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Andreas Widmer

Scheißbullen

Andreas Widmer

SCHEISSBULLEN

Ein Polizist erzählt aus seinem Berufsalltag

zwischen Hass und Gesetz


Hinweis zu diesem Buch:

Das Buch verzichtet auf die unterscheidung von

männlichen und weiblichen Formen und verwendet nur

ein grammatisches Geschlecht, weil das das lesen erleichtert.

Es kann sowohl männlich wie weiblich sein. In beiden Fällen

ist das jeweils andere Geschlecht mitgemeint.

Infos über den Verlag und zu weiteren Büchern:

www.gigerverlag.ch

1. Auflage 2019

© Giger Verlag GmbH, CH-8852 Altendorf

Telefon 0041 55 442 68 48

www.gigerverlag.ch Lektorat: Josef K. Pöllath M. A.

Fotos der Bildtafeln: privat und zur Verfügung gestellt

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Layout und Satz: Roland Poferl Print-Design, Köln

e-Book: mbassador GmbH, Basel

ISBN 978-3-907210-04-8

ISBN 978-3-907210-17-8

Inhalt

Einleitung

Warum schreibe ich dieses Buch?

Zu meiner Person

Mein Zugang zum Thema

Die ersten Jahre ab 1982 bei der Polizei

Feindbild: Scheißbullen

Beispiele und Ausprägungen

Die Polizei als Feind

ACAB: All Cops Are Bastards!

Interview mit einem Polizeihasser

Treffen mit einem ACAB-Tätowierten

Racial Profìling

Gewalt gegen beamte

Demonstrationen

2019 – das Jahr des Frauenstreiks

Klima und Umwelt

Virtuelle oder analoge Welt

Wie militant soll es bitte sein?

Solidarität mit Gilet-Jaunes

Vorfall mit gefährlichen Feuerwerksartikeln

Katz-und-Maus-Spiel: Repression löst Reaktion aus

Szenario Lärm

Klischee Polizei, sprich Bullen

Traumatisierungsgefahr

Erscheinungsbild und Glaubwürdigkeit der Polizei

Eine fiktive episode

Aggressionspotenzial bei Jugendlichen

Mobbing am Arbeitsplatz

Maßnahmen zur Aufweichung des Feindbildes

Trägt bessere Prävention zur Problemlösung bei?

Prävention und Aufklärung in Bildungsstätten

Ist Repression eine Lösung?

Beeinflussungsfaktoren

Auslöser

Siedepunkt

Achtung Filmaufnahmen

Friedenstifter und Selbstanbieter

Der Nutzen von selbsternannten Friedensstiftern

Die Menschrechtsorganisation »augenauf«

Wo liegen die Grenzen?

Kommunikation

Die 24-Stunden-Gesellschaft

Gegenseitige beobachtung

Die Rolle der Politik

Spezialthemen

Hausbesetzungen

Der ständige Kampf gegen die Speckis

Was passiert in den besetzten Häusern?

Grundsätzlich lassen sich die Hausbesetzer in drei Gruppen unterteilen

Wer sind die Hausbesetzer?

Das Wohlgroth

Reithalle Bern

Die linke Subkultur wehrt sich

Präventionsgedanke

Der Freiraum

Ist Freiraum Allgemeingut?

Stadtaufwertung, Ausbeutung und Kommerz

Illegale Partys

Eine private Party artet in einen Alkoholexzess aus

Clubs und Türsteher

Der Umgang mit negativen Schlagzeilen

Deeskalation oder durchgreifen?

RTS »Reclaim the Street«

Die Dynamik ist wie ein lodernder Vulkan

Aktivitäten der Linksextremen

Die Vielschichtigkeit

Legitimierung eines anonymen Demonstranten

Die Pufferfunktion

Der berüchtigte »schwarze Block«

Eine RAS-Anführerin über den »Schwarzen Block«

Der Linksextremismus wird unterschätzt

Merkblätter mit Verhaltensregeln bei Demonstrationen

Nachwuchsförderung im Linksextremismus

Eine ehemalige Linkextremistin erzählt (anonym)

Wie wird agiert?

Straßenkampf und seine Themen

Globalisierung und Kapitalismus

Arbeitskampf

Tierschutz

Chaoten

Der Anarcho-Kreis in Zürich

Es fehlen autonome Räume, so die Ansicht der Revolutionäre

Platzaktion »Wir bleiben alle«

Autonome Schule

Kontroverse in Basel

Rechtsextremismus

Schlagzeilen an Fasnacht

Fußballfans und Gewalt

Rayonverbote

Rechtsanwältin für Fananliegen

Mein persönlicher Umgang mit dem Thema Feindbild

Kindheit bis eintritt Polizei

Gefühlswelt in der Militärzeit

Fazit

Einstecken als Bediensteter des Staates

Alltagssituationen

Amoklauf im bauamt

Das leiden an der limmat bei der letten

Rollenwechsel

Niemand ist schuld

Unter Beschuss

Persönliche Präferenzen

Sympathie zeigen und abwägen

Der surreale Modus

Todesangst

Neue Wege im Jahr 2020

Vernetzung und Hobby

Nachwort und Dank

Der Autor

Gedicht zum Buch

Einleitung

Warum schreibe ich dieses Buch?

Üble Beschimpfungen und tätliche Angriffe auf Polizisten nehmen zu. In meinen 37 Dienstjahren als Polizist stellte ich fest, dass sich die beiden Fronten, wir nennen sie »Polizei und Gegenseite«, bei Konfliktsituationen in spezifische Verhaltensmuster verstricken. Daraus entstehen Unstimmigkeiten. Die Fronten sind weit voneinander entfernt, so scheint es. Das Buch ist kein »Polizei-Knigge«, sondern will das Verständnis fördern und Gedanken anregen. Warum sich Feindbilder entwickeln, wird ausgiebig analysiert und erörtert. In diesem Kontext sehe ich mich als Mediator und Ratgeber. Eigene Erfahrungen und Schilderungen aus der Gegenseite befeuern die Kluft zwischen Gesetz und Hass. Das Feindbild »All Cops Are Bastards« (ACAB) und das Schlagwort »Scheißbullen« bilden den roten Faden im Buch.

Ich resümiere und analysiere die Auswüchse und Anfeindungen. Zwischen der Gegenseite und der Polizei arbeitete ich bis Frühjahr 2020 als eine Art Puffer zwischen den Fronten. Als Fachspezialist geriet ich immer wieder ins Kreuzfeuer der extremen Linken, von denen die Polizei als Feindbild wahrgenommen wird. Wobei das nicht nur auf die Linken und Freiraumaktivisten zutrifft. Im Buch erfahren Sie, wie vielfältig sich dieses Feindbild manifestiert. Hinter jedem Bullenhasser steht eine individuelle Prägung. Wenn wir diese Prägung besser verstehen, ist - wie ich meine - ein respektvolles Nebeneinander eher möglich. Denn ein Polizist ist ja kein Wesen ohne Gefühle und das Gegenüber per se kein Rüpel.

Betrachten wir die Ideologie der Gegenseite genauer. In diesem Buch wird gefragt, wieso vorwiegend Jugendliche gegenüber der Polizei Kontroversen auslösen, und warum häufig Frustration in Aggression überschwappt und die Situationen damit eskalieren. Kann ein besseres Verständnis zu einer allgemeinen Verbesserung beitragen? Wie wird der gesteigerte Frustpegel in Hass verwandelt? Was können wir aus all den Erfahrungen lernen? Diese und mehr Fragen werden uns in diesem Buch beschäftigen und begleiten. Seien Sie gespannt! Dieses Buch wendet sich an alle, die ganze Gesellschaft, seien es Schüler, Lehrlinge, Politiker, Lehrer, Demonstranten oder Polizisten. Gehen wir also gemeinsam auf die Brücke und schauen wir auf die andere Seite.

