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Angela Zimmermann

Erlös mich,

wenn du kannst

Roman

Engel sind unsere ständigen Gäste,

also lasst die Tür zu eurem Herzen

stets offen.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Über die Autorin

Kapitel 1

Ich steige aus dem Auto und spüre, wie sich ein zufriedenes Lächeln über mein Gesicht ausbreitet. Ich schaue an dem Haus vor mir hinauf und bin glücklich, endlich hier zu sein. Es ist zwar klein, aber sehr schön und am Rande einer Stadt gelegen. Eine kleinere Kreisstadt, die wir bis jetzt nicht einmal kannten, aber wo es alles geben soll, was man zum Leben braucht und so genau richtig für mich und meinen Mann Manuel ist.

Seit unserer Hochzeit vor zwei Jahren sind wir auf der Suche nach einem Haus. Wir wollten eigentlich das vertraute Heim, eine Wohnung in der Stadt, wo ich aufgewachsen bin, nicht verlassen. Aber dann sah ich diesen Flyer, der eines Tages in unserem Briefkasten lag und es war um mich geschehen. Ich habe sehr lange von genau diesem Haus geträumt, es jedoch immer als belanglos abgetan. Jetzt sah ich es auf einem Stück Papier und verliebte mich noch mehr, als wie es sich schon im Traum angefühlt hatte. Einen Zusammenhang schob ich beiseite, stattdessen zog es mich vom ersten Augenblick magisch an.

Unsere Immobilienmaklerin mit der wir schon länger nach einem passenden Haus gesucht haben bestritt jedoch, dass wir den Flyer von ihr bekommen haben, was mir am Ende ebenso vollkommen egal war. Dass es etwas mit meinen Träumen zu tun hatte, kam mir auch da nicht in den Sinn. Die Maklerin kümmerte sich sofort darum, dass wir uns das Haus ansehen durften. Zudem wickelte sie den Verkauf ab, obwohl sie es hätte nicht machen müssen und es auch nicht bei ihr gelistet war. Die Gemeinde war froh, endlich jemanden für das jahrelang leerstehende Haus gefunden zu haben und dankte ausdrücklich unserer Maklerin für ihre Bemühungen. Warum es so lange leer stand, konnte oder wollte uns keiner sagen. Es ist mir unbegreiflich, aber ich kümmerte mich nicht weiter darum und außerdem sollte ich es ja anscheinend auch bald erfahren.

Vor einem halben Jahr haben wir es dann endlich gekauft, waren jedoch seitdem nur zwei Mal hier. Einmal, um es uns anzuschauen und den Kaufvertrag zu unterschreiben und das zweite Mal, um die Firmen für die Renovierung einzuweisen. Sehr viel war eigentlich nicht zu machen, aber frische Farbe sollte dann doch an die Wände. Das Haus war in einem auffallenden guten Zustand, obwohl es angeblich über zwanzig Jahre unbewohnt gewesen sein soll, was ich irgendwie nicht glauben wollte.

Wir haben uns entschieden die Möbel, die im Haus waren, zu behalten. Sie waren ordentlich in Tücher eingehüllt und die Küche war ebenfalls vollkommen in Ordnung. Ich könnte mir vorstellen, dass die Vorbesitzer das alles selbst nicht lange genutzt haben und mitgenommen wurde auch nichts. Das Einzige, was wir von uns mitbringen, ist das Schlafzimmer. Das haben wir erst vor kurzem gekauft und ich wollte es unbedingt mitnehmen. Ein Verkauf kam für mich nicht in Frage. Das alte Bett und die Schränke haben die Handwerker entsorgt, so wurde uns die Arbeit abgenommen. Heute muss jedoch unseres aufgebaut werden und deshalb sind zwei Freunde von uns als Unterstützung mitgekommen.

„Schatz, bist du dort angewachsen?“, ruft mir Manuel zu und reißt mich aus meinen Gedanken.

„Ich komme ja schon“, antworte ich ihn und löse widerwillig den Blick, der an dem Haus geheftet ist.

Ich nehme noch meine Tasche aus dem Auto und gehe die kleine gepflasterte Auffahrt hinauf. Bevor ich die drei Stufen zur Eingangstür empor gehe, schweift mein Blick durch den winzigen Blumengarten vor dem Haus. Wir haben einen Gärtner beauftragt, wenigstens die Ansicht, von der Straße aus, in Ordnung zu bringen. Er hat wirklich gute Arbeit geleistet. Es sind verschiedene Blumenarten, die alle in wunderschönen Farben blühen. Zusätzlich hat er einen Weg aus unterschiedlich großen Feldsteinen angelegt, der zu einer Gartenbank führt, die zwischen den Blumen direkt unter einem Fenster platziert ist. Da kann man sich abends ausruhen und hat einen freien und überragenden Blick auf die Stadt, die uns hier förmlich zu Füßen liegt.

Das Haus ist ganz am Ende in dieser Siedlung und steht auf einer kleinen Anhöhe. Ich kann immer noch nicht glauben, dass es keiner haben wollte. Und jetzt gehört es uns. Die Maklerin, die sich umgehört hat, so gut es ihr möglich war, konnte uns auch nicht sagen, warum die Situation so ist. Manuel meinte, dass hier vielleicht etwas passiert ist, aber ich wollte darüber einfach nicht spekulieren. Er hat manchmal viel Fantasie. Ebenso kann ich mir nicht vorstellen, dass so ein schönes Haus böse Geheimnisse haben soll.

„Entschuldigung“, sagt Nico, einer unserer Freunde, der mich im Vorbeigehen anrempelt.

„Was ist denn mit dir los?“, fragt Manuel fast gleichzeitig und steht jetzt ganz nah vor mir.

„Ich habe mir nur den Garten angeschaut“, antworte ich ihn etwas mürrisch, denn ich will mich nicht hetzen lassen.

„Drinnen ist alles sehr schön geworden, Schatz. Gehe hinein und schaue dir das an“, lächelt Manuel mich an und hat mein Murren einfach überhört.

Ich lächele zurück und gehe die Stufen hinauf. Kurz darauf trete ich durch die Haustür in den Flur. Der war vorher schon groß und der neue Anstrich mit weißer Farbe macht ihn noch gewaltiger. Ich laufe weiter und stehe nun in unserer Küche. Vor Erstaunen steht mein Mund offen und ich bin einfach nur sprachlos. Zusätzlich zu der Malerfirma und den Gärtner haben wir eine Reinigungsfirma beauftragt, alle Möbel wieder auf Hochglanz zu bringen. Und das haben sie. Ich mag eigentlich keine hellen Küchenmöbel, aber diese ist wunderschön geworden. Das Weiß der Schränke lässt den Raum freundlicher wirken und die zarte grüne Farbe an den Wänden passt wahrhaftig gut dazu. Die Küche ist mit allem ausgestattet, was man sich denken kann. Einige Geräte waren noch da und andere haben wir einbauen lassen. Das wurde von uns nur telefonisch organisiert und ich hatte schon etwas Angst, dass das schiefgeht, aber das Ergebnis überrascht mich vollkommen. Alles Geld, was wir hier hineingesteckt haben, hat sich absolut gelohnt. Als Nächstes schaue ich mir das Wohnzimmer an und habe da ebenfalls nichts auszusetzen. Die Couchgarnitur haben sie gereinigt und schaut wirklich wie neu aus. Die Wohnwand und der schöne Tisch haben weder einen Kratzer, noch sieht man ihnen an, wie lange sie hier gestanden haben. Manuel war dagegen, dass wir alles behalten, aber ich wollte diese Möbel nicht hergeben. Warum konnte ich nicht sagen, jedoch habe ich gleich im ersten Moment eine angenehme Verbindung zu ihnen aufgebaut. Und jetzt bin ich einfach nur froh, mich in dieser Sache gegenüber meinem Mann durchgesetzt zu haben.

„Wir bauen dann gleich das Schlafzimmer auf“, kommt leise von Manuel, der hinter mir steht und ganz vorsichtig die Arme um meinen Körper legt, damit ich mich wahrscheinlich nicht erschrecke. Ich lasse meinen Kopf auf seine Schulter fallen und spüre, dass er sich genauso wohl fühlt wie ich.

„Wir sind angekommen. Meinst du nicht auch?“, wende ich mich Manuel zu und schaue in sein zufrieden strahlendes Gesicht.

„Ja, Schatz, das sind wir“, antwortet er, senkt sich zu mir herunter und gibt mir einen zärtlichen Kuss.

„Wo sollen denn all die Kisten hin?“ Nico steht auf einmal neben uns und grinst uns breit an.

Am liebsten würde ich ihn davonjagen, aber lasse Manuel los, denn schon heute Abend werden wir die Möglichkeit haben, da weiter zu machen, wo uns Nico jetzt gestört hat.

„Auf den Kisten steht doch drauf, wohin sie sollen“, sage ich forsch, mit in den Hüften gestemmten Händen.

„Schon gut. Ich wollte euch nicht stören, aber wir sollten etwas schneller machen, sonst müsst ihr heute auf dem Fußboden schlafen“, erwidert Nico, schaut auf die Kiste und verschwindet mit ihr in die Küche.

Manuel schüttelt nur mit dem Kopf und folgt nach einem weiteren Kuss Nico, der schon wieder an uns in Richtung Auto vorbeiläuft. Es sind nicht viele Kisten, die sie noch herein räumen müssen, denn wir haben bisher in einer sehr kleinen Wohnung gelebt.

Um den Männern nicht im Wege zu stehen, gehe ich in die Küche und beginne dort die erste Kiste zu leeren. In der zweiten stoße ich auf die Kaffeedose und befülle sofort eine Maschine damit. Während der Kaffee durchläuft, verschwindet das Geschirr in den Schränken. Nach ein paar Minuten stehe ich mit einer Tasse heißen Kaffee an der Terrassentür. Ich öffne sie und trete hinaus. Mein Blick fliegt über den großen Garten, der sich vor mir erstreckt. Hier wurde noch nichts gemacht, denn das wollen wir selbst in die Hand nehmen. Und erst, wenn wir eingezogen sind. Bei dem, was ich aber hier erblicke, scheine ich mich wohl geirrt zu haben, es schnell allein schaffen zu können. Was meine Augen sehen, macht mir irgendwie Angst. Das Gras ist so hoch, dass es sogar einen Rasenmäher schwerfallen wird, durchzukommen. Dann stehen Bäume da, die wohl kaum noch Früchte tragen werden. Da sollten vermutlich einige gefällt werden. Auch die Terrasse, auf der ich mich momentan befinde, muss neu gemacht werden. Die Sandsteine, die hier verlegt wurden, sind das ganze Gegenteil von gleichmäßig. Ich glaube hier stände kein Tisch gerade. Etwas enttäuscht darüber, den Garten und die Terrasse nicht gleich benutzen zu können, wie ich es mir vorgestellt habe, gehe ich zurück in das Haus.

„Wo hast du denn dein Arbeitszimmer?“, fragt Tim, ein weiterer Freund von Manuel, der mitten im Wohnzimmer steht und krampfhaft eine Kiste hält.

„Komm mit, ich zeige es dir“, zwinkere ich ihm zu und wir gehen gemeinsam in das Obergeschoss.

Hier ist das Schlafzimmer, ein Badezimmer, ein Gästezimmer und mein Arbeitszimmer. Das ist eigentlich als Kinderzimmer geplant, aber dafür hat es noch etwas Zeit. Alle Türen stehen offen und es sind schon jede Menge Kisten in den Zimmern verteilt, bis auf die Letzte.

Tim stellt diese mitten in den Raum und ist kurz darauf wieder auf den Weg nach unten. Ich schaue mich erst einmal um und überlege, wie ich mein Arbeitsdomizil einräumen sollte. Schnell ist eine Entscheidung getroffen, den Tisch vor das Fenster zu stellen. Da habe ich während der Arbeit einen wunderschönen Ausblick auf die kleine Stadt. Ich kann von hier aus sogar den Markt mit der großen Kirche sehen.

So eine Aussicht wird mich bestimmt auch inspirieren. Ich bin Schmuckdesignerin und verkaufe meine Sachen meist über das Internet. Ich lasse bei der Arbeit meiner Fantasie freien Lauf und die Verkaufszahlen zeigen mir jedes Mal, dass ich mit den Ideen nicht falschliege. Ich habe mich daran gewöhnt, zu Hause zu arbeiten und mir die Zeit so einteilen zu können, wie ich möchte. Manuel ist dagegen Lehrer und liebt es, ständig unter Menschen zu sein. Er hat auch schon eine Stelle hier an der Schule. In zwei Wochen sind die Ferien zu Ende und er kann sofort anfangen. Bereits in den nächsten Tagen beginnen die Schulvorbereitungen, bei denen er dabei sein muss. Also bleibt uns kaum eine Woche, um uns hier richtig einzurichten. Geschweige den Garten auf Vordermann zu bringen. Aber wir werden es schon schaffen. Zuerst sollte im Haus alles fertig werden, dann kann ich mich wieder voll meiner Arbeit widmen und so nebenbei werde ich wohl doch noch einmal einen Gärtner zurate ziehen.

