Читать книгу: «Hisian - Land der Sehnsucht»
Andrea Zaia
HISIAN
LAND DER SEHNSUCHT
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
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Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Der Sturz
Besondere Gespräche
Die Zeit
Der Urgroßvater
Heißes Wasser
Der Unfalltraum
Familiensachen
Himmelsschlüssel
Der Garten
Kindergarten
Maliguvu
Im Tierpark
Hohe Zeiten
Das Hochzeitsspiel
Fahrradfahren
Mondhelle Nächte
Schuleinführung
Familienereignisse
Ingermann-Technik
Ferien
Quarantäne
Ferien
Brand
Die Schafe
Zeit für Veränderung
Worterklärungen
Der Sturz
Amelie war mit den Mädchen ihres Alters im Dorf unterwegs. Sie entdeckten den Ort auf ihre eigene Weise. Was verboten war, wurde interessant für sie. Die Gespräche über das Gebäude, das für alle Kinder verboten war, wurden immer hitziger. Durch ihre Neugier und die scheinbare Sicherheit in der Gemeinschaft überwanden sie alle Bedenken. Amelie ging mit den Mädchen zu dem Gebäude am Rande des Dorfes. Dorthin zu gehen hatten auch ihre Eltern streng verboten. Das mulmige Gefühl in ihrem Bauch sagte ihr zwar, dass sie lieber nicht mit den Mädchen gehen sollte. Doch sie schob das Gefühl einfach weg, denn sie wollte unbedingt dazu gehören. An diesem Tag durfte sie dabei sein und das war es wert. Sie schob dieses dumme Gefühl weg, denn es erinnerte sie an das Stechen in ihrem Bauch, wenn sie zu den Mädchen kam und diese ihr Gespräch unterbrachen. Dieses Stechen war viel schmerzhafter als die Gewissensbisse jetzt, die sich leicht wegschieben ließen.
Als sie dann vor dem verbotenen Gebäude standen schlug eine Welle des Unbehagens über Amelie hinweg. Doch sie schob auch das Unbehagen beiseite.
Sie wollte mit den Mädchen spielen, so unbeschwert wie möglich. Was nützte ihr die Überzeugung nicht zu ihnen zu gehören? Diese Überzeugung hinderte sie nur daran etwas Aufregendes zu erleben.
Und Amelie wollte dazu gehören und etwas erleben. Deshalb siegte an diesem Tag ihr Wagemut.
Als die Mädchen das verbotene Gebäude umrundeten, entdeckten sie an der Rückseite eine offenstehende Tür. Mit einem mulmigen Gefühl, das von ihrem Bauch aufstieg, ging Amelie mit den anderen Mädchen dort hinein.
Drinnen war es stockdunkel, grauslich und zugleich faszinierend. Für Amelie hatte sich mit Betreten des dunklen Raumes alles geändert. In dem Augenblick in dem sie die Dunkelheit betrat, war sie nicht mehr sie selbst. Sie hatte alle Warnungen ihres Wesens beiseite geschoben und so konnte sie sich nun der Faszination, die sie mit voller Wucht traf, nicht mehr entziehen.
Amelie war wie entrückt und wurde gleichzeitig wie magisch in die Dunkelheit gezogen. Das Gefühl in ihrem Bauch hatte sich total verändert. Der Schmerz war verschwunden. Dafür breitete sich eine heiße Welle von ihrem Bauch bis zu ihrem Kopf aus. Sie war vollkommen eingenommen von dieser heißen Welle. Amelie folgte ihrem Gefühl ohne nachzudenken. Sie wurde magisch angezogen. Was sie anzog war ihr überhaupt nicht klar. Sie musste einfach weiter gehen, immer weiter.
Die anderen Mädchen riefen, sie solle zurückkommen.
Amelie hörte sie wie durch einen Nebel aus weiter Ferne. Irgendetwas in der Dunkelheit war stärker als die Rufe der Mädchen.
Voll auf die Dunkelheit konzentriert, war sie nun nicht mehr aufzuhalten.
Sie spürte genau an diesem Ort weitete sich ihre Welt. Sie wurde tatsächlich weiter, größer, ja interessanter. Obwohl vor ihr diese beängstigende Dunkelheit auf sie wartete.
Eine Stimme in ihrem Kopf flüsterte: „Geh weiter!“
Amelie tastete sich wie eine Schlafwandlerin vorwärts in das Dunkel.
Die Dunkelheit schreckte sie und zog sie gleichzeitig magisch an.
Die anderen Mädchen riefen immer noch.
Amelie ging weiter, sie war vollkommen entrückt.
Ihre tastenden Schritte veränderten sich mit jedem Zentimeter, den sie in die Dunkelheit hinein ging. Festen Schrittes ging sie weiter und plötzlich trat sie ins Leere.
Sie fiel und das Gefühl in ihrem Bauch sagte ihr: „Hier ist etwas ganz und gar nicht in Ordnung!“
Im Fallen dachte sie: Ich schwebe!
Ihr Gefühl veränderte sich unterwegs wieder einmal. Sie spürte eine Leichtigkeit, die sofort ihren Bauch entlastete. Der Schmerz war verschwunden.
Und plötzlich wusste sie, sie würde ankommen.
Wo sie ankommen würde, war in diesem Moment total unwichtig. Das wohlige Gefühl in ihrem Bauch gab ihr eine Ahnung von einer Sicherheit, die sie nicht kannte. Sie war gefasst, obwohl sie fiel. Diese innere Ruhe befreite ihren Kopf von den Nebelschwaden, die sich beim Betreten des dunklen Gebäudes dort ausgebreitet hatten.
Es war finster um sie herum und sie spürte trotzdem überhaupt keine Angst.
Sie war geborgen!
Sie war nicht allein!
Das wurde ihr unterwegs in die Tiefe klar. Etwas Überirdisches hatte sie ergriffen. Sie war selbst in dieser unheimlichen Dunkelheit und im Fallen geborgen von einer unsichtbaren Hand.
Kein Schrei entschlüpfte ihrem Mund. Das Gefühl der Sicherheit in ihr wuchs und wurde zur Gewissheit. Sie würde ankommen und geborgen sein …
Mit dieser Überzeugung erschien ihr die Dunkelheit plötzlich nicht mehr bedrohlich. Oder war es nun nicht mehr so dunkel?
Die Dunkelheit war als sie aufgefangen wurde, verschwunden und Amelie schien angekommen zu sein. Sie fühlte es genau. Hier war die Heimat ihres Herzens.
Wie war das möglich?
Sie war doch in die Tiefe gestürzt.
Ihr musste doch etwas wehtun!
So etwas gab es doch überhaupt nicht.
Die Gedanken wirbelten nur so in ihrem Kopf herum.
Amelie schüttelte die chaotischen Gedanken ab. Eigenartig, wie leicht ihr das an diesem Ort gelang. Das Denken war nicht ausgesetzt durch den Sturz. Sie konnte, nach einem kurzen Augenblick der Verwirrung ganz normal denken.
„Wo bin ich?“ Dieser Gedanke beherrschte nun ihr ganzes Sein.
Was geschah nur mit ihr?
Wieso war sie an diesem wundervollen Ort?
Das war für Amelie überhaupt keine Frage. Für sie stand fest, dieser Ort war wundervoll!
Sie versuchte es noch einmal mit der drängendsten Frage.
„Wo bin ich?“ Diese Frage wiederholte sie eingenommen von dem Gefühl, das sich bei ihrer Ankunft eingestellt hatte.
Sie bekam keine Antwort und ging weiter. In diesem Land ging sie nicht. Das bemerkte sie als sie nach unten sah. Amelie schien einige Zentimeter über dem Boden entlang zu gehen.
Als ihr klar wurde, dass sie überhaupt keinen festen Boden unter den Füßen hatte, erschrak sie ein wenig. Diese Schrecksekunde wurde sofort von einem heißen Schwall tief unten aus ihrem Bauch heraus begleitet. Sofort war sie wieder beruhigt. In dieser Gegend schien sie nichts schrecken zu können.
Doch ihre drängende Frage war immer noch nicht beantwortet. Wo war sie hier eigentlich hingekommen?
Amelie wurde ziemlich mulmig zumute. In ihrem Bauch rumorte es ganz gewaltig und die Frage wurde immer drängender.
Bin ich hier ganz allein? Amelies Bauch hatte sich bei diesen Gedanken wieder einmal gemeldet. Der beruhigende, heiße Schwall war dieses Mal ausgeblieben.
Warum, verflixt noch einmal, kam denn niemand?
Sie war doch noch ein kleines Mädchen und konnte nicht allein in dieser fremden Umgebung bleiben.
Ein Kind brauchte Begleitung. Erst recht in einer fremden Welt.
Amelie wollte an diesem Ort nicht allein sein. Ganz bestimmt nicht. Allein in einem fremden Land fand sie sich doch nicht zurecht. Das war nicht ihr Dorf, in dem sie sich auskannte. Obwohl sie gerade noch in dem verbotenen Gebäude am Rande des Dorfes gewesen war, wusste sie genau, dass sie nicht mehr dort sein konnte.
Als der Druck in ihrem Bauch ziemlich schmerzhaft wurde, erschien als wäre sie aus dem Boden gewachsen eine beeindruckende Frau.
Diese imposante Erscheinung ließ allen Schmerz und das Gefühl von Verlassenheit vergehen.
Die Duse gehörte von diesem Moment an zu Amelies Leben. Ihre drängenden Fragen hatten Gehör gefunden.
Sie war in diesem Land nicht allein.
Sie wurde begleitet, wie sie es sich gewünscht hatte.
Nun verflüchtigte sich der Nebel um sie herum langsam und sie konnte so die Duse deutlich sehen. Wenn sie sich nicht so allein gefühlt hätte, wäre sie sicher vor dieser furchteinflößenden Erscheinung davon gerannt. Aber in dieser unsagbaren Welt war Amelie froh, dass jemand auftauchte, der nur annähernd aussah wie ein Mensch. Denn die Duse sah natürlich nicht aus wie die Menschen, die Amelie bis dahin kennengelernt hatte.
Die Duse schwebte vor ihr und ließ ihr Zeit, sie eingehend zu betrachten. Amelie konnte erkennen, dass die Duse weißes langes Haar hatte, das ihr bis zu den Knien reichte.
Sie trug keinen Zopf und die Haare störten sie trotzdem nicht. Das war ein Phänomen, das Amelie immer wieder begeisterte. Wie konnten die Haare so lang herunterhängen und doch jede Bewegung elastisch begleiten. Ein wundervoller Anblick, an dem sich Amelie auch später nie satt sehen konnte.
Als sie zur Duse hinüberschaute, blickte sie direkt in deren grüne Augen. Das Lächeln auf ihrem Gesicht beruhigte sie sofort.
Anders kannte sie die Duse bis heute nicht. Wenn sie schon einmal streng sein musste, lächelte sie nach einer Lektion die mulmigen Gefühle in Amelies Bauch einfach weg. Das war wohltuend und stärkend.
Ob die Duse schön war, konnte Amelie nicht sagen. Sie war einfach eine alte Frau, mit einem merkwürdig durchscheinenden Leib, der von einem wunderschönen Kleid umhüllt war.
Das Kleid der Duse hinterließ bei Amelie einen besonderen Eindruck, denn sie konnte es mit keinem Kleid vergleichen, das sie jemals zu Hause gesehen hatte. Das Gewand, das in vielen Falten an ihr herunterfiel, war wunderschön. Solche Kleider hatte Amelie manchmal an griechischen Statuen gesehen.
Wo nahm sie nur dieses Wissen her?
Hatte sie überhaupt schon eine griechische Statue gesehen?
Wie kam sie nur darauf?
Diese Gedanken waren durch ihren Sinn geschwebt. Doch in diesem Augenblick, an dem unbekannten, nebelverhangenen Ort waren sie überhaupt nicht wichtig! Amelie rief sich selbst zur Ordnung und wandte sich in Gedanken wieder dem Kleid der Duse zu. Komisch fand sie, dass die Duse so lange Amelie sie kannte, noch nie auf ihr Kleid getreten war. Das lag wohl daran, dass sie schwebte. Sie glitt vorwärts; ja alles an der Duse sah leicht und locker aus. So als wäre sie schwerelos. Es war einfach wunderbar, denn mit der Duse gemeinsam konnte Amelie schwerelos durch die Luft schweben. Nach diesem Gefühl der Freiheit und des Losgelöstseins von der Welt könnte sie regelrecht süchtig werden.
Sie war schon wieder abgeschweift. Das sie aber auch nie etwas zu Ende denken konnte.
Wie war das noch?
Amelie konnte an diesem Ort einfach nicht verhindern, dass sie ihren Gefühlen mehr Platz einräumte als dem, was sie direkt vor sich sehen konnte. Sie hatte doch das Aussehen der Duse beschreiben wollen. Warum gelang ihr das nicht. In diesem Land der übermächtigen Gefühle schaffte sie es einfach nicht vernünftig zu Ende zu denken.
Sie konzentrierte sich also mit all ihrer Kraft auf das Aussehen der Duse. Was sie sah war etwas verwirrend. Sie sah genauer hin und doch war es schwer, das Gesicht der Duse zu beschreiben. Irgendwie war es einfach liebevoll und gleichzeitig streng, nicht so wie das Gesicht eines Menschen aber trotzdem so ähnlich.
Nase, Mund, Augen und Ohren waren vorhanden. Und wiederum doch nicht so richtig. Das Gesicht sah aus, als wäre eine Rauchschwade davor gezogen und wollte es so verdecken. Deshalb konnte Amelie im Gesicht der Duse keine einzige Falte sehen. Komisch, wieso wusste Amelie dann dass die Duse uralt war?
Vielleicht, weil die Duse Amelie alle Fragen beantworten konnte. Gerade die Fragen, die ihr Mutter und Vater nie beantworteten. Sie suchten bei Amelies gefühlsbetonten Fragen immer wieder nach Ausflüchten.
Mit der Duse war das ganz anders, denn wie die Duse erklärte, war spannend und wunderbar. Sie suchte für Amelie immer etwas aus, das gerade zu ihrem Gefühl passte.
Amelie konnte die Duse nicht immer sehen und doch war die Duse auf allen ihren Reisen bei ihr. Sie war in ihrem Land Hisian nie allein!
Woher wusste Amelie, dass dieses Land Hisian hieß?
Wie kam sie darauf? Niemand hatte ihr gesagt, dass es so hieß. Wie war es möglich, dass sie das Land einfach Hisian nannte?
Sie würde sicher erfahren ob sie richtig lag. Die Duse war bei ihr, ihr konnte nichts mehr geschehen. Amelie war sich ganz sicher, dass sie in Hisian richtig war.
Wortlos nahm die Duse Amelie mit zu einer von gleißendem Licht durchfluteten Wiese. Das Gras war saftig und so grün, dass Amelie ihre Augen nicht abwenden konnte. Sie war mit wundervollen Blumen übersät. Es duftete wunderbar. Amelie schloss die Augen und sog den Duft tief in ihre Lungen ein. Die Wiese wurde von großen Bäumen gesäumt. Die Gefühle, die in ihr aufstiegen, erzeugten sofort eine feste Bindung zu diesem Ort. Wie war das nur möglich? Eigentlich müsste Amelie doch unwahrscheinliche Angst haben. In Hisian, sie benutzte schon wieder dieses Wort, schien für sie alles so selbstverständlich und liebevoll zu sein. Sie fühlte sich vom ersten Moment an heimisch.
Was das nur bedeutete?
Amelie war vollkommen gefangen von dem Ort. Sie würde ihn sicher nie wieder verlassen. An so einem schönen Ort musste ein Mensch einfach bleiben.
Ihre Gedanken wurden unterbrochen als die Duse Amelies Hand nahm und stumm zu den Bäumen hinüber zeigte.
Als Amelie hinüber sah, entdeckte sie am Rand der Wiese ein Reh. Die Duse schwebte mit ihr zu dem Reh hinüber.
Das Reh blieb stehen!
Eigenartig, warum lief es denn nicht weg?
Zu Hause wäre dieses scheue Tier längst im angrenzenden Wald verschwunden.
Die Duse hielt Amelies Hand fester und gemeinsam schwebten sie ganz nah zu dem Reh hinüber.
Amelie schwebte nun direkt vor dem Reh und sah in dessen sanfte Augen. Oh, diese liebevollen Augen. Das hatte sie nicht erwartet. Sie konnte direkt vor dem Reh schweben und in dessen Augen schauen. Der Kloß, der sich sofort in ihrem Hals bildete, erschwerte das Atmen. Sie sah etwas in diesen Augen, das sie tief berührte. Als die Gefühlsregung abgeebbt war besann, sich Amelie. Erst jetzt konnte sie sich wieder auf ihre Umwelt konzentrieren.
Bis zu diesem Augenblick war in dieser unwahrscheinlichen Welt noch kein Wort gesprochen worden. Das schien nicht notwendig zu sein. Scheinbar war es normal, dass zuerst die Gefühle ausgelebt wurden bevor Worte gebraucht wurden.
Amelie war ein Mensch und kam nicht ohne Worte aus. Sie war neugierig. Wie wohl das Reh hieß? Ohne darüber nachzudenken fragte sie das Reh nach seinem Namen.
„Ich bin Maike.“
Amelie war so verblüfft, dass sie nur kurz antworten konnte.
„Das ist aber ein schöner Name.“
Es war einfach toll, dieses Reh konnte mit ihr sprechen. Wer hätte sich so etwas bei ihr zu Hause vorstellen können? Dieses Land hielt scheinbar allerhand Überraschungen für Menschen bereit. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln schwebte Amelie neben Maike und der Duse weiter über die wunderschöne Blumenwiese. Ein angenehmer Duft umspielte die Drei und so kamen sie zu einem Bach, dessen glasklares Wasser um große, runde Steine floss.
Die Duse setzte sich auf einen Stein, der am Ufer des Baches lag. Sie schaute Amelie tief in die Augen. Ihre wohltuende Stimme löste in dem Mädchen ein unbeschreibliches Gefühl aus.
„Ich bin die Duse.“
Diese vier Worte klangen in Amelies Ohren wie Musik. Als hätte sie bis heute auf diese Worte gewartet, so fühlte sie sich in dem Augenblick.
Die Duse streckte ihre Hand einladend nach Amelie aus. Die Stimme der Duse hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Amelie sank ohne Scheu in die Arme der Duse. Sie schmiegte sich sogar voll Vertrauen hinein. Von diesem übermächtigen Gefühl getragen hatte sie nicht einen Augenblick überlegt. Als sie auf dem Schoß der Duse saß, verändertes sich ihr Gefühl grundlegend. In ihr Inneres kehrte eine Ruhe ein, die sie noch nie in ihrem Leben gespürt hatte. Ihr Kopf wurde klar und ihr Blick weitete sich. Die Farben ihrer Umgebung wurden noch intensiver als zuvor. Nun war Amelie in der Lage den Erklärungen der Duse ruhig und verständig zu folgen.
Die Duse erklärte ihr, dass sie nun in ihrem Land Hisian angekommen sei. Hier sei Amelie immer in Sicherheit, wenn die Welt für sie gefährlich, traurig, schmerzvoll oder auch beängstigend würde.
Amelie war wie elektrisiert.
Dieses Land heißt Hisian!
Das habe ich gewusst.
Woher?
Diese Gedanken schwebten unwillkürlich durch ihren Kopf und die Antwort auf ihre Frage ließ nicht lange auf sich warten.
„Jeder Mensch, der uns besucht, weiß, dass dies sein Hisian ist. Das Land, in dem alle Gefühle sein dürfen. In dem ein Kind seine Phantasie bestätigt bekommt. In Hisian erhältst du auf alle deine Fragen zu deinen Gefühlen eine Antwort. Wenn du eines Tages alles über die Welt und die Menschen gelernt hast, dann wirst du für immer in deinem Hisian einkehren.
Du wirst hier leben ohne Herzweh und alle peinigenden Gefühle der Welt. Niemand wird unfreundlich, gemein, neidisch, ungerecht, achtlos oder gar böse zu dir sein.
Ich bin in deinem Hisian für dich Begleiterin und Beschützerin. Ich werde dich zu Plätzen führen, die dir erklären warum die Menschen so sind wie sie sind und warum du auf der Erde bist.
Du, mein liebes Kind, bist ein ganz besonderer Mensch.
Deine Gaben müssen jetzt noch verborgen bleiben. Deine Umwelt ist für so einen Menschen wie dich noch nicht gerüstet.
Du bist zu mir gekommen, damit du in deiner Welt leben kannst und keinen größeren Schaden erleidest.
Die Reisen nach Hisian werden dich schützen und lehren, mit schwer zu verkraftenden Empfindungen umgehen zu können.“
Amelie saß auf dem Schoß der Duse und schaute sie interessiert an. Wie war es nur möglich, dass sie schon kurz nach ihrer Ankunft den Namen dieses Landes gewusst hatte?
Die Duse hob die Hand und strich über Amelies Kopf.
„Du hast eine enge Verbindung hierher. Deshalb hast du dich sofort heimisch gefühlt. Oder hattest du Angst bei deiner Ankunft hier?“
„Ich fühlte mich gut und aufgehoben.“ Amelie blinzelte. Ob sie auch von ihren Befürchtungen allein bleiben zu müssen mit der Duse sprechen konnte? Sie versuchte es einfach. Was sollte ihr hier schon geschehen?
„.Bevor du aufgetaucht bist, war dieses fremde Land schon sehr einsam für mich. Ich bin doch noch ein Kind!“
Die Duse lächelte und schaute zu den Bäumen hinüber.
„Du bist ein wenig zu früh zu uns gekommen. Ich konnte deshalb bei deiner Ankunft nicht sofort hier sein.“
„Ich war sehr unvorsichtig, ich weiß. Alle Gefühle, die mich warnten habe ich weggeschoben. Das war sicher nicht gut.“
„Vor allen Dingen gefährlich. Du bist in die Tiefe gestürzt. Ist dir überhaupt klar was alles hätte geschehen können? Du bist unvorsichtig und leichtsinnig gewesen als du dich auf diese Entdeckungstour eingelassen hast.“
Amelie schlug die Augen nieder. Sie war aber auch dumm gewesen. Ihr Streben nach der Zugehörigkeit zu den anderen Mädchen hatte sie ziemlich in Bedrängnis gebracht.
„Ich war dumm“, gab sie deshalb kleinlaut zu.
„Das ist noch untertrieben. Aber wir wollen uns mit diesen Dingen nicht länger aufhalten. Du bist nun einmal hier und so beginnen wir bereits heute mit deiner ersten Lektion.“
Die Duse schaute Amelie tief in die Augen.
„Die Grundlage des Zusammenlebens von Menschen solltest du zuerst kennen.“
Amelie sah zur Duse auf und wusste sofort, dass sie nun sehr aufmerksam zuhören musste. Mit einem Nicken begann also ihre erste Lektion:
„Die Menschen sind manchmal ohne es zu wollen hart zu dir. Sie sehen dich nicht so, wie du sie. Nicht jeder Mensch hat so ein großes Herz wie du. Jeder ist einmalig und ihr alle habt das Gute und die Liebe in euch. Aber, mein liebes Kind, die anderen Kinder und die Erwachsenen können das Gute manchmal nicht sehen. Sie haben Angst vor der Liebe, denn Liebe erfordert Vertrauen.“
„Wie können Kinder und Erwachsene einem anderen vertrauen, wenn sie sich selbst nicht lieb haben?“
Amelie hatte diese Frage ohne lange darüber nachzudenken ausgesprochen. Wie war sie nur auf diese Frage gekommen? Dieses Hisian schien sie vollkommen verändert zu haben. Sie war gespannt was die Duse weiter zu erzählen hatte. Die Liebe schien in diesem Land eine große Rolle zu spielen. Amelie spürte noch immer die Klarheit in ihrem Kopf. Wie war das nur möglich? Normalerweise schweifte sie ab. Nun hörte sie aufmerksam zu was die Duse weiter zu erzählen hatte.
„Die Liebe zu sich selbst und den anderen Menschen ist die Grundlage des Lebens! Trotzdem vergessen das viele Menschen immer wieder.
