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Anke Jablinski

SECRET

Die Geschichte vom Einhandsegler, Katzen und Schmetterlingen …

ErlebnisMalta 3

Anke Jablinski

SECRET

Die Geschichte vom Einhandsegler, Katzen und Schmetterlingen …

ErlebnisMalta 3

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: März 2022

p.machinery Michael Haitel

Titelfoto: Björn Koch, jojobasail.de

Fotobearbeitung: Klaus Brandt

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 272 0

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 826 5

Für die Gestrandeten und Pechvögel,

für Lebenskünstler und alle,

die das Meer lieben.

Erster Teil: Adria

Josephine

Die Jacke war ihr viel zu groß. Sie gefiel ihr auch nicht und stank nach Nikotin und Hund. Aber alles war besser, als weiter zu frieren, wie in der letzten Nacht, die sie am Ende auf der Parkbank verbracht hatte. Sie krempelte die Ärmel ein wenig hoch, fluchte in griechischer Sprache über den defekten Reißverschluss, durch den die Lederjacke keinen Schutz vor dem Dauerregen bot, spuckte einen Kaugummi aus und überlegte, was zu tun war.

Josephines letztes Quartier war abgerissen worden, wahrscheinlich rechtzeitig, bevor die Touristen in Strömen kamen und diese verfallenen und uralten Baracken zu Gesicht bekamen, die am Stadtrand von Split lagen. Wie geleckt sollten die Straßen aussehen, und reich das Land, in dem die Bevölkerung doch so arm war, und die Arbeitslosigkeit höher als in fast allen anderen europäischen Ländern.

Bald wird hier dasselbe passieren, wie in Griechenland, dachte sie, aber für Politik interessierte sie sich schon lange nicht mehr.

Es gab Wichtigeres. Ein neuer Schlafplatz musste her, ein Platz, wo sie keiner finden würde, vielleicht sogar einer, der Wärme spendete oder zumindest vor dem Regen schützte, der nun schon drei Wochen lang anhielt. Sie spuckte auf den Asphalt, blickte zum Hafen hinüber und lief zu einem Café, um sich dort wie gewohnt drei Flaschen Bier zu kaufen.

Der Kellner kannte sie seit vielen Wochen, suchte nach einer Plastiktüte, in die er die beiden anderen Flaschen steckte, die erste Flasche öffnete, und sie Josephine mit teils mitleidvollem, teils angewidertem Blick reichte, wie jedes Mal.

»Sechzig Kuna, wie immer«, sagte der junge Kellner, und Josephine murmelte »hvala«, bevor sie es sich unter einer Palme der schrecklich hübschen Promenade gemütlich machte, sich die Plastiktüte über den Kopf stülpte und das erste Bier hastig hinunterkippte.

Ihr Magen knurrte laut und erinnerte sie daran, dass sie heute noch gar nichts gegessen hatte. Sie war von den Abrissbaggern geweckt worden, mitten in der Nacht, wie es ihr vorgekommen war. Sie hatten ihre schöne, alte Bruchbude niedergewalzt, einfach so, ohne sie darauf vorzubereiten. »Scheiße«, nuschelte sie, »alles Scheiße!«

Die alte Lederjacke hatte einem Kollegen gehört, der sie in dem verfallenen Steinhaus ein- oder zweimal zum Trinken besucht hatte, und der diese zuletzt in einer Ecke des Zimmers hatte liegen lassen, nachdem er in Windeseile eine ganze Flasche Wodka getrunken hatte. Wenn sie sich begegnen würden, würde er die Jacke erkennen und zurückhaben wollen, das war ihr klar.

Schon wieder von vorne anfangen, dachte sie, wieder neue Klamotten besorgen, neue Möbel, neue Bilder malen, irgendwo einen schönen Platz finden, den keiner kennt oder leicht entdecken kann. Sie hatte sich in der alten Baracke liebevoll eingerichtet, es hatte mehrere bunte Klappstühle, einen Metalltisch, ein Regal aus sechs Holzbrettern und viele Kerzen gegeben, diverse Decken und natürlich eine Matratze und die Staffelei, die beiden wichtigsten Gegenstände in ihrem Leben. Als die Männer kamen, machten sie alles dem Boden gleich, ohne Rücksicht auf ihre Bilder aus Bleistift und Kohle, die lebenswichtig für sie waren, zu nehmen. Sie hatten sich lustig über sie gemacht, und so hatte sie lieber nur rasch die Jacke und die Flucht ergriffen, bevor Schlimmeres passierte.

Der Regen ließ ein wenig nach, und einmal blinzelte sogar die Sonne zwischen den Wolken hervor. Das Bier war ausgetrunken, und der Bauch, der immer dicker wurde, blähte sich auf und sah von oben aus wie der Bauch einer Hochschwangeren. Sie zog die Bluse provokant nach oben, zeigte ihren Bauch und lachte laut.

Schwerfällig stand sie auf, warf die leeren Flaschen in den Mülleimer, an dessen Kante sie die zwei anderen Flaschen geöffnet hatte, und zählte ihr verbliebenes Geld, das sie immer in einer Gürteltasche bei sich trug. Na, wenigstens etwas, murmelte sie in sich hinein, fast dreihundertfünfzig Kuna befanden sich zerknittert in den Ecken des kleinen, schwarzen Ledertäschchens.

Sie taumelte hinüber zu den Restaurants an der Promenade, von denen einige schon geöffnet hatten, obwohl die Saison noch nicht begonnen hatte. Lediglich zwei kroatische Paare saßen tapfer am Mittagstisch unter einem Schirm und trotzten der kühlen Aprilluft. Sie ging zur Toilette, schaute in den Spiegel und sah eine verwahrloste Gestalt. Ihre Haare waren längst zu Dreadlocks geworden, heute aber standen sie wüst in alle Richtungen; vom einst schönen kastanienbraunen Haar war nichts mehr zu sehen. Fast schon durch und durch grau sah das Haar aus, und das mit Anfang vierzig!

Sie wusch sich die Achseln, den Hals und das Gesicht. Ihre Hände blieben schwarz, vor allem Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand wurden nicht mehr sauber. »Scheiße«, sagte sie wieder, »alles Scheiße, und du bist alt und hässlich geworden, meine Liebe«, verließ die Toilette und bestellte sich eine Pizza mit Meeresfrüchten zum Frühstück.

Seit einigen Monaten aß sie mit Ausnahme von Soßen und Suppen alles mit den Fingern und hatte sich den Umgang mit Messer und Gabel gänzlich abgewöhnt. Sie zog die Blicke auf sich, wenn sie mit ihren kohlschwarzen Fingern die Pizza in Stücke riss wie ein Tier, aber es kümmerte sie nicht. Auch, dass der Kellner ihr den Platz zugewiesen hatte, wo man sie kaum sehen konnte, nahm sie gleichgültig zur Kenntnis. Ihr war alles egal, alles, was zählte, war eine neue Unterkunft zu finden, die sie vor der Nässe schützte. So lief sie nach dem Frühstück von der Altstadt zum Busbahnhof, um sich in der Peripherie von Split auf die Suche zu machen.

»Josephine, Josephine, hola, qué tal?«, rief ihr ein alter Mann zu, den hier am Bahnhof alle nur den Spanier nannten. Er war einer der Gestrandeten von Split, die sich gegenseitig alle kannten, mit oder ohne Namen. Der Spanier saß bei Regen oft hier, um sich auf einer Bank der Haltestelle gegen die Nässe zu schützen. Josephine sah eine Frau neben ihm aufstehen und nahm deren Platz ein. Sie unterhielten sich in spanischer Sprache, der Josephine mächtig war.

»Reichlich feucht heute. Die blöde Jacke lässt sich nicht schließen, und ich brauche eine neue Unterkunft.«

Der Spanier lachte dreckig und hustete.

»Die brauchen wir alle, Schätzchen. Aber wo? Wo nur? Die alten Häuser werden alle abgerissen. Du weißt ja, wo ich zurzeit wohne«, sagte er, zeigte hinüber zum Berg Marjan und grapschte nach Josephines weicher, fülliger Brust.

»Ja, ja, weiß ich, Spanier, aber ich ziehe nicht bei dir ein, sonst vergewaltigst du mich jede Nacht.«

Der Spanier krümmte sich vor Lachen, trank einen Schluck Rotwein aus einer Flasche und reichte sie Josephine, die dankend ablehnte. Scheiß Billigfusel, dachte sie. Die Frau, die vorher auf ihrem Platz gesessen hatte, stieg in einen Bus und vergaß ihren Schirm, der neben der Bank stand. Josephine nahm ihn an sich, verabschiedete sich vom Spanier, stieg in den Bus Nummer 60 ein, und fuhr in eine Gegend, in der sie erst kürzlich leer stehende Häuser gesichtet hatte.

Sie hatte kein Glück gehabt, keins der Häuser hatte sich als bewohnbar herausgestellt. Die meisten waren bereits abgerissen worden, bei einigen war kein Dach mehr vorhanden, und bei wieder anderen störte sie die Nähe zu Menschen, die zur Miete wohnten. Sie war daraufhin in die Stadt zurückgekehrt, um sich in dem einzigen guten Geschäft für Künstlerbedarf neues Handwerksgerät zu kaufen, das sie dringend benötigte, um Geld zu verdienen. Sie war sehr wählerisch und pingelig und brachte die Verkäuferin fast zum Wahnsinn, die vor sich nichts als eine Irre sah. Von ihrem letzten Geld kaufte sie schließlich einen DIN-A3-Block, Radiergummi und Anspitzer, Kohlestifte und Bleistifte in vier unterschiedlichen Härten, für mehr reichte das Geld nicht, was sie verärgerte.

»Ja, ja, ich brauche unbedingt eine Tüte, Sie sehen ja, ich habe keine Tasche, geben Sie mir bitte drei Tüten, oder vier«, befahl sie der arroganten Verkäuferin genervt, die ihr schließlich mit herablassenden Augenaufschlag und zusammengepressten Lippen drei Plastiktüten mit auf den Weg gab.

»Koza«, stöhnte sie, blöde Ziege, womit die junge, arrogante Verkäuferin gemeint war. Josephine lief durch ihren neuen Regenschirm gut geschützt an der Kathedrale vorbei und fand in der Altstadt einen schönen Platz unter einem Torbogen, der sie vor dem Regen schützte und an dem sie ein wenig versteckt sitzen und zeichnen konnte. Bei Besichtigung der Baracken hatte sie sich an einem Kiosk eine Flasche Wasser und ein Boulevardmagazin gekauft, in dem die Promis von heute abgebildet waren, die sie keine Spur interessierten, die sie aber als Reklamebilder brauchte, wenn sie Touristen oder Kroaten porträtieren und Geld verdienen wollte. Miley Cyrus sah sie beim Durchblättern und Mario Mandzukic, den kroatischen Fußballhelden, der jetzt für Bayern kickte, oder auch Cate Blanchett kam infrage. Drei Bilder sollten für das Erste reichen, die blöde Cyrus mit herausgestreckter Zunge in Bleistift, die anderen beiden Promis in Kohle. Mit dem Rücken zu den Passanten begann sie mit den unterkühlten Augen von Miley und stellte mit Schrecken fest, dass bei ihren eigenen Augen die Sehschärfe nachließ. Auch das noch, dachte sie, erst der Rücken, dann der Dauerhusten und das penetrante Sodbrennen, die Zähne und jetzt auch noch die Augen, mein Kapital!

Sie hatte wegen des trockenen Hustens bereits das Rauchen aufgegeben. Einen Arzt konnte sie nicht aufsuchen, da sie nirgends gemeldet und somit auch nicht versichert war.

Als sie mit den drei Porträts fertig war, fand sie diese zwar gelungen, hatte aber nicht bedacht, dass die Bilder eine Fixierung benötigten. Verärgert darüber, keinen Firnis kaufen zu können, legte sie so vorsichtig, wie es irgend ging, jeweils ein Blankotrennblatt zwischen die Motive, war sich aber im Klaren darüber, dass die Bilder so ungeschützt nicht lange halten würden. Sie würde bereits morgen neue Bilder anfertigen müssen.

