIS erstmals ein Hinweis auf eine neue Teilchensorte gemessen, die es laut Standardmodell gar nicht geben dürfte.«

»Nicht zu glauben«, staunte ich.

»Viele Wissenschaftler geben sich bei der Bewertung der Ergebnisse noch zurückhaltend«, relativierte Petra Landau, »aber wenn sich der Verdacht erhärten sollte, wäre das zweifellos ein Weltereignis.« Ihr Gesicht strahlte. »Bereits die Vorabanalyse, die in der Zeitschrift Science vorgestellt wurde, hat international mächtig Wind gemacht.«

»Würde sich die Vermutung tatsächlich bestätigen, dann wäre zum ersten Mal ein physikalisches Phänomen jenseits des Standardmodells gemessen worden«, sagte Professor Mann. Er war so erregt, dass das Zittern in seiner Stimme nicht zu überhören war. »Verstehen Sie, was das bedeuten würde, Frau Doktor Rührmann?«

Nicht im Detail, aber es ging offensichtlich um eine sehr, sehr große Sache. Ich straffte mein Kreuz. »Außergewöhnliche Behauptungen verlangen außergewöhnliches Beweismaterial«, sagte ich trocken. »Was wäre, wenn sich das Phänomen jenseits des Standardmodells nach einem weiteren mühevollen und kostspieligen Arbeitsjahr als Hirngespinst entpuppen würde?«

»Sehr gut, Frau Doktor Rührmann. Das ist genau der Punkt, denn das wäre eine Katastrophe, die ich mir in all ihren Facetten gar nicht ausmalen mag«, gab Hermann Mann unumwunden zu.

»Aber dafür haben wir ja Sie!«, schmeichelte mir Petra Landau und warf ihrem Direktoriumskollegen als Wink, endlich zur Sache zu kommen, ein kurzes Lächeln zu.

Professor Mann nickte wieder, schaute mir dann konzentriert in die Augen und sagte ernst: »Kollegin Landau hat recht. Genau deshalb brauchen wir Sie!«

Achtung, ming Mädsche!, warnte Edu aufgeregt. Irgendwat is faul.

»Ich verstehe nicht ganz. Ich bin keine Teilchenphysikerin. Welche Hilfe versprechen Sie sich von mir?«

»Keine wissenschaftliche.« Professor Hermann Mann griff nach meinen Bewerbungsunterlagen auf dem Konferenztisch, blätterte sie mit dem Daumen wie einen Kartenstapel durch und lehnte sich, den undurchdringlichen Blick an die Decke geheftet, die Fingerspitzen aneinandergedrückt, in seinem Stuhl zurück. »Sie sind aus verschiedenen Gründen für uns die ideale Kandidatin.« Er klopfte auf die Tischplatte, den Blick unverwandt nach oben gerichtet. »Eine promovierte Naturwissenschaftlerin, die auf verschiedenen Forschungsgebieten tätig war, die aber auch die forschungspolitische Landschaft und die verschiedenen wissenschaftlichen Dachorganisationen wie ihre Westentasche kennt.«

Ich blieb abwartend. Mein vorletzter Job am Geoforschungszentrum in Potsdam hatte mir längst nicht so viel Erfahrung eingebracht, wie mein Lebenslauf glauben machen sollte, aber wenn die das hier so interpretierten, bitte schön.

»Sie können also den Einfluss wissenschaftlicher Spitzenergebnisse auf den forschungspolitischen Gesamtzusammenhang sehr gut nachvollziehen. Und darüber hinaus besitzen Sie noch ganz andere Qualifikationen.«

»Nämlich?«

»Sie verfügen über kriminalistische Raffinesse.«

»Wie kommen Sie denn darauf?«

»Ihr legendärer Auftritt in der Sendung des Fernsehmeteorologen Franz Seeler ist uns allen unvergessen.«

Ach so. Die berühmte Wetterwette zwischen Seeler und meinem Doktorvater Professor Udo Rindeck, deren kriminellen Hintergrund ich in einem furiosen Finale live im Fernsehen aufgedeckt hatte. Das war spektakulär, ohne Zweifel, aber immerhin schon zehn Jahre her.

»Auch Ihre letzte Tätigkeit in der Consulting-Firma spricht für Sie«, ergänzte Petra Landau. Sie lächelte mich an und tippte auf die Bewerbungsunterlagen. »Sie scheinen exakt über die Fähigkeiten zu verfügen, die wir für unser Labor derzeit so dringend benötigen.«

Ich war mir da nicht so sicher. »Die Consulting-Firma wurde am Ende von der Bank aufgekauft, gegen die ich ermittelt hatte«, gab ich zu bedenken. »Das war meinem Beschäftigungsverhältnis nicht gerade zuträglich.«

»Sollten Sie sich bei Ihrem Sonderauftrag bewähren«, überging Hermann Mann meinen Einwand, »werden wir Ihnen die ausgeschriebene Referentenstelle anbieten.«

Sonderauftrag. Da war er wieder, dieser Begriff, der schon in dem Einladungsschreiben so merkwürdig geklungen hatte.

Wat meint der mit Sonderauftrag?, fragte Edu unruhig.

»Was meinen Sie mit Sonderauftrag?«, fragte ich kühl.

Professor Mann lächelte schwach. »Derzeit tobt zwischen Theoretikern und Experimentalphysikern unseres Labors ein erbitterter Streit um die richtige Interpretation der Ergebnisse.«

»Einer unserer leitenden Wissenschaftler«, erläuterte Petra Landau eifrig, »der international anerkannte Teilchenphysiker Professor Dietmar Schäfer, hat eine Veröffentlichung zwecks Verifikation beziehungsweise Falsifikation der Daten angekündigt.«

Professor Mann kniff die Lippen zusammen. »Seine Arbeit ist gewissermaßen der Proof of Principle. Aber leider Gottes«, ergänzte er nach einem verärgerten Seufzer, »hat er die Ergebnisse seiner Arbeit noch nicht herausgerückt.«

»Vielleicht ist er noch nicht fertig?«

»Natürlich ist er das«, murmelte Mann mehr zu sich selbst. »Der würde doch nicht schlafen gehen, bevor das Ergebnis vorliegt.«

Petra Landau zog tief die Luft ein. »Dietmar Schäfer gehört nicht nur zu den führenden Denkern auf unserem Campus, er ist auch ein etwas …«, sie stockte, »wie soll ich sagen … schwieriger Mensch. Bevor Schäfer mit einem Ergebnis an die Öffentlichkeit tritt, muss er felsenfest von dessen Richtigkeit überzeugt sein.«

»Aber dann warten Sie doch einfach noch ein bisschen«, schlug ich vor.

»Genau das ist ja das Problem. Fürs Warten haben wir keine Zeit«, sagte Petra Landau mit eisernem Lächeln. »Am kommenden Donnerstag trifft eine internationale Gutachterkommission ein, die beurteilen muss, ob unsere Beschleunigeranlage DORIS für die Dauer eines Jahres weiterbetrieben werden soll oder nicht.«

»Bis dahin brauchen wir unbedingt Schäfers Ergebnisse«, zischte Professor Mann. Er hatte die Herrschaft über seine Stimme verloren. »Discovery only meets the prepared mind!«

Sogar das Dauerlächeln von Petra Landau verzog sich.

»Aber warum sagen Sie das mir und nicht Ihrem Schäfer?«

»Schäfer ist genial, aber wie schon gesagt kompliziert«, erwiderte Professor Mann sachlich. Er hatte seine Stimme wieder voll im Griff. »Dagegen ist jede Operndiva ein Schulmädchen.« Er hielt kurz inne, als müsste er sich den Vergleich wie eine neue Erkenntnis durch den Kopf gehen lassen. »Hiermit möchten wir Sie herzlich bitten«, sagte er dann, »die Ergebnisse von Schäfer diskret zu …«, er räusperte sich, »zu organisieren. Ja, nennen wir es einmal so: zu organisieren.«

»Ohne seine explizite Erlaubnis einzuholen, wenn es sein muss«, komplettierte Petra Landau den Satz und knipste ihr Lächeln wieder an. »Selbstverständlich diskret.«

Die Ungeheuerlichkeit dieses Ansinnens verschlug mir für einen Moment die Sprache. Welches Motiv leitete die Direktion einer seriösen Forschungseinrichtung wie DESY, mir einen so zwielichtigen Auftrag zu erteilen, wenn auch diskret? Irgendetwas verschwieg man mir, so viel war sicher. Was war der wahre Grund, warum ich mir diesen Professor Schäfer vorknöpfen sollte? Welche Interessen waren im Spiel? Was wusste der Professor, dass man gleich eine Spionin auf ihn ansetzte? Es ging zweifellos um mehr als nur um die Bestätigung einer neuen Art im physikalischen Teilchenzoo. Etwa um die sagenumwobene Weltformel. Schäfer hatte sie anscheinend gefunden, und es lag dem Direktorium viel daran, sie als Erste zu bekommen.

»Sie sind überzeugt, dass dieser Schäfer in seiner Arbeit die spektakulären Messungen am DESY …«

»Falsifiziert oder verifiziert hat? Ja, davon sind wir überzeugt«, vollendete Petra Landau meinen Satz, und Professor Mann nickte bestätigend.

»Der Entwurf einer Veröffentlichung zu den aktuellen Messungen am DESY existiert. Er befindet sich auf seinem Laptop.«

»Aber leider nur dort«, ergänzte Petra Landau, als hätte sie alle anderen Möglichkeiten bereits geprüft.

»Frau Doktor Rührmann.« Der Blick aus Professor Manns tiefliegenden Augen ließ mich nicht mehr los. »Nehmen Sie den Auftrag an?«

DESY

Montag, der 10. August, 10:44 Uhr

Klopfen an der Tür. »Ist es schon so weit?« Professor Mann blickte auf die Uhr an seinem Handgelenk. »Tatsächlich. Es ist so weit. Herein!«

Die Tür des Sitzungszimmers öffnete sich, und eine junge Frau betrat den Raum.

»Darf ich vorstellen, meine persönliche Referentin, Frau Doktor Dorothea Weber.«

Eine Sekunde verging, in der Dorothea und ich uns verblüfft ansahen.

Petra Landau lachte überrascht auf. »Sie kennen sich?«

Es war Dorothea, die als Erste ihre Fassung zurückgewann. Sie reichte mir zur Begrüßung die Hand und erklärte: »Ja, wir haben vor Jahren gemeinsam am Max-Planck-Institut für Meteorologie gearbeitet.«

»Richtig«, sagte Professor Mann trocken, »die Verbindung ist mir bei Durchsicht der Bewerbungsunterlagen auch gleich aufgefallen. Das wird Ihre Zusammenarbeit wesentlich erleichtern.«

Da war ich mir nicht so sicher. Zwischen Dorothea und mir hatte in unserer Zeit im Geomatikum ein Zustand diplomatisch verhüllter Gespanntheit geherrscht.

