Читать книгу: «Der unschickliche Antrag»

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Die italienische Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel La concessione del telefono bei Sellerio Editore in Palermo, die deutsche Übersetzung erstmals 1999 als Quartbuch bei Wagenbach.


E-Book-Ausgabe 2020

© 1998 Sellerio Editore, Palermo

© 1999, 2007, 2020 für die deutsche Ausgabe:

Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin

Covergestaltung: Julie August unter Verwendung einer Fotografie von © hasan cilingir/pixabay. Reihenkonzept von Rainer Groothuis. Das Karnickel zeichnete Horst Rudolph.

Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN: 978 3 8031 4173 6

Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 2831 7

www.wagenbach.de

Diesen Roman widme ich Ruggero, Dante und Ninì: daß sie nicht mehr sind, wird mir mit jedem Tag, der vergeht, schwer.

Und was für ein Zusammenbruch sämtlicher Illusionen und des glühenden Glaubens, mit denen sich die Insel für die Erhebung begeistert hatte, ist über Sizilien hinweggezogen! Arme Insel, die man wie ein erobertes Land behandelte! Arme Inselbewohner, die man wie Barbaren behandelte, die erst noch zivilisiert werden mußten! Und eingefallene Horden vom Kontinent wollten sie zivilisieren: neuartiges Kriegsvolk, jene niederträchtige Kolonne, die von einem Abtrünnigen befehligt wurde, dem ungarischen Obristen Eberhardt, der zuerst mit Garibaldi nach Sizilien gekommen war und dann zu denen gehörte, die ihn am Aspromonte niederschossen; und dann dieser savoyardische Kleinleutnant Dupuy, dieser Brandschatzer; eingefallen war sämtlicher Abschaum der Bürokratie; Streit, Duelle und rohe Szenen; das Präfektenamt des Luigi de’ Medici; Militärgerichte, Diebstahl, Morde, Raubüberfälle, von der neuen Polizei im Namen der Königlichen Regierung angestiftet und ausgeführt; die Fälschung und Unterschlagung von Dokumenten und schändliche politische Prozesse: alles das durch die erste Regierung der Parlamentarischen Rechten! Danach kam die Linke an die Macht, und auch sie hat mit Sonderbeschlüssen für Sizilien begonnen; gesetzeswidrige Anmaßungen, Betrügereien, Erpressungen, skandalöse Gunsterweise und Vergeudung öffentlicher Gelder; Präfekten, Delegierte und Staatsanwälte, die den Ministerialabgeordneten zu Diensten waren; schamlose Klientelen und Wahlbetrug; Wahnsinnsausgaben und entwürdigende Speichelleckereien; die Unterdrückung der Besiegten und der Arbeiter, die per Gesetz vollzogen und geschützt wurde, bei gleichzeitig zugesicherter Straffreiheit für die Unterdrücker…

LUIGI PIRANDELLO, Die Alten und die Jungen

Einige Personen

VITTORIO MARASCIANNO Präfekt von Montelusa

CORRADO PARRINELLO sein Kabinettschef, dann substituiert durch

GIACOMO LA FERLITA Bruder von Rosario (»Sasà«)

ARRIGO MONTERCHI Polizeipräsident von Montelusa

ANTONIO SPINOSO Dienststellenleiter der Polizei von Vigàta

GESUALDO LANZA-TURÒ Kommandant der Königlichen Carabinieri für den Bezirk Vigàta, später substituiert durch

ILARIO LANZA-SCOCCA

PAOLANTONIO LICALZI Gefreiter der Königlichen Carabinieri von Vigàta

GIUSEPPE SENSALES Generaldirektor der Polizei

AMABILE PIRO Direktor des Disziplinarbüros der Polizei

CARLO ALBERTO DE SAINT-PIERRE General, Kommandeur der Königlichen Carabinieri auf Sizilien

ARTIDORO CONIGLIARO Unterpräfekt von Bovina

GIOVANNI NICOTERA Innenminister

FILIBERTO SINI Minister für das Post- und Telegraphenwesen

IGNAZIO CALTABIANO Direktor der Post- und Telegraphenverwaltung für die Region Palermo

AGOSTINO PULITANÒ Landvermesser der Post- und Telegraphenverwaltung von Palermo

CATALDO FRISCIA Direktor des Katasteramts von Montelusa

VITTORIO TAMBURELLO Leiter des Postamts von Vigàta

CALOGERO (»DON LOLLÒ«) LONGHITANO Commendatore, ein »ehrenwerter Komptur«

CALOGERINO LAGANÀ Vertrauensmann des Commendatore

GEGÈ ein weiterer Vertrauensmann des Commendatore

ORAZIO RUSOTTO Advokat, Bruder von

RINALDO RUSOTTO Advokat

NICOLA ZAMBARDINO Advokat

FILIPPO (»PIPPO«) GENUARDI Geschäftsmann, Gatte von

GAETANINA (»TANINÈ«) Tochter von

EMANUELE (»DON NENÈ«) SCHILIRÒ, Gatte von

CALOGERA (»LILLINA«) LO RE

CALOGERO JACONO (»CALUZZÈ DIE SCHRUMPELFEIGE«)

»Gehülfe« im Holzlager von Filippo Genuardi

ROSARIO (»SASÀ«) LA FERLITA Buchhalter, früherer Freund von Filippo Genuardi

ANGELO GUTTADAURO Freund von Rosario und Filippo

DOTTOR ZINGARELLA Arzt von Vigàta

DON COSIMO PIRROTTA Pfarrer von Vigàta

SALVATORE SPARAPIANO Holzgroßhändler

G. NAPPA & G. CUCCURULLO Advokatenkanzlei

FILIPPO MANCUSO kleiner Landbesitzer

MARIANO GIACALONE kleiner Landbesitzer

GIACOMO GILIBERTO kleiner Landbesitzer

Geschriebenes eins

An

Seine Hochverehrte Exzellenz

Vittorio Parascianno

Präfekt von

Montelusa

Vigàta, am 12. Juni 1891

Exzellenz,

der Unterzeichnete GENUARDI Filippo, Sohn des hingeschiedenen Giacomo Paolo und der Posacane Edelmira, geboren in Vigàta (Provinz Montelusa), am 3. des Monats September 1860, und daselbst wohnhaft in der Via dell’Unità d’Italia Nr. 75, von Beruf Holzhändler, möchte Kenntnis darüber erhalten, welche Dokumente zur Bewilligung eines Telephonanschlusses zum privaten Gebrauche erforderlich sind.

Zutiefst dankbar für die güthige Aufmerksamkeit, die E. E. meiner Bitte zukommen lassen wollen, verbleibe ich unterthänigst und hochachtungsvoll

Genuardi Filippo

An

Seine Hochverehrte Exzellenz

Vittorio Parascianno

Präfekt von

Montelusa

Vigàta, am 12. Juli 1891

Exzellenz,

der Unterzeichnete GENUARDI Filippo, Sohn des hingeschiedenen Giacomo Paolo und der Posacane Edelmira, geboren in Vigàta (Provinz Montelusa), am 3. des Monats September 1860, und daselbst wohnhaft in der Via dell’Unità d’Italia Nr. 75, von Beruf Holzhändler, suchte, mit Datum des 12.Juni diesen Jahres, will sagen vor nunmehr genau einem Monat, der Großmuth und Güthe Eurer Exzellenz die Bitte vorzutragen, Kenntnis darüber zu erhalten, welche Dokumente unerläßlich nothwendig sind zur amtlichen Bewilligung eines Telephonanschlusses zu privatem Gebrauche.