Das ist leider immer noch so. Wir haben sehr viel dafür getan, dass sich das ändert.
In Hisian warten alle darauf, dass sich in der Welt der Menschen etwas wandelt. Vielleicht schaffen es die Menschen jetzt.“ Die Duse schmunzelte geheimnisvoll.
Amelie hing wie gebannt an den Lippen dieser Frau. Sie hatte keine Spur von Angst und konnte sich überhaupt nicht erklären wieso das so war. Das Land Hisian war für sie ihre eigene Welt von dem Moment an als sie es erreicht hatte.
Gerade hatte sie diesen schrecklichen Sturz in die dunkle Tiefe erlebt. Nun saß sie hier und lauschte dieser Frau, die über die Liebe sprach.
Eine komische Sache. Doch für Amelie war es das Natürlichste der Welt. Ab heute gehörte die Duse zu ihrem Leben.
Was sie über die Liebe sagte, konnte Amelie in ihrem Herzen aufnehmen und sie würde zu Hause sicher genau spüren, wenn die anderen Mädchen oder die Eltern Angst hatten. So klein Amelie auch war, in Hisian konnte sie ihre Gefühle verstehen und ihre Gefühle machten sie stark und frei.
Wie das zu Hause werden würde, darüber dachte sie jetzt, in dieser wunderbaren Welt nicht nach. Hier war alles leicht und licht für sie.
In Hisian konnte sie sein, mit all ihrem Gefühl und ihrer Unsicherheit, die sie unter den Menschen oft zum Außenseiter werden ließ.
Wie oft hatte sie schon gedacht, dass sie störte. Das sie nicht dazu gehörte. Ja; dass sie anders sei.
In diesem Land verstand sie, dass alle Menschen nach der Liebe suchten und sie nicht fanden, weil sie manchmal schmerzhaft sein konnte. Wer wollte schon gern Schmerzen leiden? Auch Amelie litt nicht gern. Sie war in diesem Gebäude am Rande des Dorfes eingestiegen, um etwas Aufregendes zu erleben. Wie außergewöhnlich dieses Erlebnis werden würde, das hatte sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Das konnte sie doch überhaupt niemanden erzählen. Bei diesem Gedanken schaute Amelie zur Duse hinauf. Auf deren Gesicht ein beruhigendes Lächeln schwebte.
„Ich bringe dich jetzt zurück nach Hause. Für dich ist die Zeit für immer hier zu bleiben noch lange nicht gekommen.
Doch sei gewiss; ich werde dich in deinen schlimmsten Tagen begleiten und immer dann zu dir kommen, wenn eine neue Lektion für dich vorgesehen ist.
Nun wirst du alles vergessen, was du hier gehört und gesehen hast. Du wirst in deiner Welt unverletzt aufwachen.“
„Wie ist das möglich? Ich bin doch in die Tiefe gestürzt.“ Amelie staunte, denn sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wie das sein konnte. Sie sollte unverletzt zu Hause ankommen?
„In Hisian ist alles möglich. Es kommt nur darauf an ob es vorgesehen ist. Du wirst also völlig unversehrt zu Hause ankommen. Warum das so ist, wirst du erfahren, wenn die Zeit dafür gekommen ist.“
Der Gesichtsausdruck der Duse verbot jede weitere Frage. Sie schob Amelie von ihrem Schoß und im nächsten Augenblick schwebten sie gemeinsam mit Maike in die Höhe. Maike leckte noch einmal kurz über Amelies rechte Hand und verschwand. Die Duse strich über ihre Schulter und entschwebte ebenfalls.
Kaum waren diese Bilder verschwunden, kam das Bewusstsein wieder zu Amelie zurück. Sie öffnete langsam ihre Augen. Sie schien in kalter Dunkelheit gefangen. Gerade wollte sie schreien, als sie in der Nähe einen Lichtstrahl erblickte. Der Lichtstrahl wurde breiter und breiter. Voll Erleichterung entdeckte Amelie in diesem Licht einen Schatten. Sie spürte keine Angst. Voll Vertrauen schaute sie hinüber zum Licht. Endlich, als der Lichtsschein breit genug war, entdeckte sie in ihm eine Gestalt.
Die Gestalt im Licht machte ihr klar: Sie war nicht allein in diesem dunklen Gebäude. Ihre Rettung nahte!
Der Mensch im Licht war nicht so groß wie ihr Vater. Ein Junge aus dem Dorf hatte sie gefunden. Amelie fiel ein Stein vom Herzen. Was wäre geschehen, wenn das Tor verschlossen geblieben wäre? Sie wäre dazu verdammt gewesen in der Dunkelheit auszuharren. Wie schrecklich! Eine grausige Vorstellung. Ihr Hals war so trocken, dass sie nur sehr leise rufen konnte.
„Hilfe!, Hilfe!“ Amelie spürte den Schmerz in ihrem Hals als sie die Worte über die Lippen hauchte. Würde der Junge sie hören können? Sie bangte nur kurz. Der Junge hatte sie rufen hören und kam näher.
Nick, so hieß der Junge fragte sie, was geschehen sei.
Amelie konnte sich nicht erinnern. Hatte sie Angst gehabt oder wurde sie wie magisch von der Dunkelheit angezogen?
Sie konnte sich einfach nicht mehr an alles erinnern.
Wie war sie nur hier unten hingekommen?
Der Beton unter ihr war kalt und hart. Alles um sie herum fühlte sich bedrohlich an. Doch ihr Gefühl sagte ihr, dass sie wohlbehalten und gesund war. In ihrem Inneren war sie aufgewühlt.
Wo war sie nur gewesen?
Nachdenken half nicht. Sie konnte sich einfach nicht erinnern was geschehen war. Ihre Erinnerung endete in dem Augenblick in dem sie den Fuß über die Kante setzte und ein unbeschreibliches Gefühl in ihrem Bauch ihren Sturz begleitete. An diesen Augenblick wollte sie sich lieber nicht erinnern und auch nicht darüber nachdenken was ihre Eltern zu ihrem wagemutigen Ausflug sagen würden.
Nick reichte ihr die Hand, damit sie aufstehen konnte. Amelie erfasste sie und rappelte sich auf. Sie fragte Nick nach den anderen Mädchen, die mit ihr in dieses verbotene Gebäude gestiegen waren. Von anderen Mädchen wusste Nick nichts. Er hatte auf dem Weg hierher niemanden getroffen. Kopfschüttelnd schaute er sich dieses unvorsichtige Mädchen an. Er konnte sich nicht vorstellen, dass auch andere kleine Mädchen so unvorsichtig waren. Nicht einmal er hätte sich allein in dieses dunkle Gebäude gewagt und er war schließlich ein Junge. Was fiel diesem Mädchen nur ein in das Gebäude einzusteigen, das für alle Kinder des Dorfes tabu war? Nur gut, dass er vorbei gekommen war. Ein unbestimmtes Gefühl hatte ihn dazu veranlasst hinter dem großen Tor nachzusehen. Wenn das Tor abgeschlossen gewesen wäre, hätte niemand dieses unvorsichtige Mädchen finden können. Das hätte eine qualvolle Nacht für sie werden können. Schließlich war es jetzt schon später Nachmittag. Nick war froh seinem Gefühl gefolgt zu sein. Als er Amelie genauer ansah, bemerkte er, dass sie fror. Er war sich nicht sicher was er tun sollte. Nick atmete tief durch. Nun musste er dieses unvorsichtige Kind zu ihren Eltern bringen. Also fragte er nach Amelies Namen und dem Haus in dem sie wohnte. Amelie nannte ihren Namen und Nick wusste sofort wo sie wohnte. In dem kleinen Dorf kannten sogar die Kinder alle Bewohner.
Als Amelie mit Nick gemeinsam in die Gasse einbog in der sie wohnte, überfiel sie eine Welle der Erleichterung. Am Ende der Straße, direkt neben dem Bauernhaus ihrer Eltern, leuchteten ihr die Flügel der Mühle entgegen. Manchmal wirkten sie bedrohlich. Wenn sie in der Dämmerung zu ihnen hinüberschaute, dann wirkten sie fast wie ein riesiger Drache. Amelie überlegte in solchen Momenten ob bei der Mühle einmal schaurige Dinge geschehen waren. Ein Frösteln von ihrem Inneren ausgehend, schüttelte sie bei diesen Gedanken. Wahrscheinlich hatte dieses Frösteln etwas zu bedeuten. Amelie wollte auf dem Weg nach Hause nicht weiter darüber nachdenken. Sie wollte diese Kälte abschütteln und schaute deshalb zur Sonne hinauf. Sofort veränderte sich ihr Gefühl. Ein heller Sonnenstrahl streifte einen Flügel der Mühle. In der Sonne schien die Mühle wie zur Abwehr von unheimlichen Wesen und Gedanken geschaffen zu sein. Die großen Flügel knarrten leise im Wind und wirkten jetzt auf Amelie wie schützende Arme.
Gerade hüpfte sie über eine kleine Pfütze auf ihrem Weg. Das weckte die Erinnerung an die Spiele nach einem Regen. Wenn die Kinder mit ihren Gummistiefeln über die Pfützen Weitspringen spielten. Amelie fand am Pfützenweitspringen großes Vergnügen. Die Straßen in ihrem Dorf waren unbefestigt und deshalb für diese Spiele sehr gut geeignet. Die nassen Kleider waren ein kleines Problem. Die Mutter schaute nicht erfreut, wenn Amelie nach einem Regenguss mit Gummistiefeln bekleidet auf die Straße ging. Sie wusste nach diesen Spielen kam sie als Dreckspatz nach Hause. Nick hatte im Augenblick des Sprungs über die Pfütze fester zugefasst. Amelie verkniff sich einen Aufschrei. Sie wollte ihren Retter ganz sicher nicht ärgern. Was hätte sie schon davon? Die Pfütze war einfach zu verlockend gewesen. Sie musste darüber springen.
Als sie zum Ende der Straße sah, hüpfte ihr Herz ein wenig. Sie schaute direkt auf ihr Elternhaus. Das Haus war über hundert Jahre alt und befand sich am Ende der engen Gasse. Viele Jahre war ihr Elternhaus das höchste in der Straße gewesen. Deshalb schlich sich Amelie manchmal auf den Dachboden, um am Giebelfenster weit hinaus in die schöne hügelige Landschaft zu schauen. Sie schaute hinaus auf Wälder, Wiesen, einen Teich und einen hohen Berg. In ihre Betrachtungen versunken schaute sie sehnsüchtig zu dem Berg hinüber. Er war sehr weit entfernt. Auf dem sicheren Dachboden überlegte Amelie manchmal ob sie zu diesem Berg wandern sollte. Er war sehr weit weg. Sie wäre sicher mehrere Tage unterwegs. In ihrem Bauch rumorte es schon wieder mächtig. Wo sollte sie bleiben, wenn es dunkel geworden war? Die Vorstellung auch die Nächte unterwegs sein zu müssen, brachte Amelie von dem Gedanken ab auf den Berg zu wandern. So in Gedanken versunken ging sie an Nicks Hand weiter.
In Gedanken versunken erreichte Nick mit Amelie das Haus ihrer Eltern. Er erzählte schnell wo er sie gefunden hatte.
Amelie schämte sich sehr. Wieso war sie nur so unvorsichtig gewesen? Was hatte sie sich nur dabei gedacht in dieses Gebäude einzusteigen und dann auch noch allein hinein zu gehen? Sie konnte sich selbst nicht mehr verstehen. Vorsichtig schaute sie in das Gesicht der Mutter. Was sie sah gefiel ihr überhaupt nicht. Die Mutter schaute fragend zu ihr herüber. Amelie spürte bei diesem Blick sofort einen Stich in ihrer Magengegend. Gerade als ihr übel zu werden drohte, gähnte sie herzhaft. Sie war von ihrer furchtbaren Verfehlung todmüde geworden. Plötzlich fühlte sie sich völlig kraftlos. Mit einem Ziehen in ihrem Bauch erinnerte sie sich an den Sturz in die Tiefe. Das schlechte Gewissen plagte sie fürchterlich. Was war ihr nur eingefallen einfach in dem verbotenen Gebäude in die Dunkelheit zu laufen?
Die Eltern schauten sie besorgt an und schickten sie, als sich schon wieder ein herzhaftes Gähnen auf ihr Gesicht schlich, in ihr Bett.Vollkommen matt fiel sie in ihr Bett und schlief ein.
Am folgenden Tag fragten sie die Eltern genauer was geschehen sei. Amelie konnte nur erzählen, dass sie ins Dunkel gestürzt sei. An etwas anderes konnte sie sich nicht erinnern.
Die anderen Mädchen, das erfuhr Amelie nun, waren schnell nach Hause gelaufen. Ohne Hilfe zu holen!
Sie hatten sich allesamt aus Angst vor Strafe zu Hause verschanzt.
Amelie hätte an diesem Tag leicht ihr Leben verlieren können. Sie war allein in dem für alle Kinder verbotenen Gebäude zurück geblieben. Der Eingang auf der Rückseite war normalerweise verschlossen.
An diesem Tag wurde die offene Tür für Amelie zum Verhängnis, denn sie stürzte vier Meter in die Tiefe.
Das Erstaunliche an dem Unfall war, dass sie nicht einmal eine Schramme davon getragen hatte. Alle in der Familie waren froh, dass nicht mehr passiert war und Amelie fühlte, dass sie den anderen Mädchen nicht böse sein durfte. Sie hatten Angst gehabt und sich deshalb nicht getraut, ihr zu helfen. Sie wusste nicht, warum das so klar für sie war. Aber sie fand es gut und konnte ihnen deshalb verzeihen.
Die Mädchen redeten kein Wort von den Spielen in dem dunklen, verbotenen Gebäude mit ihr. Das war für Amelie sehr seltsam. Sie konnte dieses Verhalten nicht verstehen. Wenn sie sich vorstellte, welche Gefühle sie geschüttelt hätten, konnte sie die Mädchen erst recht nicht verstehen. Ihr Gewissen hätte ihr keine Ruhe gelassen. Mit Sicherheit hätte sie nächtelang schlecht geschlafen. Wenn das Gewissen sie plagte, dann konnte das Amelie in ihre Träume verfolgen. Das war furchtbar.
Das Ziehen im Bauch, weil sie ein anderes Kind im Stich gelassen hatte, wollte sie sich überhaupt nicht vorstellen. Schrecklich, das wäre nichts für ihre empfindsame Seele. Sie verstand die anderen Mädchen nicht.
Besondere Gespräche
Franz, Amelies Bruder, war nicht viel jünger als sie selbst. Er wurde kurz nach ihr geboren. Vom Augenblick seiner Geburt an war Amelie die Große und würde es immer bleiben.
Sie liebte Franz über alles.
Franz wirkte durch sein rundes Gesicht freundlich. Wenn er Amelie ansah, strahlten seine Augen und trafen sie so mitten ins Herz.
Sie beide sahen sich sehr ähnlich. Das wusste Amelie von der Nachbarin, weil diese sagte: „Man sieht sofort, dass ihr beide Geschwister seid.“
Vielleicht lag das daran, dass Franz genauso schwarze Haare hatte wie Amelie.
Franz Nase war klein. Amelie fand sie wunderschön. Ob ihre eigene Nase auch so schön war? Wenn die Nachbarin sagte, dass Amelie so aussah wie Franz, müsste das wohl so sein.
Ihre Augen waren jedoch völlig unterschiedlich. Franz Augen glänzten blau wie Bergseen in der Morgensonne und Amelie hatte Augen, die sich verwandeln konnten. Das sagte die Oma, wenn sie Amelie wieder einmal das Gesicht wusch. Ihre Augen konnten von grün zu braun wechseln und umgekehrt. Das sah sicher interessant aus.
Viel hübscher als heute fand Amelie sich auf den Fotos als sie ein Jahr alt war. Franz war noch nicht auf der Welt als diese Fotos gemacht wurden. Amelies Kopf schmückte eine wunderschöne Lockenpracht. Leider verschwand die Pracht, als die Haare zum ersten Mal geschnitten wurden. Amelie musste an einen Engel denken, wenn sie die Bilder anschaute.
Manchmal dachte sie beim Anschauen der Bilder auch an Tante Monika, die mit fünf Jahren gestorben war. Die traurige Geschichte von ihrem frühen Tod kannte Amelie von der Oma und der Mutter. Eigenartig war, dass Amelie die Tante nie kennengelernt hatte und doch liebt sie diese unbekannte Tante ganz besonders. Die Bilder von dem lächelnden, lockengeschmückten Mädchen hatten bei ihr einen starken Eindruck hinterlassen. Das Herz tat ihr bei der Betrachtung des Bildes weh und dieser Schmerz hatte sich tief in ihr manifestiert. Tante Monika war wunderschön. Genauso wie Amelie als Einjährige.
Das Gefühl in ihrem Bauch sagte ihr, dass es in Ordnung war, so ein engelsgleiches Wesen wie Tante Monika zu lieben.
Konnte sie sich wirklich auf ihre Gefühle verlassen? Amelie zweifelte manchmal daran, denn ihr Bauch war ganz besonders empfindlich.
Konnte sie sich auf das Gefühl in ihrem empfindlichen Bauch verlassen?
Die Erwachsenen sagten meist: „Was du in deinem Bauch spürst, hat nichts mit dem zu tun, was wir erleben und sehen. Du kannst doch die Gefühle in deinem Bauch nicht ernst nehmen. Das ist Quatsch!“
Irgendwie fand es Amelie schwierig, die Gefühle in ihrem Bauch als Quatsch anzusehen. Der Bauch gehörte doch zu ihr, denn sie konnte ihn sogar anfassen. Was man anfassen konnte, war doch auch wichtig.
Jedenfalls hatte der Vater sie neulich gewarnt, als sie an den heißen Ofen fassen wollte.
„Das ist heiß und tut weh an der Hand.“
Schmerzen sind Gefühle und in diesem Fall kamen die Gefühle vom heißen Ofen. Und den Ofen konnte Amelie anfassen, genauso wie ihren Bauch.
Oder gab es da einen Unterschied? So richtig begriffen hatte Amelie den Unterschied zwischen dem Bauch und dem Ofen noch nicht.
Daran konnte sie nichts ändern. Obwohl ihr der Zusammenhang zwischen Gefühlen und anfassen noch immer nicht klar war, wusste sie, die Dinge waren so, wie der Vater es sagte.
Er musste es wissen, denn er war erwachsen!
Manchmal leuchteten die Erklärungen der Erwachsenen Amelie einfach nicht ein. Der Bauch mit seinen komischen Empfindungen war jedenfalls für sie wichtig! Gerade wenn sie jemanden lieb hatte, wie ihren Bruder Franz, dann fand sie ihren Bauch sehr wichtig. Davon erzählte sie lieber niemand etwas, denn sie wusste nicht, ob sie damit richtig lag. Sie wollte einfach ihren Bauch ernst nehmen. Warum, konnte sie sich nicht erklären.
Mit Franz konnte Amelie schmusen, wenn ihr danach war, drückte sie ihn ganz fest. Mit den Eltern ging das irgendwie nicht. Sie waren oft so unnahbar, fast fremd. Der Schmerz in ihrem Bauch sagte Amlie, da stimmte etwas nicht.
Ob das an ihr lag?
Hatte sie etwas falsch gemacht?
Diese Fragen stellte sie sich oft und das Gefühl in ihrem Bauch sagte ihr, dass immer sie die Fehler machte. Sofort wurde ihr übel und in ihrem Bauch rumorte es gewaltig.
Bei Franz war das anders. Er war der Kleine. Er musste Vieles noch lernen. Amelie fand das eigenartig. denn Franz konnte ziemlichen Blödsinn verzapfen. Der dann, so meinte sie, keine Konsequenzen hatte.
Sie erinnerte sich genau. Als Franz noch ziemlich klein war. Ging er im Dorf über die Hauptstraße zu einer Blumenwiese und bestaunte die Blumen eingehend. Ob die Blumen mit ihm gesprochen hatten? Amelie überlegte kurz und schob den Gedanken an sprechende Blumen sofort weit weg. Sie erinnerte sich genau. So etwas konnte es überhaupt nicht geben.
Mutter hatte ihr die Sache vor kurzem erklärt. Sie hatte Amelie nämlich dabei beobachtet, wie sie im Garten mit dem großen Holzapfelbaum redete und ihn fragte, warum seine Äpfel viel zu hart und zu klein seien, um gegessen zu werden. Komisch, Amelie hatte den Eindruck, dass der Baum ihr antwortete. Er hatte ihr erklärt, dass seine Äpfel im Winter gut für die Vögel wären. Sie fanden unter dem Holzapfelbaum Nahrung für den Winter. Dafür waren die Holzäpfel gut, die die Menschen nur ungern aßen. Amelie musste sich wieder einmal geirrt haben. In solchen Angelegenheiten irrte sie sich oft! Die Mutter hatte sie wegen ihres Gesprächs mit dem Holzapfelbaum kopfschüttelnd mit sich gezogen.
„Gegenstände, Pflanzen und Tiere können auf Fragen von Menschen keine Antworten geben.“ Das hatte ihr auch der Vater beim letzten Mal bestätigt, als sie versuchte mit dem Schwein im Koben zu klären, warum es beim Fressen eine solche Riesensauerei veranstaltete.
Also versuchte Amelie keine Gespräche mehr mit Blumen, Bäumen, Tieren oder Fenstern. Nur mit ihrer Puppe redete sie noch, heimlich, wenn niemand etwas davon bemerken konnte!
Was hatte der Vater noch gesagt?
„Das gibt es nur im Märchen!“
Wie konnte sie erfahren, was in Märchen geschah? Ihre Oma war schon lange auf der Welt. Sie musste so etwas wissen. Vielleicht konnte sie Amelie sagen, was sie tun musste, um zu erfahren was in Märchen geschah.
Als sie ihre Oma in einem stillen Moment erwischte, konnte Amelie sie fragen, was in Märchen geschah. Ihre Oma erklärte ihr, dass sie in die Schule gehen müsse, um Lesen zu lernen. Dann könnte sie die Märchen, die in ihrem alten Märchenbuch aufgeschrieben waren, lesen.
Ihre Oma war lieb und gab ihr schon einmal ein dünnes Heft mit vielen bunten Bildern in dem das Märchen von Aschenputtel erzählt wurde. Zum Vorlesen hatte sie leider keine Zeit. Die Kühe im Stall mussten gefüttert und noch viele andere Dinge erledigt werden.
Und so kam es, dass Amelie es sich mit dem Heft hinter dem Haus unter der Mühle bequem machte. Sie betrachtete die Bilder in dem wunderschönen Märchenbuch. Dabei konnte sie herrlich träumen und sich selbst etwas zu den Bildern ausdenken. Dieses Mädchen mit den Holzschuhen und der alten Schürze sollte dasselbe sein, wie das Mädchen in dem wunderbaren weißen Kleid am Ende der Geschichte. Was die schwarzen Dinger unter den Bildern zu bedeuten hatten beschäftigte sie sehr.
Hoffentlich kann ich bald zur Schule gehen, dachte sich Amelie, denn sie hätte sehr gern gewusst, was in dem Heft über das hübsche Mädchen geschrieben stand.
Sie war unvermittelt eingeschlummert. Das Heft hing schlaff in ihrer Hand. Es sah aus, als wollte es jeden Moment abstürzen.
War Amelie wirklich eingeschlafen? Ihr Gefühl sagte ihr etwas völlig anderes. Als sie aufblickte bemerkte sie, dass sie in Hisian war, denn die Duse stand bereits vor ihr. Sie nahm Amelies Hand. „Duse? Woher kenne ich dich?“, fragte Amelie leise.
„Wir kennen uns von deinem letzten Besuch bei mir in Hisian. Heute ist es wieder einmal Zeit für eine neue Lektion.“
„Ich erinnere mich, dich habe ich das letzte Mal auf der Blumenwiese getroffen. Dort habe ich auch Maike, das liebe Reh kennengelernt. Wo ist denn Maike heute?“
„Sie wird gleich kommen. Sei nicht so ungeduldig.
Wir gehen zuerst einmal zu einem Platz, an dem ich dir erzählen kann, was du wissen musst. Die Welten zu verstehen ist nicht einfach.“ Die Duse schien mit sich selbst zu reden. Amelie schwebte neben ihr und verstand nicht so recht warum sie eine Lektion bekommen sollte.
