Читать книгу: «Briefe aus dem Krieg»

Die Autorin

Ann-Katrin Fett, geboren 1989, studierte an der Universität Tübingen Geschichte, Skandinavistik sowie Literatur- und Kulturtheorie. Mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt sie sich sowohl aus geschichts- als auch aus literaturwissenschaftlicher Perspektive.
Ann-Katrin Fett
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Umschlagbild: A. Fett
Print:
ISBN 978-3-17-036744-9
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-036745-6
epub: ISBN 978-3-17-036746-3
mobi: ISBN 978-3-17-036747-0
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Inhalt
1 1 Einführung
2 2 1914: Die Welt in Aufruhr
3 Der Kriegsbeginn als Zäsur
4 Schreiben über den Tod
5 Schreiben über den Krieg
6 Das erste Weihnachten im Krieg
7 3 1915: Stagnation
8 Die Front erstarrt
9 Verschlechterte Versorgungslage
10 Friedenssehnsucht und Kriegsmüdigkeit
11 Neue Dimension der Zerstörung
12 Der Tod und der abwesende Körper
13 Überreizte Nerven und Abstumpfung
14 Gesellschaftliche Spaltungen?
15 Noch ein Weihnachten im Krieg
16 4 1916: Nerven
17 Im Höllenkessel
18 Gestählte Nerven und trotzige Beschwörungen
19 Missstände und soziale Spannungen
20 Schlechte Friedensaussichten
21 Verlorene Jugend
22 Dissonanzen
23 Weihnachten 1916
24 5 1917: Elend
25 Kälte, Hunger, Spannungen
26 Nerven, Glück und Gott
27 Abstumpfung und Todessehnsucht
28 Natur und Nationalismus
29 Begegnung mit dem Fremden
30 Weihnachten 1917
31 6 1918: Auflösung und Ende
32 Verelendung und Unruhen
33 Aufbruchstimmung und Frühjahrsoffensiven
34 Enttäuschung nach missglückter Offensive
35 Unmut und Frustration
36 Fragmentierte Beziehungen
37 Das Kriegsende
38 7 Fazit
39 Anmerkungen
40 Quellen und Literatur
41 Abbildungsnachweis
1 Einführung
Im November 1917 sinniert der Soldat Ernst Kesselring in einem Brief an seine Verlobte Rosa über die Schwierigkeiten des Schreibens im Krieg:
»[Ich] glaube dir gern daß es kein Spaß macht Briefe zu schreiben wenn fremde Leute dabei sitzen. Erstens hatt man seine Gedanken nicht so beisammen und zweitens braucht auch nicht jeder zu lesen was man schreibt. Mir geht es genau so. Bei uns ist das Schreiben mit Schwierigkeiten verbunden, denn wir liegen mit 20 Mann in einem Keller und 2 kleine Fenster lassen nur spärlich Licht herein und hüllen das Ganze in ein magisches Halbdunkel. Nun das üble, bei den vielen Leuten, tanzt bald dieser, bald jener im Licht herum und fortwährend kann man den Ruf, aus dem Licht, ausstoßen. Ich schreibe dieserhalb meistens am Mittag denn wenn die Mägen voll sind so legen sich die meisten ins Bett und es gibt für 1-2 Stunden Ruhe, dann ist es aber vorbei.«1
Die Schreibbedingungen sind sowohl für Rosa als auch für Ernst denkbar ungünstig: Beiden mangelt es an Privatsphäre, Konzentration und Zeit. Dieser permanente Ausnahmezustand wirkt sich negativ auf die Qualität der Briefe aus, wie Ernst Kesselring berichtet:
»Einer meiner Kameraden schrieb einmal abends und als er fertig war verbrannte er den Brief wie er sagte hatt er alles durcheinander geschrieben sodaß man glauben könnte er sei verrückt oder zum mindesten betrunken gewesen.«2
Da die Briefschreiberinnen und Briefschreiber selten allein und ungestört sind, schaffen sie sich kleine »Nischen des Rückzugs«3, die sie zum Briefschreiben nutzen. Dabei ist die Zeit oft so knapp bemessen, dass die Briefe unter den widrigsten Umständen entstehen, wie der Soldat Klemens Drolshagen in lakonischen Worten berichtet:
»Nachdem wir den ganzen Vormittag geschossen, bekommen wir momentan eine gründliche Abreibung von schweren franz. Kalibern, daß der mehrere Meter tiefe Stollen nur so wackelt. In einer Weise ganz günstig, ich kann dann schnell was schreiben, wozu ich sonst kaum komme.«4
Im Ersten Weltkrieg stellten Briefe die einzige Verbindung zwischen den Sphären Front und Heimat dar. Sie waren von enormer persönlicher sowie politischer Wichtigkeit, weshalb sie den gesamten Krieg über portofrei befördert wurden.5 Der Begriff der Feldpost bezeichnet die Postverbindung innerhalb der Truppe sowie zwischen den Soldaten und ihren Angehörigen in der Heimat. Die primäre Funktion von Feldpost war dabei nicht der inhaltliche Austausch von Informationen, sondern die kommunikative Verbindung von Menschen, die der Krieg auf unbestimmte Zeit räumlich getrennt hatte.6 Für die meisten war der Krieg völlig unerwartet in ihr Leben eingebrochen und hatte jegliche Gewissheiten erschüttert, die zuvor als unumstößlich galten. Inmitten einer völlig neuen und feindseligen Realität waren Briefe oft das Einzige, was die Menschen mit ihrem alten Leben und ihrer früheren Identität verband. Dementsprechend euphorisch wurde die Ankunft der Post begrüßt: »Der lichte Augenblick, in dem ganzen Elend, ist der Moment wenn ich deine lieben Briefe erhalte«7, schreibt Ernst an Rosa. Blieb die Post jedoch aus, konnte sich dies zu einem Problem von existenzieller Tragweite entwickeln und resultierte oft in einem Gefühl, von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, wie folgender Briefausschnitt eines jungen Mannes an seine Eltern zeigt:
»Bin nun über 16 Tage im Felde und habe gerade einen Brief von Mutter bekommen sonst garnichts, von keinem Menschen, trotzdem ich schon so viel geschrieben habe. Ich komme mir immer wie ein Waise vor, alle anderen bekommen Post.«8
Auch die Menschen in der Heimat warteten voller Ungeduld auf ein Lebenszeichen aus dem Feld: Die Ungewissheit, die mit einer längeren Briefpause einherging, war für die meisten nur schwer erträglich und führte zu einer Vielzahl von bangen Spekulationen. Minna Stockelbrandt aus Berlin schreibt ihrer Freundin:
»Mein lieber Otto hat schon vom 18 März nicht mehr geschrieben, es sind nun schon drei Wochen, was soll man davon denken, ich bin ganz betrübt, ich möchte den ganzen Tag weinen, ich denke er ist tot, denn wäre er verwundet ließ er doch jemand anders schreiben. Ich habe schon hin und wieder mal geschrieben, bekomme aber nichts zurück, wäre er tot müßten doch wohl die Briefsachen zurück kommen, da weiß man nicht was man denken soll.«9
Während Briefe als Ersatz für den direkten zwischenmenschlichen Kontakt von größter Relevanz für die Aufrechterhaltung von Beziehungen waren, empfanden viele Menschen die briefliche Kommunikation zugleich als defizitär: »Ich wünscht wir brauchten die ganze Schreiberei nicht und ich könnte bei dir sein so wäre uns doch geholfen, aber leider sind dies alles nur fromme Wünsche.«10 Auch Marta Thiele-Tümler aus Berlin ist sich bewusst, dass die schriftliche Kommunikation Raum für allerlei Missverständnisse und Konflikte schafft: »Herzichen, die Gewißheit habe ich heute auch, daß es im persönlichen Zusammenleben nie zu so scharfen Auseinandersetzungen kommen kann, wie noch dieses Mal, schriftlich.«11 Dennoch wurde bereits zu Kriegszeiten der hohe emotionale Wert des Briefes sowie sein Potential als Erinnerungsobjekt für künftige Zeiten anerkannt:
»Was mußt du mein Lieb jetzt eine Menge Briefe aufbewahren da ich deine lieben Briefe auch noch zurücksende. Aber Herzchen hebe sie gut auf. Später haben wir Zeit alles in Muße miteinander durchzugehen.«12
Die hier aufgeführten Beispiele zeigen, dass Feldpostbriefe Einblicke in alltägliche Sorgen und Nöte im Krieg gewähren und im Stil einer Momentaufnahme versinnbildlichen, was in einer bestimmten Situation empfunden, erlebt und gedacht wurde. Feldpostbriefe versprechen eine »unmittelbare[…] Nähe zum Geschehen«13 und bilden die individuellen Erfahrungen der schreibenden Person ab. Sie zeigen daher die Sicht auf den Krieg »von unten«14 und erlauben direkte Einblicke in die Lebenswirklichkeit der Menschen. Anders als Erfahrungsberichte oder Gespräche mit Zeitzeuginnen und -zeugen aus der Nachkriegszeit sind Feldpostbriefe nicht von einer retrospektiven Erinnerung geformt und laufen daher nicht Gefahr, im Nachhinein umgedeutet oder verzerrt zu werden.15
Dennoch sollte stets beachtet werden, dass Feldpostbriefe keine allumfassende Darstellung der Kriegsgeschehnisse gewährleisten können, sondern stets nur eine sehr begrenzte Sicht in die private Korrespondenz

Abb. 1: Brief von Ella Mirring an ihren Verlobten Walter Lüdecke
einiger weniger Menschen erlauben, deren Perspektive auf den Krieg bruchstückhaft und subjektiv war.16 Darüber hinaus liefern Feldpostbriefe kein realhistorisches Abbild der damaligen Gesellschaft, da schriftliche Zeugnisse aus der Ober- und Mittelschicht häufiger überliefert und aufbewahrt wurden als Briefe aus dem Arbeitermilieu.17 Menschen aus bildungsbürgerlichen Kreisen waren zudem meist geübter und produktiver im Schreiben als Mitglieder weniger privilegierter Schichten, deren Perspektive daher im überlieferten Quellenmaterial tendenziell unterrepräsentiert ist.18 Die Quellenlage begünstigt darüber hinaus die männliche Perspektive auf den Krieg: Briefe von Frauen sind seltener überliefert, da diese an der Front häufig verlorengingen und schlechter aufbewahrt werden konnten als Briefe von Soldaten an die Angehörigen in der Heimat.19 Dies führt dazu, dass der Blick auf den Krieg in erster Linie männlich geprägt ist und die Deutungshoheit über die Geschehnisse bei den kämpfenden Frontsoldaten liegt.20 Verstärkt wurde diese Tendenz durch in Zeitungen und Anthologien (Briefsammlungen) veröffentlichte soldatische Feldpost, die als besonders patriotisch oder erbaulich erachtet wurde, was die öffentliche Wahrnehmung sowohl bereits während des Krieges als auch in der Nachkriegszeit entscheidend prägte. Die publizierten Briefe von Frauen hingegen propagierten das aus dem 19. Jahrhundert stammende Ideal von weiblicher Treue und Opferbereitschaft und schrieben Frauen eine unterstützende und stets sekundäre Rolle zu.21 Diese verkürzte Darstellung gilt es aufzubrechen und weibliche Subjektivität trotz der asymmetrischen Quellenlage gezielt in den Fokus zu rücken – abseits von stereotypen Zuschreibungen und Dichotomien.
