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ANGELA Eßer (Hrsg.)

Mords-Töwerland

Kriminalroman


Zum Buch

Tatort Töwerland Auf Juist gibt es jede Menge Wind, Meer und Sand. Idylle pur. Weit und breit keine Autos, nur Fahrräder und Pferdekutschen, die gemächlich durch die Straßen der wunderschönen Nordseeinsel fahren. Und hier sollen sich Verbrechen ereignen? Unmöglich! Doch achtzehn Krimiautorinnen und -autoren haben sich auf Töwerland umgesehen und dabei Erstaunliches aufgedeckt. Warum droht ein Mann im »Lütje Teehuus« mit Pistole? Wieso ist der Geschäftsführer der Sparkasse so verzweifelt? Und welche Verbrechen geschehen am Schiffchenteich? Folgen Sie uns auf die andere, die dunkle Seite der Insel und Sie werden feststellen, dass Sie mit den Autorinnen und Autoren etwas gemeinsam haben. Die Liebe zu einer wunderbaren und vollkommen friedlichen Insel – Juist eben.

Mit Beiträgen von Christina Bacher, Nadine Buranaseda, Jürgen Ehlers, Angela Eßer, Anja Feldhorst, Christiane Franke, Peter Godazgar, Carsten S. Henn, Susanne Kliem, Tatjana Kruse, Gunnar Kunz, Sandra Lüpkes, Gisa Pauly, Elke Pistor, Till Raether, Su Turhan, Regula Venske und Jan Zweyer.

Angela Eßer wurde in Krefeld geboren und studierte Theaterwissenschaft in München. Sie ist Autorin, Herausgeberin, Initiatorin von »Bloody Cover« und veranstaltet Krimi-Kochkurse. Zudem ist sie Mitveranstalterin von »SKRIVA – literatur werkstatt köln« und dem »Barcamp Literatur München«. www.angelaesser.de

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Leinemeister / shutterstock.com

ISBN 978-3-8392-6838-4

Vorrede

Juist ist nicht nur wunderschön, sondern auch inspirierend kriminell. Die Geschichten dieser Anthologie sind ein eindeutiger Beweis dafür und für Sie eine spannende kriminelle Unterhaltung.

Die Insel bedankt sich bei den Autorinnen und Autoren und wünscht Ihnen eine kurzweilige Unterhaltung.

Thomas Vodde

Stellvertretender Bürgermeister und Marketingleiter von Juist

Juist sehen und sterben
Su Turhan

In dieser Sturmnacht im Februar flackerte der Vollmond wie ein Filmprojektor. Einem Zelluloidstreifen gleich zogen Wolkenberge und Regenzüge an dem Himmelskörper vorüber. Statt einem Knattern begleiteten Donnerschläge und Blitztiraden den Auswurf fahler Strahlen. Doch das Mondlicht fiel auf keine Filmkulisse. Es beleuchtete ein Schnellboot, das, von wütenden Wellen getragen, den Strand erreichte. Sieben erschöpfte Gestalten in Kampfmontur mitsamt ihrem Anführer sprangen aus dem Boot. Knapp waren sie dem Tod auf hoher See entronnen. Zornig und rau war das Meer mit ihnen umgegangen. Wetter und Seegang standen im Bund mit denen, die ihnen auf den Fersen waren. Wie die Technik. Ein Motorschaden hatte ihren Fluchtplan durchkreuzt. Es war ihnen unmöglich gewesen, die Jacht, die sie nach Holland bringen sollte, zu erreichen.

»Weg mit dem Boot!«, schrie der Anführer gegen den Sturm.

Die Männer mobilisierten die letzten Kräfte und zogen das Boot auf das offene Meer zurück. Zwei rannten mit Gewehren im Anschlag zur Düne, um die Aktion abzusichern. Der Anführer folgte ihnen und warf sich in den Sand. »Macht mir das ab, schnell«, raunzte er die zwei Frauen an.

Die eine, groß und kräftig, mit braunen Haaren, die unter der hochgezogenen Sturmhaube hervorlugten, griff zur Zange in der Seitentasche. Ratsch. Ratsch. Das Plastik der Handfesseln war entzwei. Er rieb sich die geröteten Handgelenke.

»Wie heißt du?«, fragte er sie.

»Wie willst du denn, dass ich heiße?«, entgegnete sie mit holländischem Akzent. Regentropfen massierten ihre vor Kälte gestrafften Wangen. Sie wischte sie mit dem Handrücken weg.

Er überlegte, wie er sie nennen könnte.

Seinen Namen wusste jeder, der mit ihm im Boot beinahe ertrunken wäre. Doch er kannte niemanden von der angeheuerten Crew. Da packte ihn die andere Frau, weniger kräftig, dafür sportlich und drahtig, und zog ihn mit sich.

»Wir sollten hier weg«, sagte sie und blickte dabei auf die Karte auf dem Tablet, das sie aus dem wasserfesten Rucksack geholt hatte. »Ein Stück weiter vorne ist ein Aufgang.«

Die Truppe stampfte los und erreichte den Strandweg, der zu einer asphaltierten Straße führte.

Plötzlich, auf Kommando der Sportlichen, warfen sie sich allesamt auf den nach Salz und Muscheln riechenden Sandstrand. Sie klappte das Nachtsichtgerät herunter, um ein Licht in der Ferne in Augenschein zu nehmen.

»Ein Mann mit Taschenlampe auf neun Uhr! Um die 50, 1,80 etwa. Unbewaffnet, so weit ich das bei dem Scheißwetter sehen kann.« Sie duckte sich tiefer. »Er kommt auf uns zu.« Dann zischte sie: »In Deckung, a cubierto, rápido!«

Die Frauen und Männer kauerten sich zusammen und lauschten dem tosenden Unwetter. Die Wellen waren zornig und uneinsichtig. Ununterbrochen versuchten sie, dem Meeresbecken zu entfliehen.

Der Mann mit Taschenlampe legte eine Pause im Kampf gegen die Naturgewalten ein. Er holte Atem und schob sein Gefährt gegen den Sturm. Zwei Schritte später zog ein schwarzer, großer Fleck, der auf den Wellen tänzelte, seine Aufmerksamkeit auf sich. Vermutlich Strandgut, freute er sich. Er ließ Fahrrad samt Bollerwagen zurück und kämpfte sich gegen den Peitschregen aus flüssigen Pfeilen über den Strandweg. Die tänzelnden Konturen auf dem Meer formten sich zu einem Umriss. Ein schnittiges Motorboot erkannte er und blickte sich um. Da war niemand in der stürmischen Nacht. Niemand, außer der dunklen, menschengroßen Seeschlange, die von der Düne her auf ihn zuschlängelte. Starr vor Schreck vergaß er zu atmen. Der Fluchtinstinkt verweigerte ihm den Dienst. Er bemerkte nicht, wie sich jemand in Kampfmontur von hinten näherte. Spürte nur, wie ihm plötzlich der Mund zugehalten wurde und die Schneide eines Messers seinen Hals berührte.

Unfähig, etwas von sich zu geben, schluckte er und ließ sich zu den kauernden Gestalten in der Düne zerren.

»Worauf wartest du?«, zischte der Anführer. »Mach ihn kalt! Sofort! Keine Zeugen!«

In Todesangst versuchte der Mann, sich zu befreien. Die Sportliche übersetzte im selben gehässigen Tonfall wie der Anführer ins Spanische. Augenblicklich stach der Kämpfer zu. Wie durch ein Stück Walseife drang die Messerscheide durch den Brustkorb des Mannes. Über sein Todesröcheln legte sich der schreiende Sturmwind.

*

»Jetzt brauch ich einen SCHNAPS.«

Die Intonation war Mist.

»JETZT brauch ich einen Schnaps.«

Auch Mist.

»Jetzt brauch ICH einen Schnaps.«

Erst recht Mist.

Die Frau in Jeans und Wolljacke warf das Textbuch auf den Wohnzimmertisch. Gleich darauf nahm sie es wieder an sich. Nervös überflogen die braunen Augen die markierten Stellen, die sie auswendig zu lernen hatte. Mist, alles Mist, der viele Dialog und überhaupt alles. In zwei Wochen war Premiere der Laientheatergruppe »Antjemöh« und sie stand zum ersten Mal in ihrem Leben auf der Bühne.

»Schnaps«, seufzte sie. »Ich brauch jetzt wirklich was.«

Tanja Krüger holte eine Flasche aus dem Schrank und stellte sich ans Fenster in ihrer Dienstwohnung. Draußen tobte ein Unwetter, wie sie es auf Juist noch nicht erlebt hat. Am Nachmittag hatte die Sonne noch freundlich auf die Insel geschienen, und sie beim Streifengang durch das Dorf den Reißverschluss der Dienstjacke geöffnet. Und jetzt herrschte draußen Weltuntergangsstimmung.

Der erste Februarmonat als Dienststellenleiterin hatte die einzige Polizeibeamtin auf Juist auf Trab gehalten. Die Dienstzeiten waren ziemlich klar geregelt. 24 Stunden täglich – mehr oder weniger. Schlägerei unter Frauen in der Dienstags-Yogagruppe. Ein Kutscher hatte Juists Straßen mit einer Formel-1-Rennstrecke verwechselt. Zugestellte Pakete hatten sich in Luft aufgelöst. Und da war ein Inselschüler, der im Supermarkt von einem Kumpel gefilmt wurde, wie er Zigaretten und Bierdosen klaute. Das dazugehörige Schulungsvideo für Kaufhausdiebe hatte sie auf YouTube vor dem Einschlafen im Bett entdeckt.

Sie hob die Flasche mit dem Wacholderbrand an die Lippen, merkte, wie ihr übel wurde, und verzichtete auf das Hochprozentige. Ein Blitzschlag ließ sie zusammenzucken.

Mittlerweile war es schon nach Mitternacht geworden. Höchste Zeit, ins Bett zu gehen, entschied sie und fuhr ihrem Border Collie Emma durch das schwarz-weiße Fell. Die junge, verspielte Hündin folgte ihr bis zu den Treppen und jaulte beleidigt, als sie zurück ins Körbchen geschickt wurde.

*

Die sieben Gestrandeten waren am menschenleeren Strand unterwegs. Schwarze Kampfmaschinen, bewaffnet bis an die Zähne. Das unbrauchbare Motorboot trieb auf dem offenen Meer. Irgendwann und irgendwo würde es gefunden werden und die Welt sie für tot halten.

Flankiert von den beiden Frauen trabte der Anführer an der Spitze. Die Holländerin studierte auf dem Tablet die Umgebungskarte. Die einzige Daseinsberechtigung für das Schmuckstück von Nordseeinsel schienen die Vögel zu sein, die hier brüteten und unter Artenschutz standen. Sie hob die Hand, woraufhin die Männer dahinter stoppten. Alle waren durchfroren und hungrig, alle wollten aus den durchnässten Klamotten und Stiefeln und sehnten sich nach einem Bier und ein paar Stunden Schlaf.

Der Anführer blickte mit auf die Karte. In der Nähe befand sich das »Seeferienheim«, das aus mehreren Backsteingebäuden bestand und einer Kaserne ähnelte. Er wandte sich der Sportlichen zu: »Nimm zwei mit und spähe das Areal aus.«

Die Dreiergruppe trabte zum Strandweg vor. Der frei zugängliche Grund lag im Dunkeln, aus keinem der Fenster schien Licht.

In dem Ferienheim, las der Anführer auf dem Tablet, machten Schulklassen und Erwachsenengruppen Urlaub. 17 Kilometer Sandstrand, eine verdammte Naturidylle mit Meer drum herum, auf der sie gestrandet waren, fluchte er. Was ihn besonders störte, war der stolz vorgetragene Hinweis, dass die Insel autofrei sei. Er liebte motorisierte Fahrzeuge in jedweder Form.

Die Späher zeigten sich. Die Luft war rein. Die Truppe marschierte weiter. Als der Anführer zur Sportlichen aufschloss, informierte sie ihn, dass der Hausmeister sie entdeckt habe.

»So eine Scheiße!«, krakelte er. »Wehe, du hast das Problem nicht beseitigt!«

»Dafür werde ich doch bezahlt, oder?«, antwortete sie seelenruhig.

