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© 2020 Wörterseh, Lachen

Lektorat und Korrektorat: Andrea Leuthold

Umschlaggestaltung: © Thomas Jarzina, unter Verwendung zweier Motive von www.shutterstock.com (Auto: »jakkapan«, Figuren: »ProStockStudio«) Layout, Satz und herstellerische Betreuung: Beate Simson Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

Print ISBN 978-3-03763-122-5

E-Book ISBN 978-3-03763-805-7

www.woerterseh.ch

Für Vanessa und Anna

Inhalt


Über das BuchÜber den Autor
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Über das Buch

Für vier Seniorinnen und Senioren des in die Jahre gekommenen Altersheims Abendrot im Zürcher Oberland ist klar: Sie wollen ihrer todkranken Freundin Maria den letzten Wunsch erfüllen – nochmals weisse Weihnachten in den Bergen. Mit von der Partie sind Hans, ehemaliger Primarlehrer und erfolgloser Autor, Inge, Grande Dame mit mysteriöser Herkunft, Frida, zupackende Reinigungsunternehmerin im Ruhestand, und Luky, alternder Playboy mit Narkolepsie. Aber leider fehlt der »Sonnenuntergäng«, wie sie sich selber nennen, für diese Mission das nötige Kleingeld. Der Überfall auf eine Bijouterie, der das Abenteuer finanzieren soll, schlägt fehl, und anstatt mit vollen Taschen Richtung weisse Berge befinden sich die Alten nun plötzlich auf der Flucht. Sie schlagen der Polizei ein Schnippchen, zeigen einem Drogendealer, wo der Bartli den Most holt, und feiern im Hotel Montreux Palace eine legendäre Party. Die alten Freunde erleben unterwegs ihren zweiten Frühling, und selbst Maria blüht nochmals auf, obwohl es ihr gesundheitlich immer schlechter geht und weisse Weihnachten in den Bergen immer unwahrscheinlicher wird. Doch noch mehr zu schaffen macht Maria, dass ihr wohl keine Zeit mehr bleibt, sich mit ihrer Enkelin zu versöhnen. Aber die »Sonnenuntergäng« gibt auch dann noch nicht auf, als eine riskante Entführung aus dem Spital direkt unter den Christbaum nötig wird, um ihre Mission erfolgreich zu beenden.

»Soll uns noch mal jemand einreden, das Alter könne nicht abenteuerlich sein! Man möchte mit im rumpeligen Bus sitzen und mit den fröhlichen Alten auf Reise gehen! Eine herzerwärmende, berührende Geschichte, die man sich auch sofort auf grosser Leinwand wünschen würde.«

Heidi Maria Glössner, Schauspielerin

»Eine wundervolle und berührende Weihnachtsgeschichte, die ich geradezu verschlungen habe. Beim Lesen hatte ich allerdings auch immer etwas Wehmut, weil ich wusste, dass es irgendwann zu Ende geht und die ›Sonnenuntergäng‹, die ich mit ihren liebenswürdigen Menschen so gern bekommen habe, ohne mich weiterziehen wird. Aber ich freue mich jetzt schon auf nächste Weihnachten, wenn ich das Buch erneut lesen werde.«

Stefan Gubser, Schauspieler


Über den Autor

© Anna Tina Eberhard

Andreas Benz, geb. 1961, war über zwanzig Jahre als erfolgreicher Manager in der Finanzwelt tätig, bevor er sich 2010 entschied, nochmals ganz neu zu beginnen und seine Passion, das Filmemachen, zu leben. Er besuchte die New York Film Academy, bevor er in Los Angeles das Drehbuchschreiben lernte. Einige seiner danach entstandenen Kurzfilme wurden an bekannten Filmfestivals gezeigt. Heute ist er an verschiedenen Projekten der Constantin Film beteiligt, für die er unter anderem auch das Drehbuch »Mission: Weisse Weihnachten« schrieb. Doch gerade als Schauspieler wie Heidi Maria Glössner und Stefan Gubser zugesagt hatten, bei einer Verfilmung mitzumachen, und es um die Finanzierung ging, kam Corona, und so schrieb der Zürcher während des Lockdown sein Script zu seinem ersten Roman um. Andreas Benz arbeitet als Coach und Consultant sowie im Corporate Storytelling. Er lebt mit seiner Familie in Benken SG.

Mission: Weisse Weihnachten


1

»Noch eine Kurve und dann sieht man ihn schon, den Vorhof zur Hölle«, dachte Luky Landolt. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass er schon kurz nach seinem siebzigsten Geburtstag in einem Alters- und Pflegeheim leben müsste.

Er hatte doch ganz andere Pläne. Er wollte mit seinem alten Austin Healey, den er über Jahre selber restauriert hatte, auf der Route Napoléon von Grenoble nach Cannes fahren und dort mit einem Freund ein Segelboot chartern. Doch dann schlug ohne Vorwarnung diese verdammte Krankheit zu. So heimtückisch, dass sie ihm einen dicken Strich durch all seine Pläne machte. Er war von einem Tag auf den anderen nicht mehr fähig, allein zu wohnen, war plötzlich eine Gefahr für andere und vor allem für sich selbst. Diese gesundheitliche Fragilität stand ganz im Gegensatz zu seiner immer noch attraktiven Erscheinung. Obwohl er einige graue Haare hatte, war sein Haarschopf noch dicht, und der Fünftagebart gab ihm etwas Abenteuerliches. Seine dunklen Augen funkelten noch immer, obschon sie mittlerweile von einigen Falten umgeben waren – die aber definitiv von viel Sonne und häufigem Lachen und weniger von Sorgen stammten.

Luky lehnte seinen Kopf gegen die Seitenscheibe des Busses, beobachtete, wie sie sich bei jedem Ausatmen kurz beschlug. Dann wieder schaute er entlang der nassen Landstrasse, die links und rechts von braunen Wiesen gesäumt war. Blätterlose Obstbäume trotzten dem kalten Wind. Obwohl es erst Nachmittag war, wurde es schon langsam dunkel. Es war einer dieser trüben Dezembertage, an denen es nie so richtig hell wird.

Auch dass es ihn jemals wieder ins Zürcher Oberland zurück verschlagen würde, hätte er vor kurzem noch für absolut unmöglich gehalten. Er wuchs zwar nur wenige Kilometer von hier auf und erinnerte sich gut daran, dass es früher zu dieser Jahreszeit auf den sanften Hügeln so viel Schnee gab, dass er mit dem Schlitten zur Schule fahren konnte. Auch kleine Skilifte gab es in fast jeder Gemeinde. Aber heute, mit der Klimaerwärmung, oder was auch immer das war, musste man ja schon froh sein, wenn es an Weihnachten mal wieder ein paar Schneeflocken gab.

Schon früh zog es den jungen Lukas, der später zu Luky wurde, nach Zürich. In der Stadt merkte er schnell, dass er mit seinem guten Aussehen, den flotten Sprüchen und seinem angeborenen Charme vor allem bei den Zürcherinnen sehr gut ankam. Auch lernte er, dass man in der Limmatstadt nicht unbedingt jeden Tag zehn Stunden in einem grauen Anzug in einem ebenso grauen Büro sitzen musste, um über die Runden zu kommen. Nein, da gab es viele einsame Banker- und Anwaltsgattinnen, die sich seine Gesellschaft, ob auf dem Golfplatz, als Tennislehrer oder auch mal nur als charmante Begleitung für ein Champagner-Cüpli am Limmatquai, einiges kosten liessen. Trotzdem hatte er nie viel Geld – »Easy coming, easy going«, das war seine Devise.

Gedanken über das Alter machte er sich nie, wahrscheinlich weil er sich nie alt fühlte und eine Altersvorsorge aus seiner Sicht eh nur etwas für Spiesser war. Er konnte nie etwas mit Typen anfangen, die schon mit fünfzig immer von der Rente redeten und davon, dass dann erst das Leben beginnen würde, bla, bla, bla. Er lebte jetzt, und das richtig.

Doch dann, vor knapp zwei Jahren, fuhr er mit seinem Oldtimer in einer leichten Linkskurve einfach geradeaus und schrottete unzählige Arbeitsstunden und viel Geld an einer alten Eiche. Er kam glücklicherweise mit dem Schrecken und ein paar blauen Flecken davon. Im Polizeirapport war unter Unfallursache zu lesen: Sekundenschlaf. Luky wusste nicht, ob das stimmte, er konnte sich schlicht an nichts mehr erinnern. Doch dieses plötzliche Einschlafen sollte nicht das einzige Mal bleiben. Immer öfter geschah es, dass er plötzlich einfach weg war. Das war der Anfang einer Odyssee, die ihn von Arzt zu Arzt und von Spezialist zu Spezialist führte, ohne dass sich wirklich etwas besserte.

Der Bus der Verkehrsbetriebe Zürichsee und Oberland verlangsamte seine Fahrt und bog blinkend in die Haltestelle. »Alters- und Pflegeheim Abendrot«, kündigte die monotone Buslautsprecherstimme die Haltestelle an. Zischend öffneten sich die Türen. Doch niemand stieg ein oder aus. Der Busfahrer schaute ungeduldig in den Rückspiegel, mit dem er den Fahrgastraum überblicken konnte, dann nahm er das Mikrofon aus der Halterung und drehte die Lautstärke voll auf. Mit lauter Stimme wiederholte er: »Alters- und Pflegeheim Abendrot.« Luky schrak hoch, er musste auf den letzten Metern doch noch eingeschlafen sein. Er stand schnell auf, nahm seine grosse Apothekertüte – weiss mit grünem Kreuz –, die er während der Fahrt zwischen seinen Füssen festgeklemmt hatte, und stieg aus. Sofort kroch die nasse Kälte unter seinen Mantel. Er schlug den Kragen hoch, während er wartete, bis der Bus wieder losfuhr, in Richtung Rapperswil.