Zu meiner Person

Ich wuchs zusammen mit zehn Geschwistern in einfachen Verhältnissen als Sohn eines Bauern im Kanton St. Gallen auf. Nach der Schule wollte ich die Kunstgewerbeschule besuchen. Das war jedoch aus finanziellen Gründen nicht möglich. Daher lernte ich Maler und Tapezierer, da es in diesem Beruf auch um das Gestalten geht. 1982 legte ich diesen Beruf nieder, um Polizist zu werden. Ich wollte der Gerechtigkeit und dem friedlichen Miteinander dienen. Den Pinsel brauchte ich fortan nur noch für mein Hobby, die Kunstmalerei. Ich begann meinen Polizeidienst bei der Stadtpolizei Zürich. Damit verzichtete ich auf eine militärische Karriere und machte eine zweijährige, anspruchsvolle Ausbildung. Danach folgten zwölf spannende Jahre im Streifendienst. 1996 war eine Stelle beim spezialisierten Sicherheitsdienst (dem ehemaligen, gefürchteten Geheimdienst KK3) ausgeschrieben. Der Übertritt in diese Spezialabteilung, die sich mit politischen Zusammenkünften und gesellschaftlichen Problemen befasst, klappte auf Anhieb. Dort kam ich als Aufklärer und Szenenkenner zum Einsatz. Der Übergang vom Uniform tragenden Streifendienst in den zivil gekleideten Spezialdienst fiel mir anfangs schwer. Es gab weniger »Kundenkontakt«, und wenn, dann mit Leuten, die mit irgendetwas nicht zufrieden waren. Meist ging es um Konflikte mit Migranten und ihre Ursprungsländer oder um ungerechtfertigten Lohnabbau. Dennoch interessierten mich diese Fälle immer mehr. Ich vertiefte mich in die Materie und studierte unzählige organisationsspezifische Elaborate. Oft fragte ich mich, warum sich Menschen versammeln, welche Anliegen sie haben und warum sie sich auf diese Weise artikulieren. Ich spürte zum ersten Mal, wie sehr Menschen Zorn und Hass entwickeln, wenn in ihren Ländern Menschen umgebracht werden oder wenn ein Unternehmen Massenentlassungen ankündigt.

Mein Zugang zum Thema

Die Wandlung vom Maler zum Gerechtigkeit suchenden Polizisten stellte für mich einen großen Spagat dar. Es sind doch alles Menschen mit eigenen Biografien und Geschichten, so ging es mir oft durch den Kopf. Vor knapp zehn Jahren schrieb ich eine Diplomarbeit für die höhere Fachprüfung mit dem Thema: Beschaffung von Informationen bei illegalen Veranstaltungen. In vielen Vorträgen, die ich in den letzten 20 Jahren gehalten habe, spürte ich das große Informationsbedürfnis zum Linksextremismus. Mich interessierte aber auch, wieso, was, warum und wo wie passierte, die Gefühle und Emotionen, die dahintersteckten. Nur wer die Gegenseite zu Wort kommen lässt, versteht ihre Anliegen und Bedürfnisse, so sagte ich mir. Diese Arbeit führte mich aus der Landidylle in die hektische Stadt. Die Menschendichte und die Stressgesichter in den urbanen Gefilden erschreckten mich anfangs. Es gab kein Grüezi oder Hallo, die Menschen marschierten hastig durch die Bahnhofstrasse als wären sie Roboter. Sie zeigten keine Emotionen, entstiegen eilig den Zügen und steuerten gezielt auf die Trambahnen zu. So nahm ich die Menschen damals im Zentrum Zürichs wahr. Und im Laufe der Zeit wurde ich schließlich selbst einer von ihnen, ganz unbewusst!

Die ersten Jahre ab 1982 bei der Polizei

Zu dieser Zeit gab es noch keine Computer und keine Mobiltelefone. Geschrieben wurde mit der Schreibmaschine auf Durchschlagpapier. Die Kollegen rauchten im Schreib- und Aufenthaltsraum. In den Nachtdiensten gingen wir von der Hauptwache (City Zürich) zu Fuß in die zugeteilten Reviere durch die Gassen des Zürcher Niederdorfs. Einer hatte einen Funk dabei. »Chönd er mal go luegä, im Johanniter hets e re- nitentä Gast« (Könntet ihr bitte mal schauen gehen, im Restaurant Johanniter hat es einen renitenten Gast), tönte es von der Einsatzzentrale. »Verstande, mir sind grad i de Nächi« (Verstanden, wir sind gerade in der Nähe), antwortete ich. Der Fall konnte mit dem Wirt und dem Gast vor Ort geschlichtet werden. Auf der Zähringerstrasse säumten ein paar Prostituierte die schwach frequentierte Straße. Ein Betrunkener befummelte eine Dame des ältesten Gewerbes, die sich dagegen wehrte, und damit hatten wir gleich den nächsten Fall zu lösen. Der Mann fauchte uns gehässig an. Das Feindbild existierte schon damals, es war aber nicht so omnipräsent wie heute, glaube ich.

Feindbild: Scheißbullen

Wir unterscheiden drei Phänomene des Feindbildes:

–Politisch fokussiert: fundamentalistisch ideologisch

–Chronischer Frust: persönliche, grundsätzliche Abneigung

–Sachbezogener Frust: temporäres Problem, z. B. Strafzettel wegen falschen Parkens

Der Hass, respektive das Feindbild, hat eine internationale Prägung. Wenn ein dunkelhäutiger, mutmaßlicher Verbrecher in den Slums der Großstädte von Paris oder New York erschossen wird, entwickeln die sich solidarisierenden Mitmenschen ein kollektives Feindbild gegen die Polizei, selbst wenn die Umstände nur vom Hörensagen bekannt sind. Das stellt eine gefährliche Spirale dar. Denn beim Einschreiten selbst entstehen neue Hassgefühle, allein deswegen, weil die Hüter des Gesetzes für Ordnung sorgen sollen. Die angesprochene Spirale kann ohne Detailkenntnisse von der ursprünglichen Tat (angeblicher Übergriff) hochgetrieben werden, vom Hörensagen gewissermaßen. Das ist vor allem deswegen gefährlich, weil damit auch Unwahrheiten geschürt werden. In den USA verbreiten sich Videos über polizeiliche Übergriffe wie ein Flächenbrand. Sie lösen meist unmittelbar heftige Proteste aus.

In den Augen der chronischen »Bullenhasser« stecken hinter den Uniformen und Zivilpolizisten keine sensitiven Wesen, sondern befehlsausführende Organe des Staates. Ich weiß nicht, wie hoch der Anteil der Bullenhasser in der Gesamtbevölkerung ist. Nur so viel ist sicher: Er liegt bestimmt nur im einstelligen Prozentbereich, hält sich aber hartnäckig und mutiert ständig durch neue Ereignisse.