Dabei wird klar, dass Feldpostbriefe trotz ihrer Unmittelbarkeit nicht frei von zeittypischen Topoi beziehungsweise Sprachbildern, Sinnstiftungsversuchen oder ideologischen Einflüssen sind und somit kein repräsentatives Bild der wahren innersten Vorgänge der schreibenden Person schaffen können.22 Welche Erfahrungen tatsächlich im Krieg gemacht wurden und welche emotionalen Vorgänge sich daraus ergaben, bleibt letztendlich im Verborgenen, weshalb Feldpostbriefe nicht als wahrheitsgetreue Abbildung des Krieges gelesen werden dürfen. Der Wert des Briefs als historische Quelle liegt somit nicht in seiner Funktion als psychologisches Dokument begründet, sondern darin, dass er gesamtgesellschaftliche Diskurse und mentalitätsgeschichtliche Prozesse, wie zum Beispiel verschiedene Denkweisen, Einstellungen und Empfindungen, sichtbar macht:23 Anhand eines persönlichen Dokuments wie des Briefs können über das Individuum hinausgreifende, kollektive Entwicklungen analysiert werden. Die Briefe fungieren somit als Seismograph für gesellschaftliche Stimmungen und soziale Strömungen. Der Fokus des hier angewendeten diskursanalytischen Ansatzes liegt auf kulturell geformten und überindividuellen Wahrnehmungskategorien. Dabei gilt die Prämisse, dass auch scheinbar persönliches Sprechen oder Denken, wie es typischerweise in Briefen stattfindet, nicht die innersten und ureigensten Empfindungen der schreibenden Person abbildet, sondern stets »symbolisch strukturiert und medial vermittelt«24 und somit in ein übergeordnetes Diskursgeflecht eingebunden ist. Laut dem Philosophen Michel Foucault ist sowohl unsere soziale Wirklichkeit als auch unsere Wahrnehmung historischer Ereignisse und Prozesse diskursiv erzeugt und durch sprachliche Zeichensysteme geformt: Worte schaffen Dinge, Sprache schafft Realität.25 Die zentralen Fragen sind daher: Was wird zu einer bestimmten Zeit warum gesagt? Unter welchen Umständen wird die Umwelt auf welche Weise strukturiert? Wie sind die Meinungen und Mentalitäten, die in den Briefen zum Vorschein kommen, konstruiert und wo liegen die Grenzen des Sagbaren? Nicht alles kann zu jeder Zeit ausgesprochen werden: Was im Jahr 1918 als Selbstverständlichkeit galt, war eventuell zu Beginn des Krieges noch im Bereich des Nichtsagbaren verortet und konnte weder in Worte gefasst noch gedacht werden, weil es sich außerhalb des Diskurses und somit außerhalb des Ortes »des legitimierten Sprechens«26 befunden hätte. Das Anliegen des vorliegenden Buches ist es, die langsam aufkommenden Entwicklungen und Verschiebungen der sprachlichen Diskurse in den Feldpostbriefen aufzuzeigen.
Die Art und Weise, wie ein Mensch seine eigene Biographie sowie seine Umwelt strukturiert und schließlich in Worte fasst, ist in hohem Grade abhängig von seinem Habitus. Dieser bezeichnet laut dem Soziologen Pierre Bourdieu die Verinnerlichung von milieubasierten kulturellen Präferenzen und Lebensstilen.27 Daher ist es stets wichtig, bei der Analyse der Briefe die Grundsätze der Quellenkritik zu befolgen. So sollten zunächst die politischen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen der Quelle so genau wie möglich ermittelt werden. Bourdieu weist darauf hin, dass der Mensch keine »Marionette äußerer Bedingungen«28 und somit kein machtloser Gefangener der ihn umgebenden Strukturen ist. Dennoch ist der Mensch kein freies Individuum, das sein Leben komplett selbstbestimmt und ungeachtet äußerer Gegebenheiten gestalten kann. Laut Bourdieu ist der Mensch ein Akteur, der lediglich innerhalb dieser soziokulturellen Strukturen Handlungsspielraum hat. Die Art und Weise, wie der Akteur seine Umwelt deutet, schafft wiederum die ihn umgebende soziale Wirklichkeit. Es entsteht also eine Wechselwirkung zwischen Akteur und soziokultureller Realität,29 die er stets neu hervorbringt und deren Grenzen er verschiebt.
Doch auch rein materielle Faktoren konnten den Inhalt des Geschriebenen beeinflussen: Auf einer Postkarte, die wenig Platz bot und zudem öffentlich lesbar war, wurden andere Dinge geschrieben als in einem Brief, der sich über mehrere Seiten erstreckte und nur an eine Person adressiert war. Vor allem an der Front waren die Soldaten oft nur unzureichend mit Schreibmaterial versorgt, was dazu führte, dass die zu übermittelnden Informationen in knappen Worten zusammengefasst werden mussten. Der Inhalt ist jedoch nicht nur vom Medium, sondern auch von den äußeren Bedingungen, unter denen der Brief geschrieben wurde, abhängig. Häufig entstanden die Briefe in Stresssituationen oder unter Lebensgefahr, was in einem gehetzten, atemlosen und mitunter fehlerbehafteten Schreibstil resultieren konnte. Zudem bewegte sich der Feldpostbrief stets im Spannungsfeld von öffentlicher und privater Sphäre: Während der Brief grundsätzlich den Anschein eines persönlichen Dokuments erweckt, das die privatesten Gedanken zweier Menschen miteinander verbindet, war die Feldpost häufig an mehrere Empfängerinnen und Empfänger gerichtet, weshalb der Inhalt entsprechend verträglich gestaltet werden musste und nur ein begrenztes Maß an Intimität zuließ.30 Es wurde meist in dem Wissen geschrieben, dass Briefe durch mehrere Hände gingen und innerhalb der Familie ausführlich besprochen wurden. Vollrath Thiele etwa bedankt sich bei seiner Mutter für ihren Brief, den er »gleich an Herzi weiter gereicht [hat], damit sie den Inhalt kennt.«31
Auch an der Front wurde das Schreibverhalten der anderen kritisch beobachtet und kommentiert, wie etwa Gustav Lehmann einer Bekannten berichtet: »[Jetzt] wo ich diesen Brief an Sie geschrieben hab sagte mein Vorderreiter, ich kan dir nicht verstehen was du immer an ihr schreibst […].«32 Zugleich warnt er vor den zweifelhaften Absichten eben jenes Kameraden, der ebenfalls mit der Frau in schriftlicher Verbindung steht:
»[Ich] möchte noch erwähnen das bei jedem Brief was Sie an mir geschrieben haben er jedes mahl mich frug ob Sie eine Photographie mit geschikt haben er will nun einmahl um eine Photographie zu erhalten an Sie schreiben um damit seinen Spott unter den Kammeraden zu treiben.«33
Dass die Schreibenden sich mitunter gezwungen sahen, explizit darauf hinzuweisen, dass der Brief nicht für fremde Augen bestimmt war, zeigt, in welch hohem Maß der Feldpostbrief normalerweise als öffentliches Ereignis gehandelt wurde: »Liebes Muttchen […] ich spreche nur zu Dir u. bitte Dich besonders, diesen Brief nicht den Mädchen zum Lesen zu geben«34, schreibt Vollrath Thiele im März 1917, nachdem er sich von seiner Mutter Rat in Beziehungsfragen erbeten hat.
Briefe spielten nicht nur für die Aufrechterhaltung der Kommunikation eine bedeutende Rolle, sondern ebenso für die Konstituierung von Beziehungen, die aufgrund der räumlichen Trennung komplett auf schriftlicher Ebene stattfinden mussten. Besonders bei noch neuen Verbindungen war das Briefschreiben grundlegender Bestandteil des Kennenlernprozesses, wie etwa bei Marta und Vollrath Thiele, die zu Beginn des Krieges eine intensive Brieffreundschaft führten, sich 1917 verlobten und schließlich heirateten. Es ist oft darauf hingewiesen worden, dass sich die Erfahrungsräume der Sphären Front und Heimat durch den Krieg stark voneinander unterschieden, was insbesondere die Kommunikation zwischen Frauen und Männern erschwerte. Diese Dichotomie wurde jedoch durch den Austausch von Briefen zumindest teilweise aufgehoben:35 Wie sehr sich die Sphären gedanklich vermischen konnten, zeigt folgender Bericht von Maria Dinkel:
»Heute Nacht schlief ich schlecht; ich träumte andauernd von Angriffen an Eurer Front, ich war nämlich auch dabei, hatte eine Waffe in der Hand u. wußte nicht wie man schießt. Ich kam ganz in Aufregung u. war nicht wenig froh, als ich in meinem friedlichen Bett erwachte. Mit brennendem Kopf stand ich auf, doch als ich Deinen l. Brief in Händen hatte u. las, wie gut es meinem Liebling geht, verschwand das Übel.«36
Die Menschen versuchten, durch das Schreiben gemeinsame Anknüpfungspunkte zu finden und das Leben vor dem Krieg auf schriftlicher Ebene wiederaufzunehmen. Dabei machen die Briefe nicht nur deutlich, welche unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen an Männer und Frauen herangetragen wurden und wo diese erfüllt und mitunter auch überwunden werden konnten. Zugleich gewähren sie einen Einblick in die genderspezifische Selbstbilder von Frauen und Männern in der wilhelminischen Gesellschaft.
Während die Schreibenden in ihren Briefen stets die Erwartungen ihrer Leserinnen und Leser zu beachten hatten, konnte auch das Wissen um die Zensur den Inhalt des Briefes erheblich beeinflussen.37 Die Zensur war zu Beginn des Krieges im Deutschen Reich noch nicht einheitlich geregelt, erst im April 1916 wurden konkrete Zensurbestimmunen erlassen: Die zensierten Briefpassagen wurden geschwärzt und die Briefumschläge mit einem Stempel markiert.38 Dennoch wird in den Briefen häufig erwähnt, dass die Weitergabe von militärischen Informationen grundsätzlich untersagt ist: »[Wir] stehen jetzt vor ein großes Ereignis näheres dürfen wir aber nicht darüber schreiben den es ist Soldatengeheimnis«39, schreibt etwa Gustav Lehmann. Auch Paul Beer bedauert, nichts Genaueres über seine Lage mitteilen zu können, »da alle Post gelesen wir und wenn wichtige erlebnisse geschrieben werden, wird der Brief verbrannt.«40 Aufgrund der ungeheuerlichen Menge an Feldpost konnte die Zensur den ganzen Krieg über nur stichprobenartig stattfinden,41 worauf Maria Dinkel aus Tübingen anspielt: Der Brief ihres Freundes »war von der Zensur geöffnet u. wieder geschlossen worden.
Die Herren, die dieses Amt ausüben, hätten aber viel zu tun, wenn sie jeden Liebesbrief, dazuhin noch einen in etwas eigenartiger Schrift lesen müßten.«42 Dennoch war der Brief für viele ein zu unsicheres Medium für die Übermittlung privater Informationen, weshalb sie das persönliche Gespräch vorzogen, wie aus einem Brief von Arno Hill an seinen Vater hervorgeht: »Wenn du noch mal kommen könntest, wäre es mir sehr angenehm, ich möchte dir etwas sagen.«43 Der Vater vermutet den Grund für die kryptische Nachricht sofort in der Zensur: »Wenn es irgend möglich ist, werde ich dich noch einmal besuchen, was hast du mir zu sagen, darfst das nicht schreiben?«44 Was die beiden zu besprechen hatten, werden wir nie erfahren.
Mitunter versuchten die briefeschreibenden Soldaten, die Zensurbestimmungen durch das Verwenden geheimer Sprachcodes zu umgehen.45 So fragt Klemens Drolshagen in einem Brief an seinen Bruder:

Abb. 2: Paar aus Württemberg
»Hast du kürzlich was von Redickers Irma, Paula Ophoff u. Nora Traus gehört? Es geht ihnen hoffentlich gut.«46 Da eine Antwort auf seine Frage ausblieb, sieht er sich gezwungen, in einem späteren Brief zu schreiben: »Ihr braucht doch nur die ersten Buchstaben der 6 Mädchennamen zusammen zu stellen um zu wissen, wo ich bin. Ich habe dir’s damals doch so erklärt.«47 Dass sich der Briefschreiber im Juli 1918 im französischen Ripont befand, können wir heute nur aufgrund der Auflösung des Sprachrätsels rekonstruieren. Häufig waren die Andeutungen jedoch so ausgeklügelt und daher nur für die jeweilige Empfängerin oder den Empfänger verständlich, dass die Sprachcodes aus unserer heutigen Perspektive nicht mehr als solche erkennbar sind.48 Viele Menschen entwickelten im Laufe des Krieges zudem eine stark personalisierte Sprache, die sich Außenstehenden verschloss und auf diese Weise sowohl vor neugierigen Blicken als auch vor der Zensur geschützt war.49 Obwohl die Zensurbestimmungen nur die Briefe von der Front betrafen,50 wurden im Juni 1916 Schreibregeln erlassen, in denen Frauen explizit dazu aufgefordert wurden, keine sogenannten ›Jammerbriefe‹ an die Front zu schicken, da eine Demoralisierung der Truppen befürchtet wurde. Stattdessen sollten Frauen Stillschweigen über ihre Sorgen und Nöte bewahren und die Männer an der Front durch tapferes Durchhalten unterstützen.51 Sowohl die Schreibanleitungen als auch die Zensurregeln waren jedoch nur bedingt effektiv:52 Beschwerden über Missstände fanden sich zu allen Zeiten in den Kriegsbriefen.