Da ich, gewiß auf Grund eines ganz einfachen Versehens, keinerlei Antwort seitens des Amtes erhalten habe, dem E.E. in so hervorragender Weise vorstehen, sieht sich der Unterzeichnete leider vor die nicht zu umgehende Nothwendigkeit gestellt, die Bitte noch einmal demüthig vorzutragen.

Zutiefst dankbar für die güthige Aufmerksamkeit, die E.E. meinem Ersuchen zukommen lassen wird, und mich außerordentlich entschuldigend für die Störung, die ich Eueren Hohen Amtswaltungen verursacht habe, verbleibe ich unterthänigst und hochachtungsvoll

Genuardi Filippo

An

Seine Hochverehrte Exzellenz

Vittorio Parascianno

Präfekt von

Montelusa

Vigàta, am 12. August 1891

Hochverehrteste, hochwertheste Exzellenz!

Der Unterzeichnete GENUARDI Filippo, Sohn des hingeschiedenen Giacomo Paolo und der ebenfalls hingeschiedenen Posacane Edelmira, geboren in Vigàta (Provinz Montelusa), am 3. des Monats September 1860, und daselbst wohnhaft in der Via Cavour Nr. 20, Holzhändler, vermaß sich, mit Datum vom 12. Juni diesen Jahres, will sagen vor genau zwei Monaten, der vortrefflichen Großmuth, dem weitblickenden Verständnis und der väterlichen Güthe Eurer Exzellenz ein Bittgesuch zu unterbreiten, um Kenntnis über die nothwendigen Auflagen (Dokumente, Zertifikate, Bescheinigungen, Zeugnisse, beglaubigte Aussagen) hinsichtlich der Antragstellung an die Regierung zur Bewilligung eines Telephonanschlusses zum privaten Gebrauche zu erhalten.

Gewiß auf Grund eines ganz einfachen Versehens, das der Unterzeichnete nicht einmal im Traume der Königlichen Post- und Telegraphenverwaltung anrechnet, hat er keinerlei Antwort erhalten und sah sich daher zu seinem größten Bedauern veranlaßt, Euere Exzellenz noch einmal, mit Datum vom 12. Juli diesen Jahres, zu behelligen.

Doch auch dieses zweite Mal erhielt er nicht die erbetene Antwort.

In der Gewißheit, das stolze Schweigen Eurer Exzellenz nicht verdient zu haben, wirft sich der Unterzeichnete ein drittes Mal vor Euch auf die Knie, um Euer Erlauchtes Wort zu erflehen.

Zutiefst dankbar für die güthige Aufmerksamkeit und mich außerordentlich für die Störung entschuldigend, die ich Eueren Hohen Amtswaltungen verursacht habe, verbleibe ich unterthänigst und hochachtungsvoll

Genuardi Filippo

P.S. Wie Euere Exzellenz durch Vergleich dieses Schreibens mit den beiden vorausgegangenen ersehen können, ist meine gottselige Mamma, wie es der Lauf des Lebens mit sich bringt, vom Allerhöchsten zu sich gerufen worden, und der Unterzeichnete ist daher in die freistehende Wohnung derselben verzogen, die sich, wie bereits gesagt, in der Via Cavour Nr. 20 befindet.

An den

Sehr Geehrten Buchhalter

Signor Rosario La Ferlita

Piazza Dante 42

Palermo

Vigàta, am 30. August 1891

Theuerster Sasà,

erst gestern noch, hier bei uns, als wir im Club waren, sprach Don Lollò Longhitano öffentlich über Dich (genauer gesagt, er sprach schlecht über Dich). Er, Don Calogero, behauptete nämlich, daß Du, nachdem Du beim Spiel mit seinem Bruder Nino satte zweitausend Lire verloren habest, von der Bildfläche verschwunden seist. Don Lollò betonte, es sei allgemein anerkannt, daß Spielschulden innerhalb von vierundzwanzig Stunden beglichen werden müßten, Du Dir aber zweitausendfünfhundertzweiundsiebzig Stunden genommen habest, die Rechnung bis gestern abend um acht offenzuhalten. Da ich den Commendatore Calogero Longhitano gut kenne, mit dem nicht gut Kirschen essen ist, wenn ihm die Eier dampfen (und gestern abend dampften sie ihm), habe ich mir, im Namen unserer alten Freundschaft, erlaubt, ihn zu unterbrechen. Wohl wissend, welchem Risiko ich mich aussetzte, als ich das tat: Don Lollò ist gefährlich widersprüchlich, und mit ihm scherzt man nicht. Doch das Bewußtsein unserer Freundschaft war stärker. Überaus freundlich, aber nicht weniger bestimmt, erinnerte ich ihn daran, daß jeder Dich als Person kenne, die eingegangene Verpflichtungen immer erfüllt. Trotz seiner Antwort (die ich Dir hier nicht wiedergebe, weil ich Dir keinen Schmerz verursachen will), fügte ich noch hinzu, daß Du Dich seit zwei Monaten in Neapel aufhieltest, in einem Krankenhaus, wegen eines schweren Lungenleidens. An diesem Punkt nun wollte Don Lollò die Anschrift des Krankenhauses aus mir herauspressen, aber es war mir irgendwie gelungen, mich um die Antwort zu drücken. Zurück zu Hause, habe ich gleich drei Gläschen französischen Cognacs trinken und mir das verschwitzte Hemd wechseln müssen: sich einer Auseinandersetzung mit dem Commendatore zu stellen, kann, mitunter, einem Selbstmorde gleichkommen. Sicher bin ich mir aber, daß Don Lollò es noch einmal versuchen wird, Deine Anschrift in Erfahrung zu bringen: Er will, daß Du die zweitausend Lire, die Du seinem Bruder schuldest, ausspuckst. Hoffen wir, daß ich, mit festem Herzen, ihm weiterhin Deine richtige Anschrift verhehlen kann, die Du mir als Unterpfand für unsere eisernen Freundschaftsbande hast enthüllen wollen. Mit diesem Briefe bitte ich Dich um einen geringfügigen Gefallen, den Du mir sicher nicht verweigern wirst, wenn Du bedenkst, was ich für Dich gethan habe und auch weiterhin für Dich zu thun beabsichtige. Du müßtest Deinen Bruder Giacomino, oder wie dieser Angestellte bei der Präfektur von Montelusa sonst heißt, bitten, eine Antwort auf drei von mir an das riesengehörnte Rindviech von Präfekten Parascianno gerichtete Briefe zu beschleunigen.

In meinem letzten Brief an ihn fehlte nur wenig, und ich hätte diesem Spermenkanonier von Neapolitaner noch den Arsch abgeleckt. Ich möchte lediglich Auskünfte über die Bewilligung eines Telephonanschlusses erhalten, ich bitte ihn ja nicht um das Loch seiner Schwester.

