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Anke van Beekhuis

Wettbewerbsvorteil Gender Balance

Wie Unternehmen durch Geschlechterausgewogenheit erfolgreicher wirtschaften


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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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ISBN Buchausgabe: 978-3-86936-901-3

ISBN epub: 978-3-95623-832-1

Lektorat: Christiane Martin, Köln | www.wortfuchs.de

Umschlaggestaltung: Martin Zech Design, Bremen | www.martinzech.de

Umschlagfoto: dibrova / shutterstock

Autorinnenfoto: Wolfgang Hirt

Satz und Layout: Das Herstellungsbüro, Hamburg | www.buch-herstellungsbuero.de

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Das E-Book basiert auf dem 2019 erschienenen Buchtitel "Wettbewerbsvorteil Gender Balance" von Anke van Beekhuis, ©2019 GABAL Verlag GmbH, Offenbach

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Inhalt

Geleitwort

Ganz oder gar nicht – Gedanken zu einem Thema, bei dem man keine halben Sachen macht

I.Antiquierte Vorstellungen und überholte Strukturen

Sexismus und Stereotype – tief eingeprägt und einfach nicht loszuwerden

Klar mögen wir Frauen – aber Helden sind uns lieber

Wie Mama und Papa – die Macht der Sozialisierung

II.Der Weg zur echten Balance

Change the people – change the culture

Gender Communication – miteinander reden schafft Verständnis

Vorhandene Potenziale nutzen – intern vor extern

Geld regiert die Welt – Gleichbehandlung beginnt beim Gehalt

Heldinnen an die Macht – Kraftstoff für das Unternehmen

Be flexible – neue, attraktive Arbeitswelten gestalten

III.Cashflow durch HELDINNEN und HELDEN

Der Weg zum Jackpot – langfristige Konzepte zur Gewinnsteigerung

Auf die Mischung kommt es an – mehr Erfolg mit dem richtigen Team

Multiplikationsfaktoren erkennen – und der Motor läuft besser

Jetzt geht es in die Tiefe – Role Models nutzen

Scherben bringen Glück – dass etwas zu Bruch geht, ist normal

Warum an Grashalmen ziehen nichts bringt – beim Gendern ist Geduld gefragt

Der Blick aufs Wesentliche – es lebe die Evaluierung

IV.Neue Vorstellungen und moderne Strukturen – ab jetzt nur noch so

Zieleinlauf – wir haben es geschafft

Willkommen neue Unternehmenskultur – wir lieben sie

Der Rest der Welt kann es schon – wir nun auch

Anhang

Danksagung. Ein Buch und viele Menschen

Quellenverzeichnis

Die Autorin

Register

Geleitwort
Ganz oder gar nicht – Gedanken zu einem Thema, bei dem man keine halben Sachen macht

Wenn sich BeraterInnen daranmachen, ein Buch zu schreiben, ist das in den meisten Fällen ein zweischneidiges Schwert: Einerseits steigert es unbestreitbar den eigenen Marktwert, aber wer gibt andererseits schon so mir nichts dir nichts sein mühsam, in Jahren erarbeitetes Praxiswissen komplett aus der Hand? Daher bleiben viele BeraterInnen in ihren Publikationen gerne an der Oberfläche und führen LeserInnen auf vielen lesenswerten und gefälligen Pfaden zu der Erkenntnis, dass sie jetzt zwar eine ungefähre Ahnung haben, wie komplex ein Thema ist, aber ohne tatsächliches Engagement von Beratern (idealerweise der Autorin bzw. des Autors selbst) hoffnungslos verloren sind.

Ich bin selbst Berater und kann diesen Kunstgriff rein menschlich (und monetär) gut nachvollziehen. Dennoch bleibt dabei auch in mir eine gewisse Leere zurück, wenn ich so manches Buch zu klar abgegrenzten Themen lese und mir nur deren Komplexität vor Augen geführt werden. Ich möchte – und damit stehe ich sicherlich nicht alleine da – Antworten, Lösungen, Ansätze, Ideen und vor allem die Aussicht, dass ich ein Thema (mit wessen Hilfe auch immer) erfolgreich verstehen und in der Praxis umsetzen kann. Aus diesem Grund schätze ich die Bücher meiner Branchenkollegin Anke van Beekhuis sehr, da sie nicht nur Wissen bzw. eine schier unglaubliche Anzahl von Praxiserfahrungen teilt und dabei keine Tabus scheut, sondern weil ihre Hauptbotschaft positiv und konstruktiv ist: »Lernen Sie zu verstehen und treffen Sie dann die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt!« Gerade bei einem Thema wie Gender Balance, bei dem in der öffentlichen Wahrnehmung Fakten auf Halbwissen und leider Gottes auf sehr viel puren Unsinn treffen, ist es wichtig, authentisch aufzutreten und die Dinge beim Namen zu nennen. Schließlich geht es hier um Menschen, um Emotionen und vor allem um Befindlichkeiten. Wir reden hier über Fairness und gewachsene Ungleichgewichte. Und glauben Sie mir: Obwohl dies nicht eines meiner Fachgebiete ist, kann ich Ihnen sagen, dass es schon eine Herausforderung ist, dieses Thema in einer Runde überhaupt anzusprechen. Denn hier treffen augenblicklich und sprichwörtlich Welten aufeinander. Anke van Beekhuis will mit ihrem Buch diese Welten zusammenführen. Das tut sie auf eine derart kluge und einfühlsame Weise, dass sich vielleicht auch hartnäckige Vorurteile und Haltungen im Licht dieser Erkenntnisse auflösen lassen. Und sie macht vor allem in Ihren Ausführungen vor nichts halt. Das bedeutet: Ganz mutige Vorstände, Führungskräfte und Firmenchefs könnten – so wage ich, hier zu behaupten – nur anhand dieses Buches damit beginnen, ihr Unternehmen in ein neues Zeitalter zu führen. Ganz ohne Geld für BeraterInnen auszugeben. Unerhört eigentlich!

Dieses Buch kommt ohne Schuldige, Buhmänner und Schwarz-Weiß-Muster aus. Auch das betrachte ich bei diesem Thema als großartige Leistung. Es holt alle Beteiligten (und das sind so gut wie alle) dort ab, wo sie stehen, und bietet eine gemeinsame Entwicklung an. Auch das ist unerhört – eigentlich!

Und was für mich als Berater sehr wichtig ist: Anke van Beekhuis verspricht keine Patentlösungen, sondern sie animiert zu achtsamem, bewusstem Selbstdenken und vor allem zu einer grundlegenden Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber. In Zeiten von Fake News, Brustgeklopfe und dem schönen Schein eigentlich am unerhörtesten von allen genannten Aspekten! Aber genau darum authentisch, glaubwürdig und immens wichtig! Denn Gender Balance funktioniert nur ehrlich … oder gar nicht.

Ich freue mich, dass mit diesem Buch nun endlich eine Publikation vorliegt, die mit Fakten, Zahlen und tatsächlichen Erfahrungen arbeitet. Denn ExpertInnen zu diesem Thema, die diese Bezeichnung auch nachweislich verdienen, sind in Mitteleuropa rar gesät. Und ich kann Ihnen ganz im Vertrauen und in bester BeraterInnen-Tradition noch verraten, dass dieses Thema ganz schön komplex ist. Aber ich verspreche Ihnen auch, dass Sie am Ende dieses Buches nicht nur die Welt, sondern auch Ihr Unternehmen in einem ganz anderen Licht sehen werden.

Matthias Kolbusa

Management-Experte, Denker, Redner, Autor und Unternehmer

I.Antiquierte Vorstellungen und überholte Strukturen

Sexismus und Stereotype – tief eingeprägt und einfach nicht loszuwerden

Salzburg, Sommer 1999. Ich bin Baustellenleiterin im Heizungs-, Sanitär- und Lüftungsbereich und auf dem Weg zu einer Baustelle. Vor Ort treffe ich einen Kollegen. Wir steigen gemeinsam die Stufen in den ersten Stock hinauf. Wo wir auch hinkommen – es »grüßen« mich Kollegen und Arbeiter. Als Frau bin ich eine »Exotin« auf der Baustelle, aber auch lange genug im Geschäft, um keine Unbekannte mehr zu sein. Dennoch ist es kein Spaziergang. Hier treibe eine Frau ihr Unwesen, höre ich hinter meinem Rücken. Ich habe mich an das Gerede gewöhnt, mein Kollege hingegen hat es bisher meist belächelt und nicht geglaubt, dass ich einen schweren Stand in der »Männerwelt Baustelle« habe. Er schätzt mich – so wie die anderen Kollegen im Büro – als erfahrene Technikerin. Dort ist das Mann-Frau-Verhältnis kein Thema. Dort verliere ich normalerweise auch keine großen Worte darüber, was mir bei meinen regelmäßigen Baustellenbesuchen so alles unterkommt. Schließlich will ich nicht als Weichei gelten.

Nun erlebt mein Kollege zum ersten Mal hautnah, was einer Frau auf einer Baustelle widerfährt: wenig Originelles, viele Klischees von anzüglichen Bemerkungen über Blicke bis zu Pfiffen. Und dies trotz baustellenüblichem Outfit, das alles andere als weibliche Reize zur Geltung bringt. Selbst als wir mit einem Architekten sprechen, kommen aus dem Hintergrund sexistische Bemerkungen – unverhohlen, laut, dumm. Mein Kollege schaut mich erwartungsvoll an, auch der Architekt ist irritiert. »Wollen Sie nichts sagen?«, fragt er. Ich antworte ruhig und gelassen: »Glauben Sie wirklich, das würde irgendetwas ändern?« Er überlegt kurz: »Wahrscheinlich nicht.«

Wir setzen die Begehung der Baustelle fort – vorbei an vollgekritzelten und beschmierten Baustellenwänden. Immer wieder zu sehen: Genitalien und nackte Frauenkörper. Neben einer Kritzelei steht mein Name. Die beiden Männer sind irritiert und flüchten sich in eine überbetont normale Fortsetzung unserer technischen Gespräche.

Wir kommen im Treppenhaus zum Stehen und diskutieren angeregt. Plötzlich zucken wir alle zusammen, als ein Schraubendreher Millimeter von mir entfernt auf dem Estrich aufschlägt. Wir blicken nach oben. Aus dem zweiten Stock schiebt sich ein Kopf über das Geländer. Dann eine Hand. Ein Arbeiter zeigt mir grinsend den Mittelfinger. Das verstört nun auch meine beiden Begleiter nachhaltig. Plötzlich wird die Mann-Frau-Problematik zum brennenden Thema der Unterhaltung. Es geht so weit, dass mein Kollege mir rät, die Baustelle nicht mehr allein zu besuchen. Der Architekt pflichtet ihm bei. Auch als wir zurück ins Büro kommen, ist das Thema noch heiß. Die anderen Kollegen wundern sich vor allem über meine Ruhe und Gelassenheit – noch mehr, als ich von weiteren Vorfällen aus der Vergangenheit erzähle, die noch eindeutiger und unangenehmer sind. Die Tatsache, dass ich gelernt habe, damit zu leben, und nicht versuche, etwas zu ändern, das offensichtlich nicht zu ändern ist, verwirrt und beeindruckt die anderen. Auch, wenn das für meine Kollegen etwas Neues ist: Ich bin seit jungen Jahren beinahe täglich damit konfrontiert.

Von irgendwelchen Regeln oder Verboten will ich nichts hören. Ich möchte anspruchsvolle Projekte betreuen. Dafür habe ich gekämpft, nun will ich mir das nicht streitig machen lassen – schon gar nicht aus Fürsorge oder Rücksichtnahme. Stolz? Mut? Dummheit? Ich weiß es nicht. Aber der beschriebene Tag verändert auch für mich vieles. Ich beschließe, anderen einfach nicht mehr zu erzählen, wann ich bei einer Überprüfung der Lüftungsanlage alleine im vierten Untergeschoss auf der Baustelle unterwegs bin. Und das, obwohl mir klar ist, dass ich – wenn mir ein Mann in solchen Momenten zu nahekommen sollte – alleine auf mich gestellt wahrscheinlich körperlich unterlegen bin.

Selbstredend muss sich keiner meiner männlichen Kollegen jemals Gedanken machen, wenn er mit Arbeitern alleine ist. Bei der Begegnung unter Männern gibt es keine Respektlosigkeiten und keine Übergriffe. Und auch, wenn ich gelernt habe, diesen Unterschied zu akzeptieren, so trifft mich die Erkenntnis, wie verschieden die Gegebenheiten sind. Ich muss jederzeit damit rechnen, dass die Grenzen nicht eingehalten werden und der eine oder andere eine Handlung ausführt, die im günstigsten Fall nicht korrekt und im ungünstigsten Fall wirklich gefährlich ist.

Eine große Rolle spielt in diesem Zusammenhang natürlich auch das Thema »Alkohol«: Egal ob bei Weihnachtsfeiern oder Dachgleichen: Zu viel Alkohol kann die Stimmung kippen und manche Hemmungen fallen lassen. Gleichzeitig ist es aber wichtig, mit den Kollegen zu feiern, um – nun ja – dazuzugehören. Trotzdem trinke ich niemals mit – und muss dennoch den Schein wahren. Ab und zu lasse ich mich von den Arbeitern in ein Lokal einladen. Meistens bestelle ich hier Bacardi-Orange oder Cola-Rum und bitte an der Bar darum, nur die Säfte einzuschenken und den Alkohol wegzulassen. So habe ich mir den Ruf erworben, trinkfest zu sein. Tarnen und täuschen – ich bin nicht stolz darauf, aber es funktioniert. Und irgendwie ist es auch Selbstschutz: Hätte ich mitgetrunken, hätte ich womöglich die Kontrolle verloren.