Luky überquerte die Strasse und ging zu der leicht ansteigenden Auffahrt hinüber, die zum Altersheim führte. »Was für ein Bild«, dachte er, »wie aus einem düsteren Hitchcock-Film. Es fehlen nur noch eine Leiche und ein paar verdammte Raben.«

Das Altersheim Abendrot hatte tatsächlich schon bessere Zeiten gesehen. Bis um die Jahrhundertwende war es die noble Fabrikantenvilla eines erfolgreichen Patrons der im Zürcher Oberland ansässigen Webindustrie gewesen. Doch diese Zeiten waren vorbei, und die Jahre hatten ihre Spuren an dem Haus hinterlassen. Nun war es in einem wirklich schlechten Zustand – genau wie die meisten seiner Bewohner: Wer im »Abendrot« wohnte, der träumte nicht von der nächsten Kreuzfahrt, sondern war auf staatliche Ergänzungsleistungen angewiesen, um einigermassen über die Runden zu kommen.

Langsam ging Luky die Auffahrt hoch. Es war ihm ein wenig schwindlig, wie immer, wenn er aus dem Schlaf gerissen worden war. Ein Auto bog von der Hauptstrasse in die Auffahrt, und Luky machte einen Schritt in die Wiese, damit es passieren konnte. Als der Wagen auf seiner Höhe war, stoppte er, und der Fahrer liess die Scheibe hinunter. Es war Doktor Steiner, der Arzt, der sich um die Bewohner des Altersheims kümmerte.

»Guten Abend, Herr Landolt. Wie geht es Ihnen?«

»Danke, ganz okay.«

»Hatten Sie in letzter Zeit wieder einen Anfall?«

Luky nickte und antwortete: »Grad vorhin im Bus, aber es ist alles wieder gut.«

»Wollen Sie mit hochfahren?«, fragte der Arzt besorgt.

»Nein, die paar Meter schaffe ich schon allein, bin ja jetzt wieder ausgeschlafen.«

»Schön, dass Sie den Humor nicht verlieren«, meinte der Arzt schmunzelnd und fuhr weiter die Auffahrt hoch.

Luky schaute dem Auto nach, das auf den kleinen Parkplatz einbog und neben dem alten Kleinbus des Heims parkte. Ausser Puste erreichte er den Parkplatz wenig später, und wie jedes Mal, wenn er von irgendwoher zurückkehrte, wartete da schon der alte Paul auf ihn. Warm eingepackt, sass er in seinem Rollstuhl, die alte rot-hellblau-weisse Mütze – ein Werbegeschenk einer Bank, die seit Jahrzehnten einen neuen Namen hatte – tief ins Gesicht gezogen, und kaute auf dem Mundstück einer längst gerauchten Villiger Kiel herum.

»Hey, Luky, wie gehts?«, fragte Paul in seinem breiten Ostschweizer Dialekt.

»Ging schon besser. Und dir?«

Paul antwortete mit einem seiner typischen Hustenanfälle und zeigte mit dem Kopf auf die Plastiktüte in Lukys Hand.

»Hast du mein Zeugs auch bekommen?«

Luky hob die volle Apothekertüte hoch.

»Ja, ich komme mir vor wie ein Drogenkurier.«

Er legte den Sack auf Pauls Beine, löste die Bremse des Rollstuhls und schob ihn in Richtung Altersheim. Paul drehte sich zu Luky um.

»Du, machen wir nochmals Sapporo?!«

Luky tat überrascht, obwohl er längst mit dieser Frage gerechnet hatte.

»Meinst du wirklich?«, fragte er.

Paul nickte voller Begeisterung.

»Ja, bitte!«

»Gut, dann mach dich auf etwas gefasst!« Luky setzte eine ernste Miene auf und umklammerte die Griffe des Rollstuhls fester. Er bewegte ihn vor und zurück, wie das die Bobfahrer mit ihren Schlitten tun, bevor sie sich in den Eiskanal stürzen. Seine Stimme klang jetzt wie die eines Sportreporters: »Am Start steht Schweiz eins, dem Bob fehlt nur noch ein guter Lauf zum sensationellen Olympiasieg!« Aufmerksam schaute er Paul an, der sich an den Armlehnen seines Rollstuhls festklammerte und sich leicht nach vorn beugte, und schrie: »Ready?!«

Paul nickte.

Luky beugte sich über den Rollstuhl.

»Und eins und zwei und go, go, go!«

Luky rannte los und schob den Rollstuhl, so schnell er konnte, über den Parkplatz in Richtung Altersheimeingang.

Paul lachte und rief aus vollem Hals: »Hopp Schwiiz! Hopp Schwiiz!« – dann ein kräftiger Huster und nochmals: »Hopp Schwiiz! Hopp Schwiiz!«

Luky war total darauf konzentriert, dass der Rollstuhl in der anspruchsvollen Zielkurve nicht samt Paul umkippte und trotzdem möglichst viel Tempo auf die Zielgerade mitnehmen konnte. Deshalb sah er nicht, wie Daniela Kunz, die Leiterin des Heims, just in dem Moment aus der Tür trat, als die beiden mit vollem Tempo der Ziellinie entgegenrasten. Nur mit einem beherzten Sprung konnte sie sich vor einer fatalen Kollision mit dem Rollstuhl retten. Ihr omnipräsentes Klemmbrett flog durch die Luft, und Daniela Kunz landete neben dem Eingang in einer Pfütze, direkt neben der alten verwitterten Tanne, an der eine schäbige Weihnachtsbeleuchtung flackerte. Vor Wut schnaubend, stand sie auf, wischte sich das Dreckwasser von der Hose und hob fluchend das Klemmbrett auf.

Luky keuchte und klopfte Paul wie wild auf die Schultern.

»Bestzeit! Das ist die Goldmedaille für den Schweizer Zweierbob! Sensationell!«

Paul riss seine Arme hoch, jubelte und strahlte übers ganze Gesicht.

Kunz schaute Luky vorwurfsvoll an und schüttelte ihren hochroten Kopf.

»Mich nimmt wunder, wann Sie mal erwachsen werden!«

Luky wischte sich den Schweiss von der Stirn.

»Hoffentlich nie«, sagte er und zwinkerte ihr zu.

Noch völlig ausser Atem, zog er zwei billige Zigarren aus seiner Manteltasche, steckte sich eine in den Mund und reichte die andere Paul.

»Die Siegerzigarre!«, lachte Paul in Richtung der Heimleiterin und kramte ein Plastikfeuerzeug aus seiner Manteltasche.

Kunz schaute Luky mit strafendem Blick an.

»Sie wissen doch, dass der Paul mit seinen Lungen nicht mehr rauchen darf.«

Paul hatte in der Zwischenzeit einen Flachmann aus einer der Seitentaschen seines Gefährts geholt, nahm einen grossen Schluck und reichte ihn an Luky weiter.

Jetzt war die Kunz vollends entsetzt.

»Das auch noch?!«, japste sie vorwurfsvoll und stemmte ihre Arme in die Hüfte.

Paul winkte ab, hustete und meinte: »Keine Bange, junges Fräulein, ich trinke nicht viel – muss ja noch fahren.«

Dabei bewegte er seinen Rollstuhl hin und her. Die beiden Männer lachten los, und Luky hielt der fassungslosen Kunz jovial den Flachmann entgegen.

»Sie sollten sich etwas entspannen, ich kenne da eine gute Massage …«

Wieder lachten die Männer.

Kunz hatte jetzt endgültig genug von dem kindischen Getue, liess die Männer wortlos stehen und ging auf einen alten Kleinbus zu, der auf dem Parkplatz stand.

2

Maria Gerber sass in ihrem alten, mit geblümtem Stoff bezogenen Ohrensessel und löste den neuen Jahreskalender der Pro Senectute, den sie jedes Jahr im Dezember bekam, aus dem Zellophanpapier. Die kleine, zierliche Frau versank fast in dem voluminösen Fauteuil. Er war immer ihr Lieblingssessel gewesen und eines der wenigen Möbelstücke, die sie ins Altersheim mitgenommen hatte. Zu gross und umständlich war die Wohnung geworden, in der sie fast fünfundvierzig Jahre mit ihrem Mann gelebt hatte. Und jetzt war sie auch schon fast zehn Jahre hier im »Abendrot«.

Sie blätterte die zwölf Landschaftsbilder des Kalenders durch, und plötzlich kam ihr ein Satz in den Sinn, den sie als Kind häufig von ihrer Grossmutter gehört hatte: »Je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit.« Ihre Grossmutter hatte das immer genau dann zu ihr gesagt, wenn sie entweder die Zeit vertrödelte oder wenn es ihr langweilig war und sie nicht wusste, wie sie die Zeit herumkriegen sollte. Sonntags, wenn sie lange ausschlief, fügte die Grossmutter noch den Zusatz an: »Das ist dem Herrgott den Tag gestohlen«, erinnerte sich Maria weiter und zupfte, versunken in vergangenen Zeiten, ein paar welke Blätter aus dem Blumenstrauss, der auf dem kleinen Tisch stand. Sie war sehr froh, dass sie immer noch so klar im Kopf war und sich noch an fast alles erinnern konnte. »Das Einzige, was einem im Alter bleibt, sind doch die Erinnerungen«, dachte sie etwas melancholisch.