Tu was.

Dein Pippo Genuardi

An den Buchhalter

Rosario La Ferlita

Piazza Dante 42

Palermo

Vigàta, am 20. September 1891

Mein vielgeliebter Bruder Sasà,

kann ich eigentlich mal erfahren, mit welchen Stricken Du mich fesseln willst? Willst Du meinen völligen Ruin? Du weißt doch, welche Opfer ich auf mich nehme, um unsere Eltern zu versorgen und Deine Schulden in monatlichen Raten abzuzahlen. Ist das der Dank, den Du mir entgegenbringst? Wie ist es bloß möglich, daß Du immer noch Deinen Kopf in die Wolken steckst und einen liederlichen Lebenswandel pflegst?

Nach Erhalt Deines Briefes wandte ich mich an den Commendatore Parrinello, Kabinettschef S.E. des Präfekten, um den Vorgang Deines ehrenwerthen Freundes Genuardi Filippo zu beschleunigen. Mit großer Freundlichkeit sicherte Commendatore Parrinello mir dies zu. Dann aber rief er mich am nächsten Morgen zu sich in sein Arbeitszimmer, ließ mich die Thüre mit dem Schlüssel abschließen und theilte mir mit, daß der Vorgang Genuardi in den Händen Seiner Exzellenz selber liege, weil die Angelegenheit nicht unbedeutend sei. Der Commendatore hat mich auch noch besonders darauf hinweisen wollen, dass S.E. nicht mehr ganz bei Sinnen sei, und riet mir, mich aus dieser ganzen Sache herauszuhalten, die gefährliche Folgen nach sich ziehen könnte.

Zieh Du Dich also aus dieser Angelegenheit zurück, die nur verdächtig sein wird. Sprich mir nie wieder von Filippo Genuardi.

In vier bis fünf Tagen schicke ich Dir eine Geldanweisung über dreihundert Lire. Es umarmt Dich Dein Bruder

Giacomino

Lieber Pippo,

das hier ist der Brief, den Giacomino mir geschickt hat. Alles, was Du erreicht hast, ist, daß ich mir von meinem Bruder einen Vorwurf habe machen lassen müssen. Was immer Du anfaßt, geht schief. Reicht Dir der motorisierte Vierräder noch nicht? Reicht Dir der Phonograph Edison noch nicht? Liebäugelst Du jetzt auch noch mit dem Telephon? Laß es doch gut sein!

Vor drei Tagen habe ich die Wohnung gewechselt, ich wohne nicht mehr an der Piazza Dante, allerdings gebe ich Dir die neue Anschrift nicht, weil ich vermeiden will, daß Du beim Commendatore Longhitano in Verlegenheit kommst.

Addio, du Gehörnter.

Sasà

An den

Hochverehrten Commendatore

Calogero Longhitano

Vicolo Loreto 12

Vigàta

Fela, am 1. Oktober 1891

Hochgeschätzter Commendatore,

Sie haben, bei mehreren Gelegenheiten, immer die Güthe besessen, mich mit Ihrem besonderen Wohlwollen auszuzeichnen, durch Thaten und Worte, die mich aus der Menge der Bittsteller, die sich Tag um Tag an Ihr großes Herz wenden, herausheben. Sie können sich nicht im entferntesten vorstellen, wie sehr diese Ihre Geneigtheit Ansporn und Trost für mich gewesen ist.

Kürzlich abends, im Club von Vigàta, riefen Sie mich zur Seite, um mir zu sagen, Sie hätten von jemandem erfahren, daß Sasà La Ferlita wegen eines Lungenleidens in einem Krankenhaus in Neapel liege. Ich habe, sofern ich mich richtig entsinne, diese Mitteilung sofort dementiert: die Geschichte mit dem Krankenhausaufenthalt sei eine hübsche, von Sasà La Ferlita selbst verbreitete Geschichte, um sich seinen Verpflichtungen zu entziehen. Und bei der nämlichen Gelegenheit theilte ich Ihnen die wirkliche Anschrift von La Ferlita mit, nämlich Piazza Dante 42, Palermo. In diesem Bruchteil eines Augenblicks erinnerte ich mich an ein lateinisches Sprichwort, das meine gottselige Mutter mir bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholte: »Amicus Pilato, sed magis amica veritas.«

Da ich mich aus Gründen meiner Arbeit in diesen Tagen in Fela aufhalte, habe ich zufällig einen gemeinsamen Freund von Sasà und mir getroffen, der mir sagte, er habe in Erfahrung gebracht, daß La Ferlita umgezogen sei oder im Begriff stehe umzuziehen. Daher beeile ich mich, Ihnen zu schreiben. Sofern Sie jemanden nach Palermo schicken wollen, um Sasà zu überzeugen, die Schulden zu bezahlen, die er mit Ihrem Bruder Nino eingegangen ist, müssen Sie sich beeilen.

Die neue Wohnanschrift von La Ferlita ist dem gemeinsamen Freunde nicht bekannt.

Seien Sie versichert, ich bin unterthänigst der immer zu Ihren Diensten stehende

Filippo Genuardi

P. S. Ich werde mich noch bis zum Wochenende in Fela aufhalten, danach kehre ich wieder nach Vigàta zurück. Verzeihen Sie mir, wenn ich es wage, Ihnen eine Bitte vorzutragen. Mitte Juni diesen Jahres habe ich ein Gesuch an die Präfektur von Montelusa gerichtet, um Kenntnis über die zur Beantragung eines Telephonanschlusses nothwendigen Papiere und Dokumente zu erhalten.

Könnten Sie, der sich dienlicher Freundschaften erfreut, auf eine Antwort drängen? Von einem Freunde habe ich erfahren, daß S.E. der Präfekt, ohne jeglichen Grund, meinem Bittgesuche gegenüber Argwohn hegt. Sie kennen mich doch gut, würden Sie den Herren von der Präfektur erklären, daß ich lediglich ein Holzhändler bin, der den Telephonanschluß ganz ausschließlich zum privaten Gebrauche zu nutzen beabsichtigt?

Dankbar für Ihr Interesse, das, dessen bin ich gewiß, nicht mangeln wird, versichert Sie erneut unterthänigst

Filippo Genuardi

KÖNIGLICHE PRÄFEKTUR VON MONTELUSA

DER KABINETTSCHEF

An Herrn

Filippo Genuardi

Via Cavour Nr. 20

Vigàta

Montelusa, am 7. Oktober 1891

Wir haben es nicht für nöthig erachtet, Ihre drei Briefe vom 12. Juni, 12. Juli und 12. August des laufenden Jahres beantworten zu sollen, da deutlich ist, daß es sich um einen offenkundigen Irrtum Ihrerseits handelt.

Denn diese Königliche Präfektur ist kein Auskunftsbureau, und dies um so weniger, als dasselbe rein gar nichts mit der Königlichen Post- und Telegraphenverwaltung zu schaffen hat, an welches Sie sich korrekterweise hätten wenden müssen.

