Читать книгу: «Der letzte Schluck Corona»

Шрифт:


Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- und Bildteile.

Alle Akteure dieser Geschichten sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind von den Autor*innen nicht beabsichtigt.

Copyright © 2020 (ePub) bei Edition 211, ein Imprint von Bookspot Verlag GmbH

1. Auflage

Lektorat/Korrektorat: Toby Martins, Jara Dressler

Layout: Martina Stolzmann

Covergestaltung: Martina Stolzmann

E-Book Herstellung: Jara Dressler

ISBN 978-3-95669-157-7

www.bookspot.de

Eine Art Vorwort

Corona – das spanische Wort für Krone. Corona ist kein ungewöhnlicher Nachname in Italien, Spanien, Südamerika. Und Corona ist eine beliebte Zigarren-Marke und die Bezeichnung für ein seit 1925 gebrautes, in Mexiko meistverkauftes Bier. Aber dann nennt man auch noch eine Viren-Familie so. Es gab schon viele Corona-Viren – die ersten wurden Mitte der 1960er beschrieben. Aber COVID-19 wurde zur Pandemie und hält uns global fest im Griff. Mit weltweit über eine Million Todesfällen und bei dem Ernst der Lage möchte man meinen, dass hier Humor fehl am Platz ist: Aber das Lachen über das Grauen, das Entsetzliche, den Tod hat eine lange Tradition.

Es ist nicht nur psychologisch der Versuch, das schier Unerträgliche erträglich zu machen und dem Druck des Furchtbaren zu entrinnen, es ist wie eine Reinigung der Seele.

Viel diskutiert wurde zum Beispiel Roberto Benignis Film Das Leben ist schön (1997), in dem er eine Holocaust-Geschichte als Tragikomödie erzählt. Oder Das Leuchten der Erinnerung von Paolo Virzi aus dem Jahre 2017, in dem die Krankheit Alzheimer mit einem wehmütigen Lächeln skizziert wird. Lachen und Tod sind unzertrennliche Bestandteile des Lebens. Und so ist es nicht pietätlos, COVID-19 mit einer Sammlung makabrer Geschichten zu »würdigen«. Ganz im Stil und Sinne unseres großen Vorbildes und Urvaters der Detektiv-Geschichten Edgar Allan Poe, dessen Geschichte Die Maske des Roten Todes zum ersten Mal 1842 veröffentlicht wurde – zehn Jahre nachdem eine Cholera-Epidemie über die amerikanische Stadt Baltimore hinweggefegt war.

Die Melange zwischen Bier und Seuche, zwischen Genuss und Völlerei, zwischen Lebenslust und Mordlust ist Anliegen der hier versammelten Autor*innen aus der Schweiz, aus Österreich, aus Deutschland und – last but not least – des Bremer Krimistammtisches, einer lockeren Verbindung von Menschen unter der Ägide von Jürgen Alberts, die dem Schreiben von Kriminalgeschichten huldigen. Mit schwarzem Humor und einem Glas oder einer Flasche in der Hand nehmen die Autor*innen den Schrecken unserer Tage aufs Korn. Eine Geschichte ist hier allerdings eine Ausnahme, sie kommt ohne Humor und überraschenden Plot-Twist aus, denn Gesine Reichstein hat sich eines tatsächlichen Falls angenommen und den 43 Student*-innen der Escuela Normal Rural »Raúl Isidro Burgos« ein Denkmal gesetzt, die am 26. September 2014 in Iguala, Mexiko, entführt und ermordet wurden, ohne dass alle ihre Täter je gefasst und der Gerichtsbarkeit überstellt wurden. Ihre deutsche Protagonistin jedoch ist so fiktiv wie die Figuren in dieser Anthologie. Auch andere Autoren rekurrieren auf historische Ereignisse, obwohl diese nicht im Mittelpunkt stehen, wie in den Geschichten von Jürgen Ehlers und Reinhold Friedl. Letzterer hebt übrigens auch ein weiteres Bier hervor: Tsingtao aus China, das aus deutscher Brautradition stammt, wenn dies auch die unrühmlichen Tage der deutschen Kolonialherrschaft waren.

So liegt hier eine Sammlung von Kriminalgeschichten voll von schwarzem Humor vor, die auch bei einem Glas Wein genossen werden kann – und alles in der Hoffnung, diese Pandemie baldigst in den Griff zu bekommen und voll der düsteren Ahnung, dass COVID-20 schon um die Ecke schielt. In diesem Sinne: PROST!

Toby Martins, Bremen im Herbst 2020

Marita und Jürgen Alberts
Unter dem Aromen-Baum

Ein Krimi in vielen Stimmen


Das war ein schöner Abend.

Schön nennst du das?

Mit diesem Ende hätte keiner rechnen können.

Ich schon.

Ach ja. Und wieso?

Weil ich sofort was gespürt habe, als Markus uns die Haustür öffnete …

Markus war wie immer.

War er nicht. Er hatte einen geröteten Kopf und hyperventilierte.

Du übertreibst, Magrit.

Markus war neben der Spur, Thomas. Hab ich gleich gesehen. Und wie er uns seine Perdita vorstellte. Junges Gemüse, hübsch mit ihren langen, schwarzen Haaren, dazu auch noch clever … Und er führt sie uns vor wie ein …

Na was?

Das sag ich jetzt nicht.

Ich wollte nicht zu Markus’ Geburtstagsfeier, 50 Jahre. Ist ein Wendepunkt, ab jetzt laufen die Uhren rückwärts. Final countdown. Aber Markus hat am Telefon so gedrängelt. Es sei ja nicht nur sein Fünfzigster, nein, es gebe auch noch eine veritable Überraschung. Und dann hat mich Magrit bearbeitet. Ich solle doch mal an die Feier zum 30-jährigen Abitur denken. Wäre doch ein wundervolles Wiedersehen gewesen. Markus sei ein so amüsanter Gesprächspartner. Ich hatte fast den Eindruck, dass er an dem Abend mit meiner Magrit geflirtet hat. Naja, irgendwann gingen mir die Argumente aus, no defense left, und wir sind zu Markus gefahren.

Als wir in die Wohnung kommen, sehen wir Henny und seine Frau Elfie. Der stattliche Herr Professor, alte Schule, mit Schmiss auf der rechten Wange, allzu lautstark für meinen Geschmack. Die beiden stehen etwas verloren mit einem halb geleerten Sektglas in der Hand vor dem Esstisch und warten, dass sie platziert werden. Ihr könnt euch setzen, wohin ihr wollt, sagt Perdita, wir haben keine festgelegten Plätze. Henny wendet sich an Markus und prustet los: Du hast dich ja mächtig verändert, wozu so ein Geburtstag doch gut sein kann.

Das Essen war exquisit, superb, ein wirklicher Genuss.

Sie haben es von einem Caterer kommen lassen, muss ein Vermögen gekostet haben, schon die reichliche Portion Beluga Kaviar …

Aber der Nachtisch stammte von Perdita, aus ihrer spanischen Heimat, crema catalán, den hat sie selbst gemacht.

Du glaubst auch alles, Thomas. Ich habe das Puddingpulver rausgeschmeckt, obwohl die crema ziemlich mit Sherry getränkt war.

Elfie hat nichts von dieser köstlichen Verführung gegessen, sie vertrage keinen Zucker. Perdita wollte ihr schnell etwas Obst aufschneiden, aber Elfie lehnte ab. Zu ihren Unverträglichkeiten gehöre auch Fruchtzucker. Wenn ich das gewusst hätte, erwiderte Perdita entschuldigend. Kann man nicht wissen, gab Elfie patzig zurück.

In dem Moment spitzte ich die Ohren. War Elfie auf die junge Frau eifersüchtig? Passte es ihr nicht, dass die Halb-Spanierin ihr die Show stahl? Elfie trug einen teuren Fummel von Gaultier, den ich ein paar Wochen zuvor in der ›Elle‹ gesehen habe. Perdita trug ein weiß-schwarzes Kleid von Adolfo Dominguez, wie sie mir in der Küche verriet. Das sei ihre Marke, schon seit Jahren. Ich habe mitbekommen, wie Henny seine Elfie anblaffte.

Kannst du wenigstens heute Abend deine spitze Zunge im Zaum halten.

Wieso? Ich hab doch gar nichts gesagt.

Da machen sich unsere Gastgeber so viel Mühe mit diesem wundervollen Menü und du reitest auf deiner Zuckernummer rum.

Ich vertrage nun mal keinen Zucker.

Aber jede Menge Aufmerksamkeit.

Halt dich zurück, Henny! Sonst gibt es ein Debakel.

Markus steht auf, klopft an sein Glas. Er will eine Rede halten, kommt aber nach wenigen Sätze ins Stocken. Wie früher, wenn er im germanistischen Seminar vor sich hin stotterte. Alle Augenpaare richten sich auf Markus, das Geburtstagskind.

Ich habe mir Perdita angesehen, wie sie strahlte. Ab und zu lächelte sie Henny verschmitzt an. Welchen Härtegrad hatte dieses Lächeln? Wollte sie etwas weglächeln? In diesem Augenblick ahnte ich, der Abend wird böse enden.

Markus setzt noch einmal an und spricht von der kleinen Überraschung heute Abend: Perdita und ich, wir waren vor drei Wochen auf dem Standesamt. Dieser Markus, wer hätte ihm das zugetraut? So eine tolle Frau als Freundin, ja, ok. Kann mal passieren, aber gleich heiraten? Dieser Markus, mit seiner halbgaren Unikarriere, hat es wenigstens bis zum Mittelbauern geschafft, während Henny die Leiter ganz nach oben gefallen ist, un barone, wie man in Italien sagt. Er soll im Rennen um das Rektorat an der Gießener Uni sein. Ganz aussichtsreich sogar.

Hat er ja geschickt angestellt, zum Geburtstag einladen, um dann mit seiner Neuerwerbung zu protzen. Das war ein herber Schlag für Henny. Der hat gesessen. Konnte ich an seinem Gesicht ablesen. Der kleine Mittelbauer zeigt dem großen Boss: Schau her, ich kann mir so ein … ach, das wollte ich ja nicht sagen.

Sag es ruhig, Magrit, wenn es dir Spaß macht.

Markus hat halt Glück gehabt. Schon bei der Feier zum 30-Jährigen ließ er durchblicken, dass er zu haben ist.

Du musst es wissen, hast ja lange genug mit ihm herumpoussiert.

Da war nix, und wenn schon … Du hättest auf jeden Fall nicht diese Frage stellen dürfen?

Welche Frage?

Ha, die Frage, wo und bei wem Perdita studiert hat.

Was war schon dabei?

Das brachte den Stein ins Rollen. Man muss doch nur eins und eins zusammenrechnen.

Und erhält einen flotten Dreier. Du meinst …

Genau das. Gleicher Studienort, gleiche Fakultät. Gleiche Spezialgebiete. Sie war nicht nur seine Studentin. Wie die beiden sich angestarrt haben, ich dachte, da explodiert bald ...

›Der Gott des Gemetzels …‹

Was?

›Die Zimmerschlacht.‹

Was hat das jetzt …

Wer hat Angst von Virginia Woolf?

Ach so.

Wenn ich euch ins Nebenzimmer bitten darf, sagt Markus und macht die Schiebetür auf. Wir schauen uns verdutzt an, really puzzled, wie mein Freund Trevor aus York immer sagt. Auf dem Tisch stehen Flaschen, die in Silberpapier eingewickelt sind. In der Mitte eine große Glasschale. Wir machen zur Feier des Tages ein Craft-Bier-Tasting, verkündet Markus und weist uns die Plätze an.

In Bier ist doch Zucker drin, sagt Elfie.

Halt dich zurück, fährt Henny sie an. Scheint kein leichtes Leben mit so einem Stinktier zu sein. Magrit, was hast du nur für ein Glück mit mir.

Markus beginnt mit einem kleinen Vortrag: Bier ist nämlich nicht gleich Bier, es ist eine Delikatesse. Craft-Biere zeichnen sich durch vielfältige Aromen aus. Die Brauer verwenden ausgesuchte Rohstoffe und kombinieren diese, bis ein einzigartiger Geschmack entsteht. Dadurch werden unzählige Kreationen und sogar neue Bierstile geschaffen.