Neben der Blumenvase lag eine Glückwunschkarte mit einer goldenen, in geschwungener Schrift geschriebenen Neunzig. Obwohl ihr der Krieg einen Teil ihrer Jugend geraubt hatte und sie ihren Traum, Architektur zu studieren, zum Wohl der Familie begraben musste, hatte sie doch ein schönes Leben gehabt. Jahrelang machte sie das Büro einer kleinen Baufirma, wo sie auch ihren Mann kennen lernte. Ein gelernter Maurer, der dort als Polier arbeitete. Es folgte die Heirat, und schon bald war sie schwanger. Leider war es eine sehr schwierige Schwangerschaft, und auch die Geburt verlief nicht ohne Komplikationen, was zur Folge hatte, dass das Neugeborene ihr einziges Kind blieb.

»Ja, ich kann, nein, muss doch zufrieden sein«, dachte sie. »Es war lange Zeit ein ganz normales Leben, bis an dem Tag, als …«

Ein Klopfen an der Zimmertür riss sie aus ihren Gedanken. Maria schaute kurz auf die alte Kuckucksuhr an der Wand, eine Erinnerung an ihre Hochzeitsreise in den Schwarzwald.

»Pünktlich wie immer«, dachte sie, zupfte ihre Strickjacke zurecht und rief: »Herein!«

Doktor Steiner betrat das Zimmer, und sofort fielen ihm die Blumen auf.

»Oh, da gratuliere ich aber herzlich«, sagte er und setzte sich auf einen Stuhl zu Maria an den Tisch.

»Haben Sie schön gefeiert?«

»Ja, danke, es war ganz nett.«

Es entstand eine unangenehme Pause.

Ohne Maria in die Augen zu schauen, zog der Arzt einen Umschlag aus seiner Tasche und sagte mit ernster Stimme: »Die Testresultate und der Laborbericht sind gekommen.«

Maria fiel der sachliche Ton des Mediziners auf, was sie als ungutes Zeichen deutete.

»Und?«, fragte sie.

Doktor Steiner presste seine Lippen zusammen und schüttelte nur den Kopf.

3

Die Eingangstür des Altersheims öffnete sich langsam. Hans Bolliger kam nicht zum ersten Mal zu spät ins Altersheim zurück. Er wusste genau, dass er die Tür ganz vorsichtig öffnen musste, wollte er das verräterische Knarren vermeiden. Trotz seiner vollen Konzentration konnte er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Genau so mussten sich damals seine Schüler gefühlt haben, wenn sie sich verspätet hatten und versuchten, unbemerkt ins Klassenzimmer zu schleichen. Nur war auch er längst kein Schüler mehr, sondern ein achtzigjähriger Mann. Sich wie ein Schuljunge mit schlechtem Gewissen zu fühlen, belustigte Hans zwar, doch ganz tief in ihm machte es ihn auch wütend und traurig. Wie konnte er sich wegen einer Hausordnung und eines Hausdrachens wie der Kunz so kleinmachen? Das konnte doch nicht wahr sein. Erniedrigend. Er, Hans Bolliger, der …

»Es ist Viertel nach vier, und wann sollten wir zurück sein? Herr Bolliger, Sie wissen, dass das Konsequenzen hat!«

Daniela Kunz stand vor Hans wie ein Offizier. Sie überragte den nicht sehr grossen Mann um fast einen Kopf und schien das zu geniessen.

Hans suchte verzweifelt nach einem Ausweg, und dann fiel sein Blick auf die Tür zur Gästetoilette, die direkt neben dem Eingang lag. Ohne ein Wort zu sagen, schob er die Kunz zur Seite, rannte zur Toilette und verschwand in dem kleinen Raum, der eigentlich für Gäste reserviert war.

»Um vier … aber ich musste unterwegs dreimal einen Toilettenhalt einschieben – die verdammte Prostata, Sie wissen ja«, rief er durch die geschlossene Tür.

Kunz machte sich eine Notiz auf ihrem Klemmbrett und ging in ihr Büro zurück. Nach einer Weile öffnete Hans die Toilettentür einen Spaltbreit und spähte hinaus, um zu sehen, ob die Luft rein war. Daniela Kunz war verschwunden. Schnellen Schrittes ging er durch die Eingangshalle und die Treppe hoch zu seinem Zimmer. Auf dem Flur kam ihm Doktor Steiner entgegen. Steiner nickte Hans zu und fragte ihn, wie es ihm gehe.

Hans zog die Schultern hoch.

»Einigermassen«, antwortete er, »aber ich kenne mittlerweile jede Toilette im Umkreis von zehn Kilometern.«

»Das Bier nicht zu kalt trinken«, schlug der Arzt lächelnd vor.

Hans tippte sich bedankend an die Stirn und ging weiter.

Doktor Steiner ging zum Ausgang, wo er von Daniela Kunz abgefangen wurde.

»Wie geht es Maria Gerber?«, fragte sie.

Der Arzt schüttelte nur leicht den Kopf und ging an ihr vorbei zur Tür hinaus und zum Parkplatz.

Kunz drehte sich zu ihrer Assistentin um, die ihr gefolgt war, und sagte: »Claudia, ruf bei der Gemeinde an, hier wird bald ein Zimmer frei.«

4

Hans schloss die Zimmertür hinter sich und hängte den nassen Wintermantel zum Trocknen über den Heizkörper. Die Schuhe, in die er altes Zeitungspapier gestopft hatte, stellte er darunter und prüfte mit der Hand, ob die Heizung auch wirklich warm genug eingestellt war. Sein Zimmer war akribisch aufgeräumt. Alles hatte genau seinen Platz. Auffallend war ein grosses Bücherregal, in dem Hunderte Bücher perfekt einsortiert waren. Ja, es musste alles seine Ordnung haben in Hans’ Leben. Er wusste, dass er mit seinem Ordnungssinn fast alle beinahe in den Wahnsinn trieb. Die Einzige, die immer gemocht hatte, dass sie nie hinter ihm herräumen musste, war seine Frau. Auch wusste er, dass er damals von seinen Sekundarschülern den Spitznamen »Meister Proper« bekommen hatte, aber das kümmerte ihn nicht. Die klare Ordnung und die Tatsache, dass er immer und für alles einen Plan brauchte, gaben ihm Sicherheit.

Auf einem kleinen Tisch stand seine alte mechanische Schreibmaschine, eine Hermes Baby, die er vor vielen Jahren auf einem Flohmarkt in Zürich für ein paar Franken erstanden und natürlich vor dem ersten Gebrauch bis in die letzte Ritze perfekt gereinigt hatte. Daneben, ebenfalls fein säuberlich geordnet, eine ganze Sammlung verschiedener Medikamente. Hans massierte seine schmerzende Hüfte. Er wollte eine längst fällige Hüftgelenkoperation hinausschieben, solange es ging. Idealerweise bis zum Frühling. Krücken im Winter waren in seinem Alter keine gute Idee. Zudem hasste er Krankenhäuser und war überzeugt, dass die Menschen meist kränker entlassen wurden, als sie eingetreten waren – wenn sie überhaupt zurückkehrten.

Hans nahm aus drei Medikamentenschachteln je zwei Tabletten und schluckte sie trocken hinunter. Langsam und unter grossen Schmerzen setzte er sich an die Schreibmaschine, zog sein kleines, schwarzes Notizbüchlein aus der Hosentasche und schlug es bei der Seite auf, wo ein Buchzeichen drinsteckte. Fein säuberlich – wie konnte es anders sein – hatte er sich mit lehrertypisch gleichmässiger Handschrift Notizen gemacht. Nicht irgendwelche Notizen, sondern neue Ideen für seinen dritten Roman – seine beiden ersten Manuskripte lagen akkurat gebunden und unveröffentlicht in seinem Bücherregal. Hans öffnete die Tischschublade und zog ein weisses Papier heraus, steckte es hinter die Walze der Schreibmaschine und drehte das Walzenrad. Mit klickendem Geräusch wurde der jungfräuliche Papierbogen um die Walze gezogen und erschien auf der anderen Seite wieder. Dann bediente Hans ein paarmal den Zeilenschalthebel, beförderte das Blatt so an die genau richtige Position und begann zu tippen.

Lesen und Schreiben waren schon immer seine grossen Leidenschaften. Ein bekannter Schriftsteller zu sein – das wäre sein Wunsch gewesen. Natürlich verehrte er die grossen Schweizer Schriftsteller, hatte alles von Dürrenmatt und Frisch mehrmals gelesen und piesackte als Lehrer auch seine Schüler immer wieder mit den kleinen gelben Reclam-Büchlein. Aber am liebsten mochte er doch die alten Krimis von Agatha Christie. Genau solche Romane wollte er schreiben. Einen eigenen Hercule Poirot erschaffen, das war sein Traum.

Jetzt aber wurde sein konzentriertes Tippen schon nach wenigen Zeilen jäh von lauter Musik aus dem Nachbarzimmer unterbrochen. Wütend schob er die Lesebrille auf den schon fast kahlen Kopf.

»Nicht schon wieder dieser Julio Iglesias, den halte ich nicht aus!«, rief er und schlug mit der Faust gegen die Wand. »Frida! Mach leiser!«

Doch Julio trällerte unverändert laut seine spanische Schnulze. Irgendetwas über »amor, amor, amor«. Grauenhaft. Hans stand langsam auf und ging zum Zimmer seiner Nachbarin Frida Pizetta. Energisch klopfte er an die alte Holztür. Nichts. Er klopfte nochmals, lauter, und schlug dazu den goldenen Siegelring, der an seinem kleinen Finger steckte, gegen die Tür. Der Ring mit eingraviertem Familienwappen der Bolligers war ein Erbstück seines Vaters. Jetzt war ein fürchterlicher Hustenanfall aus dem Zimmer zu hören, gefolgt vom Geräusch schlurfender Schritte. Endlich öffnete Frida.