Ich konstatiere: In der breiten Bevölkerung genießt die Polizei gutes Ansehen. Nicht aber bei den bezeichneten Personenkreisen, zum Beispiel in der linken Subkultur und bei den Hardcore-Fans der Fußballszene. Die ständigen Angriffe auf die Polizei und die zum Teil brachialen Auseinandersetzungen unter den Fußballfans sind gewissermaßen ein Gegenpol zum Gesamttrend. Auf diese Weise pervertiert, was im Großen gut läuft, denn die Jugend ist pragmatischer und vernünftiger als noch vor drei Jahrzehnten. Trotzdem kam es in Zürich im heißen Sommer 2018 immer wieder zu Angriffen auf die Ordnungshüter. Zum Beispiel musste die Stadtpolizei am 19. August 2018 wegen einer Messerstecherei an die Seepromenade ausrücken. Als die Rettungskräfte dort ankamen, wurden sie sofort angegriffen. Unter den Angreifern waren mutmaßlich auch FC-Zürich-Fans aus der Südkurve, die mit Steinen und Flaschen warfen. Die Polizei musste Reizstoff und Gummischrot einsetzen, damit die Verletzten versorgt werden konnten. Auch die Sanitäter wurden skrupellos angegriffen!

Solche Szenarien kommen leider immer wieder vor: Jugendliche, erlebnisorientierte und alkoholisierte Personen provozieren aus Langeweile Polizisten. Die Situation eskaliert, weil die von Adrenalin strotzenden jungen Leute den Verstand ausschalten und dabei einen aggressiven Solidarisierungseffekt auslösen. Die Polizei ist dann gezwungen, klare Schranken zu setzen und Gummischrot einzusetzen. Das wiederum führt zu einem gesteigerten Feindbild, das immer mehr Menschen anzieht. Die Konfliktbaustelle wird auf diese Weise größer und größer, was die Arbeit der Sicherheitskräfte nicht unbedingt erleichtert. Nur mit viel Geduld und Ruhe können solche Situationen bewältigt werden. Im beschriebenen Fall eskalierte das Geschehen nicht wegen falschen Parkens oder der Verhaftung eines Drogendealers, sondern wegen der besonders aggressiven Fußballfans.

Beispiele und Ausprägungen

Erstes Beispiel: Warum die Gegenseite Hassgefühle entwickelt Ein Extrazug mit etwa 650 Fußballfans fährt von Basel nach Zürich. Mehr als die Hälfte sind keine »Risikofans«, sind also nicht gewaltorientiert oder gewaltbereit. Laut Zeugenaussagen wollte ein Teil mit ordentlichen Zügen reisen, wurde aber am Abfahrtsort angewiesen, den bereitgestellten Extrazug zu nehmen. Somit saßen auch gesittete und friedliche Fußballfans im Zug. Unterwegs wird dann gesungen und getrunken, die Stimmung lockert sich immer mehr auf. Nichtsahnend werden die angereisten Fans in Zürich von einer riesigen Abteilung der Polizei in Vollmontur empfangen. Der Normalfan realisiert dies erst, wenn der Zug hält. »Wieso stehen die Bullen da«, fragt er einen Kollegen.

»Wahrscheinlich wegen uns«, bekommt er zur Antwort. Der Puls des Normalo steigt an, und er bekommt ein ungutes Gefühl. Folglich werden alle aussortiert und kontrolliert. Über 400 Personen werden vorübergehend festgenommen. Das führt zu einem kollektiven Frust, auch unter den friedlich gestimmten Fans. Man entwickelt eine massive Antipathie gegen die Bullen.

Die Fans empfanden die Kontrollen als reine Schikane und fühlten sich vorverurteilt und kriminalisiert. Und die Fans aus Basel warfen der Polizei eine unverhältnismäßige Verhaftungsaktion vor, mit der die Rechtsstaatlichkeit nicht gewahrt wurde und die schlicht eine Falle gewesen sei. Viele Fans verpassten das Match, weil sie erst Stunden später wieder freikamen. Eine Person blieb wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte in Haft. Die Polizei setzte damit ein Zeichen und das Feindbild verstärkte sich noch.

Zweites Beispiel: Party

Freiraum liebende Jugendliche mit kleinen Budgets treffen sich spontan zu einer Party auf offenem Gelände in der Stadt. Sie nehmen eine Musikanlage in Betrieb, die sie mitgebracht haben, und trinken sich in Festlaune. Viele der Beteiligten klagen darüber, dass die Clubs in der Stadt zu hohe Eintritts- und Getränkepreise verlangen. Daher suchen sie nach alternativen Partymöglichkeiten. Die Szene setzt sich nicht unbedingt aus Linksextremisten zusammen. Sie will partout keinen Stress mit den Bullen, sondern einfach nur eine geile Party abhalten, sei es am Letten oder unter der Brunau-Brücke (in Zürich). Eine erste Polizeipatrouille erscheint aufgrund einer Beschwerde der Anlieger wegen Lärms. Die Situation wird heikel, weil die Jugendlichen sich an diesem schönen Sommerabend nicht vertreiben lassen wollen. Schließlich gehöre die Stadt allen, wie sie argumentieren. Je nach Verhalten und Vorgehensweise beider Seiten besteht die Gefahr, dass die Situation eskaliert, was aber nicht sein muss. Ob das Ventil platzt, hängt letztendlich davon ab, wie die beiden Seiten reagieren.

Darum rebellieren die Jugendlichen

Den Aktivisten wird der Freiraum genommen, was dazu führt, dass sowohl die politisch engagierten als auch die apolitischen Jugendlichen das herrschende kapitalistische System hinterfragen. Die Sehnsucht, frei zu sein und sich gehen zu lassen, zeigte sich eindrücklich bei der 68er-Generation. Die jungen Leute brauchen solchen Freiraum auch, und das sind ihre Partys.

In Zürich entwickelte sich ab 2010 die sogenannte erlebnisorientierte linke Subkultur, an der sich Hausbesetzer, kreative Eventsprayer, Autonome, Punker und freie Schüler/Studenten sowie Einzelpersonen aus der Zürcher Südkurve des FC Zürich beteiligten. Dieser Personenmix (im Alter zwischen 18 und 28 Jahren) war es auch, der die gefürchteten RTS (6. Februar 2010/12. Dezember 2014) veranstalteten. Ferner wurden unangemeldete, illegale Schülerdemonstrationen und Solidaritätsmärsche für Flüchtlinge (»Refuges welcome«) sowie unerlaubte Partys abgehalten.

Globus-Krawalle und Jugendunruhen

Ursprung der Jugendunruhen sind die Jahre 1967 und 1968. Das Gastspiel der Rolling Stones am 14. April 1967 und das Konzert von Jimi Hendrix am 31. Mai 1968 im Hallenstadion endeten mit Krawallen, bei denen die Stadtpolizei Zürich eingreifen musste.

Manch bürgerlicher Politiker spekulierte, dass die Bewegung vom kommunistischen Ostblock gesteuert werde und man sie darum im Keim ersticken müsse. Bilder von Krawallen in England, den USA, Deutschland und Frankreich gingen um die ganze Welt. Sie zeigten Gummiknüppel schwingende und Helm tragende Polizisten, wie sie den Demonstranten entgegentraten und wie diese mit Steinen und Flaschen warfen.

