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Heiko Kleve/Britta Haye/Andreas Hampe/Matthias Müller

Systemisches Case Management

Falleinschätzung und Hilfeplanung in der Sozialen Arbeit

Sechste Auflage, 2021


Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:

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Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Sechste Auflage, 2021

ISBN 978-3-89670-617-1 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8330-3 (ePUB)

© 2006, 2021 Carl-Auer-Systeme Verlag

und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

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Die Auflagen 1–3 erschienen unter der Autorenschaft von Heiko Kleve, Britta Haye, Andreas Hampe-Grosser, Matthias Müller.

Informationen zu unserem gesamten Programm, unseren Autoren und zum Verlag finden Sie unter: https://www.carl-auer.de/

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Carl-Auer Verlag GmbH

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Tel. + 49 6221 6438-0 • Fax + 49 6221 6438-22

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Inhalt

Vorwort zur ersten Auflage

Vorwort zur dritten Auflage

Einleitung

Soziale Arbeit in der Postmoderne

Heiko Kleve

Methodische Grundlagen Sozialer Arbeit

Eine fragmentarische Skizze

Heiko Kleve

Case Management

Eine methodische Perspektive zwischen Lebensweltorientierung und Ökonomisierung Sozialer Arbeit

Heiko Kleve

Verfahren (Techniken) und Struktur im Case-Management-Prozess

Theorie – Praxis – Handreichungen

Matthias Müller

Systemische Kontextklärung

Fragestellungen für die Kontextualisierung während der Falleinschätzung

Heiko Kleve

Systemische Schritte helfender Kommunikation

Sechs-Phasen-Modell für die Falleinschätzung und die Hilfeplanung

Britta Haye und Heiko Kleve

Systemisches Case Management mit

Multiproblemfamilien

Andreas Hampe

Teil 1: Soziale Arbeit mit Multiproblemfamilien – theoretische Perspektiven

Teil 2: Die Praxis des Sechs-Phasen-Modells aus der Perspektive eines Allgemeinen Sozialpädagogischen Dienstes – ein Fallbeispiel

Literatur

Über die Autoren

Vorwort zur ersten Auflage

Wir freuen uns sehr, dass unser Buch in einer korrigierten Neuauflage im Carl-Auer Verlag erscheint. Die erste Auflage, die im Jahre 2003 beim Kersting-Verlag Aachen publiziert wurde, fand in der Fachöffentlichkeit eine so große Resonanz, dass wir, seitdem das Buch vergriffen war, immer wieder angefragt wurden, wann die nächste Auflage auf den Markt komme. Aufgrund einer Neustrukturierung des Kersting-Verlags im Rahmen des Instituts für Beratung und Supervision Aachen (IBS), die mit dem Tod des Verlagsgründers Prof. Dr. Heinz J. Kersting (1937–2005) zu tun hat, hätte eine zweite Auflage nicht sogleich produziert werden können. Daher bedanken wir uns herzlich bei den Betreibern des Kersting-Verlags, insbesondere bei der Erbin Frau Waltraud Hornmann, der Witwe Heinz Kerstings, und beim Geschäftsführer des IBS Aachen, Herrn Georg Nebel, dass Sie uns »grünes Licht« gegeben haben, um das Buch in einem anderen Verlag zu publizieren. Und dass dies so unproblematisch und schnell möglich war, ist insbesondere das Verdienst von Frau Beate Ch. Ulrich, der stellvertretenden Geschäftsführerin des Carl-Auer Verlags, und des dortigen Lektors Herrn Dr. Ralf Holtzmann – auch ihnen gebührt unser Dank.

Wir legen unser Buch zwar in einer korrigierten und neu ausgestatteten, jedoch inhaltlich unveränderten Neuauflage vor, weil wir der Meinung sind, dass das Innovative unserer Ausführungen – die Verknüpfung der systemischen Perspektive mit dem Verfahren des Case Management – nichts von seiner Aktualität verloren hat. Im Gegenteil: Möglicherweise wird die Frage, wie Case-Management-Prozesse ressourcen- und lösungsorientiert sowie zielwirksam methodisch strukturiert werden können, noch viel relevanter, wenn dieses Verfahren in immer weiteren Arbeitsfeldern Einzug hält. Aus unserer Sicht gibt es nur wenige methodische Perspektiven, die so passend sind für eine zukunftsträchtige Soziale Arbeit in postmodernen Zeiten wie die systemische. Daher hoffen wir, dass das Buch durch die Neuauflage viele weitere Leserinnen und Leser gewinnen wird, denen es Anregungen gibt, wie die eigene Praxis im Sinne der Klientinnen und Klienten effektiver und effizienter gestaltet werden kann.

Heiko Kleve, Britta Haye, Andreas Hampe, Matthias Müller

Berlin, im Sommer 2006

Vorwort zur dritten Auflage

Dass unser Buch nun in dritter Auflage im Carl-Auer Verlag erscheint, zeigt, dass Case Management nach wie vor als Verfahren gilt, das in der Praxis sehr gefragt ist, das klassische sozialarbeiterische Konzepte der Einzelfallhilfe und der Organisation von Hilfeprozessen in einer kompakten und sehr gut anwendbaren Form integriert. Vor allem die systemische Ausgestaltung komplexer Fallarbeit steht in diesem Buch im Mittelpunkt. Case Management wird als ein Verfahren der klar strukturierten und auf die Ressourcen der Klientinnen und Klienten sowie ihrer Lebenswelten sich beziehenden Praxis der Falleinschätzung und Hilfeplanung präsentiert. Praktikerinnen und Praktiker können auf der Grundlage des Buches ihre konkrete fallbezogene Arbeit neu ausrichten, stärker als vielleicht bisher auf die Selbsthilfekräfte ihrer Adressatinnen und Adressaten fokussieren sowie Selbstreflexionsprozesse bei sich und den anderen Beteiligten der Hilfen initiieren.

In der Entwicklung des Case Management ist in den letzten Jahren sehr viel passiert. Intensiv hat sich der Fachdiskurs mit den Themen der Gestaltung und Organisation der Hilfesysteme auseinandergesetzt, die Implementierung von Case Management reflektiert und die unterschiedlichen Anwendungsfelder des Verfahrens im Sozial- und Gesundheitswesen erforscht. All diese Aspekte kommen in diesem Buch eher am Rande zur Sprache. Wir konzentrieren uns hier auf die Basis des Ansatzes: auf eine fallbezogene, ressourcenorientierte Gestaltung von komplexen Hilfeprozessen in der Sozialen Arbeit, insbesondere in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe.

Wer nach der Lektüre unserer Publikation oder parallel dazu Case Management in seinen weiteren, ja äußerst vielfältigen Facetten vertiefen will, der sei auf die immer wieder aktualisierte Zusammenstellung von entsprechender aLiteratur zum Thema, auf die Präsentation aktueller Forschungsergebnisse oder die Zusammenstellung von Tagungsberichten auf den Internetseiten der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management (http://www.dgcc.de) verwiesen.

Wir möchten uns schließlich für das anhaltende Interesse an unserem Buch bedanken und hoffen, dass dieses auch weiterhin nachhaltige und konstruktive Praxisentwicklungen anregt.

Heiko Kleve, Britta Haye, Andreas Hampe, Matthias Müller

Berlin/Potsdam im Herbst 2010

Einleitung
Soziale Arbeit in der Postmoderne

Heiko Kleve

Ausgangspunkte

Genauso wie die Gesellschaft ist die Sozialarbeit im Wandel. Die sozialen Phänomene, die mit Differenzierung der Lebenslagen, Pluralisierung, Individualisierung und Globalisierung benannt werden, sind in aller Munde und tangieren auch die Sozialarbeit unmittelbar. Die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse verändern alle sozialen Verhältnisse, sie verändern aber auch besonders das Verhältnis der einzelnen Menschen zur Gesellschaft und zu deren Institutionen.

Der Wohlfahrtsstaat wäre nicht mehr so finanzierbar wie bisher. Die Sozialarbeit gerät mehr und mehr unter Druck, ihre Hilfeangebote zu ökonomisieren, sie nach Effektivität (Zielwirksamkeit) und Effizienz (Wirtschaftlichkeit) zu bemessen. Mehr denn je ist Ressourcenorientierung aktuell. Informelle Hilfepotenziale der Lebenswelten sind wieder verstärkt zu fördern. Die Eigenverantwortung der Bürger für ihre Belange ist von der Sozialarbeit zu stützen. Sozialarbeiterische Organisationen werden zu sozialen Dienstleistungsunternehmen umstrukturiert, die mündige Bürger erfordern – Bürger, die wissen, was sie an Hilfe brauchen und diesbezüglich auswählen können. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter werden in diesem neuen Arrangement zu Managern des Sozialen, die Angebote machen, an Ressourcen arbeiten, Vernetzungen herstellen sowie das informelle und formelle Angebot von Hilfe koordinieren.

Die Frage ist nur, ob sich die veränderten Lebenswelten und die individualisierten Individuen auf diesen Wandel des Sozialstaates und der Sozialarbeit einstellen können. Denn auch in der Lebenswelt ist alles in Veränderung. So differenzieren sich etwa Familienstrukturen aus. Die klassische Kernfamilie, sozusagen die familiäre Normalform, bestehend aus Vater, Mutter und Kind(ern), ist inzwischen ein Familienmodell unter vielen anderen geworden.

Einelternfamilien, bestehend aus allein erziehenden Müttern oder Vätern und deren Kinder, oder Stieffamilien, bestehend aus einem leiblichen Elternteil und einem Stiefelternteil sowie deren Kinder, galten noch vor einem halben Jahrhundert als besondere, eher seltene Familienformen; sie sind heute normal geworden. Parallel zu diesen Veränderungen befinden sich die individuellen Ansprüche an die Familie, an die Liebe allgemein und an die Selbstverwirklichung im Wandel. Die Geschlechterverhältnisse mischen sich neu, die klassischen familiären Rollenverteilungen verwischen sich. Partnerinnen und Partner stellen häufig hohe Erwartungen an ihre Beziehung, die – wenn überhaupt – nur über Dialogfähigkeit eingelöst werden können.

Eingebunden in diese Prozesse ist die Sozialarbeit, die sowohl mit einem veränderten Sozialstaatkonzept als auch mit sich verändernden Lebenswelten, in denen hoch anspruchsvolle Individuen zu Hause sind, konfrontiert wird. Von der Sozialarbeit sind daher Konzepte gefragt, die den beschriebenen Wandlungsprozessen Rechnung tragen, die mit den gesellschaftlichen Veränderungen mitgehen. Solche Konzepte wollen wir in diesem Buch für die Soziale Einzel- und Familienarbeit konstruieren und dazu einladen, diese Konzepte in der Praxis der Sozialen Arbeit auszuprobieren und zu überprüfen oder sie im Studium sowie in der Fort- und Weiterbildung zu diskutieren.

Wir, also Britta Haye, Andreas Hampe, Matthias Müller und ich, sind bereits seit mehreren Jahren im Gespräch darüber, wie die oben knapp beschriebenen Wandlungen in den Lebenswelten der Menschen und in der Sozialen Arbeit methodisch bewältigt werden können, und zwar so, dass daraus kein Abbau sozialarbeiterischer Standards resultiert. Vielmehr ist es uns ein Anliegen, innovative sozialarbeiterische Handlungsmethoden zu sichten, zu testen und gegebenenfalls so weiterzuentwickeln, dass sie den aktuellen Anforderungen gerecht werden. Ein erstes Ergebnis unserer Arbeitsgruppe, die vor allem ich in enger Kooperation mit Britta Haye an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin koordiniere, ist das vorliegende Buch, in dem wir versuchen, Ansätze zum Case Management mit methodischen Vorstellungen einer systemisch-konstruktivistisch orientierten, einer postmodernen Sozialarbeit (s. dazu Kleve 1999; 2000) zu koppeln. Wir wollen den Leserinnen und Lesern also methodische Ansätze vorstellen, die von einer klassischen zu einer postmodernen Sozialarbeit führen könnten, einer Sozialarbeit, die sich bewusst ist, dass sie nicht mehr so weitermachen kann wie bisher.

Nach unserem Verständnis ist die Gesellschaft und mit ihr auch die Sozialarbeit spätestens jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts in eine postmoderne Phase eingetreten. Während die moderne Sozialarbeit noch wusste, anhand welcher Normen die vermeintlich abweichenden Klienten in die Gesellschaft reintegriert bzw. für die Gesellschaft normalisiert werden sollten, geht einer postmodernen Sozialarbeit dieses Wissen mehr und mehr verloren. Die Frage ist dann, durch welche Methoden, professionellen Haltungen und theoretischen Orientierungen dieses Nichtwissen kompensiert werden kann – wir meinen: vielleicht durch ein Case Management, das sich vor allem hinsichtlich der Falleinschätzung und Hilfeplanung systemisch-konstruktivistisch orientiert.