Es wehte ein leichter Wind, und später würde es womöglich wieder Regen geben. Normalerweise mussten die Ausstellungsstücke am Hafen auch durch eine große Dokumentenhülle geschützt oder einlaminiert werden. Sie brauchte ihre Staffelei zum Zeichnen und zwei Klappstühle, einen für sich, und einen für das Modell.

Genervt klappte sie den Block zu, steckte ihn in eine Tüte, und verstaute die Zeichenutensilien, die inzwischen fast leere Flasche Wasser und die Zeitschrift in die andere. Ein wenig linkisch versuchte sie, trotz der Tüten den Hosenbund festzuhalten, denn sonst würde die zu große Hose rutschen, deren Saum ausgeleiert war. Steif und ungelenk lief sie zu der Stelle am Hafen, an dem sich die Porträtzeichner trafen.

Es war bereits dunkel, und jeder hatte seine eigene Lampe aufgestellt. Fast alle hier besaßen eine Genehmigung für ihr Gewerbe, und ein Restaurantbesitzer versorgte die Zeichner mit dem nötigen Strom. Diese dankten es ihm, in dem sie nachts ausnahmslos hier zusammen aßen und tranken, denn viele von ihnen lebten wie Josephine von der Hand in den Mund, und gaben das eben verdiente Geld sofort wieder beim Essen und Trinken aus.

»Sieh an, sieh an«, wurde sie vom Serben Zlatibor begrüßt, der torkelnd mit einer Flasche Wodka in der Hand auf sie zu kam, noch bevor sie sich einen Platz gesucht hatte, »da kommt ja meine Lederjacke.«

»Halt’s Maul, geh weg, ich habe viele Probleme«, sagte sie und schubste den betrunkenen Kollegen beiseite. Die anderen begrüßten sie herzlich.

»Hat jemand einen Klappstuhl für mich? Ich brauche Hilfe, habe kein Geld und keine Bleibe mehr, nur drei neue Bilder, nicht mal einen Plastikschutz und nichts!«

»Gib mir meine Lederjacke«, schrie Zlatibor, »dann bekommst du meinen Stuhl, ich mache Feierabend!« Er rülpste laut.

»Du trägst doch eine Jacke, und ich brauche irgendeinen Schutz, sonst friere ich total durch!«

Zlatibor wechselte vom Serbischen in die englische Sprache und brüllte: »Dann hole ich die kroatischen Bullen und erzähle ihnen, dass du keine Genehmigung hast, du fette, geile Schlampe!«

Die anderen versuchten zu schlichten, und schließlich ließ sich Zlati darauf ein, Josephine die andere Jacke zu geben, die nicht stank und die ihr auch wesentlich besser passte und gefiel. Sie kicherte in sich hinein, freute sich darüber, nun weniger zu stinken, um im selben Zug einen scheußlichen Geruch vom Hafen zu vernehmen, den sie von hier genau kannte, und den sie nicht zuordnen konnte. Weiter hinten, wo es nicht stank und die ordentlichen Porträtzeichner, wie man sagte, ihre Plätze hatten, konnte Josephine die Chinesin und den Russen erkennen. Sie hatten eine feste Bleibe, wurden als Künstler gesehen und anerkannt, waren besser gekleidet, und zeichneten in einer Technik, die den anderen voraus war. Kitsch-Technik, nannte sie Josephine, die Kunden wollen belogen werden, besser aussehen als in Wirklichkeit, und je weiter östlich man kommt, umso kitschiger müssen die Porträts aussehen.

»Josie, du kannst auch noch einen Stuhl für die Kunden von mir haben«, rief Andrea, ein Italiener, mit dem sie ab und zu Sex hatte. Vor seiner Alkoholsucht musste er einmal sehr hübsch ausgesehen haben, nun aber hinterließ der Wodka seine Spuren, und seine Hände zitterten so stark, dass seine Bilder immer schlechter wurden. Seine Dogge sprang an Josephine hoch, sie küsste den Hund auf die Stirn und schickte ihn dann wieder zu seinem Besitzer. Sie versuchte, ihre drei Reklamebilder mit Flaschen der Kollegen zu beschweren, sodass sie nicht wegfliegen konnten und doch einigermaßen gut zu sehen waren.

Sie hatte Glück. Eine junge Kundin sah sogleich das Bild von der Cyrus und wollte sich derart zeichnen lassen, dass auch sie ihre Zunge zeigte.

»Klar mach ich das, aber du kannst nicht zwanzig Minuten lang die Zunge rausstrecken, oder?«, lachte Josephine, und tat, was die Kleine wollte. Beim Verwischen der Kohle mit den Fingern brannte sich die Kohle weiter in die tiefen Hautschichten hinein und hatte die Farbe der Finger beinahe unwiderruflich verfärbt.

Oft zog Josephine den Neid der anderen Zeichner auf sich, da sie immer schnell Kunden fand, egal, wie sie selbst ausschaute und roch. Heute aber hatten alle Zeichenkünstler etwas zu tun, obwohl die Saison erst in zwei Wochen beginnen würde. Es war Wochenende, und viele kroatische Familien unternahmen einen Ausflug nach Split.

Die fertige Kohlezeichnung, die ausschaute wie eine Mischung aus dem Mädchen und Miley, wurde von deren Mutter bestaunt, und das Mädchen rollte es begeistert ein, nachdem Josephines Kollegen es mit Haarspray fixiert hatten. Josephine hatte jetzt zweihundertfünfzig Kuna in der Tasche und ging zum Restaurant von Dado, um sich eine gute Flasche Rotwein zu kaufen, die sie für die Nacht zum Zeichnen brauchte. Ein oder zwei Liter trank sie jeden Abend, je weniger sie zu tun hatte, umso leichter floss der Alkohol. Ihre männlichen Kollegen tranken meist Wodka und Bier, aber auf Bier hatte sie nachts keinen Appetit, und Schnäpse mochte sie nicht mehr, seit die Speiseröhre schmerzte.

Sie waren heute zu viert hier, Andrea, der Serbe Zlati und zwei Kroaten aus dem Umland. Der Serbe verließ bald betrunken den Platz, dafür gesellten sich einige Gestrandete zu ihnen, die sich dadurch aufgewertet fühlten, bei den Künstlern zu sitzen und zusammen mit ihnen zu trinken. So auch der alte Spanier.

Der hat mir jetzt noch gefehlt, dachte Josephine, aber vielleicht spendiert er mir Wein oder Wasser.

Als sie mit dem zweiten Bild fertig war, griff ihr der Spanier wie so oft an die Brüste, und da sie den BH in ihrem alten Haus hatte liegen lassen müssen, kullerten die Brüste aus der Bluse, als der Spanier nach ihr grapschte.

»Para!«, rief sie und gab ihm eine Backpfeife, hör auf, aber er lachte und lachte, so wie die anderen auch, mit Ausnahme von Andrea. Auch die gut gekleideten Passanten verfolgten die Szene der verrückten Künstler, sie bekamen ganz umsonst immer ein kleines Theaterstück zu sehen, wenn sie hierher kamen, abends zum Hafen von Split.

Peter

»Cheers!«, sagte Peter mit kräftiger, männlicher Stimme, die zu seinem auf den ersten Blick scheuen Wesen und seiner sportlichen und dennoch zarten Gestalt eigentlich gar nicht so recht passte. Die anderen erwiderten den Trinkspruch, hoben ihre Gläser und setzen zum Genuss des hochwertigen Champagners an. Als Freunde konnte er die elf anderen, die er um sich versammelt hatte, nicht bezeichnen, aber es war nett, nach langer Zeit wieder einmal in Gesellschaft zu sein, und so hatte er spontan einige Leute im Restaurant am Jachthafen zu einem Gläschen der Marke Moët & Chandon eingeladen.

»Bringen Sie uns bitte auch verschiedene Platten Antipasti«, rief er dem Kellner zu.

»Gerne, was soll es sein?«

»Alles, was Sie anzubieten haben. Meeresfrüchte auf jeden Fall, Garnelen sind wichtig, dazu bitte diverse Salatplatten. Sie können auch gerne drei Platten gemischten Fisch und ein paar Platten Käse bringen. Stellen Sie bitte einfach etwas für zwölf Personen zusammen, Sie machen das schon«, sagte Peter und zwinkerte dem Kellner zu.

Der Kellner wusste, was zu tun war. Er arbeitete lange genug in der Marina und wusste, dass Geld hier keine Rolle spielte. Zwar gab es geizige Reiche, aber es gab auch solche wie Peter, denen es eine Freude war, ihr vieles Geld zum Fenster hinauszuwerfen oder einfach mit Fremden zu teilen. Mittlerweile erkannte er an der Nasenspitze, um welche Sorte Millionär es sich handelte, sobald der Gast den Raum betrat. Der schlanke, weißblonde Mann mittleren Alters, der fließend Englisch sprach und einen deutschen Akzent hatte, war einer von diesen sympathischen Reichen, die viel Trinkgeld gaben, und denen es darauf ankam, zu genießen und vom Essen nicht enttäuscht zu werden. Er ging in die Küche, wo der Chef kochte, und flüsterte ihm zu: »Platten vom Feinsten, bitte, für zwölf Leute, mit allem, was wir zu bieten haben.«

»Okay, hvala. Dann können wir endlich unseren besten Tintenfisch servieren, und die Riesengarnelen. Die Leute haben Glück, besser als heute geht es nicht!«

»Es hat endlich aufgehört zu regnen«, rief ein Ire aus der bunt gemischten Runde, »wollen wir draußen sitzen? Die Sonne lacht, es ist warm, was meint ihr?«

Sofort eilte ein anderer Kellner herbei, rückte drei Tische zusammen, legte rote Tischdecken auf und deckte den Tisch mit Oliven, Pistazien, Besteck, Gläsern und Servietten in den kroatischen Farben Blau, Weiss und Rot.

»Bevorzugen die Herrschaften, die Mahlzeit unter der Markise einzunehmen?«, fragte er in die Runde, schaute Peter zielgenau dabei an, der antwortete: »Nein, nein, danke, ich glaube, wir alle freuen uns in diesen Tagen über ein wenig Sonne, oder?«

Man war sich einig und nahm Platz, es wurde laut, alle lachten, tranken und nannten ihre Namen und das Land, aus dem sie kamen. Peter mochte eine solch bunte Gesellschaft und mehr noch liebte er es, derjenige zu sein, der alle einlud. Nach langer selbst gewählter Einsamkeit endlich wieder unter Menschen zu sein, tat ihm so gut, dass er sich mitunter dabei ertappte, alle Menschen zu mögen, denen er begegnete. Zwar war er der einzige Single in der Runde, denn die meisten Skipper waren in Begleitung unterwegs, aber auch das störte ihn wenig. Er lauschte den Geschichten der Paare, die fast alle der englischen Sprache mächtig waren, genoss den Champagner und den fantastischen Wein, den er nun servieren ließ, und sonnte sich anschließend ein wenig, indem er die Beine ausstreckte und den Kopf nach hinten fallen ließ. Das Leben war schön!

Nach dem ausgiebigen Mittagessen verabschiedete man sich herzlich, tauschte Visitenkarten aus, um sich vielleicht irgendwann einmal woanders auf der Welt wieder zu begegnen.

Es war längst noch nicht so heiß, dass man einen Sonnenschutz benötigte, Peter aber kramte einen Hut aus seiner Tennistasche und setzte ihn auf, denn er bekam jetzt eine Glatze, und seine Kopfhaut war empfindlich. Zu seinem hellblonden Haar gehörte diese helle Haut, die ihm oft schon das Leben ein wenig schwerer gemacht hatte, aber das alles war nicht der Rede wert.

Er schlenderte am Meer entlang und kam zu einem der wenigen Hotels, die es in der Umgebung von Split gab. Sein Herz schien zu hüpfen, oh ja, dachte er, ich werde mir mal wieder ein Hotelzimmer nehmen.