Am 30. Oktober 1970 wurde in den Anlagen des neuerstellten Parkhauses Urania der sogenannte Bunker eröffnet. Die Stadt stellte der autonomen Szene Räumlichkeiten im Zivilschutzbunker zur Verfügung. Damals befand sich am Eingang des Bunkers ein Schild mit der Aufschrift: »Sie verlassen die Schweiz und betreten den ›Autonomen Republik Bunker‹.« Eine alte Wandmalerei der Besetzer wurde restauriert, die illustre Gestalten zeigt. Manche meinen, dass es sich beim Dritten von links um Altbundesrat Moritz Leuenberger handle. Wegen Unstimmigkeiten mit der Stadt wurde der Bunker nach nur 68 Tagen wieder geschlossen. Dadurch kam es erneut zu Krawallen. Die Besetzung des Bunkers war ein Symbol der damaligen Bewegung. Allerdings gab es auch Differenzen zwischen den Behörden und den Besetzern. Am 22. Dezember 1970 fand eine polizeiliche Kontrolle statt, bei der 115 Jungen und 30 Mädchen kontrolliert wurden, wie es in der Chronik heißt. Einige Linksaktivisten verließen den Ort aber nicht freiwillig. Bei einer Versammlung mit dem Stadtrat im Volkshaus konnte keine Einigung erzielt werden. Die autonome Zürcher Jugend stemmte sich gegen die Beschlüsse. Und so wurde am 6. Januar 1971 der Bunker endgültig geräumt. Übrigens ist der Bunker heute ein Polizeimuseum. Die Wandmalereien und die Geschichte dazu können in den Räumlichkeiten des Parkhauses Urania besichtigt werden.

1980 forderte die Jugend mehr Selbstbestimmung und Freiraum. Vor dem Opernhaus kam es zu Straßenschlachten. Denn im Mai 1980 bewilligte der Zürcher Stadtrat 60 Millionen Franken für die Renovierung des Opernhauses. Gleichzeitig wurde die Forderungen nach einem autonomen Jugendzentrum (AJZ) für selbstbestimmte kulturelle Aktivitäten abgelehnt. Die Polizei musste wieder eingreifen, da die penible bürgerliche Ordnung den Protesten keinen Raum geben wollte, und so entwickelte sich erneut ein kollektives Feindbild.

Die linke Jugend sucht immer wieder nach Freiraum. So entrollte sie am 16. Oktober 2018 vor dem Coop-Provisori- um beim Hauptbahnhof ein großes Transparent, auf dem »Dieser Ort kann mehr! Jugendzentrum her!« stand. Andere Aktivisten der Zürcher Jungsozialisten verteilten vor dem Eingang des Ladens Flyer an die Passanten.

Die Polizei als Feind

ACAB: All Cops Are Bastards!

Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich mich jahrelang mit diesem Thema nicht auseinandergesetzt, schon gar nicht mit der Bezeichnung ACAB. Ich nahm die Abkürzung lange nicht zur Kenntnis und hatte auch keine Affinität dazu. Erst seit einigen Jahren schenke ich diesem Thema vermehrt Aufmerksamkeit. Man sieht die respektlose Bezeichnung ACAB auf Arme tätowiert, sie steht auf T-Shirts und sie ist auf Fassaden gesprüht. Was veranlasst einen Menschen dazu, so etwas zu machen?

Die Polizeihasser sind nicht nur politisch links- oder rechtsextrem. Das zeigt exemplarisch ein Fall bei der Bachelorausgabe 2018 auf dem TV-Sender 3plus. Dem aufmerksamen Betrachter fiel auf, dass die Kandidatin Mia die Zahl 1312 (1=A, 3=C, 1=A, 2=B) auf den Hals tätowiert hatte. Die Verhaftung ihrer Mutter war, als Mia klein war, ein traumatisches Ereignis, das sie bis heute belastet.

Oder anderes Beispiel: Auf einer Demonstration zelebriert ein Clown den vierstelligen Zahlencode als eine Art Puffer.

Oder Personen, welche die Hardcorevariante wählen und sich den Code direkt auf den Körper tätowieren lassen. Man findet die Buchstaben auf riesigen Transparenten in Fußballstadien, als Aufkleber oder auf Fassaden gesprüht.

Diese Abkürzung und ihre Bedeutung wird von der breiten Öffentlichkeit überhaupt nicht richtig wahrgenommen. Sie tauchte erstmals in den 1970er- und 1980er-Jahren in Großbritannien in der Jugendsubkultur auf. Damals wurden öffentliche Gebäude damit besprüht. Das Schlagwort All Cops Are Bastards wurde in den 1980er-Jahren erstmals von der britischen Oi!-Band‚, The 4-Skins in einem Songtext verwendet. Das Lied beschäftigte sich thematisch mit der Wut und der Abneigung gegenüber der Polizei. Die Kultband galt in einschlägigen Kreisen als Erfinder des Akronyms. Die Punkrockband Slime verwendete das Buchstabenwort in ihrem gleichnamigen Song. Auch rechtsextreme Bands bedienten sich des Kürzels in Songtexten. Darüber hinaus wird es in der Punkszene, die die Polizei auch hasst, verwendet. Die Vielfalt der Anwendungen ist riesig. Auf einer Seite im Internet entdeckte ich eine Unmenge Abbildungen in verrückten Variationen: Polizisten als Karikaturen aller Gattungen, tätowiert, als Schwein mit einem Prügel im After, mit einem Messer im Kopf oder als Schlag mit einem Prügel auf die Uniformmütze. Fast alle Körperteile werden mit dem Akronym versehen. Erstaunt stellte ich zum Beispiel im Februar 2019 fest, dass beim Online-Anbieter Amazon verschiedenfarbige Shirts mit diesem Kürzel erworben werden können. Die Shirts wurden aber nach Beschwerden wieder aus dem Sortiment genommen. Auf der Webseite Truerebel stehen die vier Buchstaben neben der Abkürzung FCK NZS, was durch die weggelassenen Vokale »Fuck Nazis« bedeutet. In Deutschland gibt es Autokennzeichen mit dem Buchstabenwort, ferner findet man es auf einschlägigen Plattformen. Die Betreiber und Besitzer verstehen oftmals gar nicht, dass es sich um eine Diskriminierung handelt. Bewusst sind ihnen eher Würfel mit den Zahlen 1312, die als Schlagring ins Netz gestellt werden.

Mit dem Titel ACAB gibt es vom italienischen Regisseur Stefano Sollma sogar einen Film aus dem Jahr 2012, in dem es um das kontrovers geführte Thema zu Gewalt und Gegengewalt geht. Der Film nimmt für keine Seite Partei, konstatiert aber Korruption auf beiden Seiten und lässt keinen Raum für Helden.

Ich habe mich wiederholt gefragt, ob eine solche Abkürzung nicht strafbar ist. Im Grunde genommen nicht, denn die bloße Verwendung des Akronyms ist kein Straftatbestand, sie wird erst zur Straftat, wenn ein Polizist damit gezielt beschimpft wird. Das kann dann durchaus ein Strafverfahren zur Folge haben. In der breiten Bevölkerung ist der Begriff eher unbekannt. Das zeigt eine Geschenkaktion der Freiburger Kantonalbank (Schweiz) im November 2018. Zur Kontoeröffnung zierte die Abkürzung ACAB unter anderem ein Werbe-Portemonnaie. Diese Peinlichkeit wurde erst nach dem Versand bemerkt und das Produkt wurde aus dem Verkauf gezogen.

