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Für Dirk, der mir bis heute nicht erklären kann, warum unser Hund bei ihm nicht zieht.

Andrea Reichart

Nenn mich Norbert

Roman

MÖNNIG-VERLAG ISERLOHN

Andrea Reichart studierte Germanistik und Anglistik und besaß in Essen eine Buchhandlung, ehe sie ins Sauerland zog, um das Konzept des Literaturhotels in Iserlohn umzusetzen und zu betreuen. ‚Nenn mich Norbert‘ ist ihr erster Roman.

Mehr Infos unter http://www.nenn-mich-norbert.de.

© Mönnig-Verlag, Iserlohn, 3. Auflage 2013

Alle Rechte an Bild und Text, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotografischen Wiedergabe und der Vervielfältigung bleiben dem Verlag vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Susanne Bohne

Buchgestaltung, Textbearbeitung und Produktion: Mönnig-Verlag, Iserlohn

Gedruckte Ausführung unter www.moennig.de Print: ISBN 978-3-933519-51-1 E-Book: ISBN 978-3-933519-61-0 EPUB E-Book: ISBN 978-3-933519-62-7 MOBI

Kapitel 1

In der Stadt hätte er sich nie verfahren. Nicht so wie jetzt. Dort gab es Umleitungsschilder. Nicht nur ein Schild, nein, mehrere, die sich fürsorglich um Ortsunkundige bemühten. Auf dem Land war das offensichtlich anders. Dort hätten sie auch ‚Hier links ab, den Rest kennst du ja‘-Schilder heißen können. Vielleicht war die gesamte ländliche Beschilderung nur eine clevere Methode, um Fremde zum Übernachten zu zwingen? Erst stundenlang über die pittoresken Dörfer jagen, vorbei an idyllischen Herbergen, bis sie völlig desorientiert endlich aufgaben und einkehrten? Er war ja eigentlich kein Anhänger von Verschwörungstheorien, aber als selbst sein Navi verzweifelte und nur noch in einem fort ‚Bitte wenden Sie jetzt‘ stotterte, wurde ihm mulmig. Sein Auto war für normale Straßen wendig genug. Das hier war keine normale Straße. Das war eindeutig ein schlechter Scherz, ländlicher Feldweghumor. Jede Schrebergartenanlage in der Stadt hatte breitere Wege als dieses Dorf. Seltsam, dass hier ein Tierheim sein sollte.

Da war es wieder, das verlogene Holzschild. „Tier-Oase 50 m rechts“ stand da in schnörkeligen Buchstaben auf dem verwitterten Brett. Leider war ‚50 m rechts‘ aber nur eine Kreisverkehr-Baustelle, im weiten Umkreis gerodet, ohne ein einziges Haus in der Nähe.

‚Ok, das reicht‘, beschloss er entnervt, schaltete die verzweifelte Frau im Armaturenbrett aus und versuchte, die Sonne zu finden. Der Ort, in dem er wohnte, lag östlich von – ja von wo eigentlich? Egal. Östlich.

„Im Osten geht die Sonne auf, im Süden nimmt sie ihren Lauf. Im Westen wird sie untergehen, im Norden ist sie nie zu sehen“, murmelte Norbert den alten Kinderreim. Er befand sich eindeutig im Norden. Keine Sonne weit und breit, nur tiefhängende, dunkle Regenwolken.

‚Gute Güte‘, dachte er entnervt, ‚was finden die Leute bloß am Landleben?‘ Wenn es nach ihm gegangen wäre, säße er jetzt in seinem Lieblingsrestaurant in der Düsseldorfer Altstadt, läse ein Manuskript und würde das leise Raunen der anderen Gäste genießen. Stattdessen kurvte er frustriert durchs Sauerland.

Als er eine Stunde später ausgehungert und dehydriert in seine Garage fuhr, war es längst dunkel.

Er griff nach seinem eleganten Aktenkoffer und dem altmodischen Herrenregenschirm. Mit einem leisen Pfiff verabschiedete sich sein Wagen auf Knopfdruck, das Garagentor glitt geräuschlos zu Boden, und die clevere Hauselektronik sorgte augenblicklich für warme Willkommensbeleuchtung im ganzen Haus.

Mit einem Seufzer legte Norbert seine Sachen ab und ging direkt nach oben. Es gab wenig, was eine ausgiebige Dusche nicht wieder in Ordnung bringen konnte.

Das Handtuch, das seinen eleganten Hausmantel vor den letzten Tropfen auf dem duschfeuchten, graumelierten Haar schützen sollte, warf er nachlässig über den Barhocker, als er eine halbe Stunde später die exklusive Kaffeemaschine bediente. Er zündete sich eine Zigarette an, nahm die FAZ und den Kaffee und ließ sich im Wohnzimmer auf das große, gemütliche Sofa sinken. Ein Blick auf die Rezensionen im Feuilleton ließ ihn lächeln. Er hatte natürlich wieder aufs richtige Pferd gesetzt. Er war sein Geld wert.

Nachdem er die Zeitung überflogen und alles, was ihn interessierte, wenigstens angelesen hatte, bespielte er gedankenverloren die Fernbedienung und lehnte sich zurück. Nachrichten, Talkshow, hirnlose Massenverblödung, Werbung, Werbung, Werbung, Bellen.

Er richtete sich auf.

Der Hund, der dort gerade vorgestellt wurde, litt eindeutig an Lampenfieber und wollte dringend zurück in seine Garderobe. Der nächste war noch weniger entspannt, blickte aber wenigstens einmal in die Kamera, ehe er sich losriss und floh. Norbert notierte die Namen der Tierheime. Irgendwo dort draußen wartete angeblich sein neuer ‚bester Freund‘. Bettina war sich da offensichtlich ganz sicher. Er nicht.

Als er später das Licht löschte und wieder nach oben ging, hatte er den Zettel mit seinen Notizen an die Pinnwand geheftet, zwischen all die anderen. Bettinas Augen schienen ihm von Bild zu Bild die Treppe hoch zu folgen, und sie konnte sich wie immer ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Sag lieber nichts“, hob er den Finger und mahnte seine verstorbene Frau mit einem schiefen Lächeln zur Zurückhaltung. „Ich habe noch nicht aufgegeben. Noch nicht.“

Kapitel 2

Die Koffer waren gepackt, die kleine Wohnung sah so aus, als müsse man sich nicht schämen, wenn aus irgendeinem Grund jemand anderer als man selbst die Tür aufschließen würde, und mit einem leisen ‚Pause!‘ legte sie das Spielzeug in den Korb, den sie morgen Kai und Silke übergeben würde. Mit ihrem Hund.

Sie atmete tief durch.

Nobbi schaute sie aufmerksam an. Sicher spürte er, dass etwas im Busch war, aber heute Abend würde es keine Rolle spielen. Ihren letzten Abend wollte sie nicht mit Trübsal und Reisefieber verschwenden, sondern die Nähe ihres Hundes genießen.

Sie zog sich ihre dicke Winterjacke und Nobbi das Hundegeschirr über und verließ die Wohnung.

Im Wald war es nicht so dunkel wie befürchtet, durch den Regen aber auch nicht so hell wie erhofft. „Beschwer dich bei Tief ‚Dagmar‘“, riet sie ihrem Hund, als dieser sich fast vorwurfsvoll immer wieder umsah. Sie freute sich auf die Bewegung.

Ihre Standardstrecke führte sie einmal um den Berg und ihre Gedanken einmal durch das letzte Jahr. Huberts Unfall, die Beerdigung, dann der Schock bei der Testamentseröffnung und die Zwangsversteigerung des Hauses, alles schien so weit weg und doch so nah, dass sie unwillkürlich schneller wurde, als könne sie den Erinnerungen davonlaufen.

Nur mit Mühe und Not hatte sie, unter Aufbietung aller Energiereserven, den Abgabetermin für ihr Buch einhalten können, eine verbitterte Abrechnung mit all den verlogenen Geschichten über Liebe, Glück und Happy-End, wie sie im Leben, davon war sie inzwischen überzeugt, nicht vorkamen. Der Verlag war winzig, die Auflage klein, der wirtschaftliche Erfolg eher unbedeutend. Aber das interessierte Huberts Gläubiger nicht. Sie lauerten und würden sie im Auge behalten, vermutlich den Rest ihres Lebens.

Dann das Angebot von Heike, eine ihrer Reisegruppen zu übernehmen. Vierzehn Tage Thailand, über Weihnachten und Neujahr, mit Rundreisen und viel Strand und Sonne.

Claudia blieb stehen und ließ Nobbi in Ruhe schnüffeln. Sie hatten die Runde fast geschafft. Da Kai und Silke in der Nähe wohnten, würden sie mit ihm dieselben Runden drehen. Mit etwas Glück würde er ihre Abwesenheit gar nicht richtig zur Kenntnis nehmen. Dasselbe Futter, der alte Hundekorb, sein Spielzeug, Freunde, die er seit Welpentagen kannte und vor allem dasselbe Revier.

Sie musste schmunzeln. Blödsinn, natürlich würde er sie vermissen, dafür waren sie einfach zu eng verbunden, sie beide. Sie waren ein Team, ein Traumteam, und einer konnte ohne den anderen nicht glücklich werden, da war sie sich sicher. Sonst hätte sie sich die Mühe mit seiner ‚Gebrauchsanweisung‘ ja nicht gemacht.

Gestern Nacht war sie damit erst fertig geworden. Ihren Kursteilnehmern riet sie, sich kurz zu fassen, wenn es um den Hund ging. Wenn niemand die liebevoll zusammengetragenen Tipps und Infos lesen wollte, dann stünde ihr Tier im Ernstfall nicht nur alleine in der Welt, sondern auch vor dem reinsten Kommunikations-Scherbenhaufen.

Das Format des Hunde-Büchleins war vorgegeben, es musste in den Impfausweis passen und sollte den Hund durchs Leben begleiten wie die Dokumentation seiner Krankengeschichte. Nur so konnte gewährleistet werden, dass er nicht bei jeder Umstellung, bei jedem neuen Besitzer – so tragische Fälle gab es ja schließlich – bei null anfangen musste. Claudia kannte Fälle, in denen man im Tierheim nicht einmal sicher war, wie ein Hund hieß, geschweige denn was er liebte und fürchtete. Und dann war es mit ihr durchgegangen. Um am Ende im Format zu bleiben, hatte sie den Text mit einer 6-Punkt-Schrift ausdrucken müssen. Eine Schriftgröße, die nur die Fittesten ohne Lupe lesen konnten.

Sie musste lächeln. Kai und Silke hatten gemeckert, als sie ihnen von dem kleinen Nobbi-Ratgeber erzählt hatte.

„Halloooo?“, hatte Silke mit hochgezogenen Augenbrauen gefragt. „Das könnte genauso gut unser Hund sein, so oft war er inzwischen hier! Wenn Kai nicht die Allergie hätte, würden wir ihn auch öfter nehmen.“

Kai war für Claudia ein Held. Er nahm zwei Wochen triefende Augen in Kauf, nur um seiner Frau und der Witwe seines besten Freundes einen Gefallen zu tun. Wahrscheinlich hatte er Angst, sie könnte in die längst überfällige Depression fallen, wenn zusätzlich zu all dem Theater des letzten Jahres nun auch die Unterbringung des Hundes zum Problem geworden wäre.

Heike hatte ihnen allen versichert, dass dies ganz sicher die einzige Reise wäre, bei der sie Claudias Hilfe benötigen würde. Ganz sicher! Claudia wusste, dass bei ihrer Chaosfreundin gar nichts sicher war, und im Stillen hoffte sie, dass wenigstens die Bezahlung reibungslos funktionieren würde. Sie brauchte das Geld so dringend!

Als sie die Wohnungstür aufschloss, murmelte sie „Warte!“ und hob den Finger. Nobbi rührte sich nicht von der Stelle, bis sie ihm grinsend ein Handtuch über den Körper gelegt hatte. Dann rubbelte sie ihn trocken und flüsterte „Das magst du, das Kuschelmuschel, nicht wahr, du guter Hund?“ Wie zur Bestätigung schloss ihr Vierbeiner die Augen und schmiegte den feuchten Kopf in das Handtuch, damit ihre Hände darin auch ganz sicher keine Stelle vergessen würden.

Dann fragte sie ihn „Hast du Hunger?“, und er raste ihr voraus in die Küche. Sie füllte seinen Napf mit Trockenfutter, ließ kaltes Wasser darüber laufen und hielt einen Zeigefinger hoch, den Nobbi aufmerksam beobachtete. Erst als sie ihn senkte, stürzte er sich auf das Futter und Claudia begann, für sich selbst zu sorgen.

Als sie sich einige Stunden später ins Bett legte und mit Kissen und Decke an die Wand rutschte, stieg der junge Rüde vorsichtig auf die Matratze, rollte sich neben ihrem Kopf zusammen und atmete tief aus.

Ihm war es vollkommen egal, warum die Koffer im Flur standen. Claudia lag neben ihm. Alles war gut.

Kapitel 3

Sie hatte die Koffer ins Auto geladen und seine Transportbox auch. Er würde mitfahren.

Er freute sich auf die Fahrt, wo immer sie hingehen würde. Fahrten mit ihr waren wunderbar. Er vertraute ihr. Es würde wieder schön werden. Er beeilte sich mit der Runde und ignorierte ihr ständiges „Langsam!“. Wieso wollte sie, so kurz vor einer Autofahrt, schlendern? Menschen! Er beeilte sich noch mehr. Es gab so viele Zeichen zu setzen, gerade jetzt, wo er nicht wusste, wann sie wieder zurück sein würden. Meine Güte, wie er sich freute!