Hinter mir höre ich gequälte Stimmen, die mich aus den Gedanken holen und ich schaue genüsslich zu, wie drei kräftige Männer, die sonst mit ihren Muskeln prahlen, versuchen unser schweres Bett in das Obergeschoss zu bekommen. Ich muss mir ein Lachen verkneifen, denn ich möchte ihren Stolz nicht verletzen. Das machen sie schon selbst. Nach weiteren zehn Minuten und ständigen Absetzen steht das Bett an seinen vorgesehenen Platz und alle drei fallen erschöpft daneben nieder.

„Ich hole euch erst einmal ein Bier. Ich glaube, das habt ihr euch verdient“, will ich sie aufmuntern, denn auch der Schrank muss ebenso nach oben. Da gibt es jedoch einen Vorteil, der ist in Einzelteile zerlegt.

„Eine gute Idee, mein Schatz“, höre ich noch von Manuel, während ich schon die Treppe hinunterlaufe.

Wie erwartet, befinden sich die Flaschen nicht mehr in dem Korb, den ich auf die Spüle gestellt habe, sondern im Kühlschrank. Ich nehme drei heraus und bringe sie den Männern, die inzwischen auf der Terrasse stehen und sich genauso ungläubig den Garten ansehen wie ich vorhin. Aber wie schon gesagt, der muss noch etwas warten.

Ich lasse die Jungs allein und ziehe mich zurück in die Küche. Hier wartet genug Arbeit auf mich und damit will ich auch schnellstens fertig werden, denn ich möchte heute noch mit dem Einräumen meines Arbeitszimmers beginnen. Morgen sollte ich zumindest wieder im Netz sein, wenn es auch nur kurz sein wird, um die aktuellen Aufträge und Bestellungen zu überprüfen. Wir benötigen jetzt wirklich jeden Cent und wenn keine Werbung für die Produkte gemacht wird, verkaufe ich am Ende nichts.

Nach einer halben Stunde falte ich den letzten Karton von der Küche zusammen und bringe ihn wieder zum Auto. Das hat sich ja schon fast geleert. Nur noch ein paar Dekorationssachen und Pflanzen sind auf dem kleinen Laster. Ich quäle mich hinauf und hole meine Stehlampe aus der Ecke heraus. Ich ziehe sie bis an den Rand und springe wieder hinunter. Bevor ich sie herunterziehen kann, steht Manuel neben mir und reicht sie mir mit einem Lächeln. Ein Kinderspiel für ihn und ich bedanke mich mit einem Küsschen. Schnell laufe ich mit der Lampe zurück in das Haus und platziere sie neben der Couch. Jetzt doch etwas erschöpft lasse ich mich auch gleich auf sie fallen und spüre, wie meine Augenlider immer schwerer werden. Ich ergebe mich dem Müdigkeitsgefühl und schlummere ein.

Ich weiß nicht wie lange ich geschlafen habe, werde jedoch unsanft von einem lauten Poltern geweckt. Augenblicklich sitze ich aufrecht und lausche in das Haus hinein. Aber es bleibt noch einen Moment still.

„Du hast meinen Fuß gerade so um einen Zentimeter verfehlt“, brummt Tim.

„Tut mir leid“, entschuldigt sich Manuel schnaufend.

Ich laufe die Treppe hinauf und stehe jetzt im Schlafzimmer, wo die drei mit dem Kleiderschrank kämpfen. Also Kraft haben sie zwar, aber Möbelbauer könnten sie wohl nie werden. Mit verschränkten Armen postiere ich mich am Türrahmen und schaue zu, wie sie versuchen, die Türen in die dafür vorgesehenen Schienen einzuhängen. Es dauert ein paar Minuten, aber sie schaffen es. Sichtlich geschafft stehen sie da und klopfen sich gegenseitig auf die Schultern. Ich denke mir meinen Teil und widme mich umgehend den großen Plastiktüten. Darin sind unsere Zudecken und Kissen und ich beginne sofort alles herzurichten, damit wir schon heute in dem Bett schlafen können. Die Männer lassen mich allein zurück und räumen die letzten Sachen ins Haus. Eine halbe Stunde später verabschieden wir Tim und Nico und schließen die Tür unseres Heimes, das erste Mal von innen. Im selben Moment nimmt mich Manuel auf den Arm und läuft mit mir ins Wohnzimmer. Zusammen fallen wir lachend und glücklich auf die Couch und vergessen für einige Sekunden alles um uns herum.

Kapitel 2

Ich liege regungslos in meinem Bett und starre an die weiße Decke. Die Sonne ist schon aufgegangen, aber wir müssen nicht aufstehen. Heute ist Ausschlafen angesagt und so lasse ich Manuel noch schlummern. Sein leiser und gleichmäßiger Atem ist für mich beruhigend. Ich denke derweil daran, was heute alles nötig ist gemacht zu werden. Es sind noch einige Kartons auszupacken und mein Arbeitszimmer ist auch noch nicht fertig eingeräumt. Gestern Abend sind wir nicht mehr dazu gekommen. Es war sehr spät geworden und wir waren einfach nur zu müde. Also sind wir ins Bett gegangen und sofort eingeschlafen. Leider habe ich nichts geträumt und bin etwas enttäuscht darüber. Immerhin soll das in Erfüllung gehen, wenn man die erste Nacht in einem neuen Heim schläft. Aber was würde es ändern? Ich bin überglücklich, dieses Haus endlich mein Eigen nennen zu dürfen.

„Hast du gut geschlafen?“, fragt Manuel, der seine Augen noch nicht richtig auf bekommt, dreht sich zu mir und legt seinen Arm auf meinen Bauch. Ein wunderschönes Gefühl von Vertrautheit macht sich in mir breit, die Wärme seiner Haut auf meiner zu spüren.

„Ja, wie ein Murmeltier“, lächele ich ihn an.

„Hast du was geträumt?“

„Nein, leider nicht“, sage ich mit einem traurigen Unterton.

„Vielleicht ist es auch besser so.“ Manuel zieht seinen Arm zurück, setzt sich etwas auf und sieht mich von der Seite an.

„Es könnte doch sein, dass das hier alles aufhört“, meine ich leise, obwohl ich sofort merke, wie falsch die Worte klingen.

„Du hast von diesem Haus ständig geträumt und nun ist es unser. Ich denke, es ist ein Puzzlestück in deinem Leben.“ Manuel sagt es sehr nachdenklich und ich kann ihn innerlich nur zustimmen.

„Was sollte das Haus zu meiner Veranlagung beitragen?“, frage ich immer noch so leise, dass man vermuten könnte, ich will nicht, dass es jemand hört, obwohl wir allein sind. Ich denke es zumindest.

„Das kann ich dir nicht sagen. Ich bin fast davon überzeugt, dass deine Visionen und Träume zusammenhängen.“ Manuel wird nun auch merklich leiser. Aber warum, vermag keiner von uns beiden zu sagen.

Er beugt sich zu mir herunter, haucht einen Kuss auf meine Stirn und steht auf. Er dreht sich noch einmal zu mir um, bevor er das Zimmer verlässt und sein Blick sagt mir, dass er genau weiß, dass es nicht vorbei ist.

Ich lasse meinen Kopf in das Kissen fallen und mit geschlossenen Augen haben die Gedanken, wie auf Abruf, freien Lauf.

Ich habe eine Gabe, wenn man das so nennen kann, mit der ich schon seit meinem zehnten Lebensjahr versuche zu leben. Es sind Visionen von bevorstehenden Unfällen und bis heute ist niemand in der Lage mir zu sagen, warum gerade ich diese Bestimmung habe.

Sie kommen am Tag sowie in der Nacht, aber ich bin dabei immer munter. Also Träume sind es wirklich nicht und sie sind so real, als wäre ich stets mitten drin und würde sie direkt mit erleben. Es begann wie gesagt, als ich zehn Jahre alt war. Sie kamen in der Schule und der Freizeit und ich hatte nie irgendeine Vorwarnung. Sie überfielen mich und ich war immer für mehrere Sekunden abwesend und nicht ansprechbar. Es beginnt mit einem Dröhnen im Kopf, dann kommen unbeschreibliche Kopfschmerzen dazu, danach erscheinen Lichtblitze vor meinen Augen und zum Schluss sah oder sehe ich Unfälle und Verletzte, auch tote Menschen waren schon dabei. Am Anfang verstand ich überhaupt nicht damit umzugehen. Ich war jedes Mal vollkommen durcheinander. Erst mit der Zeit begann ich zu begreifen und realisierte, was da mit mir passiert.

Irgendwann kam ich einmal aus der Schule und da lag eine Zeitung bei uns zu Hause auf dem Tisch. Mir stockte der Atem, denn ich sah genau das, was ich am Tag vorher als Vision gesehen habe. Die Bilder schockierten mich fast noch mehr als das dazu Geschriebene. Ab diesem Moment stöberte ich jedes Mal nach einer Vision in Zeitungen, versuchte im Fernseher etwas zu erfahren und belauschte die Gespräche meiner Eltern. Wie sie ja mal so sind, halten sie solche schrecklichen Nachrichten möglichst von ihren Kindern fern.

Mit der Zeit machte es mir immer mehr Angst und ich sprach mit meiner Mutter darüber. Ich nahm allen Mut zusammen und habe mich ihr anvertraut, stieß aber nicht gerade auf Verständnis. Im Gegenteil, sie organisierte sofort eine Therapeutin. Diese unternahm alle möglichen Tests mit mir und am Ende hatte auch sie keine Erklärungen für die Vorfälle, wie sie die Visionen nannte. Es wurde sogar eine Computertomographie von meinem Kopf gemacht, um einen Tumor auszuschließen. Letztendlich wusste kein einziger von den Experten, was in meinem Kopf abgeht. Organisch war aber zum Glück alles in Ordnung, was mir jedoch nicht weiter half.

Von da an sprach ich mit niemandem mehr darüber, sondern verschloss mich und zog mich immer mehr in meine unnatürliche Welt zurück. Ich versuchte, für die Bilder einer Vision, nicht sofort nach Beweisen zu suchen, dass ich richtig lag, aber es gelang mir kaum bis nie. Meine Schuldgefühle stiegen fast ins Unermessliche, weil ich den Betroffenen nicht geholfen habe.

In der Schule war ich indessen schon längst ohne Freunde. Sie dachten, ich wäre verrückt. Ich habe kaum noch etwas mit meinen Schulkameradinnen unternommen, weil ich immer damit rechnen musste, dass ich durch eine Vision kurz wegtreten würde. Die anderen nannten es Anfälle und hatten am Ende mehr Angst davor als ich selbst. Sie verstanden es nicht, damit umzugehen und mir zu helfen, war ja ihrerseits kaum möglich.

Ich habe gelitten und an meinem Leben gezweifelt. Warum wurde mir so eine Last auferlegt? Ich wollte ein ganz normales Kind sein wie alle anderen, aber so wurde ich ungewollt zum Außenseiter. Zum Einzelgänger. Ein bemitleidenswertes Mädchen. Ein Kind was ständig neben sich stand und krank zu scheinen schien. Was natürlich nicht so war, aber das konnte keiner wissen und meine Eltern wollten auch nichts anderes glauben oder akzeptieren. Therapien, ja das war das Ziel. Nur ich allein wusste, dass sie nie helfen würden.

Meine Mutter drang darauf, dass ich ständig Medikamente einnehme, die die Therapeutin mir trotz keiner genauen Diagnose verschrieben hat. Aber als ich mitbekam, dass sie ebenfalls nicht halfen, denn den Unfällen war es egal, was ich schluckte, nahm ich sie nicht mehr. Ich ließ sie unbemerkt verschwinden und ab da ging es mir wesentlich besser. Ich war nicht ständig müde und der Appetit kehrte auch zurück. In der Schule sagte ich dann jedes Mal, es wäre Migräne. Somit konnte ich wenigstens etwas ruhiger leben und musste mich nicht immer wieder rechtfertigen. Ich kann auch nicht sagen, was sich die Lehrer dabei dachten, sie schickten mich einfach nach Hause, wahrscheinlich weil sie mit diesem Problem nichts zu tun haben wollten.

Mit 14 Jahren änderte sich die Lage. Ich hatte in der Nacht eine Vision von einem Busunglück, wobei viele Kinder in Gefahr waren. So ging ich an diesem Morgen nicht in die Schule, sondern zu meiner Therapeutin. Ich hatte zu viel Angst um die Kinder und wollte unbedingt, dass ihnen jemand hilft.