Noch stärker als die Postzensur beeinflusste jedoch die ›innere Zensur‹ den Inhalt der Briefe:53 Nicht jedes Erlebnis konnte in Worte gefasst, nicht alles den Angehörigen zugemutet werden. Häufig ist diesen durchaus bewusst, dass ihnen so manches verschwiegen wird: »Du bist vorsichtig in Deinen Briefen, Liebling, u. läßt Deinen Gefühlen nicht ganz freien Lauf, gelt, ich errate es. Sag, ob ich recht habe!«54 Ein junger Mann aus einer hessischen Kleinstadt stellt ebenfalls fest, dass der Vater, der sich an der Front befindet, in seinen Briefen nur Nichtssagendes mitteilt:
»Lieber Vater, du schreibst mir gar nicht einmal Näheres über dein Befinden. Wie bist du eigentlich mit deinem Los zufrieden? Ich kann es mir schon denken. Aber, reibe dich nicht zu sehr auf. Sei stets auf dich bedacht, um uns hab keine Sorge.«55
Indem er eine möglichst harmlose Formulierung wählt und bewusst darauf verzichtet, über sein eigenes Wohlbefinden zu berichten, wendet der Sohn dieselbe »kommunikative Norm der Unaufrichtigkeit«56 an wie der Vater.
In den Feldpostbriefen offenbaren sich zahlreiche Sprachhandlungsstrategien, die es der schreibenden Person auf sprachlicher Ebene erleichtern, mit dem erlebten Grauen umzugehen und es in bekannte Sinnkategorien einzuordnen.57 Viele Schreibende flüchten sich in sprichwortartige Redewendungen, Floskeln und tradierte Sprachbilder; ihre Briefe sind von einem stark formelhaften Stil geprägt.58 Des Weiteren lässt sich vor allem in den Berichten von der Front die Tendenz zum Trivialisierenden und Verharmlosenden feststellen,59 etwa in Form der Beteuerung, dass »die ganze Schickanei nur halb so schlimm war […].«60 Damit ist oft ein ironisch-euphemistischer Schreibstil verbunden:61 Indem ein Soldat Granaten als »große Zuckerhüte« bezeichnet und Trommelfeuer als »das schönste Feuerwerk«62 beschreibt, distanziert er sich auf humoristisch-zynische Weise vom Kriegsgeschehen. Eine weitere sprachliche Distanzierungsmethode ist die Flucht in harmlose, alltägliche Themen, die de facto einen Großteil der Feldpostkommunikation ausmachen. So konzentrieren sich die meisten Menschen in ihren Briefen nicht auf die beunruhigende neue Realität, die sich jedem Versuch des Verstehens entzieht, sondern auf das Bekannte und Vertraute. Auf diskursiver Ebene wird damit nicht nur das Kriegsgeschehen ausgeblendet, sondern zugleich der Anschein von Normalität erweckt und das vermeintlich intakte Leben der Vorkriegszeit herbeigeschrieben.63 Betont alltägliche Briefe dienten dazu, sich der eigenen Identität als Mensch zu vergewissern und den Bezug zum alten Leben der Vorkriegszeit aufrechtzuerhalten.
Den meisten Menschen war bewusst, dass sich die neue Lebenswirklichkeit, in die sie der Kriegsausbruch gestürzt hatte, nur schwer mit Worten ausdrücken ließ:64 Das ›sprachliche Inventar‹ hatte sich noch nicht an die neue Kriegsrealität angepasst und wurde als zutiefst unzureichend empfunden. Die Nichtvereinbarkeit bekannter Sinnkategorien mit dem Bruch in der eigenen Weltwahrnehmung löste häufig eine »kognitive Dissonanz«65 aus, angesichts derer die Sprache versagen musste. Auf brieflicher Ebene deutet sich die Verdrängung des Nichtsagbaren durch Leerstellen, Aussparungen und bewusst oder unbewusst eingesetztes Schweigen an.66 Folgender Briefausschnitt eines Soldaten, der sich 1915 im polnischen Bolimów befand, zeigt das Zusammenspiel des Unbeschreibbaren mit kompensatorischen Floskeln:
»Wir lagen in der Nacht vom 30–31 Mai in einem Ort einige Kilometer hinter der Front in Ruhe und glaubten diese Ruhe […] genießen zu dürfen. Da um 10 ½ Nachts plötzlich Alarm. Im Nu war alles auf den Beinen und 10 Minuten später marschierten wir zur vordersten Linie. Man frug untereinander was denn so eigentlich loß wäre doch es wußte niemand richtig Bescheid. Da hieß es ›halt‹ und jetzt wußten wir es geht zum Angriff. Jeder von uns dachte da vielleicht an seine Lieben in der Ferne. Dann aber ging es mit leuchtendem Blick und frohem Mut vorwärts. Das weitere bin ich leider nicht im Stande hier auf Papier niederzuschreiben und darum will ich damit schließen.«67
Den Angriff selbst beschreibt der Autor jedoch nicht, da er sich nicht in der Lage sah, das Erlebte adäquat wiederzugeben. Die Gründe hierfür dürften äußerst vielschichtig sein: Zum einen befand sich die Empfängerin des Briefes in einer anderen Lebenswirklichkeit als der Schreiber, was eine Darstellung der Ereignisse für diesen erschwerte. Zum anderen zeigt sich bei der Analyse von Feldpostbriefen stets die Schwierigkeit, Gewalt, Schmerz sowie psychische und physische Traumata in Worte zu fassen:68 Die Dimension der Körperlichkeit wurde in den Briefen fast immer ausgeblendet. Wo auf den Schlachtfeldern der fragmentierte und ausgelöschte menschliche Körper das sichtbarste Zeichen der brutalen Kriegsrealität war, klafft in den Briefen eine diskursive Leerstelle. Häufig wird das Nichtsagbare durch tradierte Floskeln und Redensarten kompensiert: Die Beschwörung des leuchtenden Blicks und des frohen Mutes im Angesicht eines nächtlichen Angriffs lenkt von einem potentiell traumatischen Ereignis ab.
Dieser Briefausschnitt zeigt: Es ist nicht nur schwierig, Traumata in Worte zu fassen, sondern auch, diese in den Briefen zu erkennen. Hierbei dürfen wir nicht den Fehler begehen, sprachliche Leerstellen ausschließlich mit zu verbergenden traumatischen Gewalterfahrungen zu erklären.69 Neben dem Unsagbarkeitstopos ist fehlende Schreiberfahrung ein häufiger Grund für die oft oberflächlich wirkenden Briefe.70 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Briefschreiben für viele eine völlig neue Art der Kommunikation, worauf folgender Briefausschnitt einer Frau namens Minna hindeutet:
»Lieber Bruder du schreibst Heinrich könnte dir auch mal eine Karte schreiben daß nimm Ihm nicht übel er kann nicht gut schreiben so lange wie wir verheiratet sind muß ich das Schreiben machen.«71
Vor allem älteren Menschen oder Mitgliedern bildungsfernerer Schichten fiel es oft schwer, sich schriftlich auszudrücken, weshalb sie mitunter auf floskelhafte Formulierungen zurückgriffen oder in Zeitungen veröffentlichte Feldpostbriefe als Schreibvorlage verwendeten.72 Die meisten waren es zudem nicht gewohnt, innere Vorgänge schriftlich festzuhalten und beschränkten sich daher in ihren Briefen auf die wichtigsten Informationen, wie etwa den aktuellen Standort oder dass es »soweit noch recht gut«73 geht. Mitunter können knappe Briefe oder ausbleibende Post auch ganz einfach mit Schreibfaulheit begründet werden: »Lieber Onkel! Wollte Euch schon längst wieder mal schreiben aber immer keine Lust bitte verzeiht deshalb.«74

Abb. 3: Brief von Wilhelm Franke an Ella Mirring
Für das vorliegende Buch wurden bisher unveröffentlichte Feldpostbriefe aus Privatsammlungen verwendet. Während der Recherche habe ich mehr als eintausend Briefe und Karten gesichtet, transkribiert und ausgewählt. Diese bieten aufgrund ihrer Heterogenität einen Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts: Das Quellenmaterial umfasst Briefe von der Front und aus dem zivilen Raum, von Frauen und Männern aus verschiedenen Altersgruppen und sozialen Milieus. Zudem sind die schriftlichen Zeugnisse auch regional breit gestreut: Es werden Briefe aus allen Teilen Deutschlands einbezogen. Berücksichtigt werden sowohl zusammenhängende Korrespondenzen, die sich über mehrere Kriegsjahre erstrecken, als auch einzelne Briefe und Karten.
Während des Transkribierens zeigten sich in den Briefen stets wiederkehrende sprachliche Muster und Gemeinsamkeiten, die häufig dieselbe Entwicklung durchliefen. Dadurch wurde mir klar, dass die Briefe nicht nur als persönliches Zeugnis einzelner Menschen gelesen werden können, sondern zugleich als Indikator für kulturelle Entwicklungen. Mein Ziel war es, die Briefe nicht isoliert voneinander zu betrachten, sondern als Teil eines großen Prozesses zu analysieren. Aus diesem Grund entschied ich mich für den diskursanalytischen Ansatz. Dieser macht anhand von kulturellen Sprachbildern, Motiven und Metaphern überindividuelle Prozesse sichtbar. Zugleich geht die Diskursanalyse von einer Wechselwirkung zwischen historischen Ereignissen und ihrer Darstellung aus. Die analysierten Feldpostbriefe reflektieren also nicht nur die soziale Wirklichkeit, sondern bringen diese zugleich erst hervor.
Um die Entwicklung sprachlicher Diskurse von August 1914 bis November 1918 nachverfolgen zu können, wird ein chronologischer Ansatz gewählt: Jedem Kriegsjahr ist ein Kapitel gewidmet. Der Fokus wird auf sprachliche Bilder, Metaphern, Euphemismen, Floskeln und Topoi gelegt, um zu analysieren, in welche individuellen Sinnzusammenhänge der Krieg gestellt wurde. Die zentrale Frage ist dabei, wie sich die Sprache in den Feldpostbriefen zwischen 1914 und 1918 verändert hat und welche mentalitätsgeschichtlichen Entwicklungen sich daraus ableiten lassen.
2 1914: Die Welt in Aufruhr
Der Kriegsbeginn als Zäsur
Eine Woche nach Kriegsbeginn, zur Zeit der allgemeinen Mobilmachung, schreibt ein Mann namens Wilhelm einen eiligen Brief an seine Familie:
»Hoffentlich trifft Euch dieser Brief noch zu Hause an, denn in einigen Tagen werdet Ihr wohl Abschied nehmen müssen, wer hätte das wohl geglaubt, daß die Welt mal so in Aufruhr geraten könnte jetzt bin ich 20 Jahre vom Militär frei und kann noch in den Krieg ziehen […].«1
Die Welt ist aus den Fugen geraten. Urplötzlich und ohne Vorwarnung, so scheint es, bricht der Krieg in das private Leben ein, macht individuelle Lebensentwürfe zunichte und stürzt die Menschen ins Ungewisse. Das Bild einer in Aufruhr geratenen Welt zeigt, dass der heraufziehende Krieg nicht nur als Bruch in der eigenen Biographie, sondern zugleich als globale Katastrophe von historischem Ausmaß wahrgenommen wird. Die Vermischung des eigenen privaten Lebens mit überpersönlichen Weltereignissen, die als so komplex empfunden werden, dass ein Verstehen unmöglich gemacht wird, ist mit einem Gefühl des Kontroll- und Autonomieverlusts verbunden. »[Es] ist gut«, schreibt Wilhelm, »das unser Vater das nicht mehr erlebt hat, leider bist Du liebe Mutter nun ganz allein.«2 Alle bisher gekannten Gewissheiten und Sicherheiten haben keine Gültigkeit mehr. So schreibt eine Frau an ihren gerade nach Frankreich eingerückten Nachbarn: »[Wir] haben nun lange Jahre zusammen gelebt und jetzt muß es so noch kommen.«3 Der Krieg als Zäsur ist ein zentrales Motiv in den Feldpostbriefen des Kriegsbeginns.