Diese Gedanken und Erlebnisse aus meiner Zeit als Technikerin hatte ich auch im Hinterkopf, als ich mich zum ersten Mal damit beschäftigte, warum es in unserer Gesellschaft so schwierig ist, Geschlechterausgewogenheit im Management von Unternehmen anzustreben.

Ich gehe gedanklich noch weiter zurück ins Jahr 1990: Steinzeit? Ich bin eine von drei Schülerinnen unter 600 Schülern einer Technischen Schule. Wenn ich auf die Toilette muss, steht mir im gesamten Schulgebäude genau eine Damentoilette zur Verfügung. Wenn wir Unterricht in der Werkstatt im Nebengebäude haben, begleitet mich ein Lehrer zur Herrentoilette, um sicherzustellen, dass ich dort ungestört bin. Der Weg zur Damentoilette im Hauptgebäude würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Zugegeben, das alles war vor einer Ewigkeit. Heute, im Jahr 2019, ist doch sicherlich alles ganz anders, oder? Nun, zumindest, was die Anzahl der Damentoiletten betrifft …

Heute bin ich längst keine Technikerin mehr. Es hatte mich zunächst ins Marketing verschlagen, dann ins Consulting. Seit mehr als zwölf Jahren arbeite ich nun als Organisationsberaterin und habe mein eigenes Unternehmen. Neben der wirtschaftlich orientierten Beratung von mittelständischen Unternehmen wurde der Bereich »Geschlechterausgewogenes Management« mein Spezialgebiet. Ich arbeite mit Konzernen und Betrieben und erstelle »Unternehmenskulturanalysen«, um Hindernisse für Gender Balance und die damit verbundene Vielfalt an Führungsstilen auszumachen. Ein Teil der angestrebten Vielfalt ist »Female Empowerment« – also eine Unterstützung der weiblichen Belegschaft beim Ansteuern höherer Karriereziele.

Anstatt von Arbeitern bin ich nun also von Führungskräften und Vorstandsmitgliedern umgeben. Es sind Männer in Anzügen statt im Blaumann. Männer mit hoher Bildung und mit manikürten Fingernägeln. Und dennoch finde ich mich in Situationen wieder, die jenen von vor 20 Jahren stark ähneln. Selbstverständlich findet alles an anderen Schauplätzen und vor einem anderen Horizont statt, aber im Grunde ist die Problematik die gleiche geblieben: Frauen sind immer noch regelmäßig Sexismus und verbalen Übergriffen ausgesetzt. Ich entdecke mich nicht mehr selbst als Kritzelei auf Baustellenwänden, aber ich begegne vielen Frauen, die mir davon berichten, dass sie in gewisser Form immer noch als »die anderen« gelten und sich »ungleich« behandelt wissen. Viele dieser Geschichten werde ich in diesem Buch erzählen.

Raus aus den Klischeefallen

Eines möchte ich gleich zu Beginn klarstellen und damit jenen den Wind aus den Segeln nehmen, die zur einfachsten aller Ausreden tendieren, um sich diesem Thema zu entziehen: Ich bin keine Klischee-Emanze auf einem Kreuzzug gegen das männliche Geschlecht! Mein Motiv ist nicht Rache für all die Ungerechtigkeiten, die mir selbst als junge Frau widerfahren sind. Kurz gesagt: Es geht mir nicht darum, Frauen aufs Podest zu heben und Männer schlechtzumachen! Es geht mir um Balance – Geschlechterausgewogenheit. Sie ist für mich ein Schlüssel zu höheren Umsätzen von Unternehmen, weil sie Lösungen, Dienstleistungen und Produkte ermöglicht, die Kunden erreichen. Wie Unternehmen mit diesem Fokus erfolgreicher werden und diese Balance für einen größeren wirtschaftlichen Erfolg nutzen können, beschreibe ich ausführlich in den nächsten Kapiteln. Ich bin auch davon überzeugt, dass Gesellschaften, die Männer und Frauen gleichbehandeln, von dieser Ausgewogenheit profitieren und die Entwicklung von innovativeren und familientauglicheren Unternehmenskulturen begünstigen. Solche Modelle sind allerdings heute noch rar, weil wir noch immer in alten Denkmustern feststecken.

Gesellschaften, die Frauen und Männer gleichbehandeln, profitieren von dieser Ausgewogenheit.

Ein aktuelles Beispiel: Im französischen Fernsehen schob kürzlich ein männlicher Gast einer Talkshow den Rock einer neben ihm sitzenden Frau nach oben, um »mehr Quote« zu erreichen. Alle Anwesenden flüchteten sich in Gelächter und in die einhellige Auffassung, dass das wohl eine Art »freches Kompliment« gewesen sei. Nüchtern betrachtet, nahm sich der Mann – übrigens ein national bekannter Entertainer – etwas Unerhörtes heraus und tat das, was noch immer als ein Kavaliersdelikt gewertet wird: Er reduzierte die Frau – ebenfalls eine bekannte Künstlerin – auf ihr Äußeres. Oder denken Sie daran, wie oft Sie schon beobachtet haben, dass Männer bei Fotoshootings ganz selbstverständlich die Hand um die Taille einer Frau legen. Haben Sie das jemals umgekehrt gesehen? Oder haben Sie jemals zwei Männer gesehen, die sich die Hand um die Taille legen? Wenn Sie jetzt denken, das seien Kleinigkeiten, dann sind Sie im Zentrum der alten Denkmuster angekommen. Derartige Übergriffe sind keine Kleinigkeiten, sondern werden nur durch Gewohnheit als solche betrachtet. Es sind Grenzüberschreitungen, die in den Augen vieler keiner Kontrolle bedürfen, weil sie ja »nicht böse« gemeint sind.

Ich habe damals auch mit niemandem darüber gesprochen, was ich auf den Baustellen über mich ergehen lassen musste. Ich hatte diese Vorgehensweise für mich gewählt, weil ich nicht infrage stellen wollte, was anscheinend von jedem akzeptiert wird. Erst viel später wurde mir klar, dass genau das der Grund ist, warum sich eine Gesellschaft, ein System oder ein Unternehmen nicht weiterentwickelt.

Gender Balance entsteht durch ein alltägliches neues Verhalten von Männern und Frauen – durch Unterlassen und Ändern jener Kleinigkeiten, die früher »nicht der Rede wert waren«. Erst, wenn ihnen eine bestimmte Wertigkeit zugestanden wird, ist bleibende Veränderung möglich.

Zur Klarstellung: Es sind nicht nur »schreckliche Männer«, die für Starrheit im System sorgen. Es steckt auch nicht immer böse Absicht dahinter. Viel fataler ist, dass Fehlverhalten unbewusst passiert und den Beteiligten völlig normal erscheint. Auch Frauen überschreiten unbewusst Grenzen: Kleidung, die körperliche Reize preisgibt oder überbetont, irritiert Männer zwangsläufig. Kleidung spielt eine wichtige Rolle in der Vorbeugung von Sexismus. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich Frauen wie Männer kleiden sollten! Worum es wirklich geht: Wenn Äußeres zu sehr von Inhalten ablenkt, wird irgendwann nur mehr die »Hülle« beachtet.

Mir ist durchaus bewusst: Sexismus wird nie völlig abgestellt werden können. Dazu geschieht auf zu vielen Ebenen zu viel Zwischenmenschliches. Aber: Männer und Frauen können vorsichtiger und bewusster damit umgehen.

Was ist Sexismus und wo ist der Ausweg?

Der Begriff »Sexismus« umfasst Geschlechterstereotype, Affekte und Verhaltensweisen, die einen ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern zur Folge haben oder darauf hinwirken. Im Klartext: Sexismus ist Gift für Gender Balance. Sexismus ist mittlerweile in vielen westlichen Ländern Gegenstand von Gesetzgebung und Sozialforschung – insbesondere der Gender Studies und der Vorurteilsforschung. Manches hat sich inzwischen verändert – jedoch noch lange nicht genug.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, dessen Verhalten und Wahrnehmungen von Erfahrungen geprägt sind. Wir müssen nur an unsere Kindheit zurückdenken und uns daran erinnern, wie unsere Väter mit unseren Müttern umgegangen sind. Oder wie Großväter sich gegenüber Großmüttern verhalten haben. Wir nehmen unbewusst dieses Verhalten an. All diese Erinnerungen haben wir im Gepäck und wir sind uns oft nicht einmal bewusst, wie sehr diese uns noch immer prägen.

Sprung ins Jahr 2016: Ich bin als Vortragende in eine Konzernzentrale eingeladen. Meine Auftraggeberin ist – so wie ich – groß und blond. Gemeinsam mit einem Assistenten empfängt sie mich in der Lobby und wir fahren mit dem Aufzug in die Vorstandsetage. Als wir dort den Korridor entlanggehen, begegnen wir einer männlichen Führungskraft, die den Assistenten anblickt und zwinkernd sagt: »Eh klar, unser hübscher und gescheiter Kollege darf sich wieder mit den schönsten Frauen umgeben. Das hat er sich aber auch verdient!«

Da sind wir wieder – in einer dieser Situationen, die viele in erster Linie als »nicht sehr guten Witz« oder als »blöde Bemerkung« abtun und vergessen würden. Mir war schon bewusst, dass hier ein Kompliment auf sehr unglückliche und plumpe Art und Weise ausgesprochen wurde. Aber Tatsache ist, dass die Formulierung den Mann als »Sieger« herausstrich. Die alternative Formulierung »In Begleitung von zwei so hübschen Frauen? Du kannst dich glücklich schätzen, dass du mit ihnen unterwegs bist« wäre noch immer sexistisch gewesen, aber zumindest hätte der »Schein« des Kompliments auf uns Frauen abgezielt. Die tatsächliche Aussage bewirkte bewusst oder unbewusst – wir wissen das in diesem Fall nicht so genau – eine Diskriminierung der Frauen.

Es sind Sprache, und bestimmte Verhaltensweisen, die das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen in Unternehmen erst sichtbar machen. Wenn eine männliche Führungskraft Aussagen dieser Art dermaßen locker tätigt, kann man sich ausrechnen, dass sich dieser Stil durch das gesamte Unternehmen zieht. Und tatsächlich konnte ich genau das im Laufe der Zeit in diesem Unternehmen beobachten.

Nun fragen Sie sich vielleicht: Wie soll dieses Ungleichgewicht, das mit leichten Schwankungen seit Generationen besteht, überhaupt jemals in Balance gebracht werden? Schauen wir uns dazu zunächst einmal an, was die Wissenschaft zur althergebrachten Ansicht, dass Männer und Frauen grundsätzlich wie Tag und Nacht seien, sagt.

Der Soziologe und Psychologe Tomas Chamorro-Premuzic führte dazu eine Untersuchung mit rund 1000 ManagerInnen aus 40 Ländern durch. Er wollte wissen, wie sich Männer und Frauen anhand ihrer vorherrschenden Persönlichkeitsmerkmale unterscheiden. Das Ergebnis: Frauen bestechen vorrangig durch Bescheidenheit, emotionale Intelligenz und Teamfähigkeit. Männer hingegen weisen sehr oft aggressive, selbstbezogene und narzisstische Tendenzen auf. Sie denken jetzt vielleicht, dass die Männer bei dieser Untersuchung nicht gut wegkommen. Das ist ein Irrglaube, denn die erwähnten männlichaggressiven Tendenzen decken sich exakt mit den Erwartungen, die in unserer Wirtschaftsgesellschaft an eine sogenannte »Führungspersönlichkeit« gestellt werden. Sie werden also als wünschenswertes Verhalten betrachtet – und das, obwohl dies einer Organisation nachweislich nicht dient!

Jeder muss sich bewegen, damit sich etwas bewegt! Das schließt auch die kleinste Zelle der Gesellschaft ein – die Familie.

Wie viele Korruptionsfälle kennen Sie, in denen Frauen eine maßgebliche Rolle spielen? Natürlich könnte man argumentieren, es liegt daran, dass weitaus mehr Männer in Führungspositionen sind als Frauen. Doch die Analysen sehen eher die unterschiedlichen Eigenschaften der Geschlechter als Ursache. »Fake it ’til you make it« – so tun als ob – wird eher Männern zugeschrieben. Doch wie ist es möglich, dass dies als wünschenswert betrachtet wird? Ein in der »Harvard Business Review« publizierter Artikel zu oben erwähnter Studie schlussfolgert, dass unsere Gesellschaft »unfähig ist, zwischen Selbstüberzeugung und tatsächlichem Können zu unterscheiden«. Und da liegt die Wurzel einer Tendenz, die im Grunde ihres Wesens widersinnig und selbstzerstörerisch ist und leider sehr erfolgreich ein Ungleichgewicht aufrechterhält: Jene Werte und Verhaltensweisen, die in unserer Gesellschaft geschätzt, angestrebt und hochgehalten werden, decken sich nicht mit jenen, die für eine gesellschaftliche Weiterentwicklung notwendig wären.