Ein solches Systemisches Case Management geht von vier postmodernen Prämissen aus (vgl. dazu Kleve 2000, S. 59 ff.): Erstens sieht es das Primat von Kommunikation, also die soziale Tatsache, dass es nur realisierbar ist, wenn es Dialoge, Diskurse, Aushandlungen, kurz Gespräche zwischen Menschen initiiert, die die soziale Wirklichkeit allererst konstruieren; zweitens akzeptiert es die zu erwartende Möglichkeit der grundsätzlichen Verschiedenheit (Differenz) zwischen den lebensweltlichen Bezügen bzw. subjektiven wie sozialen Wirklichkeitskonstruktionen der SozialarbeiterInnen und der KlientInnen; drittens reflektiert es die Grenzen des sozialarbeiterischen Handelns und anerkennt die Unmöglichkeit instruktiver Interaktionen (s. dazu weiterführend Kersting 1991), vielmehr öffnet es sich für Kontingenz, für die Möglichkeit, dass alles immer auch anders kommen kann, als es geplant, erdacht oder intendiert war; viertens schließlich eröffnet es ein reflexives Vorgehen, das die SozialarbeiterInnen auffordert, dass sie das, was sie tun, permanent – z. B. mittels Evaluationen oder Supervisionen – verantwortungsbewusst hinterfragen, einschätzen und bewerten und sich neue, alternative Handlungsmöglichkeiten überlegen, wenn die bisherigen nicht zum gewünschten Ziel, der erfolgreichen Hilfe für KlientInnen, führen.

Thesen des Buches

Wir haben bereits festgestellt, dass sich die Sozialarbeit nicht mehr problemlos auf eine gegebene moralische Einheit der Gesellschaft beziehen kann, um von dort aus integrierende Normanpassungen ihrer vermeintlich devianten Klienten vorzunehmen. Vielmehr müssen nun, quasi losgelöst von jeder einheitlichen moralisch-gesellschaftlichen Verankerung, in – z. B. durch das Rechtssystem gerahmten – Ver- und Aushandlungsprozessen die Problem-, Reflexions-, Handlungs- und Zielbezüge sozialarbeiterischer Hilfen im Spannungsfeld sozialer (etwa politischer, wirtschaftlicher, familiärer etc.) und individueller Erwartungen immer wieder neu geschaffen, konstruiert werden. Das Soziale muss von der Sozialarbeit alltäglich neu hergestellt werden. Kaum etwas ist noch selbstverständlich. Fast alles ist hinterfragbar geworden, kann immer auch anders beschrieben, erklärt und bewertet werden. Unsere soziale Situation ist so ambi- oder polyvalent, so mehrdeutig wie vielleicht nie zuvor.

Trotz dieser postmodernen Situation sind wir der Ansicht, dass ein Bezug der Sozialarbeit weiterhin – womöglich sogar radikaler als je zuvor – erhalten bleiben wird und erhalten bleiben muss, nämlich der Klientenbezug.

Dieser Bezug wird gerne mit der Aussage umschrieben, dass die Klienten dort abgeholt werden müssen, wo sie stehen. Dieser Klientenbezug, der typisch ist für die Sozialarbeit, bildet auch die Basis für die These, die wir den folgenden Texten voranstellen wollen. Diese These lautet, dass es in konkreten Hilfeprozessen die Klienten Sozialer Arbeit selbst (und nicht die Helfer) sind, die am ehesten wissen, was gut für sie ist. Dieser Orientierung fühlen sich die Autorin und die Autoren dieses Buches verpflichtet. Insbesondere um diese Idee in die Praxis umzusetzen, bieten sich unserer Ansicht nach eben die beiden methodischen Richtungen an, die wir in diesem Buch kombinieren: die systemischkonstruktivistische Perspektive und das Case Management.

Unserer Ansicht nach sind systemisch-konstruktivistische Orientierungen und das Case Management sozialarbeiterische Ansätze, in denen zwei wesentliche Postulate, die aktuelle sozialarbeiterische Ansätze prägen sollten, aufgenommen werden: nämlich einerseits die Lebensweltorientierung und andererseits die Ökonomisierung.

Im Sinne der Lebensweltorientierung sind die beiden Methoden dialogisch orientiert. Mit Hilfe dieser Methoden können SozialarbeiterInnen zusammen mit den KlientInnen versuchen, in kommunikativen Aushandlungsprozessen Lösungen zu initiieren. Die Klienten werden dabei – ganz im Sinne unserer oben genannten These – als Experten für die Realisierung der Problemlösungen gesehen. Die SozialarbeiterInnen gehen also nicht normativ vor, sondern verstehen sich als Experten für die prozesshafte Konstruktion von Zielen und für das prozesshafte Anregen der Klienten hinsichtlich der Zielerreichung. In diesem Sinne sind die SozialarbeiterInnen Kommunikationsexperten, die das kommunikative, das dialogische Erschließen von Zielen und Lösungen, die in der Lebenswelt der Klienten sinnvoll und sinnhaft sind, anregen, ja ermöglichen.

Im Sinne der Ökonomisierung sind beide Methoden – mit den oben genannten Einschränkungen bezüglich der Grenzen des sozialarbeiterischen Handelns – an Effektivität und damit fast zwangsläufig an Effizienz orientiert. Sie sind auf Effektivität ausgerichtet, weil sie die Ergebnisse der Hilfe anhand der Ziele messen, die zuvor, d. h. während des Hilfeprozesses, zumeist immer wieder erneut ausgehandelt wurden. Nur wenn Ziele definiert wurden, kann zielwirksam, also effektiv gearbeitet werden, und nur wenn die Ergebnisse mit diesen Zielen verglichen werden, ist es möglich, die erreichte Effektivität zu messen.

Unabhängig von den konkreten Zielvereinbarungen in jeder Hilfe kann als das grundlegende Ziel jeder Sozialarbeit – im weitesten Sinne – die »Hilfe zur Selbsthilfe« angegeben werden. Mit anderen Worten soll sozialarbeiterische Hilfe bewirken, dass die Klienten in absehbarer Zeit sich wieder selber helfen können oder dass Personen aus dem lebensweltlichen Netzwerk (z. B. Familienangehörige, Nachbarn, Freunde, ehrenamtliche Helfer) unterstützend wirken, sodass die professionelle Hilfe überflüssig wird.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist das »zentrale Hilfeparadoxon« (Wolff 1990, S. 22) zu reflektieren, das darin besteht, dass Hilfe immer auch zur Nicht-Hilfe im negativen Sinne führen kann, das heißt zur Abhängigkeit der Klienten von den Helfern. Beide Methoden – sowohl die systemische Beratung als auch das Case Management – versuchen, gerade diese Abhängigkeit zu verhindern, indem sie die Wahrscheinlichkeit, dass diese Abhängigkeit überhaupt erst entstehen kann, durch einen kritischen Einbezug des Faktors Zeit verringern.

Hilfen sollen so lange wie nötig, aber so kurz wie möglich dauern. Die These ist, dass Abhängigkeit mit der Verfestigung von Strukturen über einen längeren Zeitraum entsteht. Mit anderen Worten, je länger eine Hilfe dauert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Klienten von dieser – wie auch immer – abhängig werden; und umso teurer werden die Hilfen dann, was dazu führt, dass Effizienz sinkt. Wir können sehen, dass sich die Beachtung des Zeitaspektes auf das bezieht, was wir Effizienz nennen, nämlich auf die Wirtschaftlichkeit. Hilfen, die (»nur«) so lange wie nötig und so kurz wie möglich durchgeführt werden, sind – so ist zumindest zu vermuten – kostengünstiger (wirtschaftlicher, effizienter) als Hilfen, die diesen Aspekt nicht beachten. Aus diesem Grund sollte in der Sozialen Arbeit verstärkt systemisch-lösungsorientiert im Sinne von Steve de Shazer (1988; 1991; 1996) gearbeitet werden. Dies würde dann vermutlich auch effiziente zeitsensible Hilfen ermöglichen, die innerhalb von Case-Management-Prozessen begleitet und evaluiert werden könnten.

Struktur des Buches

Unser Buch ist deduktiv aufgebaut, wir gehen also vom Allgemeinen zum Konkreten.

Zunächst wird Heiko Kleve eine kurze Skizze der methodischen Grundlagen Sozialer Arbeit zeichnen. Dabei klärt er die Frage, was überhaupt unter Methodik der Sozialen Arbeit zu verstehen ist, und ordnet die sozialarbeiterische Methodenentwicklung in den historischen Prozess gesellschaftlicher Entwicklung ein. Des Weiteren stellt er knapp die klassischen Arbeitsformen Sozialer Arbeit dar und erläutert drei psychologische/psychotherapeutische Schulen, die die Soziale Einzelfallhilfe ausgesprochen stark geprägt haben und wohl immer noch prägen: die Psychoanalyse/Tiefenpsychologie, die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie/nicht-direktive Beratung und die systemische Familientherapie. Diese Skizze der methodischen Grundlagen Sozialer Arbeit erscheint vor allem deshalb sinnvoll, weil auch ein Systemisches Case Management nicht losgelöst ist von den historischen Prozessen und Einbindungen der sozialarbeiterischen Methodik, es bietet höchstens eine neue Perspektive auf dem Hintergrund des herkömmlichen Sozialarbeiterischen.

Diese neue Perspektive des Case Management wird im zweiten Beitrag thematisiert. Heiko Kleve vertritt dort die These, dass Case Management mit einer aktuell in der heutigen Sozialen Arbeit sehr ausgeprägten Ambivalenz umzugehen erlaubt: die Ambivalenz von Lebensweltorientierung und Ökonomisierung. Case Management ermöglicht es Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, auf beiden Seiten der Ambivalenz zugleich zu stehen, also sowohl lebensweltorientiert als auch ökonomisch reflektiert zu handeln. Um dies zu begründen, werden zunächst einige grundsätzliche Postulate beider Orientierungen beschrieben, um sodann anhand des Case-Management-Prozesses zu zeigen, welche lebensweltorientierten und ökonomisch ausgerichteten Möglichkeiten des methodischen Handelns Case Management bietet.

Auf den Case-Management-Prozess geht Matthias Müller in seinem Beitrag vertiefend ein. Zunächst reflektiert er die geschichtliche Entstehung des Case Management und leitet daraus die Möglichkeiten dieser Methode ab: Desintegrationen von KlientInnen hinsichtlich sozialarbeiterischer und anderer Hilfen sowie Diskontinuitäten im Hilfeprozess entgegenzuwirken. Wie dies gelingen kann, wird erläutert anhand der Darstellung eines Fünf-Phasen-Modells zum Case Management. Besonders wichtig sind in diesen Phasen Verfahren und Techniken, die erst ihre Ausgestaltung (z. B. die Erarbeitung und Operationalisierung von Zielen) ermöglichen. Solche Techniken und Verfahren stellt Matthias Müller vor und lädt PraktikerInnen ein, diese sogleich für ihre Case-Management-Arbeit zu nutzen. Am Ende des Textes wird eine Reihe von Werkzeugen angeboten, die ebenfalls sofort in der Praxis genutzt werden können.

Werkzeuge bietet auch Heiko Kleve im nächsten Text. Er vertritt die These, dass in der Phase der Falleinschätzung die Kontexte insbesondere des Falls und der Hilfe allgemein gründlich zu klären sind. Nur wenn man die Rahmenbedingungen der Arbeit von Anfang an im Auge behält, ist zielwirksames und für KlientInnen sowie HelferInnen erfolgreiches Arbeiten möglich. Für die Klärung dieser Rahmenbedingungen werden unterschiedliche Fragekomplexe angeboten.

Für die Umsetzung in der Praxis bietet auch der nächste Aufsatz von Britta Haye und Heiko Kleve viele Möglichkeiten. Es wird nämlich ein Sechs-Phasen-Modell zur Strukturierung der Kommunikation in der Fallarbeit angeboten, das sich im Rahmen des Case Management insbesondere für die Falleinschätzung und die Hilfeplanung eignet. Ausgehend vom klassischen methodischen Dreischritt der Sozialen Arbeit mit Einzelnen und Familien wird ein erweiterter Sechs-Schritte-Rhythmus angeboten und die Ausgestaltung der Schritte thematisiert. So schlagen die AutorInnen vor, dass SozialarbeiterInnen während der Falleinschätzung insbesondere kontextualisieren, Probleme klar definieren, Ressourcen gründlich analysieren und Hypothesen über die Problembedingungen entwickeln sollten. Die Hilfeplanung zeichnet sich dadurch aus, wie auch Matthias Müller in seinem Text zeigt, dass Ziele benannt und die Schritte zu den Zielen genau entwickelt werden (Handlungsplanung, Operationalisierung).