Und dann sagt Markus: Wir probieren gleich mal die erste Runde. Die Schale in der Mitte dient dazu, den Probeschluck wieder abzugeben, sonst werden wir zu schnell betrunken.

Henny grätscht dazwischen: Aus Weingläsern? So machen es die Kenner, erwidert Markus.

Markus ist in seinem Element und doziert ausgiebig. Jedes Bier-Tasting beginnt mit dem Äußeren des Bieres: Wir beachten die Farbe, die Blume, und gehen dann langsam zum Geruch und Geschmack über.

Unser erstes Bier trägt den schönen Namen: Sissy. Spielt übrigens nicht nur auf die österreichische Kaiserin an, sondern Sissy heißt im Englischen Memme, Feigling.

Du Klugscheißer, geht Henny dazwischen, als ob wir das nicht wüssten.

Markus fragt uns, wonach dieses Indian Pale Ale schmeckt. Und er beantwortet die Frage selbst: Dieses Bier hat Noten von Mandarine, Grapefruit, einen Anflug von Vanille und Himbeeren in der Nase sowie eine massive Bitterkeit und eine Schippe Rauch im Geschmack.

Geht’s noch, Markus, wo hast du denn diesen gequirlten Quatsch aufgeschnappt? Sissy ist süffig! Mehr interessiert mich nicht. Ich nehme gleich noch eine Füllung. Von wegen ausspucken. Er schnappt sich die Flasche …

Igitt, unterbricht ihn Elfie. Eine Schippe Rauch im Geschmack, da kann ich mir ja gleich eine Kohlenmonoxid-Vergiftung verpassen.

Hast du noch mehr solcher Juwelen, fragt Henny, der auch den Rest der Flasche in sein Glas gießt. Er gökst vernehmlich, und lässt den Rülpser in ein lautstarkes Prost übergehen.

Perdita lacht und wieder strahlt sie Henny an. Das war nicht nur ein One-Night-Stand, die beiden hatten in Gießen eine Amour fou. Komisch, dass Elfie das gar nicht schnallt. Aber sie ist mit ihrem Zuckerdebakel beschäftigt.

Gibt’s noch was zu trinken, fragt Henny, oder war’s das schon? Markus läutet die nächste Runde ein. Ein Basalt Bock, hat 7,7% Umdrehungen, aufgepasst …

Schmeckt bestimmt nach Basalt, zischt Elfie.

Richtig, Frau Professor, sagt Markus. War ja wohl nicht so schwer, fährt Henny dazwischen. Perdita, was meinst du zu diesem erhellenden Abend über die dunkle Seite des Bieres?

Perdita lacht, lässt die Frage aber unbeantwortet.

Markus erklärt, was die anderen schmecken sollen. Basalt Bock gehört zu den Steinbieren. Einheimische Basaltsteine werden auf 800 °C erhitzt und in den Sud gelassen. An den heißen Steinen karamellisiert der Malzzucker und bildet eine feine …

Zucker, hab ich doch gesagt. Gibt’s hier keinen Wein? Elfie findet kein Gehör.

Henny trinkt noch einen Schluck und noch einen und sagt dann, das Basalt-Bier würde nach Laternenpfahl ganz unten schmecken. Wie bitte, kontert Markus ziemlich laut. Schmeckt nach Hund, was meinst du Perdita?

Markus hat sich sehr viel Mühe gemacht, uns einen besonderen Abend zu bereiten. Jetzt lass ihm doch die Freude.

Angelesener Quark, zischt Henny.

Gibt es auch ein Bier ohne Zucker, will Elfie wissen.

Kommen wir zur nächsten Runde, sagt Markus und lässt sich von den Zwischenrufern nicht aus dem Takt bringen. Neben dem Geruch und Geschmack des Bieres ist auch der Bierschaum, also Volumen, Stabilität und Größe der Luftbläschen ein Beurteilungskriterium. Deswegen muss beim Einschenken das Glas schräg gehalten werden.

Das sind ja Neuigkeiten, Markus, du überraschst uns immer wieder. Ich hätte die Flasche senkrecht ins Glas ausgeleert. Was für ein Bier gibt’s denn in der dritten Runde? Oder ist schon jemand k. o.? War das nicht der Titel eines Boxerromans »K. o. in der dritten Runde«? Wer war noch der Autor? Dieser Mörder aus Wien. Jack Unterweger. Den kennt ihr nicht, oder? Der Professor in seinem Element, wenn er anderen seine Überlegenheit beweisen kann, dann gib ihm, aber feste.

Wart’s nur ab, Henny, mal sehen, ob du dieses Bier überstehst, sagt Markus mit einem breiten Grinsen. Das hier nennt sich Imperial Coffee Chocolate Cream Stout. Aha, sagt Henny, der schon leichte Schlagseite hat, jetzt kommt der Nachtisch. 9,3%, fügt Markus an.

Abgefahren, sagt Elfie. Schmeckt nach Kaffee und Chocolate, das rieche ich ohne einen Schluck nehmen zu müssen.

Es ist ein starkes, schweres, schwarzes Stout mit der würzigen Noten von Arabica-Bohnen und mit einer sanften Schokoladigkeit aus peruanischen Kakaonibs. Diese Aromen kommen beide vom Malz. Henny hält sein Glas hin und sagt: Das Wort Schokoladigkeit hätte ich dir in einem Referat angestrichen und an den Rand geschrieben: unbeholfen. Nicht wahr, Perdita?

Jetzt hör endlich auf, mit dieser Frau zu charmieren, das geht mir echt gegen den Strich. Die hat doch überhaupt keine Ahnung von Bier oder Männern.

Was soll das nun wieder heißen, Elfie? Ich weiß schon …

Was weißt du, Henny? Meinst du, ich hätte keine Augen und Ohren …

Können wir zum Bier-Tasting zurückkommen, versucht Markus die Wogen zu glätten. Wir sind auch bald zu Ende.

Wird aber auch Zeit, Markus, zischt Elfie. Ihre Einwürfe lassen an Schärfe nichts zu wünschen übrig.

In der Tat gibt es Biere, die nach Krankenhaus und nach Pflastern riechen. Diese Aromen kommen von der Hefe und dem meist höheren Alkoholgehalt des Bieres. Dadurch entsteht ein an Phenol erinnernder Geruch.

Das will ich probieren, sagen Henny und Elfie, fast gleichzeitig. Ein Krankenhaus-Bier, her damit, trompetet Henny, und auch was für Zuckerkranke, setzt Elfie nach.

Nein, nein, soweit wollte ich dann doch nicht gehen, antwortet Markus, wir begnügen uns mit … halt, vorher noch etwas, was die Aromen angeht: Da gibt es Biere, die nach Seife schmecken, nach Tabak, nach Leberwurst, nach Salami, nach Teer, nach Heu, nach Obstkuchen …

Ich will Obstkuchen, ruft Elfie. Obstkuchen, Obstkuchen, bitte jetzt sofort. Sie ruft hysterisch nach dem Kuchen-Bier.

Henny hält seiner Frau schnell den Mund zu.

Lass es gut sein, Markus, sagt Perdita, du wirfst hier Perlen vor die …

Säue, sag es ruhig, Perdi. Wir sind alles Banausen, tumbe Trinker, ignorante Säufer …

Das hab ich nicht gemeint, Henny. Ich wollte nur Markus den Abend nicht verderben, er hat so lange an diesem Thema geforscht.

Gesoffen, meinst du, Perdi, hat sich einen reingetan und behauptet, er würde was erforschen oder für die Wissenschaft, was weiß ich … Nur, dass es jetzt gar nichts mehr zu trinken geben soll, finde ich … Kommt schon, erwidert Markus, keine Sorge. Er nimmt eine von den silbern eingepackten Flaschen und schenkt dem Herrn Professor ein volles Glas ein. Der leert es umgehend und fordert den Mittelbauern auf nochmals einzuschenken.

Willst du dir mal wieder die Kante geben?, fragt Elfie ihren Mann.

Das bestimme immer noch ich.

Aber so lasse ich dich nicht mehr ans Steuer.

Es gibt Taxen, jede Menge Taxen. Henny lallt vor sich hin.

Plötzlich geht das Licht aus, ein Vorhang wird zur Seite gezogen und an der Wand erscheint ein großes Bild. Überschrift: Der Bier-Aromen-Baum. Auf schwarzem Grund ist ein Stammbaum zu sehen. Aus dem Wasser, dem Körper des Bieres, führen Linien. Zum Hopfen, der Würze des Bieres – zum Malz, der Seele des Bieres – zur Hefe, dem Geist des Bieres. Daraus entstehen weitere Linien, die zu den einzelnen Noten führen: Grüner Apfel, Flieder, Klebstoff, Kohlgemüse, Schwefeldioxid …

Ein lautes Aufstöhnen. Henny kippt mit dem Stuhl nach hinten und schlägt mit dem Kopf auf dem Parkettboden auf.

Perdita ist als Erste bei ihm. Henny, bist du …

Markus schaltet das Licht wieder an. Hat er was abgekriegt? Er kippelte ja schon früher gerne auf den Hinterbeinen des Stuhles.

Keine Angst, mein Henny steht schon wieder auf. So leicht haut den nichts um, sagt Elfie und schiebt Perdita zur Seite.

Markus zieht den Vorhang wieder zurück und lässt so den Bier-Aroma-Baum verschwinden. Das Beste kommt zum Schluss, sagt er und schenkt eine weitere Runde ein. Henny würdigt er keines Blickes.

Wenn Biere töten könnten. War das nicht dein Spruch, Thomas? Auf der Rückfahrt von diesem denkwürdigen Geburtstagsfest. Aber da wussten wir ja noch nicht, was wirklich passiert war.

Die gerichtsmedizinische Untersuchung ergab, dass der Verstorbene einen Alkoholwert von 1,5 Promille aufwies und dass einem der Biere ein Alkaloid des Oleanders beigemischt wurde. Ob das aber eine ausreichende Erklärung für das plötzliche Ableben des Professors Henny Wassermann war, konnte abschließend nicht geklärt werden.

Marita und Jürgen Alberts, beide Jahrgang 1946, leben und schreiben in Bremen. Ihre Spezialität sind Krimi-Duette, die sie in vielen Anthologien veröffentlicht haben. Auf ein Mord (KBV-Verlag) und Es muss nicht immer Mord sein (Edition Falkenberg) – so lauten die Titel ihrer gesammelten Kurzgeschichten. Außerdem haben sie gemeinsam acht Reiseromane verfasst.

Jürgen Alberts hat fast 50 Romane verfasst, in den Genres Kriminalroman, historischer Roman, Familiensaga.

Mehr dazu unter www.juergen-alberts.de

Manfred Baumann
Das schlägt dem Fass die Krone aus


D

ragoner?« Er schüttelte sein wuchtiges Haupt. Hätte Gustav Schaum noch ein paar seiner dunkelgrauen Haare statt seit Jahren eine Glatze, wären die Strähnen wohl nach allen Seiten geschwirrt. »Was meinst du mit Dragoner?«

Die Frau verschloss die Tasche mit den Instrumenten.

»Corona!« Sie erhob sich aus der Hocke. Ihr Blick war spöttisch. »Ich sagte ›Corona‹.«

Jetzt kapierte der Polizist gar nichts mehr. ›Dragoner‹ hätte er noch halbwegs einordnen können. Das hatte irgendetwas mit alten Kavalleriesoldaten zu tun. Aber was hatte sie in ihrer hingenuschelten Bemerkung mit ›Corona‹ gemeint?

»Bezieht sich das auf unseren Toten?« Er wies mit der Hand auf die Leiche. »Ist das wieder so ein Fachausdruck, den ich dann in deinem Bericht finde und ohnehin nicht verstehe?«

Sie kniff ihm in die Wange. »Nein, mein Lieber. Ich sagte: Donna buona vale una corona.«

Ach Gott! Wieder so ein verrücktes italienisches Zeug! Seit Frau Dr. Tabea Himmler vor fünf Monaten zum zehnjährigen Jubiläum als Gerichtsmedizinerin einen Volkshochschulkurs geschenkt bekommen hatte, nervte sie ihre Umgebung ständig mit irgendwelchen hingedroschenen italienischen Brocken.