»Was?!«, wollte sie wissen und fuhr sich mit der Hand durch das struppige graue Haar. Sie sah aus, als komme sie eben aus dem Bett, was durchaus zutreffen konnte. Neben ihr stand auf einem kleinen Wagen eine Sauerstoffflasche, von der ein durchsichtiger Schlauch zu ihrer Nase führte. Das gab ihr zwar einen gewissen Anschein von Gebrechlichkeit, doch im Gegensatz zu Hans’ drahtiger Figur wirkte Frida geradezu burschikos. Man sah ihr an, dass sie ihr ganzes Leben lang körperlich gearbeitet hatte. Auch im Winter trug sie meistens kurzärmlige Pullover, weil ihr immer zu warm war.

»Musst nicht so nervös klopfen, bin kein Rennpferd«, schnaubte Frida nun.

Hans zeigte mit dem Kopf in die Richtung, aus der die schreckliche Musik kam.

»Die Musik, ich bin am Schreiben.«

»Ja und? Dein Zeugs liest ja eh kein Schwein.«

»Kann der Gigolo nicht auch ein bisschen leiser singen?«, fragte Hans, ohne auf die Anspielung auf seine ziemlich erfolglose zweite Karriere als Schriftsteller einzugehen.

Frida drehte sich wortlos um und stellte die Musik ein ganz kleines bisschen leiser.

»Eifersüchtig?«, fragte sie zurück.

Hans brauchte einen Moment, bis er die Frage richtig begriffen hatte.

»Du meinst auf Julio Iglesias?«

Frida nickte, und ihr Blick wanderte über Hans’ Schulter irgendwohin in die unendliche Ferne.

Es hatte eine Zeit gegeben, in der Frida wirklich attraktiv war. Das war, bevor sie über fünfzig Jahre lang als Putzfrau den Dreck anderer Leute wegmachen musste. Sich ihre Lunge mit ätzenden Säuredämpfen ruinierte und die Bandscheiben kaputt schuftete. Eine Zeit, in der sie glaubte, mit ihrem Reinigungsinstitut so viel Geld zu verdienen, dass sie im Alter auf Capri auf der Veranda ihres kleinen Häuschens würde sitzen können und der Sonne zuschauen, wie sie langsam im Meer versank.

Doch das Einzige, was unterging, war ihre Firma. Natürlich war sie weder einer Pensionskasse angeschlossen noch hatte sie sonstige Ersparnisse. Sie musste ihr ganzes Leben weiterschuften und immer für das Nötigste kämpfen – da blieb keine Zeit für Männer oder »amor«. Nur das Träumen hatte Frida nie verlernt. Warum es unbedingt Capri sein musste, wo sie ihr Alter verbringen wollte, wusste sie nicht – oder nicht mehr. Sie war nie dort gewesen, eigentlich noch überhaupt nirgendwo. Wusste nicht einmal mehr, wann sie das letzte Mal richtig Ferien gemacht hatte. Als junges Mädchen hatte sie eine Zeit lang im Welschland gelebt, später war sie ein paarmal in Italien, wo die Familie ihres Vaters herkam.

»Iglesias wäre der einzige Mann gewesen, den ich geheiratet hätte«, sagte sie endlich und seufzte laut. »Gegen den sind doch alle anderen nur Schlappschwänze.«

Sie klopfte Hans auf die Schulter, um sicherzugehen, dass er begriff, dass auch er zu dieser Kategorie Männer gehörte.

»Hörst du mir überhaupt zu?«, fragte Hans leicht gereizt. »Kümmere du dich doch lieber um deine Freundin, der Arzt war gerade bei ihr.«

Frida wurde von einem weiteren Hustenanfall geschüttelt und schloss keuchend und kommentarlos ihre Zimmertür.

5

Maria und Frida sassen nebeneinander auf Marias Bett. Sie waren ein sehr ungleiches Paar. Die noch immer kräftige Frida mit den kurzen Haaren und daneben die kleine zierliche Maria. Zusammen blätterten sie in einem alten Fotoalbum, das auf Marias Knien lag. Die Fotos waren schon leicht vergilbt, wurden aber einst liebevoll eingeklebt. Maria fuhr mit ihrem leicht zitternden Zeigfinger über eines der Bilder, auf dem eine Frau Mitte fünfzig zu sehen war, die ein Baby auf dem Arm trug.

»Das war Steffis erster Geburtstag«, sagte Maria und wischte sich mit einem Papiertaschentuch, das sie aus dem Ärmel ihrer Strickjacke gezogen hatte, eine Träne aus dem Gesicht.

Frida schaute sich das Foto genauer an.

»Und die Frau …?«

»Ja, das bin ich«, nickte Maria.

Frida nahm Marias Hand in ihre und drückte sie leicht. Erst jetzt fiel ihr auf, wie klein und zerbrechlich Marias Hände waren. Die Adern schimmerten bläulich durch die dünne Haut, die von Altersflecken übersät war. Dagegen wirkten Fridas Arbeiterhände wie Pranken.

Vorsichtig blätterte Maria eine weitere Seite des Albums um und strich die Falten aus dem dünnen transparenten Mittelblatt, das die Fotos schützte.

»Da ist Steffi wohl schon etwas älter«, sagte Frida, und Maria nickte.

Das Foto zeigte ein kleines Mädchen, das in tiefem Schnee kniete und dabei war, einen Schneemann zu bauen. Neben ihm lagen eine Möhre und zwei Baumnüsse bereit, um dem weissen Mann später ein Gesicht zu geben. Unter dem Foto klebte ein weiteres, das schon fast verblichen und etwas dicker war als die anderen. Aufgenommen mit einer der ersten Polaroid-Sofortbildkameras – damals die absolute Sensation.

Maria erinnerte sich, wie Steffi die Fotos, sobald sie vorne an der Kamera aus dem Schlitz geschoben wurden, freudig packte und wie empfohlen damit in der Luft umherwedelte. Staunend sah sie zu, wie aus den als Erstes erkennbaren Umrissen wie von Geisterhand ein Bild entstand, das immer schärfer und konkreter wurde, bis es perfekt entwickelt war. Auch Maria empfand diesen Vorgang als absolutes Wunderwerk der Technik. Kein wochenlanges Warten mehr, bis man das Resultat sehen konnte, nachdem man die Filmrolle in einem Fotogeschäft in eine Papiertasche geschoben und zum Entwickeln in Auftrag gegeben hatte. Steffi liebte die Kamera, und obwohl die dafür nötigen Spezialfilme sehr teuer waren, knipste sie alles, was sie festhalten wollte. Auf dem Polaroid-Foto im Album war Steffi schön angezogen; die blonden Haare zu zwei Zöpfen geflochten, stand sie neben einem Christbaum, an dem die Kerzen brannten, und spielte auf der Blockflöte, wohl ein Weihnachtslied.

»Ich kann nicht glauben, dass das schon fast dreissig Jahre her ist. Dreissig Jahre, mein Gott«, sagte Maria. »Warte, das muss Weihnachten … ich glaube, einundneunzig gewesen sein«, ergänzte sie.

»Wo wart ihr da?«, wollte Frida wissen.

»Im Wallis, in Verbier, mein Mann kam von dort, und immer an Weihnachten konnten wir ein kleines Haus von seinem Bruder mieten.«

Maria blätterte erneut um. Auf der nächsten Seite war kein Foto, sondern eine Kinderzeichnung eingeklebt. In die Mitte war ein grosses rotes Herz gemalt, und darüber stand in wackliger Kinderschrift, jeder Buchstabe in einer anderen Farbe: »Für Omi – von Steffi«. Maria strich über die Zeichnung, als wollte sie Steffi streicheln, die sie jetzt so gern bei sich gehabt hätte.

»Wo sie jetzt wohl sein mag?«, dachte Maria, und wieder kamen ihr die Tränen. Sie schaute vom Album hoch und aus dem kleinen Fenster ihres Zimmers. Es war dunkel, und es hatte wieder zu regnen begonnen. In ihren Gedanken war sie dreissig Jahre zurück, in einer Zeit, in der noch alles in Ordnung war.

»Ja, da waren wir immer am glücklichsten … an Weihnachten, in den Bergen. Mit viel Schnee und Schweinebraten mit Kruste … ja, das wäre jetzt schön«, sagte sie geistesabwesend, während ihr die Tränen über die gefurchten Wangen rannen.

6

Luky sass in seinem Zimmer rittlings auf der Fensterbank des einzigen Fensters und lehnte sich gefährlich weit hinaus. Zufrieden paffte er seine wohlverdiente Siegerzigarre zu Ende, als es an die Tür klopfte.

Noch bevor er etwas sagen oder die Zigarre verschwinden lassen konnte, stand Daniela Kunz in seinem Zimmer und stürmte wie eine Furie auf ihn los, riss ihm die Zigarre aus der Hand und warf sie aus dem Fenster in den darunter liegenden Garten.

»Wie oft muss ich es Ihnen noch sagen: Im ganzen Haus ist das Rauchen verboten! Und mit Ihrer Narkolepsie schlafen Sie eines Tages mit dem Stinkteil im Mund ein und fackeln hier alles ab!«

Luky lehnte sich demonstrativ noch weiter aus dem Fenster, bis ihm der Regen ins Gesicht prasselte.

»Aber ich war ja praktisch draussen«, gab er zu bedenken.

Daniela Kunz musterte ihn abschätzig.

»Treiben Sie es nicht zu weit, Herr Landolt. Es haben schon ganz andere gemeint, sie müssten sich nicht an die Hausordnung halten – und wissen Sie was?«

Luky tat, als würde er angestrengt nachdenken, und sagte dann: »Sie möchten jetzt die entspannende Massage haben, stimmts?«

»Ich habe sie alle so klein gekriegt«, fuhr Kunz weiter und zeigte zwischen Zeigfinger und Daumen einen Abstand von etwa fünf Zentimetern.

Luky wiegte seinen Kopf hin und her.

»Also, ein bisschen grösser ist er schon …«, lächelte er sie an.