Die weit verbreitete Verunsicherung bezüglich der sich überschlagenden Ereignisse manifestiert sich in den Briefen und Karten in einem lakonischen Stil. Im September 1914 berichtet ein Soldat von seiner Ausbildung, die in aller Eile durchgeführt wird:
»Wier müssen am Morgen um 5 Uhr aufstehen, u. ausrücken bis ½ 12 Uhr, dann von ½ 3–8 Uhr, das schlaucht nicht wenich. Unser Majohr meint uns daß wier in 4 Wochen ausgebildet sein sollen, dann geht nach Münsingen u. Scharfschießen, u dann geht’s Rußland zu […].«4
Dem Medium der Feldpostkarte ist es geschuldet, dass einschneidende biographische Ereignisse wie die Fahrt nach Russland auf knappe Eckdaten reduziert werden und so die existenzielle Dimension des Mitgeteilten nur erahnt werden kann. Ausschlaggebend ist außerdem die Tatsache, dass – je nach Milieuzugehörigkeit und Bildungsgrad – das schriftliche Ausdrucksvermögen vieler Menschen aufgrund fehlender Schreiberfahrung in der Vorkriegszeit schnell an seine Grenzen stößt.5 Zudem liegt die Vermutung nahe, dass selbst erfahrenere Briefschreiberinnen und Briefschreiber oft nicht imstande waren, die völlig neue Erfahrung eines Krieges in schriftliche Sinnzusammenhänge zu stellen. Eine persönliche Ebene, die Einblicke in das innerste Empfinden der Schreibenden gewährt, findet sich in den untersuchten Briefen und Postkarten somit äußerst selten:
»Wir rücken bis 15. aus nach der Grenze. Schreibe mir bald einmal. Gott schütze dich.«6
Während sich aus diesen drei kurzen Sätzen, die ein Soldat Anfang August auf einer Feldpostkarte an einen Freund richtet, keinerlei Rückschlüsse auf die emotionalen Vorgänge des Briefschreibers ziehen lassen, sind diese doch symptomatisch für die sprachlichen Diskurse und Briefkonventionen der damaligen Zeit. Die Aufforderung, bald zu schreiben, zeigt, dass die primäre Aufgabe der Feldpost nicht der detaillierte Austausch von Informationen, sondern die Aufrechterhaltung von persönlichem Kontakt war. Die Wendung »Gott schütze dich« am Ende der Postkarte erhält durch ihre Formelhaftigkeit beschwörenden Charakter. Dies zeigt sich auch in folgendem Brief, den eine Mutter Ende August an ihren Sohn richtet:
»Lieber Ernst ich bete Tag und Nacht für Euch lieben Kinder, das Euch der liebe Gott überall beschützen mag wo ihr seid. Friedrich hat ein Testament gemacht falls er nicht wieder kömmt, mir das Haus gehört, ich damit machen kann was ich will ist das nicht braf von ihn.«7
Der Verweis auf das tägliche Gebet kann als Bewältigungsstrategie verstanden werden, die in den traditionellen Formen der Religiosität verhaftet ist, und der Briefschreiberin angesichts der verunsichernden Ereignisse Orientierung vermittelt. Auch das erwähnte Testament ist weit mehr als eine bloße finanzielle Absicherung, zeugt es doch von dem Bedürfnis, in einer unüberschaubaren Situation mit ungewissem Ausgang die Kontrolle zu behalten.
Das disruptive Potential des Krieges, der die Fundamente des bisherigen Lebens erschüttert, ist eng verknüpft mit einer unbestimmten Endzeitstimmung. Anders jedoch als in vielen literarischen Werken, die auf die Zeit der Mobilmachung Bezug nehmen, ist in den Feldpostbriefen von einem heilsgeschichtlichen Erneuerungsgedanken oder gar von Kriegsbegeisterung nichts zu spüren. Während etwa in Thomas Manns Der Zauberberg der Krieg als reinigender Donnerschlag bezeichnet wird, der die Welt ins Chaos stürzt, nur um aus ihren Trümmern »einmal die Liebe steigen«8 zu lassen, ist in den Briefen oft eine gänzlich profane Zukunftsangst sowie der damit verbundene Wunsch nach Absicherung vorherrschend: Der bereits erwähnte Wilhelm habe seiner Schwester geraten, »sie sollten sich trauen lassen, Papiere und Aufgebot brauchen sie jetzt ja nicht, dann kriegt Auguste doch im Notfall Unterstützung […].«9 Und während Emil Sinclair in Hermann Hesses Demian das Motiv des Riesenvogels Abraxas beschwört, der sich schicksalhaft aus dem Ei kämpft – »das Ei war die Welt, und die Welt mußte in Trümmer gehen«10 –, schreibt eine Frau angesichts der Tatsache, dass ihre beiden Brüder in den Krieg gezogen sind: »Hoffentlich sind sie noch gesund und munter dies ist eine zu traurige Zeit für uns alle.«11 In den Feldpostbriefen ist das in der Literatur weit verbreitete reinigende Erweckungserlebnis fast komplett abwesend.12 Der Topos von der alten Welt, die in einem karnevalesken »Weltfest des Todes«13 zugrunde gehen muss, damit aus ihren Trümmern eine geläuterte und bessere Menschheit entstehen kann, ist lediglich in intellektuellen und künstlerischen Kreisen verbreitet, die sich vom Krieg eine Befreiung aus erstarrten gesellschaftlichen Strukturen erhofften. In die Lebenswirklichkeit der meisten Milieus – ungeachtet, ob bürgerlich, ländlich oder von Arbeitern dominiert – ist dieser Diskurs kaum vorgedrungen.14
Lediglich in abgeschwächter und zur Floskel erstarrter Form finden sich Anklänge davon in den Feldpostbriefen und -karten des Kriegsbeginns, die jedoch trotz der scheinbar transportierten Euphorie nicht als Kriegsbegeisterung interpretiert werden sollten. Im August 1914 schreibt ein Soldat an seinen Bruder: »Und jetzt gehts mit frohem Mut. Mit Gott für König und Vaterland.«15 In der sakralisierten Überhöhung der eigenen Nation gehen Religion und Nationalismus eine semantische Verbindung ein und beinhalten einen identitätsstiftenden Effekt: Der Einzelne ist eingebettet in das Kollektiv der Nation, wodurch nicht nur dem eigenen Dasein, sondern auch dem Krieg an sich ein höherer Sinn verliehen wird.

Abb. 4: Gruppenbild württembergischer Soldaten
Angesichts der Mobilmachung greift im August 1914 eine allgemeine Erregung um sich, der sich beinahe niemand entziehen konnte. Doch nur selten war eine überschwängliche, rauschhafte Euphorie die Ursache für die Menschenansammlungen in den großen Städten. Oftmals trieb das Bedürfnis nach Informationen zu den aktuellen Geschehnissen die Menschen auf öffentliche Plätze – ein Phänomen, das jedoch auf die größeren urbanen Zentren des Deutschen Reichs beschränkt blieb.16 Die Feldpostbriefe sind diesbezüglich bemerkenswert vage. So steht auf einer Postkarte aus Straßburg neben der Abbildung des Münsters geschrieben: »Ich habe mich Freiwillig ins Feld gemeldet.«17 Die Beweggründe für diese Handlung gehen aus der Postkarte jedoch nicht hervor. Es steht ein breites Spektrum an Deutungsangeboten zur Verfügung: Statt einer genuinen Kriegsbegeisterung waren oft Gruppenzwang und die damit verbundene »Scham vor dem Nebenmann«18 ausschlaggebende Entscheidungsfaktoren. Derjenige, der sich nicht freiwillig zum Kriegsdienst meldete, lief Gefahr, als feige und unmännlich gebrandmarkt und auf eine semantische Ebene mit den daheimbleibenden Frauen, Alten und Kranken gestellt zu werden.19 Durch die freiwillige Meldung wurde die eigene Männlichkeit unter Beweis gestellt und der Grundstein für die diskursive Gleichsetzungen ›Mann und Front‹ beziehungsweise ›Frau und Heimat‹ gelegt. Viele Freiwillige waren zudem von der Notwendigkeit des Krieges überzeugt und betrachteten ihre Teilnahme am Krieg als nationale Pflicht.20 Eng damit war die Auffassung verknüpft, Deutschland werde der Krieg aufgezwungen und müsse sich entsprechend verteidigen. So wird beispielsweise auf einer Karte vom Oktober 1914 das Motiv vom deutschen Soldaten als »Vaterlandsverteidiger[…]«21 reproduziert und die defensive Rolle des Deutschen Reiches unterstrichen.
Es ist kein Widerspruch, dass trotz alledem ein Großteil der Bevölkerung die Mobilmachung sowie die bevorstehenden Kriegsereignisse als existenzbedrohende Krise empfand. Aus diesem Grund waren körperliche Gebrechen aller Art bereits zu Beginn des Krieges ein willkommener Grund, sich den drohenden Kampfhandlungen zu entziehen. Eine Mutter schreibt im August 1914 an ihren Sohn:
»[…] Heinrich ist wieder gekommen wegen seinen Bruchschaden der ist jetzt untauglich geschrieben Wilhelm ist schon 2 mal wieder gekommen ob er nun noch mal weg mus, weis man noch nicht ist denn dein Herzleiden besser, hast du gar keinen Grund das du wieder zurück kömmst.«22

Abb. 5: Soldat in Uniform, vermutlich Kriegsbeginn
Während viele Männer aufgrund von soldatischen Männlichkeitsidealen zögerten, in die Heimat zurückzukehren, waren vor allem die Familienangehörigen bestrebt, ihre Verwandten so schnell wie möglich wieder nach Hause zu holen – entweder mit körperlichen Begründungen oder aufgrund von wichtigen Arbeiten im Familienbetrieb und auf dem heimischen Hof, die eine Reklamierung rechtfertigten. Doch genauso wenig, wie die oben erwähnten Briefausschnitte eine euphorische Kriegsbegeisterung belegen, dürfen eine vage Zukunftsangst und die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende als politisch motivierte Kriegsgegnerschaft missverstanden werden. 1914 wird in den Feldpostbriefen kaum über gesellschaftliche Zusammenhänge oder gar die Ursachen für den Kriegsausbruch reflektiert.23 Wird der Krieg abgelehnt, geschieht dies meist nicht aus politischen Gründen, sondern weil dieser wie eine Naturkatastrophe in das Leben der Menschen einbricht und persönliche Lebensentwürfe zunichtemacht. Ausschlaggebender Faktor ist hierbei die Sehnsucht nach dem Leben der Vorkriegszeit, in dem ein unpolitisches Dasein in der privaten Sphäre der Familie möglich schien. So berichtet ein Mann auf einer Karte an seinen Neffen von der Verletzung eines gemeinsamen Bekannten – »Schuß durch beide Oberschenkel« – und schließt mit dem Wunsch: »Wenn doch der liebe Gott helfen wollte, daß dieser schreckliche Krieg bald zu Ende wäre.«24 Dennoch liegt der formelhaften Friedenssehnsucht keine dezidiert pazifistische Geisteshaltung zugrunde, was die folgende Schlussformel des Briefes deutlich macht: »Hoffentlich kriegen unsre Feinde bald die nötige Dresche, daß die Gesellschaft das Wiederkommen vergißt.«25 Ein möglichst schneller Sieg ist in der Ansicht vieler Zeitgenossen die einzige Voraussetzung für ein baldiges Kriegsende. Der Feind, der überwunden werden muss, bleibt dabei bemerkenswert schemenhaft. »Verkloppt die Franzosen man tüchtig und dann kehrt glücklich bald zurück«26 schreibt eine junge Frau namens Ella im September 1914 ihrem Verlobten und bedient dabei den floskelhaften Topos vom schnellen Offensivsieg, der aus einer anderen, vorindustriellen Zeit zu stammen scheint. Dass der aktuelle Krieg mit den Kriegen des 19. Jahrhunderts nicht vergleichbar ist, stellt folgender Kartenschreiber bereits drei Monate nach Kriegsbeginn fest:
»[…] aber wenn Gott will werden wir bald die Heimatreise antreten als Sieger denn unsere alten Krieger hatten es im Jahr 70 blos mit einer Macht zu tun aber wir jungen Krieger haben es mit vielen Mächten zu tun in diesem ersten Jahr hat es schon mehr Kameraden gekostet wie 70 das kanße Jahr. Heute den 25 haben unsere Kameraden wieder vierzichtausend Rußen gefangen kenommen wir werden mit Rußland und Frankreich verdich wenn Gott wiel und dan geht es an den Lumpichen Engländer […].«27
Trotz der Erkenntnis, dass der aktuelle Krieg mit den traditionellen Kategorien nicht mehr bewertet werden kann, weil die Weltlage um einiges komplexer geworden ist, tritt in diesem Briefausschnitt ein äußerst bemühter Siegesoptimismus zutage, der Hand in Hand mit der fatalistischen ›Wenn Gott will‹-Floskel geht. Die nur scheinbar widersprüchliche Kombination aus Friedenssehnsucht, Durchhalteparolen und stereotypen Feindbildern wird auch in folgendem Brief deutlich:
»Hoffentlich kommst du bald wieder. Hier aus Boffzen sind schon 6 tot. Es giebt eine große Trauer im deutschen Lande. Aber nur nicht den Mut verlieren. Haue nur tüchtig drauf los. Sonst noch alles beim Alten. Auf Wiedersehen! Macht Freude!!«28
Die Versicherung von Normalität steht konträr zu den vorangehenden Aussagen, wonach im ganzen Land große Trauer herrscht, ist jedoch – genau wie der beschwörende Sprechakt am Ende – ein typisches sprachliches Mittel in Feldpostbriefen, um auf semantischer Ebene das Leben der Vorkriegszeit herbeizuschreiben.