Also schwebte sie neben der Duse gedankenverloren dahin und sie kamen so in einen Wald. Am Waldrand wartete Maike bereits auf sie. Amelie riss sich vor Freude von der Hand der Duse los und schwebte so schnell sie konnte zu dem Reh hinüber.
Sie hatte völlig vergessen, dass ihre Eltern ihr gesagt hatten, dass Tiere nicht sprechen können.
Deshalb fragte sie Maike ganz selbstverständlich: „Wie geht es dir? Wohnst du in diesem Wald?“ Maike wiegte ihren Kopf. „Ich darf mit dir reisen. Das ist wunderschön. In diesem Wald wohne ich nicht. Ich bin hierhergekommen, um in deiner Nähe zu sein.
„Das ist wunderbar. Treffen wir uns nun auf jeder Reise nach Hisian wieder?“ Amelie strich dem Reh vor Freude über den Kopf.
„Nein leider nicht, denn auf anderen Reisen werden dich andere Tiere begleiten, die dir helfen die Welt und die Menschen besser zu verstehen.“ Maike neigte ihren Kopf zu Amelie hin, schmiegte ihn an ihre Schulter, so dass das weiche Fell seine trostvolle Wärme an Amelie weitergeben konnte.
Die Duse hatte Maike und Amelie lächelnd beobachtet und mahnte nun zur Eile.
„Wir müssen weiter, denn es bleibt uns nur wenig Zeit.
Also schwebten sie gemeinsam in den Wald hinein und erreichten so eine kleine Hütte.
„Wer wohnt denn in dieser Hütte?“ Amelie schaute fragend zur Duse hinauf.
„Heute wohne ich hier. Ich kann mit dir zu vielen Plätzen in Hisian gehen. Doch für deine heutige Lektion brauchen wir Bäume und Tiere.
Den ersten Teil der Lektion hast du schon ganz allein gelernt. Du hast bei der Begrüßung mit Maike wie selbstverständlich mit ihr gesprochen - eben wie mit einer Freundin. Die liebe Maike kannst du zu Hause in deinen Träumen rufen, wenn du dich einmal sehr einsam fühlst. Dann wirst du das warme, weiche Fell spüren. Dadurch wird es dir sofort viel besser gehen. Mit Maike kannst du alles besprechen, auch wenn sie dir viele Fragen nicht beantworten und dir nicht helfen kann. Maike ist immer lieb zu dir.
Die Menschen sind manchmal böse zueinander, weil sie es nicht besser wissen. Sie sprechen laut zu dir und in deinem Bauch spürst du ganz genau, dass dir das nicht gut tut. Manchmal merkst du in deinem Bauch ein Ziehen und denkst, das hat mit dir zu tun. Aber, liebe Amelie, dieses Gefühl kommt nicht immer aus dir heraus. Du kannst die bösen Gedanken der Menschen um dich herum spüren.“
Amelies Augen wurden bei den Worten der Duse kugelrund. Das hatte sie noch nie gehört. Böse Gedanken gingen bis in ihren Bauch. Komisch, in Hisian leuchtete ihr das ein. Denn sie konnte die Duse und Maike sprechen hören, obwohl sie ihre Lippen nicht bewegten. Im Lande Hisian wurde kein Laut gesprochen, trotzdem verstand Amelie, was die anderen dachten.
Sie grübelte. Wenn Vater oder Mutter etwas lauter zu ihr sprachen, hatte sie das Gefühl, dass Dolchstiche ihren Bauch durchbohrten. Dieses Gefühl war so unangenehm, dass sie es überhaupt nicht beschreiben mochte. Ihr Bauch war schon sehr empfindsam. Die Mutter hatte neulich gesagt: „Du nimmst deinen Bauch viel zu wichtig“.
Von diesem Moment an war Amelie klar, dass ihr Bauch nur ihr wichtig war. Deshalb hatte sie sich fest vorgenommen, nie, nie wieder über ihren Bauch und das Gefühl darin mit jemandem zu sprechen.
Das war schon seltsam. Am Ende verstanden weder ihre Eltern noch ihre Oma die kleine, von ihrem Gefühl geleitete Amelie.
In Hisian war das anders. Hier war ihr Bauch wichtig und richtig. Eine absonderliche Sache. Wo war eigentlich ihre Heimat? Bei ihren Eltern, Franz und ihrer Oma oder hier in Hisian?
Die Duse lächelte milde. Sie wartete bis Amelie zu Ende gedacht hatte. Dann mahnte sie zur Eile.
„Nun komm mit mir. Wir gehen dort zu der großen uralten Eiche.“
„Die Eiche ist riesig.“, rutschte es Amelie beim Anblick des Baumes heraus. „Sie ist mächtig, so jedenfalls fühle ich das in meinem Bauch.“ Amelie kostete es richtig aus, dass ihr Bauch nun wichtig war. Die Worte sprudelten nur so über ihre Lippen. „Das Grün ihrer Blätter ist so schön, wie der Frühling, wenn er erwacht. Ich fühle mich unter der Eiche wie in die Höhe gehoben.“
„Fühlst du dich dann erhaben?“ Die Duse sah gespannt in Amelies Gesicht. Wie würde das Kind antworten? Welchen Gefühlen hing es nach? Der Duse war wichtig zu erfahren was Amelie dazu sagen würde, denn von ihrer Antwort hing viel ab.
„Ich weiß nicht. Was heißt denn erhaben? Dieses Wort habe ich noch nie gehört.“ Amelies Gesicht sprach Bände, das Unverständnis, das sich auf ihrem Gesicht abzeichnete, freute die Duse sehr. Das Kind war richtig in Hisian. Der Entschluss ihr den Weg hierher zu bahnen war gut gewesen. Über diese Gedanken hatte die Duse fast ihre Erklärung vergessen.
„Erhaben heißt, dass du schwebst, wie wir beide im Lande Hisian. Nicht in Wirklichkeit natürlich, aber irgendwie ist es ein erhebendes Gefühl erhaben zu sein. So ein kleines Stück über den Dingen zu stehen. In dir drin ist alles leicht. Deine Gefühle beschweren dich nicht mehr. Sie machen dich frei. Erhabenheit ist aber auch ein gefährliches Gefühl. Ein Mensch, der damit nicht umgehen kann, wird schnell eingebildet.
Du fühlst jetzt gerade die Güte der Eiche und das erzeugt das Gefühl der Erhabenheit in dir.“
„Ach so ist das. Dann ist mein Empfinden genauso, glaube ich.“
Amelie war nicht ganz sicher, ob sie alles verstanden hatte. Irgendwie waren die Erklärungen der Duse sehr schön. Obwohl sie so anders waren als die, die sie von zu Hause kannte. Das war eine mächtige Umstellung. Hier durfte sie sich unter einem Baum erhaben fühlen, ohne ausgeschimpft zu werden. Eine andere Welt war dieses Hisian. Ein Traum, ein wunderschöner, erlösender Traum, den Amelie nie austräumen wollte.
Hier sollte sie einmal bleiben dürfen. Dieser Gedanke erzeugte ein warmes Gefühl rund um ihr Herz. Oh weh, schon wieder so eine schwierige Sache. Jetzt mischte sich auch noch ihr Herz ein. Darüber wollte Amelie nicht auch noch nachdenken. Denn sie hatte schon genug Scherereien mit ihrem Bauch. Amelie rief sich selbst zur Odrnung, denn die Duse forderte im nächsten Moment all ihre Aufmerksamkeit, Sie erzählte von der Eiche.
„Die Eiche ist über tausend Jahre alt und stand vom ersten Tag an hier.“ Amelie staunte sehr. So alt war die Eiche schon.
„Dann weiß die Eiche sicher viel zu erzählen.“
„Ja, mein liebes Kind. Jede Eiche bei euch kann dir viel erzählen, wenn du mit ihr sprichst. Sie wird dir Trost schenken und deine Worte nach Hisian schicken. Über die Bäume bei dir zu Hause bist du mit Hisian verbunden. Auch wenn du mich und all die schönen Orte in diesem Land vergessen hast.“
„Aber, liebe Duse meine Eltern haben mir gesagt, dass ich mit Tieren und Bäumen nicht reden kann. Sie wachsen zwar und gedeihen, aber wir Menschen verstehen sie nicht. Das gibt es doch nur im Märchen!“
„Dann, liebe Amelie sind wir jetzt im Märchenland. Vielleicht solltest du einmal probieren mit der Eiche zu sprechen?“
Amelie schaute an der Eiche hoch. In ihr stieg ein Gefühl auf, dass ihr sofort klar machte, so groß würde sie selbst bestimmt nie werden. Die Eiche war riesengroß und stand felsenfest verwurzelt im Boden.
Amelie fühlte ein Grummeln in ihrem Bauch als ihr die Frage herausrutschte: „Wie lange stehst du schon hier?“
Die Eiche lächelte. Eigentlich unmöglich. Ein Baum konnte nicht lächeln. Amelie sah jedoch genau , dass die Eiche lächelte. Genau in der Mitte des Stammes erkannte sie das Gesicht der Eiche. Genau dort saß auch das Lächeln, das sie in diesem Moment sah. Gerade als ihre Gedanken spazieren gehen wollten, begrüßte die Eiche Amelie mit ihrer dunklen, freundlichen Stimme:
„Ich stehe schon tausend dreiundfünfzig Jahre an diesem Ort und habe viel Schönes und Trauriges gesehen. Die Ringe in meinem Stamm zählen all die Zeit und dokumentieren gute und schlechte Jahre. Ich bin hoch hinaus gewachsen und kann weit über die Wiesen schauen.“
In Amelies Augen spiegelte sich Erstaunen. Was für eine beruhigende und freundliche Stimme. Sie gab Amelie, da sie sich voll auf ihr Gefühl konzentrierte, eine Vorstellung von Geborgenheit in der Natur. Die große Eiche war in diesen vielen, vielen Jahren stark geworden und hoch gewachsen. Diese Stärke und Größe spürte Amelie körperlich als sie vor diesem imposanten Baum schwebte.
„Wenn man so alt ist wie du, was ist dann am Schönsten?“ Diese Frage stellte sie ohne lange zu überlegen.
Die Eiche schaute ihr freundlich in die Augen. Das Lächeln schien verschwunden zu sein. In der Stimme des Baumes schwang ein Ernst, der Amelie ein Gefühl von Wichtigkeit gab, das sie noch nie gespürt hatte. Schon gar nicht in der Nähe eines so stattlichen Baumes. Sie drohte durch dieses Gefühl schon wieder abzuschweifen. Alle ihre Kräfte aufbietend konzentrierte sie sich auf die Worte der Eiche.
„Am Schönsten ist der Wechsel der Jahreszeiten. Ich freue mich im Frühling, wenn die Blätter meine Äste wieder grün werden lassen. Es ist auch eine große Freude, wenn ich im Herbst dieses lästige Laub wieder loswerden kann. Dann kann ich mich von dem befreien, was nicht mehr stark genug ist, um zu bleiben. Das Wachsen, Werden und Vergehen gehört schließlich zum Kreislauf des Lebens.“
Amelie blieb der Mund offen stehen. Sie hatte nicht erwartet, dass die Eiche genauso einleuchtend erklären konnte wie die Duse. Die Worte, die über ihre Lippen sprudelten kamen tief aus ihrem Inneren.
„Das ist klug und schön zugleich. So habe ich das noch nicht gesehen. Ich fand immer traurig, dass ihr Bäume im Winter so kahl ausseht. Ist es denn nicht sehr kalt ohne deine Blätter?“
„Im Winter bricht für mich die schöne Zeit der Ruhe an. Dann kann ich von der Anstrengung des restlichen Jahres ausruhen. Der Winter gibt mir Gelegenheit, Kraft zu sammeln. Denn ich brauche im Frühjahr viel Kraft, um neue Blätter zu bilden. Im Sommer trage ich Früchte und im Herbst fallen die Früchte und die Blätter von mir ab. So haben alle Jahreszeiten für mich einen Zweck. Ich wachse und konnte so über die vielen Jahrzehnte hinweg ein großer starker Baum werden.“
„Das ist schön. Bist du böse, wenn die Menschen und Tiere deine Früchte und Blätter benutzen?“ Amelie war verlegen bei der Frage, denn auch sie benutzte ganz selbstverständlich die Früchte der Bäume.
Die Eiche schaute das Mädchen verständnislos an. Amelie schien es als würde sie ihren Stamm hin und her wiegen. Als würde die Eiche ihren Stamm schütteln, um so ihrem Unverständnis Ausdruck zu verleihen.
„Nein, ich bin überhaupt nicht böse. Das Wachsen der Früchte und Blätter bekommt durch die Nutzung durch Menschen und Tiere erst einen Sinn. Ich wachse und erlebe manche Überraschung im Laufe der Jahreszeiten. Nie habe ich ein Jahr erlebt, das dem vorherigen glich.“
Im Stamm der Eiche bewegte sich etwas. Plötzlich entdeckte Amelie an der Stelle, an der sie gerade noch meinte das Gesicht der Eiche gesehen zu haben, etwas völlig anderes. Sie zeigte auf die Stelle am Stamm.
„Wer hat denn das Herz dort eingeritzt?“
Die Eiche lächelte.
Amelie fand das eigenartig, gerade noch hatte sie das Herz, das scheinbar Menschen in den Stamm eingeritzt hatten deutlich erkennen können. Jetzt sah sie, wie vorhin als sie sich mit der Eiche unterhielt, eine Nase, einen Mund und Augen. Diese Eiche war ein Phänomen. Geradezu eine Verwandlungskünstlerin. War das, was Amelie sehen konnte wirklich das Gesicht der Eiche?
Die Eiche antwortete auf Amelies gedachte Frage, denn in Hisian wurden alle Gedanken gehört.
„Ich zeige manchen Menschen mein Gesicht dort, wo das Liebespaar vor dreihundert fünfundvierzig Jahren das Herz und seine Namen eingeritzt hat. Das war ein schönes Erlebnis. Der junge Mann sang ein Lied für seine Liebste und ich durfte Zeuge dieser Stunde sein. Die beiden kamen immer wieder zu mir. Sie saßen in meinem Schatten. Später wurden sie ein glückliches Ehepaar. Nach einigen Jahren brachten sie sogar ihre Kinder mit. Das war wunderschön.“
Amelies Augen glänzten träumerisch. Sie konnte diese romantische Geschichte ganz tief in ihrem Herzen einschließen. Die Eiche war eine Zauberin. Sie hatte Amelies Herz gerührt, ganz einfach mit dieser kleinen Geschichte und ihrer ruhigen, tiefen Stimme. Wie angewurzelt und voll auf ihre Gefühle fixiert stand sie vor der Eiche.
Die Duse schwebte heran und mahnte zum Gehen. Sie riet Amelie sich von der Eiche zu verabschieden. Amelie sah auf zum Wipfel des Baumes und fragte schüchtern ob sie den Stamm berühren dürfe. Die Eiche lächelte und gab ihr im Moment der Berührung viel Güte mit auf ihren Weg.
Amelie wurde es augenblicklich warm um ihr Herz. Sie fühlte genau, die Eiche meinte es gut mit ihr.
„Viele gute Begegnungen mit meinen Freunden in deiner Nähe, Amelie.“
Traurig schaute Amelie sich um und winkte, als sie mit der Duse davon schwebte.
Die Duse machte Halt und schaute Amelie ernst ins Gesicht. Sie hatte noch etwas zu erklären, bevor Amelie Hisian wieder verlassen musste.
„Hier hast du erlebt, dass die Menschen etwas von den Pflanzen lernen können. Dein Gefühl, dass Pflanzen dir etwas sagen können, trügt dich also nicht. Du wirst diesen Besuch, Maike, die Eiche und mich zu Hause vergessen haben. Dein Herz wird dich, wenn du traurig und allein bist, daran erinnern. Du wirst uns vergessen. Doch du wirst uns spüren und dich dadurch sicherer fühlen. In deinem Zimmer bist du immer sicher, denn dort wirst du Trost und Ruhe finden.
Wenn du einmal Angst hast oder traurig bist, dann geh in dein Zimmer und kuschle dich tief in dein Bett. Dort bist du uns sehr nah.
Verabschiede dich von Maike, denn wir müssen wieder zurückkehren.“
Amelie schmiegte ihre Wange in Maikes weiches Fell. Sie schaute traurig in die Augen des Rehs. Maikes große braune Augen trösteten sie sofort.
So nahm Amelie nach dieser Stärkung getröstet die Hand der Duse und winkte Maike beim Davon schweben zu.
Sie dachte bei sich: „Tschüss, liebe Maike, ich hab dich sehr lieb. Ich komme bald wieder!“
Mit Tränen in den Augen schwebte Amelie an der Hand der Duse zurück. Am Waldrand angekommen, gab die Duse ihr einen Kuss auf die Nase. Auch ihr fiel heute der Abschied schon schwerer als beim ersten Besuch.
„Wenn du jetzt zu Hause ankommst, wird nicht mehr als eine Minute vergangen sein. Du wirst erwachen und dich nicht an deinen Besuch in Hisian erinnern.“
Die Zeit
Amelie saß versonnen unter der Mühle auf einem großen Stein. Mit dem Heft in der Hand schaute sie plötzlich in die grünen Augen von Nachbars Katze. Sie strich so gern um Amelies Beine. Liebevoll schaute sie zu ihr hinab als sie um ihre Beine strich.
Das Heft mit den Bildern war wunderschön. Amelie wollte so gern darin lesen. Wann würde sie darin lesen können? Sie würde ihre Oma fragen.
Amelie rappelte sich auf und lief hinüber zum Stall. Dort fütterte ihre Oma gerade die Kühe. Sie beantwortete Amelies Frage ohne aufzusehen.
„Alle Kinder kommen mit sechs Jahren in die Schule. Du bist erst vier Jahre alt. In zwei Jahren kommst du wie alle anderen Kinder in die Schule. Dort wirst du lesen lernen.“
„Wie lange sind zwei Jahre, Oma?“ Amelie konnte sich nicht vorstellen, wie lang zwei Jahre waren.
Nachdenklich den Kopf wiegend antwortete ihre Oma.
„Ich bin schon älter als du und habe viel erlebt, deshalb sind für mich zwei Jahre nicht viel. Aber du bist gerade am Anfang deines Lebens und für dich sind zwei Jahre noch sehr lang. Also genieße die Zeit in der du mit deinem Bruder und deinen Freundinnen spielen kannst, dann vergeht die Zeit schneller. Sei fröhlich und sehne nicht Zeiten herbei, die noch nicht angebrochen sind. Das Lernen kann manchmal anstrengend und unangenehm sein. Zur Schule zu gehen ist nicht so lustig, wie mit anderen Kindern zu spielen.“
Ihre Oma versprach noch in ihre Arbeit versunken das Märchen vor dem Abendbrot vorzulesen. Amelie ging zufrieden davon. Sie freute sich schon auf die Märchenstunde am Abend.
Als sie davon ging, spürte sie, dass ihr Gefühl nicht mit dem übereinstimmte, was die Oma ihr über die Zeit gesagt hatte. Sie würde ihren Vater bei Gelegenheit noch einmal danach fragen. Vielleicht hatte er etwas anderes zu sagen.
Amelie vergaß nie etwas, deshalb fragte sie ihren Vater am nächsten Tag:
„Vati, wie lang sind zwei Jahre und wann kann ich endlich zur Schule gehen?“
Der Vater erklärte ihr, dass sie erst vier Jahre alt sei und zwei Jahre wären eine lange Zeit für so ein kleines Mädchen wie sie.
Komisch, dachte Amelie nach dieser Erklärung, mit meinem Gefühl passt das wieder einmal überhaupt nicht zusammen. Ich hätte wetten können ich bin schon uralt.
Von diesem Gefühl erzählte sie später Franz. Er war jedoch noch viel zu klein. Darum konnte er mit den Ideen seiner Schwester wenig anfangen.
Beharrlich, wie Amelie war, musste sie noch jemanden fragen. Also beim nächsten Besuch in der Nachbarschaft fragte sie das große Mädchen, das auf sie achtete, wenn die Eltern auf dem Feld arbeiten mussten.
Sie bekam wieder die Antwort, dass für sie sicher zwei Jahre eine lange Zeit seien. Nun akzeptierte Amelie diese Tatsache. Sie hatte sich wieder einmal geirrt. Das war aber auch eigenartig. Wieso irrte sie sich so oft?
Die Frage nach der Zeit ließ ihr trotz der Erklärungen keine Ruhe. Sie hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmte und konnte es sich überhaupt nicht erklären. Amelie war überhaupt nicht zufrieden. Das machte sie sehr traurig. Am Abend im Bett kuschelte sie sich, wie immer, tief unter die weiche Bettdecke. Sofort spürte sie etwas Warmes und Weiches an ihrer Wange. Die wohlige Wärme stieg ihr bis zum Herzen hinab.
Herrlich, ihre Traurigkeit war sofort verschwunden. Woran das wohl liegen mochte?
Im Hinüberdämmern wurde ein Ton in ihrem Kopf immer lauter.
Ticktack, ticktack. Amelies ganzer Körper wurde von diesem Geräusch ausgefüllt. Was war denn nun wieder geschehen? Amelies Körper war vollkommen erfüllt von dem Geräusch.
Ticktack, ticktack, ticktack… Der ganze Körper pulsierte und trotzdem fühlte sie sich leicht und frei wie noch nie. Sie schwebte über einem Abgrund und fürchtete sich überhaupt nicht. Um sich herum konnte sie viele Uhren entdecken und am Boden des Abgrundes erkannte sie die Kirche ihres Heimatortes. Eine eigenartige Art auf ihr Dorf hinab zu schauen.
„Ist dieser Ort wirklich deine Heimat?“
Diese Frage drang, gerade als sich Amelie in die Betrachtung des Abgrundes vertiefen wollte, an ihr Ohr. Die Duse schwebte neben Amelie. Sie war in Hisian! Im wunderbaren Hisian!
„Wieso bin ich hier?“
Diese Frage konnte Amelie nicht zurückhalten. Sie war ausgefüllt vom Ticken einer Uhr. Das war ein wenig unheimlich. Wo befand sich denn nur diese Uhr, deren Ticken sie vollkommen ausfüllte?
„Schau, dort!“
Die Duse wies auf eine unwahrscheinlich große Erscheinung. Eine Uhr, die vom Boden der Schlucht bis zu Amelie und der Duse hinauf reichte. Sie schien an der Wand festgewachsen zu sein. Amelie hatte sich mit diesem Gedanken gründlich geirrt. Dieses imposante Uhrwesen, löste sich plötzlich von ihrem Platz und schwebte so leicht und locker wie sie selbst in Hisian schweben konnte, zu ihre herüber. Amelie drohte das Herz stehen zu bleiben. Das Ticktack, ticktack in ihr wurde immer lauter und lauter. Ihr ganzer Körper vibrierte. Sie fürchtete, sie würde jeden Moment auseinander gerissen werden, so stark vibrierte ihr Körper. Es machte ihr in Hisian wenig aus. Zu Hause hätte sie dieses Vibrieren mit Sicherheit auseinander gerissen. Hier geschah nichts. Amelie blieb einfach eine stark vibrierende Amelie. Das war schon sehr merkwürdig. Sie schaute hilfesuchend zur Duse hinüber. Nur gut, dass die Duse in ihrer Nähe war. Diese riesenhafte, uhrähnliche Gestalt flößte Amelie einen hohen Respekt ein. Als die Gestalt dann zu sprechen begann, donnerte es in Amelies Kopf. Sie nahm an, dass ihr Kopf zu Hause geplatzt wäre. Amelie wollte sich auf die Worte des Uhrwesens konzentrieren. Sie schaffte es mit Mühe und Not, denn das Vibrieren machte eine Konzentration auf etwas Anderes sehr schwer.
