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Im ersten Gang geht's immer rauf

Mit dem R4 durch Frankreich

Anke Steinemann & Jens F. Meyer

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über portal.dnb.de abrufbar.

© 2020 I 360° medien I Marie-Curie-Straße 31 I 40822 Mettmann

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Der Inhalt des Werkes wurde sorgfältig recherchiert, ist jedoch teilweise der Subjektivität unterworfen und bleibt ohne Gewähr für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität.

Redaktion und Lektorat: 360° medien

Satz und Layout: 360° medien

Bildnachweis: Alle Bilder von Anke Steinemann & Jens F. Meyer

Gedruckt und gebunden:

STANDARTU SPAUSTUVE Druckerei I Dariaus ir Girėno g. 39 I

LT – 02189 Vilnius I standart.lt

ISBN: 978-3-947944-10-1

Hergestellt in Deutschland

360grad-medien.de

Anke Steinemann & Jens F. Meyer

Im ersten Gang geht’s immer rauf

– Mit dem R4 durch Frankreich –

Voyage en Quatrelle

Am Himmel federn Wattebäusche.

Uns führt ein weites graues Band.

Von allen Seiten Rauschgeräusche.

Und alles, bloß kein Vaterland.

Ein Mittelstreifen folgt dem andern.

Durchbrochenes Geleit in Weiß.

Im Blauen Kumuli mäandern.

Zerfließend wie Vanilleeis.

Links nur Überholmanöver.

Rechts die Welt mit Dörfern, Wiesen,

Manchmal Stadtverkehrsgestöber

Inklusive Ampel-Krisen.

Goldbemehlte Grannen tänzeln

Lüstern nach den heißen Winden.

Auf den Rastplätzen scharwenzeln

Kinder unter jungen Linden.

Landschaften: Wie hübsch sie liegen!

Kirchturmspitzen in der Ferne.

Sehnsucht lässt den Wagen fliegen

Richtung Sonne, Mond und Sterne.

In fantastischen Kaskaden

Auf des Fensters Staffelei

Präsentieren Esplanaden

Sich in schönster Schwärmerei.

Flirrend schwankt die weite Sicht

In dem sommerlichen Kleid.

Senkt sich auch des Tages Licht.

Das Ziel liegt tausend Träume weit.

Inhalt


1 Wir haben Visionen. Wir haben keine Ahnung. Es ist vollbracht.
2 Wir brechen auf. Der Motor läuft. Die Pizza schmeckt.
3 Wir kaufen Gift. Einem Mann ist nicht zu helfen. Wir haben die Schlange nie gesehen.
4 Neben der Spur … ein Schloss des kleinen Haushalts.
5 Ein Zimmer mit Aussicht. Nordkoreanische Impressionen. Neulich am Rande der Vogesen.
6 Neben der Spur … ist Johanna allgegenwärtig.
7 Ein Tempel der kleinen Freuden. Die leise Poesie der Landstraße. Wir trinken noch was.
8 Wir gehen ins Kloster. Wir steigen hoch. Ein Vogel spielt sich auf.
9 Ein Auto parkt ein. Wir sitzen auf bunten Stühlen. Der Käse ohne Namen.
10 Neben der Spur … eine Bibel aus Stein.
11 Wir ergreifen die Flucht. Der Fels ist bewohnt. Unter der Zeder wird gefeiert.
12 Wir haben geträumt. Eine Tür knarrt. Ein Schnurrbart hat Flügel.
13 Wir treffen eine dicke Dame. Wir essen eine Runzelbirne. Wir trinken uns einen Wein schön.
14 Louis-Paul holt Getränke. Ein R4, in dem Pilze wachsen. Der Marquis wird geköpft.
15 Wir fahren über eine Brücke. Wir sind von Schlössern umringt. Die D-Straße ist eine Droge.
16 Neben der Spur … rosa Bier und Frauenzungen.
17 Wir sind bewaffnet. Wir sind fasziniert. Wir werden nicht kriminell.
18 Ein Herz aus Granit. Die Puppen der Liebe. Wir trinken zwei Bier.
19 Ein Alien fletscht die Zähne. Wir essen bei der Königin. Eine Stadt wird verehrt.
20 Wir sitzen an einem Tisch. Monsieur Maquette war im Fernsehen. Pénéty ist überall.
21 Das Gasthaus der fröhlichen Kerle. Ein Fährmann mit Sirene. Wir sehen grün.
22 Wir sitzen auf tausend Jahren. Annie de Bretagne erzählt. Ein Hermelin hört zu.
23 Neben der Spur … eine Werkstatt ohne R4.
24 Wir fliehen vor einer Wurst. Eine Burgruine steht herum. Der Nachtisch war zu viel.
25 Neben der Spur … steht der Eiffelturm am Mont Saint-Michel.
26 Neben der Spur … zu Besuch im Marmeladentempel.
27 Zwei Mechaniker sagen „merveilleux“. Wir sind beleidigt. Ein Schwan ist schwarz.
28 Ein Huhn ist spät dran. Es waren einmal drei Belgier. Wir erreichen eine Fähre.
29 Wir verfahren uns. Wir finden das Paradies. Wir flüchten aus einem Souvenirshop.
30 Wir tauchen ein. Wir trinken aus. Wir fahren hoch.
31 Wir treffen einen Cordon bleu. Wir schlemmen. Immer dasselbe.
32 Wir steigen eine Treppe hinab. Wir philosophieren. Wir schweifen umher.
33 Mückonos liegt in Péronne. Die letzte Fritte war zu viel. Wir werden gerettet.
34 Das Ende einer Reise ist der Anfang einer nächsten.

Wir haben Visionen. Wir haben keine Ahnung. Es ist vollbracht.

Die Idee, mit einem Renault 4 durch Frankreich zu reisen, kam uns in einem dunklen, ewig dauernden Winter. Draußen wehte ein eisiger Wind ums Haus, drinnen träumten wir von strahlendem Sonnenschein, blauem Himmel, malerischen Landschaften und hinreißenden Dörfern. Wir saßen in der Küche und führten die „Man müsste eigentlich mal …“-Unterhaltung. Dabei überkam uns der Wunsch, einfach alles hinzuschmeißen – und mit einem alten „Vierer“ durch das Land der Trikolore zu cruisen, bereit anzuhalten, um der französischen Lebensart in Form von salzbutterverwöhnten Croissants, fulminanten Mehr-Gänge-Menüs und edlen Getränken in urigen Bars und bildschönen Restaurants zu huldigen. Ja, so war das damals in der Küche bei Kerzenschein – und dieser Gedanke ließ uns danach nie wieder los.


Reisevorbereitung mit Karte, Atlas, Büchern

Die Schwärmerei hatte zwei Gründe: der erste R4 und der zweite R4. Zu Beginn der Studentenzeit hatten sie wackere Dienste geleistet. In unserer Erinnerung war das ein tolles Auto, mit dem komplette Umzüge tadellos erledigt werden konnten. Ein riesiger Kofferraum, Platz für vier Personen, diverse Tiere und eine Schwiegermutter. Günstig in der Anschaffung und im Unterhalt, verbrauchsarm und so viel praktischer als ein VW-Käfer. Der R4 – er war einfach perfekt! Wir stellten uns an jenem Abend in der Küche also genau vor, wie es sein würde, wenn wir unsere Idee in die Tat umsetzten, vergaßen dabei jedoch großzügig einige Details. Denn erstens hatten wir keine „Quatrelle“ (so nennen die Franzosen ihren R4). Zweitens wollten wir nicht in einer heruntergerittenen Schleuder umherreisen. Und drittens hatten wir grundsätzlich keine Ahnung von Autos, woran sich bis heute wenig geändert hat. Wir wussten lediglich, wie man so einen Wagen lenkt und wo das Gaspedal sitzt, aber damit waren unsere Kenntnisse weitestgehend erschöpft. Ach, und einen sicheren Stellplatz für den Oldtimer hätten wir nur gehabt, wenn unser einziges anderes Auto dafür Wind und Wetter trotzen müsse. Die Vorstellung, das über zwanzig Jahre alte Fiat Punto Cabrio auf diese Weise zu degradieren, hätte fast dazu geführt, den R4-Plan aufzugeben. Weil wir aber erst ganz am Anfang, sozusagen in der Ur-Suppe unserer Idee schwammen, wurde auch dieses Hindernis beiseite gewischt.

Die nächsten zwei Jahre gingen ins Land; wir schauten auf einschlägigen Internetseiten und Foren nach gut erhaltenen Quatrelles. Zeitgleich kamen mehrere Bücher über diese Ikone auf den Markt, es war geradezu unheimlich, aber wir werteten es als gutes Zeichen … Letztendlich mussten wir uns dennoch überwinden, beim ersten Händler anzurufen. Im Überschwang trifft man bisweilen ja Entscheidungen, die dann nicht mehr rückgängig zu machen sind.

Die Preise für (fast) rost- und beulenfreie R4 stiegen langsam, aber stetig an. Wir waren uns darüber einig, wie viel Geld wir ausgeben wollten und was die Quatrelle bieten sollte: nicht über 8000 Euro und mit Kopfstützen! Selbstverständlich war auch die Farbgebung essenziell. Am liebsten wäre uns das stylishe Andalusisch-Orange der Siebzigerjahre gewesen, das ab Werk unter der Nummer 318 abgerufen wird. Oder Touareg-Blau (464). Gerne auch Salat-Grün (hieß wirklich so – Nummer 913!). Allesamt strahlende, schöne, auffällige Kolorationen. Aber nichts tat sich. Die Wochen und Monate gingen ins Land, wir sondierten den Markt, und eigentlich war das Thema fast unter einem Haufen von Ausreden und bedauernden Erleichterungsargumenten schon erledigt, als plötzlich doch noch Schwung in die Angelegenheit kam. Denn ganz in der Nähe, rund siebzig Kilometer entfernt, stand ein Exemplar zum Ansehen und Probefahren bereit. Jetzt oder nie! Es gab keine Ausflüchte mehr. Wir riefen den Händler an, vereinbarten einen Termin. Die Probefahrt unternahmen wir an einem Freitag, der Verkehr war dicht gedrängt, der Regen fiel sanft, die Straße schimmerte verheißungsvoll, und das Thermometer zeigte null Grad Celsius. Genau die richtigen Voraussetzungen, um ein altes Auto ohne Bremskraftverstärker und ohne Servolenkung zu testen. Der frohgemute Verkäufer fragte, ob wir uns mit der Revolverschaltung auskennen. „Selbstverständlich!“ Wir taten empört. Warum sollte sich die Erinnerung daran nach fast fünfunddreißig Jahren nicht schlagartig wieder einstellen? Ist doch wie Rad fahren.

Knarrend öffnete sich die Fahrertür. Kaum dass wir Platz genommen hatten, spürten wir die strammen Polsterfedern im butterweichen Sitz unterm Hinterteil. Egal, noch kurz den seltsamen Schaltknüppel ausprobiert, und schon rollten wir vom Hof. Krachend ging der erste Gang rein, aber immerhin: Er ging rein, und eine Oma flüchtete auf den Gehsteig. Der Lüftungsmotor bot winselnd seine bescheidenen Dienste an, die aber nicht ausreichten, um die beschlagene Scheibe freizublasen. Durch den herausgezogenen Choke laut röhrend, brausten wir die Straße entlang. Nicht schlecht – fast einhundert Kilometer pro Stunde schienen nicht das Problem zu sein. Blöd nur, wenn man in die Eisen gehen muss – so ganz ohne Bremskraftverstärker ist das ein Ereignis, das den ganzen Körpereinsatz fordert. Aber irgendwie funktionierte das alles ganz passabel; wir waren unterwegs und kamen unserem Traum ein Stück näher.

Es wurde dämmrig, wir mussten zurück. Die Straße war schnurgerade, es gab nur die Möglichkeit, im nächsten Feldweg zu drehen. Blinker setzen, mit Verve hineinfahren und zurück – aber wie ging das jetzt noch mal mit dem Rückwärtsgang? Wir zogen, drückten und schoben die Schaltstange, kuppelten kräftig, nichts tat sich. Mittlerweile waren wir von zarten, blauen Wölkchen eingehüllt, der Auspuff wusste, was zu tun war. Uns überfiel die Sorge, dass entweder die Feuerwehr zwecks Buschfeuerlöscheinsatz anrücken musste oder dass wir fünfzehn Kilometer in strömendem Regen zurückzulaufen hatten, und alles nur, weil wir das Rätsel um den Rückwärtsgang nicht lösten. Doch der Geistesblitz zündete noch rechtzeitig: Schaltstange auf Leerlauf schieben, dann das Gestänge kräftig nach rechts legen und rausziehen in Richtung des vierten Gangs. Das Auto bewegte sich nach hinten. Erleichtert knatterten wir zurück zum Händler; der besorgt schauende Verkäufer empfing uns aufgrund der schon weit vorangeschrittenen Zeit sichtlich beunruhigt, aber irgendwie auch erleichtert. Ob denn alles funktioniert habe, fragte er. Nonchalant winkten wir ab, „alles überhaupt kein Problem“, aber der Wagen sei noch nicht der richtige. Er tröstete uns: Es komme bestimmt bald wieder ein besseres Modell rein. „Allerdings“, sprach er im leisen Tremolo und mit mahnendem Tonfall, „seien die Preise auf dem Weg nach oben!“

Der nächste Winter kam und ging, und wir waren nach wie vor noch ohne R4. Sollten wir das Ganze lassen? Dasselbe Autohaus lockte uns erneut aus der Reserve, diesmal mit einer Savane TL für 10.750 Euro. Nach einigem Hin und Her wollten wir uns den Wagen anschauen. Wir kamen um 11 Uhr beim Autohändler an. Um 12:30 Uhr waren wir stolze Besitzer eines Renault 4 TL Savane! Ohne Kopfstützen und in einem dezenten Beige, das verdächtig nach formender Damenunterwäsche aussah und sich als Farbton „Alpaga“ (Nummer 109) entpuppen sollte. Von wegen Andalusisch-Orange und Salat-Grün …

Wir hatten unseren R4! Das gute Stück musste nur noch auf unseren Hof rollen, damit wir die nächste Stufe der Vorfreude zünden konnten. Ein Mitarbeiter des Autohauses nutzte die Möglichkeit, uns den Wagen auf dem Hänger für schlappe fünfzig Euro bis vor die Haustür zu bringen. Am Morgen vor der Ankunft war die Garage aufgeräumt und gefegt, das Cabrio musste vorerst draußen stehen, und wir freuten uns, als unser Oldtimer-Schatz geliefert wurde. Unglaublich, so ein schönes Auto – unser Auto! Die nächsten Tage verbrachten wir nach der Arbeit in der Garage, saßen in den weichen Sitzen, saugten den Duft von nahezu dreißig Jahren Interieur ein und schmiedeten Pläne. Teppichmatten wurden ausgemessen und gekettelt, das schmale Armaturenbrett gewienert, und es machte sich mildes Erstaunen über das nahe Zusammensitzen breit. Apropos breit: Dies war kein Fahrzeug für Menschen mit starken Knochen. Sollten wir die Reise wahrmachen, würden wir in Frankreich mit dem Schlemmen wohl besser etwas aufpassen müssen, ansonsten gingen die Türen nicht mehr zu.


Alles original 1989 – nur die Kopfstützen sind neu.

Wir haben ihm keinen Namen gegeben. Namen für Autos sind albern. Es würde den Renault 4 und uns nicht glücklicher machen, wenn er Waldemar oder Jean-Didier heißen würde. Zumal dieser automobile Charmeur nach französischer Lesart sowieso eine Madame ist. „La Quatrelle“, wie er, pardon: sie, zwischen Dunkerque und Perpignan genannt wird, könnte also ebenso gut auf Undine oder Emanuelle hören. Aber nichts von alledem haben wir getan, wir nennen unser Schätzchen einfach nur R4, Quatrelle oder Savane, weil es eine Savane TL ist, die wir an einem Ort aufgetan haben, der nicht unfranzösischer hätte sein können: bei einem Volvo-Händler im Industriegebiet einer niedersächsischen Kleinstadt. Baujahr 1989, 43.500 Kilometer „auf der Uhr“, 34 Pferdestärken und knapp unter eintausend Kubikzentimeter Leistung. Alles original, kein Rost – aber leider ohne Kopfstützen; der einzige Luxus, den wir im Laufe des Aufpolsterns der Sitze vorn später noch einbauen lassen haben. Wir waren vom ersten Moment an verzaubert. Zwischen anderen in die Jahre gekommenen Fahrzeugen strahlte diese Savane TL, obgleich als beigefarbene Variante nicht gerade ein leuchtendes Beispiel mutiger Farbgebung, aus der Masse hervor. Für uns ist dieser Klassiker keine Sie und kein Er, für uns ist es ein Auto, nicht mehr und nicht weniger als ein Auto – DAS Auto! Eine Stilikone.

Manche Menschen nennen den Renault 4, der als erstes Modell der Régie Nationale des Usines Renault mit Frontantrieb ausgestattet wurde und dessen erstes Exemplar im Sommer 1961 aus dem Werk in Paris Richtung Freiheit rollte, unscheinbar, andere heißen ihn langweilig. Für uns hingegen ist das drollige erste Großserienfahrzeug der Marke mit dem Rhombus, von dem innerhalb von 31 Jahren über acht Millionen Exemplare gebaut wurden, das beste Gefährt, das wir uns vorstellen können, weil es sich, wie sich bald zeigen wird, im Laufe dieser Reise durch Frankreich zu einem Gefährten und Türöffner mausert. Es hat Charakter, und Autos mit Charakter haben eben auch Macken, das sollte nicht außer Acht gelassen werden. Wer einen Renault 4 fährt, muss bereit sein, Kompromisse einzugehen. Wenn’s regnet und kühl ist, beschlagen die Scheiben. Beschlagen die Scheiben, wird der Regulierhebel für den Wasserumlauf im Heizungs-Wärmetauscher auf Rot (also warm) und das Gebläse auf volle Pulle gestellt, um dem Dunst beizukommen. Der Ventilator arbeitet dann ungefähr so geräuscharm wie die Turboprops einer Antonow An-22. Dazu kommen sehr kurze Wischer, deren Blätter rüde über die Windschutzscheibe hüpfen, was den Lärmpegel noch erhöht – abgesehen vom grundsätzlich fehlenden Schallschutz in dieser kühnen Kiste. Alle, die in einem R4 sitzen, wünschen sich also immer schönes Wetter, zumal es passieren kann, dass sich im Fußraum ein Teich bildet, weil das Wasser auf nicht identifizierbaren Wegen auch von unten kommt. Aber weil Petrus darauf keine Garantie geben kann, liegt das Anti-Beschlag-Tuch in der Konsole vor den Schienbeinen des Beifahrers bereit, um seinen Dienst von Zeit zu Zeit anzutreten, wie früher. Gibt’s tatsächlich auch noch ganz normal zu kaufen …

Rost – den hat er nicht, unser „Vierer“. Ein ungeschweißtes Original! Worin bekanntlich die wichtigste Voraussetzung, einen Renault aus den Achtzigerjahren für 9300 Euro zu kaufen, als erfüllt gilt. Wo doch die meisten R4 schon korrodierten, wenn sie drei- bis fünfmal durch den Regen fahren mussten. Insofern ein Superkauf.

Und der Zollstock lügt nicht: fünfzig Zentimeter Ladekantenhöhe und ein ebener Boden! Wo die SUV-Fraktion sich einen Bruch nach dem nächsten hebt, wenn sie den Supermarkteinkauf hinten rein hieven muss, stört hier nichts, kein Wulst, keine Kerbe. Wenn man zu zweit ins Blaue fährt, einfach mal so, in Gesellschaft von Baguette, gesalzener Butter und einer Demi Bouteille Côtes du Rhône, sitzt man sogar sehr passabel dort hinten, nahe am Picknickkorb. Kissen unterm Hinterteil, Arm in Arm und knutschend, fertig ist das Glück. Und ein Ausbund an Zuverlässigkeit ist er, der R4 – genau diesen Plan verfolgte Renault ja auch, als der Prototyp des Schnuckelchens als Antwort auf den überaus beliebten 2CV von Citroën auf schmale Räder gestellt wurde. Mitte der Fünfzigerjahre hatten die Planungen Fahrt aufgenommen, Anfang der Sechziger wurden die ersten Quatrelles dann der Presse bei Ausfahrten in der Camargue über unbefestigte Pisten präsentiert, um die Robustheit zu dokumentieren. Der R4 ist gebaut worden, damit den Bauern kein Hühnerei beim Transport über die Feldwege und zum Wochenmarkt zerbrach. Bei aller Liebe sollten die viel zu weichen Sitze nicht mit gutem Federungskomfort verwechselt werden. Gott weiß, wie viele Bauern ihre Eier wirklich ohne Schaden geschaukelt haben. Aber sie hatten ihren Spaß. Zum Beispiel mit der Revolverschaltung, die wie ein alter Saurierknochen aus dem Armaturenbrett ragt. Und mit dem Platzangebot: Bei komplett umgelegter Rückbank – nur zwei Schrauben müssen gelöst werden – ergibt sich ein ebener Ladeboden, der groß genug ist für drei Ballen Stroh. Lange her, egal, jedenfalls schwor Renault Schotter, Stock und Stein, dass dieses Auto mehr Leistung, Komfort und Vielseitigkeit bot als die Ente. Der Plan ging auf.