Das Bewusstsein, dass mit dem Krieg die alte Zeit zu Ende gegangen ist, geht aus folgenden Zeilen hervor:
»Am Donnerstag hat der Unterricht wieder begonnen, allerdings nur Halbtagsunterricht, da ein Schulhaus in ein Lazarett verwandelt wurde.«29
Unbewusst wird die Quintessenz des Krieges in einem eindrucksvollen sprachlichen Bild zusammengefasst: Schulhäuser werden in Lazarette verwandelt; der allumfassende Militarismus hat buchstäblich das humanistische Bildungsideal annektiert. Jeder Lebensbereich ist vom Krieg durchdrungen, jede Gesellschaftsschicht und Altersstufe davon betroffen. Der Krieg reicht weit ins zivile Leben hinein und etabliert den Ausnahmezustand, der laut Giorgio Agamben in kriegführenden Nationen zum neuen »Paradigma des Regierens«30 wird und die grundlegenden Rechte des Einzelnen außer Kraft setzt. Weiter heißt es auf der Karte:
»Die Weinberge sind in der ganzen Nordpfalz durch die Rebenschädlinge ohne Ausnahme gänzlich vernichtet. Kein Weingert liefert auch nur den geringsten Ertrag. Doch wird dieser enorme Verlust mit Gleichmut ertragen. Niemand spricht in dieser ernsten Zeit von Schädigung.«31
Der Krieg hat oberste Priorität, alles andere ist zweitrangig. Den Menschen in der Heimat obliegt eine moralische Verpflichtung, die Soldaten im Feld durch das gleichmütige Ertragen von Entbehrungen zu unterstützen. So ist 1914 in der Bevölkerung noch die Vorstellung vorherrschend, die »ernste Zeit« habe den positiven Nebeneffekt, dass sich die Menschen durch sie auf das Wesentliche besinnen. Auch wenn ein Großteil der Bevölkerung sich nach dem Ende der Kriegshandlungen sehnt, wird der Krieg per se nicht infrage gestellt, sondern als »unausweichliches Fatum im Sinne göttlicher Fügungen und katastrophaler Naturereignisse«32 hingenommen. So ist die Anfangszeit des Krieges von einer großen Ambivalenz geprägt: Auf der einen Seite ist ein allgemeiner öffentlicher Erregungszustand zu beobachten, der in einer Welle von freiwilligen Meldungen zum Kriegsdienst resultiert und so den Topos von der Kriegsbegeisterung befeuert. Zugleich ist die Zeit von Angst vor dem Kommenden sowie einer nostalgisch gefärbten Friedenssehnsucht geprägt. Diese beiden Wahrnehmungsmuster widersprechen einander lediglich auf den ersten Blick und können als verschiedene Ausprägungen desselben Grunddiskurses gewertet werden, dem keine Kriegsbegeisterung, sondern vielmehr Kriegsentschlossenheit zugrunde liegt. Lediglich die Nuancierung dieses Diskurses kann variieren und deckt die gesamte Bandbreite positiver wie negativer Reaktionen ab.
Schreiben über den Tod
Ella Mirring lebt mit ihren Eltern und Geschwistern in Berlin. Ihr Verlobter Walter wurde gleich zu Beginn des Krieges eingezogen und ist nun in Frankreich stationiert. Ella hat Arbeit in einer Fabrik angenommen und kommt abends erst spät nach Hause, versucht jedoch trotzdem, Walter so oft wie möglich zu schreiben – meist vor dem Zubettgehen. »Wieder ist ein Tag wieder eine Woche vergangen nun sind es schon ihrer 5 an der Zahl, wo du mich und deine Lieben alle hier allein zurückgelassen hast«33, schreibt sie am 9. September 1914.
Der Trennungsschmerz wird immer größer, je länger Walter abwesend ist: »[Ich] habe doch keine Ausdauer nirgend’s wo, möchte raus weit weit weg in die Welt ganz allein, dahin wo mein Geliebter Walter ist. Aber ich kann doch nicht und darf es auch nicht.«34 Talismane und symbolisch aufgeladene Erinnerungsstücke, die als Platzhalterobjekt die körperliche Abwesenheit des geliebten Menschen kompensieren, spielen eine große Rolle bei der Bewältigung der Trennung. Ella hat sogar ein Medaillon mit einem Foto des Verlobten anfertigen lassen – »nun werd’ ich mir den Walter um Hals hängen.«35 Dann hört Ella plötzlich nichts mehr von Walter; schlimmer noch, alle Briefe und Pakete, die sie ihm geschickt hat, kommen zu ihr zurück (
Abb. 7).

Abb. 6: Ella Mirring aus Berlin
Ella will seinen Tod noch nicht wahrhaben, was folgender Brief zeigt:
»Lieber Walter! Habe so sehr sehr lange von dir keine Nachricht bekommen, daher aber traurige von Kameraden. In der Verlustliste steht mein Geliebter drin als schwer Verwundet und du bist doch schon für Tod erklärt worden wo wir alle auch deine lieben Eltern sehr daran zweifeln und die Hoffnung noch nicht aufgeben. Alle die Pakete und Briefe die ich an dir geschickt habe sind zurück gekommen. Nun denke und hoffe ich doch noch sehr das schließlich was ja sehr häufig vorkommt eine Verwechslung vorgekommen ist, das mein Geliebter Walter noch lebt ist das der Fall so bitten wir allen von Herzen du Liebster lasse dich so gut es geht und seist du noch so sehr verletzt ach bitte bitte bitte Geliebter ach komme doch zu uns zu deinen Lieben zu deiner Ella. Habe keine Sorge es ist für meinen Walter und deine Ella gesorgt wir haben keine Not. Ach Bitte Bitte komme doch damit ich meinen Geliebten doch pflegen und ihm noch glückliche Stunden bereiten kann.«36
Am 15. Oktober erhält sie durch den Brief eines Sanitäters Gewissheit, dass Walter tot ist:
»Geehrtes Fräulein! Auf Ihr Schreiben vom 5.10.14. teile ich Ihnen mit daß Ihr lieber Walter Lüdecke durch einen erhaltenen Kopfschuß die Besinnung verloren und bald nach Einlieferung in das Feldlazarett 11 gestorben ist. Beerdigt ist er auf dem Friedhofe im Dorfe Filain unten bei der Kirche. Ob er nun ein Massengrab oder allein gekommen ist kann ich Ihnen nicht mitteilen, da ich bei der Bestattung nicht zugegen war. Die bei ihm vorgefundenen fertiggeschriebenen Karten und Briefe sind von mir mit dem Vermerk daß er gestorben ist abgesandt worden. Die übrigen Briefe und Notitzbuch glaube ich sind verbrannt oder sonst auf irgend einer Art vernichtet worden. Geld und Bild ist nicht vorgefunden worden. Die Uhr nebst Kette, ob auch ein Ring dabei war, kann ich nicht mehr behaupten, hat der Inspektor des Feldlazaretts 11 in Empfang genommen. Einen Bleistifthalter und das Nähzeug habe ich als Andenken behalten. […] Nun wollen wir hoffen daß Walter Lüdecke Ihr geliebter Bräutigam und mein Rgt-Kamerad sanft ruhe im Feindesland.«37

Abb. 7: Briefumschlag mit dem Vermerk »Zurück«
Aus diesem sehr knapp gehaltenen und auf wesentliche Informationen beschränkten Brief spricht eine nüchterne Distanz zum Thema Tod, was nicht zuletzt dem Beruf des Krankenwärters geschuldet sein könnte, für den das serielle Sterben im Krieg zum Alltag gehört. Während Walters tödliche Verletzung sowie seine letzten Stunden nicht näher geschildert werden, nähert sich der Briefschreiber dem Sterben des Kameraden über eine organisatorische Aufzählung darüber, was mit seinem Besitz geschehen ist. Dies kann als Versuch gewertet werden, angesichts des allgegenwärtigen und massenhaften Todes im Krieg die Kontrolle zu bewahren und Ordnung herzustellen. Die Aussage des Krankenwärters, Walters Bleistifthalter und Nähzeug als Andenken an sich genommen zu haben, bricht den ansonsten sehr distanzierten Duktus des Briefs für einen Moment auf und bildet ein Gegengewicht zu dem allgegenwärtigen entindividualisierten Sterben ringsherum. Die eindrücklichste Verkörperung des industriellen Krieges, der jegliche Individualität auslöscht und untrennbar mit einem anonymen Tod verbunden ist, ist das Massengrab. Ob Walter in einem Einzel- oder einem Massengrab beerdigt wurde, weiß der Krankenwärter nicht. Darüber erhält Ella von Walters Freund Wilhelm Franke Auskunft, der am 28. November 1914 folgenden Brief schreibt:
»Liebes Fräulein, Ihr Bräutigam, Walter Lüdecke ist Mitte September (Datum weiß ich augenblicklich nicht) verwundet worden und zwar war es ein sehr gefährlicher Kopfschuß. Walter wurde besinnungslos meiner Station überwiesen. Ich gab mir die größte Mühe mit ihm, um aus ihm zu erfahren wie er heißt, wie seine Angehörigen heißen, oder sonst dergleichen, aber vergebens. Liebes Fräulein ich kann Ihnen daß alles nicht so schicken, ich werde Ihnen alles ausführlich mündlich erzählen. Denn Sie glauben nicht, wie viel Nächte ich bei ihm saß, und wie manches Wort oder Sätze sprach er im Fieber, ich erfuhr dadurch bald, daß er unverheiratet ist, daß er ein hübsches Mädchen liebte denn wie oft rief er Ella, oder Erna, ich verstand ihn oft nicht. Einmal rief er nach mir ich fragte mein Kamerad was fehlt dir, er sprach unverständliche Laute machte aber Bewegungen als wie, ich sollte schreiben. Die andere Nacht schlief er ein, ganz ruhig und ohne Schmerzen, wir haben ihn begraben wie es einem tapferen Kameraden zukommt. Er liegt im Massengrab mit noch 6 Kameraden, auf dem Friedhofe dicht an der Kirche (kath) in Filain Wir haben ein großes hölzernes Kreuz mit Widmung darauf gestellt, haben soviel Blumentöpfe wie wir im Dorfe kriegen konnten rings um das Grab gestellt und nun Friede seiner Asche.«38
Dem Massengrab sowie der damit verbundenen Assoziation der Anonymität versucht Wilhelm Franke entgegenzuwirken, indem er betont, dass Walter nicht allein auf dem Schlachtfeld gestorben, sondern in Gesellschaft seiner treusorgenden Kameraden friedlich eingeschlafen ist. Der Topos vom sanften, schmerzlosen Tod, der mit einem friedlichen Einschlafen gleichgesetzt wird, ist ein häufig auftretender Euphemismus in den Feldpostbriefen des Ersten Weltkriegs. Dieser ist den romantisierenden Kriegsdarstellungen des 19. Jahrhunderts entlehnt und kann zugleich als bewusste Sprachstrategie gewertet werden, um die Hinterbliebenen zu schonen. Eine weitere Methode, der grauenhaften Vorstellung vom anonymen Tod im Krieg semantisch entgegenzutreten, ist die Beschreibung des Grabes mit persönlicher Widmung und Blumenschmuck. Die Anknüpfung an tradierte Rituale bildet einen Kontrast zum sinnlosen und einsamen Sterben. In dieser Tradition steht auch Frankes Vorschlag aus einem Brief vom November 1914: »Am 1. Freitage werde ich Walter besuchen und zwar Nachmittags um 3. Uhr, dann können Sie in Gedanken bei uns sein, beten Sie dann auch mit.«39 Dieser Bewältigungsritus basiert auf der Überwindung räumlicher Distanz durch gemeinsames Erinnern und ritualisierte Handlungen, die emotionalen Halt schaffen und zugleich ein Gemeinschaftsgefühl kreieren.