Vom Strand aus musste er eine hohe, alte Treppe emporsteigen, um zum Eingang zu gelangen, und schaute auf das Schild. Hotel Split. Vier Sterne. Peter machte sich nichts aus den Sternen eines Hotels. Zwei, drei, vier oder fünf, das waren nur Zahlen, die niemals die Atmosphäre der jeweiligen Unterkunft widerspiegelten, und daher keine Rolle spielten. Freundlich sollte es sein, er wollte mit fremden Menschen reden und abends in geselliger Runde an der Bar sitzen. Dinge wie Ausstattung oder Sauberkeit interessierten ihn wenig. Umso größer war die Freude über die Wände, die in Violett gehalten waren. Zufälle gab es bekanntlich nicht, und ein Zimmer in Weiß und Violett war ihm mehr als nur vertraut. Auf dem Bett lagen Handtücher in den Farben Pink und Violett. Besonders hier in Kroatien konnte die Wahl für ihn nicht besser sein. Volltreffer! Die Freude nahm noch zu, als er bemerkte, dass die Balustrade durchsichtig war, und man nichts anderes als das Meer sah. »Memories, memories, …, wo ich bin, ist das Meer, das Meer, das Meer, das schöne Meer«, sang er, öffnete alle Türen, legte sich auf das große Bett und schlief durch die Wirkung des Weins sofort ein.

Als er erwachte, dämmerte es, und Peter schaute zu den kroatischen Inseln hinüber, sah den roten Himmel über ihnen liegen, und war einfach nur glücklich. Dieses Land gefiel ihm, er würde sich einige der Inseln anschauen, vielleicht sogar die eine oder andere Stadt, obwohl er Städte nur in Ausnahmefällen besichtigte. Sie mussten klein sein, und die Straßen leer, nur so mochte er sie.

Er ging duschen, begutachtete seinen weißlich gelben Dreitagebart, zog sich an und ging in die Bar, um anderen Menschen zu begegnen. Die Bar aber war noch leer, und zu Peters Bedauern hörte er vom Rezeptionsmitarbeiter, dass es außer ihm hier zurzeit nur vier Gäste gab. Er hatte nicht an die Vorsaison gedacht. Er schaute sich den Fitnessraum im Keller an, denn er wollte gerne eine Hantelbank und einige Geräte für die Arme benutzen, aber die Geräte waren in keinem guten Zustand. Einen Tennisplatz gab es nicht, und so ging er erneut auf sein Zimmer, machte einige Yogaübungen, kramte Sportkleidung hervor und ging die lange Promenade entlangjoggen, drei oder vier Kilometer Richtung Süden und wieder zurück. Am Jachthafen, der einen Kilometer von seinem Hotel entfernt lag, herrschte reger Betrieb.

Peter hatte keine Lust, sich extra umzuziehen, blieb in seinen Sportsachen, und holte nur rasch ein Büchlein aus seiner Kabine. Er nahm im selben Restaurant wie zur Mittagszeit Platz und bestellte einen Kaffee, eine Dorade und eine Karaffe des guten Weißweins vom Mittag.

»Schön, dich wiederzusehen, wo sind die anderen?«, fragte der Kellner.

»Oh, keine Ahnung. Wir sind uns alle nur zufällig hier begegnet. Wir wollten alle gut essen, und das nicht allein. Bald sind wir alle wieder in der Welt verstreut«, lachte er.

Ein wenig geknickt darüber, nun allein zu Abend essen zu müssen, beobachtete er wie so oft die Leute in den unterschiedlichen Bars und Restaurants. An einem Tisch saß eine Gruppe kroatischer Mädchen. Sie alle trugen dieselbe Frisur, langes, gefärbtes Haar, alle waren stark geschminkt, sogar die Augenbrauen, und die Fingernägel sowieso. Das gab es nicht, als wir jung waren, dachte er, damals waren die Mädchen viel natürlicher. Schöner war das, es hatte etwas Wirkliches, die Mädchen waren keine Barbiepuppen. Die Globalisierung gefiel ihm, denn die Menschen mischten sich; weniger aber gefiel ihm daran, dass alles immer gleicher wurde, auch das Aussehen der Menschen, die Mode.

Die Mädchen am Tisch kicherten, und jedes spielte an einem der kleinen Spielzeuge herum, wie immer sie auch hießen, Tablets, Smartphones oder iPhones, all die Dinger, die er noch nie besessen hatte. Neben jedem Stuhl stand ein kitschiges Handtäschchen. Die Brüste der Mädels fielen fast aus den Blusen und Shirts heraus. Den Kopf fassungslos wiegend, trank Peter seinen Kaffee. An einem anderen Tisch saßen zwei junge Männer, die bekifft aussahen und es wahrscheinlich auch waren. Er konnte nicht verstehen, was sie sagten, denn auch sie sprachen Kroatisch.

Wo ich mich auch aufhalte, überall sitzen Mädchen und Jungs getrennt, dachte er. Was sind das für Entwicklungen? Als wir Teenager waren, saßen wir oft in gemischten Gruppen zusammen, schön war das. Die Mädchen wollten sich befreien von all dem Druck, immer gut auszusehen, gestylt, geschminkt, zurechtgemacht. Sie trugen Jeans und Shirts, wie die Jungs. Ist das alles nun vorbei?

So war es wohl. Wo er auch hinschaute, sah er entweder kroatische Männer oder kroatische Frauen an einem Tisch sitzen. Von Touristen war weit und breit keine Spur. In der hintersten Ecke saß eine verwahrloste Frau undefinierbarer Herkunft in einer zu großen Hose und mit wüst abstehendem Haar, trank Wein und starrte in sich gekehrt und leer in die Luft.

Peters Fisch wurde serviert, seine Leibspeise. Er genehmigte sich ein Eis zum Nachtisch, öffnete das in rote Rohleinen gebundene Büchlein und schrieb:

Endlich in Kroatien, wie oft hatte ich das schon vor? Immer habe ich mich davor gedrückt. Nun aber ist viel Zeit vergangen, mein Lieber. Ich habe nicht mehr das Gefühl, es nicht zu dürfen. Das Wetter wird endlich besser, es klart auf und ich freue mich auf einen griechischen Frühling. Heute sitze ich schon wieder alleine beim Dinner. So sehr ich die Einsamkeit suchte und liebte, die einsamen Abende nagen an mir. Ich habe mir ein Hotelzimmer genommen, um ein paar Leute einzuladen, aber das Hotel ist leer. Mein Glas auch. Tschüss! Bis bald!

Er schlenderte in Richtung Hotel zurück und verweilte noch ein paar Minuten nachdenklich auf einem Felsen. Wenig später zog er seine Chipkarte hervor, die er zum Öffnen seines Zimmers brauchte. Im Flur des Hotels sah er eine Frau an sich vorbei huschen, ganz flüchtig, wie einen Schatten. Neugierig schlich er ihr nach, denn es schien sich um die heruntergekommene Frau zu handeln, die er am Jachthafen aus der Ferne gesehen hatte.

Sie war um die Ecke gebogen. Peter versteckte sich, nahm aber ihren Geruch wahr. Sie roch ungepflegt und ein wenig nach Hund. Das Licht ging aus. Peter hörte es rascheln, die Frau schien etwas in Plastiktüten zu stecken. Vorsichtig schaute er um die Ecke. Tatsächlich. Die Frau war dabei, etliche Proben Shampoo von dem hier vergessenen Wagen der Putzkolonne einzustecken, ein Handtuch verschwand bald in einer Tüte, und auch eine Rolle Toilettenpapier.

Peter schlich den Flur zurück und ging auf sein Zimmer. Die Frau schien ihn nicht bemerkt zu haben, oder es war ihr egal. Im Hotelzimmer ließ er das Licht aus, schenkte sich wie jeden Abend ein großes Glas Wasser ein, und nahm auf seinem geräumigen Balkon Platz.

Es war ein milder Abend, und klar war der Himmel, er konnte den Stuhl zurückklappen und die Sterne betrachten. Neugierig stand er auf, als er hörte, dass dort unten jemand im Meer zu schwimmen schien. Er hatte ein lautes Planschen vernommen, und hörte nun eine Frau vor Kälte stöhnen. Ihm war sofort klar, dass es sich wieder um die Frau mit dem wüsten Haar handelte, deren Namen er nicht kannte. Sein Zimmer befand sich im zweiten Stock, sodass er alles gut erkennen konnte. Die Frau riss mehrere Shampooproben auf, seifte sich übergründlich ein, sichtlich froh darüber, endlich wieder ein Seifenbad zu nehmen. Sie stöhnte immer wieder, denn das Meer war noch sehr kalt, Peter schätzte die nächtliche Temperatur auf elf oder zwölf Grad, und er kannte sich diesbezüglich bestens aus. Die Frau schüttelte sich wie ein Hund, als sie aus dem Wasser kam. Sie trocknete sich ab, zog sich warm an und band sich eine Gürteltasche um die Hüfte. Dann setzte sie sich beim kleinen Kieselsteinstrand auf ein Handtuch. Mit einem weiteren Handtuch auf dem Kopf sah sie zum Meer hinaus.

Nun konnte er sehen, dass sie eine Flasche Wein mitgebracht hatte, die schon entkorkt worden war. Sie trank in großen Schlucken aus der Flasche, so wie es nur Menschen tun, die an reichlich Alkohol gewöhnt sind. Peter holte sich ein zweites Glas Wasser, um die Frau weiter zu beobachten. Sie sprach, schimpfte lauthals und haderte mit sich selbst, und da hörte er, dass sie deutsch sprach, so wie er selbst auch vor langer Zeit und heute mit sich selbst.

Secret

Alles wurde immer auswegloser. Josephine atmete genervt aus. Sie hatte eine Nacht am Strand von Podstrana unter geklauten Handtüchern geschlafen, eine weitere auf einer Parkbank, nun aber plagten sie unerträgliche Rückenschmerzen, gegen die sie Unmengen Wein trank, was zur Folge hatte, dass sie verkatert oder betrunken zu arbeiten versuchte, was nur misslingen konnte. Zum ersten Mal seit langer Zeit wollten die Kunden nicht von ihr porträtiert werden, obwohl sie neue Reklamebilder gemalt und von Andrea Schutzhüllen geschenkt bekommen hatte, und nach ihrem Bad im Meer auch nicht mehr so ungewaschen roch. Vom Alkoholkater bekam sie zusätzlich Kopfschmerzen, und die Augen bereiteten ihr beim Zeichnen mehr Probleme, als sie sich anfänglich hatte eingestehen wollen. Zwar hatte sie für nur fünfzehn Kuna eine Lesebrille erworben, diese war aber gleich wieder kaputtgegangen, wie auch der Schirm der Frau, über den sie sich so sehr gefreut hatte.

Sie wunderte sich längst schon nicht mehr darüber, dass so viele Dinge bei ihr immer gleich wieder verschwanden oder kaputtgingen. Es machte einen Unterschied, ob man Anfang dreißig oder Anfang vierzig war, musste sie sich eingestehen, und zum ersten Mal bekam sie ernst zu nehmende Zukunftsängste. Während sie sonst immer versuchte, ihre gegenwärtigen Probleme in den Griff zu bekommen, und gar keine Zeit fand, lange über die Zukunft nachzudenken, rissen sie ihre Ängste seit zwei Tagen geradezu aus der Gegenwart heraus, sodass sie erstarrte und unfähig war, sich beim Porträtieren zu konzentrieren und Mühe zu geben. Die Kunden waren unzufrieden mit ihren Bildern, fanden sich in ihnen nicht wieder, ja, es gab sogar solche, die schimpften und die Bilder zerrissen, natürlich ohne zu zahlen. Sie wurde gedemütigt, beleidigt und einmal auch getreten, und so kam es, dass sie vom Porträtieren auf der Straße innerlich Abstand nahm.