„Ich bin Amoresit, die Hüterin der Zeiten. Zuerst einmal werde ich dich vor den Geräuschen hier schützen müssen. Du siehst schon ziemlich alt aus. Wenn ein Mensch hierher gelangt, wird er mit dem konfrontiert, was in seiner Roo gespeichert ist. Was für eine tolle Einrichtung. Ich kann sofort feststellen woher der Mensch kommt und wohin er geht.“
„Wie? Du kannst sehen, dass ich schon alt bin?“
Amelie begriff in diesem Moment, dass ihr Gefühl sie nicht getäuscht hatte. Sie war wirklich schon sehr alt. Jedenfalls sagte das Amoresit, diese Uhrgestalt, die ihr einen übermenschlichen Respekt einflößte.
Amelie schaute noch einmal hinüber und auch in den Abgrund hinab. Unten entdeckte sie dichten Nebel. Von ihrer Position aus konnte sie nur ihr Dorf erkennen. Alle anderen Orte lagen in einem undurchsichtigen Nebel.
„Das ist gut für dich. Wer den Nebel durchdringen will, braucht viel Roolivu. Du bist einfach noch nicht lange genug an dem Ort deiner Zeit, um die Zeit, die heute noch im Nebel liegen muss, erkennen zu können. Andere Zeiten zu sehen würde dich zerreißen. Du hast doch sicher gespürt, dass diese Welt dich zerreißt, wenn ich dich nicht davor behüte.“
„Oh ja, wenn ich mich daran erinnere, wabert mein ganzer Körper und ich habe überhaupt keine Kontrolle über ihn.“
„Wenn einmal die Zeit kommen sollte, dass du in deinen Ursprung und die Stationen deiner Roo eingeweiht werden darfst, dann werde ich dich begleiten. Du wirst dieses Vibrieren spüren und zu dir selbst geführt werden. Für heute ist dein Besuch bei mir beendet. Ein längerer Aufenthalt würde dir nur schaden.“
Amoresit war sehr kurz angebunden – fast schroff.
„Bring sie zurück Duse. Sie ist doch noch viel zu jung für diesen Besuch in Wakako, der Zeitenschlucht. Wie konnte das denn überhaupt geschehen?“
„Ich weiß es nicht. Als bei mir der Alarm schrillte, eilte ich hierher, um dem Kind beizustehen. Hast du sie denn nicht gerufen?“
Amoresit entgleisten die Gesichtszüge.
„Sie hat Zutritt zu meinem Reich? Wie kann das sein? Wir müssen unbedingt etwas zu ihrem Schutz unternehmen. Sie ist doch viel zu jung für einen Besuch bei mir.“
„Ich dachte, du hättest sie hierher gezogen. Ich habe ihre Gedanken wegen des Alters empfangen. Du hast sie also nicht nach Wakako gebracht?“
Die Duse schüttelte nachdenklich den Kopf. Sollte hier eine mächtige Kraft am Werke sein, die sie nicht kontrollieren konnten? Sie mussten sofort etwas unternehmen.
Das Kind musste geschützt werden, unbedingt!
„Was können wir tun Amoresit? Wir müssen sie schützen, damit sie sich in Ruhe entwickeln kann. Es kann nicht sein, dass sie jetzt schon mit all dem konfrontiert wird.“ Die Duse wies bei diesen Worten hinab in den Abgrund.
„Bevor sie hierher kam, hätte ich das Tor schließen können. Jetzt kann ich nur für sie selbst einen Zeitenwächter einsetzen. Er wird darüber wachen, dass sie genau zur richtigen Zeit wieder hierher zurückkehrt. Das ist das Einzige was ich tun kann!“
Amoresit schaute sich nervös um. Sie schüttelte ihren Uhrenkopf und schwebte hinunter in den Abgrund. Dieses Kind hatte einen Weg hierher gefunden. Nun würden auch andere Menschen Mittel und Wege finden ihr Reich zu finden. Warum war das denn geschehen? Amoresit war einen Moment lang ratlos.
Als sie aus der Tiefe zurückkehrte, wirkte sie schon sehr viel beruhigter als zuvor. Sie lächelte sogar, wenn auf dem Gesicht einer Uhr ein Lächeln überhaupt auszumachen war, dann lächelte Amoresit.
„Die Zeitenwende ist da! Ich sehe es am Grund des Tales. Der Abgrund ist zu einem Grund geworden. Eine Grundlage für etwas Neues. Wie lange warten wir schon darauf, dass sich unsere Welt auf einen festen Grund stellt. Wunderbar, wir haben den Menschen gefunden, der Wakako verwandeln kann. Gerade deshalb muss sie nun Zeitenwächter an ihre Seite gestellt bekommen. Unsere Welt zu erkunden, kann einen Menschen vollkommen aus dem Gleichgewicht bringen. So einen unvermittelten Zugang wie Amelie hat noch nie ein Mensch gehabt. Einfach wunderbar, jetzt werden alle Welten auf den Frieden zusteuern. Ich habe es am Grund dieser Schlucht gesehen.“
„Heißt das für mich, dass ich noch mehr aufpassen muss als bisher. Ich habe noch andere Kinder zu betreuen.“ Die Duse schaute verzweifelt zu Amoresit hinüber.
„Wir sperren diese Schlucht und du bekommst den Schlüssel dafür. Du bist Amelies Hüterin und fest in Hisian beheimatet. Für dich ist der Zugang zu Wakako der Zeitenschlucht überhaupt kein Problem. Du kannst ab heute bestimmen, wann ein Besuch für Amelie in ihrem Teil von Wakako, also ihrem Korongo gut ist. Sie wird sich entwickeln und du wirst mit ihr gehen. Wir werden sehen wann wir ihren Korongo öffnen.
Das größere Problem sind die Korongos der Anderen. Ich muss mich sofort an die Arbeit machen. Wir werden nicht alle Korongos vor dem Einfall der Neugierigen schützen können. Es kommt eine Menge Arbeit auf mich und meine Helfer zu. Ich muss alle mobilisieren.“ Amoresit schwebte über Amelies Korongo und drehte eine Runde mit dem großen Zeiger auf ihrem Zifferblatt.
Das überlaute Ticktack erfüllte die Luft über den Frauen. Über Amelies Korongo konnten sie nun viele kleine Uhrenwesen entdecken. Amoresit hob ihre Hand zur Schlucht hinab und eine undurchdringliche Nebelschicht legte sich über die Ränder des Korongos.
Amelie wurde nach oben gerissen, so dass sie hoch über ihrem Korongo schwebte und zusehen konnte, wie er verschlossen wurde. Ein scheinbar aus Nebel bestehender Schlüssel schwebte darüber und drehte sich.
Das wirkte auf Amelie. Ihr Körper wurde von den Erschütterungen, die sie immer noch gespürt hatte, befreit und gleichzeitig erfasste eine überirdische Ruhe ihren Körper. Sie schloss die Augen und spürte tief in sich einen Frieden, den sie festhalten wollte. Leider war die Sekunde des Friedens so schnell entschwunden wie die Uhrenwesen, die Amelie gerade noch gesehen hatte. Was war denn nun wieder geschehen?
Amelie sah zu, wie Amoresit der Duse den Schlüssel reichte und staunte nicht schlecht als dieser in der Duse verschwand. Was für ein Ereignis! Schade, dass sie die Erlebnisse hier immer wieder vergessen musste. Diese Szene war es wert tief in ihrem Inneren eingeschlossen zu werden. Die Duse hatte den Schlüssel zu ihrem Korongo! Amelie würde sich zu gegebener Zeit daran erinnern …
Der Kanal zum Mithören wurde für Amelie in dem Moment gekappt, in dem Amoresit sich an die Duse wandte. Dieses Gespräch war nicht für Amelies Ohren bestimmt. Die Duse und Amoresit bemerkten während ihres Gespräches nicht, dass sich Amelie in der Zwischenzeit in ihrem Korongo umsah. Sie war in Gedanken versunken in den Korongo hinabgeschwebt. Was die beiden wohl besprachen? So viel hatte Amelie schon gelernt. Sie sah an den Gesten, dass sich Amoresit und die Duse unterhielten. Leider durfte sie nicht hören, was die beiden sich zu sagen hatten.
In Hisian war es für Amelie jedoch nicht schwer anzunehmen, dass sie noch zu klein war, um Dinge zu erfahren, die noch nicht offenbar werden sollten. In ihrem Korongo gab es so viel zu entdecken, dass sie sich über die gewonnene Freiheit für eigene Erkundungen freute.
Also schwebte sie, unbemerkt von den beiden debattierenden Frauen ein wenig näher an den Nebel heran. Er zog sie magisch an. Was wohl in diesem Nebel verborgen war? Ihre Neugier ließ sie unvorsichtig werden. Als sie ein Stück neben ihrem Dorf im Nebel schwebte, überfielen sie Gefühle, die sie kaum beschreiben konnte. Gerade noch hatte sie ihr Dorf in der Schlucht gesehen und nun war sie unwahrscheinlich traurig geworden. Sie sah vor ihrem inneren Auge einen jungen Mann, der tot auf einem breiten Bett lag. Er hielt eine Pistole in der Hand. Oh mein Gott, das war grausig. Sie schwebte schnell aus dem Nebel an den Rand des Korongos zurück.
Was sollte sie tun? Sollte sie der Duse von ihrem Übermut erzählen? Wie wurde sie nur diese fürchterliche Erfahrung los? Gerade als sie innerlich verzweifelt nach Hilfe rief, erschien aus dem Nebel eine kleine durchscheinende Uhr, hüllte sie kurz in einen Nebel ein und in diesem Moment hatte Amelie alles vergessen, was sie gesehen und gespürt hatte.
Sie schaute zu Amoresit und der Duse hinüber und war froh, dass deren Gespräch nun ein Ende gefunden hatte. Das kleine Uhrenwesen hatte ihr die Erinnerung an den Moment des Eintauchens in den Nebel geraubt, so dass sie kein schlechtes Gewissen haben musste.
Amelie schaute interessiert zu, als ihr Korongo verschlossen wurde. Nach einer kurzen Verabschiedung von Amoresit wurde sie von einer nachdenklichen Duse zu ihrer Blumenwiese geleitet. Maike wartete schon auf sie. Amelie umarmte das Reh, denn sie fühlte sich plötzlich elend. Mein Gott was für eine schrecklich neblige Schlucht ihr Korongo war. Was hatte sie dort eigentlich gewollt?
„Du wolltest wissen, wie alt du bist. Das war wirklich keine gute Idee von dir. Dein Leichtsinn hat Amoresit eine Menge Arbeit beschert.“
Insgeheim wusste die Duse jedoch, dass im Lande Hisian nichts geschah, das nicht auch ein Ziel verfolgte.
Wozu war der Besuch in Wakako also gut?
Sie jedenfalls hatte dadurch nur noch eine Sorge mehr aufgebürdet bekommen. Wie sollte sie den richtigen Zeitpunkt finden an dem sie für Amelie deren Korongo zugänglich machen musste. Die Duse schaute hinüber zu dem Kind. Unfassbar, was dieses Kind vermochte. Amelie und Maike wirkten so unschuldvoll und friedlich. Es schien als sei nichts geschehen.
Der Duse jedoch war klar:
In wenigen Augenblicken war eine große Veränderung eingetreten, deren Auswirkungen in allen Welten zu spüren sein sollten. Die Duse war nach dieser Reise vollkommen erschlagen. Was für ein Schlamassel. Sie hatte in kurzer Zeit eine Aufgabe bekommen, die ihr allen Wagemut, den sie aufbringen konnte, abverlangte. Das Kind musste wieder in ein gutes Gleichgewicht gebracht werden. Das schaffte Maike in diesen Minuten. Die Duse spürte, dass die Unbeschwertheit Amelies zurückkehrte, so dass sie zum Aufbruch bereit zu sein schien. Die Duse nahm die Hand des Kindes und brachte sie nachdenklich in ihr Zimmer zurück. Sie strich ihr über den Kopf. Ein Ausdruck ihrer eigenen Unsicherheit. Die Duse wusste, sie musste noch nicht handeln. Amoresit hatte ihr kostbare Zeit verschafft. Als sie davonschwebte schaute sie noch einmal zurück.
Amelie schlief friedlich ein. Am nächsten Tag begann für sie die lange Zeit des Wartens bis sie endlich zur Schule gehen und lesen lernen konnte. Diese Zeit musste sie, wie es ihr ihre Oma geraten hatte, mit Spiel und brav sein, vertreiben. Kleine Mädchen, wie sie, konnten nicht bestimmen, wann sie zur Schule gehen wollten.
So hatte sie sich fest vorgenommen, in dieser Zeit noch mehr Bilderbücher anzuschauen und immer wieder jemanden zu suchen, der ihr vorlas.
Amelie konnte sich auf veränderte Umstände einstellen. Wenn sie etwas akzeptiert hatte, dann stand es fest. Wieso sie die Dinge, die sie nicht ändern konnte einfach annahm, konnte sie sich nicht erklären. Aber sie konnte es, so klein sie auch war.
So spielte Amelie mit den Kindern und natürlich auch mit Franz und wartete darauf, dass sie endlich lesen lernen durfte.
Die Zeit würde wie im Flug vergehen, denn es war eine sehr kurze Spanne. Woher diese Gedanken kamen konnte sich Amelie nicht erklären. Sie zitterte ein wenig und ihr Herz machte einen Hüpfer.
Der Urgroßvater
Amelies Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft. Sie mussten viel auf ihren Feldern arbeiten. So hatten sie wenig Zeit für ihre Kinder Franz und Amelie. Eines Tages mussten Amelies Oma und Mutter im Nachbardorf Heu wenden und Amelie hatte noch keinen Mittagsschlaf gehalten. So nahmen sie das Kind mit in das Nachbardorf in dem ihr Urgroßvater wohnte.
Amelie sollte dort in seinem großen, alten Haus Mittagsschlaf halten. Vor dem Urgroßvater hatte Amelie große Angst. Er sah so Furcht erregend aus mit seinem strubbeligen Bart, der Brille und der Knollennase. Das Schlimmste jedoch für Amelie war: Er hatte vorn nur noch zwei Zähne! Das sah so erschreckend aus, dass sie sich so sehr fürchtete, dass sie lieber auf der Wiese geschlafen hätte als beim Urgroßvater im Haus. Die Furcht wurde noch größer als Amelie bemerkte, dass sie zum Schlafen ganz allein in eine dämmrige Kammer eingesperrt wurde. In der Kammer stand ein großes Bett, viel zu groß für das kleine Mädchen. Das Bettzeug fühlte sich kratzig und unangenehm an.
Sie würde trotzdem in diesem düsteren Zimmer aushalten müssen. Die Mutter war in ihrer Nähe. Das beruhigte sie etwas. Außerdem hatte Amelie ihre Lieblingspuppe Heike mitgebracht. Heike war in diesem düsteren, einsamen Gefängnis ihr einziger Trost. An ihr konnte sie sich festhalten, wenn die Angst zu groß wurde.
An der Wand gegenüber dem Bett stand ein Schrank. Von dessen Tür blickten Amelie eigenartige Tiere an. War das nicht ein Drache? Schrecklich, gerade wollte Amelie nach der Mutter rufen. Da hörte sie vor der Zimmertür die Stimmen des Urgroßvaters und der Mutter.
„Amelie wird nun zwei Stunden schlafen. Ich gehe jetzt auf das Feld.“
Oh Schreck, die Mutter ging zum Feld und ließ sie mit diesem schrecklichen Alten ganz allein. Was sollte Amelie tun? Sie war mit Heike ganz allein gefangen in dem dunklen Zimmer mit diesem schrecklichen Urgroßvater draußen vor der Tür. Diese Gedanken schienen ihr schier das Herz zusammenzudrücken. Meine Güte, wie furchtbar. Nach wem sollte sie rufen, wenn sie unbedingt einmal musste? Wer würde dann kommen?
Mit Sicherheit der Urgroßvater!
Schrecklich! An Schlaf war nun überhaupt nicht mehr zu denken. Die Gegenstände in der düsteren Kammer wurden allesamt zu Schreckgespenstern. In der Ecke entdeckte sie einen Ständer mit einer Schüssel oben drin. So einen Ständer hatte Amelie noch nie gesehen. So etwas Unheimliches. Wozu die Schüssel wohl gebraucht wurde? Amelie schaute hinüber und die Schatten an der Wand ängstigten sie noch mehr. Sie drückte Heike fest an sich. Die raue Bettwäsche trug dazu bei, dass sie sich immer unwohler und bedrohter fühlte. Sie schien immer kratziger zu werden. Amelie konnte es kaum noch in dem alten, breiten Bett aushalten. Auf der Kommode gegenüber stand eine großbauchige Flasche, die wie ein Ungeheuer auf das Mädchen wirkte. Im Spiegel an der Wand sah Amelie zu allem Überfluss auch noch einen Schatten.
Schaurig. Amelie ängstigte sich so sehr, dass sie schließlich unter dem Bett Schutz suchte. Dort in der hintersten, dunkelsten Ecke fühlte sie sich mit Heike im Arm noch am sichersten. Der Staub unter ihrem kurzen Unterhemd und an ihren Knien war nicht so schrecklich, wie diese Ungetüme in der düsteren Kammer.
Das Gefühl von Sicherheit, das sie urplötzlich verspürte, kam wohl von dieser wohligen, weichen Berührung an ihrer Wange. War das ihre Lieblingspuppe? Ihr schien, das Gefühl kam von ganz tief innen. Wo sie in diesem Moment überhaupt dieses Sicherheitsgefühl her nahm, konnte Amelie sich nicht erklären. Sie genoss jedenfalls den Eindruck, unter dem Bett ein wenig sicherer zu sein und wartete ab. Hier huschten zwar auch Schatten über den Boden, aber Amelie war sich sicher, alle diese Ungetüme in der Kammer und vor allen Dingen der Urgroßvater würden sie hier unter dem schützenden Bett nicht erreichen. Sie würden ihr nichts anhaben können.
Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür zum der dunklen Kammer. Ganz leise betrat jemand den Raum.
Amelie kroch noch weiter unter das Bett, damit sie niemand finden konnte. Wirklich niemand!
Der Urgroßvater hatte die Kammer betreten, er wollte nach ihr schauen. Er hatte, mit der Verantwortung für das Kind, in seiner Küche keine Ruhe gefunden.
Als er das Bett in der Kammer leer vorfand, erschrak er. Wo konnte die Kleine nur sein?
Er suchte im Schrank, unter der Kommode und zuletzt, Amelie hielt die Luft an, unter dem Bett. Als er sie entdeckte, schrie sie laut auf.
In ihrer Angst kroch sie noch weiter nach hinten in die Ecke, wenn das überhaupt noch möglich war. Ganz eng zusammengerollt, verharrte sie dort. Sie hatte es geschafft. Der Urgroßvater konnte sie nicht erreichen. Sie war unerreichbar für ihn in Sicherheit.
In der Eile des Rückzugs jedoch war ihr ein Malheur passiert. Heike blieb ein Stück von ihr entfernt auf dem Boden liegen. Die arme Heike, sie würde sich erkälten. Dieser Gedanke verursachte einen bohrenden Schmerz in Amelies Brust. Aber sie brachte nicht den Mut auf, Heike zu sich heran zu ziehen. Vielleicht hätte sie der Urgroßvater mit der schrecklichen Knollennase dann packen können.
Der Urgroßvater versuchte indessen Amelie zu überreden unter dem Bett hervor zu kommen. Er brachte sogar ein Stück Schokolade aus der Küche herüber. Amelie hätte die Schokolade sehr gern gegessen, doch der Urgroßvater war auch da.
Was sollte sie tun? Wenn sie jetzt nach vorn rutschte, dann könnte sie vielleicht die Schokolade bekommen. Was würde der Urgroßvater dann aber mit ihr tun?
Amelie hörte eine Stimme ganz tief in sich, die ihr sagte:
Geh zum Urgroßvater. Du musst deine Angst überwinden.
Was war denn das? Sie sollte diesem Furcht erregenden Mann vertrauen und aus ihrem Versteck hervor kommen. Nicht auszudenken, zu schrecklich war diese Idee!
Aber, wenn sie nun in ihrer Ecke blieb, fror sie nur noch mehr als jetzt schon. Schlimmer noch, der Urgroßvater könnte Heike einfach mit sich nehmen.
Was sollte sie nur tun? Sie konnte Heike überhaupt nicht mehr beschützen, wenn sie in der Gewalt des Urgroßvaters war.
Amelie fühlte ganz tief in ihrem Herzen, dass sie Heike im Stich ließ. Sie sogar schnöde auf dem kalten Fußboden frieren ließ. Das schlechte Gewissen schüttelte sie ordentlich.
Also nahm sie allen Mut zusammen und sah sich den Urgroßvater ganz genau an. Plötzlich konnte sie sehen, dass seine Augen freundlich schauten und gerade hatte sich ein Lächeln in sein Gesicht geschlichen. Seltsam, so ein Lächeln war ihr noch nie an ihm aufgefallen. Vielleicht hatte die Stimme in ihr Recht. Jemand, der ihr Schokolade anbot und auch noch lächelte, konnte nicht so fürchterlich sein, wie in ihrer wilden Phantasie.
Ob die Phantasie sie täuschte? Phantasie kam nicht aus dem Bauch. Warum sie gerade hier und jetzt an ihren Bauch denken musste, hätte Amelie nicht sagen können. Dieser Gedanke war spontan tief aus ihr heraus gekommen und was tief aus ihr heraus kam, war meistens richtig. Woher wusste sie jetzt eigentlich was richtig war? Die Eltern hatten ihr dazu nichts gesagt. Sie brachten ihr eher bei, was nicht richtig war.
Sollte sie es probieren? Riskieren hervor zu kriechen und mit dem Urgroßvater zu gehen?
Heike lag verloren einen halben Meter vor Amelies Augen. Ob sie auch so eine Angst hatte wie Amelie? Die arme Heike, Amelie hätte sie so gern beschützt. Oder beschützte Heike Amelie? Puppen waren auf ihre Besitzerinnen angewiesen. Heike konnte sich ohne Amelie nicht bewegen. Diese Gedanken bewegten Amelie an ihrem Platz ganz hinten unter dem großen Bett in der schrecklichen, dunklen Kammer beim Urgroßvater. Nach einigen abwägenden Gedanken fasste sie sich ein Herz. Sie war für Heike verantwortlich. Ein Mädchen musste mutig seine Puppe beschützen.
Amelie kroch so durch ihre Gedanken ermutigt langsam und tastend vorwärts. Erst einen Fuß nach vorn. Nach oben schauen. Was macht der Urgroßvater?
Oh, er lächelte immer noch.
Das zweite Bein nach vorn. Sie konnte die Puppe erreichen, packte sie blitzschnell und klemmte sie unter ihren Arm.
Das war geschafft; Heike war in Sicherheit. Was für ein wunderbares Gefühl, die Puppe wieder im Arm zu halten.
Amelie spürte, dass ihre beherzte Tat in ihrem Inneren Ruhe erzeugte. Die größte Angst vor dem schrecklichen Alten war von ihr gewichen. Er hatte gelächelt und wirkte nun nett und freundlich auf sie. Vor so einem Urgroßvater mussten Amelie und Heike keine Angst haben. Amelie redete sich und Heike in Gedanken gut zu. Sie schaute nach vorn. Sollte sie es wagen? Sollte sie sich unter dem Bett hervor wagen? Sie schaute beherzt nach vorn.
Der Urgroßvater lächelte immer noch.
Er wurde überhaupt nicht ungeduldig, wie die Mutter, die oft wenig Zeit für das Kind hatte.
Amelie traute sich noch ein Stück nach vorn zu krabbeln.
Sie schaute erneut nach vorn. - Er lächelte immer noch.
Sie kroch weiter. - Er lächelte noch.
Ob sie auch das letzte Stück noch wagen konnte?
Sie schaute noch einmal vorsichtig in sein Gesicht. In diesem Augenblick lächelte der Urgroßvater breit und hielt ihr die Schokolade hin.
Als Amelie fast schon unter dem Bett hervor schauen konnte, reichte er ihr die Hand. Amelie nahm all ihren Mut zusammen und klemmte Heike noch fester unter ihren Arm. Sie musste die Puppe unbedingt beschützen. War sie nicht schon ein großes Mädchen?
Warum hatte sie vor dem Urgroßvater nur so eine Angst gehabt?