Sie nahm sich Zeit für mich, aber sie schenkte mir auch diesmal keinen Glauben. Sie gab mir etwas zur Beruhigung und forderte mich auf, sofort wieder nach Hause zu gehen. Dort kam ich gerade noch bis zu meinem Bett, fiel ohne mir die Sachen auszuziehen hinein und schlief im selben Moment tief ein. Es war ein richtig gutes Gefühl, alles einfach hinter mir zu lassen. Ich vergaß sogar die Kinder, die sich in großer Gefahr befanden.

Stunden später schüttelte mich meine Mutter unsanft wach. Total verschlafen wusste ich erst gar nicht, wo ich bin. Sie zerrte mich, egal ob ich über meine eigenen Füße stolpere, hinunter in das Wohnzimmer. Dort saß die Therapeutin und ich war augenblicklich putzmunter. Mit Tränen in den Augen erzählte sie mir, dass vor drei Stunden ein Bus, voll besetzt mit Kindern zwischen acht und zehn Jahren, einen Unfall hatte. Zwei Kinder sind dabei gestorben. Sie verlangte von mir, dass ich genau erzähle, was ich in der Vision gesehen habe. Mit etwas Unmut tat ich was sie von mir verlangte und es stellte sich heraus, dass das, was ich in den Bildern wahrgenommen habe, wirklich so passiert ist. Bei einzelnen Details zuckte sie zusammen, weil sie kaum zu ertragen waren. Ich habe es aber so gesehen. Und ich hoffte, dass sie es endlich einsahen und mich verstanden, was ich jedes Mal durchlebte.

Die Therapeutin sprach offen mit mir und sagte, dass sie mit dieser Situation nicht umgehen könnte. Sie unterbreitete mir einen Vorschlag, mit dem ich mich zunächst anfreunden musste. Sie kannte eine Frau, die über solche Dinge anders denkt und mir wahrscheinlich helfen konnte. Alles sträubte sich in mir und ich war zuerst dagegen, noch jemanden einzuweihen, aber es war der richtige Weg. Es war ab da mein Weg, den ich auch notfalls allein gehen wollte. Meine Mutter war wie von mir erwartet skeptisch, weil sie nicht hören wollte, was die Leute am Ende über uns tuscheln. Mir war das egal, ich hatte keine andere Wahl. Ich hatte entschieden, mit dieser Frau zu reden und ich ließ mich nicht davon abhalten. Hier ging es schließlich allein um mich, um mein Leben und nicht das meiner Eltern. Ich wollte nicht mehr für irre oder gestört gehalten werden.

Amara war eine Frau Mitte vierzig. Rotes, leuchtendes Haar fiel ihr leicht über die Schultern und ein paar Sommersprossen zierten ihre feinen Gesichtszüge. Schon bei der ersten Begegnung mit ihr, spürte ich, wie sich alle Anspannungen in mir lösten und sich ein sanftes Band zwischen uns spannte, was mir die Sicherheit gab, ihr vollkommen vertrauen zu können. So eine Erfahrung hatte ich noch nie gemacht, nicht einmal bei meinen Eltern.

Als ich das erste Mal bei ihr war, begriff ich sofort, dass sie anders war, ja ganz anders, als all die Menschen, Ärzte und Therapeuten, die ich kennengelernt habe und die mit meiner Situation betraut waren. Ihr Haus sah von außen wie jedes normale aus, aber sowie ich über die Schwelle trat, kam ich in eine komplett andere Welt.

Es war von Wärme und seichtem Kerzenlicht erfüllt und in ihrem Arbeitszimmer gab es so viele Dinge, die auf eine oder gar mehrere Gaben hinwiesen. Ich sah mich um und entdeckte die verschiedensten Sachen. Tarotkarten, verschiedene Pendel, eine Glaskugel, Astrologiekarten und Bilder aller Mondphasen. Viele Leute haben mir gegenüber mit vorgehaltener Hand erwähnt, dass sie eine Hexe wäre, aber ich wusste es sofort besser. Das hat nichts mit Hexerei zu tun, sondern eher mit einem freien Geist, der für alles offen ist. Dass sie sehr spirituell ist, kann ich nicht leugnen, aber ich habe sie als Beraterin in meinem durcheinander gekommenen Leben gelassen.

Sie hörte mir zu und verstand alle meine Probleme. Wir erarbeiteten zusammen einen Plan, wie ich mit den Visionen, was sie mir als meine ganz persönliche Gabe erklärte, umgehen muss. Dass ich mit dieser Gabe selbst spirituell bin, brachte mich schließlich zum Lächeln.

So sollte ich sie immer informieren, wenn ich eine Vision hatte, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Gemeinsam versuchten wir dann, die Unfälle zu verhindern, zumindest deren Ablauf zu beeinflussen war unser Ziel. Letztendlich lernte ich so viel, dass mein Leben dadurch immer besser wurde. Der Nachteil war jedoch, je mehr Menschen wir geholfen haben, umso intensiver schlugen die Visionen ein und die Anzahl der Leute, die davon wussten, stieg unaufhörlich an.

Zum Beispiel habe ich in einem Kindergarten die Kleinen beschützt, die sonst von einem Klettergerüst gefallen wären, wie auch einen Familienvater, der übermüdet ins Auto steigen wollte.

Am Anfang war es schwierig, die Feuerwehr und Polizei einzuweihen und zum Einsatz zu bewegen. Aber die Feuerwehrleute wunderten sich mit der Zeit immer weniger darüber, dass ich anrief und sie irgendwohin schickte, obwohl sie gar keinen Alarm bekommen hatten. Ich war stolz auf mich selbst und den Menschen zu helfen, erfüllte endlich den Sinn meines Lebens. Ich wurde immer bekannter und viele schauten mich nicht mehr skeptisch und als Sonderling an, sondern waren sehr oft nur noch dankbar. Dass ich mit Amara zusammenarbeitete, störte plötzlich niemanden mehr. Auch ihr Ansehen ist seitdem gestiegen, was sie natürlich ebenso genoss.

Meine Eltern bewunderten mich ebenfalls, konnten mir aber nicht sagen, warum ich diese Gabe habe und woher sie gekommen ist. In ihrer Familie ist so etwas jedenfalls noch nie passiert.

Ich forschte auch nicht weiter nach und war froh darüber, dass meine Eltern ab jetzt immer hinter mir standen. Sie werden wahrscheinlich nie richtig begreifen, was ich da tu, aber ihre Liebe zu mir ist ungebrochen und der Stolz auf das, was ich bewirken konnte, überwog.

Also lebte ich mit diesen Visionen, beendete die Schule und aus der Liebe zu Gold und Schmuck wurde mein Beruf. So wurde ich Schmuckdesignerin. Vor fünf Jahren lernte ich dann Manuel kennen und lieben. Kurz nach unserer Hochzeit und der Zeit, in der wir angefangen haben die Zukunft zu planen, kam dieser Traum in mein Leben. Die Visionen wurden immer weniger und die letzten Jahre hatte ich gar keine mehr, der Traum von diesem Haus jedoch wurde umso intensiver. Er war so lebendig und ich streifte in ihm durch den Garten und dem Gebäude, als würde ich es schon ewig kennen und darin wohnen. Ich machte es praktisch zu meinen, ohne zu wissen, ob es das Haus überhaupt gibt.

Nun habe ich die erste Nacht hier verbracht und hoffe, dass die Visionen nicht wieder zunehmen. Sollte es so kommen, habe ich eine noch schwerere Aufgabe, nämlich den Leuten hier beizubringen, was mit mir los ist. Ich bin die fremde und neu Zugezogene und die Aufklärung über meine Gabe stelle ich mir als sehr schwierig vor. Ich kann aber nur abwarten, was auf mich zukommt, denn verhindern werde ich es nicht können.

Nur ein Gedanke kommt mir noch. Was würde Amara dazu sagen, dass wir jetzt hier wohnen? Ich habe über drei Jahre nur wenig mit ihr gesprochen und wenn, dann auch nur telefonisch. Also sollte ich sie anrufen, denn sie ist eine sehr gute Freundin für mich geworden. Warum der Kontakt fast abgebrochen ist, weiß ich nicht so recht. Anscheinend lag es daran, dass ich mein Leben mit Manuel gefunden habe sowie keine Visionen mehr hatte. Aber wie ich erfahren sollte, hat sie stets über mich Bescheid gewusst und meine Wege unsichtbar verfolgt. Ich brauchte mir also deswegen keine Vorwürfe zu machen.

Jetzt schiebe ich all diese Gedanken erst einmal beiseite, schwenke meine Beine endlich aus dem Bett und stehe auf. Nur mit dem Morgenmantel bekleidet gehe ich in die Küche hinunter und bleibe erstaunt in der Tür stehen. Der Tisch ist schon gedeckt und es liegt der Duft von frischem Kaffee in der Luft. Aber wo ist Manuel? Ich schaue ins Wohnzimmer und da kommt er gerade zur Terrassentür herein. Mit einem bunten Strauß von Wiesenblumen schwebt er an mir vorbei. Lächelnd sehe ich ihm nach und weiß, dass nur diese Blumen unseren Garten hinterm Haus schmücken, etwas anderes hat momentan noch keine Chance zu blühen. Aber so schlecht sind sie gar nicht, ganz im Gegenteil, so ein wilder Garten hat auch was für sich. Kurz darauf stellt er sie, in einer passenden Vase, auf den Frühstückstisch und es ist wirklich ein schöner Anblick. Ich setze mich aber noch nicht, sondern suche nach meinem Handy. Ich finde es auf dem Couchtisch und wähle sofort die Nummer von Amara.

„Hallo, Stella, alles in Ordnung?“, fragt sie so schnell, dass einen schwindelig werden kann.

„Hallo, Amara. Es ist alles Okay. Ich wollte dir nur sagen, dass wir jetzt in unserem neuen Haus wohnen“, sage ich und lächele Manuel verlegen an, der neben mir steht und aufmunternd nickt.

„Das weiß ich doch schon längst, meine Süße. Ich wünsche euch alles Gute im neuen Heim“, höre ich Amara am anderen Ende kichern.

„Ja, wie soll es anders sein“, kommt nur kurz von mir. Den Anruf hätte ich mir echt sparen können.

„Hast du etwas geträumt in der ersten Nacht?“, fragt Amara überraschend und mein Lächeln verschwindet für einen Moment.

„Nein“, piepse ich, denn ich weiß, dass das in ihren Augen garantiert etwas zu sagen hat.

„Gut so. Es beginnt ein vollkommen neuer Abschnitt für dich oder besser gesagt für euch. Dein Unterbewusstsein wird selbst noch nicht wissen, wie es weiter geht“, erklärt sie mir einfühlsam.

„Und das ist gut?“, frage ich zögerlich.

„Frage, ob ich mit dem Puzzlestück recht habe“, flüstert Manuel mir ins Ohr.

„Ja, er hat recht“, antwortet sie, bevor ich sie stellen kann. „Das Puzzle ist fast fertig. Es gibt nur noch wenige Teile und die wirst du bald finden. Oder sie finden dich“, lacht Amara.

„Was passiert, wenn es fertig ist?“, will ich wissen und Unbehagen macht sich in meiner Magengegend breit.

„Dann weißt du, warum du die Visionen hattest und wo sie eigentlich hergekommen sind. Alles hat einen Grund, so auch alles, was du schon durchlebt hast. Lass es auf dich zukommen, du wirst es sowieso nicht ändern können. Du kannst jetzt eigentlich nur noch Antworten bekommen und die wünsche ich dir von ganzem Herzen“, sagt Amara und löst in mir eher ein Durcheinander aus, als das sie mich beruhigt und noch weniger meinen nervösen Magen.

„Ich werde die Augen offen halten“, murmele ich in den Hörer.

„Ach Mädchen, mach dich nicht verrückt. Du wirst nichts finden, es findet dich. Lebe einfach und genieße den schönen Sommer in eurem neuen Haus“, erwidert Amara und ich sehe sie vor mir, wie sie den Kopf darüber schüttelt, dass ich mir schon wieder Sorgen mache. Also sollte ich es auch sein lassen und einfach leben, wie sie es sagt.

„Vielen Dank, dass du Zeit für mich hattest. Ich werde deinen Rat befolgen“, lache ich nun auch, denn es hat wirklich keinen Sinn, sich den Kopf zu zermürben.

„Immer gerne. Du hast meine Nummer und ich bin stets für dich da. Ich wünsche euch einen schönen Sonntag. Tschau meine Lieben.“

Die letzten Worte von Amara treffen mich wie ein Schlag. Es ist Sonntag früh morgens und sie hat ohne zu zögern abgenommen. Man sollte an diesem Tag niemanden stören. Aber bei Amara ist es anders und das hat sie mir wieder einmal bewiesen. Menschen, die sie tief in ihr Herz geschlossen hat, für die ist sie immer da, egal wann.