»Dorothea Weber wird Sie über das DESY-Gelände führen und Ihnen einige unserer Wissenschaftler und Mitarbeiter vorstellen.« Und zu Dorothea gewandt: »Frau Doktor Rührmann hat sich erfolgreich auf die vakante Stabsstelle beworben. Sie wird umgehend mit ihrer Tätigkeit beginnen. Bitte unterstützen Sie Frau Rührmann in all ihren Belangen. Zeigen Sie ihr bitte als Erstes ihr Büro. Frau Doktor Rührmann!« Damit verabschiedete er mich. Seine Hand fühlte sich an wie Pergament.

Draußen vor dem Sitzungszimmer sagte Dorothea Weber nur: »Du bist älter geworden.«

Takt war noch nie ihre Stärke, murmelte Edu von oben.

»Am Gegenüber sieht man, wie die Jahre vergehen«, konterte ich gelassen. Aber wenn ich ehrlich war, musste ich zugeben, dass sich Dorothea äußerlich nicht sehr verändert hatte. Ihr glatt zurückgekämmtes Haar hatte sie im Nacken zu einem Knoten gesteckt. Ihre kräftigen Schenkel waren vielleicht noch etwas kräftiger geworden, aber sie trug ein gut sitzendes Business-Kostüm und dazu passende Schuhe mit Blockabsatz, die Körper und Beine streckten. Ihre Augen (diese Kohlestückchen!) funkelten ebenso wie der strassbesetzte Schmuck an ihren kleinen weißen Ohren. Ihre gewölbten Brauen sahen immer noch aus wie mit dem Tuschpinsel auf eine Porzellanmaske gemalt. Und nach wie vor schimmerte der feine Flaum über ihrer Oberlippe, und der stand ihr nach wie vor ganz reizend. Dorothea war einfach sehr sexy in ihrer Üppigkeit.

»Du bist jetzt tatsächlich unsere neue EU-Referentin?«, fragte sie in ihrem unnachgiebigen Mezzosopran.

»Warten wir es mal ab«, erwiderte ich. Warum fragte sie mich das? Als persönliche Referentin des Forschungsdirektors musste sie doch haargenau wissen, wofür ich eingestellt worden war.

»Sicher hat dir das Direktorium noch andere Aufgaben übertragen«, fuhr Dorothea prompt fort und ein mephistophelisches Lächeln umspielte ihre Lippen. »Nun, wie auch immer, dahinten ist dein Büro.« Sie wies auf ein Zimmer am Ende des breiten Ganges. »Vielleicht willst du dort dein …«, sie warf einen abschätzigen Blick auf meinen Rucksack, »Gepäck ablegen?«

»Danke, sehr aufmerksam.« Für die spitzen Pfeilchen, die sie seit unserem Wiedersehen auf mich abschoss, hatte ich nur ein müdes Lächeln.

Wir betraten mein neues Büro. Standardeinrichtung: Schreibtisch mit PC, Monitor und Tastatur, dazu ein Telefon, eine Schreibtischlampe und ein Schreibblock mit dem Logo des Forschungszentrums nebst einem Satz Kugelschreiber, unterm Tisch ein Rollcontainer, in der Ecke ein kleines rundes Konferenztischchen mit drei Stühlen, dahinter ein schwenkbarer Ventilator. Das Fenster bot Ausblick auf einen tristen Innenhof. Eine Glastür trennte mein Büro vom Nebenzimmer.

»Wer sitzt da?«

»Sibylle Reinold, eine Praktikantin«, sagte Dorothea und verbesserte schnell: »Deine Praktikantin. Professor Mann hielt es für sinnvoll, der Stabsstelle eine Hilfskraft zur Seite zu stellen. Aber ich weiß nicht, wo die kleine Abiturientin gerade steckt.« Sie funkelte mich mit ihren Kohlestückchen an und schürzte die vollen Lippen. »Ich dachte, ich zeige dir als Erstes unseren Kreisbeschleuniger. Wir haben gerade Shutdown. Die Anlage ist abgeschaltet. Wir können also in den Tunnel rein.«

»Fein«, antwortete ich und warf meinen Rucksack auf einen der Stühle. »Worauf warten wir?«

Wir durchwanderten den endlosen Korridor zur anderen Seite des Hauptgebäudes. An den Wänden hingen Poster, Ausschnitte aus Fachartikeln, Grafiken, Comic-Panels aus Zeitungen und Fotos und Karikaturen von großen wissenschaftlichen Persönlichkeiten wie Albert Einstein oder Richard Feynman. Die offenen Türen gewährten mir Einblick in die Büros des wissenschaftlichen Personals von DESY. Die Physiker trugen lose über die Schultern geworfene Pullover und saßen vor Computerterminals. Auf ihren mehr oder weniger aufgeräumten Schreibtischen türmten sich Zeitschriften, Computerausdrucke, vergilbte Skripte und Schreibutensilien. Ich fühlte mich stark an meine Doktorandenzeit im Geomatikum erinnert. In einigen Zimmern rotierten Ventilatoren, wie ich einen in meinem Büro stehen hatte, aber an denen hier flatterten lange Papierstreifen.

»Klingt schön. Wie das Blätterrauschen der Bäume im Sommerwind. Wer hat sich das ausgedacht?«

»Einer unserer Physiker. Mike Cardy. Du wirst ihn noch kennenlernen.«

Wir verließen das Hauptgebäude über einen Seitenausgang und marschierten über das Werksgelände. Geschäftiges Treiben auch hier: Arbeiter in blauen Overalls, Baufahrzeuge und Gabelstapler, dazwischen Fahrradfahrer auf institutseigenen gelben Rädern.

»Das ist wirklich ein Zufall, dass wir uns hier nach all den Jahren wiedertreffen«, sagte Dorothea mit gurrender Stimme und betrachtete mich von der Seite.

»Wie viele Angestellte gibt es am DESY?«, fragte ich sachlich. Ich hatte keine Lust, dem Gespräch eine persönliche Note zu geben.

»Normalerweise mehr als siebenhundert. Die dreihundert Gastwissenschaftler nicht mitgerechnet«, sagte sie, während sie voranschritt. »Aus mehr als vierzig Ländern. Internationalität wird am DESY großgeschrieben.«

»Wow!«

»Aber nur der kleinere Teil des festen Personals sind Wissenschaftler. Die meisten arbeiten in den Werkstätten, als Ingenieure, Techniker, Arbeiter. Oder in der Administration. Wir haben sogar eine PR-Abteilung. Jetzt im August ist weniger los auf dem Campus, wir haben Sommerpause.«

»Trotzdem beeindruckend. Eine Stadt in der Stadt.«

Wir unterquerten eine Kabeltrasse, über die plastikisolierte Metallstränge liefen, dahinter standen Transformatoren und Hochspannungsleitungen.

»Was rauscht da so?«

»Das Wasser der Kühltürme da drüben.«

Ich könnte auch eine Kühlung vertragen, nuschelte Edu von oben.

»Das Teilchenphysikzentrum existiert seit den 1960er Jahren. Im Laufe der Zeit sind mehr und mehr Experimentierhallen dazugekommen, außerdem Labor- und Bürogebäude«, erläuterte Dorothea.

»Architektonisch ein heilloses Durcheinander. Erinnert irgendwie an ein Krankenhausgelände, findest du nicht?«

»Keine Ahnung. Vielleicht. Das Wesentliche spielt sich am DESY sowieso im Verborgenen ab.« Sie blieb vor einem hellbraunen, zweistöckigen Gebäude stehen. »Unsere Kantine. Das Essen ist leider mäßig.«

Wundert mich nicht, so wie der Bau aussieht, dat färbt ab, spöttelte Edu.

Dorothea musterte mich von der Seite. »Wie ist es dir in Berlin ergangen?« Schon wieder wurde sie privat. Woher wusste sie von meiner Zeit in Berlin? Hatte sie also doch meine Bewerbungsunterlagen gelesen?

»Berlin ist Alexanderplatz«, sagte ich entschieden, damit sie endlich kapierte, dass ich persönliche Fragen nicht zuließ. Ich zeigte auf ein Gebäude mit einem frischen Außenanstrich. »Und das da?«

»Das ist die Experimentierhalle von DORIS«, sagte Dorothea. »Da gehen wir jetzt hin.«

Ich hob interessiert die Augenbrauen.

»DORIS ist ein Akronym und steht für DOppel-RIng-Speicher. Der Name des großen Ringbeschleunigers am DESY«, erklärte Dorothea mit der Stimme einer Touristenführerin. »Vergraben unter einem großen Ringwall, den man links und rechts von der Halle erkennen kann. In zwei getrennt verlaufenden Strahlrohren werden Protonen und ihre Antiteilchen, die Antiprotonen, auf einer etwa drei Kilometer langen Kreisbahn bis auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Die Protonen zirkulieren im Uhrzeigersinn, die Antiprotonen in entgegengesetzter Richtung. Mittels Dipol- und Quadrupol-Magneten können die Teilchen für Stunden auf der Kreisbahn gespeichert werden, deshalb spricht man auch von einer Speicherringanlage.«

Bei so einer Karussellfahrt muss den armen Dingern doch schwindelig werden, witzelte Edu.

»An einer Stelle in dem Ringbeschleuniger laufen die Strahlrohre der Protonen und Antiprotonen zusammen. Dort ist das eigentliche Teilchenphysikexperiment aufgebaut. Im Milliardstelsekundentakt passieren Teilchenströme diesen Wechselwirkungspunkt und stoßen aufeinander.«

»DORIS ist also eine ringförmige Schnellstraße für teilchenphysikalische Crash-Tests«, warf ich ein.

»DORIS ist mehr als eine Schnellstraße, DORIS ist eine Autobahn. Allerdings keine sehr neue. Der Teilchenbeschleuniger läuft in seiner jetzigen Ausbaustufe bereits seit mehr als fünfzehn Jahren. Wir arbeiten längst an der Konzeption eines neuen, viel größeren Beschleunigers namens FLIX. Für den wäre DORIS nur der Vorbeschleuniger.«

»Wofür steht FLIX?«, fragte ich.

Freie Liebe Inkorrekt X-mal, rief Edu närrisch von oben.