Ich nehme die Gelegenheit wahr, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Seine Exzellenz der Präfekt mit Familiennamen Marascianno heißt und nicht Parascianno, wie Sie ihn immer wieder hartnäckig anreden.

Der Kabinettschef S.E. des Präfekten

(Comm. Corrado Parrinello)

(Vertraulich)

An den

Hohen Offizier

Arrigo Monterchi

Königlicher Polizeipräsident von

Montelusa

Montelusa, am 10. Oktober 1891

Hochwerthester Kollege und Freund!

Gestern, als der Tag sich dem Sonnenuntergänge neigte, hatte ich – im Verlaufe des herrlichen Privatempfanges, den Seine Hochgeschätzte Eminenz, Monsignor Gregorio Lacagnìna, neuer Bischof und Oberhirte von Montelusa, für uns gegeben hat –, sicherlich durch den Anblick des Himmels inspiriert, die Kühnheit, Euch, wenngleich nur in allgemeinen und äußerst verkürzten Begriffen, auf den Zustand der Verwirrung hinzuweisen, der sich – teils aus rein familiären Gründen, teils aus solchen, die mit dem mir auferlegten Hohen Amte als Repräsentant des Italienischen Staates in dieser, erlauben Sie mir die Behauptung, so weh sie mir auch tut, in dieser rechtlosen, zutiefst niederträchtigen Provinz unseres Vielgeliebten Italiens – wie ein Zangengriff in diesen letzten Monaten um mich gelegt hat. Soweit es meine Familienangelegenheiten betrifft, könnte ich sie, wenn Ihr kein Bergamaske, sondern Neapolitaner wäret wie ich, auf einen Nenner bringen, indem ich Euch fünf Nummern aufschriebe (59, 17, 66, 37, 89), und schon hättet Ihr ein klares und unmittelbares Bild von dem, was sich ereignet hat.

Meine zweite Gattin Agostina (Eleuteria, meine erste Gattin, verstarb vor nunmehr zehn Jahren an Cholera Morbus), Agostina also, wesentlich jünger als ich, wurde mir bald schon untreu (59) mit einem falschen Freunde (17) und beging hinter meinem Rücken schändlichen Betrug (66). Da ich nun aber von Salerno nach Montelusa versetzt wurde, machte sie sich, die verstockte Wortbrüchige, um ihren Buhler nicht zurückzulassen, auf die Flucht (37) und bleibt unauffindbar (89).

Unter den Wenigen, denen ich mich anvertraut habe, gibt es Niemanden, der in diesem überaus bitteren Vorfall nicht die tiefen Ursachen für ein Unwohlsein und einen Verdruß sähe, welche mir die täglichen Lebens- und Thätigkeitsverrichtungen schwer machen. Aber so ist es nun einmal.

Zu allem Überflusse habe ich, bei meiner Ankunft in der Präfektur von Montelusa, das Amt in den Fängen von Gerüchten, Vorspiegelungen, Ränken, Lügen, Verdächtigungen und Intrigen vorgefunden, die alle nur ein Ziel hatten: mir noch mehr Schaden zuzufügen, unbeirrt.

Zudem kann ich nicht umhin, Erwägungen über die politischen Verhältnisse der Insel (vor allem aber dieser schauerlichen Provinz) anzustellen, die ganz einem mit dicken, bedrohlichen Regenwolken verhangenen Himmel vergleichbar ist, Vorbote heraufziehender Unwetter.

Wie Ihr sehr wohl wißt, stürmen aufrührerische, verstockte Aufwiegler völlig unbehelligt über die Insel, Bakuninanhänger, Malonanhänger, Radikale, Anarchisten, Sozialisten, und säen überall mit vollen Händen die triste Saat von Aufruhr und Haß aus.

Was nun macht der fleißige, wachsame Bauersmann?

Wenn er in einem bis zum Rand mit köstlichen Früchten gefüllten Korb einen faulen Apfel sieht, zögert er nicht, denselben augenblicklich wegzuwerfen, damit dieser die anderen nicht anstecke und die Fäulnis sich nicht weiter ausbreite.

Andererseits denkt mancher höheren Ortes, daß es keiner Vorkehrungen bedürfe, die andere als repressiv auffassen könnten; doch indessen, während man noch redet und diskutiert, treibt der böse Same Wurzeln, die sich stark, aber leider auch unsichtbar entwickeln.

Und so haben sie denn eine ausgeprägte Fähigkeit darin, ihre trüben Absichten oftmals hinter dem Anschein zivilisierten Zusammenlebens zu verbergen.

So schauen Sie sich, zum Beispiel, diese drei Briefe eines gewissen Genuardi Filippo an, die ich Ihnen in Abschrift beifüge.

Seit drei Monaten lassen sie mich kein Auge mehr schließen. Welche Arglist! Wieviel verwegener Hohn!

Wieso, habe ich mich gefragt, versteift er sich darauf, mich Parascianno zu nennen, wo doch mein Zuname Marascianno lautet?

Darüber habe ich lange nachgedacht, zuweilen sogar, das gebe ich zu, die Pflichten meines Amtes vernachlässigend, doch am Ende kam ich der Sache auf den Grund.

Indem dieses unflätige Subjekt das »M« meines Nachnamens mit dem »P« vertauscht, spielt er in Wirklichkeit auf etwas Doppeldeutiges an. Doch, doch, denn in unserer Mundart bedeutet »parascianno« (oder mitunter auch »paparascianno«) das gleiche wie »barbagianni«, und es dürfte auch Ihnen bekannt sein, daß man damit eine Person bespitznamt, die alt ist und einem auf die Nerven geht.

Doch bis hierhin – transeat. Gehen wir darüber hinweg.

In seiner luziferischen Bosheit jedoch begnügt sich dieser Genuardi nicht mit Anspielungen, sondern geht zu ehrenrühriger Beleidigung über.

Im trivialsten Jargon der neapolitanischen Unterwelt beschreibt man mit »parascianno« (oder eben auch »paparascianno«) ein männliches Glied von animalischen Ausmaßen.

Letzten Endes also nennt mich dieses unflätige Subjekt, durch die scheinbar harmlose Vertauschung eines Konsonanten, so etwas wie »Du riesenviechgroßer Schwanz!«.

Und noch etwas: Warum wird mit jedem Briefe sein Servilismus gegenüber meiner Person immer deutlicher?

Worauf will er hinaus? In welchen Hinterhalt schleift er mich?

Ich bin hier, um Euere großzügige Hilfe zu erbitten. Könntet Ihr Informationen über die politische Gesinnung dieses Genuardi bei dem einen oder anderen Euerer Untergebenen in Vigàta erfragen?

Ich meinerseits werde ein Gleiches bei den Carabinieri thun.

Mit Dankbarkeit und aufrichtiger Freundschaft, Ihr allerergebenster

Vittorio Marascianno

P. S. Wie Ihr gewiß bei Eurer hohen Intelligenz und Finesse bemerkt haben werdet, wollte ich absichtlich kein Papier mit Briefkopf der Königlichen Präfektur verwenden. Ich bitte Euch daher, zu dem gleichen Kniffe zu greifen, sofern Ihr eine Antwort für mich habt.