»Und was heißt das?«

Sie bückte sich nach der kleineren Tasche, hob auch diese hoch. »Corona bedeutet Krone, mein Lieber. Donna buona vale una corona ist eine in Italien beliebte Redewendung und heißt sinngemäß: Eine gute Frau ist eine Krone wert.« In seinem kahlen Schädel dämmerte es allmählich.

»Verstehe. Und mit dieser donna buona meinst du natürlich dich selbst.«

»Esatto, signor commissario! Ich bin nicht nur buona sondern sogar noch bravissima. Denn ich habe jetzt schon einen entscheidenden Hinweis für dich. Ich gehe davon aus, dass der Tod tatsächlich durch Aspiration eintrat.«

Zumindest diesen Begriff verstand er.

»Er ist also ertrunken.«

»Ja.« Sie wies mit der Hand zum großen goldfarbenen Bottich. »Aber bevor er in dieser Brühe ersoff, hat man ihm vermutlich eine über den Schädel geknallt. Die Schwellung ist längst zurückgegangen, kaum noch zu sehen. Aber man kann sie noch feststellen. Zumindest wenn man eine donna buona ist.« Sie wandte sich grinsend zum Gehen.

»Womit hat man ihm eine verpassst?«

»Genaueres erfährst du, wenn ich ihn auf dem Tisch habe.« Sie zwinkerte ihm zu und rauschte davon.

Gustav Schaum stöhnte. Corona? Krone? Er befand sich in einer Brauerei und er hatte hier eine Leiche liegen. Da hätte er selbst wohl zu einer anderen Redewendung gegriffen. Das schlägt dem Fass die Krone aus! Oder so ähnlich. Oder heißt es Boden? Egal! Er blickte zum großen Metallbottich. Kann man dieses Ungetüm überhaupt als Fass bezeichnen? Wozu dient dieser eigenartige Kessel? Zur Gärung? Zur Lagerung? Er hatte keine Ahnung von den geheimnisvollen Vorgängen in einer Brauerei. Was ihn am Brauvorgang allenfalls interessierte, war das Ergebnis. Im Glas oder im Krug. Und einen ordentlichen Schaum musste man sehen. Das war er schon seinem eigenen Namen schuldig. Er wandte sich um.

»Flick!!!«, brüllte er. Sofort erschien ein junger Mann an der großen Eingangstür und eilte auf ihn zu. Er hatte abstehende Ohren. Wie kleine Propeller.

»Zur Stelle, Herr Kommissar.«

»Mich interessiert als Antwort jetzt nur ein lautes ›Ja!‹ Verstanden?«

Der Kriminalassistent blickte unsicher zu seinem Vorgesetzten.

»Also, Flick. Haben wir schon den Täter?«

Die Röte im sommersprossigen Gesicht von Kriminalassistent Phileas Flick nahm zu. »Leider nein … also, äh, kein Ja, Herr Kommissar.« Er tippte auf sein Tablet.

»Aber ich konnte bereits ein paar wertvolle Details ermitteln.«

»Sie hatten auch über eine Stunde Zeit«, bellte sein Gegenüber. »Also, Zusammenfassung. Von Anfang an! Und das hopp, hopp.« Assistent Flick wischte zitternd über sein Tablet.

»Name des Toten, Andreas Wuggler. Alter 37. Ledig. Seit drei Jahren in der Firma.

Funktion in der Brauerei: CICDO.«

Der Ermittlungsleiter stierte ihn verständnislos an.

»Äh, das ist eine Abkürzung, Herr Kommissar, und heißt Chief Innovation and Culture Design Officer.«

»Und das bedeutet …?«

»Äh …«, die rote Färbung im Gesicht des jungen Assistenten wurde noch stärker. »Das … äh … weiß ich leider nicht. Äh, noch nicht. Aber ich werde dem selbstverständlich umgehend …« Der Kommissar wies mit barscher Geste zur Leiche. »Und wer hat den toten … Chiefdingsda gefunden?«

Immerhin das konnte der Kriminalassistent beantworten. Und zwar in allen Details. Eifer kroch in seine Stimme. »Ein Herr Schromm, Adalbert. Seit 49 Jahren und fünf Monaten im Betrieb. Steht kurz vor der Pensionierung. Herr Schromm begann hier schon als Lehrling, war dann über Jahrzehnte Bierausfahrer. Jetzt bekleidet er den Posten eines Hausmeisters. Ich habe ihn schon herbestellt. Er wartet draußen auf Sie, neben dem Eingang zur Halle 4.«

»Sonstige Zeugen?«

»Bis jetzt noch keine, Herr Kommissar.«

Wäre auch zu schön gewesen!, dachte Schaum. Fange ich halt mit diesem Schromm an. Und dann mit Fragen sich durch die Belegschaft ackern. Die übliche Tour eben.

»Flick, Sie warten hier, bis die Spurensicherung fertig ist. Alles genauestens absuchen! Dann lassen Sie den Toten in die Gerichtsmedizin bringen. Und das hopp, hopp! Verstanden?«

»Jawohl, Herr Kommissar.«

Adalbert Schromm war um einiges älter als er, trug dichtes weißes Haar. Der steht also kurz vor der Pensionierung, dachte Gustav Schaum. Und wann war er selbst soweit? In einer halben Ewigkeit! Er hatte vor einigen Jahren die Leitung der Mordermittlung übernommen. Er hatte sich nicht danach gedrängt. Es war halt kein anderer da. Immerhin gab es höhere Zulagen und auch sonst mehr Kohle auf dem Konto. Zu irgendetwas musste die Rackerei ja gut sein.

»Guten Tag. Ich bin Kommissar Gustav Schaum. Ich leite die Ermittlungen.« Die Vorstellung klang wie ein drohendes Bellen. Der alte Mann reichte ihm dennoch freundlich die Hand. Er hatte um 6:00 Uhr seine erste Runde über das Gelände gemacht, wie immer. Da sei ihm die halb geöffnete Tür aufgefallen. Er habe nachgeschaut und dabei den Toten entdeckt.

»Im Bottich. Oder wie nennt ihr dieses Metallding? Kessel? Fass?«

»Sagen Sie, wie Sie möchten, Herr Kommissar. Dann passt es schon.«

Der Polizist wechselte wieder zu bellendem Tonfall.

»Ich nehme an, Sie kannten Herrn Andreas Wuggler gut. Immerhin sind Sie schon seit fast 50 Jahren in diesem Betrieb.«

»André.«

Der Kommissar verstand nicht. »Was meinen Sie?«

»André. Er wollte von allen André genannt werden.«

»Aha. Und warum?«

Der Hausmeister zuckte mit den Schultern. »Dazu können Ihnen sicher andere aus unserem Betrieb mehr erzählen.«

»Ist Ihnen sonst etwas heute Morgen aufgefallen? Haben Sie jemanden in der Nähe gesehen?« Der Weißhaarige schüttelte den Kopf.

»Gut, Herr Schromm, das war’s fürs erste.« Jetzt anschnauzen, beschloss er, damit der Kerl weiß, mit wem er es zu tun hat. »Sie rühren sich nicht von der Stelle, halten sich gefälligst zu unserer Verfügung.« Er machte auf den Absätzen seiner neuen Schuhe kehrt und stapfte davon. Der alte Mann blickte ihm lange nach.

Gustav Schaum schnaubte. Der Mann würde keine große Hilfe sein. Wahrscheinlich hatte der alte Hausmeister auch gar keine Ahnung, was hier im Betrieb vor sich ging. Schaum stoppte, sah sich um. Gleich hinter den modern gestylten Hallen waren noch die Reste alter Gemäuer zu erkennen. Wenn er sich recht erinnerte, war diese Brauerei über Jahrhunderte Teil einer Benediktinerabtei gewesen. Der Name ›Kronenbronn‹ prangte auch jetzt noch auf den Etiketten der Flaschen. Seit die alte Klosterbrauerei vor einigen Jahren von einem internationalen Konzern übernommen worden war, hatte man das Angebot verändert. Jetzt wurden hier Biere mit exotischen Geschmacksrichtungen angeboten. Irgendwas mit Früchten oder Gewürzen. Er trabte weiter, folgte dem großen Hinweisschild mit dem Schriftzug ›Direktion. Verwaltung. Kaufmännische Leitung.‹ Die Fragerei war noch mühsamer, als erwartet. Es gelang ihm zwar, einige Hinweise zu bekommen. Von manchen der Befragten wurde er richtiggehend überschüttet mit angeblich immens wichtigen Beobachtungen. Das Blöde war nur: Es passte nichts zusammen. Totaler Widerspruch. Also eine Qual. Wie immer. Doch dann, ein Lichtblick. Der Lichtblick war knapp einen Meter sechzig groß, trug ein schlicht geblümtes Kleid, hatte graue Haare und saß in der Buchhaltung. Hannelore Bibler las er auf dem Namensschild. Frau Bibler war schon an die vierzig Jahre im Betrieb, würde demnächst in Rente gehen. »Ja, das mit André stimmt, Herr Kommissar. Herr Wuggler hat gleich bei seinem Einstieg in unseren Betrieb das vorgefertigte Schild mit ›Andreas‹ abmontieren und ersetzen lassen. Jetzt stand da ›André Wuggler. CICIDO‹.«

So ganz hatte ihm das bisher noch keiner erklären können, welcher Sinn sich hinter diesem Buchstabegewirr verbarg. Zumindest niemand von den älteren Mitarbeitern. Und die jungen, die seit der Übernahme durch den Crallbeken Konzern hier offenbar das Sagen hatten, waren derzeit fast alle auf einem viertägigen Get-together-Meeting. Herr Wuggler kümmerte sich um die Kreation neuer Biersorten. So viel hatte er zumindest verstanden. Und um die Strategie, wie man die neuen Sorten am gewinnbringendsten bezeichnete, bewarb und vertrieb.

»Er ließ es sich also lieber André nennen, unser Herr Wuggler. Besonders auch von den Damen.«

Von den Damen? Hatte er da eben einen spöttischen Klang in Frau Biblers Stimme wahrgenommen? Er war sich nicht sicher.

»Hatte Herr Wuggler eine besondere Beziehung zur Damenwelt? Auch innerhalb des Betriebes?«

Sie strahlte ihn mit einem Ausdruck reinster Unschuld an.

»Viele werden Ihnen gewiss bestätigen, dass Herr Wuggler durch sein Auftreten auf Damen schon eine gewisse Wirkung erzielte. Er war ein ›Charmeur‹, werden Sie hören.« Ihre Augen begannen zu funkeln. Die Miene vermittelte immer noch die reinste Unschuld. »Würden Sie allerdings mich fragen, Herr Kommissar, und wäre ich ein Lästermaul, dann würde ich sagen: Er war ein schamloser Weiberer und hinter jedem Rockzipfel her. Auch in diesem Betrieb, von unserem Lehrmädchen im ersten Ausbildungsjahr bis zur Frau des Chefs.«

Gustav Schaum stutzte. »Des Chefs? Sie meinen Betriebsleiter Roland Drexel?«

»CEO, Herr Kommissar, Chief Executive Officer. Ja, den meine ich. Er ist zurzeit ebenfalls beim Get-together-Meeting in der Hauptzentrale.«

»Zusammen mit seiner Frau?«

»Frau Polina Drexel ist nicht mitgefahren. Sie blieb hier. Sie ist unsere Marketingchefin.«

»Kann ich Frau Drexel sprechen? Ist sie heute im Betrieb?«

»Das entzieht sich leider meiner Kenntnis.«

»Er war also ein schamloser Weiberheld?«

Sie strahlte ihn an. »Sie haben mich gewiss falsch verstanden, Herr Kommissar. Das würde ich behaupten, wenn ich ein Lästermaul wäre. Aber selbstverständlich bin ich das nicht.« Sie zwinkerte ihm zu. Die Frau gefiel ihm. Er quittierte das Zwinkern mit einem Lachen. Es hörte sich an, als rolle ein alter Felsbrocken in einem leeren Bierfass. Er schob sich vom Stuhl hoch, bedankte sich.