In Zusammenhang mit dem Gender-Balance-Gedanken drängt sich zudem die Frage auf, ob eine solche Weiterentwicklung überhaupt erreichbar ist, solange Frauen sexuelle Diskriminierung akzeptieren. Ich denke, es braucht Zeit und einige Mechanismen, um dieses Verhalten und Denken zu durchbrechen und neue Wege zu gehen. Genau mit diesem Thema beschäftige ich mich seit rund zehn Jahren. Meine Erkenntnis: Ähnlich dem Henne-Ei-Problem befindet sich das Thema »Gender Balance« in einer Endlosschleife, da konservative Unternehmenskulturen auf gesellschaftlich akzeptierten Werten basieren. Im Klartext bedeutet das: Eine Frau hat in einem Umfeld, das typisch männliche Verhaltensweisen pflegt, keine echte Chance, sich mit ihrer Denk- und Arbeitsweise zu profilieren. Ändert sich hier nichts, so ändern sich weder die Unternehmenskultur noch die Gesellschaft. Im Gegenteil: Die Eckpfeiler der Macht bestätigen und verhärten sich immer wieder aufs Neue.

Weitere fatale Einflussfaktoren für den Nichtwandel sind darüber hinaus die folgenden: Geschäftsführer sind sehr oft der Meinung, dass ihr eigenes Verhalten keinerlei Einfluss auf die Gesellschaft hat und es ausschließlich Sache der Politik ist, Dinge zu verändern. Gleichzeitig meinen Frauen oft, Unternehmen müssten umdenken. Die Politik fordert wiederum von Unternehmen, sich zu entwickeln oder zu ändern. Die simple Wahrheit ist natürlich: Jeder muss sich bewegen, damit sich etwas bewegt! Das schließt auch die kleinste Zelle der Gesellschaft ein – die Familie.

Frauen, die voraussetzen, dass der Mann das Geld nach Hause zu bringen hat, begeben sich in eine Abhängigkeit. Erst wenn Frauen lernen, die Klischeerolle der perfekten, allbeschützenden, omnipräsenten »Nesthüterin« zu hinterfragen, und anerkennen, dass Familie und Job möglich sind, kann sich die Sonne der Gleichbehandlung über den geistigen Horizont schieben. Aber aufgegangen ist sie deshalb noch lange nicht. Erst wenn Männer verstehen, dass Haushalt, Kinder und Erziehung nicht alleinige Frauensache sind, sondern jeder Elternteil einen Beitrag leisten kann, fällt ein anderes Licht auf ein Thema, das ansonsten gerne achselzuckend im Dunkeln gehalten wird. Der Gedanke »Das war schon immer so« ist dabei der größte Hemmschuh für Veränderung – also auch für Gender Balance. Dabei wäre der geistige Knoten so leicht zu lösen: Jede und jeder kann all das: Geld verdienen, Karriere machen, putzen, einkaufen, kochen, bügeln, mit Kindern malen und sie versorgen. Es ist nur eine Frage der Einstellung, nicht des Könnens. Es gibt kein Gen, das einen Menschen zum talentierten Bügelgroßmeister macht. Niemandem wurde die Kochkunst als Gottesgeschenk in die Wiege gelegt. Alle können einen Nagel in die Wand schlagen. Nun ja, zumindest jene, die sich dazu entschließen, einen Hammer in die Hand zu nehmen. Aber genau an diesem Punkt scheitert vieles: am bremsenden Gedanken, der die entwicklungsbegünstigende Tat verhindert.

Die Entwicklung unserer Gesellschaft aber haben wir in der Hand. Sie betrifft unser Leben, unseren Alltag, unsere Partnerinnen und Partner, unsere Kinder, unser Zuhause. Wenn meine Tochter mich fragt, warum ich arbeite und warum stattdessen das ein oder andere Mal Papa am Nachmittag zu Hause ist, erkläre ich ihr, dass wir beide unseren Beitrag für die Familie leisten. Ich erzähle ihr auch, dass es uns wichtig ist, dass jeder von uns einen finanziellen Beitrag zum gemeinsamen Leben beisteuert.

Blick in den Rückspiegel

Wir leben im 21. Jahrhundert, in dem es für Frauen in unserer westlichen Welt selbstverständlich ist, arbeiten gehen zu dürfen. Das war nicht immer so. Natürlich hatten und haben Politik und Gesetzgebung Einfluss auf unsere Rollenbilder. Schauen wir nur ein paar Jahrzehnte zurück. Vieles erscheint uns heute völlig weltfremd.

Der Anteil der für Lohn arbeitenden Frauen stieg in der Zeit der Industrialisierung an und machte dadurch das Thema erstmals zu einer großen sozialen Frage. Vor allem die Arbeitsbedingungen, der Arbeitsschutz und die Frage einer gerechten Entlohnung für Frauen standen dabei im Blickpunkt. Frauen, die sich mit dem Thema auseinandersetzten, initiierten mit ihren Ideen, Worten und Schriften die Frauenbewegung. Diese sorgte letztendlich dafür, dass wir heute ein wesentlich ausgeglicheneres Verhältnis haben als damals. Ein paar Zahlen dazu: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die tägliche Arbeitszeit in Frankreich auf elf Stunden beschränkt – darunter fiel auch Frauen- und Kinderarbeit. Der »Berufszählung« von 1907 zufolge waren im Deutschen Reich 28 Prozent der erwachsenen Frauen außerhalb des Privathaushalts berufstätig. Drei Millionen Frauen arbeiteten zusätzlich in anderen Haushalten, 400 000 in Industrie und Gewerbe. Von diesen 400 000 waren 43 953 »Heimarbeiterinnen«, 34 000 Wäscherund Plätterinnen, 37 000 Schneiderinnen und 22 000 Näherinnen.

Die Welt hat also prinzipiell schon länger kein Problem mehr damit, dass Frauen arbeiten. Es geht jedoch darum, als was sie arbeiten. Solange es – überspitzt formuliert – nur um »niedere Dienste« ging, wurde der Zuwachs an Arbeitskraft begrüßt – schließlich diente das zu diesem Zeitpunkt ja auch den Männern, die durch körperliche Verausgabung oder Kriegsverwundungen auf das zusätzliche Einkommen ihrer Frauen angewiesen waren.

1958 erfolgte der nächste große Schritt in Deutschland: Ab nun durften Frauen ohne Zustimmung des Ehemanns einer Arbeit nachgehen. Das entsprechende Gesetz lautete: »Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.« Selbstverständlich? Heute vielleicht. In Deutschland durften Frauen bis 1957 ohne Zustimmung ihres Ehemanns nicht einmal ein eigenes Bankkonto eröffnen. Eine weitere Reform erfolgte in den 1960er- und 70er-Jahren. In Deutschland wurde festgelegt, dass die Ehepartner ihre Verbindung so gestalten, »dass die Frau ihre berufliche und gesellschaftliche Tätigkeit mit der Mutterschaft vereinbaren kann«. In Österreich wurden durch die Familienrechtsreform im Jahre 1975 Mann und Frau sogar weitgehend gleichgestellt, und es wurde versucht, geschlechtsspezifische Zuweisungen abzubauen. Im Jahr 1976 wurde in Deutschland dann per Gesetz das »paritätische Ehemodell« beschlossen: »Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung in gegenseitigem Einvernehmen. […] Beide Ehegatten sind berechtigt, erwerbstätig zu sein.« Seitdem sind 40 Jahre ins Land gezogen, und wir beschäftigen uns noch immer mit Sexismus. Wer hat »Schuld«, dass die Entwicklung wieder ins Stocken geraten ist? Die Antwort ist einfach: Wir alle! Wir alle sind als Teil von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dafür verantwortlich, dass diese alten Stereotype noch immer existieren und gelebt werden.

Aussagen wie »Die Mutter gehört zum Kind und das Kind zur Mutter« sind auch heute noch allgegenwärtig – ausgesprochen und unausgesprochen. Die Politik nutzt dies gerne, um sich von der Verantwortung zu befreien, zusätzliche Kinderbetreuungsplätze zu schaffen und aufzuklären, wie wichtig die frühe Sozialisierung von Kindern unter Gleichaltrigen ist. Warum gehen denn Kinder in Frankreich, Dänemark, Norwegen, Schweden oder Holland schon sehr früh in den Kindergarten? Die Einstellung unterscheidet sich gravierend: In diesen Ländern gehen Mütter bereits drei bis sechs Monate nach der Geburt ihrer Kinder wieder arbeiten. Wie stehen diese Länder wirtschaftlich da? Sehr gut. Und: Sie weisen keine höhere Kriminalitätsrate auf als andere Nationen. Kinder, die täglich ein paar Stunden in Kindergruppen verbringen, enden also nicht als Schwerverbrecher oder Sozialhilfeempfänger. Ganz im Gegenteil: Sie erlangen durch die Gemeinschaft der Gruppe wichtige Sozialkompetenz. In diesen Ländern wird auf eine Qualität der Kinderbetreuungsplätze geachtet, die die Entwicklung der Kleinen von Anfang an unterstützt und sie zu selbstständigen Menschen heranwachsen lässt.

Diese Sichtweise ist bei uns jedoch noch nicht überall angekommen. Dabei ist es Tatsache, dass zwei berufstätige Elternteile einen multiplizierten Beitrag für die Gemeinschaft und Gesellschaft leisten – da zwei Menschen Sozialbeiträge und Pensionsvorsorgen einzahlen.

So viel zum kleinen Gender-Balance-Utopia. Wie stark wir sozial geprägt sind, wusste ich vor meiner Schwangerschaft nur aus Büchern. Danach erlebte ich es hautnah und unverblümt: Bei mir war körperlich lange nichts davon zu sehen, dass ich schwanger war, weil ich viele der typischen Symptome nicht hatte und ich auch bis einige Tage vor der Geburt voll am Arbeitsleben teilnahm. Als Selbstständige ist es fast unmöglich, sich eine Auszeit zu gönnen. Ich nahm auch davon Abstand, meinen KundInnen von meiner Schwangerschaft zu erzählen, da mir das eine befreundete Unternehmerin empfohlen hatte. Sie hatte mir keine expliziten Gründe für diese Empfehlung genannt. Aber ich sollte bald sehr gut verstehen. Sprung ins Jahr 2013 – von Frau zu Frau:

Ich lege die Hand auf meinen bereits sichtbaren Babybauch, als ich mich mit einer Auftraggeberin bei einem Großgruppenworkshop mit Frauen treffe. Als sie mich sieht, legt sie ihre Stirn in Falten, und ich höre ein erstauntes »Was ist denn da passiert?!«. Ich blicke gespielt überrascht an mir hinunter: »Oh! Ich glaube, da wächst etwas!« Sie schaut mich an und begreift, wie unpassend ihre Aussage war. Dennoch ist sie noch immer sichtlich irritiert und meint: »Warum hast du mir nichts gesagt? Wann ist es denn so weit?« Ich antworte: »Nun, es steht ja nicht im Vertrag, dass ich eine Schwangerschaft ankündigen muss. Der Geburtstermin ist in einem Monat.« Darauf sie: »Aber, was ist, wenn du nicht mehr arbeiten kannst, oder wenn du krank wirst?« Ihre unübersehbare Irritation nervt und belustigt mich zugleich. Jetzt will ich es wissen: »Hättest du mich für dieses große Projekt beauftragt, wenn du das vorher gewusst hättest?« Sie sieht mich an und sagt ohne Zögern: »Sicher nicht!«

Aussagen wie »Die Mutter gehört zum Kind und das Kind zur Mutter« sind auch heute noch allgegenwärtig.

Ich kann es nicht fassen! Diese Frau ist selbst zweifache Mutter und Gender-Beauftragte eines Unternehmens. Wenn sie so denkt, hat dann Gleichbehandlung überhaupt eine Chance? Kurz darauf – ich bin immer noch schwanger – halte ich einen Workshop. Eine Teilnehmerin kommt nach dem Ende der Veranstaltung auf mich zu und gratuliert mir herzlich. Sie ist alleinerziehende Mutter, und wir kommen über unsere vielen Herausforderungen ins Gespräch. Ich sage ihr, dass ich Mütter aufrichtig bewundere, die so vieles alleine organisieren und bewältigen. Sie fragt mich sehr wohlwollend, was das denn jetzt für mich bedeutet, und wie ich beruflich mit der Rolle als Mutter umgehen werde. Ich erzähle ihr von meinem Plan, nach dem Mutterschutz weiterzuarbeiten, da mein Mann einen Teil der Betreuung übernehmen wird. Plötzlich kippt die Stimmung – der Frau steht das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. In abfälligem Ton hält sie mir plötzlich einen Vortrag darüber, was für ein schlechter Mensch ich sei und dass mein Kind ein Recht darauf habe, dass ich rund um die Uhr meinen Pflichten als Mutter nachkomme. Ihre Tirade endet mit dem Satz: »Ihnen ist hoffentlich klar, dass Ihr Kind emotional verwahrlosen wird!«

Woher kommt dieses Klischee? Es begegnete mir auch danach bei einer Reihe weiterer Veranstaltungen als fixe Idee in der geistigen Welt von Frauen und Männern. Ich erinnere mich an eine Diskussionsrunde mit berufstätigen Müttern, in der ein Sozialarbeiter zum Besten gab: »Wenn beide Elternteile arbeiten, tragen sie dazu bei, dass ihre Kinder in einer Wohlstandsverwahrlosung enden. Drogen, Vernachlässigung der Sozialkompetenz …« Er stellte die berufstätige Frau an den Pranger und hing ihr die Schuld für die vermeintliche Verwahrlosung der Kinder um. Ich hinterfragte das natürlich und entdeckte, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen wurden. Die Tatsachen, dass er in seiner Tätigkeit mit mehr verwahrlosten Jugendlichen konfrontiert ist und es mehr berufstätige Frauen gibt, wurden kurzerhand verkettet – ohne jeglichen wissenschaftlichen Hintergrund. Er konnte keine Zahlen nennen, sondern verwies immer wieder auf Einzelfälle von Familien, in denen Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmerten. Ob die Mütter in all diesen Fällen berufstätig waren, wusste er gar nicht.