(Vertraulich)

An den

Hochverehrten Commendatore

Corrado Parrinello

Viale Cappuccini 23

Montelusa

Montelusa, am 15. Oktober 1891

Hochwerthester Commendatore,

mein unersetzlicher Vorgänger, der gottselige Grande Ufficiale Emanuele Filiberto Bàrberi-Squarotti, hatte, als er mir das Königliche Polizeipräsidium übergab, ganz privat Ihre Person als jemanden gepriesen, der jeglichen Vertrauens würdig und jederzeit, im allerhöchsten Interesse unseres Landes, zur diskreten Zusammenarbeit mit unserem Amte bereit sei.

Glücklicherweise habe ich bis gestern keinerlei Nothwendigkeit gesehen, mich an Sie zu wenden und Ihre großzügige Bereitwilligkeit in Anspruch zu nehmen. Jetzt aber fühle ich mich verpflichtet, Sie über eine Frage von heikelster Feinfühligkeit in Kenntnis zu setzen, für deren Lösung ich Ihres erleuchtenden Rates bedarf, damit wir, eventuell, im Verbunde verfahren können.

Von Ihrem Vorgesetzten, dem Präfekten von Montelusa, Vittorio Marascianno, habe ich einen vertraulichen Brief erhalten, dem drei weitere an ihn gerichtete Briefe von einem gewissen Genuardi Filippo aus Vigàta beigefügt waren.

In diesen drei Briefen hat Seine Exzellenz Verhöhnung, Beleidigung und unterschwellige Drohung erkennen wollen.

Ganz offen und vollkommen aufrichtig gesagt, habe ich in diesen Schreiben nichts dergleichen entdecken können.

Der Ton des Briefes Seiner Exzellenz dagegen hat mich in Alarm versetzt, weil er, wie soll ich sagen?, eine Erregung seines Gemüthes erkennen läßt, welche dazu führt, nicht vorhandene Schatten zu beschwören.

Sie verstehen, daß in einem so heiklen politischen Augenblicke wie dem derzeitigen eine nicht perfekt ausgeglichene Autorität, die nicht Herr ihrer selbst und ihrer Handlungen ist, ein ernsthaftes Fiasko herbeiführen kann, ganz abgesehen von unvorhersehbaren Entwicklungen.

Ihnen obliegt indessen die Pflicht, mit mir darüber zu sprechen.

Vorsichtshalber habe ich an Ihre Privatanschrift geschrieben.

Besuchen Sie mich so bald wie möglich.

Mit dem Ausdruck höchster Werthschätzung,

Arrigo Monterchi

POLIZEIDIENSTSTELLE VON VIGÀTA

An den

Herrn Polizeipräsidenten

von

Montelusa

Vigàta, am 18. Oktober 1891

Betreff: Genuardi Filippo

GENUARDI FILIPPO (genannt Pippo) – Sohn des verschiedenen Giacomo Paolo und der ebenfalls verschiedenen Posacane Edelmira – geboren in Vigàta, am 3. September des Jahres 1860, und daselbst wohnhaft in der Wohnung der Mutter in der Via Cavour Nr. 20.

Lange Zeit ohne Beruf, auf Kosten der Mutter (einer Witwe) lebend, handelt er seit drei Jahren mit Holz.

Seit fünf Jahren ist er mit Gaetana (genannt Taninè) Schilirò verheiratet, einziger Tochter des Emanuele (genannt Don Nenè) Schilirò, Schwefelhändler, Eigenthümer der Mine Tagliacozzo in der Provinz von Caltanissetta und einer Schwefelveredelungsfabrik in Vigàta, Via Stazione Nuova.

Emanuele Schilirò gilt, zu Recht, als der vermögendste Mann von Vigàta. Witwer geworden, hat er vor nunmehr sechs Jahren wieder geheiratet, und zwar die dreißigjährige Calogera (genannt Lillina) Lo Re, Tochter eines Schwefelhändlers aus Fela. Die Ehe, die offensichtlich auf Grund eigennütziger Interessen zwischen dem alten Schilirò (zweiundsechzig Jahre alt) und der jungen Lo Re zustande gekommen ist, sorgte im Ort für abfällige Bemerkungen, die bald aber schon durch das untadelige Verhalten der jungen Gattin zum Schweigen gebracht wurden. Heftig war der Widerstand Emanuele Schiliròs gegen die Verlobung seiner einzigen Tochter mit einem abgebrannten Subjekt wie dem Genuardi; doch war alles vergebens, jener mußte sich der blinden Starrköpfigkeit seiner Tochter beugen, die sogar einen Selbstmord versuchte, indem sie sich ins Meer stürzte. Mit der Aussteuer seiner Gattin konnte Genuardi, der ein kostspieliges Leben zu führen begann, ein Holzlager eröffnen. Die Beziehungen zwischen dem Schilirò und seinem Schwiegersohne bewegen sich im Rahmen gebührlicher gegenseitiger Besuche. Doch muß hinzugefügt werden, daß Signora Genuardi, auf Grund der wechselhaften Geschäftserfolge ihres Gatten, ziemlich häufig gezwungen ist, bei ihrem Vater vorstellig zu werden.

Mit anderen Worten: Hätte der Genuardi nicht seinen Schwiegervater im Rücken, wäre er längst bankrott.

Genuardi hat sich, in der ersten Zeit seiner Ehe, ganz sicher keine ehebrecherischen Beziehungen von unterschiedlicher Dauer erspart. Unter anderem ist allgemein bekannt, daß der Genuardi noch in der Hochzeitsnacht, nachdem er ein paar Stunden mit seiner ihm frisch angetrauten Gattin verbracht hatte, sich in der Kutsche zum Hotel Gellia von Montelusa aufmachte und mit einer Varietétänzerin in fleischlicher Vereinigung bis zum Morgen beisammen war. Es bleibt jedoch anzumerken daß der Genuardi seit nunmehr mindestens zwei Jahren sich den Kopf zurechtgerückt hat und einen einwandfreien Lebenswandel führt, man weiß von keinen Frauen um ihn, er gibt sich keinen flüchtigen Vergnügungen mehr hin. Derlei Seitensprünge blieben seiner Gattin immer verborgen; diese hat, unter anderem, eine überaus gute Beziehung zur zweiten Gattin ihres Vaters, die sozusagen gleichaltrig ist. Der Genuardi hat auch die Freundschaft mit dem Buchhalter Rosario (genannt Sasà) La Ferlita gelockert, einem wirklich lasterhaften Menschen, der sich jeder Ausschweifung hingibt und das schwarze Schaf einer angesehenen Familie ist. Dessen Bruder Giacomo (genannt Zagaglino, wegen eines leichten Stotterfehlers) ist ein tüchtiger Beamter bei der Königlichen Präfektur von Montelusa.

Genuardis Schwiegervater, der den besseren Einsichten wohl nicht traute, hat in Genuardis Lager einen alten Vertrauensmann einstellen lassen, einen gewissen Calogero Jacono (genannt Caluzzè die Schrumpelfeige), der diesem über alles Bericht erstattet.

Nichts ist zu Lasten des Genuardi im Strafregister eingetragen. Mithin gilt er als nicht vorbestraft.