Vom Butterklumpen zum Jeans-Auto

Projekt 112 – unter diesem Namen begann die Produktion des Renault 4. Die erste „Quatrelle“, wie der Kleinwagen von den Franzosen liebevoll bezeichnet wird, lief offiziell am 3. August 1961 vom Band. Rund vier Wochen vorher war die Produktion der Régie Nationale des Usines Renault auf der Seine-Insel Séguin in Paris-Billancourt vom 4CV, dem sogenannten „Crèmeschnittchen“ oder „Motte de Beurre“ (Butterklumpen), auf den R4 umgestellt worden. Was auch bedeutete, von Heck- auf Frontantrieb zu wechseln. Ein Husarenstück von Renault. Die Erfolgsgeschichte ließ nicht lange auf sich warten, denn der geräumige Kleinwagen war „praktisch und klassisch wie eine Bluejeans“, so der damalige Renault-Generaldirektor Pierre Dreyfus, der 1956 die Weichen für diesen Coup gestellt hatte. Bis 1992 wurde der Fünftürer 8.135.424 Mal gebaut. Damit gehört der R4 zu den erfolgreichsten Autos aller Zeiten.

Natürlich sind wir froh, ein topfittes Exemplar gefunden zu haben, das von unten übrigens dicht hält, denn zu viele Exemplare sind im Laufe der Jahre im Nullkommanichts kläglich weggerostet; die Hohlprofile des Plattformrahmens korrodierten zunächst weitgehend unbemerkt von innen, um eines schlimmen Tages durchzubrechen. Für die schlampige Hohlraumversiegelung hat Renault von ernst zu nehmenden Autozeitungen und unzähligen Kunden mehr als nur einmal eins auf den Deckel gekriegt. Wir haben deshalb Folgendes getan: Wir haben das Ding sofort nach dem Kauf mit „Mike Sanders“, so heißt ein öliges Zaubermittel, das den Oldtimer frisch halten soll und in jede noch so kleine Ecke fließt, in einer Fachwerkstatt bis in die tiefsten Tiefen der Karosserie versiegeln lassen. Ein Kompromiss fügt sich zum nächsten, manchmal rappelt’s in der Kiste, was nicht bedeutet, dass der R4 eine Klapperkiste ist. Dieses Modell wäre ja nicht über drei Jahrzehnte lang gebaut worden, wenn nicht die Vorteile überwögen. Für Fans sind sie bekannt: vier Türen, große Heckklappe, kleiner, kräftiger und kultivierter Motor und einige andere Stärken. Aber obwohl die Entwicklung des Erfolgsmodells schon so lange her ist, hat noch niemand jemals zuvor darüber geschrieben, dass unter der Rückbank Platz für Schuhe ist! – Das wäre hiermit erledigt. Fünf Paar sind drin. Keine Stiefeletten, aber Halbschuhe, Sandalen, Pumps, Pumps und Pumps. Das mag nur eine Nuance sein im Gesamtpaket, aber sie soll exemplarisch dafür stehen, wie clever der hier vorhandene Raum genutzt werden kann. Ein Auto, in dem genug Schuhe für Madame unterkommen, ist ein gutes Auto. Auch für Monsieur.

Wir sind keine Schrauber. Wenn also im Handbuch „Jetzt helfe ich mir selbst“ (Dieter Korp) steht, dass „der Thermostat, der neben der Wasserpumpe in einem Metallstutzen steckt, der gleichzeitig den Anschluss für das kurze Schlauchstück zum Kühler bildet“, dann müssen wir lange und gründlich in den Motorraum schauen und mit dem Finger der Beschreibung nachgehen. Wenn die Rede davon ist, die hintere Bremstrommel abzubauen, wo eine versplintete Nabenmutter zum Vorschein kommt, die entsplintet und abgeschraubt werden muss, um die Unterlegscheibe herauszunehmen und die Bremsbacken nach innen zu stellen, dann müssen wir zuallererst ganz schrecklich lachen, denn dies ist für uns schlicht nicht möglich; es übersteigt unser technisches Verständnis und unsere handwerklichen Möglichkeiten um ein Vielfaches. Wir sind in der Lage, Flüssigkeiten zu prüfen, Glühbirnen auszutauschen und bei einer Panne den Reifen zu wechseln, aber viel mehr können wir nicht. Wir haben uns dieses Auto deshalb relativ teuer in einem Topzustand gekauft, um einfach drauflos fahren zu können, anstatt in der eigenen Garage erst noch jahrelang Radkästen auszubauen, Steuergehäusedeckel zu kontrollieren, zu entrosten, zu kitten, zu verdrahten, zu verkabeln. Das ist nicht unsere Welt. Im Bekanntenkreis halten das einige bis heute für eine ziemlich abstruse Idee. „Ihr seid verrückt geworden. Was macht ihr denn, wenn ihr eine Panne habt“, haben sie gesagt, und wir gaben ihnen zu verstehen, dass wir im Falle eines Falles das tun, was wir auch bei einem anderen Auto tun würden: Hilfe anfordern, wenn wir uns selbst nicht helfen können. Es gibt da dieses zauberhafte Beispiel des kaputten Leuchtmittels in einem Mittelklassewagen, gehobener Standard, linke Front. Um die bescheuerte Birne auswechseln zu können, muss die gesamte Frontschürze abgenommen werden. Ist dies geschehen, droht sogar erfahrenen Kfz-Mechanikern, dass sie sich die Finger stauchen. Fällt bei dieser im Spaltmaß auf Nanometer getrimmten hypermodernen Droschke unterwegs in Frankreich das Licht aus, schaut das Auto düster und der Fahrer dumm aus der Wäsche. Fällt es beim R4 aus, bemühen wir einfach nur den Kreuzschlitzschraubenzieher oder in Ermangelung dessen auch ein olles Taschenmesser und erledigen ruckzuck, wofür der Mittelklassewagen des 21. Jahrhunderts in die Werkstatt gefahren werden muss.Wer also hat das größere Risiko?

Und nein, wir fühlen uns nicht unsicher! Es ist eine schiere Blechbüchse, das stimmt. Sie hat keine Airbags, das stimmt auch. Es gibt weder Spurhalteassistent noch Antiblockiersystem, da sind kein Müdigkeitswarner und kein elektronisches Stabilitätsprogramm eingebaut, es fehlt an Ambiente-Beleuchtung, Lenkradheizung und Lendenwirbelstütze. Je länger die Aufzählung aller möglichen technischen Raffinessen heutiger Automobile wird, desto mehr verneigen wir uns vor unseren Eltern, die mit dem Volkswagen an die Ostsee und im Goggomobil über den Brenner geheizt sind, während wir Kinder hinten saßen und bei Tempo vierundachtzig den Rausch der Geschwindigkeit genossen. Uns fällt wirklich kein guter Grund mehr ein, um nicht mit der Quatrelle nach Frankreich zu fahren, und uns blutete das Herz zu erfahren, dass zwischen Anfang 2009 und Mitte 2010 laut Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle 54 wackere Renault 4 in Deutschland zugunsten der Umweltprämie abgewrackt wurden! Eine schreckliche Tat. Es kann ja sein, dass in dem einen oder anderen Fall nichts mehr zu retten war, aber die Erfahrung ist eigentlich eine andere.

Schande!

Und das ist der Grund, weshalb ein Funken Melancholie auf Reisen immer über uns glimmt. Wie schön waren doch die Zeiten dieses Autos. Über 8,1 Millionen Renault 4 wurden gebaut, als Limousine, als Kastenwagen in kurzer und in langer Variante, als „Plein-Air“-Cabrio, Pick-up und sogar mit Allrad-Antrieb für Jäger und Rallyepistenpiloten. 695 Kilogramm beträgt das Leergewicht einer normalen Quatrelle, während das zulässige Gesamtgewicht bei 1070 Kilogramm liegt. Das bedeutet, dass der Wagen eine Zuladung schluckt, die locker halb so schwer sein darf wie sein eigenes Gewicht. Der Plattformrahmen mit vorderen und hinteren Längsträgern dürfte daran seinen Anteil haben. 3668 Millimeter ist der R4 kurz, aber lang genug, um darin eine Reise zu unternehmen, die an Merkwürdigkeiten und Abenteuern nicht zu überbieten ist – schon mal gar nicht im Mutterland dieser munteren Möhre mit ihrem knusprigen Fahrgeräusch aus vier Töpfen und 34 Pferdestärken. Ein erlesenes Erlebnis – im wahren Wortsinn für alle, die hier und jetzt auf dem Rücksitz Platz nehmen. Machen Sie sich’s bequem.

Allons-y, Quatrelle, allons-y!

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Wir brechen auf. Der Motor läuft. Die Pizza schmeckt.

Es ist so weit, wir tun es tatsächlich! Jeder, der davon erfährt, hat auch gleich eine Meinung parat. Die lautet in den meisten Fällen: „Ihr seid ja vollkommen wahnsinnig.“ Oder: „Da kommt ihr ja niemals lebend wieder nach Hause.“ Oder: „Ach, ein wenig Luxus muss im Urlaub schon sein, und ich brauche eine Klimaanlage.“ – Alles Angsthasen, die das große Ganze nicht sehen, so viel steht fest. Ab und zu nagt ein kleiner Zweifel in der Vorbereitungsphase auch an uns, aber das hat doch jeder große Abenteurer! Der Termin rückt näher, es ist Frühling, wir besuchen unseren strengen Autoschrauber. Nach Erläuterung des Plans – „also erst mal Richtung Frankreich, dann einen großen Bogen um Paris, sozusagen durch die Picardie, Normandie, Bretagne, das Loire-Tal, Burgund, Champagne und Ardennen, über Belgien wieder retour oder andersherum“ – schaut der Mann erschöpft drein. Ohne langes Federlesen wird eine Komplettinspektion durchgeführt. Als Weggeschenk erhalten wir eine kleine Glühbirnenbox zur Selbsthilfe beim Leuchtmitteltausch. Super, vor allem, weil keiner von uns beiden jemals irgendeine Lampe an irgendeinem Auto gewechselt hat. Sehen wir da etwa ein leichtes Zucken in den Mundwinkeln des grimmigen Meisters? Zu diesem Zeitpunkt wissen wir jedenfalls noch nicht, dass wir ihm noch dankbar sein werden für sein Präsent.

Der nächste Weg führt uns zu einem Fachgeschäft für Koffer, Taschen und Rucksäcke. Wir parken direkt auf dem Hof vor dem Hintereingang und treiben den Inhaber in den Wahnsinn, weil die Taschen zentimetergenau in den Gepäckraum passen und auch farblich gut abgestimmt sein sollen. „Nein, die da ist es nicht … nein, die auch nicht. Holen Sie doch bitte noch mal die von vorhin … ja, nein, vielleicht.“ – Der Mann ist verzweifelt, rennt rein ins Geschäft, kommt raus. Welcher R4-Liebhaber kennt nicht die Bilder des Sondermodells „Parisienne“ mit einer auf den Lack abgestimmten Kofferkollektion? Geradezu dekadent, aber es verlieh dem Bauern- und Händlerauto schon in den Sechzigerjahren einen ungeheuren Chic. Heute leider unbezahlbar. Wir bleiben also bei unseren Taschen. Nach einigem Hin und Her – der Händler ist inzwischen außer Atem – haben wir welche gefunden, die wirklich mehr als passabel mit dem Rest des Fahrzeugs harmonieren und alles aufnehmen werden, was wir für die nächsten Wochen benötigen. Und wir brauchen so einiges, obwohl wir uns ja vorher einen gewissen Minimalismus vorgegeben hatten. Nützt aber nichts, wenn unterwegs keine Wäsche gewaschen werden kann, und wir wollen es tatsächlich nicht so weit treiben wie unser alter Freund Ricki, der stolz verkündete, in den Siebzigern mit seiner Ente und sechs Unterhosen sechs Wochen durch Frankreich gefahren zu sein. Drei Tage normal getragen, vier Tage auf links gedreht, dann der Buxenwechsel! Um diesem Schlüpferengpass entgegenzuwirken, nutzen wir jeden noch so kleinen Stauraum, im Heck, unter der Rücksitzbank, im Fußraum davor, unter den Vordersitzen. Überall ist Platz. Die Reise ist gerettet.

Der Morgen graut, die letzte Nacht unter dem heimischen Federbett war herrlich. Draußen herrschen erfrischende sechs Grad Celsius, wir schreiben den ersten Mai. Sollen wir noch ein paar wärmere Jacken mitnehmen oder nicht? Passt noch ein Federkissen auf die Rückbank und brauchen wir vielleicht noch einen Heizlüfter? Alles Quatsch, denn in wenigen Tagen wird es wärmer sein. Einen Heizlüfter haben wir trotzdem eingepackt, ein kleines Gerät, das in die Steckdose kommt und einen Raum um zwei bis drei Grad Celsius erwärmen kann (wenn es ein kleiner Raum ist, ein sehr kleiner Raum …). Kommt jedenfalls auch unter die Rückbank. Und dann fahren wir tatsächlich los.

Nach den ersten fünfzig Kilometern überkommt uns der Reisehunger und wir plündern die Vorräte. Wir brauchen Zucker, vor der Frontscheibe tanzen die Schneeflocken, und wir wollen spätestens morgen die Ardennen erobern. Vielleicht war das mit den Sommerreifen doch keine so gute Idee, aber wer denkt im Mai schon an Winter? Die Wetterkapriolen wechseln sich ab, bald ist es trocken und sonnig, wir kommen voran, jetzt, da wir die Grenze zum Land der Trikolore aus Luxemburg und Belgien kommend überqueren werden und der Motor des Renault 4 so schnurrt wie „Pour un flirt“ von Michel Delpech. Je näher er seinem Mutterland entgegenkommt, desto drehfreudiger klingt sein singendes Aggregat. Bei Longwy, wo Belgien nur drei Trikolore-Fahnen schmal ist, muss die Maschine ziemlich glücklich sein. Ja, gleich, gleich fängt Frankreich an, du guter, alter, schöner Renault. Es gibt attraktivere Übergänge ins Land der blauweißroten Fahne, aber vor allem gibt es viele. Für einen muss man sich entscheiden. Der hier soll’s sein, und wir sind recht stolz, ihn zügig erreicht zu haben. Vor dem Eintritt ins „Gelobte Land“ stand zuvor die Eifel, respektive ihre Hügelketten, und die haben es für einen 34-PS-Boliden in sich. Runter geht’s mit Verve und ungeahnten Geschwindigkeiten, die Talsohle muss mit 108 Kilometer pro Stunde durchfahren werden, aber ab der Mitte der dann folgenden Steigung ist’s aus. Wir schleichen mit 56 Stundenkilometern den Rest nach oben und spüren die Ungeduld der Fahrer hinter uns. Oben angekommen, beginnt das Spiel von Neuem, aber es macht Spaß, die Strecke zu fahren.

Und jetzt sind wir hier. Und glücklich. Und wären glücklicher, wenn die Kühlmittelkontrollleuchte nicht flackern würde. Warum tut sie das? Warum gibt es überhaupt eine? Es gibt doch sonst nicht viel am Armaturenträger. Die paar Lampen neben dem Tachometer sind ein besseres Mäusekino, ein paar wenige Schalter und Hebel links und rechts vom großen Lenkrad, von denen der für den Choke wohl ohne Zweifel der wichtigste ist, weil der Motor sonst nicht starten würde, jedenfalls nicht an Tagen unter 24 Grad Celsius. Aber es lebt, das Wägelchen, schüttelt sich zwei, drei Minuten aus, zitternd, bebend, und wenn der Choke erst wieder geschlossen wird, zwei, drei Minuten, nachdem der Schlüssel im Lenkradschloss eine Vierteldrehung machen durfte, verändert sich der Charakter des Motors von rüpelhaft auf gutmütig. Als ob er eine Seele hätte.


Zersägte Dyane bei Vacherauville

Vielleicht hat er ja eine. An einer Kreuzung bei Vacherauville jedenfalls, wo eine Citroën Dyane, in zwei Hälften geteilt, zur Schau gestellt wird, vermag ihm der Schreck in die Leitungen zu fahren. Nicht hinsehen, alter Junge. Oder besser: altes Mädchen. Es ist ja „La Quatrelle“, nicht „Le“. Die Franzosen sagen auch „Die Auto“ (La voiture), weil alles, was schön ist, weiblich zu sein hat. Egal, dir wird das Schicksal der armen Dyane nicht widerfahren, du darfst fahren und fahren und …

Es ist, als würde sie fliegen, die kleine, sandfarbene Quatrelle, als würde sie ihre Flügel ausbreiten, um die Welt zu umarmen. Vier Zylinder voll Adrenalin, Gewitter, die durch die Straßen ziehen. Sie führen von einem Dorf zum anderen, die Namen zum Verlieben tragen: Arrancy-sur-Crusne, Bras-sur-Meuse, Cons-la-Grandville. Manchmal werden diese Straßen zu Wegen, verengen sich, verlieren ihre Mittelstreifen, ihre Leitplanken und Banketten, haben Schlaglöcher und Asphalt-Flicken, doch sie gewinnen an Kontur und Leben und zeichnen deutlichere Bilder dieses Landes mit jeder nächsten Kurve. Von fröhlicher Ruhe umrankt, schon einsam, aber nicht verlassen, taucht dann und wann ein kleines Dorf auf, bisweilen sind es nur ein paar lausige Häuschen, wie aus dem Nichts aus lieblicher Landschaft sich erhebend. Viele Wege führen nicht dorthin, manchmal ist es ein einziger nur, und der Grenzstein am Fahrbahngraben trägt ein „D“. Es steht für Route départementale. Die französische Département-Straße ist wie geschaffen für Entdeckungen am Wegesrand. Nationalstraßen und Autobahnen sind gebaut worden, um schnellstmöglich ans Ziel zu gelangen. Die D-Straßen aber sind selbst das Ziel, sie sind die Lebensadern Frankreichs, die Venen und Arterien des flächenmäßig größten Staates in Westeuropa. Allons-y, Quatrelle! Hier ist dein Revier!


Pause vor Château de Cons-la-Grandville

Rapsfelder blühen, weiße Kühe grasen auf frischem Grün, manchmal auch schwarzbunte, und wo die Äcker kahl sind, schimmert die Erde rötlich hervor, es ist, als ob noch heute, über hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, das Blut Abertausender Soldaten als Mahnung an die Welt zum Himmel hinaufleuchtet. Es dauert nicht lange, bis die D66 das erste Gräberfeld dieses furchtbaren Wahnsinns preisgibt. Über 7000 deutsche Soldaten liegen hier begraben, nur hier, auf diesem einen schlimmen Gottesacker. Graue Kreuze, Leid für Leid. Hier war die Hölle auf Erden. Wer mag Jakob Mose gewesen sein? Ein Name von vielen auf diesen stummen Kreuzen, hinter denen tragische Schicksale stecken. Verdun und das mächtige Beinhaus von Douaumont, in denen die Überreste von 130.000 Soldaten zur ewigen Ruhe gebettet liegen, sind nicht weit entfernt; das hier ist nur die Spitze des Eisbergs. „La guerre c'est de la merde“, hatte Jean-Marc zu uns schon vor Jahren gesagt. Jean-Marc, der niemals schlecht gelaunte Bretone mit dem großen Herzen, längst ein Freund geworden, den wir mit dem R4 erreichen wollen. Krieg ist Scheiße. Wie recht er hat, wenn man hier steht, mit einem Stein auf der Brust, und eine Träne tropft hinab auf das Grab von Jakob Mose.