Im Internet fand ich ein Tattoo mit Großbuchstaben auf einen Hintern gestochen. Das Akronym gibt es auch mit ei- nem Totenkopf kombiniert als Sticker. Spannend ist dabei der Bezug zu Standardgetränken, zum Beispiel bei der Aussage »Acht Cola, Acht Bier«, die häufig mit »8 ColaBier« abgekürzt wird. Seit über zehn Jahren gilt der 13.12. international als nichtamtlicher Feiertag unter den unterschiedlichen ACAB-Anhängern. Beispielsweise finden in Griechenland, England, Italien oder Deutschland an diesem Tag alljährlich viele Veranstaltungen statt, wozu auch Demonstrationen oder Fußballspiele gehören. Am 13.12.2014 fand in Gelsenkirchen ein Fußballspiel statt, das von den Ultras und Hooligans der All-Cops-Are-Bastards-Gruppierungen zum Feiern und Demonstrieren angekündigt worden war. An diesem Tag spielte der 1. FC Köln gegen Schalke 04. Das Polizeiaufgebot in und um das Stadion war enorm. Zu den befürchteten Ausschreitungen zwischen den beiden Fußballclubs kam es Gott sei Dank allerdings nicht.

Das Buchstabenwort ACAB gehört auch im Knast zu den Top 13 der allgemein am liebsten verwendeten Bezeichnungen und Wörter. Die meisten Strafgefangenen sind irgendwo tätowiert. Die Bedeutung der Symbole verrät daher einiges über die Person. Wenn einer noch lange zu sitzen hat, finden wir häufig eine Uhr ohne Zeiger oder das Bild von einem Dolch, der durch den Hals gestoßen ist, was bedeutet, dass sein Träger jemanden in der Haftanstalt umgebracht hat. Sterne auf den Schultern deuten auf eine Karriere als hochrangiger Berufsverbrecher hin. Einige stechen sich die Tattoos selbst, häufig mit sehr primitiven Mitteln. Der Prisonstyle erfreut sich auch außerhalb der Haftanstalten steigender Beliebtheit. Unter dem Hashtag #beautifulcops fand ich im Internet als Gegenpol dazu die nette Version: All Cops Are Beau- tiful, die jedoch bei den Polizisten eher unbekannt ist und auch deutlich weniger Follower aufweist.

Frust-Multiplikatoren

Oft wird die innere Einstellung mit Alkohol oder Drogen gedopt und negativ beeinflusst. Die mentale Konstellation gerät in die Schräglage. Folglich braucht es mehrere Bausteine, damit die Lawine ins Rollen kommt. Wir können sie auch Attribute nennen. Einflussfaktoren sind:

–Die eigene aktuelle Stimmung und innere Einstellung

–Die subjektive Wahrnehmung der Situation

–Die äußeren negativen Beeinflussungen, die das Feindbild verstärken.

Interview mit einem Polizeihasser

Person M gehört dem rechtsextremen Segment an. Für ihn stellt die Polizei ein Feindbild dar. Rechtsextremes Gedankengut ist für ihn normal, weswegen er auch Mitglied der NPD (Nationaldemokratische Partei Deutschlands) wurde. Jahrelang trug er in der Freizeit ein entsprechendes Outfit mit Stiefeln und Bomberjacke. Ich verabredete mich mit ihm an einem schönen Spätwintertag in Zürich. Er erschien bei nur 6 °C in einem schwarzen T-Shirt, auf dem in weißen Buchstaben »Böse Buben Club« über einem Totenkopfemblem stand. Ich wollte wissen, welche Gründe ihn, einen kräftigen Mann, dazu brachten, die Polizei zu hassen.

Dazu stellte ich M folgende Fragen:

A. Widmer (AW): Welches Ereignis hat dich geprägt?

M: Ich wuchs in Deutschland auf und wohnte damals als 19-Jähriger in Niedersachsen. An einem Tag parkte ich mein Auto in der Stadt Goslar in der Nähe einer Parkanlage. Als ich wieder wegfahren wollte, kamen Zivilpolizisten auf mich zu und forderten mich auf, ihnen bis zum Polizeiposten nachzufahren. Dort angekommen, fragte ich nach dem Grund. Die Beamten reagierten genervt und sagten, es sei einfach eine Kontrolle. Basta!, antwortete der eine forsch! Dann riss mir ein Beamter mein Handy aus der Hand und erklärte: »Das brauchst du jetzt nicht.« Ich sagte, ich sei doch kein Schwerverbrecher und habe nichts angestellt und was denn das Ganze soll? Da schubste mich ein Beamter plötzlich, sodass ich die Treppe hinunterstürzte. Ich raffte mich auf und äußerte nachdrücklich meinen Unmut. Daraufhin wurde ich 3 ½ Stunden in eine Zelle gesteckt. Ich hatte keine Chance, einen Anwalt anzurufen, und auch die Rechtsgrundlage wurde mir nicht erklärt. Weil ich dringend aufs WC musste, klopfte ich mehrmals an die Tür und sagte, dass ich auf die Toilette müsste. Doch das wurde einfach ignoriert. Kurz bevor ich in die Hose machte, kam dann ein Kripobeamter und erlöste mich.

Der Beamte wollte wissen, warum ich so viele Schlüssel bei mir hätte. Als Stromer hatte ich diverse Schaltschrankschlüssel am Bund. Mein Handy, das sich in meinen Sachen befand, klingelte. Der Beamte nahm den Anruf selbst entgegen. Meine Eltern waren am Telefon. Sie machten sich Sorgen. Endlich gab man mir das Handy und den Hosengurt zurück, und ich konnte wieder gehen. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um einen Irrtum. Ein Mann in besagtem Park wollte sich mit einem giftigen Getränk das Leben nehmen. Die Polizei verwechselte mich mit ihm, wodurch es zu diesem Verdacht kam. Auf meine schriftliche Beschwerde bekam ich nie eine Antwort.

AW: Haben Sie heute immer noch Hassgefühle?

M: Ja, weil die Polizei immer wieder willkürlich handelt und mich wegen meinem äußeren Erscheinungsbild kontrolliert oder an meines Erachtens falschen Orten Radarkontrollen durchführt, nur um Kasse zu machen.

AW: Welches Shirt tragen sie öfter, das mit den »Böse Buben« oder das mit dem Kürzel »ACAB«?

M: Das Böse-Buben-Club-Shirt, das ich auch heute trage. Ab und zu trage ich auch das ACAB-Shirt. Ich möchte festhalten, dass ich nicht pauschal gegen alle Polizisten bin. Es gibt auch gute Ordnungshüter.

AW: Sie haben verschiedene Tattoos, die ihren Groll gegen den Staat verdeutlichen, oder wie würden Sie das bezeichnen?

M: Es handelt sich um meine Auffassung von Unbeugsam- keit, Gerechtigkeit und Unabhängigkeit.

AW: Was nervt Sie am meisten?

M: Ungerechtigkeit und Bußgeldabzocke. Außerdem das Gefühl vieler Polizisten, dass sie über alles erhaben und etwas Besseres sind. Die Polizei sollte ihrer Rolle als Freund und Helfer gerecht werden und für die Bürger da sein.

Im Verlauf des Gesprächs spüre ich, dass M die Ungerechtigkeit auf der Welt zu Herzen geht. Auf der Straße einem Kind spontan über die Straße zu helfen oder einem älteren Menschen Hilfe anzubieten, sei für ihn selbstverständlich. Pädophile und Vergewaltiger würde er in die Wüste schicken. Er ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in seinem Wohnort, einer Zürcher Gemeinde, und neben seinem Hauptberuf als gelernter Elektriker arbeitet er sporadisch bei einem Sicherheitsdienst. M ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn, ein älterer, unehelicher Sohn lebt in Deutschland.