Eben jene räumliche Trennung zwingt zur schriftlichen Kommunikation, was von vielen Briefschreiberinnen und Briefschreibern als defizitär empfunden wird. Wilhelm Franke betont, das Geschehene schriftlich nicht adäquat wiedergeben zu können und hofft daher auf ein persönliches Treffen. Obwohl auch Wilhelm Franke das sprachliche Bild vom »tapferen Kameraden« bemüht, finden sich in seinem Brief keine Sinnstiftungsversuche, die Walters Tod in einen höheren Zusammenhang stellen. In folgendem Brief, den der Soldat Gustav Lehmann am 31. Dezember 1914 an Ella richtet, ist das genaue Gegenteil der Fall. Er schreibt:
»Ihr liebster war mein bester Freund und Kamerad am 5ten Morgen den wir hatten uns lieb gewonnen wie ein paar Brüder und haben alles was ein Soldat hat geteilt wir hatten uns ein paar Tage vor seinem Tode ein kleines Zelt gebaut da es zu jener Zeit sehr regnete haben wir uns gegenseitig gewärmt aber unsere Brüderliche Kameradschaft sollte nicht lange dauern da kam eines Tages es war um die Mittags Zeit seines Schicksals, es wurden Kameraden im feindlichen Feuer schwer verwundet, da hieß es Sanitäter mit der Krankentrage kommen aber sie kamen nicht bis zur Batterie den die Kugeln rasten im unterwegens dahin. Warlich liebes Fräulein einen schöneren Tod findet selten ein Kamerad wie Ihr Liebster Walter Lüdecke den er ist in seinem Beruf dahin gerafft worden. Er hat geholfen wo er konnte nun liebes Fräulein vertragen Sie ihr schweres Schiksal wie ein deutsches Mätchen und denken Sie an die fielen Mätchen Frauen und Mütter die alle ihr Liebstes hingegeben haben so mancher von denen kehrt nicht mehr wieder darum möchte ich Sie Liebes Fräulein, und alle die einen Held zu beweinen haben auf den einen Tröster hinweisen der alles so bestimmt hat hinwiefern wir uns auch zu ihm wenden sollen zu Jesu der die größte Schlacht auf Erden geschlagen hat der den Tod und Teufel besiegt hat, nicht mit blanken Wafen sondern mit seinem mechtigen Wort und durch seiner großen Liebe, ja die Liebe die den Himmel hat zerrissen die sich zu uns sündigen Menschen nider beugte sagen Sie Liebes Fräulein welch ein Trieb hat im dazu bewegen müssen das er der von keiner Sünde wußte sich zu uns Sünder auf Erden nieder lies, ja die große Liebe hat es selbst gethan die er zu uns Menschen hat, nun will ich schliessen den die Pflicht ruft wieder.«40
Gustav Lehmanns Brief vereint zahlreiche Diskurse und Deutungsangebote des Ersten Weltkriegs und stellt ein Konglomerat aus religiösen, fatalistischen, nationalistischen und chauvinistischen Motiven dar. Zu Beginn des Briefes wird der Topos von der männlichen Frontgemeinschaft beschworen, die sich klar von den zivilen Bindungen zu Familienmitgliedern oder Ehefrauen abgrenzt und der die Soldaten oft eine tiefere, beinahe schicksalhafte Bedeutung zuschreiben. Eng damit verbunden ist die Überzeugung, man könne den Daheimgebliebenen aufgrund divergierender Erfahrungswelten weder das Erlebte im Krieg noch die große Relevanz der soldatischen Gemeinschaft beschreiben. Auf diskursiver Ebene werden auf diese Weise die Gräben zwischen Front und Heimat, zwischen Soldaten und Zivilisten, zwischen Männern und Frauen konstruiert und festgeschrieben. Gustav Lehmanns Brief deutet an, dass in der Vorstellung mancher Soldaten die soldatischen Männerfreundschaften nicht nur Familienbande ersetzen, sondern zugleich Frauen ausschließen: Weiblich konnotierte Verhaltensweisen wie die fürsorgliche Liebe oder das Spenden von emotionaler Nähe und Trost werden von den Soldaten selbst übernommen.41 So betont Lehmann etwa das brüderliche Einverständnis und Vertrauen, das zwischen ihm und Walter herrschte und das vom Teilen materieller Güter bis hin zum gegenseitigen Wärmen in der Kälte reichte. Die Ausnahmesituation an der Front legitimiert emotionale und feminin besetzte Verhaltensweisen, die innerhalb der starren Geschlechtergrenzen der Vorkriegszeit kaum sagbar gewesen wären.42 Zugleich unterstützt Lehmann jedoch eben jene genderbezogenen Differenzen, indem er an Ellas Rolle als Frau, und wichtiger noch, als deutsche Frau appelliert: Schicksalsergeben soll sie den Tod ihres Verlobten hinnehmen und in diesem Opfer ihren spezifisch weiblichen Beitrag zum deutschen Kriegserfolg sehen. Eine individuelle Trauer als Privatperson steht ihr nicht zu, schließlich erleiden Tausende dasselbe Schicksal wie sie. Diese Argumentationsweise geht mit der Überzeugung einher, dass der oder die Einzelne in ein überpersönliches Kollektiv eingebunden ist und dem Sterben im Krieg somit eine höhere Bedeutung zukommt: Walters Tod, der in Lehmanns Brief nicht nur zur Berufung, sondern gleich zum schönsten Tod von allen stilisiert wird, war nicht umsonst, da er im Dienst einer – nicht näher definierten – übergeordneten Sache stand. Das Opfernarrativ, welches sich sowohl auf den toten Soldaten als auch dessen trauernde Verlobte bezieht, ist untrennbar mit einem gesteigerten Pflichtgefühl verbunden. Dieses klingt in vielen Feldpostbriefen des Ersten Weltkriegs an und steht in einer Reihe mit einer meist unreflektierten Kriegsentschlossenheit. Der Pflichtbegriff manifestiert sich jedoch für Frauen und Männer auf unterschiedliche Weise: Die männliche Pflicht besteht in der Verteidigung des Vaterlands auf dem Schlachtfeld und im Extremfall im Opfertod, während die weibliche Pflicht in einem passiven Hinnehmen des Verlusts und einem Fügen in die Rolle als Frau besteht. Der weibliche Beitrag zum erhofften Sieg ist zwar unabdingbar, wird jedoch stets als sekundär im Vergleich zum männlichen Kriegsopfer gesehen.43
Darüber hinaus stellt Lehmann eine Analogie zwischen Walters Sterben und der Passion Christi her: So wie sich Christus für die Menschheit opferte, starb auch Walter einen religiös konnotierten Opfertod, der einem göttlichen Ziel diente. Bezeichnenderweise wird der Leidensweg Christi mit Kriegsterminologie beschrieben, was einmal mehr die Nähe von religiösen und kriegsimmanenten Diskursen belegt: Jesus habe die größte Schlacht auf Erden geschlagen. Anders als die Soldaten, die in Schützengräben ausharren müssen, entschied er diese jedoch nicht mit Waffengewalt für sich, sondern mit seinem großen Selbstopfer, welches zu guter Letzt die Rettung der Menschheit sein wird. Lehmanns Ausführungen sind von einer fehlerhaften Orthographie und sprunghaften Assoziationen durchzogen. Atemlos betont er, ein jeder müsse sich seinem gottgewollten Schicksal fügen, vor dem es kein Entrinnen gebe. Der Brief schließt mit einem floskelhaften und für die Empfängerin wohl wenig befriedigenden Verweis auf den heilsbringenden Tröster und wirft noch einmal das Schlagwort der Pflicht in den Raum.
Häufig liegen zudem Existenzielles und trivial wirkende Alltagsthemen eng beieinander, wie folgende Feldpostkarte zeigt:
»Habe deine Karte vorgestern erhalten. Es freut mich sehr, das du noch lebst. Herr Husmann ist auch da gewesen mit 50 Autos, mit Liebesgaben.«44
Im zeitgenössischen Bewusstsein findet selten eine strikte Trennung zwischen alltagsrelevanten und existenziellen Diskursen statt. Es lässt sich zwar eine gewisse Distanz zum Tod feststellen, allerdings deutet dies nicht auf eine Tabuisierung desselben hin, sondern auf einen pragmatischen Umgang mit diesem allgegenwärtigen Thema. Zum einen erschwert der begrenzte Umfang einer Feldpostkarte detaillierte Darstellungen tiefgründiger Themen. Zum anderen hat sich am Anfang des Krieges noch keine adäquate sprachliche Darstellungsform für das zuvor nie gekannte Phänomen des massenhaften Sterbens und Tötens etabliert: 1914 wird das Thema Tod in Ermangelung an sprachlichen Alternativen noch in bekannte und tradierte Sinnstrukturen eingebunden. Dabei ist auffällig, dass zwar die Todesursachen sowie die Waffen, welche die tödlichen Verletzungen auslösen, in den Briefen erwähnt werden. Der Gegner bleibt jedoch meist unsichtbar. Dadurch entsteht der Eindruck, die Kriegsmaschinerie habe ein überpersönliches Eigenleben entwickelt und agiere losgelöst von den teilnehmenden Soldaten, die unbekannten Mächten ausgeliefert sind und keinerlei Handlungsspielraum haben. Dieses Phänomen des abwesenden Gegners schließt außerdem ein, dass zwar das Sterben, nicht aber das aktive Töten in den Feldpostbriefen thematisiert wird: Eine »Auseinandersetzung mit dem Zufügen von Gewalt im Sinne einer aktiven Täterschaft«45 fehlt beinahe komplett. Die Soldaten schreiben sich zwar in einen Opferdiskurs ein und reflektieren über den Tod im Krieg, treten in den Feldpostbriefen jedoch so gut wie nie als Täter in Erscheinung. Neben einem offensichtlichen Verdrängungsmechanismus ist der Grund hierfür in der bereits zu Kriegsbeginn weit verbreiteten Auffassung des Krieges als plötzlich hereinbrechende Katastrophe zu suchen. Da in den Briefen selten über Kriegsursachen und Verantwortungen nachgedacht wird, liegt es den meisten Briefschreibern fern, die eigene Rolle in diesem Krieg zu hinterfragen oder gar über die eigene Mitschuld zu reflektieren. Die fehlende Reflexion über die eigene Täterschaft lässt sich zudem mit der allgemeinen Unsichtbarkeit des Gegners erklären: In einem industrialisierten Krieg, in dem der Mensch gegenüber den maschinellen Waffen eine untergeordnete Rolle einnimmt, tritt der Gegner weder als aktiver Täter noch als Opfer in Erscheinung.