»Free electron laser based on LInear accelerators for X-rays«, erklärte Dorothea wichtig. »Eine Anlage zur Forschung mit Photonen. Eine Verzögerung des Baus von FLIX würde unseren amerikanischen Konkurrenten sehr zupasskommen, die an etwas ganz Ähnlichem arbeiten.«

»Klingt fast so, als wärst du über die Option einer Laufzeitverlängerung für DORIS nicht gerade erfreut.«

»Es gibt auf dem Gebiet der Free-Electron-Laser-Physik eine sehr starke Konkurrenz in den Vereinigten Staaten. Jeder Tag, den wir nicht in das neue Projekt investieren, ist ein verlorener Tag«, antwortete sie streng. »Außerdem glaube ich nicht an die Geisterteilchen, die jetzt bei DORIS gemessen wurden. Und ich stehe mit dieser Einschätzung nicht alleine da. Kurz: Eine Betriebsverlängerung von DORIS würde uns nur aufhalten und Zeit kosten.« Sie blickte mich auf einmal nachdenklich an. »Und Geld. Es würde uns sehr viel Geld kosten.«

Wir liefen weiter. Vor der eisenbeschlagenen Tür der Experimentierhalle blieb Dorothea überraschend stehen. »Mach dir nun selber ein Bild von dem Experiment, das angeblich die Geisterteilchen gemessen hat.« Sie tippte einen Nummerncode auf eine Anzeigetafel. Ein elektronisches Türschloss summte kurz auf, Dorothea öffnete die schwere Tür, und wir betraten eine Halle so groß wie ein Fußballfeld. Brummende Geräusche, überlagert von einem Pfeifen wie aus tausend Flugzeugdüsen.

»Ganz schön laut hier«, rief ich in das hübsche Ohr meiner Fremdenführerin.

»Das sind die Aggregate für die Wasserversorgung, auch die Transformatoren machen ordentlich Lärm. Du solltest aber erst mal hier sein, wenn DORIS in Betrieb ist, dann kommt das regelmäßige Hämmern der Hochfrequenz-Module hinzu.«

Überall wieselte technisches Personal herum. An der Decke lief eine an einem Stahlträger quer über die ganze Halle gespannte Laufkatze. Ein Arbeiter steuerte den Kran mit einem Funkgerät, das er wie ein Modellflieger vor seinem Bauch hielt. An dem Hubseil des Krans hing eine metallisch schimmernde Rollenkonstruktion.

»Da drüben, das ist Doktor Gernot Schmidt.« Dorothea deutete auf einen hageren Mann neben dem Kranführer. »Er ist ein DESY-Fellow«, sagte sie und ergänzte mit Seitenblick auf mich: »Übrigens die rechte Hand von Professor Schäfer.«

Die rechte Hand von Dietmar Schäfer? Interessant. Die guck ich mir mal genauer an.

Gernot Schmidt verfolgte konzentriert, wie der Kranführer die Last vorsichtig durch die Halle transportierte. Schmidt hatte ein aschfahles Vogelgesicht, strähniges, staubbraunes Haar und unsichtbare Lippen. Er trug einen beigefarbenen, etwas zu groß gewählten Konfektionsanzug mit messerscharf gebügelter Hosenfalte.

Der ist so klapperig, den halten nur drei Nägel zusammen, brachte es Edu auf den Punkt.

»Hallo, Gernot. Darf ich dir Frau Rührmann vorstellen? Sie wird sich künftig …«, Dorothea machte eine bedeutsame Pause, »um die EU-Förderung vom DESY kümmern.«

Ich reichte ihm freundlich die Hand. Er wich meinem Blick aus und murmelte eine kurze Begrüßung. Sein Händedruck war schlaff.

»Sie arbeiten mit Professor Schäfer zusammen?«, kam ich gleich zur Sache.

»Gernot modifiziert den Vorwärtsdetektor«, fuhr Dorothea dazwischen. »An dem Kran hier hängt ein Toroid-Magnet, der später in den Detektor eingebaut werden soll, richtig, Gernot?«

»Sozusagen«, bestätigte Gernot mit leiser Stimme.

»Gibt es vielleicht eine Möglichkeit für mich, Herrn Schäfer heute noch zu treffen?«

»Im Prinzip sollte er in seinem Büro sein.«

»Das übrigens deinem direkt gegenüberliegt, Nikola«, unterbrach Dorothea ein weiteres Mal, und zu Gernot gewandt: »Weißt du, ob Schäfer seine Arbeit zu den aktuellen DORIS-Messungen inzwischen abgeschlossen hat? Professor Schäfer ist nämlich«, sagte sie wieder an mich gerichtet, »der größte Kritiker der aktuellen Veröffentlichungen zu den Geisterteilchen.«

Gernot Schmidt machte ein Gesicht, als hätte er die ganze Nacht darauf gesessen. »Von welcher Arbeit redest du? Ich weiß von nichts.« Er fuhr sich über die trockenen Lippen.

Mir schien, als wüsste er sehr wohl, wovon Dorothea Weber sprach.

»Ist nicht weiter wichtig. Bis später, Gernot. Tschüs«, verabschiedete sie sich hamburgisch mit langgesprochenem ü und einem s. »Wir besuchen jetzt ADONIS.«

Gernot würde ich mir noch mal vorknöpfen müssen. »ADONIS?«, fragte ich, als wir auf die andere Hallenseite zuliefen.

»At DOris Nucleus Ion Scattering, kurz ADONIS, das Kollisionsexperiment von DORIS. Während des Betriebs ist es unter Stapeln von kubikmetergroßen, eisendotierten Abschirmsteinen verborgen. Aus Strahlenschutzgründen.«

»Ich sehe nur drei aufeinandergestapelte blaue Container vor einer Betonmauer.«

»Das ist der elektronische Rucksack, dort ist die komplexe Elektronik des ADONIS-Experiments untergebracht. Der Rucksack hängt huckepack am Experiment, damit die Signalwege nicht zu groß sind. Der ADONIS-Detektor verbirgt sich hinter riesigen Abschirmsteinen. Bei längeren Betriebsunterbrechungen werden diese Stapelsteine wie Bauklötze beiseitegeräumt und der Detektor wird freigelegt, damit man zu Wartungs- oder Reparaturzwecken bequem an alle Komponenten rankommt. Der Detektor besteht aus auf Gleisen gelagerten Halbschalen, die bei Bedarf auseinandergefahren werden können. Aber das macht man nur in den mehrwöchigen Betriebspausen, nicht bei einem kurzen Shutdown wie diesem.«

»Merkwürdig, dass er nichts von der aktuellen Arbeit seines Chefs zu wissen schien«, kam ich auf die Begegnung mit Gernot Schmidt zurück. »Dabei redet das ganze Labor doch sicher von nichts anderem?«

»Tut es das?«, fragte Dorothea glattzüngig und riss erstaunt ihre schwarzen Augen auf.

»Dorothy, my sweet love!«, rief ein wendiger kleiner Kerl, der gerade die letzten Stufen der äußeren Stahltreppe am elektronischen Rucksack herunterstieg. In den Händen trug er einen schweren Werkzeugkasten. In Sekundenbruchteilen hatte er mich mit seinen eng beieinanderliegenden Fuchsaugen abgescannt. »Explaining the world?«, grinste er und trat dicht an uns heran.

»Wenn du es sagst«, erwiderte Dorothea säuerlich und verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. »Darf ich vorstellen: Mike Cardy, Nikola Rührmann, unsere neue EU-Referentin … mit speziellem Interesse an Professor Schäfer«, fügte sie spitz hinzu.

Mike Cardy stellte seinen Werkzeugkasten auf den Boden und griff nach meiner Hand, die ich ihm kaum wieder entwinden konnte. »Bin ganz erfullt with pleasure, Mrs. Ruman«, schnurrte er und rollte genüsslich das R meines Nachnamens. Er hatte weiches braunes Haar, das über den abstehenden Ohren kahlgeschoren war, so dass der lockige Rest wie eine Insel auf seinem Schädel lag. Seine gewöhnungsbedürftige Frisur erinnerte an die strenge Tonsur eines Mönches.

Fehlt nur noch der Heiligenschein da drübber! Der wäre aber ziemlich glanzlos, dat kann ich dir sagen, ming Mädsche, flüsterte Edu.

»Unfortunately, I must arbeiten«, entschuldigte Mike seine Eile. »Professor Bolz always has an eye on me. See you later.« Er zog sich den Pullover, den er lässig um die Schultern geschlungen trug, enger und warf mir noch einen ungemein feurigen Blick zu.

»Mike ist Amerikaner«, erläuterte Dorothea, als erklärte das alles. Wir sahen ihm nach, wie er mit dem Werkzeugkasten beladen die Experimentierhalle verließ. »Er arbeitet als Doktorand in der Gruppe, die die ominösen Geisterteilchen entdeckt hat.«

»Die spektakuläre Messung hat dieser Bill Ramsay gemacht?«

»Nein, nicht Mike Cardy. Der hat nur brav kalibriert«, sagte sie abschätzig. »Die Arbeitsgruppe wird von Professorin Bärbel Bolz geleitet. Du wirst sie noch erleben.« Es klang ein bisschen wie eine Drohung. »Nach diesen Männerbekanntschaften werfen wir mal einen Blick auf den echten ADONIS, einverstanden?«

»Wenn der so eindrucksvoll ist wie die anderen Kerle hier?«

»Viel eindrucksvoller!«, versprach Dorothea und musste lachen. Sie öffnete eine gelbe Gittertür, und ich folgte ihr in einen anderthalb Meter breiten Spalt zwischen den Stapelsteinen.

Das Betreten der Anlage ist während des Betriebs strengstens verboten! Regelwidriges Öffnen der Zugangstür bricht das Interlock und führt zur automatischen Abschaltung der gesamten Beschleunigeranlage!

»Passiert so was öfter?«, fragte ich und tippte auf das gelbe Warnschild.

»Normalerweise nicht, Gott sei Dank. Allerdings hatten wir gestern eine unplanmäßige Betriebsabschaltung.«

»Ach. Weshalb?«

»Jemand hat nachts eine Interlock-Tür geöffnet. Der Anlass ist unklar. Aber das ist der Grund für den jetzigen Shutdown.« Dorothea schürzte unwillig die Lippen. »Eine Katastrophe. So eine ungewollte Betriebsabschaltung kann eine Menge Elektronik kaputt machen. Du schaltest ja deinen PC auch nicht aus, indem du den Stecker aus der Dose ziehst. Achtung, Kopf einziehen!«

Wir durchliefen im Halbdunkel ein schmales Labyrinth und gelangten in den abgeschirmten Teil der DORIS-Experimentierhalle, in dem der Detektor stand.

»ADONIS!«, stellte Dorothea nicht ohne Stolz einen metallenen Kubus von den Ausmaßen eines Einfamilienhauses vor, eingezwängt zwischen Stapeln von riesigen Betonklötzen.