Hierdurch wird außerdem mitgeteilt, daß der Genuardi am 5. März diesen Jahres im Ortsbann Inficherna den Hirten Lococo Anselmo (genannt Sesè der Bleifuß, wegen seines langsamen Schrittes) angefahren, dessen linken Arm gebrochen und den Verlust zweier Ziegen aus der Herde verursacht hat. Der Lococo wurde jedoch überredet, keine Anzeige zu erstatten, da er ein hohes Schmerzensgeld erhielt, das ihm unverzüglich von Signor Emanuele Schilirò angeboten worden war.

Der Genuardi saß am Steuer eines motorisierten Vierrades der Marke Panard und Levassor, das er in Paris gekauft hat, und zwar für einen außerordentlich hohen Preis, weil es sich dabei praktisch um ein Unikat handelte. Ebenfalls in Paris, wohin er sich mit seiner Gattin angelegentlich der Weltausstellung von 1889 begab, hat er auch einen Phonographen Edison mit Wachsrolle gekauft, von dem Musik zu hören ist, wenn man ein beigefügtes Leitrohr ans Ohr führt.

Dieses alles führe ich nicht aus törichter Geschwätzigkeit auf, sondern um die oftmals eigenthümlichen Handlungen des Genuardi deutlich zu machen.

Politische Vorstellungen gibt es bei Genuardi keine. Er wählt entsprechend den Anweisungen seines Schwiegervaters, der ein Urgestein ist. In der Öffentlichkeit hat er seine Meinung noch nie geäußert.

Hochachtungsvoll

Der Leiter der Polizeidienststelle von Vigàta

(Antonio Spinoso)

Gesagtes eins


A (Giacomo La Ferlita – Pippo)

»Wozu haben Sie mich eigentlich hier runtergeschleppt, Signor La Ferlita?«

»Weil das hier das alte Archiv der Präfektur ist, hier runter kommt keine Sklavenseele. Und keiner kann uns sehen. Ich will mit Ihnen nämlich nichts zu schaffen haben. Vielleicht hat mein Bruder Sasà sich ja nicht deutlich genug ausgedrückt, Signor Genuardi?«

»Ihr Bruder hat sich absolut deutlich ausgedrückt. Sogar ein bißchen sehr deutlich.«

»Und wieso belästigen Sie mich dann in der Präfektur? Ich habe einen geachteten Namen, klar?«

»Kann man eigentlich mal erfahren, warum ihr euch alle in der Präfektur aufführt, als hätte euch der Hafer gestochen? Was hab ich getan? Hab ich vielleicht neben das Pinkelbecken gepißt, oder was?«

»Das fragen Sie mich? Sie wissen doch selber, was Sie angerichtet haben! Und außerdem, ich höre mir nicht gern säuische Ausdrücke an!«

»Was hab ich denn angerichtet?! Nichts hab ich angerichtet! Drei Briefe hab ich an den Präfekten geschrieben und ihn um Auskünfte gebeten, und da hat er sich gleich künstlich aufgeregt.«

»Ich glaube nicht, daß das allein ausschlaggebend ist. Commendatore Parrinello ist mir ernsthaft besorgt vorgekommen.«

»Die sollen sich doch beide in den Arsch ficken lassen, der und Seine Exzellenz!«

»Hören Sie, ich hab Ihnen schon mal gesagt, daß ich säuische Ausdrücke …«

»Na gut, dann bitte ich um Verzeihung und komme zum Grund meines Besuches. Schließlich bin ich ja nicht meinetwegen hier, Signor Giacomino. Ich bin hier wegen Ihres Bruders Sasà.«

»Hören Sie mir ja auf mit Sasà.«

»Das kann ich nicht! Wenn ich’s bloß könnte! Hier geht’s um Freundespflicht!«

»Hören Sie …«

»Nein, jetzt reicht’s, jetzt hören Sie mir zu. Ich muß Sasà warnen, daß ihn jemand sucht, der ihm das Fell über die Ohren ziehen will.«

»Aber wieso denn?«

»Was heißt das, wieso denn? Spielen Sie jetzt den Ahnungslosen, oder was? Ja, wissen Sie denn nicht, daß Ihr Bruder Sasà die halbe Welt in den Arsch gefickt hat? Wissen Sie nicht, daß er ganz Sizilien Geld schuldet?«

»Das weiß ich. Aber er begleicht seine Schulden regelmäßig. Die sollen Geduld haben und warten, früher oder später kriegen die ihr Geld schon zurück.«

»Bringen Sie mich doch nicht zum Lachen, Lachen schlägt mir auf die Leber! Dann wissen Sie also auch nicht, daß Ihr Bruder Sasà, jeden, ganz gleich wen, um sein Geld betrügt, ganz nach Lust und Laune? Auch Nino Longhitano, den Bruder von Commendatore Don Lollò, hat er um zweitausend Lire geprellt.«

»Oh, der Wichser, der verdammte Wichser.«

»Was denn, so unflätig? Nehmen Sie jetzt etwa säuische Ausdrücke in den Mund?«

»Ausgerechnet den Bruder von Don Lollò Longhitano mußte diese Gurke von Sasà um zweitausend Lire prellen? Da frag ich mich doch und sag: Bruder mein, gebenedeiter, mußtest du denn ausgerechnet da, wo das Feuer brennt, reintappen?«

»Was wollen Sie da machen? So ist er eben. Aber Sie wissen sehr gut, daß Commendatore Longhitano jemand ist, mit dem man nicht scherzen darf. Er will, daß sein Bruder Nino honoriert wird. Ich habe von Sasà nur seine alte Adresse in Palermo, die an der Piazza Dante, die neue hat er mir noch nicht schreiben können. Wenn ich warte, bis er sie mir schreibt, kann es womöglich zu spät sein.«

»Heilige Madonna! Zu spät wofür?«

»Für das, was Sie ganz richtig verstanden haben. Commendatore Longhitano läßt Sasà nicht nur das Fell über die Ohren ziehen, sondern ihm das Laster womöglich ein für allemal austreiben! Es ist an Ihnen, verehrter Signor Giacomino La Ferlita, ob Sie das Leben Ihres Bruders auf dem Gewissen haben wollen oder nicht.«

»Gut, dann schreib ich ihm gleich heute noch.«

»Was wollen Sie?«

»Ihm schreiben.«

»Was geht eigentlich in Ihrem Kopf vor? Sie greifen zum Federhalter und schreiben! Zunächst mal wissen wir doch gar nicht, wann der Brief ihn erreicht, stimmt’s? Ist doch gut möglich, daß der Brief von Vigàta nach Palermo eine Woche braucht. Und dann ist es zu spät. Und danach, wenn die Fakten Fakten sind und die Carabinieri zur Tatortbesichtigung kommen, entdecken sie Ihre wunderschöne Warnung. Dann können Sie sich Ihre Karriere in der Präfektur in die Haare schmieren. Sobald Sie sich aber entscheiden, mir zu sagen, wo zum Teufel Sasà sich aufhält, nehm ich den Zug und besuch ihn. Begreifen Sie doch, Signor La Ferlita: Ich selber setze meine Existenz aufs Spiel, um Sasà zu helfen. Geben Sie sich einen Ruck!«