Treffen mit einem ACAB-Tätowierten

Ich hatte mir im Vorfeld des Treffens lange überlegt, wie ich auf eine solche Person zugehen könnte. Ich nahm dazu nicht die amtlichen Ressourcen zu Hilfe, sondern versuchte es mit Suchbegriffen auf Internetplattformen. Ein riesiger Dschungel voller Bilder und Links kam dabei zum Vorschein. Ich schrieb an verschiedene Tattoo-Studios und fragte, ob sie auch das Kürzel ACAB stechen. Die Antworten waren immer dieselben: »Nein, das machen wir nicht!« Schließlich fand ich einen Bericht über ein Tattoo-Studio mit dem Namen ACAB in Basel. Der ehemalige Inhaber Romeo erklärte sich bereit, mit mir über seine Person zu reden.

So reiste ich an einem Samstagmittag nach Basel, wo ich noch nie zuvor in meinem Leben gewesen war. Ich parkte mein Auto in einem nahegelegenen Parkhaus und machte mich auf den Weg zum Treffpunkt, als sich mir eine junge Dame in den Weg stellte und mich fragte, ob ich Zeit hätte. »Für Sie nicht!«, erwiderte ich etwas ungehalten. So schritt ich weiter Richtung Webergasse, die laut Handynavigation nicht mehr weit sein konnte, als mich eine zweite Prostituierte anquatschte. »Kein Interesse und keine Zeit!«, gab ich schroff zurück. Schließlich fand ich pünktlich den vereinbarten Treffpunkt. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, dass das Restaurant, in dem wir uns verabredet hatten, im Kleinbasler Rotlichtmilieu liegt. Romeo saß bereits in der vorfasnachtlich dekorierten Kneipe am Stammtisch. Am Tisch saß auch ein gelernter Eisenleger, ein skurriler, volltätowierter, aber sehr gesprächiger Typ. Romeo reichte mir seine kräftige Hand und begrüßte mich freundlich. Er zeigte mir sein Tattoo mit den Buchstaben ACAB auf der linken Hand, das auf die vier Finger verteilt, gut lesbar war.

Romeo betrieb von 2014 bis 2018 nur 50 Meter vom Restaurant entfernt ein Tattoo-Studio, bei dem mit großen Buchstaben ACAB auf dem Schaufenster stand. Diesen Schriftzug passte er später bewusst an. Die bunte Version hieß ausgeschrieben »All Colors Are Beautiful«. Wer nun annimmt, Romeo hätte nur einschlägige Kunden gehabt, der irrt sich. Es seien nur zwei bis drei gewesen, die solche Wünsche hatten, erzählt er schmunzelnd. Seine Tattoo-Kunst zelebriert er in schönen Schriftzügen und feinen Zeichnungen aller Art, was die Kunden halt so wünschen. Lange habe er auf den Laden gespart, um sich seinen Traum erfüllen zu können. Nach einem Wasserschaden konnte er die Renovierung nicht mehr finanzieren, und so musste er den Laden schließen.

Der Laden lief recht gut. Aber es gab immer wieder Ereignisse, die für Unruhe sorgten. So wurden seine Schaufensterscheiben und die des benachbarten Ladens mehrmals eingeschlagen. Die Polizei ermittelte gegen Unbekannt. In einem anderen Fall berichteten die Medien über eine Schießerei in der Webergasse. Was war geschehen? Offenbar sollte eine Aussprache stattfinden. Die Situation eskalierte. Drei Männer griffen den Besitzer des Tattoo-Studios an, wobei sie einen Holzstock einsetzten. Am Boden liegend versuchte Romeo, sie mit Pfefferspray abzuwehren. Daraufhin verließen die Täter den Laden, kamen aber kurze Zeit später zurück. In der Zwischenzeit hatte Romeo seine Schrotflinte geholt, die er mit Gummischrot geladen hatte. Er schoss einem der Angreifer auf der Straße in den Rücken. Der Verletzte wurde ins Spital gebracht. Die Polizei stürmte mit gezogenen Waffen den Laden und verhaftete Romeo sowie die Angreifer. Nach der Untersuchungshaft kamen alle Beteiligten wieder frei.

Romeo wuchs ab dem siebten Lebensjahr in einem Heim auf, wie er nachdenklich erzählte. Auch sein einziger Bruder war in einem Heim, allerdings an einem anderen Ort. Die Mutter stufte ihn als unerziehbar ein und steckte ihn darum ins Heim. Den Kontakt zu ihm hat sie abgebrochen. Romeo wurde ein »schwerer Junge«, der sich nicht immer an die Gesetze hielt. Mit 15 Jahren verließ er das Heim und lebte auf der Gasse in der Schweiz. Er gehörte allerdings zu keiner speziellen Gruppierung und fühlte sich auch zu keiner hingezogen. Damals »hani halt gmischlet und gschlegeret« (Damals habe ich halt Drogen weiterverkauft und mich an Schlägereien beteiligt), bemerkte er.

Der eigentliche Grund, warum er sich zu ACAB bekannte, war eine 5 ½ Monate dauernde Untersuchungshaft, weil er mit Haschisch gehandelt hatte. Mit schweren Drogen habe er nie gedealt, behauptet er. Im Knast wird oft mithilfe von Gitarrenseiten und Zahnbürsten tätowiert. Wie das genau funktionierte, wollte ich gar nicht wissen.

Ob sich sein Feindbild in Zukunft verändern werde, fragte ich ihn. Grundsätzlich nein, meinte er. Die Zivilpolizisten akzeptiert er, weil sie achtungsvoll mit ihm umgehen. Aber gegen die uniformierte Polizei hegt er noch immer einen Groll. Für die Fasnacht 2019 modellierte Romeo Masken. Er bastelte auch ein beleuchtetes Sujet. Romeo bleibt ein Ur-Kleinbas- ler-Bueb, eben ein »glaibasler-Gasse-Bueb« (Kleinbasler Gas- sen-Knabe). Damit identifiziert er sich. Festhalten möchte er noch, dass er weder REX (rechtsextrem, von Rechtsextremismus) noch LEX (linksextrem, von Linksextremismus) sei. Er habe sich stabilisiert, er wolle auch nicht von der Sozialhilfe leben, sondern sich selbst durchschlagen können.

Racial Profiling

Racial Profiling oder deutsch Rassenprofilierung genannt, ist in Bezug auf Polizeikontrollen eine Methode, mit der gegen äußere Merkmale und alle Formen diskriminierender Personen- und Fahrzeugkontrollen einem ethnischen oder religiösen Hintergrund nachgegangen wird. Dabei geht es auch um die Frage, ob Polizisten bei Kontrollen unbefangen und ohne Vorurteile handeln. Wie steht es mit der andersartigen Wahrnehmung? Meines Erachtens ist das Verhalten selbst und nicht die Hautfarbe ausschlaggebend. Die allermeisten Polizisten, die ich kenne, leben diese Haltung.

Die Gegenseite prangert abweichendes Verhalten an und vermarktet es rigoros in den Medien. Das Abwägen, ob das der Wahrheit entspricht oder gerecht ist, wird der Leserschaft überlassen. Jedenfalls entstehen so falsche Eindrücke, die sich zu einem Feindbild entwickeln können.

Die Stadtpolizei Zürich setzte seit Januar 2018 eine App ein, mit der die Fakten zu einer Kontrolle erfasst werden können. Damit soll dem Vorurteil begegnet werden, wonach die Polizei vorwiegend dunkelhäutige oder Nordafrikaner kontrolliere. Denn nochmals, nicht die Hautfarbe ist ausschlaggebend, sondern das Verhalten der jeweiligen Person, wie ich meine.