Ich lege das Handy weg, atme tief durch und spüre, dass sich mein Magen wieder beruhigt und ich sogar Hunger habe. So folge ich Manuel in die Küche und nehme an den so hübsch geschmückten Tisch platz. Wie schön wäre es, jetzt auf der Terrasse in der Sonne zu sitzen, aber auch das wird eines Tages möglich sein. Jetzt genießen wir erst einmal in aller Ruhe das Frühstück und dann werde ich mich um mein Arbeitszimmer kümmern, ob es nun Sonntag ist oder nicht.

Kapitel 3

Eine Woche wohnen wir jetzt schon hier und haben uns langsam in dem neuen Heim eingelebt. Manuel hat sich die letzten sieben Tage um den Garten hinter dem Haus gekümmert. Jetzt sieht er ein wenig ordentlicher aus. Der Rasenmäher hat es in zwei Gängen doch geschafft, sich durch das hohe Gras zu kämpfen und dabei ist auch einiges zum Vorschein gekommen. Die Vorbesitzer haben wahrscheinlich Kinder gehabt, denn mein Mann hat Spielsachen gefunden, die auf kleinere Kinder hinweisen. Diese hat er in eine Kiste geräumt, die in den Keller gewandert ist. Ich selbst, hatte noch keine Zeit, es mir anzusehen, denn dieses alte Zeug zu behalten ist nicht in meinem Sinn. Aber ich werde irgendwann die notwendige Zeit dafür aufbringen, es auszusortieren und momentan stört es da unten im Keller niemanden.

Unsere Gartenmöbel, die wir von meinen Eltern zum Einzug geschenkt bekommen haben, stehen mittlerweile auf der Terrasse. Benutzt wurden sie jedoch noch nicht. Jeder hatte sich für die erste Woche Ziele gesetzt und sie auch fast alle erreicht. Dass wir uns dabei kaum gesehen haben, war vorprogrammiert. Wie gesagt hat Manuel im Garten gutzutun gehabt und ich habe die Sachen aus den restlichen Kartons ausgeräumt und an ihren neuen Standorten verteilt. Anschließend habe ich mich in mein Arbeitszimmer zurückgezogen. Da war ebenfalls noch einiges zu erledigen. Am Dienstag hatte ich dann die Zeit mich wieder meinen Schmuckstücken zu widmen, ebenso lief der Verkauf überraschend gut an.

So stehe ich jetzt mit einem Korb, wo mehrere Päckchen drin sind, die zur Post gebracht werden müssen, in der Küche und schreibe noch schnell einen Einkaufszettel. Es ist dringend Zeit, dass ich nicht nur den Kühlschrank auffülle.

Manuel ist heute Morgen sehr früh weg, er hat den ersten Arbeitstag an der Schule. Er wird in den Vorbereitungen für das neue Schuljahr von Anfang an mit einbezogen. Ihm war die Aufregung anzumerken, aber ich bin mir sicher, dass er das alles hervorragend meistern wird.

Ich dagegen habe einige Wege zu erledigen, wie Einwohnermeldeamt, das Auto ummelden und die Päckchen zur Post bringen. Da kam es mir ganz entgegen, dass gestern ein Prospekt von der Stadt in unserem Briefkasten war. Heute ist Markttag und so habe ich die Gelegenheit, mir das anzuschauen und vielleicht auch ein paar Leute kennenzulernen. Irgendwie freue ich mich darauf, einen Zugang zu den hier lebenden Menschen zu finden. Ich kann nur hoffen, dass mir nicht gerade heute Visionen in die Quere kommen, da ich ja schon Jahre keine mehr hatte, warum dann jetzt und hier.

Also packe ich alles zusammen und gehe los. Ich nehme nicht das Auto, denn laut des Infoblattes sollte es nicht zu weit sein. Während ich an den Häusern entlanggehe, sehe ich kaum eine Menschenseele. Sind alle schon auf dem Markt, oder ist es doch eine öde Stadt? Ich hatte mich vor dem Kauf ein wenig über das kleine Städtchen versucht zu erkundigen, habe jedoch kaum etwas erfahren. Wir wussten, dass es hier alles gibt, was man zum Leben braucht, aber ein besonderer Ruf eilt der Stadt keinesfalls voraus. Uns hat das nicht gestört, denn ich arbeite von zu Hause aus und finde die meisten Kunden sowieso über meinen Online-Shop. Manuel hat auf seine Bewerbung sofort die Stelle an der hiesigen Schule zugesprochen bekommen. Zur Zeit hat also jeder zu tun und wir brauchen momentan nicht viel mehr zum Leben. Wenn wir doch einmal ins Kino wollen oder vielleicht zum Tanzen in eine Disco, da können wir auch ein paar Kilometer mit dem Auto fahren.

Nach fast einer halben Stunde, also doch etwas weiter, als ich gedacht habe, komme ich auf dem Markt an. Ich laufe an den Ständen vorbei, wo frisches Gemüse, Pflanzen von einem Gärtner, Backwaren und Fleischerzeugnisse angeboten werden. Dazwischen stehen noch drei Wagen die Speisen zum Mitnehmen anbieten, aber es fehlen die Leute. Es ist kaum jemand hier und so ziehe ich fast alle Blicke der Verkäufer auf mich. Ich bin die Neue, die Fremde und sie beobachten mich mit neugierigen Augen. Sie folgen mir, bis ich die Gelegenheit bekomme, im Rathaus verschwinden zu können. So unwohl habe ich mich lange nicht mehr gefühlt. Ich bin nicht einmal dazu gekommen, etwas auf dem Markt zu kaufen und die rechte Lust darauf ist mir sehr schnell vergangen. Ich werde jetzt die Formalitäten erledigen, zum Glück ist das alles hier im Gebäude und dann auf dem kürzesten Weg wieder nach Hause gehen. Einkaufen werde ich heute Nachmittag. Am Stadtrand ist ein Discounter, wo ich bestimmt nicht so auffalle und angestarrt werde. Die wenigen Kilometer nehme ich gern auf mich.

Aus dem Rathaus heraus, biege ich in eine andere Richtung, um nicht noch einmal über den Markt laufen zu müssen. Zwei Nebenstraßen entlang komme ich auch wieder auf die Hauptstraße. Ich staune nicht schlecht, denn mein Weg führt mich an mehreren kleinen Läden vorbei. Schreibwaren, Buchhandel, Spielzeugladen sowie eine Bäckerei und eine Fleischerei. Hier fühle ich mich eindeutig wohler und am liebsten würde ich jetzt in den Buchladen gehen. In den Büchern stöbern und vielleicht etwas finden, wo man sich hinein vertiefen kann, aber ich habe leider wenig Zeit. Zu Hause wartet meine Arbeit darauf, erledigt zu werden. Nach dem Kauf des Hauses und dem Umzug brauchen wir jetzt jeden Cent.

So gehe ich schweren Herzens weiter und hole als erstes ein frisch gebackenes Brot und im nächsten Moment stehe ich in der Fleischerei. Der Geruch von leckerer Wurst steigt mir in die Nase und das Wasser läuft mir förmlich im Mund zusammen. Die Verkäuferin ist sehr freundlich und bedient mich ohne eines neugierigen Blickes. Das sie anscheinend in ihren eigenen Gedanken gefangen ist, fällt mir nicht auf.

Ich kaufe nicht so viel, eigentlich nur einzelne Proben, da wir erst einmal sehen müssen, ob es uns schmeckt. Man kann ja nicht nur nach dem Geruch gehen, obwohl der wirklich lecker ist. Ich lege das Geld in die kleine Schale, die auf der Theke steht und dann nehme ich die Tüte, die die Verkäuferin mir herüber reicht. Dabei berühren sich eher flüchtig unsere Hände und sofort durchfährt mich ein Schlag. Wie vom Blitz getroffen taumele ich nach hinten und stechende Schmerzen explodieren regelrecht in meinem Kopf.

Eine Vision! Jetzt und hier? Ich hatte schon ewig keine mehr und dachte, ich könnte hier endlich ruhiger leben. Mit den Gedanken stolpere ich an den Stehtisch, der in der Ecke des Ladens steht und kann mich gerade noch festhalten. In der Sekunde kommen die Blitze, die ich nur zu gut kenne und kurz darauf sehe ich die Bilder. Ich höre die Frauen hinter mir tuscheln, aber ich schließe die Augen und widme mich allein den Bildern, um vielleicht helfen zu können, obwohl ich hier noch fremd bin.

Ich sehe zwei Männer, die mit einer Kuh kämpfen. Sie versuchen, diese auf einen Anhänger zu ziehen, jedoch stemmt sich das Tier so sehr dagegen, dass sie kaum etwas ausrichten können. Dann geht der eine nach hinten und legt seine Hände auf das Hinterteil der Kuh und versucht sie mit aller Kraft auf den Wagen zu schieben. Aber auch das klappt nicht. Gerade als er zur Seite treten will, holt das Tier aus und tritt mit den Hinterbeinen dem Mann voll gegen den Oberkörper. Dieser fliegt nach hinten und bleibt regungslos an der Mauer des Stalles liegen. Der andere lässt erschrocken die Kuh los, die natürlich ihre Chance nutzt und schnellstens auf die Weide zu den weiteren Tieren zurückläuft. Er unternimmt nichts dagegen, sondern rennt zu dem verletzten Mann und beugt sich zu seinem Kollegen hinunter. Er rüttelt ihn, aber es kommt kein Lebenszeichen mehr von ihm. Ich sehe, wie das Blut aus einem Mundwinkel läuft und ich bin mir sofort sicher, dass er tot ist.

In diesem Moment spüre ich eine Hand auf meiner Schulter und öffne erschrocken wieder die Augen.

„Junge Frau, alles in Ordnung?“, fragt mich die Verkäuferin und stellt mir gleichzeitig ein Glas Wasser auf den Tisch.

„Ja, Danke. Es geht schon wieder“, antworte ich leise, denn die Kopfschmerzen sind noch nicht ganz verschwunden.

„Trinken Sie einen Schluck Wasser. Das tut Ihnen bestimmt gut“, redet sie höflich weiter.

„Danke“, nicke ich ihr zu und sie geht wieder hinter ihre Theke, um ihrer Arbeit nachzugehen.

Das kühle Wasser läuft durch meine Kehle und überraschend schnell verschwinden die letzten Schmerzen.

Jetzt kann ich wieder klar denken und überlege, wie ich das dieser Frau sagen soll. Es ist bestimmt ihr Mann, denn die Berührung unserer Hände hat diese Vision ausgelöst. Normalerweise kommen sie stets ohne Kontakt zu den Betroffenen. Ich habe sie weder gesehen noch gekannt. Das hier ist also etwas ganz anderes, was mich mehr als nervös macht.

Was wird sie wohl sagen, wenn ich ihr jetzt damit komme, dass ihr Mann einen Unfall haben wird? Sie kennen mich nicht und der richtige Zeitpunkt, mich gerade mit einer Vorhersehung vorzustellen, ist es wohl auch nicht. Ich grübele, wie ich am besten vorgehen sollte, denn viel Zeit werden wir aus meiner Erfahrung her nicht mehr haben.

In diesem Moment kommt eine andere Frau in den Laden und begrüßt die Verkäuferin sehr vertraulich. Ich nehme einen weiteren Schluck Wasser und lausche gezwungener Maßen dem Gespräch, denn jetzt kann ich mich erst recht nicht an die Frau des Fleischers wenden.

„Hallo meine Liebe. Ich habe dein Päckchen schon fertig gemacht“, sagt diese hinter der Theke und reicht eine volle Tüte zu der anderen hinüber.

„Danke dir“, lächelt die Kundin und redet weiter: „Und, wie geht es dir heute? Ich habe wie versprochen die verwelkten Blumen von dem Grab deines Mannes heruntergenommen und einen bunt gemischten Strauß aus meinem Garten in die Vase gestellt. Du musst also nicht gleich loslaufen. Es hat bis zum Wochenende Zeit.“

„Das ist aber lieb von dir. Ich habe sowieso keine Zeit. Heute kommen noch Schweinehälften und so muss ich auch noch im Schlachthaus mit helfen“, antwortet die Frau mit einem Schulterzucken.

„Katrin, da wirst du dir wohl doch noch jemanden holen müssen. Ihr zwei könnt das doch nicht alleine schaffen. Und er hat doch auch Familie und kann nicht rund um die Uhr hier bei dir sein“, sagt die Frau vor der Theke.