Ja, plötzlich fragte sie sich, warum sie so viele Jahre nichts anderes zustande gebracht hatte, obwohl sie die Antwort eigentlich kannte. Sie hatte es satt. Sie konnte die anderen Porträtzeichner nicht mehr ertragen, wollte keinem von ihnen begegnen, und erst recht keine Kunden mehr zeichnen. Sie zerknüllte ihre Kohle- und Bleistiftzeichnungen, und warf sie mit den Worten »Scheiß Promis« zum anderen Müll im Hafenbecken. Sie wollte sich sammeln, endlich einmal nachdenken, ohne vom Alkohol benebelt zu sein, obgleich sie sich fragte, ob sie dazu überhaupt noch in der Lage war.

Sie lief den Hafen in Richtung Norden entlang und machte sich auf den Weg, um den kleinen Berg zu besteigen, den jeder mit der Stadt in Verbindung brachte, und von dem aus man Split von oben betrachten konnte. Insgeheim wollte sie sich selbst von oben betrachten, mit einem Abstand, der es möglich macht, neue Pläne zu schmieden.

Sie atmete schwer, denn es ging steiler bergauf, als sie es in Erinnerung hatte. Nun fingen auch noch ihre Knie zu schmerzen an, der Körper schien mit ihrem Leben nicht mehr einverstanden zu sein und rebellierte. Endlich oben angekommen setzte sie sich in das Café und bestellte einen Kaffee und ein Glas Leitungswasser.

Nachdenklich schaute sie hinab zur schönen Stadt Split, die sie einst so sehr geliebt hatte, nun aber nicht mehr mochte. Auch die schöne Aussicht, bei der die Touristen ins Schwärmen gerieten, konnte nichts dagegen tun. Es war mild, die Sonne hatte sich endlich durchgesetzt, es roch nach Nadelbäumen, und die Vögel sangen. Sie wünschte sich, auch singen und fliegen zu können, weit fort, neu anzufangen, leicht sein, federleicht, vogelfrei.

Sie aber wurde immer schwerer, und das, obwohl sie oft Hunger und nichts zu essen hatte. Sie aß manchmal einen Tag lang gar nichts, auch heute hatte sie nichts als eine Banane zum Frühstück gehabt, die ihr am Obststand geschenkt worden war.

Sie spuckte ihren Kaugummi aus, als der Kellner die Getränke brachte. Spatzen kamen und flogen frustriert wieder fort, als sie merkten, dass der Kaugummi nichts für sie war. Josephine lächelte müde.

»Habt ihr ein paar alte Brotreste, womit ich die Spatzen füttern kann?«, fragte sie den Kellner, der verneinte. Sie sah wohl zu heruntergekommen aus, um ihr diesen Wunsch zu erfüllen.

Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, jedenfalls keinen, der sie weiterbrachte. Sie fühlte sich wie in einem Gefängnis und wollte fort von hier, ohne den Hauch einer Ahnung zu haben, wo sie hin wollte. Neu anfangen, aber wie? Wo?

»Merda«, sagte sie immer wieder und schimpfte und haderte in verschiedenen Sprachen mit sich und der Welt, wobei ein Kauderwelsch aus Kroatisch, Englisch, Deutsch, Italienisch, Griechisch und Spanisch herauskam. Vielleicht könnte sie in Zukunft mit ihren Sprachkenntnissen etwas anfangen? Ach, nein, sie verwarf diesen Gedanken sofort wieder, das war Unsinn ohne jegliche Ausbildung und mit Kenntnissen, die für Übersetzungen nicht ausreichend waren. Ich müsste mich mit irgendetwas selbstständig machen, dachte sie, wohl wissend, dass sie zu kaputt hierzu war und nicht in der Lage, so viel Geld zu sparen, um überhaupt eine Chance zu haben. Selbstständig hatte sie sich anfangs auch beim Zeichnen der Porträts gefühlt; in letzter Zeit aber fühlte sich die Arbeit weder nach ihr selbst an, noch wollte sie dies ständig und auf Dauer weiter betreiben. Nein, es war endgültig vorbei. Dieser Entschluss stand fest. Kein einziges Porträt würde sie noch zeichnen. Nie wieder Menschen …

Sie erwachte auf einer der Bänke der Aussichtsplattform, auf die sie sich nach dem Kaffee gelegt hatte, um ein wenig Sonne zu tanken. Eine Uhr besaß sie nicht mehr, seitdem ihr Mobiltelefon zwei Tage nach dem Kauf spurlos verschwunden war. Dem Licht nach zu urteilen, musste es bereits vier oder fünf Uhr nachmittags sein. Sie hatte Hunger, kramte einen Kaugummi aus der Gürteltasche hervor und fluchte leise auf Deutsch vor sich hin, weil ihr auch der Schlaf keine Erleuchtung hinsichtlich ihrer Zukunft gebracht hatte. Sie hatte einfach keine Idee, wie sie ihr Leben in den Griff bekommen sollte, und schaute mit leeren Augen zum Himmel hinauf.

Durch einen groben Schlag mit der Handfläche auf ihren Rücken wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. An der Lache erkannte sie, dass es sich bei dem Störenfried um den alten Spanier handelte, der sie entdeckt hatte. Auch das noch!

»Hola, qué tal?«, fragte er wie immer, sie aber antwortete nicht, sondern nuschelte Undeutliches vor sich hin, um ihm zu vermitteln, dass er hier zurzeit nicht erwünscht war. Er aber ignorierte ihre kläglichen Versuche und schubste sie zur Seite, um es sich neben ihr gemütlich zu machen.

»Geh nach Hause«, sagte sie und zeigte in Richtung der Hütte, die er sich neben einem kleinen Zoo aus Brettern gezimmert hatte, so gut unter Büschen und Bäumen versteckt, dass sie seit Monaten nicht entdeckt worden war.

»No, no, da komme ich doch gerade erst her, meine Süße, ich habe dir aber ein Bier mitgebracht, hier, salud!«

Die beiden tranken ein paar Biere, wobei der Spanier es absichtlich ordentlich spritzen ließ, bei jeder Dose, die er öffnete. Laut lachend freute er sich über diese sexuelle Anspielung, die er mit unterschiedlichen Gesten unterstrich. Josephine ärgerte sich darüber, dass sie ihre guten Vorsätze so schnell über Bord warf, genoss aber das Bier, das ihr das quälende Hungergefühl nahm, dennoch in vollen Zügen.

Der Spanier war eigentlich ganz nett, manchmal sogar lustig, vor allem spendierte er ihr seit langer Zeit Getränke, aber er war ein unverbesserlicher Grapscher. Seine Lüsternheit wurde von Bier zu Bier größer, und es kam vor, dass er sich hemmungslos befriedigte, während er trank und versuchte, dabei ihre Brust zu spüren oder diese zumindest zu sehen. Manchmal zeigte sie ihm ihre Brüste freiwillig, damit er nicht nach ihnen grapschte. Es war ein Tauschgeschäft, auf das sie sich eingelassen hatte, als er sie einmal völlig durstig und hungrig vorgefunden hatte, vor vielen Monaten.

Er hatte ihr sein Leid geklagt, seit Jahren keine Frau mehr besitzen zu können, wie er es genannt hatte, und der Gestrandete hatte ihr irgendwie leidgetan. Der Spanier hatte ihr damals angeboten, für sie zu sorgen, wenn sie regelmäßig Sex hätten, darauf jedoch hatte sie sich nicht eingelassen. Er war alt und hässlich, und sie war in einem anderen Leben einmal eine Schönheit gewesen, zumindest gut aussehend.

Wie so oft wurde der Nachmittag quasi einfach weggetrunken. Wie viele Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre habe ich nun schon zum Zeitvertreib und zum Vergessen getrunken, dachte sie, als sie die Sonne untergehen sah, traurig über ihr Leben und wütend auf den Spanier und auf alle anderen in Split.

»Ich fahre jetzt nach Podstrana«, sagte sie entschlossen und stand auf.

»Was zum Teufel willst du denn da?«, lachte der Spanier, »etwa Porträts für die Millionäre zeichnen?«

»Ach, halt’s Maul. Ich will am Hafen sitzen und etwas essen, wenn du mir ein bisschen Geld gibst.«

Der Spanier griff in seine ausgebeulten Hosentaschen, und es kamen genug Scheine zum Vorschein, um gemeinsam essen zu gehen. Weder Josephine noch irgendjemand am Hafen konnte sich einen Reim darauf machen, woher der Spanier sein Geld hatte. Vermutlich ging er betteln, aber niemand konnte das bestätigen. Er schien ein Geheimnis in sich zu tragen, denn niemand kannte seinen Namen oder wusste, wo genau er herkam und was ihn nach Split verschlagen hatte. Er war älter als die anderen am Hafen, sein Haar war bereits ergraut und wurde immer länger.

»Ich komme mit und lade dich ein«, sagte er und erhaschte ihre linke Brust, als er ihr aufhalf.

»Na gut«, antwortete sie wohl wissend, dass es ohne seine Gesellschaft kein Abendessen geben würde.

Sie schlenderten die Hafenpromenade entlang, grüßten die Porträtzeichner. Andrea streckte ihr wütend die Zunge entgegen, wie immer, wenn er sie mit dem Alten sah. Heute konnte es sich Josephine nicht verkneifen, ihm »Grazie, Cyrus!« entgegen zu schmettern, und alle lachten über diese gelungene Retourkutsche, selbst Andrea.

Der Bus Nummer 60 war voll, und viele der Sitze dem Vandalismus zum Opfer gefallen, sodass die Menschen stehen mussten. Der Spanier ergriff die Gelegenheit der Nähe zum Schmusen, wie er es nannte.

In Podstrana liefen sie eine große Treppe hinab zum Jachthafen und zu dem Restaurant, in dem man Josephine schon einmal bedient hatte, und auch heute trotz ihres ungepflegten Äußeren freundlich grüßte, was bei Weitem nicht immer der Fall war. Sie teilten sich ein Nudelgericht und bestellten einen Tafelwein, und da Josephine sich über die Gesellschaft des Spaniers ärgerte, trank sie die erste Karaffe in einem Zug aus, sodass der Spanier danach einen Liter Rotwein bestellte, den billigsten, der hier zu bekommen war. Bald stritten sie sich, und da forderte der Kellner die beiden doch auf, das Restaurant zu verlassen.

Nachdem sie den Spanier endlich losgeworden war, steckte sie sich einen Kaugummi in den Mund, der ihr gegen das Sodbrennen half, das zwangsläufig nach so viel Rotwein auftrat. Elend fühlte sie sich, schon wieder betrunken! Sie torkelte hinüber zu den Jachten. Ihre Beine waren schwer und spiegelten ihre Stimmung wider. Sie setzte sich eine Zeit lang auf die Hafenmauer, schaute zum Meer hinaus, um bald darauf wieder aufzustehen. Beide Kniegelenke knacksten.

Sie schaute zu den Jachten, lief zu ihnen hinüber, und las die Namen leise vor. Eine große Motorjacht hieß Joy. Unpassend. Daneben lag eine schöne, kleinere Jacht namens Valletta. Sie kannte Valletta nicht, nicht einmal Malta, und konnte damit nichts anfangen. Nun kam sie zu einer Segeljacht, die sie auf mindestens vierzehn Meter schätzte, ein Schmuckstück. Secret las sie. Secret in schöner, geschwungener Schrift. Darüber war ein bunter Schmetterling zu sehen. Das gefiel ihr.

»Hello?«, rief sie fragend. Niemand antwortete, obwohl die Tür zum Salon offen stand. Kein Licht brannte. Sie kletterte auf das Boot, torkelte über das Deck zur Reling und sah dort eine knallrote Fleecedecke liegen. Diese kam wie gerufen! Sie war aus dickem Stoff, weich und sauber. Sie kuschelte sich in die Decke, legte sich ihre Jacke als Kopfkissen unter, und schlief sofort ein, glücklich, einen schönen Schlafplatz unter dem Sternenhimmel gefunden zu haben.