Nein, Frau Drexel sei heute nicht im Büro erschienen, erfuhr er wenig später. Nein, von Auswärtsterminen sei nichts bekannt. Er bat die verantwortliche Sekretärin, die Marketingchefin zu erreichen und ihm dann Bescheid zu geben. Dann machte er sich auf den Weg zum Sudhaus, um mit einigen Technikern zu reden. Aber auch da erfuhr er nichts Wesentliches. Und dass es der Gruppe aus vier Herren und zwei Damen eben gelungen war, einen wesentlichen Fortschritt in der Energierückgewinnung für das Würzekochen zu erzielen, interessierte ihn wahrlich einen feuchten Dreck. Auf dem Rückweg bemerkte er, dass Adalbert Schromm immer noch neben dem Eingang zur Halle 4 wartete. Sie rühren sich nicht von der Stelle. Das hatte Schaum natürlich nicht wortwörtlich gemeint. Vielleicht hätte er den Alten nicht so anschnauzen sollen. Er steuerte auf den Hausmeister zu.

»Hallo, Herr Kommissar. Wie ich sehe, waren Sie eben bei unseren Technikern im Sudhaus.« Schaum versuchte eine halbwegs freundliche Miene aufzusetzen.

»Ja, und jetzt weiß ich alles über das Würzekochen.«

»Und zum Hergang des schrecklichen Unglücks? Wissen Sie dazu auch etwas?«

»Leider noch nichts Genaues. Dafür weiß ich aus dem Gespräch mit den Technikern, was sich in dem Behälter befindet, in dem Sie die Leichen fanden. Sweet Foam. Eine neue Marke. Bier mit Lakritzegeschmack.«

Die Augen des alten Hausmeisters weiteten sich ein wenig. »Ja, das wird dann wohl stimmen.«

»Also mein Geschmack wäre das nicht«, knurrte Schaum. »Lakritze! Pfui Teufel! Aber wie man mir sagte, habt ihr hier auch Bier, das nach Pfeffer schmeckt. Das hat sich alles Herr Wuggler ausgedacht, wie ich erfuhr. Auch Biere, die nach Erdbeere schmecken, nach Schokolade, Vanille, sogar nach Leberwurst! Bähhh. Ich mag nur Bier, das nach Bier schmeckt. Hefe, Malz, Wasser, Hopfen.« Er wies mit dem Arm in die Runde. »So wie es diese alte Klosterbrauerei über Jahrhunderte geschaffen hat.« In den Augen des Hausmeisters begann es zu leuchten. »Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Vielleicht besuchen Sie mich einmal, Herr Kommissar. Ich habe noch ein Fass altes Klosterbräu Kronenbronn im Keller.«

»Gerne.« Er klopfte dem alten Mann auf die Schulter. »Sobald ich den Fall abgeschlossen habe. Und jetzt, Herr Schromm, können Sie wieder Ihrer Arbeit nachgehen und sich gern überall frei bewegen.« Dann trottete Gustav Schaum davon. Der Hausmeister blickte ihm lang nach.

»Herr Kommissar!« Es war der Ruf des Assistenten, der Schaum stoppte.

Der junge Mann eilte auf ihn zu. Ein Leuchten im Gesicht. Ist das jetzt der Durchbruch?, schoss es Schaum durch den Kopf. Lieferte sein grinsender Mitarbeiter mit dem grässlichen Vornamen jetzt den entscheidenden Hinweis? Phileas Flick bremste vor ihm ab. »Herr Kommissar. Ich habe einen Zeugen. Der sagt aus, er habe gestern erst gegen 23:00 Uhr das Büro verlassen. Dabei bemerkte er eine Frauengestalt, die auf das Gebäude zuging, in dem später der Tote lag.«

»Hat er die Frau erkannt?«

»Er ist sich nicht sicher. Es könnte vielleicht die Marketingchefin gewesen sein. Ihr Name ist …« Er zückte das Tablet. »Einen Moment …«

»Polina Drexel«, knurrte Schaum. Der Assistent blickte erstaunt auf seinen Chef.

»Kommen Sie Flick, hopp, hopp!«

Dann ging alles sehr schnell. Nein, sie habe Frau Drexel leider noch nicht erreicht, zirpte die Sekretärin. Die Polizisten ließen sich die Adresse geben. Zwanzig Minuten später erreichten sie die Villa. Sie stürmten eben die Steinstufen zum Eingang hinauf, als ein Auto durch die Einfahrt schoss. In dem schwarzen Porsche saß eine blonde Frau. Als sie die beiden Beamten mit dem Polizeiauto bemerkte, bremste sie abrupt.

Schon machte sie im Sportwagen kehrt. »Los, Flick, hinterher!«

Der Porsche erhöhte das Tempo. Doch sie ließen sich nicht abschütteln. Im kleinen Waldstück schlossen sie sogar ein wenig auf. Den entgegenkommenden LKW bemerkte die Fahrerin offenbar zu spät. Sie verriss den Wagen, streifte einen Baumstamm. Der Porsche überschlug sich. Dann verschwand er. Die Polizisten bremsten abrupt ab. Gleich hinter dem Baum erstreckte sich eine kleine Schlucht. Der Kommissar alarmierte sofort die Rettungskräfte. Diesw trafen bereits nach zwölf Minuten ein. Aber es war zu spät. Die Feuerwehrleute konnten nur mehr die tote Polina Drexel aus dem Wrack bergen.

Drei Stunden später war so ziemlich alles klar.

»Ja«, bestätigte ihm die Gerichtsmedizinerin. »Die Fingerabdrücke der Toten stimmen überein mit jenen auf dem kurzen silberfarbenen Rohr.« Sie hielt es in die Höhe. »Das gehört zu all dem Zeug, das die Spurensicherung vom Tatort mitnahm.«

Es passte also alles. Sie hatten in den letzten Stunden nochmals Leute aus dem Betrieb befragt. Ja, Herr Wuggler pflegte seine erotischen Stelldicheins gerne in der kleinen Kesselhalle abzuhalten. »Vielleicht gluckst es auch beim Sex besser, wenn gleichzeitig daneben das Bier gluckst«, hatte Frau Bibler bemerkt. Und von der Sekretärin erfuhren sie, dass es zwischen André Wuggler und Polina Drexler schon länger gekriselt hatte.

»Ich habe es dir ja gleich gesagt.« Der triumphierende Tonfall in der Stimme von Tabea Himmler war nicht zu überhören. »Wuggler ist zwar in der Bierbrühe ertrunken. Aber vorher bekam er eins übergezogen. Danach hat sie ihn wohl in den Kessel geworfen.«

»Ja ich weiß: Donna buona …«

»… vale una corona!« Jetzt kreischte sie sogar.

»Ja, ich hab’s kapiert!« Er blies hörbar die Luft aus.

»Schön langsam entwickelt sich das bei dir zu einem Anfall und ich bekomme die Krise! Was hältst du von einem guten Bier als Belohnung? In meiner Stammkneipe. Jetzt gleich.«

Sie lachte. »Angenommen. Cervisia statt Corona. Auch nicht schlecht.«

»In jedem Fall mit viel Schaum.«

Die Uhr am nahe gelegenen Kirchturm schlug an. Zwei mal. Die Brauerei lag im Dunkeln. Alles ruhig. Er ging langsam über den Hof. Er hatte ein kleines Zimmer hier am Gelände, in einem der älteren Gebäude. Der alte Brauereidirektor hatte ihm das zugestanden. Ein feiner Kerl. Manchmal übernachtete er hier. So wie gestern. Da war er auch spät nachts noch durch das Gelände gestreift. Die Brauerei war sein Leben. Er fühlte sich immer noch verantwortlich. Und dabei hatte er sie bemerkt, die Marketingchefin. Eher zufällig. Es tat dem alten Hausmeister leid, was Polina Drexel zugestoßen war. Sie war zwar eine widerliche Person gewesen, hochnäsig, bissig, eine ekelhafte Zicke. Aber so einen schrecklichen Tod hatte sie auch nicht verdient.

Der Kommissar selber hatte es ihm berichtet. Wahrscheinlich hat Frau Drexel irgendwie erfahren, dass ihr Liebhaber tot war, mutmaßte er. Und da hatte die Frau wohl angenommen, sie trage Schuld daran. Immerhin hatte sie mit dem Rohr zugeschlagen. Vermutlich war sie deswegen in Panik geraten, als die Polizeibeamten bei ihr zu Hause auftauchten. Ihn fröstelte. Der Nachtwind frischte auf. So wie gestern näherte er sich langsam dem Gebäude. Sie hatten gestritten. Das hörte er schon aus der Ferne. Heftiges Gebrüll. Darauf ein schriller Aufschrei. Im nächsten Moment war sie durch die halb offene Tür nach draußen gestürmt. Ihn hatte sie gar nicht wahrgenommen. Sie hätte Adalbert Schromm wohl auch nicht bemerkt, wenn er direkt vor ihr gestanden wäre. Ein schlichter Hausmeister war für sie nicht einmal Luft. Ein Nichts. Lästiges Überbleibsel aus vergangener Zeit. Das übersah man einfach. Er griff nach der Tür, zog sie auf, blickte hinein. Ein kleines gelbes Schild mit der Ziffer 2 entdeckte er auf dem Boden. Das hatte die Polizei wohl vergessen. Er versuchte, sich die Szene von gestern Nacht nochmals vorzustellen. Als passiere sie eben jetzt. Wuggler kniet auf dem Boden, presst sich stöhnend die Hand an den Kopf. Er starrt zur Tür, bemerkt ihn. »Glotzen Sie nicht so blöd! Was treiben Sie überhaupt hier, mitten in der Nacht?« Ausspucken. Gelblicher Schleim. »Wenn Sie schon da sind, machen Sie sich gefälligst nützlich. Ich muss den Bottich wieder verschließen. Das ist unser neues Sweet Foam. Das wird ein Verkaufsschlager. Aber davon haben Sie ohnehin keine Ahnung. So wie all die alten Deppen in diesem Betrieb.« Er krabbelt hoch. »Jetzt kommen Sie schon, Mann! Hören Sie auf, dämlich zu gaffen! Los, mit mir die Leiter hinauf!«

Ja, so war es gewesen. Erneut erklang die Turmuhr. Er blickte in die Nacht hinaus. Hatte sie gestern auch geschlagen? Er schaute wieder ins Innere. Es war nicht schwer gewesen. Er hatte ihn einfach aus dem Gleichgewicht gebracht. Ein kurzer Stoß, nicht einmal heftig. Aber es hatte gereicht. Wuggler war kopfüber in den Bierkessel gekippt. Und der alte Hausmeister hatte nur mehr dessen Beine umklammern müssen. So lange, bis der CICIDO sich nicht mehr rührte.

Er blickte zum Bottich. Ja, er musste dem Kommissar rechtgeben. Auch er mochte kein Bier, das nach Lakritze schmeckte. Oder nach Leberwurst. Über viele Jahrhunderte hatte man hier in dieser Brauerei Bier gebraut, das nach Bier schmeckte. Und das war gut so. Doch seit diese eingebildeten Lackaffen übernommen hatten, schmeckte es nach Erdbeer, Schokolade, Pfeffer, Vanille. Grässlich! Wenn Adalbert Schromm Ahornsirup wollte, dann trank er welchen. Und nicht Bier, das danach roch. Er drehte sich langsam um. Es war nicht nur Geschmacksterror, was hier seit Auftauchen der Lackaffen passierte. Hier wurde eine jahrhundertalte Bierkultur zerstört! Er drückte die Tür zu. Den toten CICIDO würde man wohl bald ersetzen. Das war ihm schon klar. Irgendein anderer aufgeblasenen Schnösel würde antanzen. Langsam setzte er sich in Bewegung. Aber noch gab es ihn. Adalbert Schromm. Er wusste, was er der alten Brauerei schuldig war. In Rente ging er erst in vier Monaten. Es blieb also noch genügend Zeit.

Und nächste Woche würde er sich mit dem Kommissar treffen. Um ein altes Fass zu öffnen.

Mit Klosterbräu.

Bier, das nach Bier schmeckt.