Stumme Zeugen des Krieges

Die Stadt Verdun wird für immer und ewig mit der grauenhaften Schlacht im Ersten Weltkrieg in Verbindung gebracht. In diesem fast ein Jahr dauernden Gemetzel (1917 bis 1918) ließen hier etwa eine Million Soldaten ihr Leben. Das unvorstellbare Blutbad zwischen Deutschen und Franzosen hat Narben hinterlassen, die heute in der Region durch zahlreiche Kriegsgräberfelder dokumentiert werden. In den Hügeln nördlich von Verdun wurden neun Dörfer komplett dem Erdboden gleichgemacht – nichts ist von ihnen geblieben, nur Granatentrichter und Steinhaufen. Im Beinhaus von Douaumont („Ossuaire de Douaumont“) wurden etwa 130.000 nicht identifizierte französische und deutsche Soldaten zur letzten Ruhe gebettet. Tausende weiße Kreuze stehen auf den ehemaligen Schlachtfeldern vor dem Beinhaus als stumme Zeugen einer furchtbaren Zeit. (Info: verdun-douaumont.com).

Für die Männer und Frauen aus neun Dörfern, die in der „Roten Zone“ der Schlacht von Verdun lagen, war der Erste Weltkrieg, um im Jargon zu bleiben, besonders große „merde“. Von Douaumont, Bezonvaux und den anderen sind nur Granatentrichter geblieben; sie wurden vollkommen ausradiert und nie wieder aufgebaut. Geisterdörfer, die uns erinnern lassen an das Leid, die Widerwärtigkeit des Hasses. Der Hund des Krieges hört niemals auf zu bellen. Auch das gehört zum Reisen, denn wer den Himmel erfahren will, darf die Augen vor der Hölle nicht verschließen.


Gräberfeld an der D66

Gut, dass der Renault 4 aus nicht ganz so alter Zeit unser Begleiter ist. Seine Silhouette, vom Gräberfeld durch die Ansammlung der Kreuze wie ein stummes Lächeln des Trostes herüberleuchtend, bringt die Freude zurück. Eine Freude auf vier schmalen Reifen. Es war nicht schwierig, sich für ihn entschieden zu haben. Egal, wie schön die anderen R4-Farben auch leuchten mögen, die beigefarbene Savane ist für die nächsten Wochen so etwas wie ein rollendes Zuhause, und wir fühlen uns sicher und geborgen, als wir nach der Dorfbesichtigung wieder einsteigen. Und es fühlt sich unglaublich frei und abenteuerlich an, dass wir hier auf einem Waldparkplatz stehen und eine große Reise vor uns liegt. Was wäre, wenn nun der Motor nicht mehr anspränge, das Kupplungsseil risse oder die Lichtmaschine ausfiele? Solche Gedanken, die uns bei ersten Ausfahrten zu Hause noch beschäftigten, verschwinden nach und nach. In welcher Einöde wir uns auch befinden, wir sind auf den eigenen vier Reifen hingefahren. So wie jetzt auch von diesem Wald, wir möchten etwas anderes sehen, die Botschaft des alten Krieges ist unverändert aktuell und ist angekommen. Wir schrauben uns über steile Straßen durch die Ardennen. Die, die hinter uns fahren, wirken nicht immer so zufrieden wie wir, aber das stört uns nicht, irgendwann können alle überholen. Die Heizung arbeitet erfreulich zuverlässig, draußen vor der Scheibe mischt sich der Regen mit Schneeflocken, und das im Mai! Die Ardennen bilden eine Hügelkette mit durchgehenden, dichten Wäldern, die auf den Kämmen plötzlich licht werden und dann einen großartigen Ausblick über die grandiose Landschaft bieten. Bei der nächsten Abfahrt ins Tal spüren wir eine Tankstelle auf, auch das wird uns in den nächsten Wochen begleiten. Da, wo es passt, wird direkt vollgetankt, kein Risiko eingehen, dass wir in einer menschenleeren Gegend plötzlich wegen Spritmangel liegenbleiben. Wir würden nun gerne auch etwas einwerfen und suchen nach dem vertrauten Bar-Tabac-Schild.

… halt mal: Da ist ein Hotel! Die Rapsfelder, die wir gesehen haben, die Kirchtürme, die aus weiter Ferne zu allen Himmeln aufstiegen, die Kühe und Wiesen und Flüsse und Brücken und Schlachtfelder vermischen sich in der Hoffnung auf ein Abendbrot, sei es auch nur ein bescheidenes und kein Vier-Gänge-Menü. Alles, was wir heute gesehen haben, wollen wir Revue passieren lassen bei einem schönen Abendessen. Im mondänen Speisesaal eines Restaurants, in dem eilfertige Kellner dampfende Teller heranschleppen und zum Entrée Kristallgläser mit prickelnder Füllung servieren. Wäre schön gewesen, aber es soll heute anders kommen. Denn das Hôtel Le Relais in Vacherauville, das wir in der Nähe von Verdun notgedrungen nehmen müssen, weil alle anderen in der Umgebung ausgebucht sind, hat an diesem Montagabend wie an jedem Montagabend sein Restaurant geschlossen. Kein „diner“, leider. Obwohl wir also nach Hunderten Kilometern keine große Lust verspüren, erneut den Choke zu ziehen, schwingen wir uns dennoch in den Wagen und fahren ins nächstgelegene Städtchen. Belleville heißt es, ist auch belle und liegt an den Ufern der Meuse, die wir als Maas kennen. Weil wir Hunger haben, entern wir die erste Gaststätte, die wir erblicken. Wir gehen hinein, bestellen nach kurzer Zeit ein Hauptgericht plus Bier, um darauf anzustoßen, wie gelungen doch dieser erste Reisetag mit der Quatrelle gewesen ist. Der Kellner ist nicht ganz so beflissen, das Porzellan nicht vorhanden, aber das Essen dampft, das Bier erfrischt, und wir sind zufrieden, obwohl hier öfter mal das Telefon klingelt und ein Mopedfahrer hereinschneit, um etwas abzuholen und auszuliefern.

So ist das eben in einem Pizza-Eck mit Bringdienst …

Am nächsten Morgen ist der italienische Einstieg in unser französisches Reiseabenteuer verdaut. Wir haben wie die Murmeltiere geschlafen und von der Meuse geträumt, an deren Ufern wir gestern Abend noch flanierten, und wir sind froh, uns im Hôtel Le Relais für ein Zimmer mit „chambre lit 160“ anstatt „140“ entschieden zu haben. Die Zahl steht für Zentimeter. 140 davon sind im Doppelbett zu wenig für eine gute Nacht. Es gibt viele Hotels im Land unserer Nachbarn, die beide Varianten anbieten und dabei sogar noch so tun, als ob die 160er-Standard-Matratze absoluter Luxus wäre. Nach zu vielen Nächten auf weichen Schmalhansunterlagen fallen wir darauf nicht mehr rein. Wir haben deshalb gut geschlummert, werden von Regentropfen, die an das Fenster klopfen, sanft geweckt. Frühstück. Klamotten packen. Schnell noch das Öl geprüft, den Reifendruck. Abfahrt.


Abendrundfahrt in Belleville-sur-Meuse

Die Melodie der vier Pötte ist ein stetes Lied in Dur, obwohl wir auf einer Straße fahren, die nach Moll klingt. Südwärts führt die Reise. Am Rand stehen weiße Kilometersteine mit der Aufschrift „Voie Sacrée“. Diese Route, rund 56 Kilometer lang, führt von Verdun nach Bar-le-Duc. Es handelt sich um die ehemalige Versorgungsstrecke im Ersten Weltkrieg, über die Truppen, Material und Nachschub an die Front transportiert wurden, dorthin, wo wir gestern die Tausenden Kreuze sahen. Heute erinnern die auffälligen, mit Soldatenhelm gekennzeichneten Kilometersteine an ihre Geschichte, und die Nummer hinterm D: 1916 – das Jahr der Schlacht von Verdun. Vor dem Eisentor des Château de Thillombois – das prickelnde Herz der Champagne rückt näher – ist ein kurzer Stopp vonnöten, weil im zwölflampigen Mäusekino neben dem Tachometer die Kühlmittelkontrollleuchte flackert. Mal wieder. Rechts ran, Motorhaube auf, nichts dampft. Der „Dieter-Korp-Ratgeber“ wird gezückt; mal sehen, was er zu diesem Phänomen schreibt: Der Flüssigkeitspegel ist perfekt zwischen „min“ und „max“ eingependelt. Kein Grund zur Sorge, da ist wohl höchstens ein kleiner Wackelkontakt in der Elektrik. In diesem Wagen gibt’s wenigstens noch eine, woanders nur noch Elektronik. Wir schauen auf den Motor, rütteln an den Schläuchen, schließen die Haube – und siehe da: Das Problem ist gelöst! Wenn das so weitergeht, werden wir noch zwei recht passable Automechaniker.


Blauregen-Opulenz nahe Sedan

Kirchturmspitzen ragen von fern in den Himmel, kleine Dörfer, teils hübsch restauriert, teils mit der Patina des unumkehrbaren Untergangs versehen, leuchten wie Edelsteine, manchmal leuchtet auch die Kontrolllampe wieder. In Bar-le-Duc regnet es, in Brillon-sur-Barrois schon nicht mehr. Ein Ortsname wie himmlischer Geigenklang. Das Waschhaus in Haironville verführt zum Fotografieren, die Brücke über das Flüsschen Saulx ebenso. Wasser plätschert, kein Champagner, aber es klingt so, als ob es welcher wäre. Und als einige Zeit später ein Schild auf Château Joinville am Wegesrand hinweist, wird erneut ein Tagesplan durchkreuzt, der keiner war. Merke: Wer morgens nicht weiß, wo er abends schlafen wird, muss keinen Plan haben. Der Morgen trägt ihn bis zur Dämmerung, die immer irgendwann irgendwo ein Ziel für ihn bereithält. In diesem Fall ein schönes Schloss in einer noch schöneren Stadt.

„Bonjour Madame, bonjour Monsieur. Bienvenue au Château du Grand Jardins Joinville.“ – Es ist ein Juwel von mehreren in der Champagne. Alle Welt spricht von den weißen Schlössern der Loire, vergleichbar wenige von den Châteaux de Champagne, und wenn, dann nur im Zusammenhang mit dem oft überbewerteten Prickelwasser. Dieses Schloss hier mag nicht die Strahlkraft eines Château Villandry haben, es ist kleiner, aber der große Renaissance-Garten mit seinem Bachlauf, den verschiedenen Gehölzen, hundertjährigen Bäumen und den Kunstwerken sowie einem romantisch um das Gebäude angelegten Park wird uns in Erinnerung bleiben, auch weil es gerade einen tüchtigen Schauer gibt, der andere Besucher davon abhält, zwischen Beeten und Bäumen im Schutz eines Regenschirms auf den Kieswegen zu flanieren. Draußen vor dem Tore perlen unzählige Tropfen auf dem Lack des R4 und funkeln wie Diamanten; es ist das einzige Auto, das hier gerade steht. Die Petites Cités de Caractère, die kleinen Städtchen, haben wirklich Charakter, das zeigt Joinville uns deutlich, und führe der Weg bei einer nächsten Reise wieder durch die Champagne, stünden auch Sézanne, Vignory und Châteauvillain auf der Wunschliste sehr weit oben. Ach nein, lieber nicht, ohne Plan ist die Wahrscheinlichkeit größer, sie auch wirklich anzusteuern …

Aber so viel sei vorweggenommen: Joinville ist erst der Anfang – wir werden noch einige weitere fulminante Entdeckungen in anderen kleinen Städten mit Charakter auf dieser R4-Exkursion machen. Die Quatrelle läuft. Ihr Motor schnurrt zufrieden, so als ob sie sich bedanken würde, dass sie auf ihres Mutterlandes Département-Straßen in die Gewissheit des Abenteuers geschickt wird, ja, es hat den Anschein, dass sie sich wirklich wohlfühlt. Nichts kann diesen tapferen Renault davon abhalten, bis an die Atlantikküste vorzudringen.

Wir kaufen Gift. Einem Mann ist nicht zu helfen. Wir haben die Schlange nie gesehen.

Wir haben so eine Ahnung, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis der Renault 4, unser treuer Blechbegleiter mit dem Hartplastikkühlergrill, eines Morgens von alleine startet und sehnlichst darauf wartet, dass wir – salzbuttercroissantgefettelt und Marmeladenreste in den Mundwinkeln tragend – endlich einsteigen, damit er die nächsten Boulevards der Träume ansteuern darf. Sein Motor klingt kernig jetzt, nach einigen Hundert Kilometern, als wir gegen halb zehn am Hotel „Auberge de la Pleine“ in La Rothière aufbrechen und aus der Tiefe der vier Zylinder pröttelnd dem frischen Morgen ein hübsches blaues Dünstlein verpassen. Es ist der Duft des Abenteuers. Wir schnüren dem Motor mit der Starterklappe die Luftzufuhr enger und knattern auf die D396 und D619. The Sound of Musik. In Ailleville verkauft eine Mutter mit ihren Kindern Maiglöckchen am Straßenrand. Wie nett sie winken. Keine dreihundert Meter weiter schon wieder ein Tischchen mit kleinen Sträußen, Kinder, Mutter und Mémé. Sie grüßen und lachen. Ja, den Renault 4, ihre Quatrelle, lieben sie hier in Frankreich abgöttisch, und wenn einer dann auch noch mit deutschem Kennzeichen durch ihre Heimat saust, huldigen sie dieser Ikone, als säße der Heiland persönlich am Steuer.

Dachten wir recht eingebildet. Stimmt aber nicht.

Ein Blick auf den Kalender hätte gereicht. Am Maifeiertag verkaufen Kinder kleine Blumensträuße als „porte-bonheur“, als Glücksbringer, für einen guten Zweck. Armen, Alten, Versehrten wird das Geld gegeben. Und es ist gleichfalls ein erster Frühlingsgruß, den sich manche ans Revers heften, andere in die Vase stellen. Ab Bar-sur-Aube, einem Städtchen im Département Aube, Teil der Champagne, duftet es im Fahrzeuginneren dann auch lieblich nach den weißen Blüten des Frühlingsbringers. Es ist ein Vergnügen, den Kindern beim Verkauf der Blumen zuzusehen. Unwillkürlich fliegt ein Gedanke nach Deutschland. Könnte das dort nicht auch eine schöne Tradition werden? Vermutlich nicht, weil Horden entsetzter Mütter und Väter auf der Straße protestierten, mit Plakaten und Flüstertüte ausgerüstet, weil das Maiglöckchen – ausgerechnet im Jahr 2014 vom Botanischen Sondergarten Hamburg-Wandsbek auch noch als „Giftpflanze des Jahres“ gekürt – ihre Lütten meucheln würde. „Finger weg, Kinder, das ist kein Salat!“ Allein der Anblick könne dazu führen, dass die toxischen Inhaltsstoffe aus den Pflanzensäften über die Pupille direkt in die Blutbahn der kleinen Racker fließt. Aus den weinerlichen Tönen der Helikoptererziehungsberechtigten würden sich Gesundheits- initiativen herausbilden, die eine Enquete-Kommission in der Bundesregierung zur Folge haben dürfte, woraufhin sich der Krankenkassenbeitrag schlagartig erhöht. Und das alles wegen eines Krautes, das übrigens nicht giftiger ist als im Discounter billig eingekauftes Spielzeug fernöstlicher Herkunft. Aber zumindest wäre die Katastrophe verhindert, dass die lieben Kleinen Maiglöckchen anfassen. In Frankreich dürfen sie das, und es ist kein Fall bekannt, in dem ein Kind noch am Abend des Feiertags mit Vergiftungserscheinungen in eine Klinik eingeliefert wurde, nur weil es diese Blumen verkaufte.


Spartanisches Interieur – immerhin mit Maiglöckchen

In Bar-sur-Aube sitzt eine Mutter auf den Treppenstufen ihres Hauses und schaut ihren Söhnen beim Verkaufen zu. Nur wer ein Herz aus Stein hat, würde an ihnen vorbeigehen, ohne einen Strauß zu kaufen. Zwei Euro. Ob die nun wirklich bei den Armen landen oder sich die Buben später davon ein Eis kaufen, ist gar nicht mehr so wichtig. Viel wichtiger bleibt festzustellen, dass die Jungs, sechs und zehn Jahre alt, in der Lage sind, freundlich Guten Tag zu sagen. Ist das nicht verrückt? Kinder, die Guten Tag sagen! Der Vergiftungsgrad scheint weit vorangeschritten zu sein, da kann doch was nicht stimmen. Und dann sogar noch ein „Merci“ und „Au revoir“ nachgeschoben, einfach so, aus heiterem Gemüt. Ob das ansteckend ist?

Herrgott, Bar-sur-Aube ist wirklich schön, mit und ohne Maiglöckchen. Die Baralbins müssen stolz auf ihre Stadt sein. Fassaden wie von Gauguin gemalt, schmale Gassen, die um Häuser führen, deren blaue Fensterläden die Strahlkraft des Himmels übertreffen, und am Vormittag fällt das Sonnenlicht durch die farbigen Fenster der Kirche Saint-Pierre wie göttlicher Segen auf den kalten Stein des im 12. Jahrhundert entstandenen Bauwerks. Burgundische Frühgotik. Die Pracht ist von außen weniger zu erkennen; Gottes Haus wirkt hier mehr wie eine wehrhafte Burg, wurde mit einer Holzgalerie versehen, die außen herum verläuft und die früher ganz irdisch den Händlern als Verkaufsraum diente. Aber kaum das Hauptportal durchschritten, hat dieses Meisterstück etwas Majestätisches. Nicht weit entfernt strömt gemächlich die Aube durch die Stadt. Auf dem Plateau von Langres brechen sich ihre Wasser in einer Höhe von kaum 380 Metern Bahn und fließen nach 248 Kilometern bei Marcilly-sur-Seine in die, ja, in wen wohl, in die Seine natürlich. Bar-sur-Aube ist wohl eines ihrer schönsten Ufer, daran besteht kein Zweifel. Und wenn ein Fluss nicht nur Städten, sondern einem ganzen Département seinen Namen gibt, muss das wohl einen hübschen Grund haben. Wir verlassen Bar-sur-Aube mit seinen Maiglöckchenverkäufern und bemalten Häusern und driften perlenwasserwärts über die Champagnerroute D74 nach Colombé-le-Sec.


Charmantes Städtchen: Bar-sur-Aube

Radfahrer winken und machen große Augen. Einen R4 ohne Rost haben sie in Frankreich seit Jahrzehnten nicht gesehen. „Une bonne voiture“, rufen sie. Und eines, das so sehr in diese Landschaft passt. Man möchte in ihre Tiefe greifen, sie sich seinem Innersten einverleiben, sie spüren wie den Nachklang von Schampus und Burgunderwein. Man möchte einen Vorrat an Eindrücken, Düften und Bildern in Flaschen und Fässern abfüllen, um an tristen Wintertagen davon zu kosten. Vor uns nichts als Freiheit und ein zufrieden sirrender Motor, über uns der Himmel. Und dann steht da plötzlich ein riesengroßes Kreuz, weithin sichtbar in dieser Landschaft aus Rebstöcken, Feldern und Wald. Es ist die Gedenkstätte für General Charles de Gaulle, erster Präsident der Fünften Republik Frankreichs, und die Erinnerung an die französische Exilregierung während des Zweiten Weltkriegs. Das Lothringische Kreuz in Überüberübergröße, ein fast 45 Meter hohes Monstrum, das ohne Fundamente 950 Tonnen wiegt, weil es aus 36.525 Pflastersteinen und 1638 rosa Granitplatten gebaut wurde. Solange der Wind nicht stärker als 150 Kilometer pro Stunde bläst, wird es sicher nicht umfallen, so haben es jedenfalls die Architekten damals versprochen. Man könnte folglich, gemessen an der Höchstgeschwindigkeit eines Renault 4, mit Vollgas daran vorbeifahren, und dieses Lothringische Kreuz würde standhaft seinen Dienst als Bewahrer der Erinnerung tun, ohne auch nur ins leiseste Zittern zu geraten. Das ist aber ohnehin graue Theorie, denn in Colombey-les-Deux-Églises ist ein solches Tempo gar nicht möglich. Es würde den armen Maiglöckchen, die hübsch drapiert aus dem Aschenbecher hervorlugen, auch nicht guttun. Übrigens ein Aschenbecher ohne Zigarettenanzünder, was wunderlich ist. Man würde annehmen, es sei nie ein französisches Auto ohne Heißmacher für Gauloises und Gitanes gebaut worden, denn immerhin gilt Frankreich bis heute als letztes Tabakparadies der westlichen Welt. In der Tat hatte es ab Werk aber in keinem der über 8,1 Millionen gebauten Exemplare jemals einen Zigarettenanzünder gegeben.