Peter war ein Frühaufsteher. Kein überzeugter, sondern vielmehr einer, der abends zu früh ins Bett ging, um bis in den Tag hinein schlafen zu können. Als er zum Kajütenfenster hinausschaute, hatte der Tag sich gerade erst angekündigt. Er gähnte, reckte sich und wollte die Straßenkatze noch vor dem Duschen füttern. Die hatte es sich seit einigen Tagen am Bug seiner Jacht gemütlich gemacht und es sichtlich genossen, ein Deckchen und täglich die leckersten Essensreste aus einer Schüssel zu erhalten. Die zarte, grau getigerte Katze mit ihren großen Ohren hatte hier auch ein Versteck vor den anderen Katzen gefunden, die sich auf Schiffen normalerweise nicht so schnell wohlfühlten.

Peter lief barfuß in die Pantry, wo er seine Essensreste für die Katze sorgfältig in einer Tupperdose aufbewahrte. Nachdem ihm kein anderer, passender Name für das Kätzchen eingefallen war, taufte er sie nun in Gedanken einfach Kleine Katze, denn entweder war sie zarter als die anderen oder noch ein Jungtier, was wahrscheinlicher war.

»Kleine Katze«, rief er, als er mit der gefüllten Schüssel den Salon verließ, und traute seinen Augen nicht. Die Katze hatte sich erbrochen und lag beleidigt zwei Meter von ihrer Decke entfernt, in der sich ein Mensch eingewickelt hatte. Nun miaute sie, und als Peter ihr die Schüssel hinstellte, schien sie wieder versöhnt zu sein, denn es gab allerlei gemischtes Eiweiß vom Feinsten.

Peter ging auf die Fleecedecke zu, es regte sich nichts. Er vernahm den Geruch einer Alkoholfahne, der aus der Decke strömte, und als er sich dem Kopfende näherte, sah er Dreadlocks aus der Decke lugen.

Die Frau aus dem Meer, schoss es ihm durch den Kopf, das ist sie! Er weckte sie nicht, sondern spannte einen Sonnenschutz über ihren Körper. Laut der Wettervorhersage sollte heute der bisher wärmste Tag des Jahres werden, der Himmel war blau, und die Sonne schien bereits. Die Frau konnte im Schatten weiter schlafen. Die Katze legte sich an das Fußende der Decke, schmollte noch ein wenig, ließ sich aber schnurrend von Peter streicheln.

»Kleine Katze«, sagte er liebevoll zu ihr, »hier liegt jetzt auch eine große Katze, so ist das nun mal. Damit müssen wir leben.«

Er ging duschen, cremte sich mit reichlich Sonnencreme ein und verließ in Jeans und Poloshirt seine Jacht, um in einem der Cafés an der Marina zu frühstücken. Von hier aus würde er die seltsame Frau an Bord beobachten können. Anders, als es hier Sitte war, bestellte er ein ausgiebiges Frühstück mit Baguette, Käse, Schinken, Oliven und einem starken Mokka dazu.

Nach zwei Stunden hatte sich noch immer nichts getan, keine einzige Bewegung der vermeintlichen Deutschen hatte er zur Kenntnis genommen. Er sah Kleine Katze vorsichtig vom Schiff springen, sonst nichts. Bald verlor er die Geduld, zog sich im Salon seine Joggingsachen an, und lief wie jeden Tag die Promenade in Richtung Dubrovnik entlang.

Er hatte seine Jacht absichtlich offen gelassen. Peter hatte keine Angst vor Dieben. Seine Börse, Karten, Papiere und einen Schlüsselbund trug er immer bei sich, auch beim Sport, und um etwas anderes sorgte er sich nicht. Alles, was er besaß, konnte er sich wieder anschaffen, oder es waren Dinge, die Diebe nicht entfernen würden, Bücher, seine eigenen Aufzeichnungen, Anziehsachen. Soweit er wusste, war es noch nie zuvor vorgekommen, dass jemand seine Jacht heimlich betreten hatte, egal, wo sie lag. Schließlich gab es überall einen Hafenmeister, und die Marinas wurden meist videoüberwacht. Nur ab und zu schloss er ab, und zwar immer dann, wenn er ihr lange Zeit fernblieb, über Nacht etwa, oder wenn er neu in einem Jachthafen war, und er die Nachbarn noch nicht kannte. In der Marina Lav bei Podstrana aber kannte man ihn mittlerweile und er war sich sicher, dass so leicht nichts passieren würde.

Als er vom Joggen zurückkam, lag Kleine Katze auf ihrer Decke. Große Katze war verschwunden, hatte aber die Decke für die Katze ordentlich zusammengefaltet, genau so, wie sie vorher gelegen hatte. Peter roch an der Decke und war froh darüber, dass sie nicht stank, denn damit hatte er gerechnet. Er stieg nach unten in die Pantry und sah sofort, dass die Große Katze sich ein wenig Proviant mitgenommen hatte. Soweit er übersehen konnte, fehlten eine Flasche Mineralwasser ohne Kohlensäure, Brot, Bananen und Äpfel. Sie hatte wohl in einem der Schapps nach einer Plastiktüte gesucht, und diese schließlich gefunden. Eine der Tüten lugte noch hervor. Andere Unordnung hatte sie nicht gemacht.

Auf dem großen Tisch war alles aufgeräumt. Nichts war entfernt worden, auch nicht sein Laptop, auf dem er gelegentlich im Internet surfte, wenn es in einem Hafen W-LAN gab.

Nur im Badezimmer hatte sie eindeutige Spuren hinterlassen. Sie hatte geduscht, Peters Handtuch lag nun im Wäschekorb, und sein Shampoo stand offen neben der Dusche. Im Waschbecken waren schwarze Spuren zu sehen, ja, beinahe das ganze Waschbecken war von einer undefinierbaren schwarzen Schicht überzogen. Peter konnte sich überhaupt keinen Reim darauf machen. Was zum Teufel hatte diese Große Katze hier zu reinigen versucht?

Er holte das Handtuch aus dem Wäschekorb und sah, dass die schwarzen Spuren auch auf dem Textil zu finden waren. Er roch daran, aber alles roch neutral oder nach seinem Shampoo. Entfernt hatte sie auch hier rein gar nichts, höchstens eine Rolle Toilettenpapier. Seine teure Armbanduhr oder andere Kleinigkeiten, die sie hätte zu Geld machen können, hatte sie nicht entwendet, sodass Peter beschloss, sie eine weitere Nacht am Bug des Schiffes schlafen zu lassen, wenn sie denn wiederkäme.

Sie war nicht gekommen. Fast schon ein wenig enttäuscht kümmerte sich Peter am nächsten Morgen wieder rührend um Kleine Katze, bevor er selbst frühstückte. Danach wollte er klar Schiff machen, es war mal wieder an der Zeit. Peter war sehr sauber und ordentlich und scheute nicht davor zurück, diese Aufgabe selbst zu übernehmen. Er nahm sich zuerst die Nasszelle vor, und putzte vor allem das Waschbecken mit den seltsamen schwarzen Hinterlassenschaften der Frau, die einen Tag später wie ein Zeichen auf ihn wirkten. Er meinte, ein Gesicht in den Schmutzresten zu erkennen, verwarf den Gedanken aber sofort wieder und bezeichnete sich selbst lachend als Spinner.

Nachdem er die Kajüte geputzt hatte, machte er sich an den wesentlich größeren Teil der Arbeit, die er lange vor sich hergeschoben hatte. Es war an der Zeit, die gesamte Jacht von außen zu putzen, die Außenhaut, das Deck, die Plicht, aber auch den Mast, die Gangway, Poller, Fenster und Luken. Immerhin hatte er die Sitze aus Teakholz schon vor einigen Tagen geölt, und im selben Zuge auch das Teakdeck. Es glänzte wie neu. Nun aber wartete der Teil der Arbeit auf ihn, den er vor sich hergeschoben hatte.

Gegenüber sah er einen Nachbarn seine Jacht mit Wasser reinigen, aber Peter putzte die Secret nicht ausschließlich mit Wasser. Nach der Trocknung würden sich die mineralischen Rückstände in allen Vertiefungen und Kapillaren niederschlagen und danach kontinuierlich eine mineralische Kruste bilden. Die Verkrustung würde noch mehr Schmutz auffangen, und saurer Regen, Abgase und dergleichen den Zustand des Bootes verschlechtern. Er holte einen Autoreiniger aus der Kammer, mit dem er hervorragende Ergebnisse erzielt hatte, und ein Mikrofasertuch, das so weich war, dass es keinerlei Spuren hinterließ. Ausgerüstet mit Gummihandschuhen, einem Eimer Wasser, einem Schrubber, den unterschiedlichsten Reinigern und Tüchern in den Händen stieg er die Treppe hinauf und begann mit der Arbeit, als ihm Joe zuwinkte, sein Nachbar auf der Valletta.

»Endlich schönes Wetter, und du hast nichts Besseres zu tun als zu putzen«, lachte Joe.

»Ach, kein Problem. Wo Arbeit anfällt, muss sie getan werden, oder? Ich habe erst kürzlich in Italien eine Crew beauftragt, mein Prachtstück komplett zu sanieren, hatte ordentlich mit Fouling zu tun. Ich hatte extra ein Antifouling bestellt, das ökologischer ist als die normalen. Nun, Schiffsrumpf, Elektrik, Elektronik, Motoren, Takelage, alles wie neu! Den Rest muss ich aber selbst erledigen.«

Joe lachte. Er gehörte zu dem mediterranen Menschenschlag, der sehr viel lachte, und das Gesicht des alten Mannes bestand fast gänzlich aus Lachfalten.

»Du steckst mich an! Wenn ich dich so sehe, bekomme ich direkt Lust, meine Valletta auch zu schrubben. Ich sehe sie gerne glänzen, aber die Arbeit …«

»Ich putze mein Boot, weil ich demnächst aufbrechen will«, rief Peter dem sympathischen Nachbarn zu.

»Wohin soll es denn gehen? Nach Malta vielleicht?«

»Nein, da werde ich wohl erst später wieder anlegen. Ich möchte erst mal Griechenland ansteuern.«

»Auch schön. Hast du dir Kroatien überhaupt richtig angeschaut?«

Peter zögerte. Es fiel ihm nicht leicht, über den Kroatienbesuch zu sprechen. Er hatte niemanden aufgesucht, war ganz allein für sich geblieben.

»Ich war in den letzten Tagen unterwegs auf einigen Inseln und in Split, mehr habe ich nicht gesehen, aber es war alles sehr schön«, rief Peter von Boot zu Boot.

»Auf der Insel Brač gibt es diese tollen Steinbrüche mit weißem Kalkstein, hast du die gesehen?«, rief Joe.

»Ja, und den Leuchtturm von Hvar. Auf Vis habe ich mir den U-Boot-Bunker angesehen. Das Beste aber war, dass mich jemand auf der Gajeta Falkuse mitgenommen hat, es war ein kurzer Törn um die Inseln.«

Joe strahlte. Er kannte diese alten Fischerboote, war aber nie zu einem Törn eingeladen worden. Die beiden Männer verabredeten sich zum Dinner, und als es Abend wurde, klopften sie bei den anderen Jachten an, damit Peter in geselliger Runde seinen Abschied feiern konnte. Viele hatten sich noch nie vorher gesehen. Joe und er hatten dreizehn Leute zusammengetrommelt, und der Malteser, der es von seiner Heimat gewohnt war, abends an großen Tafeln zu speisen, freute sich über die Kunst des Deutschen, diese geselligen Runden zu organisieren. Da ein Geburtstagskind dabei war, war die Stimmung besonders heiter und ausgelassen, und am Ende stritt man spaßig darüber, wer die Rechnung begleichen würde. Peter setzte sich durch. Gegen Mitternacht war er ein wenig beschwipst, machte zur Verdauung noch einen kleinen Abendspaziergang, und fiel müde in seine Koje und Träume.

Er hatte nach einem frühmorgendlichen Kaffee und einem Croissant nur wenige Kilometer entlang der kroatischen Adriaküste Richtung Süden zurückgelegt, als er plötzlich neben sich und dem Ruder ein »Miau« vernahm. Kleine Katze?

Seit dem letzten Frühstück hatte er sie nicht mehr gesehen und war froh darüber gewesen, denn das Abschiednehmen wäre ihm schwergefallen. Sie lief auf ihn zu, schmiegte sich an ihn und forderte ihn auf, sie zu streicheln und für sie zu sorgen.