»Na, gut. Mein Bruder Rosario wohnt auf dem Corso Tukory, auch in Palermo. Nummer fünfzehn, bei Familie Bordone.«

»Das hat aber lange gebraucht! Wo zum Teufel geht es raus aus diesem Scheißlabyrinth?«


B (Polizeipräsident – Commendatore Parrinello)

»Ich danke Ihnen, lieber Commendatore Parrinello, daß Sie meiner Bitte zu kommen so schnell entsprochen haben.«

»Dazu bin ich doch da, Herr Polizeipräsident.«

»Ich komme gleich zum Punkt. Ich verhehle Ihnen nicht, wie sehr der Brief Seiner Exzellenz, des Präfekten Marascianno, mich aufgeregt hat. Hier, schauen Sie ihn sich selbst an.«

»Ich kenne ihn bereits. Der Präfekt hat die Güte, mir alles zu lesen zu geben, was er schreibt. Sogar seine Gedichte.«

»O Gott, er schreibt Verse?«

»Jawohl. Für seine gottselige Gattin.«

»Die erste.«

»Was für eine erste, mit Verlaub?«

»Seine erste Gattin, natürlich. Die, die gestorben ist. Die zweite ist doch mit irgend einem durchgebrannt.«

»Verzeihen Sie mir, Herr Polizeipräsident, ich verstehe nicht ganz. Soweit ich weiß, ist Seine Exzellenz nur ein einziges Mal verheiratet gewesen. Dann wurde er Witwer.«

»Aber wenn er es mir doch selbst geschrieben hat! Haben Sie diesen verdammten Brief nun gelesen oder nicht?«

»Geben Sie ihn mir kurz her. Nein, diesen Brief hat er mir nicht gezeigt. Es ist eindeutig, daß er einen Brief geschrieben und einen anderen abgeschickt hat.«

»Wollen wir nicht erst mal ein bißchen Klarheit schaffen? Ihrer Meinung nach ist die Geschichte mit seiner zweiten, der treulosen Gattin also völlig frei erfunden?«

»Ich würde sagen, ja. Jedenfalls hat er mir immer gesagt, er sei Witwer, und Punkt und Schluß.«

»Hören Sie, kümmern wir uns nicht weiter um diese Angelegenheit. Ich werde Nachforschungen anstellen lassen, dann wird sich die Sache klären. Allerdings gießt diese Phantasterei mit der hypothetischen treulosen Gattin nur noch weiteres Öl ins Feuer.«

»Tja.«

»Und im Büro, wie benimmt er sich da?«

»Was soll ich sagen? Zwei, drei Tage ist er ruhig, dann, urplötzlich, rastet er aus.«

»Wie bitte?«

»Er explodiert, redet wirres Zeug, im wahrsten Sinn. Manchmal drückt er sich mir gegenüber mit Fratzen aus, dabei fällt kein einziges Wort.«

»Sie meinen, er macht sich durch Grimassenschneiden verständlich?«

»Nein, Herr Polizeipräsident, unter Fratze verstehen wir hier, wie soll ich sagen, die Kabbala. Und um ihn zu verstehen, behelfe ich mir dann mit einem wertvollen Büchlein des Cavaliere De Cristallinis, das vor rund zwanzig Jahren in Neapel veröffentlicht worden ist. Einer Fratze eben.«

»O mein Gott. Sagen Sie mir, hatten die Postulanten, ich meine die, die mit dem Präfekten sprechen, Gelegenheit, etwas zu erahnen?«

»Der eine oder andere leider ja, obwohl ich nach besten Kräften versuche, ihm den Rücken freizuhalten. Wenn ich merke, daß es an einem bestimmten Tag schwierig werden kann, erfinde ich Entschuldigungen und sage Verabredungen ab. Aber das klappt nicht immer. So ist es mir zum Beispiel nicht möglich gewesen, das Gespräch mit dem Generale Dante Livio Bouchet und dem Grande Ufficiale Pipìa, Präsident unseres Gerichtes, zu verhindern.«

»Mithin haben diese Herren mit Sicherheit bemerkt, daß … Sie meinen nicht?«

»Nein. Sehen Sie, was den Präsidenten Pipìa angeht, braucht man sich wirklich keine Sorgen zu machen. Denn als der Präsident und Seine Exzellenz zusammengekommen sind, war es vier Uhr nachmittags.«

»Na und?«

»Kennen Sie den Präsidenten Pipìa?«

»Ich bin ihm zweimal begegnet.«

»Um wieviel Uhr, verzeihen Sie?«

»Lassen Sie mich nachdenken. Beide Male vormittags. Aber wieso ist die Uhrzeit denn so wichtig?«

»Sie ist wichtig. Präsident Pipìa leert zum Mittagessen eine ganze Ballonflasche Wein. Hab ich Ihnen eine verständliche Beschreibung der Lage gegeben?«

»Überhaupt keine.«

»Er trinkt zuviel, der Herr Präsident. Er hebt gern einen, wie man das in seiner Gegend nennt.«

»Ein Glück, daß die Prozesse morgens stattfinden.«

»Nicht immer. Im vergangenen Jahr war einer unmittelbar nach dem Mittagessen angesetzt, und er wollte jemanden, der drei Kartoffeln gestohlen hatte, und ich meine wirklich drei, zu dreihundert Jahren Zuchthaus verurteilen. Hundert für jede Kartoffel.«

»Und wie ist es ausgegangen?«

»Unter Gelächter, Herr Polizeipräsident. Alle, Staatsanwalt und Advokaten, haben so getan, als habe der Präsident einen Witz machen wollen.«

»Also, bliebe nur noch General Bouchet.«

»Kennen Sie ihn?«

»Ich bin ihm im vergangenen Jahr bei der Militärparade vorgestellt worden. Wir haben gerade mal ein paar Worte gewechselt.«

»Mit Verlaub, aber das ist unmöglich. Sie werden gesprochen haben, und der General hat sich darauf beschränkt, irgend etwas zu knurren. Der General redet nicht, er knurrt, ja, er murrt, wie man hier sagt. Und wissen Sie, warum er das tut?«

»Ich habe nicht den blassesten Schimmer.«

»Weil er stocktaub ist. Wenn er nicht antwortet, ist er geschützt. Einmal fragte der General Seine Exzellenz: ›Wie ist die Lage in der Provinz?« Da sagte der Präfekt, weil es gerade mal wieder einer seiner Tage war: ›43‹, was bedeutet: angespannt, nervös. Der General hatte wohl verstanden ›heiß und herzlich‹ oder so was in der Art und strich sich zufrieden über den Schnauzbart.«

»Was machen wir, Commendatore?«

»Ich kann nur meine Arme zum Himmel strecken.«

»Und ich kann nicht einmal das, weil mir die Arme herunterfallen. Machen wir es doch so: Überdenken wir die Sache ein paar Tage, dann treffen wir eine Entscheidung. Doch in der Zwischenzeit müssen wir unbedingt enge Verbindung halten.«