Er grinste zufrieden. »Weißt du was? Ich nenne dich Carmen, das passt zu dir«, sagte er und entschied: »Wir verbringen die Nacht dort.«

*

Am nächsten Morgen wütete das Unwetter unverändert weiter. Tanja Krüger saß vor einer Tasse Kaffee am Küchentisch. Die ersten dienstlichen Telefonate hatte sie hinter sich. Die Seenot berichtete, Thomas Koch, der das Monopol auf Buchhandlungen auf Juist innehatte, schlafend über einen Krimi in seinem Motorboot vor dem aufziehenden Sturm gerettet zu haben. Fährverbindungen waren bis auf Weiteres abgesagt. Der Flugverkehr war zum Erliegen gekommen. Die Handvoll Touristen, die sich in der Vorsaison auf der Insel aufhielt, waren dazu verdammt zu bleiben. Dieses Schicksal teilten sie jetzt mit den Insulanern.

Tanja war freiwillig gekommen. Nachdem sie sich auf der Insel umgesehen hatte, entschloss sie sich, in der Mitte ihres Lebens eine Weiche zu stellen. Seit einem halben Jahr war die Oberkommissarin der Arm der Gerechtigkeit auf Juist. Sie allein sorgte für Recht und Ordnung. Zwischen ihrem Hoheitsgebiet und dem Festland lag die unberechenbare Nordsee. Dass vom Festland und den umliegenden Inseln keine schnelle Hilfe zu erwarten war, sollte sich ein Vorfall ereignen, den sie nicht selbst regeln konnte, hatte sie inzwischen gelernt. Allen voran das Missgeschick verwirrter Kontinentalplatten namens Norderney.

Bei der zweiten Tasse Kaffee läutete das Telefon. An dem Samstag hatte sie offiziell keinen Dienst. Aber was hieß das schon. Rufbereitschaft nannte sich das, wenn sie keinen Dienst schob, aber arbeiten sollte. Imke Jacobs, eine aufgeregte ältere Insulanerin, war am Apparat. Tanja kannte sie von Abenden im Heimatverein und hörte sich ihr Anliegen an. Die Dame bemühte sich trotz ihrer Aufgeregtheit um ein verständliches Hochdeutsch.

»Jan?«, fragte Tanja nach. »Der Barmann aus der ›Spelunke‹?«

»Ja, genau, mein Sohn«, verfiel die ältere Dame ins Plattdeutsch. »Ich habe geläutet, er macht nicht auf.«

»Warst du denn im Haus?«

»Natürlich«, antwortete sie. »Ich weiß doch, wo der Schlüssel liegt. Aber oben war ich nicht, Treppen schaffe ich mit dem Rollator nicht.«

»Ist Jan vielleicht unterwegs?«, fragte sie aufs Geratewohl.

»Bei dem Sturm? Wo soll er da hin?«, erwiderte Imke. »Jan bringt mir freitags Brötchen. Immer. Jeden Freitag.« Die Dame überlegte. »Seit 23 Jahren.«

Tanja redete beruhigend auf die besorgte Mutter ein und versprach, bei Jan im Loog nach dem Rechten zu sehen.

Mit Thermounterwäsche und Wetterzeug bestieg sie das Dienstfahrrad. Auf der Billstraße nach Westen trieb sie Rückenwind an. Die Augen tränten. Den zwei Menschen, die ihr auf dem Dammweg entgegen kamen, schenkte sie in der Eile keine Beachtung.

Der Anführer und die Holländerin, die er auf den Namen Antje getauft hatte, waren zum Dorf unterwegs. Er fühlte sich pudelwohl in den Klamotten. Die Schirmmütze mit »Juist sehen und sterben«-Schriftzug war eine Zumutung, aber wichtig, um nicht erkannt zu werden. Die Jacke war etwas weit, die Ärmel etwas zu lang, aber alles in allem hatte er einen guten Fang gemacht. Antje hatte weniger Glück beim Durchstöbern der Kleidungsstücke, die von Urlaubern im Seeferienheim zurückgelassen oder vergessen wurden. Mit der zu engen Windjacke und den Jeanshosen kam sie sich sonderbar deutsch vor. Waffe und Messer lagen griffbereit in der Gürteltasche.

»Ich halte mich zurück, du redest«, wies er sie an. »Nicht, dass mich einer der Inselaffen erkennt.«

*

Die Polizistin hatte Jans Häuschen erreicht und läutete. Sie kannte ihn als flinken, trinkfreudigen, höflichen Barmann aus der »Spelunke«. Wie die verstörte Mutter gesagt hatte, war er nicht daheim. Sie ging um das Häuschen, sah im Garten nach und griff den Schlüssel unter dem einzigen Blumentopf auf der Terrasse. Es musste einen Grund geben, eine 23-jährige Tradition zu unterbrechen. Beim Eintreten machte sie sich bemerkbar und schritt durch die Räume. Jan schlief nirgends einen Rausch aus. Nichts Ungewöhnliches fiel ihr auch im oberen Stockwerk auf, sodass sie das Haus verließ und das Dienstrad wieder bestieg.

Zurück ins Dorf strampelte sie gegen den Wind und traute ihren Augen nicht, als sie Imke entdeckte. Sie versuchte, mit dem Rollator über den Strandaufgang zum Meer zu gelangen. Tanja bremste mit quietschenden Reifen und wischte das Gesicht ab. Der Rollator mitsamt der alten Dame schwankte im Sturm gefährlich hin und her. »Imke! Warte!«, rief sie.

Aber die Dame reagierte nicht. Innerlich fluchend stellte sie das Dienstrad ab und lief zu ihr. »Wo willst du denn hin?«, fragte Tanja sie.

»Hier gehen wir immer spazieren, Jan und ich«, erwiderte sie verwirrt.

»Weißt du was«, schlug Tanja vor. »Ich bringe dich heim, dann sehe ich am Strand nach.«

Die Polizistin war sich nicht sicher, ob die alte Frau sie verstanden hatte. Deshalb hakte sie sich bei Imke Jacobs energisch unter und brachte sie nach Hause. Goss ihr noch einen Tee auf und machte sich auf den Weg zum Strand.

Was sie dort aber vor sich sah, bedeutete noch mehr Arbeit. Sie rief Peter von der Freiwilligen Feuerwehr an, um ihm ein gestrandetes Motorboot zu melden.

Im heulenden Sturm hatte das falsche Touristenpaar den Hafen erreicht. Die Leuchtanzeige der Fährgesellschaft war ausgefallen. Die Geschäftsstelle und das Hafenrestaurant waren geschlossen.

»Zum Flugplatz?«, fragte Antje.

»Schwachsinn!«, fluchte der Anführer. »Willst du etwa direkt in die Hölle fliegen bei dem Sturm?« Beide sahen, wie im Eiltempo Wolkengebilde über ihnen vorbeizogen, und gingen weiter.

»Wir fragen bei der Touristeninformation nach«, beschloss der Anführer.

Im Dorfkern begegneten sie niemandem in der Bahnhofstraße, wo sie vergeblich nach einem Bahnhof Ausschau hielten. Am Kurplatz herrschte auf den Parkbänken gähnende Leere. Sie passierten geschlossene Geschäfte. Hoffnung keimte beim Anführer auf, als er die Abbildung einer Currywurst in der Fensterscheibe von »Frankies Grillrestaurant« erspähte. Doch auch der Laden hatte an dem Samstagmorgen geschlossen. Direkt gegenüber trat aus dem »Friesenhof« gerade ein distinguierter Herr in perfekt sitzendem Anzug unter dem Mantel. Höflich stellte er sich ihnen als Herr Peters vor. Sie erkundigten sich nach dem Touristeninformationscenter, während der Wind sie durchrüttelte. Mit stoischem Lächeln, unbeeindruckt vom Sturm, deutete Peters mit ausgestrecktem Arm zum Rathaus auf der anderen Straßenseite.

»Moin, die Töwercard schon bezahlt?«, grüßte die Angestellte des Informationscenters hinter der Theke.

Antje brachte mit gespielter Aufregung ihr Anliegen vor. Sie fabulierte von ihrem Vater, der im Sterben liege, sodass sie dringend auf das Festland müsse.

Die Angestellte bedauerte, ihr bei dem Unwetter nicht helfen zu können. »Aber andersherum wäre es kein Problem«, erklärte sie der vermeintlichen Touristin. »Bei einem Notfall ist in zehn Minuten der Rettungshubschrauber auf Juist. Einfach die 112 wählen. Das Wetter müsste nur etwas besser sein.«

Antje bedankte sich für die Auskunft, versprach, die Bezahlung des Gästebeitrages nicht zu vergessen, und trat zurück auf die Straße. Der Anführer erwartete sie unter dem Dach einer Ladenpassage auf der anderen Seite.

»Ich weiß, wie wir von der Drecksinsel kommen«, unterrichtete sie ihn. »Wenn der Wetterbericht stimmt, sind wir am Nachmittag in Holland.«

Erleichtert über die Aussicht betraten sie eine Bäckerei und kauften für das Frühstück ein. Die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen, nahm der Anführer von der appetitlich lächelnden Polin die Tüten entgegen. Auf dem Rückweg über den Kurplatz beobachteten sie eine Frau auf einem Fahrrad mit beachtlichem Tempo in die Wilhelmstraße einbiegen. Reflektierende Buchstaben prangten auf der Dienstjacke. Die beiden drehten sich ab. Der Anführer grinste Antje dreckig an. »Sag bloß, die haben Bullen auf der Insel? Ist doch ein Witz, oder?«

Mit durchgeschwitzter Thermounterwäsche parkte die Polizeibeamtin das Fahrrad vor der Dienststelle. Im Flur knuddelte sie Emma und lief, ohne weiter Zeit zu verlieren, mit dem Spurensicherungskoffer zum Feuerwehrhaus. Peter und zwei seiner Kameraden erwarteten sie bereits. Peter saß am Steuer und brachte das Martinshorn zum Heulen. »Mach den Lärm aus«, sagte sie außer Puste. »Das Boot steht doch nicht in Flammen!«

Als Stille einkehrte, hörten sie ein Kläffen und Bellen. Tanja ahnte, wer aus dem Haus gebüxt war und Einlass verlangte.

Mit Emma auf ihrem Schoß rückte der Feuerwehrtransporter aus. Peter schaltete das Radio ein, sanfte Klänge eines Popsongs erfüllten den Fahrerraum, ehe der Sprecher für eine Sondermeldung das Programm unterbrach. »Nach Aufhebung der Nachrichtensperre wird jetzt öffentlich, dass Hannes Dengel, bekannt als deutsche Faust des kolumbianischen Drogenkartells, eine spektakuläre Flucht gelungen ist. Eine schwer bewaffnete paramilitärische Einheit von sechs Kämpfern hat am gestrigen Freitag den Justizwagen auf dem Weg von der JVA Celle zur Gerichtsverhandlung in Bremerhaven mit Waffengewalt gestoppt. Drei Justizvollzugsbeamte schweben nach dem Schusswechsel in Lebensgefahr. Mit einem Schnellboot gelang Dengel die Flucht über die Nordsee. Doch mit dem Aufkommen eines Sturms hatten die Gewalttäter nicht gerechnet. Die sieben Flüchtigen, inklusive des Schwerverbrechers, sind aller Wahrscheinlichkeit nach auf hoher See ertrunken. Wo das Boot und die Leichen ans Ufer gespült werden, kann bei der Wetterlage nicht vorhergesagt werden. Die Polizei bittet die Bevölkerung …«

Mit nachdenklichem Gesicht schaltete Tanja das Radio aus.

Kurz darauf fuhr Peter vorsichtig den Strandaufgang vor und parkte den Transporter. Emma sprang heraus und rannte los. Glücklich schnüffelte sie den Boden ab, während Tanja und die Feuerwehrleute rot-weiße Absperrgitter um das Motorboot stellten. Mit einem daran befestigten polizeilichen Absperrband war die Fundstelle ordentlich gesichert. Das Plastik flatterte und pfiff im Sturm, als sie das Polizeikommissariat Norden über den Fund informierte und per Handy Fotos schickte. Wie Tanja schon vermutete, der Rückruf eines diensthöheren Beamten ließ auf sich warten. Als die Kameraden von der Feuerwehr mit der Arbeit fertig waren, wäre sie am liebsten mit ihnen zurückgefahren. Doch Emma war wie vom Erdboden verschluckt. Weit und breit konnte sie die Hündin nicht entdecken. Wohl oder übel musste Tanja den Sicherungskoffer an Peter und seine Leute weitergeben. Sie verabschiedete die Helfer, wartete, bis der Motorenlärm verebbt war, und rief im Rauschen des Sturmes nach ihrem Border Collie.