Es ist mir bis heute ein Rätsel, warum diese Fixierung auf die Mutter als »Bewahrerin der Kinder« sich so lange hält. Es braucht nur etwas gesunden Menschenverstand, um dies aufzulösen: Eine Bergbäuerin verbrachte die meiste Zeit auf dem Feld, ohne dass ihre Kinder verwahrlosten. Ich kenne auch eine Vielzahl von alleinerziehenden Müttern und Vätern, deren Kinder sehr früh lernen mussten, selbstständig zu denken und zu handeln – eindeutig nicht zu ihrem Nachteil. Zudem stellt sich mir die Frage: Warum wird der Mann meist auf die Rolle des Geldboten reduziert? Wir leben in einer Gesellschaft, die immer noch von dem Gedanken geprägt ist, dass Erziehung und Sozialisierung nur von der Mutter weitergegeben werden kann, und ich rede hier nicht davon, was die Soziologie sagt und meint, sondern von dem, was tatsächlich gelebt wird.

Mütter und Väter sind wichtig für die Erziehung, sagt die Wissenschaft. Gelebt wird in den meisten Familien aber immer noch etwas anderes. Was ist mit dem Ansatz von Mehrgenerationenhaushalten? Welchen Anteil hat die Gesellschaft an der Erziehung unserer Kinder? Wie funktioniert es, dass afrikanische Stämme Kinder gemeinsam im Familienverbund großziehen und Frauen auch einmal ein »fremdes« Kind an ihrer Brust saugen lassen? Wo gemeinsames Leben zur Tagesordnung gehört und nicht jeder Einzelne in seiner Wohnung lebt und von anderen nichts wissen will? Erziehung geschieht dort in der Gemeinschaft. Entsprechend weit ist der soziale Horizont dieser Menschen.

Der Einfluss von Kultur und Glaube

Für mich persönlich sind die geistigen Grenzen zwischen den verschiedenen Teilen Europas immer schon eine Herausforderung gewesen. Ich lebte und arbeitete lange Zeit als Österreicherin in Holland und durfte damals schon erfahren, wie es ist, wenn Frauen und Männer einander auf Augenhöhe begegnen, die Gesellschaft Kinder als Segen und nicht als Bürde erlebt und es selbstverständlich ist, dass Frau und Mann arbeiten gehen. Mein Nachname stammt übrigens nicht aus dieser Zeit. Meine Urgroßeltern haben ihn in die Familie gebracht. Leider habe ich sie nie kennengelernt, aber einige dieser typisch holländischen Verhaltensweisen dürften irgendwie in mir stecken. Während meiner Zeit in Amsterdam habe ich das Thema »Mann / Frau« oder auch Ansichten über die gleichgeschlechtliche Ehe sehr oft mit Holländern diskutiert. Immer wenn ich vom österreichischen Meinungsbild berichtete, waren sie sichtlich irritiert über diese geschilderte Engstirnigkeit, die zeigt: Immer noch leben Millionen von Menschen nicht nur in Österreich, sondern in vielen europäischen Ländern übrig gebliebene Ansätze eines jahrhundertealten Patriarchats.

Eine große Rolle spielt natürlich auch das Frauenbild in den Religionen. Egal ob Christentum, Islam oder Buddhismus – fast alle Glaubensgemeinschaften haben einen Mann als »Oberhaupt«. Der Glaube prägt genauso unser Bild der Gesellschaft und füttert Stereotype. Dass Frauen sich wie im Islam verschleiern müssen und ihre Sexualität vor der Ehe nicht frei leben sollen, stellt für manche Menschen eine Art von Unterdrückung dar. Wenn Priester nicht heiraten, Männer nicht Männer lieben dürfen und die Ehe der einzig legitime Weg des Zusammenlebens ist, stellt das aber genauso eine Einschränkung für den einen oder anderen dar.

Übrigens: Auch der Glaube und die dazugehörigen Richtlinien verändern sich laufend. Nicht immer mussten sich Frauen im Islam verhüllen. Nicht immer war es ihnen verboten, ein Auto zu lenken. Religion ist einfach ein probates Instrument, um Macht über andere auszuüben. Und da an diesen Schalthebeln hauptsächlich Männer sitzen, ist auch die Form der Machtausübung männlich geprägt.

Aber so einflussreich Religionen auch in den letzten Jahrhunderten waren und vielleicht zum Teil heute noch sind: Es sind nicht mehr allein Gottesgebote, die in erster Linie unsere Stereotype bestimmen. Diese sind vielmehr davon abhängig, welches Verhalten wir selbst als »typisch männlich« oder »typisch weiblich« einschätzen bzw. wie wir diese Verhaltensweisen wahrnehmen und bewerten. Politik, Gesellschaft, Erziehung und Sozialisierung sind dabei die wichtigsten Einflussfaktoren.

Schauen wir uns ein paar Beispiele an:

• Der »typische Mann« hat seine Emotionen unter Kontrolle, ist zielstrebig, ehrgeizig und durchsetzungsstark.

• Die »typische Frau« gilt als emotional, sozial orientiert, sicherheitsbedürftig und intuitiv.

• Wenn Menschen in fixen Denkmustern verhaftet sind, kann es leicht passieren, dass Begriffe wie »Draufgänger« oder »Schlampe« fallen, weil dann gleiches Verhalten von Mann und Frau unterschiedlich aufgefasst, beurteilt oder auch verurteilt wird.

• Ein Mann, der auf seinem Recht besteht, gilt als »hartnäckig«. Eine Frau mit dem gleichen Verhalten würden viele als »penetrant« bezeichnen. Er »setzt sich vehement durch«, sie wird »hysterisch«. Oder umgekehrt: Sie ist »sensibel«, er ist »nicht belastbar«.

Unsere Schubladen dienen dazu, eine Person zu »etikettieren«, um den Aufwand für jedes weitere Denken, Beobachten und Analysieren möglichst gering zu halten. Wir pauschalisieren und werden den individuellen Eigenschaften eines anderen Menschen nicht gerecht. Diese »Typisch-Mann / typisch-Frau«-Attitüde verändert sich jedoch. Frauen haben auf jeden Fall mehr Spielraum als früher und nutzen diesen auch. Sie treten selbstbewusster auf und geben neben der Familie dem Beruf einen größeren Raum als die Generationen davor.

Ich persönlich finde es ein bisschen schade, dass sich die Rolle der Männer im Vergleich dazu wenig verändert hat. Männer sind zwar als Väter präsenter als früher, aber ansonsten dominiert eher die Verunsicherung darüber, wie sich denn ein »typischer Mann« nun korrekt zu verhalten hat. Geht die Entwicklung in Richtung mehr Einfühlungsvermögen und Sanftmut oder zu einer Überbetonung der »alten« männlichen Paradeeigenschaften? Gender Balance heißt ja nicht nur, dass Frauen sich mehr emanzipieren, sondern auch die andere Seite: nämlich, dass Männer mit der neuen Balance eine Entspanntheit bekommen und ebenfalls neue Rollen einnehmen können. Auf den ersten Blick weist die momentane Situation eher Tendenzen auf, sich zu einer »vermännlichten Gesellschaft« zu entwickeln: Auf der einen Seite starke Frauen, die scheinbar ihren Mann stehen und alles unter einen Hut bekommen. Auf der anderen Seite Männer, die in ihrer Rolle verharren und ihre Pfründe nicht abgeben wollen.

Zum Schluss dieses ersten Teilkapitels möchte ich Ihnen – wie bei allen anderen Teilkapiteln auch – Denkanstöße geben. Ich nenne sie »Denkanstöße für Helden & Heldinnen«, denn wer Gender Balance versteht und lebt, ist für mich eine Heldin, ein Held! Ich möchte, dass diese Fragen Sie Stück für Stück in die eigene Reflexion führen, dass sie Ihren Arbeitsalltag beeinflussen und Sie so immer mehr zu »Helden & Heldinnen« der Gender Balance werden.

Denkanstöße für HELDEN & HELDINNEN

•Welche Rollenbilder und Denkmuster sind Ihnen präsent, und was löst das in Ihrer Umgebung aus?

•Was würde passieren, wenn jeder Mensch alles tun kann und Entscheidungen nicht danach beurteilt werden, ob sie ein Mann oder eine Frau trifft?

Klar mögen wir Frauen – aber Helden sind uns lieber

Ich stelle mir oft die Frage, ob Stereotype über Männer und Frauen auch noch in 30 Jahren existieren werden oder ob tatsächlich eine »Gleichheit« möglich sein wird. Dass es sinnvoll ist, in Unternehmen eine Gender Balance anzustreben, ist hingegen keine offene Frage mehr: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die unterschiedlichen Herangehensweisen der beiden Geschlechter eine größere Vielfalt an Lösungsansätzen hervorbringen. Wie das in der Praxis funktioniert, erlebe ich tagtäglich in meiner Tätigkeit als Organisationsberaterin. Vor allem bin ich fest davon überzeugt, dass in einem harmonischen, ausbalancierten Miteinander spektakuläre neue Unternehmenserfolge möglich sind.

Wenn sich Unternehmen erst einmal für den Gedanken erwärmt haben, das Potenzial von Gender Balance zu nützen, ist es immer wieder spannend, wie sich die handelnden Personen den Weg dorthin vorstellen. Männer begeistern sich zumeist für den Begriff »Empowerment« – wobei dieser meistens so ausgelegt wird, dass die weibliche Belegschaft lediglich motiviert werden muss, sich in den bestehenden Strukturen zurechtzufinden. (»Na, dann bringen Sie einmal unseren Frauen bei, wie man in unserem System in eine Führungsposition kommt. Dann wird das schon klappen mit der Quote.«) Die Erinnerung an ein derartiges Gespräch führt mich zurück in eine Zeit, in der in der Wiener Stadtpolitik die sogenannte 50-50-Regel ausgerufen wurde. Sprich: Die Geschlechterausgewogenheit sollte damals in Windeseile herbeiverordnet werden. Trotz dieses frischen Winds für die Gleichberechtigung dachten einige Frauen durchaus kritisch über diese Maßnahmen. Zum Beispiel ein weibliches Vorstandsmitglied: »Glauben Sie, mein Weg an die Spitze war leicht? Da muss man als Frau durch – und zwar ohne Sonderbehandlung. Erst dann ist man fähig, sich mit Männern zu messen und das System zu begreifen.« Starke Frauen, die es in diesem System bereits »nach oben« geschafft haben, fordern wie in diesem Fall die »harte Tour«, da sie der Meinung sind, dass man mit typischen weiblichen Verhaltensweisen nicht vorankommt.

Mir ist dieser Dialog deswegen so in Erinnerung geblieben, weil es mich frappant an meine Zeit als junge Technikerin erinnert hat. Die Straße zum Erfolg wurde als steiniger Weg gesehen, auf dem man sich hochzudienen hatte. Ein Beispiel von damals: Sagt der Obermonteur zum Lehrling: »Jetzt wirst du einmal zwei Jahre lang brav das Mittagessen holen und dich auf der Baustelle beweisen. Und wenn du es dann einmal geschafft hast, ein Rohr zu schweißen, wirst du irgendwann ein guter Arbeiter.« Sprich: Nur durch Härte kommen die Besten zum Vorschein. Die Praxis zeigt natürlich, dass ein ganz anderer Ansatz viel eher zum Ziel führt. Jene Lehrlinge, die von Anfang an aktiv unterstützt wurden, denen vertraut und einiges zugetraut wurde, waren jene, die am meisten und schnellsten lernten. Sie waren lange vor Abschluss ihrer Lehrzeit eigenverantwortlich tätig und leisteten einen wichtigen Beitrag zum Projekterfolg.

Antworten aus der Praxis

Das Schöne an meiner heutigen Tätigkeit ist, dass ich täglich Gelegenheit dazu habe, Theorie und Praxis zu vergleichen: Ich teste Menschen, warum sie sich wie verhalten. So wurde ich von einem Unternehmen aus der Baubranche mit mehr als 1000 MitarbeiterInnen gebeten zu analysieren, warum nicht mehr Frauen in Führungspositionen kommen. Dazu befragte ich rund 300 Personen in Deutschland, Österreich und der Schweiz schriftlich und teilweise mündlich. Es handelte sich um Männer und Frauen in Führungspositionen, High Potentials, die sich für künftige Führungsaufgaben empfohlen hatten. Die Ergebnisse waren überraschend, weil sie sowohl von Männern als auch von Frauen angegeben wurden: Frauen seien in höheren Managementebenen nur willkommen, solange sie keine Kinder bekommen und so agieren wie Männer. Frauen wie Männer waren also der festen Überzeugung, dass Menschen nur dann Karriere machen können, wenn sie aggressiv, machthungrig, mutig, sachlich (nur ja nicht zu emotional!), durchsetzungsfähig und entschlossen sind. Als hinderlich für eine weibliche Karriere wurde (wiederum von beiden Geschlechtern) angesehen, wenn Frauen empathisch, emotional, kommunikativ und bescheiden sind. Ergänzung: Solche Frauen wären »zu weiblich« für eine Führungsposition. Einhelliger Tenor der Befragten: Das klassische Frauenführungsbild in diesem Unternehmen war eine Frau in weiblichem Körper, aber mit klaren männlichen Verhaltensweisen. Ein derartiges Mischwesen hätte zumindest eine Chance auf eine Spitzenposition in diesem Unternehmen.