Manfred Baumann, geboren 1956 in Hallein/Salzburg, lebt als freier Autor, Kabarettist, Regisseur und Moderator in Puch bei Hallein. Er war über 30 Jahre beim ORF als Moderator, Sendungsgestalter, Abteilungsleiter tätig. Schreibt erfolgreich Salzburg Krimis rund um den charismatischen Ermittler Kommissar Martin Merana (Gmeiner Verlag).

Der Roman Drachenjungfrau wurde vom ORF für die Reihe LandKrimi verfilmt, 2016 im ORF und 2018 im ZDF ausgestrahlt. Figuren und Motive aus Baumanns Krimis sind auch Vorlage für weitere LandKrimis (Das dunkle Paradies, 2019).

Manfred Baumann ist auch als Kabarettist tätig (Kultkabarett, zusammen mit Fritz Messner, Peter Blaikner).

Mehr unter www.m-baumann.at und auf Facebook.

Jürgen Ehlers
Die Nase im Kühlschrank


I

ch bin im Ruhestand. Ich habe ein kleines Haus draußen am Stadtrand, einen schönen großen Garten. Eigentlich hatte ich mir immer vorgestellt, zur Abrundung unter den Bäumen am Zaun zum Nachbargrundstück eine Skulptur aufzustellen. Ein Einhorn zum Beispiel. Als Gegenstück sozusagen zu dem hübschen Monument meiner Nachbarin. Die Witwe hat ihrem verstorbenen Mann ein lebensgroßes Denkmal gesetzt. Er ist verschollen, der große Geografie-Professor. Von einer seiner Reisen ins Innere Afrikas nicht zurückgekehrt. Im Tanganjikasee ertrunken, so sagt man. Schließlich blieb seiner Gemahlin nichts anderes übrig, als ihn für tot erklären zu lassen.

Das Einhorn, von dem ich träume, habe ich bis jetzt nicht bekommen. Das einzige Stück Kunst, was ich stattdessen gekriegt habe, ist die Nase von General Paul Emil von Lettow-Vorbeck. Der Erwerb war nicht ganz legal. Die Nase fehlt jetzt auf dem Denkmal für ›Unsere Kolonien‹. Nun liegt dieses Organ des Weltkriegs-Helden vor mir auf dem Küchentisch. Ich öffne eine Flasche Windhoek Lager und proste ihm zu.

»Völkermörder«, sage ich.

Der General antwortet nicht. Wahrscheinlich spricht er nicht durch die Nase. Oder er schmollt, weil es das falsche Bier ist. Windhoek liegt in Namibia, dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika. Dort hat er keine Völker ermordet. Und die Bundesrepublik hat sich inzwischen entschuldigt für alles, was wir dort früher einmal angerichtet haben. Dort ist die Welt jetzt fast wieder in Ordnung. Namibia hat den fünfthöchsten Bierkonsum pro Kopf der Bevölkerung, und das Bier wird noch immer nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516 gebraut.

Es läutet an der Haustür. Ich lege schnell die Nase in den Kühlschrank und öffne. Draußen steht meine Nachbarin. Sie heißt Stella. Aber im Gegensatz zu Stella Artois gehört sie zum Glück nicht dem US-Brauereigiganten Anheuser-Busch, sondern sie gehört niemandem. Sie ist freie Künstlerin. Bildhauerin. Sehr erfolgreich übrigens. Und sehr frei, seit sie Witwe ist. Sie sieht bezaubernd aus. Schwarz steht ihr.

»Komm doch herein«, sage ich.

Eigentlich ist sie nur gekommen, um zu fragen, ob ich ihr etwas Salz geben kann. Die Läden haben schon zu. Aber jetzt sitzen wir zusammen im Wohnzimmer. Sie erzählt vom tragischen Tod ihres Mannes in Afrika.

»Er hat doch gewusst, dass er sich nicht in tiefe Gewässer begeben soll«, sagt Stella.

»Das sieht man nicht immer. Manche Seen sind sehr flach«, sage ich. »Das Steinhuder Meer zum Beispiel. Vielleicht hat er nicht gewusst …«

Sie schüttelt den Kopf. »Es war ein Schiffsunglück. Und er konnte eben nicht schwimmen. Und der Tanganjikasee ist nicht flach. Der ist 1.470 m tief.«

»Schlecht für Nichtschwimmer«, sage ich. War das zu respektlos? Nein, wahrscheinlich nicht. Stella lächelt.

Der See ist nicht nur sehr tief, sondern auch sehr groß. 673 km lang. Hier hatte General Lettow-Vorbeck in Deutsch-Ostafrika seinen Krieg angefangen. »Weißt du eigentlich, dass der Tanganjikasee bis zum Ersten Weltkrieg zur Hälfte zu Deutsch-Ostafrika gehört hat?«, frage ich.

»Ach, tatsächlich?«

»Und in Deutsch-Ostafrika begann der Erste Weltkrieg mit einer Seeschlacht auf dem Tanganjikasee. Am 23. August 1914 war das.

An dem Tag hatte der deutsche Dampfer Hedwig von Wissmann nach längerer Suche das größte belgische Schiff, den Dampfer Alexandre Delcommune, gefunden und durch Beschuss schwer beschädigt. Die Hedwig von Wissmann hatte eine kleine Kanone, die Alexandre Delcommune nicht.«

»Verrückt!«, sagt Stella.

Ja, da sind wir einer Meinung. Aber von der Nase in meinem Kühlschrank erzähle ich ihr nichts.

Auf der Kongo-Konferenz 1884 war vereinbart worden, dass die Kolonien im Kriegsfall neutral bleiben sollten. Der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika hat sich auch daran gehalten. Nur Paul von Lettow-Vorbeck hat sich nicht daran gehalten. Er hat nicht nur den kleinen belgischen Dampfer, sondern auch die Engländer in Britisch-Ostafrika angegriffen und damit einen Krieg ausgelöst, bei dem am Ende ein paar hunderttausend Afrikaner ums Leben gekommen sind. Ein paar hundert Weiße auch.

Als Stella gegangen ist, stelle ich den General zur Rede. Ich streite mit ihm. »Weißt du was?«, sage ich. »Man hätte dir mehr abschlagen sollen als nur die Nase. Und zwar rechtzeitig. Jetzt ist es längst zu spät.«

Dabei habe ich ihm die Nase nicht einmal selbst abgeschlagen. Ich habe sie für zwei Kisten Bier bekommen. Eigentlich wollten die Studenten fünf Kisten dafür haben; ich konnte sie auf zwei Kisten Astra herunterhandeln.

Der General wirkt wieder einmal unbeirrbar. Ich erkläre ihm, dass er ein Nichts sei. Abgewrackt, von seinen Freunden und Anhängern vergessen. Nicht einmal mehr als Denkmal geduldet. Er gibt sich unbeugsam. Unbelehrbar. Da beschließe ich, dass seine Nase vom Kühlschrank in das Eisfach umziehen muss.

»Sorry«, sage ich, »aber das muss sein.«

Manchmal frage ich mich, ob ich vielleicht zu viel allein bin. Manchmal frage ich mich auch, ob ich vielleicht zu viel trinke. Aber das stimmt nicht. Es ist ja nur Bier, was ich trinke. Da kann nicht viel passieren.

Heute habe ich allerdings ganz gegen meine Gewohnheit doch einen Schluck zu viel getrunken. In meinem Stammlokal war das. Und da muss ich im Überschwang meines Frohsinns doch glatt an meiner Einfahrt vorbeigefahren sein. Jedenfalls bin ich im Garten meiner Nachbarin gelandet. Aber es war ja dunkel, und so habe ich es nicht gleich bemerkt. Bekannte Strecken fährt man ja nahezu ohne nachzudenken. Nur dass da, wo es bei mir geradeaus geht, die Auffahrt bei Stella eine leichte Rechtskurve macht. Und wenn man stattdessen geradeaus fährt …

Nun ja, was soll ich darum herumreden. Wenn man geradeaus fährt, dann steht da dieses Denkmal für den verschollenen Geografen. Ich hab noch gebremst, aber das war wohl zu spät. Jedenfalls bin ich voll gegen das Denkmal gekracht, und die Steinsplitter sind durch die Gegend geflogen. Ich hab mich instinktiv geduckt und mir ist gar nichts passiert. Selbst die Frontscheibe ist heil geblieben. Und da habe ich gesehen: Das Denkmal war ist nicht aus Marmor, wie ich gedacht hatte, sondern lediglich aus Gips, zumindest die äußere Schicht. Und darunter befand sich der Körper des verschollenen Forschungsreisenden, der jetzt, wo er seiner stützenden Hülle beraubt war, schlaff in sich zusammensackte.

»Oh!«, sagt meine Nachbarin. Sie hat den Krach gehört und ist nun herbeigeeilt.

»Das tut mir leid«, sage ich. »Das ist natürlich alles meine Schuld. Ich werde selbstverständlich für den Schaden aufkommen.«

Sie lacht. »Du bist betrunken!«, sagt sie.

»Nein, nicht wirklich. Das ist nur Bier. Drei Flaschen Köpi und drei Flaschen Flens. Oder vier. Aber man soll die Sachen natürlich nicht durcheinander trinken. Das war mein Fehler. Ich habe gewusst, dass man das nicht soll. – Und was machen wir jetzt?«

»Auffegen«, schlägt sie vor.

»Und mit ihm?« Ich deute auf den Toten. »Er stinkt«, füge ich hinzu.

»Er stinkt mir schon lang«, bestätigt Stella. Und dann erfahre ich, was für ein Schwein dieser Weltreisende gewesen ist.

»Ich kann dir helfen«, sage ich. »Ich weiß, wie wir die Leiche loswerden.«

»Wie denn?«

»Wir zerstückeln sie und entsorgen sie über die Restmülltonnen. Die sind ja bei den meisten Leuten nie ganz voll. Für einen Arm oder ein Bein ist immer noch Platz.« Die Müllabfuhr kommt nämlich am Freitag immer ganz früh. Man muss die Tonnen schon am Vorabend rausstellen, sonst werden sie gar nicht mitgenommen. »Und heute ist Donnerstag.«

Um es kurz zu machen: Ich habe meine Motorsäge geholt, und dann haben wir den Toten zerlegt und die einzelnen Stücke zusammen mit den Gipsbrocken auf die Tonnen in unserer Siedlung verteilt. Eine gute Stunde später stehen wir wieder in Stellas Einfahrt.

»Optisch ist da jetzt eine Lücke entstanden«, sage ich. »Da muss wieder irgendetwas hin. Eine andere Skulptur.«

»An was denkst du?«

»Ein Einhorn«, schlage ich vor.

Sie lacht, dann sagt sie: »Ja, ein Einhorn. Das wäre eine Möglichkeit. Oder wir stellen meinen ersten Mann dort hin.«

Ich stutze: »Deinen ersten Mann?«

»Ja, der steht doch zurzeit noch in der Kunsthalle in Hamburg. Der ›Denker ohne Feigenblatt‹. Den kennst du doch, oder?«

Ja, natürlich kenne ich den. Stella hat die Bronzeskulptur so gestaltet, dass der Betrachter den Eindruck gewinnt, dass der Denker nur an das denkt, was in dieser Plastik ohnehin zu groß ausgefallen ist, so dass man es mit einem Feigenblatt niemals verdecken könnte.

»Die Ausstellung schließt nächsten Monat«, sagte Stella. »Und dann kommt Knut wieder hierher zurück.«

»Und das war also dein erster Mann?« Ich hatte gar nicht gewusst, dass Stella früher schon einmal verheiratet gewesen war. »Was ist aus dem geworden?«

»Tot«, sagt sie.

Ich setze das Bierglas ab.

»Ja, der ist leider verstorben. Männer sind so empfindlich.«

»Wie – wie ist das passiert?«, frage ich.

»Erfroren. Im Winter, beim Schnee fegen. Ich hatte ihm gesagt, er sollte auf keinen Fall schon vor dem Frühstück Schnee fegen. Das ist ganz schlecht für den Kreislauf. Aber er hat ja nicht auf mich gehört. Ich habe ihn erst gar nicht vermisst, wir hatten ja getrennte Schlafzimmer. Aber als er dann gegen halb elf noch immer nicht zum Frühstück erschienen ist, da habe ich bei ihm oben nachgesehen. Da war er nicht. Er lag draußen auf dem Bürgersteig.«

»Wie furchtbar!« Manche Leute ziehen das Unglück einfach magisch an.