Die Hundedame war in den Dünen beschäftigt. Aufgeregt buddelte sie mit den Pfoten im Sand. Der Geruch, den sie wahrnahm, beflügelte sie. Wie von Sinnen grub und grub sie, weit weg von Frauchen, die nach ihr suchte. Keine Menschenseele spazierte am Strand, der in der Hochsaison Scharen von Touristen und Juistliebhabern anlockte. Unwirtlich zeigte sich der Polizeibeamtin die Heimat, die sie sich ausgesucht hatte. Die Hände in die Jacke vergraben, suchte und rief sie weiter nach Emma. Alles gäbe sie dafür, jetzt im Warmen zu sein, zu Hause einen ostfriesischen Tee zu trinken. Selbst für den Preis, das ganze Textbuch zu lernen.

*

Die vier Männer in der Gemeinschaftsdusche schnatterten in ihrer Muttersprache, bewunderten gegenseitig ihre Tattoos und teilten sich eine zurückgelassene Shampooflasche.

Am Flur vor der Dusche hielt Carmen Wache. »Beeilt euch«, schrie sie auf Spanisch. »Wir sind nicht auf einer Ferienfahrt!«

Dengel und Antje kehrten mit Frühstück und einem genialen Fluchtplan zurück. Beim Frühstück saßen alle sieben in einem der Säle an einem langen Tisch zusammen und gingen den Plan durch.

»Ist mir zu unsicher«, sagte Carmen. »Boote gibt es genug, mit denen wir rüberkommen.«

»Und uns abschießen lassen von der Marine?«, zischte Dengel mit vollem Mund. »Also, welcher von den Jungs sollte uns nach Rotterdam fliegen?«

Carmen nickte zu einem der Männer, der keine Ahnung hatte, worüber gestritten wurde. Dengel grinste ihn an. »Guter Junge! Wenn der Sturm nachlässt, fliegst du uns mit dem Hubschrauber von dem Scheiß Inselkaff.«

*

Der Polizeibeamtin wurde leicht ums Herz, als sie ihre Hündin in der Düne endlich entdeckte. Sie war froh, dass niemand mitbekommen hatte, wie sie den Collie verbotenerweise ohne Leine am Strand laufen gelassen hatte.

»Emma!«, rief sie. »Bei Fuß, lass uns nach Hause gehen!«

Die Hündin reagierte nicht. Sie hatte offenbar ihren Spaß. Die Beamtin lief zu ihr und blieb nach einigen Metern erschrocken stehen. Emma schleckte die Hand eines Mannes ab, der rücklings im Sand lag.

»Emma!«, schrie sie erzürnt. »Aus! Weg da. Bei Fuß.«

Die Hündin gehorchte, wenn auch unwillig und kam gelaufen. Tanja kniete sich zu ihr und streichelte sie. Groß gewachsen war der Mann, der halb im Sand verschüttet lag. Sie dachte an den geflohenen Schwerverbrecher, der irgendwo als Wasserleiche an Land gespült werden sollte. Als sie näher trat, nahe genug war, um das Gesicht zu sehen, starb die Hoffnung, Hannes Dengel vor sich zu haben. Im Sand lag der Barmann aus der »Spelunke«, Jan, der seiner Mutter keine Brötchen gebracht hatte. Die Jacke war auf Höhe des Brustkorbs mit Blut getränkt. Sie sah sich die Leiche genauer an und starrte in eine klaffende Wunde.

»Gut gemacht, Emma«, lobte sie wie unter Schock ihre Hündin.

An Ort und Stelle rief sie nochmals im Polizeikommissariat an und verhaspelte sich bei dem mündlichen Bericht.

»Hab ich richtig verstanden?«, höhnte der Beamte am Telefon. »Du hast einen Toten auf Juist? Gratuliere, damit gehst du in die Geschichtsbücher ein!«

»Ich habe einen Mord auf Juist!«, erwiderte sie entnervt. Im Stress dachte sie erst jetzt daran, ein Handyfoto zu schicken, und erhielt nach einigen Sekunden den Hinweis, sich ruhig zu verhalten.

»Ruhig bin ich«, schrie sie angestrengt. »Aber ich erfriere hier! Was soll ich tun?«

»Vor allem und ganz besonders ruhig bleiben«, wiederholte der Beamte. »In paar Stunden soll der Sturm nachlassen. Sobald es geht, ist die Tatortgruppe unterwegs. Sicher die Fundstelle, vor allem deck den armen Mann zu.«

»Womit denn?«, schrie Tanja leicht hysterisch und besann sich wieder. »Wie es aussieht, ist Jan erstochen worden. Mitten ins Herz. So was macht kein Juister!«

»Worauf willst du hinaus?«

»Was weißt du über die paramilitärische Truppe, die Dengel befreit hat?«, fragte sie.

»Nichts«, erwiderte der Beamte erstaunt. »Warum auch? Die Nordsee hat sie geholt …«

»Und wenn sie doch nicht ertrunken sind?«, unterbrach sie ihn.

»Bei dem Seegang?«, machte er sich lustig. »Du glaubst doch nicht, die schweren Jungs hängen bei dir auf Juist ab! Den Barmann hat Frau, Freundin oder Saufkumpane nach einem Streit niedergestochen.« Er machte eine kurze Pause. »Du bleibst schön ruhig, ja? Wenn der Sturm nachlässt, schicke ich …«

Die Verbindung brach ab. Tanja blickte auf das Display, das vom Regen nass gespritzt wurde. Es war schwarz. Der Akku war leer. Eine Bö peitschte ihr wie eine Ohrfeige Regentropfen vermischt mit Sandkörnern ins Gesicht.

»Komm, Emma«, sagte sie. »Lass uns Jan wenigstens wieder vergraben. Was anderes fällt mir jetzt auch nicht ein.«

Mit beiden Händen schaufelte sie den Leichnam zu und merkte sich die Stelle, wo Jan zur vorläufigen Ruhe gebettet lag.

Erschöpft setzte sie sich einige Meter entfernt in den Sand und starrte aufs Meer. Sie kämpfte damit, ob sie der Mutter gleich Bescheid geben sollte oder nicht. Natürlich hatte Imke das Recht zu erfahren, was mit ihrem Sohn geschehen war. Während sie ihren Gedanken nachhing, merkte sie, wie das Wetter umschlug. Der Wind ließ nach, die Wolken zogen etwas langsamer über die Insel hinweg, und ab und an zeigte sich sogar die Sonne. In vielleicht drei Stunden würde Verstärkung vom Festland kommen, aber der Strand von Menschen besiedelt sein. Sie fasste den Entschluss, im nächstgelegenen Haus zu klingeln und sich aufzuwärmen. Dem Notarzt würde sie Bescheid geben, um offiziell Jans Tod feststellen zu lassen, Männer von der Feuerwehr als Leichenwache abkommandieren, den Bürgermeister informieren.

Sie raffte sich auf. »Emma, bei Fuß.«

Mit ihrer Hündin erreichte sie den Aufgang, der zu den Häusern in der Billstraße führte. Der schwächer werdende Wind trieb Stimmen durch die Luft. Mit Erstaunen vernahm sie eine Sprache, die auf der Insel nicht geläufig war. Männer hörte sie. Wortfetzen. Leise von der Brise zu ihr getragen. Mehr als eine Stimme jubelte »Gol!«.

Verwundert und behutsam näherte sie sich von der Straße her dem »Seeferienheim«. In der von der evangelischen Kirche betriebenen Anlage hatte sie vor einigen Wochen einen Einsatz in einer Jugendgruppe wegen eines gestohlenen Handys. Kurzerhand hatte sie trotz lautstarker Proteste alle Geräte konfisziert. Auf wundersame Weise war das gestohlene darunter gewesen. Nur eines aus der Ansammlung, das funktionierte, hätte sie jetzt gerne gehabt, um jemandem Bescheid zu geben, wo sie gerade war. Sie versteckte sich hinter einer Mülltonne und machte ihre Arbeit. Allein. Wie immer.

Sie beobachtete den Innenhof, wo sich zwischen Verwaltungsgebäude und Gruppenunterkünften Männer tummelten. Sie trugen eng anliegende T-Shirts und schwarze Kampfhosen. Schusswaffen und Messer hingen an ihren Gürteln. Mit Militärrucksäcken war ein Tor auf dem gepflasterten Hof markiert. Wie Schuljungen spielten sie mit einem Plastikball, der im Wind hin- und hergetrieben wurde.

Ruhig bleiben, mahnte sie sich. Sie hatte recht behalten. Die Elitekämpfer waren putzmunter auf Juist gestrandet. Sie zählte vier Männer. Drei fehlten, wenn die Nachrichtenmeldung richtig war.

Sie überlegte fieberhaft, was sie tun könnte. Die Inseljäger fielen ihr ein. Sie hatten Gewehre, mit denen sie Kaninchen jagten. Unversehens tauchte Emma in ihrem Blickfeld auf. Kläffend und bellend beteiligte sich ihre Hündin am Fußballspiel. Die Männer schöpften keinen Verdacht. Sie klatschten Beifall, weil Emma in luftiger Höhe mit ihrer Nase den Ball kickte. Gleich darauf tauchte aus dem Gebäude mit der Aufschrift »Dellert-Haus« eine uniformierte Gestalt auf. Nummer fünf, zählte Tanja.

Fuchsteufelswild schimpfte die drahtige Frau: »Seid ihr verrückt! Wenn euch jemand sieht!« Dann setzte sie auf Spanisch nach und trieb die Fußballspieler ins Haus. Ein Mann mit zu weiter Jacke und einer Schirmkappe erschien neben ihr. Nummer sechs war niemand anderer als Hannes Dengel. Sie erkannte ihn von Fahndungsfotos aus ihrer ehemaligen Polizeistation. Und wo war die siebte Person?, fragte sie sich.

Die Antwort erhielt sie postwendend. Mit voller Wucht jagte die hinter ihr stehende Holländerin einen Gewehrkolben an Tanjas Hinterkopf. Juists einzige Polizeikraft sackte zusammen und blieb auf den Pflastersteinen liegen. Verschwommen sah sie, wie Emma zu ihr lief und mit erhitzter Zunge über ihr bleich gewordenes Gesicht schleckte.

Dengel und Carmen liefen zur Holländerin, die mit dem Kampfstiefel Tanjas Hals niederdrückte.

»Sie hat sicher nach Verstärkung telefoniert«, schrie der geflohene Schwerverbrecher, als er die Polizeibeamtin erkannte.

Antje widersprach. »Ich habe sie beobachtet, als sie mit dem Hund vom Strand hochgekommen ist. Sie hat nicht telefoniert und …«

»Mir scheißegal, erschieß sie!«, drängte Dengel aufgeregt. »Keine Zeugen! Ist das so schwer zu verstehen?«

Emma bellte, als Carmen die Waffe aus der Gürteltasche holte und sie ihrem Frauchen an den Kopf hielt. Aus dem Augenwinkel sah Tanja, wie Dengel mit einem brutalen Tritt dafür sorgte, dass sich ihre Hündin trollte. »Worauf wartest du? Schieß!«

»Sie ist Polizistin«, gab Carmen zu bedenken. »Gibt schlechtes Karma, und sie jagen doppelt so viele Bullen hinter uns her.«

Dengel spürte sanften Wind über sein Gesicht streicheln und änderte mit Blick in den klarer werdenden Himmel seine Meinung. »Ok, Planänderung. Sie verständigt den Notruf für den Hubschrauber, dann stellt niemand dumme Fragen. Sperrt sie weg.«

Im selben Augenblick schreckten klackende Hufe die Flüchtigen auf. Hastig zogen sie die Beamtin hinter die Mülltonne.

Dengels Gesicht strahlte beim Anblick der Plankutsche, die auf sie zusteuerte. »Das Schicksal meint es gut mit uns, Mädels. Genau damit fahren wir zum Landeplatz.« Er griff Carmens Hand und kontrollierte die Zeit auf ihrer Armbanduhr. »In einer halben Stunde Abmarsch. Lasst alles zurück, was nicht gebraucht wird. Wir dürfen nicht zu schwer sein.«

Der Kutscher mit Zigarette im Mund hatte die Personen beim Seeferienheim nicht bemerkt. Als aus dem Nichts ein Plastikball zwischen die Hinterbeine der Lastpferde schoss, ahnte er nicht, was ihn erwarten würde. Die Tiere bäumten sich erschrocken auf und wieherten. Mit Peitsche und guten Worten brachte er das Gespann zur Ruhe. Doch statt die Fahrt fortzusetzen, hob er die Arme, denn zwei maskierte Gestalten mit Gewehren bedeuteten ihm, vom Bock abzusteigen.

Tanja Krüger fand sich in einem Schlafraum mit Etagenbetten wieder. Der Kopf brummte ihr vom Schlag, den ihr die siebte Person verpasst hatte. Sie schleppte sich zum vergitterten Fenster. Das Stück Himmel, das sie sehen konnte, war trüb und grau, aber kein Sturm tobte mehr über die Insel. Am anderen Ende des Hofes entdeckte sie ihre Hündin. Emma lag bewegungslos in einer Blutlache. Sie haben Emma getötet, dachte sie, genauso, wie sie Jan getötet haben. Tränen rannen ihr über die Wange. Voller Wut eilte sie zur Tür, die plötzlich vor ihr aufgerissen wurde. Die spanisch sprechende Frau betrat mit übergezogener Sturmhaube den Raum. Sie reichte Tanja das ausgefallene Diensthandy, das in ihrer Jacke gesteckt hatte.

»Akku ist geladen«, sagte Carmen knapp. »Dreh dich um.«

Durch das Fenster sah Tanja, wie zwei Kämpfer einen übel zugerichteten Mann durch den Hof schleiften.

»Wer ist das?«, fragte sie entsetzt.

»Ein hübscher Kerl, dem die Gäule durchgegangen sind und ihn halb tot getrampelt haben«, bekam sie zur Antwort. »Du wählst jetzt die 112, sagst, wer du bist, und forderst einen Rettungshubschrauber an. Sonst stirbt der Kutscher.«

Unter vorgehaltener Waffe tätigte die Beamtin den Notruf. Die Einsatzzentrale erkundigte sich nach der Verletzung, beruhigte sie, dass der Rettungsdienst die Erstversorgung übernehme, und schickte den Hubschrauber los. In zehn Minuten würde er auf der Wiese beim Hafen eintreffen. Zufrieden nahm Carmen der Polizistin das Handy weg und öffnete die Tür. Zwei Männer kamen herein, warfen den Kutscher vor Tanjas Füße und verschwanden. Aus der Nase tropfte Blut, mehr an Verletzungen entdeckte sie bei ihm nicht. »Geht’s?«, vergewisserte sie sich.

Der Kutscher nickte und deutete zum Fenster. Nun hörte auch Tanja, wie sich der Planwagen in Bewegung setzte. Sie sprang zur verschlossenen Tür und rüttelte. Eine Zeit lang sah der Verletzte ihr dabei zu und wischte sich das Gesicht mit einem herumliegenden Bettlaken ab. Dann rappelte er sich auf, öffnete die Fensterladen und stieß von innen das Gitter auf.

»Danke«, sagte Tanja perplex. »Bleib hier, ich schicke Hilfe, ja?«

Mit einem Sprung war sie draußen auf dem Hof. Doch Emma lag nicht mehr dort, wo sie sie gesehen hatte. Sie starrte sekundenlang auf die Blutlache auf dem Asphalt, wieder rannen Tränen über ihre Wangen. Was sollte sie bloß tun? Die Verbrecher hatten einen Vorsprung, der Hubschrauber landete in wenigen Minuten. Weit und breit keine Inseljäger, geschweige denn Verstärkung. Schweren Herzens rannte sie los und stolperte über den Militärrucksack, der als Tormarkierung hergehalten hatte. Rasch öffnete sie ihn und staunte. »Perfekt!«, machte sie sich Mut und erinnerte sich, wie sie bei der Polizeiausbildung mit einem G3 Schnellfeuergewehr Trainingseinheiten absolviert hatte.

Gleich darauf schlug sie das Fenster des Gebäudes mit der Aufschrift »Büro und Kiosk« ein. Sie fand ein vorsintflutliches Scheibentelefon und alarmierte die Feuerwehr. »Rückt sofort zum Hafen aus«, befahl sie. »Ich bin auf dem Weg.«

Sie war bereits davongeeilt, als der Kutscher in den Hof trat.

*

Die Plankutsche erreichte den Hafen zusammen mit den Löschzügen und den Rettungswagen. Das Sirenengeheul des Großeinsatzes trieb Juister und Touristen hinaus zum Hafengelände. Menschenmassen wie zur Hochsaison fanden sich zusammen, ohne zu wissen, was vor sich ging. Der Kolumbianer auf dem Bock trieb unbeeindruckt die Pferde voran. Unsichtbar unter der Plane saß Dengel mit der bewaffneten Mannschaft.

Mit dem gesicherten Gewehr im Bollerwagen eines konfiszierten Fahrrads näherte sich die Inselpolizistin dem Hafen. Der Hubschrauber landete gerade auf der Wiese neben dem Leuchtturm. Im Rotorwind sprangen Notarzt und Sanitäter heraus und blickten sich nach dem Schwerverletzten um. In dem Moment wurde die Kutschenplane weggezogen. Dengel und die bewaffneten Kämpfer sprangen heraus und verscheuchten die zwei zu Tode erschrockenen Helfer. Die Zuschauer, die augenblicklich die Gefahr erkannten, riefen und winkten sie zu sich, bis Dengel eine Salve in die Luft abfeuerte. In Todesangst suchten die Schaulustigen Schutz in den umliegenden Gebäuden. Nachdem der Rettungspilot vom Sitz gezerrt war, sprangen die Verbrecher in den Hubschrauber.

Tanja Krüger erreichte den Einsatzort. Sie stieß das Fahrrad von sich, schnappte das Gewehr und lief auf den aufsteigenden Helikopter zu. Sie schrie. Doch die Lautstärke des Propellerwirbels machte ihre Worte nutzlos. Niemand verstand auch nur eine Silbe von dem, was sie in die Luft brüllte. Dennoch rief sie: »Halt, Polizei! Landen Sie sofort! Oder ich schieße.«

Trotz Sichtkontakt zur Beamtin mit G3 im Anschlag hob die Maschine unter ohrenbetäubendem Geratter ab. Tanja spürte, wie in dem infernalischen Lärm sich absolute Ruhe in ihr breitmachte. Der Hubschrauber stieg beständig in die Luft. In etwa 50 Meter Höhe lenkte der Pilot die Maschine um die eigene Achse. Da erschien Hannes Dengel in ihrem Blickfeld. Direkt im Lauf des Gewehrs. Er grinste durch die Scheibe wie der Teufel auf dem Flug zur Hölle. Er war schuld, dass drei Polizeibeamte im Sterben lagen. Jan lag tot im Sand vergraben, Emma hatte er zu Tode getreten. Sie allein war der Arm der Gerechtigkeit. Jetzt und hier auf Juist. Sie zielte auf den Rotorkopf und gab mehrere Feuerstöße ab. Als die von Einschlägen getroffene Mechanik beschädigt wurde, geriet der Hubschrauber ins Trudeln und stürzte in Sekundenschnelle herab. Knapp neben dem Leuchtturm krachte die Maschine zu Boden und kippte auf die Seite. Die Rotorblätter schlugen tiefe Furchen in die Wiese, ehe sie in Stücke zerbrachen und durch die Luft jagten. Tanja Krüger duckte sich rechtzeitig und ließ sich fallen. Sie reagierte als Erste, als der donnergleiche Knall des Aufpralles verebbt war. »Los!«, schrie sie den Rettungskräften zu. »Seht nach ihnen!«

Feuerwehrleute und Sanitäter stürmten zu dem millionenteuren Wrack. Mit schwerem Werkzeug gelang es ihnen, die verkeilten Türen aufzubrechen. Ein silbern schimmerndes Metallstück ragte aus Dengels Kopf. Über seinen leblosen Augen war die Schirmmütze mit dem Sinnspruch »Juist sehen und sterben« lesbar geblieben. Auch keiner der anderen Insassen hatte den Abschuss überlebt.

So ruhig Tanja noch vor ein paar Minuten gewesen war, so sehr zitterte sie jetzt am ganzen Körper. Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung und auf das, was eigentlich im Moment so überflüssig wie nur sonst was war. Aber unumgänglich. Den notwendigen Bericht an das Polizeikommissariat in Norden. Doch als sie plötzlich den Kutscher entdeckte, der Emma im Arm hielt, war ihr vollkommen egal, wie viele Berichte sie zu schreiben hatte. Sie rannte einfach nur zu ihm und starrte glücklich auf ihre Hündin.

»Ich dachte, Emma sei tot«, brachte sie mit brüchiger Stimme hervor.

Der freundlich lächelnde Retter reichte ihr die Hündin. Wortkarg wie das Juister Seezeichen, das in den aufkommenden Sonnenstrahlen glänzte, streichelte er das Tier.

»Jetzt brauche ich einen Schnaps«, hörte sie sich sagen. Sie war überrascht über die gelungene Intonation. »Du auch?«

Der Mörder vom Schiffchenteich
Gisa Pauly

Juist ist in der Nacht verdammt dunkel. Und ich bin ganz allein. Weit und breit kein Mensch. Wenn ich ehrlich bin, fürchte ich mich ein bisschen im Dunkeln auf der Insel. Außerdem ist es viel zu spät, um irgendwo um Hilfe zu bitten. Die Restaurants sind geschlossen, sogar in der »Spelunke« ist schon alles dunkel. Und die schließt immer als Letzte. Es muss also schon weit nach Mitternacht sein. Irgendwie habe ich total mein Zeitgefühl verloren. Das passiert mir oft, wenn um mich herum etwas Aufwühlendes geschieht. Herbert bäuchlings im Schiffchenteich! Mein Herbert! Wenn das nicht aufwühlend ist! Mit dem Gesicht im Wasser! Und er rührt sich nicht mehr. So was von aufwühlend!

Mein geliebter Herbert! Wie konnte das passieren? Was soll ich nur ohne ihn machen? Und wie soll ich in die Ferienwohnung kommen? Den Schlüssel hat er garantiert in der Hosentasche, aber da gehe ich nicht ran. Ums Verrecken nicht. Eigentlich müsste ich wohl die Polizei verständigen. Gibt’s auf Juist überhaupt eine Polizeistation? Mein Gott, ich bin total durcheinander. Doch, halt – als wir das letzte Mal auf Juist waren, hat Herbert seine Geldbörse verloren. Da waren wir gemeinsam auf dem Revier. Das war gar nicht weit von hier. Aber ich bin viel zu aufgeregt, um jetzt im Dunkeln den Weg zu finden. Und wahrscheinlich ist da auch keiner mehr wach. Auf Juist schläft doch alles. Hätte ich mich bloß nicht verleiten lassen, die alte Frau Sönksen zu besuchen. Aber die ist ja immer so allein, die freut sich über Gesellschaft. In ihrer Keksdose hat sie immer dieses herrliche Schwarz-Weiß-Gebäck, das ich so gerne mag. Und Herbert konnte ja wirklich mal zwei, drei Stunden ohne mich zurechtkommen, oder?

Doch da sieht man’s mal wieder: Wenn ich nicht auf ihn aufpasse, passiert etwas. Ausgerutscht und unglücklich gestürzt? Dachte ich auch zuerst, aber nun hatte ich Zeit, mir das gründlich zu überlegen. Nein, nein, das glaube ich einfach nicht. Nicht nach dem Ärger heute Nachmittag. Das kann kein Zufall sein …

Ich liebe Kurkonzerte. Noch mehr als Herbert. Eigentlich geht er nur mir zuliebe hin, das weiß ich. Und das habe ich ihm immer hoch angerechnet. Mir gefällt die Musik, die auf Kurkonzerten zu Gehör gebracht wird. Nicht diese schnellen Rhythmen mit den lauten Bässen, sondern zarte Weisen mit vielen Geigen. Am besten sind die Walzermelodien. Herrlich! Ich singe dann auch sehr gerne mit. Ganz leise nur, ziemlich zurückhaltend. Und es macht mich traurig, wenn Herbert sagt, mein Gejaule sei kaum zu ertragen. Das tut mir weh, obwohl er dabei lächelt. Aber wenn dann diese Schunkelmelodien erklingen, kann ich einfach nicht anders. Nein, ich schunkele nicht, das mag ich nicht, aber ich singe gern mit. Der Dirigent hatte sogar ausdrücklich dazu aufgefordert. Also habe ich nicht nur leise, sondern auch ein bisschen lauter gesungen. Aber was passiert? Herbert und ich werden angemacht. Auf ganz hässliche und gemeine Weise. Das wäre ja nicht anzuhören. Ich träfe keinen Ton. Und dieses schreckliche Gejaule … Ja, die Leute haben meinen Gesang tatsächlich auch so genannt. So wie Herbert! So was von herzlos!

Aber auf meinen Herbert kann ich mich verlassen, er ist immer loyal. Obwohl ich weiß, dass er meinen Gesang nicht schätzt, stand er felsenfest an meiner Seite. »Ich liebe es, wenn Walli singt«, hat er gesagt und eine alte Frau mit lila gefärbten Haaren bitterböse angesehen. »Glauben Sie wirklich, dass Ihr schriller Altfrauensopran schöner klingt?«

Jetzt hatte Herbert aber was gesagt. Ein Riesentumult brach aus. Die alte Frau mit den lila gefärbten Haaren verteidigte ihren Sopran mit aller Kraft. Und davon hatte sie noch eine Menge auf Lager, das muss man sagen. Meine Güte, ist die auf uns losgegangen!

»Unverschämtheit! Dreistigkeit! Diese Jugend von heute!« Was sie noch alles gesagt hat oder besser gekreischt hat, das weiß ich gar nicht mehr so genau. Auf jeden Fall musste das Kurkonzert abgebrochen werden.

Das Lager der Besucher spaltete sich daraufhin. Einige schlugen sich auf die Seite dieser schrecklichen Frau, nicht wenige aber waren der Meinung, dass ich nicht schlechter singe als sie. Der Dirigent wollte nicht in den Streit hineingezogen werden und verschwand mit seinem Ensemble derart eilig, dass der Cellist über sein Instrument stolperte und in die Kesselpauke fiel. Eine an sich bestürzende Tatsache, die aber große Heiterkeit erzeugte und von den Streitigkeiten vorübergehend ablenkte.

Herbert war danach sogar richtig gut drauf. Ich glaube, er hatte das Gefühl, einen Sieg errungen zu haben. Jedenfalls holte er sich von dem Stand, der hinter dem Konzertpavillon aufgebaut worden war, ein weiteres Bier und sah mit dem Glas in der Hand zu, wie die Konzertbesucher in alle Richtungen davonströmten.

Und nun liegt mein Herbert im Schiffchenteich und rührt sich nicht mehr. Dass ich in der Stunde seines Todes nicht bei ihm war, macht mir schwer zu schaffen. Ach, Herbert …

Was jetzt? Warten, bis die Sonne aufgeht? Irgendwann wird hier jemand auftauchen, der die nötigen Schritte einleitet, klar. Will ich dann überhaupt noch hier sein? Natürlich müsste ich die alte Frau beschuldigen, die von ihren Freundinnen Thea genannt wurde. Sie hat meinen Herbert auf dem Gewissen, keine Frage. Wahrscheinlich hat sie auch schon ihren Ehemann abgemurkst, als er es wagte, ihr zu widersprechen. Wer ihr Kurkonzert stört und noch dazu ihren Sopran kritisiert, den schickt sie ins Jenseits. So eine ist das! Anders kann das gar nicht gewesen sein.

Vermutlich hat sie uns lange aufgelauert, bis es zu dunkeln begann, bis niemand mehr auf der Straße zu sehen war. Das geht schnell auf Juist. Vor allem in der Nebensaison, wenn auf der Insel fast nur alte Leute Urlaub machen. Herbert und ich gehen dann gerne spazieren, wenn die Dunkelheit vom Meer herüberkommt und sich über die Insel stülpt, wenn es still wird, wenn auch das Hufgeklapper nicht mehr zu hören ist, wenn die Urlauber in ihren Hotels und Pensionen oder in den Ferienwohnungen sitzen und zu Abend essen. Leider konnte Herbert sich heute nicht entschließen, wo wir essen wollten. Mir ist ja am liebsten, wenn wir zu Moni gehen, bei ihr schmeckt es mir immer. Aber Herbert hat mir erklärt, dass ein Bratkartoffelverhältnis nicht unbedingt etwas damit zu tun hat, dass dort täglich Bratkartoffeln serviert werden. Überhaupt geht Herbert lieber in den »Friesenhof« oder ins »Hafenrestaurant« als zu Moni. Jedenfalls, wenn er Hunger hat. Dass er aber auch immer so lange braucht, um sich zu entscheiden! Hätte er einen schnellen Entschluss gefasst, dann wäre diese schreckliche Sache vermutlich gar nicht passiert. Aber Herbert hatte zunächst keinen rechten Appetit und überlegte dann so lange hin und her, bis es in keinem Restaurant mehr einen freien Tisch gab. Und dann war ich es leid. Ich hatte keine Lust, bis zum Schlafengehen mit Herbert zu überlegen, wo wir essen gehen wollen. Ich habe mich dann einfach verdrückt. Umgedreht und abgehauen! Zu Frau Sönksen. Von dem Schrei, den Herbert mir nachschickte, habe ich mich nicht zurückholen lassen. Manchmal muss man einem Mann eben zeigen, dass man sich nicht alles bieten lässt.

Ich gehe zum Hafen, aber da ist nichts zu sehen und zu hören, schaue im Strandhotel nach, wo es nie ganz dunkel ist. Doch ich brauche mir nur den Nachtportier anzusehen, der vor seinem Monitor döst … Nein, von dem habe ich keine Hilfe zu erwarten. Kann ich auch verstehen. Was hat der mit meinem toten Herbert zu tun?

Also doch das Polizeirevier! Aber Pustekuchen! Da ist es genauso dunkel wie überall, nur das Schild, auf dem »Polizei« steht, ist beleuchtet. Die Tür ist zu, hinter den Fenstern brennt kein Licht. Verdammt, ich will in mein Bett. Wenn ich Herbert nicht mehr helfen kann, gibt es keinen Grund, am Schiffchenteich sitzen zu bleiben. Am besten, ich gehe zu Moni. Dass sie mir Herbert abspenstig machen wollte, muss ich dann allerdings vergessen. Kann ich das? Eifersucht ist ein Gefühl, das sehr wehtut. Und immer, wenn Moni meinen Herbert angesehen hat, habe ich unter diesem Schmerz gelitten. Tief in mir drin. Ausgehalten habe ich das nur, weil ich Moni trotz allem mag. Und weil sie immer nett zu mir ist.

Der Weg zu ihr ist nicht weit. Ein paar Hundert Meter Richtung Loog, dann das kleine Haus auf der rechten Seite. Klar, da ist auch alles dunkel. Aber der Strandkorb steht noch im Vorgarten, und darin liegt eine Decke. Dort werde ich es den Rest der Nacht aushalten.

Dass ich so tief und fest geschlafen habe, kann nur daran liegen, dass ich von den Geschehnissen des vergangenen Tages fix und fertig war. Der eine kommt nach solch schrecklichen Ereignissen nicht in Schlaf, bei mir ist es anders, ich falle glatt ins Koma. Also … gewissermaßen. Ich komme erst zu mir, als die Gartenpforte knirscht und Schritte zu hören sind. Himmel, ich weiß zunächst gar nicht, wo ich bin. Als ich endlich klar denken kann, haben die beiden Polizeibeamten schon den Vorgarten durchquert und an Monis Tür geschellt. Mich haben sie im Strandkorb gar nicht gesehen. Und ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt erst mal abwarte. Besonders freundlich gucken die beiden nicht. Denen traue ich zu, dass sie denjenigen, der Herbert am nächsten gestanden hat, am ehesten verdächtigen. Und das wäre natürlich ich.

Moni ist noch ziemlich verschlafen, als sie die Tür öffnet. Und als sie hört, dass Herbert tot im Schiffchenteich gefunden worden ist, fängt sie gleich an zu schreien und zu weinen.

»Das kann doch nicht wahr sein!«

Das stöhnt sie immer wieder, und ich will schon aufstehen und ihr zur Seite springen. Aber da sagt sie mit einem Mal: »Wo ist überhaupt Walli?«

Die Polizisten gucken sich fragend an und bitten darum, eingelassen zu werden. Die Tür fällt hinter ihnen ins Schloss, und ich sitze im Strandkorb wie gelähmt. Wieso hat Moni gleich nach mir gefragt? Will sie mich etwa verdächtigen?

Ich schleiche ums Haus herum und stelle fest, dass die Terrassentür nicht ganz geschlossen ist. Ich kann hören, wie einer der Polizisten sagt: »Kann sein, dass er über irgendwas gestolpert und dann in den Schiffchenteich gefallen ist. Möglich, dass er sich dabei den Kopf aufgeschlagen hat, ohnmächtig geworden und ertrunken ist. Kann aber auch sein, dass er gestoßen wurde. Jedenfalls hat er eine klaffende Stirnwunde.«

Gestolpert? So ein Blödsinn! Natürlich wurde er niedergeschlagen, brutal gestoßen. Und ich weiß auch, von wem. Von dieser Thea, die es nicht verwinden konnte, dass Herbert ihr hohes C mit dem Alarm einer alten Lokomotive verglichen hat.

»Hatte er Feinde?«

Oh ja, die hatte er. Oder besser … eine Feindin. Thea mit den lila Haaren.

»Nein«, antwortet Moni. »Herbert war ein lieber Mensch. Den mochten alle.«

Klar, sie war heute Nachmittag ja nicht dabei. Kurkonzerte mag sie nicht. Da lässt sie uns immer allein hingehen.

»Wir haben bereits sein Ferienapartment gesichtet und dabei einige interessante Entdeckungen gemacht«, höre ich jetzt. »Sie hatten Schulden bei Herbert Faber. Und zwar beträchtliche.«

»Na und?«, fängt Moni an zu kreischen. »Deswegen bringe ich ihn doch nicht um.«

»Es sind schon Menschen wegen weniger Geld ermordet worden. 20.000 sind kein Pappenstiel. Wollte er das Geld zurück? Und Sie konnten es ihm nicht geben?«

20.000! Davon hatte ich keine Ahnung. Das ist ja ungeheuerlich.

»Außerdem sollen Sie sehr eifersüchtig sein«, ergänzt der andere Polizist.

»Wer sagt das?«, fragt Moni mit zitternder Stimme. Und als sie keine Antwort bekommt, heult sie los: »Herbert hat mich geliebt. Ich hatte keinen Grund zur Eifersucht.«

Geliebt? Nun bin ich aber ziemlich konsterniert. Mich hat Herbert geliebt, nur mich! Was redet Moni denn da?

Als die Polizisten gehen, liegt mir nichts mehr daran, mich zu Moni zu flüchten und mich von ihr trösten zu lassen. Die Sache ist mir zu heikel. Dass sie Schulden bei Herbert hatte, wusste ich nicht. Und dass sie glaubte, er habe sie mehr geliebt als mich, habe ich auch nicht für möglich gehalten. Mein Gott, ich glaube, ich habe mich noch nie in einem Menschen so getäuscht. Moni! Hast du meinen Herbert auf dem Gewissen? Ein schrecklicher Gedanke! Andererseits … der Verdacht, den die Polizisten geäußert haben, kann nicht schwerwiegend sein, sonst hätten sie Moni mitgenommen. Aber sicherlich sind sie schon längst auf der Suche nach Beweisen. Und sobald die gefunden sind, wird Moni verhaftet. Es sei denn, meine ursprüngliche Vermutung stimmt und Thea mit den lila Haaren steckt hinter Herberts gewaltsamem Tod.

Nur – die Beweislage könnte schwierig sein. Diese Thea wird natürlich alles abstreiten, ihre Freundinnen werden sich vermutlich auf ihre Seite stellen. Und dann? Dann wird die Polizei von Verleumdung reden und sich nicht weiter um die Dame kümmern. Nein, ich brauche hieb- und stichfeste Beweise. Allermindestens schwerwiegende Indizien. Nur … wo kriege ich sie her? Ich muss mir was einfallen lassen.

Das Wichtigste wird sein, mich unauffällig zu verhalten. Die Polizei hat sicherlich meinen Namen notiert, aber ob man mich suchen wird? Ich weiß es nicht. Könnte natürlich sein. Dass ich verschwunden bin, spricht unter Umständen gegen mich. Wer abhaut, ist immer verdächtig. Andererseits … sobald ich die Beweise gegen Thea zusammen habe, wird niemand mehr auf die Idee kommen, mir etwas anzuhängen. Ich habe ja auch überhaupt kein Motiv. Ich habe Herbert geliebt! Und er mich auch! Allerdings … wenn Moni dabei bleibt, dass ihr der erste Platz in Herberts Herzen gehört hat, könnte den Polizisten die Idee kommen, dass ich es bin, die aus Eifersucht gemordet hat. Nein, nein, besser, ich halte mich zurück. Anscheinend werde ich noch gar nicht vermisst. Nur von Moni. Und solange niemand nach mir sucht, kann ich mich umhören, ohne aufzufallen.

Ich ziehe mich an den Strandaufgang am Strandhotel zurück. Da ist immer viel los, ich werde nicht weiter auffallen. Auch wenn man schon nach mir suchen sollte. Das Problem ist nur: Ich habe Hunger. Durst habe ich auch. Aber kein Geld, um mir etwas zu besorgen. Was mache ich nur? Wenn mir vor lauter Hunger die Beine zittern, wie soll ich dann Herberts Tod aufklären?