Lignol-le-Château hat einen putzigen Namen, die edlen Kupferlaternen an der Ortsdurchfahrt lassen auf gut situierte Champagnerhersteller schließen. D, D, D – es wird zum Lieblingsbuchstaben. Immer tiefer gelangen wir über manch magere Piste in die Seele dieses Landes. Die „Route du Champagne“ schlürft der kleine Renault, wie wir es mit dem Schaumwein tun: mit Genuss. Die D47 ist eine schmale Straße, auf der wenig Verkehr unterwegs ist, die D619 serviert schönste Ausblicke, tief in das Land hinein, die D3 ist sogar so wenig befahren, dass hier rechts vor links gilt! Es wäre aber doch anzunehmen, dass ein R4 grundsätzlich Vorfahrt hat …? „Es sei denn, er trifft auf einen 2CV.“ In der Bar du Château in Vendeuvre-sur-Barse lässt ein Handwerker, der gerade Mittagspause hat, keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Ente in Frankreich noch beliebter ist. Enten haben eine bessere Lobby. Während sie oft fein restauriert als Liebhaberobjekt gefahren werden, vermag der R4 sein Image als verlässliches Arbeitstier selbst ein Vierteljahrhundert nach Auslieferung des allerletzten „Bye-bye“-Modells irgendwie nicht loszuwerden. Ein Makel ist das nicht; ohne Zweifel ist „La Quatrelle“, zu jeder Zeit das praktischere Fahrzeug der beiden Klassiker gewesen. Sie sind aber in der Tat so grundverschieden, dass jeder Vergleich ein kleines Verbrechen ist. Hier die Ente, der Citroën mit dem leicht fröschelnden Motörchen, da der Renault, dessen 34-PS-Aggregat den Klang einer sirrenden Nähmaschine hat. Müsste dem Handwerker gefallen. Aber er stichelt. Wir sind gekränkt.

„Monsieur, die Ente hat weniger PS und ist langsamer!“

„Stimmt“, sagt er.

„Und sie ist unpraktischer. Der Renault hat einen größeren Kofferraum und bessere Sitze“, legen wir nach.

„Stimmt“, sagt er.

„Außerdem ist die Quatrelle nicht so reparaturanfällig und günstiger im Unterhalt. Und sie schwankt nicht wie ein Schiff auf offener See.“

„Stimmt“, sagt er.

„Gut, dann ist die Sache doch klar. Der R4 ist das bessere Auto!“

„Non, jamais!“

Dem Mann ist nicht zu helfen. Wir lenken das Gespräch in eine andere Richtung und fragen, warum das Schloss auf der Straßenseite gegenüber leer steht. Immerhin sei es doch ein „Monument historique“ und infolgedessen von beachtlichem Wert. Noch dazu sehe es hübsch aus und sei von einem ansprechenden Park umgeben. Der Enten-Fan rät uns, zur Gemeindeverwaltung zu gehen. „Es steht zum Verkauf. Kaufen Sie es doch“, sagt er und grinst mit Bierschaumschnäuzer.

„Danke, Monsieur. Das würden wir unbedingt tun wollen, aber die Quatrelle war teuer. Fürs Château wird das Geld wohl nicht mehr reichen.“

Nun ist er doch sprachlos. Wir trinken aus und fahren fort an diesem Maiglöckchentag, der in Tonnerre enden wird; Tonnerre, die Stadt der magischen Quelle.

Die Schlange in der Tiefe

Die reizende Stadt Tonnerre, am Flüsschen Armançon gelegen und nicht weit vom Canal de Bourgogne entfernt, hat ungefähr 4500 Einwohner. Glaubt man der Sage, wohnt eine Schlange in der geheimnisvollen Quelle Fosse Dionne, die unterhalb der Kirche Saint-Pierre ihre Wasser unaufhörlich in einen eindrucksvollen Waschplatz aus dem 18. Jahrhundert speit. Wissenschaftler, Taucher, Gelehrte – keiner ist dem geradezu unheiligen Quell so richtig auf die Schliche, geschweige denn auf den Grund gekommen. La Fosse Dionne ist nicht das einzige Wahrzeichen dieses quirligen Ortes im Département Yonne, aber auf jeden Fall das sprudelndste. (Info: france-voyage.com)


(Be)rauschend: die Quelle La Fosse Dionne in Tonnerre

Es sind die Dachziegel aus eisenhaltigem Ton und der weiße Stein aus Tonnerre, der die müden Sonnenstrahlen zur Dämmerung aufsaugt und sie auf eigenartige Weise reflektiert, die Tonnerre an wolkenlosen Tagen so unglaublich rosa erscheinen lässt. Tonnerre ist das, was Reisende lieben, wenn sie es entdecken. Denn da ist eine Quelle, eine ewig rauschende, und die Quatrelle hat ihren Weg zu dieser Quelle gefunden. „La Fosse Dionne“ ist ein Mysterium. Niemand weiß, wo ihr Ursprung ist, und manch Suchender hat sein Leben dafür gegeben. Legenden ranken sich um das rätselhafte Becken, unter anderem ist von der Schlange Basilic die Rede, die in diesen Wassern wohnen soll. Die Schlange dürfte beim Tauchgang das geringste Problem sein, eher ist es die Tiefe: zunächst 28 Meter, dann 360 Meter in den Berg hinein, und weitere 68 Meter hinabfallend. Ein Labyrinth der Unterwelt. Wir warten einen Moment lang, aber die Schlange zeigt sich nicht. Vielleicht ist sie zu Besuch bei Mutter Nessie in Schottlands Highlands. Etwas enttäuscht sind wir schon.

Eine Galerie fürs innere Auge

Als bezauberndes Beispiel der französischen Renaissance gilt das von einem Wassergraben und weitläufigen Park umgebene Château de Tanlay. Mitte des 16. Jahrhunderts war es erbaut worden. Große Augen machen Besucher in einem Eckturm mit Deckengemälde der Schule von Fontainebleau, das berühmte Persönlichkeiten aus jener Zeit als Gottheiten darstellt. Noch erstaunlicher ist allerdings die Grande Galerie, weil hier die Trompe-l’œil-Malerei meisterhaft umgesetzt worden ist. Wände und Decke sind illusionistisch perfekt inszeniert. Dreidimensionalität wird vorgetäuscht, wo es sie gar nicht gibt. Was ist wahr, was nicht? Die Grande Galerie wirkt wie eine Parallelwelt. Sehr beeindruckend. Und zwar echt! (Info: chateaudetanlay.fr)

Sich in der „Ferme de la Fosse Dionne“ ein Zimmer zu nehmen und abends an den rauschenden Wassern vor dem Panorama des silbernen Quells aus der Tiefe ein Glas Wein zu trinken, ist eine gute Sache. „Diese Quelle ist Magie. Viele Touristen haben sie schon bewundert. Weil der Pilgerweg nach Santiago de Compostela direkt hier vorbeiführt, sind zudem viele Gläubige hier“, verrät Bernard Clément, der gemeinsam mit Gilles Barjou das „Gîtes“ führt, Jazzmusik zum Frühstück auflegt und selbst gemachte Marmeladen zu Baguette und Croissant bereitstellt. Abends fällt das Licht im Sekundentakt vom Himmel, die Église Saint-Pierre thront über der Ferme und dem Städtchen, und der Maître der Crêperie „Les Vieux Volets“ an der Rue de l’Hôtel de Ville gibt nach dem Essen einen Sprachkursus in Japanisch, Französisch, Englisch und Deutsch. „Ich weiß auch nicht, warum die Menschen nach Tonnerre kommen“, sagt Patrick Gallot und meint das ohne Zweifel augenzwinkernd. Wenn’s nicht die Quelle wäre, nicht die Église, nicht die schöne Landschaft drumherum mit dem faszinierenden Château de Tanlay und dem Canal de Bourgogne, an dessen Ufern liebliche Schleusenhäuschen stehen, wie man sie sich als Kind für seine Modelleisenbahnlandschaft gewünscht hätte, dann kommen sie vermutlich, weil Patrick köstliche Galettes und Crêpes kreiert, die mit Salzbutter zubereitet und mit Käse, Schinken und Ei gekrönt werden, während der Cidre aus Tassen ohne Henkel getrunken wird. Die vier Katzen des Gasthauses schmeicheln sich durch einen Wald aus Beinen von Tischen, Stühlen, Menschen, um danach hinter dem Tresen in der Küche zu entschwinden. Der Abend nimmt sich seinen Raum. Patrick macht die Rechnung fertig, wünscht eine Gute Nacht und schließt die Tür.


Schmale Gasse – der R4 kommt durch.

Die Wasser der Fosse Dionne rauschen, säuseln, flüstern, sie raspeln Süßholz, so kommt es den Gästen in der Ferme de la Fosse Dionne vor, die an diesem Tag einen letzten Blick auf das italienisch anmutende Panorama an der schmalen Rue de la Fosse Dionne werfen, die hufeisenförmig um die Quelle herumführt und an der die Fassaden der Häuser zartrosa, hellorange und zitronengelb leuchten. Abends nimmt das goldorangefarbene Licht der Laternen dort Platz, und die Wasser sprudeln unaufhörlich. Am Morgen sind Quelle und Quatrelle noch immer ein Brunnen der Inspiration. Es ist Zeit, den Ölstand zu prüfen und den Deckel der Kraftstoffpumpe abzuschrauben, um nachzusehen, ob das Filtersieb verschmutzt ist. Es wäre noch viel wichtiger gewesen, an der Tankstelle nicht den Tankverschlussdeckel liegengelassen zu haben. Retour über acht Kilometer. Es gibt Dinge, an die gewöhnt man sich bei Oldtimern nur sehr langsam. Immerhin aber: Er liegt noch dort, an der Zapfsäule. Selbst ein Enten-Fahrer hätte damit nicht viel anfangen können. Und wo wir schon beim Thema sind: Der nette Guide vom nahe gelegenen Château de Tanlay, einem Wasserschloss mit 44 Hektar großem Park unweit des Canal de Bourgogne, sagt: „J’adore votre voiture.“ Er geht an uns vorbei in den wohlverdienten Feierabend und winkt freundlich. Er betet es also förmlich an, nun sind wir schon zu dritt.

Von einer „deux-chevaux“ hat er nichts gesagt.

Neben der Spur … ein Schloss des kleinen Haushalts.

Wir tanken 16,5 Liter, randvoll und hoch die Tassen, alors allerseits, wir fahr’n in Saus und Braus! Das wäre keine Sensationsmeldung, wenn nicht der Durchschnittsverbrauch unseres Roadrunners bei 5,7 Litern pro einhundert Kilometer läge. Er gibt sich erstaunlich bescheiden, aber er hat ja auch die schmalen 135er-Schlappen drauf und nicht die fetten 145er ... Manchmal bewegt sich die Nadel der Tankinhaltsanzeige über Dutzende Kilometer keinen Millimeter, sie zittert höchstens ein bisschen auf der Stelle, fällt aber nicht nach links ab. Ist doch verrückt, oder? Noch mal in Lettern schwarz auf weiß: fünfkommasieben. Ein Allerweltsbenziner von heute, ausgestattet mit modernster Start-Stopp-Technik, Bremsenergierückgewinnung, Brimborium und Tinnef, schafft das meistens nicht, ohne dass man ihn über eine Teilstrecke schöbe. Und für hypermoderne Hybriden und E-Autos müssen Batterien gebaut werden, die aufgrund der katastrophalen Folgen durch den Lithiumabbau schlimmer sind als jeder blaugraue Nebel, der unter dem Stoßfänger hinten links aus dünnem Röhrchen als Abenteuerparfum entschwebt und „Amour“ in die Luft kritzelt. Die Reise führt uns weiter durch die Nordbourgogne. Die D-Straßen werden nicht müde, uns ihr Geleit zu geben. Die D996 schickt uns in der Region Côte d’Or nach Montigny-sur-Aube. Dessen Renaissancejuwel wird zurückhaltend dargeboten, wir entdecken es zunächst nur durch einen abgeschlossenen, schmiedeeisernen, hohen Zaun. Schwedische Gardinen für Durchreisende. Gut, dass gerade der Briefträger geschäftig seine Runde vorbereitet; die Poststation befindet sich direkt gegenüber. Wir stehen ratlos wie Salat in der Gegend herum, und unsere Körper sehen aus wie zwei übergroße Fragezeichen.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Der Beamte schaut herüber, Briefe unter den Arm geklemmt.

„Wohl nicht. Wir hätten uns gerne dieses Château angesehen, aber es scheint geschlossen zu haben.“ Wir deuten mit den Zeigefingern auf den Monumentalbau.

„Doch, doch, das können Sie. Der Eingang ist auf der anderen Seite, an der Rue de l’Église. Sie müssen klingeln, dann wird Ihnen geöffnet“, sagt er, steckt die Umschläge in eine große Kiste auf dem Beifahrersitz des julisonnengelben Renault Kangoo, jenem Modell, das in den Neunzigerjahren vom Hersteller als offizieller Nachfolger das Erbe des Vierers antreten sollte, und wünscht einen Guten Tag. Wären jetzt die Achtzigerjahre, hätte sich Monsieur Facteur („Briefträger“) in eine R4-Fourgonnette gesetzt, nicht die Langversion, sondern die mit dem Seitenfensterchen auf der Gepäckraumfahrerseite, die wir als Zweit-Quatrelle gerne hätten. Gibt’s aber selten und meistens zu teuer. Allerdings: Wären jetzt die Achtziger, brauchten wir nicht zu klingeln, weil damals keine Besichtigungen möglich waren. Der Postmann britzt weg, während wir ein paar Hundert Meter auf der Rue Henri Chambon entlangtrudeln und dann rechts abbiegen. Ziel erreicht.

Eine Stunde später sitzen wir nach ausgiebiger Entdeckungsrunde durch den weitläufigen Park auf elegantem Metallgestühl vor der Orangerie. Das Schlossinnere steht nicht zur Besichtigung; es ist das Zuhause von Marie-France Ménage-Small. Ausgerechnet ein Schloss für Frau „Haushalt-Klein“, so ähnlich lautet ja wohl die Übersetzung ihres Namens. Der Haushalt, um den sich Madame kümmert, ist vermutlich alles, nur nicht klein. Sie kaufte den alten Kasten im Jahr 2002, um ihn zu neuem Leben zu erwecken. Das haben vor ihr schon andere getan – im 16. Jahrhundert zum Beispiel, als ein gewisser Jean V. die feudale Burg, deren Grundfeste aus dem 12. Jahrhundert stammen, zusammen mit seinem Bruder René, dem „Meister des Wassers und der Wälder“, wie uns die Geschichte sagt, in moderne Zeiten zu führen versuchte. Dazu brauchte er einen Architekten, der mit Jean Bullant schnell gefunden worden war, jener Bullant, dem Frankreich auch einen Teil des Louvre in Paris zu verdanken hat – und zugegebenermaßen der einzige Bullant, den wir kennen. Seit gerade eben. Aber nehmen wir an, wir wollten gegenüber Madame ein wenig glänzen, dann würden wir ihn auf Gedeih und Verderb sofort in unser Gespräch einbinden.


Crémant-Genuss vor Château Montigny-sur-Aube

Ach du liebe Zeit, da rauscht sie auch schon im Golfcart mit einer Flasche Crémant Rosé, Küchlein und Eis heran. Die Dienerschaft, offensichtlich eine Auszubildende, folgt ihr zu Fuß. Madame Ménage-Small ist lustig, erzählt gerne und strömt eine Grandezza aus, die perfekt in die Szenerie passt. Aus der „Oisellerie“ erklingen die Rufe weißer Pfauen wie Musik der Renaissance. Die fröhliche Schlossherrin, die in ihrer herzlichen, distinguierten Art und nach ihrem Äußeren zu urteilen stark an die Operndiva Montserrat Caballé erinnert, schenkt das rosafarbene Edelgetränk so schwungvoll ein wie wir unseren kleinen Burschen, der vor den Mauern der Anlage im Schatten großer Bäume steht, zu tanken pflegen: randvoll. Tausendfach steigen Bläschen in den beiden schmalen Kelchen und bilden einen federleichten Schaum, den wir mit größtem Wohlgefallen betrachten. Durch Kronen und Blätterdächer blicken wir auf die von der Sonne verwöhnte Fassade des Prunkbaus, deren hochherrschaftliches Bild den Crémant wie Champagner schmecken lässt.

„Ein schöner Ort“, bescheinigen wir der Schlossbesitzerin.

„Vor allem einer, der mich genauso gefunden hat wie ich ihn“, sagt Madame Ménage-Small. Es gebe keine Zufälle im Leben, alles habe seine Bestimmung. Sie, verheiratet mit einem US-Amerikaner, ist Besitzerin eines Schlosses, das für einen anderen US-Amerikaner eine bedeutende Rolle spielte: Harry Truman verbrachte mehrere Monate auf dieser Burg. Das war im Jahr 1918, als er sich an der Artillerieschule in Montigny-sur-Aube eingefunden hatte. Das habe die heutige Château-Besitzerin aber erst später erfahren. Wenn man bedenkt, dass Truman 1945 der 33. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde und maßgeblichen Anteil am Marshallplan hatte, der den Wiederaufbau Europas möglich machte, ist dieser Boden nichts weniger als ein Stück europäisch-amerikanischer Zeitgeschichte, auf den Madame stolz sein kann bei allem, was sie hier geschaffen hat. Sie fällt dabei nicht in Ehrfurcht auf die Knie, sie wirkt nicht melancholisch, sondern zufrieden, und sie hat Pläne, die viel weiter in die Historie greifen, um hervorzuholen, was im Laufe der Zeit verloren gegangen war. Denn was sie und ihr Ehemann Len Robert Small hier Anfang des Jahrtausends vorfanden, musste aufwendig restauriert werden. Zehn Jahre haben diese Arbeiten gedauert, zehn Jahre voller Träume, Hoffnungen, Pläne und sicher auch Enttäuschungen. Dabei schaffte es die resolute Frau in relativ kurzer Zeit, öffentliche Institutionen und private Gönner davon zu überzeugen, dieses Projekt maßgeblich zu unterstützen, um in der Geschichte der Region Côte d’Or ein Ausrufungszeichen zu setzen, das unverrückbar bis in die Zukunft ausstrahlt. Es war ein riesiger Aufwand; allein die Restaurierung des heute wieder Wasser führenden Burggrabens war eine Herkulesaufgabe. Rund 18.000 Kubikmeter Boden wurden ausgebaggert, Schilf und Erde entfernt. Die fünf Meter hohen Mauern mussten auf einer Länge von zweihundert Metern saniert und abgedichtet werden. Heute ziehen wieder Schwäne und Enten ihre Bahnen. Die Renaissance-Kapelle bescherte im Jahr 2009 allein sieben Handwerkern einen ganzen Sommer lang Arbeit, nur um der Fassade Schönheit (es gibt schlimmere Arbeitsplätze …) wieder herzustellen. Dorische Säulen, dreieckige Giebel, geriffelte Zwillingsstützen, Kartuschen, Rosetten, Goldschmiedearbeiten – hier hat ein Diamant sein Leuchten zurückerhalten! Architekten und Historiker gehen davor auf die Knie, wir tun es eher vor der Vielfalt des Obst- und Gemüsegartens, der, weit größer als ein Fußballfeld und etwas abseits des englisch anmutenden Landschaftsparks, über dreihundertfünfzig Sorten verschiedenster Früchte beherbergt, davon rund zweihundert Obst-Varietäten. Das sind überparadiesische Verhältnisse, denn im Garten Eden gab’s nur eine Apfelsorte (wahrscheinlich auch noch Granat) und keine Birnen, hier eine unermessliche Fülle, zum Teil frei stehend, andererseits zusätzlich am Spalier gezogen. Unter Einbeziehung erfahrener Landschaftsgärtner wurden jahrhundertealte Züchtungen gepflanzt. Bei aller wiederauferstandenen Pracht der Gebäude scheint dieses Projekt Madame Ménage-Small besonders viel Freude zu bereiten und Kraft zu geben. Dass das Fruchtsorbet zu Kuchen und Crémant ein Produkt der eigenen Ernte ist, daran besteht kein Zweifel: Natürlich ist es das! „Und wir werden noch weitere Sorten pflanzen“, sagt Frau Haushalt-Klein. Allein das ist ein Grund, auf der nächsten Reise zurückzukehren an diesen fantastischen Ort.

Ein letzter Ruf des weißen Pfaus erklingt, in den Kronen spielt der Wind ein Abschiedslied für uns. „Wir werden in absehbarer Zeit auch Chambres d’hôtes anbieten, dann können Sie hier übernachten“, sagt die Schlossherrin. Und das Abschiedslied der Bäume klingt ganz plötzlich schon nach einer Melodie des Wiedersehens.

Ein Zimmer mit Aussicht. Nordkoreanische Impressionen. Neulich am Rande der Vogesen.