Stella nickt. »Ich habe ihn dann schnell reingeholt. Da draußen konnte er ja nicht einfach liegen bleiben.«

»Warum nicht? Es war doch ein Unfall.«

»Ja, natürlich. Aber er ist auf den Hinterkopf gefallen, und wer nicht gewusst hat, dass das ein Unfall gewesen ist, der hätte vielleicht denken können, dass jemand ihn erschlagen hat. Ich zum Beispiel. Da habe ich ihn lieber in die Plastik eingebaut. Zur Sicherheit, verstehst du?«

Ich nicke.

»Wir könnten seine Bronze hier an der Auffahrt aufbauen. Als Ersatz für das alte Gipsmonument. Das wäre sozusagen die Minimallösung. Aber dabei müssen wir es nicht belassen. Wenn wir eine etwas größere Lösung anstreben, dann käme vielleicht dein Einhorn ins Spiel …«

»Das wäre großartig«, sagte ich.

»Großartig schon. Aber nicht ideal.«

»Sondern?«

Stella schloss die Augen. Sie schien zu überlegen. »Ideal ist es«, sagte sie schließlich, »wenn wir überhaupt kein Denkmal aufstellen. Wenn wir stattdessen einfach den Zaun wegreißen und die beiden Grundstücke vereinen. Dann brauchen wir nur noch eine einzige Auffahrt, und der Hang mit den beiden Häusern im Hintergrund würde zu einem großartigen Gesamtkunstwerk verschmelzen …«

»Unsere beiden Grundstücke?« Ich begreife nicht, was Stella meint, aber sie setzt mich sofort ins Bild.

»Ja, die beiden Grundstücke.« Sie nickt eifrig. »Und unsere beiden Leben. Du bist ledig und ich bin Witwe. Du bist zwar schon 67, aber doch ein attraktiver Mann mit einer praktischen Begabung und mit ungewöhnlichen Ideen. Und das ist es, was eine Künstlerin braucht. Keinen reichen Langweiler, sondern eine echte Muse, und heute ist mir bewusst geworden, was alles in dir steckt. Wir sollten heiraten.«

»Meinst du wirklich?« Das kommt für mich jetzt etwas überraschend. Sie ist schließlich an die 30 Jahre jünger als ich.

»Ja, das meine ich.«

Stella hat noch eine angefangene Kiste Corona in der Küche. Die werden wir jetzt nach getaner Arbeit gemeinsam leeren. Sie sagt: »Kein anderes Bier sorgt zum Feierabend für dieses relaxte Gefühl von Strand und Sonne …«

Ja, das stimmt. Wenn man genug davon trinkt. Aber das Bier ist zu warm. »Hast du Eiswürfel?«, frage ich.

Nein, hat sie nicht. Ich laufe schnell rüber und hole welche aus meinem Gefrierfach. Eigentlich tut man natürlich keine Eiswürfel ins Bier, aber dieser Sommer ist wirklich unnatürlich heiß, und was will man machen, wenn das Corona warm ist? Warm schmeckt es einfach nicht.

Wir sitzen zusammen im Wohnzimmer und plaudern. Ich erzähle ihr meine Lebensgeschichte. Das dauert nicht lange. Ich habe nicht allzu viel erlebt. Ich bin pensionierter Beamter, mein Vater war bei der Bundeswehr; ich habe den Kriegsdienst verweigert. Ich wüsste nicht, was ich sonst noch erzählen sollte, aber ich brauche mir keine große Mühe zu geben. Stella erzählt und erzählt.

»Oh!«, sagt sie plötzlich und hält inne. Sie hat den Eiswürfel mit Lettow-Vorbecks Nase erwischt.

»Entschuldigung«, sage ich. »Das ist nur die Nase von General Lettow-Vorbeck …« Ich weiß nicht weiter.

Sie starrt mich an. »Na, dann Prost!«, sagt sie »Und ›Heia Safari!‹« Kein Zweifel, sie weiß jedenfalls, wer der General gewesen ist. »Du bist der ungewöhnlichste Beamte, dem ich je begegnet bin«, fügt sie hinzu.

»Das mag wohl sein«, sage ich. Dabei weiß sie noch gar nicht, dass ich bei der Kriminalpolizei gearbeitet habe. Jetzt erzähle ich es ihr.

»Es stört mich nicht«, sagt sie ohne zu zögern. »Aber meine Vergangenheit …«

»Die stört mich auch nicht.« Von mir aus können wir heiraten. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht in einem ihrer Kunstwerke lande.

Jürgen Ehlers, geboren 1948, ist Geowissenschaftler und Krimiautor. Für seine Story Weltspartag in Hamminkeln wurde er mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Sein Spezialgebiet sind historische Kriminalromane und Thriller. Zuletzt erschien Im Haus der Lügen (BoD 2020), der abschließende dritte Band der Holland-Trilogie. Die Geschichte spielt in den Jahren 1944-45.

Mehr unter www.juergen-ehlers-krimi.de

Kai Engelke
Das überaus harte und qualvolle Leben des Harm Schnieders


»Jeder möchte in seinem Leben einen Mord begehen,

sozusagen, um etwas von der Last abzuwälzen, von all diesen Morden in seinem Kopf, die er nie zu begehen wagte.« - Edgar Allan Poe

I

ch gucke mir morgens in der Zeitung immer als erstes die Todesanzeigen an. Und wenn ich nicht dabei bin, dann stehe ich auf.« Mit solchen und ähnlichen Sprüchen erfreute Harm Schnieders gern seine Mitmenschen. Ihm ging’s halt am besten, wenn’s ihm schlecht ging, denn dann – davon war er überzeugt – hatte er oft die originellsten Einfälle.

Düstere Visionen allerdings. Makabre Vorstellungen. Schwarze Rachegedanken, gegen wen oder was auch immer. Passend zur tristen Eintönigkeit seiner emsländischen Heimat, wo nicht

Getreidefelder und Wiesen mit darauf weidenden Tieren und idyllische Dörfer die Landschaft prägten, sondern die Mega-ställe der Agrarindustrie mit ihren weit mehr als dreißig Millionen Hähnchenmastplätzen, giftigen Biogasanlagen, überdüngten Feldern, überdimensionierten Schlachtbetrieben, in denen Menschen und Tiere litten und dem ewigen Gestank aus unzähligen Stallbauten.

Nun war es ja nicht so, dass er sich Unwohlsein und miese Laune herbeisehnte, nein, ganz im Gegenteil. Harm Schnieders hielt sich für einen grundsätzlich fröhlichen, positiv denkenden Menschen.

Aber – er war ja auch verheiratet! Mit Ilona Schnieders, geborene Sörensen.

Seit mehr als fünfzig Jahren.

Was sollte er machen?

Ilona liebte Heimatfilme, vor allem solche, die in Cornwall spielten oder in den österreichischen Bergen. Hauptsache weit weg vom Emsland.

Bunte Landschaftsbilder. Schnulzige Liebesgeschichten. Schlichte Handlungen. Einfache Dialoge. Und zum Schluss wird immer alles gut.

»Da kriege ich Pippi in die Augen«, schwärmte sie.

»Pfui Teufel, was für eine eklige Vorstellung!«, schnauzte Harm Schnieders. »Urin in den Augen! Ist doch widerlich!«

Wie hasste er solche TV-Schmonzetten!

»Sei doch nicht immer gleich so grantig, Harm«, blaffte Ilona. »Du könntest auch ruhig mal wieder etwas Nettes zu mir sagen, so wie früher.«

Schnieders wandte sich seiner Frau zu und tat, als ob er an ihr schnüffelte.

»Oh, ein neues Parfüm? Was ist das denn? Eau de cadavre?«

»Harm Schnieders, du bist ein unausstehliches Ekel«, schimpfte Ilona.

»Freundlich sein kann doch jeder, das ist keine Kunst«, grummelte der alte Mann, »aber eine gepflegte Miesepeterei, die will wirklich gelernt sein.«


Harm Schnieders wollte gerne ein Programmkino besuchen, um sich den Film Der Baader-Meinhof-Komplex über die Geschichte der RAF anzusehen. Er wunderte sich, dass Ilona mitkam. An der Kinokasse verlangte sie mit schriller Stimme: »Zweimal Baader-Meinhof, ganz hinten bitte!«

Das hörte sich an wie Zweimal Pommes Schranke und eine Currywurst, bitte!, dachte Harm Schnieders. Und er trat einen Schritt zur Seite, so als gehöre er nicht zu dieser Person.

Gern hätte er nach der Vorstellung noch mit jemandem über den geschichtsverfälschenden Aktionismus dieses Films gesprochen, doch Ilona faselte ununterbrochen über das gute Aussehen und die verführerische Männlichkeit des Andreas-Baader-Darstellers Moritz Bleibtreu.

Ein tiefergehendes Gespräch, wenn möglich vielleicht sogar bei einem fachgerecht gezapften Glas Pils – keine Chance! Und mit Ilona schon mal gar nicht!

Auf dem Nachhauseweg wies Ilona auf ein Straßenschild mit der Aufschrift Vorsicht! Langsam fahren! Es könnte auch dein Kind sein!

»Ist es nicht schön, wie die Menschen sich um ihre Kinder sorgen?«, säuselte Ilona.

»Im Prinzip schon«, entgegnete Harm Schnieders, »aber nicht mit so einem total bescheuerten Satz! Es könnte auch mein Kind sein! Was soll das denn heißen? Fremde Kinder zu überfahren ist also nicht so schlimm, oder was?«

»Apropos überfahren: Die Beerdigung von Frau Schlüter ist am Dienstag«, sagte Ilona.

»Nein, erst am Freitag«, korrigierte Harm Schnieders.

»Ach, geht’s ihr schon wieder besser?«, freute sich Ilona.

»Hoffnungslos, es ist absolut hoffnungslos«, murmelte Harm Schnieders in seinen fusseligen Bart hinein.

Wenn sie doch wenigstens ab und zu mal die Klappe halten würde!

Und während er sie so von der Seite betrachtete, kam ihm in den Sinn, dass die Mopeds im Emsland wirklich besser frisiert sind als die Frauen.

Ab Mitte September gab’s bei den Discountern schon wieder Stollen und Spekulatius zu kaufen. Das war der gnadenlose Beginn des alljährlichen Weihnachtsterrors. Dann dauerte es auch nicht mehr lange, bis die Weihnachtmarkthändler wieder die Glühweinbecher mit ihrer dürren Plörre füllten und völlig überteuert an Horden hysterisch grölender Gestalten mit roten Weihnachtsmützen auf dem Kopf verhökerten. Und, wie sollte es auch anders sein: Ilona liebte natürlich Weihnachtsmärkte. Papenburg, Bourtange, Leer, Osnabrück, Oldenburg, Münster – sie schleppte ihren schwer leidenden Ehemann auf jeden erreichbaren Weihnachtsmarkt der Umgebung, wobei sie immer wieder ihr Bedauern darüber zum Ausdruck brachte, dass Schnieders absolut kein Verständnis für althergebrachte Traditionen aufzubringen in der Lage sei.

Tja! Bier hatte sehr viel mit Traditionen zu tun! Aber doch nicht dieser blöde Glühwein! Lächerlich!

Fragte man Harm Schnieders, was er von Weihnachtsmärkten hielt, dann sagte er voller Verachtung in der Stimme: »Weihnachtsmärkte sind das Wacken des Spießbürgers!«

Schon seit längerer Zeit hatte Harm Schnieders seinen Bierkonsum unaufhaltsam gesteigert.

»Wenn ich bis zehn Uhr nicht im Bett bin, gehe ich nach Hause«, brummte er manchmal vor sich hin und hockte dann doch bis spät in die Nacht hinein an irgendwelchen Theken herum, um ein Bier nach dem anderen in sich hinein zu schütten, was er für wesentlich sinnvoller erachtete, als teures Geld für die klebrige Brühe auf den Weihnachtsmärkten auszu-

geben.