Kunz drehte auf dem Absatz um, ging hinaus und knallte die Tür hinter sich zu.

7

Der Speisesaal des Altersheims füllte sich langsam mit mehr oder weniger hungrigen Seniorinnen und Senioren. Der grosse Saal war in zwei ganz unterschiedliche Bereiche unterteilt. In dem einen Teil waren die Wände mit dunklem Holz getäfert, und die rund vier Meter hohe Decke wurde von Balken aus demselben Holz getragen. Auch die Leuchter, an denen aus Spargründen nur die Hälfte der Glühbirnen brannten, waren aus dunklem Holz mit Verzierungen aus Schmiedeeisen. Die andere Hälfte des Saals hatte weisse Wände und an der Decke aufwendige Stuckaturen. Hier gab es grosse Fenster, die bis auf den Boden reichten und früher wohl in einen gepflegten Park führten. Ohne Frage, dieser Raum hatte vor einigen Dekaden sicher tolle Feste und Empfänge gesehen, doch heute wirkte alles etwas schmuddelig. Wollte man nett sein, konnte es auch als starke Patina bezeichnet werden.

Der hölzerne Teil diente zu Fabrikantenzeiten wohl als Herrenzimmer oder vielleicht auch als Bibliothek. Wahrscheinlich gab es eine Verbindungstür zum grossen und hellen Wohnraum. Doch als die Villa zum Altersheim umfunktioniert wurde, hatte man die Zwischenwand kurzerhand herausgebrochen, um einen grossen Speisesaal zu bekommen. Es war offensichtlich, dass es den am Umbau Beteiligten egal war, wie hässlich nun alles aussah. Wahrscheinlich war man der Meinung, die Alten würden eh nicht mehr gut sehen und könnten sowieso froh sein, an einem solch schönen Ort wohnen zu dürfen. Obwohl der weisse Teil des Raums der edlere war, waren die Plätze dort nicht sehr begehrt. Das lag weniger am Ambiente als vielmehr an der Tatsache, dass die grossen Fenster schon lange nicht mehr dicht waren und es ständig zog. Und Durchzug, das wusste jeder, der im »Abendrot« wohnte, war pures Gift.

Das Personal war fast fertig mit dem Eindecken der grossen Tische. Natürlich hatten jede Seniorin und jeder Senior ihren Stammplatz – da gab es nichts zu rütteln. Und wie in fast allen Einrichtungen dieser Art wurde auch im »Abendrot« schon um halb sechs das Abendessen serviert. Das wäre besser für die Verdauung, hiess es, doch der wahre Grund war wohl eher, dass das Personal möglichst früh nach Hause wollte. Einige Bewohnerinnen und Bewohner wurden nun in Rollstühlen an ihre Tische geschoben, andere benutzten Gehhilfen. Dazwischen einige noch rüstige Alte, die sich schon mal setzten und sich die Serviette umbanden.

Hans, der selbstverständlich auch grössten Wert auf Pünktlichkeit legte, gehörte meist zu den Ersten, die den Speisesaal betraten. Wie immer setzte er sich auch heute auf seinen Platz an den Tisch mit der Nummer elf, der ebenfalls wie immer für fünf Personen gedeckt war. Und wie immer griff sich Hans den Wasserkrug, in dem die verdauungsfreundlichen Feigenschnitze schwammen, und goss alle fünf Gläser voll. Jetzt kam Luky herein, der Paul in seinem Rollstuhl an dessen Tisch schob, ihm einen guten Appetit wünschte und sich dann zu Hans auf seinen Platz setzte.

»Mitten am Nachmittag Abendessen. Ich halte das nicht aus«, sagte Luky, der sich noch immer nicht an die vorgeschriebenen Essenszeiten gewöhnt hatte. Um diese Zeit hatte er normalerweise noch gearbeitet oder höchstens sein erstes Feierabendbier getrunken.

»Alles in Ordnung?«, wollte Hans wissen.

Luky nickte nur, nahm ein Stück Brot und tröpfelte Maggi-Würze darauf. Hans schaute, wie die braunen Tropfen im trockenen Brot versickerten.

»Zu viel Salz ist schlecht für deinen Blutdruck«, meinte er.

Luky biss ins Brot, kaute und sagte mit vollem Mund: »Der Blutdruck ist gerade mein kleinstes Problem, lieber Hans.«

Hinter ihnen hörten sie jemanden laut fluchen und dann ein gekrächztes »Jetzt geh mal aus dem Weg, du alte Krähe!«. Zweifellos: Frida war im Anmarsch. Schwer atmend und hustend bahnte sie sich ihren Weg und liess sich dann auf ihren Stuhl fallen. Sie hatte gerötete Augen und schniefte laut. Hans schaute sie besorgt an.

»Frida, was ist denn los?«

Eine Angestellte kam an ihrem Tisch vorbei.

Frida stoppte sie mit einem charmanten »Hierher!«, zeigte dann auf eines der fünf Gedecke und meinte: »Räumen Sie das ab, Frau Gerber kommt heute nicht.«

Hans warf Luky einen beunruhigten Blick zu, und im selben Moment erklang der übliche Gong als offizielles Zeichen für den Beginn des Abendessens. Als wäre der Gong auch ihr Zeichen, erschien Inge von Hellbach oben auf der Treppe, die von der noblen, weissen Seite des Hauses in den Speisesaal hinunterführte. Niemand wusste, wie alt Inge war, geschweige denn, woher sie kam und warum sie hier im Altersheim lebte. In einem viel zu eleganten Kleid schwebte die grosse, schlanke Frau die Stufen hinunter, als ginge sie über eine Broadway-Showtreppe. Doch auf den zweiten Blick wurde klar: Das Kleid stammte aus einer lange vergangenen, erfolgreicheren Epoche ihres Lebens. Ihr Auftritt wirkte absolut grotesk in dem schäbigen Ambiente des Altersheims. Doch wie jeden Abend drehten die meisten Heimbewohner ihre Köpfe in Inges Richtung und schauten gebannt ihrem Auftritt zu. Die Seniorin hatte ihr Publikum und schien jede Sekunde zu geniessen.

Wie aus dem Nichts erschien dann unten an der Treppe die Kunz und wedelte etwas Luft von Inge her in ihre Richtung.

»Rieche ich da etwa Alkohol!?«, fragte sie eine Spur zu laut.

»Auf keinen Fall«, erwiderte Inge in perfektem Bühnendeutsch und wischte sich eine Strähne ihrer langen, blonden Haare aus dem Gesicht. Ob es ihre echten Haare oder eine Perücke war, wusste niemand. »Das ist mein Parfüm – auf dem Flakon steht fünfundachtzig Prozent Alkohol, wenn Sie das meinen.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schwebte sie in Richtung Tisch Nummer elf davon. Luky sprang auf und stellte galant den alten Holzstuhl für sie bereit. Inge setzte sich und liess ihren Blick durch den Speisesaal schweifen, als suchte sie den Sommelier. Mit einem Seitenblick versicherte sie sich, dass die Kunz verschwunden war, zog einen Flachmann aus ihrem üppigen Dekolleté, schraubte den silbernen Deckel ab und gönnte sich einen grossen Schluck. Auch Inge bemerkte, dass es Frida nicht gut ging.

»Wie siehst du denn aus?«, fragte sie.

»Ja!«, insistierte Hans, »sag endlich, was ist mit Maria?«

Inge, Hans und Luky blickten besorgt auf Frida, die einen weiteren Hustenanfall nur dadurch unterdrücken konnte, dass sie den Hahn der Sauerstoffflasche etwas mehr aufdrehte. Langsam griff sie dann nach dem vor ihr stehenden Wasserglas und hob es hoch.

»Auf Maria!« Und mit einem Blick durch den Speisesaal fuhr sie fort: »Die Glückliche hat das hier alles bald hinter sich.«

Inge sah Frida erschrocken an und musste gleich einen weiteren Schluck des hochprozentigen Notvorrats zu sich nehmen. Frida drehte den Sauerstoffhahn noch etwas mehr auf.

»Ja, letale Diagnose, noch ein paar Wochen, und dann kann sie die Harfe fassen.«

Betretenes Schweigen machte sich am Tisch breit. Niemand wollte oder konnte etwas sagen. Obwohl eine solche Nachricht in einem Altersheim ja grundsätzlich nichts Ungewöhnliches ist, war es für Luky, Hans und Inge ein grosser Schock. Ausgerechnet die gutmütige Maria, die immer allen alles recht machen wollte und sich selber immer hintanstellte. Frida nahm einen Schluck Feigenwasser und verzog angeekelt das Gesicht. Inge kontrollierte kurz, ob die Luft rein war, und gab je einen grosszügigen Schuss Alkohol in die Gläser ihrer Freunde, die dann dankbar etwas von dem jetzt einigermassen trinkbaren Feigenwasser tranken.

»Da krampfst du dein ganzes Leben lang, und zum Schluss hockst du allein in dieser ›Altersresidenz‹, säufst Feigenwasser und pisst in die Windeln«, schloss Frida und leerte ihr Glas auf ex.

Eine Angestellte kam an ihren Tisch und stellte eine Schüssel mit Essen hin. Hans hob den Deckel, schaute hinein und verzog das Gesicht.

»Aber nicht schon wieder diese verkochten Mehlkartoffeln.«

Die Angestellte zuckte mit der Schulter und antwortete gleichgültig: »Sie müssen sie ja nicht essen, essen ist hier freiwillig.«

Hans schaute von der Schüssel mit der gelben Pampe hoch und brummte: »Ja, das ist aber auch das Einzige, was hier freiwillig ist.«

Inge kümmerte sich nicht um ihn und fragte Frida: »Und die Ärzte können nichts machen?«

Frida schüttelte den Kopf.