Arc-en-Barrois ist bezaubernd, so viel steht fest. Nach einigem Hin- und Her-Mäandern zwischen diversen Nationalparks erreichten wir eine Wald- und Wiesenlandschaft, von Zeit zu Zeit unterbrochen von den Kathedralen der Landwirtschaft, riesigen Türmen, gefüllt mit Getreide, die als Silo gekennzeichnet sogar in der Landkarte verzeichnet sind, weil sie so mächtig und trutzig im Feld stehen. Ameisengleich fuhren wir also am Mont Blanc der Gerste, dem K2 des Weizens und dem Trinkbecher von Neptun vorbei – immer hoffend, dass nicht gerade jetzt ein Haarriss beschließt, sich zu vergrößern und der Inhalt der Riesenhumpen uns lawinengleich entgegenfließt. Dazwischen betrachteten uns gleichmütig diverse Kühe: schwarzbunte und rotweiße, wiederkäuend auf butterblumigen Weiden fressend, mitunter vom Herrn und Meister samt Traktor begleitet. Land, schönstes Land ringsumher. Besser kann man nicht reisen. Und wir mussten uns entscheiden: Arc-en-Barrois oder Arbot? Die Straßenkreuzung war unerbittlich. Arbot klang kurz und knapp, klang nach Bauernhöfen, klang nach kleiner Bar-Tabac und der Straße endend im Nirgendwo. Hatten wir schon oft auf dieser Tour. Wir entschieden uns deshalb für Arc-en-Barrois; dieser Ortsname vermittelt Grandezza und ließ auf adeliges Ambiente schließen, mit erleuchteten Fenstern im Barockstil und Apéritif auf eleganter Terrasse. Das Kleid für besondere Anlässe und das Oberhemd, noch ganz unten in der Tasche, würden also doch noch ausgeführt werden! Gut, Gasfuß, stellt schon mal den Cassis kalt, dort in Arc-en-Barrois, wir würden dann gleich vorfahren.


Parkplatz direkt unterm Zimmerfenster in Arc-en-Barrois

Arc, so wollen wir es hier ab sofort der Einfachheit halber nennen, ist zunächst erst einmal ein kleines Städtchen neben anderen noch kleineren Städtchen. Ganze 766 Einwohner – sollte das nicht eher ein Dorf sein? Aber nein, da haben wir die Rechnung ohne Schloss im Zentrum, Rathaus mit kompletter Geranienbelegung vor jedem Fenster, Hotel, Kirche und Apotheke im weißen Sandsteingewand gemacht! Zum Glück sieht wenigstens die Tankstelle so aus, als hätte nur schnell jemand die Zapfsäule an den Straßenrand gestellt, nachdem er sie auf einem Schrottplatz entdeckt und dann einfach hier vergessen hat. Wir füllen randvoll auf, das gute 98er-Super, und während der Tankwart gnädig das Geld entgegennimmt, stellt uns ein Zausel, dessen Peugeot ebenfalls eine Leckerei erhalten soll, die unmoralische Frage, ob ein Verkauf des fahrenden Altertümchens angedacht sei – es würde sich gut in seinem Fuhrpark machen. „Keine Chance“, bescheiden wir ihm, wie sollen wir denn standesgemäß beim Schlosse vorfahren? Gegen solche Argumente machtlos, lässt er uns aufbrechen – und wir fahren und fahren und fahren genau dreihundert Meter weiter, um schlussendlich auf dem entzückendsten Marktplatz einzuparken, den man sich nur vorstellen kann. Linker Hand ein Schloss aus weißem Stein, direkt fünfundzwanzig Schritte gegenüber die Auberge du Parc, ein großes Haus mit blauen Fensterläden. Daneben Bäckerei und mit dem Rathaus ein weiteres prachtvolles Gebäude. Alles ist so konzentriert um diesen Platz arrangiert, dass man sich nur einmal um die eigene Achse zu drehen braucht, um alles Interessante zu sehen. Im Hotel erhalten wir ein hinreißendes Eckzimmer, von deren zwei Fenstern wir einerseits aufs Rathaus blicken und andererseits auf Château, Kirche und Bäckerei. Es gibt leider keinen eigenen Hotelparkplatz, den wir wirklich gerne nutzen, anstatt unsere liebe Savane TL einfach so des Nachts öffentlich zugänglich abzustellen. Aber es geht nicht anders, wir müssen wohl oder übel eine Ausnahme machen. Immerhin: Der R4 steht direkt unter dem Fenster, und sollte sich jemand daran zu schaffen machen, könnten wir mit einem Sprung hinaus in die Nacht, barfuß und im Pyjama, direkt auf dem Übeltäter landen und ihn Jackie-Chan-gleich k. o. schlagen. Soweit die Theorie. Rein praktisch sind es trotzdem noch dreieinhalb Meter, also hoffen wir darauf, dass es nur Bewunderer aus der Ferne gibt, die interessierte Blicke auf das Auto werfen.


Abendstimmung am Hotel du Parc

Die Fenster des Zimmers sind groß und im unteren Drittel mit Eisengitter verziert. Eigentlich eine Light-Version des französischen Balkons. Er verleitet dazu, sich ans Fenster zu stellen und zu vergessen, dass das untere Drittel eben kein Mauerwerk, sondern nur französische Schmiedekunst ist, demzufolge der interessierte Einheimische die Bewohner dieses Eckzimmers in Unterwäsche bewundern kann, wie sie lässig hinausblicken. Die Belegschaft des Rathauses muss schon oft gelacht haben, und dem Pfarrer gegenüber ist wohl auch nichts Weltliches mehr fremd, zumindest was die Schlüpper angeht. Wir sind jedenfalls bestimmt nicht die Ersten, die sich hier nach dem Duschen so der Öffentlichkeit präsentieren …

Diese französischen Städtchen, so unterschiedlich sie auch in ihrer Struktur und Architektur sind, haben eines gemeinsam: Es gibt immer eine gut frequentierte Bäckerei, eine Kirche, die tagsüber geöffnet und deren Fassade nachts stimmungsvoll angestrahlt wird, sowie ein Restaurant oder eine Brasserie, wo sich auch unter der Woche die Menschen zum Essen und Trinken treffen. Fußgängerzonen, wie wir sie aus vergleichbar kleinen deutschen Städtchen kennen und die eine tödliche Entscheidung für jedes Sozialleben darstellen, sind zum Glück fast unbekannt. Hier braust jeder mit dem Auto vor, holt sich seine Baguette, lässt dabei den Motor laufen, auch wenn’s mal länger als zwei Minuten dauert, weil des Bäckers bessere Hälfte noch ein wenig plaudern will, und verschwindet wieder in einer Dieselwolke. Umweltgerecht? Nö, aber es ist eben noch Leben in der Stadt vorhanden, und selbst die Älteren, die kaum laufen können, klettern mühsam aus zerbeulten Peugeots und zerkratzten Renaults, um auf die Schnelle etwas zu erledigen, währenddessen es in Deutschland kaum noch eine Bäckerei gibt, vor der man überhaupt vorfahren könnte. Im Supermarkt ist es doch viel billiger. Hier allerdings kann man aus dem Eckzimmer des Hotels Le Parc am Fenster stehend diesem Treiben stundenlang zuschauen. Viel ist nicht los, aber die letzten Baguette-Käufer fahren im Minutentakt vor. Tatsächlich baut sogar noch ein Pizzabäcker seine Bude auf; auch hier wird es noch für zwei Stunden Kundschaft geben. Wir lassen uns den Apéritif in einem leicht abgeranzten Hinterhof schmecken. Am Nebentisch ein Schwung Köche, die eine Riesenportion Nudeln mit Tomatensauce verdrücken. Schande, aber wenigstens mit Baguette!

Am anderen Morgen, nach fulminantem Mahl im Restaurant mit Blick auf ein gewisses alpaka-farbenes Blechdach, erwachen wir durch Motorenlärm und plätschernde Laute. Der Blick fällt geradeaus durch das gegenüberliegende Fenster Richtung Rathaus. Dort steht ein Mann, fast Auge in Auge mit uns. Drei Fragen tun sich auf: Sind wir geschrumpft? Oder die Bewohner so groß? Und was zum Teufel plätschert da? Er wird doch nicht ... – Die Franzosen sind ja schnell bereit, der Obrigkeit ihren Unmut zu zeigen, aber nein, dieser Mann steht mit Zigarettenstummel im Mundwinkel lässig auf dem Dach seines Traktors und gießt die Geranien auf den Fensterbänken der Mairie. So geht das also! Wir hatten uns schon gefragt, wie man hier regelmäßige Wassergaben an die Pflanzen der öffentlichen Gebäude gibt, auch in Höhenlagen der oberen Etagen. Jetzt wissen wir’s: Es funktioniert, wenn man alle Regulierungen der Arbeitssicherheit ignoriert. Geht doch! Jeder deutsche Hausmeister – pardon: Facility Manager – würde sofort herbeistürzen und der Sache im Dienste der Unfallvermeidung ein Ende bereiten. Dafür würden dann aber auch die Blumen eingehen, aber Blumen an Rathäusern sind in Allemagne ja ohnehin selten. Hingegen wird hier in Arc und anderswo in aller Ruhe gegossen, bei lärmendem Treckermotor und mit Kippe.


Die Blumen werden gegossen …

Tasche packen, Kissen aus dem Fenster werfen (die eigenen), zum Frühstück wandeln und dabei von einer Horde ausgestopfter Hirschköpfe begutachtet zu werden – das ist des Reisenden Schicksal, wenn er in einer Gegend unterkommt, in der regelmäßige Jagdvergnügungen dazugehören.

Welche Reisefreuden könnten schöner sein als die, wenn man ausgeruht und dermaßen satt vor die Türe tritt, sodass man glaubt, von nun an eine Brioche zu sein, um dann ins Auto zu steigen und einem Tag entgegenzublicken, der noch jungfräulich vor einem liegt. Egal wohin man sich wendet, man wird neue Dinge sehen und erleben, alles liegt ausgebreitet und scheint nur darauf zu warten, dass wir um die Ecke kommen. Der heutige Tag soll noch sehr schöne Überraschungen für uns bieten, und wir sind dazu bereit. Wenn wir morgens von einem schönen Platz fortfahren, schwingt manchmal auch Wehmut mit, denn natürlich wissen wir, dass wir nur einen winzigen Bruchteil von dem gesehen haben, was es dort zu entdecken gibt. Beim abendlichen Spaziergang gestern, quasi ein Not-Gang aufgrund sehr gut gefüllter Bäuche, hatten wir in einer Art Hinterhof den Weg entlang eines großes Bachs gefunden, der zunächst eine Mühle antrieb, um sich dann schäumend und wirbelnd in sein gemauertes Bett zu fügen. Rechts und links seines Ufers konnten wir entlanggehen, und eine Art Rialto-Brücke sorgte für einen Übergang. Dann gab es dort noch einen offenen Garten, der aufgrund einer Städtepartnerschaft mit dem italienischen Samone angelegt worden war. Das Ganze versehen mit Resten einer Barockruine als kleine „folie“ und einem Rosarium, tipptopp gepflegt. Der Rasen gemäht, die Blumen blühten, es sah toll aus. Und als Krönung hieß die Komposition „Insel von Samone“. Leider war es dann zu dunkel geworden, um diesen Weg weiter entlangzuschlendern, aber jeder Reisende kennt das Gefühl, dass man eventuell noch etwas verpasst hat, was sich auch nicht wieder einholen lässt. Wenn man nach Jahren wieder vorbeikäme, wäre man doch eine andere Person und an anderen Dingen interessiert.

Genug des Philosophierens, wir schwingen uns auf die Straße, leicht duftet es nach Käse aus dem Picknickkorb und nach Weingummi aus der Ablage, das wegen erhöhter Temperaturen zu einer ungenießbaren Masse zusammengeflossen ist. So werden alle kleinen Sünden umgehend bestraft, sehr beunruhigend. Wir wollen nach Chaumont, der nächstgrößeren Stadt in der Haute-Marne, mit rund 23.000 Einwohnern aber noch überschaubar. Hier soll es eine Eisenbahnbrücke von enormer Größe geben, die zu den schönsten Viadukten Europas zählt. Wir lesen auf einem Schild, dass dieses Bauwerk das schönste seiner Art weltweit sei. Behauptet man hier in Chaumont zumindest. Gut so, denn übertriebene Bescheidenheit ist lästig. Wir fahren durch Wald und Flur, die Gegend ist hügelig, mit Feldern durchwirkt. Ruckzuck sind wir in Chaumont angekommen. Wir fahren talwärts, Kurve um Kurve, und als es wieder bergan geht, da erhebt sich in eindrucksvoller Länge von sechshundert Metern das Eisenbahnviadukt mit 96 Bögen und verbindet eine Hügelflanke mit der anderen. Wir fahren zum Aussichtspunkt und stellen den Renault in bedrohlicher Schieflage ab. Lieber mal die Handbremse betätigen. Leider können wir das Viadukt nicht betreten, gerade jetzt ist es eine Baustelle. Weiter geht’s also ins Stadtinnere. Wir parken in der Nähe einer Kirche und unternehmen einen Stadtrundgang. Grundsätzlich bietet es sich ja jedes Mal an, zunächst die Touristen-Info zu besuchen, um zu erfahren, was es in der noch unbekannten Stadt zu entdecken gibt, doch in Chaumont wird die Suche nach dem Infopoint zu einem Intelligenztest. Nachdem wir zum zehnten Mal per Schild um eine nächste Ecke in eine andere Straße geschickt werden, geben wir auf und suchen erst unser Auto und dann das Weite.


Das Viadukt von Chaumont ist 600 Meter lang und 50 Meter hoch.

Auch das ist ein Test, ein Nerventest. Die Stadtoberen haben – warum auch immer – beschlossen, dass alle Besucher und Bewohner nach Vorbild Nordkoreas permanent mit Musik zu beschallen sind. Die Lautsprecher sind vielerorts angebracht worden und lassen die gängigsten Radiohits in die Straßen rieseln. Wir warten auf eine schnarrende Stimme, die im Kommando-Ton zur gemeinsamen Feldarbeit auffordert. Andererseits ist Chaumont hübsch, zwischen Hügeln gelegen, mit vielen Prunkbauten aus hellem Sandstein und einer quirligen Innenstadt mit Restaurants und Geschäften. Vom oberen Punkt der Stadt blicken wir über eine Brüstung weit ins Land hinein, und wenn nicht gerade beim Betrachten der Naturschönheiten der Partnersender von Pjöngjang eine spanische Jubelarie auf Wein, Weib und Gesang gespielt hätte, wer weiß? Vielleicht wäre das noch etwas geworden mit Chaumont und uns …

Gerade in dieser Gegend gibt es viel zu entdecken, hier wird der köstliche Käse von Langres hergestellt, es gibt Weine und Wildspezialitäten, Trüffel, Abteien wie Sept Fontaines oder de La Crête, Korbflechtereien und Schnapsbrenner. Man kann tagelang herumfahren und sich amüsieren. Auf diese Weise schreitet unsere Entdeckung Frankreichs voran; wir nehmen Fahrt auf in Richtung Nancy. Die Landschaft von dicht bewaldeten Gebieten, durch die die Straße wie unter einem Dach entlangführt, ändert sich überraschend, um plötzlich ein Dorf aus grauen Granitsteinen zu enthüllen. Der Weg schlängelt sich durch Täler und schraubt sich direkt an manchen Haustüren in die Höhe, um dann wieder grandios nach unten abzudrehen. Für einen R4 genau das richtige Terrain. Wie eine Bergziege tuckern die 34 PS jede Steigung nach oben, um dann tollkühn nach unten zu brausen. Die Quatrelle kann also durchaus 130 Stundenkilometer erreichen, wer hatte etwas anderes behauptet?

Langsam steigen die Temperaturen, und ohne dass wir es wirklich bemerken, öffnet sich die Landschaft. Wir sind in den Vogesen angekommen. Plötzlich ist die Straße ein langes, graues Band, das sich endlos vor uns und den schmalen Pneus unseres Gefährts, das längst zu einem Gefährten geworden ist, ausbreitet. Eine kilometerlange und weite Tallandschaft, so scheint es auf den ersten Blick, mit mächtigen Hügeln rechts und links, davor die Felder. Oben auf den Hügeln sind dichte Baumreihen zu sehen. Würden am Horizont noch Tafelberge auftauchen, wären wir nicht verwundert. Es sieht verwunschen und gleichzeitig imposant aus, und während wir uns auf der D674 fortbewegen, finden dort oben in den dunklen Wäldern eventuell Zwergen-Things und Koboldkonferenzen statt. Da wollen wir hin – und tatsächlich: Ein kleines, verbeultes Schild mit Château-Zeichen, unscheinbar, leicht angerostet, weist uns zur nächsten, fernen Erhebung den Weg. Der R4 liebt die leichte Steigung, elegant aus dem vierten in den dritten Gang geschaltet, und schon schnaufen wir dem Château de Lafauche entgegen. Zunächst öffnet sich ein kleiner Ort, eher ein Weiler und dennoch mit obligatorischer Kirche und Gedenkstein. Dahinter wurde aus einem mächtigen Eichenstamm eine Art Häuschen gebaut, und ein kleiner Parkplatz ist auch vorhanden. Gibt man hier zu viel Gas, kann man bei den Anwohnern zwanzig Meter hangabwärts nach dem Rechten sehen.

Burgruine mit Käse und Astmuseum

Stolze Schlösser, von floraler Finesse umgeben, sind ein lohnenswertes Ziel. Doch wenn eine Burgruine wie Château Lafauche am Wegesrand auftaucht, zertrümmert von Jahrhunderten und geheimnisvoll umwittert, dann ist dies Futter für die Fantasie. Besonders viel ist von der einstmals großen, mehrere Türme umfassenden Forteresse nicht übrig geblieben, aber der Blick in die Haute-Marne ist gewaltig. Außerdem gibt es im angeschlossenen Musée du Bois eine witzige Ausstellung des Künstlers Émile Chaudron (1927 bis 2003), der in manchem Zweiglein etwas Außergewöhnliches entdeckte und auf diese Weise den „Zoo du Bois“ eröffnete. Während man durch die Wunderwelt geistert, holt Monsieur Adenot, der sich um Château Lafauche kümmert, noch zwei Käse, die er aus der Milch jener Schafe zubereitet, die rund um die Ruine friedlich grasen. Fertig ist das Glück. (Kontakt: rogeradenot@gmail.com)

Ein Eckhaus beherbergt ein kleines Museum, auf der anderen Seite hat es eine Terrasse mit atemberaubendem Blick ins Land, und als sei das nicht schon genug der Sehenswürdigkeiten, gibt es noch einen Eisenbrunnen mit der heiligen Maria auf der anderen Seite. Direkt gegenüber jedoch befindet sich das, was uns heraufgelockt hat. Gerade mal fünfzehn Schritte vom Museum entfernt beginnt die Auffahrt zum Château de Lafauche. Eigentlich eine Forteresse, ein echtes Schloss war es wohl nie. Gebaut auf den Hügeln im 11. Jahrhundert, wurde es erst im 14. Jahrhundert fertiggestellt. Die Anlage ist groß und liegt strategisch günstig auf der Hügelkuppe; die Mauern waren seinerzeit eineinhalb Meter dick und verbanden nicht weniger als achtzehn Türme. Das alles wurde auch dringend benötigt, denn eigentlich hatte kein Eigentümer mal so richtig Freizeit. Alle naselang wurde er herausgefordert, belagert, beschossen oder kam selbst auf die Idee, dem benachbarten Königreich Lothringen einen Überraschungsbesuch abzustatten. Dadurch änderten sich auch die Besitzverhältnisse der Anlage ständig: Mal gehörte sie einem Grafen, dann wieder den Herzögen von Amboise, dem Gerichtsvollzieher von Chaumont, auch mal dem König von Lothringen und einigen anderen umtriebigen Großgrundbesitzern. Mittlerweile stehen nur noch einige wenige Türme der Verteidigungslinien, und die sind nach all den Jahren auch ziemlich löchrig, aber es ist dennoch ein beeindruckendes Gelände. Wir schreiten zwischen riesigen Steinhaufen umher, die vormals Teile der Verteidigungsanlage waren. Ganz oben befindet sich ein Brunnenschacht, der genauso aussieht wie jener, der im Film über den Herrn der Ringe durch Hereinwerfen einer alten Rüstung das Herannahen der feindlichen Orks ankündigt. Aber so schauderhaft scheint es hier nicht zu kommen: Es ist niemand da auf diesem einsamen Gelände. Nichts als unverbaute Aussicht, Bäume und Brunnen. Was soll’s, hinein mit dem Stein, es kann uns nichts passieren – der Renault steht nur vierhundert Meter entfernt. Stille. Es dauert lange, bis ein dumpfer Ton vom Schachtboden aufsteigt. Dann wieder Stille. Keine Orks. Mitunter lässt man sich wirklich zu den krudesten Gedanken verleiten.


Monsieur Claude Adenot am Modell von Château Lafauche

Nach der ausgiebigen Besichtigung der Burganlage wird es nun Zeit, das Museum zu erkunden, wo eine Überraschung auf uns wartet. Von wegen öde Heimatstube! Hier gibt es eine Ausstellung von Skulpturen aus Ästen und Zweigen, so famos und amüsant herausgearbeitet, dass man am liebsten alles kaufen würde. Das ist leider nicht möglich, nein, nicht ein einziges Stück steht zum Verkauf, und der Monsieur, der diese Kunstwerke schuf, ist schon vor einigen Jahren gestorben. Sein Lebenswerk bleibt, wo es ist. Es wird den paar versprengten Touristen gezeigt, die hierher finden, um Château de Lafauche zu entdecken. Monsieur Claude Adenot, der uns einlässt, erklärt, dass es zwei Organisatoren in diesem Ort gibt, einerseits die, die sich um die Burg und deren Vermarktung mit mittelalterlichen Festen kümmert. Und dann sind da noch die, die sich dem Museum und der Kunst widmen. Zufälligerweise sei er der Vizepräsident der mittelalterlichen Organisation, sein Bruder Roger ist der Präsident. Wieso er denn dann hier im Museum stehe, fragen wir uns und ihn. Monsieur Adenot zuckt mit den Schultern: „Hier muss man alles machen.“ Dazu gehört offensichtlich auch die Produktion von Käse. Le Vizepräsident verkauft uns nämlich einige frische Schafskäselaibe, produziert aus der Milch jener glücklichen Tiere, die rund um diese Burgruine das Gras kurzhalten. Nach einem letzten Blick von der Terrasse über die Dächer des Dorfes verabschieden wir uns von ihm, der Burg und den Schafen. Obwohl … ist da nicht ein dumpfes Klopfen zu hören, so, als käme es tief unter dem Berg hervor? Haben wir die Orks geweckt? Lachend wehrt Monsieur Adenot ab. Hier gebe es außergewöhnlich tiefe Verliese und Keller unter der Anlage, da wären pochende und klopfende Geräusche normal. „Der Stein“, raunt er, „wissen Sie, der Stein lebt.“


Château de Lafauche, eine Festung aus dem 12. bis 16. Jahrhundert

Wahrscheinlich lachen sie immer noch da oben in Lafauche über die beiden Touristen, die sich eilig in ihren R4 setzten und mit Vollgas zurück ins Tal brausten.

Neben der Spur … ist Johanna allgegenwärtig.

Jeanne d'Arc, Johanna, Nationalheldin der Extraklasse. An vielen Orten in Frankreich sind ihre Spuren zu finden, und keine Reise durch dieses Land, schon mal gar nicht durch die obere Hälfte, ohne dass die Leitfigur der französischen Geschichte, tragischerweise in gleichem Maße eine Leidfigur, nicht auftauchen würde. Domrémy-la-Pucelle, ein französisches Kleinkleckersdorf im Département Vosges mit lothringischem Sparflammencharme, ist der Geburtsort einer unbefleckten Göttin, die ihr Volk während des Hundertjährigen Krieges im 15. Jahrhundert gegen die Engländer und Burgunder führte und dennoch auf dem Scheiterhaufen endete. Eine Tragödie. Man muss sich das vor Augen führen: Da war das mächtige England, das nach dem Tode Karls IV. Ansprüche auf den französischen Thron ersann. Jeanne machte aus einfachen Räubern Soldaten. Zudem gab es in dieser Zeit Gerüchte, dass der Zauberer Merlin vorausgesagt habe, eine Jungfrau würde Frankreich retten. Ein Grund mehr für die anscheinend sehr willensstarke Jeanne, sich gegen ihren Vater durchzusetzen, nicht zu heiraten und für ihre Mission keusch zu bleiben. Ein Proviantzug nach Orléans war ihr erster Auftrag, begleitet von furchtlosen wie furchterregenden Kerlen wie Étienne de Vignolles, dem „Wilden“. Und obwohl es ihrem Heer gelang, die Engländer aus dem Loire-Gebiet zurückzudrängen, nahm die Geschichte doch kein gutes Ende. So weit die kurze Kurzfassung.

Ehrlich gesagt gibt es wenige andere gute Gründe, nach Domrémy-la-Pucelle zu fahren. Das Dorf an der Meuse (Maas) mit kaum mehr als einhundert Einwohnern versprüht nicht besonders viel Flair. Die Heldin kam hier trotzdem zur Welt. Hinter der kleinen Dorfkirche St. Rémy, in der Jeanne d'Arc getauft worden war, erinnert ihr Geburtshaus an ein kurzes Leben mit Ausrufungszeichen, das 1412 hier begonnen hatte. Historiker gehen davon aus, dass die Befreierin im Januar geboren wurde. Nur 19 Jahre ist sie alt geworden. Sie war 13, als sie ihre erste Vision hatte. Eine zweite folgte. Die Heiligen Katharina und Margareta waren ihr erschienen, außerdem Erzengel Michael, behauptete sie; die Engelsstimmen habe sie dort empfangen, wo heute die Basilika Bois-Chênu steht, die zwischen 1891 und 1926 entstand und im Laufe der Jahre ein bedeutender Wallfahrtsort geworden ist – auf einer Anhöhe zwei Kilometer vor den Toren des Dorfes. Sie alle sollen sie davon überzeugt haben, das französische Volk von der Unterjochung der Engländer zu befreien. Was ihr, der Jungfrau von Orléans, im Ansatz gelang, aber nicht half. Durch Verrat wurde sie in Compiègne – wir waren dort vor einigen Tagen ganz in der Nähe – von Johann von Luxemburg festgenommen und den Burgundern ausgeliefert. Die wiederum verkauften sie für 10.000 Franken an die Engländer, eine Summe, die zwar hoch war, aber ist Heldentum nicht eigentlich unbezahlbar? – Es war der Anfang vom Ende der Heiligen Johanna. Sie verbrannte auf dem Scheiterhaufen in Rouen, weil der König sich von ihr abwandte und der Bischof von Beauvais den Engländern näherstand als den Franzosen. Erst rund 24 Jahre später fiel eben diesem Karl ein, wem er eigentlich seinen Thron zu verdanken hatte, und er ließ mit großem Brimborium den Prozess noch einmal aufrollen. Nun wurde Jeanne freigesprochen – kam nur leider etwas zu spät. Arschgeige!

Es ist viele Jahre her, über den Kauf eines Renault 4 wagten wir noch gar nicht nachzudenken, da wir zum ersten Mal in Domrémy-la-Pucelle verweilten, hundemüde von einer stundenlangen Fahrt mit Staus auf Autobahnen bei grausamer Hitze und glücklich, mit dem Hotel Jeanne d’Arc an der Rue Principale überhaupt noch eine Unterkunft gefunden zu haben, bevor die Dämmerung über das Land hereinbrach. Es war schon spät geworden; in der Bar auf der anderen Seite der Straße stapelte der Maître bereits die Stühle ineinander, und die allermeisten Tagestouristen hatten sich längst auf den Weg nach Hause gemacht. Es sah aus, als wenn in wenigen Augenblicken die Bürgersteige hochgeklappt würden und die Straßenlaternen erlöschten. Das war uns gerade recht. Wir ließen uns ermattet auf die weiche, durchgelegene Matratze fallen, das Bettgestell quietschte, und wir blickten wie paralysiert ringsumher. Uns wurde schwindelig von der wild orange-grün-weiß geblümten Tapete, die als Negativdruck an der Zimmerdecke ihre Fortsetzung fand. Die Türen zum Bad und WC waren mit dem gleichen Kleide versehen worden. Eine Kammer des Schreckens, möglicherweise im Rausche des Pastis, oder was Malergesellen hier sonst so in ihrer Mittagspause einsaugen, bekleistert. Billig war’s ja, das Hotel, und sauber auch, aber das Kaleidoskopische des Raumes, diese erdrückende Enge, geboren aus maximalem Muster-Farbe-Spektrum, vernebelte unsere Sinne. Dass die Heilige Johanna in Domrémy-la-Pucelle von Visionen ergriffen worden war, konnten wir auf der Stelle nachvollziehen; wo wir auch hinblickten in diesem Zimmer, es war ein ausgesprochen intensiver Trip kokainischen Ausmaßes. Unsere Pupillen müssen denen der Römer geähnelt haben, wenn sie von Obelix eins auf die Mütze bekommen haben. Die Bar hatte mittlerweile dichtgemacht, ein Restaurant im Hotel gab es nicht, und alles, was wir noch zu essen hatten, waren ein paar puffig gewordene Kekse und Kartoffelchips. Das wild abstruse Wand- und Deckendessin hatte seine Wirkung nicht verfehlt, und unruhige Träume folgten in der Nacht. Aber seien wir ehrlich: Bei der Heiligen Johanna war die Sache weitaus ernster; es werden wohl kaum Tapeten gewesen sein, die ihre Erscheinungen hervorgerufen hatten, denn Tapeten gab es damals nicht. Hatte auch Vorteile …

Jedenfalls haben wir unser Auto, diesmal freilich den R4, heute erneut auf dem Parkplatz unterhalb der heroisch wirkenden Johanna-Statue geparkt; das Hotel befindet sich noch an derselben Stelle (wo sollte es auch hin …?), aber wir trauen uns nicht, ein zweites Mal hier Quartier zu beziehen. Die Bar hat sich verändert, die ist moderner geworden. Bürgersteige werden schon lange nicht mehr hochgeklappt, denn aus dem Geburtshaus der Lichtgestalt ist ein historisches Monument geworden, das für Besichtigungen geöffnet ist. Ein modernes Informationszentrum in unmittelbarer Nähe zeigt, wie zu Zeiten Jeanne d’Arcs sich das Bauernleben darstellte – sie wuchs in einer recht wohlhabenden Bauernfamilie auf – und welche Heldentaten die junge Frau zuwege brachte, damit Kalle Kronprinz seinen adligen Hintern wieder auf den Thron hieven konnte. So heilig kann keine Figur der Geschichte sein, als dass die Tourismusbranche auf diese Chance verzichten würde, weil sie nämlich auch Visionen hat, ziemlich weltliche, aber das ist nachvollziehbar. Und dennoch macht die ganze Anlage nicht den Eindruck, dem schnöden Mammon vollkommen ausgeliefert zu sein; die Verhältnismäßigkeit ist noch vorhanden, und die kleine Église Saint-Rémy mit dem Taufbecken von einst, dem Spiel von Licht und Schatten und den bunten Kirchenfenstern ist und bleibt in ihrer Schlichtheit ergreifender als der Glanz der Basilika vor dem eigentlichen Ort Domrémy.


Besuch bei Jeanne d‘Arc in Domrémy

Das Licht in der Kirche, die berührende, leise Atmosphäre in diesem sehr kleinen Gotteshaus ist magisch. Wir zünden eine Kerze an und verlassen schweigend Domrémy-la-Pucelle, wohlwissend, dass die Heilige Johanna uns auf dieser Reise noch öfter begegnen wird. In Orléans, wo das Maison de Jeanne d’Arc daran erinnert, dass sie einst die belagerte Stadt mit einem geglückten Proviantzug befreite. In Sully-sur-Loire, wo sie Lager bezogen haben soll. In Chinon, wo sie Charles VII. davon überzeugen konnte, ihr ein Heer anzuvertrauen, um gegen die Engländer zu Felde zu ziehen, und wo das Fensterbild im dreistöckigen Uhrturm der Burgruine ihr, der Retterin, gewidmet ist. Poitiers, Paris, Reims – die Wege, die die junge Heldin zurücklegen musste, sind Hunderte Kilometer weit. Sie hat sich ja nicht ins Auto gesetzt, wie wir das hier in aller Bescheidenheit mit 34 Pferdestärken tun, am Müsliriegel geknuspert und irgendwo bei Tours noch mal einen Kaffee getrunken, um dann entspannt unterhalb der Forteresse Royale de Chinon einzuparken, nein, sie ist geritten auf einem einzigen PS ohne Sattel, und der Zosse mit der Heldin auf dem Rücken musste, ob er wollte oder nicht, durch feindselig besetztes Gebiet galoppieren. Von dieser Reise, von den Strapazen, den Fluchten und Hoffnungen, erzählt das Fensterbild im Uhrturm der Forteresse de Chinon. Sie tat, was sie ihrer Meinung nach tun musste, um Frankreich zu befreien; selbst ein Pfeil und ein Sturz vom Pferd konnte sie nicht davon abhalten.

Es reicht nicht, all diese Ziele mit dem Finger auf der Landkarte anzusteuern; wir werden uns umtun, sie mit der Quatrelle zu erobern. Nicht ohne Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orléans“ im Reisegepäck, versteht sich. Ist quasi Pflichtlektüre.

„Ich kann nicht bleiben – Geister jagen mich,

Wie Donner schallen mir der Orgel Töne,

Des Doms Gewölbe stürzen auf mich ein,

Des freien Himmels Weite muß ich suchen!“

Ja, Schiller, werter Meister des geschliffenen Wortes, wir sind ja längst schon unterwegs …

Ein Tempel der kleinen Freuden. Die leise Poesie der Landstraße. Wir trinken noch was.

Es gibt da diese Bar-Tabac, eine wie viele. Hier heißt sie gerade „Chez Laurette“, und es steht zu vermuten, dass Laurette die Madame ist, der der Laden gehört. Oder er gehörte schon ihrer Großmutter, das ist natürlich auch möglich, weil diese sehr französische Gasthausmischung aus Toto/Lotto, Pferderennwetten, Zigarettenverkauf, Zeitungen, Zeitschriften, Chipstüten, Lollis für Kinder und einer entspannten Tresenkultur zwischen achtel und halbem Liter im Laufe vieler Jahre zu einer Instanz im ganzen Land geworden ist. Diese Form des Gasthauses ist ein Schmelztiegel aller Gesellschaftsschichten; gesegnet sei die Bar-Tabac. Überall gibt es welche in Frankreich. Schöne, schicke, angeranzte, hübsch-hässliche, verrauchte, verwitterte, verwunschene, saubere und welche mit klebrigen Tischen; es sind so unendlich menschliche Kneipen mit rissigen, lächelnden Fassaden, auf deren Terrassen die Katzen des Dorfes einen Napf mit Wasser stehen haben und wo die Sonnenschirme vom brennenden Gestirn in jedem nächsten Sommer ein bisschen mehr an Farbe verlieren. Es ist nicht unmöglich, dass die Menschen in der Bar-Tabac mehr ertragreiche Gedanken zur Lage der Nation zusammenspinnen, und sei es in weinbeseelten Momenten, als es die Oberen im Élysée-Palast jemals zu tun in der Lage sind, und seien sie dabei noch so nüchtern. Die Bar-Tabac ist wichtiger als Eiffelturm, Louvre und Triumphbogen zusammen, weil sie kein statisches und vor allem touristisch eingeplantes Zwischenziel ist, das man aus Reiseführern, Büchern und Fernsehen ohnehin zur Genüge kennt, sondern ein sehr lebendiger Teil der Seele dieses Landes. Nirgendwo ist sie deutlicher zu spüren.


Klassisch unterwegs: Fahren nach Landkarte

In manchen Gegenden mit teilverwaisten Dörfern, in denen der Durchreisende zu fortgeschrittener Nachmittagsstunde nach einem über und über mit Erlebnissen gespickten Tagesritt kaum noch Hoffnung verspürt, irgendwo ein prickelndes Glas Bier, einen Pétillant oder Café noir serviert zu bekommen, weil er vermutet, dass der Welten Ende womöglich schon nach der nächsten Kurve folgt – die grauen Fassaden mit den müde blickenden Fensterlaibungen lassen jedenfalls darauf schließen –, eröffnet sich ihm das rettende Lebenszeichen, wie aus dem Nichts auftauchend, in Form einer schmalen, roten Raute an einem Häusereck. Darauf steht in weißen, untereinander angeordneten Lettern „Tabac“. Fünf Buchstaben für ein Halleluja! Diese Raute, schmaler als die von Renault, aber bestimmt nicht weniger verheißungsvoll, ist wie ein Licht am Ende des Tunnels. Ein zweites Schild, zumeist in Grün gehalten, auf dem „Bar“ steht und bisweilen noch mit „Presse“ ergänzt, komplettiert die Kathedrale der Glücksritter. Angekommen. Mitten auf der Durchreise. Haben wir eben gerade erspäht und sofort angehalten.

„Madame, deux kir cassis, s’il vous plaît.“

Zwei Muntermacher für Durst und Seele. Hier puckert der Puls der Franzosen, da muss man Platz nehmen und einen heben, wenigstens einen, einer geht, auch für den Fahrer. Eine Quatrelle, dort drüben auf der anderen Straßenseite im Halbschatten geparkt, fährt nicht von allein, und vorbei sind nun einmal die „Der Gendarm von Saint-Tropez“-Zeiten, in denen die Straßen noch leer waren, kein SUV-Kühlergrill grimmig den Blick durch die Heckscheibe komplett ausfüllte und man sich fahrtauglich fühlte, solange man den Hebel für den Choke ohne fremde Hilfe gefunden hatte. Ja, so war das. Na, jedenfalls sieht sie hübsch aus, „La Quatrelle“ dort drüben auf der anderen Straßenseite, in ihrer Robe aus sandfarbenem Lackfrack und schmalem, braunem Zierstreifen. Fast schon ein bisschen edel. Das gilt gemeinhin nicht, im Grunde nie fürs Mobiliar einer Bar-Tabac. Draußen stehen Stühle aus Kunststoff an Tischen aus Kunststoff mit Aschenbechern aus Kunststoff. Alles ist Kunststoff hier, könnte man vermuten, aber zumindest das Rohrgestänge der Sinalco-Sonnenschirme ist aus Stahl. Aus dünnem, mit Rost an den Schrauben und Scharnieren, man kann nicht alles haben. Es ist trotzdem ein schöner Platz. Stockrosen quengeln sich aus der Fuge zwischen Hausmauer und Trottoir, die Geranien in den Kästen auf den Fensterbänken blühen in etwa so rosé, wie der Kir seine Robe zur Schau stellt, und von drinnen quellen muntere Gespräche in die Nachmittagsruhe der Ortschaft Sauvigny-le-Bois. Die liegt noch gerade so in der Region Bourgogne-Franche-Comté, nicht mehr besonders weit entfernt vom Loire-Gebiet, schon ziemlich mitten drin in Frankreich. Vor allem aber liegt sie an der Rue de la Liberté, an der Straße zur Freiheit. Welch ein Pathos. Wunschlos glücklich ist gerade untertrieben.

80 Kilometer pro Stunde – es lebe das Tempolimit

Dass in Frankreich die Nutzung von Autobahnen Geld kostet – geschenkt! In einem Renault 4 machen sie ohnehin wenig Freude. Wenn’s irgendwie möglich ist, sollte man auch Nationalstraßen meiden, auf denen viele Lkw die Autobahnen umfahren. Die Routes départementales – die D-Straßen – sind die beste Wahl. Wie es heißt, sind sie vor allem „für den interkommunalen Durchgangsverkehr“ gebaut worden. Guadeloupe, Martinique, Französisch-Guayana, Réunion und Mayotte mal nicht mitgerechnet, besteht Frankreich aus 96 Départements. Ein Netz aus über 375.000 Kilometer D-Straßen verbindet sie. Außerorts ist das Tempo auf achtzig Kilometer pro Stunde beschränkt! Für 34-PS-Flitzer wie den Renault 4 wie geschaffen. Vive la Tempolimit!

Da wären wir also bei „Chez Laurette“. Madame bringt noch zwei Café noir und füllt das Kump für Schnuffi mit frischem Schlabberwasser auf. Die Terrasse ihrer Gaststätte liegt kaum vier Lutscherlängen vom Bordstein entfernt. Wer nicht aufpasst und seine nach mehreren Stunden Fahrt steif gewordenen Gliedmaßen ordentlich recken will, dem fährt der nächste Traktor über die Füße. Das ist keine unrealistische Quantentheorie. In Gizeux zum Beispiel, einem Dorf samt Schloss im Département Indre-et-Loire, ist die Terrasse einer Bar nicht mehr als der vorhandene Bürgersteig. Keine zwei Meter breit. Während der Schwerlastverkehr sich langsam seinen Weg durch die engen Kurven der Ortsdurchfahrt bahnt, donnern Landwirte mit Karacho und schwerem Gerät so vehement vorbei, dass der Pétillant auf dem Tisch das letzte Bläschen gen Himmel zischen lässt, noch bevor der erste Schluck die Kehle benetzt hat. Da muss man wirklich aufpassen. Ausstrecken geht nicht. Die Füße würden über die Gosse hinaus auf der Straße baumeln. Dass sich viele Franzosen daran nicht stören, nicht am Lärm, nicht am Feinstaub, ist bemerkenswert. Aber wir sind hier jetzt gerade nicht in Gizeux, vielleicht wird uns der Weg dorthin führen, vielleicht aber auch nicht, wir sind jetzt erst einmal hier, bei „Chez Laurette“ in Sauvigny-le-Bois, wo der Sicherheitsabstand zur Rue de la Liberté, der D957, geradezu überwältigend groß ist. Etwa achtzig Zentimeter.

Jean-Marc hatte seine Zweifel. „Ihr wollt wirklich mit der Quatrelle zu uns in die Bretagne kommen? Glaube ich erst, wenn Ihr da seid! Wenn Ihr das macht, kaufe ich einen Champagner, dann lassen wir die Korken knallen.“

„Abgemacht. Fang an zu sparen, Jean-Marc.“

Sein Blick im vergangenen Jahr war eine Mischung aus Hoffnung, Heiterkeit und Entsetzen. Ein Quäntchen mehr als tausend Kubikzentimeter mit 34 PS sind nicht gerade zeitgemäß, selbst für einen, der in den Sechzigerjahren in genau einem solchen Fahrzeug seine Führerscheinprüfung bestanden hatte, damals, als die Rolling Stones „Get off of my cloud“ und „Paint it black“ spielten. Dass man damit heute noch losfährt, ist für Jean-Marc, dem niemals schlecht gelaunten Bretonen aus Larmor-Plage bei Lorient, eine besondere Sache. Für andere ist es vor allem ein Sicherheitsrisiko. Ein Auto ohne Airbag – wie kann man nur damit losfahren? Wie wäre es mit Kupplung kommen lassen, schalten und Gas geben?

Das funktioniert vorzüglich, natürlich nur, wenn man bereit ist, die nicht vorhandene Servolenkung und die berüchtigte Revolverschaltung als zwischensportliche Muskelaufbauübung in den automobilen Alltag zu integrieren. Wer genug Renault 4 fährt, muss jedenfalls nicht in die Muckibude. Den Rhombus, das Signet der Marke, forsch in den Wind gestellt, die Außenspiegel vibrieren und innen Rock ’n’ Roll. Für Laternenparker ist das ein Ritt auf der Rasierklinge; mit einem Renault 4 auf Reisen zu gehen, also nicht mal eben um die Ecke zum Supermarkt zu fahren, sondern richtig Strecke zu machen, mehrere Tausend Kilometer in einigen bemerkenswerten Wochen, verlangt einen ausgeprägten Sinn fürs Wesentliche und die Bereitschaft, Verzicht zu üben. En passant sprechen wir hier nicht von Klimaanlage, Schallisolierung, Regensensor, LED-Scheinwerfern, Einparkhilfe, um Himmels willen! Diese TL Savane, die vis-à-vis „Chez Laurette“ nach über eintausend Kilometern einen mehr als gelassenen Eindruck macht, gerade so, als wäre sie endlich richtig auf Touren gekommen, ist die schönste Verzichtserklärung auf Luxus und Pomp, ohne aber an Grandezza einzubüßen. Ach, wie sie sich anschickt, die Kilometer in sich aufzusaugen, gierig nach jedem Meter Asphalt mit ihren schmalen Reifen zu greifen und nach Jahren des Stillstands in einer gottlob trockenen Scheune endlich wieder Leben in den Kolben zu spüren. Unter der Haube eine Art Nähmaschine mit der Kraft von 34 Zossen. Immerhin: mehr als die Ente, die lahme.

In solchen Stunden und Momenten, wo das graue Band wie ein roter Teppich sich darbietet, ausgerollt, um „La Quatrelle“ zu huldigen, neben dem Citroën 2CV die zweite französische Sonnenkönigin der Straße, fügt sich die Zeit in eine andere Dimension. Sie geht nicht verloren, weil das Auto langsam fährt, sondern sie vervielfacht sich, denn die Seele hat einen Platz zum Mitreisen gebucht. Unser Innerstes hält der Geschwindigkeit stand; die Eindrücke der Landschaften, der Städte und Dörfer und Flüsschen und Himmel sickern flüsternd durch unser Gemüt und nehmen Platz im Süden unseres Herzens. Die Poesie dieses sanften Abenteuers ist durch nichts und niemanden aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sollen sie überholen, die großen, schönen, schicken Autos, die mächtigen Boliden, die nach zwei Jahren alle nur noch die Hälfte wert sind und von keinem ihrer Fahrer unterwegs repariert werden können. Hier liegen die Dinge anders: Ein Schraubenschlüsselsatz, ein paar Lampen und Sicherungen, dazu die Strumpfhose, falls der Keilriemen schlappmacht. Aber hurra, es sieht nicht danach aus. Der R4, dieser kleine Bursche mit dem sanftmütigen Blick seiner runden Scheinwerfer, macht seine Sache prima: Frankreich breitet sich willig vor ihm aus. Hier ist sein Revier, hier auf den Routes départementales, den D-Straßen, die wie ein Netz durch das Land gesponnen worden sind. Von Alleen gesäumt, von Feldern, auf denen Traktoren Pflüge ziehen und Kartoffeln roden, von Ackerrandstreifen und Brachland gesegnet, auf denen Wildblumen wachsen dürfen, und von einem guten Geist versehen, der bis vor die geöffnete Pforte einer Bar-Tabac führt, ein Gasthaus wie „Chez Laurette“, wo die Rue de la Liberté noch ein bisschen warten muss. „Madame, encore deux kir cassis, s’il vous plaît.”

Wenn man schon mal hier ist …

Wir gehen ins Kloster. Wir steigen hoch. Ein Vogel spielt sich auf.

Es muss ein karges Leben gewesen sein, das die Zisterzienser im 12. Jahrhundert in der Abbaye de Fontenay führten, aber sie führten es im Einklang mit Gott und der Natur in Zufriedenheit und Gelassenheit. Wahrscheinlich waren sie ausgeglichener als wir modernen Menschen von heute, denn sie hatten gefunden, während wir unentwegt auf der Suche sind. Mit dem Unterschied, dass sie wussten, dennoch Suchende zu sein und wir, obwohl wir Suchende sind, fest daran glauben, gefunden zu haben. – Bevor es nun aber allzu philosophisch wird, ein paar Eckdaten: Im Jahr 1118 war die Abtei vom Heiligen Bernhard in einem sumpfigen Bachtal nahe Montbard gegründet worden. Sie ist einerseits eines der ältesten Zisterzienser-Klöster in ganz Europa und gilt andererseits vor allem als ein „zisterziensisches Prunkstück“. Die romanische Architektur der Gebäude offenbart eine erstaunliche Harmonie; die Kirche ist sehr gut erhalten, ebenso der Kreuzgang, Kapitelhaus und Skriptorium.


Himmlisches Lichtspiel in der Abbaye de Fontenay

Vor einigen Tagen, am Tisch im Saal der „Ferme de la Fosse Dionne“, hatte Bernard Clément nicht zu viel versprochen, als er den Besuch der Abbaye de Fontenay als herausragende Pracht burgundischer Geschichte mit jener Attitüde darbrachte, mit der man sonst eine Flasche Chablis öffnet. Das Gebäudeensemble ist schon in den Achtzigerjahren ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen worden, und die Gärten erhielten 2004 die Auszeichnung „Jardin Remarquable“. Regisseur Jean-Paul Rappeneau drehte hier aus gutem Grund Szenen für seinen Film „Cyrano de Bergerac“ – wo sonst könnten die Kulissen passender sein? Und in den Sommermonaten finden Theatervorstellungen und Konzerte statt. Das Kloster Fontenay, übrigens in Privatbesitz und nicht unter staatlicher Aufsicht, ist ein Hort der Kultur. Über die D905 führt der Weg an manchem anderen historischen Haus vorbei, an Land und Leuten und Kanal. Und als wir die Abtei verlassen, werfen wir einen letzten Blick auf die in der Sonne wie frisches Leben strahlenden Mauern und starten durch. Der Raps, die Wiesen und Wälder, die Flüsse und Kanäle, all das Schöne, das sich in verwitterten Fassaden und verwinkelten Örtchen darbietet, bereitet uns unbändige Freude. Die Kühlmittelkontrollleuchte flackert mal wieder kurz auf und ist wahrscheinlich eine Zustimmung des Renaults, dass es endlich weitergeht nach stundenlanger Standzeit. Er will fahren! Wir tun ihm diesen Gefallen. Wir kreuzen den Armançon mehr als nur einmal über unwiderstehlich entzückende Brücken, auf denen sich zwei Autos lieber nicht gleichzeitig begegnen sollten, und wenn eine D-Straße wie die D4 auch noch ein kleines „j“ als Zusatzbezeichnung erhält, wird das Cruisen darauf zur Bewährungsprobe für Mensch und Maschine. Eigentlich müssten am Straßenrand schon händereibend diverse Automechaniker stehen – leichter kann man keine Kunden abgreifen. Wenn gleich ein Wendehammer kommt, sollten wir uns nicht wundern.

Kommt aber nicht. Tatsächlich bessert sich der Untergrund und ist wieder als asphaltierter Weg zu erkennen, die Stoßdämpfer atmen erleichtert auf. Stattdessen fahren wir durch eines der unzähligen Dörfer, bei denen man als Durchreisender schnell die Meinung gewinnen könnte, dass die Landflucht hier kein Thema ist, obwohl das sicher nicht stimmt. In Frankreich legt man aber noch großen Wert auf das Produkt, und dazu gehören die Fachbetriebe, die es in diesen Dörfern augenscheinlich weiterhin gibt. Ein Bäcker, ein Metzger, dazu die fast schon obligatorische Bar-Tabac. Vielleicht reicht das zum glücklichen Leben, das Wichtigste wäre damit jedenfalls abgedeckt. Nun also Châtel-Censoir. Groß ist das Dorf mit seinen kaum mehr als sechshundert Einwohnern nicht, und es scheint auf den ersten Blick wenig zu bieten, für das es sich länger zu halten lohnt. Aber beinahe hätten wir das kleine Schild neben einem hell geschotterten Parkplatz übersehen: ein Pfeil, eine Treppe, eine stilisierte Kirchenabbildung. Klarer Fall für die beiden Tourismusbeauftragten im Renault 4: Wir parken ein und marschieren los. Eine steile Treppe führt über 105 Stufen bis auf den Hügel. Die Kirche ist bemerkenswert. Sie steht wie ein mächtiger Wächter über das Dorf hier oben, ihre Pforten sind geöffnet, kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Weil es mittlerweile recht heiß geworden ist (105 Stufen!), freuen wir uns über die Kühle im Kirchenschiff. Es ist jedes Mal wieder erstaunlich, dass selbst bei einsam liegenden Gotteshäusern ja irgendjemand in aller Frühe, noch begleitet vom restlichen Morgendunst und dem Gesang der Vögel, mit klingendem Schlüsselbund seines Weges zu dieser Glaubensfeste geht, ihre Pforte öffnet und am Abend den selben Weg noch einmal antritt, um alle Türen wieder zuzusperren. Dieser hoffnungsvolle Geist muss somit davon ausgehen, dass es in seinem überschaubaren Dorf, knapp vierzig Kilometer von Auxerre entfernt und abseits bekannter Touristenrouten, dennoch Menschen gibt, die sich den steilen Hügel hinaufbegeben, um dann in der Kirche einige friedliche Minuten zu verbringen. Zu gerne würden wir wissen, wer zum Einbruch der Dämmerung mit großen Schlüsseln in der Hand heraneilen wird, aber die Ruhe zu warten haben wir dann doch nicht. Zudem geht es nun die steile Treppe wieder hinunter, von wo aus der Blick über die weite Flusslandschaft der Yonne und den Canal du Nivernais reicht. Sogar einen kleinen Hafen hat Châtel-Censoir! Das sollte genug sportliche Betätigung an diesem Tag sein. Jetzt wäre ein Croissant genau das richtige. Gibt’s hier irgendwo irgendwas zu essen? An der Bäckerei sind wir vorhin vorbeigefahren, jetzt sind wir aber am anderen Ende des Dorfes und zu faul, den Weg noch einmal retour zu fahren. Also hinauf auf die D, hinaus in die Landschaft, der Tag ist ja relativ frisch, zwar schon nach Mittag, aber noch vor Kaffeezeit. Château de Faulin zur Linken, Lucy-sur-Yonne durchkreuzt. Während die Zahlenkombinationen von 21 über 951 und 144 bis hin zu 1 wechseln, bleibt der Buchstabe davor unverändert derselbe: D wie Dahintreiben. D wie Daseinsfreude. Und plötzlich: D – wie Donzy!


Marc Mercier, Chef im „Le Grand Monarque“

„Sind Sie das, Monsieur?“ – Es ist zugegebenermaßen eine bescheuerte Frage, denn natürlich ist er es, aber man lässt ja nichts unversucht, um die eigene Neugierde zu stillen. Das Foto an der Wand zeigt ganz deutlich Marc Mercier, den Maître d’hôtel und Besitzer des „Le Grand Monarque“, mit einem sehr bekannten Franzosen: Seite an Seite mit Michel Platini zu stehen, ist nicht alltäglich, „aber auch viele Jahre her“, sagt der freundliche Monsieur mit dem breiten Lächeln. Er habe eine Zeit lang für den Europäischen Fußballverband (UEFA) als Koch gearbeitet, bis er sich seinen Traum von Unabhängigkeit erfüllen konnte. Jetzt ist er sein eigener Chef im Hotel zu Füßen der Église Notre-Dame-du-Pré in der schnuckeligen Ortschaft Donzy, die am Nachmittag am Wegesrand liegt auf der Reise durch die Bourgogne-Franche-Comté, wie es Ortschaften wie diese gemeinhin zu tun pflegen: nicht aufdringlich, aber mit überwältigendem Charme zwischen Verfall und edler Patina. Etwa 1600 Einwohner zählt die Gemeinde am Fluss Nohain. Michel Platini gehört nicht dazu.


Ton in Ton: Savane und Notre-Dame-du-Pré in Donzy

Marc Mercier steht neben einem riesigen, alten gusseisernen Herd, über dem schwere Pfannen und Töpfe aus Kupfer herabhängen. „An diesem Herd habe ich mein Handwerk gelernt.“ Heute gehört er zu denen, die es verstehen, gehobene Küche kunst- und lustvoll auch auf Teller derer zu zaubern, die sich für das Essen nicht gleich hoch verschulden wollen. Im „Logis de France“-Hotelführer, quasi einer Bibel für Frankreich-Reisende, die keinen Wohnwagen hinter sich herschleppen – für einen R4 ohnehin kaum möglich (aber machbar!) – und von Wurfzelten, Isomatten und Ameisen in der Unterhose wenig halten, wird Merciers Herberge mit drei Kaminen („cheminée“) und zwei Töpfen („cocotte“) bewertet, was schon ziemlich gut ist. Angesichts dessen, was an diesem Abend auf die Teller kommen wird und – so viel sei im Voraus verraten – morgen nach dem Aufstehen als Frühstück auf und an eben jener gusseisernen Traditionskochstelle bereitsteht, die nur noch als Zierde dient, dürfte der dritte „cocotte“ in greifbarer Nähe sein.

„Le Grand Monarque“ ist eines dieser vielen Logis-Hotels, denen man von außen nicht ansieht, was drinsteckt. Noch die Vergangenheit der alten Postkutschenstation spürbar in der Fassade verankert, offenbart das Haus innen eine Mischung aus Modernität und gelassenem Charme der Vergangenheit. Wer nach opulentem Mahl und ein paar Gläsern Wein, von denen eines zu viel war, zum Zimmer in die obere Etage gelangen will, ist froh, sich am Seil im Treppenturm hinaufzuhangeln, das anstatt eines Handlaufs gespannt ist und für eine geradezu ritterliche Atmosphäre sorgt. Merciers Ehefrau Anne-Marie ist stolz auf das alles hier. „Und dass dort draußen auf unserem Hof eine Quatrelle parkt, hat es auch lange nicht mehr gegeben. Sehr lange“, sagt sie, zieht die Augenbrauen zustimmend nach oben und versucht, sich den letzten Gast mit einem Renault 4 hervorzurufen. Vergeblich. Muss sehr lange her sein. Umso schöner, dass da jetzt einer steht, der sich farblich den Fassaden angleicht. Das Fahrzeug passe perfekt ins Bild der geschichtsträchtigen Gasthausmauern und der Kirche im Hintergrund. Ein altes Haus, ein altes Gotteshaus, ein altes Auto.

Aber ein junger Wein. Auf der Terrasse, wo die Mieze des Hotels mausmäßig gerade Trübsal bläst, serviert Anne-Marie einen Cotteaux du Giennois der Domaine de Villargeau aus der Umgegend. Der Keller des Hotels offenbart noch eine Menge mehr wohlschmeckender Rebsäfte aus anderen Regionen, aber mit denen aus dem Umkreis sollte man bekanntlich beginnen. Und dieser hier ist wirklich gut. So schmeckt also Donzy! Ein paar Meter vom Hotel entfernt befindet sich ein Teich, der vom Flüsschen Nohain gespeist wird. Inmitten des Gewässers ist eine kleine Insel; von dort betrachtet ein Schwan das Nahrungsangebot, das höchstwahrscheinlich des Öfteren in Form von raschelnden Tüten mit Inhalt daherkommt. So schmeckt ihm, dem Schwan, Donzy. Und schon rauscht er auch heran und präsentiert sein flauschiges Federkleid im Stile einer Haute-Couture-Modenschau, der Angeber. Für die Könige Frankreichs waren diese stolzen Vögel übrigens Delikatessen; die direkten Vorfahren dieses Exemplars hatten viel Glück gehabt, weil Schwan heute nicht mehr in Töpfe und auf Teller kommt. Auch nicht im „Le Grand Monarque“.


Der heimliche König von Donzy ...

Ein Mühlrad dreht sich, es poltert, es plätschert und rauscht, und wer genau zuhört, wird das ewige Lied aus Verfall und Hoffnung erkennen, das in so vielen Ortschaften gespielt wird, hier vom Wasser, dort vom Wind. Donzy ist nicht arm, nicht reich, ist im Grunde so etwas wie das Paradebeispiel einer D-Straßen-Ortschaft. Bildhübsche Häuser auf der einen Seite, verlassene Betriebe und Gebäude, deren Mauerrisse mit jedem Tag größer werden, auf der anderen. Die jungen Menschen driften Richtung Paris, Auxerre, Orléans, die alten bleiben hier. Das ist das Schicksal, das sich Donzy hundertfach mit anderen Ortschaften in Frankreich teilt. Aber die D1, die haben nur wenige, die Mutter aller D-Straßen, sie führt direkt durch diese Gemeinde. Nicht dass man stolz darauf sein müsste hier in Donzy, da gibt es andere Vorzüge, aber Frankreichs Straßennetz ist mit über einer Million Kilometern, von denen rund ein Drittel auf Département-Straßen entfällt, schon ziemlich groß, und die D1 klingt doch sehr verheißungsvoll nach Anfang und Aufbruch.

Am nächsten Morgen: Der Tank ist voll, die Taschen gepackt, die Mieze schleicht ums Auto, noch immer ohne Maus. Was haben wir eingetragen ins Fahrtenbuch? Mal schauen, da steht: „Bad und WC super, mit Riesendusche samt Massagestrahl, rosafarbene Bodenfliesen; Chambre sehr komfortabel, sehr gutes Bett, breit, mit fester Matratze; Frühstück sogar mit frisch geschnittener Ananas und himmlischer Feigenmarmelade aus eigener Produktion, stimmungsvoll drapiert am gusseisernen Herd im Vorraum des Restaurants.“ Wir sagen den Merciers Dank, fahren vom Hof am nach wie vor selbstverliebten Schwan vorbei auf die D1 und brechen auf zu neuen Ufern, was sprichwörtlich zu nehmen ist, denn die Loire ist nicht mehr weit entfernt.

Ein Auto parkt ein. Wir sitzen auf bunten Stühlen. Der Käse ohne Namen.

Nichts als Stille im Dörfchen Mézilles. Das liegt daran, dass gerade Mittagspause ist. Allerdings wohnen hier auch nur um die sechshundert Menschen, die Mézillois genannt werden, was wie eine berühmte französische Zigarettenmarke klingt. Die Kirche hat schon bessere Tage erlebt. Saint-Mariens Decken schimmeln in relativem Dunkel vor sich hin, es duftet nach Kellerfeuchte. Vorne am Eingang ist ein Gerüst aufgebaut worden, eine blaue Plane verhängt einen Teil der Fassade. Die Sanierungsarbeiten für dieses „Monument historique“, einem als schützenswert eingestuften Denkmal aus dem 16. Jahrhundert, werden den Mézillois gefallen. Von der Terrasse der Bar Le Bacchus ließe sich die Bautätigkeit recht entspannt betrachten. Ist bloß gerade keiner da, weder auf der Baustelle noch in der niedlichen Tränke. Sie hat geschlossen. So ein Elend. Jedes Mal, wenn die Sekundensehnsucht nach einem belebenden Glas Sauvignon zwischen midi und après-midi am größten ist, steht man enttäuscht vor einer Türe, die nicht aufgeht. Man lugt durch das Fenster, man drückt die Klinke mehr als nur einmal, man rüttelt daran, als wenn es etwas bringen würde, und wenn man nicht aufpasst, klebt die Zunge an der Pforte fest, weil sie zu weit heraushängt. Der Groschen fällt langsam, und je langsamer er niedergeht, bisweilen in Zeitlupe, desto größer ist die Enttäuschung darüber, dass wirklich, aber auch wirklich keiner da ist, der jetzt öffnen wird. Das wäre doch eine so hübsche Gelegenheit, auf der Terrasse dieser freudestrahlenden Bar zu sitzen und verliebte Blicke auf die Quatrelle zu werfen, die auf der Place de l'Église durchschnaufen darf. Kein anderes Auto steht jetzt dort, sie hat den ganzen Hof für sich alleine. Einen Vormittag lang ist sie schon durch die Franche-Comté gescheucht worden und hat sich im Schatten des Turms von Saint-Marien die Auszeit verdient. Wenigstens ist die Kirche geöffnet. Mit Messwein ist darin nicht zu rechnen, mit Sauvignon schon mal gar nicht, aber ein kultureller Kleinstspaziergang unter göttlicher Aufsicht lässt die irdischen Gelüste vielleicht ja vergessen machen. Ob es nun das komplett aus Holz bestehende Dachgewölbe des Kirchenschiffes oder die zahlreichen Wandmalereien sind – Saint-Marien offenbart ihren ganz eigenen Charakter, wie es so viele andere Kirchen und Kapellen auch tun, die in Frankreich oft den ganzen Tag lang geöffnet haben, damit Reisende und Rastende in sie eintauchen können, um ihre Geschichte zu ergründen oder aktuelle Ausstellungen zu betrachten, die dort gezeigt werden, weil es bessere Räume für Ausstellungen eigentlich nicht geben kann. Nie wird das langweilig, die himmlischen Häuser haben zu jeder Zeit etwas zu erzählen, und je stiller es darin ist, desto mehr wird derjenige erfahren, der die Kunst des Schweigens genauso gut beherrscht wie die alten, kalten Mauern. Hier ist es das Fresko des Martyriums des Heiligen Blasius, das aus der Stille des Steins schreit. Hinter Saint-Marien gibt es einen alten Waschplatz, der ausnahmsweise nicht den Eindruck macht, dass er von der Dorfgemeinschaft mit Akribie sauber gehalten wird. Er ist am Ufer des Branlin, der sich zwischen Bach und Fluss nicht entscheiden will. Aber er fließt, fließt leise durch Mézilles, der Ortschaft, die ein Schläfchen hält. Fast wäre jetzt der Durst nach dem Sauvignon vergessen gewesen, fast hätte sich das Sirren des schmalbrüstigen Renaults, zur Abfahrt bereit, über die Ruhe der Ortschaft ergossen, wenn nicht in diesem Moment ein anderes Auto geräuschvoll auf der Place de l'Église vorgefahren wäre. Ein zweites folgt. Und in der Bar wird das Licht angeschaltet. Bacchus, der Göttliche, ein Trinker vor dem Herrn, hat doch noch ein Einsehen. Oder er ist einfach nur geschäftstüchtig, weil er weiß, was in der kommenden Viertelstunde passieren wird …

Wir sitzen draußen auf grünen Stühlen an einem roten, runden Tisch aus Stahl. Endlich mal keine Stapelsessel aus wabbeligem Kunststoff, die Namen wie „Altea“ oder „Scilla“ tragen und für fünf Euro pro Stück zehntausendfach in Discountern verkauft werden, weil selbst Baumärkte, die etwas auf sich halten, das Zeug nicht mehr unters Volk bringen wollen. Wer sie erfunden hat und clever genug war, ein Patent darauf anzumelden, sitzt vermutlich längst auf besserem Mobiliar. Indes kaufen Franzosen wie verrückt den Stapelsessel, meistens in Weiß, manchmal in gewagtem Jägergrün oder Hundekotbraun, was ihn auch nicht schöner aussehen lässt. Stapelsessel stehen überall. Sie verunstalten Balkone, sie verschandeln Terrassen vor Bars und Restaurants, in Gärten, und es ist höchst verwunderlich, dass selbst Schlossbesitzer nicht davor zurückschrecken, die Kunststoffungeheuer in Dutzenden auf hellem, edlem Kies um sonnenermattete Plastiktische zu gruppieren. Es sieht billig aus, weil es billig ist. Es gibt Häuser, windschiefe, charaktervolle Häuser aus vergangenen Jahrhunderten, mit unterteilten Fenstern, noch einfach verglast, die von hellblauen, gelben oder weißen Läden gesäumt sind und auf denen schmale Schornsteine aus rotem Klinker thronen, in deren Vorgärten Stapelsessel stehen, die wie Furunkel wirken. Man würde gerne anhalten und sie herausoperieren, um den Charme wieder herzustellen, aber weil hier in Frankreich überall diese Alteas und Scillas auftauchen, fährt man lieber weiter und versucht, darüber hinwegzusehen – was schwierig ist. Wir freuen uns, dass wir auf der Terrasse einer Bar wie Le Bacchus endlich mal nicht in einen Plastikstapelsessel gezwungen werden. Der Wein ist bestellt, die Wirtin – Geneviève Piticco mit Namen – bringt ihn mit einem Lächeln in zwei schmalen Römergläsern heraus und fragt uns, ob wir einen Käse dazu haben möchten. Natürlich, ein Käse, hervorragende Idee. Sie geht glücklich hinein und kehrt nach kaum einer Minute genauso entzückt zurück. Es ist 14:02 Uhr. „Voilà, fromage chèvre fumé“, sagt sie. Den champagnerkorkengroßen Laib hat sie geviertelt.

14:03 Uhr. Das nächste Auto parkt auf der Place de l'Église ein, es ist das vierte. Zwei Damen steigen aus, hübsch hergerichtet, schätzungsweise zwischen sechzig und siebzig Jahren alt. Sie stöckeln auf Bacchus' Bar zu, um der mézilloischen Lebensart zu frönen. Unser Blick schweift über den Platz, der umgeben ist von zerrütteter Schönheit, von alten, wundervollen Fassaden, aus denen der Putz bröckelt, und anderen, die saniert worden sind. Die Kirchturmspitze spiegelt sich im Wein. Der Käse schmeckt ausgezeichnet. Geneviève kehrt zurück, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei.

„Ja, unbedingt. Sagen Sie mal, das ist ja ein vorzüglicher Käse. Wie heißt er denn?“

Die Wirtin sagt: „Chèvre fumé.“

„Nein, nein, wir möchten gerne wissen, wie er heißt. Wie sein Name ist!“

Sie wiederholt: „Chèvre fumé.“

Unterdessen parkt das fünfte Auto vor ihrer „piticcoresken“ Bar ein, gleich neben dem R4. Es ist 14:05 Uhr. Eine Dame schält sich stöhnend aus einem lausigen Blechkasten mit Beulen rundherum, zieht eine Handtasche nach, die halb so groß ist wie sie, aber als sie es endlich geschafft hat, ruft sie ein freundliches „bonjour“ herüber, trappelt auf die Bar zu und gleitet hinein wie eine Forelle ins Netz.

„Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, der Käse, nein, der hat keinen speziellen …“, sagt Geneviève, wird wieder unterbrochen. Während sie versucht, den Satz zu Ende zu bringen, kommt das sechste und siebente Auto. Die Place de l'Église füllt sich. „Ah, bonjour … bisou, bisou …“ Geneviève wird von Doppelküsschen bombardiert. „Es tut mir leid, es ist einfach nur ein ‚chèvre fumé‘, weil es ein fromage chèvre fumé ist“, sagt sie. Ein geräucherter Schafskäse.

„Demnach hat er keinen Namen, unter dem man ihn im Markt finden und kaufen könnte?“, fragen wir zur Sicherheit noch einmal nach. Wir hatten nicht erwartet, dass er Horst, Heinz oder Dieter heißt, aber womöglich Chèvre fumé Mézillois oder so ähnlich.

„… hm … non.“

14:07 Uhr. Achtes Auto. Ein Lieferwagen. Zwei Typen in Blaumännern rumpeln aus dem Inneren, der eine bohrt in der Nase, der andere kramt am Gemächt herum. Er rückt da etwas zurecht und zieht die viel zu weite Hose dann hoch bis über die Hüften, bevor er die TL Savane näher betrachtet. Er blickt hinein, geht einmal herum ums Auto und sagt irgendetwas Nettes zu seinem Kollegen. Dann gehen sie in die Bar.

14:08 Uhr. Neuntes Auto. Eine ältere Dame. Will auch nicht in die Kirche, will in die Bar und einen heben. Geneviève ist schon wieder hinter dem Tresen verschwunden, drinnen, wo sie jetzt alle sitzen.

14:10 Uhr. Das Spiegelbild des Kirchturms von Saint-Marien im Glas wird kleiner. Das liegt daran, dass nicht mehr so viel drin ist. Kirchenfenster waren vorher schon kaum zu sehen, als es noch voll war, denn ein leichter Sauvignon bildet so gut wie keine aus. Drei, vier Minuten vergehen, bis der Turm in beiden Gläsern verschwunden ist. Wir würden ja gerne noch eine zweite Runde ordern, aber die Zeit drängt mindestens so spürbar wie die Promillegrenze, und irgendwann brauchen wir heute noch ein Hotel. Wir möchten zahlen und gehen.

„Madame, der Käse ist wirklich außerordentlich. Würden Sie uns noch zwei Laibe verkaufen? Wir brauchen noch Proviant!“

„Selbstverständlich. Suchen Sie sich zwei aus.“ Geneviève öffnet eine Schachtel, in der sich ein gutes Dutzend dieser Schafskäse befindet, von denen keiner einen Namen trägt. Sie führt die Schachtel unter ihre Nase und inhaliert den Duft auf eine Weise, wie Norddeutsche eine Lösung aus Wasser, Kamillentee, Kochsalz und Eukalyptusöl unter einem Handtuch versteckt und den Kopf über einem heißen Topf haltend in sich aufsaugen, wenn sie Schnupfen haben. Dann zeigt sie auf den einen Käse, zweite Reihe, ganz links und den daneben, seinen Kumpel. „Das sind die beiden besten. Aber versuchen Sie selbst.“ Sie hält uns die Schachtel unter die Nasen. Wir schnüffeln ein bisschen herum und kommen nicht ganz überraschend zu demselben Ergebnis. Die Wirtin rollt den Käse, den es anderswo nicht zu kaufen gibt, weil ein Bauer aus der Region um Mézilles das Produkt nur in kleinen Einheiten fabriziert, in Papier und verlangt fünf Euro.

„Sie haben den Wein vergessen. Den haben wir noch nicht bezahlt“, weisen wir sie auf die Rechnung hin.

„Der ist darin schon enthalten. Ich mache einfach eine runde Summe, wenn Sie nichts dagegen haben.“


Wunder-Bar: Pause mit Käse und Wein auf der Terrasse des „Le Bacchus“ in Mézilles

Zwei Gläser Wein und drei Käse für fünf Euro – nein, dagegen kann man nichts haben, und wenn es möglich wäre, hier ein Zimmer zu mieten, würden wir es auf der Stelle tun, bis zum Schlafengehen Wein trinken und Käse essen auf der Terrasse der Bar Le Bacchus. Auf der Place de l’Église stehen mittlerweile sechzehn Autos und erwecken den Eindruck, dass das Dorf am Branlin nicht so verschlafen ist, wie es vorhin noch gewirkt hatte, als wir auf der D52 hineinrollten. Mit zwei geräucherten Käselaiben im Gepäck rollen wir nun wieder raus und sind uns sicher zu wissen, dass sie die Reise weder überleben noch zu Hause ankommen werden. Wir ahnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dieses leckere Produkt ein Wiedersehen plant.

Wir haben einen guten Freund, der sich um den Garten und die Post kümmert, während wir mit Käse und Karacho über französische D-Pisten knetern. Er ist vielleicht der einzige Mensch auf der Welt, der unser Ansinnen, nach der Freiheit zu greifen, indem wir uns in ein langsames, altes Auto setzen, wirklich verstehen kann. Ricki heißt er, Ricki mit „i“, darauf legt er Wert, keiner nennt ihn Richard, und er ist sieben Jahre hintereinander immer sechs Wochen lang durch Frankreich gefahren, dann, wenn das Theater, auf dessen Bühne er als Schauspieler in der Schweiz im Scheinwerferlicht stand, Ferien machte. Für diese Reisen setzte er sich stets in seinen Citroën 2CV. Warum Ricki, auch Regisseur, Autor und überhaupt ein Mann voller Leidenschaft fürs Kochen und die Künste, seine Enten-Jahre nicht als humoreskes Stück zu Papier und auf die Bühne gebracht hatte, bleibt sein Geheimnis. Da gab es zum Beispiel diesen Nachmittag, als er auf einem Parkplatz schwungvoll galant zwischen Ferrari und Bentley einparkte. Schwups, hinein in die schmale Lücke. Ausgerechnet in Collonges-au-Mont-d’Or bei Bocuse, dem Dreisterner unter den Dreisterne-Köchen, wo vermutlich jeder Käse einen Namen hat. „Allez, allez, allez, va-t’en“, habe ihn der Parkplatz-Sheriff, kurz vorm Herzinfarkt stehend, aufgefordert zu verschwinden. Es dauerte seine Zeit, bis geklärt war, dass Ricki, quasi schon als Feinschmecker im „Weißen Rössl“ am Wolfgangsee zur Welt gekommen, tatsächlich einen Tisch bestellt hatte und sehr wohl zwischen all den Luxuslinern parken durfte. Aber wer kommt auch schon mit einer „Döschewo“ zu Bocuse!? Es muss ein traumhaftes Bild gewesen sein, man hätte es in Stein meißeln müssen. Das war Anfang der Siebzigerjahre. „Ich weiß nicht, ob es Liebe auf den ersten Blick war, der Preis, oder weil ein Freund und Kollege einen Döschi fuhr. Immerhin haben wir, die Ente und ich, in Treue vereint, so etwas wie Silberne Hochzeit gefeiert“, erinnert er sich gerne an diese Zeit zurück.

Ein Vierteljahrhundert kein anderes Auto zu fahren, nur einen Citroën 2CV, zeugt von wahrer Liebe und Geduld. Es war natürlich nicht eine einzige Ente, so lange hielten die nie. Auf den 2 CV4 in schönstem Weinrot folgte eine Ente in elegantem Beige und hieß dann 2 CV6, weil sie mit wahnsinnig starken 28 PS voranflitzte, fast 110 Kilometer pro Stunde erreichte, und das sogar in der De-luxe-Ausstattung: mit Aschenbecher. Grundsätzlich war's aber eine simple Kutsche. Die Ente war 1938 als Prototyp in Wellblech-Design und einäugig, als „toute petite voiture“ – also etwa „ganz kleines Auto“ – speziell für Landwirte auf den Markt gekommen. Zwei Bauern in Stiefeln sollten Platz finden, ein Sack Kartoffeln oder ein Fass Wein, und die Federung sollte garantieren, dass ein Korb Eier auf der Rückbank holprigste Feldwege unbeschadet überstand. Beim R4, dem Konkurrenzmodell aus dem Hause Renault, wurden Jahre später exakt dieselben Argumente aus dem Hut gezaubert. Wer Ente fuhr, sagt Ricki, der legte sich unumkippbar auf die Seite und trotzte allen noch so engen Kurven. „Sie hat jeden Elch-Test bestanden.“ Realistisch betrachtet konnte sie nur der Rost aus der Bahn werfen. Ein Stück Auspuffrohr, mal vorne, mal hinten, musste jährlich ausgetauscht werden. Aber sie war praktisch, preiswert, perfekt für Studenten, Rentner und das ideale Urlaubsauto, mit dem man am Meer unbeschadet auch in die Dünen fahren konnte, als das noch erlaubt war. Mit Sportwagen ging das nicht, die blieben im Sand stecken.

Eines Tages fuhr Ricki mit seiner Ente an einem späten Nachmittag vom Allgäu Richtung Tegernsee. Schmale Straße, es ging hoch, oben Kehre, um steil nach unten zu führen, 90-Grad-Kurve, wieder hoch mit Kehre am Scheitelpunkt. Hinter ihm ein Porsche 911 Carrera. Über Stunden. „Am Abend im Hotel Post in Tegernsee im Speisesaal kommt ein Herr an meinen Tisch und fragt, ob ich der Entenfahrer sei. Aber ja doch, sage ich ihm“, erinnert sich Ricki heute. – „Was haben Sie da für einen Motor drin? Ich konnte Sie mit meinem Porsche nicht überholen!“


Die Ente – auch eine Ikone

Es wurde trotzdem ein netter Abend, und mit Verabredung durfte der Porschefahrer am nächsten Tag auf der Autobahn Richtung München mit der doppelten Geschwindigkeit und Winkewinke überholen. Endlich war auch für ihn die Welt wieder in Ordnung, aber eben erst ab dem Zeitpunkt des Überholvorgangs, einer Sache, die Enten- und R4-Fahrer nicht interessiert, heute, da sie in der absoluten Minderheit sind und von den Millionen Wägelchen nur noch eine kleine Anzahl erhalten ist, interessiert es sie umso weniger. Das Prötteln und Rattern der Motoren ist Musik in den Ohren der Insassen, und wer auch immer zum Vorbeifahren ansetzt, man lässt es ihn tun in der Gewissheit, diese Hatz nicht nötig zu haben. Das ist kein Trotz, das ist kein Neid, das ist einfach ein großartiges Lebensgefühl. Und hier schließt sich der Kreis vom Allgäu nach Frankreich, von Ricki zu uns, von Ente zu Quatrelle. Denn vermutlich gab es nur wenige Enten, die so oft vor romanischen Kirchen abgestellt wurden. Ob Cluny, diese Ikone der Romanik, Autun, Vézelay oder im Süden Moissac und Pic du Canigou: Wo immer in „toute France“ Ricki sein Schnauferl vor Kirchen und Kathedralen parkte, wurde erst besichtigt und dann Espresso und Perrier getrunken, bevor das nächste Ziel über Frankreichs D-Straßen angesteuert wurde. Genauso sind auch wir unterwegs, die zugegebenermaßen ein weniger geschultes Auge für die Romanik haben, die aber ebenso magisch von Kirchen und Abteien, Burgen und kleinsten Ortschaften angelockt werden. Mancher Kirchturm ist schon kilometerweit im Voraus zu sehen, dann halten wir Kurs, halten darauf zu, und wenn wir angekommen sind, parken wir die TL Savane in seinem Schatten. Wie in Mézilles, wo Bacchus, der Weingott, eine Bar gleich neben der Filiale seines Chefs hat und Käse keinen Namen trägt.

PS: Das mit der Geschwindigkeit ist natürlich so eine Sache. Das Aus für Rickis Ente kam nämlich viele Jahre später, als seine Frau Beate im Sturm geschüttelt und dann noch von zwei Traktoren auf einer Bundesstraße überholt wurde. Danach wollte sie endlich „ein richtiges Auto“. Ricki gibt ihr da heute noch recht. „Die Ente war kein Auto, es war ein Zustand: Lebensgefühl und Liebe“, sagt er, der zu Hause wohl gerade die Blumen gießt und an uns denkt, wie wir an ihn, als wir die nächste „D“ auf uns nehmen. Wir fahren keine Ente, wir haben uns für den Renault 4 entschieden, der ein paar PS mehr unter der Haube hat und ein bisschen schneller rennt, der auch etwas moderner ist und womöglich sicherer und doch wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Wir wissen das und genießen es. Aber bislang hat auch noch kein Traktor zum Überholen angesetzt.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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398 стр. 98 иллюстраций
ISBN:
9783947944828
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