»Miau, miau, miau«, antwortete Peter, »wo hattest du dich denn versteckt, he? Und was soll ich nun mit dir tun?«

Er wollte gerade das Essen für Kleine Katze zurechtmachen, als er ein dumpfes Geräusch aus Richtung der Sitzecke vernahm.

»Miau«, machte die Kleine Katze wieder.

»Ja, ja, gleich«, antwortete Peter, »eine Minute Geduld noch!«

Wahrscheinlich, dachte er, höre ich langsam Gespenster. Da aber das Geräusch auf keinen Fall vom Deck kam, und er die Geräusche der Takelage sowieso im Schlaf erkannte, bewegte er sich auf die gepolsterte Sitzbank zu. Er bückte sich, und als er ein Stückchen der roten Decke sah, die er ganz sicher nicht hier versteckt hatte, war ihm alles klar!

Kleine Katze und Große Katze an Bord!

Der Skipper und die Einschleicherin

Peter hatte lange abgewartet. Er war der Meinung, dass die Große Katze sich ihm vorzustellen hatte, und wenn das Wort »vorstellen« auch ein wenig hochgestochen klang, so fand er doch, dass sie langsam etwas von sich geben sollte. Er hatte auf Autopilot gestellt, sodass der eingegebene Kurs beibehalten und jede seitliche Abdrift durch Wind oder Strömung verhindert wurde.

Seit einigen Stunden wartete er nun schon auf ein Wort von ihr, aber die fremde Frau war nur wortlos aus dem Stauraum der Sitzbank hervorgekrochen, und saß seitdem breitbeinig auf dem Boden, mit dem Rücken an die Sitzbank angelehnt. Es hatte keinen Blickkontakt gegeben. Sie hatte sich einen Kaugummi aus ihrer Gürteltasche genommen, auf dem sie laut herum kaute und hin und wieder Blasen damit erzeugte, und war einmal vor sich hin hüstelnd zur Toilette gegangen. Sonst nichts. Meist hielt sie ihre Augen geschlossen, und wenn sie diese mal öffnete, starrte sie auf die vielen Bücher, die Peter in speziell angefertigten Vitrinen untergebracht hatte.

Er hatte am Nachmittag den Anker vor der Insel Susac geworfen und wartete an Deck geduldig auf das erste Wort, das nicht aus seinem Mund stammen würde. Er hatte Zeit. Viel Zeit. Nun, die Große Katze hat wohl ebenso viel Zeit wie ich, dachte er schmunzelnd, mal schauen, wer den längeren Atem hat in puncto Schweigen.

»Miau, miau«, machte die kleine Katze, und so begab sich Peter erneut hinunter in die Pantry, um ein paar Fleischreste für sie zurechtzumachen. Er würde sich beim nächsten Stopp mit Katzenfutter eindecken müssen, wenn sie auf dem Boot bleiben würde. Eine Katze an Bord zu haben, gefiel Peter wesentlich besser als eine Frau, die kein Wort sagte.

Während Kleine Katze mit ihrem Futter beschäftigt war, schaltete Peter Musik ein, um der Spannung, die auf dem Boot herrschte, ein Ende zu setzen. Die Musik schien der Frau zu gefallen, sie wippte mit dem Fuß, und nun meinte er sogar zu hören, dass sie eine Zeile des Tina-Turner-Songs leise mitsang.

Kleine Katze sprang nach dem Essen auf den Schoß der Frau, streckte und reckte sich, ließ sich am Hals streicheln und schnurrte. Die merkwürdige Fremde schien einen guten Draht zu Katzen zu haben. Während Peter mit der Zeit innerlich immer gereizter wurde, schien das Kätzchen sich mit der großen Katze regelrecht anzufreunden. Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie die dicke Frau ihre Gürteltasche zum Spielen mit der Katze benutzte und einmal dabei auch leise kicherte. Dann aber schloss sie ihre Augen wieder und nuschelte: »Scheiße.«

Jetzt reichte es Peter. Das erste Wort war gefallen, nun war es an der Zeit zu reden. Die Frau konnte bisher nicht ahnen, dass er Deutsch verstand, als Peter knapp antwortete: »So scheiße ist es hier doch gar nicht, oder?«

Die Frau zuckte erstaunt zusammen, fing aber laut an zu lachen, schüttelte sich und lachte im Liegen weiter. Sie schien eine scheue, große Katze zu sein, denn sie warf ihm kaum einen Blick zu und vermied jeglichen Augenkontakt. Als sie endlich aufhörte zu lachen, fragte sie ihn noch immer nicht nach seinem Namen.

»Ist das dein Boot?«

»Ja. Oder glaubst du vielleicht, das Boot gehört dem Kätzchen?«

Wieder schüttelte sich die Frau vor Lachen, wich aber nach wie vor seinem Blick aus. Peter konnte sehen, dass die Frau schrecklich schlechte Zähne und sogar zwei deutlich sichtbare Zahnlücken hatte.

»Wir liegen hier noch an der Adriaküste und können weitersegeln in Richtung Dubrovnik. Willst du auf meinem Boot bleiben?«, fragte Peter, stellte seine Tasse ab, und setzte sich nun ebenfalls auf den Boden der Kajüte.

»Na ja, ich kann ja hier schlecht aussteigen, mitten auf dem Meer, oder?«

Diese Retourkutsche ließ Peter schmunzeln. Das Eis schien gebrochen zu sein.

»Ich habe Durst, hast du was zu trinken?«, fragte die Frau, ohne ihn dabei anzuschauen.

»Es ist alles vorhanden. Wasser, Orangensaft, Apfels…«

»Hast du Bier?«, unterbrach sie ihn.

»Auch das«, sagte Peter, lief in die Pantry und öffnete zwei Flaschen Bier. Er genoss das Bier, denn normalerweise trank er nur an sehr heißen Hochsommertagen gelegentlich ein Bier. Heute aber war kein Tag wie jeder andere. Ein merkwürdiger Tag …

Sie saßen nun zu dritt auf dem Boden, Kleine Katze sprang zwischen den beiden hin und her, miaute ab und zu, aber Große Katze bevorzugte es, wieder zu schweigen, und leerte ihre vier Flaschen schneller als Peter seine beiden.

Die Secret schaukelte sanft im Wind und trieb sachte in Richtung der Insel. Mit Ausnahme eines zarten, knarrenden Geräuschs, das vom Mast ausging, war kaum etwas zu hören. Es gab kaum Wellen, und nur ab und zu kreischte eine Möwe.

»Da drüben liegt die Insel Susac, sie scheint nach dir benannt zu sein.«

Die Frau runzelte fragend die Stirn und kicherte.

»Es gibt in der Medizin ein sogenanntes Susac-Syndrom. Die Menschen, die daran leiden, neigen zu geschlossenen Augen und mitunter zu unerklärbarer Schwerhörigkeit, so weit ich mich erinnere. Sie antworten daher nie und …«

Die Frau lachte auf, und endlich schaute sie ihm kurz und schüchtern in die Augen.

Die Augen sind das einzig Schöne an der Großen Katze.

»Was soll ich denn schon sagen? Ich bin hier einfach als blinder Passagier auf deiner Jacht, bist du nicht sauer?«

»Bis jetzt noch nicht. Aber du könntest etwas dazu sagen, oder mir deinen Namen verraten. Du könntest deine Augen etwas häufiger öffnen, um kein blinder Passagier mehr zu sein.«

»Ich bin Josephine und auf der Suche nach Atlantis«, kicherte sie und reichte ihm ihre schwarze Hand.

»Ich bin Peter. Das da unten ist Kleine Katze. »

Josephine lächelte. »Kleine Katze? Heißt sie einfach Kleine Katze?«

»Ja.«

Josephine zog die rote, weiche Decke unter der Bank hervor, legte sie sorgfältig zusammen, sodass Kleine Katze es sich darauf bequem machen konnte.

»Hier, Kleine Katze, das war deine Decke«, sagte sie in alberner Babysprache, »die hatte ich Monster dir schon wieder zum Schlafen weggenommen.«

»Möchtest du endlich auch mal etwas essen? Die Katze hat schon gegessen, und ich auch. Du hast nur Bier getrunken.«

»Ich trinke morgens oft Bier zum Frühstück. Aber wenn du was hast, gerne.«

»Du weißt ja, wo die Küche ist, bediene dich. Ich habe mich in Split reichlich eingedeckt, der Kühlschrank ist voll bis obenhin.«

Josephine überhörte diese Anspielung, nahm ihren Kaugummi aus dem Mund und rollte ihn zwischen den Fingerspitzen hin und her. Peter hatte den Eindruck, als wolle sie dadurch den Dreck aus den Fingern in die klebrige Masse ziehen. Danach stand sie auf, schaute Peter ungläubig an, immer noch unsicher und verblüfft, dass er nicht böse auf sie war.

Sie tat es ihm gleich und stippte etwas unvorsichtiger als er ein Croissant in den heißen Milchkaffee, so wie es auch die Franzosen taten, wenn sie frühstückten. Den Schinken, den Peter ihr hingelegt hatte, gab sie der Katze und sagte zu ihm, als er sich wieder zu ihr gesellte: »Kleine Katze hat dort drüben hingemacht. Wo ist ihr Katzenklo?«

Daran hatte Peter überhaupt noch nicht gedacht, denn seine Gedanken waren immerzu bei der fremden Frau gewesen.

»Oh, sie hat noch gar keins, aber natürlich, du hast recht! Weißt du, sie ist erst hier, seit auch du hier an Bord bist, und deshalb habe ich euch Kleine Katze und Gr…«

Josephine unterbrach ihn.

»Ich hatte früher Katzen, ich kenne mich aus. Wenn du mich irgendwo bei einer Stadt rausschmeißt, mache ich euch vorher noch ein schönes Katzenklo zurecht, okay? Ich habe kein Geld und kann mich nicht anders bei dir bedanken.«

»Okay«, antwortete er nur, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, Josephine einfach wieder irgendwo zurückzulassen. Er verspürte Neugier und wollte mehr über die Frau erfahren, die jetzt am Kajütenfenster stand und rief:

»Es dämmert schon. Ich möchte schwimmen gehen. Das Wasser sieht total klar aus, durchsichtig, wollen wir zur Insel schwimmen?«

»Nein. Erstens möchte ich bald weitersegeln, und zweitens kann ich nicht schwimmen!«

Josephine schüttelte sich, wie immer, wenn sie lachte.

»Du hast eine Jacht, und kannst nicht schwimmen?«

Peter zeigte beiläufig hinüber zu den Rettungsmitteln und rief Josephine von der Reling aus zu:

»Ich habe Angst vor Fischen. Ich mag sie mehr als gerne essen, aber kann nicht ertragen, wenn sie neben mir im Meer schwimmen. Das kommt von einer Erfahrung, die ich mit fünf Jahren machte. Meine Eltern waren mit mir an der Mosel im Sommerurlaub, ich wollte mir die Füße kühlen, und habe um mich herum plötzlich Tausende toter Fische gesehen. Es gab damals ein großes Fischsterben. Seitdem wollte ich nie mehr in einen Fluss oder ins Meer und habe darauf verzichtet, erneut schwimmen zu lernen.«

Josephine lachte nun nicht mehr. Sie wusste jetzt, warum Peter andauernd eine dieser Westen trug. Sie legte ihre viel zu große Hose ab, danach ihre Bluse und die Unterwäsche.

Sie stand ungeniert nackt vor Peter, weiß war ihre Haut, und ihre Brüste hingen herab. Sie nahm ihre Unterwäsche und warf sie in den Abfallbehälter, lief zur Reling und sprang grinsend ins offene Meer.

Sie schlenderten gemeinsam durch die nächtlichen Straßen von Dubrovnik und wirkten auf die Passanten wie ein merkwürdiges Gespann. Peter, von Natur aus hellhäutig, hatte durch seinen ständigen Aufenthalt auf dem Meer eine gesunde Hautfarbe. Josephine hatte von Natur aus relativ dunkle Haut, und auch sie verbrachte die meiste Zeit im Freien. Trotzdem wirkte ihre Haut blass und ungesund. Das künstliche Licht der Laternen mochte diesen Unterschied noch ein wenig verbergen, alles andere aber war nicht zu übersehen, sodass die beiden die Blicke auf sich zogen.