Schreiben über den Krieg
Im Dezember 1914 schreibt ein Soldat einen Brief an eine Gruppe von Freunden:
»Es freut mich jedesmal, wenn ich von meinen ehemaligen Quartierleuten etwas höre u. immer wird mirs weh ums Herz wenn ich an die schöne Zeit denke, die ich bei Euch erlebt habe. Aber auch die guten Vesperle habe ich noch nicht vergessen, ohne die wäre ich schwerlich ins Feld gekommen, denn von der Kaserne weg, war ich nicht gar so stark. Lassen wir aber nun die Vergangenheit ruhen u. denken wir an die Gegenwart u. Zukunft. Die Gegenwart ist schrecklich u. die Zukunft male ich mir auch nicht so rosig aus, wie lange wirds noch dauern, dann stehe ich schon wieder in diesem mörderischen Feuer, das keine Barmherzigkeit kennt, aber man kanns halt nicht ändern, das beste ist, man nimmt alles hin, wies kommt.«46
Feldpost spielt eine zentrale Rolle für die Aufrechterhaltung von zwischenmenschlichen Beziehungen sowie das Erschaffen von gedanklichen Gegenwelten zum Chaos im Krieg. Wehmütig schwelgt der Briefschreiber in Erinnerungen und beschwört vergangene Zeiten, die der Krieg unwiederbringlich zerstört hat. Seine resignierte Analyse von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zeigt, dass bereits 1914 Kriegsmüdigkeit und Zukunftspessimismus weit verbreitet waren. Fast immer ist die Verbitterung über die gegenwärtige Lage mit fatalistischen Floskeln verbunden, die zum Aushalten und Hinnehmen auffordern. Die Gleichsetzung des Krieges mit einem erbarmungslosen Höllenfeuer ist dem religiösen Wortfeld entlehnt und verdeutlicht, dass viele Briefschreiber auf kulturell überlieferte Metaphern zurückgreifen, um ihren Mitmenschen die Situation, in der sie sich gegenwärtig befinden, zu verdeutlichen. Der folgende Auszug verzichtet jedoch auf anschauliche Sprachbilder und spielt stattdessen auf die Nichtdarstellbarkeit des Krieges an: »Wie der Krieg so vor sich geht könnt ihr euch garnicht denken es ist schrecklich, darum auf ein gesundes Wiedersehen.«47 Der bewusste Verzicht auf eine Beschreibung der gegenwärtigen Lage geschieht unter der im Ersten Weltkrieg weit verbreiteten Prämisse, dass das Kriegsgeschehen mit Sprache nicht angemessen ausgedrückt werden kann und daher die Angehörigen, die sich in einer anderen Erfahrungswelt befinden als der Schreiber, das Dargestellte nicht verstehen können. So beschränkt sich der Briefschreiber auf das Adjektiv ›schrecklich‹, das zwar vage bleibt, zugleich jedoch eine Vielzahl von Assoziationen hervorruft. Hierbei ist zu betonen, dass die Menschen, abhängig davon, ob sie sich an der Front oder in der Heimat befinden, zwar unterschiedliche Erfahrungen machen, aufgrund der stetigen Briefkommunikation jedoch eng aufeinander bezogen bleiben. Von einem Entfremdungsprozess zwischen Front und Heimat kann deshalb zu Beginn des Krieges nur bedingt die Rede sein.48
Häufig suchen Soldaten in alltäglichen Themen einen gemeinsamen Referenzpunkt. So spielt die Beschreibung der Wetterverhältnisse in den Feldpostbriefen eine große Rolle, ist dies doch eine Kommunikationsebene, auf der sich beide Seiten treffen können. »Hier regnet es schon 14 Tage lang und man kennt sich kaum selbst noch«49 schreibt ein Soldat an Silvester 1914 an seine Verlobte und reiht die große Entfremdung, die im Feld um sich greift, in bekannte Sinnzusammenhänge ein. Zwar bleibt die Beschreibung sehr ungenau, doch der Verweis auf zwei ununterbrochene Regenwochen im Freien genügt, um eine Vorstellung von den grauenhaften Verhältnissen an der Front zu vermitteln. Diese Fokussierung auf Alltagsschilderungen, die den Daheimgebliebenen ein hohes Identifikationspotenzial bietet, klingt auch in folgendem Brief an, den ein in Frankreich stationierter Soldat im November 1914 an die bereits erwähnte Ella Mirring schreibt:
»[An der] grossen Offensive wurde das Korps auch vollständig aufgerieben. Hier wird es so nach und nach wieder aufgefrischt. Die Gegend ist hier Landwirtschaft. Eine richtige Obstgegend. Äpfel giebt es hier zentnerweise liegen sie hier rum. Es ist hier jetzt richtiges Sauwetter. Alle Tage Regen und Sturm. Frost hatten wir hier überhaupt noch nicht. Ende Oktober hatten wir hier das schönste Wetter wie im Frühling. Haufen Ratten giebt es hier das ist unheimlich des Nachts gehts los. Allerhand tanzen uns über die Köpfe mit dem schönsten Konzert führen die Bister hier auf. Und frech sind sie wie Oskar, die laufen noch nicht mal vondannen wenn man nach sie schmeißt. So hat man immer seinen […] Ärger. In Russland die Läuse und Wanzen und die ist man hier los jetzt hier die Ratten alles solche langen Bister wie eine kleine Katze.«50
Während die militärischen Ereignisse zu Beginn des Briefes nur knapp umrissen werden, nimmt die Beschreibung der schlechten Wetterverhältnisse und der Rattenplage weit mehr Raum ein und wird plastisch geschildert. Dies hat mehrere Gründe: Zum einen verdeutlicht die anschauliche Schilderung von katzengroßen Ratten die Außerkraftsetzung von zivilisatorischen Standards weit anschaulicher als eine politisch fundierte Analyse der militärischen Ereignisse, die den Begriffshorizont aller Beteiligten übersteigen würde. Zum anderen bewegt sich der Briefschreiber auf bekanntem Terrain und gewinnt so ein gewisses Maß an Kontrolle in einer existenzbedrohenden Situation. Auch folgender Brief, den Paul Luck an seine Frau Auguste richtet, bewegt sich in einem Referenzrahmen aus bekannten Sinnzusammenhängen der Vorkriegszeit:
»Wie ich Dir wohl schon schrieb, haben wir 10 Tage in diesen Schützengräben gelegen, du kannst dir denken, daß jeder Gott dankte, als los ging von Chaulnes, denn besonders das Wetter war so miserabel, habe mir auch da einen tüchtigen Schnupfen geholt, wird aber schon wieder besser. Von Chaulnes hatten wir an einem Tage, erstens morgens 3-7 und abends 6 – nachts 2 Uhr 2 Nachtmärsche von ca. 50 km in stockfinstrer Nacht mit vollem Gepäck, aber du kannst mir wirklich glauben, daß wir uns in dieser Nacht nach dem Schützengräben zurücksehnten, denn ich habe nicht als aktiver Soldat jemals solchen Marsch gemacht.«51
Die unmenschlichen Strapazen eines nächtlichen Gewaltmarsches werden der Ehefrau anhand von quantitativen Angaben wie Uhrzeiten, Kilometeranzahlen und geographischen Daten vermittelt. Dies kann als Versuch der Selbstvergewisserung gedeutet werden, ist doch der Schreibende dadurch in einem System verankert, das mit althergebrachten Begriffen geordnet werden kann. Im Folgenden beschreibt er die Ankunft in der französischen Stadt Cambrai – »die Straßen sind alle sehr sauber u. reinlich«52 – sowie seine Einquartierung bei einer einheimischen Familie: »Wir haben es hier sehr gut getroffen, sind bei sehr feinen Leuten, eine davon mit 8 Kindern, die beiden jüngsten wie unser kleiner Mops so niedlich.«53 Die anerkennenden Worte über die Stadt Cambrai und die französische Familie, bei der Luck einquartiert ist, zeigen, dass zu Beginn des Krieges kulturchauvinistische oder ideologische Ressentiments in den Feldpostbriefen kaum vertreten waren. Der Vergleich der französischen Kinder mit den eigenen bietet zudem eine Identifikationsfläche und wirkt einer Entmenschlichung des gegnerischen Kriegsteilnehmers entgegen. All dies basiert auf der unausgesprochenen Grundüberzeugung, dass der Feind den Krieg ebenso wenig wollte wie man selbst und sich daher in einer vergleichbaren Lage befindet.
Im Anschluss an seine – teilweise an eine Urlaubsbeschreibung erinnernden – Ausführungen über Land und Leute führt Luck seine Rolle als Familienoberhaupt auf brieflicher Ebene fort, indem er seiner Frau hauswirtschaftliche Anweisungen erteilt:
»[…] schreibe mir doch auch Bescheid, und ob du das Geld bekommen hast oder nicht und ob die Arbeit geklappt hat. Das mit den Osramlampen freut mich, sieh nur zu, daß du recht viel verkaufen kannst, damit Geld in die Kasse kommt, du kannst es gebrauchen! Bist du auch noch auf dem Posten? Esse nur tüchtig, damit du gesund bleibst und unsere Liesel gut aufziehen kannst, du weißt ja die braucht eine kräftige Hand, ist sie denn noch manchmal so zwatschlich oder hat es sich gegeben ein bisschen? Glaubs zwar nicht, ich kenne doch unsere kl. Wudkel!«54
Die Abwesenheit des Mannes bedeutet nicht, dass die daheimgebliebene Frau plötzlich ein höheres Maß an Autonomie erhält. Zwar übernimmt sie nun Tätigkeiten, die zuvor im Aufgabenbereich des Mannes lagen, doch wird ihr Handlungsspielraum noch immer von ihrem Mann kontrolliert, der das Medium des Feldpostbriefs nicht nur zur Distanzverringerung zwischen Front und Heimat einsetzt, sondern auch, um regulierend in die Geschehnisse zu Hause eingreifen zu können. Die Aufforderung an seine Frau, auf ihre Ernährung zu achten, damit sie ihre Aufgabe erfüllen und das gemeinsame Kind zufriedenstellend erziehen kann, verdeutlicht zudem, dass der Körper der Frau vor allem in Krisenzeiten Gegenstand einer Vielzahl von disziplinierenden Diskursen ist:55 Die Gesundheit der Frau ist nicht Selbstzweck, sondern dient dem Erhalt der Familie und wird somit als kriegsrelevant gesehen. Sich diesen gesellschaftlichen Regeln durch nonkonformes Verhalten zu entziehen, würde bedeuten, dem Kriegsziel aktiv entgegenzuwirken.