„Es sind doch gerade zwei Monate. Ich brauche noch etwas Zeit, um einen genauen Überblick zu bekommen, was ich mir noch zusätzlich leisten kann oder auch nicht. Ich will ja schließlich den Laden nicht verlieren. Frank hat das alles aufgebaut“, schluchzt die Frau und ich wende nun den Blick zu ihnen hinüber.

Beide flüstern noch etwas, was ich jedoch nicht verstehe. Dann drückt die Katrin ruckartig den Rücken durch, atmet einmal tief ein und ist nur Sekunden später wieder die resolute Verkäuferin. Wie kann man nach dem Tod des eigenen Mannes so einfach weitermachen? Aber sie wird nicht umhinkönnen und schon ziemlich stark sein. Die Frauen nicken sich noch einmal zu und dann verlässt die Kundin wieder das Geschäft.

Ich schaue ihr durch das Fenster hinterher und die Fragen schleichen sich in meinem Kopf und breiten sich rasend schnell aus.

Ihr Mann ist schon tot. Seit zwei Monaten! Wieso habe ich dann diese Vision erlebt? Ich brauche und kann doch nicht mehr helfen. Was soll das? Welche Aufgabe wird mir jetzt gestellt? Oder gibt es für mich nichts mehr zu tun und es waren nur die übergroßen Gefühle der Frau, die mir diese Vision geschickt haben. Ihr Schmerz und die Trauer sind wahrscheinlich so stark und trotzdem steht sie hier im Geschäft und zusätzlich noch im Schlachthaus. Irgendwie ist es klar, dass sich das über kurz oder lang entlädt. Aber warum gerade bei mir? Weil ich wohl die Einzige bin, die dafür empfänglich ist. Ich bin froh, nicht auf sie zugegangen zu sein, um helfen zu wollen. Da hätte ich mich ja komplett zum Affen gemacht und schneller einen Ruf hier in der Stadt, als mir lieb gewesen wäre.

Da ich momentan keine Antworten auf die vielen Fragen in meinem Kopf finde, trinke ich das Glas Wasser aus und stelle es auf die Theke. Ich bedanke mich noch einmal höflich und verlasse den Laden. Vor der Tür atme ich mit einem tiefen Zug die frische Sommerluft ein. Nach ein paar weiteren Zügen fühle ich mich wieder richtig gut. Mein Kopf ist klar und die Gedanken sind weg. Ich möchte unbedingt das Erlebte vergessen und mache mich schnellstens auf den Heimweg.

Kapitel 4

Ich bin aus der Stadtmitte heraus und meine Schritte werden langsamer. Ich schnaufe durch, denn die Schrittgeschwindigkeit, die ich an den Tag gelegt habe, ist nicht typisch für mich. Jetzt fallen mir die schönen Vorgärten der Eigenheime auf, die an der Straße entlang gebaut wurden. Sie sind nicht die neusten und wahrscheinlich genauso alt, wie das was wir gekauft haben, aber sie sind alle hübsch und ordentlich. Ich schaue an den Häusern entlang und am Ende dieser Straße steht unseres, es ist das Letzte in der Siedlung. Ich hoffe, dass es bei uns in einiger Zeit ebenso so schön aussehen wird. Ich nehme den Anblick der vielen Blumen und Sträucher und deren Anordnung in mich auf. Ich werde noch langsamer und bleibe letztendlich stehen, denn eine Pflanze, die ich noch nie gesehen habe, hat mein Interesse geweckt. Sie leuchtet in einem tiefen Lila. Die Blüte ist groß und voll und sie wird von fleißigen Bienen umschwirrt. Fasziniert von der Schönheit bemerke ich nicht, wie sich mir jemand nähert.

„Sie ist wunderschön, nicht wahr“, spricht plötzlich eine Frau neben mir und ich fahre erschrocken zusammen. Schnell ziehe ich meine Hand zurück, die gerade eine der Blüten berühren wollte.

„Ja, so eine Blume habe ich noch nie gesehen“, finde ich meine Stimme wieder und lächele die Frau an.

„Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sie heißt. Wir haben sie vor einigen Jahren aus dem Urlaub mitgebracht. Sie stammt aus Spanien“, antwortet mir die Frau mit einem etwas erzwungenen Lächeln. Warum wusste ich in diesem Moment noch nicht, aber es scheint eine schmerzende Erinnerung zu sein.

„Na ja, unser Garten wird wohl auch bald so aussehen“, sage ich und will mich zum Gehen wenden.

„Ach, Sie sind die Neuen in unserer Gemeinde. Sie haben da ein schönes Häuschen gekauft“, kommt von ihr und ich bemerke einen komisch klingenden Unterton.

„Ja. Wir wohnen seit ein paar Tagen hier“, murmele ich und beobachte die Frau sehr intensiv, denn mir wird gleichzeitig etwas mulmig.

„Dann auf eine gute Nachbarschaft. Ich bin Frau Büttner“, sagt sie und reicht mir die Hand.

„Hallo, ich bin Frau Schmieder“, antworte ich, zögere aber, ihre Hand zu nehmen.

Das tut sie stattdessen und ich breche fast gleichzeitig zusammen.

Schon wieder machen sich die stechenden Schmerzen in meinem Kopf breit und ich suche nur noch nach einer Sitzgelegenheit. Zum Glück ist ein paar Schritte weiter eine Bushaltestelle und da steht auch eine Bank. Blitzschnell lasse ich mich auf ihr nieder und massiere meine pochenden Schläfen. Das nützt jedoch wenig und schon kommen die Bilder. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Gleichzeitig bemerke ich etwas verschwommen, wie sich Frau Büttner besorgt vor mich kniet und nach meinen Händen greift. Dadurch werden die Schmerzen noch intensiver und automatisch schließen sich meine Augen. Ich vermag es nicht zu verhindern und ihr ebenso nicht die Hände zu entziehen. So bin ich gezwungen, mir die Bilder anzusehen, ob ich will oder nicht.

Ich sehe wieder einen Mann, der auf dem Boden entlang kriecht. Es ist ein Dielenboden und scheint etwas älter zu sein. Er ist von stechendem Qualm umgeben, der komischerweise sogar mir im Hals kratzt. Irgendwo brennt es und er kämpft sich mit letzter Kraft zu einer Klappe und rüttelt daran. Er ist anscheinend auf einem Dachboden und ich kann nur vermuten, dass es die Bodenluke ist, die nach unten ins Haus führt.

So sehr er auch zieht und klopft, sie lässt sich nicht öffnen. Es dauert nicht lange und ihm verlassen die Kräfte und er sackt in sich zusammen. Das letzte Bild zeigt mir, wie er leblos vor der Luke liegen bleibt, die seine Rettung hätte sein können.

Es kratzt in meinem Hals und ich muss husten. Dann öffne ich wieder meine Augen. Auch sie brennen, als hätte ich mich gerade selbst in diesem Qualm aufgehalten. Frau Büttner hält immer noch meine Hände und ich will sie ihr sofort entziehen, aber das ist nun nicht mehr nötig. Ich habe alles gesehen und glaube nicht, dass die Vision noch einmal aufflammt. Ein paar tiefe Atemzüge und das Kratzen im Hals lässt wieder nach. Dass ich jetzt die Visionen sogar körperlich mit durchlebe, ist auch etwas Neues. Was ist hier nur los? Wird es am Ende noch schlimmer? War es ein Fehler hierherzuziehen? Wurde ich in dem Traum über das Haus getäuscht? War es reine Absicht, dass wir in diesen Ort, in dieses Haus ziehen? Aber von wem?

„Frau Schmieder, alles in Ordnung?“, fragt mich die sehr nett scheinende Frau zögerlich, ja fast ängstlich.

„Es geht schon wieder. Ich habe ab und zu mal solche Attacken. Das ist Migräne“, lüge ich sie an, denn von meinen Visionen braucht sie nichts zu wissen. Keiner von hier sollte davon erfahren. Und sie brauchen es auch nicht, denn meine Hilfe brauchen sie offensichtlich nicht mehr.

Frau Büttner setzt sich neben mich und nun sehe ich erst, dass sie vollkommen in schwarz gekleidet ist. Ihr trauriger Blick ist an mir gefesselt. Also kam auch hier, wie ich schon vermutet habe, die Vision zu spät. Warum kann ich das sehen? Was soll ich damit anfangen? Es macht mich wütend nicht helfen zu können, denn das war immer der Sinn dieser Visionen.

„Frau Büttner kommen Sie bitte mal? Wir sollten noch einmal über die Dachschiefer reden“, unterbricht ein Mann meine Gedanken und ich schaue automatisch nach hinten. Das Dach wird gerade neu gedeckt und einer der Handwerker hat Frau Büttner gerufen.

Vor dem Haus liegen mehrere verkohlte Balken und an der Fassade sind Wasserschäden zu erkennen. Ich darf mir jedoch nicht anmerken lassen, dass das, was ich da sehe, mit meiner angeblichen Migräne zusammenhängt.

„Oh, was ist denn da passiert?“, frage ich deshalb anscheinend neugierig, wobei ich schon längst alles weiß, zumindest erahnen kann.

„Der Dachstuhl hat gebrannt“, antwortet mir die Frau leise.

„Um Himmels Willen, aber Hauptsache, das Haus ist nicht unbewohnbar“, flüstere ich und würde mich am liebsten davonschleichen. Einfach der unangenehmen Situation entfliehen. Mich hält jedoch etwas zurück.

„Wenn ich hätte wählen können, hätte ich auf das Haus gern verzichtet. Aber nicht auf meinen Mann“, seufzt Frau Büttner neben mir und nun bin ich es, die nach ihren Händen greift.

„Es tut mir so leid“, schlucke ich die Worte fast hinunter.

„Er wollte nur eine Kleinigkeit reparieren“, kommt noch leiser von ihr.

„Schon in Ordnung. Sie müssen mir nicht...“, beginne ich zu stottern, aber insgeheim steigt meine Neugierde auf das, was sie denkt zu wissen.

„Er hat es nicht mehr bis zur Bodenluke geschafft. Der Rauch war zu stark“, sagt sie und die Bilder flackern wieder vor meinem inneren Auge auf.

Er lag doch an der Luke, aber sie war verschlossen. Ich habe gesehen, wie er vergeblich versucht hat, sie zu öffnen. Das ist merkwürdig, mein Unterbewusstsein sagt mir jedoch, dass ich das für mich behalten sollte. Und wieder wird mir mulmig und ich spüre, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Ich hatte zwei Visionen kurz hintereinander und jedes Mal war meine Hilfe nicht mehr nötig. Gerade das war sonst immer meine Aufgabe. Ich habe mich stets gut und bestätigt gefühlt, wenn ich helfen konnte. Aber jetzt fühle ich mich richtig schlecht, weil ich gesehen habe wie die Männer sterben und gleichzeitig platzt fast mein Kopf von den vielen Fragen, die sich darin breitmachen.

„Sie sollten zu dem Handwerker gehen. Der wollte doch mit Ihnen reden. Und ich muss auch nach Hause“, sage ich und stehe auf. Ich helfe ihr noch hoch und schon huscht sie durch das kleine Gartentürchen auf ihr Grundstück. Erst als sie im Haus verschwunden ist, mache ich mich auch auf den Weg.

Die letzten hundert Meter gehe ich mit gesenktem Kopf und meine Schritte werden wieder immer schneller. Mein Innerstes will einfach nicht mehr, dass ich noch jemanden begegne und ich werde auch niemanden dazu die Gelegenheit bieten.

Ein paar Minuten später schließe ich hastig die Haustür von innen und es kommt mir vor, als würde eine schwere Last von meinen Schultern fallen. Ich fühle mich hier sicher und vielleicht auch schon mehr zu Hause, wie es eigentlich sein sollte. Aber von der ersten Sekunde an fühlte es sich richtig und heimisch an und damit haben auch die Möbel zu tun, die ich alle unbedingt behalten wollte. Warum weiß ich ebenfalls bis heute nicht.

Aber was ist mit der Stadt und den Leuten? Werde ich noch mehr von diesen Visionen haben, wenn ich jemanden begegne? Kann ich ihnen irgendwie aus dem Weg gehen? Aber wie sollte ich das anstellen? Es gibt allerlei Besorgungen und die erledigen sich nicht von selbst.

Voll in den Gedanken gefangen lege ich das Päckchen vom Fleischer in den Kühlschrank und gehe in das Wohnzimmer. Augenblicklich werden meine Beine schwer und zwingen mich zum Hinzulegen. Kaum liege ich auf der Couch, fallen mir die Augen zu. Das Erlebte hat mich doch mehr mitgenommen, als ich mir vorgestellt habe, obwohl es eigentlich sonst erst hinterher richtig losgegangen ist. Ich musste immer alles organisieren und den Leuten Bescheid geben, damit den Menschen, meistens waren es Kinder, geholfen werden konnte. Jetzt ist aber alles schon vorbei und ich bin so geschafft und innerlich kaputt, was ich so noch nicht erlebt habe.