Wenn Unternehmen von den Unterschieden zwischen Mann und Frau profitieren wollen, sollten die Unterschiede auch sichtbar und erlebbar sein.

Aber damit sind wir noch nicht mit allen »Schmankerln« meiner Befragung durch. Die weiblichen Befragten gaben weiter an, dass eine Frau an der Spitze meist der »bessere Mann« sei. Die Männer stimmten zu, drückten es aber unverblümter aus: »Toll, wenn eine Frau Eier hat«. »Eier« braucht es für die Frau in diesem Unternehmen allerdings auch bei der Familienplanung. Wenn sie verhindern will, im Falle einer Schwangerschaft fallen gelassen zu werden, muss sie sich auch als Mutter wie ein Mann verhalten. Sprich: sofort zurück an den Arbeitsplatz und den Partner – in diesem Fall den Mann – den Laden zu Hause schmeißen lassen. Doch spätestens an diesem Punkt wird die Geschichte absurd. Denn eigentlich will das gängige Schubladendenken ja, dass der Mann das Geld nach Hause bringt. Also der mit den echten Eiern.

Was zeigt uns diese Achterbahnfahrt durch die Gedankenwelt männlicher und weiblicher Keyplayer eines Unternehmens? Selbst mit gelebten »männlichen« Verhaltensweisen haben es Frauen schwer, ihren Karriereweg zu gehen. Spätestens als Mutter ist schlagartig nicht mehr klar, welche Erwartungen es zu erfüllen gilt, um »erfolgreich« zu sein.

Das Ergebnis dieser Befragung lässt sich auch noch eine Spur deutlicher ausdrücken: Frauen, die sich wie Mütter verhalten und sich Zeit für ihre Kinder nehmen wollen, enden als Sekretärinnen. Nur wenige haben verantwortungsvolle Positionen. Einerseits, weil sie dafür gar nicht mehr vorgesehen werden, und andererseits, weil die Frau durch die gelebte Mutterrolle »mehr Frau« wird. Eierstock statt Eier quasi. Und das wird ja – wie erwähnt – ganz und gar nicht als Führungsqualität erlebt.

Die Quintessenz der Analyse noch einmal ganz klar auf den Punkt gebracht:

• Verhält sich eine Frau wie ein Mann, darf sie Führungskraft werden.

• Verhält sich eine Frau wie eine Frau, wird es schwierig bis unmöglich, es »nach oben« zu schaffen.

Solche Ergebnisse sind keine Seltenheit. Wenn Unternehmen von den Unterschieden zwischen Mann und Frau bzw. von den Denk- und Handlungsweisen beider Geschlechter profitieren wollen, sollten die Unterschiede auch sichtbar und (er-)lebbar sein.

Meist werden nach einer Analyse die Ergebnisse mittels eines »Rückspiegelungsworkshops« dem Vorstand vor Augen geführt. Daran nehmen wenige Frauen in Führungspositionen teil. Diese Frauen waren dann auch bei der vorangegangenen Befragung mit von der Partie. Als wir den Vorständen die oben genannten Ergebnisse rückmeldeten, waren sie komplett irritiert und stellten erst einmal die angewandten Methoden infrage. Auch das begegnet mir im Zuge meiner Arbeit leider sehr oft. Wahrheit tut manchmal weh. Bei Zweifeln genügt meist eine Frage, um für klare Verhältnisse zu sorgen: »Wie sehen das die Damen in der Runde?« Erfahrungsgemäß können diese ihre Erschütterung über die Reaktionen der männlichen Vorstandsmitglieder fast nicht mehr bändigen. Erst wenn die männlichen Vorstände die Reaktion der – im Unternehmen geschätzten – Frauen unmittelbar erleben, wird sichtbar, dass es diese unreflektierten Haltungen im Unternehmen tatsächlich gibt.

Die Erkenntnis von zwei Vorständen nach einem ereignis- und diskussionsreichen Workshop-Tag war: »Es stimmt. Eigentlich wollen wir mehr Frauen. In Wahrheit dürfen aber nur männliche Verhaltensweisen an die Spitze, egal ob sie in einem weiblichen oder männlichen Körper stecken.« Zu diesem Zeitpunkt grinste ich in mich hinein und mir fiel das Sprichwort »Selbsterkenntnis ist der beste Weg zur Besserung« ein. Für viele Unternehmen ist dieser Moment ein Durchbruch. Weil zum ersten Mal allen klar wird, worum es bei Gender Balance und gelebter männlicher Unternehmenskultur wirklich geht: Unterschiede bringen nur etwas, wenn sie auch gelebt werden dürfen.

Die Unterschiede machen den Unterschied

Zehn Jahre Beratung zeigen mir: Empowerment für Frauen, also ihre Stärkung im Bereich der Selbstdarstellung und im Auftreten, ist gut und wichtig. Aber diese Maßnahme alleine reicht nicht aus, um einen Paradigmenwechsel in Unternehmen zu bewirken. Top-Management und Führungskräfte müssen zuerst verstehen, was das »Mehr« bei »Mehr Frauen« bedeutet und wie das Unternehmen davon profitiert.

Ich wecke dieses Verständnis für Unterschiede gerne in Form eines klassischen Beratungsworkshops. Die Ausgangssituation ist klar: Wenn ich nur meine Verhaltensweise kenne, dann bin ich die Messlatte für alle anderen. Kenne ich aber auch andere Verhaltensweisen (von Frauen und Männern) und verstehe ich, wie sie im Arbeitsalltag eingesetzt werden und die Kommunikation beeinflussen, kann ich auch die Vorteile dieser Vielfalt erkennen. Spätestens dann werde ich mich gedanklich für Gender Balance öffnen (müssen). Der Umkehrschluss: Wenn uns jemand fremd ist, gehen wir eher in den Widerstand und tun uns schwer, die andere Sichtweise zu verstehen – egal ob Mann oder Frau.

Es ist wichtig, über Unterschiede zu sprechen, wenn unterschiedliche Verhaltensweisen im Unternehmen zur Geltung kommen sollen. Es gilt Führungskräfte dafür zu »sensibilisieren«, um Verständnis für das andere Geschlecht zu schaffen und zu lernen, dass es Platz im Unternehmen hat. Mehr noch: zu lernen, dass unterschiedliche Verhaltensweisen im Projektalltag einen Mehrwert bringen. Dieses Verständnis für Unterschiede – und hier geht es nicht um besser oder schlechter, sondern um anders – ist nach meinen Untersuchungen genau das, woran es vielen Unternehmenskulturen mangelt.

Ziele meiner entsprechenden Beratungsworkshops sind, voneinander zu lernen, MitarbeiterInnen offen zu begegnen und sie somit besser zu fördern. Wie gehe ich dabei vor? Zunächst teile ich Männer und Frauen in einzelne Gruppen. Jede Gruppe bekommt die gleiche Aufgabe: Frauen und Männer beschreiben jeweils ihre eigenen Verhaltensweisen:

• Wie verhalten Sie sich im Arbeitsalltag?

• Was ist Ihnen in Bezug auf Ihre Arbeit wichtig?

Ich mache diese Workshops seit zehn Jahren und stelle dabei immer die gleichen Fragen. Interessanterweise bleiben auch die Antworten weitgehend gleich. Und ich spreche hier von je rund 2000 befragten Frauen und Männern.

Wie läuft die Beantwortung ab? Ich stelle kreisförmige Moderationskarten in unterschiedlichen Farben und drei Größen zur Verfügung. Die Aufgabenstellung lautet: Die Damen und Herren sollen ihre stark ausgeprägten Verhaltensweisen in unterschiedlicher Gewichtung je nach Kreisgröße an eine Pinnwand heften. Was mich immer wieder fasziniert: Knapp die Hälfte aller Frauen wählen rote und fast alle Männer blaue Kärtchen, obwohl ich bei der Auswahl der Kärtchen komplett freie Hand lasse.

Wirklich spannend wird es, wenn man betrachtet, wie Männer und Frauen sich gegenseitig einschätzen. Denn wenn ich den Spieß umdrehe und Männer das ausgeprägte Verhalten von Frauen bzw. Frauen das ausgeprägte Verhalten von Männern beschreiben lasse, fällt das Ergebnis exakt gleich aus – egal, aus welcher Branche die Befragten kommen. Haben wir es hier mit Erkenntnissen zu tun oder mit Klischees? Für mich ist klar, dass eines sehr deutlich gezeigt wird: Es gibt unterschiedliche Verhaltensweisen von Mann und Frau, die von beiden Seiten bestätigt werden. Im vorherigen Kapitel habe ich die Studie von Tomas Chamorro-Premuzic zitiert, die ähnliche Ergebnisse erbrachte. Meine Arbeit ist jedoch nicht wissenschaftlich untermauert, sondern beruht rein auf praktischen Erfahrungen. Sollte es WissenschaftlerInnen geben, die diese unterschiedlichen Verhaltensweisen bestätigen, freut es mich natürlich.

So bewerten sich Männer


Rund 1000 befragte Männer schätzen sich wie folgt ein:

Große Kreise – sehr stark ausgeprägt:

Status ist wichtig, direkte Durchsetzungsfähigkeit, Mut, Risikobereitschaft, machtorientiert, Loyalität / Freundschaft, Rationalität, Sachlichkeit, Entscheidungen einfach halten, größenwahnsinnig

Mittlere Kreise – mittelmäßig ausgeprägt:

effizient, Einzelkämpfer, Konsequenz, umsetzungsstark, Veränderungsbereitschaft, direkte sachliche Kommunikation

Kleine Kreise – wenig bis gar nicht ausgeprägt:

emotional, Struktur, zuhören und verstehen können, Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten

So bewerten sich Frauen


Rund 1000 befragte Frauen schätzen sich wie folgt ein:

Große Kreise – sehr stark ausgeprägt:

diskutieren und abwägen, Perfektionismus, selbstkritisch, empathisch, emotional, selbstreflektiert, wenig Selbstbewusstsein, strukturiert, organisiert

Mittlere Kreise – mittelmäßig ausgeprägt:

kommunikativ, lachen gerne, Weitblick, kultiviert, fürsorglich, teamorientiert, harmoniebedürftig, gesellig, kreativ und verspielt

Kleine Kreise – wenig bis gar nicht ausgeprägt:

selbstbewusstes Auftreten, vorne stehen, zielorientiert

Geschlechterspezifische Gruppendynamik

Ebenso spannend wie die Ergebnisse auf der Pinnwand ist für mich das Verhalten der unterschiedlichen Gruppen während der Übung. Sie bestätigen für einen Beobachter das Ergebnis auf eindrucksvolle Weise. Die Gruppe der Männer hört teilweise bei den Anweisungen gar nicht mehr richtig zu, sondern startet gleich los. Männer nehmen sich die Kärtchen und schreiben ihre Punkte nieder – ohne Absprache oder Diskussion mit den Kollegen. Je technikorientierter die betreffende Gruppe ist, desto ausgeprägter ist dieses Verhalten. Ich habe Gruppen von Männern erlebt, bei denen kein einziges Wort gefallen ist, während geschrieben und gepinnt wurde. Es wird nichts abgesprochen. Es gibt meist nur einen Blick in die Runde und die Frage »Passt?«, was von den Kollegen mit Kopfnicken bestätigt wird. Bemerkt ein Teilnehmer, dass ein Kollege einen Begriff bereits an die Wand gepinnt hat, heftet er das eigene Kärtchen entweder dazu oder schmeißt es kommentarlos weg. Sie bringen aus meiner Sicht die Übung hinter sich und widmen sich zum Beispiel Gesprächen über das aktuelle Projekt oder über Themen, die sie beschäftigen.

Die Übung dauert im Schnitt 15 Minuten. Sind Vorstandsmitglieder oder Vertreter unterschiedlicher Hierarchieebenen anwesend, wird ein wenig länger diskutiert. Dabei geht es meiner Beobachtung nach aber vorrangig darum, die Rangordnung abzubilden und sicherzustellen, dass Vorgesetzte gehört werden und recht haben wollen. Aber selbst dann dauert die Übung selten länger als 30 Minuten. Wenn die Gruppe für meine Begriffe allzu rasch fertig wird, stelle ich die Frage »Wie würde das Ergebnis aussehen, wenn Sie sich absprechen oder miteinander reden?« Zur Antwort bekomme ich meist: »Nichts. Eh alles klar. Oder war das die Aufgabenstellung? Müssen wir reden?« Diese Aussagen erstaunen mich immer wieder. Aus meiner weiblichen Sicht gäbe es natürlich noch einiges zu diskutieren.

Wenn Frauen mit der Übung beginnen, wird lange Zeit nichts geschrieben oder gepinnt. Meist dienen die ersten fünf Minuten dazu, zu klären, wer schreibt. Frauen sind meistens davon überzeugt, dass nur eine Person tatsächlich auf die Kärtchen schreiben soll, damit ein möglichst perfektes Endergebnis (nicht zu viele Kärtchen verschwenden, einheitliche Schrift) gelingt. Jede Frau erklärt, warum sie nicht schreiben möchte (Handschrift, Rechtschreibung …). Es wird darüber gesprochen, ob vorher auf einen Notizblock geschrieben werden soll oder gleich auf Kärtchen.