Er wirkte nun, aus der Nähe betrachtet, nicht mehr so schrecklich. Freundliche Augen und ein total runzeliges Gesicht waren doch nicht gefährlich. Komisch, das hatte Amelie bis jetzt überhaupt nicht bemerkt.
Die Schokolade bekam sie, obwohl sie eigentlich nicht artig war. Die Mutter hatte ihr gesagt, sie solle im Bett bleiben. Oh, das würde Schelte geben. Sie war nicht brav im Bett liegen geblieben. Au weiha!
Amelie war normalerweise ein verständiges und artiges Mädchen. Sie wusste, die Eltern hatten viel Arbeit und wenig Zeit für sie und Franz. Unter diesen Umständen war Folgsamkeit ein guter Weg, um gemocht zu werden und keine Scherereien zu bekommen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, unter das Bett zu kriechen. Nicht auszudenken, wenn die Mutter früher zurückgekommen wäre. Amelie war überhaupt nicht artig gewesen. Diese Gedanken verursachten wieder einmal ein mulmiges Gefühl in ihrem Bauch. Was würde nun geschehen? Der Urgroßvater war bestimmt nicht gut auf sie zu sprechen. Amelie konnte nicht weiter denken, denn die Furcht vor der Mutter ersetzte nun die Furcht vor dem Urgroßvater. Sie schaute zu ihm hoch. Er hielt ihre Hand und nahm sie behutsam auf den Arm. Das war auch ganz und gar nicht so schrecklich, wie Amelie es sich vorgestellt hatte. Seine Arme waren zwar etwas knochig und piekten ihr in den Po, aber es war unerwartet angenehm auf seinem Arm und sie hatte von seinem Arm aus eine gute Übersicht über die schreckliche, dunkle Kammer.
Von hier oben konnte sie den Raum gut überblicken. Sie konnte nun erkennen, dass es überhaupt nicht so düster in der Kammer war, wie sie es in ihrer Angst gemeint hatte. Die Sonne schien durch das Fenster. In der Ecke neben dem Fenster stand ein uralter Puppenwagen, in dem eine Puppe lag. Diese Puppe sah völlig anders aus als Heike. Wie eine Dame aus längst vergangener Zeit. Sie hatte lange Haare und trug ein geblümtes Kleid, das ihr bis auf die Schuhe reichte und von Rüschen geziert war. Ihre Schuhe waren aus echtem Leder gefertigt. So eine Puppe hatte Amelie noch nie gesehen. Heikes Schuhe waren aus Plastik und weiß wie die Schuhe der Puppen der anderen Mädchen im Dorf.
Meine Güte, diese Puppe besaß einen Sonnenschirm aus dem gleichen Stoff wie das Rüschenkleid. So etwas Schönes hatte Amelie noch nie gesehen.
Sie vergaß ihre Angst, die Neugier hatte gesiegt. Sie fragte ohne viel nachzudenken: „Wem gehört denn diese wunderschöne Puppe? Darf ich sie anfassen?“
Der Urgroßvater, froh das Kind unter dem Bett hervor gelockt zu haben, freute sich über die Frage.
„Die Puppe gehörte der Schwester deiner Oma, die schon vor langer Zeit gestorben ist.“
„Was ist denn mit ihr geschehen?“, fragte Amelie. Nun waren alle Ängste von ihr gewichen. Es war überhaupt nicht mehr unheimlich in dieser grausigen Kammer. Wie konnte sie nur so etwas denken. Vom Arm des Urgroßvaters aus schien die Welt nicht mehr so kalt und gefährlich zu sein. Amelies Neugier war geweckt. Sie hielt Heike fest im Arm, schaute auf die unwahrscheinlich interessante Puppe und hing an den Lippen des Urgroßvaters, der von der unbekannten Schwester von Amelies Oma erzählte.
„Deine Großtante hatte eine schwere Krankheit und ist mit neun Jahren daran gestorben. Deine Oma war gerade erst geboren.“
Amelie hörte dem Urgroßvater gespannt zu. Sie lauschte für ihr Leben gern Geschichten. Ob nun aus einem Märchenbuch oder von der Familie.
„Wie war denn das? Waren nicht alle in der Familie sehr traurig?“
„Ja, wir waren alle sehr traurig und sind es heute immer noch. Deshalb ist diese Puppe als Erinnerung in der Kammer hier geblieben.“
„Oma hat wohl nicht mit dieser Puppe gespielt?“
„Nein, meine Frau, deine Uroma, wollte das nicht.“
„Warum wollte das denn die Uroma nicht?“
„Sie wurde traurig, wenn sie die Puppe sah und kaufte deshalb deiner Oma lieber eigene Puppen. Die Puppe ist seitdem in dieser Kammer. Ich glaube manchmal hat deine Uroma die Puppe besucht und sich mit ihr an ihre Tochter erinnert. Wie oft sie hier war, weiß selbst ich nicht.“
Amelie sah, dass der Urgroßvater eine Träne im Auge hatte. Deshalb fragte sie schnell.
„Dann hatte Oma auch so schöne Puppen, wie diese?“
„Ja natürlich, damals war noch kein Krieg und wir haben unserer Tochter alle Wünsche von den Augen abgelesen. Sie war unser einziges Kind.“
In den Augen des Urgroßvaters standen plötzlich Tränen. Deshalb beschloss Amelie, später ihre Oma zu fragen.
Der Urgroßvater war traurig. Amelie ließ sich trotzdem durch die vielen Dinge, die sie von seinem Arm aus sehen konnte, ablenken. Ihr Blick wurde von etwas Buntem in einer Ecke der Kammer angezogen.
„Schau mal dort, ist das nicht ein Buch. Oh, bitte lies mir daraus vor!“
Der Urgroßvater war froh, dass er nicht mehr nach dem traurigen Schicksal seiner Tochter gefragt wurde und ging mit Amelie zur Kommode in der Ecke. Dort lagen einige Bilderbücher. Er suchte schnell eines davon aus und ging mit Amelie in die Küche.
Er würde dieses Kind nicht noch einmal allein in der düsteren Kammer lassen. Womöglich kroch sie dann wieder unter das alte breite Bett. Er hätte sie niemals unter diesem Ungetüm hervor holen können. So gelenkig war er einfach nicht mehr.
Wenn ihre Mutter nachher zurückkam, würde er ihr sagen müssen, dass die Kleine leider nicht wieder bei ihm schlafen konnte. Er in seinem Alter wollte diese Verantwortung einfach nicht mehr übernehmen.
So kam es, dass Amelie zwar keine Angst mehr vor dem Urgroßvater hatte, aber auch nicht mehr in der dunklen Kammer schlafen musste. Eigentlich schade, denn nun hatte sie keine Angst mehr vor den Dingen und Schatten dort.
Wenn sie später zum Urgroßvater zu Besuch kam, las er ihr aus den vielen bunten Büchern vor, die in der obersten Schublade der Kommode lagen. Sie und der Urgroßvater wurden gute Freunde. Amelie freute sich auf die Besuche bei ihm. Sie sah den Urgroßvater mit anderen Augen als bei ihrem ersten Besuch.
Die Sache mit der Tante und die traurigen Augen des Urgroßvaters hatte sie bald vergessen.
Die Geschichten, die der Urgroßvater vorlas, waren viel spannender. Sie konnte davon nie genug bekommen.
Heißes Wasser
Amelies Wagemut hatte sich nach dem Sturz in die Tiefe nicht gelegt. Ihr war bei dem Sturz nichts passiert und so vergaß sie diese schlimme Erfahrung so schnell, dass sie neuen Gefahren immer wieder arglos entgegen ging.
Eines Tages, ihre Eltern waren mit dem neuen Auto unterwegs in die Stadt, durfte sie mit den anderen Kindern auf der Straße spielen. In ihrem ruhigen Dorf konnte den Kindern nicht viel geschehen. Die Straßen waren wenig befahren und die Erwachsenen nahmen Rücksicht auf die spielenden Kinder.
Sie spielte mit den Kindern und im Spiel gerieten sie in die Waschküche einer Nachbarin. Was sich in dieser Waschküche ereignete, war für Amelie so erschreckend und schmerzvoll, dass sie die genauen Umstände nicht im Gedächtnis behalten konnte. Amelie schämt sich immer noch für ihre Dummheit. Wie konnte sie nur alle Vorsicht vergessen und in diesem Spiel gewinnen wollen? Wie konnte sie nur!
In der Waschküche standen verschiedene Dinge wie Tische, Stühle, Hocker und ein eingemauerter Waschkessel. Alle Kinder spielten gemeinsam das Spiel.
Wer ist die oder der Größte?
Jedes Kind suchte sich einen Platz, auf dem er oder sie die Anderen überragen konnte.
Als Amelie an der Reihe war, hatten die meisten Kinder schon einen Platz gefunden. Amelie schaute und schaute. Sie würde auf dem Hocker oder auf dem Tisch keinen der anderen überragen können. Als sie schon aufgeben wollte, entdeckte sie in der Ecke noch einen freien Platz. Er war der höchste überhaupt. Amelie war sehr stolz. Sie hatte den Platz entdeckt, der am höchsten Punkt gelegen war. Keiner von den Anderen hatte sich dorthin gewagt.
Warum eigentlich nicht? Amelie dachte in der Gewissheit des Sieges nicht weiter darüber nach.
Der Deckel, der den Waschkessel verschloss, war doch noch ein Stück höher als der Waschkessel selbst. Rund um den Deckel des Waschkessel war Platz für zwei Kinder. Diese Plätze waren schon besetzt und so stieg Amelie - klettern konnte sie gut - auf den Deckel.
Gerade als sie lauthals verkündete, dass sie die Größte sei, spürte sie wieder einmal ein Ziehen in ihrem Bauch. Sie wusste in diesem Augenblick genau:
Hier stimmt etwas ganz und gar nicht!
Der Deckel kippte nach der Seite, der linke Fuß tauchte in den Kessel ein, Amelie verlor das Gleichgewicht und stand mit beiden Beinen in siedendem Wasser.
Sie stieg heraus. Wie sie das geschafft hatte, ist im Nebel des Schmerzes verschwunden. Ihr erbärmliches Schreien ließ die Nachbarin herbei eilen. Sie war sehr erschrocken. Die Kinder spielten unbemerkt in der Waschküche. Sie handelte automatisch. Schnell brachte sie die schreiende Amelie in ihre Küche. Dort saß ihr Mann und trank eine Tasse Kaffee. Gemeinsam überlegte das Ehepaar was zu tun sei.
Da es nur wenige Telefone im Ort gab, musste unbedingt jemand mit einem Auto herbeigerufen werden.
Amelies Eltern waren zur Stadt gefahren. Telefon hatten im ganzen Dorf nur der Wirt und die Frau, die die Post austrug. Schnell wurde eins der Kinder zum Wirt geschickt. Die Schänke war dem Unfallort am nächsten. Auf dem Weg dorthin kamen dem Jungen Amelies Eltern mit ihrem Auto entgegen. Er hielt sie an und erzählte was geschehen war.
Zur gleichen Zeit in der Küche der Nachbarin saß Amelie auf einem Stuhl und die Nachbarin sah sich ihre verbrühten Beine an.
Die Strumpfhose war an den Beinen festgeklebt - wie eingebrannt hing sie auf der Haut. Amelie trug an diesem Tag ihren Spielrock, wie so oft, wenn sie mit den anderen auf der Straße spielte. Sie war von den Schmerzen, die von der Verbrühung herrührten benommen.
Die Nachbarin wies ihren Mann an Amelie festzuhalten. Diese wusste nicht wie ihr geschah.
Der Nebel, in den sie gehüllt zu sein schien, half ihr das Kommende zu ertragen. Sie sah auf ihre Beine und schaute zu, wie die Nachbarin an ihrer Strumpfhose zog. So konnte sie gerade noch sehen, dass seltsame große Blasen an ihren Beinen zum Vorschein kamen, bevor ihr die Sinne schwanden.
Im Lande Hisian angekommen, schwebte die Duse direkt vor Amelies Augen.
„Mein liebes Kind, wie konnte das nur geschehen? Du warst sehr leichtsinnig und vorwitzig! Schau hin wie deine Beine jetzt aussehen.“
So wie in diesem Moment hatte Amelie die Duse noch nicht erlebt. Die letzten Male war sie sehr freundlich und erklärte ihr, was sie nicht verstand oder unterstützte sie. Warum erklärte sie ihr jetzt nicht, was ihr Schreckliches geschehen war? Warum war sie hier?
Die Duse beantwortete die gedachte Frage sofort.
„Meine liebe Amelie. Du warst übermütig und unvorsichtig! Heute wäre für dich keine Lektion vorgesehen gewesen. Deshalb müssen wir in meinem Labor bleiben. Sonst bringst du in Hisian noch alles vollständig durcheinander.
Eine ungeheure Leichtsinnigkeit war es von dir in diesem Spiel gewinnen zu wollen. Hast du denn nicht nachgedacht?“
Die Duse schlug einen Ton an, den Amelie von ihr nicht kannte. Sie war böse mit ihr. In Amelies Bauch rumorte es gehörig. Ein heißer Schauder lief durch ihren Körper von ganz unten aus der Erde, bis hinauf in ihr Herz.
„Wie war denn das Gefühl in deinem Bauch als du auf den Deckel gestiegen bist? Hast du die Achtungszeichen nicht gespürt? Wo war deine Vorsicht?“
Die Duse war aufgeregt, deshalb sprudelten ihr die Fragen nur so über die Lippen.
„Ich wollte die Größte sein. Deshalb habe ich nicht auf mein Gefühl geachtet. Ich weiß, das war falsch.“
Amelie war sehr kleinlaut geworden.
Die Duse war so ärgerlich, dass sie keine tröstenden Worte fand.
„Was ist daran so gut, die Größte zu sein? Kannst du mir das einmal erklären?“
Ein Zittern lief über Amelies Gesicht. Sie wusste, es war dumm von ihr auf den Deckel zu steigen und dafür schämte sie sich jetzt.
Die Duse durch Amelies Scham besänftigt, lenkte ein.
„Also gut mein Kind, wir sind in meinem Labor. Wir werden dir helfen.“
Nun, durch das Einlenken der Duse etwas ruhiger, sah sich Amelie um, denn sie hatte vor Schmerzen und Angst nicht bemerkt, dass Maike fehlte und sie nicht auf der Blumenwiese oder einer Lichtung in der freien Natur war.
Wie schrecklich, wenn die Duse aufgeregt und ungehalten war. Ihr Gesicht veränderte sich dann beängstigend. Vor Ungeduld ruderte sie mit den Armen und dieses Verhalten erschreckte Amelie sehr. Es war wirklich besser sie kam zu einer Lektion nach Hisian und nicht wegen ihrem sträflichen Lichtsinn. Sie war sehr zerknirscht. Wie konnte sie nur so dumm sein? Was hatte sie sich nur gedacht als sie auf den Deckel stieg?
In Hisian konnte nicht nur die Duse Gedanken lesen. Dort konnte es auch Amelie. Deshalb hörte sie die Duse nach einem alten Freund rufen.
„Reginald, Reginald komm schnell! Wir haben hier ein körperliches Problem. Verbrennungen – um es ganz genau zu sagen.“
Wie aus dem Boden gewachsen, stand plötzlich ein Mann vor den beiden. Er war klein und nicht mehr ganz jung.
Konnte er schweben?
Amelie hatte nicht gesehen ob er hereingeschwebt war. Komisch, von dem Moment an als dieser Reginald erschienen war, spürte sie überhaupt keine Schmerzen mehr.
Er schwebte zu ihr herüber. Als er vor ihr schwebte, bemerkte sie, dass er ein langes und ein kurzes Bein hatte. Was mochte ihm geschehen sein?
Reginald erklärte es ihr umgehend, denn Ablenkung ist nach einem Unfall alles! Die Schmerzen hätten andernfalls Amelies Bewusstsein vernebelt. Das war der Grund aus dem sich Reginald beeilte zu erzählen.
„Ich war auch so unvorsichtig wie du. Vor vielen, vielen Jahren habe ich mir als kleiner Junge, in einem anderen Land als deinem Heimatland, das Bein gebrochen. Damals hatten wir in meinem Heimatdorf keinen Heiler, der sich mit körperlichen Problemen so auskannte wie ich. Deshalb ist mein Bein nicht richtig zusammen gewachsen und ich sehe etwas bizarr aus. In Hisian ist das kein Problem, denn hier schweben alle und beim Schweben habe ich keine Schwierigkeiten mit meinen Beinen!“
Amelie nickte als hätte sie jedes Wort verstanden. In Wahrheit verstand sie überhaupt nichts. Sie musste sich sehr bemühen, um nicht im Nebel der Schmerzen zu versinken. Reginald erzählte unbeirrt weiter.
„Im Lande Hisian braucht sich keiner so zu mühen wie die Menschen auf der Erde. Sie werden manchmal vom vielen Laufen müde. Oder ihre Beine schmerzen, wenn sie den ganzen Tag gelaufen sind. Reginald schaute Amelie in die Augen und in ihr Herz schlich sich die Gewissheit, dass die Schmerzen nicht wieder in ihr Bewusstsein dringen würden. So konnte sie sich diesen Mann, der sie von ihren Schmerzen befreit hatte, genauer betrachten.
Seine roten Haare und der komische Hut auf seinem Kopf verliehen ihm etwas Erhabenes. So einen Hut hatte Amelie noch nie gesehen. Der Versuch den Hut mit einem zu vergleichen, den Amelie schon einmal gesehen hatte, misslang. Denn der Zylinderhut, den ihr die Oma einmal zeigte, unterschied sich grundsätzlich von dem Hut, den Reginald trug. Warum dachte sie jetzt an den Zylinder ihres Opas? Ihr Opa war einfach verschwunden. Das wusste Amelie von Ihrer Mutter. Weshalb der Opa verschwunden war, verstand Amelie nicht, denn ihre Oma sagte stets traurig, wenn sie von ihm erzählte. „Wir wissen nicht was aus ihm geworden ist.“
Amelie grübelte vor sich hin. Es gab so viele Gräber auf dem Friedhof. Dort lagen doch die Leute aus dem Dorf, die gestorben waren. Wo liegt denn mein Opa, wenn niemand weiß wo er geblieben ist? Amelie hatte diese Frage an ihre Oma gestellt und die Antwort der Oma machte das Verstehen nicht leichter. Der Krieg ist schuld hatte ihre Oma erklärt. Er ist dort geblieben und niemand weiß wo er nun ist. Die Sache mit dem Krieg verstand Amelie auch nicht. In dem Krieg haben sehr viele Menschen gekämpft, sagte ihre Oma. Auch ihr Opa hatte gekämpft und war nicht wieder nach Hause zurückgekehrt. Diese Gedanken beschäftigten Amelie unwillkürlich bei der Betrachtung des Hutes auf Reginalds Kopf. Der Hut war spitz und nicht so rund wie der Zylinderhut, den die Oma ihr gezeigt hatte. Amelie kannte nur moderne Hüte, die der Vater und die Mutter trugen. So einen altmodischen Hut, der auf Reginalds Kopf hin und her wackelte, wenn er sprach, hatte Amelie noch nie gesehen. Er war genauso altmodisch wie der Zylinderhut des Opas.
Amelie war wieder einmal mit ihren Gedanken von dem abgeschweift was direkt vor ihren Augen geschah. Sie hatte scheinbar den stärksten Schmerz überwunden.
Als sie von ihrem Gedankenspaziergang zurückkehrte, musterte sie den Mann neben sich eingehender. Seine Knollennase und sein spitzes Kinn verliehen ihm ein interessantes Aussehen. Am Kinn wuchs ein kleines rotes Bärtchen, das ihm ein ulkiges Aussehen verlieh. Seine Augen waren klar und blau wie zwei große Seen. Gerade als sie dies dachte, schaute Reginald Amelie besorgt ins Gesicht. Er schien zu kontrollieren ob es ihr gut ginge. Ihr ging es so gut, dass sie mit der Betrachtung Reginalds fortfuhr.
Sein langes dunkelblaues Gewand war mit Sternen übersät? An seinem Hut funkelten diese Sterne hell wie die Sonne selbst. Der Hut, wenn er auch altmodisch war, passte prima zu seinem Gewand, da er aus dem Stoff gefertigt worden war, aus dem auch das Gewand bestand. Reginald trug einen Gürtel, der Amelies Interesse sofort weckte. An ihm waren überall kleine Haken angebracht, an denen Gefäße und Stoffbeutel befestigt wurden.
Amelie fragte Reginald, was er in diesen Gefäßen und Beuteln aufbewahrte. Natürlich bekam sie sofort eine Antwort. Reginald nutzte jede Gelegenheit zur Ablenkung von den Schmerzen, die durch die Verbrennungen verursacht wurden.
„In den Gefäßen und Beuteln sind Heilkräutlein und Mixturen, die für kranke Menschen bestimmt sind, die eine besondere Aufgabe auf der Erde erfüllen sollen.“
„Ich habe jetzt wohl keine Schmerzen mehr, weil du mir etwas davon verabreicht hast?“
„Natürlich habe ich dir etwas gegen die Schmerzen gegeben. Ich kann dich doch nicht leiden lassen. Obwohl; wer so unvorsichtig ist wie du, muss natürlich auch spüren, dass er einen Fehler gemacht hat. Ich bin Heiler und Heiler helfen!“ Reginald schüttelte bei diesen Worten seinen Kopf und sein Hut wackelte dadurch bedenklich.
„Es ist gut für mich, dass du ein Heiler bist. Ich muss durch dein Eingreifen weniger Schmerzen leiden. Danke dafür, lieber Reginald.“
Amelie war froh, dass dieser Heiler ihr half. Was hätte werden sollen, wenn sie die Schmerzen ertragen musste?
„Es ist wirklich eine ganz besonders große Gunst, die dir heute erwiesen wird.“ Die Duse hob den Zeigefinger und schaute Amelie mahnend an. „So etwas darf nicht wieder geschehen. Kannst du mir versprechen, dass du dich nicht wieder auf so ein Spiel einlässt?“
„Ich glaube, das kann ich nur, wenn ihr mir helft. Zu Hause vergesse ich Hisian doch.“ Amelie sah beschämt zur Duse hinüber. Sie wusste in diesem Moment genau, dass sie ohne die Duse und ihre Ermahnungen sehr leicht in gefährliche Spiele hineingezogen werden konnte.
„Das ist ein Problem, das wir lösen müssen. Wie könntest du gewarnt werden?“ Die Duse schüttelte nachdenklich den Kopf und schwebte zu Reginald hinüber, um ihm über die Schulter zu schauen.
Da Amelie nur warten konnte, schaute sie sich Reginalds Füße genauer an.
Die Beine, das empfand sie so, waren Reginalds besondere Eigenheit. Er trug Schuhe mit unterschiedlich hohen Absätzen. Das war klar, denn Reginald musste den Längenunterschied seiner Beine irgendwie ausgleichen. Er bewegte sich trotzdem behände durch das Labor, in das Amelie gebracht worden war.
„Du kannst von Glück sprechen, dass ich der Spezialist für solche Verletzungen bin. Deine Beine sehen ganz schön ramponiert aus! Wenn du als junge Dame mit deinen Beinen die Männer beeindrucken willst, müssen wir unbedingt etwas für dich tun.“ Reginalds Gesicht war von Sorgenfalten durchzogen.
Die Duse wirkte ebenfalls besorgt und fragte leise: „Kannst du Amelie helfen?“
Reginald lächelte beruhigend. „Wir machen jetzt sofort ein paar Umschläge und dann werden wir den Menschen ganz unbemerkt helfen. Die Ärzte werden auf ihren Heilungserfolg stolz sein. Damit sie nicht zu überschwänglich werden, wirst du ein paar kleine Narben am linken Fuß behalten, mein Kind. Den Fuß hast du zuletzt aus dem Wasser gezogen, nicht wahr?“
„Ja“, antwortete Amelie erstaunt. Denn sie selbst musste sich ziemlich anstrengen, um sich an den Fall und den Ausstieg aus dem Kessel zu erinnern. Zu stark beeinflussten die Geschehnisse nach dem Fall in den Waschkessel ihr Denken.