Ich lasse mir die Vorfälle zum wiederholten mal durch den Kopf gehen und suche nach irgendwelchen Lösungen. Ich komme jedoch nicht weit und alles verschwimmt, bis es nur noch schwarz ist.

„Schatz ich bin da“, höre ich Manuel und er reißt mich aus einem Zustand, den ich nicht als Schlaf zu benennen vermag.

Ich bleibe liegen, weil mein Körper sich wie Blei anfühlt und die Augenlider sind ebenso schwer, dass ich sie nicht auf bekomme. Also warte ich einfach, denn er wird schon zu mir kommen und so ist es auch.

„Alles Okay bei dir?“, fragt er mich. Ich schlage die Augen widerwillig auf und sehe ich ihn verschlafen an.

Er sitzt mir mit einem breiten Grinsen gegenüber, was ich schon lange nicht mehr bei ihm gesehen habe.

Ich setze mich auf und lächele ihn etwas gezwungen an, was er aber gar nicht wahrnimmt.

„Du kannst dir das nicht vorstellen. Ich bin der einzige Mann an dieser Schule, außer dem Hausmeister natürlich. Glaubst du das?“, spricht er weiter, ohne auf eine Antwort zu warten, auf seiner selbst gestellten Frage.

„Ich sehe es dir an. Du freust dich anscheinend wie ein Teenager darüber“, lache ich ihn nun aufrichtig an, denn ich bin mir sicher, dass das kein Problem für uns werden wird. Aber hier geht es ja auch nicht um ihn, anscheinend ziehe ich die Probleme magisch an.

Denn, was mir dagegen passiert ist, macht mir wirklich Sorgen. So ändert sich mein Gesichtsausdruck wieder und ich lasse mich zurück in die Polster fallen.

Wie soll ich das Manuel erklären, wenn ich es selbst kaum begreifen kann? Ich habe gehofft, dass sich hier alles ändert, jedoch das Gegenteil ist eingetreten. Manuel hatte wohl recht. Ist das etwa ein Puzzleteil? Aber wie passt das in mein Leben?

„Stella, was ist passiert?“ Manuel sieht plötzlich ernst aus und greift nach meiner Hand.

Ich weiß, dass ich mich gerade an diesen Händen festhalten kann, denn sie waren schon immer für mich da. Aber Manuel ist gerade so gut drauf. Kann ich ihn jetzt die gute Laune damit verderben? Während ich mir diese Frage stelle, klingelt es an der Tür und so komme ich gar nicht dazu, ihm irgendetwas zu erklären.

Er springt auf und läuft aus dem Wohnzimmer. Im Hintergrund höre ich, wie sich Manuel mit einer Frau unterhält, aber leider verstehe ich von hier aus kein einziges Wort. Kurz darauf schließt sich die Haustür wieder.

„Wer war das?“, will ich wissen und quäle mich von der Couch hoch. Wie benommen gehe ich in die Küche und sehe, wie Manuel gerade einen Kuchen auf die Arbeitsplatte stellt.

„Das war die Nachbarin. Sie begrüßt uns hier in der Gemeinde mit einem Kuchen. Ist doch nett, oder?“, wendet sich Manuel mir zu.

„Ja, sehr nett“, antworte ich und bin mir im selben Moment nicht ganz sicher. Die Erfahrungen mit den hier lebenden Leuten stecken mir wortwörtlich noch in den Knochen.

Aber der Kuchen sieht wirklich köstlich aus und so mache ich Kaffee. Nach ein paar Minuten ist er fertig und ich stelle Tassen und Teller auf das Tablett. Das Wetter ist so schön, da muss man draußen auf der Terrasse sitzen.

Ich hole ein Messer, um den Kuchen anzuschneiden. Aber als ich den Teller berühre, fällt es mir aus der Hand. Augenblicklich durchfährt ein fast nicht auszuhaltender Schmerz meinen Kopf. Meine Hände greifen nach Manuel und er kann mich gerade noch festhalten, sonst wäre ich gestürzt. Er bringt mich mit aller Kraft in das Wohnzimmer. Dort drückt er mich in einen Sessel. Reagieren ist nicht mehr möglich, ich schließe nur noch die Augen und dann sehe ich auch schon wieder die Bilder.

Ich bin mitten in einem Wald und vor mir stehen zwei Waldarbeiter. Sie haben die typischen grünen Arbeitssachen an und tragen orange Helme. Der eine hat eine Motorsäge in den Händen und sägt gerade eine große Fichte an, wo er als nächstes wahrscheinlich einen Keil hineinschlägt. Der andere wartet wahrscheinlich darauf, dass der Baum fällt, damit er danach mit seiner Säge die Äste entfernen kann. Im Augenwinkel sehe ich, wie er sich hinkniet und eine Flüssigkeit in das Gerät füllt. Ich kenne es von meinem Vater, er hat auch so eine Motorsäge. So muss es Öl oder Benzin sein. Aber die Bilder führen mich zurück zu den anderen Arbeiter. Dort ist indessen der Keil schon fast komplett in dem Baumstamm geschlagen. Sogar ich weiß, in welche Richtung der Baum fallen sollte. Aber so ist es nicht. Aus einem nicht ersichtlichen Grund beugt sich der gewaltige Stamm zur falschen Seite. Dann fällt er über den Schwerpunkt, was eigentlich gar nicht passieren dürfte, in die Richtung des immer noch knienden Arbeiters. Mir bleibt ein Schrei im Halse stecken, genauso wie dem Mann mit der laufenden Säge in der Hand und schon saust der Baum zu Boden. Dann wird es still. Das Gerät verstummt und sogar die Vögel hören auf zu singen. Absolute Stille erfüllt den gesamten Wald und langsam nähere ich mich den unter dem Baum liegenden Mann. Zwischen den Zweigen hindurch sehe ich ihn liegen. Den Helm hat er nicht mehr auf, der ist durch den Aufprall meterweit davongeflogen. Seine Augen sind weit geöffnet und aus Mund und Ohren läuft Blut. Ehe der andere Arbeiter bei ihm ist, wird mir wieder klar, dass auch er tot ist. Ich wende meinen Blick von ihm ab und bin gleichzeitig zurück in der Gegenwart.

Manuel sitzt vor mir auf dem Fußboden und hält meine Hände. Ihm steht das Entsetzten ins Gesicht geschrieben. Seine Augen beobachten jede Bewegung, die ich mache, aufmerksam und er ist wie auf dem Sprung. Wenn ich jetzt in Ohnmacht fallen würde, wäre er sofort da und würde mich auffangen.

Ich versuche, ruhig und gleichmäßig zu atmen und gleichzeitig lasse ich die Infos noch einmal durch meinen Kopf laufen. Wieder kommt die Hilfe, die ich anbieten könnte, zu spät. Das ist nun der dritte Mann, dem ich beim Sterben zusehen musste. Warum kommen diese Visionen? Was soll das verdammt noch mal, wenn ich sowieso nicht helfen kann? Das war doch immer so. Diese Gabe kommt mir plötzlich sinnlos und als eine unbeschreibliche Last vor.

„Stella“, höre ich Manuel ganz leise neben mir sagen.

„Das war die dritte Vision heute“, flüstere ich mit kratziger Stimme, denn mein Mund ist staubtrocken. Ich stehe auf und gehe mit immer noch zitternden Beinen in die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen. Den Kaffee habe ich total vergessen, aber als ich den Kuchen sehe, schnürt es mir schon wieder die Kehle zu. Noch eine Vision von der Art erträgt mein Körper nicht mehr. Der Kopf fühlt sich wie in einem Schraubstock an und ich muss mich anstrengen, überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu können.

„Was hast du gesehen? Wo müssen wir hin?“, fragt Manuel aufgeregt. Er ist schon fast an der Tür und wartet nur noch auf mich. Er denkt natürlich, dass jetzt jemand schnellstens meine Hilfe braucht, wie es auch normalerweise wäre.

„Wir müssen nirgendwohin“, erwidere ich gequält und gehe mit dem Glas Wasser hinaus auf die Terrasse. Manuel folgt mir und setzt sich mit einem unverständlichen Blick zu mir.

„Ich hatte heute schon zwei andere Visionen“, wiederhole ich mich, aber Manuel hört einfach nur zu. „Bei allen waren die Männer, um die es ging, schon tot“, lege ich nach und er sieht ungläubig zu mir herüber.

„Das ist aber neu. Ich denke du sollst helfen“, murmelt Manuel fast zu sich selbst, aber ich habe jedes Wort verstanden.

„Das dachte ich auch. Aber ab heute ist das wohl anders. Warum kann ich dir nicht sagen. Ich verstehe es selbst nicht“, gebe ich von mir und schüttele meinen Kopf, der immer noch schmerzt.

„Welche Männer waren es denn? Sind sie hier aus der Stadt?“, will Manuel wissen.

„Ja, sie sind alle von hier. Der erste war der Fleischermeister und dann ein anderer Nachbar. Zwei Häuser von uns entfernt“, antworte ich mit einer Hand an der Schläfe und die andere hält das Glas, an dem ich immer wieder kurz nippe.

„Aber wie ist es denn dazu gekommen?“, hakt Manuel nun ungläubig nach.

„Ich habe die Frauen berührt. Die Fleischerin, als sie mir die Tüte mit der Wurst, die ich eingekauft habe, gegeben hat und die andere Frau hat mir zur Begrüßung einfach nur die Hand gegeben, als wir vor ihrem Garten standen. Der Fleischer ist schon zwei Monate tot. Bei dem zweiten Mann, ich glaub, der hieß Büttner, weiß ich es nicht“, erkläre ich Manuel, der mir mit offen stehendem Mund gegenüber sitzt und gespannt zuhört. „War denn die Nachbarin, die den Kuchen gebracht hat auch schwarz gekleidet?“, frage ich leise und schaue zum Nachbargrundstück hinüber, kann aber niemanden sehen.

„Ja, war sie. Aber da habe ich mir nichts dabei gedacht“, kommt kopfschüttelnd von Manuel.

„Wie denn auch. Woher solltest du denn wissen, was ich heute schon alles erlebt habe“, winke ich ab und überlege dann, wie es weiter gehen soll.

Waren es alle, oder gibt es hier noch mehr Verstorbene? Haben sie etwas miteinander zu tun? Warum sterben so viele noch nicht so alte Männer hintereinander? Kann ich das Haus noch verlassen? Kann ich überhaupt noch jemanden von hier die Hand geben, oder einfach nur berühren? Wie stark ist die Energie, dass ich die dritte Vision nicht durch die Frau direkt, sondern durch einen Gegenstand von ihr bekommen habe?

Langsam beschleicht mich Panik. Mein Körper beginnt zu zittern, ohne das es mir kalt ist. Ich brauche nun selbst Hilfe. Aber an wen soll ich mich wenden? Den Leuten hier kann ich von meinen Visionen doch nicht erzählen. Da stünde ich sofort als Außenseiterin da. Obwohl ich gerne wissen möchte, was das mit den Toten auf sich hat. Und wer könnte mich besser darüber aufklären, als die Frauen selbst.

Ich schließe die Augen und plötzlich erscheint Amaras Bild vor mir. Na klar, warum bin ich nicht gleich darauf gekommen. Sie kann mir bestimmt sagen, was sich hier abspielt.

Vielleicht hat sie es in den Karten schon längst gesehen, wie es mit mir weitergeht und was hinter den Visionen steckt. Mit dieser Hoffnung rufe ich Amara an und werde, bis sie bei uns ist, das Haus auf keinen Fall mehr verlassen.

Kapitel 5

Es hat keine Stunde gedauert und Amara steht vor unserer Tür.

„Danke, dass du so schnell gekommen bist“, sage ich und bitte sie herein.

„Das ist doch selbstverständlich“, antwortet Amara und ihre Augen fliegen sofort durch den Flur. Ich beobachte sie und bemerke, wie sie alles genau unter die Lupe nimmt.

Ich führe sie in das Wohnzimmer, wo sie mitten im Raum stehen bleibt und etwas finster um sich schaut.

„Was ist? Gefällt es dir nicht?“, frage ich nervös, denn ihr Gesichtsausdruck lässt sich nicht deuten.

„Doch es ist gemütlich, aber die Möbel habt nicht ihr ausgesucht“, entgegnet sie und sieht mich intensiv an.

„Nein, die waren alle noch hier. Alles war abgedeckt und so haben wir sie säubern lassen. Mir gefielen sie von Anfang an und so wollte ich sie auch behalten. Ist das nicht gut?“, frage ich mit zitternder Stimme.