Es bleibt uns nicht viel Zeit für Überlegungen. Die Kontrollen werden aufgrund fundierter Ausbildung durchgeführt. Sicher gibt es vereinzelt auch emotional gesteuerte Aktionen von Seiten der Polizei, die meistens dem Übereifer der betroffenen Beamten zuzuschreiben sind. Allerdings wird die Polizei in der Praxis immer wieder angefeindet, vor allem dann, wenn sie zum Beispiel an einem lauen Sommerabend an einer Seepromenade ausländische Gruppierungen kontrolliert. Meist geschieht das, weil Anwohner oder Nachbarn wegen Lärmbelästigung die Polizei rufen. »Was machen die da?«, wird dann gefragt, oder ein alkoholisierter Mann schreit: »Verpisst euch!« In solchen Situationen entwickelt sich dann ein Feindbild, das sich nur durch besonnenes Einschreiten der Polizei entschärfen lässt.

Welche Gründe führen zu einer Eskalation?

Die grundsätzlich friedliche Stimmung rutscht durch ein unmittelbares Ereignis – oft genügt schon das Martinshorn – in eine schwierige Situation. Das heißt im Klartext: Eine einzige Person, die die Beherrschung verliert und eine Flasche wirft, löst unter Umständen einen Einsatz mit Gummischrot aus. Wird der Übeltäter getroffen, kommt es sofort zu einer Art Solidarisierungseffekt der meist unbeteiligten Menschen, die gerade zufällig anwesend sind oder die den Vorgang beobachten, ohne die genaue Ursache zu kennen. Viele, die mit dem Vorfall nichts zu tun haben, werden mit Adrenalin durchflutet und richten ihre Aggression unvermittelt gegen die Einsatzkräfte. Die Szenerie gerät außer Kontrolle und wird chaotisch.

Vor allem in der Nacht gelingt es den Einsatzkräften oft nur schwer, sich einen Überblick zu verschaffen und die wahren Übeltäter dingfest zu machen. Laut dem deutschen Soziologen Gunter A. Pilz produziert Gewalt Gegengewalt und Repression bringt die Menschen gegen die Polizei auf. Diese These kann ich nur bestätigen. Es ist eine nicht enden wollende Spirale gegenseitiger Reaktionen. Wir müssen akzeptieren, dass jeder Mensch anders ist und die Reaktionen unterschiedlich ausfallen. Zu einer Eskalation kann es auch zufällig kommen, sie muss gar nicht bewusst provoziert worden sein. Auf der anderen Seite sind die als erste am Tatort eintreffenden Polizisten enorm gefordert. Meistens ist schnelles Handeln oder auch Rückzug gefordert. Schnelles Handeln kann gesundheitlich gefährlich sein, ein Rückzug die illegale Aktion befruchten oder sogar ausweiten.

Weil die Polizei angeblich zu wenig gegen Rassismus unternimmt, werden antirassistische Aktionen gegründet, wie zum Beispiel im Mai 2018 die People of Color. Sie organisieren sich selbst, setzen sich für die Rechte der Menschen ein und gehen gegen Rassismus vor. Das kommt meines Erachtens häufig in die Nähe von Selbstjustiz. Auf jeden Fall ist das eine heikle Angelegenheit. Die Gefahren solcher Vergeltungsaktionen bergen ein hohes Risiko und sind daher abzulehnen.

Gewalt gegen Beamte

Polizistinnen und Polizisten werden bei ihrer Arbeit häufig Opfer von Gewalt und Drohungen. Egal, ob gewalttätige Demonstranten, Hooligans, Kriminelle, betrunkene Randalierer oder einfach nur böswillige Menschen: immer öfter landen Polizisten nach einem Einsatz im Krankenhaus. Es muss nicht sein, dass die Exzesse schlimmer werden, wie verschiedene Medien und Politiker behaupten. Der schweizerische Polizeiverband fordert seit Jahren von der Politik eine härtere Bestrafung von Gewalttätern. Entscheidend ist dabei ein fundiertes, gerechtes Urteil. Übertreibungen bei der Darstellung von Ereignissen sind kein guter Ratgeber. Hier hilft nur, sie so zu beschreiben, wie sie wirklich stattgefunden haben. Geschieht das nicht, wird nur Hass geschürt und das Feindbild gestärkt.

Es ist angebracht, sich die Frage zu stellen, ob es nicht gerade die Menschen trifft, die in der Pflege, in der Versorgung alter und gebrechlicher Menschen, in der Sicherheit, bei der Polizei etc. arbeiten und dabei tagtäglich echte, wichtige und nachhaltige Arbeit zugunsten der gesamten Gemeinschaft leisten. Gerade sie werden von Betrunkenen oder von Leuten, die sich in Feierlaune befinden, angepöbelt und angegriffen. Oft werden den Angegriffenen gut gemeinte Auflagen oder Begleitveranstaltungen angeboten, die aber nicht wirklich motivierend sind. Die Folge ist häufig eine überdurchschnittliche Fluktuation oder längere krankheitsbedingte Ausfälle. Es lohnt sich, über diesen komplexen Zusammenhang einmal nachzudenken.

»Du Drecksau«, »Scheißbulle«, »Verpiss dich« oder »Hau ab, Dreckszivilist!« wird den Polizisten oft entgegengeschleudert, dazu zeigt man ihnen den Stinkefinger oder macht einen Handy-Schnappschuss für die Hassgalerie. Solche Beschimpfungen oder Ehrverletzungen sind in Ballungszentren Alltag. Die Menschen begegnen sich auf der Straße. Auf der einen Seite stehen Demonstranten, auf der anderen Polizisten. Als junger Polizist ist man darüber oft verblüfft und schockiert und hofft, dass es zu keiner Reaktion kommt. Danach werden solche Ereignisse zur Gewohnheit, gerade im Bereich von Extremismus oder politisch motiviertem Protest. Es kommt sogar zu gezielten Steinwürfen oder Knallpetarden. Diese letztendlich feigen Argumente machen eine normale Kommunikation unmöglich. Hier zeigt sich das Feindbild am deutlichsten.

Ich wurde selbst häufig als Scheißbulle bezeichnet. Was löste das in mir aus? In meiner Funktion als Polizist sind breite Schultern gefragt und eine gewisse Belastbarkeit. Durchgreifen bedeutet Zwang, was wiederum meistens zu kreativen Sprüchen führt. Wer die Macht oder besser die Befugnis hat, sollte auch etwas vertragen können, wie ich meine. Wenn der Beamte jede Lappalie anzeigen würde, wären die Gerichte völlig überlastet. Klare, gezielte und hinterlistige Taten und Angriffe, die Leib und Leben gefährden, müssen allerdings konsequent geahndet werden.

Ich habe in all den Jahren nie eine Klage eingereicht, habe es aber unzählige Male von Kollegen erlebt. Es muss jedem selbst überlassen bleiben, ob er gerichtlich gegen solche Angriffe vorgeht. Bei Demonstrationen ist, meiner Meinung nach, eine dicke Haut ein guter Berater. Zu groß ist die Relation von Aufwand und Ertrag bei einer Anzeige. In schlimmeren Fällen, bei denen es zu Verletzungen kommt, muss allerdings von Amtes wegen Bericht erstattet werden. Die angehenden Polizisten werden in der Ausbildung auf solche Fälle vorbereitet. Mit den drei Maßnahmen – Dialog, Deeskalieren, Durchsetzen – versuchen die Beamten, das Problem in den Griff zu bekommen. Das gelingt zwar nicht immer, wie folgender Fall zeigt.