Schließlich zeigt Andreas Hampe, wie die systemischen Sechs-Schritte helfender Kommunikation im Rahmen eines Case Management im Jugendamt, im Allgemeinen Sozialpädagogischen Dienst (ASD) realisiert werden könnten. Da sich die Arbeit des ASD häufig auf »Multiproblemfamilien« bezieht, ja hier gerade die Herausforderung der Sozialen Arbeit liegt, beschäftigt er sich vor allem mit der Frage, wie derartigen Familien erfolgreich geholfen werden kann. Dazu stellt er – im Teil 1 seines Beitrags – zunächst theoretische Überlegungen an, die ein systemisches Verständnis von den KlientInnen Sozialer Arbeit ermöglichen und eine Haltung der SozialarbeiterInnen herausfordern, die genau dazu passt. Mit vielen Beispielen und Schaubildern wird deutlich gemacht, wie ein lösungs- und ressourcenorientiertes Arbeiten im Jugendamt gelingen kann, ohne zu vernachlässigen, dass gerade in diesem Bereich Sozialer Arbeit Hilfe und Kontrolle häufig zusammenfallen. Im Teil 2 bespricht er einen konkreten Fall und strukturiert diesen mit Hilfe des von Britta Haye und Heiko Kleve beschriebenen Sechs-Phasen-Modells für die Falleinschätzung und Hilfeplanung. Der Beitrag von Andreas Hampe stellt gewissermaßen die Synthese dessen dar, was in den Texten zuvor vorgestellt und erläutert wurde.

Ich hoffe, dass die Beiträge dieses Buches dazu einladen, die vorgestellten Konzepte auf ihre praktische Brauchbarkeit zu testen, denn die Autoren sind der Meinung, dass gerade die systemisch-konstruktivistische Orientierung in der Sozialen Arbeit kombiniert mit einem strukturierten Case-Management-Prozess das ermöglicht, was SozialarbeiterInnen anstreben: erfolgreich zu helfen – nämlich so, dass KlientInnen im Sinne von Empowerment ermächtigt werden, ihr Schicksal wieder in die eigenen Hände zu nehmen.

Methodische Grundlagen Sozialer Arbeit
Eine fragmentarische Skizze

Heiko Kleve

Praxis, Wissenschaft und Methoden Sozialer Arbeit

Sozialarbeit und Sozialpädagogik sind in Deutschland die beiden zentralen Wissens- und Handlungsbereiche der Sozialen Arbeit. Ursprünglich wurde davon ausgegangen, dass Sozialarbeit (»Armenfürsorge«) Ersatz für schwindende familiäre Sicherungsleistungen bietet, während Sozialpädagogik (»Jugendfürsorge«) die schwindenden familiären Erziehungsleistungen kompensiert (vgl. Mühlum 1996). Inzwischen können wir allerdings von einer Identität von Sozialarbeit und Sozialpädagogik sprechen (vgl. Merten 1998), d. h., eine Unterscheidung zwischen diesen beiden Bereichen ist kaum noch möglich, sodass das Berufsfeld immer häufiger als Soziale Arbeit bezeichnet wird.

Soziale Arbeit lässt sich in Praxis (Profession Soziale Arbeit) und Wissenschaft (Disziplin bzw. Fachwissenschaft Soziale Arbeit, Sozialarbeitswissenschaft) unterscheiden. Die Methoden der Sozialen Arbeit können als ein Bindeglied zwischen Praxis und Wissenschaft verstanden werden.


Sozialarbeit – Sozialpädagogik – Soziale Arbeit
Sozialarbeitspraxis Sozialarbeitswissenschaft
Profession Soziale Arbeit Disziplin Soziale Arbeit
Sozialarbeiterische Organisationen, freiberufliche Sozialarbeit Hochschulen bzw. hochschulische Fachbereiche für Soziale Arbeit
Wirksamkeit und Angemessenheit des Handelns »Wahrheit«, im Sinne von Anschlussfähigkeit und Brauchbarkeit des Wissens
Methoden Sozialer Arbeit … … als Bindeglied von theoretischem, disziplinärem Erklärungswissen und praktischem, professionellem Handlungs-, Werte- sowie Evaluationswissen

Abb.: Methoden als Bindeglied von Theorie und Praxis

Praxis: Die Praxis der Sozialen Arbeit wird auch Profession genannt, sie ist das berufliche Handlungsfeld, in dem die SozialarbeiterInnen tätig sind. Das sozialarbeiterische Handlungsfeld lässt sich weiter in Interaktion (Mikroebene), Organisation (Mesoebene) und Gesellschaft (Makroebene) unterscheiden. Mit anderen Worten, es arbeiten SozialarbeiterInnen etwa in der Beratung mit KlientInnen auf einer kommunikativen Interaktionsebene, weiterhin sind sie in sozialarbeiterische Organisationen (z. B. in Sozial-, Jugend- und Gesundheitsämtern oder bei freien Trägern) als Angestellte eingebunden oder erhalten als freiberuflich Tätige ihre Aufträge von diesen Organisationen. Schließlich stellt die Soziale Arbeit ein gesellschaftliches Funktionssystem dar, das neben anderen Systemen der Gesellschaft (Wirtschaft, Politik, Erziehung, Religion, Recht, Kunst, Wissenschaft etc.) potenziell für alle Gesellschaftsmitglieder (»Bürger«) Leistungen (»soziale Hilfe«) erbringt.

Inzwischen kann gesagt werden, dass Soziale Arbeit gewissermaßen von der Geburt bis zum Tode der Bürger in allen Lebensabschnitten und -bereichen (präventiv, interventiv und postventiv) tätig ist. Dabei fokussiert sie biologische, psychische und soziale Prozesse von Menschen und ist doppelt generalistisch tätig: Sie bezieht sich potenziell sowohl auf die gesamte Gesellschaft (als Berufs- und Funktionssystem) als auch auf alle Ebenen des individuellen Lebens (als organisatorisches und interaktionelles Handlungssystem):


Gesellschaftliches FunktionssystemOrganisations- und Handlungssystem
Universeller Generalismus: Heterogenität (Vielfältigkeit) des sozialarbeiterischen HandlungsfeldesSpezialisierter Generalismus: Heterogenität (Vielfältigkeit) des sozialarbeiterischen Fallbezugs
Prävention * Intervention * PostventionSoziale Arbeit mit Einzelnen und Familien * Gruppenarbeit * Gemeinwesenarbeit
Sozialhilfe, Kinder- und Jugendhife, Familienhilfe, Behindertenhilfe, Obdachlosenhilfe, Suchthilfe, Krankenhilfe, Schuldnerhilfe, Rechtshilfe, Altenhilfe etc.Biologisches (biologische Bedürfnisse und alle körperlichen/somatischen Aspekte, die damit zusammenhängen)
Psychisches (psychische Bedürfnisseund alle psychischen/kognitiven/ emotionalen Aspekte, die damit zusammenhängen)Soziales (soziale Bedürfnisseund alle sozialen Aspekte, die damit zusammenhängen

Abb.: Doppelter Generalismus Sozialer Arbeit

Wissenschaft: Die Wissenschaft der Sozialen Arbeit (Sozialarbeitswissenschaft) wird auch Disziplin genannt, sie ist das Handlungs- bzw. Forschungsfeld, in dem die WissenschaftlerInnen tätig sind, d. h. StudentInnen ausbilden (lehren) und forschen. Die Wissenschaft hat insbesondere die Aufgabe, Wissen bereitzustellen, mit dem die Praxis und mit dem in der Praxis beobachtet, beschrieben, erklärt und bewertet, kurz reflektiert werden kann.

Methoden: Die Methoden Sozialer Arbeit stellen, wie gesagt, ein Bindeglied zwischen Praxis und Wissenschaft dar, sie sind im besten Falle wissenschaftlich begründet und praktisch wirksam. Sie sollen in einem bestimmten Arbeitsfeld, innerhalb von Hilfeprozessen (z. B. innerhalb der Sozialen Arbeit mit Einzelnen und Familien) Menschen gezielt dabei helfen, ihre sozialen Probleme zu lösen. Methoden sind in dieser Hinsicht ein »Kern« professioneller Sozialarbeit/Sozialpädagogik.

Zwei Definitionen zum Begriff Methode: »Methode heißt, strategisch einen Weg zu beschreiten, der nach Zweck und Ziel und nach Lage der Dinge angemessen erscheint« (Wendt; zit. nach Galuske 1998, S. 29).

»Methoden der Sozialen Arbeit thematisieren jene Aspekte im Rahmen sozialpädagogischer/sozialarbeiterischer Konzepte, die auf eine planvolle, nachvollziehbare und damit kontrollierbare Gestaltung von Hilfeprozessen abzielen und die dahingehend zu reflektieren und zu überprüfen sind, inwieweit sie dem Gegenstand, den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, den Interventionszielen, den Erfordernissen des Arbeitsfeldes, der Institution sowie den beteiligten Personen gerecht werden« (Galuske 1998, S. 25).

Daraus ergeben sich sechs Perspektiven, die bei der Reflexion von Methoden Sozialer Arbeit grundsätzlich zu beachten sind (vgl. ebd., S. 25 f.):

1. Sachorientierung: Welche Probleme sollen mit der Methode bearbeitet werden? Wird die Methode der Problemlage gerecht?

2. Zielorientierung: Welche Ziele sollen mit der Methode erreicht werden? Lassen sich die Ziele mittels der Methode einlösen?

3. Personen- und Interaktionsorientierung: Wird die Methode den betreffenden Personen (KlientInnen/SozialarbeiterInnen) und ihrer Interaktion gerecht?

4. Arbeitsfeld- und Institutionsorientierung: Ist die Methode sinnvoll innerhalb der institutionellen/organisatorischen Rahmenbedingungen anwendbar?

5. Planungsorientierung: Erlaubt die Methode die gezielte Planbarkeit von Hilfeprozessen?

6. Überprüfbarkeit (Evaluation; Controlling): Lassen sich am Ende darüber Aussagen treffen, ob und wie die Methode gewirkt hat?

Sozialarbeiterische Methodik von der Moderne bis zur Postmoderne

Die berufliche, professionelle Soziale Arbeit, so wie wir sie heute kennen, ist ein Ergebnis der gesellschaftlichen Evolution; sie ist beispielsweise hervorgegangen aus der Armenpflege der freien Reichs- und Hansestädte, der bürgerlichen Frauenbewegung, der sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung, der sozialreformerischen Bemühungen staatlicher Institutionen, der so genannten Armenpolicey, der diakonischen und karitativen Bemühungen der Kirchen sowie der Jugendbewegung. Gesellschaftshistorisch lässt sich die Soziale Arbeit neben vormodernen Hilfeformen als die moderne Form des sozialen Helfens bewerten (vgl. Luhmann 1973).


Vormoderne Moderne
Archaische Gesellschaft (»Urgesellschaft«) Hochkultivierte Gesellschaft (»Feudalistische Gesellschaft«) Moderne Gesellschaft (»Kapitalistische Gesellschaft«, »Industriegesellschaft« etc.)
primär differenziert in soziale Segmente (z. B. in Familien, Stämme etc.) primär differenziert in soziale Schichten und Klassen (Bauern, Handwerker, Adel etc.) primär differenziert in Funktionssysteme (z. B. Wirtschaft, Politik, Recht, Wissenschaft, Erziehung, Soziale Arbeit etc.)
reziproke (wechselseitige) persönliche Hilfen auf der Grundlage von Hilfe- und Dankeserwartungen moralisch bzw. religiös inspirierte Hilfen zwischen verschiedenen Schichten/Klassen gesetzlich definierte, abgesicherte und organisatorisch durchgeführte Hilfen (rationalisierte, bürokratisierte und ökonomisierte Hilfe, Sozialstaatsprinzip, moderne und professionelle Sozialarbeit)

Abb.: Hilfeformen im Wandel

Soziales Helfen kann verstanden werden als Beitrag zur Befriedigung der Bedürfnisse von Menschen, die diese nicht mehr selbst befriedigen können. Sozialarbeiterische Hilfen beziehen sich auf materielle und symbolische (soziokulturelle) Bedürfnisse, die für die physische und psychische Reproduktion von Menschen erforderlich sind bzw. gesellschaftlich so bewertet werden. Somit wird soziales Helfen auch verstanden als ein Bedarfsausgleich im Hinblick auf ungleich verteilte und verfügbare soziale Ressourcen und Kapazitäten – z. B. Unterkunft, Nahrung, Gebrauchsgegenstände, Geld, Arbeit, Freizeit, Erziehung, Bildung, Betreuung, persönliche Beziehungen, soziale Netzwerke.