„Wie man es nimmt“, kommt von Amara, die vorsichtig über die Lehne des Sessels fährt. „Wenn man denjenigen gekannt hat, dem sie gehört haben, ist das kein Problem. Aber ihr habt sie von einer fremden Person übernommen. Ich weiß nicht, ob ich das gemacht hätte“, lächelt sie mich etwas gezwungen an und nimmt dann doch in dem Sessel platz.

„Wir wissen wirklich nicht, wer hier gewohnt hat. Nur, dass das Haus fast zwanzig Jahre leer stand. Dafür sind die Möbel noch in einen prima Zustand“, bemerke ich und wundere mich nun auch darüber.

„So lange? Warum wollte es denn niemand haben?“, fragt sich Amara selbst und ihr Blick schweift schon wieder prüfend durch den Raum.

„Das haben wir noch nicht herausbekommen. Aber ich habe dich wegen etwas anderen hergebeten“, schlucke ich und überlege, wie ich es ihr am besten sagen soll.

„Es hängt alles zusammen“, platzt Amara heraus und sieht mich ernst an.

„Wie meinst du das?“, will ich wissen und meine Hände fangen an zu zittern. Schnell verstecke ich sie unter den Oberschenkeln, aber Amara hat es längst bemerkt.

„Was ist los? Warum bist du so neben der Spur?“, fragt Amara mich direkt.

„Ich hatte wieder Visionen“, erwidere ich leise.

„Und nun weißt du nicht, wie die Leute auf dich reagieren, wenn du jemanden hilfst, den du gar nicht kennst“, meint Amara nachdenklich.

„Nein, es ist ganz anders“, beginne ich und muss erst einmal tief durchatmen, weil mein Herz anfängt, schneller zu schlagen. „Die Männer sind schon alle tot“, rede ich weiter und Amaras Augen werden immer größer. Sie sitzt mir ziemlich steif und angespannt gegenüber, was ich nicht von ihr kenne. Ihre Gelassenheit fehlt und das macht mich noch unsicherer.

„Erkläre mir alles von vorn“, fordert sie mich auf und ich tue ihr den Gefallen, obwohl ich dadurch nochmals jedes Detail gedanklich durchleben muss.

Ich erzähle ihr also, wie ich in der Stadt war. Von der Begegnung mit der Frau aus dem Fleischergeschäft und von der netten Frau Büttner vor ihrem Garten. Zuletzt natürlich auch von dem Kuchen, wo ich diese Nachbarin nicht einmal gesehen habe.

„Und du hast sie nur leicht berührt?“, fragt Amara ernst und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken.

„Ja, und sofort waren die Visionen da. Bei der Letzten reichte sogar nur der Teller von der Frau, um die Verbindung herzustellen“, erkläre ich ihr nochmals und sehe die Bilder schon wieder vor mir.

„Aber warum waren sie denn schon tot? Das ist doch das ganze Gegenteil von deiner Gabe“, spricht Amara leise weiter und ich bemerke, wie es in ihr arbeitet.

„Das ist ja so komisch. Ich konnte immer denjenigen helfen, aber nun stehe ich da und kann mit den Informationen nichts anfangen. Warum soll ich denn wissen, wie die Männer umgekommen sind?“, schüttele ich verständnislos den Kopf.

„Vielleicht hängt es mit dem Haus zusammen“, flüstert Amara vor sich hin.

„Was soll denn das Haus damit zu tun haben?“, hake ich nach, denn ich kann keinen Zusammenhang erkennen.

„Stella, ich habe die Karten gelegt, um zu sehen, ob ihr in diesem Haus glücklich werden könnt“, fängt sie an und stützt ihren Kopf in ihre Hände. Sie sieht etwas verwirrt aus, spricht aber weiter. „Ich bin allerdings nicht weit gekommen. Ich habe gesehen, dass die erste Zeit sehr schwer für euch werden wird. Sie haben mir gezeigt, dass ihr kämpfen müsst, um hier dazuzugehören“, erklärt mir Amara vorsichtig und ich verstehe ihre Worte nicht.

„Konntest du gar nichts sehen?“, will ich unbedingt wissen.

„Es sind Dinge, die ich nicht zuordnen kann. Immer wieder kommt mir die Vergangenheit des Hauses in die Quere. Was es aber genau ist, kann ich nicht deuten. Mir scheint es so, als solltet ihr etwas aufarbeiten“, spricht Amara, aber ihre Stimme zeigt mir, dass sie nicht einmal selbst daran glaubt, was sie da sagt.

„Es wäre vielleicht das Beste, wir finden erst einmal heraus, wer hier zuletzt gewohnt hat“, meldet sich Manuel zu Wort.

„Ja, das solltet ihr“, stimmt Amara ihm sofort zu.

„Denkt ihr da gibt es eine Verbindung?“, frage ich ungläubig.

„Das könnte sein. Du weißt bis heute nicht, wer dir das Haus angeboten hat und du behältst die alten Möbel von dieser Person, weil sie dir gefallen. Vielleicht steckt da viel mehr dahinter, als wir jetzt vermuten. Die Visionen können dir auch nur die Vergangenheit zeigen. Du kannst den Männern nicht mehr helfen, weil sie schon tot sind. Außerdem hast du doch keine Beziehungen zu den Frauen, dass schon eine Berührung reicht, um den Grund ihrer Trauer zu sehen. Da muss es noch eine andere Verbindung geben. Die Frauen, die toten Männer, das Haus, was schon ewig leer steht und, und, und...“, Amara wird immer lauter und nervöser, was mir nicht verborgen bleibt.

„Amara, was hast du in den Karten gesehen?“, frage ich sie auf den Kopf hin, weil ich vermute, dass sie mir nicht die ganze Wahrheit sagt.

„Nichts, das ist es eben. Stella, ich konnte nicht tiefer hineingehen. Irgendetwas blockiert mich sobald ich die Karten für euch lege. Es legt sich ein Schleier darüber und den kann ich nicht durchbrechen. Ich kann euch nicht mal sagen, wie das alles weiter geht, nur das ihr am Ende hier sehr glücklich werdet. Mir kommt es so vor, dass ich euch nicht sagen darf, was ihr tun sollt. Ihr müsst es allein herausfinden“, erklärt uns Amara und nun schaut auch Manuel etwas beängstigt in die Runde.

„Puzzlestücke“, platzt Manuel plötzlich wieder heraus.

„Was? Wie meinst du das denn jetzt?“, fahre ich ihn vielleicht zu streng an, denn er weicht ein Stück zurück.

„Wir haben ja schon mal von einem Puzzle geredet“, hilft Amara Manuel. „Alles was du hier erlebst hat einen Sinn. Hier ist etwas, oder jemand, der unbedingt will, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Jeder Schritt hat einen Sinn und führt euch zu eurem Glück“, redet Amara nun wieder leise auf mich ein.

„Jemand?“, piepse ich und fühle mich augenblicklich beobachtet. Gleichzeitig fällt mir ein, wie Amara sich hier umgesehen hat. Weiß sie doch mehr, als sie uns sagen will? Nein, das möchte ich einfach nicht glauben. Sie war immer offen, ehrlich und aufrichtig zu mir.

„Stella, du darfst dich nicht verrückt machen lassen. Du wirst jeden Tag dem Geheimnis etwas näher kommen und ihr werdet es zusammen durchstehen. Ihr müsst nur daran denken, dass ihr hier sehr glücklich werden könnt“, versucht mich Amara zu beruhigen.

„Und wenn wir das nicht schaffen?“, entgegne ich ihr.

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Du musst nur offen sein für das, was auf dich zukommt, auch wenn du es nicht glauben willst“, hält Amara dagegen.

„Wie meinst du das denn wieder? Weißt du mehr als du uns sagen willst“, zische ich nun auch Amara an und bereue aber sofort mein Verhalten nicht unter Kontrolle zu haben.

„Bleib ruhig“, sagt Manuel und greift nach meinen Händen.

„Ich kann dir nur sagen, dass alles von diesem Haus ausgeht. Lass es auf dich zukommen. Es wird sich alles zum Guten wenden“, betont Amara noch einmal, aber mir fällt es schwer, mich damit abzufinden.

„Dann ziehen wir eben wieder aus“, bricht es aus mir heraus und in dem Moment schlägt die Terrassentür zu, die ich offengelassen habe. Amara zuckt zusammen und schaut mürrisch in die Richtung der Tür.

„Was ist hier los?“, stottere ich und starre ebenfalls dahin.

„Es wird wohl nichts bringen wieder auszuziehen. Es wird dich immer wieder einholen und so wird es besser sein, du nimmst diese Aufgabe jetzt an“, flüstert Amara, steht auf und hat wohl im Sinn, auf dem schnellsten Weg von hier zu verschwinden.

„Uns will jemand hier festhalten. Kannst du mir nicht helfen?“, schaue ich sie entsetzt und flehend zugleich an, aber sie schüttelt nur mit dem Kopf.

„Nein, ich darf anscheinend nicht und ich könnte es auch nicht. Eins ist aber sicher, du bist nie in Gefahr. Dir wird nichts passieren, du sollst nur etwas in Ordnung bringen. Was es ist, kann ich dir jedoch nicht sagen, ich weiß es wirklich nicht“, kommt von Amara und sie zieht mich in ihre Arme.

„Ich werde dir helfen. Du bist nicht allein, egal wer oder was hier ist“, sagt Manuel im Hintergrund und seiner Hilfe kann ich mir absolut sicher sein. Wird sie jedoch reichen? Darf er mir überhaupt zur Seite stehen? Betrifft es allein mich und er wird auch blockiert. Dann ist er am Ende vielleicht ebenso außer Stande mir zu helfen.

„Du schaffst das. Du musst versuchen dich abzulenken“, murmelt Amara ganz nahe an meinem Ohr und reißt mich so aus den Gedanken, die wieder anfangen zu kreisen.

„Wie soll ich das denn machen?“

„Was ist eigentlich mir deiner neuen Schmuckkollektion?“, fällt Amara im nächsten Moment ein und bewegt sich immer weiter zur Tür. Sie will einfach nur noch weg, was ich jedoch gar nicht mehr so richtig mitbekomme. Dank ihr habe ich plötzlich etwas ganz andres im Sinn. Die Schmuckstücke, die ich schon lange entwerfen und kreieren wollte.

„Dazu bin ich noch gar nicht gekommen“, gebe ich nachdenklich, aber ehrlich zu.

„Na, dann hast du doch etwas zu tun. Mach dich an die Arbeit und lasse die düsteren Gedanken hinter dir“, lächelt Amara aufrichtig.

„Du hast Recht. Ich werde mich in die Arbeit stürzen. Bestellungen gibt es bestimmt auch schon wieder“, schmunzele ich zurück und öffne Amara die Tür, vor der wir schon längst stehen.

Ich winke Amara noch einmal zu und dann sind auf einem Mal die Bedenken wegen des Hauses und was so auf mich zukommen könnte wie weggeblasen und in meinem Kopf gehe ich schon alles durch, was die neue Kollektion betrifft. Das wird sehr viel Arbeit und eigentlich bin ich darüber froh, denn das wird mich wohl wirklich ablenken.

Amara hat mir noch einmal gesagt, dass ich jeder Zeit anrufen kann, auch wenn kaum Möglichkeiten bestehen, mir weiterzuhelfen. Aber ein beruhigendes Telefonat vermag schon Wunder zu bewirken.

Ich schließe die Tür und Manuels Arme schlingen sich um meinen Körper. Ich lasse es zu und falle regelrecht an seine Brust.

„Wir schaffen das schon, egal wer oder was da ist“, flüstert er mir so leise ins Ohr, dass es niemand anders hören kann.

„Hm“, kommt nur von mir, zu mehr bin ich nicht fähig.

Der Gedanke, dass sich irgendetwas hier im Haus befindet, was unser Leben beeinflusst, jagt mir einen Schauer über den Rücken. Ich werde es herausfinden und versuchen, mich dem entgegenzustellen, aber es ist schon angsteinflößend, wenn man nicht weiß, was alles auf einen zukommen könnte.

Kapitel 6

Manuel ist heute sehr früh in die Schule und seit dem sitze ich in meinem Arbeitszimmer. Als Erstes habe ich die Bestellungen abgearbeitet und bemerkt, dass ich fast keine Vorräte mehr habe, um diese zu bedienen. Ich sollte mich nun voll in die Arbeit stürzen, wobei die neue Kollektion jetzt noch etwas warten muss. So vergehen die Stunden wie im Fluge. Erst als sich mein Magen bemerkbar macht, schaue ich auf die Uhr. Es ist schon nach zwölf und so räume ich den Arbeitstisch auf, denn ich habe genug geschafft und kann mich nun doch, nachdem ich etwas gegessen habe, um die Erweiterung meiner Kollektion kümmern. Ich lege die neuen Steine schon einmal auf eine weiße Unterlage und bei dem Anblick vergesse ich darüber den Hunger. Ich bleibe sitzen und meine Hände arbeiten von ganz allein weiter.