Reginald legte Umschläge mit Salbe aus einem der Töpfe an seinem Gürtel auf Amelies Beine und drehte sich um. Seine Methoden waren zwar sehr altmodisch, halfen jedoch so gut, dass Amelie sofort eine Besserung spürte. Sie hatte uneingeschränktes Vertrauen zu ihm. Das Wunder ihres Hisians machte möglich, dass sie keine Angst hatte. Ihr Bauch und ihr Herz waren ruhig. Sie pochten oder rumorten nicht wie wild vor Angst.
Bis jetzt war Amelie gefesselt von Reginalds Anblick und dem, was mit ihr selbst geschah, so dass sie sich noch nicht in dem Labor umgeschaut hatte.
Unter dem Fenster stand ein langer weißlackierter Tisch. Darauf entdeckte sie jede Menge Gefäße, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Doch viel beeindruckender war der Kamin, der neben ihrer Pritsche eingebaut war.
Es fiel ihr erst jetzt auf, dass sie die ganze Zeit auf einer Pritsche gesessen hatte. Auf der Pritsche konnte sie ihre geschundenen Beine wunderbar ausstrecken. Ziemlich praktisch, wenn man sich die Beine verbrannt hatte. Sofort schmerzten sie nicht mehr so sehr. Die Umschläge, die Reginald aufgelegt hatte, konnten deshalb auch nicht verrutschten. Die Lehne in ihrem Rücken stützte sie.
Im Kamin, an vier Ketten, irgendwo oben im Schornstein befestigt, hing ein großer Topf. Darunter stand ein Dreifuß auf dem ein kleiner Topf stand. Reginald benutzte den kleinen Topf. Er füllte Wasser hinein. Danach gab er allerlei Kräutlein aus den Gefäßen und Beuteln an seinem Gürtel dazu. Es roch fremdartig und Amelie grübelte für wen Reginald dieses Gebräu bereitete. Als er dann mit einer Tasse, gefüllt mit diesem Gebräu, zu ihr herüberschwebte, schwante ihr nichts Gutes.
Igitt, sollte sie vielleicht dieses Gebräu trinken?
Richtig, sie hatte sich nicht getäuscht. Reginald hielt ihr dieses Zeug tatsächlich unter die Nase. Ein würziger Duft - unerwartet angenehm – stieg vor ihrer Nase auf und Amelie hatte plötzlich nichts mehr dagegen von dem Gebräu zu trinken. Die duftende Wolke aus der Tasse versetzte sie in einen Rausch. Sie konnte sich der Anziehungskraft durch Reginalds Gebräu nicht mehr entziehen.
„Mit meinem guten Trank wirst du auch in der Welt der Menschen wenig Schmerzen erleiden müssen. Du musst nur brav ruhig halten und warten bis die Haut an deinen Beinen nachgewachsen ist.“
„Was können wir ansonsten noch tun?“
Die Duse schien nicht mehr so ungehalten zu sein. Amelie atmete auf. Sie hörte Reginald genau zu, denn was er sagte schien wichtig zu sein.
„Sorge dafür, dass sie so schnell wie möglich zu einem Arzt kommt, sonst können sich die Ärzte die schnelle Heilung womöglich nicht erklären. Es wäre auch gut, wenn das Kind vor einem Krankenhausaufenthalt bewahrt wird. Dort vergessen die Schwestern aus lauter Zeitnot die Verbände regelmäßig zu wechseln. Das könnte dann trotz unseres Eingreifens noch Schwierigkeiten bereiten.
Das wäre schade, junge Dame. Du könntest die jungen Männer später nicht mit deinen schönen Beinen betören.“ Er schmunzelte in seinen Bart hinein und schwebte hinüber zum Topf, um den Rest des Gebräus abzufüllen.
Amelie verstand nicht was junge Männer mit ihren Beinen zu tun haben sollten. Was für eine Rolle spielten ihre Beine für junge Männer?
Sie war ein wenig verwirrt. Nach kurzem Nachdenken entschied sie. Die Hauptsache ist, dass ich laufen und gut und fest auf meinen Füßen stehen kann! Reginalds Trank machte sie müde, darum wurde das Nachdenken über diese Dinge immer mühsamer. Sie hörte nun lieber dem Gespräch zwischen der Duse und Reginald zu. Die Duse schien in ihrem Element zu sein.
„Es wird sicher möglich sein Amelie sofort zu einem Arzt zu bringen und ihr den Krankenhausaufenthalt zu ersparen. Wie oft müssen die Verbände gewechselt werden?“
„In den ersten zwei Wochen jeden Vormittag und in den zwei Wochen danach jeden zweiten Vormittag. Danach wird sie wieder laufen lernen müssen. Ruhe ist unbedingt notwendig, damit die Haut so nachwachsen kann, dass kein Schaden entsteht und keine großen Narben bleiben. Also, kleine Amelie werde nicht ungeduldig und befolge artig die Anweisungen der Ärzte. Du wirst zwar den Besuch bei uns vergessen, aber alles was wir dir gesagt haben, wirst du wissen und intuitiv befolgen. Außerdem werde ich jeden Tag etwas von dem würzigen Gebräu unter eines deiner Getränke mischen lassen. Du, die Ärzte und deine Eltern werden es nicht bemerken. So können wir dir von hier aus helfen. Die Schmerzen werden schnell verschwinden und die Heilung wird normal vonstattengehen.“
Die Duse ließ sich nicht nehmen Amelie noch eine letzte Mahnung mit auf den Weg zu geben.
„Wenn du wieder einmal ein Ziehen in deinem Bauch spürst, oder dir dein Herz eng wird, dann wirst du es beachten. Ich will nicht wieder vor Schreck atemlos werden. Was hätte nicht alles geschehen können? Denke immer daran, du wirst immer gewarnt. Du kannst dich hundertprozentig auf deine Gefühle verlassen!“
Mit diesen Worten im Ohr erwachte Amelie aus ihrer Ohnmacht. Die Nachbarin und ihr Mann brachten sie auf die Straße, um nachzusehen wo der Junge blieb, der in der Schänke einen Krankenwagen rufen sollte.
In diesem Moment bogen Amelies Eltern mit dem Auto in die Gasse ein. Der Junge, der zum Wirt geschickt worden war, hatte sie angehalten. Gerade zur richtigen Zeit waren sie zur Stelle.
Dieses Wunder war darauf zurückzuführen, dass Amelies Mutter sich nicht daran erinnern konnte, ob sie das Bügeleisen abgestellt hatte. Ihre Gedanken an die Katastrophe, die geschehen konnte, hatte sie so lange auf den Vater einreden lassen, bis dieser umkehrt war, um zu Hause noch einmal nach dem Rechten zu sehen.
Das war die Rettung in Amelies Not!
Sie wurde auf den Rücksitz des Autos gesetzt. Die Mutter nahm neben ihr Platz und hielt ihre Hand. „Du musst doch höllische Schmerzen haben Kind.“
Amelie schaute die Mutter an und lächelte. „Alles wird gut Mutti!“
„Was redest du da?“, sagte die Mutter und trieb den Vater zur Eile an. Sie konnte nicht wissen, dass Amelie bereits eine Behandlung hinter sich hatte. Die Ängste und Sorgen um das Kind waren der Mutter ins Gesicht geschrieben. Mit Verbrennungen war nicht zu spaßen, das wusste sie genau.
Sie kamen kurz vor der Mittagspause im Krankenhaus an. Deshalb saßen nur noch wenige Patienten im Wartezimmer. Die Dame in der Anmeldung war sehr freundlich und rief sofort den Arzt zu Hilfe. So kam es, dass Amelie schnell versorgt wurde.
Außerdem erklärte der Arzt den Eltern, dass das Krankenhaus zurzeit wegen eines Fiebers voll belegt sei und sie Amelie mit nach Hause nehmen müssten. Die Nachfolgebehandlungen würden ambulant erfolgen.
Amelie fragte die Mutter, was der Arzt denn damit meinte. Die Mutter schaute besorgt in ihr Gesicht und erklärte ihr. “Wir müssen jeden Vormittag mit dir hierher fahren, um dich verbinden zu lassen. Nur gut, dass wir ein Auto haben.“
Für die Eltern kam nun eine anstrengende Zeit. Sie brauchten nun viel mehr Zeit für das Kind. Überall, wo Amelie normalerweise hingehen wollte oder musste, wurde sie getragen. Sie durfte ihre Beine nicht belasten, damit die Heilung gute Fortschritte machen konnte. Das hatten die Ärzte den Eltern eindrücklich erklärt. Amelie befolgte alle Anweisungen und die Ärzte wunderten sich über dieses unnatürlich disziplinierte Kind. So viel Verstand schon in diesem Alter! Manche Erwachsene mit solchen Verletzungen waren uneinsichtiger. Komisch auch, dass die Kleine selten über Schmerzen klagte.
In dieser Zeit waren die Eltern froh und dankbar, dass Amelie sich mit dem Urgroßvater angefreundet hatte. Sie besuchte ihn nun öfter. Die Zeit in der er seine Geschichten erzählte oder Märchen vorlas, war für beide wunderbar und erleichterte den Eltern das Leben erheblich. In der Zeit, die Amelie beim Urgroßvater verbrachte, konnten sie beruhigt ihren Verpflichtungen nachgehen.
Franz, der noch nicht so verständig war, versuchte mehrmals, unter den dicken Binden nachzugucken. Wie es dort wohl aussah? Er wurde deshalb öfter gescholten. Aber seine Neugier war trotzdem nicht gestillt.
Amelies ungestümes Wesen war wie weggeblasen. Sie ließ die Behandlungen und den Wechsel der Verbände mit Gleichmut über sich ergehen. So kannten die Eltern sie überhaupt nicht. Es war, als hätten sie plötzlich ein anderes Kind. Das sollte sich ändern, als der Arzt Amelie erlaubte die ersten Schritte zu wagen.
Das war vielleicht lächerlich. Sie konnte doch gehen! Wieso sollte das so ein Problem sein? Amelie war empört!
Als sie das erste Mal versuchte zu gehen, konnte sie kaum das Gleichgewicht halten. Sie musste sich am Tisch festhalten, wenn sie nur irgendwie vorwärts kommen wollte. So hatte sie sich das nicht vorgestellt!
In dieser Zeit zeigte sich, dass Amelie auch beharrlich sein konnte. Sie schaffte sie es innerhalb weniger Stunden auf ihren dicken Verbänden schon von der Stube in die Kammer zu gehen.
Als dann die Ärzte die dicken Verbände entfernten, waren sie sehr stolz auf das gute Behandlungsergebnis. Nur eine kleine Narbe am linken Fuß war geblieben. Anerkennend nickend und mit einem Lächeln auf dem Gesicht meinte der Arzt: „Mit den Beinen wirst du die jungen Männer, wenn du groß bist, ganz verrückt machen.“
Für Amelie unbegreiflich. Warum war es so wichtig junge Männer verrückt zu machen? Sie hatte schon genug mit Franz und seinen verrückten Ideen zu tun. Wenn er immer wieder an ihren dicken Verbänden zupfte, dann war er schon ein echter Plagegeist. Trotzdem liebte sie ihn sehr. Sie konnte nicht anders. Schon seit dem Augenblick als sie ihn das erste Mal gesehen hatte, war ein heißer Schwall in ihrem Herzen aufgestiegen. Sie erinnerte sich genau. Damals konnten seine wunderbaren blauen Augen Amelie noch nicht so umwerfend anleuchten und trotzdem hatte es sie beim ersten Sehen erwischt. Franz war ein ganz besonderer Mensch in Amelies Leben. Mit ihm verband sie sehr viel. Ihr Herz fühlte sich warm und weich an, wenn er in ihrer Nähe war. Sie teilten viele interessante und spannende Erlebnisse miteinander. Nur mit Franz konnte Amelie sich über diese gemeinsamen Erlebnisse unterhalten. Er verstand sie viel besser als die Erwachsenen. Franz war ihr Vertrauter und Freund. Sie lebten gemeinsam auf dem Bauernhof und alles Interessante dort konnten sie auch gemeinsam erforschen. Die Eltern ließen sie allein, wenn sie sicher waren, dass wenig geschehen konnte. Denn zwei von ihrer Sorte, aufgeweckt und kaum zu bändigen, konnte man einfach nicht ohne Befürchtungen allein lassen. Das war viel zu gefährlich!
Ihre Oma hatte so etwas zur Mutter gesagt. Amelie hatte das Gespräch der beiden mit einem schlechten Gewissen belauscht. In dem Gespräch hatte die Oma außerdem erwähnt, dass leicht eine Katastrophe passieren könnte.
Was für eine Katastrophe meinte ihre Oma? Amelie trieb diese Frage regelrecht um. Ob damit auch ihr Unfall in dem verbotenen Gebäude und die Verbrennung der Beine gemeint waren? Franz hatte solche Unfälle zwar noch nicht gehabt. Jedoch auch bei ihm kamen immer wieder kleine Unfälle vor. Seine Knie sahen aus wie eine Mondlandschaft - überall Narben.
Amelie konnte sich vorstellen, dass die Mutter oft unheimlich erschrocken war. Ganz genau konnte sie sich an die besorgten Gesichter erinnern, als Mutter und Vater sie mit dem Auto ins Krankenhaus brachten. Amelie spürte ein Grummeln in ihrem Bauch. Ein solches Grummeln spürte sie, wenn Franz hinfiel und dann bitterlich weinte, weil er sich wieder einmal an einem Stein das Knie blutig geschlagen hatte. Wenn er weinte, schmerzte Amelies Herz und die Traurigkeit, die sie empfand, konnte sie mit dem Kummer vergleichen, den sie fühlte, wenn sie selbst mit einer Situation nicht fertig zu werden drohte und ihr Bauch oder das Herz sprachen.
Diese Gedanken dürfte der Vater jetzt aber nicht hören. Er sagte: „Das Herz und der Bauch können überhaupt nicht sprechen.“
Irgendwie stimmte das für Amelie nicht und davon ließ sie sich auch nicht mehr abbringen. Diese Einsicht behielt sie jedoch lieber für sich allein, denn die Anderen wollten von Gefühlen im Herzen und im Bauch nichts wissen.
Komisch eigentlich, hatten die Anderen denn nicht solch ein Ziehen im Bauch?
Mit Franz konnte sie darüber auch nicht sprechen. Er wollte immer ein starker Junge sein und keine Memme.
Schade, Amelie hätte gern mit ihm darüber gesprochen. So sprach sie abends mit dem Herrgott darüber. Jemand anderes wollte von ihren Gefühlen nichts wissen. Das war schwer aber manchmal auch schön, denn Geheimnisse waren prickelnd und nur für sie ganz allein da. Etwas das nur sie selbst wusste und vielleicht noch ihre Puppe Heike.
Der Unfalltraum
Das Beten hatte Amelie von ihrer Mutter gelernt und sie fand es wunderschön. Wenn sie abends vor dem Einschlafen betete, fühlte sie sich noch sicherer unter ihrer Bettdecke. Sie hatte das Gefühl, das etwas Warmes, Weiches sie einhüllte und behütete. So, als wäre jemand da, der mit ihr schmuste und sie tröstlich wärmte. In diesen Momenten fühlte sie sich aufgehoben in ihrem Bett.
Neulich, das hatte Amelie niemand erzählt, träumte sie drei Nächte hintereinander denselben Traum. Einfach schrecklich! Nach diesem Traum konnte sie sich nur beruhigen, weil sie dem Herrgott und Heike anvertraute, was sie geträumt hatte. Heike hatte scheinbar aufmerksam zugehört als sie ihr erzählte, dass sie im Traum in einem alten Auto gesessen hatte. Das Auto war so ähnlich geformt wie das Auto ihres Vaters. Es wirkte nur größer. Das Schreckliche an dem Traum war, dass sie hinter dem Steuer saß und losfuhr. Hinter dem Lenkrad sitzend raste sie eine abschüssige Straße hinunter. Am Ende dieser Straße rückte ein großer Baum in ihr Blickfeld. Der Baum trug farbige Blätter und seine Krone erstreckte sich über die ganze Breite der Straße. Amelie bekam das Lenkrad nicht in den Griff. Sie konnte nicht anders. Unaufhörlich musste sie auf den großen Baum zu fahren. Sie bemühte sich nach Kräften das Lenkrad herum zu reißen, doch das Auto raste immer weiter auf den Baum zu. Bis es ihr schwarz vor Augen wurde und dann war nichts mehr, nur noch Schwärze und ein Fall ins unendliche Dunkel. So endete der Traum jedes Mal.
Amelie wachte danach stets schweißgebadet auf. Schrecklich diese Schwärze. Was dieser Traum bedeuten mochte? Heike konnte ihr diese Frage nicht beantworten. Amelie war sehr froh, dass sie Heike davon erzählen konnte. Allein wurde sie mit diesem schrecklichen Traum nicht fertig.
In einer der Nächte, die den schrecklichen Traumnächten folgten, kuschelte Amelie sich ganz fest unter ihre Decke. Sie hatte den Herrgott um Verschonung von dem Traum gebeten. Ganz vorsichtig hatte sie außerdem um eine Erklärung für die Träume erbeten. Ob sich ihr Wunsch erfüllen würde? Amelie wusste aus Erfahrung, dass Gebete nicht immer erhört wurden.
Sie schlief ein. Als sie die Augen aufschlug, weil sie eine Berührung spürte, befand sie sich in einer Höhle, die wie eine Kirche auf sie wirkte. Die Höhle wurde von tausenden Kerzen erleuchtet. Es roch so angenehm, dass Amelie sich unwillkürlich wohl fühlen musste. Der Geruch berührte ihr Herz. In dem Moment als sie das begriff, wurde ihr klar, dieser Geruch hatte sie so stark berührt, dass sie erwachte. Wo war sie wieder einmal hingekommen? Amelie schaute sich erstaunt um und stellte fest, dass sie auf einem Hocker saß, der für sie viel zu groß war. Sie stützte ihre Arme auf wunderbar verzierte Lehnen. Für Amelie war der Hocker ein wenig unbequem. Für wen ist dieser Hocker gedacht? Sie schaute sich um. Konnte jedoch niemanden entdecken.Unter ihrem Po fühlte sie ein wunderbar weiches Kissen, das jedem König zur Ehre gereicht hätte. In diesem von tausend Kerzen erleuchteten Saal konnte sich ein Menschenkind schon dieser Einbildung hingeben. Amelie war für so eine Einbildung noch empfänglich, denn ihr Herz reagierte auf die Lichter, den Geruch und die Weite des Raumes. Ihre Gedanken wollten gerade um den wundervollen Glanz kreisen, als die Duse heranschwebte. Ihr Lächeln holte Amelie zurück in die Welt, in der sie wieder einmal zu Besuch war. Sie war in Hisian, das hätte sie sich auch gleich denken können.
Die Duse wirkte ernst und zurückhaltend. Sie sah so verändert aus, dass Amelie Zweifel kamen, ob die Frau wirklich die Duse sein konnte.
So feierlich hatte sie sie überhaupt nicht in Erinnerung.
Über ihrem Gewand, das ohnehin schon beeindruckend war, trug sie heute einen dunkelgrauen Mantel mit goldenem Besatz. Warum war sie denn so feierlich gekleidet? Was war heute mit der Duse los? Sie sah so anders aus und das hatte Amelie bis jetzt noch nicht bemerkt. Hinter der Duse schwebte noch eine weitere Frau, die der Duse unheimlich ähnlich sah.
Gerade wollte Amelie neugierig näher schweben, als sie die Duse sagen hörte: „Wir begrüßen dich in Roonia, liebe Amelie. Es ist an der Zeit, dass du eine weitere Lektion bekommst. Deshalb habe ich meine Schwester mitgebracht. Die Aufgabe, die wir heute haben, ist kompliziert und wir werden dich gemeinsam in das Reich meiner Schwester einführen. Ihr Name ist Guse. Sie freut sich sehr, dass du in ihr Reich, das Roonia heißt, gekommen bist.“ Amelie konnte ihre Augen nicht von der Frau, die nun neben die Duse schwebte, lassen. Was für eine beeindruckende Erscheinung.
Die Guse trug einen dunkleren Mantel als die Duse und ihr Gesicht wirkte älter. Seltsam, die Guse hatte überhaupt keine Falten in ihrem Gesicht und sah doch älter aus als die Duse. Amelie jedenfalls fühlte, dass die Guse die ältere der beiden sein musste. Ihr Mantel wurde von einem goldenen Gürtel gehalten. Der Gürtel fehlte am Mantel der Duse. Beim Anblick dieses Gewandes und des Gürtels war für Amelie klar:
Diese Frau trägt große Verantwortung.
Oder sah sie das Verantwortungsbewusstsein im würdigen Gesicht der Guse? Diese Gedanken zu Ende zu denken war müßig. Lieber schaute sie sich die Frau genauer an. Zuerst inspizierte sie also den Gürtel mit seinen Eigenheiten genauer. Er schien sehr wertvoll zu sein. An ihm hingen mehrere Schmuckstücke. So etwas hatte Amelie noch nie gesehen.
Zuerst fiel ihr so etwas Ähnliches wie ein Kreuz ins Auge. Ein Kreuz, wie es Amelie kannte war das der Guse jedoch nicht, denn es hatte am oberen Ende einen lustigen Henkel. Wozu die Guse wohl so ein Henkelkreuz brauchte? Diese Frage schwirrte Amelie während der Betrachtung der Frau neben der Duse durch den Kopf.
Die Guse hatte Amelie geduldig zu Ende denken lassen und erhob nun ihre weiche, feste Stimme.
„Ich begrüße dich im Reich der Roo. Hier werden wir, meine Schwester Duse und ich dir alles zeigen was du wissen darfst.“
Amelies Interesse war sofort geweckt. Sie musste einfach fragen: „Das Reich der Roo, was heißt denn das?“
„Das ist der Ort zu dem die Seelen der Menschen reisen, wenn sie den Körper verlassen. Mein Reich ist interessant und manchmal auch erschreckend für ein Mädchen wie dich. Du hast um Aufklärung gebeten, deshalb werde ich dich in mein Reich einführen. Damit du dich sicher und geborgen fühlst, wird die Duse uns begleiten. Natürlich freue ich mich auch sehr, dass mich meine Schwester Duse mit dir besucht.“
Amelie brannte schon die ganze Zeit eine Frage auf dem Herzen. Das bemerkten die Duse und die Guse natürlich und schauten deshalb fragend zu ihr herüber. So konnte sie ihre Frage ohne beklemmendes Gefühl loswerden.
„Liebe Guse hast du auch ein kleines Mädchen wie mich, das dich immer wieder in Hisian besucht?“
„Ich habe eine große Aufgabe im Reich Roonia. Die Verantwortung für die Roo ruht auf meinen Schultern. Ich habe kein Menschenkind, das mich besucht. Dazu habe ich überhaupt keine Zeit. Denn ich erkläre allen Wesen, die ins Land Hisian kommen, mein Roonia. Außerdem stehe ich noch anderen Bereichen in Roonia, die Wilajate genannt werden, vor. Damit habe ich genug Arbeit. Du wirst sicher einige Wilajate kennen lernen. Ich bin gespannt, wie dir mein Reich gefällt.“
Die Duse ergriff Amelies Hand.
„Lass uns weitergehen, damit wir nicht zu viel Zeit verlieren.“
Natürlich gingen sie nicht, sie schwebten, wie überall in Hisian.
Amelie schaute sich um und sah, dass die große Höhle nach hinten immer enger wurde. Zuletzt mündete sie in einen Gang. Durch diesen Gang erreichten sie einen Raum, in dem viele kleine Roo spielten.
Die kleinen Roo hatten die Spielzeuge, die ihr Herz begehrte. Amelie spürte überdeutlich das Begehren der kleinen Roo in der Luft. In diesem Raum konnten sie sicher mit Freude ihrem Spiel frönen.
Amelie war vollkommen begeistert. Die kleinen Roo konnten aus einer Vielfalt wählen, die es in ihrem Kindergarten nicht gab. Siel entdeckte auch Spielzeuge, die sie noch nie gesehen hatte. Als sie genauer hinschaute konnte sie sternen- und mondähnliche Spielzeuge entdecken. Wozu die kleinen Roo so etwas brauchten, verstand sie nicht.