In der modernen Gesellschaft lassen sich vor allem vier unterschiedliche Hilfeformen beobachten, die nebeneinander existieren:


situationsgebundensituationsübergreifend
personengebunden1. personengebunden und situationsgebunden Hilfe in Familien, unter Freunden, in Nachbarschaften, in Selbsthilfegruppen3. personengebunden und situationsübergreifend Professionelle soziale Hilfe (in Interaktionsprozessen, z. B. Soziale Arbeit mit Einzelnen und Familien)
personenübergreifend2. personenübergreifend und situationsgebunden Spontane Hilfe unter Fremden4. personenübergreifend und situationsübergreifend Hilfen durch den Sozialstaat (Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe etc.), Versicherungsleistungen

Abb.: Hilfeformen in der modernen Gesellschaft (vgl. zur Übersicht Hillebrandt 2001, S. 44)

Die Professionalisierung (Verberuflichung) der sozialen Hilfe zur Sozialen Arbeit geht einher mit der Etablierung der modernen Gesellschaft. So ist die Soziale Arbeit Teil eines Projektes, das als ein permanentes Ringen um Ordnung, Eindeutigkeit, Rationalisierung, Kontrolle, Klassifizierung, Bestimmung und Identifizierung beschrieben werden kann: nämlich des Moderne-Projektes (vgl. Bauman 1991). Die Durchsetzung der Moderne, der modernen Gesellschaft, die ihren Ursprung in der aufkommenden Aufklärung des 17. Jahrhunderts hat, kann auf die Zeit des Beginns des 20. Jahrhunderts datiert werden.

Der Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert war ebenfalls der Zeitpunkt, an dem sich die soziale Hilfe von einer primär moralisch bzw. religiös inspirierten »Mildtätigkeit« (vgl. Luhmann 1973) deutlich zu wandeln begann in die professionelle – zunächst ausschließlich frauenberufliche – Sozialarbeit. Nun wurde auch versucht, soziale Hilfe, Armen- und Jugendfürsorge, mithin das, was wir heute Sozialarbeit, Sozialpädagogik bzw. Soziale Arbeit nennen, den Kriterien der gesellschaftlichen Modernisierung, sprich: der Rationalisierung, Verrechtlichung und Bürokratisierung, kurz: der formalen Organisation unterzuordnen.

In diesem Zusammenhang der Modernisierung steht auch die Entwicklung der Methoden und Arbeitsformen Sozialer Arbeit (Soziale Arbeit mit Einzelnen und Familien, Soziale Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit); sie sind der Ausdruck dafür, dass das geplant, rationalisiert, bürokratisiert und ökonomisiert im öffentlichen Bereich der Gesellschaft anzubieten und durchzuführen ist, was in der Vormoderne wenig rationalisiert eher im privaten Bereich oder ausgehend von privaten Motivationen und Interessen geleistet wurde: eben soziale Hilfe.

Inzwischen ist Soziale Arbeit zu einem normalen Teil der modernen (Dienstleistungs-)Gesellschaft geworden. Das 20. Jahrhundert, in dem sich Soziale Arbeit entwickelt und auf alle Gesellschaftsbereiche ausgedehnt und etabliert hat, kann daher auch als das »sozialpädagogische Jahrhundert« (vgl. Thiersch 1992 oder auch Rauschenbach 1999) bezeichnet werden.

Wie sich die Soziale Arbeit in der Postmoderne des 21. Jahrhunderts weiterentwickeln wird, ob es etwa zu einer Re-Familialisierung der sozialen Hilfe kommen wird, bleibt abzuwarten.

Entwicklung der klassischen Methoden Sozialer Arbeit

Die klassischen Methoden Sozialer Arbeit sind genau genommen keine spezifischen Methoden, sondern Arbeitsformen. Innerhalb dieser Arbeitsformen wird dann methodisch etwa mit einzelnen KlientInnen oder Familien (Soziale Einzelfallhilfe), mit Gruppen (Soziale Gruppenarbeit) oder Gemeinwesen (Gemeinwesenarbeit) sozialarbeiterisch gehandelt (kommuniziert). Die Entwicklung der sozialarbeiterischen Arbeitsformen/Methoden kann in vier Phasen unterteilt werden (vgl. Schilling 1997, S. 272 ff.; Galuske 1998, S. 63 ff.):

Erste Phase: Anfänge (Anfang des 20. Jahrhunderts): In Deutschland hat vor allem Alice Salomon die Anfänge der professionellen sozialarbeiterischen Methoden maßgeblich beeinflusst. Mit der Veröffentlichung ihres Buches Soziale Diagnose (1926) versuchte sie, die aus den USA kommende (von Mary Richmond entwickelte) Methode des Case Work auch in Deutschland bekannt zu machen. Der Begriff »Diagnose« deutet es schon an, dass die Sozialarbeit in ihrer ersten Phase bestrebt war, sich konzeptionell/methodisch an die Medizin anzulehnen.

Das Ziel der sozialen Diagnose von FürsorgerInnen ist es, »Material zu sammeln (eigene Beobachtungen und Aussagen anderer), das beschaffene Material zu prüfen und zu vergleichen, es zu bewerten, Schlüsse daraus zu ziehen – schließlich ein Gesamtbild herzustellen, das erlaubt, einen Plan für die Abhilfe (Behandlung) zu fassen. […] Zum Material der Ermittlung gehören […] alle Tatsachen aus dem Leben des Bedürftigen und seiner Familie, die dazu helfen können, die besondere soziale Not und das soziale Bedürfnis des Betroffenen zu erklären und die Mittel zur Lösung der Schwierigkeit aufzuzeigen« (Alice Salomon, zit. nach Müller 1988, S. 145).

Zweite Phase: Übernahme amerikanischer Methoden (Arbeitsformen) (1950er Jahre): In dieser Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Bundesrepublik Deutschland die in den USA entwickelten o. g. klassischen Methoden/Arbeitsformen der Sozialen Arbeit in die Praxis und Lehre eingeführt.

Soziale Einzelfallhilfe: Sie bezieht sich auf einzelne Individuen und Familien, betrachtet deren Bedürfnisse und Probleme – auch in Wechselwirkung mit der relevanten Umwelt – und versucht, die KlientInnen und Familien zur Problemlösung anzuregen. Dabei wird von folgenden Prinzipien ausgegangen: Annehmen und Akzeptieren; Individualisieren; individuelle Selbstbestimmung; dort anfangen, wo die KlientInnen stehen; mit den Stärken des Individuums arbeiten. Methodisch wird in drei Schritten gearbeitet (»Methodischer Dreischritt«): 1. Fallstudie/Anamnese; 2. Soziale Diagnose; 3. Behandlung.

Im Mittelpunkt dieser Arbeitsform stehen die helfende Beziehung und das Gespräch.

Einen großen Einfluss auf die Einzelfallhilfe übte seit den 1930er Jahren in den USA eine Zeitlang die Psychoanalyse aus. Besonders nach der Emigration vieler deutscher und österreichischer Psychoanalytiker in die USA nach den faschistischen Machtergreifungen in Deutschland und Österreich wurden psychoanalytische Ideen in der US-amerikanischen Sozialen Arbeit bedeutend. Die Psychoanalyse wurde als die wichtigste psychologische Bezugstheorie für das US-amerikanische Social Case Work aber schnell abgelöst durch die seit den 1950er Jahren wachsende Bewegung der humanistischen Psychologie. Des Weiteren gewann zu dieser Zeit bereits die Systemtheorie, und zwar jene des Soziologen Talcott Pasons, an Bedeutung.

Soziale Gruppenarbeit: Sie bezieht sich auf (sozial)pädagogische Gruppen (von Kindern und Jugendlichen) oder auf themenbezogene Gruppen in allen Bereichen Sozialer Arbeit. In der Gruppenarbeit werden einzelne Gruppenphasen (z. B. Anfangs-, Machtkampf-, Harmonie-, Differenzierungs- und Lösungsphase) unterschieden. Die Grundprinzipien der Gruppenarbeit sind: Die Gruppe dort abholen, wo sie steht, und sich mit ihr in Bewegung setzen; mit den Stärken des Einzelnen arbeiten; Zusammenarbeit ist besser als Einzelwettbewerb; Raum für Entscheidungen geben; erzieherisch notwendige Grenzen setzen; sich als Gruppenleiter überflüssig machen.

Die Gruppenarbeit hat (nach dem bedeutenden Developmental Model) vier Ziele: 1. durch die Gruppenerfahrung den einzelnen Mitgliedern Sicherheit, Anerkennung, Unterstützung und Hilfe zu geben; 2. Werte und Normen zu vermitteln; 3. Möglichkeiten der Konfliktlösung zu bieten; 4. einen Transfer der Gruppenerfahrungen auf das Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen.

Soziale Gemeinwesenarbeit: Sie bezieht sich auf eine größere Anzahl von Menschen, die etwa durch räumliche Nähe miteinander verbunden sind, die durch gemeinsame Problemlagen aufgrund äußerer Bedingungen benachteiligt sind, die durch gemeinsames Planen und Handeln ihre Benachteiligungen aufzuheben versuchen oder die in Kommunikationsprozessen ihre Fähigkeiten zur Verbesserung ihrer Situation einsetzen wollen. Während der Gemeinwesenarbeit versuchen professionelle HelferInnen, die Selbsthilfepotenziale der Menschen anzuregen, damit diese nicht nur sich selbst, sondern vor allem die sozialen Strukturen, in denen sie leben, verändern, umgestalten können. Gemeinwesenarbeit bezieht sich also nicht unmittelbar auf einzelne KlientInnen, sie ist vielmehr die Arbeitsform/ Methode der Sozialen Arbeit, die sich auf spezifische (mehr oder weniger begrenzte) gesellschaftliche (strukturelle) Veränderungen bezieht. Diesbezüglich wirken SozialarbeiterInnen als BeraterInnen oder Vermittlerinnen, z. B. innerhalb von BürgerInnenbewegungen oder Stadtteilinitiativen.

Dritte Phase: Methodenkritik (etwa 1968–1975): In Zusammenhang mit der 68er Studentenbewegung beginnt auch in der Sozialen Arbeit eine allgemeine Kritik an den Methoden und Arbeitsformen. Kritisiert wird beispielsweise der Optimismus der 1950er Jahre bei der Übernahme der klassischen Arbeitsformen/Methoden aus den USA.

Außerdem wird von einigen Hochschullehrern an den Fachbereichen Sozialwesen der neu gegründeten Fachhochschulen die Wissenschaftlichkeit der klassischen Methoden angezweifelt. Diese Hochschullehrer kamen in der Mehrzahl nicht aus der Praxis der Sozialen Arbeit, was für die bisherigen MethodenlehrerInnen an den Höheren Fachschulen eine unabdingbare Voraussetzung war (vgl. Kersting 1997, S. 336 f.; Schiller 1997, S. 313 ff.).

Vierte Phase Ausdifferenzierung (1980er und 1990er Jahre): Zunehmend werden nun moderne psychotherapeutische Methoden (z. B. Gesprächspsychotherapie, Gestalttherapie und Familientherapie) für das methodische Handeln in der Sozialen Arbeit aufbereitet. Angesichts der professionellen Etablierung Sozialer Arbeit differenzieren sich vielfältige neue Methoden aus, die vor allem die methodischen Diskurse der heutigen Sozialarbeit prägen: z. B. lebensweltorientierte Sozialarbeit, systemische Beratung, Case Management, Empowerment, Mediation, Sozialmanagement, Selbstevaluation, Supervision. Darüber hinaus ist die Soziale Arbeit angesichts immer knapper werdender öffentlicher Kassen aufgefordert, ihre Hilfen stärker als zuvor an ökonomischen Effektivitäts- und Effizienzkriterien auszurichten, zu evaluieren und zu dokumentieren, ob und wie die Ergebnisse der Arbeit mit den Zielen übereinstimmen (Effektivitätsmessung und -dokumentation) und welcher Aufwand welchem Nutzen gegenübersteht (Effizienzmessung und -dokumentation).

Bei der Entwicklung der sozialarbeiterischen Methoden allgemein, aber vor allem bei der konzeptionellen Ausgestaltung der Sozialen Arbeit mit Einzelnen und Familien standen psychologische/psychotherapeutische Verfahren oft Pate. Daher möchte ich im Folgenden die drei Verfahren knapp erläutern, die auch noch heute Grundlage vieler sozialarbeiterischer Erklärungen und Handlungen in der Arbeit mit Einzelnen und Familien sind: die Psychoanalyse/Tiefenpsychologie, die nicht-direktive Beratung bzw. klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie sowie die systemische Familientherapie.