So. Fertig. Das tat gut. Wie erwartet, drehte sie nach einem ‚Sehr gut‘ prompt um und ging zurück. Egal. Sollte sie jetzt ruhig ihren Willen haben. Aber Schlendern kam nicht in Frage. Er beeilte sich. Zurück, schnell zurück! Wenn sie es nur mal versuchen würde auf allen Vieren, sie würde sich nie wieder aufrichten. Fast hatte er sie vor ein paar Tagen soweit gehabt, aber sie hatte nur gekreischt und geschimpft und war sofort wieder aufgestanden. Meine Güte, sie konnte so stur sein.

Mach die Klappe auf, mach die Klappe auf! Ja, rein ins Auto, rein in die Box, hinlegen, freuen.

Sie zog den Reißverschluss zu, startete den Motor, fuhr los. Er seufzte und legte den Kopf auf die Pfoten.

Der Geruch seines Futters und seines Körbchens stiegen ihm in die Nase. Das war anders. Nicht beunruhigend. Sie war klug. Sie war bei ihm.

Ihr Geruch füllte seine Sinne. Durch ein Fenster strömte Luft. Laute Musik, sie sang. Sie sagte seinen Namen. Sie war bei ihm. Er freute sich. Sie war klug. Alles war gut.

Kapitel 4

„Nobbi!“ Silke streichelte den freudig an ihr hoch springenden Hund mit einer Hingabe, die Kai rührte.

„Lass die beiden doch erst mal reinkommen“, tadelte er seine Frau und hievte den schweren Futtersack aus dem Kofferraum.

‚Claudia hält sich an der Leine fest, als müsste sie Halt suchen‘, dachte Kai, als sie sich von ihrem Hund ins Haus ziehen ließ.

Er schloss hinter ihr die Haustür mit einer akrobatischen Fußbewegung und ließ den schweren Sack in der Küche gekonnt von der Schulter gleiten. Dann nahm er ihr den Mantel ab, nachdem sie den Hund von Leine und Geschirr befreit hatte, und folgte den Frauen ins Wohnzimmer.

Nun saß Claudia mit ihm am Tisch und beobachtete, wie ihr Hund mit Silke durch den winterlichen Garten tobte und die gelbe Frisbeescheibe mit den abenteuerlichsten Sprüngen fing. Er würde vollkommen erledigt sein. Das war gut. Er würde sich in sein Körbchen legen und schlafen.

Kai reichte Claudia ein Papiertaschentuch. Er hatte direkt zwei Pakete mitgebracht, als er merkte, dass sie die Fassung verlor. Wenn Silke weinte, dann schluchzte sie laut und herzerweichend, bebte in seinen Armen und ließ sich nur langsam beruhigen. Egal ob gerade Lassie in der dreißigsten Wiederholung immer noch nicht nach Hause fand, oder sein bester Freund bei einem Unfall getötet worden war. Unmöglich eigentlich, dass Frauen für Blödsinn und echte Tragik stets die gleichen Schleusen öffneten.

Claudia gab im Gegensatz zu Silke beim Weinen keinen Laut von sich. Das war mindestens ebenso beunruhigend. Auf Huberts Beerdigung war sie vollkommen geräuschlos in sich zusammengefallen, und als er sie aufgefangen hatte, war ihr Gesicht nass gewesen. Er hatte einen Sekundenbruchteil lang Blut gesucht aber nicht gefunden, stattdessen nur ein Tränenmeer, das nicht versiegen wollte, begleitet von einem Beben, das ihren Körper schüttelte. Was für ein Zirkus, damals. Ein Freund von Hubert war Gott sei Dank ohne Frau gekommen, der konnte sich um seine brüllende Silke kümmern, während er Claudia zum Wagen schaffte, kaum dass sich die irritierte Trauergesellschaft pietätvoll zurückgezogen hatte.

Zu Claudias Verteidigung konnte er vielleicht sagen, dass der Abschied von Nobbi einfach zu nah dran war am Abschied von Hubert. Aber, Herr im Himmel, sie fuhr doch nur für zwei Wochen fort, und der Hund würde gar nicht merken, wie die Zeit verging, so viel Programm hatte Silke für ihn zusammengestellt.

Kai reichte Claudia ein neues Taschentuch.

„Komm, Mädchen, lass uns über Formalitäten sprechen“, versuchte er sie abzulenken, obwohl er ihre Instruktionen inzwischen auswendig kannte.

„Hier ist sein Impfausweis, falls mal etwas passiert“, Claudia reichte ihm das Impfbuch, und ein Heftchen glitt heraus. „Und Nobbis Gebrauchsanweisung.“

Kai kniff die Augen zusammen und versuchte zu entziffern, was in dem Büchlein stand, als er es durchblätterte. Entweder war er über Nacht noch kurzsichtiger geworden, oder Claudia hatte sich gewaltig mit der Schriftgröße vertan. Der Text war nahezu unlesbar. Zwanzig Seiten, eng beschrieben mit Punkten. Sehr hilfreich.

„Tu mir und vor allem dem Hund einen Gefallen, und lies das, ok?“, bat sie tränenerstickt hinter ihrem Taschentuch.

„Na klar!“, antwortete Kai und versuchte, aufrichtig zu klingen. Kai vermisste seinen Freund, auch wenn er ebenso geschockt gewesen war wie Claudia, als er den vernichtenden Schuldenberg im Nachlass entdeckt hatte. Huberts Erbe hatte das Kartenhaus zum Einsturz gebracht, in dessen Trümmern Claudia noch wochenlang nach Antworten suchte, ehe sie erkannte, dass alles verloren war.

Das Entsetzen ging durch ihren ganzen Freundeskreis. Gab es noch einen unter ihnen, der am Ende war? Diese Frage hatte sie alle lange beschäftigt und Silke vorübergehend sogar zur skeptischen Inquisitorin mutieren lassen, ehe er sie endlich beruhigen konnte.

Geld hatte Claudia nicht ohne Gegenleistung annehmen wollen, wohl aber Hilfe. Der Umzug hatte sie nur den Mietwagen gekostet. Einer hatte Huberts Auto gekauft, ein anderer das Wohnmobil übernommen, ein dritter die Schallplattensammlung. Aber Huberts Gläubiger hatten zu Recht darauf hingewiesen, dass sie eigene Familien zu ernähren hatten, und Claudia hätte sicher den Rest ihres Lebens damit zugebracht, sie auszuzahlen, wenn er, Kai, sie nicht am Ende doch zur Privatinsolvenz hätte überreden können. Aber er kannte die still vor sich hin weinende Frau gut genug um zu wissen, wie sie unter dem Makel des Scheiterns litt. Kraft gab ihr nur noch dieser Hund, der gerade vor Kais Wohnzimmerfenster einen Krater in den gepflegten Rasen buddelte. Kai sagte nichts. Silke saß inzwischen neben ihm und schenkte Claudia Kaffee nach.

Kai musste sich die Nase putzen. Nobbi war nur ein paar Mal durchs Wohnzimmer gelaufen, schon fing das Jucken an. Silke warf ihm einen Blick zu und hob die Augenbrauen. ‚Kein Wort!‘, schien ihr Blick zu sagen, und er schüttelte unmerklich den Kopf. Silke hatte versprochen, zu putzen und zu saugen wie eine Irre und mit dem Hund so oft draußen zu sein, wie möglich, damit er die nächsten vierzehn Tage überleben würde. Und außerdem seien Allergien reine Kopfsache. ‚Genau‘, dachte Kai.

‚Als erstes löst sich die Haut beim Jucken vom Schädel, dann explodiert der Kopf‘.

Claudia warf ihnen aus verheulten Augen einen Blick zu und lächelte. Dann stand sie auf.

„Ich muss los“, sagte sie, ging zur Gartentür und rief den Hund, der sofort auf sie zustürmte und ihr ein Spielzeug vor die Füße warf. Dann begann das Abschiedsritual.

„Frauchen geht jetzt arbeiten“, sagte sie mit fester Stimme und streichelte den Hund, der sich an ihr Knie drückte. „Pass du fein auf. Frauchen kommt gleich wieder.“

Kai schüttelte den Kopf. So ein Blödsinn. Was erwartete sie von dem Tier? Sollte er jetzt nicken? Aber er hütete sich, auch nur einen einzigen Kommentar abzugeben. Claudia gehörte zu den friedlichsten Frauen, die er kannte, aber was ihren Hund betraf, da verstand sie keinen Spaß.

Er war sicher, dass das einzige Wort, das den Hund überhaupt interessierte, der Mehrsilber „Leckerchen“ war, und das konnte ihm auch niemand ausreden. Der Rest war blanker Blödsinn.

Ohne weiteres Aufhebens stand Claudia auf, ging in den Flur, zog sich die Jacke an, drückte erst Silke und ihn wortlos und bückte sich dann ein letztes Mal zu ihrem Tier. Mahnend hob sie ihren Zeigefinger. „Pass du fein auf!“

Dann drehte sie sich um, verließ das Haus und schloss die Tür hinter sich.

Silke und Kai standen im Flur und beobachteten den Hund. Der wartete, bis das Geräusch des abfahrenden Wagens nicht mehr zu hören war, sah sich um, ging zu seinem Körbchen, das neben der Treppe stand, drehte sich ein paar Mal im Kreis, ließ sich fallen, seufzte und legte den Kopf auf die Pfoten. Wie immer.

Kapitel 5

Er passte auf. Und wartete. Und wartete. Sie blieb lange, dieses Mal. Aber sie kam wieder, kam immer wieder. Er musste nur warten.

Silke war da. Und Kai, der viel nieste, aber die meisten Leckerchen gab. Silke ging oft mit ihm raus. Auch Silke schlenderte, aber das kannte er ja schon. Alles andere war gleich. Die Wege waren seine Wege, der Wald war sein Wald, die anderen Hunde waren wie immer. Die Weibchen rochen gut, die Rüden hassten ihn. Alles wie immer. Nur ging Silke nie den richtigen Weg zurück.

Ihr Duft verflog. Erst war er nicht mehr in seinem Fell, dann nicht mehr in der Decke, die Silke ihm mit „Na, ist die jetzt nicht schön sauber?“ neu in den Korb faltete. Er wartete.

Silke und Kai waren zuverlässig. Es gab das richtige Futter, sie spielten fast die richtigen Spiele, selbst Kai konnte die Scheibe werfen. Meistens waren sie ruhig. Wenn Besuch kam, zog er sich schnell zurück, sobald er begriff, dass sie nicht dabei war.

Er wartete. Und passte auf.

Selbst, als sie anfingen zu weinen, zu schreien, hektisch durcheinander zu rennen. Als immer öfter immer mehr Besuch kam und ihn jeder streicheln wollte. Das war neu. Das war ungewöhnlich. Er verstand sie nicht. Was waren das für Worte? Warum weinte Silke so viel und so laut? Unfall, Wasser, und immer wieder ihr Name, den kannte er. Claudia, Claudia. Verschwunden. Suchen. Hilfe. Verschwunden. Tot. Claudia. Lösung. Schmerzen. Allergie. Claudia. Verschwunden. Tot. Tierheim. Und immer wieder streichelten sie ihn, und Silke weinte, und Kai schimpfte und verschwand und kam wieder. Und dann schimpfte der andere Mann und Silke schrie und niemand spielte mit ihm.

Und nun saß er im Auto. Autofahren war gut. Oder? Er roch sein Futter neben der Transportbox, und sein Körbchen. Das war gut. Oder? Kai fuhr, Silke weinte. Das kannte er. Das war gut. Oder? Er seufzte, legte den Kopf auf die Pfoten. Claudia. Tierheim. Silke weinte. Sie fuhren und fuhren. Das war ungewöhnlich. Er wartete. Er passte auf. Hoffentlich kam sie nicht gerade jetzt zurück, wo er unterwegs war. Claudia.

Kapitel 6

„Wir übernehmen ihn von hier aus“, sagte die Frau und nahm Silke die Leine aus der Hand.

Kai unterschrieb das Formular und gab ihr den Impfausweis.

„Hier ist ein Heftchen drin, wie man mit dem Hund reden soll“, sagte er mit belegter Stimme und schob das Büchlein zurück, nachdem die Frau einen kurzen Blick darauf geworfen hatte.

„Aha“, sagte sie. Dann reichte sie Nobbis Leine an eine Mitarbeiterin.

„Darf ich mich von ihm verabschieden?“, fragte Silke zwischen zwei lauten Schluchzern.

„Natürlich“, antwortete die Frau.

Silke kniete sich neben Claudias Hund. Nobbi zitterte. Sie wusste nicht, wie sie das hier schaffen sollte, riss sich aber so gut zusammen, wie es ging. Dann nahm sie seinen Kopf in die Hände, beugte sich vor und flüsterte ihm ins Ohr „Frauchen geht jetzt arbeiten. Pass du fein auf!“ Sie versuchte, ihn irgendwie zu beruhigen. Er hatte den Schwanz eingeklemmt, wollte ihr folgen, wurde zurückgehalten, und warf ihr einen Blick zu, der ihr das Herz förmlich aus dem Brustkorb riss.

Sie stand auf und drehte sich um. Kai wollte ihr einen Arm um die Schulter legen, aber mit einer heftigen Bewegung schüttelte sie ihn ab. Dann verließ sie das Tierheim.

Kai warf einen letzten Blick auf das Zubehör, das auf einem Tisch stand: eine Tüte mit Spielzeug, ein Hundekorb mit Decke, ein fast leerer zwanzig Kilogramm Sack Futter, eine Transportbox. Das alles würde vermutlich nun auf die Heimtiere aufgeteilt, so genau wusste er es nicht und wollte es auch gar nicht wissen.

Als er sich nach dem Hund bücken wollte, hatte die Mitarbeiterin ihn bereits fortgezogen, und durch die sich schließende Schwingtür zu den Zwingern im hinteren Teil des Tierheims geführt. Er hörte ein letztes leises Winseln, von dem er nicht mit Sicherheit sagen konnte, wem es gehörte, als es übertönt wurde vom Bellen und Jaulen der anderen Tiere.

„Meine Frau und ich legen Wert darauf zu erfahren, wer den Hund nimmt.“

„Dürfen wir Ihre Kontaktdaten weitergeben, falls sich der neue Besitzer für die Vorgeschichte des Hundes interessiert?“

„Was heißt hier ‚falls‘? In dem Büchlein dort steht alles drin, was er wissen muss, und Sie können auf jeden Fall unsere Telefonnummer weitergeben.“ Kai wies auf den Impfausweis: „Lesen Sie das Büchlein! Und geben Sie ihn ja nicht an jemanden, der nichts über die Vorgeschichte wissen will, ja? Der Hund hat ein Leben gehabt!“

„Aber natürlich. Wir kümmern uns um alles. Sie können jetzt gehen. Machen Sie sich keine Sorgen, das Tier ist bei uns gut aufgehoben.“

Kai räusperte sich. Dann versuchte er etwas Zusammenhängendes über den Grund zu sagen, warum das Heim nun einen Bewohner mehr hatte. Er stammelte über Claudias Tod und über seine Allergie und hatte das Gefühl, es würde trotz aller Tragik einfach nur wie eine faule Ausrede klingen, eine von hunderten, die man hier wahrscheinlich schon gehört hatte. Dennoch nickte die Frau und versprach ihm, noch vierzehn Tage zu warten, ehe man den Hund offiziell in die Vermittlung gab. Vielleicht geschah ja doch noch das erhoffte Wunder?

Als Kai schließlich ins Auto stieg, fühlte er sich wie ein Schwein, und er war fast erleichtert, als Silke ihn auf der Fahrt zurück nach Hause mit ihrem eisigen Schweigen auch genauso behandelte.

‚Himmel nochmal!‘, dachte er nach ein paar Kilometern, als er merkte, wie ihm die Luft ausging. Das Auto musste gereinigt werden, komplett. Das Haus sowieso. Seit fast einer Woche war er nun krankgeschrieben, akuter Allergieschub. Seine Haut sah aus, als habe er Neurodermitis, Atmen war zur Qual geworden, und wenn Silke nicht endlich nachgegeben hätte, wäre er noch heute ins Hotel gezogen.

Claudia war tot. Aller Wahrscheinlichkeit nach. Und das nun schon seit fast vier Wochen. Niemand hatte auch nur eine Spur von ihr gefunden, auch er nicht, als er mit Markus, dem anderen Trauzeugen von Hubert und Claudia, einen Tag nach der Katastrophe für eine Woche da runter geflogen war, in die Hölle.

Markus war nicht nur sein Freund, sondern auch sein Arzt, und sie hatten sich eingebildet, sie könnten in Thailand vielleicht eine verletzte Claudia in einem der Hospitäler finden und nach Deutschland zurückbringen. Was er gesehen hatte, würde ihn für den Rest seines Lebens nicht mehr loslassen. Es war nicht leicht gewesen, ins Land zu kommen, zu viele wollten gleichzeitig rein. Tausende waren auf der Suche nach Angehörigen. Markus war als Arzt willkommen, und während er, Kai, durch die Trümmer ging und sich immer wieder übergeben musste durch den Verwesungsgeruch, da hatte er sich mehr als einmal verflucht. Selbst, wenn er an einer der zahllosen Fotowände direkt vor Claudias Foto gestanden hätte, hätte er sie nie und nimmer erkannt. Die Schwerverletzten sahen für ihn auf den Bildern alle gleich entsetzlich aus. Und erst recht die Leichen. Aufgequollen, schwarzfleckig, nach Stunden bereits im Verwesungsprozess, bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Heerscharen von Ärzteteams aus allen Ländern arbeiteten verbissen gegen die Zeit, und versuchten DNA zu sichern und zu erfassen. Sie versuchten Ordnung ins Chaos zu bringen, versicherungsrelevante Klarheit, versuchten den Fleischbergen ihre Namen zu entlocken, weiße Flecken auf Touristenlisten zu füllen, Bestattungserlaubnisse auszustellen, Wege freizumachen für die Überlebenden.

Sie hatten Claudias Haarbürste in Thailand gelassen und die Sicherheit mit nach Hause genommen, dass es Monate dauern würde, ehe sie oder ihre Reste dem nummerierten Tütchen zugeordnet werden könnten. Wenn überhaupt. So viele waren mitgerissen worden ins Meer, so viele unauffindbar fort.

Selbst als sie ins Flugzeug gestiegen waren, konnten weder er noch Markus begreifen, was sie gesehen hatten und hinter sich ließen. Kais allergische Reaktion auf Claudias Hund hatte sich in den acht Tagen, die sie unterwegs gewesen waren, beruhigt. Unglaublich, unfassbar. Da warfen die kleinen Follikel im Fell eines sauberen, gesunden Tieres in einem sauberen Haus seinen Körper in ein Chaos, das lebensbedrohliche Ausmaße annahm, und dort in Thailand hatte das lebensbedrohlichste Umfeld, das er sich überhaupt vorstellen konnte, dem Körper das Signal gegeben, sich zu entspannen und zu erholen. Kai hasste sich fast dafür, dass bei ihm alles verkehrt herum gepolt war. Und er schämte sich.

Das änderte nichts daran, dass der ganze Zirkus wieder von vorne losging, nachdem er zwei Tage zuhause war. Markus hatte schließlich mit der Hand auf den Tisch geschlagen und ihn und Silke böse angefunkelt. Wenn sie nicht endlich Vernunft annähmen, und den Hund abgäben, würden sie nicht nur Kai das Leben zur Hölle machen, sondern auch dem Hund. Da draußen war wahrscheinlich jemand, der hervorragend zu diesem Tier passte und sich nichts sehnlicher wünschte, als einen besten Freund fürs Leben zu finden. Was, wenn dieser jemand gerade jetzt durch die Tierheime streifte, auf der Suche nach einem Hund wie Nobbi? Den Silke aus lauter Egoismus nicht abgeben wollte?

„Egoismus?!“ Silkes Stimme war vor Wut umgeschlagen.

„Wenn wir den Hund abgeben und sie wird gefunden, was dann?! Niemand weiß, ob sie tot ist! Sie kann genauso gut noch leben!“

Markus bemühte sich um Sachlichkeit, warf Zahlen ins Spiel, Wahrscheinlichkeiten, Gesundheitsrisiken für Kai.

Am Ende war er es leid.

„Du musst dich entscheiden, Silke. Für die Lebenden oder für die Toten. Für deinen Mann oder diesen Hund.“ Dann hatte er sich seinen Mantel gegriffen, Kai auf die Schulter geklopft und war ohne ein weiteres Wort gegangen.

Silke hatte nachgegeben. Hatte sich für ihn entschieden. Gegen den Hund.

Als er in die Einfahrt ihres Hauses fuhr, war er nur nicht sicher, ob ihre Ehe das überleben würde.

Kapitel 7

So viele Gerüche. So viele Geräusche. So viel Angst. Er versteht nichts.

Die Frau, die ihn abgeleint hat, ist verschwunden. Eine andere kommt und stellt wieder Futter hin. Es schmeckt falsch. Er ist verunsichert, er versteht nichts, niemand versteht ihn. Er zieht sich in eine Ecke zurück, macht sich klein. Angst. Er muss warten, aber er weiß nicht mehr worauf. Alles ist fremd, er muss aufpassen, hier gelten andere Regeln.

Es gibt eine Wiese, aber da sind andere. Andere machen ihm Angst, vor allem der Große dort, der Chef. Er weiß nicht genau, wo er hin darf, immer sind die anderen schon vor ihm da gewesen oder kommen ihm zu nah. Manchmal viel zu nah, dann geht er nicht auf die Wiese.

Er macht sich klein, schläft lieber. Schläft.

Dann wieder die Wiese, er macht ein paar Schritte. Der Große kommt, jemand schreit, zu spät, er muss sich wehren, wehrt sich. Schmerz! Wut! Schmerz! Wut! Wut! Wut! Sie schreien, er zittert, der Große schreit. Eine Frau will ihn packen. Wut! Wut! Sie schreit! Schmerz! Wut! Er macht sich klein, weicht zurück, zurück, in die Ecke, knurrt, fletscht die Zähne. Schmerz. Er leckt sich, leckt das Blut weg. Seins und das des Großen. Alle sind weg. Er ist alleine. Nichts ist gut.

Kapitel 8

„Bitte wenden Sie jetzt!“

Offensichtlich konnte selbst die aktuellste Navigationssoftware nichts gegen das Sauerland ausrichten.

Er hatte mit Bettina in Gedanken einen Deal geschlossen.

„Wenn ich den nächsten Autor unter Vertrag nehme, suche ich noch einmal dieses verdammte Tierheim. Aber das ist dann das letzte Mal. Danach kaufe ich, meinetwegen in der nächsten Pommesbude, einen Wellensittich. Denen kann man wenigstens das Sprechen beibringen.“

Norbert überlegte, während er eine geeignete Stelle zum Wenden suchte. Wäre vielleicht sogar ganz nett, wenn irgendetwas antworten würde. Nicht, dass er sich dann weniger pathologisch vorkäme, aber er würde auf andere Menschen nicht mehr einen ganz so durchgeknallten Eindruck machen, wenn er mit sich selbst redete. Dann könnte er wenigsten auf einen Vogelkäfig zeigen und das Ganze ‚Unterricht‘ nennen. Es musste ja nicht gleich jeder wissen, dass er Zwiegespräche mit seiner toten Frau führte.

Norbert besaß nun seit genau drei Jahren dieses Haus im Sauerland. Sie waren damals hierher gezogen, weil Bettina sich so in das Dorf verliebt hatte. Dann hatte sich der Krebs zurückgemeldet und sie am Ende mitgenommen.

Eigentlich gab es keinen Grund, das Haus zu behalten. Und hierher zu fahren, hatte für ihn seit ihrem Tod immer einen faden Beigeschmack. Er hatte überlegt, es zu vermieten, aber alleine der Gedanke, alles auszuräumen, an dem Bettinas Herz gehangen hatte, erschien ihm unerträglich. Er fand auch niemanden in seinem oberflächlichen Bekanntenkreis, der hier mal ein Wochenende verbringen wollte. Kein Wunder, bei der Infrastruktur. Eine einzige, dicht befahrene Bundesstraße durchschnitt das atemberaubend schöne Hönnetal, und hirnrissiges Kurvenschneiden schien hier ein ganz besonderer Volkssport zu sein. Wenn dann zwei Verrückte bei ihrem Hobby aufeinander trafen, staute sich der Verkehr für Stunden. Ein Wunder, dass hier nur so wenige Kreuze am Fahrbahnrand standen.

Bettina hatte trotzdem endlos schwärmen können von den wunderbaren Wäldern, egal zu welcher Jahreszeit. Ihm waren die norddeutsche Tiefebene und das Meer immer lieber gewesen.

Seitdem seine Frau tot war, konnte er den Bäumen und halbwüchsigen Bergen einfach überhaupt nichts mehr abgewinnen, im Gegenteil. Die hohen Tannen auf seinem Grundstück sorgten für Dauerschatten und nadelten wie verrückt, und bei Sturm sah er sie in Gedanken wie Streichhölzer knicken und sich wie ein Mikadospiel auf seinem Dach verteilen.

Er hätte auf Anhieb hundert Gegenden nennen können, die ihm mehr zusagten als das Hönnetal. Schöne Gegenden, in denen die Worte ‚öffentlicher Nahverkehr‘ einen Sinn ergaben, ländliche Gegenden, die LKWs mieden wie die Pest, Gegenden mit echtem Profil, wie Ostfriesland, der Witzkammer Deutschlands, die Eifel, Heimat unzähliger Mörder, oder – wenn schon Berge, dann wenigstes richtige – die Alpen. Aber das Sauerland? Beziehungsweise dessen Vorhof? Was, in Gottes Namen, war herausragend an dieser Gegend? Er hatte Zeit seines Lebens die Welt bereist und dennoch immer mit gewissem Wohlbehagen in Nordrhein-Westfalen gewohnt. Es kam ihm vor, als habe Bettinas Fixierung auf das Sauerland ihm das ‚Nordrhein‘ brutal entrissen und ihn am Ende mit diesem einsamen Haus in ‚Westfalen‘ zurückgelassen. Und nun? Würde er je verstehen, was sie daran so gereizt hatte? Vermutlich nicht.

Norbert war daher so selten es ging dort und unterhielt stattdessen in Düsseldorf ein kleines, komfortables Appartement mit Büro, in Flughafennähe. Das erschien ihm sinnvoll. Ohne seine Frau fühlte er sich nirgendwo mehr zuhause. Da konnte er genauso gut im Ausland aus dem Koffer leben. Dort fühlte sich Fremdsein wenigstens nicht so einsam an.

Wenn er nach einem Tag wie heute, der das Konto für Monate füllen würde, trotzdem erschöpft den Namen des Dorfes, das Bettina immer ‚Wunderschönhausen‘ genannt hatte, in den Navi eingab, dann nur, weil er das Gefühl hatte, er müsse sie mal wieder besuchen. Denn leider hatte sie darauf bestanden, in diesem Nest am Ende aller Träume beerdigt zu werden.

Bettina hatte Bücher über das Landleben verschlungen, in denen Stadtneurotiker wie er, der gerade eine Rose von einer Tanne unterscheiden konnte, zu kollegialen Nachbarn mutierten, denen das Bier beim Grillen mehr zusagte als der Gang über eine Buchmesse, ach, mehr als ein Buch. Anfangs hatte er es sogar versucht, hatte ihr zuliebe gute Miene zum bösen Spiel gemacht und verzweifelt Stunden mit dem schwergängigen Handrasenmäher auf dem endlosen, hügeligen Grundstück verbracht, sich böse Sonnenbrände im Nacken geholt und sich am nächsten Tag vor Muskelkater nicht mehr bewegen können, während Bettina, leise und verträumt vor sich hin summend, mickrige Sonnenblumen zog und liebevoll die Beete am Haus bemutterte.

Dass sie dann kurz nach dem Umzug schon mehr Zeit in Kliniken als im neuen Zuhause verbrachte, hatte dazu geführt, dass der einzige Nachbarschaftskontakt, den er in drei Jahren aufgebaut hatte, der zu dem direkten Nachbarn nebenan war, der inzwischen mit seinem Aufsitzmäher sein Grundstück für ihn mähte und während seiner Abwesenheit zuverlässig nach dem Rechten sah. Jürgen. Jürgen Schulte.

Irgendwie schien jeder zweite in diesem Dorf Schulte zu heißen, ein Grund vielleicht, warum Bettina es so witzig gefunden hatte, gerade hierher zu ziehen. Der Blick ins Telefonbuch konnte sie selbst dann noch zum Lachen bringen, als es ihm längst im Hals stecken geblieben war.

Norbert zwang seine Gedanken zurück in den Straßenverkehr. Oder besser: in das Gewirr von Waldwegen. Vielleicht hielten sie in diesem Tierheim besonders berühmte Hunde und hatten es deshalb so versteckt? Er seufzte, als nach endlosem Schleichen über schmale Sträßchen zwischen den Fichten endlich ein Gebäude auftauchte. Und ein Hinweisschild! Direkt vor der Tür. Wie sinnlos und unpraktisch. Wie typisch für diese Gegend. Norbert parkte und stieg aus. Es regnete mal nicht, dafür war aber Schnee angesagt. Es war Ende Januar, natürlich lag noch keine Spur von Frühling in der Luft. Er seufzte. Es dämmerte bereits, aber offensichtlich war noch jemand im Tierheim. Licht schimmerte schwach durch die Fenster, und Norbert wunderte sich, dass es hier überhaupt Strom gab. Irgendwo hörte er Hunde jaulen und bellen.

‚Hoffentlich ist das nicht wieder nur so eine Auffangstation für Kampfhunde‘, dachte er, als er das Gebäude betrat. Seine Odyssee hatte ihn in den letzten Jahren an die seltsamsten Orte geführt.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Die streng blickende Frau hinter dem kleinen Empfangstresen schien ihn mit einem Blick einzuschätzen. Anzug-Typ, Anfang fünfzig, jung genug für einen Hund, unsicher, Anfänger.

„Ich interessiere mich für einen Hund“, sagte Norbert, um gleich klarzumachen, dass er unter keinen Umständen mit einer Katze oder einem Kaninchen nach Hause gehen würde.

„Möchten Sie sich mal umsehen? Oder bewerben Sie sich für eines der Tiere, die wir im Fernsehen vorgestellt haben?“ Norbert konnte es nicht fassen, dass man hier bereits den Anschluss an modernste Vermarktung gefunden hatte. Sie waren clever genug, um zur besten Sendezeit in jedes Wohnzimmer zu flimmern, aber nicht pfiffig genug, Hinweisschilder dort anzubringen, wo sie einem Interessenten helfen würden, sie zu finden?

„Ich würde mich gerne umsehen.“

„Na, dann kommen Sie mal mit.“ Sie führte ihn zu den Zwingern.

„Stecken Sie bitte nicht die Finger durch die Gitter. Nicht alle Hunde sind so friedlich, wie sie aussehen“, riet sie, ehe sie ihn verließ. „Nehmen Sie sich ruhig Zeit“, rief sie noch über die Schulter und verschwand.

Und genau das tat er. Vielleicht war gerade Gassi-Zeit, dachte Norbert und ging langsam und aufmerksam von einem leeren Zwinger zum nächsten, auf der Suche nach einem Hund.

Ein Geräusch ließ ihn aufschauen. Ein Mann, der sich gerade mit einem Hustenanfall quälte, studierte einen Impfausweis und holte eine Spritze aus einem Koffer, der ihn als Tierarzt zu erkennen gab. Er zog eine Lösung auf, warf noch einen Blick in den Impfausweis und steckte ihn in die Brusttasche seines Kittels. Dabei fiel etwas zu Boden. Ohne sich darum zu kümmern, schloss der Tierarzt einen Zwinger auf und ging hinein.

Norbert näherte sich leise.

Dort in einer Ecke kauerte ein Hund und zitterte wie Espenlaub. Mit beruhigenden Worten ging der Veterinär auf das verängstigte Tier zu, das die Lefzen zurückzog und die Zähne entblößte.

‚Ach du meine Güte!‘, erschrak Norbert. Er hatte schon immer zu dem seltenen Männer-Typ gehört, der bei spannenden Stellen im Film wie zufällig in der Fernsehzeitung blättern musste. Nicht besonders cool, aber ihm völlig egal. Da er nicht Zeuge werden wollte, wie die Kampfbestie dem Mann an die Kehle sprang, beschäftigte er sich mit dem Papier, das der Fremde verloren hatte. Er bückte sich und hob es auf. Es handelte sich um ein kleines Büchlein. Ein liebevoll gestaltetes Titelblatt und eine in schöner Schrift geschriebene Überschrift sprachen ihn an:

„Nenn mich Norbert!“

In Spielfilmen taucht in Szenen, in denen der Film und das Leben des Helden eine entscheidende Wendung nehmen, immer ein Symphonieorchester auf. In Tierheimen sind Orchester nicht zugelassen, deshalb fehlte die Musik, als Norbert das Gefühl hatte, er könne Bettina kichern hören. Er riskierte einen raschen Blick in den Zwinger. Der Tierarzt lebte noch und hockte neben dem Hund, der nun nicht mehr knurrte. Die Spritze lag neben ihm, offensichtlich noch nicht injiziert, und die ehemalige Bestie ließ bebend eine mit Blut verkrustete Stelle im Nacken begutachten.

„Was hat er denn?“, fragte Norbert betroffen.

„Beißerei“, antwortete der Tierarzt ohne aufzuschauen. „Hat seinen Gegner übel zugerichtet und einer Mitarbeiterin in die Hand gebissen. Jetzt will ich ihn mir nochmal ansehen, ehe ich ihn einschläfere.“

„Was?!“ Norbert traute seinen Ohren kaum, als er sich sagen hörte: „Aber den will ich doch mitnehmen!“

Das wiederum ließ den Tierarzt aufhorchen.

„Sind Sie sicher?“

‚Nein‘, flüsterte ein Stimmchen in Norberts linker Gehirnhälfte, während die rechte die Kontrolle über das Sprachzentrum nicht wieder hergab. „Natürlich. Glauben Sie, ich würde mit so etwas spaßen?“ Dann ging er in die Hocke, steckte wider besseren Wissens die Finger durch die Gitter und lockte: „Komm her, Norbert! Komm her, Junge!“

„Woher wissen Sie denn, wie der Hund heißt?“, fragte der Tierarzt verblüfft, als sich das Tier erhob und zögerlich in Bewegung setzte.

„Ich sagte doch, ich will den Hund mitnehmen. Da werde ich ja wohl seinen Namen kennen, oder?“

„Ist ja wieder typisch“, ärgerte sich der Veterinär. „Hier weiß die eine Hand nicht, was die andere tut. Stellen Sie sich mal vor, Sie wären nur eine halbe Stunde später gekommen, dann hätten Sie aber blöd geguckt, woll?“

‚Soll das Tierarzthumor sein?‘, ärgerte sich Norbert, während er versuchte, seine Stimme ruhig und entspannt klingen zu lassen, damit er das scheue Tier, das sich vorsichtig näherte, nicht erschreckte.

„So ist brav, Norbert, komm her, Norbert!“, murmelte er leise und spürte die kalte Nase des Hundes, der vorsichtig seine Finger beschnüffelte. Was er über Hunde wusste, hatte er aus dem Fernsehen. Er hatte nie einen gehabt und auch nie einen gewollt. Dennoch rührte ihn etwas an diesem Tier auf eine Art, die er nicht hätte beschreiben können. Vielleicht, weil der arme Kerl genauso einsam schien wie er selbst?

Norbert schickte Bettina die rasche Bitte, sie möge dafür sorgen, dass der Hund seine Finger nicht abbiss. Und tatsächlich, das tat er auch nicht. Im Gegenteil. Er begann zu schnüffeln und suchte die andere Hand, in der Norbert noch das Büchlein hielt. Ganz vorsichtig begann er mit dem Schwanz zu wedeln, und schien von dem Geruch der Hände, die Norbert nun abwechselnd so gut es ging durch die Maschen des Zwingergitters schob, gar nicht genug bekommen zu können.

„Ja, er erkennt sie, keine Frage“, murmelte der Mediziner und kratzte sich am Kopf. „Wird Zeit, dass das Tier hier raus kommt. Zwei Wochen sind für so einen Hund ohnehin schon zu lange, habe ich gleich gewusst. Ich verarzte seine Wunde nur eben, ist nicht so schlimm, wie sie aussieht. Ein paar Tage, dann ist er wieder völlig ok. Machen Sie mal weiter, das lenkt ihn ab.“ Der Arzt sprach beruhigend auf den Hund ein, aber dieser ignorierte ihn völlig. Er schien sich vollkommen auf Norberts Finger zu konzentrieren und schnüffelte mit einer Intensität an ihnen, als ginge es hier um sein Leben.

„So, fertig“, murmelte der Wundenfachmann und packte seine Utensilien weg. „Ich gehe jetzt mit Ihnen nach vorne, damit die alles klar machen können, woll? Wenn sich die Wunde nicht entzündet, spricht in einer Woche kein Mensch mehr darüber. Glück gehabt, Kleiner“, tätschelte er den Hund. „Dein Gegner hatte nicht so viel Glück.“ Dann öffnete er die Zwingertür und hatte Mühe, den Hund zurückzuschieben, der offensichtlich nichts lieber wollte, als sofort zu seinem neuen Besitzer auf die andere Seite des Gefängnisses zu wechseln.

„Nee, nee, du bleibst noch ein bisschen hier, woll?“

Norbert fing den fassungslosen Blick des Hundes auf, der nervös hin und her zu laufen begann und ihn dabei nicht einen Augenblick aus den Augen ließ.

Er hielt noch einmal seine Hände vor das Gitter und sagte: „Ich erledige nur ein paar Formalitäten. Bin gleich zurück. Pass du fein auf!“ Er kam sich schon ein wenig komisch vor, wie er da vor einem wildfremden Hund kniete und mit ihm redete, als könne er ihn verstehen, aber etwas Besseres war ihm nicht eingefallen.

Aufmerksam hatte der Hund seinen Worten gelauscht, und sich dann zögerlich hingelegt. Nicht entspannt zusammengerollt, sondern so, als führe er ein Kommando aus, als sei er nur bereit, sich für eine kurze Weile zu gedulden.

Norbert stand auf und folgte dem Tierarzt, drehte sich noch einmal um und sagte mit einem erhobenen Zeigefinger: „Warte!“ Wenn diese blöden Hundesendungen für irgendetwas gut gewesen waren, dann dafür, dass er wusste, dass gut erzogene Hunde auf präzise formulierte Kommandos reagierten. Offensichtlich gehörte ‚Warte‘ mit der Geste, die er instinktiv gewählt hatte, zum Repertoire dieses Tieres.

Norbert kam sich vor wie der Hundeprofi persönlich, als er sah, wie ‚sein‘ Hund gehorchte. Jetzt würde er draußen dafür sorgen, dass der arme Kerl nicht zu lange dort ausharren musste.

Kapitel 9

Schmerz. Angst. Geräusche. Fremde Männer. Leise Stimme, Beruhigung, Angst, Beruhigung.

Und dann… Ein Wort.

Ein Geruch, ganz klein. Kaum da. Aber vielleicht doch da? Bei dem Mann und dem Wort?

Aufstehen, riechen, riechen, riechen. Ja. Der Geruch. Sie. Ja. Sie. Ein Wort. Noch ein Wort. Ja. Sie. Ja. Der Geruch. Mehr? Hingehen, riechen, ja, sie, ja, sie. Da! Mehr sie. Ja, riechen. Oh ja. Freuen. Ein Wort. Ja. Warten. Ja. Geruch. Ja. Warten. Aber der Mann?

Egal. Der Geruch. Warten. Sie. Vielleicht.

Kapitel 10

Norbert musste schmunzeln. Das würde noch eine Menge Spaß geben, dass sie beide denselben Namen hatten. Nicht zwischen ihm und dem Hund, sie würden damit gut klarkommen, sondern allgemein. Er würde ihn ja in Zukunft überall mit hinnehmen müssen, konnte den armen Kerl ja nicht alleine zuhause liegen lassen. ‚‚Mein Hund‘, das klingt gut‘, dachte Norbert zufrieden und verdrängte ohne Mühe, dass er im Grunde nicht den blassesten Schimmer hatte, wie man mit Hunden umgehen musste.

„Lern was darüber“, hatte Bettina ihn immer wieder angefleht, „bereite dich vor. Tu es mir zuliebe, ja?“

Norbert gehörte nicht zu der Sorte Männer, die ihrer sterbenden Frau einen Wunsch abschlagen konnten, und als er ihr nicht nur endlich versprochen hatte, sich einen Hund zuzulegen, sondern auch noch, das Thema richtig ernst zu nehmen, hatte er gemerkt, wie sie sich entspannte, so als habe sie es endlich geschafft, für ihn die bestmögliche Vorsorge zu treffen.

Es gab so viel, was sie verbunden hatte, aber nach ihrem Tod hatte er immer dann das Gefühl, sie sei ihm besonders nahe, wenn er sich mit dem Thema ‚Hund‘ beschäftigte. Vor allem dieser witzige Hundepsychologe im Fernsehen hatte es ihr angetan. Quasi ‚in Memoriam‘ versuchte Norbert nun seit ihrer Beerdigung keine seiner Sendungen zu verpassen. Vermutlich noch so etwas, worüber sich ein Psychologe erfreut die Hände gerieben hätte. Manchmal meinte er nämlich, Bettina zu hören, wenn sie nickend „Genau!“ rief, sobald er wieder irgendeinen Tipp gab, der aus einem Wolf ein Lamm machte. Und irgendwie schien sie ihm dann einfach weniger verloren gegangen zu sein.

Norbert hatte sogar angefangen, Karten für die Veranstaltungen zu kaufen, mit denen dieser Typ tourte. Bei der ersten Show hatte er zwischen gut achthundert begeistert lachenden Hundefans in einem Theater gesessen und gehofft, niemand würde ihn ansehen und merken, wie ihm die Tränen in den Hemdskragen liefen. Bettina hatte sich immer gewünscht, ihn live zu erleben, aber dazu war es nicht mehr gekommen. Nun ließ Norbert keinen Auftritt aus und kam sich vor wie ein Groupie, wenn er um Karten anstand, sich in den Pausen an Büchertischen hin- und herschubsen ließ und nach langen Arbeitstagen zuhause sein ‚Der tut nichts‘-T-Shirt anzog.

Als er merkte, dass die Tierheim-Formalitäten doch länger dauern würden, sorgte Norbert dafür, dass man ihn zu dem Tier ließ, es anleinte und ihm übergab. Sollte es ruhig dabei sein, wenn er die womöglich wichtigste Weiche seines Lebens stellte.

Und so hatte der magere Hund, vor dem sie hier alle seit der Beißerei einen Heidenrespekt hatten, in aller Gemütsruhe dicht neben seinem Bein gelegen, während er dort saß und Gespräche mit der Tierheimleitung führte, Geld überreichte und Zubehör quittierte, das die Vorbesitzer, diese Lumpen, ihm hinterlassen hatten.

„Wenn Sie mit den Vorbesitzern Kontakt aufnehmen möchten, sind wir befugt, Ihnen die Kontaktdaten zu übergeben“, sagte die Dame. Sie lächelte den Hund an, der sie aufmerksam beobachtete.

„Nein, danke“, sagte Norbert und fühlte Groll in sich aufsteigen.

„Was sind das bloß für Leute, die ihren Hund einfach abgeben!“

„Urteilen Sie nicht voreilig. Es gibt immer Situationen im Leben, die eine solche Entscheidung erzwingen können“, formulierte sie vage und erinnerte sich an den Tag, als man ihr das Tier übergeben hatte. Wenn er allerdings keine Informationen haben wollte, auch gut. Dann würde sie auch keine Details ausplaudern.

„Können die den Hund zurückfordern?“, fragte Norbert.

„In diesem Fall kann ich Ihnen versichern, werden sie das nicht tun.“

Norbert konnte sich gut vorstellen, wie Bettina spukend über ihn herfallen würde, sollte er auf die Idee kommen, diesen Hund je wieder hierher zurückzubringen, aber das erzählte er lieber nicht. Seit er seinen Namensvetter an der Leine hielt, hatte er das Gefühl, als habe er endlich das wichtigste Versprechen seines Lebens eingelöst. Er hoffte nur, dass ihm mit der Zeit einleuchten würde, warum sie so viel Wert darauf gelegt hatte.

„Können Sie mir etwas über den Hund sagen?“, fragte Norbert und vermied es, das Büchlein zu erwähnen, das er in seine Anzugtasche gesteckt hatte. Man hatte ihn bei der Übergabe des Impfausweises nicht danach gefragt, und er hätte seine rechte Hand verwettet, dass niemand von seiner Existenz wusste.

„Nun“, begann die Tierheimangestellte langsam. „Er hat sehr sensibel reagiert, als er hier ankam. Eigentlich sollte er auch kastriert werden, aber dann gab es gestern diese böse Beißerei …“

„Er sollte was?!“ Norbert fühlte einen messerscharfen Schmerz in den Lenden.

„Wir kastrieren normalerweise alle Hunde sofort, das ist besser so. Sie sollen sich ja nicht unkontrolliert fortpflanzen. In seinem Fall“, sie wies auf Norberts Begleiter, „hatten wir auf Wunsch der Vorbesitzer aus bestimmten Gründen“, sie dehnte die Worte vorsichtig, um nicht mehr auszuplaudern als sie für richtig hielt, „noch ein wenig damit gewartet. Sie können ihn aber gerne noch ein paar Tage hierlassen, das erledigen wir dann noch.“

„Kommt nicht in Frage!“ Norbert schüttelte energisch den Kopf. Dann lenkte er vorsichtshalber ein. „Jedenfalls nicht jetzt sofort.“ Besser, er stellte sich kooperativ und verständnisvoll.

‚Meine Güte, wie bestialisch‘, behielt er seine Gedanken lieber für sich und streichelte dem neben ihm liegenden Tier mitfühlend den Kopf.

„Nun, wie ich sagte, ehe wir ihn kastrieren lassen konnten, gab es gestern im Freilauf eine ziemlich üble Beißerei. Er hat seinen Gegner böse zugerichtet und eine Mitarbeiterin angegriffen, die die Hunde trennen wollte. Das hat uns gewundert. Er wirkte so friedlich und zurückgezogen. Offensichtlich scheint er sich also mit anderen Rüden nicht zu verstehen. Viel mehr kann ich Ihnen leider nicht erzählen, mehr haben wir nicht getestet. Personalmangel, Sie verstehen.“

Er verstand sehr wohl. Nichts wie weg hier.

Jemand half ihm, die bewegliche Transportbox auf die Rückbank des Autos zu quetschen, dann wurde alles andere in den Kofferraum gelegt.

„Ich komme mit raus und helfe Ihnen, den Hund in die Box zu schaffen“, bot der Tierarzt an, der mit ihm das Tierheim verließ. Die Seitentür des Wagens stand noch offen, aber bevor einer von beiden auch nur eine Bewegung machen konnte, war der Hund in den Wagen gesprungen und hatte sich geschickt mit einigen Drehungen in die Box und in eine gemütliche Position gebracht.

„Also“, schmunzelte der Tierarzt, „eins wissen wir jetzt. Der hat keine Probleme mit dem Autofahren!“ Dann drückte er Norbert eine Visitenkarte in die Hand. „Ich habe natürlich eine Praxis. Wenn Sie also die Wunde nachsehen lassen wollen oder mal Hilfe brauchen ...“

Norbert warf einen Blick auf die Karte. Dr. Schulte. Na klar. Das hätte Bettina nicht nur gefallen, sondern begeistert. Sie hatte immer an ‚Zeichen‘ geglaubt und sie auch überall gesehen. Namensgleichheiten hatten es ihr besonders angetan. Dass er nun nach zweijähriger, vergeblicher Hunde-Suche das bestversteckte Tierheim Deutschlands mit einem Hund namens ‚Norbert‘ verließ und Kontakt zu einem Tierarzt namens ‚Schulte‘ hatte, hätte ihr sehr gefallen.

„Tja, dann, herzlichen Dank für Ihre Hilfe!“

„Keine Ursache. Bin froh, dass der arme Kerl ein neues Zuhause gefunden hat, ehrlich. Wenn ich nicht schon drei hätte, wäre der inzwischen bei mir.“

„Auch wenn er nicht gut auf Rüden reagiert?“

„Man sollte immer fragen, wer der Gegner war, ehe man solche Rückschlüsse zieht. Der andere ist nicht ohne. Ist einfach schon zu lange hier.“ Er schaute nochmal in die Box, sagte „Machs gut, Norbert!“, dann ging er zu seinem eigenen Wagen. „Gute Fahrt!“

Norbert beeilte sich und beschloss, sicherheitshalber hinter dem Ortskundigen herzufahren, der offensichtlich einige brauchbare Abkürzungen kannte. Als er sich schließlich wieder auskannte, blinkte er kurz mit Fernlicht ein ‚Auf Wiedersehen‘. Am Vorderwagen flackerten die Bremsleuchten einen Augenblick lang auf, und wenig später stand Norbert vor seinem Haus. Ihrem Haus. Dem Haus, in dem nichts, aber auch rein gar nichts auf einen Hund eingerichtet war.

Er öffnete die Transportbox, griff nach der Leine und ermutigte das Tier auszusteigen. In den TV-Dokus war ‚Auto-Öffnen‘ und ‚Abgehauenen-Hund-Suchen‘ stets eins und immer Anlass für einen flotten Spruch. „Braver Hund“, lobte er also das ruhige Tier, das sich mit dem Aussteigen Zeit ließ, und dachte: ‚Was habe ich für ein Glück, dass dies kein Flitzer ist!‘

„Komm, ich zeige dir mal eben das Grundstück“, bot Norbert in der Hoffnung an, dass Norbert vielleicht irgendwo auf dem weitläufigen Gelände ein Geschäft oder zwei erledigen wolle, ehe er sein neues Zuhause inspizierte. Er ärgerte sich, dass er nicht nach Stubenreinheit gefragt hatte.

Inzwischen hatte es zu regnen begonnen. Aus dem Handschuhfach fischte er eine Taschenlampe, dachte mit leisem Bedauern an den Schirm im Haus und ging los. Er beschloss, den Hund die offenen Grundstücksgrenzen beschnüffeln zu lassen, damit er sofort lernte, was ‚seins‘ sein würde.

Als sie nach einer halben Stunde nass und verdreckt zum Haus zurückkamen, waren drei Dinge klar. 1. ‚Mal eben‘ ging gar nichts. 2. Schuhe ohne Profil waren auf matschigem, abschüssigem Gelände Mist. 3. Dieser Hund wartete brav, bis man wieder aufgestanden war, egal wie oft man hinfiel.

Norbert schloss die Tür und leinte Norbert ab.

Der Hund, der ebenso matschig war, wie er selbst, blieb unsicher im Flur stehen. Worauf wartete er?

„Im Fernsehen schütteln sie sich jetzt immer“, versuchte er, eine hilfreiche Anregung zu geben, und gehorsam schleuderte das Tier hunderte von filigranen schwarzen Punkten an Wände und Möbel. ‚Mist‘, dachte Norbert. ‚Die putzen den Hund vorher!‘ Er holte schnell ein flauschiges, weißes Frottiertuch aus dem Gäste-WC und versuchte, abzuwischen was noch an Dreck in dem kurzen, nassen Fell hing. Der Hund erstarrte bei der Berührung und bewegte sich nicht einen Millimeter von der Stelle. Norbert polierte nach Kräften jeden Teil des kurzfelligen Körpers. Er war sicher, dass er ein schwarz-weißes Tier mitgenommen hatte. Als er meinte, ihn endlich wiederzuerkennen, sah er angeekelt auf den ruinierten Lappen in seiner Hand. „Ein klarer Fall für die Sofortentsorgung“, murmelte er und warf das teure Stück mit spitzen Fingern in den Müll. Besser, die Putzfrau bekam es erst gar nicht zu Gesicht.

Sein Gast hatte die Säuberung bewegungslos über sich ergehen lassen, aber damit war das Programm, über das er verfügte, auch schon am Ende. Katzen musste man zeigen, wo ihr Katzenklo stand. Hunden musste man … Norbert überlegte. Meine Güte, was taten die denn im Fernsehen immer? Tom Hanks musste seinem Hund erklären, welche Räume er nicht verwüsten durfte, aber wenn er sich den schüchternen, schmalen Kerl dort an der Tür ansah, sprach nichts für eine baldige Vernichtungsorgie. Im Gegenteil.

„Dies ist dein neues Zuhause!“ Er holte mit dem Arm weit aus und machte eine einladende Bewegung.

Der Hund rührte sich nicht.

„Hast du Hunger?“, fragte Nobert, und der Kopf des Hundes ging aufmerksam hoch. War das vielleicht ein Wort, das er kannte? ‚Hunger‘? Er versuchte es gleich nochmal. „Komm mit, du hast sicher Hunger.“

Norbert ging vor und hörte zaghafte Pfotenschritte auf dem Parkett, als sein neuer bester Freund ihm langsam folgte. Mist. Das Futter war noch im Auto. Alles war noch im Auto.

„Warte!“, sagte er also und ging wieder hinaus. Nachdem er Norberts wenige Besitztümer im Flur verteilt hatte, begutachtete er die Ausbeute genauer. Der Hundekorb käme vor den Kamin. Na gut, nicht direkt davor, aber zumindest in die Nähe. Die Decke käme in den Hundekorb. Und die Tüte mit Spielzeug käme – er warf einen Blick hinein – wahrscheinlich morgen auch in den Müll. Igitt!

Mit spitzen Fingern fischte er etwas hervor, das aussah wie ein Stoff-Wildschwein. Norbert drückte vorsichtig und angeekelt darauf, ein Grunzen ertönte, und gleich danach ein leises Fiepen, das sich vorsichtig aus der Kehle des anderen Norbert gelöst hatte.

Überrascht zog der zweibeinige Norbert die Augenbrauen hoch und drückte noch einmal. Ging da ein leichtes Beben durch den schmächtigen Hundekörper? Zuckte der Schwanz und wollte wedeln?

Na gut, dann eben nicht Müll. Vorsichtig legte er das Wildschweinwrack in die Tüte zurück, griff nach dem Sack mit dem Futterrest und ging in die Küche.

Das Kochen war immer Bettinas Domäne gewesen, die ganze Küche eigentlich, und bis auf rudimentärste Bratkartoffel- und Spiegeleiübungen oder Mikrowellen-Experimente hatte Norbert sich geweigert, in die Fußstapfen seiner Frau zu treten. Dennoch ahnte er, wo Schüsseln stehen mussten. Eine füllte er mit Wasser und stellte sie in die Nähe der Küchentür.

Mühsam entknitterte er den großen Futtersack und sah hinein. Vorsichtig holte er eine Handvoll Flocken heraus. Müsli. Dieser Hund fraß Müsli? Doch nicht etwa mit Milch? Er versuchte herauszufinden, wie das Trockenfutter zu reichen sei. Aha, mit Wasser übergießen. Eine Tasse Futter, eine halbe Tasse Wasser.

Er mixte mit gemischten Gefühlen die seltsame Pampe und stellte die Schüssel vor den Hund. Nichts geschah.

„Guten Appetit!“, sagte Norbert lächelnd. Keine Reaktion.

„Fehlt dir was?“ Er nahm die Schüssel hoch und sah sich den aufquellenden Brei an. Er stellte sie wieder hin.

„Lass es dir schmecken!“, sagte er. Dann versuchte er es mit „Happi happi!“ und schließlich mit einem motivierenden „Hau weg, den Müll!“

Der Hund wartete eindeutig auf ein Zeichen.

„Friss!“, befahl er ihm also und zeigte energisch auf das nasse Futter. Und der Hund fraß. Nein, er atmete es ein. Zwei Sekunden später war alles fort, der Hund aber nicht, und die Lektion gelernt. Eine Tasse reichte nicht.

Das Ganze also nochmal.

Nachdem die ersten beiden Portionen blitzschnell in dem ausgemergelten Körper verschwunden waren, ohne auch nur die leiseste Spur zu hinterlassen, ließ er sich nun mit der dritten ein wenig mehr Zeit, und so beließ Norbert es dabei.

Dann ging er ins Wohnzimmer, knipste die Lampe neben seinem Sessel an und wollte sich gerade gemütlich hinsetzen, als sein Blick auf seinen Anzug fiel. Er war noch immer von oben bis unten mit Matsch beschmiert. Das konnte man ändern.

Ohne sich um den Hund zu kümmern, der schweigend in der Küche stand, ging er hoch in sein Zimmer und unter die Dusche. Das würde jetzt so etwas wie eine Feuerprobe. Wenn der Hund in Ordnung war, dann würde sein Erdgeschoss nach der Dusche noch genauso aussehen wie vorher. Norbert war sicher, dass der Hund eine Menge zu erschnüffeln hatte, und er wollte ihm das Entdecken nicht unnötig erschweren. Seine bloße Anwesenheit schien den Hund anzuspannen, und er kannte es von sich selbst: Unbeobachtet entspannte man sich leichter.

Als er wieder nach unten kam, befürchtete er trotzdem Schlimmstes, dafür hatten die Hunde-Dokus gesorgt. Unter der Dusche war seine Phantasie Amok gelaufen, und er hatte sich mehr beeilt als üblich. Umsonst. Alles war vollkommen unverändert, außer dass in der Küche kein magerer Hund mehr wartete.

Fast bescheiden hatte er sich in seinem Körbchen, das noch mitten im Flur stand und ihn sicher an bessere Zeiten erinnerte, zusammengerollt. Er öffnete nur kurz die Augen, als Norbert die Treppe herunter kam. Dann fielen sie ihm wieder zu, und mit einem hörbaren Seufzer schlief er ein.

Norbert dagegen holte das Hunde-Büchlein aus seiner Jackentasche und nahm gleich vom Schreibtisch eine Lupe mit. Dann entfachte er ein Feuer im Kamin, goss sich ein Glas Rotwein ein und machte es sich endlich bequem.

„Nenn mich Norbert!“, las er noch einmal.

„Mich auch“, schmunzelte er und begann zu lesen.

Kapitel 11

„Hallo, mein Name ist Norbert. Lass mich nie von der Leine!“

Verdammt, wo war die Lupe. Aha, da. Also nochmal.

„Hallo, mein Name ist Norbert. Lass mich nie von der Leine!“

„Doch ein Flitzer. Tja, Junge, Pech gehabt“, murmelte Norbert.

„Claudia nennt mich ‚Nobbi‘, ‚Nobs‘ oder ,Pupsi‘.“

‚Pupsi? Nur über meine Leiche!‘, dachte Norbert entsetzt. ‚Nobbi‘ würde schon gehen. ‚Nobbi‘ war ok. Claudia hieß sie also, die Verrückte, die ihren Hund einfach so abgab? ‚Claudia‘ klang schon so egoistisch. ‚Claudias‘ gingen schoppen und hielten sich Modehunde, weil es schick war. ‚Claudias‘ gaben ihre Hunde ins Tierheim, wenn sie in Urlaub flogen. ‚Claudias‘ waren unzuverlässig und oberflächlich und gaben ihren Hunden alberne Kosenamen. ‚Pupsi!‘ So ein Schwachsinn. Die Frau sollte erst einmal lernen, mit Sprache umzugehen.

„Frauchen ist Autorin, und ich liebe sie mehr als mein Leben. Und sie mich auch. Ohne einander sind wir nur halb.“

Eine Autorin? Norbert stutzte. Er galt als einer der erfolgreichsten Agenten der Literaturszene, und mehr als ein Name auf der Beststellerliste war durch seine Vermittlung in den Handel gekommen. Wenn Claudia Autorin war, dann kannte er sie ja vielleicht?

Er blätterte in dem Büchlein und suchte Hinweise auf die Verfasserin, aber es war verflucht schwierig und umständlich, mit der Lupe in der Hand zu lesen und zu blättern. Was hatte die Verrückte sich nur dabei gedacht, diesen Text in so einer winzigen Schrift auszudrucken?

Er fand keinen Hinweis auf ihren Nachnamen und gab die Suche schließlich auf.

„Frauchen muss mich für zwei Wochen bei Freunden abgeben, und deshalb schreibt sie dieses Buch. Wenn alles gut geht, dann lesen dies höchstens Kai und Silke, und bei denen kann ich bis zum 6. Januar nach Herzenslust im Garten toben, denn ich springe nicht über Zäune und grabe mich auch nicht durch. Ich liebe Bewegung, ich liebe es zu spielen, und ich bin lieb, aufmerksam, gelehrig, absolut nicht aggressiv und sehr ruhig. Ich werde am 6. April 2005 drei Jahre alt.“

Norbert schluckte. Das Büchlein war geschrieben worden für die Hundesitter, die Urlaubsvertreter, aber Claudia war nicht zurückgekehrt. Norbert spürte, wie er neugierig wurde. Was war geschehen?

„In diesem Büchlein findest du alles, was du über mich wissen musst. Das soll dir helfen, mir zu helfen, die Zeit zu überstehen, in der meine andere Hälfte nicht bei mir ist. Zwischen Claudia und mir ist es fast so, als könnten wir miteinander sprechen. Ich kenne es von klein auf nicht anders und reagiere auf Worte und Gesten wie ein Taubstummer auf Gebärdensprache. Wenn du versuchst, meine Sprache zu lernen, werde ich versuchen, dir ein ebenso wunderbarer Hund zu sein, wie ich es für Claudia bin. Lies die Kapitel der Reihe nach oder durcheinander, je nachdem, was du suchst. Alles fügt sich am Ende zu einem Bild, und das Bild bin ich.“

Norbert blätterte. Er überflog ‚Fressen‘ und stellte fest, dass er bisher keinen Fehler gemacht hatte. Zweimal am Tag zwei Tassen Hundemüsli, morgens und abends.

„Wenn ich etwas will, dann stelle ich mich neben dich und schaue in die Richtung, in der es ist. Ich schaue nur kurz, also pass gut auf. Wenn du nicht reagierst, werde ich dich nicht belästigen. Ich fiepse nicht, ich jaule nicht, ich belle nur beim Spielen. Dasselbe gilt übrigens fürs Rausgehen. Ich werde dir zeigen, dass ich raus möchte, aber nur leise und unaufdringlich. Dann kann es sein, dass ich vor der Tür auf dich warte. Vergiss mich nicht. Ich vergesse mich auch nicht, egal wie weh mir die Blase tut oder wie groß der Druck ist. Sei also so lieb und achte auf das, was ich dir sagen will. Ich achte schließlich auch auf dich.“

Er blätterte bis zum Kapitel ‚Schlafen‘, denn es war inzwischen spät.

„Ehe wir uns hinlegen, möchte ich noch einmal die Blase erleichtern. Dazu musst du mit mir nur kurz vor die Tür, ein Spaziergang ist nicht mehr nötig, wenn wir schon dreimal draußen waren. Mir reicht ein Baum in Hausnähe. Dann können wir ins Bett gehen. Du schläfst an der Wand, ich neben deinem Kopf. Oder umgekehrt, wie du willst.“

„Wie? Neben meinem Kopf? Im Bett?!“ Norbert war entsetzt. Das kam gar nicht in Frage! Pfui! Erst durch Matsche rennen, dann das Kopfkissen teilen? Spinnt die?

„Du ekelst dich bei dem Gedanken? Na gut, das ist natürlich deine Entscheidung, und ich werde mich fügen. Bestrafe mich aber nicht zu hart, wenn ich nicht sofort verstehe, dass du andere Regeln möchtest, als die, die ich kenne, ok? Wenn du möchtest, dass ich mich hinlege, dann reicht es, wenn du mir mit ruhiger Stimme sagst ‚ablegen‘ und auf eine Stelle zeigst, die du dir für mich ausgesucht hast. Schrei nicht, schimpfe nicht, das bin ich nicht gewohnt. Und habe bitte Geduld. Unter uns gesagt: du weißt nicht, was du verpasst. Es gibt nichts Schöneres für mich, als Kontaktliegen, und es ist ein ganz besonderes Zeichen von Zuneigung, wenn ich den Körperkontakt zu dir suche. Wenn ich versuche, zu dir ins Bett zu krabbeln, dann habe ich dich in mein Herz geschlossen.“

Ganz egal, was in diesem Buch stand, der Hund würde nicht im Bett schlafen. Punkt.

Skeptisch betrachtete Norbert den schlafenden Vierbeiner im Flur. Würde der überhaupt den Weg nach oben finden, wenn er heute Nacht wach würde? Würde er vielleicht doch jaulen? Wie würde er darauf aufmerksam machen, dass er raus müsste? Sollte er ihn wecken und ihm einen Gutenacht-Baum anbieten?

„Nobbi?“, fragte Norbert leise. „Musst du nochmal raus?“ Augenblicklich öffnete der Hund die Augen und sah ihn an. Dann stand er auf, reckte und streckte sich und schaute zur Tür. Da! Das bedeutete garantiert „Ja, gerne!“

Norbert stand auf, suchte die Leine und befestigte sie an seinem Halsband. Dann wickelte er den Hausmantel enger um sich, sagte „Aber nur kurz!“ und ging nach draußen. Der erste Baum stand nur ein paar Meter weiter rechts, und Nobbi ging zielstrebig dorthin, hob das Bein und pinkelte. Und pinkelte. Und pinkelte.

‚Meine Güte, was hast du denn eben im Garten gemacht, wenn du noch so einen Druck hast?‘, fragte sich Norbert und schüttelte den Kopf. So genau hatte er nicht darauf geachtet, was der Hund getrunken hatte. Wahrscheinlich war die Schüssel in der Küche leer. Ihm wurde allmählich kalt, und die unglaubliche Stille draußen dröhnte geradezu in seinen Ohren. Die Nacht war vollkommen windstill. Der Regen hatte aufgehört. Es war kalt. Ein fantastischer Wintersternenhimmel entfaltete sich über ihnen. Irgendwo in dem nahen Wald brüllte ein Rehbock. Was für eine atemberaubende Atmosphäre! Wieso wirkte das nie so, wenn er abends spät hier ankam? Norbert musste zugeben, dass er selten bewusst schweigend ein paar Minuten in der Nacht gestanden, gelauscht und geschaut hatte. ‚Draußen‘ war für ihn eigentlich nur die Strecke, die man überwinden musste, um von einem Gebäude ins nächste zu kommen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie ein Penthouse in der Stadt gehabt. Bettina war diejenige gewesen, die für Natur in jeder Form schwärmte. Sie hatte stundenlang auf der Terrasse sitzen wollen, um die Stille zu genießen. Sie war es, die Sterne beobachtete und Sternschnuppen entdeckte. Gerettet hatte sie das aber auch nicht, dachte Norbert bitter. Dennoch blickte er in den funkelnden Himmel und wünschte sich, sie könne ihn jetzt sehen.

Nach einer kleinen Ewigkeit war der Hund fertig, drehte sich auf dem Absatz um und zog ihn zurück ins Haus.

„Gut gemacht“, lobte Norbert, als er die Leine an die Garderobe hängte. Er musste gähnen. Egal, was in dem Buch stand, der Hund kam nicht ins Bett.

Das Feuer im Kamin war bis auf eine schwache Glut abgebrannt. Er löschte das Licht. Dann entschied er sich, den Hundekorb mit hinauf zu nehmen und dem Hund einen Platz in der Nähe des Bettes anzubieten.

Nur, dass der Hund ihm nicht nach oben folgte. Konnte er etwa keine Treppen steigen?

„Komm rauf, Nobbi!“, lockte Norbert, aber der Hund blieb mit eingekniffenem Schwanz am Fuß der Treppe stehen.

Er rührte sich auch nicht, als sein neues Herrchen zum zweiten Mal an ihm vorbei ging und die Schüssel mit Wasser nach oben trug. Erst als er beim dritten Mal mit angewidertem Gesicht das Wildschweinspielzeug aus der Tüte zog, es ihm hinhielt und dann langsam damit nach oben ging, schien der Hund überredet.

Vorsichtig erklomm er Stufe für Stufe und ließ sich so bis ins Schlafzimmer locken. Dort stand der Korb am Kopfende des großen Bettes, daneben ein Napf mit frischem Wasser. Norbert bettete vorsichtig die zerzauste Sau.

Dann schloss er sicherheitshalber die Tür. Das fehlte ihm gerade noch, dass der Hund heute Nacht durchs Haus streifte und Claudia bejammerte. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Und eigentlich gefiel es ihm gut, Gesellschaft zu haben.

Er deutete auf den Hundekorb, sagte ‚Ablegen‘, und der Hund legte sich hin. Norbert setzte sich auf die Bettkante, zog seine Hausschuhe aus und sah auf das Foto auf dem Nachttisch. Er drehte es ein wenig. „Bettina, darf ich vorstellen? Mein Hund Nobert, genannt Nobbi, niemals aber Pupsi.“ Der Hund hatte ihn aufmerksam beobachtet und den Kopf ein wenig schräg gelegt. Bei dem Wort ‚Pupsi‘ hatte Norbert den Eindruck, als hätten sich seine Augen ein wenig geweitet, als hätten sie reagiert auf etwas, das für den Hund wie eine Stimme aus der Vergangenheit geklungen hatte, eine Ahnung von Liebe und Vertrautheit. Norbert stutzte.

„Niemals Pupsi“, wiederholte er, und wieder meinte er, Überraschung im Blick des Hundes zu erkennen.

Norbert beugte sich vor, nahm vorsichtig den Kopf des Hundes zwischen die Hände und streichelte ihn sanft. Dann flüsterte er: „Niemals Pupsi, verstanden?“

Das leichte, nur angedeutete Stupsen der kalten Hundenase gegen seine eigene deutete er als Nicken.

Norbert ließ den Hundekopf vorsichtig los, legte sich hin, deckte sich gemütlich zu und schaute von Bettinas Bild noch einmal zu dem Tier, das sich wieder zusammengerollt hatte. Als er das Licht ausknipste, meinte er kurz darauf einen tiefen Seufzer zu hören, dem er sich nur zu gerne anschloss.

Kapitel 12

Von jungen Eltern ist bekannt, dass sie einen sehr leichten Schlaf haben, wenn der Nachwuchs anfangs mit im elterlichen Schlafzimmer schläft. Man steht bei jedem Geräusch senkrecht im Bett. Erst mit der Zeit lernt man wieder, entspannt durchzuschlafen.

Wer mit mehr als fünfzig Jahren einen wildfremden Hund in der ersten Nacht mit ins Schlafzimmer nimmt, geht durch eine ähnliche Hölle.

Norbert und Bettina hatten keine Kinder, und so wusste er nur aus der Theorie, dass es klug war, sich schlafend zu stellen, bis man entschieden hatte, ob das, was einen weckte, ein Notfall oder nur normale Geräusche eines unruhigen Zimmergenossen waren.

In ihrer ersten gemeinsamen Nacht, die schlaftechnisch in überschaubare Halbstundenabschnitte zerstückelt wurde, lernte Norbert leise Laufgeräusche auf Parkett von lauten Saufgeräuschen unterscheiden. Er lernte anhaltendes Scharren und Rumoren im Körbchen von langgezogenem Schnarchen und atemlosem Japsen unterscheiden, und nur beim ersten Mal erschrak er über das Grunzen des Wildschwein-Kuscheltiers.

Als er irgendwann endlich einschlief und nach gefühlten Sekunden schon wieder aufwachte, wusste er nicht, was ihn dieses Mal geweckt hatte. Er fühlte sich mehr als nur gerädert. Das dumpfe Pochen einer durchzechten Nacht hämmerte in den Schläfen. So hatte er sich vor Monaten das letzte Mal gefühlt, als er und sein Star-Autor Mike dessen astronomische Auflagenhöhe bis in die Morgenstunden mit Whisky begossen hatten.

Mit einem Stöhnen drehte er sich auf die Seite. Er vermisste Bettinas gleichmäßigen Atem neben sich. Ach, Bettina! Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er schwören können, sie läge neben ihm und hauchte ihm ins Gesicht. Wie albern.

Wie spät war es wohl? Schien schon die Sonne oder noch der Mond? Vorsichtig zwang er seine Lider hoch. Und ließ sie sofort wieder fallen. Vier Augen starrten ihn an. Zwei große braune und zwei gebrochene, tote.

Vorsichtig lugte er zwischen seinen Wimpern hervor und hoffte, keiner der beiden Eindringlinge würde etwas bemerken.

Die tote Sau, die Nobbi ihm liebevoll direkt vors Gesicht gelegt hatte, blieb völlig unbeteiligt. Nobbi dagegen konnte die Fassade vornehmer Zurückhaltung nicht aufrechterhalten. Das vorsichtige Tock-Tock-Tock seines verhalten wedelnden Schwanzes verriet nicht nur seine Sitzhaltung, sondern auch sein zufriedenes Schmunzeln. Wie lange lag der Kopf dieses Hundes wohl schon bewegungslos auf dem Matratzenrand? War es möglich, dass Hunde einen wachstarren konnten? Na, wenigstens war er in der Nacht nicht ins Bett geklettert. Oder doch?

Während Norbert sich im angrenzenden Bad frisch machte, gab der neue Mitbewohner keinen Mucks von sich, und auch das Schwein schwieg beharrlich. Wäre es nur heute Nacht so ruhig gewesen, dann hätte er nicht das Gefühl, im Haus sei niemals genug Kaffee, um ihn je wieder zu beleben.

Als er sich in der Küche für einen schnellen Senseo entschied, hörte er Nobbi zur Tür laufen. Als er nicht zurückkam, fühlte Norbert sich verpflichtet nachzusehen. Wie hypnotisiert starrte der Hund die Haustüre an. Na, das war zwar deutlich, aber eigentlich auch ziemlich bescheuert. Was würde geschehen, wenn niemand auf die Idee käme, mal zu schauen, was oder wen der Hund gerade ansah? Dann würde er elendig verrecken oder platzen.

Norbert seufzte, zog sich die Schuhe an, sattelte den Hund und streifte sich eine Jacke über. Er sah aus, als sei er auf dem Weg zu einem wichtigen Termin. Nichts in seiner Garderobe war vorbereitet auf Wildnis und wildes Wetter. Gott sei Dank regnete es nicht, im Gegenteil. Strahlend blauer Himmel begrüßte sie.

Der Kaffee musste warten. Für verantwortungsvolle, souveräne Hundebesitzer ging stets der Hund vor.

Und das tat er tatsächlich. Norbert konnte sich nicht erinnern, einen Weg je so zügig geschafft zu haben, wie im Sog dieses Sprinters. Im Hochleistungssport nannte man das Olympiaqualifikation.

„Hooooh!“, rief er, und zog so kräftig er konnte am Zügel. Wer es derart eilig hatte, der durfte ruhig auch einen Baum im Garten oder in der Einfahrt benutzen, oder? Er hatte nicht vor, innerhalb von einer Viertelstunde das ganze Dorf zu umrunden. Nein, auf keinen Fall! Nicht mit diesem Kopf!

Nobbi bremste notgedrungen, wartete einen Augenblick und nahm wieder Fahrt auf. Na gut, hier ging es bergauf, das wollte er mal durchgehen lassen, ausnahmsweise.

Sie näherten sich der einzigen Kreuzung des Ortes diesseits der Hönnetaler ‚Rennstrecke‘, die das kleine, verträumte Dorf rücksichtslos in zwei Hälften teilte. Und sie begegneten dem ersten fremden Hund.

‚Dackel‘, schoss es Norbert durch den Kopf. So ziemlich die einzige Sorte, die er außer ‚Pudel‘ und ‚Schäferhund‘ zuordnen konnte. ‚Katze‘, schoss es gleich hinterher, so ziemlich das einzige Tier, das er morgens nicht auf einer Straße neben einem Dackel vermutet hätte.

Das freundliche „Hallo!“ der Nachbarin, die das leinenlose Minirudel über die Straße führte und dabei einen Teller mit Waffeln balancierte, ging noch vor dem Verklingen des fröhlichen Wortes im Tumult unter.

Nobbi schrie. In seinen Hals hatte sich ein knurrender Dackel verbissen. Eine Katze hob fauchend ihre Tatze, ein Teller mit Waffeln schwankte, er selbst brüllte unflätig den Killerdackel an, die Frau rief: „Der tut nix!“

So schnell, wie es angefangen hatte, war es vorbei. Fast. Der Dackel lockerte seinen Biss, fiel zurück auf seine vier Pfoten und begann herumzuschnüffeln. Nobbi schüttelte sich und schaute wedelnd der Katze nach, die flink in ein Gebüsch abtauchte. Die Frau nahm den Teller mit Waffeln in die andere Hand und lächelte. Nur er brüllte und fluchte und schimpfte und drohte.

Das tat er ungefähr eine endlose Minute lang, während niemand sonst einen Laut von sich gab. Dann zog er seinen Hund mit einem Ruck hinter sich her und stapfte den Berg hoch.

Norbert kochte. So eine Unverschämtheit! Wozu gab es denn Leinenzwang in Deutschland? Und was für Menschen nahmen einen Hund, eine Katze und einen Teller voller Waffeln gleichzeitig mit nach draußen? Waffeln! Sollte sie lieber mal eine Leine anpacken, verdammt nochmal!

Leider wusste er nicht mehr genau, mit welchen Beschimpfungen er sich bei der unbekannten Nachbarin eingeführt hatte, und er konnte nur hoffen, dass seine an und für sich gute Kinderstube nicht vollkommen versagt hatte. Einen dicken, kleinen Kampfdackel zu beschimpfen, das war ok, zumal das Biest angefangen hatte. Aber die arme Frau?

Norbert hatte ein schlechtes Gewissen. Bei so wenig direkten Nachbarn war ein freundlicher Umgangston eigentlich lebenswichtig, wollte man nicht für alle Zeiten in der überschaubaren Dorfgemeinschaft als Idiot abgestempelt werden.

Bettina hätte die Frau sicher gekannt, vielleicht waren sie sogar befreundet gewesen? Seine Frau hatte nie lange gebraucht, um Leute kennenzulernen, und ihre sanfte, humorvolle Art hatte Türen geöffnet, die anderen lange verschlossen blieben.

Norbert überlegte, dass er im Grunde nicht viel darüber wusste, wie Bettina ihre Zeit in diesem Dorf verbracht hatte, während er tagsüber seine Termine in Düsseldorf und der Welt wahrnahm. Vermutlich hatte sie mit ihm darüber gesprochen, aber er hatte sich nichts davon gemerkt. Oder alles vergessen und verdrängt, als es nur noch um ihren Krebs gegangen war und um die Angst, sie zu verlieren.

Es war nicht ganz auszuschließen, dass die Frau, die er so beschimpft hatte, sehr genau wusste, wer er war, auch wenn er nicht den blassesten Schimmer hatte, wer sie war. Er nahm sich vor, es bei der nächsten Begegnung wieder gut zu machen. Vielleicht traf er sie ja auf dem Rückweg?

Leider wusste er nur absolut nicht mehr, wo dieser war. Na prima. Er war vermutlich der einzige Mensch, der sich in diesem Dorf verlaufen konnte.

Wo war er bloß? Sie waren nach der Begegnung eine Weile ziemlich steil bergauf gelaufen, dann war plötzlich alles flach. Irritiert blickte er sich um. Jeder Horizont auf diesem Hochplateau sah für ihn gleich aus: Bergimitate und Wälder. War er eben an einem Bauernhof vorbeigekommen? Oh, Moment! Das da drüben war doch der Friedhof, auf dem Bettina lag!

Es dauerte eine Weile, bis er rekonstruieren konnte, welchen Weg sein Hund genommen hatte. Gar nicht dumm, der Kerl. Irgendwie hatte er sich von ihm kreuz und quer durch die weitläufigen Felder ziehen lassen, versunken in seine Wut über die unerfreuliche Begegnung. Beeindruckend, wie der Hund ihn bei diesem allerersten Spaziergang geführt hatte. Norbert hielt sich zugute, dass er aus der Stadt kam und nur einen sehr unterentwickelten Orientierungssinn hatte. Das einzige, was er an seinem ländlichen Wohnort kannte, war jenes zwangsläufige Teilstück Bundesstraße und die kleine Seitenstraße, die in seine Hofeinfahrt führte. Und seit gestern Abend wusste er, dass sein Garten glitschige Abhänge hatte, die im Grenzgestrüpp der Nachbargrundstücke endeten.

Das alles hier – er sah sich um und hielt unwillkürlich die Luft an – diese wunderschönen, mit Raureif bedeckten Felder, die in der frühen Sonne glitzerten, hatte er zwei Jahre lang verdrängt. So lange war es sicher her, dass er bei Tageslicht hier oben gewesen war. War er nach der Beerdigung, die er unter Missachtung aller Konventionen weder bekannt gemacht, noch zu der er irgendjemanden eingeladen hatte, überhaupt schon einmal zu Fuß hierhergekommen? Er konnte sich nicht erinnern. Nun, das würde sich ja jetzt ändern, dachte er seufzend.

In Gedanken bereitete er sich auf die letzten Meter seines Rückweges vor. Die Meter, die ihn nun wieder bergab und am Haus des Dackels vorbeiführen würden.

Er machte sich innerlich bereit, die bösartige Bestie mit dem Fuß zu zerquetschen, wenn er seinem Hund noch einmal derart aggressiv über den Weg laufen würde, und begann beruhigend auf Nobbi einzureden.

Der war jedoch vollkommen ausgelastet damit, alle Gerüche aufzunehmen, die er konnte, und ignorierte den nett gemeinten Monolog. Im Gegenteil, als sie die Stelle passierten, an der er angegriffen worden war, begann er zu wedeln. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Ein Masochist!

Und wie auf Kommando schoss der geliebte Peiniger durch das offene Gartentor schnurstracks über die kleine Straße und zurück an die bereitwillig dargebotene Kehle. Nein!

Mit dem Unterschied, dass dieses Mal von der Katze jede Spur fehlte und die Nachbarin keine Waffeln, sondern nach einem kurzen, wütenden Schrei nur einen zappelnden Dackel trug, glichen sich beide Szenen verblüffend. Zumindest was Norberts verbale Ausfälle betraf.

Und wieder konnte er sich ‚danach‘ nicht erinnern, was genau er von sich gegeben hatte, als er nur wenige Augenblicke später alleine an der kleinen Kreuzung stand.

War das fortan sein Schicksal? Aggressionsdemenz im Morgengrauen?

„Verfluchte Scheiße!“, versuchte er sich abzureagieren und zog Nobbi entschlossen bergab in Richtung Haus. Wie sollte er so ein Theater am frühen Morgen in Zukunft bloß aushalten?

Er konnte sich nach dem ersten Hundespaziergang seines Lebens beim besten Willen nicht erklären, wovon die Leute immer schwärmten, wenn sie mit verklärtem Blick vom Glück des Gassi-Gehens faselten. Er war erst seit einer Stunde wach, es war noch nicht einmal acht Uhr, ihm war kalt, er hatte kaum geschlafen, sein Hund war zweimal angegriffen worden, er hatte sich mit der einzigen Nachbarin überworfen und sein Kaffee war ganz sicher inzwischen ungenießbar. Und das alles vor der ersten Zigarette. Da musste es eine andere Lösung geben.

Kapitel 13

Eine Stunde später hatte er sie gefunden. Norbert zog ein Blatt Papier aus dem Drucker. Er würde sein Grundstück einzäunen lassen. Sofort. Und das würde dann Nobbis Revier werden. Groß genug war es mit seinen 15.000 Quadratmetern schließlich. Es ging bergauf und bergab, die Grenzen waren von Strauchwerk überwuchert, und ganz sicher war es ein Paradies für einen Hund. Kurz entschlossen hatte Norbert via Internet Firmen zusammengestellt, die Zäune bauten, und er hatte vor, einige davon für heute Mittag einzuladen, sich um den vermutlich lukrativsten Job des Jahres bei ihm zu bemühen.

Claudia hatte zwar geschrieben, der Hund spränge nicht über Zäune, aber er wollte verhindern, dass mordlüsterne Dackel irgendeinen Weg unter dem Zaun hindurch finden konnten. Er sollte also nicht nur eine sichere Höhe haben, sondern auch ein wenig ins Erdreich hineinreichen. Und er sollte stabil genug sein für die Ewigkeit. Wertsteigerung. Für die Einfahrt schwebte ihm ein Tor mit Fernbedienung vor.

Als er die Liste überflog, musste er schmunzeln. Er hatte alle Firmen ausgedruckt, die in einem Umkreis von zwanzig Kilometern angesiedelt waren. Und ganz offensichtlich würde es nicht schwer werden, sich einen kleinen persönlichen Gag zu erlauben. Gut gelaunt griff er zum Telefon. Als er es nach einer halben Stunde wieder in die Ladestation stellte, rieb er sich vergnügt die Hände. Er freute sich auf die Gesichter der Bewerber. Um sich die Zeit zu vertreiben, beschloss er, in Claudias Büchlein zu lesen. Nobbi war gefüttert und lag entspannt aber aufmerksam in seinem Körbchen, das nun im Wohnzimmer stand. Ein frischer Kaffee dampfte in der Tasse, die Zigarette schmeckte gut.

Er konnte es sich leisten, ein paar Tage frei zu nehmen. Die Manuskripte, die er noch hatte lesen wollen, brächte seine Düsseldorfer Sekretärin heute noch zur Post.

„Dann erholen Sie sich mal ein wenig, Herr Schulte, das wird Ihnen gut tun. Und grüßen Sie mir Ihren Hund! Wie hieß der doch gleich?“

„Norbert.“

„Nee, oder?“

„Doch.“

„Ach du meine Güte.“

„Ja, nicht wahr? Bis bald, Frau Schenkel! Und vielen Dank!“

„Gerne, Herr Schulte, bis bald!“

Norbert blätterte nun in dem Büchlein und versuchte etwas darüber zu finden, wie Nobert mit anderen Hunden umging. Er entdeckte ein Kapitel mit der Überschrift „Draußen“. Ja, die Lupe bestätigte seine Ahnung. Er begann zu lesen.

„Woran es liegt, konnte mir bisher niemand erklären, aber ich scheine den Groll anderer Rüden anzuziehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie kastriert sind oder nicht, sie mögen mich einfach nicht. Keiner von denen. Aber das ist kein Problem, denn Claudia beschützt mich. Überhaupt, sie hat draußen das Sagen. Wenn ich ein Reh jagen will, sagt sie ganz streng „Mein Reh!“. Dann schnüffelt sie der Spur nach, die ich gefunden habe, nimmt die gelbe Plastikflasche, in der normalerweise Zitronensaft ist, und spritzt daraus etwas auf die Reh-Spur. Und ich schwöre, so wahr ich Norbert heiße, das in der Flasche ist Pipi!“

„Hä?! Was ist das?!“ Norbert sah den Hund an, als zweifele er an seinem Verstand.

„Das weiß ich so genau, weil ich mich gut auf meine Nase verlassen kann!“

„Meine Güte, die hat sie ja nicht alle!“ Norbert war fassungslos. Bedeutete das etwa, er müsste im Wald, sobald ihnen Wild begegnete …? Er mochte den Gedanken gar nicht zu Ende denken.

„Claudia ist ziemlich klug, oder? Auf jeden Fall steht eins fest. Claudia ist die Chefin, nicht ich. Und alle Rehe gehören ihr.“

Na gut, wenn das so war, dann hatte der Hund seine Lektion ja gelernt, und er musste sich im Wald nicht mehr zum Narren machen. Nicht auszudenken, wie ein Jäger im Hochsitz reagieren würde, wenn er nicht nur einen mittelgroßen Jagdhund in einer Spur entdeckte, sondern einen Mann im Anzug, der mit der Nase im Gebüsch hing, immer wieder „Mein Reh!“ rief und alle Bäume im Umkreis markierte.

„Als mich mal ein Hund angriff, da hat sie mich mit einem Ruck weggezogen und den Hund angegriffen. Statt sich immer auf mich zu stürzen, sollten die anderen Hunde lieber auf Claudia achtgeben, ich bin sicher, die kann auch beißen!“

Tja, da hatte er ja dann heute gründlich versagt. Auf die Idee, Nobbi wegzuziehen oder den Angriff zu verhindern, war er gar nicht gekommen. Bissig war er geworden, oh ja, aber nur mit Worten und an die falsche Adresse. Er blickte seinen Hund an.

„Habe ich dich also heute zum ersten Mal im Stich gelassen, stimmts? Ich machs wieder gut, versprochen.“ Noch hatte er zwar keine Ahnung wie, aber eine Gelegenheit würde sich sicher ergeben. Dann las er weiter.

„Auf jeden Fall freue ich mich über jeden Hund, ehrlich. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was passieren soll, bis ich mal jemanden beiße. Nein, da müsste vorher schon meine Welt komplett aus den Fugen geraten.“

Betroffen legte Norbert das Büchlein zur Seite. Groll stieg in ihm hoch. Wenn irgendjemand im Tierheim dieses Büchlein gelesen hätte, dann hätten sie gewusst, dass dieser Hund gar keine Ahnung hatte, wie er die Beißerei, die beinahe zu seinem Tod durch Einschläfern geführt hätte, hätte vermeiden sollen. Wofür in Gottes Namen hatte Claudia das denn alles aufgeschrieben, wenn es niemand las?

Norbert hatte fürs erste genug. In zwei Stunden würden die Zaunleute kommen, vielleicht sollte er sich noch ein wenig ausruhen. Er zog seine Schuhe aus, legte sich aufs Sofa und deckte sich mit dem wunderbaren Quilt zu, den Bettina ihm geschenkt hatte. Selbst gemacht, alles mit der Hand genäht, in den letzten Monaten, als sie noch mit dem Quilt-Rahmen arbeiten konnte. Darin war sie eine richtige Künstlerin gewesen. Norbert stellte sich den Handywecker und schlief bereits, ehe er bis drei gezählt hatte.

Das Klingeln des Weckers riss ihn aus dem Tiefschlaf. Benommen versuchte er, die Weckfunktion auszuschalten.

Nobbi stand neben der Couch und starrte mit steifer Rute zur Haustür. Da, wieder klingelte es. Also doch nicht der Wecker. Norbert stand auf, faltete die Decke über die Sofalehne und ging sich mit beiden Händen durch die Haare.

Der Hund blieb am Sofa stehen und beobachtete ihn genau, ohne einen Mucks von sich zu geben. So ganz zweifelte er offensichtlich nicht daran, dass Nobert hier der Herr im Haus sei und dafür sorgen würde, dass nichts Schlimmes durch die Tür eintrat. Ein gutes Zeichen für die zukünftige Zusammenarbeit, hoffte Norbert, als er den ersten Handwerker herein bat.

„Zaunzauber Schulte, Schulte mein Name“, stellte sich der Fremde vor und reichte Norbert die Hand.

„Ebenso, freut mich! Kommen Sie herein. Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten?“ Er führte den Gast ins Wohnzimmer. Nobbi wich skeptisch zurück.

„Scheu, woll?“, fragte der große Fachmann und vermied es, den Hund zu bedrängen.

„Eigentlich nicht. Er hat nur eine Menge erlebt und ist noch etwas zurückhaltend.“ Dann drehte er sich zu Nobbi um.

„Ablegen“, sagte er betont ruhig, ohne zu wissen, ob dies auch das gewesen wäre, was Claudia gesagt hätte. Sicher nicht. Claudia hätte den Hund zu sich gerufen und ihn dann an den Gast heran geführt, ihm ‚beigebracht‘, dass keine Gefahr bestand. Vielleicht.

Er zeigte auf das Körbchen und hoffte, dass sein Hund ihn verstand.

Nobbi verstand und zog sich zurück. Langsam, aufmerksam, aber ohne zu zögern.

Der Gast hatte sich kaum gesetzt, da schellte es erneut, und der Hund beobachtete von seinem sicheren Platz aus, wie ein Handwerker nach dem anderen erschien, bis fünf gestandene Männer im Wohnzimmer nebeneinander auf dem großen Sofa saßen und sich ihren Kaffee so mischten, wie sie ihn wollten.

Norbert kam zurück und setzte sich dazu.

„Meine Herren Schulte, ich darf mich kurz vorstellen: Ich bin ein Namensvetter. Ich habe mir aus persönlichen Gründen erlaubt, diesen Auftrag nur für Firmen auszuschreiben, die ‚Schulte‘ heißen und hier im Umkreis angesiedelt sind. Ich hoffe, Sie verzeihen mir meinen Großstadthumor?“ Er blickte gut gelaunt in die Runde und beobachtete, wie sich ein Grinsen auf allen Gesichtern breit machte.

„Sehen Sie, ich habe hier ein 15.000 Quadratmeter großes Grundstück ohne Zaun und einen Hund, der raus will und rennen möchte. Ich möchte innerhalb von fünf Tagen das ganze Gelände stabil mit einem 1,70 m hohen Zaun, fest verankert, inklusive Rolltor für die Einfahrt, eingezäunt haben. Und es ist mir egal, ob der Boden gefroren ist oder nicht. Notfalls müssen Sie halt sprengen.“

Ein Raunen ging durch die Gruppe.

„Ich weiß, dass sich im Frühjahr und Sommer jeder die Finger leckt nach so einem Auftrag, aber ich habe keine Zeit. Und weil es bei dieser Witterung nicht ganz einfach ist, möchte ich den Auftrag auch keinem von Ihnen alleine überlassen. Ich werde das Gelände aufteilen zwischen Ihnen allen und den Auftrag als erledigt betrachten, sobald der Zaun steht. Und jetzt bitte ich um Handzeichen, wer von vorne herein aussteigen will, weil er kein Material auf Lager hat bzw. keines in der kurzen Zeit besorgen kann. Ich darf gleich dazusagen: Ich weiß, was Zäune kosten, und ich werde mich nicht übers Ohr hauen lassen. Aber wenn Sie mir einen fairen Preis machen – sprechen Sie sich gerne ab –, dann lege ich für jeden von Ihnen Fünfen 2.000 € Bonus drauf, wenn ich in fünf Tagen einen Zaun und einen glücklichen Hund habe.“

Das Raunen war fassungsloser Stille gewichen.

„Wenn Sie mich nun bitte nach draußen begleiten wollen, damit Sie sich einen Eindruck vom Gelände und den Begebenheiten machen können?“

Die Handwerker zogen sich ihre Jacken über und schwiegen noch immer.

„Damit wir uns richtig verstehen: Jeder von Ihnen ist nur für sein Stück verantwortlich, aber ich möchte trotzdem, dass Sie hier bei mir als Team arbeiten. Reden Sie miteinander, kungeln Sie, wie die Kölner sagen, tauschen Sie sich aus, wo Sie Hilfskräfte herbekommen, seien Sie kreativ. Wenn der Zaun steht und der Hund nach einem Tag draußen keinen Weg raus gefunden hat und andere Hunde keinen Weg rein, dann lade ich Sie und Ihre Gattinnen hierher zum Essen ein. Darf ich fragen, wer von Ihnen einen Hund hat?“

Alle hatten Hunde.

„Und wer hat eine verträgliche Hündin?“

Nur einer der Schultes hatte eine Hündin, der Rest Rüden.

„Würden Sie Ihre Hündin dann mitbringen? Damit Nobbi auch Gesellschaft hat?“ Die Männer mussten lachen, und unter Scherzen und Schulterklopfen begab sich die Gruppe in den großen Garten.

Nobbi blieb zurück und hatte das Gefühl, als sei die Welt vielleicht nicht ganz so schlecht, wie er zu fürchten gelernt hatte. Er beschloss, abzuwarten und aufzupassen.

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22 декабря 2023
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281 стр. 3 иллюстрации
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9783933519610
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