Frauen nutzen die Zeit für Klärung. Harmonie ist ihnen sehr wichtig. Keine Aussage darf übergangen werden und für alle Punkte sollte ein Konsens gefunden werden. Nach 15 Minuten muss ich die Frauengruppe meist darauf hinweisen, dass die Hälfte der Zeit vorbei ist. Dann bricht in der Regel so etwas wie Panik aus, weil zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges Kärtchen an der Pinnwand klebt.

In der Frauengruppe geht es um einiges emotionaler und intensiver zu, weil viel gelacht und gesprochen wird. Oft bilden sich innerhalb der Gruppe »Gesprächsinseln«, in denen über Teilbereiche gesprochen wird, weil alle Beteiligten den Zeitdruck spüren, aber alle Aspekte diskutieren wollen. Es kristallisiert sich dabei in der Regel eine Person heraus, die die Koordination übernimmt und die Ergebnisse auf den Punkt bringt. Im Gegensatz zu den Männern definiert sich diese nicht automatisch aufgrund der Hierarchieordnung. Jenes Gruppenmitglied, das am besten koordiniert, moderiert und strukturiert, wird für die Dauer dieser Übung zur »Leiterin«.

Ein hoher Anteil der weiblichen Gruppen in den letzten Jahren konnte die Zeitvorgabe von 30 Minuten nicht einhalten. Nicht weil sie nicht fähig dazu waren, sondern weil es ihnen wichtig war, alle miteinzubinden und zu diskutieren.

Sobald beide Gruppen fertig sind, diskutieren wir offen über die Ergebnisse. Die Gruppen amüsieren sich über die Pinnwände der anderen, weil Männern die Vorgehensweise der Frauen natürlich nicht entgangen ist. Den Frauen wiederum fiel die Ruhe der Männer auf. Danach diskutieren wir darüber, wie sich diese unterschiedlichen Verhaltensweisen im Alltag bemerkbar machen:

• Welchen Mehrwert haben sie in der Organisation oder im Team?

• Wie können die Menschen voneinander profitieren?

• Wie lassen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlich fördern?

All das führt direkt zu den Fragen der Unternehmenskultur: Welche Verhaltensweisen sind im Unternehmen akzeptiert und ebnen den Weg zu einer Führungsposition und welche nicht? Erst da wird vielen der männlichen Führungskräfte klar, dass sie nur das fördern, was sie als Führungsstärke empfinden.


Wenn wir uns die typischen Eigenschaften der Frauen ansehen, kann eine weibliche Führungskraft Erwartungshaltungen in Bezug auf typisches männliches Führungsverhalten gar nicht erfüllen. Wenn wir also nicht ein neues Bild von erfolgreicher Führung kreieren, wird es für Frauen so gut wie unmöglich sein, in einer Unternehmenskultur, die typisch männliche Eigenschaften fördert, groß zu werden. Es sei denn, sie eignet sich diese Eigenschaften bewusst an. Dann wird sie allerdings wieder in die Rolle der »macht- und karrieregeilen Bitch« gedrängt, die »Eier hat« und wie ein Mann agiert.

Der Einfluss der Biologie

Neben der These, dass Frauen und Männer ihr Gehirn unterschiedlich nutzen, haben auch Hormone einen Einfluss auf unsere Verhaltensweisen. Auf den evolutionären Unterschied gehe ich nicht im Detail ein, weil es hierzu sehr viele unterschiedliche Meinungen gibt. Selbst die Jäger-und-Sammler-Theorie ist mittlerweile umstritten, weil sie hauptsächlich von Männern untersucht wurde. In Einzelfällen kam heraus, dass auch Frauen früher Jägerinnen waren. Man kann die Geschichte durch unterschiedliche Brillen betrachten. Am bedeutendsten sind aber sicher die Unterschiede in der Sozialisierung der Geschlechter.

In meinen Workshops stelle ich Frauen und Männer einander gegenüber und lasse den Mann beschreiben, wie es ihm beim Anblick der Frau geht. Woran denkt er? Natürlich sind nicht alle ganz ehrlich, aber mit einer Intervention kommen dann Aussagen wie »Tolle Ausstrahlung, schöne Haare und attraktive Person«, »Würde ich gerne näher kennenlernen«, »Wirkt sehr zierlich, muss ein wenig bei dieser Person aufpassen« und so weiter. Der Frau fallen sofort die Augen auf, das nette Lächeln und natürlich auch der Gesamteindruck des Mannes.

Weil die beiden nicht miteinander sprechen, beschränken sich die Beschreibungen auf das Äußere. Fühlen sich die beiden körperlich angezogen, werden sie oft rot im Gesicht oder senken den Blick, weil sie sich ertappt fühlen – egal ob Mann oder Frau, egal ob verheiratet oder nicht. Beide melden in der Regel zurück, dass sie sich nicht vergleichen, sondern eher auf die Unterschiede schauen. Beide fragen, warum sie sich mit einem Mann oder einer Frau vergleichen sollen, da sie einander ja nicht ähnlich seien. »Wir sind unterschiedlich«, stellen sie fest.

Dann stelle ich eine Frau einer Frau und einen Mann einem Mann gegenüber, und es wird spannend: Vorher spielten die sexuelle Anziehung oder zumindest das Interesse an der Person eine Rolle. Was würde nun dominieren? Neid und Missgunst? Zustimmung und Gemeinsamkeiten? Schauen die beiden Personen einander in gewisser Weise ähnlich, sind Vertrautheit und Wohlwollen spürbar. Wird aber eine Frau als hübscher empfunden als die andere oder ein Mann scheint besser gekleidet als sein Gegenüber, entstehen sofort negative Emotionen.

Das Experiment zeigt: Frauen und Männer vergleichen sich untereinander. Männer neigen zu Fragen wie: Wer hat das größere und bessere Auto, Haus, Bankkonto oder die bessere Familie? Wenn Frauen einander gegenüberstehen, stehen Fragen wie »Wer ist schlanker, attraktiver, hat schönere Haare und das bessere Outfit?« im Vordergrund. Bei Männern geht es meist um den Status, bei Frauen um Äußerlichkeiten.

Durch den höheren Cortisol-Pegel bleiben Mädchen mehr in Sicherheit und sind achtsamer mit ihrer Umgebung und sich selbst.

Einer der interessantesten Bereiche im menschlichen Gehirn in Sachen Verhaltensunterschiede ist der »Nucleus praeoticus medialis«, eine Ansammlung von Nervenzellen, die zum Sexualzentrum gehören. Bei Männern ist der »Nucleus praeopticus medialis« doppelt so groß wie bei Frauen. Tatsächlich ist der Größenunterschied dieser besonderen »Schaltzentrale« so auffällig, dass Forscher anhand dieses Teils feststellen können, ob sie das Gehirn einer Frau oder eines Mannes vor sich haben. Das funktioniert übrigens schon bei einem drei Monate alten Fötus. Gerhard Roth, Experte für Neurobiologie und Verhaltenspsychologie, unterstreicht in einem Interview mit der »ZEIT« die Bedeutung dieser Hirnregion: »Dass dieser pränatale Unterschied zwischen Männern und Frauen auch deutliche Auswirkungen auf das Verhalten hat, bezweifelt heute kaum noch jemand.«

Roth konnte anhand von unzähligen Untersuchungen feststellen, dass es auch hormonelle Zusammenhänge gibt, die für unterschiedliches Verhalten sorgen: Frauen reagieren teilweise stärker auf Stress und sind ängstlicher und besorgter als Männer. Sie schütten mehr vom Stresshormon Cortisol aus. Je höher dessen Pegel, desto mehr Angst haben Frauen. Daher sind manchmal Frauen neurotischer als Männer. Diese Unterschiede im Hormonhaushalt sind seit der Geburt beobachtbar und führen schon bei Säuglingen und Kleinkindern zu unterschiedlichen Verhaltensweisen. Roth hat außerdem festgestellt, dass Jungen zu einem besseren räumlichen Vorstellungsvermögen neigen. Sie klettern, bauen und probieren aktiver als Mädchen. Durch den höheren Cortisol-Pegel bleiben Mädchen mehr in Sicherheit und sind achtsamer mit ihrer Umgebung und sich selbst. Mädchen kommunizieren daher mehr mit den Menschen, da sie dadurch zu Informationen kommen, und können sich in der Regel verbal besser ausdrücken.

Es ist also körperlichen Voraussetzungen zu verdanken, dass Frauen im Berufsleben lieber mit Menschen und Männer lieber mit Dingen arbeiten. Wie ausgeprägt sich das zeigt, ist aber natürlich auch von der Sozialisierung durch die Eltern und das Umfeld abhängig. Zusätzlich sind Hormone bei verschiedenen Menschen unterschiedlich ausgeprägt.

Fazit: Verschiedene körperliche Faktoren sind dafür verantwortlich, dass wir uns so verhalten, wie wir uns verhalten. Meine praktischen Untersuchungen und Analysen der Unternehmenskulturen spiegeln also das natürliche Verhalten von Frauen und Männern wider. Da wir uns als Personen allerdings nur bedingt verändern können, hilft auch das gezielte Empowerment von Frauen kaum dabei, Gender Balance zu erreichen. Es braucht ein komplettes Umdenken hinsichtlich Führung und Führungsqualitäten in Organisationen, um langfristig eine neue Unternehmenskultur zu entwickeln.

Ein neues Führungsbild muss her

Wenn wir über Gender Balance sprechen, ist es also unumgänglich, ein neues Führungsbild zu erzeugen, in dem die Eigenschaften von Männern und Frauen Platz haben. Je früher wir damit in Unternehmen starten und Führung neu definieren, umso leichter ist es, echte Gender Balance umzusetzen. Dies wiederum erfordert jedoch auch eine gesellschaftliche Veränderung, um die gängigen Vorurteile und Denkweisen zu überwinden.

Ein Beispiel gefällt mir da sehr gut: IWF-Chefin Christine Lagarde, die schon als frühere Synchronschwimmerin einen langen Atem bewies, wurde einmal als »Frau mit Kohle im Herzen« bezeichnet. Sie gilt als vernetzte, geschickte Verhandlerin. Vor ihrer erfolgreichen Laufbahn beim Internationalen Währungsfonds hatte sie sich als Anwältin einen Namen gemacht. Sie ist gelernte Juristin, Ökonomin und Amerikanistin und war Wirtschafts- und Finanzministerin. Wäre hier von einem »Herrn Christian Lagarde« die Rede, wäre dessen Erfolg ganz normal. Einer »Frau Christine Lagarde« schreiben wir ein »Herz aus Kohle« und unmenschliches Verhalten zu.

2011 wurde eine HR-Studie veröffentlicht, in der 60 000 Vollzeitarbeitskräfte zu ihrer Haltung gegenüber weiblichen und männlichen Führungskräften befragt wurden. Fazit: Ein erfolgreicher Mann wird mehr akzeptiert als eine erfolgreiche Frau. 46 Prozent der Befragten, Männer wie Frauen, hatten eine Präferenz für das Geschlecht ihres Vorgesetzten. 72 Prozent bevorzugten einen männlichen Chef. Dies wird auch in anderen Studien mit anderen Zielgruppen bestätigt: Dürften sich Befragte für eine Heidi oder einen Howard mit den gleichen Eigenschaften entscheiden (Studie an der Columbia University), würden die meisten Studenten für einen Howard plädieren.

Warum stehen bei so vielen Unternehmen also nur Frauen mit »männlichen Verhaltensweisen« hoch im Kurs? Weil Macht- und Führungskompetenzen von der Gesellschaft überwiegend den Männern zugeschrieben werden. Auch wenn sich die Sichtweisen ändern, wird es noch lange dauern, bis Frauen mit ihren ureigensten Eigenschaften in Führungspositionen akzeptiert werden.

Bei einer meiner Unternehmenskulturanalyse ergab sich eine weitere spannende Situation: In einer Gruppe, in der Frauen überrepräsentiert waren (Verhältnis: 70 Frauen und 30 Männer), sollten Gruppenbefragungen stattfinden. Die Gruppen waren hierarchisch durchmischt. Bei den Männern waren allerdings keine höheren Vorgesetzten anwesend, sondern alle Positionen annähernd gleichwertig. Die erstaunliche Beobachtung war: Obwohl weitaus weniger Männer vertreten waren, wandten sich Frauen in ihren Präsentationen der Gruppenarbeit zu einem bestimmten Thema immer an einen Mann – sowohl in Großgruppen als auch in kleineren Settings. Da sich dieses Verhalten in jeder Gruppenbefragung wiederholte, war es ein wichtiger Teil meiner Analyse. Die Erkenntnis: Frauen hatten in diesem Unternehmen bereits gelernt, dass Männer das Sagen haben – also richteten sie das Wort immer an Männer. Ganz egal ob diese eine höhere Position bekleideten oder nicht.

Für mich als Beraterin war das eine wirklich interessante Beobachtung. Die Erkenntnis dabei war: Wenn ich als Frau in dieses Unternehmen komme, werde ich in kürzester Zeit ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legen, da mir das tagtäglich vorgelebt wird.

Bei der Präsentation meiner Analyse vor einer größeren Gruppe wurde mir von den anwesenden Frauen bestätigt, dass dies eine Verhaltensweise ist, die vorgelebt wird und der Frauen sich anpassen. Auch einige der 30 Männer bestätigten diese Situation. Ihnen war das Setting fremd, weil ansonsten der Männeranteil in Besprechungen nie so gering ist. Darum erlebten sie das Verhalten der Frauen zum ersten Mal bewusst.

Wenn ich übrigens Männer und Frauen separat befrage, warum Gender Balance in ihrem Unternehmen nicht funktioniert, erhalte ich ebenfalls seit zehn Jahren die gleichen Antworten. Auch Männer erkennen eine sehr männlich dominierte Unternehmenskultur in sehr konservativ geführten Organisationen. Ich meine damit Organisationen, die einen weiblichen Führungsanteil von weniger als 10 bis 15 Prozent haben.

Eine Studie der Universität von Cincinnati legt allerdings dar, dass es nicht immer nur die Männer sind, die Gender Balance erschweren. Auch Frauen können Frauen in Führungspositionen verhindern. Dies wird in der Wissenschaft als »Queen Bee Syndrome«, also das »Bienenköniginnen-Syndrom«, bezeichnet. Auch dieses Phänomen ist mir nicht fremd. Ich erlebe regelmäßig in Coachings, dass Frauen von weiblichen Führungskräften nicht gefördert oder sogar gemobbt werden und dadurch auf ihrem Karriereweg nicht weiterkommen. Noch schlimmer ist, dass dieses »Heruntermachen« auch von anderen bemerkt, aber in den meisten Fällen als »Zickenkrieg« abgetan wird. Willkommen in einer weiteren Klischeefalle, die sich sehr oft bewahrheitet. Die betroffenen Frauen kämpfen meist seit Jahren erfolglos um eine Beförderung.

Chefinnen haben viele Mobbing-Tricks auf Lager, um aufstrebende Frauen kleinzuhalten. Die Erklärung: Pro Bienenvolk kann es nur eine Königin geben und diese möchte es auch bleiben. Noch bevor die Geschlechtsgenossinnen zur gefährlichen Konkurrenz heranreifen, werden sie von der Königin »gestochen« – und diese Stiche tun richtig weh. Denn während die Männer um sie herum unterstützt werden, macht die Bienenkönigin-Chefin ihren weiblichen Untergebenen das Leben schwer, indem sie diese behindert und ausbremst statt fördert.

Wenn die Solidarität unter Frauen gleich null ist, schmerzt das eine weibliche Arbeitsbiene natürlich besonders. Die zitierte Studie mit 2000 Probandinnen beweist, dass Frauen, die es mit einer solchen Chefin zu tun haben, besonders häufig unter gesundheitlichen Problemen wie Depressionen, Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen leiden. Und das erlebe ich auch: Ich habe Frauen mit akademischen Abschlüssen bei mir sitzen, die eine solche Situation erdulden mussten. Nach einem Führungswechsel oder Jobwechsel benötigten sie eine Traumaberatung, um ihre Angst vor Chefinnen loszuwerden und wieder Selbstbewusstsein aufbauen zu können.

Wenn uns das alles bewusst ist, wie können wir dann etwas Neues entwickeln? Was fehlt uns, um auch Heldinnen an der Macht zu sehen? Wichtige Fragen, auf die ich in den weiteren Kapiteln eingehen werde. Wir stecken ja immer noch in der Analyse der derzeitigen Situation.

Denkanstöße für HELDEN & HELDINNEN

•Gehen Sie mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterschiedlich um?

•Welche Verhaltensweisen muss eine Führungskraft aus Ihrer Sicht haben, wenn Sie an Führung denken?

•Wie sollte eine Führungskraft wirklich agieren, damit sie für ein Unternehmen gewinnbringend ist?

•Denken Sie »out-of-the-box« und nicht in Klischees und Normen! Was wäre wirklich wichtig, damit ein Unternehmen mehr Gewinn machen oder einfach nur stabil wirtschaften kann? Weibliche Verhaltensweisen oder männliche Verhaltensweisen? Beide?

Wie Mama und Papa – die Macht der Sozialisierung

Ich bin mit zwei älteren Brüdern groß geworden und habe hautnah erlebt, wie es ist, als Mädchen »schubladisiert« zu werden. Meine Brüder bekamen sich täglich in die Haare und trugen dies handgreiflich aus. Das war für alle Beteiligten völlig normal. Doch ging ich einmal meinen Brüdern wortwörtlich »an die Gurgel«, war das sofort Gesprächsthema Nummer eins in der Familie. Obwohl meine Mutter ihr Leben lang berufstätig war und als selbstbewusste Frau auftrat, wurde mir durch die Frauen in meiner Familie vermittelt, wie ich zu sein habe: »Lerne kochen und wie man Haus- und Gartenarbeit erledigt. Es ist wichtig, dass du das kannst«, war eine oft gehörte Aussage. Als Achtjährige erhielt ich zu Weihnachten dann auch von meiner Tante ein Kochgeschirr mit dem Hinweis: »Du wirst das später benötigen.« In Salzburg und Oberösterreich war vor 30 Jahren die »Aussteuer« noch üblich: Junge Frauen bekamen Hand- und Geschirrtücher sowie Bettwäsche für den zukünftigen eigenen Haushalt. Mit zwölf Jahren verweigerte ich jedes Geschenk dieser Art und emanzipierte mich von den Frauen in meiner Familie.


»Jungendinge« und »Mädchendinge«

Es war damals auch außergewöhnlich, wenn Mädchen mit Autos spielten und aufmüpfig waren und Burschen mit dem Puppenwagen durch die Gegend fuhren. Oder noch schlimmer: Wenn Jungs Nagellack auftrugen oder sich als Mädchen verkleiden wollten. Und auch heute noch steckt in uns das klassische Rollenbild, das eine Frau und ein Mann zu verkörpern haben. Natürlich hat sich das über Jahre verändert und die Grenzen verschwimmen ein wenig. Aber die eiserne Regel »Mädchen sind rosa und Jungs sind blau« hält sich hartnäckig. Nicht, dass daran etwas schlecht wäre – aber Menschen werden so in Rollen gedrängt und dabei sozialisiert. Dies wiederum führt dazu, dass man sich nur innerhalb bestimmter Stereotype bewegt, ohne das »andere« überhaupt jemals auszuprobieren. Oder wann haben Sie das letzte Mal als Mann Nagellack aufgetragen? Oder als Frau Fliesen verlegt? Noch nie? Dann wäre es an der Zeit, den klassischen Käfig der Pink-Blau-Rollensozialisierung zu durchbrechen.

Sehen Sie sich einmal Ihren Alltag an: Was leben Sie Ihren Kindern als klassische Rolle vor? Die Mutter kocht, putzt, bügelt, organisiert Urlaube, Freunde, Feste und Familie. Der Vater kümmert sich um das Auto, die groben Arbeiten im Haushalt, die elektronischen Geräte und alles Technische. Nur Klischees? Viele Familien funktionieren so. Und haben Ihre Eltern es schon genau so gehandhabt wie eben beschrieben? Meine haben es. Ich wurde in klassischen Rollenmustern groß. Aber nicht nur ich, sondern viele meiner Freunde, die diese Muster heute an ihre Kinder weitergeben. Diesem Drang kann man nur schwer widerstehen, wenn man etwas über 20 Jahre oder länger als »richtig« vorgelebt bekommen hat. Man hinterfragt auch ganz selten bewusst, ob es das ist, was man eigentlich selbst möchte. In meinem Buch »Wer sich selbst findet, darf´s behalten!« spreche ich genau von dieser Problematik. Was wollen wir? Was sollten wir wollen? Was sollten wir aus Sicht der anderen leben? Es ist immens schwer, aus der Sozialisierung auszubrechen.

Ich spreche aus Erfahrung. Heute – so meine Überzeugung – bin ich in keinem klassischen Rollenbild mehr verankert. Deshalb bekomme ich regelmäßig die Frage gestellt, wie das Leben als »berufstätige Mutter mit Kleinkind« denn so ist? Ich muss oft sehr früh raus, bin regelmäßig im Flieger unterwegs. »Was sagt denn da Ihr Mann dazu?« – das fragen mich übrigens Männer und Frauen. Mein Mann und ich leben teilweise gelernte Rollenmuster und teilweise nicht. Warum? Weil ich nicht alles ablegen möchte, was ich gelernt habe. Weil ich auch akzeptiert habe, dass es gut ist, die Alltagsarbeit in Expertise und Leidenschaft aufzuteilen.

Glauben Sie mir, ich habe auch gelernt, manchmal einfach »Blondine« zu sein. Es ist einfacher und weniger anstrengend, so durchs Leben zu gehen. Wenn ich zu schnell mit dem Auto unterwegs war oder ich etwas nicht erledigen will, ist es manchmal hilfreich (und legitim), sich dumm zu stellen und dem Klischee zu entsprechen. Manche Männer kennen diesen Kniff ja auch, wenn sie sich beispielsweise beim Bügeln so lange besonders ungeschickt anstellen, bis die Frau sie erlöst. Aber niemand von uns hat das »Schraubenzieher-Gen« oder das »Bügel-Gen« als Erbe mitbekommen. Dieses Können (bzw. Nichtkönnen) ist sozialisiert und hat nichts mit unserem Körper oder unserem Gehirn zu tun. Wir wurden in diesen klassischen Rollen trainiert – tagtäglich aufs Neue. Einerseits durch Vorleben, andererseits durch Vorzeigen und Mitmachen. Männer, die gut kochen können, erzählen oft von einer Mutter, die sie immer wieder hat mitkochen lassen. Frauen, die – wie ich – mit einem Vater groß geworden sind, der auch einem Mädchen gezeigt hat, wie man handwerklich tätig ist, wissen, wie sie mit einem Schraubenzieher oder Hammer umgehen. Mein Vater hat mich im Alter von fünf Jahren bereits auf Baustellen mitgenommen. Und mein Onkel hat mir gezeigt, wie man an einer Hobelbank arbeitet. Es war kein Wunder, dass ich schließlich einen technischen Beruf gewählt habe. Da der technische Bereich für mich keine »Hürde«, sondern etwas Vertrautes war, stellte ich mich den Herausforderungen gerne und selbstbewusst. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an ein Gespräch mit einem Manager:

Er sagte: »Wir Männer sind anders. Das liegt in unseren Genen. Ich sehe das bei meiner Tochter.« »Wie sind Sie zu dieser Erkenntnis gekommen?«, fragte ich ihn. Seine Antwort: »Ich war mit meiner Tochter am Flughafen oder bin mit ihr auf Bahnhöfe gegangen, um Züge zu beobachten. Sie hat das überhaupt nicht interessiert.« »Interessiert sich denn Ihre Frau für Technik, Autos, Züge und Flugzeuge oder Roboter? Programmiert Ihre Frau zuhause den Fernseher oder andere technische Geräte?« »Nein«, sagte er. Und ich fragte: »Was macht Ihre Frau?« Es folgte eine Aufzählung klassischer Rollenaufgaben. »Mit wem verbringt Ihre Tochter mehr Zeit?« »Mit meiner Frau.« Also fragte ich ihn zum Schluss: »Glauben Sie jetzt immer noch an die Gene?« Seine Antwort lautete: »So habe ich das noch nicht betrachtet.«

Vorgelebte Rollenbilder und die Folgen

Was wir unseren Kindern vorleben, nehmen sie an. Einmal mit dem Vater zum Flughafen zu fahren oder Züge anzusehen, wird nicht reichen, um das Interesse der Tochter daran zu wecken. Nimmt aber die Mutter ein Buch mit Fahrzeugen, Werkzeugen oder anderen Dingen zur Hand und erklärt Zusammenhänge, setzt das etwas in Gang. Meistens verhalten sich Frauen aber so: »Du, die Eisenbahn baust du lieber mit dem Papa, der kennt sich da richtig gut aus.« Das gilt übrigens auch umgekehrt: Da schicken Väter das Kind, wenn es ums Kochen geht, zur Mutter.

Ein weiteres Gespräch zu diesem Thema, an das ich mich erinnere, fand mit einem Vorstandsmitglied eines Unternehmens statt. Er meinte, wir sollen beim Recruiting von Frauen in der Technik auf einen wichtigen Aspekt Rücksicht nehmen: »Achten Sie auf Frauen, deren Väter Techniker sind oder deren Mütter einen technischen Beruf ausüben.« Diese Strategie fand ich schon damals naheliegend und clever. In der Praxis sind diese Filter aber leider nicht immer auf die Schnelle anzuwenden.

Dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, gilt auch für Ehrgeiz, Erfolg und Verantwortung – klassische »Führungskriterien«. Wissenschaftler der Universität Bonn haben einen Erklärungsansatz dafür: Ausschlaggebend ist die Vererbung von Risikobereitschaft und Vertrauen. Auch hier gilt: Was habe ich vorgelebt bekommen? Das Verhalten der Eltern wird unweigerlich übernommen, weil es tagtäglich (vor-) gelebt wird. Ob jemand mutig durchs Leben geht oder Risiken eher scheut, hat mit seinem familiären Hintergrund zu tun – das bestätigen auch neue Studienergebnisse des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) der Universität Bonn. Demnach bringen risikofreudige Eltern auch risikobereite Kinder hervor. Auch die Bereitschaft, Mitmenschen zu vertrauen, wird »vererbt«. Vor diesem Hintergrund erklären die WissenschaftlerInnen, warum Kinder ökonomisch erfolgreicher Eltern ebenfalls häufig erfolgreich sind: »Jede ökonomische Entscheidung ist riskant – ob es nun darum geht, Aktien zu kaufen, ein Haus zu bauen oder auch nur ein Studium aufzunehmen«, betont IZA-Forschungsdirektor Armin Falk. »Auf der anderen Seite hat Geschäftserfolg auch mit der richtigen Portion Vertrauen zu tun. Wenn Kinder ihren Eltern in puncto Risikofreude und Vertrauen ähneln, dann werden sie sich auch in ökonomischen Fragen häufig ähnlich entscheiden wie diese.« Umgekehrt könne der »Vererbungseffekt« aber auch die Zugehörigkeit zur vielzitierten »Unterschicht« zementieren. Laut Falk werden die genannten Charaktereigenschaften nach folgendem Prinzip weitergegeben: Eltern prägen den Charakter ihrer Sprösslinge, die wiederum einen Lebenspartner wählen, der ihnen ähnelt: Diese beiden Effekte tragen dazu bei, dass sich Einstellungen, wie Risikobereitschaft oder Vertrauen, über Generationen hinweg auf hohem Niveau halten. Kurz: Risikofreudige Frauen haben meist auch risikofreudige Ehemänner. Auch in puncto Vertrauen gleichen einander Ehepartner weitgehend, legen Falks Untersuchungen nahe. Die WissenschaftlerInnen räumen allerdings ein, dass ihre Daten keine befriedigende Antwort auf die Frage geben, inwieweit die Weitergabe von Risikobereitschaft und Vertrauen genetisch bedingt oder durch die Erziehung geprägt ist.