Es ist einfach unwahr, wenn die Leute behaupten, Alkohol und Vergnügen seien untrennbar miteinander verbunden.

Ich kann sehr gut Bier trinken, ohne fröhlich zu sein, dachte er.

Man muss auch einmal über seinen Schatten trinken können. Aber eine Lösung seiner Probleme war das sicher nicht, das wusste er sehr genau.

Immer radikalere Szenarien spielten sich in seiner Vorstellung ab. Aber auch Zweifel quälten ihn. Immerhin hatte Ilona ihm im Laufe der Jahre so manchen Ärger und etliche Unannehmlichkeiten vom Hals gehalten.

Wie sagt das alte Sprichwort doch so treffend? Die emsländische Hausfrau ersetzt den Hofhund. Aber er würde es auch allein schaffen, davon war er fest überzeugt.

Und gibt es nicht ein Recht auf Unversöhnlichkeit?

Als Kind vom Lande kannte Harm Schnieders sich recht gut mit Pflanzen aus: Goldregen, Oleander, Rizinussamen, Engelstrompeten, Fingerhut, Cerbera odollam … ach, es war nicht leicht!

Wenn alles klappt, höre ich mit dem Saufen auf, das verspreche ich, dachte Schnieders. Ganz bestimmt! Höchstens mal ein Bier. Oder vielleicht zwei … mal gucken!

Am 28. Februar 2020 erschien in der Ems-Zeitung folgende Traueranzeige:

»Nach einem überaus harten und qualvollen Leben hat Herr Harm Schnieders, geboren am 25. April 1948, am 23. Februar 2020 nun endlich seine wohlverdiente Ruhe gefunden.

Die Beerdigung seiner Frau Ilona Schnieders, geborene Sörensen, findet am 4. März 2020 auf dem Papenburger Hauptfriedhof statt.«

Kai Engelke, geboren 1946 in Göttingen, aufgewachsen in Hildesheim, Berlin und Wyk auf Föhr, Redaktionsvolontariat bei dpa in Frankfurt am Main, Pädagogikstudium in Hildesheim, Grundschullehrer im Emsland.

Zahlreiche Einzelveröffentlichungen und Herausgaben, drei CDs, Beiträge in ca. 200 Anthologien, mehrere Literaturpreise, künstlerischer Leiter der Landesliteraturtage Niedersachsen/Bremen 2001 und 2007, künstlerischer Leiter der Meppener (Krimi-Literaturtage 2009-2019), Moderator der internationalen Liederfeste auf Burg Waldeck (2011-2018), Juror für verschiedene Musikpreise, unter anderem Preis der deutschen Schallplattenkritik, Mitarbeiter der Zeitschrift ›Folker‹ seit 2008; lebt als Schriftsteller und Musikjournalist in Surwold/Emsland.

Reinhold Friedl
Das Brauhaus an der Oste


L

ange habe ich gezögert, diese Geschichte zu erzählen. Sie ist nämlich so ungewöhnlich, dass sie mir kaum jemand glauben wird. Ich würde sie ja selbst nicht glauben, wenn ich sie nicht hautnah miterlebt hätte. Gut, ganz hautnah war es nicht in allen Details. Einige Einzelheiten stammen aus Berichten durchaus ehrbarer Zeitgenossen, da ich nicht an allen Stellen gleichzeitig sein konnte. Hinzufügen muss ich allerdings, dass diese Zeitgenossen zwar glaubhaft waren, ihnen aber am Biertisch gelegentlich etwas verschwamm. Im Kern ist diese Geschichte wahr. Das meiste ist historisch belegt und kann in Archiven nachgeforscht werden. Aber nicht alles.

An dieser Stelle überlege ich noch einmal, ob ich diese Ereignisse wirklich mitteilen soll. Auf die Gefahr hin, mich unglaubwürdig zu machen. Ich will den Grund des Gedankens nicht verschweigen. Bisher habe ich diese Geschehnisse nur einer Bekannten erzählt, die nebenberuflich für einen Geheimdienst arbeitet und zur Tarnung als Model und Lehrerin. Genannt ›The Spy‹. Sie hat viel Ungewöhnliches erlebt und in tiefe Abgründe geblickt. Diese sagte mir nun am Ende der Geschichte:

»Ich glaube dir kein Wort. Ich nenne dich ab jetzt nur noch Baron von Münchhausen.«

Das gab mir natürlich zu denken, obwohl mir der neue Name gefiel. Auch gibt es Quellen, dass der Baron zwar ein begnadeter Fabulierer, aber kein Lügner oder Blender war. Er selbst hat nur bei Punsch im Freundeskreis seine Erlebnisse erzählt, aber nichts aufgeschrieben. Das taten mit Ausschmückungen die Literaten und Übersetzer Rudolf E. Raspe und Gottfried A. Bürger.

Nun aber doch zur Geschichte, der Wahrheit zuliebe.

Eines Abends ging ich durch Neuhaus an der Oste, dem idyllischen Nebenfluss der Niederelbe. Wie so oft war ich auf dem Weg zum Café Neuhaus, das inzwischen aus gutem Grund zum Brauhaus Neuhaus umbenannt worden war. Dazu aber später mehr.

Auf dem Weg kam mir eine seltsame bunte Truppe entgegen. Ein französischer Offizier in napoleonischer Leutnantsuniform, eine hübsche Marketenderin sowie zwei Wachtmeister mit Pickelhauben, die einen armen Wicht in gestreifter Sträflingskleidung abführten.

Das kann ja gar nicht sein, werden Sie jetzt vielleicht denken. Da hat sich der Erzähler wohl im Jahrhundert geirrt oder tischt hier doch eine Lügengeschichte auf. Dann warten Sie mal ab.

Ich betrat damals das Café Neuhaus, den gastronomischen und gesellschaftlichen Mittelpunkt des Fleckens Neuhaus. Hier trafen sich bunt gemischt Männlein und Weiblein, alle aus dem Ort und der Umgebung; Landwirte, Handwerker, Sportler, Intellektuelle, Jäger, Fischer, Künstler und Lebenskünstler. Hinter der Theke der sympathische Kultwirt Olaf, gelernter Destillateurmeister, Chef im Ring sowie der Schnaps- und Likörfabrik, die sich seit 1795 in Familienbesitz befindet. Seit einiger Zeit war neben der Weinhandlung auch eine Brauerei hinzugekommen, in der exklusiv das süffige Cronemeyer hell und dunkel gebraut und ohne Unterbrechung gezapft wurde.

Eine junge attraktive Marketenderin winkte mich an den Ecktisch, an dem eine bunte Truppe saß. Logbuchoffizier Uwe erläuterte mir auf meinen fragenden Blick:

»Wir sind die historische ›Bruderschaft der Neuhäuser Lumpenhunde‹. Zur Erinnerung an die Befreiung von der Franzosenherrschaft unter Napoleon 1813 machen wir viele Veranstaltungen. Ein Höhepunkt ist die nachgestellt Schlacht zwischen französischen Truppen und der ›Kings German Legion‹ unter englischer Flagge in Originalkostümen mit viel Pulverdampf.

In den schweren Zeiten der durch Napoleon Bonaparte verhängten Kontinentalsperre darbte die Bevölkerung unserer Küstenstriche durch das totale Erliegen des internationalen Handels und gerade in der Elbe-Oste Region durch den Etappen-Status der französischen Armee.

In der damals als reiche Kornkammer bekannten Region ließ der große Feldherr seine neuen Truppen einkleiden, ausrüsten und mit Proviant den Brennpunkten Hamburg und Russland zuführen. Im Austausch kamen Verwundete und Abgekämpfte zurück und wurden hier wieder aufgepäppelt.

Die männlichen Nachkommen der hiesigen Bevölkerung wurden ausgehoben und unter französischer Fahne in den Krieg geschickt. Wer von den Söhnen fliehen konnte, trat in die unter englischer Flagge geführte ›Kings German Legion‹ ein und gegen Napoleon an. Wenn die Flucht allerdings festgestellt wurde, unterlagen Eltern und Verwandte drakonischen Sanktionen, die bis zum Enteignen oder Abbrennen der Hofstatt führten.

Die britischen Korvetten, die im Schutze der Dunkelheit die Flüchtlinge auf Elbe und Weser aufnahmen, lieferten aber auch jede Menge an Konterbande, das von den verschiedenen lokalen ›Bruderschaften der Lumpenhunde‹ an Land geschmuggelt wurde, um die Bevölkerung mit dem Nötigsten zu versorgen. Also ein sehr ehrenwertes, aber auch gefährliches Unterfangen.

Daher machen wir viele Kostümführungen und Schmugglertouren, die sehr beliebt sind. Prost.«

Ich gebe zu, das war ein etwas tiefes Eintauchen in die Historie, aber ich hielt es für notwendig, damit Sie nicht gleich die Glaubwürdigkeit der Geschichte in Zweifel ziehen. Nun aber zurück zu dem Abend, als ich aufs Neue die ›Lumpenhunde‹ in Neuhaus auf meinem Weg zum Brauhaus traf. Sie machten eine Schmugglertour zur Probe und somit ohne Gäste. Ich durfte mich anschließen.

In der Dunkelheit erreichten wir den Neuhäuser Hafen an der Oste. Neben dem Bootshaus sahen wir zwei Gestalten am Boden liegen. Wir gingen zunächst davon aus, dass zwei Personen zu viel des köstlichen und süffigen Cronemeyer zu sich genommen hätten, vielleicht auch noch ein oder zwei von Olafs schmackhaften Likören dazu. Diese Meinung änderten wir sehr schnell.

Leutnant Pierre und Logbuchoffizier Uwe hielten ihre Taschenlampen auf die beiden menschlichen Körper. Die Marketenderin schrie auf:

»Furchtbar. Das sind der Mexikaner und der Chinese. Die in letzter Zeit immer im Brauhaus auftauchten.«

»Da werden die in Zukunft bestimmt nicht mehr auftauchen«, bemerkte der Logbuchoffizier trocken.

Jetzt konnte auch ich es sehen. Beide lagen recht dicht neben einander. Fast Kopf an Kopf, Füße und Körper jeweils in die andere Richtung. Auch wenn ich kein Rechtsmediziner bin, konnte ich die eingeschlagenen Schädel ausmachen. Fast sah es so aus, als hätten sie sich gegenseitig und gleichzeitig mit einem harten Gegenstand auf den Kopf geschlagen. Und zwar mit aller Kraft, mit Wumms. Da muss eine ordentliche Wut dahinter gesteckt haben, dachte ich mir. Aber dann mussten doch die harten Gegenstände in der Nähe sein. Tote schaffen die ja nicht mehr selbst weg.

»Ich habe was gefunden«, meldete die Marketenderin. »Zwei blutige Bierflaschen. Beide noch voll. Sind auf eine Plane gefallen, sonst wären sie bestimmt zerbrochen.« Sie hielt die Taschenlampe drauf. »Eine hellere mit Corona Extra auf dem Etikett und eine grünliche, da steht Tsingtao Beer drauf.«

Die Polizei wurde vom Logbuchoffizier per Handy informiert und traf bald ein.

Seltsamerweise wurde in der Lokalpresse nur sehr spärlich über den Fall berichtet. Sah nach einer sehr knappen Pressemitteilung der Polizeidirektion aus. Zwei Männer wären in berauschtem Zustand im Neuhäuser Hafen tragischerweise ums Leben gekommen. Es werde ermittelt. Mehr konnte auch die Lokalpresse auf Nachfrage aus ermittlungstaktischen Gründen nicht erfahren. Und dann kam auch nichts mehr. Gerüchte besagten, dass sich höhere Sicherheitsbehörden eingeschaltet und den Fall an sich gezogen hätten.

Einige Tage später saß ich im Brauhaus an der Theke. Barney kam aus den hinteren Räumen und setzte sich zu mir. Er war das Faktotum oder besser gesagt, der Mann für alles im Brauhaus. Er nahm auch privat Fußballwetten an. Und im Winter Wetten darauf, ob es weiße oder grüne Weihnachten gibt. Barney konnte alles, naja, fast alles, und er wusste viel.