Strandaufgänge sind in solch einem Fall immer das Beste. Taschen werden zum Strand oder zurück geschleppt, oft abgesetzt, um zu verschnaufen oder einem Kind die Nase zu putzen, da muss man nur schnell und entschlossen sein. Sich einen Leckerbissen schnappen und dann nichts wie weg. Niemand wird gern zum Dieb, aber was soll ich machen? Normalerweise hätte ich mich bei Moni eingefunden, aber auf die kann ich mich ja nicht mehr verlassen.

Der kleine Junge hat eine große Packung mit Zwiebäcken in sein Plastikauto geladen. Er hat genug damit zu tun, es durch den tiefen Sand zu ziehen. Dass seine Zwiebäcke verschwunden sind, als er mit seinen Eltern und seiner großen Schwester endlich an der Wasserkante ankommt, wird sich keiner von denen erklären können. Das ist super gelaufen. Wer will schon gern als Dieb erkannt oder gar verfolgt werden? Es wäre mir ganz schön peinlich gewesen, wenn man mit Fingern auf mich gezeigt und gerufen hätte: »Haltet den Dieb!«

Als ich sämtliche Zwiebäcke verputzt habe, geht es mir schon wesentlich besser. Ich fühle mich stark genug für meine Aufgabe. Wasser habe ich auch getrunken, es gibt ja einige Zapfstellen in der Nähe des Strandaufgangs, also bin ich jetzt ziemlich gut drauf. Rein körperlich gesehen. Wie es in meinem Herzen und meiner Seele aussieht … na, das kann sich wohl jeder denken. Darum werde ich mich später kümmern, wenn Herberts Mörderin hinter Schloss und Riegel sitzt. Jetzt will ich mich erst mal in der Sonne ausstrecken und darauf warten, dass das Kurkonzert beginnt. Da wird Thea mit den lila Haaren garantiert auftauchen, und dann werden wir mal sehen, wie ich sie überführe. Vielleicht macht sie einen Fehler. Und dann …

Als die Musiker noch ihre Instrumente auspacken und stimmen, kommen schon die ersten Konzertbesucher. Viele bleiben erst mal am Schiffchenteich stehen und betrachten gruselnd das Wasser, wundern sich vielleicht sogar, dass es nicht rot gefärbt ist von Herberts Blut.

Ehrlich gesagt, ich wundere mich auch. Dass jemand so umsichtig war und das Wasser gewechselt hat, habe ich nicht erwartet. Bravo! Es gibt auch auf Juist Menschen, die mitdenken. Vermutlich der Besitzer des Spielzeugladens, der die Schiffchen verkauft, die die Kinder hier so gerne schwimmen lassen. Er schreibt immer liebevoll den Namen des Kindes auf das Segel, ehe das Boot über die Ladentheke geht. Der weiß natürlich, dass er kein einziges Schiffchen loswird, wenn das Wasser im Schiffchenteich nicht klar, sondern rot gefärbt ist.

»Es hilft ja nichts«, höre ich jemanden sagen. »Das Leben muss weitergehen.«

Eine Freundin von Thea! Wo die ist, wird auch Thea nicht mehr weit sein.

Da! Ich erkenne sie schon von Weitem. Ihre lila Haare sind ja nicht zu übersehen. Sie kommt in der Begleitung ihrer Freundinnen, das habe ich ja erwartet. Ich setze mich auf den Rasen, wie es viele tun, die nicht nur die Musik hören, sondern währenddessen auch für frische Bräune sorgen wollen, tue gelangweilt, habe aber in Wirklichkeit Thea und ihre Freundinnen fest im Blick.

»Da drinnen ist er gefunden worden«, sagt eine mit viel Pathos in der Stimme. »Schrecklich!«

Thea hat tatsächlich die Stirn, dies zu bestätigen. »Ja, ganz fürchterlich. Obwohl … ein sympathischer Mensch war das nicht. So was gönnt man ja seinem ärgsten Feind nicht.«

Diese Heuchlerin!

»Wo mag er jetzt sein?«, fragt eine andere mit Gänsehaut auf der Stimme, als wollte sie hören, dass mein Herbert im Kühlhaus des Kurhauses gelandet sei. »Auf Juist gibt’s doch keine Pathologie.«

»Er wird dort sein, wo auch die toten Juister hinkommen, die eines natürlichen Todes sterben. Auf der Insel werden die Menschen ja auch mal krank und müssen irgendwann den Löffel abgeben. Trotz des guten Klimas.« Theas Freundin kommt sich sehr schlau vor mit diesem Satz. »Und beerdigt werden sie hier auch.«

Aber Thea weiß es besser. »Ein Mordopfer wird erst beerdigt, wenn der Mord aufgeklärt und der Mörder gefunden ist.«

»Ehrlich?« All ihre Freundinnen sind entgeistert. »Und wenn das Wochen dauert?«

»Er muss nur gut gekühlt werden.«

Ich kann mir das nicht anhören. Die Vorstellung, dass mein Herbert irgendwo gekühlt wird wie ein Brathähnchen, das spätestens in drei Tagen verzehrt werden muss, macht mir schwer zu schaffen. Herbert war immer so stark, so klug, hat mich beschützt, stand immer an meiner Seite und war stets loyal. Das hat man ja gesehen, als die lilafarbene Thea mich beim Kurkonzert beleidigt hat.

Während am Schiffchenteich darüber gerätselt wird, wer Herbert auf dem Gewissen haben könnte, und Thea so tut, als könne sie es sich nicht erklären, wird mir übel. Gut, dass ich noch nichts Vernünftiges gegessen habe, sonst hätte ich womöglich dem Dirigenten des Kurorchesters vor die Füße gekotzt, der gerade die Bühne betritt.

Zum Glück werde ich jedoch abgelenkt. Wen sehe ich da auf den Schiffchenteich zukommen? Die alte Frau Sönksen! Was für eine Freude! Obwohl sie ja gewissermaßen schuld an Herberts Tod ist. Nein, sie ist nicht schuldig, höchstens mitschuldig. Wenn sie nicht dieses wahnsinnig leckere Schwarz-Weiß-Gebäck produzierte, dann wäre das alles nicht passiert, das muss mal ganz klar gesagt werden.

Ich hätte Thea daran hindern können, meinen Herbert in den Schiffchenteich zu stoßen. Okay, okay, ich habe noch immer keine Beweise, aber Theas Verhalten zeigt doch, dass sie schuldig ist. Wie harmlos sie tut! Wie mitfühlend sie sich gibt! Dahinter erkennt man doch gleich ihr schlechtes Gewissen.

»Walli!«

Nun hat Frau Sönksen mich auch gesehen. Mich hält jetzt nichts mehr. Aufgeregt laufe ich zu ihr, um sie zu begrüßen. Meine liebe Frau Sönksen! Herbert mochte sie genauso gern wie ich. Er ließ mich immer allein zu ihr laufen, der Weg war ja nicht weit, und er vertraute mir. So wie gestern Abend. Wie oft hat er gesagt: »Meinetwegen mach einen Besuch bei Frau Sönksen …« Gestern Abend allerdings nicht. Da habe ich den Entschluss gefasst, ohne auf Herberts Aufforderung zu warten. Wäre er doch nur mit mir in den »Friesenhof« gegangen! Dann hätte mich der Hunger nicht zu Frau Sönksen getrieben.

Ich setze an zu einem großen Sprung, will Frau Sönksen auf den Schoß hüpfen, aber mit einem Mal werde ich zurückgerissen, jemand hält mich, etwas hält mich, irgendwas …

»Vorsicht! Die Leine!«, höre ich jemanden schreien.

In diesem Moment komme ich keinen Schritt weiter. Straff gespannt ist sie, meine Leine, irgendwo fest verhakt. Sie zerrt an mir, zieht mich zurück … da höre ich einen weiteren Schrei. Dann einen riesigen Platsch, das Wasser spritzt bis auf meinen Rücken. Und schließlich dieses ausgesprochen hässliche Geräusch, wenn ein Knochen knirscht und zerbirst.

Ich reiße mit aller Kraft, und zum Glück gibt die Leine endlich nach. Es wäre mir durchaus recht gewesen, wenn sie sich vom Halsband gelöst hätte. Sie ist mir den ganzen Tag schon sehr lästig. Es wäre besser gewesen, Herbert hätte sie mir abgenommen, bevor ich zu Frau Sönksen gelaufen bin. Das wollte er eigentlich auch, weil ja auf den Straßen nichts mehr los war und ich keinem Pferdefuhrwerk in die Quere kommen konnte. Er hat sich zu mir hinabgebeugt, aber ich war viel zu aufgeregt, weil ich an Frau Sönksens Schwarz-Weiß-Gebäck dachte, wollte nicht warten, bin einfach losgerannt, so wie gerade eben … Dann habe ich etwas Ähnliches gehört. Auch da hat sich meine Leine verfangen, hat sich ruckartig gespannt, und es hat ein Platschen gegeben, Wasser ist aufgespritzt, aber ich hatte nur das Schwarz-Weiß-Gebäck von Frau Sönksen im Kopf und habe mich nicht weiter darum gekümmert. Auch jetzt hält sie es in der Hand, die gute Frau Sönksen. Wie lieb von ihr, dass sie daran gedacht hat.

Brav setze ich mich vor sie hin, mache Männchen, bereit zuzuschnappen, wenn mir ein Gebäckstück vor die Schnauze gehalten wird. Aber Frau Sönksen scheint mich plötzlich nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen. Irgendwas hat sie erschüttert. So gewaltig, dass ihr nun die Tüte mit dem Gebäck aus der Hand fällt. Nun gut, das ist mir recht. Noch lieber fresse ich natürlich alles auf einmal auf, als für jedes Gebäckstück Männchen zu machen.

Erst als das ganze Schwarz-Weiß-Gebäck verputzt ist, kümmere ich mich um das Theater, das am Schiffchenteich herrscht.

»Polizei!«

Schon wieder? Warum? Ich dränge mich durch die vielen Beine, die um den Schiffchenteich herum stehen, und da sehe ich die Bescherung. Thea mit den lila Haaren liegt im Wasser. So wie Herbert. Bäuchlings! Es dauert verdammt lange, bis endlich ein Mann ins Wasser steigt und sie umdreht. Ihre Freundinnen kreischen, der Mann drückt mal hier und mal da, horcht an ihrer Brust und schüttelt dann den Kopf. »Ich nehme an, Schädelbasisbruch«, sagt er, als verstünde er etwas davon. Ich habe keine Ahnung, was damit gemeint ist.

»So muss auch der Mann gestern zu Tode gekommen sein!«, höre ich eine Stimme und habe mit einem Mal das Gefühl, das es besser ist, mich zu verdrücken. Am besten ziemlich schnell, ehe jemand auf meine Leine tritt und mich stoppt, so wie das stachelige Gebüsch am Schiffchenteich.

Ich renne los, so schnell ich kann.

Zu Moni!

Jetzt ist es mir egal, dass sie behauptet hat, Herbert habe sie mehr geliebt als mich. Moni war immer gut zu mir, dass sie Herbert auf dem Gewissen hat, kann ich nicht mehr glauben. Und Thea mit den lila Haaren? So zu Tode gekommen wie Herbert? Das verstehe, wer will.

Ich jage die Straße hinab, die Leine flattert hinter mir her. Jetzt aber so schnell es geht zu Moni! Da Frau Sönksens Schwarz-Weiß-Gebäck verzehrt ist, wird es mir bei Moni am besten gehen. Sie wird mir hoffentlich die Leine vom Halsband lösen.

Sonst passiert am Ende noch ein Unglück …

Rietwurm*
von Till Raether

Aktennotiz: Kriminalakte Jansen, Jutta, geb. 27.09.1941 auf Juist, Anlage 23/2 zu Aktenzeichen 23-456-19.01: Handschriftliche Einlassung der Beschuldigten, Beweismittel im Rahmen des kriminalpolizeilichen Ermittlungsverfahrens zum Tötungsdelikt gegen Kleinhans, Theo, geb. 12.03.2009 in Norden, und andere.

Fundort: Nordseeinsel Memmert, D-26571 Juist

Aufnehmender Beamter: PHK Behler, Jürgen, LKA Niedersachsen, Dienstnr. B78 293-56

Nun will ich also Bericht ablegen über meine Kindheit, um zu verstehen, was mit dem kleinen Theo geschah. Rennautos hat er gemocht und Gummibärchen und sein T-Shirt, wo drauf stand: »Brummi wünscht gute Fahrt«, mit einem Lastwagen in Menschengestalt.