Psychoanalyse/Tiefenpsychologie als methodische Grundlage Sozialer Arbeit

Psychoanalyse ist die Bezeichnung für ein von Sigmund Freud (1856–1939) entwickeltes psychologisches Konzept, das auf drei Ebenen wirksam wird: 1. als Untersuchungsmethode von seelischen Vorgängen, 2. als Behandlungsmethode neurotischer Störungen (Neurosen) und 3. als Gesamtheit psychologischer und psychopathologischer Theoriebildung (vgl. Barth 1993).

Die psychoanalytische Behandlung zielt darauf ab, unbewusste (Interaktions-)Erfahrungen bewusst zu machen. Denn es wird davon ausgegangen, dass seelische Konflikte und Probleme (Neurosen) auf der Verdrängung von traumatischen Interaktionserfahrungen (aus der Kindheit) beruhen. Durch das Liegen auf der Couch und die freie Assoziation während einer (klassischen) psychoanalytischen Psychotherapie soll das Erinnern und das Verbalisieren (Aussprechen) dieser Erfahrungen erleichtert werden. Im Verlaufe einer Psychoanalyse werden aktuelle Konflikte mit Bezugspersonen und mit dem Psychoanalytiker auf die Grundkonflikte, auf die traumatischen Interaktionserfahrungen der Kindheit, zurückgeführt. Es wird angestrebt, diese Erfahrungen und die damit einhergehenden Gedanken und Gefühle nicht nur zu erinnern, sondern auch in der professionellen Übertragungsbeziehung zum Therapeuten emotional zu wiederholen und schließlich mit Hilfe des Therapeuten durchzuarbeiten.

Übertragung ist das von Sigmund Freud beschriebene Phänomen, dass »affektive Einstellungen oder Bindungen aus einer (frühkindlichen) Beziehung in spätere, in irgendeiner Hinsicht ähnliche Beziehungen unbewusst ›mitgebracht‹ und somit gegenüber Personen (oder Institutionen) reaktiviert werden, die ›eigentlich‹ nicht gemeint sind« (Fuchs 1988, S. 802 f.). Sozialwissenschaftlich und -praktisch ist die Übertragung bedeutsam, »weil prinzipiell in jeder aktuellen Beziehung das Nach- und insofern Mitwirken früherer Beziehungen – meist zu den gegenwärtigen Partnern unbekannten Personen – aufzufinden und ein entsprechendes Fortwirken auf künftige Beziehungen zu vermuten ist« (ebd., S. 803).

Freud selbst schreibt: »Machen wir uns klar, dass jeder Mensch durch das Zusammenwirken von mitgebrachter Anlage und von Einwirkungen auf ihn während seiner Kinderjahre eine bestimmte Eigenart erworben hat, wie er sein Liebesleben ausübt, also welche Liebesbedingungen er stellt, welche Triebe er dabei befriedigt, und welche Ziele er sich setzt. Das ergibt sozusagen ein Klischee (oder auch mehrere), welches im Laufe des Lebens regelmäßig abgedruckt wird, insoweit die äußeren Umstände und die Natur der zugänglichen Liebesobjekte es gestatten, welches gewiss auch gegen rezente [gegenwärtige, aktuelle; H. K.] Eindrücke nicht völlig unveränderlich ist« (Freud 1909/1913, S. 364 f.).

Übertragung ist – obwohl dieses Konzept meistens pathologisch konnotiert und in psychoanalytischen Kontexten zur Bezeichnung neurotischer Störungen verwendet wird – ein »normaler«, alltäglicher Vorgang. Dies bringt Gregory Bateson zum Ausdruck, wenn er schreibt, dass »nichts Bedeutung hat, solange man es nicht in irgendeinem Kontext sieht« (Bateson 1982, S. 24). Und weiter: »Diese Sicht wird Übertragung genannt und ist ein allgemeines Phänomen in menschlichen Beziehungen. Sie ist ein universelles Charakteristikum jeglicher Interaktion zwischen Personen, weil schließlich die Form dessen, was gestern zwischen Ihnen und mir vorgefallen ist, darauf einwirkt, in welcher Form wir heute aufeinander reagieren. Und diese Gestaltung ist im Prinzip eine Übertragung aus vergangenem Lernen« (ebd., S. 24 f.).

Peter Sloterdijk bringt dies – geradezu poetisch – noch deutlicher auf den Punkt, wenn er schreibt, »dass Übertragung die Formquelle von schöpferischen Vorgängen ist, die den Exodus der Menschen ins Offene beflügeln« (Sloterdijk 1998, S. 14). In Anlehnung an den Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein, für den die Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt bedeuteten, formuliert Sloterdijk: »Die Grenzen meines Übertragungsvermögens sind die Grenzen meiner Welt« (ebd.).

Zurück zum psychoanalytischen Therapieprozess, hier wird Übertragung zur »Heilung« eingesetzt. Übertragung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Interaktionserfahrungen der Kindheit (z. B. bezüglich der Eltern) auf die aktuellen Beziehungen (z. B. auf die Beziehung zum Therapeuten) übertragen werden. Diese Übertragung ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Psychoanalyse, in der kindliche Ängste, enttäuschte Erwartungen an die Eltern, Traurigkeit, Wut, Verzweiflung etc. zunächst wiederholt (Wiederholungszwang), emotional noch einmal erlebt, dann im günstigsten Falle bewusst erinnert und schließlich in Richtung einer neu zu konstruierenden (»gesunden«) erwachsenen Perspektive auf die Realität therapeutisch durchgearbeitet werden können.

In diesem Zusammenhang sollen auch die Gegenübertragungsphänomene nicht verschwiegen werden. Gegenübertragung meint die Übertragung von Gefühlen, Beziehungserfahrungen und affektiven Bindungserlebnissen von Helfern (Therapeuten, Sozialarbeitern etc.) auf ihre Klienten. Gegenübertragungsphänomene können der konstruktiven Dynamik der helfenden Beziehung hinderlich sein, aber auch positiv genutzt werden. Sie sollten in der Selbstreflexion (z. B. in der Supervision oder Balintgruppenarbeit) thematisiert und gegebenenfalls so »bearbeitet« werden, dass sie positiv nutzbar sind.

Das psychoanalytische Persönlichkeitsmodell differenziert die menschliche Psyche in drei Bereiche: in »Es«, »Ich« und »Über-Ich«. Das unbewusste »Es« beinhaltet vor allem den Sexual- und den Aggressionstrieb und nimmt die aus dem »Ich« verdrängten Wünsche, Affekte und Erinnerungen auf. Das »ICH« versucht, die Triebimpulse des »Es« sowie internalisierte soziale Anforderungen/Erwartungen aus dem »Über-Ich« mit der sozialen Realität abzustimmen, zu koordinieren bzw. zu vermitteln. Das »Über-Ich« bildet sich ab dem 3. Lebensjahr durch die Verinnerlichung (Internalisierung) elterlicher Verbote, Gebote, Normen und Erwartungen.

Die Soziale Einzelfallhilfe war in den 1930er Jahren eine Zeit lang stark geprägt von der Psychoanalyse (vgl. zu den folgenden Ausführungen auch Kleve 1999, S. 120 f.). Die professionellen SozialarbeiterInnen erhofften sich von der Rezeption der Psychoanalyse, »den Weg aus der alten, mit repressiven Mitteln arbeitenden Fürsorge zu finden, hin zu einer Menschenführung ohne Gewalt oder materielle Erpressung, die mit wissenschaftlichen Mitteln das eigene Interesse und die Mitarbeit der Klienten zu wecken vermöchte, ohne die materielle Hilfe wirkungslos bliebe« (Müller 1995, S. 35). Die Psychoanalyse lenkt den Blick der SozialarbeiterInnen auf die Gestaltung und Reflexion der helfenden Beziehung, auf die Möglichkeiten der kognitiven und emotionalen Ver- und Aufarbeitung, Gestaltung und Überwindung von subjektiv erfahrenen psychosozialen Problemlagen.

Das Verdienst der Psychoanalyse für die Sozialarbeit liegt darin, die Perspektive der sozialen Hilfepraxis zu öffnen für die individuell-subjektiven und psychologischen Dimensionen des Helfens, die sowohl die KlientInnen als auch die HelferInnen gleichermaßen tangieren. Das professionelle Reflektieren der gegenseitigen Verstrickungen, der Übertragungen, Gegenübertragungen und Widerstände in Hilfeprozessen, das die Psychoanalyse ausgesprochen differenziert erlaubt, kann entscheidend dazu beitragen, helfende Beziehungen in ihrer konstruktiven oder destruktiven Dynamik einschätzen zu lernen und kontextuell angemessen zu handeln.

Die Psychoanalyse kann SozialarbeiterInnen dafür sensibilisieren, dass die Kenntnis ihrer eigenen kognitiven und emotionalen Welten ein grundlegendes Arbeitsinstrument bei der Gestaltung helfender Beziehungen ist. Die Persönlichkeit des Helfers ist zentraler Bestandteil des Hilfeprozesses, der in seiner emotionalen bzw. affektiven Dynamik letztlich nur durch die Wahrnehmung seelischer Vorgänge des Helfers beobachtet werden bzw. beschrieben, erklärt und bewertet werden kann (vgl. Stierlin 1971).

Kritik: Trotz der offensichtlichen Verbindungen, der »natürlichen Brücke« (Hollis) zwischen Psychoanalyse und Sozialarbeit ist nicht zu verkennen, dass die – verkürzte und unreflektierte – Anwendung psychoanalytischer Erkenntnisse und Methoden in sozialarbeiterischen Handlungsfeldern Probleme bereitet. Beispielsweise medizinalisiert oder therapeutisiert die psychoanalytische Betrachtung nicht selten psycho-soziale Probleme. Vor allem die Medizinalisierung psychosozialen Leidens ist mit dem frühen psychoanalytischen und dem frühen sozialarbeiterischen Denken des Social Case Work eng verhaftet. Genauso wie Freud, der die Psychoanalyse an dem zu seiner Zeit paradigmatisch auch die Human- und Sozialwissenschaften prägenden naturwissenschaftlichen Verständnis ausrichtete (vgl. Capra 1982, S. 194), orientierte sich beispielsweise auch Mary Richmond bezüglich der Konzeption einer personenbezogenen Sozialarbeit am medizinischen Modell. Die Begriffe »Diagnose« und »Behandlung« wurden somit zu wesentlichen Elementen der Case-Work-Literatur.

Humanistische Psychotherapien als methodische Grundlage Sozialer Arbeit

Die humanistische Psychologie wurde 1962 in den USA als kritische psychologische und psychotherapeutische Kraft zwischen Psychoanalyse und der akademischen Verhaltenspsychologie begründet (vgl. Fraßa 1993). Als ihr geistiger Vater gilt der Motivationspsychologe Abraham Maslow (1908–1970). Die humanistische Psychologie hebt das Bedürfnis des Menschen nach Wachstum und Selbstverwirklichung hervor und betont deshalb vor allem die durch die Therapie zu aktivierenden »positiven Kräfte« selbstverantwortlicher Individuen.

»Nicht die Erforschung unbewusster seelischer Vorgänge wie bei der Psychoanalyse, sondern die Schärfung des Bewusstseins für innere Erfahrungen steht im Vordergrund. Psychotherapie wird als Lernerfahrung betrachtet, die nicht von außen gesteuert ist, sondern die die dem Individuum innewohnenden, auf Selbstheilung zielenden Kräfte unterstützt«(Fraßa 1993, S. 480).

Im Einzelnen werden insbesondere die Gesprächspsychotherapie nach Carl R. Rogers, die Gestalttherapie nach Fritz Perls, das Psychodrama nach Iacov Moreno oder die Logotherapie nach Viktor E. Frankl der humanistischen Psychologie bzw. Psychotherapie zugeordnet.

Die Soziale Einzelfallhilfe wurde insbesondere von der nicht-direktiven, klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie bzw. Beratungsmethode Carl Rogers’ maßgeblich beeinflusst. Die wesentlichen Annahmen der Gesprächspsychotherapie sind (vgl. Schneider u. Esser 1993):

Klienten-/Personenzentriertheit: Im Mittelpunkt des beraterischen Interaktionsgeschehens während der Sozialen Arbeit mit Einzelnen steht die hilfesuchende Person mit ihren jeweiligen Gefühlen, Wünschen, Zielen und Wertvorstellungen, kurz: mit ihrer subjektiven Sicht auf die Innen- und die Außenwelt. Die HelferInnen geben weder Ratschläge noch Empfehlungen, weder bewerten sie die Sicht- und Verhaltensweisen der KlientInnen, noch intervenieren sie diesbezüglich direktiv durch konkrete Vorschläge. Das Ziel während der Beratung besteht darin, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, die die Angst der KlientInnen mindert und sie schließlich in die Lage versetzt, selbst aktiv an der kreativen Lösung der eigenen Probleme zu arbeiten. Somit steht auch hier »Hilfe zur Selbsthilfe« im Mittelpunkt.