»Wow! Was für ein Brocken.«

»Und schwer. Allein das Kalorimeter wiegt siebenhundert Tonnen. Zusammen mit dem Eisenjoch hat ADONIS ein Gewicht von knapp der Hälfte des Eiffelturms.«

Ich pfiff anerkennend durch die Zähne. »Properes Kerlchen.«

»Da oben siehst du die Vakuumröhren für die Protonen und Antiprotonen.« Sie legte eine Hand auf meine Schulter und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf zwei Strahlrohre in Höhe von knapp drei Metern zwischen Detektor und Wand. Ein schönes Gefühl, ihre Hand auf der Schulter.

»Die Protonen kommen links aus dem Tunnel und die Antiprotonen von der anderen Seite. In der Mitte des Detektors laufen die beiden Teilchenstrahlrohre zusammen. Dort ist der Kollisionspunkt.« Sie zog die Hand zurück.

»Der Wechselwirkungspunkt?«, fragte ich.

Sie genoss sichtlich meinen gespannten Gesichtsausdruck. »Richtig.«

»Aber was passiert hier, wenn die Anlage in Betrieb ist?«

»Bis zu zweihundert Teilchenpakete, bestehend aus Bienenschwärmen von Protonen und Antiprotonen, laufen im Nominalbetrieb in der Beschleunigeranlage gegenläufig im Kreis herum und durchtunneln viele Millionen Mal pro Sekunde den Wechselwirkungspunkt in der Mitte des Detektors. Dabei prallen ein paar von ihnen mit einer Schwerpunktsenergie von einem Tera Elektronenvolt aufeinander.«

»Eine Eins mit zwölf Nullen: tausend Milliarden Elektronenvolt«, reflektierte ich erfreut.

»Es kommt zu elementaren Wechselwirkungen, zu physikalischen Reaktionen, wie sie kurz nach dem Urknall im Universum stattgefunden haben, zur Produktion von Sekundärteilchen, die wie Billardkugeln beim Karambolage-Spiel auseinanderfliegen.« Um die Gewalttätigkeit der Explosion anzudeuten, die im Innersten des Detektors vonstattengeht, breitete sie die Arme weit aus, was mir einen tiefen Blick in ihr Dekolleté gestattete.

Ich war beeindruckt. Nicht nur von Dorotheas Maßen. Auch von ihrem Fachwissen. Und kurz davor, mich wieder in sie zu vergucken.

Sie machte schnell den obersten Knopf ihres Business-Kostüms zu, der sich bei der jähen Bewegung geöffnet hatte, und setzte ungerührt ihren Vortrag fort. »Der Detektor hat die Aufgabe, die physikalischen Eigenschaften der Bruchstücke dieser elementaren Kollisionsreaktion zu vermessen. Dafür stehen ganz unterschiedliche Detektorkomponenten zur Verfügung. Im Inneren sitzt die Driftkammer zur Bestimmung der Spuren und Ladungen der Teilchen, die bei dem Zusammenstoß entstehen. Die Driftkammer wird nahezu hermetisch von dem Kalorimeter umschlossen, das wiederum die Aufgabe hat, die Teilchenenergien zu vermessen. Ich merke, du bist nicht mehr ganz bei der Sache.«

»Doch, doch«, versicherte ich und machte ein interessiertes Gesicht. »Wir waren bei der Driftkammer, die nahezu hermetisch –«

»Zugegeben«, unterbrach sie, »im zusammengefahrenen Zustand wirkt der Detektor nicht sehr vielschichtig. Wir gucken uns ADONIS später an, wenn er nackt vor uns steht. Lass uns stattdessen einen Blick in den DORIS-Tunnel werfen.«

Also liefen wir das schmale Labyrinth zurück, weiter vor bis zur Interlock-Tür, stiegen von dort eine Stahltreppe zu einer Galerie hinauf, passierten eine weitere gelbe Interlock-Tür, trabten mit eingezogenen Köpfen im Zickzack durch ein zweites Labyrinth und betraten endlich den Beschleunigertunnel.

»Wow!«, wiederholte ich beim Anblick der leicht gekrümmten, fünf Meter breiten Röhre, die in hundert Metern Entfernung aus dem Sichtfeld lief.

»Die Ringanlage DORIS hat einen Umfang von knapp drei Kilometern«, sagte Dorothea so selbstbewusst, als hätte sie sie eigenhändig gebaut.

Neonleuchten hingen an der Decke. Die zwei Strahlrohre für die Protonen und Antiprotonen waren auf massive Gestelle montiert, flankiert von pfeifenden Vakuumpumpen, rosafarbenen Fokussierungs- und Ablenkungsmagneten und metallischen Hohlraumresonatoren. Parallel zu den Strahlrohren lief eine schmale Trasse für das wissenschaftlich-technische Personal.

»Die Erforschung der Struktur der Materie ist direkt gekoppelt an die maximal erreichbare Energie des Beschleunigers«, referierte Dorothea und lehnte sich lässig gegen einen der metallenen Hohlleiter. »Je höher die Energie der Teilchen bei der Kollision, desto tiefer unser Einblick in den Mikrokosmos. Deswegen hat jede Beschleunigeranlage per definitionem eine feste Schranke, bis zu der sich die Wissensgrenze maximal verschieben lässt.« Sie holte tief Luft, um dann unvermittelt in die Geschichte der Streuexperimente einzutauchen: angefangen bei der Streuung von Alpha-Strahlen an einer hauchdünnen Goldfolie, aus der Rutherford vor knapp hundert Jahren darauf geschlossen hatte, dass ein Atom aus einem kompakten Kern besteht, über die Versuche von Otto Hahn und Lise Meitner zur Kernspaltung, bis hin zu den beschleunigerbasierten Teilchen-Antiteilchen-Kollisionen der jüngeren Zeit.

Ich hörte nur mit halbem Ohr zu, denn ich fühlte mich plötzlich wie eine Besucherin am Tag der offenen Tür, der man die Grundlagen der Physik beibringen muss. Mir kamen die kruden Fragen von Taxi-Christian in den Sinn. Aber war seine Skepsis gegenüber der Teilchenphysik so unbegründet? Es heißt, Wissen ist Macht. Welche Bedeutung hat dann die Erforschung der »Struktur der Materie«? Welche Relevanz hat diese Art der Forschung? Was bedeutet sie theoretisch, was praktisch? Was bedeutet sie wirtschaftlich und was politisch? Welchen Einfluss haben Entdeckungen der Teilchenphysik auf die Gesellschaft? Können sie zu Paradigmenwechseln führen? Zu technischen Revolutionen? Gar zu gesellschaftlichen Umwälzungen? Wie mächtig ist letzten Endes das teilchenphysikalische Wissen? Und wie mächtig ist man, wenn man die Weltformel kennt?

»Mit DORIS haben wir diese maximal verschiebbare Wissensgrenze leider so langsam erreicht«, beendete Dorothea ihren Vortrag.

»Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an interessant zu werden, wo sie offiziell aufhört«, sagte ich feierlich.

»Der Kalenderspruch des Tages, Frau Rührmann?«

Wir drehten uns überrascht um. Der Mann war Anfang dreißig und hatte ein äußerst gewinnendes Lächeln. Weiß der Himmel, woher er plötzlich gekommen war. Er hatte sich, wie offenbar am DESY üblich, einen leichten Sommerpullover leger über die Schultern geworfen. In der linken Hand hielt er eine Kanne, der weißer Dampf entstieg. Er hatte ein schön geschnittenes, leicht gebräuntes Gesicht, das auch durch eine lange Narbe auf der rechten Wange nicht an Reiz verlor. Im Gegenteil.

»Der Spruch stammt von Justus von Liebig«, belehrte ich den Mann und musterte ihn. Seine rauchgrauen Augen waren lebhaft und hatten einen ungewöhnlichen Glanz. »Woher kennen Sie meinen Namen?«, fragte ich.

»Ihre morgendliche Ankunft mit dem ELV hat den Flurfunk am DESY mächtig aktiviert. Alle Achtung, kein schlechter Auftritt.« Er stellte die dampfende Kanne ab, deutete entschuldigend auf seine bandagierte rechte Hand und gab mir zur Begrüßung die linke. »Ich nehme an, Sie haben den Job bekommen?«

»Es sieht so aus. Zumindest für die Probezeit.«

»Willkommen an Bord!«

»Danke«, sagte ich und spürte im Nacken den kurzen Atem von Dorothea. »Mit wem habe ich die Ehre?«

»Mein Name ist Hässler. Erik Hässler.« Er konnte gut lächeln. Überzeugender als Petra Landau. Ich fragte mich, wie oft er dieses Lächeln schon zu seinem Vorteil eingesetzt hatte. Was aber verrieten mir die feinen Schweißperlen auf seiner Stirn?

»Und was die Verschiebung der Wissensgrenzen anbetrifft«, fuhr er fort und seine Narbe flammte plötzlich rot auf, »genau da haken wir jetzt ein. Dank unserer guten alten DORIS – allen neu geplanten Beschleunigeranlagen zum Trotz.«

»Erik arbeitet in der Gruppe von Professorin Bärbel Bolz«, erläuterte Dorothea von hinten. »Er ist mit seinen Messungen maßgeblich beteiligt an der Interpretation der neuen …«, sie hielt kurz inne, »Geisterteilchen.«

Wirklich ein erstaunlich schöner Mann. Groß und kräftig und mit einer Narbe im Gesicht wie ein Blitz. Ein Glückskind, dem die Sterne vom Himmel geholt werden.

»Inzwischen sind viele auf den fahrenden Zug aufgesprungen, wie das immer so ist«, sagte Hässler ärgerlich. »Und es sind unzählige theoretische Interpretationen zur Erklärung dieser Geisterteilchen erschienen, darunter schließlich auch die Behauptung, dass ein ganz banaler Effekt nicht ausgeschlossen werden könne.«

»Wie interpretiert Dietmar Schäfer die Messungen?«, fragte ich sachlich.

Der Blitz auf Hässlers Wange rötete sich.

»Arbeiten von Schäfer hierzu sind mir nicht bekannt«, sagte er knapp.

»Das erstaunt mich. Gerade an seiner Interpretation müssten Sie doch brennend interessiert sein, heißt es doch, dass er auf diesem Gebiet eine wahre Koryphäe ist.«

Hässler blickte überlegen und amüsiert auf mich herab, aber ich ließ mich nicht beirren.

»Ferner heißt es, dass Schäfer längst ein entsprechendes Papier verfasst hat.«

»Wie gesagt, das entzieht sich meiner Kenntnis.«

»Obwohl der Flurfunk ansonsten perfekt funktioniert?«

»Ich für meinen Teil bin hundertprozentig von der Richtigkeit unserer Messungen überzeugt«, wich er aus.

»Dafür legen Sie offensichtlich Ihre Hand ins Feuer.« Ich deutete auf seinen Verband.