Aber ich bin alt geworden bis fast zum Tode, und vielleicht bin ich allein deshalb bereit, an meine Kindheit zu denken und von ihr zu berichten: Weil sie mir, je älter ich werde, immer näher kommt. Alle sind tot, meine Mutter schon seit vielen Jahren. Mein Mann ist gegangen, weil er die Eckenwesen nicht mehr ertragen konnte, im März sind es zehn Jahre, tot ist er inzwischen auch.

Eckenwesen, das Wort ist von meiner Mutter. Ich war ihr ganzer Stolz. Weil ich fast alles war, was sie hatte. Sie hatte nur mich und die Eckenwesen. Und den Kiosk an der Strandpromenade, darum waren die Winter uns lang. Als sie starb, sagte der Pfarrer der Inselkirche: Sie war eine einfache Frau. Womit er wohl meinte: Sie war eine von uns. Aber was ich darin hörte, war etwas anderes, ich hörte: dass sie ungebildet war, keine Rücklagen und nichts aus ihrem Leben gemacht hatte.

Aber einfach? Nein. Sie war der schwierigste Mensch von allen.

Für sie gab es keinen Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit, darum sagte sie, wenn ich in meinem kratzenden Kleid am weißen Küchentisch saß und nach meinem Vater fragte: »Deinen Vater habe ich im Traum gekannt, von ihm nie wieder ein Wort.«

Ich denke, sie meinte: Er kam mit der Fähre und er ging mit der Fähre.

Doch wenn ich dann fragte, woher ich käme, wenn sie ihn doch nur im Traum gekannt hatte, dann schlug sie mich mit der Faust. Als ich auf die Schule am Schoolpad kam, hörte ich, dass andere Eltern mit der flachen Hand schlugen und die Lehrer auch. Meine Mutter nahm immer die Faust. Aber sie liebte mich sehr. Manchmal öffnete sie danach die Faust und zeigte mir, während sie mich in den Arm nahm, dass eine Leckmuschel darin war für mich zum Trost.

Wenn ich mich versteckte vor ihrer Faust, zerrte sie mich aus dem hintersten Winkel und zwang mich in die Küchenbank.

»Allein«, sagte sie, »bist du nur auf der Vogelinsel.«

Memmert, und wenn sie es sagte, klang es wie Memme, und als meinte sie mich damit. Die Vogelinsel wurde bei ihr zum geflügelten Wort: Wenn du allein sein willst, geh zur Vogelinsel.

Bedeuten sollte es: Hier bist du nie allein. Das verstand ich noch nicht. Aber ich wusste, die Vogelinsel war unerreichbar, sichtbar zwar, aber zwei Stunden mit dem flachen Boot durch Sandbänke, Schlickflächen und Wasserläufe, entlang an den Pricken, die den tückischen Fahrweg markieren.

Wie sehr meine Mutter mich liebte, wurde mir klar, als die Eckenwesen zu mir kamen. Ich hatte den Freischwimmer, eine Puppe, die ich im Sommer abends am Strand gefunden hatte, als die Kurgäste in ihren Hotelzimmern waren, und einen dicken Zopf hatte ich, und ich liebte Leckmuscheln und Waldmeister-Brausepulver. Eines Nachts wachte ich auf und spürte, dass jemand in meinem Zimmer war.

»Wenn du in die Schule kommst«, hatte meine Mutter gesagt, »bekommst du dein eigenes Zimmer. Dann bist du ein großes Mädchen. Und ich schlafe im Wohnzimmer, wir bitten Onkel Heini um Geld für ein Schrankbett.«

Ich war stolz, weil ich nun ein großes Mädchen war, aber ich glaube, meine Mutter gab mir das Zimmer, in dem wir all die Jahre zusammen geschlafen hatten, weil sie mich den Eckenwesen überlassen wollte oder umgekehrt, mir die Eckenwesen.

Jemand war also in diesem Zimmer, oder etwas. In der Ecke, die am dunkelsten und von meinem Bett am weitesten entfernt war. Ich lag unter der Decke und dachte nicht daran, mich zu rühren. Damals, in jenem Moment, lernte ich, auf die einzige Art zu atmen, auf die ich heute noch atmen kann. Flacher als flach, sodass man noch lautlos Sauerstoff ziehen kann aus dem kleinsten Rest Luft. Damit einen niemand hört, damit niemand aufmerksam wird darauf, dass es einen gibt.

Aber ich war ja ein Kind. Wer Kinder gesehen hat, weiß, dass sie sich bewegen müssen. Lange stillhalten konnte ich nie. Rietwurm, hat meine Mutter mich genannt, weil ich immer hibbelig war. Jetzt, als die Anwesenheit in der Ecke war, versuchte ich, meinen Atem ganz flach zu machen und mich nicht zu rühren, damit das, was da war, mich nicht bemerkte. Aber ich war eben der Rietwurm, ich musste mich bewegen.

Aber es ging. Ich konnte atmen und die Augäpfel bewegen in ihren Höhlen, zur Dunkelheit, die nichts verriet, in der Zimmerecke, aber es war mir unmöglich, meinem Rumpf, den Armen und den Beinen eine Bewegung abzuringen. Aufspringen und wegrennen, zu meiner Mutter, ohne Rücksicht auf die Faust: Nichts wünschte ich mir sehnlicher in diesem endlosen Moment, aber ich konnte nur atmen und liegen, starr.

Mein Körper war ein Fleischgefängnis. Auch das Wort habe ich später gelernt von meiner Mutter. Es kommt auch aus der Kirche. Gefangen im Fleischgefängnis. Gelähmt durch diese Anwesenheit. Noch konnte ich sie nicht erkennen, nur spüren.

Versuchte ich zu schreien? Irgendwann schon. Es dauert. Man schreit nie gleich. Und wenn man es dann versucht, kommt nichts, es geht nicht. Doodstill. Kein Laut dringt aus dem Fleischgefängnis.

Nun fühle ich mich aufgefordert, Auskunft zu geben über meine Kindheit, aber gezögert habe ich damit lange, vielleicht auch, weil ich keine genauen Erinnerungen habe an exakte Daten und Orte, und ich hasse Ungenauigkeit.

Wann also diese Anwesenheit sich zum ersten Mal gezeigt hat mit Gesicht, vermag ich nicht zu sagen. Viele Male spürte ich sie, sie zeigte sich mir erst später. Und als sie es tat, kam es mir vor, als hätte ich sie schon immer gekannt und schon immer von ihr gewusst.

Eine alte Frau, die bei einem in der Ecke sitzt oder steht. Oder, in den Worten der vielfältigen Literatur darüber aus den vergangenen Jahrhunderten: ein altes Weib. In schwarzen Kleidern, bei denen ich den Übergang von Rock oder Kleid zu Umhang und Kopftuch nicht erkennen konnte im dunklen Zimmer.

Ein altes Weib, das von da an jede Nacht bei mir im Zimmer war, in der Ecke des Kinderzimmers des kleinen Schulmädchens, das ich war. Bis das alte Weib zu mir ans Bett kam.

Aber das war später.

Noch einmal möchte ich an dieser Stelle meine Enttäuschung über die Ungenauigkeit festhalten, niemand leidet darunter mehr als ich.

Das alte Weib also, in einem schwarzen, groben Kleid wie seit unsterblicher Zeit. Die Haare verborgen unter einem ebenso dunklen Kopftuch, eng gewickelt, das Antlitz im Dunkeln des Zimmers reduziert auf das Allernötigste: den Abhang des Kinns, den Vorsprung der Nase, die Fläche der Stirn ins Dunkel des Kopftuchs und von den Zügen des Gesichts nur Falten zum Erahnen. Lange Ärmel, Strumpfhosen wie aus Drillich.

Zu deutlich? Für etwas, von dem ihr sagt, das gibt es nicht?

Nun, ich fühlte die alte Frau mehr, als dass ich sie sah, später, als sie auf mir saß und mich niederdrückte in die Kissen und Decken mit den knochigen Fingern und der dem Tode geweihten Endkraft der wirklich Alten. Ihr Atmen, der roch wie die Dunkelheit der Welt selbst, wie etwas, das von innen stirbt. Und ich, das Kind, unter ihr, unfähig, mich zu rühren, mich zu wehren, ihr zu entkommen.

Kinder, heißt es immer, ich habe es später oft gelesen und gehört, Kinder sind robust, stärker als man denkt. Ihr Geheimnis ist, dass sie sich an alles gewöhnen.

Jede Nacht. Was sollte ich tun, als mich zu gewöhnen, wenn das alte Weib jede Nacht zu mir kam.

Nun wagte ich nicht mehr zu schlafen in meinem Bett und in der Nacht. Ich schlief in der Schule, im Sonnenlicht hinter dem Netzschuppen in Onkel Heinis Garten. Beim Abendessen weinte ich in Erwartung meines Bettes und des alten Weibes und der mir bevorstehenden Nacht im Fleischgefängnis. Tränen mochte meine Mutter nie, darum dann wieder die Faust. Bis ich ihr erzählte in der Sprache, die ich aus der Schule kannte und von den anderen Mädchen, die einander Freundinnen nannten: de sware Drööm. Albträume. Wie schlecht ich träumte, jede Nacht. Und von der alten Frau.

Meine Mutter umfing mich zärtlich, als wäre ich gerade zum zweiten oder in Wahrheit überhaupt zum ersten Mal geboren worden, endlich zur Welt gekommen.

Zu ihrer Welt.

Viel später habe ich eine undeutliche Vorstellung davon bekommen, wie andere Eltern reagiert hätten auf ein Kind meines Alters, das mit diesen Bildern zu ihm kam. Sie hätten gesagt: Es ist nur ein Traum. Du hast schlecht geträumt. Ein böser Traum. Aber jetzt ist alles wieder gut. Alles wird gut. Mama ist ja da. Papa ist ja da. Du hast nur geträumt, min Deern.

Die Worte aber, die meine Mutter an mich richtete, waren mir vertraut, bevor sie sie aussprach. Ja, während ich sie hörte, wurden sie ein Teil von mir, und kaum waren sie verklungen, fühlte ich mich, als wären sie ein Teil von mir. Wenn du Kind bist, besteht deine Welt aus den Worten und den Taten deiner Eltern.

Meine Mutter sagte: »Oh, du hast sie getroffen, du hast sie getroffen. Ich bin so froh, dass sie zu dir gekommen ist.« Sie nahm mich in den Arm, ohne Faust, dabei hätte ich, wie ich jetzt zugeben kann, so gern eine Leckmuschel gehabt. »Du hast eine alte Frau gesehen?«, fragte meine Mutter, als sollte ich eine Landschaft beschreiben, die sie auch schon bereist hatte, die ihr aber durch meine Beschreibung noch einmal lebendiger wurde, wie bei ihrem ersten Male. »Und was hast du noch gesehen?«

Ich weinte. Vielleicht, weil ich auf die Faust mit der Leckmuschel hoffte, denn manchmal kam sie, wenn ich weinte. Vielleicht, weil ich erleichtert war. Vielleicht, weil ich nun noch mehr Angst hatte vor den Träumen, die keine waren, weil meine Mutter das sagte.

»Ich weiß es nicht«, sagte ich, »eine … als ob noch jemand da wäre. In der Zimmerecke.«

»Aber du kannst nicht sehen, du kannst noch nicht sehen, wer es ist?«, fragte meine Mutter, ihre Stimme gesenkt. Sie hatte sich vor mich gekniet auf das hellgelbe Küchenlinoleum, und weil sie so leise sprach, hörte ich fast nur, wie draußen auf dem Wäscheplatz eine der Nachbarinnen die Teppiche über der Stange ausklopfte, und weil Sommer war und alle Fenster offen und die Wohnung klein und der Wäscheplatz nah, trieb der Staub aus einem anderen Leben in unsere Wohnung.

Ich schüttelte den Kopf.

»Hast du deinen Vater gesehen?« Meine Mutter flüsterte jetzt, aber woran hätte ich ihn erkennen sollen. Und ein Mann war nicht gekommen. Meine Mutter ballte die Faust, atmete tief und öffnete sie dann, sie schob mir eine Strähne, die sich aus dem Zopf gelöst hatte, aus der Stirn und schob mich von sich fort. »Vielleicht kommt er noch.«

Die alte Frau kam nun jede Nacht. Andere Kinder hatten Albträume, aber ich hatte gelernt von meiner Mutter, dass ich Besuch hatte. »Eckenwesen«, sagte sie morgens beim Frühstück, ohne Fragezeichen, und ich nickte immer.