»Nein, die nicht, aber wir können was machen.«

Luky schaute sie zweifelnd an.

»Aber …«, begann er.

»Nichts aber«, fuhr ihm Frida über den Mund. »Maria ist zweifellos der beste Mensch, den ich je getroffen habe, noch zu bescheiden, ihren letzten Wunsch jemandem deutlich mitzuteilen.«

Inge schaute Frida erstaunt an.

»Ja was denn nun? Sie hat einen letzten Wunsch geäussert? Oder doch nicht? Wie meinst du das?«

»Nicht so klar halt, ihr kennt sie ja … Aber ich weiss, sie träumt davon, noch einmal Weihnachten in den Bergen zu feiern, da war sie immer am glücklichsten«, sagte Frida.

Luky schöpfte sich ein paar der dampfenden, klebrigen Kartoffeln auf seinen Teller und leerte einen grossen Löffel braune Sauce darüber, die er mit ein paar Spritzern Maggi nachwürzte.

»Aber sie kann doch in ihrem Zustand nicht allein in die Berge fahren«, meinte er kopfschüttelnd.

»Genau«, nickte Frida und schaute einen nach dem anderen eindringlich an.

Hans versuchte verzweifelt, das Stück Fleisch in seinem Teller zu zerschneiden. Entweder war das Messer total stumpf oder das Fleisch unendlich zäh. Dann spürte er Fridas stechenden Blick.

»Was schaust du uns an?«, wollte er wissen. »Du meinst doch nicht etwa, wir sollten …?«

»Wer denn sonst?! Sie hat ja ausser uns niemanden«, antwortete Frida, zog den Sauerstoffschlauch aus ihrer Nase und begann zu essen.

Inge rückte nachdenklich die Manschetten ihrer alten Seidenbluse zurecht.

»Letzte Wünsche sind heilig«, meinte sie, »ich hoffe, ich kann mit meinem letzten Wunsch auch mal auf euch zählen.« Sie griff nach ihrem Flachmann und nahm einen weiteren Schluck. »Aber jetzt brauchen wir erst mal einen Plan, wie Maria ihre letzte Weihnacht tatsächlich in den Bergen feiern kann.« Inge schaute nun Hans an, der lustlos in seinen Kartoffeln stocherte. »Mein lieber Hans«, fuhr sie fort, »und wenn einer von uns in der Lage ist, für so was einen Plan zu machen, dann du. Schliesslich musstest du doch früher auch Schülerreisen organisieren, oder?«

Alle blickten auf Hans, der etwas verlegen wurde.

Frida schluckte einen Bissen hinunter und relativierte: »Ja, aber das war hundert Jahre vor der missglückten zweiten Karriere als Krimiautor. Nicht wahr, Sherlock Holmes?«

Hans warf ihr einen bösen Blick zu und erwiderte: »Ja, planen kann ich gut.«

Doch Frida konnte es nicht lassen und stichelte weiter: »Darum sitzt du jetzt auch hier in diesem Loch.«

Hans ignorierte sie und schaute Inge fragend an.

»Dann mach dich mal an die Arbeit«, sagte sie und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.

Doch Hans verstand nicht ganz, was sie damit meinte.

»Aber wie stellst du dir das vor?«, fragte er. »Maria liegt im Sterben. Für Frida wäre die dünne Bergluft wahrscheinlich tödlich, und für Luky brauchen wir einen Schlafwagen.«

»Und für dich ein Toitoi auf Rädern«, gab Luky schlagfertig zurück.

»Nur Inge ist noch einigermassen fit …«, redete Hans weiter und stand mit schmerzverzerrtem Gesicht von seinem Stuhl auf. »Entschuldigt, ich muss mal dringend«, presste er hervor und ging, so schnell er konnte, in Richtung Toilette.

»… wenn sie nüchtern ist«, beendete Frida nachdenklich den von Hans begonnenen Satz und bemerkte, dass Luky in der Zwischenzeit auf seinem Stuhl eingenickt war.

8

Inges Zimmer auf der Westseite des Hauses war im Verhältnis zu den anderen recht grosszügig. Auf dieser Seite des Gebäudes waren früher einmal die Zimmer der Herrschaften und nicht die der Bediensteten. Die lagen auf der Ostseite. Die Einrichtung war eine wilde Mischung aus Boudoir und Brockenhaus. Viel roter Samt und alte Möbel. Überall verstreut lagen Kleider herum. Aus einem alten Plattenspieler tönte ein Chanson, und auf einem Tisch brannten als einzige Lichtquelle Kerzen in einem grossen Leuchter. Inge sass an einem Theaterschminkspiegel, der von Glühbirnen eingerahmt war. Mit einem Wattebausch entfernte sie die Schminke aus ihrem Gesicht und summte das Lied leise mit. Sie war mit ihren Gedanken irgendwo, aber sicher nicht im Altersheim Abendrot, als es klopfte.

»Wer ist da?«, fragte sie.

Durch die geschlossene Tür war die Stimme der Kunz zu hören: »Ich bins, ich muss mit Ihnen reden.«

Inge verdrehte die Augen und sagte: »Das kann sicher bis morgen warten. Gute Nacht.«

Von draussen wurde die Türklinke hinuntergedrückt, aber Inge hatte vorsorglich abgeschlossen. Eilig versteckte sie eine Flasche Wodka unter ein paar Kleidungsstücken und drückte sich Zahnpasta direkt aus der Tube in den Mund. Jetzt klopfte es energischer.

»Machen Sie auf, die Türen sollen doch nicht abgeschlossen werden!«

Inge erinnerte sich, dass das zu Beginn des legendären Club Med dessen Motto war. Das musste wohl in den Sechzigerjahren gewesen sein. Damals hatte sie das ja noch interessant gefunden, in einem Hotel zu wohnen, in dem niemand die Zimmertür abschloss, ganz im Gegensatz zu hier. Aber damals waren die nächtlichen Besucher auch um einiges attraktiver gewesen als heute. Inge öffnete die Tür und liess die Kunz eintreten. Sofort fiel der Blick der Heimleiterin auf den Kerzenleuchter, sie stürmte darauf zu und pustete hektisch alle Kerzen aus.

»Das ist ja die Höhe: brennende Kerzen! Das geht gar nicht!«, rief sie empört.

Die beiden Frauen standen jetzt im Dunkeln. Daniela Kunz tastete sich zum Eingang zurück und schaltete die Deckenbeleuchtung ein. Inge stand da, in ihrem bodenlangen Morgenrock, ein Frotteetuch um den Kopf gewickelt, die Hände vor der Brust verschränkt.

»Und, was gibt es denn so Dringendes, das nicht bis morgen warten kann?«, fragte sie gelangweilt.

Die Kunz zeigte zur Mitte des Zimmers und sagte: »Frau von Hellbach, diese Hälfte des Zimmers müssen Sie bis Ende des Monats freiräumen.«

Inge konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte.

»Und warum sollte ich so etwas Verrücktes tun?«

»Weil wir ein zweites Bett reinstellen werden. Frau Kramer, eine nette Frau, wird Ihre Zimmergenossin.«

»Kommt nicht infrage«, rief Inge beinahe panisch, »auf gar keinen Fall! Das wird nie passieren, nur über meine Leiche!«

Die Kunz lächelte süffisant und meinte: »Wir müssen alle unsere Opfer bringen. Oder wie würden Sie sagen? The show must go on! Gute Nacht, Frau von Hellbach, und weg mit den Kerzen!« Die Leiterin blieb in der Tür stehen und drehte sich nochmals um. »Und wenn ich Sie noch einmal mit auch nur einem Tropfen Alkohol hier im Haus erwische, liefere ich Sie in die Geschlossene ein. Haben wir uns verstanden?«

Inge brachte keinen Ton hervor. Entsetzt liess sie sich auf ihr Bett fallen. Das alles konnte nur ein fürchterlicher Albtraum sein. Sie schaute aus dem Fenster zum Mond hoch und schickte ein Stossgebet in Richtung Nachthimmel.

Alle Fenster des Altersheims waren dunkel, nur in einem brannte noch Licht. Hans sass tippend an seiner Hermes Baby. Normalerweise flossen die Worte nur so aus ihm heraus, und oftmals kam er mit Schreiben kaum nach. Aber das heute war etwas ganz anderes, hatte nichts mit seiner Fantasie zu tun, sondern sollte ein real umsetzbarer Plan werden: wie sie gemeinsam mit Maria in die Berge fahren könnten. Er las, was er getippt hatte, schüttelte den Kopf, riss das Papier aus der Maschine, zerknüllte es frustriert und warf es in Richtung Papierkorb. Dort lagen schon mehrere frühere und ebenfalls gescheiterte Versionen seines Entwurfs.

Das würde eine lange Nacht werden.

9

Es war fünf nach acht, alle Bewohner des Altersheims warteten schon geschlagene fünf Minuten auf die allmorgendliche Ansprache von Daniela Kunz im Speisesaal. Das war für die Heimleiterin – da waren sich alle einig – sicher der schönste Moment in ihrem Arbeitstag. Da konnte sie ihre ganze Macht demonstrieren und wie ein Feldweibel Kommandos geben. Alle sassen an ihrem Tisch, jeder auf seinem Platz. Nur zwei Stühle waren nicht besetzt, was die Kunz zum Warten zwang. Sie zeigte ihre Ungeduld, indem sie nervös mit den Fingern auf ihr Klemmbrett trommelte.

Da kamen Frida und Maria, die ihren einen Arm bei Frida eingehängt hatte, endlich gemeinsam den Flur hinunter. Frida zog mit der anderen Hand ihren Wagen mit dem Sauerstoff hinter sich her, die Zufuhr hatte sie vorsorglich auf volle Leistung gestellt.