In einer Ecke spielte eine kleine Roo mit einem großen Flugzeug.
Sie nahm das Flugzeug einfach auseinander!
Durfte das denn sein?
Amelie war fürchterlich erschrocken, denn sie dachte an Franz. Wie gern nahm er sein Spielzeug auseinander und bekam dafür immer Schelte. Hier durfte die kleine Roo einfach das tolle Flugzeug auseinandernehmen und das schien in Ordnung zu sein.
Woran lag das denn?
Die Guse hörte, was Amelie auf dem Herzen hatte und beantwortete die Fragen des Mädchens.
„Siehst du, die kleinen Roo in diesem Raum werden auf ihr neues Leben vorbereitet. Schau dort in der Ecke spielt eine mit Puppen. Sie wird einmal einem Menschen ihre Roo geben, der Kinder betreut. Und bis es so weit ist, kann die Roo schon einmal tüchtig üben.
Die kleine Roo mit dem großen Flugzeug wird einmal Flugzeuge bauen, deshalb darf sie schon einmal schauen, was alles zu einem Flugzeug gehört. Als Ingenieur wird diese Roo große Erfindungen machen. Sie wird in Roonia gründlich auf diese Zeit vorbereitet. Im Moment ist die Betreuerin für diesen Raum nicht hier. Wenn alles in Ordnung ist, gönnt sie sich hin und wieder eine Pause. Siehst du da oben, die Vualo? Sie betreuen die Roo ohne, dass diese es bemerken. Sie schauen, dass keine Unfälle passieren und die Roo auch die richtigen Dinge lernen.“
Hoch über den kleinen Roo, das hatte Amelie beim Eintreten in den Raum nicht bemerkt, schwebten Wesen mit Körpern, die aussahen wie Schleier. Sie wirkten auf Amelie so ähnlich wie kleine Nebelwolken und schienen die Roo einzuhüllen. Eine Atmosphäre von liebevoller Sicherheit herrschte dadurch im Raum. Die Vualo strahlten, das spürte Amelie genau, eine so unwahrscheinliche Geborgenheit aus, dass sie sich am liebsten zu den Roo gesellt hätte. Die Vualo könnten die Kindergärtnerinnen zu Hause auch gut als Unterstützung gebrauchen.
Amelie war voll bei der Sache. Die Roo an diesem Ort hatten es doch gut. Warum sie wieder auf die Erde mussten, auf der man ständig etwas falsch machen konnte, das verstand sie nicht.
Ihr platze deshalb die Frage heraus: „Kommen alle Roo in den Spielraum zur Vorbereitung auf das Leben?“
„Nein Amelie, hier werden nur die Roo vorbereitet, die in der Welt eine wichtige Duma übernehmen sollen. Die anderen werden nicht vorbereitet. Sie dürfen sich auf der Erde einfach ausprobieren. Diese Roo dürfen sich ihr Spielzeug selbst aussuchen und sind deshalb in einem anderen Raum untergebracht. Dort geht es lebhafter zu. Deshalb werden dort auch mehr Vualo gebraucht, um Reibereien zu vermeiden. Diesen Ort besuchen wir heute nicht. Der Besuch dort würde dich nur verwirren.
In diesem Raum Roonias geht es deshalb sehr ruhig und konzentriert zu, weil die jungen Roo wissen, dass ihre Duma einmal wichtig sein wird. Das solltest du dir gut merken, denn du hast auf der Erde auch einmal eine wichtige Duma zu erfüllen.“
„War ich auch schon einmal hier?“ Amelie konnte nicht verhindern, dass diese Frage über ihre Lippen sprudelte.
„Könnte das sein?“ Die Duse schaute Amelie tief in die Augen und in diesem Augenblick fiel es wie ein Blitzstrahl in ihr Herz. Sie war natürlich schon hier gewesen. Wie hätte sie sonst sofort ein so tiefes Sicherheitsgefühl beim Anblick der Vualo spüren können?
Habe ich auch so eine Duma bekommen, wie die Roo hier?
Amelies Augen standen voller Tränen als sie diese Frage stellte.
Was war nur mit ihr los?
Was rührte sie in diesem Augenblick zu Tränen?
Die Guse schwebte direkt vor das Mädchen und nestelte dabei an ihrem Gürtel herum. Sie löste das Henkelkreuz von ihrem Gürtel und hielt es direkt an Amelies Stirn. Ein Gefühl, das Amelie nicht kannte durchströmte ihren Körper. Sie war augenblicklich zurückversetzt in die Zeit als sie selbst in diesem Raum gewesen war. Nun war ihr klar mit welchen Spielzeugen sie hier gespielt hatte. Ein Frieden zog in ihr Herz ein, den sie noch nie gefühlt hatte. Sie wurde durch die Berührung mit dem Henkelkreuz gestärkt und ihre Verbindung zu Roonia wurde erneuert. Das war ihr in den wenigen Sekunden, als die Guse das Henkelkreuz an ihre Stirn hielt, sonnenklar.
„Was für ein Wunderwerkzeug Guse – ich habe keine Fragen mehr.“
Amelie brauchte keine Fragen, die sie selbst betrafen mehr zu stellen. Das Henkelkreuz hatte sie Roonia als Hort für ihre Roo erkennen lassen. Die Verbindung zum Reich der Guse war in wenigen Sekunden wieder hergestellt worden.
„Mein Salaba stellt für alle Roo die Verbindung nach Roonia her. Es ist das Zeichen meiner Macht und Verantwortung. Du bist nun verbunden mit dem Teil von dir, der das Wilajat Mandalisi bereits kennt.“ Die Guse befestigte das Salaba wieder an ihrem Gürtel und schwebte erklärend weiter.
„Nun müssen wir weiter, denn im nächsten Raum finden wir die Erklärung für deine schrecklichen Träume.“ Amelie und die Duse folgten der Guse. Jede für sich in ihre Gedanken versunken. Nur gut, dass Hisian ein wahres Wunderland war, denn diese Gedanken blieben verborgen.
Im nächsten Raum war es taghell. Es fühlte sich an, als stünde Amelie unversehens mitten im Leben. Überall wo sie hinschaute war geschäftiges Treiben. Amelie fühlte sich mitten in diesem Geschehen, als liefen hunderte von Filmen gleichzeitig ab. In diesem Gewusel konnte sie kaum erkennen, wer gerade was tat.
Hier leben viele Roo. Für Amelie sahen sie genauso aus wie jeder Mensch auf der Erde. Sie waren überhaupt nicht von den Nachbarn zu Hause in ihrem Dorf zu unterscheiden. Seltsam, seltsam, wer konnte ihr erklären was das alles zu bedeuten hatte?
Amelies Gedanken aufgreifend erklärte die Guse: „Dieser Raum gehört zum Wilajat Anjali. Hier leben Roo, die durch einen Unfall viel zu schnell ihren Körper verlassen mussten ihr Leben einfach weiter. Sie sind so schnell gestorben, dass sie nicht verstanden, dass sie ihren Körper verloren haben. Sie irrten immer wieder auf den gleichen Wegen herum und redeten mit ihren Angehörigen. Die Angehörigen konnten sie aber nicht mehr hören.“
„Wie schrecklich muss das sein?“ Amelie war entsetzt.
„So schrecklich wie es sich anhört, ist es nicht. Die Roo müssen sich langsam daran gewöhnen, dass sie nicht mehr auf der Erde sind. Es wäre ein Schock für sie, wenn sie von einer Sekunde zur anderen begreifen müssten, dass ihr irdisches Leben zu Ende ist.
Sie dürfen bei uns noch eine Weile in ihrem Leben bleiben, bis sie dann begreifen, dass sie nun freier sind als in ihrem menschlichen Körper.“
Amelies Mund blieb vor Staunen offen stehen.
„Was heißt das, freier sein als im menschlichen Körper?“
Amelie war völlig schleierhaft, wie das funktionieren sollte. Sie war jetzt auch ein Mensch. Wie konnte sie sich vorstellen, dass es eine Freiheit gab, die die menschliche Vorstellungskraft übersteigt?
„Das musst du dir so vorstellen“, die Guse mischte sich ein. Sie wollte keine Zeit verlieren. Deshalb erklärte sie selbst Amelie was in dem Raum geschah, den sie gerade betreten hatten.
„Die Roo, die durch einen Unfall hierher kommen, haben von einer Minute zur anderen ihren Körper verlassen. Das geht so schnell, dass die Roo es einfach nicht begreifen kann. Eine Roo, die nicht mehr im menschlichen Körper wohnt, hat viel mehr Freiheit zu reisen als ein Mensch. Deshalb können diese Roo plötzlich überall dabei sein. Sogar bei ihrer eigenen Beerdigung. Sie reden mit den Angehörigen, versuchen ihnen klar zu machen, dass sie überhaupt nicht gestorben sind. Oder sie erzählen ihren Lieben, dass es ihnen gut geht. Das heißt, so eine Roo muss zuerst einmal begreifen, dass sie durch den Tod die Freiheit erlangt hat. Eine Roo, die so plötzlich in Anjali angekommen ist, findet sich am Anfang einfach nicht zurecht. In dieser Zeit denken die Roo, sie müssen ihr Leben weiterleben und sich ihren Angehörigen erklären.
Dabei reisen sie, nachdem sie den menschlichen Körper verlassen haben so schnell von einem Angehörigen zum anderen, dass sie alle wichtigen Ereignisse im Zusammenhang mit sich selbst miterleben können. Es dauert einige Zeit, bis sie das begriffen haben. Verstehst du Amelie, so eine Freiheit erreicht ein Mensch nie. Wenn die Roo dies begriffen haben, dürfen sie noch für eine Weile auf die Erde zurückkehren und bei ihren Lieben zu Hause nach dem Rechten sehen. Ganz bewusst erleben sie dann mit was in ihren Familien geschieht. Bis sie bereit sind in Roonia eine neue Duma anzunehmen. Sie werden dann das Wilajat Anjali verlassen, denn jeder der bei uns angekommen ist, setzt seine Lebensreise irgendwann fort. Meine Vualo und ich sind dafür verantwortlich, dass jeder seinen Platz findet.“
Als die Guse erklärt hatte, schaute Amelie zu den vielen schwirrenden schleierähnlichen Geschöpfen hinauf. Sie flogen nicht, sie segelten, lautlos wie ein Luftballon. Es sah eigenartig aus, wenn sich über ihren Köpfen die Wesen begegneten und sich gegenseitig auswichen. Amelie hätte stundenlang stehen und zuschauen können. Dieses Roonia gefiel ihr gut. Es wirkte so geordnet und friedlich.
„Ja, hier geht es friedlich und ruhig zu. Ganz anders als auf der Erde. In meinem Reich hat alles seine Ordnung und jeder findet seinen guten Platz. Das ist auf der Erde nicht immer so.“
Der Gesichtsausdruck der Guse wandelte sich. Sie wirkte sehr ernst als sie erklärte: „Nun will ich dir sagen, warum du in den letzten Wochen diese schrecklichen Träume haben musstest. Manchmal kommen die Roo nach einem Unfall auf die Erde zurück. Sie dürfen eine Nachricht an die Familie zu Hause senden. Weil sie sich vor ihrem Tod nicht mitteilen konnten, suchen sie in der Familie eine Roo, die bereit ist, ihre Erklärung anzunehmen. Dieser Roo teilen sie mit was ihnen geschehen ist. In dem Traum, den du in den vergangenen Nächten träumtest, war also eine Mitteilung versteckt. Diese Mitteilung für dich und deine Familie soll heißen:
Dein Großvater fuhr beim Militär ein Auto. Er hat mit dir gemeinsam noch einmal seinen tödlichen Unfall erlebt. So konnte er selbst begreifen, dass sein Leben nun wirklich ausgehaucht ist und er in Roonia einen neuen Platz finden wird.
Außerdem war in deinem Traum noch eine Information für dich enthalten. Wenn die Zeit für dich gekommen ist, wirst du wissen, dass dein Großvater bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.
Also, Amelie was hast du nun bei uns in Roonia gelernt?“
Die Guse stellte genau solche Fragen wie die Duse. Da gab es keinen Unterschied.
Amelie musste kurz überlegen und konnte dann eine Antwort finden.
„Mein furchtbarer Traum mit der tödlichen Autofahrt enthielt eine Botschaft von meinem Großvater und ich durfte ihm helfen. Er hat nun begriffen, dass er in Roonia angekommen ist. Eigentlich muss mir das überhaupt keine Angst machen! Für meinen Großvater ist das gut!“
„Prima“, freute sich die Duse. „Du bist doch ein kluges Kind. Wir haben wirklich Glück mit dir. Ich freue mich, dass du die Botschaft so aufnimmst und deinem Großvater gern geholfen hast. Manche Menschenkinder sind böse auf die armen Roo denen sie helfen. So wird es für meine Schwester und ihre Helfer schwer den Roo ihren Platz zuzuordnen. Dein Großvater wird nun ein guter Roox für dich. Er wird dich manchmal in deinem Leben begleiten. Du wirst es spüren, wenn du plötzlich Mut für zwei hast. Dann ist er bei dir. Die Hilfe aus Roonia ist mehr wert als alle Menschen denken. Wer Unterstützung von hier erhält, wird mit viel Mut ausgestattet sein.“
„Au fein dann bin ich von nun an manchmal doppelt so mutig – nein noch mehr – denn der Großvater war erwachsen – dann bin ich dreimal so mutig wie jetzt. Das wird mir sicher helfen.“
Die Duse nahm Amelies Hand und führte sie in den kerzenbeleuchteten Saal zurück. Die Guse begleitete sie bis hierher und verabschiedete sich dann von Amelie. Sie strich ihr über die Wange und lächelte.
„Ich segne dich mein Kind. So ein verständiges und liebes Kind habe ich lange nicht mehr durch Roonia geführt. Wir werden uns bestimmt noch einmal wiedersehen, wenn es gilt die nächste Lektion über die Roo zu lernen.
Als sie dies gesagt hatte, verschwand sie so schnell sie erschienen war.
Amelie fühlte die Berührung der Guse noch wie einen Hauch auf ihrer Wange. Das Gefühl, das diese Berührung auslöste und die Erinnerung an das Salaba blieb ihr von diesem Besuch im Reich der Frau mit der großen Verantwortung. Amelie wusste nun, dass sie und alle Menschen, mit Roonia verbunden waren.
Die Duse sah Amelie lächelnd an und nahm ihr den Mantel ab. Er war genauso grau, wie der Mantel der Duse. Seltsam, Amelie hatte ihn nicht bemerkt. Wann hatte die Duse ihr den Mantel angezogen?
„Den Mantel, mein liebes Kind, bekamst du auf dem Weg hierher. Niemand darf ohne einen solchen Mantel in das Reich meiner Schwester Guse eintauchen. Die Roo würden sich erschrecken, wenn wir ohne diese Mäntel unter ihnen wandeln würden.“
Das erste Mal seit Amelie Hisian besuchte, küsste die Duse sie auf die Stirn und strich ihr sanft über den Scheitel.
„Wenn du jetzt in deine Welt zurückkehrst, wirst du dich nicht an diese Reise nach Hisian erinnern. Du wirst jedoch genau wissen, dass die Roo, die den menschlichen Körper verlassen haben, gut aufgehoben sind. “
Die Duse hatte das letzte Wort noch nicht ausgesprochen, da war Amelie schon in einen erholsamen und ruhigen Schlaf hinüber geglitten.
Am nächsten Morgen war sie frisch und gut ausgeruht. Sie erfreute sich an der Sonne, die ihr an der Nase kitzelte.
Warum freute sie sich so sehr an dem Geruch der frischen Blumen? Amelie konnte sich nicht erklären, wieso alles um sie herum plötzlich in einem völlig anderen Licht zu erstrahlen schien.
Sie hatte die Träume der letzten drei Nächte nicht vergessen. Doch sie erinnerte sich nur noch schemenhaft daran. Ihre Gebete schienen erhört worden zu sein. Die Träume hatten für sie ihren Schrecken verloren. Sie spürte tief in sich eine Gewissheit, die ihr ermöglichte, diese Träume anzunehmen. Deshalb erzählte sie darüber niemandem etwas. Es blieb ihr Geheimnis. Woher sie diese Sicherheit nahm, war ihr zwar schleierhaft, aber das Wissen ganz tief in ihr würde niemand überzeugen. So behielt sie ihr emotionales Wissen für sich. Sie konnte ja nicht nicht beweisen, dass ihre Gefühle richtig waren.
Trotzdem fühlte sich Amelie an diesem Morgen im Sonnenschein in ihrem warmen weichen Bett wieder einmal vollkommen sicher.
Ihr Gefühl war richtig!
Die Gefühle waren ihre Welt und in dieser Welt wollte Amelie verhaftet bleiben. Mit ihren Gefühlen war sie behütet und aufgehoben in der Welt. Sie schöpfte Mut aus ihnen und konnte in allen Lebenslagen bestehen. An diesem Morgen in ihrem Bett war sich Amelie ganz sicher, dass es so war und immer so sein würde.
Familiensachen
Alle Kinder haben zwei Omas und zwei Opas. Das hatte Amelies Mutter neulich erklärt. Die Oma in ihrem Haus gehörte zur Mutter und der Opa war im Krieg geblieben. Die Eltern des Vaters wohnten in einem Nachbardorf. Wenn Amelie und die Eltern zu ihnen fuhren, holte der Vater den Motorroller aus der Garage. Das war jedes Mal ein tolles Erlebnis für Amelie. Sie liebte es, vor dem Vater auf dem Kindersitz Platz zu nehmen und sich den Wind um die Ohren blasen zu lassen. Eine Ausrüstung für diese Fahrten hatte Amelie von ihrer Oma geschenkt bekommen. Eine schnittige Kappe, mit der sie wie ein Rennfahrer aussah. Später, als auch Franz zu der kleinen Familie gehörte, fuhren Mutter und Franz auf dem Mofa und Amelie, die Oma und der Vater auf dem Motorroller zu kleineren Ausflügen in die schöne Gegend ihrer Heimat. Das kam zwar selten vor, aber das großartige Gefühl spürt Amelie heute noch, wenn sie sich darauf konzentriert. Sie hatte den besten Platz auf dem Motorroller erwischt. Vor dem Vater sitzend, sah sie genau wie er selbst, den Weg der vor ihnen lag. Ungehindert schaute sie im Vorbeifahren die Natur und all die interessanten Dinge am Wegesrand an.
Später hatten die Eltern beschlossen, ein Auto zu kaufen. Das war toll, denn im Auto hatten alle Platz, die Eltern, die Oma und die Kinder. Das war nicht zu verachten. Sie konnten nun alle gemeinsam in eines der Nachbardörfer fahren, um die Großeltern zu besuchen.
Im Haus der Großeltern lebten auch Amelies Tante und drei Onkel. Amelies Interesse war sofort geweckt, wenn sich die Erwachsenen über die Familie und die Menschen, die dazu gehörten, unterhielten. In diesen Gesprächen hatte sich gehört, dass sie eines Tages einmal Cousinen oder Cousins haben, würde. Das waren die Kinder von den Brüdern und Schwestern der Eltern.
Leider hatte die Mutter keine Geschwister mehr. Ihre Schwester, Amelies Tante Monika, war mit fünf Jahren gestorben, deshalb würde sie nur Cousins oder Cousinen von den Geschwistern des Vaters bekommen.
In Amelies Herz zog das Gefühl von freudiger Erwartung ein. Sie würde in der eigenen Familie Spielkameraden finden. Das war doch wunderbar. Ob es wirklich so einfach war?
Sicher musste dazu noch etwas geschehen. Aber was? Amelie war neugierig und fragte deshalb ihre Tante Edna danach.
Die Tante erklärte ihr, dass sie zuerst heiraten müsse, wenn Amelie eine Cousine oder einen Cousin haben wollte. Denn um ein Kind zu bekommen, brauchte eine Frau einen Mann und ein Mann eine Frau.
Also schlussfolgerte Amelie; sie selbst existierte nur, weil es Mutter und Vater gab. Jetzt verstand sie auch, warum die beiden ihr so wichtig waren. Sie liebte sie über alles. Wenn sie den beiden das Leben verdankte, so fühlte es Amelie, gab es keinen Menschen, der für sie wichtiger sein könnte. Außer Franz, er war für sie auch sehr, sehr wichtig. Er war einfach nicht mehr aus ihrem Leben wegzudenken. Nicht auszudenken, wenn sie plötzlich ohne Franz auskommen sollte.
Gab es eigentlich auch Kinder, die keine Geschwister hatten?
Amelie musste eine Weile überlegen. Natürlich war ihr schon aufgefallen, dass im Dorf eine junge Frau lebte, die einen Sohn hatte und keinen Mann. Wieso hatte die junge Frau denn keinen Mann, wenn ein Mann und eine Frau nur gemeinsam Kinder bekommen konnten? Wo kam der niedliche Sohn der Frau denn her? Amelie hatte die Tante danach gefragt und der Gesichtsausdruck der Tante sprach Bände. Grimmig erklärte sie Amelie, dass der Vater des Jungen die Frau sicher im Stich gelassen hatte. Die Worte der Tante verursachten Amelie ein solches Grummeln im Bauch, dass sie den ganzen Tag nichts mehr essen konnte.
Als sie später allein auf der Küchenbank saß träumte Amelie einen romantischen Traum. Sie malte sich aus, dass der Vater dieses Jungen ein Musikant war. Der musste durch das Dorf gezogen sein und sich in die hübsche junge Frau verliebt haben.
Die junge Frau musste sich in ihn verliebt haben, denn sie verriet nie, wer der Vater des Jungen war. Das war fast so wie im Märchen. Amelie grübelte nach. Oh je, ihr kam ein schlimmer Gedanke in den Kopf geschwebt. Wusste die junge Frau den Namen des Mannes vielleicht überhaupt nicht? In solchen Geschichten, konnte Amelie so richtig aufgehen und träumen. Für sie war diese Frau der Inbegriff von Mut. Denn wer schaffte es schon, allein mit einem Kind in so einem kleinen Dorf zu wohnen. Die Menschen gingen nicht sehr lieb mit mutigen Frauen um. Sie waren anders als alle verheirateten Frauen mit Kindern und wer anders war, hatte es unter den Menschen im Dorf schwer.
Unbekannte Dinge machten Menschen Angst und Angst ließ sie manchmal das Gute vergessen, das in Jedem steckte. Das spürte Amelie nur zu genau.
Sie schweifte wieder einmal ab. So war sie eben, manchmal träumte sie sich die Welt so wie sie sie gern hätte. Aber halt, wollte sie nicht eigentlich mit der Tante über die eigene Familie reden? Das war doch sicher viel interessanter.
Tante Edna berichtete ihr, dass sie sicher bald heiraten würde. Falls sie Kinder bekäme, wären diese Amelies und Franz Cousinen oder Cousins.
Tolle Sache, dann würde die Familie immer größer werden. Das war sehr spannend. Familie, das war schon etwas. Vater, Mutter und Kind gehörten zusammen. Wer konnte ihr dazu noch mehr erzählen? Es gab sicher noch viel mehr interessante Geschichten darüber wie Familien immer größer wurden.
Omas und Opas, Cousinen und Cousins.
Ob das alles war?
Amelie saß auf dem großen Hof der Großeltern grübelte und träumte in den Tag hinein. Das Scheunentor stand offen. Vor der Scheune hatte der Opa eine Bank aufgestellt. Dort streckte Amelie ihre Beine aus und sah zu wie die Sonnenstrahlen auf ihrer nackten Haut immer weiter wanderten. Zuerst über den rechten Fuß, dann die rechte Wade hinauf. Die Sonne wärmte ihre Beine. Gedankenverloren saß Amelie und träumte in den Sonnenschein. Sanft war sie hinübergeglitten.
Als sie einen Ruck spürte, war sie wieder einmal an einem unbekannten Ort. Sie staunte sehr. Amelie schwebte über einem großen Saal. In diesem Saal entdeckte sie einen Wald. Eigenartig, dieser Wald lag sozusagen am Boden. So etwas hatte Amelie überhaupt noch nie gesehen. Nachdenklich schaute sie nach unten. Sie war in Hisian, denn sie schwebte.