Peter war nicht wesentlich größer als sie, seine Gestalt aber schlank und sportlich, was man von Josephine nicht behaupten konnte. Sie trug keinen BH, und Peter bemerkte, dass die jungen Frauen entsetzt auf ihre fülligen, hängenden Brüste starrten. Josephines Gestalt und ihre Art, sich gänzlich über kritische Blicke hinwegzusetzen, war wie ein Schlag ins Gesicht für die modebewussten jungen Mädchen, die sich ohne Schminke nackt und hilflos fühlten, ja, geradezu verloren. Fast noch mehr aber wurde ihre Glatze entsetzt beglotzt. Josephine war nach ihrem mutigen Sprung ins Meer lange im kalten Nass geschwommen, hatte an Bord nach einer Schere gefragt, sich bald darauf eine Stunde ins Bad zurückgezogen, um geschoren wieder herauszukommen. Peter hatte zur Glatze nichts gesagt, und ihr nur wortlos eine seiner Unterhosen hingelegt, mit mehr hatte er nicht dienen können. Seine Shirts und Hosen waren ihr zu eng.

Josephine trug hier in Dubrovnik noch immer die schmutzige Hose, die ihr zu weit war, und um die sie ihre altersbrüchige, schwarze Gürteltasche schnürte, damit sie nicht rutschte. Peter hingegen war bestens gekleidet und trug einen flotten Kurzhaarschnitt. Er hatte Hunger und war der Meinung, dass Josephine dieses Gefühl teilen müsse. Sie aber sagte wieder kein Wort. Sie hatte herzergreifend geweint, als sie am Hafen von Dubrovnik angelegt hatten, so als würde sie mit dieser Stadt etwas verbinden, dass sie zum Weinen brachte. Es war zu früh, um Fragen zu stellen, sodass er sich entschlossen hatte, zu warten, bis sie fertig mit Weinen war. Schließlich hatten sie ohne Worte die Secret verlassen und waren an der Stadtmauer entlang gelaufen, wo hoch über ihnen die Festung thronte.

»Eine schöne Stadt«, sagte er nun vorsichtig, aber schon sah er erneut Tränen in ihren warmen und verletzlichen Augen, und so lenkte er das Thema auf das Abendessen.

»Was würdest du gerne essen? Du bist eingeladen, such dir ein Restaurant aus, okay?«

»Danke, wir können sogar draußen sitzen, es wird immer wärmer«, sagte sie leise, und nahm sogleich am erstbesten Tisch Platz.

Sie bestellten einen Vorspeisenteller, Riesengarnelen für Peter und Muscheln für Josephine, Salat und eine Flasche Weißwein. Josephine aß neben den Muscheln auch die Salatblätter und den Schafskäse nur mit ihren dunklen Fingern, und als sie den Wein probierte, atmete sie genüsslich aus.

»Guter Wein, oh, was für ein Wein! Ich habe so lange keinen richtig guten Wein mehr getrunken, kannst du noch eine Flasche bestellen?«

Peter lächelte, bestellte eine zweite Flasche des teuren Weins und auch eine weitere Flasche Wasser. Josephine wechselte einige Sätze mit dem Kellner auf Kroatisch, dann aber wandte sie sich wieder Peter zu.

»Wenn du mich nicht fortschickst, könnte ich mich um die Katze kümmern. Sie ist ein weibliches Jungtier. Ich könnte sie erziehen, wenn wir ein Katzenklo besorgen. Ich kenne mich wirklich gut mit Katzen aus. Anders kann ich mich nicht nützlich machen oder bedanken, ich habe kein Geld. Ich kann aber auch putzen und so …«

»Ich brauche keine Putzfrau, Josephine. Das mit Kleine Katze ist eine gute Idee. Das ist dann deine Aufgabe, deine Schiffsrolle sozusagen. Ich werde dich nicht fortschicken. Bist du im Besitz von Papieren? Ich meine: Kannst du dich ausweisen?«

»Ja, ich habe einen Ausweis, er ist noch ein paar Monate gültig.«

Peter trank sein stilles Wasser und dachte nach. Er war Gesellschaft an Bord nicht gewöhnt, und er konnte nicht einmal genau sagen, ob er die Frau nun mochte oder nicht. Er wusste nichts über sie, sein Gefühl aber sagte ihm, dass es keinen Ärger geben würde. Er vertraute darauf.

»Du bist Arzt, stimmt’s?«, fragte Josephine aus heiterem Himmel.

»Arzt? Nein, wie kommst du denn darauf?«

»Das Susac-Syndrom und all die vielen Bücher an Bord. Darunter befinden sich etliche Medizinbücher.«

»Ich bin kein Arzt. Ich lese viel, alle erdenklichen Bereiche interessieren mich. An Bord ist es ganz gut, nachschlagen zu können, wenn es einem nicht gut geht. Ich bin ja immer auf mich allein gestellt.«

»Jetzt nicht mehr«, sagte Josephine, und schenkte ihm sogar ein Lächeln. Danach stand sie auf, sagte, sie gehe zum Jachthafen und wolle nachdenken, und verabschiedete sich.

Auch Peter dachte nach. Er nahm Stift und einen Block zur Hand und notierte: Katzenklo, Katzenfutter, Bier, Wein, Unterwäsche, Klamotten, Lesebrille, Kaugummi, Toilettenartikel etc. für J.

Sie würde in einer der Kabinen schlafen können, anstatt unter der Bank. Es gab genug Platz auf der für eine Segeljacht geräumigen Secret, sodass man sich aus dem Weg gehen konnte, wenn es mal Streit gab. So etwas wie Streit kannte er überhaupt nicht mehr, sein letzter war schon viele Jahre her. Er kannte nur noch Small Talk. Gemeinsam nur zu zweit Essen zu gehen, das war ihm auch vollkommen fremd vorgekommen, aber es hatte ihm gefallen.

Zufrieden fragte er nach der Rechnung, die er mit einer seiner drei Platinkarten beglich. Als er wenig später am Hafenbecken landete, sah er Josephine bereits von Weitem. Sie saß auf einem Felsbrocken, ließ ihre Beine baumeln und weinte schon wieder. Peter ließ sie in Ruhe und zog es vor, sich ein kühles Glas Wasser auf dem Deck zu gönnen, aber auch von hier aus konnte er hören, was Josephine von sich gab. Da sie betrunken war, ließ sie sich gehen. Vassilis, Vassi, konnte er verstehen, sie schien mit einem Griechen zu reden, und schon merkte er, dass es sich tatsächlich um die griechische Sprache handelte, in der sie sprach.

Nach ungefähr einer Stunde kam sie zu ihm an Bord, kümmerte sich liebevoll um Kleine Katze, und lümmelte sich vor die Bank, unter der sie geschlafen hatte.

»Möchtest du auch ein Wasser, Josephine?«, fragte Peter freundlich und ein wenig besorgt.

Josephine gefiel seine tiefe Stimme, und sie war fast ein wenig gerührt über seine Fürsorge. »Gerne, Wasser ist immer gut. Ich trinke viel zu viel Alkohol.«

»Ich konnte dich hören«, traute sich Peter zu sagen, »du vermisst einen Mann, der Vassilis heißt, stimmt’s?«

Josephine lachte und weinte zugleich.

»Er ist tot. Vassi ist tot. Ich habe ihn so sehr geliebt. Scheiße!«

»Er ist tot? Was ist geschehen?«, fragte Peter und zündete einige Kerzen an, damit Josephine sich wohlfühlen konnte, und weinen ohne helles Licht, in dem man ihre Tränen sah.

»Vassi und ich sind uns vor ein paar Jahren auf Korfu begegnet, wir haben uns sofort ineinander verknallt. Er war auch Porträtzeichner, so wie ich …«

»Du bist Porträtzeichnerin?«, unterbrach Peter, dem nun ein Licht bezüglich ihrer schwarzen Finger aufging.

»Ja, ach, ja, das weißt du ja noch gar nicht«, lallte sie und redete plötzlich wie ein Wasserfall, während Peter sich zurücklehnte und lauschte.

»Wir waren beide nicht nur Alkis, sondern auch Kettenraucher, und Vassi hat mich dazu gebracht, mit dem Rauchen aufzuhören, weil ich ständig hustete. Ich glaube, ich wäre sonst selbst schon tot, oder zumindest total krank. Er hat mir die Zigaretten einfach immer weggenommen, und mir anstelle einer Zigarette einen langen Kuss gegeben. Das hat gewirkt«, sagte sie lächelnd und fuhr fort:

»Vassi hatte irgendeinen Ärger auf Korfu, aber darüber hat er nie gesprochen. Er hatte seine Wohnung verloren, und wir sind in ein verfallenes, leeres Haus gezogen. Abends am Hafen haben wir die Touristen gezeichnet, aber immer zu viel getrunken. Er wollte dann fort von Korfu, und da sind wir über Bari in Italien mit der Fähre nach Dubrovnik gereist. Vassi hatte plötzlich viel Geld, und er hat immer gesagt, dass er ein Meister des Sparens sei. Jedenfalls hatten wir einen guten Start hier. Wir waren glücklich, vor allem ich, denn ich hatte zum ersten Mal seit langer Zeit einen Freund, dem ich blind vertraute. Ich weiß bis heute nicht, aus welcher Richtung der Ärger kam, den er immer hatte, aber auch hier fühlte er sich bald verfolgt, und eines Tages war er tot!«

»Was? Wie …?«

»Ich weiß es nicht. Es wurde nicht geklärt. Er wurde leblos im Hafenbecken aufgefunden, und angeblich ist er vorher erstickt, also umgebracht worden. Jemand soll ihm Nase und Mund zugehalten und ihn danach ins Wasser geworfen haben. Ich musste ständig zur Polizei, sie haben mich sogar andauernd dort behalten, weil sie mich verdächtigten. Ich weiß nicht, warum ich dann plötzlich in Ruhe gelassen wurde. Danach wollte ich nur noch fort von hier und habe den Bus nach Split genommen«, lallte sie, schluchzte laut und hörte gar nicht mehr auf.

Als sie erwachte, weinte sie sofort wieder. Nicht über ihren verlorenen Freund und auch nicht, weil sie sich schlecht und verkatert fühlte, sondern vielmehr aus Rührung, als sie den Zettel las, der neben ihrem Bett lag:

Liebe Josephine, ich hoffe, du hast gut geschlafen. Ich war in der Stadt und habe eingekauft. Die Sachen für das Katzenklo findest du im Bad, vielleicht machst du es ihr zurecht und versuchst ihr alles beizubringen?

Ich habe dir einen meiner Schapps freigeräumt. Ein paar neue Anziehsachen habe ich auch besorgt, und auch Toilettenartikel.

Jetzt bin ich Mittagessen am Hafen, wenn du magst, kannst du dich zu uns gesellen. Bis später, Peter

Peter musste sie am Vorabend zugedeckt und ihren Kopf auf ein Kissen gebettet haben. Kleine Katze wollte gleich mit ihr spielen und riss an der Decke herum. Josephine lief gähnend und über die eigenen Füße stolpernd in die Küche, setzte Wasser für einen Kaffee auf, und sah zum Fester hinaus. Die Sonne lachte, das Meer schimmerte, und als sie den Kaffee auf dem Deck trank und die salzige Meeresluft in sich aufsog, verspürte sie ein verloren geglaubtes Glücksgefühl.

Im Badezimmer stand ein Kulturbeutel auf einem Handtuch bereit, in dem sich ein Duschgel, Bodylotion, ein Deodorant für Damen, Handcreme, Sonnencreme, zwei schicke Sonnenbrillen, Kaugummis und sogar eine Schachtel Tampons befanden. Er hatte wirklich an alles gedacht!