Maria war das Zuspätkommen extrem peinlich, und sie flüsterte Frida zu: »Wissen es schon alle?«

Frida nickte. Sie erreichten den Speisesaal, und alle Köpfe drehten sich wie auf Kommando in ihre Richtung. Dann begann an den meisten Tischen ein Getuschel.

Daniela Kunz schaute genervt zu den beiden und blaffte: »Wir warten!«

Maria und Frida erreichten ihren Tisch und setzten sich. Inge, Hans und Luky waren sichtlich froh, Maria zu sehen, und lächelten ihr zu.

Die Kunz räusperte sich, bevor sie endlich mit ihrer Ansprache beginnen konnte.

»Nachdem wir jetzt doch noch vollzählig sind, kommen wir zum Tagesprogramm: Heute Nachmittag ist es wieder so weit. Der grosse Familienbesuchstag mit unserem selbst gemachten Weihnachtsgebäck und dem – alkoholfreien – Glühwein startet pünktlich um vierzehn Uhr. Wir sind sicher, dass auch dieses Jahr wieder ganz viel Besuch kommen wird.«

Frida schüttelte angewidert den Kopf und steckte sich den Zeigfinger in ihren offenen Mund, zum Zeichen, was sie von dem Geschwafel hielt.

»Doch leider«, fuhr die Heimleiterin fort, »gibt es heute Mittag kein Dessert, weil gestern Nacht wieder jemand hier im Haus geraucht hat.«

Alle Augen richteten sich auf Luky, und ein Murren ging durch den Saal. Auch Daniela Kunz schaute Luky an, und ihr Blick verriet, dass ab sofort Krieg zwischen ihnen herrschen würde. Luky schnappte sich mit der einen Hand wütend die Kaffeekanne und schenkte sich ein, während er die andere unter dem Tisch mit ausgestrecktem Mittelfinger der Heimleiterin entgegenstreckte. Dass sie sich in ihrem Alter solche Kollektivstrafen gefallen lassen mussten, ging nicht in seinen Kopf.

Ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren, wünschte die Kunz allen einen guten Appetit und einen schönen Nachmittag mit den Familien. Doch beim Hinausgehen konnte sie es nicht lassen, am Tisch elf vorbeizugehen und demonstrativ ihren Kopf zu schütteln. Die fünf Alten ignorierten den Hausdrachen einfach und wandten sich Maria zu.

»Schön, dich zu sehen, wie geht es dir?«, fragte Inge und schaute sie besorgt an.

»Ja … es geht schon … danke«, antwortete Maria mit leiser Stimme.

Hans legte seine Hand auf ihren Arm.

»Können wir etwas für dich tun? Irgendetwas? Hast du denn Schmerzen?«

»Nein, nicht gross, danke. Doktor Steiner hat mir alles gegeben, was ich brauche.«

Luky strich Butter auf sein Brötchen.

»Willst du nicht eine zweite Meinung einholen?«, fragte er Maria.

»Wenns zu Ende geht, brauchst du keine Zweitmeinung mehr«, antwortete sie.

Bis zum Schluss des Frühstücks wurde an ihrem Tisch nicht mehr viel gesprochen. Niemand fand die richtigen Worte, und jeder musste mit der neuen Situation erst selber fertigwerden.

Nach dem deprimierenden Frühstück begleitete Frida Maria wieder zurück auf ihr Zimmer. Das Frühstück hatte Maria müde gemacht, und sie wollte möglichst schnell wieder allein sein.

Inge ging währenddessen schnurstracks ins Büro der Heimleitung. Nachdem sie die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte, wollte sie nochmals versuchen, Daniela Kunz die Idee auszureden, jemanden in ihrem Zimmer einzuquartieren. Doch die Kunz gab ihr unmissverständlich zu verstehen, dass der Entscheid gefällt sei und sie gefälligst mit dem Umräumen ihres Zimmers beginnen solle – sonst würde sie Herrn Huber, den Hauswart und Busfahrer des Heims, damit beauftragen.

Hans und Luky hatten sich, um nach Möglichkeiten zu suchen, wie Marias letzter Wunsch zu erfüllen war, im »Lese- und Medienraum« verabredet. Die Kunz nannte die dunkle Ecke hinter dem Speisesaal, in der ein paar ausgelesene Taschenbücher herumlagen, gern so. Den Zusatz »Medienraum« hatte sich das fensterlose Zimmer mit einem alten IBM-Computer verdient, der in jedem Museum einen Ehrenplatz bekommen hätte. Und doch erfreute sich dieser Raum bei den Alten grosser Beliebtheit.

Jetzt sassen Hans und Luky an dem alten Rechner und waren in ihre Recherche vertieft. Auf dem Bildschirm waren verschiedene Chalets zu sehen, die für die Weihnachtstage zu mieten waren. Doch die Preise waren absolut ausserirdisch. Hans machte sich Notizen in sein kleines, schwarzes Notizbuch, und Luky scrollte weiter durch die Seiten. Im letzten Moment bemerkte er, wie die Kunz um die Ecke kam, und schwenkte sofort den Bildschirm aus ihrem Blickfeld – das Biest hatte einen Instinkt wie ein Dobermann.

»Kein Schweinekram, sonst fliegt die Kiste raus!«, sagte Daniela Kunz und blieb stehen. Lukys Reaktion war ihr natürlich nicht verborgen geblieben.

Hans tippte nervös auf der Tastatur herum, doch Luky, der den Fehdehandschuh längst aufgenommen hatte, zeigte mit einem schmutzigen Lächeln auf den Bildschirm und meinte mit anerkennendem Blick: »Ja, da hats wirklich mächtig viel Holz vor der Hütte. Mein lieber Herr Gesangsverein.«

Die Kunz liess sich nicht provozieren und erwiderte kühl: »Ich lasse Sie keine Sekunde aus den Augen, Herr Landolt, ich habe Sie gewarnt. In einer Stunde beginnt der Besuchstag, dann erwarte ich Sie beide im Speisesaal. Keine Widerrede.«

Sie machte auf dem Absatz kehrt und rauschte davon.

Während die beiden Männer weiter nach einer Lösung suchten, wie sie mit ihren bescheidenen finanziellen Mitteln helfen konnten, Marias Wunsch zu erfüllen, begann sich der Parkplatz vor dem Altersheim langsam mit den Autos der Gäste zu füllen. Das ganze Jahr hindurch waren nie so viele Besucher da wie zum Adventsapéro, und selbst Seniorinnen und Senioren, die sonst das ganze Jahr kaum Besuch hatten, wurden an diesem Tag von Verwandten und Freunden nicht vergessen. Das schlechte Gewissen schien sich um die Weihnachtszeit etwas lauter zu melden als sonst. Man konnte ohne Übertreibung sagen: Wer an diesem Tag keinen Besuch bekam, der war wirklich allein.

Genauso wie Maria, Inge, Frida, Luky und Hans, die nun gemeinsam an ihrem Tisch im nicht sehr liebevoll dekorierten Speisesaal das Treiben beobachteten. Kinder rannten kreuz und quer umher. Geschenke wurden ausgepackt. Es wurde gegessen und getrunken, gelacht und geredet. Auf jedem Tisch standen Pappteller mit Weihnachtsgebäck und Becher mit alkoholfreiem Glühwein. Daniela Kunz ging mit aufgesetztem Lächeln durch den Saal, sagte überall Hallo und wechselte hie und da ein paar übertrieben freundliche Worte mit den Gästen. Und kam nun immer näher zu Tisch elf.

Maria stand auf.

»Ich gehe jetzt lieber in mein Zimmer.«

Allein ging sie an den anderen Tischen vorbei. Ihre Freunde sahen ihr selbst von hinten an, wie traurig es sie machte, all die glücklichen Familien zu sehen. Inge kippte jedem etwas Hochprozentiges aus ihrem Flachmann in den alkoholfreien Glühwein und nahm dann einen Schluck aus ihrem Becher. Frida rammte Hans, so nett sie das konnte, den Ellbogen in die Seite.

»Und?«, fragte sie.

Hans rutschte etwas verlegen auf dem Stuhl hin und her, bevor er antwortete: »Ich hoffe, du hast ihr keine falschen Hoffnungen gemacht …«

Luky hob seine Hand und sagte: »Ja, ich hab es mir nochmals überlegt, ich bleibe besser hier. Ich bin euch doch mit meiner Krankheit nur ein Klotz am Bein … und der Arzt meinte …«

Frida schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, dass der Glühwein vor ihr überschwappte.

»Hört auf!«, sagte sie etwas zu laut.

Von den Familientischen wanderten einige verwunderte Blicke in ihre Richtung.

Hans spielte verlegen mit einem Zimtstern, der vor ihm lag.

»Ohne regelmässige Physio für meine Hüfte komme ich am Morgen kaum aus dem Bett. Ganz zu schweigen von meiner Prostata. Es wäre schön gewesen, nochmals hier rauszukommen und in die Berge zu fahren, aber …«

Frida schaute jetzt wütend Inge an.

»Und du? Getraust dich nicht zu weit weg von deinem Alkoholversteck?«

»Nein. Aber die Kunz will mir doch tatsächlich jemanden ins Zimmer legen. Ich kann das nicht zulassen, ich würde durchdrehen, verstehst du? Ich kann jetzt nicht weg.«

Frida begann zu keuchen, ihr Kopf wurde gefährlich rot. Schnell drehte sie den Sauerstoffhahn voll auf, trotzdem folgte ein schlimmer Hustenanfall.

»Dazu kommt«, meinte Hans und legte sein Notizbüchlein auf den Tisch, »Luky und ich haben ein Budget gemacht.«

Frida warf einen kurzen Blick auf die Zahlen.