Zwei Stunden später, nach absoluter konzentrierter Arbeit, merke ich, wie Unruhe in mir aufsteigt. Ich fühle mich beobachtet und es kommt mir vor, als würde die Luft zum Atmen im Raum immer geringer. Langsam drehe ich mich um und meine Augen suchen das Zimmer ab. Im ersten Moment kann ich nichts entdecken, bis ich im Augenwinkel den Schaukelstuhl schwingen sehe. Mein Blick bleibt an ihm hängen und augenblicklich steht er wieder still. Habe ich mir das eingebildet? Nein! Ich habe es genau gesehen. Ich stehe auf und öffne das Fenster, um frischen Sauerstoff hereinzulassen. Nach ein paar tiefen Zügen will ich hinunter in die Küche gehen. Der Magen schmerzt schon fast, weil ich den Hunger übergangen habe.

Aber so weit kommt es nicht. Meine Beine führen mich automatisch auf den Schaukelstuhl zu. Kurz davor bleiben sie stehen und was ich da sehe, überschreitet mein Verständnis. Über dem Stuhl hängt wie immer ein Schaffell und darauf liegt ein Buch. Nicht irgendein Buch, nein, eine Bibel. Wie kommt die denn hier her? Ich habe noch nie eine besessen. Schnell drehe ich mich im Kreis und überzeuge mich davon, dass ich wirklich allein bin. Allein? Und wer hat dann das Buch auf den Stuhl gelegt? Ich husche zur Tür und schaue die Treppe hinunter.

„Manuel? Bist du da?“, rufe ich, bekomme jedoch keine Antwort.

Ich will hinuntergehen, aber irgendetwas zwingt mich zurück in mein Arbeitszimmer. Wie von jemand Fremden geführt, nehme ich das Buch in die Hand und mir fallen sogleich zwei Klebezettel auf, die an der Seite herausschauen und anscheinend bestimmte Abschnitte des Buches markieren sollen.

Etwas unwillig nehme ich die Bibel und gehe nun endlich nach unten. Sie landet erst einmal auf der Arbeitsplatte in der Küche. Sie nicht aus dem Auge lassend, suche ich im Kühlschrank nach etwas, was meinen Hunger stillen könnte. Ich werde fündig und schiebe eine kleine Lasagne in die Backröhre. Ich stelle die Uhr ein und so lange habe ich jetzt auch Zeit, um in die Bibel hineinzuschauen. Das erste Mal in meinem Leben habe ich solch ein Buch in den Händen.

Ich schlage eine der markierten Seiten auf und sofort fällt mir eine angestrichene Stelle auf. Es ist nicht viel, aber ich muss trotzdem mein Gehirn erst einmal auf die Schreibweise einstellen. Die Bibel ist in alter deutscher Schrift geschrieben, die ich einst von meiner Oma ein wenig gelernt habe. So fällt es mir nicht allzu schwer, die Worte zu entziffern.

Hebräer 1, 14:

Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen?

Ich schließe die Augen und lasse die Worte auf mich wirken. Sie sind komisch geschrieben und so vermag ich nicht gleich zu erkennen, was damit gemeint ist. Mir ist bewusst, dass Bibel lesen schwer sein kann, aber so? Ich überlege nicht weiter, sondern schlage die zweite markierte Seite auf. Auch da sind wieder ein paar Zeilen angestrichen.

Hebräer 13, 2:

Gastfrei zu sein, vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

Um Gottes willen, was soll das denn heißen?

Mir fällt das Buch fast aus den Händen und meine Augen durchsuchen, soweit es möglich ist, die Zimmer. Ich kann wieder nichts sehen, aber spüre, dass ich wirklich nicht allein bin.

Was ist hier nur los? Wer könnte denn durch unser Haus schwirren? Will mir jemand nur Angst machen? Nein, das glaube ich nicht. Dann wären bestimmt schon andere Sachen passiert, die uns richtig in Panik versetzt hätten.

Was soll ich jetzt tun? Nach demjenigen rufen? Aber nach wem denn eigentlich? Einem Geist? Oder einem Engel? Gibt es da einen Unterschied? Wer könnte mir das denn erklären? Amara? Sie hat gesagt, dass sie von jemanden blockiert wird und uns somit nicht weiterhelfen kann. Ist das dieser Engel? Sind diese Wesen dazu überhaupt im Stande? Und was vermögen sie dann noch alles anzurichten? Verdammt, wer ist in der Lage mir zu helfen?

Bibel? Kirche? Natürlich, der Pfarrer!

Ich lege das Buch auf den Couchtisch in das Wohnzimmer, schalte den Backofen aus, obwohl die Lasagne noch gar nicht fertig ist, laufe zurück und greife doch wieder nach der Bibel. Mit ihr verlasse ich hastig das Haus in Richtung Kirche. Meinen knurrenden Magen ignoriere ich nun zum zweiten Mal komplett. Ich laufe, so schnell meine Beine es ermöglichen, die Bibel an die Brust gedrückt und den Kopf gesenkt, damit ich ja niemanden in die Augen schauen muss. Wenn mir jemand entgegenkommt, wechsele ich die Straßenseite aus Angst vor irgendwelchen Berührungen und dann vielleicht auch wieder einer Vision.

Kurze Zeit später stehe ich nun vor der großen Tür der Kirche. Ich brauche etwas Kraft, um sie aufdrücken zu können und husche hindurch, wobei sie sich schwerfällig hinter mir wieder schließt. Nach ein paar Minuten, in denen ich mich an das düstere Licht und die Kühle gewöhnt habe, laufen meine Beine langsam und ehrfürchtig auf den Altar zu. Ich bin nicht gläubig und bis heute nur sehr selten in einer Kirche gewesen. Beeindruckt von der Größe dieses Gotteshauses, bemerke ich nicht einmal, dass ich anscheinend nicht allein hier bin.

Ich verbeuge mich vor dem Altar, als hätte ich das schon öfters gemacht und wäre das Normalste der Welt. Dann trete ich ein paar Schritte zurück, will mich auf die erste Bank setzen, um das alles erst einmal auf mich wirken zu lassen. Dabei fällt mein Blick auf eine ältere Dame, die einige Reihen weiter hinten sitzt und mich mit entsetzt aufgerissenen Augen anstarrt. Ich versuche noch sie anzulächeln, aber in diesen Moment steht sie auf und wird leichenblass. Sie hält sich mit ihren alten, vor Angst bebenden Händen an der Lehne der Vorderbank fest und schreit, ohne den Blick von mir zu wenden.

„Sie soll gehen! Sie ist wieder da und wird uns alle ins Verderben stürzen“, kreischt sie los.

Ihre Worte ersticken fast in ihrer Kehle und ich bekomme Angst, dass sie am Ende umfällt.

Plötzlich packt mich der Pfarrer an den Schultern und schiebt mich zur Seite. Ich erschrecke, da ich ihn gar nicht habe kommen sehen. Er bittet mich, platz zu nehmen und die Dame möglichst nicht mehr anzusehen. Dem entspreche ich gern, denn der Frau ist das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben und ich weiß nicht warum. Anscheinend hat es mit mir zu tun, aber was sie gesagt hat, entzieht sich meinem Verständnis. Während der Pfarrer die Frau beruhigt und aus der Kirche hinausführt, schallen ihre Worte immer noch in meinem Kopf. Sie ist wieder da! Was denkt denn die Frau, wer ich bin? Ich bin doch das erste Mal hier und es ist absolut nicht möglich, dass sie mich kennt.

Keine zwei Minuten später steht der Pfarrer wieder neben mir und sieht mich ernst an. Es ist ein erstaunlich junger Mann und ich könnte mir vorstellen, dass er noch nicht lange hier in der Kirche tätig ist. Ich sitze einfach da, den Schrecken des Gehörten noch in den Knochen und halte die Bibel verkrampft an meine Brust gepresst. Dazu schaue ich etwas ängstlich zu ihm auf.

„Wer sind Sie denn?“, fragt er jetzt ruhig und nimmt neben mir platz. Seine Gesichtszüge werden weicher, wohl weil er merkt, dass mich ebenso die Angst gepackt hat.

„Ich wohne seit einer Woche hier im Ort“, presse ich durch meine zusammengekniffenen Lippen und ich bin mir nicht sicher, ob sie zu verstehen sind. Zeitgleich streift mein Blick seine Augen, die auf einmal Wärme versprühen und mir anscheinend zeigen wollen, dass ich vor ihm keine Angst haben muss.

„Sind Sie die neuen Besitzer des letzten Hauses in der Siedlung?“, lächelt er mich an und ich werde etwas lockerer.

„Ja, das haben wir vor einem halben Jahr gekauft“, antworte ich und lasse gleichzeitig die Bibel in den Schoß sinken. Sie ist so schwer und meine Hände tun mir schon weh, weil ich sie so verkrampft festgehalten habe.

„Warum laufen Sie denn mit einer Bibel durch die Gegend? Wir haben hier jede Menge davon und man muss wirklich nicht die eigene mitbringen“, schmunzelt er mich an.

„Ich habe erhofft hier ein paar Antworten zu bekommen“, murmele ich und schaue verlegen zu Boden.

„Dann müssen Sie die mir stellen. Wenn Sie nicht gerade eine Gabe haben mit unserem Herrn persönlich reden zu können, werden Sie sonst keine Antworten bekommen“, sagt er sicher und ich zucke bei seinen Worten zusammen. Wenn er wüsste! Natürlich habe ich eine Gabe, aber die nützt mir hier vor Gott überhaupt nichts.

„Alles in Ordnung mit Ihnen? Oder habe ich etwas falsches gesagt?“, weicht er verlegen zurück, beobachtet mich jedoch sehr genau.

„Na ja, wegen der Gabe“, beginne ich zu stottern und überlege, ob ich ihm eine Erklärung geben sollte. Aber wen denn sonst. Vielleicht versteht er mich und außerdem hat er ja auch so was wie Schweigepflicht. Also ist er verpflichtet, dafür zu sorgen, dass das von mir Gesagte, hier in der Kirche und bei ihm bleibt.

„Das habe ich nicht so gemeint“, spricht er schnell und macht Anstalten aufzustehen.

„Ich habe eine“, platze ich heraus und seine Augen fixieren mich nun erst recht. „Ich habe seit ich zehn Jahre alt war Visionen“, rede ich unbeirrt weiter.

„Das ist ja interessant. Wir sollten nach hinten gehen und in Ruhe darüber reden. Das ist doch nicht alles, was Sie auf den Herzen haben?“, fragt er und ich nicke ihm schüchtern zu.

Er steht auf und bittet mich, mit einer Geste ihm zu folgen. Mein Blick huscht noch einmal über die Bankreihen, aber wir sind allein. Warum können wir dann nicht gleich hier reden? Oder hat die Kirche überall Ohren? Ich frage jedoch nicht, sondern laufe ihm hinterher. Neben dem Altar ist eine Tür und die führt uns in ein kleines Hinterzimmer. Hier scheint der Pfarrer seinen Papierkram zu erledigen, denn auf dem Tisch liegen einige Ordner.

„Setzen Sie sich doch bitte“, fordert er mich auf und dem komm ich nach. Schnell räumt er die Akten zusammen und lässt sie in einem Schrank verschwinden.

Ich lege die Bibel auf den nun freien Tisch und atme tief durch. Wie soll ich ihm das alles erklären?

„Was haben Sie denn für Fragen? Oder darf ich erst einmal fragen, was für Visionen Sie haben?“, beginnt er, nachdem er sich ebenfalls gesetzt hat.

Ich schaue in sein Gesicht, was jetzt sehr freundlich aussieht. Seine Augen werden immer größer und zeigen mir so, dass er neugierig ist, auf das, was ich zu erzählen habe.

„Die Visionen haben mir immer Unfälle gezeigt, die am nächsten Tag passieren sollten. Ich konnte mit Hilfe einiger Vertrauten den Betroffenen helfen. Ja, ich habe manchen sogar vor dem Tod bewahrt“, sage ich gerade heraus. Mit jedem Wort werde ich lockerer und der Pfarrer aufmerksamer.

„Das ist doch eine gute Sache“, nickt er mir aufmunternd zu.

„Ja, schon, aber seit ich hier wohne, ist das anders“, flüstere ich.

„Haben Sie zu ihren Visionen Fragen? Da kann ich vielleicht gar nicht helfen“, sagt der Pfarrer ehrlich.

„Nein, eigentlich nicht. Ich wollte gern etwas über das Haus und deren Vorbesitzer wissen. Denn irgendetwas ist da nicht so, wie es sein sollte“, versuche ich vorsichtig zu erklären.

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270 стр.
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9783754140628
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