Beeinflussung und Veränderung des Gesprächsverhaltens, der Selbstexploration (Selbstbefragung, -einschätzung, -offenbarung) und des problematisierten Verhaltens und Erlebens der KlientInnen durch das verbale und soziale Verhalten der SozialarbeiterInnen: Als für den Hilfeprozess maßgebliche Verhaltensweisen bzw. zentrale Basisvariablen der HelferInnen gelten:

a) »Echtheit« (Kongruenz, Authentizität) der HelferInnen;

b) die volle Akzeptanz bzw. Wertschätzung und das bedingungslose, positive Bemühen um die KlientInnen;

c) das tiefe, sensitive und einfühlende Verständnis für die Gefühle der KlientInnen und deren Bedeutung (Empathie).

Die Verfahren der nicht-direktiven Beratung sind insbesondere:

Erstens: Ermöglichung der Selbstexploration: Hierbei geht es darum, die KlientInnen zu befähigen, über sich selbst zu sprechen, darüber, was sie bedrückt, was sie denken und was sie fühlen. Der Berater »bestimmt seine Rolle mit der Mitteilung, dass er selbst keine Lösung für die Schwierigkeiten des Klienten bereitstellen kann, dass er aber bereit ist, ihm bei der Lösung seiner Schwierigkeiten beizustehen. Da der Klient in kein Gespräch über Sachverhalte eintreten kann, wird er auf seine eigenen Erfahrungen zurückverwiesen« (Geißler u. Hege 1988, S. 80).

Zweitens: Die Verbalisierung der emotionalen Erlebnisinhalte der KlientInnen: Mit diesem Verfahren sind die BeraterInnen aufgefordert, den KlientInnen aktiv zuzuhören, sie vor allem emotional zu verstehen, d. h., die HelferInnen teilen den KlientInnen mit, was sie an Emotionen wahrgenommen haben. Es wird davon ausgegangen, je mehr es den BeraterInnen gelingt, adäquat die Erlebnisweise der KlientInnen verbal zu erfassen, umso stärker sind die KlientInnen in der Lage, sich zu öffnen und über ihre Probleme zu sprechen. Beispiel einer Interaktion, in der die Beraterin die emotionalen Erlebnisinhalte des Klienten verbalisiert (Geißler u. Hege 1988, S. 85 f.):


Klient:Ich weiß manchmal gar nicht, wie ich mich verhalten soll.
Beraterin:Sie fühlen sich richtig verunsichert.
Klient:Meine Mutter lässt mich nie in Ruhe.
Beraterin:Sie fühlen sich fast kontrolliert.
Klient:Ich langweile mich sehr.
Beraterin:Es spricht Sie überhaupt nichts an.

Kritik: »In allen Gesprächen oder Gesprächsabschnitten, in welchen es darum geht, die emotionale Lage des Klienten ihm selbst und dem Sozialpädagogen zu verdeutlichen, ist die Anwendung dieses Verfahrens eine adäquate Intervention. Konflikte […], die im Berufsfeld des Sozialpädagogen auftreten, sind jedoch mit Selbstexploration des Klienten allein nicht zu lösen. […] Schon Rogers hat deutlich gemacht, dass Klienten, deren Schwierigkeiten im Umfeld liegen, nicht geeignet sind für klientenzentrierte Gesprächsführung. Dies bedeutet für den Sozialpädagogen, dass er zunächst den Einfluss des Umfeldes sehen muss, dann erst entscheiden kann, ob er mit seinen Interventionen sich dem Umfeld, dem Problem und seinem Sachverhalt oder zunächst den psychischen Anteilen des Problems zuwenden muss« (Geißler u. Hege 1988, S. 86 ff.).

Systemische Familien-/Kommunikationstherapie als methodische Grundlage Sozialer Arbeit

Die Familientherapie, die in den 1950er Jahren vor allem in den USA entstanden ist, hat insbesondere zwei Wurzeln: zum einen die Sozialarbeit und zum anderen die Schizophrenieforschung; »Beides sind Bereiche, die die Erfahrung vermitteln, dass das menschliche Individuum nicht ›kleinste therapiefähige Einheit‹ ist« (Simon 1983, S. 349 f.). Genau dies ist auch der Grundgedanke der Familientherapie: Menschliches Verhalten ist abhängig vom System (Familie, Gemeinschaft, Gesellschaft etc.), in dem es gezeigt wird, sodass man menschliches Verhalten nur verstehen und Menschen nur zur Veränderung anregen kann, wenn man das jeweils verhaltensrelevante System betrachtet bzw. behandelt (z. B. die gesamte Familie).

Die verschiedenen Schulen der Familientherapie (die von der Psychoanalyse kommende Familientherapie [z. B. H. Stierlin]; die strukturelle Familientherapie [z. B. S. Minuchin]; die Kurztherapie bzw. systemische Familientherapie [z. B. Mailänder Schule: M. Selvini Palazzoli; Mental Research Institute Palo Alto: P. Watzlawick] sowie die entwicklungs- bzw. erfahrungsorientierte Familientherapie [z. B. V. Satir]) entstanden aus der Erfahrung, dass psychologische Therapien mit einzelnen Personen häufig erfolglos blieben – besonders bei schwer wiegenden psychiatrischen Symptomen und Multiproblemfällen. Es zeigte sich, dass es nicht ausreicht, sich therapeutisch oder beraterisch auf die Psyche der jeweils zu therapierenden Personen zu beziehen, weil ihr (symptomatisches) Verhalten abhängiger erschien von den familiären Beziehungen, in denen die Personen lebten, als man gemeinhin (etwa im psychoanalytischen Denken) annahm.

Die systemische Familientherapie begreift daher Verhalten von Menschen als eine Funktion bzw. als eine abhängige Variable von (zwischenmenschlichen) Systemen. Individuelles Verhalten ist nur sinnvoll verstehbar, wenn es in seinem jeweils relevanten systemischen Kontext betrachtet wird. Jedes soziale Verhalten von Menschen ist ein auf andere Menschen bezogenes Verhalten. Somit ist es wichtig, die Bedeutung und die Kommunikationsregeln der relevanten zwischenmenschlichen Beziehungen (der Systeme) zu kennen, wenn man Verhalten verstehen bzw. verändern will. Insbesondere die Möglichkeiten und Grenzen der Veränderung von Verhalten erscheinen in diesem Zusammenhang abhängig von den Möglichkeiten und Grenzen der Veränderung der Kommunikationsregeln von Beziehungen.

Schon die ersten von dem Anthropologen Gregory Bateson (s. 1981) durchgeführten kommunikationstheoretischen Studien in den 1950er Jahren offenbarten, dass der Sinn menschlichen Verhaltens, der im interaktiven Kontext immer kommunizierend wirkt (»Man kann nicht nicht kommunizieren«; s. u.), nur verstanden werden kann, wenn Verhalten in seinem (kommunikativen) sozialen Kontext gesehen wird. Am Beispiel des Verhaltens von als schizophren diagnostizierten Familienmitgliedern wurde deutlich, dass Schizophrenie nicht nur das Symptom eines Patienten ist. Vielmehr entdeckten Bateson und seine MitarbeiterInnen, dass schizophrenes Verhalten Resultat einer (paradoxen) Kommunikation in einem bestimmten sozialen Kontext ist (s. dazu auch Watzlawick u. a. 1969, S. 171 ff.). Schizophrene Verhaltensmuster erscheinen demnach als die einzig mögliche Reaktion auf einen absurden zwischenmenschlichen Kontext.

Der Ausgangspunkt der familientherapieorientierten Konzepte der Sozialen Arbeit ist das Verständnis der menschlichen Interaktion als ein System (vgl. Watzlawick u. a. 1969, S. 115 ff.), das sich von einer Umwelt abgrenzt und aus »Mit-anderen-Personen-kommunizierende[n]-Personen« (ebd., S. 116) besteht. Neuere familientherapeutische bzw. systemische Konzepte betonen allerdings, dass ausschließlich Kommunikationen bzw. Verhaltsweisen (vgl. Simon 1993, S. 104) als Elemente in die Bildung eines sozialen Systems (z. B. einer Familie) eingehen.

Um in der Sozialen Arbeit die helfende Beziehung angemessen zu gestalten, erfordert die SozialarbeiterIn-KlientIn-Interaktion system- und kommunikationstheoretische Kenntnisse auf Seiten der SozialarbeiterInnen, denn soziale Beziehungen sind äußerst komplexe kommunikative Phänomene.

Für die komplexen Phänomene kommunikativer Beziehungen lassen sich nach Paul Watzlawick u. a. (1969) folgende kommunikationstheoretische Axiome nennen:

1. Man kann nicht nicht kommunizieren.

2. Jede Mitteilung hat einen Beziehungs- und einen Inhaltsaspekt.

3. Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Ereignisfolgen bestimmt.

4. Jede Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten.

5. Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht.

Auch für die ein soziales System konstituierenden Kommunikationsprozesse gilt wie für alle Beziehungen innerhalb einer jeden systemischen Ganzheit, dass sie »immer schon mehr und anders geartet [… sind …] als die bloße Summe der Elemente, die [etwa …] Kommunikanten in [eine …] Beziehung hereinbringen« (ebd.). Watzlawick beschreibt die Kommunikationsprozesse entsprechend der Systemtheorie, wenn er formuliert, dass »nicht nur […] eine Ursache eine Wirkung [erzeugt], sondern jede Wirkung wirkt ihrerseits ursächlich auf ihre eigene Ursache zurück. Daraus entstehen Komplexitäten, die sich jeder Reduktion auf ihre Einzelbestandteile entziehen« (ebd.).

Da Verhalten, wie das Systemdenken lehrt, nicht verstehbar scheint, wenn der soziale Kontext, in dem es auftritt, vernachlässigt wird, ist der Erfolg sozialarbeiterischer Interventionen davon abhängig, inwieweit die SozialarbeiterInnen in der Lage sind, die konkreten psychischen, gesellschaftlichen und familiären Bedingungen ihrer KlientInnen in ihren wechselseitigen Abhängigkeiten einzuschätzen. Hierfür bietet die systemische Familientherapie vielfältige Erklärungsund Problembeschreibungsmöglichkeiten: z. B. das Genogramm, zirkuläres Symptomverständnis, Balance zwischen Veränderung/Wandel und Bestand/Kontinuität, Kontexterweiterung, Perspektivwechsel.

Kritik: Auch die familien- und kommunikationstherapeutischen Ansätze in der Sozialen Arbeit erfuhren unterschiedliche Kritik. Eine Kritikerin dieser Ansätze ist Silvia Staub-Bernasconi (1995, z. B. S. 232), die beispielsweise die strikte Trennung biologischer, psychischer und sozialer Systeme problematisiert, wie sie der Soziologe Niklas Luhmann (1984) vorgeschlagen hat und wie sie von einem bedeutenden Strang der Systemtherapie aufgenommen wurde (s. etwa Simon 1993). Nach Luhmanns Theorie löst sich der Mensch in das biologische und psychische System auf und gehört zur Umwelt des sozialen Systems (vgl. einführend auch Kleve 1996a). Genau diese Sichtweise kritisiert Staub-Bernasconi.

Die starke Anlehnung systemtherapeutischer Ansätze an soziologische und kybernetische Theorien könnte möglicherweise auch dazu geführt haben, dass die Dimension des Emotionalen bei der systemorientierten Sozialen Arbeit zunehmend vernachlässigt wird, was in aktuellen Diskussionen – etwa von Heinz J. Kersting (2002) z. B. in Anlehnung an Tom Levold (1997; 1998) und Rosemarie Welter-Enderlin (Welter-Enderlin u. Hildenbrand 1996; 1998) – kritisiert wird.

Soziale Gruppenarbeit

Geschichte: Die soziale Gruppenarbeit ist insbesondere aus drei verschiedenen Richtungen hervorgegangen: aus der Bewegung der Nachbarschaftsheime, aus der Reformpädagogik und der Gruppendynamik.

Die Nachbarschaftsheime bzw. Settlements können als Vorformen der sozialen Gruppenarbeit angesehen werden und sind z. B. als englische Settlements entstanden, in denen Studenten gemeinsam mit »Nachbarn« neue Formen sozialer Unterstützung erprobten, oder konstituierten sich als amerikanische Nachbarschaftshäuser, die u. a. initiiert wurden von der Pionierin der Sozialarbeit Jane Addams.

Die Reformpädagogik gilt als jene Bewegung, die die Gruppe als Medium sozialer Erziehung (wieder)entdeckt hat. Ihr liegt die Idee zugrunde, dass der Gruppe eine zentrale Bedeutung bei der Erziehung und Sozialisation junger Menschen zur Selbstverantwortung und sozialer Orientierung zukommt. Ein bis heute fortlebendes Beispiel der Reformpädagogik ist die Pfadfinderbewegung.

Die Gruppendynamik ist eng mit dem Namen Kurt Lewin verbunden und entstand in den 1930er Jahren als eine Forschungsrichtung der Sozialpsychologie, die sich wissenschaftlich mit der Struktur, der Genese, der Entwicklung und nicht zuletzt mit Besonderheiten von Kleingruppen beschäftigte. Die Forschungsergebnisse dieser Richtung führten schließlich zur professionellen Nutzung der Gruppe für die Erziehung und die Therapie, z. B. in Form der Therapiegruppen, Trainingsgruppen oder Encounter-Gruppen.

In Deutschland etablierte sich die soziale Gruppenarbeit mit der Übernahme des sozialarbeiterischen Methoden-Dreigestirns – soziale Einzel(fall)hilfe, soziale Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit – aus den USA nach 1945 und wird heute in allen Bereichen der Sozialen Arbeit angewandt, z. B. in der Kinder- und Jugendhilfe, s. dazu § 29 KJHG (Soziale Gruppenarbeit), wo es heißt: »Die Teilnahme an einer sozialen Gruppenarbeit soll älteren Kindern und Jugendlichen bei der Überwindung von Entwicklungsschwierigkeiten und Verhaltensproblemen helfen. Soziale Gruppenarbeit soll auf der Grundlage eines gruppenpädagogischen Konzepts die Entwicklung älterer Kinder und Jugendlicher durch soziales Lernen in der Gruppe fördern.«

Inzwischen hat die Konzeption der Gruppenarbeit unterschiedliche theoretische und methodische Grundlegungen erfahren. Bedeutend scheinen derzeit die systemisch-konstruktivistischen Ansätze der Gruppenarbeit zu sein, die Georg Nebel und Bernd Woltmann-Zingsheim (1997) in einem Werkbuch vorstellen.

Zwei Definitionen sozialer Gruppenarbeit: »Gruppenarbeit wird hier gesehen und beschrieben als eine der drei Methoden der Sozialarbeit. Durch sie will ein dafür besonders ausgebildeter Gruppenleiter die Menschen in der Gruppe dazu bereit und fähig werden lassen, als ganze Menschen sich zu entwickeln, zu wachsen und zu reifen. Dabei spielen die Beziehungen eine ausschlaggebende Rolle, die die Mitglieder zueinander, zum Leiter und zu anderen Gruppen haben. Von wesentlicher Bedeutung sind jedoch außerdem die Begegnung und Auseinandersetzung mit einem sachlichen Programm« (Lattke 1962).

»Soziale Gruppenarbeit ist eine Methode der Sozialarbeit, die den Einzelnen durch sinnvolle Gruppenerlebnisse hilft, ihre soziale Funktionsfähigkeit zu steigern und ihren persönlichen Problemen, ihren Gruppenproblemen oder den Problemen des öffentlichen Lebens besser gewachsen zu sein« (Konopka 1971).

Drei Bestimmungsmerkmale der sozialen Gruppenarbeit

Erstens: Die Gruppe ist nicht Selbstzweck, sondern dient als Medium psycho-sozialer Veränderung. Daher stehen im Mittelpunkt Ziele wie Wachstum, Reifung, Bildung, Heilung und/oder Integration des Einzelnen.

Zweitens: Von sozialer Gruppenarbeit wird erst dann gesprochen, wenn ein sozialpädagogisch geschulter Experte die Gruppe anleitet.

Drittens: Die Zielsetzung bezieht sich auf gesellschaftseingliedernde (integrierende bzw. inkludierende) Bestrebungen. Durch die Gruppen soll der Einzelne seine sozialen Anpassungsmöglichleiten bzw. seine soziale Funktionsfähigkeit erhöhen.

Der Gruppenleiter muss insbesondere das Phasenmodell der Gruppenarbeit (nach Garland et al. 1975; vgl. dazu Nebel u. Woltmann-Zingsheim 1997) kennen, will er eine Gruppe kompetent anleiten und gestalten. Demnach gliedert sich die Entwicklung einer sozialen Gruppe folgendermaßen:


PhasenBezeichnung der PhasenAufgaben in den Phase
1.Orientierungsphase, VoranschlussEs muss das Problem der Gruppenzusammensetzung gelöst und es sollten erste Ziele für die Gruppe formuliert werden.
2.Machtkampf, ÜbergangsphaseKontraktklärung (in Lerngruppen: Lernzielabsprache). Drei Hauptprobleme sind zu lösen:1. Rebellion und Autonomie;2. die normative Krise (die Wahrscheinlichkeit des Austritts aus der Gruppe ist in dieser Phase am höchsten);3. Schutz und Stützung.
3.Vertrautheitsphase, BeziehungsphaseWichtig sind Fragen der emotionalen Beziehungsabklärung, des Treffens von Entscheidungen und Bewältigung von Konflikten.
4.Entwicklungsphase, DifferenzierungWichtig sind Fragen des Lösens von Gruppenaufgaben und des Miteinanderarbeitens.
5.Trennung, AblösungWichtig sind: 1. Klärung, ob die Trennung gruppenentwicklungsbedingt oder durch die Umstände erzwungen ist; 2. Frage nach der Zukunft.

Abb.: Phasen sozialer Gruppenarbeit

Soziale Gemeinwesenarbeit

Geschichte: Die Gemeinwesenarbeit stammt wie die anderen klassischen Methoden/Arbeitsformen der Sozialen Arbeit (Soziale Einzelfallhilfe, Soziale Gruppenarbeit) aus der amerikanischen Social Work. Sie ist dort zum einen als Community Organization und zum anderen als Community Development in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert entwickelt worden. Community Organization, als die auch in Deutschland der 1950er Jahre aufgenommene Form der Gemeinwesenarbeit, zielte auf die Verbesserung der Infrastruktur in urbanen Großstadtzentren ab: »Ihr Anliegen war es, in den durch Einwanderer unterschiedlichster Herkunft geprägten großstädtischen Elendsvierteln durch gezielte Intervention und Unterstützung Entwicklungen in Gang zu setzen, die die Eingliederung dieser Bevölkerungsgruppen in die amerikanische Gesellschaft förderten und die ›Rekonstruktion heruntergewirtschafteter Massenwohnviertel‹ (Müller 1992, S. 105) vorantrieben« (Galuske 1998, S. 88).

Definitionen von Gemeinwesenarbeit (nach Galuske 1998, S. 90 f.): »Community Organization for Social Welfare gilt als eine der ›grundlegenden Methoden‹ der Sozialen Arbeit. In der einfachsten Form wird sie praktiziert, wenn eine Gruppe von Bürgern einer Stadt sich zusammentut, um in planmäßiger Weise ein gemeinsames Bedürfnis zu befriedigen. Als berufsmäßig ausgeübte Tätigkeit mit erprobten Methoden und anerkannten, lehrbaren Fertigkeiten aber ist Community Organization der Prozess, durch den Hilfsquellen und Bedürfnisse der sozialen Wohlfahrt innerhalb eines geografisch oder inhaltlich begrenzten Arbeitsfeldes immer wirksamer aufeinander abgestimmt werden« (Lattke 1955, zit. nach Galuske 1998, S. 90).

»Der Begriff Gemeinwesenarbeit […] bezeichnet einen Prozess, in dessen Verlauf ein Gemeinwesen seine Bedürfnisse und Ziele feststellt, sie ordnet oder in eine Rangfolge bringt, Vertrauen und den Willen entwickelt, etwas dafür zu tun, innere und äußere Quellen mobilisiert, um die Bedürfnisse zu befriedigen, dass es also in dieser Richtung aktiv wird und dadurch die Haltung von Kooperation und Zusammenarbeit und ihr tätiges Praktizieren fördert« (Ross 1968, zit. nach Galuske 1998, S. 91).

»Gemeinwesenarbeit ist eine Methode, die einen Komplex von Initiativen auslöst, durch die die Bevölkerung einer räumlichen Einheit gemeinsame Probleme erkennt, alte Ohnmachterfahrungen überwindet und eigene Kräfte entwickelt, um sich zu solidarisieren und Betroffenheit konstruktiv anzugehen. Menschen lernen dabei, persönliche Defizite aufzuarbeiten und individuelle Stabilität zu entwickeln, und arbeiten gleichzeitig an der Beseitigung akuter Notstände (kurzfristig) und an der Beseitigung von Ursachen von Benachteiligung und Unterdrückung« (Karas u. Hinte 1978, zit. nach Galuske 1998, S. 91).

Gemeinwesenarbeit ist »die zusammenfassende Bezeichnung verschiedener, vor allem nationaler und im Laufe der Entwicklung der letzten Jahrzehnte unterschiedlicher Arbeitsformen, die auf die Verbesserung der soziokulturellen Umgebung als problematisch definierter, territorial oder funktional abgegrenzter Bevölkerungsgruppen (Gemeinwesen) gerichtet ist. Diese Verbesserung soll in methodischer Weise unter fachkundiger Begleitung durch theoretisch und praktisch ausgebildete Sozialarbeiter und unter aktiver Teilnahme der (entsprechenden) Bevölkerung(sgruppe) durchgeführt werden. Es geht hierbei um eine Anpassung der Problemgruppe an die Umgebung, um eine Veränderung der (Einstellungen, Verhaltensweisen der) Umgebung und um die gemeinsame Erarbeitung von, gemäß den entsprechenden kulturellen Normen, notwendigen Fertigkeiten oder Institutionen« (Ludes 1977, zit. nach Galuske 1998, S. 91).

Zielstellungen: Soziale Arbeit bezieht sich entweder auf Verhaltensänderung oder auf Verhältnisänderung bzw. hat beide Bereiche gleichzeitig im Blick. Während die Soziale Einzelfallhilfe und die Soziale Gruppenarbeit tendenziell eher Verhaltensänderungen von Individuen anstreben, intendiert Gemeinwesenarbeit eher eine Verhältnisänderung, eine Beeinflussung der sozialen Milieus, der Umwelt bzw. des Umfeldes von Individuen. In der Gemeinwesenarbeit werden also sozial-strukturelle Veränderungen angestrebt, um die Lebensbedingungen von Menschen zu verbessern. Dazu ist keine asymmetrische SozialarbeiterIn-KlientIn-Beziehung, mithin keine individuelle Falldefinition, notwendig.

Gemeinwesenarbeit ist vor allem durch folgende Aspekte gekennzeichnet:

•Sie bezieht sich auf soziale Netzwerke, und zwar – territorial – auf einen Stadtteil, eine Nachbarschaft, eine Gemeinde, einen Wohnblock, einen Straßenzug etc., – kategorial – auf bestimmte ethnisch, geschlechtsspezifisch, altersbedingt abgrenzbare Bevölkerungsgruppen und/oder – funktional – auf inhaltlich bestimmbare Problemlagen, z. B. Wohnen, Bildung.

•Sie geht zumeist von sozialen Konflikten oder gemeinsam geteilten Problemen aus.

•Sie richtet sich gegen die – normalerweise in der Sozialen Arbeit typische – Individualisierung sozialer Probleme, sie hat vielmehr eine sozial-strukturelle, sozial-systemische Perspektive.

•Sie ist trägerübergreifend und intendiert Kooperationszusammenhänge zwischen verschiedenen sozialen Dienstleistern innerhalb eines Gemeinwesens.

•Sie ist zum Teil methodenintegrativ, d. h., sie kann auch Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit umfassen.

•Sie wird durch die gezielte Anregung, Unterstützung, Beratung, Koordination usw. von Menschen durch SozialarbeiterInnen geleistet.

Formen der Gemeinwesenarbeit: wohlfahrtsstaatliche Gemeinwesenarbeit; integrative Gemeinwesenarbeit; aggressive Gemeinwesenarbeit; katalytische/aktivierende Gemeinwesenarbeit.

Zur Methode der Gemeinwesenarbeit: Phasen (nach Ross):

1. Feststellen und Bewusstmachen von Bedürfnissen und Zielen

2. Ordnen und Prioritätensetzen bei den Bedürfnissen und Zielen

3. Entwickeln der Bereitschaft, ans Werk zu gehen

4. Ausfindigmachen von (internen und externen) Hilfsquellen

5. Übergang zur Aktion.

Rollen der Gemeinwesenarbeiter (nach Ross): LeiterIn; BefähigerIn; Sachverständige/r; SozialtherapeutIn.

Techniken und Verfahren: Verfahren der Kontaktaufnahme und Kontaktpflege; Verfahren der Feldforschung; Verfahren der Meinungsbildung innerhalb von Gruppen; Verfahren politischer Einflussnahme.

Resümee: Die zentrale Idee der Gemeinwesenarbeit, soziale Probleme nicht zu individualisieren, sondern sie in ihren gesellschaftlichen Kontexten zu verstehen, zu beeinflussen und – angeleitet von SozialarbeiterInnen – gemeinsam mit den Betroffenen an den sozial-strukturellen Bedingungen dieser Probleme zu arbeiten, ist spätestens durch die kritische Studentenbewegung der 1960/1970er Jahre in die deutsche sozialarbeiterische Diskussion aufgenommen worden.

Inzwischen finden wir in unterschiedlichen sozialarbeiterischen Methoden (z. B. in der systemischen Beratung, im Case Management, im Empowerment) derartige Denkweisen und Ansätze wieder.

Die folgenden Aufsätze, die einen ersten Weg zu einem Systemischen Case Management zu bahnen versuchen, knüpfen zwar an einzelfallorientierte Konzepte der Sozialen Arbeit an, sind aber auch bezogen auf die hier vorgestellte Gemeinwesenarbeit, die heute vielleicht eher mit dem Begriff der Sozialraumorientierung umschrieben werden könnte.

Case Management
Eine methodische Perspektive zwischen Lebensweltorientierung und Ökonomisierung Sozialer Arbeit

Heiko Kleve

Zwischen Lebensweltorientierung und Ökonomisierung Sozialer Arbeit

Spätestens seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts prägten zwei gegensätzliche Orientierungen die Praxis und auch die theoretischen Reflexionen Sozialer Arbeit, zum einen die Lebensweltorientierung und zum anderen die Ökonomisierung.

Lebensweltorientierung meint im Sinne des theoretischen Begründers dieser methodischen Orientierung, Hans Thiersch (1993), dass sich SozialarbeiterInnen und deren Institutionen auf die eigensinnigen lebensweltlichen Erfahrungen ihrer Adressaten einlassen, dass sie in ihrer Arbeit von diesen Erfahrungen ausgehen und sich auf diese beziehen. Demnach bezeichnet Lebensweltorientierung einen sozialarbeiterischen Grundsatz, der sich gegen die »normalisierenden, disziplinierenden, stigmatisierenden und pathologisierenden Erwartungen [richtet; H. K.], die die gesellschaftliche Funktion der Sozialen Arbeit seit je zu dominieren drohen« (ebd., S. 13).

Damit schließt eine lebensweltorientierte Soziale Arbeit einerseits an traditionelle Leitmaximen sozialarbeiterischen Handelns an, an Leitmaximen etwa, die sich durch Lehrsätze ausdrücken wie »Dort anfangen, wo der Klient steht«, »Unterstützung in den gegebenen Verhältnissen« oder »Hilfe zur Selbsthilfe«.

Andererseits bedeutet diese methodische Maxime aber auch eine Enttraditionalisierung der Grundprämissen Sozialer Arbeit. Zentral dabei ist, dass man sich von der klassischen, der traditionellen Leitdifferenz der Sozialen Arbeit, nämlich von der Differenz Norm/ Abweichung, verabschiedet und sich allmählich neuen Leitdifferenzen wie Hilfe/Nicht-Hilfe (Baecker 1994), Fall/Nicht-Fall (Fuchs u. Schneider 1995) oder bedürftig/nicht-bedürftig (Weber u. Hillebrandt 1999) zuwendet. Während die Leitdifferenz Norm/Abweichung noch suggeriert, es gäbe so etwas wie eine übergeordnete bzw. gesellschaftlich anerkannte Normalität, von der die KlientInnen Sozialer Arbeit abweichen und hinsichtlich der sie wieder (re)normalisiert werden müssten, eröffnen die derzeit theoretisch diskutierten Leitdifferenzen andere Optionen. Relativ unabhängig von gesellschaftlichen Normalitätserwartungen und -vorstellungen, die sich aufgrund von Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen der Postmoderne ohnehin enorm vervielfältigen (vgl. etwa Beck u. Beck-Gernsheim 1994; Kleve 1999, S. 237 ff.), markieren die in den letzten Jahren ins Spiel gebrachten sozialarbeiterischen Leitunterscheidungen etwas, was in der sozialarbeiterischen Praxis tägliches Geschäft ist: das kommunikative Aushandeln, den Dialog zwischen SozialarbeiterIn und KlientIn bezüglich der Fragen, wie wann wo geholfen werden soll, was überhaupt der Fall ist bzw. wer wie als bedürftig zu betrachten sei.

Die genannten neuen Leitunterscheidungen verdeutlichen also, dass das, was als Norm bzw. als Abweichung von dieser Norm angesehen wird, nicht mehr voraussetzungslos erkennbar oder postulierbar ist, sondern jeweils fallspezifisch kommunikativ konstruiert werden muss. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit ist der Begriff zur Kennzeichnung genau dieser professionellen Praxis – einer Praxis, die sich weniger als Durchsetzerin gesellschaftlicher Normen versteht, die vielmehr individuell auszuhandelnde Hilfen arrangiert, die nur kommunikativ, dialogisch initiiert und erbracht werden können (vgl. ausführlich Kleve 2000, S. 57 ff.).

Durch die Ökonomisierung Sozialer Arbeit werden demgegenüber betriebswirtschaftliche Konzepte in die Praxis hineingetragen. Angesichts der in den letzten Jahren immer knapper werdenden öffentlichen Haushalte wird auch die Soziale Arbeit mit ökonomischen Forderungen konfrontiert, die sich beispielsweise durch Leitgrößen wie Effektivität und Effizienz beschreiben lassen. Demnach sollen sozialarbeiterische Leistungen effektiv, d. h. zielwirksam, sein. Sozialarbeiter sind aufgefordert, dass sie das, was sie tun, an konkreten Zielvereinbarungen ausrichten, mit denen dann die tatsächlich erreichten Ergebnisse verglichen werden können. Nur eine Leistung, die keine bzw. eine geringe Differenz zwischen Zielen und Ergebnissen aufweist, ist somit effektiv. Effizient sollen die Leistungen weiterhin sein, sie sollen ein günstiges Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen ermöglichen. Mit anderen Worten: Soziale Arbeit soll, bei so wenig Aufwand wie möglich, einen maximalen Nutzen für alle Beteiligten erzielen. Der Aufwand wird finanziell, durch die angefallenen Kosten, etwa für den Einsatz von Personal und Zeit, gemessen, während der Nutzen durch die KlientInnen, die Auftraggeber (KundInnen) und die Hilfeleistenden einzuschätzen ist.

Bevor ich versuchen werde, das Verhältnis von Lebensweltorientierung und Ökonomisierung, das ich als Gegensatz markiere, näher darzustellen und meine These entfalte, dass Case Management zur Vermittlung dieser scheinbaren Gegensätze beitragen kann, sollen an dieser Stelle noch zwei Aspekte vorausgeschickt werden:

Erstens unterscheide ich zwischen Kunden und Klienten. Kunden verstehe ich als die Institutionen, die die in der Regel gesetzlich (z. B. im Kinder- und Jugendhilfegesetz oder im Bundessozialhilfegesetz) fixierten sozialarbeiterischen Hilfen einleiten und finanzieren (z. B. die Jugend-, Sozial- und Gesundheitsämter); Klienten sind die Hilfebedürftigen, die Adressaten Sozialer Arbeit. Ich treffe diese eher unübliche Unterscheidung zwischen Kunden und Klienten, weil sozialarbeiterische Leistungen kaum von denen bezahlt werden, die diese Leistungen erhalten. In der Regel erfolgt die Finanzierung sozialarbeiterischer Hilfen durch staatliche Leistungsträger, die dann – und nicht die Adressaten, nicht die Klienten – konsequenterweise auch als Kunden bezeichnet werden sollten. Denn diese Kunden regulieren mit ihrer Zuwendung oder Reduzierung von Geldern das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Markt sozialer Dienstleistungen; dies können die Klienten nicht, zumindest nicht mit Geld.

Die Ökonomisierung Sozialer Arbeit wird dadurch verkompliziert, dass wir es hier nicht mit dem klassischen dualen Verhältnis des ökonomischen Marktes von Verkäufern (Anbietern) und Käufern (Nachfragenden, Kunden) zu tun haben, sondern mit einer triadischen Beziehung: Hilfeleistender – Kunde (Auftrag- und Geldgeber) – Klient.

Zweitens ist die oben genannte Ergebnisorientierung, die durch die sozialarbeiterische Ökonomisierung angestrebt wird, im Bereich humaner Dienstleistungen nur bedingt umsetzbar. Effektivität, also Zielwirksamkeit, kann im Bereich der Sozialen Arbeit nur sehr beschränkt als Kriterium dienen, um die Qualität der Hilfeleistungen zu beurteilen. Wir können zwar die sozialarbeiterischen Prozesse beschreiben, die fachlichen Standards bzw. dem aktuellen Stand der Methodendiskussion entsprechen und eine professionell und wissenschaftlich gute Sozialarbeit ausmachen, aber ob die Ergebnisse, die aus solchen Prozessen resultieren, den vereinbarten und angestrebten Hilfezielen entsprechen, steht auf einem anderen Blatt. Ein Grund für diese Situation ist der Aspekt der Koproduktion, d. h. dass nicht allein die Sozialarbeiterin den Verlauf und die Ergebnisse einer Hilfe bestimmt, sondern immer auch der Klient als Koproduzent. Soziale Arbeit ist darüber hinaus ein Prozess, der innerhalb einer komplexen strukturellen Kopplung abläuft, in der biologische, psychische und soziale Systeme, kurz: autopoietische Systeme, interagieren, die niemals direkt beeinflusst, sondern immer nur zur Selbstveränderung angeregt werden können (vgl. Kleve 1996a; b). In dieser Hinsicht ist Soziale Arbeit nur begrenzt mit ökonomischen Konzepten wie Effektivität und Effizienz beschreibbar (vgl. eingehend dazu Kleve 2001).

Trotz dieser beiden Einschränkungen soll die Ökonomisierung dennoch als eine bestimmende Tendenz aktueller Sozialer Arbeit nicht gänzlich verworfen, sondern ins Verhältnis gesetzt werden zur Lebensweltorientierung. Dieses Verhältnis lässt sich m. E. als ein ambivalenter Gegensatz beschreiben, der besonders deutlich wird, wenn wir uns zusammenfassend die folgende Tabelle anschauen, die mit einigen Begriffen die widersprüchlichen Merkmale von Lebensweltorientierung und Ökonomisierung veranschaulicht:


Lebensweltorientierung Ökonomisierung
kommunikative/diskursive Rationalität instrumentelle/strategische Rationalität
Prozessorientierung »Der Weg ist das Ziel!« Ergebnisorientierung »Das Ergebnis ist das Ziel!«
Akzeptanz von Unordnung, Chaos, Kontingenz, Unsicherheit Primat von Ordnung und Eindeutigkeit
eher klientenorientiert (hilfsbedürftigenorientiert) eher kundenorientiert (auftrag- bzw. geldgeberorientiert)
Qualität Quantität
Subjektivität Objektivität

Abb.: Lebensweltorientierung und Ökonomisierung

Lebensweltorientierte Soziale Arbeit kann durch Bestimmungsmerkmale gekennzeichnet werden, die ihre Offenheit, ihre kommunikative und diskursive, ihre auf das Subjekt und auf die Qualität orientierte Struktur zum Ausdruck bringen, während die sozialarbeiterische Ökonomisierung eher durch instrumentelles, strategisches, ergebnisorientiertes Denken geprägt ist, das vor allem die finanzielle Quantität der Auftraggeber- bzw. Kundenperspektive objektiv in den Blick zu bringen versucht. Schließlich könnten wir sagen, dass Lebensweltorientierung – ganz prozesshaft – davon ausgeht, dass der Weg das Ziel ist. Im Gegensatz dazu postuliert die Ökonomisierung: Das Ziel ist das kostengünstig erbrachte Ergebnis.

Meine These ist nun, dass die Methode des Case Management diese beiden widersprüchlichen, aber m. E. gleichermaßen wichtigen Perspektiven Sozialer Arbeit zu vereinen erlaubt; aus dem Entweder-oder hinsichtlich Lebensweltorientierung und Ökonomisierung macht diese Methode ein Sowohl-als-auch. Case Management erlaubt, wie im Folgenden deutlich werden soll, zugleich die Einnahme einer lebensweltorientierten und einer ökonomisch aufgeklärten Perspektive Sozialer Arbeit, ja noch mehr: Die jeweils eine Perspektive ist hier die Voraussetzung für die jeweils andere.

Dies will ich in drei Schritten veranschaulichen: Im ersten Schritt werde ich die methodischen Grundsätze des Case Management darstellen, um sodann im zweiten Schritt die Methode in ihren verschiedenen Phasen etwas ausführlicher zu skizzieren. Schließlich werde ich im dritten Schritt resümierend noch einmal verdeutlichen, dass und wie mit dieser Methode die Doppelperspektive von Lebensweltorientierung und Ökonomisierung eingenommen wird.

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9783849783303
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