Als sie nach der Dusche in dem geöffneten Schrank Unterhosen, Socken, jeweils zwei BHs und Badeanzüge, Badelatschen, ein Paar Turnschuhe, Shorts, eine Jeans und eine Sommerhose, diverse Blusen und Shirts, einen Pullover, eine dicke Jacke und eine Regenjacke vorfand, ließ sie angesichts dieser Aufmerksamkeit ihren Tränen freien Lauf.

Auf dem Tisch lagen zwei große, lustige Sonnenhüte für sie bereit. Sie konnte es nicht abwarten, all die neuen Sachen anzuprobieren. Es war verblüffend, dass Peters Auswahl ihr nicht nur recht gut gefiel, sondern dass ihr alles bis auf die Turnschuhe perfekt passte! Die Schuhe waren ein wenig eng, würden sich aber vielleicht noch eintragen. Mit allem hatte er richtig gelegen, sogar der BH war groß genug.

Markensachen zu tragen, war sie nicht gewöhnt, und so stellte sie sich immer wieder vor den eigentlich viel zu kleinen Spiegel, um sich zu betrachten. Ihr gefiel das, was sie sah. Eine Frau mit Glatze und Zahnlücken, deren Gesichtszüge verlebt waren, die aber doch auch schick ausschaute in den neuen Klamotten. Sie machte eine Blase mit ihrem Kaugummi, lächelte und sagte zu sich selbst: Wenn du abnimmst und die Haare wieder wachsen, könntest du wieder ganz gut aussehen.

Nach ihrer ganz privaten Modenschau wurde sie neugierig. Was war dieser Spießer für ein Mann, und warum tat er all das für sie? Wohlwissend, dass sich das nicht gehörte, öffnete sie auch seinen Kleiderschrank. Alles lag ordentlich sortiert und zusammengelegt in den Schapps. Anders als erwartet, hatte er nicht sonderlich viele Anziehsachen.

In einem der vielen Schapps lagen Tennis-, Badminton- und Golfschläger, und davor stand ein kleines Ergometer, der durch ein interessantes System aus Schlössern so gesichert war, dass er bei Wind und Wetter nicht verrutschen konnte. Einige Hanteln lagen verstreut im Salon umher, und in einer Kabine war ein allem Anschein nach sehr teures Fahrrad festgezurrt. Er schien sportbegeistert zu sein, der Peter.

Seine zweite große Leidenschaft war eindeutig das Lesen. In den Vitrinen lagen Bücher aus allen erdenklichen Sparten. Kriminalromane, Romane, Thomas Mann – gesammelte Werke, Sachbücher zu den unterschiedlichsten Themen, darunter viele Bücher über Boote und die Schifffahrt, aber auch Kunstkataloge, Bücher über Pferde, Foto- und Gedichtbände, Psychologie- und Medizinbücher, Bücher über Yoga und sogar esoterisches Allerlei und Bücher über Astrologie. Mit Ausnahme der Sammlung über Boote, die abseits der anderen Bücher untergebracht war, erschien ihr die Sammlung wie die einer Frau, und sie überlegte, ob Peter vielleicht schwul sei. Das konnte ihr nur recht und sympathisch sein.

Just in diesem Moment fiel ihr Blick auf eine weitere Vitrine, in dem etwa zwanzig rot eingeschlagene Bände horizontal gestapelt lagen. Sie öffnete die Vitrine, zog einen Band heraus und sah sofort, dass es sich um so etwas wie ein Tagebuch handeln musste, mit Texten in einer schönen Handschrift. Auf jedem Band war für Ivo eingraviert, und alles war durchnummeriert. Es sah ganz danach aus, als ob Peter für seinen vermeintlichen Freund seine Reiseerinnerungen aufschrieb. Sie klappte das Buch rasch wieder zu, denn es ging zu weit, heimlich in fremden Tagebüchern zu lesen.

Überall herrschte Ordnung auf der Secret, auch in Peters Koje, in der ein blau bezogenes Bett stand, auf dem einige Bücher und Zeitschriften lagen.

Nachdem sie die Schüssel für die Katze im Bad aufgestellt und den ersten pädagogischen Versuch mit der Jungkatze unternommen hatte, bereitete sie sich ein ausgiebiges Frühstück aus Aufbackbrötchen, verschiedenen Käsesorten und zwei Eiern. Peters Kühlschrank war gut gefüllt, vor allem das riesengroße Gefrierfach. Er hatte beim Einkaufen aber auch an Kleine Katze gedacht, denn Josephine zählte dreißig Dosen Katzenfutter unterschiedlichster Sorten: Pute, Hähnchen, Garnelen, Thunfisch, Lachs und Rind, es war alles dabei. Peter musste mehrmals einkaufen gegangen sein, vielleicht hatte ihm dieser ominöse Ivo geholfen, oder er war mit dem Fahrrad unterwegs gewesen? Sie lief zum Frühstück auf das schattige Deck, wo der Tisch bereits für sie gedeckt worden war. Auf einer verankerten, alten Seemannstruhe war ein Zettel angebracht worden, auf dem stand: Für Josephine. Als sie diese öffnete, traute sie ihren Augen kaum. Bleistifte, Kohlestifte, ein Aquarellkasten, Pinsel und diverse Blöcke kamen zum Vorschein, und daneben lagen Lesebrillen in unterschiedlichen Stärken, wohl, weil sie nebenbei einmal flüchtig ihre schlechter werdenden Augen erwähnt hatte. In der Ecke der Truhe lag eine neue Gürteltasche aus hellem Leder.

Dieser Peter schien alles daran zu setzen, ihr den Aufenthalt an Bord so schön wie möglich zu gestalten. Beim Frühstück auf dem Deck setzte sie eine der neuen Sonnenbrillen und den Sonnenhut auf, beobachtete die kreisenden Möwen und fühlte sich ausgezeichnet. Sie aß ihr Frühstück mit Messer und Gabel, aus einer Art Dankbarkeit gegenüber Peter und seinen netten Gesten. Danach machte sie den zweiten Versuch mit Kleine Katze, schimpfte ordentlich, und las noch einmal den Brief von Peter. Wenn du magst, kannst du dich zu uns gesellen, stand da geschrieben.

Wir, das sind bestimmt Peter und sein Freund Ivo, wer sonst?, schoss es ihr durch den Kopf. Sie warf endlich ihre ausgeleierte Hose in den Müll, zog die schönsten Sachen an, und klapperte wenig später beinahe gestylt die Restaurants ab, um Peter zu suchen. Von Weitem sah sie bald eine große Gruppe verschiedener Menschen am Hafen sitzen, in der sich auch Peter befand. Es mussten an die zwanzig Leute sein, die es sich bei Speis und Trank gut gehen ließen. Champagner wurde serviert, und alle lachten und redeten durcheinander, vor allem eine Gruppe Italiener. Von einem Ivo keine Spur, wie es aussah, schade.

Sie würde sich in dieser Runde nicht wohlfühlen, außerdem hatte sie überhaupt keinen Hunger, und so beobachtete sie das bunte Treiben noch eine Weile, um sich dann auf Spurensuche in ihre Vergangenheit zu begeben.

Zuerst wurde sie von einem Hund begrüßt, der einem Kumpel von Vassi gehört hatte. Er sprang wüst an ihr hoch, obwohl zwei Jahre seit ihrer gemeinsamen Zeit in Dubrovnik vergangen waren. Der Hund schien herrenlos zu sein, verlassen, so wie die Baracke, in der sie damals eine Zeit lang zu mehreren gehaust hatten.

Im Inneren des alten, verfallenen Hauses stank es nach Urin, und durch den Kontrast zum Aufenthalt auf der Jacht konnte sie plötzlich kaum noch verstehen, dass sie so viele Jahre in Baracken dieser Art gewohnt hatte. So sehr sie sich auch bemühte, kamen keine schönen Erinnerungen zurück, keine Gefühle, an denen sie hing, nichts. Sie betrachtete die vielen leeren Flaschen, die in den Ecken lagen, und wischte genervt die Scherben mit dem Fuß beiseite. Ein Hocker, der ihr gehört hatte, stand dreibeinig in dem Haus, eine alte Matratze lag daneben, aber die Verbindung zu ihren Emotionen blieb aus.

Ich brauche ein Bier, dachte sie, und in dem Moment wurde ihr klar, dass sie nüchtern die Dinge anders betrachtete. Sie wusste plötzlich, dass sie Vassi alkoholisiert nur wieder nachweinen würde, und beschloss, bis zum Abend nüchtern zu bleiben.

Bis zum Abend blieb sie ihren Vorsätzen treu, nun aber spülte sie Peters Weißwein in großen Schlucken hinunter, schneller noch als sonst. Die Gefühle und Gedanken der Vergangenheit mischten sich mit der Unsicherheit, die sie Peter jetzt entgegenbrachte, nachdem er ihr so viele Geschenke gemacht hatte. Verzweifelt nach Worten ringend goss sie sich das nächste Glas ein, und auch eins für Peter, der eigentlich bereits bei seinem stillen Wasser zur Nacht war. Verlegen schaute sie zum Boden und zog ihre Turnschuhe aus, denn die Füße schmerzten von dem langen Weg, den sie zurückgelegt hatte.

Als Peter ihre Blasen an den Füßen bemerkte, fragte er besorgt: »Sind die Schuhe etwa zu klein? Das tut mir leid!«

»Ach, du«, brach es jetzt aus ihr heraus, »lass das bitte! Ich weiß nicht, wie ich mich bei dir bedanken soll. Es gibt keine Worte dafür, warum tust du das alles für mich?«

»Halb so wild. Wir haben doch besprochen, dass ich dich eine Weile mitnehme, und ich habe nur das Nötigste gekauft, das ist doch selbstverständlich, denn du hast ja nun einmal kein Geld!«

»Du bist echt ein netter Typ, so wie du heute den Tisch gedeckt hast und so. Und sogar an Zeichenutensilien hast du gedacht, dabei kennst du mich doch gar nicht.«

»Ich kann dich jederzeit auch wieder an Land schmeißen«, scherzte Peter und zwinkerte, »aber ich habe mich mit dem Gedanken angefreundet, einen Passagier an Bord zu haben, oder besser gesagt zwei, mit Kleine Katze.«

»Wo ist sie?«

»Sie ist unterwegs, aber ich bin mir sicher, dass sie zurückkommt.«

»Hoffentlich! Ich liebe Kleine Katze, und ich habe mit der Erziehung schon angefangen. Ich glaube, sie lernt schnell.«

»Siehst du, das ist unser Deal. Ich will damit nichts zu tun haben«, sagte er und erhob seine Hand, um mit Josephine abzuklatschen. Ihre Finger waren jetzt nicht mehr so schwarz, sondern eher gräulich. Es würde nicht mehr lange dauern, bis ihre Hände wieder sauber waren.

»Was hast du den ganzen Tag lang gemacht?«, wollte er wissen.

»An alte Zeiten gedacht. Ich war auf Spurensuche. Es war frustrierend, oder auch nicht. Ich weiß nicht. Mir war plötzlich, als ob ich neben mir stand. Alles war so unwirklich, als ob ich das damals gar nicht war. Ein Tag auf deiner Jacht scheint meine Sichtweise auf viele Dinge verändert zu haben, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Die Zeit kommt mir ganz komisch vor, so als würde ich schon eine Woche hier sein, oder länger. Ich denke auch anders über Vassi. Ich habe ein paar Bekannte von ihm getroffen, und alle sagen, dass er lauter krumme Dinger gemacht haben soll. Er war gar nicht der liebe Vassi, für den ich ihn damals gehalten habe, wie es scheint. Er soll alle abgezockt haben.«

Peter war müde. Er klappte seinen Laptop auf, und es erschienen Tabellen und Karten, die Josephine rein gar nichts sagten. Sie hasste Computer.

»Wir müssen Pläne schmieden, Josephine. Wo soll die Reise hinführen?«

»Egal«, sagte sie nur, und schenkte sich das nächste Glas Wein ein.

»Für mich bitte nichts mehr, Josephine. Ich trinke abends meist Wasser. Welches Land oder welche Stadt interessiert dich?«

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9783957658265
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