»Moin Barney. Sag mal, du bist doch hier als Facility Manager gut informiert.«

»Klar. Auf den Titel kannst du gleich einen ausgeben.«

»Okay, dann sag ich der schönen Servicekraft Bescheid. Ein Cronemeyer für Barney.«

»Was willst du wissen?«

»Was weißt du über den Mexikaner und den Chinesen?«

»Oho, das kann teuer werden. Und nur, wenn du nichts weitersagst.«

»Ich sag nichts weiter. Schreibe höchstens später was.«

»Dann krieg ich Tantiemen.«

»Wie wär’s mit Freibier bis zum Abwinken?«

»Geht klar. Also, der Mexikaner war gar kein Mexikaner. Das war Karl Meyer aus Neuhaus. Ist vor fünfzehn Jahren nach Mexiko ausgewandert und nannte sich jetzt Fernando Mayor. Ob der da drüben wirklich den Namen geändert hat, weiß ich nicht.«

»Und?«

»Naja, er behauptete, dass er irgendwas Leitendes bei der Brauerei Grupo Modelo wäre, die Corona Extra und Corona Cervesa herstellt. Das meistverkaufte Bier in Mexiko, das auch in 180 Länder exportiert wird. Wie er sagte.«

»Du weißt noch mehr.« Und lauter über den Tresen: »Noch ein Cronemeyer für Barney.«

»Meyer oder Mayor wollte das Brauhaus kaufen oder eine Mehrheitsbeteiligung daran. Hab ich aufgeschnappt.«

»Nun wird’s interessant. Wieso sollte solch ein Brauerei-Riese das kleine Brauhaus kaufen wollen?«

»Bestell noch zwei Bier und lass uns vor die Tür gehen. Das kann lebensgefährlich für mich werden.«

»Umso besser und spannender.«

Wir nahmen beide einen Schluck auf dem Hof und zündeten uns eine an. Barney flüsterte nun fast.

»Nach zu viel Cronemeyer sagte er an der Theke, dass er Verbindungen zu El Chapo habe. Das heißt: der Kurze. Ich darauf: Kurze haben wir hier selber. Prost, weg damit.«

»Jetzt spinnst du. Du meinst nicht wirklich Joaquin Archivaldo Guzmán Loera, genannt El Chapo, Chef des berüchtigten mexikanischen Sinaloa Kartells, der Milliarden angehäuft hat?«

»Doch, daher die Lebensgefahr. Er sitzt zwar im Knast, ist aber schon zweimal aus Hochsicherheitsgefängnissen ausgebrochen.«

»Und was hat das mit dem Brauhaus hier zu tun?«

»El Chapo soll sich laut Meyer/Mayor am Corona-Konzern beteiligt haben, um in andere Geschäfte einzusteigen und Drogengeld zu waschen. Seine Geliebte ist eine Schönheitskönigin, die ständig Angst vor Krankheiten hat. Ihr Guru und Wahrsager hat ihr eingetrichtert, dass es überall Corona-Viren gibt und er sicher ist, dass bald mal ein besonders gefährliches kommt und eine weltweite Seuche auslöst. Dann wird kaum noch jemand Corona Bier kaufen und man sollte es anders nennen.«

»Cronemeyer«, schmunzelte ich. »Dann wird das Brauhaus ein Weltkonzern. Ich glaube, du hast sie nicht alle oder Meyer/Mayor«.

»Und warum ist der tot? Und da gibt es noch was, aber das kann ich mir auch schenken, wenn du mir eh nicht glaubst.«

»Spucks aus, mach die Geschichte rund.«

»Ist hinfällig, da Meyer/Mayor tot ist. Aber El Chapo soll wieder einen Ausbruch planen und dann für eine Zwischenzeit in ein Versteck gehen, wo ihn niemand vermutet.«

»Bestimmt in Neuhaus an der Oste. Das ist ja das Naheliegendste für El Chapo. Und da kommt niemand drauf. Und kriegt hier keiner mit?«

»Wie auch? Und jeder der 1.114 Einwohner vom Kind bis zum Greis soll 30.000 Euro Schweigegeld bekommen. Allerdings verbunden mit dem Hinweis, wer nicht die Klappe hält, wird mit dem Gesicht nach unten in der Oste Richtung Elbmündung und Nordsee treiben.«

»Da wünschen sich dann wohl viele die Herrschaft Napoleons zurück.«

»Glaub ich nicht«, grinste Barney. »Napoleon hat ja keine 30.000 Euro pro Kopf gezahlt. Stell dir das mal für eine Familie mit drei Kindern und Großeltern vor«, lachte Barney. »Ein Vermögen. Da kennst du die Neuhäuser schlecht. Die würden selbst jeden in der Oste versenken, der El Chapo verraten will, bevor sie die Kohle zurückzahlen müssen.«

»Nun gut, ich habe da leise Zweifel. Andererseits stellen sich manche unglaublichen Geschichten als wahr heraus. Und was ist mit dem Chinesen?«

»Da musst du Klaus Richter fragen, sitzt drüben am Tisch. Der hat häufiger mit ihm geredet. Er sprach zwar gut Deutsch, aber Klaus war Fregattenkapitän bei der Marine und einige Jahre Militärattaché bei der Deutschen Botschaft in Peking.«

Mit Klaus Richter musste man nicht lange um den heißen Brei herumreden und er kam nach meiner Frage gleich zur Sache.

»Liu hat mir erzählt, dass er für die Tsingtao Brauerei arbeitet. Wahrscheinlich noch für andere Dienste, was er aber nicht erzählt hat. Er wollte das Brauhaus kaufen.«

»Oh Gott, nicht schon wieder«, entfuhr es mir.

»Was meinst du damit?«

»Gar nichts. Vergiss es. Wieso das Brauhaus? Erzähl weiter.«

»Ende des 19. Jahrhunderts, so um 1897/98, gelüstete es die deutschen Militärs und den Kaiser nach einem Hafen im Reich der Mitte, das sie wirtschaftlich durchdringen wollten, ein etwas vornehmerer Name für Ausplündern. Dabei kamen sie in die Küstenregion Kiautschou in der chinesischen Provinz Shandong am Gelben Meer. Nun wurden zu der Zeit zwei deutsche Missionare in China ermordet. Die Deutschen schickten als Antwort Kriegsschiffe.

Dabei kümmerte Kaiser Wilhelm II. kaum das Schicksal der toten Missionare, sondern die günstige Gelegenheit, die Chinesen zu erpressen. So ließ er vernehmen: ›Endlich haben uns die Chinesen den schon so lang ersehnten Grund und Zwischenfall geliefert.‹ Und mit seiner bekannten Aufschneiderei: ›Hunderttausende Chinesen werden erzittern, wenn sie die eiserne Faust des Deutschen Reiches schwer in ihrem Nacken fühlen werden.‹

»Und was hat das nun mit dem Brauhaus zu tun?«

»Komm ich gleich drauf. Ich kürz das mal ab. Am 14. November 1897 setzten zwei deutsche Kriegsschiffe 700 Marinesoldaten bei der kleinen Ortschaft Tsingtao in Kiautschou ab. Wenig später nötigten deutsche Diplomaten dem chinesischen Kaiser einen Vertrag auf. Für 99 Jahre ›verpachtete‹ das chinesische Kaiserreich den Deutschen ein über 500 Quadratkilometer großes Gebiet, einschließlich Bergbau- und Eisenbahnkonzessionen.

Die Deutschen propagierten, daraus eine Musterkolonie zu machen, was einige unter Ausblendung des Kolonialismus heute noch so sehen. Die Chinesen sahen das verständlicherweise anders.

Und in der sogenannten deutschen Musterkolonie wurde natürlich auch eine Brauerei gebaut, wo nach deutschem Reinheitsgebot gebraut wurde. Unter dem Namen ›Germania‹ nahm sie 1903 ihren Betrieb auf und in München erhielt das Bier 1906 sogar einen Preis.

Obwohl die Chinesen die deutsche Kolonialherrschaft strikt ablehnten, erfreute sich das Bier bald großer Beliebtheit. Heute wird das Bier von Chinesen gebraut und ist ein Verkaufsschlager. Tsingtao ist mittlerweile die größte Brauerei in der Volksrepublik China und wird in alle Kontinente exportiert.«

»Okay, schön und gut. Verstehe aber immer noch nicht, was das mit dieser Region und Olafs Cronemeyer Brauerei zu tun hat?«

»Ist auch nicht einfach zu verstehen. Die alten Kolonialgebäude in Tsingtao erfreuen sich noch heute großer Beliebtheit, es werden sogar Gebäude in deutschem Stil nachgebaut. Und Liu hatte Olaf sogar vorgeschlagen, dass Brauhaus für einen anständigen Preis Stein für Stein abzutragen und in Tsingtao wieder aufzubauen. Hat er aber abgelehnt.

Und in Cuxhaven gibt es noch heute das Gebäude der Kiautschou-Kaserne, in der damals die Matrosen-Artillerie-Abteilung Kiautschou untergebracht war. Lange Jahre war die Gorch-Fock-Schule drin, jetzt steht das Gebäude aber leer und soll von einem Chinesen gekauft worden sein.«

»Oh, spannend. Und was will der damit machen?«

»Das weiß keiner. Aber ich hab ein Handy-Gespräch von Liu mitbekommen, als er noch nicht wusste, dass ich seine Sprache verstehe. Es ging um das Projekt der Neuen Seidenstraße. Sie ist der Kern der chinesischen Außenpolitik, ein wirtschafts- und geopolitisches Megaprojekt. China will ein neues Handelsnetzwerk zwischen Asien, Afrika und Europa schaffen und verspricht den Ländern Investitionen und Entwicklung, meist finanziert von chinesischen Staatsbanken. Gleichzeitig möchte China seinen globalen Einfluss ausbauen und die internationale Ordnung stärker auf sich zuschneiden.

Dazu soll auch eine Eisenbahnlinie von China über Russland nach Duisburg und Hamburg führen. Und China will sich insbesondere in Häfen einkaufen. Da wäre ein Ausbau der Strecke von Hamburg nach Cuxhaven ein Klacks. Und die führt über Neuhaus.«

»Wahnsinn, wenn das stimmt. Dann geht’s um Milliarden.«

»Kommt noch besser. Wenn ich Liu am Telefon richtig verstanden habe, soll die Deutsche Fährstraße von Bremervörde nach Kiel an die Neue Seidenstraße angeschlossen werden. Er erwähnte da Kontakte zum ehemaligen Vizepräsidenten des Weltschwebefährenverbandes in Osten und zur AG Osteland.«

»Oh, Hammer. Wer weiß, was da noch aus den Tiefen der Oste ans Licht kommt. Interessante Spur. Die Leute sollte man scharf im Auge behalten. Hast du zufällig mal Liu mit Meyer/Mayor über diese halbseidenen Ostefreunde sprechen hören?«

»Nein. Aber ich habe sie mal im Biergarten draußen heftig streiten gehört. Gingen sich fast an die Gurgel. Als ob sie total unter Druck standen.«

»Gut möglich. Jeder auf seine Weise und von anderen Auftraggebern. Danke, Klaus. Bis demnächst.«

Damit ist die Geschichte zu Ende, wie ich sie der anfangs erwähnten nebenberuflichen Agentin erzählt habe, die mir kein Wort glaubte und mich Baron von Münchhausen nannte. Ich kann es Ihnen nicht verdenken, wenn Sie es genau so sehen. Allerdings sollte ich hinzufügen:

Als ich kürzlich wieder ins Brauhaus Neuhaus kam, saß der ehemalige Vizepräsident des Weltschwebefährenverbandes mit einem anderen Chinesen zusammen am Biertisch. Dieser überreichte ihm ein seidenes Tuch und anschließend begutachteten beide ausgiebig eine Landkarte. Barney verschwand mit einem kurz gewachsenen Gast im Nebenraum und die heiteren Neuhäuser Gäste steckten auffällig viele große Scheine in die Schlitze des grünen Sparclub-Kastens an der Wand.

Бесплатный фрагмент закончился.

Возрастное ограничение:
0+
Объем:
224 стр. 24 иллюстрации
ISBN:
9783956691577
Издатель:
Редактор:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги