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Andreas H. Apelt
Pappelallee
Roman
mitteldeutscherverlag
Umschlagbild: Ron Jagers, Hinterhof mit Mülltonnen, 1987
2014
© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)
www.mitteldeutscherverlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
ISBN 978-3-95462-389-1
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
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Über das Buch
1
Vier Schritte vor, vier Schritte zurück. Mehr kann der Mann nicht gehen. Dann endet der Raum. Der braune Linoleumboden nimmt die Schritte auf. Hohl und leer. Vier Schritte vor und vier Schritte zurück.
Irgendwann kann auch das ausgetretene Linoleum die Schritte nicht mehr ertragen und wirft die eintönigen Rhythmen gegen die weißen Wände. Die sind oberhalb eines fettigen braunen Ölpaneels in ein krankes Neonlicht getaucht. Von dort stürzen sie hinab, schlagen wie vollgeblasene Gummibälle erneut auf den Boden, um dann die gegenüberliegende Wand anzuspringen. Irgendwann holen sich Aufschlag und Echo ein. Wie bei einem Pingpong-Ball, den man in ein enges Gefäß wirft. So ist es mit den Schritten. Die laufen ihrem Echo nach und einem Mann, der ihnen nicht ausweichen kann. Die Schritte werden immer lauter und dröhnender.
Der Mann presst sich die kalten Handflächen gegen die Ohren. Nur wenn er stehen bleibt und an die hohe weiße Decke starrt, laufen die Schritte aus. Sie werden leiser und verlieren sich.
Auch das Herz des Mannes schlägt diese dumpfen nervösen Schläge. Er steht in einer Ecke des Raumes und versucht seine Gedanken an irgendetwas zu hängen. Aber alle Gegenstände hat er schon gemustert. Den großen Tisch mit der Sprelacartplatte, die wie eine große kahle Ebene über der Raummitte thront und die fünf hellbraunen Holzstühle, die sich in einer Reihe an das Ölpaneel drücken. Selbst die weißen Kalkwände hat er nach Spuren, Vertiefungen, winzigen Strichen, Rissen oder kleinen Erhebungen abgesucht. Alles in der Hoffnung, Zeichen einer fremden Welt zu finden. Umsonst.
Nicht mal Gedanken wollen hier bleiben, denkt er. Wenn man sie an etwas hängen will, gleiten sie darüber hinweg und entschwinden in der Ferne. Eine Leere bleibt zurück. Und diese Leere füllt ein unbestimmtes Gefühl. Man weiß nicht, woher es kommt, aber es ist da. Einfach da. Vielleicht ist es Angst, denkt der Mann. Sie kriecht in Stühle und Tische, in Wände und Lampen. Dort wehrt sie sich gegen die fremden Gedanken.
Zwangsläufig bleibt der Blick des Mannes an dem einzigen Bild hängen. Das Bild passt nicht zu dem Raum, denn der Mann, der darauf abgebildet ist, lächelt. Er lächelt, als wäre dieser, in weißem Neonlicht ertrinkende Ort, Teil einer vertrauten heilen Welt.
Der Mann unter dem Bild versucht dem lächelnden Blick auszuweichen. Aber egal wohin er sich auch stellt, ob er sich bewegt oder sitzt, der Mann auf dem Bild lässt seinen Blick nicht von ihm. Der Mann auf dem Bild ist ein Generalsekretär. So lässt er sich jedenfalls nennen, auch wenn keiner weiß, was eigentlich ein Generalsekretär ist und was er genau macht.
Auch der Mann unter dem Bild weiß es nicht und will es eigentlich auch gar nicht wissen. So geht er erneut vier Schritte. Vier Schritte nach vorn, vier Schritte zurück. Mehr lässt der Raum nicht zu.
Der Generalsekretär scheint die Unruhe nicht bemerkt zu haben. Sein Lächeln liegt vertraut über der Szene.
Erneut versucht der Mann sich dem Lächeln zu entziehen, stellt sich neben und auch unter das Bild. Es hilft nichts. Diesem Lächeln kann man sich nicht entziehen.
Der Mann schaut wieder auf seine Armbanduhr. 12 Uhr, denkt er. 12 Uhr steht auf der Vorladung. Jetzt ist es 15 Uhr. Und nichts geschieht. Immer nur warten. Er setzt sich auf einen der knarrenden Holzstühle. Dann schaut er auf seinen abgeschabten schwarzen Hut, der neben ihm liegt und den er bereits bei seiner Ankunft abgenommen hatte. Und er schaut erneut auf die Uhr, verfolgt den Sekundenzeiger drei ganze Runden und steht wieder auf. Der leere Raum verschluckt das Knarren des Stuhles. Jetzt geht er, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben, im Raum auf und ab. Vier Schritte nach vorn, vier Schritte zurück. Niemand will sie hören. Denn das Haus, Schönhauser Allee 22, das den Namen Volkspolizeiinspektion führt, hat viele Zimmer und zählt viele Schritte.
Vorladung, heißt es. Zur Klärung eines Sachverhaltes. Mehr nicht. Aber Vorladung ist doch auch so viel. Nicht wie Einladung, nein, Vorladung! Das ist wie Vorzeigen, Vorsprechen, also kein Widerspruch!
Der Mann zieht die graue Vorladungskarte aus der großen Hosentasche seiner schwarzen Cordhose. „Diese Vorladung ist mitzubringen und unaufgefordert vorzuzeigen.“ So steht es.
Er streicht mit der Faust die zerknitterte Karte auf der weißen Sprelacartplatte gerade. „Sollten Sie der Aufforderung nicht Folge leisten, werden Sie zugeführt.“ Zugeführt, auch das ist so ein merkwürdiges und doch vielsagendes Wort. Deutsche Sprache, denkt der Mann. Zugeführt, so wie zuschließen, zumachen. Nicht führen, nicht geführt, sondern zugeführt. Dafür gibt es noch nicht einmal ein richtiges Substantiv.
Er dreht die Karte. Hans Hülsmann, Gethsemanestraße 5, 1058 Berlin, so steht seine Adresse mit blassen Schreibmaschinenlettern Buchstabe für Buchstabe in die graue Karte gehämmert. Daran gibt es nun wirklich keinen Zweifel. Auch wenn das Wort Gethsemane gar nicht auf so eine graue Karte passt. Wie auch, so ein biblischer Garten, in dem Jesus am Tag vor seiner Kreuzigung betete, hat doch nichts mit einer Volkspolizeiinspektion in Berlin-Prenzlauer Berg zu tun. Gar nichts.
Oder doch?
Also Hülsmann. Da sitzt er in diesem Raum und wartet. Wartet und wartet. Und atmet tief. Eine Luft, die nach Linoleum riecht, Reinigungsmittel, Bohnerwachs und nach Papier. In Aktendeckel gepresstes Papier, das Druckerschwärze und Tinte ausdünstet und Schweiß. Angstschweiß und Arbeitsschweiß.
Einen Moment lang überlegt Hülsmann, ob er sich nicht vielleicht doch der Vorladung hätte entziehen können. Diesem Gang von seiner kleinen Wohnung unweit der Gethsemanekirche, die den Prenzlauer Berg überragt, der Stargarder Straße und Schönhauser Allee entlang zu diesem vierstöckigen gelben Backsteingebäude. Am Eingang ist das Schild Volkspolizeiinspektion Prenzlauer Berg befestigt. Dabei, so denkt Hülsmann, war es einst ein Altenheim für bedürftige Juden. Doch nachdem die Bewohner und Pflegekräfte 1944 nach Theresienstadt deportiert wurden und das Gebäude bis zum Kriegsende leer stand, hat es eine andere Bestimmung. Und die macht noch heute Angst.
Vielleicht sind es die Uniformen, die im Haus aus- und eingehen, denkt Hülsmann. Uniformen machen immer Angst.
Kein Wunder, wenn Hülsmanns Wege zu diesem Haus stets große oder kleine Umwege sind. Die Pappelallee steht für so einen Umweg. Ausgerechnet die Pappelallee. Dabei ist der Name viel zu schön für einen Umweg. Die Straße ist es sicherlich nicht: graue Fassaden, vergilbte Ladenschilder, vom letzten Krieg gerissene Baulücken, Schlaglöcher und quietschende Straßenbahnen. Aber Hülsmann weiß auch um die Wege im Haus, vorbei am Pförtner, der als erster Ausweis und Vorladung sehen will. Und das mit diesem misstrauischen Blick. Also, Ihre Papiere! Mehr sagt der Mann hinter der kleinen ovalen Luke nie.
Muss er auch nicht, denn der prüfende Blick über die Brillengläser ersetzt jeden weiteren Satz.
Dann zum wachhabenden Offizier, der das Ritual gründlicher und misstrauischer wiederholt. Diesmal mit einem Blick, der vor Verachtung strotzt. Das jedenfalls glaubt Hülsmann, der die hochgezogenen Augenbrauen und das Wippen des uniformierten Körpers genau registriert. Und jene wegwischende Geste der rechten Hand. Freundlich interpretiert, denkt Hülsmann, ist es eine Beschreibung des Weges in das Wartezimmer. Dort wo er allein sein wird, allein mit sich und dem Lächeln des Generalsekretärs.
Das Fenster zum Hof ist normalerweise verschlossen, nur heute nicht. So kann Hülsmann an dem angeklappten Milchglasfenster und den Gitterstäben vorbei in den schmalen betonierten Hof sehen. Dort stehen Autos, auch Polizeiautos. Die Autos sind geputzt.
Was denn sonst!, hört er schon einen Uniformierten sagen. Sind doch nicht bei den Hottentotten.
Ja, die Ordnung, sagt Hülsmann leise und sein Blick geht über die Hofmauer.
Hinter der Hofmauer liegt der Jüdische Friedhof. Hier wurden die verstorbenen Heimbewohner beigesetzt. Auch der jüdische Stifter des Hauses, Manheimer. Sein Grab ist vom Fenster aus genauso wenig zu sehen wie das des Malers Max Liebermann.
Dafür finden sich zahllose umgefallene Grabsteine. Zwischen ihnen stehen Unkraut, Efeu und Rittersporn. Sie zeigen den Grad der Verwahrlosung an. Und des Vergessens.
Was sind da schon drei Stunden, denkt Hülsmann. Drei Stunden gegen die Ewigkeit. Drei Stunden gegen das Vergessen.
Hülsmann nimmt erneut auf einem der Holzstühle Platz und lehnt den Kopf nach hinten an die weiße Wand. So kann er mit geschlossenen Augen die Kälte des Steins spüren, die in seinen Kopf kriecht.
2
Das Leben geht weiter, immer weiter, so oder so. Mit dieser Feststellung ist Lothar nicht allein. Schon gar nicht im Luftikus. Da wimmelt es geradezu von diesen Wahrheiten. Wahrheiten, die die Welt nicht braucht. Vielleicht Hülsmann, der sie vielleicht notieren würde in sein kleines Büchlein, das er unter seiner schwarzen Cordweste trägt. Aber der will sie heute auch nicht hören.
Also Lothar. Ein langer schlaksiger Kerl mit einer ebenso auffallend langen Nase. Wohnt seit dreißig Jahren in der Lettestraße am Helmholtzplatz. Davor war er bei den Eltern. Stargarder, Ecke Dunckerstraße, erster Hinterhof. Aber nicht lange. Denn er war keine zwanzig, als sich der Vater totgesoffen hat. Die Mutter, eine Verkäuferin aus dem Konsum in der Pappelallee, brannte Mitte der Fünfzigerjahre mit einem anderen Mann nach dem Westen durch und ließ den Sohn mit einem Zettel zurück. Den fand er auf dem Küchentisch, als er vom Milchholen kam. Darauf stand, dass sie endlich einmal leben wolle. Er würde das schon später verstehen.
Lothar verstand es auch später nicht. So kam er zunächst ins Heim, was damals nicht ungewöhnlich war. Nach der Lehre fand er dann bei einer Großtante ein Zimmer in der Gneiststraße ums Eck. Auch das gehört zum Pappelkiez. Was anderes kennt der lange Lothar nicht.
Mit zwanzig heiratete er eine junge Frau, die er im Heim kennengelernt hatte. Sie war ein Flüchtlingskind und hatte den Vater an der Ostfront und die Mutter bei einem Bombenangriff auf Breslau verloren. Zur Feier tauchte sogar Lothars Mutter aus dem Westen wieder auf. Aber Lothar hat sie trotz des teuren Westgeschenks vor die Tür gesetzt. Soll man bleiben, wo der Pfeffer wächst!, hat er gesagt.
Bereut hat er es bis heute nicht, auch wenn er manchmal an die Mutter denken muss. Zumal sie damals schon so krank war und an einer chronischen wie schmerzhaften Muskelentzündung litt. Vielleicht ist sie auch inzwischen gestorben. Herausfinden wird er es wohl nicht mehr.
Viel herumgekommen ist der Lothar mit seinen fast fünfzig also nicht. Aber wer ist das schon im Kiez. Bis Köpenick hat es noch keiner geschafft. Fast keiner. Was ja auch nicht notwendig ist. Das Bier kommt da auch nur aus dem Hahn.
Und so eine Molle im Luftikus, Berliner Pils versteht sich, ist ohnehin nicht zu verachten. Womit schon einmal klar ist, dass es sich beim Luftikus nicht um eine Wärmehalle handelt. Klar ist auch, dass jeder das Luftikus sagt, wo es doch eigentlich der Luftikus heißen müsste. Aber so ist das nun mal in der Pappelallee, wo auch das Luftikus ist. Mit grammatikalischer Akrobatik, wie es Hülsmann nennt, hat hier keiner was am Hut. Schon gar nicht, wenn es noch korrekt sein soll.
Also das Luftikus!
Noch Fragen?
Besser nicht.
Na bitte, geht doch! Beruhigt drehen sich die Männer am Tresen wieder dem Wirt zu.
Im Luftikus jedenfalls, Pappelallee Nr. 80, überragt Lothar alle. Wirklich alle!
Und das will schon etwas bedeuten, denn im Luftikus, was eigentlich eine Kneipe ist und so typisch wie der Kiez, gibt es viele Menschen. So viele, dass man am Abend Mühe hat durchzukommen. Durchzukommen?
Ja, sozusagen.
Naja, fast. Also Durchkommen, vom Tresen, der vorn rechts neben der Tür steht, bis zum Klo und wieder zurück, ist gar nicht so einfach.
Vorbei an dem klappernden Ventilator über dem Eingang, der alten Musikbox aus den Fünfzigerjahren und den schwitzenden Wänden, denen das Wasser über das vernarbte Ölpaneel läuft. Vorbei an den verrosteten Garderobenständern, schäbigen Holztischen und Stühlen. Vorbei an dem kleinen Kachelofen in der Mitte.
Und dazwischen die vielen Menschen mit ihren ebenso schwitzenden Leibern, stehend, sitzend, anlehnend, rauchend, trinkend, redend, schreiend. Nein, das ist gar nicht einfach. Schon gar nicht am Freitag und am Samstag. Dann nämlich, wenn es Tanz gibt. Richtigen Tanz. Nicht das Hula-hula-Zeug.
Fährt ein weißes Schiff nach Hongkong.
Hab ich Sehnsucht nach der Ferne.
Aber dann in weiter Ferne.
Hab ich Sehnsucht nach zu Haus.
So und nicht anders. Tanz eben. Was eigentlich nichts Besonderes ist, schließlich wird ja nur die Musikbox zur Seite geschoben, damit genug Platz ist. Und einer muss natürlich eine Mark in die Box werfen, damit das Ding endlich in Bewegung kommt. Mit Hits der Fünfzigerjahre versteht sich. Danach setzte der Plattennachschub aus dem Westen aus. Und die Ostmusik wollte eh keiner hören. Aber wenn man dann schon mal beim Schieben ist, folgen, im Takt versteht sich, auch gleich noch die Frauen. Aber die heißen hier Weiber.
Natürlich nur in den Armen ihrer galanten Tänzer. Nach dem fünften Pils und dem entsprechenden Kompott dazu, sind hier alle Männer galant. Da haben sich dann auch die Weiber nicht so. Männer sind eben Männer. Und Tanz ist Tanz, ob Schiebermaxe oder Walzer. Ob Elvis Presley oder Freddy Quinn. Also Prost.
Der lange Lothar ist allerdings beim Tanzen nicht mehr dabei. Was wohl an seiner Alten liegt, die, obwohl noch gar nicht so alt, es nicht ertragen kann: Lothar im Luftikus! Denn Lothar ist immerhin Elektriker. Und bald hätte er es zum Meister gebracht. Aber nur bald, denn dann kam die Mauer. Und während das Luftikus auf seine Platten verzichten musste, konnte Lothar seinen Meister abschreiben. Genau wie seine Arbeit im Wedding. Und damit auch die Kohle, was schon eine Sauerei genug war.
Statt Meister im Wedding, Prolet im Prenzlauer Berg, sagt Lothar und lächelt. Dabei weiß jeder, dass dem Langen bei diesen Gedanken gar nicht zum Lachen ist. Denn auch der Meister im Osten war ihm versagt, wo doch die Mutter im Westen war. Also Herr Laurisch, wo denken Sie hin, Verwandtschaft ersten Grades und dann auf unsere Kosten einen Meisterlehrgang. Vergessen Sie es mal schnell.
Lothar kann aber nicht vergessen, auch wenn das schon über ein Vierteljahrhundert her ist. So was frisst sich doch in den Bauch und rumort. Da hilft dann nur noch ein Kräuterschnäppschen. Jedenfalls gut für den Bauch und den Kopf. Vor allem wenn die Erinnerung kommt. Also Prost, Lothar.
Das Luftikus könnte somit eine Tanzbar sein. Ist es aber nicht. Trotz Freddy Quinn und dem weißen Schiff nach Hongkong. So was gibt es hier nicht im Prenzelberg, jedenfalls nicht in einer Seitenstraße der Schönhauser. Das Luftikus ist eine Kneipe, davon gibt es hier viele. Nicht groß und doch hat sie etwas Besonderes, denn sie versteckt sich im Pappelkiez, wie die Leute sagen. Aber vor wem?
Keiner weiß es. Vielleicht ist es die große Schönhauser Allee mit dem Viadukt in der Mitte zwischen den Fahrspuren, über das die U-Bahn rattert. Also überirdisch! Und das in einem Tempo, dass selbst dem langen Lothar ganz schwindlig wird. Im Luftikus gibt es kein Tempo, hier steht die Zeit, selbst beim Tanz.
Aber vielleicht sind es auch die Blicke des Generalsekretärs und seiner Helfershelfer, vor denen sich das Luftikus versteckt. Blicke, die sonst nie haltmachen. Nicht mal vor einer kleinen Kneipe im Prenzlauer Berg. Da könnte sich das Lokal noch so sehr hinter der verfallenen Fassade eines Mietshauses aus der Gründerzeit verkriechen. Aber was ist schon normal. Im Prenzlauer Berg ist nichts normal, sagen schon die Gäste, überhaupt nichts.
Also findet im Luftikus nicht einmal der Generalsekretär Eingang. Der, der sonst jeden Weg kreuzt. Auf jedem Bahnhof, in jeder Schule, in jedem Krankenhaus, in jeder Behörde, selbst im Altersheim oder im Kaninchenzüchterverein. Immer ist er da.
Nur eben hier nicht. Es gibt kein Bild des Generalsekretärs über dem Stammtisch und auch keines über dem Tresen. Auf das ewige Lächeln müssen die Gäste verzichten. Dafür hat schon der dicke Wirt mit den tätowierten Unterarmen gesorgt. Und das seit drei Jahrzehnten. Dabei ist er nur der Sohn des Chefs. Nicht mal den Spitzbart hat er in das Luftikus gelassen. Und da waren die vom Stadtbezirk mindestens drei Mal da.
Nein, hat er gesagt, so was hing hier noch nie. Das Bier schmeckt deshalb auch nicht besser.
Eine kühne Behauptung. Aber glauben wollte das keiner, erzählt er später. Angeblich sind die Männer dann trotzdem unverrichteter Dinge gegangen. Er selbst hat nur mit ein paar Doppelten nachgeholfen. Kann ja sein, manchmal passieren so Wunder.
Egal ob wahr oder nicht. Fakt ist, dass schon der alte Chef, dem das Luftikus bereits vor dem Krieg gehörte, nicht mal den Führer an die Wand ließ. Und das wollte schon was heißen. Mitten in der Reichshauptstadt. Und damals haben sogar die Leute das Lokal boykottiert, weil der Führer nicht über dem Stammtisch hing und beim Biertrinken zuschaute.
Also warum sollte er später die Kommunisten hängen? Im Bilderrahmen versteht sich. Oder gar den Generalsekretär. Noch dazu wo gar keiner mehr auf die Idee kommen würde, das Lokal dafür zu boykottieren. Eher das Gegenteil wäre der Fall. So ändern sich eben die Zeiten. Der Wirt ist doch nicht verrückt. Und der Chef, sein Vater, erst recht nicht.
Nein, das machen die nicht. Und jetzt schon gar nicht mehr.
Ein Generalsekretär, der über dem Tresen hängt und von hinten dem Wirt über die Schulter schaut. Nein, das geht doch nicht. Am liebsten noch über dem Stammtisch! Wo denken Sie hin? Da kann dann keiner mehr sein Bier ruhig trinken.
Nein, das kann man nicht.
Nicht mal auf dem Klo?
Nicht mal da. Lieber pissen die Leute gleich in die Bordsteinrinne auf der Straße. Und die ist sogar eine Allee, jedenfalls heißt sie so: Pappelallee.
So ist es. So und nicht anders. Leute wie Lothar Laurisch würden den Generalsekretär ohnehin verhindern. Oder wie Micha Schüller. Da müsste sich der Wirt dann entscheiden. Die Stammkunden oder der Kommunist!
Denn auf Kommunisten sind die Leute gar nicht gut zu sprechen. Aber wer ist das schon im Luftikus.
Die da oben sollen uns mal schön in Ruhe lassen, sagt der dicke Wirt mit den tätowierten Unterarmen und versucht dann immer zu beruhigen. Seine Hände hält er dabei in die Höhe. Und das ist freundlich gemeint. Die Tätowierungen könnten da auch was anderes verraten: Segelschiff mit drei Kanonen. Und wie kann es anders sein, mit Totenkopf. Aber gut, da sind ja auch noch die vollbusigen Wassernixen.
Warum das Lokal Luftikus heißt, kann keiner sagen, denn das Eingangsschild fehlt seit Jahren. Was nicht fehlt, ist der stechende Geruch, wie Moder. Vielleicht nach kaltem Rauch. Und dem weißen Schimmel, der manchmal kniehoch an den feuchten Ölpaneelen klebt. Da soll man dann besser die Tür zur Straße auflassen.
So ist es. Und die steht dann auch wirklich offen. Luft! Selbst heute, wo doch gar kein Tanz ist und man sogar noch am Tresen Platz bekommt.
Es stinkt eben nach Untergang, sagt Michael Schüller und freut sich. So wie im Kommunismus. Da muss es auch so riechen!
Aber da hören dann schon welche nicht mehr zu. Denn der Schüller, den alle nur Micha nennen, redet gern von Politik. Dabei ist der kleine dicke Kerl in der schwarzen Zimmermannsmontur Brigadier in einer Zimmereikolonne. Aber mit diesem russischen Wort, das den Vorarbeiter einer sozialistischen Brigade beschreibt, kann man den Micha mal. Brigadier! Wie sich das schon anhört. Da rutscht schon die Zunge dreimal aus.
Nun also, der Sozialismus hat es im Luftikus wirklich schwer. Und das nicht nur, weil der ewig lächelnde Generalsekretär nicht über dem Tresen hängen kann. Im Luftikus heißen Brigadiere Schieber. Das ist die Sprache der Zimmerleute, der Maurer, Tischler, Gerüstbauer, Müllfahrer, Schlosser, Bierfahrer, Kohlenträger, Hausmeister und Kneiper. Und die versteht jeder.
Genau!
Da hat dieses Besatzergesäusel des großen Freundes nichts zu suchen. So sagt es jedenfalls Micha Schüller. Soll sich die russische Zunge daran brechen, aber keine deutsche. Schieber ist Schieber!
Und was den Hut betrifft, den trägt der Schüller, wenn auch ziemlich schmutzig und eingedrückt, wirklich. Unter diesem schwarzen Ding, das einem Cowboyhut ähnelt, versteckt er eine Glatze. Sieht man mal von den paar blonden Pflaumenhaaren ab, die sich seitlich über die Ohren ziehen. Aber auch die verdeckt der Hut gänzlich. Und auf den verzichtet der Micha nicht mal am Sonntag.
Unmöglich, am Sonntag!, findet der lange Lothar und schüttelt dann immer den Kopf. Seine Alte würde ihn so nicht auf die Straße lassen. Aber die lässt ihn ja auch nicht zum Tanz.
Der Micha hat das Problem nicht. Denn er hat gar kein Weib, dafür aber das Luftikus. Und das ist wie Wohnzimmer und Weib zusammen.
Nur dass es mehr stinkt, sagt Lothar und hält sich die Nase zu.
Nicht wieder auf den Kommunismus schimpfen, ermahnt der Wirt und zieht dafür die tätowierten Unterarme aus dem Spülbecken. Will ja auch keinen Ärger wegen der Gäste. Schon gar nicht wegen Micha und Lothar, die immer die große Klappe riskieren.
Nein, nein, verspricht der lange Lothar. Elektrikerehrenwort also. Und das zählt eben auch noch was.
Der muss man aufpassen, dass der nicht am nächsten Stromkabel klebt, sagt Schüller und lacht. Solche Versprechen sind lebensgefährlich, noch dazu im Luftikus.
Also beruhigt euch mal, sagt da der Wirt. Für Politik ist hier kein Platz.
Nein, bestätigt Lothar, und wischt sich den Bierschaum von den Lippen. Die Herren sollen mit ihrem Sozialismus bleiben, wo der Pfeffer wächst. Also Prost.
Prost.
Womit wieder genug Bier fließt. Berliner Pilsner!
Gut, also noch einmal: Das Leben geht weiter. Das ist so ein Satz, wie man ihn so dahinspricht, wenn man wie Lothar am Tresen steht und die Hände in den Hosentaschen vergräbt. Und wenn man sonst nichts weiter zu sagen hat. Und doch erschließt sich im Satz für Hülsmann eine besondere Bedeutung, denn trotz aller Gedanken, die dem jungen Mann durch den Kopf gehen, wäre es manchmal gut zu wissen, dass das Leben weitergeht. Und das am besten jenseits des Blickfeldes des Generalsekretärs. Aber Hans Hülsmann hört ihn ja nicht, diesen Satz. Noch nicht, denn er wartet noch immer in diesem Gebäude der Volkspolizeiinspektion Prenzlauer Berg. Später, ja später wird er ihn hören, wenn er das gelbe Backsteingebäude wieder verlassen kann. Der Weg wird ihn die Schönhauser Allee entlang, dann an der Dimitroff halb rechts in die Pappelallee führen.
Wohin denn auch sonst?
Luftikus, um genau zu sein, hinterer Tisch in der äußersten Ecke noch genauer. Und er wird bei Angie, der einzigen Kellnerin des Luftikus, ein Bier bestellen. Am besten ein großes.
3
Nun also Angie. Was für ein Name!
Aber schön ist er trotzdem.
Nur dass er gar nicht in das Luftikus passt. Angie! Schreiben kann das keiner. Jedenfalls nicht im Luftikus. Schon weil es ausländisch ist. Egal.
Aber Angie passt ja auch nicht ins Luftikus.
Das will nur niemand zugeben. Vielleicht der Hülsmann, der würde es sagen, aber nur weil er immer sagt, was er denkt. Und das auch noch so unverblümt, dass manch einem da schon die Nackenhaare hochstehen. Und zwar richtig!
Dabei braucht es der Hülsmann gar nicht zu sagen. Er könnte es auch schreiben, denn Hülsmann schreibt viel. Ein richtiger Schreiberling, sagen die Leute.
Doch Hülsmann ist noch lange nicht da. Er sitzt nun schon die vierte geschlagene Stunde in der Volkspolizeiinspektion. Und wartet. Wartet auf die Klärung eines Sachverhalts. Das hört sich dann verdammt nach Verhör an. In Gesprächen lassen sich nämlich keine Sachverhalte klären. Nicht in der Schönhauser Allee 22.
Also dann doch so ein Verhör. Da kennen die sich aus mit. Die, in der Schönhauser. Das weiß doch jedes Kind.
Auch Angie würde das wissen. Doch Angie will es nicht wissen. Sie hat mehr zu tun. Gerade jetzt, wo der dicke Zeiger der Wanduhr auf die Sechs rutscht. Dann ist es so weit.
Angie drückt das Aluminiumtablett, auf das sie Kaffeekännchen, Tasse und Untertasse gestellt hat, in den schmalen Bauch und läuft durch das Lokal. Vorbei an dem klappernden Ventilator über dem Eingang, der alten Musikbox und den schwitzenden Wänden. Vorbei an den drängelnden Kohleträgern, die am Abend mit weißen Hemden und schwarzen Kragen im Luftikus erscheinen und den verblühten Damen in bunten Blümchenkleidern ihre Aufwartung machen. Vorbei an den Schlossern mit den zernarbten Händen, den verschwitzten Möbelträgern, übel riechenden Müllfahrern und den Zimmerleuten aus Michas Brigade, die ihre Fingerstumpen hinter gefüllten Gläsern verstecken.
Angie! Ein Dutzend Augen laufen ihr nach, ihrem wehenden, hennagefärbten Haar, den schwingenden Hüften und den elegant gesetzten Schritten. Sie laufen ihr nach mit einem Blick, der vielsagender nicht sein kann. Vom Tresen bis hinten zum letzten Tisch, dem vor dem Klo. Angies Laufsteg, hat Hülsmann einmal gesagt, was Angie als Kompliment auffasste, sodass der Hülsmann das lieber nicht kommentierte. Und die Männer hinter den Biergläsern haben ihn ohnehin nicht verstanden, vielleicht weil sie sie gar nicht wissen, was ein Laufsteg ist.
Am letzten Tisch bleibt Angie stehen, stellt Kaffeekännchen, Tasse und Untertasse ab und macht eine leichte Verbeugung. Dabei fällt ihr ein Lächeln aus dem Gesicht, das nicht nur ihre großen weißen Zähne zeigt, sondern auch die Augen leuchten lässt. Und das sind große Augen, rehbraune Kulleraugen. Dann zieht sie den kurzen Rock wieder gerade, kneift die Augen zusammen und wirft das Haar über die Schulter. So bleibt sie noch eine Weile stehen. Lange genug, dass die Männer im Gang und am Tresen sich noch das Feuchte aus den Mundwinkeln wischen können.
Das eingefallene alte Männlein am Tisch nimmt kaum Notiz von seiner Bedienung. Ungerührt sitzt es da, im Anzug aus feinem Zwirn und mit einem großkarierten Binder. Nur langsam hebt es den greisen Kopf mit den herausgetretenen Backenknochen. Aber Chefs können sich das leisten. Die Angestellten mit Nichtbeachtung strafen.
Jeder andere Gast hätte jetzt mindestens eine halbe Stunde auf Angies nächste Lieferung gewartet. Und das wäre noch eine milde Strafe. Denn Angie kann auch ganz anders. Schon bei einer Wiederholungstat würde der Gast schlichtweg verdursten!
Aber Chefs dursten nie. Kaffee trinkend thront das alte Männlein an seinem Einzeltisch und schreibt Abrechnungen. Jeden Tag. Mindestens dreißig Jahre macht es das so, sagt der Wirt. Und der muss es als Sohn ja wissen. Irgendwann wird er auch mal am Ecktisch sitzen und den Chef spielen. Aber erst wenn sein Sohn den Tresen übernimmt. Doch das kann noch dauern. Können ja nicht loslassen, die Alten!
Lothar nickt vom Tresen aus dem alten Mann zu.
Auch der Mann nickt. Dabei hat er den langen, aber schmalen Raum im Auge. Und die Gäste.
Ehrfürchtig schlagen die Männer einen großen Bogen um den Chef. Nur Angie, die schöne Angie, die den Kaffee bringt, darf an den Tisch. Die Uhr kann man danach stellen. Sonst bleibt der Tisch leer.
Fünf Kellnerinnen hat der schon überlebt, sagen die Leute. Fünf Kellnerinnen in dreißig Jahren. Da sind die davor, als er noch am Tresen stand, gar nicht mitgerechnet.
Aber so eine prallbusige mit großen braunen Augen war noch nie dabei, sagt einer der Zimmerleute mit den fehlenden Fingern.
Zitternd führt der Alte die Tasse zum Mund. Über die weiße schmale Hand ziehen sich kleine rote Adern. Zwei dicke Goldringe glänzen. Aber wieder nippt er nur. Ein Kännchen pro Abend, zwei am Tag.
Die Angie schafft er auch noch, flüstert eine der verblühten Damen vom Tresen und kichert.
So ein knackiges junges Ding, schnalzt ein kräftiger Kohlenträger. Da würde ich nicht lange fackeln.
Die Dame unterbricht ihr Kichern und macht große Augen. Von wegen, raunt sie den Mann an. Nicht mal berühren würdest du die!
Der kräftige Kerl kratzt sich mit seiner rechten großen Pranke am Kopf. Der Kopf ist rot. Sagen muss er nichts mehr, denn die Umstehenden lachen schon. Und dann schauen sie neidisch auf den runden Stammtisch. Denn nur die Gäste am Stammtisch klopfen im höchsten Glücksrausch mal auf Angies Hintern. Natürlich nur, wenn das Trinkgeld stimmt.
Aber das ist selten.
Meistens lassen auch sie nur ihre Augen Angie nachlaufen, blasen nervös graue Qualmwolken in die Höhe und drücken sich an die kranke feuchte Wand hinter dem Stammtisch. Dort wo der Schimmel kniehoch steht.
Die Wand hat die Blattern, weiß Schüller. Und der muss es wissen. Das ist in alten Häusern wie eine Seuche, erklärt er bedeutungsschwer. Dabei wedelt er sich mit seinem Hut frische Luft zu.
Die Blattern!, lacht Lothar. Von wegen!
Was denn sonst?, sagt Schüller.
Ja, was denn sonst.
Warum auch nicht. Also.
Zu viel Wasser, sagen die Leute. Die Feuchtigkeit steigt aus den Grundmauern bis ins Erdgeschoss. Und wenn man wartet und nichts macht, steigt er auch noch weiter, hinauf bis zum ersten Stock. Dann ist der Putz wie ein vollgesaugter Schwamm, nur schwerer. Und zum Schluss fällt er ab. Da muss man aufpassen, dass man den Dreck nicht auf den Kopf bekommt. Kann nämlich schmerzhaft sein.
Schöne Bescherung.
Wenigstens die vielen Tierchen, die die Wand wie einen Fels erklimmen, fühlen sich wohl. So sagt es Angie, wenn sich einer über die kranke Wand beschwert. Ist schließlich nicht ansteckend.
Wenn nur nicht immer der Gestank wäre.
Gestank?
Hat schließlich auch was, so ein süßlicher Geruch. Fast anziehend, sagt einer der Müllfahrer und atmet tief ein. Wie nach Verwesung.
Verwesung, das hört sich auch nicht besser an! Da kann man auch gleich von den Blattern reden.
Eben nicht, denn diese Verwesung hat noch eine andere Bedeutung. Das ist wie das geadelte Verderben. Und damit hat sie einen gewissen Charme. Aha! Aber so quer denkt nur einer im Luftikus, und der ist noch gar nicht da. Ja, der Hülsmann würde solche Erklärungen finden und dabei den Boden unter den Füßen verlieren. Künstler eben, Lebenskünstler noch besser.
Also doch Verwesung, wiederholt der Mann von der städtischen Müllabfuhr.
Und es riecht nach Liebe, ergänzt sein Nachbar. Fleisch, Schweiß und Liebe. Dabei kreist seine Zunge um den geöffneten Mund.
Und das ist dann fast der Höhepunkt. Es sei denn, Angie kommt vorbei und hinterlässt den Duft eines unbekannten Parfüms. Und dieser Duft mischt sich mit dem Geruch nach Verwesung. Der Tod könnte süßer nicht sein.
Kein Wunder, wenn einige der Gäste die Augen schließen. Und dabei das Luftikus verlassen, auf dem Weg ins Paradies.
Da muss dann schon der Wirt selbst eingreifen. Von wegen Umsatz und so. Oder eine der Damen.
Hört auf zu träumen, ertönt auch schon eine kräftige Frauenstimme. Wobei die Dame wohl ahnt, keinen Platz in dem Männertraum zu finden.
So gehen die Augen wieder auf. Nicht im Paradies, sondern im Luftikus. Und dann ist sie schon da in ihrer ganzen Fülle. Gerda. Zu bieten hat auch sie was. Breite kräftige Arme, die sie quer über den Tisch legt und ein pausbäckiges rundes Gesicht, in das eine schwere Brille rutscht. Also meine Herren!
Gut. Dann eben Gerda. Frauen sind im Luftikus ohnehin rar.
Und Gerda ist zufrieden, trotz Konkurrenz. Muss ja nicht immer gleich ein Schieber sein oder gar ein Fleischermeister. Nach ein paar Doppelten sehen die Männer eh alle gleich aus.
Der feuchten Wand hilft kein Doppelter. Sie kann ja nicht mal eine Tapete tragen! So haben es die Maler nach einer ausgiebigen Untersuchung festgestellt und es gar nicht mehr versucht. Den Tapetenkleister haben sie lieber gegen ein paar Frischpils vom Tresen und einem sensationellen Augenaufschlag von Angie getauscht.
Vor die Wand schiebt man besser die Musikbox. Dann sieht man den Schimmel nicht mehr.
Also muss die Box wieder her und Elvis oder besser gleich Freddy Quinn. Den versteht man wenigstens. Und er ist Stammkunde, so wie die meisten hier. Jedenfalls akustisch. La Paloma ohé und so. Ach wie schön!
La Paloma, ohé, einmal müssen wir geh’n
,einmal schlägt uns die Stunde der Trennung.
Einmal komm ich zurück.
Ins Luftikus kommt man immer zurück. Womit wir dann wieder beim Tanz sind. Samstagabend oder Freitag, wie gehabt. Aber immer nur dann, wenn sich jemand findet, die Box mit einer Münze zu bestücken und den Tanz eröffnet. Oft ist allerdings das Klappern des Ventilators über dem Eingang lauter als die Musikbox. Da wissen die Tanzpaare dann nicht, ob sie nach Platte oder Ventilator tanzen. Aber auch das ist egal.
Wenigstens es dreht sich, sagen die Gäste.
Angie hat dann Mühe, das Lokal wieder zum Stehen zu bringen, denn auch ihr wird ganz schwindlig.
Noch eine Trommel Pils und die Kurzen nicht vergessen! So geht das in einer Tour. Immer und immer wieder. Nicht mal der dicke Wirt hinter dem Tresen hat dann was zu lachen. Aber warum sollte er auch, ist ja nicht zum Vergnügen da.
4
Vier Schritte vor, vier Schritte zurück. Mehr kann der junge Mann nicht gehen. Dann nimmt er auf einem der knarrenden Holzstühle Platz und schaut zum Generalsekretär auf. Der lächelt, wie er immer lächelt. Erstarrt und künstlich.
Mein Dorian Gray, denkt Hülsmann. Denn auch der Generalsekretär wird nicht älter. Seit Jahren lächelt er von den Wänden der Republik. Die Zeit hat ihm nicht eine einzige Falte angehangen. Dabei ist er noch älter als Hülsmanns Großvater.
Der Großvater kann vom ewigen Leben nur träumen. In einem Pflegeheim in Templin, Uckermark, ringt er täglich mit dem Tod. Es gibt kaum Hoffnung, sagen die Ärzte. Vielleicht noch ein paar Monate. Das Leben ist eben endlich.
Endlich! Endlich ist auch der Warteraum. Hans Hülsmann geht wieder vier Schritte. Vier Schritte nach vorn, vier Schritte zurück.
Hülsmann ist Künstler. Auch wenn er sich so gar nicht sieht. Denn eigentlich ist er Kulissenschieber oder Theaterhandwerker, wie es offiziell heißt. Volksbühne, altes ehrwürdiges Haus.
Hülsmann liebt das Theater. Vielleicht weil er darin die Welt erblickt. Das große Welttheater, sagt er, ist wie ein Buch. Hülsmann ist der Leser dieses dicken Buches, still und unaufgeregt. Fast ein wenig abgeklärt für seine achtundzwanzig Jahre. Auf jeden Fall hat der den Frieden mit sich gefunden, weiß schon der Lothar zu berichten. So wie der auf die Welt schaut, mit diesem verklärten Blick.
Den Frieden hat Hülsmann weniger dem verklärten Blick zu verdanken als zwei anderen Dingen. Einem Zaubermantel und einem Buch aus braunem Schweinsleder, das er unter der Weste trägt. Der Mantel hängt an der heimischen Garderobe und kann unsichtbar machen. Eine Eigenschaft, die in schlechten Zeiten ihr Gold wert ist. Was natürlich auf der Hand liegt. Und dennoch nicht vergessen werden soll.
Mystisch ist es in jedem Fall. Fast wie im Märchen, mit Feen, Einhörnern, Zauberstäben, Hexen und magischen Steinen. Jedenfalls glaubt das Ottmar Graustock, und der könnte es ja wissen. Nicht nur weil er Hülsmanns Freund und Nachbar im Haus Gethsemanestraße 5 ist. Nein, der Graustock studiert immerhin Theologie und das will was heißen in einer Welt, in der zwar Generalsekretäre nicht altern, aber ansonsten Gott für tot gehalten wird. Aber das ist eine andere Geschichte.
Das Buch ist Hülsmanns Heiligtum. Das liegt wohl an den handgeschriebenen Texten. Randglossen der Ewigkeit, sagt Hülsmann. Oder noch komplizierter: Parerga und Paralipomena.
Ein komischer Kauz eben, der Hülsmann, sagt auch Schüller, aber wer ist das nicht, wenn er im Prenzlauer Berg lebt mit seinen heruntergekommenen Mietskasernen, Kulissen an einem Theater schiebt und hofft, selbst einmal das große Theaterrad zu drehen. Vielleicht als Autor oder gar als Regisseur. Aber dazu muss man eben studieren. Und zum Studieren sollte man besser keine Vorladung zur Volkspolizeiinspektion haben. Das gibt immer Ärger. Und jetzt hat er den Ärger, der Hülsmann.
Noch also sitzt er da in der Schönhauser Allee 22, in diesem Warteraum, und macht sich Gedanken über das Warten. Denn, so denkt Hülsmann, der Warteraum ist eigentlich ein Raum, in dem man gar nicht warten kann, weil die Zeit hier stillsteht. Damit aber widerspricht die Zeit der Form des Wartens, die eine Verlaufsform wäre. Denn sie ist es, die eigentlich vergehen soll, damit das Warten zum Warten wird und das Warten ein Ende hat.
Typisch Hülsmann, würde jetzt der Graustock sagen, so ein verdrehtes Denken. So typisch wie sein Aufzug, der auch etwas von Theater hat. Ein schwarzer altmodischer Zimmermannsanzug mit Weste und Perlmuttknöpfen. Ein Erbstück vom Großvater. Genauso wie die alte Sprungdeckeluhr, die an einer Kette hängt und aus einer Westentasche herausschaut. Dazu das kragenlose weiße Leinenhemd und der schwarze Hut mit breiter Krempe. Ein Kerl wie ein wandernder Geselle, den das letzte Jahrhundert vergessen hat.
Aber Hülsmann hat keiner vergessen, auch die Volkspolizei vergisst solch merkwürdige Gestalten nicht. Und auch nicht die anderen Leute, die zwar alle unter Volkspolizei firmieren, aber keine Uniform tragen. Für wen die arbeiten, muss man nicht raten.
Ist ja selbst dran schuld, sagen die Leute, wenn er so merkwürdig ausschaut. Da stimmt da oben was nicht. Dabei tippen sich die Leute mit dem rechten oder linken Zeigefinger an die Stirn.
Allein dieser Aufzug macht ihn verdächtig. Und dann sind da noch das schwarze schulterlange Haar und die verkniffenen kleinen Augen, die immer hinter die Dinge schauen.
Der Hülsmannsche Röntgenblick, sagt Graustock. Typisch.
Ausgerechnet Hülsmann, der manchmal sagt, was er besser für sich behalten sollte, dann aber wieder alles verheimlicht und jede Bewertung offen lässt. Oder in sein Büchlein trägt, für sich, versteht sich.
Diese Art Geheimniskrämerei gefällt nicht jedem. Dorian Gray zum Beispiel hätte keine Freude an dem Versteckspiel. Wo kommen wir denn da auch hin?
Also noch einmal, vier Schritte vor und vier Schritte zurück. Die Schritte hallen jetzt so laut, als wollten sie zur Decke hinaufschreien. Aber in diesen Räumen schreien nicht mal die Schritte. Die Angst liegt wie ein Tuch über den Lauten und Tönen, sie kriecht in die Kehlen und macht die Münder stumm.
Plötzlich bleibt Hülsmann stehen. Er lauscht. Fremde Schritte! Laut und drohend eilen sie den Gang entlang. Hülsmann kann noch gar nicht die Herkunft orten, da folgt schon eine Stimme. Und dann steht der Mann in der Tür.
Hülsmann, sagt der Mann, sodass der Angesprochene nicht weiß, ob das eine Frage oder eine Feststellung ist.
Hülsmann bejaht, entweder aus Instinkt oder dem Gefühl, besser nicht zu widersprechen. Denn diesen Aufforderungen, egal ob Frage oder Feststellung, entgeht man am besten durch Gehorsam.
Hülsmann, Hans, wiederholt der Mann mechanisch und setzt damit Vor- und Zunamen in die für Akten übliche Reihenfolge. Und er sagt es so, als wäre da noch ein zweiter Mann im Warteraum.
Aber der zweite Mann hört es nicht. Dorian Gray lächelt nur. Hülsmann nickt.
Folgen Sie, fordert der Mann und dreht sich auf der Türschwelle. Der Mann hat keine Uniform. Nur eine graue Hose und ein dunkelblaues Jackett mit aufgesetzten Taschen.
Bestimmt Präsent 20, denkt Hülsmann und sieht die Auslagen in der Schönhauser Allee vor sich. Gleich neben dem Wiener Café. Dort stehen fünf Schaufensterpuppen und die tragen alle graue Hosen und dunkelblaue Jacketts mit aufgesetzten Taschen. Präsent 20, verkündet ein großes Schild. So groß, dass sich Hülsmann schon Gedanken machte, was sich hinter dem Präsent 20 verbergen würde. 20 Jahre, 20 Menschen, 20 Prozent Baumwolle?
Hülsmann, in der Hand seinen abgeschabten Hut, folgt wortlos dem Mann, dessen Jacketttaschen glänzen. Kunststoff, lächelt Hülsmann, der glänzt immer so. Dabei muss er unweigerlich an den wohl einzigen Werbespruch auf einer der Autobahnbrücken zwischen Berlin und Leipzig denken. Plaste und Elaste aus Schkopau!
Plaste und Elaste aus Schkopau, wiederholt Hülsmann leise. Der Mann bleibt stehen und schaut Hülsmann mit großen Augen an. Ist was?, fragt er.
Nein, nein, ganz und gar nicht.
Dann weiter, befiehlt der Mann.
Hülsmann zählt die Stockwerke. Im dritten Stock werden die Schritte langsamer.
Der Mann im dunkelblauen Jackett ringt nach Luft. Gehen Sie voran, fordert er Hülsmann auf. Vielleicht weil er sich an die Vorschriften halten will.
Hülsmann stockt.
Na weiter, sagt der Mann und schiebt Hülsmann in den Gang. Der ist so lang wie ein Bergwerksschacht. Am Ende flutet Tageslicht durch eine kleine Öffnung in den Stollen.
Aus dem frisch gebohnerten Fußboden steigt eine vertraute Geruchsmischung. Es ist der strenge Geruch von Bohnerwachs und einem beißenden Reinigungsmittel. Wenn es auch nur einen Einheitsgeruch in diesem Land gibt, so denkt Hülsmann, dann ist es genau dieser Geruch. Er ist ein Markenzeichen, das man urheberrechtlich schützen müsste. Egal welches öffentliche Gebäude man auch immer betritt, sei es der Kindergarten, die Schule, die Polizei, der Bahnhof oder gar ein Standesamt, alles dünstet diesen merkwürdig strengen Einheitsgeruch aus. Selbst in der Volksbühne, einem Theater, steht dieser Einheitsgeruch in den langen Gängen des Verwaltungstraktes.
Der Flurboden glänzt im Gegenlicht wie die aufgesetzten Jacketttaschen. Beidseitig des Ganges reihen sich Türen aneinander. Unendliche Türen, die in unbekannte Zimmer führen. Nur die dreistelligen Nummern in schwarzen Plastebeschlägen verraten Unterschiede.
Hinter den Türen rasseln Schreibmaschinen. Sie stempeln Buchstaben in Papierrollen. Ihre Anschläge sind so flink wie das Trommeln von Regentropfen auf einem Autodach.
Hülsmann sieht schon die Buchstaben auf mechanischen Füßchen durch die Räume eilen. Erst in Marschkolonnen, dann in Gruppen und Grüppchen. Und er hört sie. Wie das Rasseln von metallenen Ketten, die über einen harten Boden gezogen werden. Gleichmäßig und nur manchmal von einer kurzen Pause unterbrochen. Typisch Hülsmann, dem wieder die Gedanken durchgehen. Oder die Fantasie.
Aufgeschreckt durch die dröhnenden Schritte im langen Gang, laufen die Buchstaben wild auseinander, um sich hinter Schränken und Heizungen, Akten und Papierstapeln oder unter Linoleumböden zu verkriechen. Andere klettern auf Schreibtische und Schränke, Aktenordner und Ablagen. Dann endet das Klicken und Klacken, das Hämmern und Rasseln. Hülsmann würde jetzt gern ein Buchstabe sein und sich hinter einem Aktendeckel verstecken und abwarten. Aber er ist kein Buchstabe. Kein A und kein Z. Nicht mal ein H, wie Hans.
Halt, sagt der Mann hinter ihm. Es ist die Tür 328.
Der Mann ballt die rechte Hand zu einer Faust und schlägt mit den spitzen Fingerknochen entschlossen gegen die Tür. Dann tritt er einen Schritt zurück. Zugleich legt er seine linke Hand fest um Hülsmanns Oberarm. Der Zugeführte wehrt sich nicht.
Moment, schallt eine Stimme von innen. Dann ist es ruhig.
Aber die Tür öffnet sich nicht. Auch folgt keine Aufforderung zum Eintreten. Sekunden vergehen, oder steht die Zeit wieder einmal still? In solchen Momenten steht die Zeit doch immer still. Sie hält den Atem an, denkt Hülsmann. Also hält er auch den Atem an.
Herein, schallt es endlich aus dem Zimmer.
Der Mann öffnet die Tür und schiebt Hülsmann in einen Raum. Der Raum ist hell und freundlich. Die späte Nachmittagssonne wirft gelbe Lichtkegel auf den braunen Fußboden. Hinter einem großen braunen Schreibtisch sitzt ein Mann. Er schreibt. Der Füllhalter zittert über die abgenutzte Schreibtischplatte. Das Blatt, das er füllt, ist nicht zu sehen. Der Mann hat ein weißes eingefallenes Gesicht mit großen dunklen Ringen unter den Augen. Sein Kopf ist fast kahl. Nur ein Streifen dünner grauer Härchen zieht einen schmalen Kranz über Ohren und Hinterkopf. Auch er trägt ein dunkelblaues Jackett mit aufgesetzten Taschen. Als der Mann aufsteht, fällt ein dickes Sitzkissen zu Boden. Er lässt es liegen.
Jetzt ist auch die graue Hose aus den Präsent-20-Auslagen neben dem Wiener Café zu sehen. Und ein wohlgenährtes Bäuchlein. Das wölbt sich spitz unterhalb der eingefallenen Brust. Darüber hängt ein kurzer brauner Binder. Die Spitze des Binders sitzt auf dem Bäuchlein auf.
Langsam geht der kleine Mann zum Fenster. Dabei stützt er sich auf den Schreibtisch.
Nun, Herr Hülsmann, sagt der Mann nach einer Weile, dann erzählen Sie mal. Dabei schaut er Hülsmann das erste Mal richtig an. Diesen merkwürdigen jungen Mann mit seinem schwarzen abgewetzten Cordanzug und der schwarzen, am Bauch ausgebeulten Zimmermannsweste, auf der immerhin sechs Perlmuttknöpfe leuchten. Fast beiläufig weist er ihm mit der linken Hand einen Holzstuhl zu.
Aber was soll ich erzählen?, fragt Hülsmann. Langsam lässt er sich auf dem zugewiesenen Platz nieder und schaut sich fragend nach dem Mann hinter sich um.
Der aber rührt sich nicht. Wie angegossen steht er da, die Hände an die Seite gelegt.
Sie werden schon wissen was, sagt die Stimme am Fenster.
Ich weiß wirklich nicht, erwidert Hülsmann und hebt die Schultern.
Natürlich nicht, sagt der Glatzköpfige und lächelt. Sie können uns nichts vormachen, Hülsmann! Da können Sie rumlaufen, wie Sie wollen. Das hilft alles nichts!
Will ich doch nicht, beteuert Hülsmann. Dabei zieht er so ein Gesicht, ein typisches Hülsmanngesicht, aus dem ganze Bände sprechen. Aber dafür kann der Hülsmann nicht. Denn irgendwie hat er, trotz mancher Narben, immer etwas Verschmitztes im Gesicht oder besser unter den Augen.
Schade, sagt der Glatzköpfige noch mit ruhiger Stimme und stellt sich jetzt neben Hülsmann. Dann aber bricht es aus ihm lautstark heraus: Mit solchen Bürschchen wie Ihnen werden wir schon fertig. Keine Bange! Dann setzt er sich wieder hin und beginnt zu schreiben.
Hülsmann ist rot angelaufen. Aber …, versucht er noch einmal. Aber ich weiß wirklich nicht, ich hatte doch nur diese Vorladung …
Der Glatzkopf springt wieder auf. Glauben Sie im Ernst, dass wir Sie aus lauter Spaß vorladen, Hülsmann? Glauben Sie das wirklich? Denken wohl, wir hätten sonst nichts zu tun. Dabei fuchtelt er mit der Hand vor Hülsmanns Gesicht herum. Nein, nein, bilden Sie sich nur nichts ein!
Ich weiß doch wirklich nicht, versucht Hans Hülsmann noch einmal seine Unschuld zu beteuern. Dabei gibt er sich alle Mühe.
Wissen Sie, was ich an Ihrer Stelle machen würde, unterbricht der Glatzkopf und lehnt sich über den Schreibtisch.
Hans Hülsmann schüttelt den Kopf.
Ich würde schön ruhig sein und auspacken. Alles, verstehen Sie, alles!
Aber, … stottert Hülsmann.
Ich sehe, sagt der Mann, das hat keinen Zweck mit Ihnen. Naja, so können wir Ihnen auch nicht helfen. Helfen, sagt er wirklich. Hülsmann merkt sich diesen Satz genau.
Der Mann setzt sich wieder hinter den Schreibtisch. Das Kissen hatte er vorher unauffällig aufgehoben. Das, und dabei nickt der Mann, haben Sie sich alles selbst zuzuschreiben … Aber was, wirft jetzt Hülsmann laut ein. Was? Sie kommen sich wohl sehr wichtig vor Hülsmann, was? Der Glatzkopf lacht. Aber nichts für ungut. Sie werden es noch rechtzeitig zu spüren bekommen. Dabei füllt er einen Zettel aus. Und ich bin sicher, Sie denken an diesen Tag. Ich würde es auch an Ihrer Stelle. Den Tag sollten Sie nicht vergessen!
Hülsmann würde solche Tage auch so nicht vergessen. Er braucht keine Erinnerung. Denn Hülsmann hat ja sein Büchlein. Hier wird auch dieser Tag seine Erwähnung finden. Und Sätze wie: Dann können wir Ihnen auch nicht helfen. Oder: Das haben Sie sich alles selbst zuzuschreiben! Sätze, die keiner Erklärung bedürfen. Schreiben gegen das Vergessen, nennt das Hülsmann.
Also, sagt der Mann und lehnt sich über den Schreibtisch. Dabei streift die Spitze des braunen Binders über die Tischplatte. Ab sofort halten Sie sich zu unserer Verfügung. Was das heißt, muss ich Ihnen nicht erklären, die Stadt jedenfalls verlassen Sie nur noch nach unserer Genehmigung. Ich würde Ihnen raten, sich danach zu richten. Wenn nicht, dann müssen Sie mit Konsequenzen rechnen! Ich jedenfalls habe Sie gewarnt.
Hülsmann spürt einen eisernen Handgriff um seinen Oberarm.
Kommen Sie, sagt die ernste Stimme hinter ihm. Dabei wird der Griff noch fester.
Dem Druck folgend, steht Hülsmann auf. Er will etwas sagen. Aber er kann nicht. Als sie im Gang stehen und die Tür sich schließt, löst sich der Griff um seinen Oberarm.
Wer war das?, will Hülsmann wissen.
Kommen Sie, sagt der Mann und schiebt Hans Hülsmann durch den langen Gang.
5
Also dann doch Luftikus, Pappelallee 80. Und das direkt vom Verhör. Der Tisch in der hinteren Ecke muss es schon sein. Und ein Bier oder zwei und natürlich Angie und Schieber Micha und der lange Lothar. Auch wenn der Hülsmann jetzt gern allein wäre. Schon weil ihn die Frage nach der Schuld quält. Was also ist Schuld?
Aber Hülsmann findet keine Antwort. Nicht jetzt, wo alles noch so frisch ist. Und er nur ahnen kann. Aber das hilft auch nicht weiter.
So sitzt er da, der Hülsmann, mit seiner schweren Zimmermannskluft, die am Kragen schon glänzt, obgleich er gar kein Zimmermann ist, sondern nur ein Kulissenschieber. Vor sich das angefangene Bier und die ausgefranste, fast vergilbte graugelbe Tischdecke. Darauf ein paar alte Brandflecken und der grünweiße Bierdeckel.
Umgeben von diesem Geruch, diesem typischen Modergeruch des Luftikus.
Wenigstens was Vertrautes.
Nur Katharina, die Freundin, ist nicht da. Auch nicht der Ottmar Graustock aus seinem Haus. Der, der eigentlich für alle irdische Trübsal zuständig ist. Schließlich ist der junge Mann mit der runden Nickelbrille auf dem besten Weg, Pfarrer zu werden, oder soll man gleich Seelsorger sagen? Aber nein, heute ist nicht mal der da. Dabei wäre es notwendig.
Hülsmann also, dort in der Luftikusecke. Sitzt da wie das Leiden Christi. Und das ohne kirchlichen Beistand. Hätte ja auch ins Wiener Café gehen können. Ins WC wie die Leute abkürzen. Da wo diese Intellektuellen immer sitzen und die Welt verbessern wollen. So sagt es auch Angie. Dort hätten auch die Vertrauten auf ihn gewartet. Der Ottmar und die Katharina und vielleicht noch der Reinhard Voss, auch ein Bewohner aus der Gethsemane. Aber nein, nach diesem Besuch in der Volkspolizeiinspektion ist dem Hülsmann nicht mehr nach Weltverbesserung bei gepflegtem Rotwein und auch nicht nach neuer Prenzelberg-Lyrik zwischen Rauchschwaden und schönen Frauen. Und Theater hat er eh selbst genug. Da braucht es kein WC.
Und schon gar nicht braucht er das Rampenlicht. Das grelle Licht quälender Fragen, die auch er nicht beantworten kann. Warum?, wäre so eine Frage. Und Hülsmann sieht schon die Mutmaßungen, die wie Kraut in den Himmel schießen. Die Literatur, die haben Angst vor der Literatur! Überleg doch mal! Die Gedichte, nein, die hättest du nicht vortragen dürfen! Oder gar jenes Theaterstück mit diesen fragwürdigen Helden! Kann ja sein, dass es wahr ist mit diesem Musiker, der in den Westen verkauft wurde, während seine Frau mit dem Kind im Osten ihn nicht sehen kann, weil er nicht herein und sie nicht raus darf. Kann alles sein, aber muss man das auch öffentlich machen? Manche Sachen schreibt man besser für den Schreibtisch!
Aber diese Künstler können die Tinte nicht halten oder die Noten.
Oder haben den falschen Umgang. Ja, der Umgang, das sind die falschen Leute, jedenfalls für die da oben, du solltest dich vorsehen! Kirchenleute noch dazu stellen ja alles infrage, Menschen und ganze Staaten, das kann nicht gut gehen. Niemals!
Hülsmann hätte sich die Ohren zugehalten und nichts hören wollen. Und doch wären sie wieder da, die Stimmen: Also mal ehrlich, hast du uns was vorenthalten? Was verborgen? Vielleicht doch so einen Antrag gestellt, um das Land zu verlassen? Ist ja nicht schlimm, macht ja hier fast jeder, aber reden solltest du wenigstens mit uns! Wenigstens das!
Nein, auf all diese Fragen und gut gemeinten Hinweise hatte Hülsmann keine Lust. Die Welt erklärt sich manchmal einfach nicht. Schon gar nicht an einem solchen Tag, der besser still enden sollte oder eben in dieser anderen zeitlosen Welt eines Luftikus. Ohne die große Literatur und ohne die noch größere Politik.
Ja, das Luftikus ist ihm irgendwie näher, vertrauter, trotz Freddy Quinn, der Musikbox und dem Schiff, das nach Hongkong fährt:
Fährt ein weißes Schiff nach Hongkong.
Hab ich Sehnsucht nach der Ferne.
Aber dann in weiter Ferne.
Hab ich Sehnsucht nach zu Haus.
Das Luftikus möchte sich verstecken. So wie er sich selbst verstecken möchte vor den Augen der Welt. Vor den Fragen, die er nicht beantworten kann und die er, selbst wenn er sie beantworten könnte, nicht beantworten will.
Also dann nicht in die eitle Schönhauser mit den vielen Geschäften, sondern in die Pappel und dann ins Luftikus. Wenn man seine Ruhe haben will, ist es besser. Aber Ruhe ist ja auch übertrieben.
Machst ja ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter, bemerkt jetzt Angie und schaut betroffen mit den großen braunen Augen.
Hülsmann zuckt nur mit den Schultern. Was soll er auch sagen. Jetzt wo er eine Auflage hat und die Stadt nur nach Genehmigung verlassen darf. Dabei hat er dem Ottmar versprochen, an einem der nächsten Wochenenden mit nach Drehna zu fahren, dort in die Niederlausitz, wo Ottmars Vater eine Pfarrstelle bekleidet. Und er hatte sich gefreut, auf die Gegend und die Leute und einigen neuen Stoff für ein Theaterstück, an dem er jetzt schreibt. Aber das kann er nun wohl vergessen.
Das Theater doch auch, sagt Lothar, der, würde er nicht an der Volksbühne Elektriker sein, ein Theater noch nie von innen gesehen hätte. Schreibst doch ohnehin nur für die Schublade. Das machen im Kiez doch alle.
Naja, die Bemerkung hätte sich der lange Lothar verkneifen können. Also muss der dicke Schüller ran. Auch der hat keine Ahnung von Literatur und Theater. Aber immerhin hat er ein tröstendes Wort. Auch wenn er selbst nicht daran glaubt. Irgendwann, sagt er, dann werden sie dich schon spielen. Vielleicht in der Volksbühne.
Bei so viel Quatsch kann nicht mal Lothar lachen. Vom Kulissenschieber zum Starregisseur, ich sehe schon die Schlagzeilen.
Vielleicht im Neuen Deutschland! Lothar schüttelt den Kopf. Du hast sie ja nicht mehr alle.
Warum denn nicht, verteidigt sich Micha Schüller. Der Hans ist wirklich gut.
Ob gut oder nicht, wer will das schon einschätzen. Die Texte hat er nur im Wiener Café vortragen können, in Auszügen versteht sich. Und manchmal bei diesen Lesungen auf irgendeinem Dachboden oder bei den Treffen der Freunde. Nein, eigentlich müsste Hülsmann Theater machen, aber das ist ja auch nicht so einfach. Ein Studium! Wo denkt ihr hin? Die Bedingungen, die … naja, das muss wohl nicht weiter erklärt werden. Das weiß ja jedes Kind. Und jetzt kann er erst recht alles vergessen.
Wenn die einen erst mal auf den Kieker haben …, Schüller weiß Bescheid.
Lothar nickt. Nun musst du doch nicht alles schwarzmalen. Kopf hoch Hülsmann!
Wir haben auch nicht studiert und siehst ja, was aus uns geworden ist. Dabei schlagen sich Micha und Lothar gegenseitig auf die Schultern.
Eben, sagt Angie. Schaut euch mal an.
Aber die beiden können nichts an sich erkennen. Egal wie lange sie sich mustern. Wird eben nicht besser.
Also dann lieber noch ein Bier von Angie, die vorher noch dem alten Chef in der Ecke ein neues Kännchen Kaffee auf den Tisch stellt.
Und vielleicht ist das schon genug, eine freundliche Bedienung in einem Land, das so unfreundliche Maßnahmen kennt. Noch dazu von Angie, deren Reize selbst dem Hülsmann nicht verborgen bleiben. Dabei geht der Kopf jetzt über von quälenden Gedanken.
Also, dann vielleicht doch noch ein Berliner. Und ein Korn kann ja auch nicht schaden.
6
Kreuzberger Nächte sind lang … so singen sie, dass sich der Lärm im Haus sammelt und die Treppen hinabläuft. Dabei ist die Tür im dritten Stock bei Frenzels noch geschlossen. Aber so heißen sie erst seit heute. Genauer – nach dem Besuch im Standesamt, Herr und Frau Frenzel, geborene Nusselbeck.
Kann man gut verstehen, dass die Nusselbeck nicht mit der Hochzeit warten wollte, sagt Ottmar Graustock, der auf den Treppenflur getreten ist. Bei dem Namen. Dabei lehnt sich der junge Mann mit seinem altmodischen schwarzen Anzug, den er selbst beim Kohlenholen trägt, an den Türrahmen.
Aber das ist noch lange kein Grund, uns die Nacht zu rauben, schimpft Getschmar, der gerade die Treppe hinaufkommt und wohl ahnt, was passieren kann. Sein dünnes graues Haar hat er über der faltigen Stirn ordentlich zur Seite gescheitelt. Wie immer, wenn er von der Arbeit kommt, trägt er eine braune Aktenledertasche. Getschmar ist Leiter. Volksbildungsabteilung des Bezirksamtes Berlin-Prenzlauer Berg. Und das ist schon was, wenngleich nicht alles! In der Gethsemanestraße 5 führt er noch das Hausbuch und ist Vorsitzender der Hausgemeinschaftsleitung. Und damit ist er wichtig. Sehr wichtig sogar, auch wenn Genosse Getschmar, darauf angesprochen immer abwehrt. Nein, nein, das ist nur meine Pflicht. Ehrenamtlich, versteht sich.
Natürlich, Herr Getschmar, Sie tun nur Ihre Pflicht!
Seine Pflicht ist auch der Hinweis auf die mögliche Beeinträchtigung der nächtlichen Ruhe. Und das mit hellseherischer Fähigkeit, wie auch sonst: Ich seh schon kommen, dass man heute Nacht kein Auge zumachen kann. Wäre ja nicht das erste Mal.
Sondern?, fragt Graustock interessiert. Der junge Mann ist erst vor einigen Wochen aus diesem Drehna aus der Niederlausitz in das alte Berliner Mietshaus gezogen.
Getschmar stellt die Aktentasche auf den Boden. Dann zieht er die Hosen an den Gürtelschnallen hoch und macht ein vielsagendes Gesicht. Die dritte Hochzeit Frenzels, flüstert er. Und das in nicht mal zehn Jahren.
Graustock scheint es nicht zu erschrecken, nur die hellen großen Augen kneift er hinter der Nickelbrille zusammen. Mehr nicht.
Naja, sagt Getschmar, als ahnt er schon, dass dem jungen Mann dies alles nichts bedeutet. Was weiß der schon? Aber das sagt er nicht. Lieber schaut er in das schmale blasse Gesicht von Graustock und denkt sich seinen Teil.
Nun, die Nusselbeck hat er ja schon drei Jahre, führt Getschmar jetzt doch aus, ist ja gleich mit eingezogen. Aber der Junge, der ist aus seiner ersten Ehe. Ziemlich deformiert, wenn Sie verstehen. Kein Wunder, den muss man sich bloß anschauen.
Aus der ersten Ehe?, fragt Graustock interessiert, woher wissen Sie das alles.
Ja! Getschmars rechter Zeigefinger geht in die Höhe. Dafür hat man eben ordentlich geführte Hausbücher! Von wegen, mir kann man da nichts vormachen. Gar nichts, wenn Sie verstehn.
Graustock bleibt nichts anderes übrig.
Aber was dann aus diesen Menschen wird, tja … Getschmar schüttelt den Kopf. Sieht man ja, rote Haare und die, na wie soll ich sagen, wie bei einem Indianer …
Irokesenschnitt, verbessert der junge Graustock.
Genau so!, ruft Getschmar. Irokese und das mitten im Prenzlauer Berg. Hauptstadt der DDR. Hat wohl zu viele Indianerfilme gesehen, mit Gojko Mitić oder wie der heißt. Dabei geht sein Kopf jetzt auf und ab. Dann lehnt er sich zu Graustock hinüber und flüstert: Aber vielleicht bekommt der auch noch ganz andere Sachen zu sehen. Bei den Eltern würde mich das nicht wundern! Getschmar schaut sich ängstlich um. Doch im Treppenhaus ist niemand. Also fährt er fort: Nein, der Bursche war schon sechs Jahre alt, als die in das Haus zogen. Frenzels erste Frau hab ich selbst nicht gekannt und im Hausbuch war die auch nicht eingetragen. Aber das ist ja alles modern heute, nicht wahr?
Eine Antwort muss Graustock nicht geben, denn in diesem Moment springt im dritten Stock die Tür auf. Die Hochzeitsgäste treten singend auf den Treppenflur. Frenzel selbst, ein gutmütiger rundlicher Mittdreißiger, führt die Polonaise an. Seine neue Frau, eine etwas kräftige Dame mit frisch gefärbten blonden Locken, eine Freundin und der halbwüchsige Sohn mit dem Irokesenschnitt folgen. Im Entenmarsch, die Hände dem jeweiligen Vordermann auf die Schultern gelegt, kommen die Hochzeitsgäste polternd und lärmend die Holztreppe hinab: Wir ziehen los, mit ganz großen Schritten und …
Getschmar schüttelt den Kopf und fasst die braune Aktentasche fester.
Als Frenzel, noch immer an der Spitze des Zuges, eine halbe Treppe tiefer Getschmar erblickt, stockt er. Aber ein kurzer Stoß von hinten treibt ihn wieder an. So also geht es lärmend weiter.
Gratuliere zur Eheschließung, ruft Getschmar seinerseits mit hochrotem Kopf und drückt sich an die Hauswand.
Frenzels Dank geht im Refrain unter.
Machen Sie doch mit, Herr Getschmar!, ruft die Nusselbeck alias Frenzel mit schwerer Zunge und weist mit einer Handbewegung auf das Ende des kurzen Zuges. Sind doch sonst so fürs Kollektiv … Und das andere, darüber wollen wir lieber nicht reden …
Frenzel zischt die Braut an und macht ein böses Gesicht.
Nein, lassen Sie mal, wehrt Getschmar ab. Vielleicht macht der Graustock mit, der ist jung und gut gebaut.
Doch Ottmar Graustock ist längst hinter seiner Wohnungstür verschwunden.
Einreihen, rufen jetzt die Gäste im Chor, sodass Getschmar verlegen lächelt.
Nun kommen Sie schon, lallt eine andere Frau und schiebt Getschmar in die Schlange. Brauchen doch keine Extrawurst!
Getschmar tritt der Schweiß auf die Stirn. Doch da ist er schon eingereiht, auch wenn er nur eine Hand auf die Schulter von Frau Frenzel, geborene Nusselbeck, legen kann, weil er mit der anderen die braune Aktentasche hält.
So ziehen die Gäste weiter, … mit ganz großen Schritten, und Erwin fasst … hinunter bis in den Hausflur, wo sie aufpassen müssen, weil doch der alte Löffler aus dem Erdgeschoss seine leeren Schnapsflaschen immer in den Gang stellt, dann auf den Hinterhof, wo sie zwei Bögen um die rostigen Wäschestangen und die verbeulten Mülleimer drehen. Ja da kommt Freude auf!, singen sie und jauchzen vor Vergnügen.
Aber aufpassen, ruft jetzt Getschmar, das Beet! Dass mir da keiner reintritt.
Was für Beet?, fragt die Freundin der Nusselbeck.
Getschmars Beet dort an der Mauer, klärt die neue Frau Frenzel auf und stolpert dabei mit der schweren Zunge nicht nur über die Worte. Steht jeden Abend drin und hackt und gießt und jätet.
Das Handtuch da!, ruft ein anderer und zeigt auf das penibel gepflegte Stück Erde mit Astern, Primeln, Margariten und einer mannshohen Sonnenblume.
Selbst Kerne!
Für die Spatzen im Winter, nicht wahr Herr Getschmar?, wendet sich die Braut ihrem Hintermann zu.
Getschmar nickt nur.
Und der Rosenstock?
Ja, was Besonderes, Frau Nusselbeck, oder muss ich doch besser Frenzel sagen?
Ach, wie Sie wollen, Getschmar. Aber es wird richtige Rosen geben! Und das in unserem Hinterhof!
Hört auf zu quatschen, singt lieber mit!, schreit Frenzel und gibt den Ton wieder an.
Wir ziehen los mit ganz großen Schritten … ertönt der Refrain im Chor und die Menschenschlange macht einen ehrfürchtigen Bogen um Getschmars kleines Hinterhofbeet.
Eine junge blasse Frau, die sich einen dicken Bauch hält, schließt im Erdgeschoss des Seitenflügels die Fenster.
Typisch für die Golzen, murrt Getschmar. Sich immer ausschließen aus dem Wohngemeinschaftskollektiv. Und der Freund ist auch nicht besser. Aber was will man von solchen Leuten schon verlangen. Hängen ja nicht mal die Fahne aus dem Fenster an den Feiertagen.
Bisschen Musike würde dem Kind auch nicht schaden, ruft Frenzel und weist auf den dicken Bauch.
Früh übt sich!, ergänzt kreischend seine Braut.
Mit einer letzten Runde um die Mülltonnen verabschiedet sich der Zug vom Hof und poltert die Treppe im Vorderhaus hinauf. Auch an Hülsmanns Wohnung ziehen sie vorbei. Schon wieder so ein Spielverderber, ruft die Nusselbeck, als der Zug den zweiten Stock erreicht. Dabei wippen ihre blonden Locken im Takt.
Der hat doch nur seine Bücher im Kopf, sagt Frenzel. Amüsieren kann der sich doch gar nicht.
Eben, ruft seine Braut, so ein paar Frauen sollten da nicht schaden! Und meine Freundin Rosi können wir doch nicht dem Getschmar überlassen!
Getschmar ringt sich ein Lächeln ab.
Den Hülsmann hat heut noch keiner gesehen, soll ja immer im Wiener Café sitzen. Die Jugend eben, immer quatschen, aber vom Arbeiten wollen die nichts hören.
Nein, der hat sonst auch nichts zu bieten, sagt Getschmar und ordnet mit einer Hand die dünnen grauen Härchen.
Aber ist zwanzig Jahre jünger, ergänzt die Nusselbeck leise, sodass es der Getschmar nicht hören kann.
Ist ja gut jetzt, ruft Frenzel und nimmt den Refrain wieder auf: Wir ziehen los …
Ist das wirklich so ein Bücherwurm, der Hülsmann?, fragt jetzt die Rosi ungeduldig.
Natürlich, ruft Getschmar. Und Getschmar muss es wissen. So einem Hausbuchführer entgeht eben nichts. Der kommt, schnauft er, doch aus der Wohnung nicht raus. Ist doch auch bloß so ein Schreiberling. Sieht man ja schon, wie der aussieht. In dieser Montur hätten sie ihn früher abgeholt, aber nein, jetzt ist das ja schon normal. Jedenfalls für diese Menschen vom Theater. Da soll man mal die Welt verstehn. Weiß gar nicht, wovon der lebt, als Handwerker ist es ja da auch nicht so dolle mit dem Geld, wenn Sie verstehen. Also von wegen ein richtiger Mann, da haben wir hier im Haus ganz andere Kerle!
… mit ganz großen Schritten …
Das kann ich mir denken, antwortet die Braut und zwinkert Getschmar zu. Dabei spielt sie mit der Zunge in den Mundwinkeln, dass dem Getschmar ganz anders wird. Und das gerade jetzt, wo Erwin der Heidi von hinten an die Schulter fasst. Ja, da kommt Stimmung auf!
Vor einigen ist wirklich niemand sicher. Nur an die Hexe traut sich keiner ran!
Genau, ruft Frenzels Sohn, die Jankowitz, der möchte man lieber nicht begegnen. Das gibt Albträume. Hexenalbträume.
Die Hochzeitsgäste lachen.
Also, dann schnell weiter, nicht dass die Hexe noch aufmacht, ruft die Nusselbeck, das gibt einen Schreck fürs Leben. Dann doch lieber die Kerle. Die können doch nicht alle weg sein.
Oder doch?
Was ist denn mit dem Voss von oben?
Keiner da, ruft Frenzels Sohn, der mit seinem Irokesenschnitt den Abschluss der Polonaise bildet. Hättest du eben vorher einladen sollen.
Wusste ja nicht, dass das so lustig wird, verteidigt sich die Braut und stößt ihre Freundin an. So geht es weiter, … mit ganz großen Schritten und Erwin fasst der Heidi von hinten an die Schulter …, was Getschmar nun irgendwie missversteht, sodass die Nusselbeck alias Frenzel jedes Mal bei eben dieser Textstelle aufkreischt.
Frenzel ändert daraufhin das Liedgut und schon sind die Kreuzberger Nächte wieder lang. Aber dann, aber dann …
Nur Getschmar scheint der Text ganz und gar nicht zu passen. Prenzlberger Nächte sind lang, singt er lauter als alle anderen.
7
Ein komischer Vogel ist er ja.
Wer? Der Graustock?
Nein, der natürlich auch. Aber ich mein den Hülsmann.
Ach der, jaja, wie der schon rumläuft. Mit dieser schweren alten Zimmermannskluft. Und das nur wegen der großen Taschen und dem Stoff, der so derb ist, dass der noch in hundert Jahren hält. Nur waschen kann das keiner.
Ja, das sieht schon komisch aus, ein bisschen wie früher. Und der Hut erst. Vielleicht weil keiner die langen schwarzen Haare sehen soll.
Also ein Gang zum Friseur könnte da nicht schaden.
So gehen sie auseinander, die Frenzel und die Postfrau. Vorn im Hauseingang, wo die Briefkästen in einer langen Reihe an der Wand hängen.
Doch Hülsmann ist das egal. Genauso wie ihm vieles andere auch egal ist. Lebt eben sein eigenes Leben, da im zweiten Stock eines Mietshauses im Pappelkiez, Prenzlauer Berg. Fährt zur Arbeit ins Theater, Frühschicht oder Spätschicht, schiebt die Kulissen hin und her, baut auf und ab, trägt was hierhin und dorthin. So wie man das macht, wenn man sich Theaterarbeiter nennen darf. Oder besser Theaterhandwerker, was auch nichts anderes ist als ein Kulissenschieber. Und damit die unterste Ebene der Hierarchie im Theater beschreibt. Da ist der Lothar schon was anderes als Theaterelektriker oder die Leute auf dem Schnürboden oder gar die Requisiteure.
Aber Hülsmann ist auch das egal. Wenigstens, er ist am Theater. Und das wegen der Stücke, ob am Abend oder in den Proben. Es sind die Dialoge, die es ihm angetan haben. Dialoge?
Ja, Dialoge. In den Worten spiegeln sich die Seelen der Menschen, sagt er. Es ist wie das Abschreiten eines unbekannten Terrains. Ein Schachspiel mit Worten und unvorhersehbarem Ausgang. Umso komplizierter, desto besser. Am Ende gibt es immer einen Sieger. Oder zwei Verlierer.
Und das nur wegen der Sprache. Die Sprache verrät die Menschen. Dazu brauchen sie gar nicht handeln. Die Sprache verrät sogar das Denken.
Also dann doch wieder Dialoge. Das Aufeinanderprallen von Gefühlsarmeen und Denkpolizisten. Egal ob Heiner Müller oder Molierè, alles interessiert ihn. Vielleicht weil er selbst schreibt, aber das ohne Erfolg. Theater! Als wenn die Welt nicht Theater genug ist.
Hülsmann bringt es so zu nichts, wie schon Frau Neumann bei der letzten Aussprache betonte. Und die weiß es genau. Ist schließlich Kaderleiterin an der Volksbühne. Eine Autorität also und das will schon was heißen. Oder könnte zumindest.
Da hat Hülsmann nur gelacht, den schwarzen Hut wieder aufgesetzt und das Zimmer der Kaderleiterin verlassen. Wozu sollte er es bringen?
Er hat doch was, etwa eine Freundin, eine echte, und die ist immerhin Ärztin, auch wenn der Vater Katharinas gegen diese Beziehung ist. Aber was anderes kann auch Hülsmann nicht erwarten, schließlich ist der Vater in der Partei und dann noch ein Sekretär. Und Parteisekretäre, egal an welcher Institution sie auch immer arbeiten, werden sich immer schwertun mit Menschen wie Hülsmann. Menschen, die so gar nicht in das Bild der Gesellschaft passen, wie der Vater das sagt. Und Heinrich Hoffmann, wie der Vater heißt, hat dafür immer ein Gefühl, ob jemand passt oder nicht. Schließlich hat er Lebenserfahrung.
Kein Wunder, denn dank der gesellschaftlichen Bedingungen, wie er bei jeder Gelegenheit betont, hat er sich hocharbeiten können. Und das aus ärmlichen Verhältnissen. Die Mutter Putzfrau, der Vater Schaffner. So ist aus dem Dreherlehrling eines Schwermaschinenkombinats ein Propagandist und aus dem Propagandisten ein FDJ-Sekretär geworden. Dazu bedurfte es einiger Anstrengung, die Heinrich Hoffmann nicht scheute. Parteilehrjahr heißt so eine Anstrengung, also Schulung, sozialistische Ökonomie und Marxismus-Leninismus, damit das Ganze eine Grundlage hat. Lernen, lernen, nochmals lernen war einer der Wandzeitungssprüche, mit denen Hoffmann groß geworden ist und die er ganz und gar verinnerlichte. Wenn dann noch ein fester Klassenstandpunkt hinzukommt, kann nichts mehr schiefgehen. Gar nichts mehr.
Hoffmann lächelt. Es ist so ein vielsagendes überhebliches Lächeln. Am Ende ist aus dem FDJ-Sekretär ein Parteisekretär im Kabelwerk Oberspree geworden. Einer, der jetzt hinter einem großen Bürotisch sitzt und sich nicht mehr die Hände schmutzig machen muss. Dafür ist er eine Art zweiter Betriebsdirektor mit weitgehenden Vollmachten, wenn es um den Produktionsprozess und die Planerfüllung geht. Und er kann in verantwortlicher Position am Sieg des Sozialismus arbeiten. Was schon schwer genug ist. Auch wenn die Republik in wenigen Monaten ihren 40. Geburtstag feiert. Geschafft ist es noch lange nicht.
Entsprechend missmutig schaut er mit berechtigtem Argwohn auf die Entgleisungen in der Gesellschaft. Da vergeht ihm das Lächeln gleich.
Muss doch nur daran denken, was da los ist in Budapest und neuerdings sogar in Berlin. Da sollen irgendwelche Bürger zur BRD-Botschaft und wollen am liebsten bleiben oder gleich nach dem Westen. Selbst wenn es nicht mal eine Handvoll ist und eigentlich völlig zu vernachlässigen. Aber, schimpft Hoffmann, wo kommen wir denn da hin, die Rechtsordnung so zu missachten. Und angefangen hat das alles mit der Perestroika. Kann ja gut sein, dass der Gorbatschow neue Ideen hat und so, aber ehrlich, vorher gab es so was nicht. Das muss man doch auch mal zur Kenntnis nehmen!
Entgleisung also, so eines seiner Lieblingswörter, der meist die Entfremdung vorangeht. Und natürlich fehlt in diesem Vokabular auch nicht die Entartung. Entartet ist bei Heinrich Hoffmann viel, die Jugend, die Zeit, das Denken, die Kunst.
Da haben es die Hülsmänner nicht leicht. Vor allem wenn sie sich zu allem Überfluss, mit eben dieser Kunst schmücken. Denn Kunst ist, wie Hoffmann meint, nicht nur nicht handfest, das ginge ja noch, Kunst ist gefährlich. Und man weiß ja nie, wo es damit endet.
Also, was noch?
Nun, Hülsmann hat sein Buch und den Mantel. Natürlich hat Hülsmann noch viele Bücher, aber dieses ist eben ein besonderes. Und das nicht nur wegen dem braunen Schweinsleder.
Kein Wunder, wenn es Hülsmann sein Heiligtum nennt. Alles was er darin festhält und das ist, obgleich ausgesucht, nicht wenig, wird Teil der Ewigkeit. Das Buch, das er auch heute liebevoll seine Parerga und Paralipomena nennt, behütet er wie seinen Augapfel. Stets trägt er es bei sich und hat dafür in die Innenseite seiner Weste eine Tasche genäht. Das Buch bläht so den Bauch, aber auch das ist Hülsmann egal, das Buch bleibt bei ihm.
Die Texte sind kaum leserlich. Hülsmanns Schrift ist nämlich klein, so klein, dass sie kaum zu entziffern ist. Da braucht es manchmal eine Lupe. Aber es liest ja auch niemand. Nur Hülsmann selbst und der hat allen Grund, das Buch bis zur letzten Seite zu füllen. Sei es mit Theaterstücken, Gedichten, Erzählungen, Zitaten oder nur Dialogen, die Hülsmann irgendwo aufschnappt und dann zu Papier bringt. Je kleiner er schreibt, desto mehr kann er sich mitteilen.
Das Buch ist Teil seiner selbst, mit ihm hält Hülsmann Zwiesprache, ihm vertraut er sein Denken und Fühlen an. Es ist eine Art Tagebuch ohne Tagebucheintragungen, weil Hülsmann seine Worte anderen Figuren in den Mund legt. Und diese Figuren wiederum sind Teil seines eigenen Theaters.
Ähnlich theatralisch verhält sich Hülsmann mit dem Mantel. Einem echten Zaubermantel, wie er sagt. Gekauft hat er ihn im Zweite-Hand-Laden Pappelallee, Ecke Stargarder. Es ist der größte Trödelladen im Kiez. Der Mantel ist aus schwerer schwarzer Wolle und so lang, dass er bis zu den Knöcheln reicht. Die Zauberkraft dieses Mantels besteht in seiner Tarnfunktion. Angezogen verschwindet man mit ihm und kann fortan die Welt aus dem sicheren Abstand eines Unsichtbaren betrachten. Also doch goldwert! Und wer wollte nicht mal unsichtbar sein und damit sich und alle Welt vergessen? Also auch das ist normal, jedenfalls nicht ungewöhnlich. Warum allerdings ausgerechnet dieser Mantel unsichtbar macht, kann nicht mal Hülsmann sagen, der sonst für alles eine Erklärung hat. Und das man an der Pappelallee, Ecke Stargarder, Zaubermäntel für zwanzig Mark verkaufen soll, erscheint auch wenig glaubwürdig. Aber vielleicht war es eben Zufall, so wie alles in der Welt Zufall ist oder Schicksal oder gottgegeben. Eben vorherbestimmt. Oder?
Nein, nein, so weit will dann auch Hülsmann nicht gehen. Immerhin hängt das wertvolle Stück griffbereit an einem dicken Haken neben seiner Wohnungstür. Ist er nicht mehr da, gibt es auch Hülsmann nicht. Der lässt sich dann im Mantel auf seinem dicken braunen Ledersessel nieder und betrachtet die Welt aus der Ferne. Entrücktsein, nennt er seinen Zustand selbst. Oder Kontemplation in Zeit und Raum!
So also ist es mit Hülsmann. Von wegen, dass er es zu nichts bringt. Da kann die Kaderleiterin an der Volksbühne noch so sehr das Gegenteil behaupten. Und was heißt das schon, es zu etwas bringen. Das Leben schreibt seine eigenen Aufgaben, sagt Hülsmann, wer sie löst, ist erlöst.
Also doch!
Was?
Ein komischer Vogel.
8
Nun also Katharina. Schöner Name, wenn man so will.
Ist ja auch eine Schönheit, sagt Voss. Die langen schwarzen Haare, lockig bis zur Schulter. Das Gesicht, naja, schmal mit hellen aufgeweckten Augen und großen weißen Zähnen. Also doch, eine Schönheit.
Jedenfalls was man sieht.
Der Hülsmann sieht mehr. Und kann sich trotzdem nicht beschweren. Warum auch. Katharina ist schon was Besonderes.
Ja, ohne Widerrede.
Mein Schneewittchen, sagt Hülsmann. Und wie er das sagt, denkt er schon wieder hinter das Wort.
Vielleicht weil ihm jetzt die Gegenspieler im Kopf herumspuken, die böse Königin und der Jäger. Und natürlich die Utensilien des Bösen: der Spiegel, der vergiftete Apfel, der Haarkamm. Aber vielleicht denkt Hülsmann auch an Schneeweißchen. Ein Begriff, den die Grimm-Brüder ebenfalls verwendet haben und den Hülsmann so gern benutzt. Schon um Schneewittchen ein weiteres Kosewort an die Seite zu stellen.
Egal, Schneewittchen ist keine verstoßene Prinzessin, sondern Ärztin im Krankenhaus Prenzlauer Berg an der Fröbelstraße. Noch nicht lange, dafür ist sie noch zu jung, aber lang genug, dass sie geachtet ist. Schließlich kann die junge Frau was. Jedenfalls in ihrem Fach der Allgemeinmedizin. Das Studium an der Humboldt-Universität war nicht umsonst.
Natürlich nicht!
Geachtet ist sie auch vom Vater, dem Parteisekretär, schließlich ist sie jetzt Einzelkind. Sein Einzelkind, wie er immer vor der Mutter betont.
Doch das war nicht immer so.
Katharina hatte einen Bruder. Hatte, weil er tot ist.
Eine tragische Geschichte, sagt Katharina.
Und dennoch literarisch, ergänzt Hülsmann. Dabei hat er den Bruder nur einmal gesehen.
Damals, als er in Uniform im Wiener Café stand, um Katharina abzuholen. Ausgerechnet im WC. Ein Offiziersschüler der Nationalen Volksarmee. Mit Uniform, versteht sich. Schon das war filmreif. Wie er sich ungefragt an den Tisch setzte und bestellte. So als sei er bei der Armee, wo alle zu parieren haben. Oder in einem Restaurant am Fernsehturm. Dort wo die Touristen den Anspruch auf Service mit viel Trinkgeld erkaufen. Peter wusste, wie er sich in Szene setzte. Er kannte seine Wirkung. Nun aber war er mitten im Kiez. Prenzlauer Berg!
Hier gehen die Uhren anders, sagt Hülsmann. Die Zeit verkriecht sich in den Hinterhöfen der Mietskasernen. Nur um stillzustehen. Denn da findet weder die Sonne noch der Fortschritt hin.
Aber was ist schon Fortschritt?
Katharinas Bruder hatte eine eigene Vorstellung von Fortschritt. Und merkte dabei gar nicht, dass er mit seiner Uniform wie ein Fremdkörper wirkte. Erst recht in den heiligen Hallen des WC, die der Boheme vorbehalten sind. Aber schon mit dem Wort Boheme wusste er nichts anzufangen. Dann eher mit der heiligen Halle.
Das WC eine heilige Halle?
Warum nicht. Gut, heilig ist vielleicht übertrieben. Hier diskutieren die Leute über sehr irdische Dinge, auch wenn sie gar nicht in die Zeit passen. Aber wer bestimmt das schon, was in die Zeit passt?
Und eigentlich müsste es heißen, was der Zeit passt. Oder?
Hülsmann lächelt. Der Zeit passt eben vieles nicht, sagt er. Wie viel es ist, bestimmt derjenige, der die Wecker stellt und die Turmuhren aufzieht.
Wobei wir wieder mitten in der philosophischen Diskussion wären und dann ist auch Graf Kierow nicht mehr weit. Jedenfalls im Wiener Café. Da lässt sich trefflich streiten, vor allem über Kunst und Politik.
Im Wiener Café wird viel gestritten. Auch geplant wird viel. Etwa Ausstellungen in Abrisshäusern oder auf Dachböden. Vielleicht mit Hemmling, dem Maler oder Graf Kierow als Laudator. Oder Lesungen und die nächste Wohnungsbesetzung. Zuweilen auch Ausreisen oder gar Fluchten. Aber auch das ist nichts Ungewöhnliches oder gar Spektakuläres.
Im Wiener Café wird auch so mancher Text entworfen. Für Flugblätter zum Beispiel. Oder für Zeitungen, die in den Kellern der Zionskirche gedruckt werden. Texte, die immer neue Debatten anstoßen. Am Puls der Zeit, sozusagen. Politische, versteht sich von selbst, auch wenn sie so gar nicht politisch daherkommen. Aber doch kritisch. Sehr sogar, wie Graustock bestätigt. Und alle nicken.
Gegen die Militarisierung! Gegen den Wehrkundeunterricht an den Schulen! Für die Einführung von Zivildienst! Das ist der Fortschritt wie ihn Graustock, Voss und Hülsmann verstehen. Und nun saß einer vom Militär an ihrem Tisch. Noch dazu so ein künftiges hohes Tier.
Selbst Kierow, der sonst immer schlagfertig ist, blieben die Worte im Halse stecken.
Aber geschehen ist geschehen.
Das Ende hat sich Katharina lieber nicht anschauen wollen, auch nicht Hülsmann und Ottmar Graustock. Während der uniformierte Peter weiter bestellte und ganz selbstverständlich die versteinerten Mienen der Gäste ignorierte, verließen sie das Café. Geschlagen, mit hängendem Köpfen und sprachlos, als hätte ihnen, zu allem Unglück, der Peter die Worte geraubt.
Und das will schon was heißen, wenn Graustock und Hülsmann schweigen.
Ja, der Peter. Eine glückliche Hand hatte der trotzdem nicht. Denn auch diese Siege sind nur Pyrrhussiege. Verloren hat er trotzdem, egal, ob er sich in der Öffentlichkeit oder in Katharinas Umfeld bewegte. Schon die Schule schaffte er gerade so. Mit der Lehre als Maschinist im Fernsehwerk Oberschöneweide sah es nicht besser aus. Immerhin war er so im sicheren Schoß der Arbeiterklasse. Noch dazu wo er mit gesellschaftlicher Arbeit glänzte. Die Freie Deutsche Jugend war seine zweite Heimat. FDJ, was für Buchstaben, die eine ganze Welt beschrieben und diese gelb auf blauem Grund umspannten. Seine Welt leuchtete rosarot wie der Sozialismus, dessen Siegeszug nicht aufzuhalten war. Und vielleicht halfen seine zweite Heimat und die Kandidatur als Mitglied der SED, dass die Lehrer ein Auge zudrückten, wenn es um den Abschluss ging. Geschafft ist schließlich geschafft.
Nun stand dem jungen Mann die Welt offen. Peters Zukunft hieß Armee. Als Vertreter der Arbeiterklasse zur Armee! Nicht ein und ein halbes Jahr, wie üblich für den Grundwehrdienst. Nein, nicht mal drei Jahre, um Unteroffizier zu werden und den beruflichen Fortgang zu sichern, waren ihm genug. Zehn Jahre, so viel sollten es schon sein. Berufssoldat!
Kein Wunder, wenn der Peter bald zum Liebling seines Vaters wurde. Nun war wenigstens noch ein weiterer der Hoffmanns im Klassenkampf. Und hielt den Kopf hin, wo es wehtut. Genau so hat es Vater Hoffmann gesagt. Genossen, wo es wehtut!
Den Kopf hat er wirklich hingehalten, der Peter, auch noch als er schon ahnte, dass etwas mit seiner jungen Frau nicht stimmen konnte. Die Ute hatte es nämlich auch auf Uniformen abgesehen. Allerdings haben ihr wohl die Uniformen von Peters Vorgesetztem besser gefallen als die von Peter. So ein richtiger Oberleutnant ist ja doch eine ganz andere Nummer. Kein blutjunger Offiziersschüler.
Der Klassenkampf an der vordersten Front fand bald sein erstes Opfer. Vielleicht hätte es Peter auch noch verkraften können, dass die Ute ein Verhältnis mit dem Oberleutnant hatte, wenn nicht … Ja, wenn nicht genau dieser Oberleutnant ihn immer zu Sonderaufgaben in die Kaserne beorderte, während er selbst die Ute im Neubaublock um die Ecke besuchte. Mit Blumen, in der Regel Nelken, Weinbrandbohnen und einem guten Tropfen Rotkäppchen. Ganz im Klassenauftrag versteht sich.
Peter musste es geahnt haben. Die Eifersucht machte jedenfalls nicht vor dem Klassenbewusstsein halt. Und Eifersucht kann auch pflichtbewusste Offiziersschüler rasend machen. So fand eine hoffnungsvolle Karriere, wie Vater Hoffmann zu jeder Gelegenheit betont, ein jähes Ende. Und das nur wegen der Ute, die anderen Männern schöne Augen machte. Ja, das konnte sie. Große schwarze Augen. Pflichtvergessen. Weiber eben! Immer sind es die Weiber!
Peter mochte sich das nicht lange ansehen. Er nahm seine Dienstwaffe und schoss sich in den Mund. Und das im Zimmer des Oberleutnants. Dabei war der nicht einmal anwesend. Zum Glück, wer weiß, was sonst noch passiert wäre.
Seiner Ute hinterließ Peter keinen Brief. Wohl aus Rache, sagt Katharina. Aber das ist Interpretation. Andere sagen, dass er sich in dem Brief abfällig über Vorgesetzte geäußert habe. Da hat man das Schriftstück lieber gleich verschwinden lassen.
Was wohl auch besser ist.
Jedenfalls für die Nationale Volksarmee und unseren Parteisekretär, der jetzt allein den Kopf hinhalten muss, wo es wehtut. Denn Pflicht ist eben Pflicht.
9
Nein, es geht nicht aus dem Kopf. Es bleibt, als hätte es jemand eingepflanzt wie einen Baum, der größer und größer wird und Wurzeln schlägt. Kopfwurzeln.
Ottmar Graustock ist ans Fenster getreten und schaut in den grauen Vormittagshimmel. Dabei ist es Mitte Juni. Und da ist es wieder da, dieses Bild, das sich jetzt mit Leben füllt und einem Gefühl, das man Heimat nennt. Mit diesem einfachen altmodischen Wort, Heimat. Und schon sieht er das Wasserschloss mit seinem verschlammten Wassergraben, den Lindenplatz mit dem Verwalterhaus, das ein Hirschgeweih ziert, die alte Brauerei, den kleinen Markt …
Drehna, flüstert Graustock und er flüstert es so geheimnisvoll als wäre es ein Zauberwort. Dabei denkt er gar nicht an den Zauber, sondern an das, was er zurückgelassen hat in diesem Dorf bei Luckau, wo der Vater eine Pfarrstelle bekleidet. Und die Welt, so klein sie auch ist, irgendwie heil scheint. Wäre da nicht dieser Tagebau, der sich um Drehna frisst und so manches Dorf der Umgebung dem Untergang weiht: Presenchen, Stiebsdorf, Wanninchen, Gliechow, Pademagk … Die Aufzählung würde kein Ende finden. Und es geht weiter, Schlabendorf und Teile von Zinnitz sollen folgen. Einfach so. Der Teufel, heißt es, hat die Kohle unter die Dörfer gelegt. Ja, der Teufel war es. Wer denn sonst?
Er hat die Menschen vertrieben, weil auch sie keine Heimat haben dürfen. Und dabei ihre Seelen gebrochen.
Aber Drehna steht wie ein Fels in der Brandung oder besser wie ein Stück Leben in einer unwirklichen Mondlandschaft. Diese gehört den Kettensägen, den Baggern und Kohlezügen. Vielleicht hängt deshalb Graustocks Herz umso mehr an diesem Ort, Drehna, den Fels, den Gott ins Herz schließen sollte. Schließlich vereint er alles: Familie und Geschichte, Heimat und Erinnerung und vor allem Hoffnung. Eben ein vertrauter Klang, der in den Ohren liegt, egal wo man ist. Schwer und wehmütig.
Und damit ist dieses Drehna, hundert Kilometer südlich Berlins, unweit der Autobahn nach Dresden, ein magischer Ort.
Graustock schüttelt den Kopf. Seltsam, denkt er, dieses Heimatgefühl trägt man an den Füßen in jedes neue Haus. Und so sehr sich die Menschen auch Mühe geben, es von den Füßen abzustreifen, es bleibt und wird uns begleiten bis in den Tod.
Heimat, so denkt Graustock weiter, ist eben doch eine Erinnerung. Und eine Erinnerung schmerzt, weil sie die Sehnsucht nach einem Frieden gebiert.
Wie wacklig dieser Frieden auch in Drehna ist, hat Graustock selbst erfahren. Da ist die alte Noack, die einst in Presenchen lebte, einem der vom Erdboden verschwundenen Orte. Und diese alte Frau ist es, die jetzt die Grabsteine der verstorbenen Presenchener in ihrem Drehnaer Garten aufstellt. Und das nur, weil sie ihre Geschichte und die Geschichte der Presenchener vor dem Vergessen retten will. Nicht ohne Probleme, wie sich denken lässt. Denn da sind die argwöhnischen Behörden und die Vorschriften. Wo denken Sie hin, Frau Noack! Ein Garten ist doch kein Friedhof. Sich gegen den Fortschritt zu stemmen mit diesem Starrsinn! Der Sozialismus wird auch mit solchen wie Ihnen fertig!
Und da sind die Kloses, vertriebene Ostpreußen, die noch immer an der Heimat hängen und die ihre eigene Geschichte einholt. Spätestens dann, wenn Kloses Frau heulend und schreiend im Keller des Bauernhauses verschwindet, weil sie glaubt, dass die Russen sie holen. Erst nach Tagen taucht sie wieder auf. Es sei denn der Klose, der ein Bein in Russland gelassen hat, findet vorher für seine Frau einen Platz in Teupitz. Dort, wo die Irrenanstalt ist.
Und begonnen hat das alles mit der alten Beckmann. Ihr war der Ottmar Graustock zuerst auf der Spur. Denn die Beckmann hatte eine eigene Geschichte. Eine Geschichte des Ertragens und Erduldens. Eine gebrochene Frau, die sich schließlich zu wehren wusste und das letzte Presenchener Gehöft wie eine Festung gegen die anrückenden Tagebaumaschinen verteidigte. Ohne Wasser und Strom hielt sie über Wochen aus. Bis man sie abholte und dem alten Backsteinhaus mit Sprengstoff den Garaus machte. Da war sie schon über achtzig. Seitdem wartet sie an das Bett gefesselt im Luckauer Altersheim auf den Tod. Auch das kann Leben sein.
Nein, auch dieser heimische Frieden kann trügen, trotz aller Vertrautheit. Umso mehr will Graustock bei den Menschen sein. Ihnen fühlt er sich verbunden. Und wenn es möglich ist, dann will er nach dem Berliner Studium dort in diesem Drehna eine Pfarrstelle antreten. In diesem von Gott noch nicht verlassenen Ort.
Vielleicht, denkt er jetzt, ist es Zeit, einen Brief an die alte Noack zu schreiben. Schon um zu zeigen, dass er die mutige Frau mit ihrem kleinen Friedhof in der fernen Hauptstadt nicht vergessen hat. Nein, er vergisst sie nicht, sie nicht und auch die anderen nicht. Drehna soll leben, wenigstens in seinen Gedanken.
Graustock öffnet das Fenster und lehnt sich hinaus. Der Wind kommt sacht vom grauen Junihimmel. Dann schleicht er auf der Kopfsteinpflasterstraße zwischen den Häuserblocks entlang durch den Pappelkiez. Er streift die großen Ahornbäume hinter der Gethsemanekirche und legt sich auf das mächtige Kirchendach. Dort bleibt er nicht lange, erhebt sich und kommt hinüber zu Graustocks Fenster im dritten Stock. Dabei flüstert er einige Worte, richtige Windworte, die nicht jeder versteht. Nur Graustock, denn seine Stirn legt sich über der runden Nickelbrille in tiefe Falten.
10
Aus der Ferne rauscht ein vertrauter Ton heran. Wie auf tausend kleinen mechanischen Füßen rasselt er durch das Haus. Man kann nicht ausmachen, ob er aus einem der vielen Zimmer kommt, die sich links und rechts an die langen, frisch gebohnerten Gänge reihen. Vielleicht kommt er auch gleichzeitig aus allen Zimmern, denn die Zimmer sind nicht zu unterscheiden. Aber sie haben Nummern, lange dreistellige Nummern.
Schreibmaschinen. Das Gerassel von kleinen mechanischen Füßchen, die die Buchstaben tragen. Hebel, die sie wie Hämmer ins Papier schlagen. Papier, das sich um eine Rolle dreht. Und das alles, mal schneller, mal langsamer, mal lauter, mal leiser.
In den langen leeren Gängen der Volkspolizeiinspektion, das noch immer wie ein Altersheim wirkt, aus dem gerade die Juden deportiert wurden, hallen die Schrittchen. Buchstabenschrittchen. Sie sammeln sich und kommen die Treppe hinauf. Bis in den zweiten Stock. Wie Ameisen, in langen schwarzen Strömen, Buchstabenströmen. Auf schwarzen farbverschmierten Lettern eilen sie durch das Haus. Und keiner stellt sich ihnen entgegen. Denn sie tragen die Schuld.
Hans Hülsmann erwacht schweißgebadet. Noch ganz vom Traum benommen, richtet er sich auf. Musik? Er lauscht, aber sein Zimmer liegt ruhig. Nur ein blasses gelbes Licht aus einer der Straßenlaternen erhellt den Raum. So erhebt er sich. Langsam tastet er sich am Tisch, dem großen Ledersessel, Bücherstapeln und dem Klavier voran zum Fenster. Das gewaltige Kirchenschiff der Gethsemanekirche füllt schwarz den Rahmen. Er öffnet das Fenster und schaut hinaus in die Nacht. Eine angenehme Kühle empfängt ihn. Die Straße liegt leer und verlassen.
Zurück am Schreibtisch schaltet er die kleine Lampe an, die auf einem Bücherstapel steht und schaut auf die Uhr. Es ist kurz vor drei. Vielleicht feiern Frenzels schon wieder, denkt er und geht in den Flur. Manchmal bringt der halbwüchsige Sohn mit dem Irokesenschnitt auch seine Kumpels mit. Aber nur wenn die Eltern nicht da sind. Dann erschüttert eine ohrenbetäubende Punkmusik das alte Mietshaus: Ich schaff es nicht mehr, klar zu denken, mein Kopf ist leer, mein Herz ist stumm. Oder: Komm gib mir deine Hand, wir wollen zusammen verrecken.
Getschmar holt dann immer die Polizei, aber das hilft auch nicht. Nach drei Wochen sind sie wieder da und Frenzels haben den Ärger. Allein schon die Vorsprache beim Direktor im Lehrbetrieb. Ihr Sohn, schauen Sie doch nur, wie der aussieht. Wie kann man sich nur so abseits von unserer Gesellschaft stellen! Eine Schande für das ganze sozialistische Kollektiv ist das! Und so fort.
Aber was wollen sie machen?
Getschmar würde schon was einfallen. Mit der Jugend heute kann es ja so nicht weitergehen. Hat doch selbst einen Sohn. Etwas älter zwar, aber ganz ein Vorbild. Nationale Volksarmee, Marineoffizier in Rostock, um genau zu sein. Und das seit zwölf Jahren. Der weiß, was er will, der Junge! Was sonst, bei dem Vater. Die Mutter war ja früh gegangen. Rechtzeitig, sagt Getschmar, so hatte er zum Glück die Verantwortung. Zucht und Ordnung, um es klar auszudrücken! Das Ergebnis kann sich sehen lassen, jedenfalls für Getschmar. Der Westen mit seinen ideologischen Verführungen lässt den Jungen kalt. Dekadentes Zeug eben. Natürlich auch die Musik! Wo das nur mal enden soll.
Für den jungen Frenzel endet es erst einmal im Internat. Berufsausbildung heißt es. Weit weg von Berlin, damit er auf vernünftige Gedanken kommt. Die Alternative wäre der Knast. Das hat der Getschmar gesagt. Und der hat ja seine Verbindungen.
Eigentlich, so denkt jetzt auch Hülsmann, kann die Musik dann kaum von Frenzels kommen. Aber woher denn sonst? Hülsmann legt das Ohr an die Wohnungstür, um besser zu hören. Wirklich, von Frenzels ist nichts zu vernehmen. Dafür quietscht irgendwo eine Wohnungstür. Vielleicht beim alten Löffler im Erdgeschoss, der sich um seinen Nachschub kümmern muss. Korn, wie die leeren Flaschen im Hausflur immer verraten. Oder der Frau Jankowitz, die gegenüber von Löffler wohnt und die er noch nie gesehen hat. Die alte Frau kann unmöglich im Haus unterwegs sein, denkt er. Noch dazu wo das Treppenlicht erloschen ist. Sonst würde es einen hellen Streifen um die Wohnungstür legen. Auch Hexen müssen schlafen. Vor allem wenn sie so irdisch sind wie Frau Jankowitz. Lächelnd wendet er sich ab.
Hülsmann schaltet das Licht aus und legt sich ins Bett. Doch schlafen kann er nicht. Vielleicht weil er an seinen Freund Ottmar Graustock denkt. Ausgerechnet an ihn, den er seit Tagen nicht mehr treffen will. Viel lieber trug er den Zaubermantel und versank in seinem alten Ledersessel, unsichtbar. Auch auf dem Klavier spielte er seitdem nicht mehr, nein, er wollte auch nicht gehört werden. Es sollte ihn nicht geben. Und das nur, weil er keine Erklärung für seinen Aufenthalt bei der Polizei hat. Was konnte er seinem Freund Graustock sagen? Was?
Vorladung, du weißt doch. Klärung eines Sachverhaltes. Und jetzt hab ich ein Problem, denn ich darf Berlin nicht mehr verlassen.
Aber wir wollten doch zu mir nach Drehna fahren. Hattest du dich nicht auch gefreut?
Ich weiß, ins Pfarrhaus deines Vaters. Auch Katharina sollte mitkommen. Aber es geht nicht.
Es geht nicht? Einfach so?
Also gut, das hört sich nicht besonders glaubhaft an.
Dann lass uns doch mal nachdenken.
Aber ich will nicht nachdenken!
Nein, auf dieses Gespräch hatte Hülsmann keine Lust. Vielleicht in zwei, drei Tagen, aber jetzt noch nicht.
Aber nicht nur Ottmar Graustock, der Pfarrersohn aus Drehna in der Niederlausitz, der zu einem Theologiestudium nach Berlin gekommen ist, geht ihm durch den Kopf. Er muss auch an Friedensthaler, seinen Lehrer, denken und die Buchstaben, Friedensthalers Buchstaben. Rasselten sie nicht ebenso durch das Haus, damals als er noch ein Kind war und nachts nicht schlafen konnte. Das war in Templin, einer Kleinstadt der Uckermark, wo er sich mit zwei Schwestern und der Mutter eine kleine Wohnung in einem Mietshaus teilte. Und natürlich drei weiteren Mietparteien.
Den Vater kennt Hülsmann nur vom Foto. Das steht noch immer auf der Vitrine in der Templiner Wohnstube. Ein Mann in einem dunklen Anzug, schmales Gesicht, große dunkle Augen, schwarzes, nach hinten gekämmtes Haar. Der Sohn prägte sich das Gesicht genau ein, denn er wollte ihn erkennen, falls er ihm einmal über den Weg laufen sollte.
Doch der Vater lief seinem Sohn nicht über den Weg. Dabei tragen sie beide denselben Vornamen. Hans Junior glich äußerlich sogar dem Vater. Das behauptete die Mutter, die ihren Mann seit Juli 1961 nicht mehr gesehen hatte. Damals war er über Westberlin nach Hannover gegangen. Abgehauen, sagten die Leute. Republikflucht, sagte der Schuldirektor. Dabei war es so einfach. Hülsmann Senior blieb einfach in der S-Bahn sitzen, die zum Bahnhof Zoo fuhr. Er sollte den Neuanfang der Familie im Westen vorbereiten. Aus dem Neuanfang wurde nichts. Der Mauerbau verhinderte, dass die Familie folgte. Und der Vater kam nicht zurück. Aus Angst oder weil er eine andere Frau gefunden hatte. Der letzte Brief vom 3. Oktober 1961 wurde wie eine Reliquie verehrt. Auch er liegt in der Vitrine. Alles wird gut, steht darin. Doch nichts geschah. Gar nichts. Funkstille.
Damals jedenfalls hörte Hans Hülsmann im Templiner Mietshaus dieses Rasseln, dieses ferne Schreibmaschinenrasseln. Wie kleine Füße gingen die Anschläge durchs Haus. Mal lauter, mal leiser. Hab keine Angst, hatte die Mutter gesagt und ihm die Bettdecke bis an das Kinn gezogen: Der neue Nachbar, er schreibt viel.
Was nur, dachte der kleine schwarz gelockte Hans Hülsmann, kann man nachts schreiben und drehte sich auf die andere Seite. Was nur? Auf der anderen Seite war die kalte weiße Wand. Aber auch sie gab keine Ruhe, denn die kurzen mechanischen Schrittchen angelten sich an ihr empor. Buchstabe für Buchstabe. Höher und höher.
Herr Friedensthaler schreibt nur, versuchte sich der Junge zu beruhigen.
So drehte er sich erneut, als könnte er dadurch den Schrittchen entfliehen. Aber nein, auch das half nichts. Die Schritte blieben und marschierten nun geschlossen durch das nächtliche Kinderzimmer. Mal auf, mal ab, aber fast immer um den kleinen Tisch, auf dem die Schulsachen lagen. Auch der helle Mond, der durchs Fenster trat, vermochte die Schritte nicht zu sehen, nur zu hören.
Da setzte sich das Kind ans Fenster und starrte auf die leere Straße. Wenn alle Straßenlampen funktionierten, gab es an fünf Stellen gelbe blasse Lichtkegel. Dazwischen kämpfte der Mond mit schwarzen Schatten.
So saß er manchmal die halbe Nacht und beobachtete das Schauspiel.
Wenn ihn die Mutter am nächsten Tag weckte, war er müde und zerschlagen. Was machst du nur immer?, fragte sie, während sich Hans am Küchentisch ein Marmeladenbrot hinunterquälte. Du musst einfach eher ins Bett.
Hans nickte.
Was macht der neue Nachbar?, fragte er dann.
Was schon, er ist Lehrer.
Lehrer?
Ja, Lehrer. Du wirst ihn bald erleben.
Aber was müssen Lehrer denn in der Nacht schreiben?
Die Mutter zuckte mit den Schultern. Musst ihn fragen, antwortete sie lachend. Frag ihn einfach.
Hans kaute behäbig weiter und starrte dabei auf das karierte Wachstuch. Dann nahm er einen so großen Schluck vom Malzkaffee mit dem schönen Namen Muckefuck, dass sich sein Gesicht verzerrte, und sprang auf.
Iss langsam, ermahnte die Mutter, doch da hatte Hans schon die Küche verlassen.
Friedensthaler war anders. Nicht nur äußerlich. Da wirkte er wie eine hagere hoch aufgeschossene Marionettenfigur. Aber er hing nicht an diesen Fäden, wie man sie von Marionetten kannte. Auch wenn es so aussah. Vor allem wenn er kerzengerade, als hätte er einen Stock verschluckt, durch das Klassenzimmer tänzelte. Sein graues Haar war in den Nacken gekämmt und entblößte ein nacktes spitzes Gesicht. Darin hing, als hätte sie keinen Halt, eine große Brille mit feinem Gestell.
Seine spitzen langen Finger berührten die Bücher, aus denen er vortrug, nur sacht. Vielleicht aus Angst, den Büchern wehzutun. Literatur ist eben zerbrechlich, sagte er einmal. Und auch seine Stimme tat den Büchern nicht weh. Weder dem Goethe, noch dem Hauptmann, nicht Brecht und erst recht nicht dem Rilke. Aber am liebsten ist die Stimme Heine gefolgt. Zeile für Zeile. Diese Stimme schwebte durch den Klassenraum. Und doch schlug sie unablässig gegen die Wandzeitung oder den Generalsekretär. Aber nur weil sie den Raum nach vorn und hinten begrenzten. Die Wandzeitung war rot. Oder besser das Tuch, auf dem Fotos und Zeitungsartikel klebten. Manchmal war auch die Weltkarte rot. Jedenfalls große Teile davon, die den Vormarsch des Sozialismus anzeigten. Schließlich, so wusste jeder der Schüler, befand man sich in der Epoche des weltweiten Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. Und dann sollte auch der Kommunismus nicht weit sein.
Die Überschrift der Wandzeitung war fast immer schwarz, manchmal auch golden. So zum 7. Oktober, dem Tag der Republik, zum Tag der Oktoberrevolution oder dem Tag der NVA. Der Generalsekretär war grau. Das lag an dem Schwarz-Weiß-Bild. Er hatte ein ernstes Gesicht, obwohl der graue Spitzbart ihn freundlich machte. Aber das sagte keiner.
Nicht einmal Friedensthaler, obwohl er doch Lehrer war.
Freidensthalers Stimme lag sanft und warm im Raum. Es schien, als könne sie nie im Irdischen landen. Sie stand über den Köpfen der Schüler. Es lag etwas Fremdes und gleichsam Erhabenes in dieser Stimme, das sie so anziehend machte. Es war eine aus Büchern geliehene Sprache, in einem Tonfall, der jeden Gegenstand und jeden Vorgang schmückte. Es war eine vertonte Sprache, angereichert mit klangvollen Füllwörtern.
Nun Kinder, ich gestatte mir schon jetzt auf den Zustand höchster Entzückung zu verweisen … oder ich hoffe sehr, dass ihr zu schätzen wisst, aus welch misslicher Lage … Ausgerechnet diese Friedensthaler-Sprache, für die man manchmal eine Übersetzung brauchte, war umzingelt von einer kurzatmigen holprigen Sprache der Uckermark, in der die Leute grundsätzlich die Wortenden verschluckten.
Hans Hülsmann hatte das Gefühl, dass in dieser geheimnisvollen und fremden Welt Friedensthalers die großen Antworten auf alle ungeklärten Fragen des Universums schlummerten. Und Fragen gab es genug.
Ohnehin war das Leben Friedensthalers eine große Frage und damit geheimnisvoll. Schon weil er des Nachts unendlich lange Seiten mit Tausenden Anschlägen füllte und Hans nicht schlafen ließ. Manchmal war es auch ein Auto, eigentlich dessen zuschlagende Türen, die den Jungen weckten. Das Auto hielt vor dem Haus. Dann stiegen zwei Männer aus. Die schauten sich erst einmal um, als verfolgte sie jemand. Aber da war niemand, überhaupt niemand.
Irgendwann verließen sie wieder das Haus. Dabei blickten sie sich erneut um, bestiegen den Wagen und hinterließen auf der menschenleeren Straße nur das Bellen einiger herumstreunender Hunde.
Nach wenigen Minuten der Stille setzte das hektische Dahineilen Tausender metallener Füßchen wieder ein. Friedensthaler schrieb. Vielleicht, so dachte er jetzt, hatte Friedensthaler ihn damals mit dem Schreiben angesteckt. Vielleicht ist es doch wie eine Krankheit, immer etwas mitteilen zu wollen, weil all das, was man denkt, sich nicht im Kopf verschließen lässt. Aber kann man es in Sätzen festhalten?
Hans Hülsmann kann nicht schlafen. Quietschend geht erneut eine Tür. Er lauscht. Vielleicht schlafen Hexen doch nicht, denkt er, erhebt sich und geht erneut zum Fenster. Doch die Straße liegt noch immer ruhig und verlassen. Nur manchmal huscht ein Lichtschein von der Stargarder Straße her durch den kleinen Park, der die Gethsemanekirche umfasst.
11
Röslein, Röslein, Röslein rot … So könnte er es singen. Aber er singt nicht, nein er brummt nur die Melodie. Getschmar hat die Ellenbogen weit aus dem Fenster geschoben und blinzelt mit der Sonne. Aber dann fällt sein Blick wieder hinunter in den Hof zu dem kleinen Blumenbeet. Ein Handtuch besser, aber immerhin, auch wenn es sich an die unverputzte Mauer drückt. Dort jedenfalls trägt der einzige Rosenstock das lang ersehnte dunkelrote Röslein. Ein breites Lächeln tritt in Getschmars Gesicht. Mit tiefen Atemzügen hebt er stolz die Brust.
Da die Musik endet, eilt Getschmar zurück ins Wohnzimmer und erscheint erst wieder im Fenster, als auch die Musik ertönt. Diesmal noch etwas lauter. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden …, so schallt es in den morgendlichen Hinterhof, dem die Sonne auch heute keine Beachtung schenkt. Nur oben bei Getschmar und seinem Nachbarn, dem jungen Reinhard Voss, wird sie kurz verweilen, um dann den Seitenflügel sogar bis in den zweiten Stock zu streifen. Mehr ist nicht drin, nicht mal jetzt. Dem Hinterhaus bleibt nur eine unerfüllbare Hoffnung.
Das Quietschen der großen Hoftür übertönt die Musik.
Verdammt!, flucht Getschmar und beugt sich über die Brüstung, um den Störenfried auszumachen. Doch der Störenfried ist eine Frau. Mit leichtem, fast federndem Schritt kommt Frau Frenzel aus dem Vorderhaus. In ihrer Hand schaukelt ein Mülleimer. Ihr erster Blick gilt dem Beet und der Rose. Verwundert bleibt sie stehen.
Schön was?, ruft Getschmar aus dem vierten Stock in den Hof.
Wunderschön, ruft Frau Frenzel zurück.
Das macht die gute Pflege, Frau Nusselbeck, erwidert Getschmar, obgleich er eigentlich wissen sollte, dass Frau Nusselbeck am Tag der Polonaise Frau Frenzel geworden ist. Aber egal: Das ist mit den Blumen wie mit den Menschen, legt Getschmar vielsagend nach. Man muss sie nur richtig anpacken.
Das kann ich mir denken, antwortet die Frenzel fast nebenbei. Nur nicht auf die Anspielung eingehen. An den rostigen Mülltonnen leert sie ihren Eimer und lässt, zufällig, versteht sich, den Blechdeckel laut auf die Tonne fallen. Doch Getschmar lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.
Ich könnte Ihnen ja mal eine Rose schenken, Frau Nusselbeck, ruft er hinunter und lächelt freundlich.
Das würden Sie tun? Frau Frenzel ist erstaunt.
Warum denn nicht, gibt sich Getschmar großzügig. So ein Röslein, nur für Sie!
Die Frenzel schaut sich nervös um. Glücklicherweise sind an diesem Sonntag noch alle Fenster im Hinterhof geschlossen. Wie charmant, Herr Getschmar, aber …
Nichts aber, unterbricht Getschmar. Vielleicht kommen Sie mich mal besuchen. So am Abend und dann … Da wollen Sie mir die Rose schenken?
Naja, Sie wissen schon, man kann sich eben auch durch Blumen ein Stückchen näherkommen. Sicherheitshalber mustert er die Fenster im Hinterhof, aber alle bleiben zu.
Wein gibt es bestimmt auch!, ergänzt Frau Frenzel und lächelt vielsagend.
Jaja, bestimmt, stottert Getschmar, muss schließlich würdevoll sein, so eine Übergabe.
Das kann ich mir vorstellen, sagt sie und schnalzt laut mit der Zunge. Wie bei der Polonaise zur Hochzeit, was Herr Getschmar?
Getschmar wischt sich mit einem großen Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Doch antworten muss er nicht.
Zum Glück, denn direkt unter ihm öffnet jetzt Frenzel das Fenster. Sein Kopf erscheint auf der Brüstung. Wo bleibst du so lange, Ingrid?, ruft Frenzel böse. Wir wollen doch los in Garten!
Ja, komme doch schon, erwidert die Frau und verlässt eilig den Hof. Vorher aber winkt sie noch einmal nach oben und dies so missverständlich, dass jeder der beiden Herren behaupten könnte, nur ihm gelte der Gruß.
Getschmar jedenfalls streckt die Arme, wie nach getaner Arbeit in den hellblauen Himmel. Röslein, Röslein, Röslein rot …, singt er mit krächzender, sich jetzt überschlagender Stimme.
12
Stolten. So ist sein Name. Und auch ihrer. Aber Frau Stolten sieht man nicht. Niemals. Sie liegt im Bett und das seit über 40 Jahren.
Eine Bombe, so sagt Getschmar, hat im letzten Kriegsjahr das Hinterhaus und damit die Wohnung der Stoltens getroffen. Volltreffer sozusagen. Die Decke ist bis heute nur notdürftig repariert.
Stolten selbst war an der Front, aber die schwangere Frau hat es schwer getroffen, immerhin sie überlebte. Auch wenn sie keine Beine mehr hat. Nur das Ungeborene war sofort tot.
Besser wäre, die wär gleich krepiert, sagt Getschmar, denn seitdem ist sie an das Bett gefesselt. Dasselbe Bett, indem das erste gemeinsame Kind zur Welt kommen sollte.
Gesehen hat Frau Stolten niemand. Jedenfalls nicht die letzten Jahrzehnte. Nicht mal Getschmar, der seit 1966 das Hausbuch führt. Da war die Stolten schon über zwanzig Jahre behindert. Und der Alte lässt niemand in die Wohnung. Nicht mal die staatlichen Wahlhelfer, die mit der Urne im Wohngebiet unterwegs sind und die säumigen Wähler an ihre staatsbürgerlichen Pflichten erinnern. Was schon ein Unding ist, wie Getschmar feststellt, die Genossen draußen vor der Tür stehen zu lassen. Und das bei so viel Verantwortung. Tun doch nur ihre Pflicht, mehr nicht!
Den Arzt aber, den lässt Stolten gewähren, nur der kommt selten. Gegen die zwei Beinstumpen kann auch er nichts tun.
Gut, sagt Getschmar, zu lachen hat der Stolten nicht viel. Manchmal trifft es einen auch hart.
Und doch, der lange drahtige Mann mit dem weißen gescheitelten Haar lächelt immer freundlich. Jedenfalls wenn man ihn im Treppenhaus begegnet oder im Hof oder beim sonntäglichen Gang zur Kirche. Stolten ist nämlich gottesfürchtig.
Das sind die Schlimmsten, sagt Frenzel, die Alte ist fast draufgegangen, so wie das Kind und dann rennt der immer noch in die Kirche. Und das jeden Sonntag. Das soll mal einer verstehn!
Graustock versteht das. Aber eine Erklärung will er für den Frenzel nicht finden. Schon gar nicht, wo doch jetzt der Getschmar zu ihnen getreten ist. Und das im Hof vor den Mülltonnen, wo noch manch einer zuhört. Und dem Getschmar darf man erst recht nicht mit Kirche kommen. Oder einem anderen Hokuspokus. Nein, danke.
Also dann doch besser über den langen Stolten reden, der sich so exakt durchs Haus bewegt. Die Arme immer dicht an der Hose und den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt.
Einmal Soldat, immer Soldat, sagt Getschmar. Kein Wunder nach fünf Jahren Krieg und vier Jahren Kriegsgefangenschaft.
Stolten sieht trotz der Geschichte jünger aus, als er wirklich ist. Eine gute Partie für manche Witwe. So weiß es Getschmar, aber der Kerl bleibt bei seiner Frau und das bis ins hohe Alter. Da ist dem auch nicht mehr zu helfen.
Kein Leben ist das nicht, sagt auch Frenzel und legt nach: Ich würd das sicherlich nicht tun. Wäre doch nicht bescheuert. Aber da ist die jungvermählte Frau nicht dabei. So kann er die große Lippe riskieren, wie der Getschmar sagt. Ist doch sonst auch nicht leichtsinnig, der Frenzel, schon gar nicht im ersten Ehejahr.
Leichtsinnig ist auch nicht der Stolten und doch gibt es auch Gerüchte um ihn. Wie auch sonst, wenn ein junger Mann aus dem Krieg kommt, hungrig nach Leben und sich freiwillig einschließen lässt im Hinterhof, zweiter Stock links.
Lebendig einschließen, wiederholt Getschmar. Und das neben einer, die lebendig begraben ist!
Graustock will weiter. Ja, das Leben, seufzt er bedeutungsschwer und will die Geschichte von den Kloses aus seinem Heimatdorf erzählen. Er, der sein Bein in Russland ließ, sie, die Martha, die, gepeinigt von den Besatzern, vier Jahre im sibirischen Arbeitslager verbrachte. Und doch haben sie zusammengehalten, bis heute. Aber nein, das würde auch der Getschmar nicht verstehn. Weder die Liebe noch das Arbeitslager.
Lügenmärchen! Arbeitslager für Frauen und Kinder, von wegen!
Warum also sollte er, Graustock, noch die Geschichte der Martha Klose erzählen, die dort die erst fünfzehnjährige Schwester verlor und sie eigenhändig in der tief gefrorenen russischen Erde verscharrte. Warum, wo es keiner hören will. Und wen interessiert das schon. Ein Leben, das in Sibirien verscharrt wurde. Und von dem nur eine Wollmütze geblieben ist. Und die bricht der Martha Klose noch heute das Herz. Aber das ist ja eine andere Geschichte. Das Leben geht weiter.
Ja, es geht weiter, aber wie?
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt Getschmar in die Ruhe hinein und spielt wieder auf den Stolten an. Muss ja jeder selbst wissen.
Frenzel nickt.
Ja, das müssen die Menschen, denkt Graustock. Trotzdem machen sie weiter, immer weiter.
13
Nun also ist es raus.
Fast eine Woche hat Hülsmann gebraucht. Eine Woche, in der er die Nachricht bei sich trug. Nicht in seinem Buch unter der Weste, nein, im Kopf. Dort wo seit Tagen alles durcheinandergeht.
Auflage! Und was für eine! Berlin nicht verlassen dürfen!
Das hat uns noch gefehlt. So sagt es Ottmar Graustock und macht ein besorgtes Gesicht.
Auch Katharina, Hülsmanns Schneewittchen, die am Morgen nach ihm schauen wollte, weiß nicht weiter. Sie hat sich auf dem braunen Ledersessel in der Ecke von Hülsmanns Zimmer niedergelassen. Gleich gegenüber vom Klavier.
Das habt ihr jetzt davon, sagt sie. Die Lesung in der Lychener hättest du dir sparen sollen. Und ausgerechnet Ralf Stöcker und seine Karla in den Mittelpunkt zu stellen. Als wenn es nicht schon schlimm genug ist, dass sie im Gefängnis waren und nur er freigekauft wurde. Und nun sind sie auch noch getrennt durch die Mauer.
Das ist es ja eben.
Was eben? Du hast doch gesehen, wie die Diskussion dann lief.
Aber die Texte waren gut, verteidigt Ottmar seinen Freund, den er erst seit seinem Einzug in die Gethsemanestraße kennt. Ich hätte es nicht besser sagen können. Studiere eben nur Theologie.
Aber Hans hat den Kopf hingehalten. Szenische Lesung, wenn ich das schon höre. Geschichten aus der Provinz! Ihr habt euch keinen Gefallen damit getan, nein, ich bin sicher, dass sich Hans selbst ans Messer geliefert hat.
Wegen der Kunst?
Vielleicht wegen der Kunst!
Wegen der Wahrheit?
Ja, wegen der Wahrheit!
Hülsmann nimmt auf einem Stuhl Platz. Wenn es das ist, dann weiß ich auch nicht. Resigniert starrt er auf die Holzdielen. Erst nach einer Weile fährt er fort: Da wird jemand nach fast zwei Jahren Gefängnis in den Westen verkauft, was schon schlimm genug ist, und muss Frau und Kind in der DDR zurücklassen. Und das nur, weil der Vater der Frau ein hohes Tier ist. Dabei sind sie einst gemeinsam ins Gefängnis gekommen. „Verleumdung staatlicher Organe“, wie sich das schon anhört! Während also er im Westen ist, wurde sie auf Zutun ihres Vaters in den Osten entlassen. Aber noch viel schlimmer, nun darf der verkaufte Sklave nicht wieder zurück, nicht einmal besuchsweise einreisen, um sein Kind zu sehen! Selbst seine Post kommt nicht an und die ihre auch nicht. So ist er, der bereits einmal gesessen hat, nun zu lebenslanger Sippenhaft verurteilt. Ohne Gefängnis und das als freier Mann im Westen. Einfach so!
Beruhige dich, versucht Katharina Hülsmanns Erregung zu dämpfen. Dass sie so hohe Wellen schlägt, liegt an der Geschichte. Die ist so dramatisch, dass Hülsmann gar nicht umhin konnte, sie aufzuschreiben. Nur dass er sie auch noch vorlas, macht die Sache nicht besser. Nicht auszudenken, wenn sie in falsche Hände kommt. Für den Westen ein Fressen! Und Hülsmann kann von Glück reden, dass er nur eine Auflage hat. Andere gehen dafür ins Gefängnis. Paragraf 219, das ist doch eindeutig. Schließlich sind es Schriften, die dem Ansehen der DDR schaden. So heißt es genau. Und das macht schon ein paar Jahre. Es gibt eben Dinge, von denen auch Hülsmann wissen sollte, sie besser für sich zu behalten. Ist doch alt genug, der Junge.
Aber egal, die Geschichte ist jetzt in der Welt. Schließlich ist das junge Paar, das am Weinbergsweg wohnt, eng mit Hülsmann befreundet. Oder besser dort wohnte, denn Ralf Stöcker lebt jetzt in West-Berlin, wie es offiziell heißt, während seine Verlobte Karla mit dem bald dreijährigen Mädchen noch immer am Weinbergsweg zu Hause ist. Gesessen haben sie beide. Nur dass Karla bereits nach sechsmonatiger Haftzeit freikommt. Zum Glück für das Kind, das solange im Heim war. Ralf sitzt fünfzehn Monate länger, erst in Cottbus und dann in Karl-Marx-Stadt. Und er wird in den Westen entlassen, freigekauft.
Was bleibt, ist nun ein ost-westliches Telefongespräch irgendwann in der Nacht. Aber nur wenn Karla eine freie Zelle findet. Eine, die auch intakt ist. Und natürlich muss man durchkommen. Schon das ist mehr als fraglich. Von stundenlangen Wählversuchen, bei denen die Finger an der Drehscheibe wund werden, kann auch Karla berichten. Und sie weiß, was es heißt, wenn sie endlich im Wedding ankommt und ausgerechnet dann ein westliches Besetztzeichen erklingt. Das aber heißt, alles wieder auf Anfang. Und hoffen, dass sich das Murren derjenigen, die vor der Telefonzelle Schlange stehen in Grenzen hält. Oder dass man sie noch einmal gewähren lässt. Nur noch drei Versuche, bitte!
Nein, Fräulein, sehen doch, was hier los ist. Was bilden Sie sich ein. Alle wollen mal telefonieren!
Karla durchleidet diese Telefontortur. Manchmal mit einem schreienden Kleinkind auf dem Arm. Sie weiß, was es heißt, in einer Stadt zu telefonieren, die nur wenige Leitungen freigibt.
Hülsmann versucht der jungen Frau zu helfen, immer und immer wieder. Aber auch er kann keine Genehmigungen erzwingen. Nur bei ihr sein, so oft es geht. Aber ist das wirklich ein Trost?
Karla scheut ihrerseits keine Mühen. Auch wenn ihre Ausreiseerlaubnis in den Sternen steht. Karlas Vater, ein echter Diplomat und zurzeit im sozialistischen Ausland im Einsatz, hat bisher alles erfolgreich verhindern können. Will schließlich nicht seine Karriere gefährden. Das muss doch auch die Tochter einsehen. Denn mit ihrer Inhaftierung hat sie es dem Vater schon schwer genug gemacht. Aber nein, diese Jugend immer! Nun wird sie sehen müssen, wer den längeren Atem hat. Den längeren Arm jedenfalls hat schon mal der Vater. Auch wenn er unsichtbar ist.
Karla, die ihren Namen nach dem Wunsch des Vaters dem Autor des Kommunistischen Manifests Karl Marx verdankt, hätte es wissen müssen. Schon einmal hatte die stille Kulturwissenschaftlerin Ärger gehabt. Und das, weil sie sich weigerte, die Kontakte zu ihrem Lebensgefährten abzubrechen. Nicht umsonst wurde sie vom Kulturinstitut verwiesen. Hintergrund war, dass Ralf, ein bekannter Rockmusiker, mit allzu kritischen Texten das Einstufungskomitee für Unterhaltungsmusik düpierte und sogar das nachfolgende Auftrittsverbot ignorierte. Erfolgreich war er damit freilich nur einmal, dann bekam er erheblichen Ärger mit der Abteilung Kultur beim Rat des Bezirkes.
Karla wurde aus dem Institut entlassen. Vergeblich versuchte sie, sich „in der sozialistischen Produktion zu bewähren“. Doch es hagelte für die überqualifizierte Frau Ablehnungen. Vielleicht war sie den Kaderleitungen trotz des prominenten Vaters nicht ganz geheuer.
Die existenziellen Nöte wurden größer. Auch Ralf verdiente nur noch sporadisch Geld. Mal bei einem Konzert in der Kirche oder privat. Mehr war nicht drin.
Ja, Herr Stöcker, das hätten Sie sich vorher überlegen sollen. Unsere Kulturpolitik ist doch eindeutig. So die Behörde nach der dritten Eingabe.
Nach einem Jahr vergeblicher Mühen stellten beide einen Ausreiseantrag. Da war Karla hochschwanger.
Das war der Anfang vom Ende. Auch für Karlas Vater, den Diplomaten. Hatte doch schon genug Ärger im Ausland! Der Klassenfeind schläft nämlich nicht.
Das ist Klassenkampf pur, vorn an der Front! Und unsereins kriegt doch die Angriffe des Gegners täglich mit, tobte er und wollte sich nicht mehr beruhigen. Aber nein, die eigene Tochter fällt ihm ausgerechnet an der Heimatfront in den Rücken. Nein, mit so einem Kind hab ich nichts zu tun!, schrie er. Nichts, gar nichts. Da können mir auch alle Enkel gestohlen bleiben!
Ein Jahr später, Karla hatte zehn Monate vorher die gemeinsame Tochter Charlotte entbunden, kamen sie. Irgendwann in der Frühe. Die Geschichte kennen wir. „Verleumdung staatlicher Organe“ und so weiter.
Und deshalb lässt sich Hülsmann nicht beruhigen. Schon der Gedanke macht ihn ganz verrückt. Kein Wunder, geht doch die Geschichte weiter. Denn voller Verzweiflung fährt Ralf Stöcker jetzt täglich mit der U-Bahn durch Ostberlin. Immer von Wedding nach Kreuzberg und zurück, und immer am Weinbergsweg vorbei, nur dass die U-Bahn am Rosenthaler Platz nicht mehr hält. Von dort wären es drei Minuten zu Frau und Kind, mehr nicht.
Abgesehen vom Umstand, dass Stöcker sowieso nicht einreisen kann, sind die Zugänge seit dem Mauerbau versperrt, die Bahnhöfe Geisterstätten. Und das mitten in Berlin, Hauptstadt der DDR. Bewacht sind sie trotzdem, damit kein Fahrgast abspringen kann.
Lächerlich, wie alle in der Runde finden. Doch Stöcker ist nicht zum Lachen, hört er doch die Stimmen seiner Frau und seines Kindes tief unten in der U-Bahn, wenn der Zug am Weinbergsweg vorbeirollt. Es sind nur einige Meter bis zu ihnen, aber dennoch ist es weit genug, um daran zu zerbrechen.
Wie lange also kann man das aushalten?
Wie lange?
Das ist mehr als Theater! Das ist das Leben, das wahre Leben! Jetzt vergräbt Hülsmann das Gesicht in seinen Händen. Eine kurze Pause nur, dann aber fährt er fort: Und warum soll es kein Stoff fürs Theater sein? Das ist großer Stoff, was denn sonst!
Ja, großer Stoff, pflichtet Graustock bei und kann sich an die Lesung erinnern. Das gesammelte Geld sollte Karla zugutekommen, die nichts unversucht lässt, noch ausreisen zu können. Doch die Zeit spricht gegen sie.
Großer Stoff, wiederholt auch Katharina, aber eben nicht nur fürs Theater.
Sondern?
Für die Stasi.
Aber wer sagt denn, dass es die Dialoge aus dem Stück waren?
Keiner.
Also bitte.
Katharina ist aufgestanden. Man kann den Staat nicht auf diese Art provozieren, am Ende wird er sich immer wehren. Und eins und eins zusammenzählen könnt ihr auch.
Auf welcher Seite stehst du denn?, fährt sie Hülsmann an.
Was soll das heißen?
Ach nichts. Hülsmann winkt ab. Dann geht er in seinem Zimmer auf und ab.
So wird es nicht besser, mischt sich Graustock ein. Wir sollten überlegen, was zu tun ist.
Da ist nichts zu tun. Wer weiß, vielleicht stehe ich auch schon unter Beobachtung. Auch das ist Theater, nicht ganz so groß vielleicht. Mit karger Besetzung, ein Zweimannstück. Nur dass es nicht in der Volksbühne gespielt wird, sondern in der Gethsemanestraße oder in der Pappelallee.
Katharina und Graustock schauen sich fragend an.
Ein Auto, sagt Hülsmann. Direkt vor dem Haus. Und zwei Männer, die Tag und Nacht in dem Lada sitzen.
Ein deutliches Zeichen!
Die Stasi?, fragt Katharina und wird ganz rot dabei. Sieht jetzt erst recht aus wie Schneewittchen, dabei hat sie Hülsmann noch gar nicht im Arm.
Womöglich, sagt Graustock. Es kann ja wegen Karla sein und ihrem Vater. Deine Besuche bei ihr machen dich verdächtig.
Ich weiß. Aber vielleicht ist es auch wegen unserer Zusammenkünfte im Wiener Café, ich sag nur Kierow und Victor.
Sehr gut möglich. Graustock reibt sich die Brillengläser.
Die können auch wegen Reinhard da sein, beruhigt Hülsmann. Doch das sagt er nur, weil er sieht, wie Katharina zu zittern beginnt.
Wer ist Reinhard, will sie wissen.
Reinhard Voss, ein alter Freund, wohnt oben unterm Dach. Und er hat einen Ausreiseantrag. Aber den haben ja bekanntermaßen viele. Ist ja auch nichts Besonderes. Schon gar nicht im Kiez.
Prenzlauer Berg, sag ich nur!
Schneewittchen schüttelt den Kopf. Wie soll das mal enden?
Hülsmann hebt die Schultern. Also doch Theater!
Es hilft jetzt alles nichts, wir müssen uns vorsehen, sagt Graustock.
Vorsehen, vor wem?
Ja, sagt Graustock und schaut sich Hilfe suchend um. Das ist es ja eben.
Бесплатный фрагмент закончился.