Er ließ seine weißen Zähne aufblitzen. »Am DESY wird mit harten Bandagen gekämpft. Was nicht tötet, härtet ab.« Aber hallo. Pingpong auf höchster Ebene. Bin gespannt, wie unser Spiel ausgeht.

»Und was tötet?«, fragte ich.

Für einen Moment schien Hässler den Atem anzuhalten. »Vielleicht eine so freche Frau wie Sie?«, fragte er und bemühte sich um seinen belustigten Gesichtsausdruck von vorhin. »Liebe Kolleginnen«, sagte er dann, »Sie entschuldigen mich. Die Arbeit ruft.« Er verabschiedete sich mit einem kurzen Kopfnicken und lief, die dampfende Kanne in der Hand, Richtung Tunnelausgang.

»Der soll mal nicht über seinen Stickstoffbehälter stolpern«, bemerkte Dorothea zickig. »Nimm dich in Acht vor ihm. Der geht über Leichen.«

»Welche Position hat er am DESY?«

»Erik ist einer unserer Shootingstars.«

»Hmm.« Ich kam nicht umhin zuzugeben, dass er mir imponiert hatte.

»Er gilt als exzellenter Nachwuchswissenschaftler.«

»Hmm.« Aber warum wollte er nichts von Schäfers Analyse wissen?

»Aber wenn du mich fragst, wird er maßlos überschätzt.«

»Wie kommt er dann zu dieser hervorgehobenen Stellung?«

»Erstens wird er von Bärbel Bolz protegiert. Und Bolz ist neben Schäfer die Autorität am DESY. Na ja, und sein letzter Auftritt im Science Council war ein echter Coup.«

Schwang da eine gewisse Anerkennung mit?

»Was hat er gemacht?«

»Er hat die Messdaten des ADONIS-Experiments mit denen eines Experiments zur Dunklen Materie an Bord des Satelliten ARIADNE verglichen. Hässlers Theorie zufolge müsste ARIADNE ähnliche Prozesse vorhersagen wie diejenigen, die jetzt bei ADONIS gemessen wurden, allerdings in wesentlich schwächerer Form.« Sie hielt nachdenklich inne. »Und tatsächlich wurden unlängst solche Ergebnisse des Satellitenexperiments veröffentlicht. Viele Kollegen meinten im Nachhinein, so kurz nach der Veröffentlichung der ADONIS-Ergebnisse könnte der Hinweis auf die ARIADNE-Messungen kaum ein Zufall gewesen sein. Es heißt«, raunte Dorothea so leise, dass ich dichter an sie herantreten musste, »eine ungeprüfte Version eines Artikels zu den ARIADNE-Messungen sei bereits seit Juli online zugänglich gewesen.«

»Absichtlich?«, fragte ich ebenso leise und kam ihr so nah, dass ich den Duft ihres Haares riechen konnte.

»Wohl eher aufgrund der Fehlkonfiguration eines Servers.« Sie senkte die Stimme noch weiter. »Böse Zungen behaupten allerdings, Erik hätte seine Arbeit deshalb klammheimlich auf den spektakulären Effekt maßschneidern können.«

»Nein!«, flüsterte ich.

»Doch!«, flüsterte Dorothea.

Dann wird es höchste Zeit, Licht ins Dunkel zu bringen.

»Besuchen wir doch einfach«, sagte ich und schaltete stimmlich wieder auf Zimmerlautstärke, »das oberste Schiedsgericht des Labors, Professor Dietmar Schäfer. Fragen wir ihn, was er dazu meint!«

Flurfunk

Montag, der 10. August, 11:57 Uhr

Die Tür zu Schäfers Büro war nur angelehnt.

»Herr Professor Schäfer?«, fragte ich und äugte ins Zimmer. Es schien den dritten Satz der Thermodynamik, wonach die Entropie, also die Unordnung der Welt, beständig zunimmt, auf kongeniale Weise bestätigen zu wollen. Das Büro quoll über von Büchern, Papieren, Aktenordnern und Zeitschriften. Die Unterlagen stapelten sich bis zur Decke. Auch hier rotierte ein Ventilator, dessen lange Papierstreifen wie Blätter im Sommerwind rauschten. Unter dem Schreibtisch kniete ein Mann.

»Professor Schäfer?«

Ächzend krabbelte der Mann hervor. Gernot Schmidt. Die kleine Gymnastik hatte ihm ein zartes Rosa ins aschgraue Vogelgesicht gezaubert.

»Was machst du denn da, Gernot?«, fragte Dorothea irritiert.

»Im Prinzip wollte ich den Laptop in Betrieb nehmen«, stotterte er und deutete auf ein altes Gerät auf einem der vergilbten Papierstapel. »Aber er funktioniert nicht. Die Batterie ist kaputt.«

»Der tut es wohl schon eine ganze Weile nicht mehr, so verstaubt wie der ist«, sagte Dorothea. »Hat dich etwa Professor Schäfer darum gebeten?«

»Ja«, sagte Gernot Schmidt verlegen, »im Prinzip ja. Ich soll alle seine Laptops betriebsbereit einsammeln.«

»Wie viele hat er denn?«, fragte Dorothea.

»Im Prinzip zwei.«

Schlechte verbale Angewohnheit, das mit dem Prinzip. »Und was ist da drin?«, fragte ich und zeigte auf einen Aluminiumkoffer unter dem Tisch.

»Das ist sein Aktenkoffer.«

Gernot Schmidt klopfte sich den Staub von der Hose. »Darin deponiert Schäfer normalerweise die Unterlagen, an denen er arbeitet. In seiner Abwesenheit muss ich drauf aufpassen.«

»Wo ist denn Herr Schäfer jetzt?«, fragte ich und betrachtete den Koffer. Er sah genauso aus wie der von dem katholischen Mafioso im Zug heute Morgen.

»Ich nehme an, zu Tisch«, sagte Schmidt an mir vorbei. Er gehörte zu den Leuten, die einen nicht ansehen, wenn man mit ihnen spricht. Dabei waren Schmidts braune Augen das einzig Schöne an ihm.

»Bestellen Sie ihm bitte, dass ich ihn dringend sprechen muss«, sagte ich und wunderte mich über die Strenge in meiner Stimme.

»Sie sind nicht die Einzige, die das will«, donnerte es plötzlich hinter mir. Den Türrahmen füllte eine ältere Frau mit der Figur eines Kubus. »Wir sind uns noch nicht begegnet, nehme ich an?« Sie begutachtete mich ungeniert von oben bis unten.

»Nikola Rührmann«, stellte ich mich vor.

»Bärbel Bolz mein Name!«, dröhnte sie asthmatisch zurück.

Sie trug eine braune Jacke und Hosen von märchenhaften Dimensionen. Ihr Mund war schlaff, das Fleisch der Wangen lose und welk. Ihre Gesichtszüge, die einmal recht hübsch gewesen sein mussten, waren verfallen. Trotz der äußerlichen Makel strahlte sie ein tonnenschweres Selbstbewusstsein aus.

»Bitte entspannen Sie sich!«, röhrte sie und schaute sich in dem Büro um. »Erik hat mir berichtet, dass Schäfer etwas zu meckern hätte. Ich wollte nur wissen, woran er sich stößt, der Kollege.« Sie hob mit spitzen Fingern eins der ausgedruckten Blätter hoch und überflog flüchtig den Text. Dann entdeckte sie den glänzenden Koffer unter dem Tisch. »Gernot, bestellen Sie Ihrem Chef, dass ich ihn dringend zu sprechen wünsche.« Mit einem kreisenden Blick, der auch meinen traf und mit dem sie unwiderruflich klarstellte, dass ihr Anliegen prioritär zu behandeln war, fing sie den Raum noch einmal ein, ehe sie das Schlachtfeld so schnell, wie sie gekommen war, wieder verließ. Gernot Schmidt, Dorothea Weber und ich atmeten auf.

»Das war Bärbel Bolz.«

»Wow!«, sagte ich. Heute zum vierten Mal.

»Wir sollten nicht länger auf Schäfer warten. Kommst du mit in die Kantine?«, fragte Dorothea halbherzig und schaute auf die Uhr. »Aber natürlich nur, wenn du Lust hast«, setzte sie knapp hinzu. Eine Einladung klingt anders.

»Nein, ich werde mich ein bisschen in meinem Büro einrichten.«

»Okay, wir sehen uns später.« Und schon eilte sie davon.

»Im Prinzip würde ich dann auch gehen«, drängte auch Gernot Schmidt schüchtern zum Abschied. »Auf Wiedersehen, Frau Rührmann.«

Aufpassen, dat der sich jetzt nicht in Luft auflöst, warf Edu dazwischen. Wie es aussah, würde ich alleine essen gehen müssen.

Als ich mein Büro betrat, saß ein junges Mädchen an meinem Schreibtisch.

»Hallo!«, rief sie und sprang auf. »Sie sind sicher …«

»Nikola Rührmann. Und Sie sind …«

»Sibylle Reinold, Ihre Praktikantin. Ich war gerade dabei, den Rechner einzurichten …«

Sie war sehr jung und sah noch jünger aus. Ihre Augen, sanft und groß, waren porzellanblau und hatten Ausdruck und Tiefe. Das flachsblonde Haar, zu einem dicken Zopf geflochten, reichte bis zur Taille. Ein ganz eigener Duft umwehte sie: ein frischer Sommerduft mit einer Mischung aus Tuberose und frisch gebackenen Brötchen.

Ich hatte sofort den Eindruck, dass ich in Sibylle einen echten Kompagnon finden würde, den ersten im Labor, einen, den ich hier noch dringend gebrauchen konnte. Spontan schlug ich ihr vor, uns zu duzen, und weil keine Warnung aus den Wolken kam, ich sei zu voreilig, weihte ich sie auch gleich in meinen Sonderauftrag ein. »Aber erzähl das nicht weiter. Ist streng vertraulich!«

Unnötig drauf hinzuweisen, brummelte Edu, dat Mädchen hat Charakter. Haben wir doch gleich erkannt.

»Sonderauftrag«, wiederholte Sibylle nachdenklich. »Jetzt verstehe ich.«

»Was verstehst du?«

»Weißt du schon, wo du heute Nacht schlafen wirst?«

»Ich müsste mich noch kümmern.«

»Eben nicht«, sagte Sibylle und hielt ein Kuvert in die Höhe. »Der Forschungsdirektor bittet darum, dass du dich für diese Woche im Hotel Royal einquartierst.« Sie verdrehte vielsagend die Augen. »Fünf Sterne.«

»Wie komme ich zu dieser Vorzugsbehandlung?«

»Ab Mittwoch sind auch die Gutachter dort untergebracht. Ich nehme an, dass du flankierend helfen sollst. Außerdem«, sie ließ ihre Porzellanaugen erneut rollen, diesmal verschwörerisch, »wohnt auch Professor Schäfer während dieser Woche dort.«

Ach! »Der wohnt im Hotel?«

»Ja, ich vermute, aus dem gleichen Grund wie du.«

Alles generalstabsmäßig geplant, dachte ich. Na, mal gucken, ob am Ende auch alles generalstabsmäßig abläuft. »Okay«, grinste ich, »tun wir Hermann Mann den Gefallen. Aber bevor wir zur Arbeit schreiten, möchte ich unsere Kantine kennenlernen.«

»Dann guten Appetit«, sagte Sibylle.

»Der Spott wird dir vergehen, Helferlein. Du kommst nämlich mit. Wir machen ein Working Lunch!«

Mahlzeit

Montag, der 10. August, 12:56 Uhr

Das Essen in der Kantine schmeckte wie angekündigt.

Der Hunger treibt’s rein, knurrte Edu.

»Du hast leicht reden da oben, du musst es ja nicht essen.«

»Was meinst du?« Sibylle guckte mich mit großen, runden Augen an.

»Ach nichts, manchmal spreche ich mit meinem Großvater Edu. Ist so eine Marotte von mir.«

»Lebt er in Hamburg?«, fragte Sibylle in ihrer jugendlichen Unbekümmertheit.

»Das nicht gerade. Er ist seit 27 Jahren tot.«

»Ach so«, sagte Sibylle.

»Lass uns einen Plan aufstellen, Helferlein!«, schlug ich vor.

»Bin ganz Ohr«, strahlte sie.

»Ich benötige die Artikel zu den jüngsten ADONIS-Messungen. Such mir alles raus, was du darüber finden kannst, insbesondere die Veröffentlichung von Erik Hässler.«

»Aye, aye, Sir!«

»Dann ist da noch ein Satellit, der die Dunkle Materie erforscht. Er heißt ARIADNE. Zwischen den Ergebnissen von ARIADNE und denen von ADONIS soll es einen forschungstheoretischen Zusammenhang geben.«

Sibylle wurde sehr ernst. »Du brauchst den dazugehörigen Artikel?«

»Genau, meine kluge Kleene. Besorg mir das Paper.«

»Verstanden.«

»Gut«, sagte ich und vergewisserte mich, dass niemand mithörte. »Dann benötige ich das DESY-Organigramm. Ich muss die Organisationsstrukturen verstehen.«

»Ja, Chef.«

»Nenn mich nicht Chef.«

»Sondern?«

»Chefin!«

Wir lachten. So laut, dass sich die Kollegen am Nebentisch neugierig umdrehten.

»Zurück auf Eins«, flüsterte ich. »Zu DORIS. Hier interessiert mich, welche Bedingungen das Forschungsministerium für den Fall einer Laufzeitverlängerung stellt.« Ich schob die Erbsen an den Rand des Tellers. »Ferner benötige ich die wesentlichen Informationen zur Planung von FLIX.«

»FLIX?«, erkundigte Sibylle sich vorsichtig.

»Der Free electron laser based on linear acceleretors for X-rays, das große Nachfolgeprojekt am DESY.« Ich runzelte irritiert die Stirn. »Hast du etwa noch nicht davon gehört?«

Sibylle schüttelte verschämt den Kopf und errötete.

»Musst du aber«, mahnte ich. »Wenn DORIS eine Laufzeitverlängerung erhält, dann verzögert sich der Bau des neuen Projekts um mindestens ein Jahr.«

»Verstehe«, sagte Sibylle artig.

»Wirklich? Hast du im Rahmen deines Praktikums schon einen Gang über das Gelände gemacht?«

»Nein, noch nicht.«

»Das machst du morgen gleich als Erstes. DESY hat eine PR-Abteilung. Die bieten sicherlich öffentliche Führungen an.«

»Verstanden«, sagte sie zerknirscht.

»So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Iss weiter.« Ich beugte mich vor. »Und nun zu den Gutachtern.«

»Du brauchst alle Informationen über die Gutachter?«, fragte sie eifrig.

»Genau. Alles, aber auch alles, was du über sie herausfinden kannst«, sagte ich eindringlich. Ich schob meinen Teller von mir weg. »Noch viel mehr interessiert mich allerdings«, raunte ich und kontrollierte mit einem kurzen Rundblick, ob uns nicht doch jemand zuhörte, »Dietmar Schäfer.«

»Professor Dietmar Schäfer?«

»Genau der. Besorg mir sämtliche Informationen über ihn: Curriculum Vitae, sein aktuelles Vorlesungsverzeichnis, seine Literaturliste, vielleicht ein paar seiner jüngsten Veröffentlichungen, wo er wohnt, mit wem er wohnt, mit wem er gerne wohnen würde und so weiter und so weiter.« Ich blickte kurz nach rechts und links. »Und besorg mir vor allem ein Foto von ihm. Das wär’s.«

»Verstanden«, sagte Sibylle und legte ihr Besteck ab. Wir hatten beide unser Essen kaum angerührt.

»Ach, noch was: Mike Cardy, ein junger amerikanischer Physiker, hatte die witzige Idee, in einigen Büros Papierstreifen an die Ventilatoren zu kleben. Bastelst du mir auch so was?«

»Das berühmte Blätterrauschen am DESY. Klar, mach ich dir.«

Zufrieden ließ ich den Blick durch die Kantine schweifen. Das Publikum war ein Querschnitt des DESY-Personals, die leger übergeworfenen Pullover waren das Erkennungsmerkmal der Teilchenphysiker. Am anderen Ende des Speisesaals entdeckte ich Dorothea. Ihr gegenüber saß ein Geschäftsmann im Dreiteiler. Sieh mal einer an, er strich ihr vertraut über die Hand, ehe er sein Glas hob, um ihr zuzuprosten. Dann schaute er zur Seite, und ich sah sein hartes Profil.

»Was ist? Was guckst du so gespannt?«, fragte Sibylle.

»Den Typen da drüben bei der Weber, den kenne ich irgendwoher.«

Sibylle wollte den Kopf wenden, aber ich zischte sie an: »Dreh dich nicht um.«

Sie gehorchte.

»Ich habe so ein Gefühl … und das hat bei mir immer was zu bedeuten.« Edu wollte sich zu Wort melden, aber ich wehrte ihn ab. »Wir sollten die Kantine regelmäßig aufsuchen.«

»Weshalb?«, fragte sie verblüfft mit Blick auf unsere nicht einmal halb geleerten Teller.

»Weil es hier soziokulturell betrachtet verdammt viel zu sehen gibt, deshalb«, flüsterte ich und rollte die Augen bedeutungsvoll vier Tische weiter. »Mit wem sitzt Mike Cardy da?«

»Das ist ein Azubi«, klärte Sibylle mich auf. »Zu erkennen an seinem blauen Overall. Den tragen alle Auszubildenden am DESY.«

Der Junge war etwa in Sibylles Alter, ein südländischer Typ. Mike Cardy sprach wild gestikulierend auf ihn ein. Wir spitzten die Ohren, doch war im allgemeinen Gemurmel der Kantinenbesucher kein Wort zu verstehen.

»Macht nichts, Helferlein, Bill Ramsay nehme ich mir nächstens persönlich vor. Ich habe den Eindruck, dass es ein leichtes Spiel wird, von ihm zu erfahren, was ihn gerade so aufregt. Er ist die reinste Plaudertasche.«

»Und ich hatte schon befürchtet, dass mein Praktikum am DESY etwas langweilig werden könnte.«

Hotel Royal

Montag, der 10. August, 19:34 Uhr

Jede Stadt hat ihre Eigenheiten. In Hamburg zieht am Abend oft kühle, feuchte Seeluft von der Elbe den Hang hinauf und ist sogar noch in der Innenstadt zu spüren. Auch an diesem Montag, als ich müde in der Rothenbaumchaussee unweit des Dammtor-Bahnhofs vor dem Hotel Royal stand.

Wat machste so ein finsteres Gesicht, Herzblättschen? Geh rein undgenieß jeden Stern einzeln, versuchte mir Edu einen Schubs zu geben.

»Ich frage mich, was ich in Hamburg eigentlich will«, brummte ich.

Arbeiten, wie wir alle, rief Edu.

»Morgens ins Büro und abends brav wieder nach Hause? Fünf Tage die Woche? Achtundvierzig Wochen im Jahr? Fünfundzwanzig Jahre lang? Danach die Hacken zusammenschlagen und zu dir auf die Wolke kriechen? Nee danke.« In Berlin hatte ich mich von diesem biedermeierlichen Lebensentwurf verabschiedet, aber Pustekuchen. Die Weltwirtschaftskrise spülte mich an die Gestade meiner Jugend zurück, dorthin, wo alles angefangen hat. Was war aus meinen Plänen geworden?

Du bist eine Schwarzseherin und badest in Selbstmitleid!

»Außerdem ärgert es mich, dass ich Schäfer heute nicht in seinem Büro angetroffen habe, vielleicht wäre ich sonst bei meinem Sonderauftrag vorangekommen.« Aber das Rumstehen brachte mich auch nicht weiter. Also gab ich mir einen Ruck und ließ mich von der Drehtür in die Hotellobby treiben.

Die Empfangshalle war großzügig ausgelegt und ihre mit Motiven der Stadt bemalte Kuppel von beachtlicher Höhe. An einem schmalen Pult neben der Tür stand ein livrierter Portier. Zur Begrüßung bleckte er seine Biberzähne und schaute diskret über meinen geschulterten Rucksack hinweg. Die Hotelgäste, die die Lobby bevölkerten, schienen gut situiert, die Herren in dunklen Anzügen, die Damen in teuren Roben.

Ich schlenderte zum Empfang und checkte ein. Die junge Rezeptionistin im marineblauen Kostüm, mit tiefsitzendem Seitenscheitel und einem roten Nickituch um den schmalen Hals, überreichte mir die elektronische Schlüsselkarte und sagte professionell lächelnd: »Zimmer 304 in der dritten Etage. Die Karte bitte mit dem Pfeil nach oben einführen. Der Lift ist gleich links. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in unserem Haus, Frau Doktor Rührmann!«

Die Zahl 304 gefiel mir – die Null in der Mitte wie eine Dame, von einem jüngeren und einem älteren Herrn flankiert.

Dat ist nicht von dir, Liebschen, dat ist von Joseph Roth, rügte Edu. Aber egal, lenkte er gleich ein, schöne Gedanken darf man ruhig klauen. Damit sie nicht verloren gehen.

Der Fahrstuhl schloss sich lautlos, und ebenso lautlos setzte er sich in Bewegung. Auf der dritten Etage lief ich den langen Hotelflur entlang, immer die Zimmernummern im Auge: 301, 302 … Der dicke Teppichboden verschluckte jeden meiner Schritte.

Im Zimmer 304 angekommen schmiss ich meinen Rucksack in die Ecke, stellte den Radiowecker auf FSK 93,0 MHz, sank auf das frische, kühle Bett und fiel von den Sternen begleitet in tiefen Schlaf.

In diesem Sinn stellt man sich nicht so an und überlässt das Denken den Profis. Und das Handeln sowieso. Und am besten lässt man alles so, wie’s ist. In diesem Sinn begräbt man seinen Stolz, in diesem Sinn strengt man sich an, in diesem Sinn zu arbeiten, zu überlegen, wie man noch mehr raffen kann.

Wir können nichts, wir sind nichts, wir wollen nichts und wir werden nichts: in diesem Sinn.

Ein Klingeln weckte mich. Wo war das Telefon? Auf dem Nachttisch.

»Ja?«, meldete ich mich kraftlos.

»Nikolaus, bist du etwa schon im Bett?«, bellte eine Stimme in mein Ohr. Sie klang nach Jan N Punkt.

»Nein, am Schreibtisch.«

»Hört sich gar nicht so an«, raunzte es zurück. Kein Zweifel, Jan N Punkt. »Ich bin unten in der Lobby!«

»In vier Minuten bin ich bei dir.« Ich richtete mich auf und verglich die Uhr auf dem Nachttisch mit meiner eigenen: 20:22 Uhr zeigten beide übereinstimmend.

Wie hat mich Jan nur ausfindig gemacht, dachte ich, während ich mir die flachen Schuhe zuschnürte und die Bluse glattstrich. Aber gut, dass er mich geweckt hatte, denn ich musste Herrn Schäfer heute noch einen Besuch abstatten. Außerdem freute ich mich, Jan wiederzusehen.

Genau vier Minuten später betrat ich die Eingangshalle, Jan saß in einem der schweren Sessel der Sitzgruppe und schmökerte im Hamburger Abendblatt. Das Haar meines ehemaligen Kommilitonen war schütter geworden, das Gesicht fülliger, aber sein schwarzer Spitzbart und seine kleinen, scharf blickenden Augen hinter der Nickelbrille waren noch so, wie ich sie von unserer letzten Begegnung vor acht Jahren in Erinnerung hatte.

»Jan N Punkt, alter Trotzkist!«, rief ich.

Er legte die Zeitung beiseite, sprang vom Sessel auf und lief auf mich zu. Wir umarmten uns innig. Dann betrachtete er mich von Kopf bis Fuß. »Gut siehste aus, Nikolaus!«

»Also, wenn du auf mein Outfit anspielst: So was trage ich nur, weil ich mich heute für einen neuen Job vorstellen musste.«

»Du bist unverändert, Nikolaus.«

»Das stimmt nicht. Guck dir nur meinen Raben an!« Ich schob den Ärmel der Bluse hoch und zeigte auf die blaugraue Tätowierung auf meinem Arm. »Der lässt schon die Flügel hängen.«

»Er sieht aus wie gerade aus dem Ei geschlüpft.«

»Wir sollten nicht unserer Jugend nachrennen, alter Charmeur. Wir holen sie eh nicht mehr ein. Von wem weißt du überhaupt, dass ich hier bin?«

»Christian hat mich informiert, dass du jetzt am DESY arbeitest. Ich habe kurzerhand dort angerufen. Die Zentrale hat mich mit deiner Sekretärin verbunden.«

»Praktikantin, wenn du mit Sibylle telefoniert hast.«

»Ist ja egal. Jedenfalls nannte sie mir deine Unterkunft. Und ich muss sagen«, er sah sich übertrieben andächtig um, »nobel, nobel. Ein Sechs-Sterne-Hotel.«

»Fünf! Es hat fünf Sterne. Die reichen aber auch schon. Im Übrigen bin ich aus …«, ich legte kurz den Finger auf die Lippen, »aus investigativen Gründen hier. Es geht um einen Sonderauftrag.«

»Das klingt aufregend, Nikolaus«, stellte Jan fest und fragte nicht weiter nach. Das hat er nie getan.

In diesem Augenblick betrat Gernot Schmidt die Hotellobby, sichtlich um ein sicheres Auftreten bemüht. Unter den Arm hatte er ein aufgerolltes Poster geklemmt, in der Hand hielt er Schäfers dubiosen Aluminiumkoffer.

»Was will der denn hier?«, entfuhr es mir, und ich trat instinktiv hinter Jan. Gernot Schmidt blickte fragend zum Biber in Livree, worauf dieser in Richtung Empfangstresen wies und Schmidt sich mit unsicheren Schritten auf den Weg dorthin machte.

»Wer ist das?«

»Ein Kollege vom DESY«, sagte ich leise. »Ich frage mich, was er hier macht.« Und warum er diesen Koffer mit sich herumträgt. »Ich gehe kurz rüber und erkundige mich, was er vorhat.«

Ich erreichte den Tresen in dem Augenblick, als die junge Rezeptionistin mit einer Miene des Bedauerns den Telefonhörer auflegte und zu Gernot Schmidt sagte: »Professor Schäfer ist offensichtlich noch nicht im Hause. Ich kann die Sachen aber gerne auf sein Zimmer bringen lassen.« Sie winkte einem Pagen in grauer Hoteluniform.

»Im Prinzip könnte ich ja selber«, sagte Gernot zögerlich und lächelte verlegen an der Rezeptionistin vorbei. »Aber es wäre natürlich nett –«

»Guten Abend, Herr Schmidt«, fuhr ich dazwischen.

Er blickte überrascht hoch und sah dann hastig beiseite. »Frau Rührmann?«

»Was treibt Sie denn hierher?«

»Im Prinzip Herr Schäfer.« Die Antwort kam zweifellos schneller als gewollt. Er senkte den Blick auf seine Schuhspitzen.

»Bitte die beiden Sachen auf Zimmer 317«, wies die Rezeptionistin den Pagen an. Der Junge nickte höflich, griff nach dem Aluminiumkoffer und dem gerollten Plakat und trabte zum Fahrstuhl.

»Herr Schäfer bat mich, seine Posterpräsentation und die beiden Laptops, die er im Büro vergessen hatte, im Hotel vorbeizubringen«, murmelte Gernot Schmidt.

»Die waren im Koffer? Auch der Laptop, auf dem er seine aktuellen Arbeiten deponiert hat?«

»Im Prinzip ja.«

Ich sah dem Pagen nach, der in diesem Moment hinter der sich schließenden Fahrstuhltür verschwand. Da ging sie hin, die Analyse von Schäfer. »Verdammt!«

Die Rezeptionistin überhörte taktvoll meinen Fluch.

»Warum haben Sie mir nicht …«, zischte ich und wandte mich wieder Gernot Schmidt zu, aber der hatte sich bereits auf Französisch verabschiedet. Ich sah noch, wie er durch die große Drehtür verschwand. »Ich geb’s auf!«

»Was ist passiert? Du machst so ein grimmiges Gesicht, Niko«, stellte Jan besorgt fest, als ich ihn zum zweiten Mal aus seiner Abendblatt-Lektüre riss.

»Gehen wir in der Hotelbar was trinken«, erwiderte ich deprimiert. So dicht dran an der Erfüllung des Sonderauftrags – und dann das. Zu blöd.

Mach dir keine Gedanken, ming Mädsche. Du wirst diesen Schäfer noch treffen, versuchte mich Edu zu trösten. Schalt jetzt mal ab und trink disch einen!

Ein guter Rat. Das wollte ich probieren.

»Und wie geht es den Kindern?«, bemühte ich mich um einen heiteren Ton, nachdem wir auf den Barhockern am geschwungenen Tresen Platz genommen hatten.

»Gut.« Er kniff die Augen zusammen. »Ich hab sie vier Tage die Woche. Immerhin.«

Wir schwiegen. Auch Jan schätzte es, die Dinge manchmal im Raum stehen zu lassen.

»Was darf ich Ihnen anbieten?«, fragte der Barkeeper.

»Nicht zu fassen«, rief ich den rotschopfigen Mann überrascht an.

»Das haben wir leider nicht«, antwortete er trocken.

»Karotten-Rambo!«, rief ich. »Erkennst du mich nicht mehr? Du hast mir vor zwanzig Jahren mal auf ’ner Party deine Telefonnummer gegeben.«

»Offensichtlich habe ich nie einen Anruf bekommen, sonst würde ich mich bestimmt erinnern«, sagte er ungerührt.

»Du hattest eine Aquaholikerin zur Mutter und bist, wie sie vorausgesagt hat, Barkeeper geworden«, ereiferte ich mich. »Das ist ja toll! Nur deine Sommersprossen sind wegdiffundiert.«

»Leider nicht nur die«, entgegnete er melancholisch. »Meine Mutter gibt es inzwischen auch nicht mehr. Was wollt ihr trinken?«

»Na, anlässlich dieses Wiedersehens zwei Wodka-Kirsch«, sagte ich bedeutungsvoll, »aber in der richtigen Mischung!«

Karotten-Rambo begann leise zu lächeln, als dämmerte ihm, dass er sich über Wodka-Kirsch, aber in der richtigen Mischung schon mal mit jemandem unterhalten hatte.

»Verdammte Hacke«, sagte ich zu Jan, als uns der Barkeeper den Rücken zukehrte, um die Getränke zu mixen, »ich weiß nicht, ob mir diese Stadt guttut. All diese Erinnerungen, die in einem hochsteigen wie Kohlensäurebläschen im Wasserglas. Diese Stadt ist offensichtlich zu klein für mich.«

»Du hast einen Sonderauftrag, Niko«, erwiderte Jan ernst. »Da hast du etwas, woran du dich halten kannst.«

Ja, ich hatte einen Sonderauftrag, an den ich mich halten konnte. Aber leider verstand ich ihn nicht.

Karotten-Rambo servierte die Wodka-Kirsch und wünschte uns ein »Wohl bekomm’s!«.

»Stell dir vor«, sagte Jan mit neuem Schwung, nachdem er von seinem Drink mehr als nur gekostet hatte, »ich bin dabei, wieder unter die Hausbesetzer zu gehen.«

»Nein!«

»Doch! Und das auf meine alten Tage.« Er lachte und schien sich diebisch an dem Gedanken zu freuen. Im Flüsterton fuhr er fort: »Gemeinsam mit Rüde hab ich mich einer Künstlergruppe angeschlossen, um einen Altbaukomplex im Gängeviertel vor dem Abriss zu bewahren. Die Häuser gehören einer Investorengruppe, die sich von der neuen Bebauung des historischen Geländes großen Profit verspricht.« Die Augen hinter seiner Nickelbrille schauten wachsam nach links und nach rechts. »Du darfst mit niemandem darüber sprechen!«

»Warum nicht?«

»In ein paar Tagen startet die Aktion.«

»Welche Aktion?«

»Die Besetzung des Gängeviertels!«, flüsterte Jan.