Je älter ich wurde, desto mehr kämpfte ich gegen das alte Weib, das nachts auf meinem Brustkorb saß. Im Kampf fiel ich in tiefen, toten Schlaf, und wenn ich aufwachte am Morgen, waren meine Finger wund und meine Haut aufgeschürft, wo das alte Weib mich gehalten hatte.

Als mein Körper und meine Seele sich zu verändern begannen, fürchtete ich meine Mutter, dann fing ich an, sie zu hassen, und die Eckenwesen noch mehr. Pubertät, sagte die Lehrerin, das Wort war uns noch fremd, es klang nach einer Krankheit, in der Familie sagte man: Das Mädchen wird zur Frau. Ich entglitt meiner Mutter und genoss, dass sie es spürte, ohnmächtig, wie sie nicht mehr wagte, die Faust zu erheben gegen die 13-, 14-Jährige, die Faust, die sie dem kleineren Kind geschenkt hatte.

Vor ihrer Ohnmacht und vor meinem Hass floh ich an Orte, die anders waren als unser Zuhause hinter der Teppichklopfstange. Die Kneipe am Hafen mit Glücksspielautomaten, wo der Wirt mich Cola mit Rotwein trinken ließ und hinauswarf, wenn Gäste kamen. Der Fährhafen, weil die Menschen dort wegkamen. Die Inselbücherei, denn da gab es Bücher. Meine Welt war längst zerfallen in zwei Teile: Flucht bei Tageslicht, bei Nacht Gefangenschaft in meinem Körper, gelähmt vor den Anwesenheiten in meinem Raum und auf meiner Brust.

In einer Augenblicksverzweiflung suchte ich Rat in einem alten Handbuch über Träume: was in ihnen wiederkehrt und was es bedeutet.

»Dies ist eine Bibliothek, wenn ich Sie um Ruhe bitten darf«, sagte jemand scharf durchs Regal, als ich schluchzte an meinem Tisch, der erste ehrliche Ton, den ich in meinem Kinderleben der Lähmung entrissen hatte. Denn es gab ein ganzes Kapitel im Buch über das, was mir widerfuhr und meiner Mutter wohl auch.

Sie nannten es »Schlaflähmung« und beschrieben, wie es war und wie ich es kannte, zu träumen und doch wach zu sein, sich nicht rühren zu können, nicht schreien zu können, und eine Anwesenheit war im Zimmer. Viele Kulturen auf der ganzen Welt beschrieben das gleiche Phänomen, in alten Schriften seit den Sumerern und Assyrern, und fast immer waren es an den unterschiedlichsten Orten der Welt alte Weiber, die zu denen kamen, die an Schlaflähmung litten. Also, warum nicht auch zu uns auf die Insel? Und wie lange hatte ich gedacht, wir wären damit allein, ich wäre allein mit den Eckenwesen.

Doch sie waren überall und jede Nacht, und Menschen verzweifelten daran und wurden unfähig zu arbeiten, und Eltern machten sich Vorwürfe, weil sie, woran sie selber litten, an ihre Kinder vererbten. Genetisch war das bedingt. Genetisch, damals noch ein großes Wort.

Und wie überzeugt die Leidenden waren von der Wirklichkeit ihrer Besucher, sodass sie gegen sie kämpften im Traum und morgens Schürfungen und Druckstellen an ihrem Körper fanden wie von einem Kampf, Würgemale gar, sich selber beigebracht im Schlaf. Manchmal lief ich, wenn die Flut mit dem Morgengrauen gekommen war, nach dem Aufstehen ins Meer, um das Salz dort zu spüren, wo ich mich gewehrt hatte gegen die Eckenwesen.

Aber nun wusste ich mehr, als meine Mutter je gewusst hatte. Sie war eine einfache Frau.

Im Triumph kehrte ich zurück zu meiner Mutter, ein unerhörtes Gefühl, zum ersten Mal in meinem Leben. Sie nahm mir das Buch aus der Hand, und noch während sie es schloss, traf mich ihre Faust. Ich sehe den Spülstein noch vor mir und den hellgrünen Schwammstofflappen, mit dem ich das Blut anzuhalten versuchte von meiner Unterlippe, während meine Mutter vom Tisch sagte: »Das ist es, was wir glauben sollen. Dass es nicht wahr ist. Dass es nur in unseren Köpfen ist. Begreifst du es denn nicht? Seit Tausenden von Jahren. Auf der ganzen Welt. Wir gehören zu denen, die ausgesucht sind von den Eckenwesen. Begreifst du es denn nicht? Wir sind die Ausgesuchten, wir sind etwas Besonderes. Aber die, die deine Bücher schreiben, wollen uns das ausreden, damit wir elend und klein sind wie alle anderen.«

Ich schluckte mein Blut hinunter, weil ich nicht zu spucken wagte. Ich war 14, und meine Mutter war gestorben für mich. Ich ging aus der Küche, ohne sie anzuschauen.

Das nächste Mal, als ich sie sah, war sie tot und ausgebreitet auf dem Bett, als wäre ihr das Aufstehen zu schwer geworden, und es war am nächsten Morgen. Ihr Körper im beigefarbenen Nachthemd unter der dünnen Decke, ein Fuß sah heraus, zur Pediküre ging sie immer, aber an ihrem Hals Würgemale.

Die Mama, hat Onkel Heini gesagt, die Mama ist an einer Allergie erstickt im Schlaf. Das neue Nachthemd, man hat es ja nicht gewusst. Ihre Luftröhre ist zugeschwollen, sie hat dagegen angekämpft. Die Würgemale sollen daher gekommen sein. Eine Nachbarin sagte zur anderen unterm Reetdach, und der Wind trug ihre Stimme zu mir, sie dachten wohl, ich wäre weit genug weg: »Hat sie versucht, sich die Kehle rauszureißen. So ein grausamer Tod. Und das arme Mädchen.«

Aber ich wusste es besser. Die Eckenwesen mussten meine Mutter getötet haben. Weil sie nicht verhindert hatte, dass ich anfing, die Lügen in den Büchern zu glauben.

Onkel Heini hat dann auf mich aufgepasst. Und die Eckenwesen.

Denn ich habe danach nie mehr an ihnen gezweifelt. Und ich habe nie mehr eine Nacht geschlafen, ohne Besuch von dem alten Weib und von der Anwesenheit in der Ecke. Der größte Schrecken kann ein Trost sein, wenn er vertraut ist. Und auch, wenn ich kämpfte: Ja, etwas Besonderes wollte ich sein, etwas Besonderes wie meine Mutter.

Manchmal kam Onkel Heini, weil er mich schluchzen und stöhnen und kämpfen gehört hat. Er setzte sich auf meine Bettkante und sagte leise: »Nu is ja man gut«, und hielt meine Hand, und ich vertrieb mir die Zeit, bis er ging, indem ich seine Finger zur Faust faltete.

Niemand war mir je wirklich nah außer dem alten Weib, das jede Nacht auf mir sitzt und mir die Luft abdrückt.

Ich habe trotzdem einen Mann vom Festland getroffen, ihn dort geheiratet und ihm da einen Haushalt geführt. Obwohl ich nachts gelähmt war und nicht schreien konnte, war ich weniger gefangen als der Mann, der meiner war, und der glaubte, das Leben würde aus Geburt, Schule, Arbeit und Tod bestehen und nicht auch noch aus Unbegreiflichem, das sich seit Jahrtausenden in den Ecken der Nächte zeigte. Bis er mich und mein Sprechen von den Eckenwesen nicht mehr aushielt und wegging über die Straße zu seinen Eltern, bis er dort eines Nachts in seinem Kinderzimmer starb, einfach so. Seine Füße, sagten die Nachbarn, hingen blau über die Kante hinten, so kurz war das Bett.

Wie soll ich erklären, dass ich nach dem Tod meines Mannes vorm Spiegel stand, die Friedhofserde für die Blumen noch unter den Fingernägeln, und dachte: Alt bist du jetzt geworden. Jetzt bist du ein altes Weib.

Und dann bin ich zum ersten Mal zurückgefahren auf die Insel, auf der ich gelebt hatte mit meiner Mutter. In unserer Einliegerwohnung lebte jetzt der kleine Theo mit seiner Familie. Vater, Mutter, Kind.

Der kleine Theo hat immer gegrüßt, wenn ich von da an meine alte Straße besucht habe, die Wohnung im Erdgeschoss, in der meine Mutter und ich wohnten, zum Strandhafer raus.

Wo ich herkomme, vergehen die Jahrzehnte schnell, weil sie einander gleichen, und die Zeit steht trotzdem still. Der kleine Theo hat im Strandhafer gespielt und war immer allein, er hat mich an mich erinnert, als ich Kind war.

Nun will ich allein sein, wenn ich an den kleinen Theo denke. Fort von ihm, fort von den Eckenwesen. Aber, sagt meine Mutter mir im Schlaf, allein bist du nur auf der Vogelinsel.

Ich glaube nicht, dass der kleine Theo mich je erkannt hat, wenn ich nachts mit dem alten Schlüssel kam, den meine Mutter mir an die Hose gebunden hatte früher und der noch immer passte in die Wohnungstür von früher. Wenn ich nachts kam, während seine Eltern im Wohnzimmer schliefen. Er sah mich zwar tagsüber, wie ich ihm winkte im Strandhafer, aber nachts kann ich nur ein altes Weib aus der Ecke gewesen sein für ihn.

Wem hilft es, wenn ich sage, dass niemandem nachts ein altes Weib auffällt in Schwarz, immer blieb ich unbehelligt auf meinen Wegen?

Wem nützt ist, wenn ich beschreibe, wie ich in seiner Zimmerecke stand, während der kleine Theo schlief, und wie ich Monate wartete, wie ich zehrte von seiner Angst, die mir köstlich wurde wie einst die Leckmuschel, bis ich zum ersten Mal auf ihm saß und ihn das flachste Atmen lehrte?

Allein, er konnte das flachste Atmen nicht lernen. Er war schwach, und ich hörte, er hat einen Rennauto-Sarg bekommen, und wenn man mich nun also auffordern sollte, Bericht abzulegen über meine Kindheit, dann möchte ich eigentlich nur eines sagen: dass ich ein starkes Kind war, weil die Eckenwesen mich stark machten.

Auf die Vogelinsel habe ich es doch noch geschafft, im Bauch des Vogelwartschiffes, denn der erwartet keinen Besuch und keine blinden Passagiere. Ich lag so dicht und so kalt auf dem Schiffsboden, den Kiel unterm Leib, dass ich spürte, wie der Vogelwart beim Anlegen auf Schlick aufsetzte, und die Taue gingen mir beim Palstek durch und durch, als winde sich etwas tief in mir.

Wenn ihr den kleinen Theo beerdigt, bin ich endlich allein, denn der Vogelwart ist fort mit seinem Boot, und ich habe bei Ebbe den Pfahlbau der alten Wärterfamilie in der Nordsee erreicht. Hier nun finden die Eckenwesen mich nicht, wir haben uns nicht voneinander verabschiedet, und meine Mutter findet mich nicht, und die, die den kleinen Theo gefunden haben und ihm den Rennautosarg gegeben haben, werden mich auch nicht finden. Und wenn, dann nur nachts, und sie werden sich nicht rühren können, und kein Laut wird dringen aus ihrem Fleischgefängnis.

Handschriftlicher Vermerk: Die Verdächtige Jansen, Jutta wurde tot aufgefunden im ehemaligen Wärterhäuschen 250 Meter von der Westküste der Insel Memmert in der Nordsee; die Leiche war in einer Zimmerecke des Gebäudes zusammengekauert und bereits weitgehend skelettiert durch Witterungs- und Fauna-Einflüsse (weiteres siehe Obduktionsbericht). Vorliegendes Schriftstück wurde zusammengerollt in einer Wandritze im Holz gefunden und vom LKA Niedersachsen in Hannover transkribiert. Weitere Informationen in der elektronischen Akte.

gez. PHK Behler, Jürgen

Handschriftlicher Vermerk 2: Der Kollege PHK Behler, Jürgen wurde vor Fertigstellung seines angekündigten ausführlichen elektronischen Vermerks aufgrund gesundheitlicher Probleme (Schlafstörungen) für längere Zeit krankgeschrieben und schließlich vom Dienst befreit. Die Kriminalakte bleibt unvollständig, die Ermittlungen ruhen.

gez. (unleserlich)

* plattdeutsch: unruhiges Kind – Handschriftlicher Vermerk, gez. PHK Behler, Jürgen

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
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262 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783839268384
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