Kaum hatte sie an dieses wunderbare Land gedacht, erschienen fast gleichzeitig die Duse und die Guse. Sie hatten ihre grauen Mäntel über die Kleider gezogen und wirkten sehr erfreut. Amelie sah schnell an sich herunter. Auch sie trug einen Mantel wie die beiden Frauen. Die Guse schwebte herüber und begrüßte Amelie.
„Hallo Amelie, du hast heute eine interessante Frage für mich. Ich freue mich sehr, dass wir dir in einem Wilajat Roonias deine Fragen beantworten können.“
Die Duse reichte Amelie die Hand. Die Guse schwebte herüber und tat es ihr nach. Das war ein besonderes Erlebnis. Denn als die Guse ihre Hand fasste, ging ein zarter Hauch über ihre Hand. Augenblicklich spürte sie diesen Hauch auch in ihrem Herzen. Gerade so als hätte die Guse – herzlich willkommen – gesagt. Eben ohne Worte mit einem warmen Gefühl in Amelies Herzen. Nach dieser Berührung waren Amelies Augen rund und von Glanz erfüllt. Wenn die Guse mit ihnen schwebte, dann befanden sie sich in Roonia. Hier lebten die Roo, die für ein neues Leben vorbereitet wurden. Es gab in Roonia keinen lebenden Menschen. Amelies Gedanken kamen ganz durcheinander. Sie fragte sich was Roonia und seine Bewohner mit der Familie zu tun haben könnten.
Sie versuchte selbst eine Erklärung zu finden doch es gelang ihr gut.
Ihr Opa, also der Mann ihrer Oma, hatte auch mit der Familie zu tun. Er gehörte dazu, wenn er auch nicht mehr mit ihnen zu Hause leben konnte. Er hatte ihr, seiner Enkelin, durch einen Traum mitgeteilt, dass es ihm gut ging.
So etwas?
Es stimmte also genau, Familie hatte viel mit Roonia zu tun. Tante Monika und die Schwester der Oma waren schon lange gestorben und gehörten doch zur Familie. Sie waren geboren und gehörten dazu. Sonst hätten ihre Oma und ihre Mutter keine Schwester. Das wäre schade gewesen!
Die Guse nickte, sie war sehr zufrieden mit Amelies Überlegungen und meldete sich zu Wort: „Mein liebes Kind, wie du siehst, sind wir sofort im Wilajat Rod im Reich Roonia angekommen, um keine Zeit zu verlieren. Hier kann ich dir erklären, was du schon zur Familie wissen darfst und vor allem verstehen kannst. Damit du die Zusammenhänge besser begreifen kannst, rufen wir den Wächter der Treumiti.“
Ihre Stimme klang wie Donner über den Treumiti, wie Guse die Bäume am Boden des Saales nannte.
„Stanislaus!“, hallte es über den Treumiti und schon schwebte vom hinteren Teil des Saales ein Mann zu ihnen herüber. Er trug das obligatorische graue Gewand, das alle Bewohner von Roonia brauchten. Auf seinem Gewand konnte Amelie jedoch auch noch einen wunderschönen großen Baum entdecken. Der Baum wirkte so als wüchse er aus den Füßen des Mannes heraus und endete auf der Brust.
Sein Gesicht war genauso undefinierbar, wie die Gesichter der Duse und der Guse. Seine Haare sahen aus als wüchse aus seinem Kopf ein Baum. Es sah aus, als würden die Wurzeln aus seinen Ohren wachsen und der Stamm dazu saß auf seinem Kopf. Der Stamm des Baumes bildete also den Teil des Kopfes auf dem bei Menschen die Haare wuchsen. Aus dem Stamm weit über den Augen des Mannes wuchs die Krone des Baumes heraus. Sie hatte sehr viele dünne Äste gebildet. Amelie schmunzelte in sich hinein. Diesen Anblick würde sie sich ganz genau merken, so musste ein Baum aussehen, der ihr sehr gut gefiel. Das Einzige, was ihr an dem Baum auf Stanislaus Kopf nicht so recht behagte, an den Zweigen waren keine Blüten und keine Blätter gewachsen. Diese kahle Baumkrone erinnerte sie zu sehr an den Winter, den sie nicht besonders gern mochte.
In die Betrachtung vertieft, erinnerte sich Amelie an die Eiche. Hatte sie ihr nicht erklärt, das änderte sich im Jahreslauf? Hier schien das nicht zu stimmen. Es sah so aus als würden die Bäume überhaupt nie Blätter tragen.
Die Treumiti, die Amelie unten am Boden liegen sehen konnte, hatten nämlich auch keine Blätter.
Am Boden lagen so viele Bäume, dass Amelie sie nicht überblicken konnte. Als sie genauer hinuntersah, konnte sie erkennen, dass die Bäume fein säuberlich geordnet waren. Über ihnen huschten viele durchsichtige Wesen hin und her und ordneten die Zweige der Bäume. Eine Geschäftigkeit herrschte, dass es Amelie ganz flau im Magen wurde. Die Übelkeit, die von unten immer höher stieg, drohte sie in einen Taumel zu stürzen. Sie drückte krampfhaft die Hände der Schwestern Duse und Guse, so dass der Schwindel innerhalb einer Sekunde verschwunden war. An diesem Ort, den die Duse Rod genannt hatte, schien es für Amelie ziemlich gefährlich zu sein. Nur gut, dass sie nicht allein hierhergekommen war. Als sie sich ein wenig von diesem komischen Schwindel erholt hatte, setzte sie die Betrachtung der Wesen unter sich fort.
Alle Wesen hatten, genauso einen Baum wie Stanislaus auf ihren durchscheinenden Leibern. Oder waren die nebelhaften Wesen selbst so wie ein Baum gestaltet? Der Raum wirkte auf Amelie ebenfalls so, als wäre er wie ein Baum geformt.. Sie konnte ganz hinten einen Stamm entdecken. Warum der Raum auch die Form eines Baumes hatte, war sicher interessant zu erfahren. Aber Amelie wollte etwas über die Familie hören und nicht an Bäume denken.
Die Baumwesen schwirrten um Amelie herum, dass ihr fast wieder die Sinne schwanden. Als sie zu Stanislaus hinüber schaute, entdeckte sie, dass nur er diesen wunderschönen Baum auf seinem Kopf trug. Er schien in diesem Raum ein wichtiger Mann zu sein. Als sie gerade eingehender darüber nachdenken wollte, vernahm sie eine angenehme, tiefe Stimme und als sie dem Klang dieser Stimme mit den Augen folgte, blickte sie direkt in Stanislaus lächelndes Gesicht.
„Mein liebes Kind, du bist in meinem Wilajat mit dem Namen Rod. Ich baue mit meinen Helfern für alle Menschen die richtigen Treumiti auf. Damit wir in Roonia mit der Ordnung in den Familien nicht durcheinander kommen. Ich sage dir, allein kann ich das nicht schaffen. Bei all dem Wirrwarr, den die Menschen anrichten die Übersicht zu behalten ist gerade so als wollte ich Flöhe hüten. Die Menschen würden manchen Treumiti anders zeichnen, weil sie Familienmitglieder einfach weglassen. Oder sie holen sich heimlich ein Kind aus einer anderen Familie und verpflanzen es in ihre eigene Familie.
Das geht natürlich nicht!
Das stört die Ordnung!“
Während dieser Worte war Stanislaus ziemlich ungehalten geworden. Sein Gesicht hatte sich verändert und Amelie hätte sich sicher gefürchtet, wenn nicht die Duse und die Guse sie an ihren Händen hielten. Sie wollte mehr über Familie wissen, deshalb nahm sie all ihren Mut zusammen und fragte den Hüter der Treumiti, wie sie Stanislaus bei sich nannte.
„Stanislaus, kannst du mir sagen, ob es so einen Treumiti auch von meiner Familie gibt?“
„Natürlich gibt es einen Treumiti von deiner Familie.“
„Au fein, kann ich ihn ansehen?“
Amelie war sofort Feuer und Flamme, ihre Neugier war geweckt alle Ängste waren davon überdeckt.
Die Duse hielt sie plötzlich so fest, dass es ihr wehtat. Amelie schaute verwundert zu ihr hin. Der Blick in das Gesicht der Duse verhieß nichts Gutes. Was hatte sie nun schon wieder falsch gemacht? Sie wollte doch nur den Treumiti ihrer Familie anschauen. War daran etwas falsch? Amelie flogen die Gedanken nur so durch ihren Kopf.
„Nein! Deinen Treumiti darfst du dir heute noch nicht anschauen und zu deiner Familie beantworten wir auch noch keine Fragen. Bei diesem Besuch sind nur Fragen allgemeiner Natur erlaubt. Wirst du dich daran halten können?“
Der Ton der Duse ließ keinen Widerspruch zu.
Traurig stimmte Amelie zu. Blieb ihr denn eine Wahl? In Hisian konnte sie nicht bestimmen was geschah. Deshalb musste sie zustimmen, ob sie wollte oder nicht.
„Ich werde mich daran halten!“, versprach sie. Ihr Herz wurde plötzlich schwer und es fiel ihr schwer Luft zu holen. Irgendetwas war ihr in Rod nicht geheuer. Vielleicht hatte die Duse Recht. Es war gar nicht so gut alles genau zu wissen. Manchmal war es besser zu glauben. Vor allen Dingen an das Gute in den Menschen. Amelie entschloss sich in diesem Moment an das Gute im Menschen zu glauben. Sie würde immer versuchen andere Menschen zu verstehen.
Stanislaus schaute die Duse an und die Duse nickte ihm zu.
„Also wir, meine Helfer und ich, bringen Ordnung in die Treumiti. Diese Ordnung existiert aber nur bei uns in Roonia. Die Menschen bringen in ihren Treumiti sehr viel durcheinander. Sie sind so unvorsichtig mit ihren Beziehungen untereinander, dass wir ganz genau aufpassen müssen, dass wir nichts übersehen. Deshalb habe ich für jeden Treumiti jeweils zwei Mitianten. Einer hält den Treumiti hier auf dem aktuellen Stand und der Andere reist zu den Familien und spricht mit den Betreuern der Roo in anderen Wilajaten Roonias.
Ab und zu kommen auch die heimgekehrten Roo aus den anderen Wilajaten zu uns und schauen sich ihren Treumiti an, wie er richtig sein sollte. Im ersten Moment ist das schmerzlich für die armen Roo. Wenn sie einige Zeit geschaut haben, sind sie meist ruhiger und gehen mit einem Strahlen auf ihrem Gesicht zurück zu ihren Dumas.
Manchmal gibt es auch in der Welt der Verstorbenen eine uneinsichtige Roo, die uns am liebsten unseren Treumiti durcheinander bringen würde. Wir müssen schon genau achtgeben, dass uns niemand unsere Treumiti durcheinander bringt. Bei Besuchen der Rooniabewohner sind mir die Mitianten besonders verantwortlich. Sie müssen ihre Augen und Ohren offen halten. Wenn es möglich ist, bin ich bei diesen Besuchen selbst dabei, damit die Ordnung in meinen Treumiti auch wirklich erhalten bleibt. Schließlich bin ich dafür verantwortlich!“ Stanislaus Gesichtsausdruck sprach Bände. Er schien seine Duma besonders ernst zu nehmen. Der Nachdruck in seiner Stimme erschreckte Amelie aber auch ein wenig.
Sie zappelte herum. Eine Frage brannte auf ihrer Seele. Deshalb wartete sie ungeduldig, dass Stanislaus seine Erklärungen beendete. In ihrer Stimme schwang ein Ernst mit, den man so einem kleinen Mädchen kaum zutraute. Die Duse schaute erstaunt zu Amelie hinunter als sie zu sprechen begann.
„Kann es auch passieren, dass sich ein lebender Mensch seinen Treumiti anschaut?“
„Ja, mein Kind, manchmal kommen Menschen mit dem Zutritt zum Wilajat Rod nach Hisian. Meistens sind sie froh und erleichtert über das was sie sehen. Sie verstehen oft das Verhalten der Menschen um sich herum nicht und haben schon lange eine Erklärung gesucht. In unserem Treumiti sehen sie dann ganz genau, warum die Menschen sich so ungewöhnlich verhalten.“
„Das ist komisch, in den Treumiti, gibt es doch Lebende und Roo. Wie funktioniert das denn? Ich kann doch eigentlich gar nicht wissen, was mit denen aus meiner Familie ist, die schon gestorben sind.“
Plötzlich ließen die Schwestern Duse und Guse Amelies Hände los.
Was war denn nun wieder los?
Amelie schwebte im ersten Moment etwas schwankend über den Treumiti. Als sie sich wieder gefasst hatte, schwebte Stanislaus herüber und nahm ihre Hand. Gemeinsam schwebten sie näher an einen der Treumiti heran. Das Gefühl, das nun von Amelie Besitz ergriff, hätte sie bestimmt niedergeschleudert, wenn ihr Stanislaus mit seinem festen Griff keine Stabilität gegeben hätte. Es war sein Wilajat, dass spürte Amelie genau und sie begriff in diesem Augenblick. Sie konnte vor den Treumiti nicht allein bestehen. Sie musste im Wilajat Rod festgehalten werden, wenn sie bestehen wollte.
Von oben hatte Amelie nicht so genau sehen können was sie jetzt aus der Nähe erblickte. Jedes Familienmitglied hatte mit einem oder mehreren anderen eine Verbindung. Die Familienmitglieder wirkten von Amelies Platz aus wie Äste. Es gab überhaupt keine Lücke zwischen den Menschen in diesem Treumiti. Alle hatten eine Verbindung zum Stamm, egal wie weit oben sie auch standen. Die Äste wurden immer dünner, je weiter die Krone sich ausbreitete, doch jeder hatte mit einem der anderen Verbindung. Manche trugen Familienmitglieder auf den Armen, andere hielten sich krampfhaft fest.
„Schau, Stanislaus!“, Amelie zeigte auf einen Ast, der sich krampfhaft festhalten musste.
„Der arme Kerl wurde aus der Familie ausgestoßen und jetzt hält er sich mühsam fest. Er hält genau dort fest, wo er ausgestoßen wurde. Siehst du den dickeren Ast dort. Er verwehrt ihm den Weg zum Treumiti. Der Mensch, für den der dicke Ast steht, muss also begreifen, dass er sich nicht dazwischen stellen darf. Dieser dünne Ast kann sonst seinen Platz niemals ruhig und gelassen einnehmen.“
In Amelies Brust breitete sich ein Druck aus, der ihr das atmen schwer machte. Sie musste sich anstrengen, um den Treumiti noch deutlich sehen zu können. Stanislaus festigte seinen Griff und sofort schwand der Druck und Amelie sah wieder klarer.
„Der dünne Ast sieht traurig aus und der dicke Ast ist missmutig. Das sehe ich genau! Also sind beide nicht zufrieden mit ihrem Platz?“
„Ja“, bestätigte Stanislaus. „Die Plätze sind für beide nicht gut. Aber manchmal sind die Menschen verblendet und sehen es nicht. Hier wird wieder Ruhe einkehren, wenn der dünne Ast sich nicht mehr so krampfhaft festhalten muss.“ Amelie wanderte mit den Augen über den Treumiti. Sie hatte etwas Interessantes entdeckt.
„Schau Stanislaus dort hat sich ein dünner Ast an einem älteren dünnen Ast regelrecht festgekrallt. Was hat denn das nun wieder zu bedeuten?“
„Ja, mein liebes Kind, das ist ein unmögliches Unterfangen. Dort versucht dieser kleine Ast beide Äste gleichzeitig zu sein. Er scheint sich ganz fest mit dem Ast zu verbinden, damit sie beide kaum zu unterscheiden sind. Sie sehen auch fast gleich aus. Sieh nur!“
„Ach und er schwankt auch noch hin und her vor dem dickeren Ast dort. Dieser dünne Ast hat sich aber viel vorgenommen“, bemerkte Amelie.
„Dieser kleine Ast hat sich sehr viel vorgenommen. Er will auch noch seinen Herkunftsast beschützen.“
„Das ist doch überhaupt nicht zu schaffen. Das sehe ich hier ganz deutlich. Diese Unordnung bringt unheimlich viel Unruhe in die Krone des Treumiti.“
„Das ist der Treumiti, der die gute Ordnung widerspiegelt. Die chaotischen Treumit, die die Menschen sich bauen bieten überhaupt keinen Halt, das kann ich dir sagen.“
Stanislaus schwebte mit Amelie ein Stück aufwärts.
„Schau genau hin.“
„Ach du liebe Güte, die Kronen der Treumiti schwanken bedrohlich. In allen Treumiti scheinen irgendwelche Äste sehr unruhig zu sein.“
„Deshalb, liebe Amelie, sind wir hier. Jetzt verstehst du vielleicht, dass wir alle Hände voll zu tun haben, damit in den Treumiti im Wilajat Rod kein Durcheinander entsteht.“
„Ja, das sehe ich und ich verstehe auch, dass Familie ein ziemlich kompliziertes Gebilde ist. Die Einzelheiten kann ich sicher noch nicht verstehen. Deshalb hat die Duse auch verboten, dass ich meinen Treumiti anschauen darf. Ob er auch so bedrohlich schwankt?
Was ich hier gesehen habe, ist so interessant, dass ich es bestimmt nicht vergessen werde. Mein Gefühl sagt mir, wenn ich eines Tages in Stanislaus Wilajat einen festen Stand erreicht habe, dann werde ich auch meinen Ursprungs-Treumiti besuchen dürfen.“ Amelie hatte diese Worte überzeugt gesagt. Sie wollte sich und Stanislaus davon überzeugen, dass sie eines Tages stark genug sein würde in diesem Treumiti-Wald zu bestehen.
„Das wird sicher noch lange dauern.“ Stanislaus nickte Amelie so heftig zu, dass die Baumkrone auf seinem Kopf dabei ordentlich durchgeschüttelt wurde. Amelie beschlich bei seinem Anblick ein ungutes Gefühl. Der Schwindel von vorhin drohte schon wieder von ihr Besitz zu ergreifen. Nur mit Mühe und mit dem Halt, den Stanislaus Hand ihr bot, konnte sie Schlimmeres verhindern. Sie war froh, dass sie nicht allein hierhergekommen war. Gerade als sie von dem Gefühl erfasst wurde, dass die Lektion beendet sei, schwebte die Guse zu ihnen herüber und reichte Stanislaus ihre Hand.
„Danke Stanislaus, dass du dir so viel Zeit für uns genommen hast, trotz der vielen Arbeit.“
„Der Dank ist ganz auf meiner Seite. Es hat mir eine unbändige Freude bereitet Amelie diese Lektion zu erteilen. Jetzt muss ich aber wieder an meine Arbeit. Eine Roo hat sich angemeldet und wie ihr wisst, wird bei solchen Besuchen jede Hand gebraucht, damit unsere Ordnung nicht durcheinander kommt.“
Stanislaus strich über Amelies Hand und schaute wehmütig in ihre Augen.
„Dich werde ich bestimmt wiedersehen. Ich freue mich schon jetzt auf den Tag, an dem du noch einmal zu mir kommen wirst. Bis dahin bleib schön gradlinig und bring in deiner Familie nichts durcheinander.“
„Danke, Stanislaus, das war eine interessante Lektion. Ich freue mich schon, wenn ich nach Rod kommen darf um mehr zu erfahren.“
„Verstehst du nun, warum die Treumiti nach Roonia gehören?“ Die Guse schaute fragend in Amelies Gesicht.
Diese musste überhaupt nicht nachdenken. Das hatte sie wahrscheinlich sofort verstanden.
„In einem Treumiti gibt es mehr verstorbene Roo als lebende Menschen und alle sind miteinander verbunden.“
„Prima, das hast du sicher auch deutlich gesehen.“
Die Guse war sehr zufrieden und verabschiedete sich von Amelie.
„Bis zum nächsten Treffen, mein liebes Kind.“
Gerade als das letzte Wort verklungen war, schwebte sie in die Höhe und wurde unsichtbar. Das war neu für Amelie sie schaute und schaute und konnte sich nicht erklären wohin die Guse verschwunden war. Die Duse wusste natürlich genau, warum Amelie so verdutzt schaute. So war es in Hisian. Hier wurden Menschen immer wieder überrascht. Die Duse klärte Amelie auf, bevor sie noch eine Frage stellen konnte.
„Die Guse hat einen Schnellreiseweg benutzt, auf dem kann sie so schnell reisen, dass deine Augen sie nicht mehr verfolgen können.“
„Das ist toll. Reise ich manchmal auch so schnell?“
„Ja natürlich, das ist immer dann der Fall, wenn du überhaupt nicht bemerkst wie du nach Hisian gekommen bist. Dann brauchst du kein Hilfsmittel um nach Hisian zu reisen. Du kommst einfach bei uns an.
Hast du noch eine Frage zu den Treumiti?“
Die Duse schaute Amelie liebevoll in die Augen.
Amelie dachte nach. Was hätte sie jetzt nach diesen vielen neuen Eindrücken noch fragen können? Sie wiegte ihren Kopf hin und her und nach einiger Zeit fiel ihr tatsächlich noch etwas ein.
„Wie ist es mit dem Jungen von der Frau bei uns im Dorf. Er hat doch keinen Vater. Wo gehört er denn hin?“
„Er gehört in den Treumiti seiner Mutter, wie jeder Mensch. Jeder Mensch hat auch eine Verbindung zum Treumiti seines Vaters. Sonst wäre der Treumiti, du kannst auch sagen die Familie, nicht vollständig. Der Junge ist bei seiner Mutter schon am besten aufgehoben.“
Amelie fiel ein Stein vom Herzen. Die Antwort der Duse gefiel ihr ausnehmend gut. In Roonia wurde eine Ordnung, die auf der Erde nicht mehr existierte, wieder hergestellt. Diese Gedanken beruhigten Amelie seltsamerweise. Sie machten sie sogar ein wenig froh. Mit einem kleinen Hüpfer drückte sich das Gefühl aus. Warum sie so fühlte, konnte Amelie sich nicht erklären. In Gedanken versunken, hatte sie die Duse fast vergessen.
Diese wartete geduldig bis das Mädchen ihre Gedanken zu Ende gedacht hatte. Die Lektion heute war sehr wichtig für das Kind. Es war notwendig, dass sie so viel wie möglich von dem verstand, was sie gesehen und erfahren hatte. Also bekam Amelie so viel Zeit, wie sie brauchte um diese Lektion zu verinnerlichen. Der Nachdruck in der Stimme der Duse machte das auch Amelie klar.
„Was du bei Stanislaus gesehen hast, wird dir immer wieder auf die eine oder andere Art begegnen. Du wirst dich immer wieder mit Familie und den Zusammenhängen in Familien auseinandersetzen, denn du wirst nicht anders können. Dabei wünsche ich dir viel Freude. Wenn es an der Zeit ist, dass du mehr erfahren darfst, wirst du es selbst bemerken. Du wirst nun alles was du erlebt hast vergessen. Was du in deinen Gefühlen gespeichert hast, wird dich von nun an begleiten.“
Die Duse verabschiedete sich nach diesen Worten mit einem leichten Streichen über Amelies Wange und schwebte davon.
Amelie schien es als sähe sie einen Baum vor ihren Augen davon schweben. Sie musste sich geirrt haben. So etwas war sicher nicht möglich. Ein Bewohner Hisians, der sich nicht bei ihr vorstellte oder gar verabschiedete.
Amelie blinzelte in die Sonne. Sie stand schon sehr tief und fiel nicht mehr auf ihre nackten Beine. Ein Frösteln lief durch ihren Körper. Die Beine waren kalt geworden.
War sie denn in der Sonne eingenickt? Amelie blinzelte verwundert zum Wohnhaus hinüber. Auf dem Hof der Großeltern wurde es nun langsam kühl. Sie erhob sich und ging nachdenklich über den Hof. Sie fühlte, dass ihre Beine schwer geworden waren und die Kälte bis zu ihrem Herzen hinauf gekrochen war.
Was war geschehen?
Eigenartig, wie konnte sie auf der Bank einschlafen. Es war doch viel zu kalt hier draußen. Amelie schüttelte den Kopf und ging in das Haus um sich zu wärmen.
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