»Die gehen aufs Haus, zum Wohlsein!«, warf Karotten-Rambo ein und goss uns Wodka-Kirsch in der richtigen Mischung nach. Offenbar hatte er mich wiedererkannt.

»Danke sehr!«, sagte ich zu ihm. Und dann zu Jan: »Was ist das für eine Gruppe?«

»Künstler. Frei von Ideologien und Dogmatismus. Es geht um Raum für Kreative. Gegen die Kommerzialisierung der Stadt. Und vor allem um die Rettung der Häuser zwischen Valentinskamp, Caffamacherreihe und Speckstraße.«

»Das gefällt mir.« Wir prosteten uns zu. Ich dachte an meine Hausbesetzerzeit und daran, wie lange sie schon zurücklag. Und dass am Ende alles zu einem zurückkehrt. So oder so.

»Dabei fällt mir ein …« Jan setzte das Glas ab und leckte sich über die Lippen. »Könnte nicht die Stiftung zur Rettung der Welt ein paar Fördermittel …« Er vollendete den Satz nicht, sondern verließ sich auf seine konspirativ funkelnden Augen.

Ich zuckte nur mit den Schultern. »Die Stiftung existiert doch praktisch nicht mehr. Frag mal bei Rüde nach, er ist ihr Insolvenzverwalter.«

»Nikolaus«, rief Jan entsetzt, »wo ist bloß dein Idealismus geblieben?« Er rollte sein Glas zwischen den Händen.

»Entschuldige, die Stiftung war doch nur eine Schnapsidee.« Ich trank von meinem Wodka-Kirsch und sagte weiter nichts dazu.

»Egal, wir schaffen es auch so«, fuhr er optimistisch fort. »Die Leute auf der Straße geben uns extrem viel Rückhalt. Zum Beispiel las ich eben einen interessanten Artikel über die fortschreitende Gentrifizierung der Stadt, und dass durch die Neubebauung Ähnliches dem Gängeviertel –« Er brach mitten im Satz ab.

»Was ist los?«, fragte ich.

»Sieh dich mal unauffällig um.«

Der angrenzende Konferenzraum entließ eine Gruppe Geschäftsleute in die Freiheit der Bar, an der Spitze ein stämmiger Mann mit energischem Kinn. Tatsächlich, erst heute Mittag hatte ich diesen Mann in der Kantine des DESY im Profil gesehen.

»Sönke!«, flüsterte ich fassungslos.

»Ja, Sönke!«, bestätigte Jan nicht minder erstaunt. »Bei unseren Demos stets als Rädelsführer im schwarzen Block.«

»Mit Marx und Hegel unterm Arm dem Häuserkampf verschrieben«, ergänzte ich tonlos. Ich wusste nicht, was mich mehr erstaunte. Der Zufall, der uns hier zusammenführte, oder die Veränderung, die Sönke vollzogen hatte. Er trug das grau melierte Haar kurz und penibel gescheitelt, sein dreiteiliger dunkelblauer Anzug saß tadellos, die glatten Schuhe blitzten.

»Aus der autonomen Szene scheint er inzwischen ausgetreten zu sein«, bemerkte Jan. »Aber radikal ist er wohl geblieben. Wenn auch unter anderen Vorzeichen.« Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glas, als müsste er sich beruhigen.

»Seltsam, wie sich alles verändert.«

»Darauf noch einen Wodka-Kirsch«, rief Jan dem Barkeeper zu.

»Auf meine Rechnung«, ergänzte ich.

»Kommt sogleich«, entschuldigte sich Karotten-Rambo, während er seinen Tresen verließ, um die Flügeltür des Konferenzraums hinter den Geschäftsleuten zu schließen, die die Bar als Abkürzung zur Hotelhalle benutzten.

Erst Karotten-Rambo, dann Sönke, flüsterte Edu mir zu. Dat kann doch kein Zufall sein, dass du gleich am ersten Tag in deinem Hotel auf alte Bekannte triffst. Dat hängt mit deinem Sonderauftrag zusammen.

»Das Gesamtpaket ist suboptimal, aber alternativlos«, hörten wir einen der Männer zu Sönke sagen, ein Herr in einem Fischgrät-Sakko, dem man getrost das respektvolle Hamburger Attribut reell oder solide zusprechen konnte, zumindest dem ersten Eindruck nach.

»Richtig, das müssen wir noch zielführender kommunizieren«, antwortete Sönke nachdenklich, da fiel sein Blick auf uns. Er riss erstaunt die Augen auf. »Nikola? Jan? Was macht ihr denn hier?« Er entschuldigte sich kurz bei dem Hanseaten, machte den übrigen Geschäftspartnern ein kleines Zeichen und trat auf uns zu. »Unglaublich, wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?« Mit einem kameradschaftlichen Augenzwinkern gab er erst mir die Hand, dann Jan. Die Herzlichkeit seiner Begrüßung wunderte mich nicht weniger als seine äußere Verwandlung. »Gut siehst du aus, Nikola«, sagte er mit sonorer Stimme.

»In Berlin würde man meinen Aufzug als schnieke bezeichnen«, erwiderte ich.

»Du hast in Berlin gelebt?«, schlussfolgerte Sönke ganz richtig und lupfte die Brauen.

»Eine ganze Weile. Bin seit Jahren das erste Mal wieder in Hamburg.«

»Und? Hat sie sich verändert, unsere Hansestadt?«, fragte Sönke mit selbstgefälliger Liebenswürdigkeit.

»Mir ist aufgefallen, dass es auf den Bahnsteigen keine Penner mehr gibt«, antwortete ich kühl.

Karotten-Rambo brachte Jan ein neues Getränk und blickte fragend zu Sönke. Der winkte ab.

»Was aber nicht daran liegt, dass Hamburg keine Penner mehr hat«, stieg Jan sofort ein, »sondern an den neuen pennerfeindlichen Sitzbänken auf den Bahnsteigen.« Er nahm wieder einen Schluck aus seinem Glas. »Daran liegt das.«

»Sehr spannend«, sagte Sönke gelangweilt und fragte mich weiter: »Und sonst?«

»Ansonsten erscheint mir Hamburg im Vergleich zu Berlin merkwürdig gestresst. Und das trotz der Sommerferien«, fügte ich hinzu.

»Weil im Gegensatz zu Berlin in dieser Stadt wirklich gearbeitet wird«, erklärte Sönke mit jovialem Lächeln. »Was machst du hier, Nikola?«

»Ich hatte heute ein Bewerbungsgespräch.« Ich machte eine Pause. »Am DESY.«

Sönkes Pause dauerte mindestens ebenso lange. »Am DESY. Interessant. In der Tat.« Nicht das kleinste Zucken umspielte seinen Mund oder seine Augen.

»Und was arbeitest du so?«, fragte Jan unvermittelt zurück, der Fragen dieser Art normalerweise nie stellte.

»Export – Import«, erwiderte Sönke nur und lachte kurz auf. »Für dich völlig uninteressant, mein Lieber.«

Dem würde ich keinen Gebrauchtwagen abkaufen, warnte Edu.

»Na, da bin ich ja beruhigt, dass du nichts mit diesen Hedgefonds zu tun hast«, sagte Jan ernst und ohne Ironie. »Das globale Finanzsystem ist in die schwerste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs geraten. Es droht der Kollaps der Weltwirtschaft. Und was das für die Menschen auf der Straße bedeutet …«

»Papperlapapp«, antwortete Sönke brüsk. »Die Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte der Finanzkrisen. Sie beginnt mit dem spanischen Staatsbankrott Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, knapp hundert Jahre später, am Ende des Dreißigjährigen Krieges, kam es zum ersten Börsenkrach in Holland, der großen Tulpenschlacht, und 1929 zum Schwarzen Freitag. Alles ganz normal.«

»Das Platzen der New Economy-Blase und die Bankenkrise im neuen Jahrtausend nicht zu vergessen«, fügte Jan hinzu.

»Wie dem auch sei. Ich bin da gelassen. Die Auswirkungen auf die reale Wirtschaft bleiben begrenzt. Davon geht die Welt nicht unter.«

»Das werden wir sehen«, konterte Jan bissig. »Was Finanzkrise genannt wird, ist letztlich die Krise des kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensstils.«

»Lernt man das in den Germanistik-Seminaren?«, lächelte Sönke und zwinkerte mir zu.

»Keine Ahnung, hab schon lange keins mehr besucht«, antwortete Jan säuerlich. »Aber auf den Wirtschaftskongressen der letzten Jahre hat man das Heraufdämmern der Krise jedenfalls nicht vorhergesehen.«

Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht, bemerkte Edu anerkennend.

Sönke zupfte ärgerlich an seinen goldenen Manschettenknöpfen. »Kinders, entschuldigt, dass ich diese spannende Diskussion abbrechen muss, aber ich darf meine Kunden nicht zu lange warten lassen. Nikola, ich gehe davon aus, dass du noch ein paar Tage im Hotel bist?« Er zwinkerte mir abermals zu. »Lass uns mal in Ruhe sprechen. Ein Bewerbungsgespräch am DESY? Hochinteressant. Ich würde mich sehr freuen …«, er zog eine Visitenkarte aus seinem Jackett und sah stoisch an Jan vorbei, »wenn du dich melden würdest. Schon bald, ja?« Er drehte sich kurz zu den anderen um, die am Ausgang der Bar warteten. »Ich komme!«, rief er mit selbstbewusstem Lächeln. Und zu mir: »Was haben wir nicht alles gemeinsam erlebt, nicht wahr? Darauf müssen wir einen trinken!« Bevor er die Hotelbar verließ, winkte er noch einmal.

Jan kippte seinen Wodka-Kirsch hinunter, als bräuchte er dringend eine innere Abkühlung. Karotten-Rambo schloss die Tür hinter den Geschäftsmännern, und weil er als guter Barkeeper die Wünsche von den Lippen ablesen konnte, fragte er beim Zurückkommen: »Noch einen?«

»Zwei«, sagte ich und betrachtete Sönkes Visitenkarte. »Was für ein Gesinnungswandel!« Ich stockte. »Jetzt guckst du aber grimmig. Was ist los, Jan?«

Jan tippte auf die Visitenkarte. »Seine Firma! Sieh doch bloß!«

»IM-Invest-Coop«, las ich vor. »Klingt irgendwie nach … Export – Import.«

»Die Firma gehört zu der Investorengruppe«, Jan musste schlucken, »die unsere Häuser im Gängeviertel verramschen will.«

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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271 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783867549325
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