»Über fünftausend? Spinnst du?! Wir wollen das Chalet mieten, nicht kaufen!«

Luky kam Hans zu Hilfe: »Es ist Weihnachten, da kostet jede Absteige in den Bergen ein Vermögen. Die nehmen keine Rücksicht auf Senioren mit Ergänzungsleistungen und vierhundertzwanzig Franken Taschengeld.«

Luky schloss sein Statement mit einem Biss in einen Spitzbuben. Doch seinem Gesichtsausdruck nach war das keine gute Idee. Er legte den Rest auf den Tisch und spülte das Gebäck mit noch widerlicherem Glühwein hinunter.

Hans bemerkte, dass Frida nun kurz vor einem ihrer gefürchteten Wutanfälle stand, und sagte: »Also, ich habe knapp siebenhundert Franken, was könnt ihr dazugeben?«

Die anderen Köpfe senkten sich, niemand sagte etwas.

Da kam eine der Pflegerinnen an ihren Tisch gerannt und raunte Frida aufgeregt zu: »Frau Pizetta, kommen Sie schnell, Frau Gerber gehts ganz schlecht!«

Frida stand auf, klappte das Notizbuch, das noch immer vor ihr lag, zu und warf es Hans in den Schoss.

»Geld hin oder her, wir brauchen einen Plan, und zwar verdammt schnell. Heute Abend um zehn im Waschhaus!«

Dann ging sie, so schnell sie konnte, den Sauerstoffwagen wie einen Golftrolley hinter sich herziehend, der Pflegerin hinterher. Hans, Luky und Inge schauten sich betreten an, und Inge leerte den Rest ihres Flachmanns in einem Zug.

Sie schämte sich. Was war nur aus ihr geworden? Früher hatte sie doch vor nichts und niemandem Angst gehabt, nahm jede Herausforderung, die ihr das Leben bot, mit einem siegesgewissen Lächeln an. Natürlich gabs auch einige Niederlagen, aber die machten sie nur stärker. Spontan kam ihr die Melodie von »You Haven’t Seen the Last of Me« in den Sinn, einem Song von Cher, der das Wiederaufstehen nach Niederlagen zum Thema hat. Ein Lied, das Inge sehr mochte und das sie oft sang, wenn es ihr nicht gut ging. Sie spürte, dass auch Hans und Luky ähnliche Gedanken plagten.

»Gibt es so was wie Altersfeigheit?«, fragte sie in die Runde.

»Je älter du bist«, sagte Hans mit leicht belegter Stimme, »desto weniger Zeit bleibt dir, einen gemachten Fehler wieder zu korrigieren, und darum riskiert man im Alter wahrscheinlich einfach weniger.«

Luky nickte. »Was mich so ärgert an mir ist die Tatsache, dass wir alle hier eigentlich nichts zu verlieren haben. Das soziale Netz ist doch längst zu unserer Hängematte geworden, aus der wir uns kaum mehr zu erheben wagen.«

Frida erreichte keuchend Marias Zimmer. Ohne zu klopfen, öffnete sie leise die Tür und ging hinein. Maria war weiss wie ein Leintuch. Sie lag angezogen auf ihrem Bett, ihr Atem ging ruhig, aber sehr flach. Langsam öffnete sie die Augen. Ihr Blick traf denjenigen von Frida, die sich auf die Bettkante setzte und besorgt nach Marias Hand griff.

»Darf ich …«, begann Maria leise zu sprechen, schluckte trocken und begann erneut, »… darf ich ein wenig Tee haben?«

Frida nickte und war froh, etwas für ihre Freundin tun zu können. Sie reichte ihr die Tasse, die die Pflegerin auf den kleinen Nachttisch gestellt hatte. Maria setzte sich langsam auf, und Frida schob ihr ein Kissen hinter den Rücken. Mit kleinen Schlucken trank Maria den dampfenden Kamillentee.

»Gehts etwas besser?«, wollte Frida wissen.

»Ja. Es war sicher alles etwas viel.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Frida, nahm die halbleere Tasse und stellte sie auf das Nachttischchen zurück.

Maria nestelte umständlich an ihrem Nacken herum.

»Kann ich helfen?«, fragte Frida.

»Ja, bitte. Kannst du den Verschluss meines Kettchens öffnen?«

»Sicher, zeig her.«

Damit der Verschluss näher bei ihr zu liegen kam, zupfte Frida an der feinen Goldkette, die Maria stets um ihren Hals trug, und fummelte an dem feinen Schloss herum. Nachdem sie es geöffnet hatte, reichte sie das Kettchen, an dem ein kleines goldenes Herz baumelte, Maria.

Doch ihre Freundin schüttelte den Kopf und sagte bestimmt: »Ich möchte, dass du die Kette behältst. Sie ist das einzig Wertvolle, das ich besitze.«

Frida spürte einen Kloss im Hals, der sie kaum reden liess.

»Nein, das kann ich nicht annehmen, Maria, das ist …«

»Bitte nimm sie«, fiel ihr Maria ins Wort. »Wem soll ich sie sonst schenken?«

Frida war gerührt und gleichzeitig auch unendlich traurig. Wortlos umarmte sie Maria, die zum Kleiderschrank zeigte.

»Nimm dir, was du möchtest, und frag auch noch die anderen. Den Rest soll die Brockenstube abholen.«

»Aber das hat doch alles Zeit«, entgegnete Frida, sichtlich überfordert mit der Situation.

»Nein«, sagte Maria, »ich will alles erledigt haben, bevor ich gehe, das macht es mir etwas leichter … hoffe ich.«

Frida zeigte auf das Fotoalbum, das auf dem kleinen Tisch lag.

»Und was ist mit Steffi?«

Maria schnäuzte sich die Nase.

»Für Steffi bin ich doch schon lange gestorben.«

10

Das ehemalige Waschhaus stand ein paar Meter hinter dem alten Herrenhaus und war noch verlotterter als das Altersheim. Früher, zu den guten, alten Zeiten, besorgten hier die Hausangestellten die Wäsche für die Herrschaften, doch seit Jahren diente das Häuschen nur noch als Rumpelkammer. Für die kleine Gruppe von Tisch elf war es jedoch der perfekte Zufluchtsort. Hier konnten sie sich absolut ungestört treffen, was sie auch mindestens einmal pro Woche taten.

Kurz vor zehn schlichen in kurzen Abständen vier Gestalten hinters Altersheim und verschwanden im Waschhäuschen. Hans, Luky, Frida und Inge setzten sich um den alten Waschtrog, auf den sie ein grosses Brett als Tischplatte gelegt hatten. Inge und Luky hoben es an, Hans griff in den Zuber und zog eine Flasche billigen Rotwein und ineinandergestapelte Plastikbecher aus dem Versteck hervor.

»Wir haben nur noch zwei Flaschen. Wenn im Dorfladen mal wieder Aktion ist, müssen wir das Lager füllen«, meinte Hans, während er den Drehverschluss öffnete und die Becher füllte. Den ersten stellte er vor Frida hin und fragte: »Und, wie geht es Maria?«

»Wie solls ihr gehen …? Sie hat wenigstens meistens keine Schmerzen – aber das Sterben wird im Alter nicht einfacher, nur wahrscheinlicher.«

Nickend hoben die vier Alten ihre Becher und tranken einen grossen Schluck auf Maria. Das erbärmliche Ausbleiben eines Geräuschs beim Anstossen mit Plastikbechern störte sie längst nicht mehr.

»Aber …«, fuhr Frida fort, zog den Sauerstoffschlauch aus ihrer Nase und nahm sich, ohne zu fragen, eine Zigarette aus Lukys Schachtel, zündete sie an, zog den Rauch tief in ihre angeschlagenen Lungen, blies den Rauch trotz einem Hustenanfall genüsslich zu den alten Wäscheleinen hoch und begann von neuem: »Aber … wir können es Maria wenigstens etwas einfacher machen und mindestens versuchen, ihr den letzten Wunsch zu erfüllen.« Auffordernd schaute sie in die Runde. »Und wo stehen wir?«

Niemand sagte etwas. Jeder nahm verlegen einen weiteren Schluck aus seinem Becher und schaute auf die improvisierte Tischplatte hinunter.

Als Erste fand Inge den Mut zum Reden: »In aller Freundschaft, aber …«

Doch Frida fiel ihr ins Wort: »Hast nicht du gesagt, dass letzte Wünsche heilig seien?« Dann schaute sie zu Luky, der einen imaginären Fleck auf seiner Jacke wegzuwischen versuchte. »Und du, Luky«, redete sich Frida in Rage, »du jammerst doch, dass deine Narkolepsie immer schlimmer werde, weil es sich hier anfühle, wie lebendig begraben zu sein.« Fridas Blick erreichte Hans.

Doch bevor sie über ihn herziehen konnte, schaute Hans sie wütend an und rief: »Frida, hör auf! Das Ganze ist doch definitiv eine Nummer zu gross für uns. Wir können nicht einfach …«

»… und warum nicht?«, wollte Frida wissen, stand wütend auf, leerte ihren Becher in einem Zug, zerdrückte ihn und warf ihn in eine staubige Ecke hinter ein rostiges Fahrrad. An der Wand dahinter stand auf halber Höhe in schon etwas verblichener Farbe: »Sonnenuntergäng«. Frida zeigte auf den Schriftzug.

»Wisst ihr noch, als wir das hingemalt haben? Vergesst es, wir sind keine Bande, keine Gang mehr! Ich lasse meine beste Freundin nicht im Stich! Und jetzt macht, was ihr wollt! Miese, alte Feiglinge!«

Den Sauerstoffwagen hinter sich herzerrend, die Kippe im Mundwinkel, ging sie hinaus und knallte die Tür hinter sich zu.

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19 декабря 2025
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204 стр. 7 иллюстраций
ISBN:
9783037638057
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