Ich gehe noch einen Schritt weiter: Eltern »übermitteln« auch ihr Netzwerk und ihre Kontakte an ihre Kinder. Meine Tochter lernt andere Menschen kennen, als ich kennenlernen durfte. Akademiker geben andere Kenntnisse an ihre Kinder weiter als Eltern, die einen handwerklichen Beruf ausüben. Das eine ist dabei nicht besser oder schlechter als das andere. Es ist nur anders. Kinder bekommen neben den klassischen Rollenbildern andere Lebensaspekte mit auf den Weg. Wenn Recruiting diese Faktoren berücksichtigen könnte, wären manche Positionen vielleicht besser besetzt.

Die Studie vom IZA bestätigt auch, dass es Kindern aus Arbeiterfamilien ungleich schwerer fällt, erfolgreich zu werden. Simples überspitztes Beispiel: Wenn ich zu einem großen Galadinner komme und nicht weiß, was ich mit vier Messern und vier Gabeln machen soll, muss ich mir das erst aneignen. Wenn ich das aber von klein auf mitbekomme, ist dieses »Wissen« eine Selbstverständlichkeit. Ähnlich ist es im Umgang mit »wichtigen« Menschen: Wurde mir demütiges Verhalten gegenüber ÄrztInnen und AnwältInnen vorgelebt, muss ich vermutlich erst lernen und mich wahrscheinlich auch dazu überwinden, mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Bin ich allerdings mit solchen Autoritäten groß geworden, habe ich vermutlich auch später kaum Schwierigkeiten, Gespräche mit Vorstandsvorsitzenden zu führen.

Rollenbilder halten sich meist ebenso hartnäckig: Gesellschaftlich toleriert werden in der Regel nur Mütter, die erst wieder zu arbeiten beginnen, wenn ihr Kind drei Jahre alt ist. Das Gegenteil ist der Fall, wenn sie es schon vorher in eine Kinderkrippe geben und vielleicht auch noch einem Vollzeitjob nachgehen. Solche Mütter sind oft als »Rabenmütter« verschrien. Solche Frauen sind deshalb immer noch die Ausnahme und nicht die Norm. Männern, die zu Hause beim Kind bleiben, geht es nicht anders. Sie bekommen oft zu hören, sie seien »Weicheier«.

Mein Mann und ich teilen uns die Erziehung unserer Tochter. Er geht öfter zu Kinderveranstaltungen als ich, weil es für ihn beruflich einfacher ist. Oft findet er sich dort aber als einziger Mann unter lauter Frauen wieder. Gehe ich einmal zu einer solchen Veranstaltung und lerne andere Mütter kennen, fühle ich mich »anders« – nicht zugehörig. So würden sich wohl die meisten Männer fühlen. Mein Mann scheint hingegen mehr Teil dieser Gruppe zu sein als ich. Für uns beide funktioniert dieses Lebensmodell, was nicht bedeutet, dass es für jeden optimal ist. Darum geht es letztlich aber auch nicht, sondern darum zu verstehen, wie Sozialisierung unser Verhalten beeinflusst und unseren Handlungsspielraum einengt.

Während meiner Zeit in Amsterdam durfte ich erfahren, was es bedeutet, andere Rollenbilder zu leben. Frauen und Männer denken dort nicht »typisch Frau« oder »typisch Mann«, wie es in Deutschland oder Österreich verstanden wird. Es ist dort selbstverständlich, dass Frauen vier Kinder haben und Vollzeit arbeiten – und Männer das ebenso tun. Das Leben wird generell anders betrachtet: Es gibt Arbeitszeit und Familienzeit. Anwesenheit in der Firma ist nicht oberste Priorität, um den Job erledigen zu können. Dänen oder Franzosen handhaben das übrigens ähnlich.

Die meisten Frauen sehen Gesundheit als Wohlbefinden. Männer sehen es eher als Funktionsfähigkeit. Daher gehen Männer oft erst dann zum Arzt, wenn sie nicht mehr »funktionieren«.

Wenn Männer oder Frauen krank sind, werden auch hier klassische Rollenbilder sichtbar. Laut einer Studie im Auftrag der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sind Männer mittlerweile zwar recht gut informiert, was die Vorsorge anbelangt, doch nur 40 Prozent der Befragten aus allen Altersgruppen und Bildungsmilieus gaben an, auf Früherkennung zu setzen. Bei den Frauen waren es dagegen gut 67 Prozent. Dr. Kasten Müssig, stellvertretender Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie an der Uniklinik Düsseldorf, stellt dazu fest, dass die klassischen Rollenbilder immer noch sehr lebendig sind. Viele Eltern reden über Bilder, wie »der starke Mann, den nichts umhaut«, und der auf gar keinen Fall Schwäche zeigen darf. Mädchen dürfen weinen und Schwäche zeigen – egal ob aus Frust oder Schmerz. Krankheiten werden daher von den meisten Männern unbewusst mit »Schwäche« gleichgesetzt. Ärztliche Hilfe anzunehmen, bedeutet also, ein »Schwächling« zu sein.

Frauen hingegen haben keine Probleme damit, zum Arzt zu gehen, und kümmern sich weitaus intensiver um ihre Vorsorgeuntersuchungen. Die meisten Frauen sehen Gesundheit als Wohlbefinden. Männer sehen es eher als Funktionsfähigkeit. Daher gehen Männer oft erst dann zum Arzt, wenn sie nicht mehr »funktionieren«. Rechtzeitig zur Kontrolle zu gehen, würde für den Mann bedeuten, dass er verletzbar ist. Dieser Unterschied zeigt sich zum Beispiel auch bei Diabetikern: Mädchen messen regelmäßiger ihren Blutzucker und achten somit mehr auf ihre Gesundheit. Jungs beugen sich eher dem Gruppendruck. Es gilt eher als uncool, regelmäßig auf gesunde Ernährung und Blutwerte zu achten. Da dieses Verhalten lebensbedrohlich ist, sterben fünfmal mehr Jungen als Mädchen an Diabetes. Auch der Buchautor Björn Süfke berichtet über diesen auffälligen Verhaltensunterschied: Männer gehen aus drei Gründen zum Spezialisten, erklärt er: wenn sie von ihrer Frau gedrängt werden (wife mandated), vom Gericht dazu verdonnert werden (court mandated) oder ihr Hausarzt sie bezüglich einer weiteren Untersuchung zum Spezialisten schickt.

Eine weitere Erkenntnis der Müssig-Studie bestätigt ein bekanntes Klischee: Männer neigen aus Furcht vor der Nicht-Funktionsfähigkeit ihres Körper dazu, Krankheiten schlimmer zu empfinden als Frauen. Die unterschwellige Botschaft lautet: »Ich kann nichts machen, ich bin krank und deshalb auch nicht stark.« Dieses Gefühl führt zu höherem Schmerzempfinden. Gleichzeitig sind Männer anfälliger für Grippeinfektionen und dadurch tatsächlich häufiger krank als Frauen.

Eltern könnten ihren Söhnen zeigen, dass Schmerz zugelassen werden kann, anstatt den Zwang zum Funktionieren vorzuleben.

Das gesellschaftliche Rollenbild sieht so aus: Mann geht arbeiten und nicht zum Arzt. In Deutschland wurden deswegen sogar Kampagnen gestartet, die Männern den Gang zum Doktor schmackhaft machen sollen. Ein Slogan hat mir ganz besonders gefallen. Dieser soll männliche Jugendliche bezüglich Auffälligkeiten in ihrem Genitalbereich sensibilisieren: »Achte auf deine Nüsse.« In einer anderen Kampagne rufen Ärzte mit dem Slogan »Es wäre Zeit für eine große Hafenrundfahrt« zur Darmspiegelung auf.

Auch hier beginnt ein Umdenken am besten bei der Erziehung: Eltern – hier ganz besonders die Väter – könnten ihren Söhnen zeigen, dass Schmerz zugelassen werden kann, anstatt den Zwang zum Funktionieren vorzuleben. Dann würden wir irgendwann nicht mehr in einer gespaltenen Gesellschaft leben, in der die einen zur Vorsorge gehen und ihre Muskeln von Shiatsu-Therapeuten geschmeidig machen lassen, um noch mit 90 auf den Berg zu gehen. Und die anderen besuchen den Arzt nur alle zehn Jahre, weil die starken Schmerzen beim Urinieren irgendwann nicht mehr auszuhalten sind. Was ich krass finde: Jene, die unserem Leistungs- und Rollenbild entsprechend immer funktionieren sollen und die Familie ernähren müssen, werden immer kränker. Und jene, die zu Hause sind, um sich um die Kinder zu kümmern, werden immer gesünder, tragen aber wenig zum Familienumsatz bei. Nicht falsch verstehen: Ob Job oder Haushalt, beides ist gleichwertig – aber diese Diskrepanzen zerreißen eine Gesellschaft.

Sehr oft erzählen mir Unternehmen, es gebe zu wenige Technikerinnen. Woher kommt das eigentlich? Klar ist laut Wissenschaft, dass die Eignung für technische Berufe nur zu einem Teil mit Hormonen, Gehirnstruktur und körperlicher Eignung zu tun hat. Für Technik gibt es aber eine ähnlich definierte Rolle wie für Führungspositionen – die derzeit leider vor allem mit männlichen Verhaltensweisen assoziiert wird.

In Polen, Frankreich und in skandinavischen Ländern gibt es einen höheren Anteil an Technikerinnen, Frauen in typisch männlichen Berufen oder auch Führungsfrauen. Dort ist das fast normal. Und ich hoffe, Sie werden jetzt nicht behaupten, dass Polinnen ein anderes weibliches Gen haben als ich. Oder dass Holländerinnen andere körperliche Voraussetzungen besitzen als deutsche Frauen. Wir denken auch hier in Mustern und geben das unseren Kindern vor.

Eine Zeit lang kursierte in den sozialen Netzwerken ein Video, in dem ein Mann einen Freund auf einen Kaffee einlädt. Nach einem kurzen Gespräch sagt der Gastgeber, dass er schnell das Geschirr abwäscht und noch die Wäsche in die Waschmaschine geben möchte. Der Gast sieht ihn erstaunt an: »Ich helfe meiner Frau auch ab und zu, aber Dank bekomme ich dafür keinen.« Diese Aussage irritiert wiederum den Hausherrn: »Meine Frau braucht keine Hilfe, sie braucht einen Partner. Ich helfe nicht meiner Frau, das Haus zu putzen. Ich lebe hier, daher putze ich. Ich helfe nicht meiner Frau beim Kochen. Ich esse hier, daher koche ich. Ich helfe nicht meiner Frau, das Geschirr zu waschen, sondern ich wasche es, weil ich es benutze. Ich helfe nicht meiner Frau mit den Kindern. Da es auch meine Kinder sind, gehe ich dieser Aufgabe nach. Ich helfe nicht meiner Frau, die Wäsche zu waschen. Da es auch meine Wäsche und die meiner Kinder ist, wasche ich auch. Ich bin kein Helfer im Haus. Ich bin der Partner meiner Frau und ein Teil der Familie.« Der Gastgeber ist nicht mehr zu stoppen und fährt fort: »Irritiert dich das, mein Freund? Nur weil du einmal den Flur gesaugt hast, erwartest du ein Lob? Warum? Wann hast du deiner Frau das letzte Mal gedankt, dass sie kocht, die Wäsche wäscht oder sich um die Kinder kümmert? Vielleicht dachtest du, das wäre ihr Job, und vielleicht muss das aus deiner Sicht auch alles gemacht werden, ohne dass du dafür etwas tust. Hilf deiner Frau, indem du ein guter Partner bist und nicht nur ein Gast, der nachhause kommt, um zu essen, zu schlafen und seine Bedürfnisse zu befriedigen wie in einem Hotel.«

Dieses Gespräch zeigt – wenngleich auf plakative Weise –, dass die echte Veränderung zu Hause beginnt, indem wir unseren Töchtern und Söhnen den wahren Sinn einer Partnerschaft zeigen. Als Eltern sind wir dafür selbst verantwortlich, die alten Rollenstereotype aufzubrechen. Wenn wir diese Verantwortung nicht übernehmen, wird sich auch in Unternehmen nichts verändern. Viele Frauen beschweren sich bei mir über starre männliche Strukturen. Ich frage dann meistens nach, wie sie zu Hause Partnerschaft leben, denn das gesellschaftliche Denken wird in den eigenen vier Wänden geprägt – und nicht im Büro.

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07 ноября 2025
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9783956238321
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