Bei einer Kontrolle unter einer Brücke in der Stadt explodiert der Hass. Der zu überprüfende, stark alkoholisierte Mann, der darüber hinaus unter Drogeneinfluss steht, rastet total aus und greift die Polizisten an. Er wird verhaftet, ein Polizist muss mit einer Rissquetschwunde im Krankenhaus behandelt werden. Einige Tage später trifft der Polizist den Täter allein auf der Straße. Er ist nicht wiederzuerkennen, völlig entspannt, und – kaum zu glauben – er entschuldigt sich sogar. Die lieben Emotionen eben!

So etwas passiert nicht bei jeder Demonstration, aber an jeder, an der Linksextreme beteiligt sind. Die verhärteten Fronten spiegeln die Gegenpole wider. Es ist, als handle es sich um eine Revolution gegen Gesetzeshüter. Zu einer Freundschaft wird es in dieser Nische nie kommen. Das muss man einfach akzeptieren.

Demonstrationen

Unter dem Sammelbecken einer Linksextremismus-Demonstration finden wir Autonome, Eventchaoten, Krawalltouristen, Mitläufer, anlassbezogene »Eintagsfliegen« bis hin zu Gaffern, die zu Demonstranten mutieren. Die Eventchaoten zählen beispielsweise die Anzahl eingeschlagener Scheiben und betrachten dies als eine Art Wettkampf. Ist um die Ecke ein Getränkehändler, womöglich einer, der Spirituosen führt, dann wird die Gelegenheit genutzt, und man zertrümmert kurzerhand die Scheiben, um sich mit dem erbeuteten Alkohol zu stärken.

Bei eher ideologisch motivierten Demonstrationen sind häufig viele Frauen eingebunden. Wenn es hingegen um den »schwarzen Block« geht, sinkt der Anteil Frauen massiv. Nur extrem militante Frauen werfen Steine und verüben auch schon einmal einen Anschlag, wie zum Beispiel am Frauenkampftag vom 8. März oder 25. November, dem Tag der Gewalt gegen Frauen.

Die Massenproteste der Gelbwesten in Frankreich Ende 2018 zeigten, welche Macht das Volk hat. Der Präsident machte nach mehreren Wochen anhaltender Streiks deutliche Zugeständnisse zu den finanz- und sozialpolitischen Forderungen der Arbeiterbewegung. Dennoch konnte dadurch die Bewegung nicht erstickt werden, ganz im Gegenteil: Es wurde eine neue Partei gegründet, welche die Forderungen künftig auf dem politischen Parkett einbringen will. Sie soll Les Émergents– zu Deutsch etwa: die Aufstrebenden– heißen.

Der Tag der Chaoten am 1. Mai kann wieder zum Tag der Arbeiter werden, gemäß seiner ursprünglichen Bedeutung. Ich frage mich, was wohl passieren würde, wenn sich die Polizei an einem solchen Tag lediglich auf die Grundversorgung konzentrierten würde. Artet der Tag dann erst recht aus? Wenn nicht, so hätten die Chaoten kein Feindbild mehr. Schließlich werden in anderen Städten auch friedliche, bunte Umzüge abgehalten. Ein Never-Ending mit ständigen Ausschreitungen kann nicht die Lösung sein. Die arbeitende Bevölkerung demonstriert gesittet, die Autonomen halten sich zurück. Das Undenkbare wird real. Der unschöne Begleiteffekt von Demonstrationen, die Extrakosten, könnten eingespart werden.

2019 – das Jahr des Frauenstreiks

Nach dem Frauenkampftag am 8. März gingen die Wogen hoch. Grund war die von der Polizei auferlegte »Zwangsroute«, wie sie von der Bewegung genannt wurde. Die Stimmung war gereizt, wie sich an der Bahnhofbrücke zeigte. Die Frauen rissen das Absperrband weg und gingen bis an die Gitterfahrzeuge der Polizei heran, wo auch ein Wasserwerfer in Stellung gebracht worden war. Sie skandierten über eine halbe Stunde lang gegen die Routenbeschneidung. Die Polizei verhielt sich ruhig und hielt ihre Position. Schließlich gaben die Demons- trantinnen auf und wandten sich ab. Nach der Demonstration wurden auf Abfallkübeln und Straßenlampen Kleber gefunden, auf denen stand: »Polizei – nirgendwo Gerechtigkeit – wir lassen uns nichts mehr gefallen von euch.« So verdeutlichte die Frauen-Antifa-Bewegung wegen der auferlegten »Zwangsroute« ihren Groll. Die neue Stadträtin der Grünen (Rykart) wurde heftig kritisiert. Sie habe eine Zuckerbrot- und Peitsche-Taktik angewendet. Auf eine solche Haltung gebe es nur die Antwort, sich nicht spalten zu lassen, weiterzukämpfen und wild und unberechenbar zu bleiben. Das Patriarchat und der Kapitalismus seien eng miteinander verschränkt, so die Ideologinnen des Frauenprotests. Der Kapitalismus mache die Frauen zu Objekten. Wörtlich stand in der Pressemitteilung der revolutionären Frauen: »Die Schmier* schaffte es nicht, uns zu spalten. Die Bullen nutzten ihr gesamtes Arsenal, um uns einzuschüchtern, was ihnen nicht gelang. Wir zeigten uns trotz Polizeigewalt kämpferisch und lautstark.« Die Tradition, am Frauenkampftag auf die Straße zu gehen, ist ein hohes Gut aufseiten der linken Frauenbewegungen. Dies gilt es meiner Meinung nach auch zu respektieren. Allerdings darf die Demonstration nicht für Sachbeschädigungen missbraucht werden. Die gemäßigten Frauen unter ihnen sollten ein Interesse daran haben, ihre militanten Kolleginnen daran zu hindern. Vor allem, wenn es zu massiven Sachbeschädigun- gen kommt, wie 2018 geschehen. Daher gilt es auch hier, die Situation in einem 360-Grad-Spektrum zu betrachten: Wer gegen Gewalt demonstriert, sollte selbst nicht gewalttätig werden. Das klingt zwar moralisch, wird aber durchaus kontrovers diskutiert. Die Abwägung der Verhältnismäßigkeit kann hier bei der Beurteilung weiterhelfen. Wie weit gehen die Frauen bezüglich Gewalt und Militanz? Meine Erfahrung bei schweren Ausschreitungen zeigt, dass es vorwiegend junge Männer sind, die sich im militanten Block an kritischen Demonstrationen beteiligen. Frauen sind eher kreativ und sprayen oder werfen auch mal einen Farbbeutel. Wenn es um die Hartnäckigkeit und den Durchhaltewillen geht, bewegen sich Frauen mit Männern auf Augenhöhe. Sie fordern schließlich auch die Gleichstellung in allen Berufen.

Klima und Umwelt

Ich finde es sehr gut, wenn sich junge Leute Sorgen um die Zukunft machen. In vielen Ländern gehen Schüler für einen Klimawandel auf die Straße. Es gelang ihnen sogar, Politiker zu überzeugen, dass sie etwas unternehmen müssen. Die Jugendlichen demonstrierten zum Beispiel für die Ausrufung des Klimanotstands vor dem Rathaus. Der Stadtrat von Zürich wurde im Frühjahr 2019 aufgrund einer Motion* der linken Parteien aufgefordert, dass der Gemeinderat eine stringente Klimapolitik (was frech, frisch bedeutet) in die städtische Verfassung aufnehmen solle. Das wäre eine gute Sache, wie ich meine. Wer hat schon etwas gegen eine klare und nachhaltige Klimapolitik.

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