Das erste Weihnachten im Krieg
Ein weiterer kriegsrelevanter Beitrag vonseiten der Menschen in der Heimat ist das Schicken von Lebensmitteln, Kleidung und anderen Gebrauchsgegenständen an die Front. Ein Großteil der Feldpostbriefe dreht sich um die Frage, was der Angehörige am dringendsten braucht, welche Pakete wann und in welchem Zustand ankamen und was als Nächstes geschickt werden soll:
»[S]chreib mal gleich, ob du mit warmem Unterzeug versehen bist, sonst schreib uns, was du haben mußt, dann schicken wir es dir, auch wenn du Lebensmittel haben willst schreib es gleich, wir schicken es dir gerne […].«56
Der materielle Austausch zwischen Front und Heimat ist von größter Relevanz, da er die räumliche Distanz zwischen den beiden Sphären überbrückt und eine gedankliche Verbindung zu vergangenen, besseren Zeiten herstellt. Viel wichtiger als der sich im Feldpostpaket befindende Gegenstand ist jedoch oftmals der ideelle und symbolische Wert der Sendung: »Damit du siehst daß wir deiner gedenken habe ich dir diese Strümpfe gestrickt«57, schreibt eine Frau Anfang Dezember 1914 an einen Verwandten, der an Weihnachten keinen Urlaub bekommen wird. Viele Menschen, denen es aufgrund fehlender Schreiberfahrung schwerfällt, emotionale Nähe schriftlich zu vermitteln, drücken ihre Fürsorge durch das Schicken von Paketen aus. Diese symbolische Verbindung zwischen Front und Heimat ist für alle Beteiligten insbesondere zu Weihnachten von größter Wichtigkeit und manifestiert sich im Fall des folgenden Briefes in Handschuhen und weihnachtlichen Tannenzweigen:
»Haben dir und August Wiedbrauck auch ein Paar Handschuh abgesandt die könnt Ihr doch gewiß bei dieser Kälte gut gebrauchen. Mach nur bald Platz in deinem Tornister den Du kriegst vom Weihnachtsmann 2 Pakete. Eins wird diese Tage von der Frauen Kriegshilfe abgesandt. Schreibst mir mal was alles in den Pakete gelegen hat. Die Sachen die in diesen Pakete liegen wurden alle bei Henneges gesammelt und dann dort verpackt. Auch liegt in jeden Pakete einen Tannenzweig welche wir zurecht gemacht haben diesen könnt ihr nach den Weihnachtsfeste den Franzosen hinter den Spiegel stecken.«58

Abb. 8: Weihnachtskarte
Dem Weihnachtsfest kommt eine große symbolische Bedeutung zu: Weihnachten steht nicht nur für das vergangene Leben in Friedenszeiten, sondern auch für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach dem Krieg. Zudem wird an Weihnachten der Kontrast zwischen der gegenwärtigen, oft hoffnungslos erscheinenden Situation und dem imaginierten Sehnsuchtsort Heimat am deutlichsten spürbar. Dieses nostalgische Defizit wird durch das Versenden von emotional aufgeladenen Gegenständen kompensiert, was folgender Brief zeigt, der gleich vier Absenderinnen hat:
»Lieber Friedrich! Wir schicken dir hier in kleinem Masse einen Christbaum. Haben dir ein Herz mit bei gelegt, denn heute war hier gerade Markt. Luise
Geliebter Friedrich Sende dir die besten Grüße von der Marktmusik. Dann wollte ich mal anfragen, ob du nicht ein paar Tage abbrechen könntest und uns den Christbaum in den Fuß machen? […] Erna
Inniggeliebter Friedrich!!! Schicken dir von der Marktfeier bisschen Reste laß Sie dir gut schmecken. Es grüßt L. Schrader […]
Vom Himmel gepurzelter Friedrich. Auch ich sende dir einen schönen Gruß Erna, Lischen u. Line tun mir heute abend Gesellschaft. Da dachten wir an Euch […] u. schicken Euch darum ein kleines Paketchen. Laßt es Euch recht gut schmecken. Auf ein baldiges Wiedersehen freut sich Helene Wiedbrauck.
Wünschen Dir ein fröhliches Weihnachtsfest!!!«59
Wie entscheidend die Kommunikation mit der Heimat insbesondere in der Weihnachtszeit für die Stärkung des Durchhaltewillens war, erkannte auch die Oberste Heeresleitung und erhöhte das erlaubte Maximalgewicht von Feldpostpaketen zur Weihnachtszeit:
»[Wir] schicken heute wieder ein Paket ab mit Cigarren und Strümpfen, die Pakete dürfen nur 1 Pfund wiegen, sonst legten wir mehr hinein, aber zu Weihnacht dürfen sie wieder schwerer sein.«60
Weil die weihnachtliche Nostalgie und Hoffnungsprojektion eine Gleichsetzung mit dem Begriffsfeld der Heimat erfährt, sind die oft sentimental wirkenden Symbole in hohem Maße politisch aufgeladen. Tannenzweige und Miniaturweihnachtsbäume sind weit mehr als nur sentimentaler Kitsch; für die Bereitschaft, weiter auszuharren und den Krieg weiter mitzutragen, spielen sie eine entscheidende Rolle. Auch wenn bei den meisten Zeitgenossen Unklarheit bezüglich der genauen Kriegsziele herrscht, haben doch die meisten eine vage Idee vom Beschützen der Heimat sowie die baldige Rückkehr in dieselbe als Ziel vor Augen. Dies war schon zu Beginn des Krieges mit der Hoffnung verbunden, an Weihnachten wieder zu Hause zu sein: »Schlagt nur fest auf Franzosen und Engländer, daß Ihr Weihnachten wieder hier seid«61 schreibt im Oktober 1914 Erna Schaper ihrem Nachbarn. Ende des Jahres besteht jedoch kein Zweifel mehr, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllen wird. Wilhelm Franke, der in zahlreichen Briefen mit Ella Mirring den Tod ihres Verlobten Walter aufarbeitet, sieht dem Weihnachtsfest und dem kommenden Jahr mit einer melancholischen Grundstimmung entgegen:
»Nun wollen wir hoffen, daß wir uns sehen mögen, und uns von Walter erzählen können. Nun noch ein Trost zum Weihnachtsfeste, wo sonst dies heilige Fest, so manchen vereint, ist diesmal so manches Band zerrissen.«62
3 1915: Stagnation
Die Front erstarrt
Anfang 1915 scheinen die Menschen an der Westfront im Schlamm zu versinken. Ella Mirring, die im Vorjahr ihren Verlobten Walter verloren hat, erhält am 2. Februar einen Brief, der auf die katastrophale Situation in Frankreich Bezug nimmt:
»Hier oben ist alles Lehmboden. Einsinken tuhen wir in den Lehm bis an die Knie. Da läßt man manchmal die Stiefel in dem Lehm stecken und zieht die Füße aus die Stiefel. Um dem Übel abzuhelfen haben wir uns die Stiefel mit Bindfaden an die Beine zusammengebunden da sehen wir aus wie soch alter bandaschierter Droschken-Gaul […] aussehen tuhen wir wie die Ziegelarbeiter, nicht mehr Feldgrau sondern Lehmgrau. Trotzdem sind wir lustig und vergnügt, wenn wir in unseren Unterstand liegen. Hier stehen uns paar Mundharmonikas zur Verfügung da spielen und singen wir die neuesten Schlager der Saison.«1
Die Front ist endgültig erstarrt. Von der anfänglichen Dynamik des Bewegungskrieges ist seit dem gescheiterten deutschen Vorstoß nach Paris nichts mehr zu spüren. Entlang der gesamten Frontlinie im Westen entsteht ein insgesamt über 700 Kilometer langes System aus Laufgräben und Unterständen. Für die Soldaten bedeutet der Grabenkrieg eine komplett neue Art der Belastung:2 »Wenn Sie vielleicht denken das wir bei dem Stellungskrieg hier still liegen dann irren Sie sich«3, schreibt derselbe Soldat im März an Ella Mirring. »Über Tag haben wir blos paar Stunden ruhe, die andere Zeit wird gegraben, da werden Laufgräben gezogen, so tief und so breit das man geduckt gehen kann. Die ganze Front rauf bis vor Arras.«4 Weiter erklärt der zuvor erwähnte Gustav Lehmann, dass die Geschützstände so tief gebaut werden, »damit sie Bomben und Granaten sicher sind, dazu müssen wir das Material vorn in der Feuerlinie bringen, unsere Geschütze kommen ganz nahe am Feinde, die Entfernung ist von unserem Geschütz bis zum feindlichen Schützengraben 400 alle diese Arbeiten werden nur des Nachts ausgeführt.«5 Die harte körperliche Arbeit in Kombination mit schlechten Witterungsbedingungen sowie der militärischen Stagnation, welche die Soldaten zwingt, »wie die Mumien«6 zu verharren, birgt ein hohes Frustrationspotential. Meist wird die starke körperliche Beanspruchung in den Briefen mit einer solch großen Eindringlichkeit beschrieben, dass dahinter ebenso große psychische Belastungen vermutet werden können.7

Abb. 9: Soldaten vor einem Unterstand
Im Vergleich zu den katastrophalen Zuständen an der Front werden die Schwierigkeiten des täglichen Lebens in der Heimat meist als sekundär erachtet,8 was aus folgendem Brief vom 10. Januar 1915 hervorgeht:
»Aber lieber Freund; wir können uns hier mit Euch ja nicht vergleichen. Denn was Ihr aushalten müßt, bei diesem schlechten Wetter kann ich mir ungefähr vorstellen. Denn einen kleinen Begriff habe ich doch auch davon, was es bedeutet in nassen Kleidern herum zu laufen. Aber wenn wir durchnäßt nach Hause kommen, können wir uns doch umziehen, Ihr dagegen müßt es Euch wohl vielfach am Leibe trocknen. […] Lieber Freund! Es stehen Euch jedenfalls noch schwere Kämpfe bevor, denn wie man ließt, machen sich unsere Gegner tapfer. Aber mit großem Dank gegen Gott, hören wir immer, daß alle feindlichen Angriffe in Eurem Feuer zusammen brechen. Du warst ja auch immer ein lustiger Schütze, jedenfalls knallst du auch tüchtig welche zu Boden.«9
Obwohl die meisten Menschen eine Verschlechterung der militärischen und humanitären Lage an der Front wahrnehmen, finden Anfang des Jahres noch immer Versuche statt, einen demonstrativen Siegesoptimismus zur Schau zu stellen. So entsteht ein eigentümlich wirkendes Nebeneinander von Resignation und Durchhaltefloskeln, das auf ein starkes kompensatorisches Bedürfnis hindeutet: Der aufziehenden Desillusionierung werden betont optimistische Phrasen entgegengesetzt. In folgendem Osterbrief, den der 25-jährige Soldat Ernst Walker (
Abb. 10) an seine Großeltern richtet, ist jedoch eine melancholische Friedenssehnsucht vorherrschend:
»Ostern! Ostern das Fest der Freude feiern wir heute; aber welch ein Unterschied zwischen den Osterfesten der Kindheit, wo man sorglos durch die Wälder streifte und in dem frischen Grün der Wiesen die buntbemalten Eier um die Wette warf. Dahin ist die schöne goldene Kinderzeit. Der Ernst des Lebens ist an uns herangerückt, eine harte, schwere Zeit ist über uns hereingebrochen. Der traute Klang der Osterglocken ist verschwunden dafür dröhnen die schweren Geschütze und das Knattern der Maschinengewehre. Wie lange wirds noch dauern? Nimmt der schreckliche Krieg nicht bald ein Ende! Diese Frage hört man Tag für Tag. Es geht jetzt schon in den neunten Monat, und immer ist noch keine Aussicht auf baldigen Friedensschluß. Es ist jetzt auch schon ein viertel Jahr verflossen, seit ich im Felde bin. Viel Elend und jammer habe ich schon mitangesehen. Viele meiner Kameraden hat der Tod dahingerafft. Sorglos und mutig zieht der Mann hinaus in den Schützengraben auf seinen Posten. Im nächsten Augenblick ist er vielleicht eine Leiche, wenn es das Schicksal will.«10
Auffallend ist das hohe schriftsprachliche Ausdrucksvermögen des Gürtlers aus dem schwäbischen Reutlingen, der nur drei Monate später in einem französischen Lazarett einer Lungenentzündung erliegen wird.
Hervorzuheben ist insbesondere die semantische Gegenüberstellung der Osterglocken, die für das alte Leben stehen, mit dem allgegenwärtigen Lärm der Maschinengewehre, die das Idyll unwiederbringlich

Abb. 10: Ernst Walker aus Reutlingen (vermutlich um 1913)
zerstört haben. Der fatalistisch-resignierte Grundton von Ernst Walkers Brief ist typisch für das Jahr 1915, in dem sich der Ausnahmezustand des vorangegangenen Kriegsjahres allmählich zu etwas Alltäglichem etabliert hat.11
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