»Zu Ihren Diensten, Herr Polizeipräsident.«


C (Don Nenè – Caluzzè)

»Eurexellenz, Gott segne Euch, Don Nenè.«

»Unseren Gruß, Caluzzè.«

»Eurexellenz wollen mir gütig verzeihen, wenn ich Euch an Eurem Schreibtisch störe, wo Eurexellenz doch sicher zu tun haben.«

»In diesem Augenblick hab ich nichts zu tun, Caluzzè. Gibt’s was?«

»Jaje.«

»Ahje! Was für eine neue Schmierenwichserei hat er wieder auf dem Gewissen, mein Tochtermann Pippo?«

»Nichtsnicht. Don Pippo Genuardi hat sich in letzter Zeit auf keine Schmierenwichserei mehr eingelassen. Aber weil Eurexellenz von mir über alles und jedes informiert wollen werden, was im Lager von Don Pippo, Eurem Tochtermann, vor sich geht, muß ich Euch zur Kenntnis bringen, daß er einen Brief von der Präfektur in Montelusa erhalten hat.«

»Hast du ihn lesen können?«

»Jaje, Eurexellenz. Weil doch Don Pippo nach Fela mußte, hatte ich alle notwendige Zeit, um ihn zu lesen. Fast eine Woche hab ich dafür gebraucht.«

»Was stand in dem Briefe?«

»Der Brief sagte, daß Euer Tochtermann, Don Filippo, statt sich an die Präfektur zu wenden, an die Post- und Telegraphenverwaltung schreiben muß. Er hat sich geirrt, mit einem Wort.«

»Und was zum Teufel will er von der Post- und Telegraphenverwaltung?«

»Die Bewilligkeit für einen Telephonanschluß.«

»Bist du sicher, daß du richtig gelesen hast?«

»Dafür leg ich meine Hand ins Feuer.«

»Was will Pippo denn mit einem Telephon? Mit wem will er denn sprechen, dieser ausgekochte Hurenbock?«

»Im Briefe stand davon nichtsnicht.«

»Hier müssen wir auf der Hut sein, sehr auf der Hut sein. Behalt ihn weiterhin im Auge, Caluzzè, laß nicht locker. Berichte mir alles, jede Kleinigkeit.«

»Eurexellenz können ganz ruhig sein.«

»Da, Caluzzè, nimm.«

»Aber warum wollen Eurexellenz sich nur so viele Umstände machen?«

»Nimm schon, Caluzzè. Und wie gesagt: Augen auf.«


D (Pippo – Taninè)

»Taninè, wir müssen reden.«

»Iß erst, Pippo, dann reden wir. Hier, schau, ich hab dir Fisch gemacht, den magst du doch so gern. Stockfisch nach Feinschmeckerart und in Essig gedämpfte Köhlchen.«

»Taninè, du mußt mir verzeihen, aber ich kann nichts essen. Die Kehle ist wie zugeschnürt, das Essen geht einfach nicht runter.« »Was ist denn nur? Hast du im Luftzug gestanden? Bekommst du eine Erkältung? O Pippù, mach mir keine Angst!«

»Es ist keine Körperkrankheit, es sitzt im Gemüt. Hör zu, ich leg mich hin, das ist besser.«

»Ganz sicher willst du nichts essen?«

»Neiiin! Muß ich’s dir erst Vorsingen?«

»Na, gut. Wenn du mit mir reden mußt, red.«

»Taninè, ich brauche Hilfe.«

»Ich bin doch da.«

»Du mußt mit deinem Vater reden, mit Don Nenè.«

»Und was soll ich ihm sagen?«

»Daß wir seine Hilfe brauchen.«

»Oh nein, Pippù, über Geld rede ich mit meinem Vater nicht. Der Allmächtige allein weiß, was es mich gekostet hat, ihn um das Geld für das motorisierte Vierrad zu bitten, als du dir die Flause in den Kopf gesetzt hattest, das Ding zu kaufen! Weißt du, was Papa mir gesagt hat, als er mir das Geld gab? ›Das ist das letzte Mal, sag das diesem ehrlosen Herumlungerer von Pippo, deinem Mann.‹ Genau das hat er gesagt.«

»Ehrlos? Herumlungerer? Und das, wo ich mir von morgens bis abends den Arsch aufreiße in diesem Saustall von Holzlager! Saustall, jawohl! Wenn du das Lager der Brüder Tanterra in Fela hättest sehen können! Das, ja, das ist ein Lager! Drei Angestellte und fünf Gehilfen! Und Holz, das aus Kanada kommt und aus Schweden! Dagegen muß ich mich mit vier Brettern aus den Bergen der Madonìe zufriedengeben und mit einem absolut beschissenen Lagergehilfen wie Caluzzè, der Schrumpelfeige! Ich ersticke ganz einfach! Ich muß mich vergrößern! Ich muß mich ausdehnen! Deshalb mußt du mit deinem Vater reden!«

»Fängst du schon wieder an! Nein und nochmals nein, ich rede nicht mit ihm! Weißt du, was er mir antwortet? ›Wenn Pippo Geld braucht, dann soll er das motorisierte Vierrad nehmen und verkaufen. Einen anderen Scheißkerl, der’s ihm abkauft, findet er allemal.‹«

»Ja, seid ihr denn völlig verrückt geworden, du und dein Vater? Das Vierrad stellt was dar, verleiht Prestige! Weißt du, was in Fela passiert ist, als ich mit dem Automobil da ankam? Der Teufel war los! Die waren völlig aus dem Häuschen! Alle sind sie gekommen, um mich anzugaffen! Sogar die Brüder Tanterra sind mit offenem Maul aus dem Lager gekommen! Wenn ich geh und es verkaufe, sagen doch alle, daß ich vor dem Bankrott stehe, daß mir das Wasser bis zum Hals reicht.«

»Kannst du dir das Geld denn nicht von der Bank leihen?«

»Das hab ich ja, aber jetzt will sie es zurück. Reden wir nicht weiter drüber, Taninè. Ich geh und leg mich ein bißchen hin und hoffe, daß ich schlafen kann. Wie steht’s mit dir, kommst du?« »Ich räum nur noch den Tisch ab, wasch mich, sprech die Gebete, dann komm ich. Wart auf mich, bleib wach.«

…

»O Gott o Gott Gott mein Gott Gott ist das gut ist das gut o Gott o Gott nochmal nochmal und nochmal o Gott genau so genau so genau so ja ja ja jaaa ich sterbe ich sterbe ich bin schon ganz tot und tot mach ich noch weiter Pippù mach weiter Pippù o Gott o Gott was machst du da was machst du denn da warum hörst du auf?«

»Ich hab keine Lust mehr, ich bin müde.«

»Was machst du denn da, holst du ihn etwa raus? Holst du ihn wirklich raus? Nein nein nein um Gottes willen steck ihn wieder rein steck ihn wieder rein Pippù so ja so o Gott mein Gott genau so ganz rein ganz rein und nochmal und nochmal o Gott mein Gott …«

»Redest du mit deinem Vater, du alte Sau?«

»Ja ja ja ja ich red mit ihm sag mir nur nochmal du alte Sau.«


E (Pippo – Commendatore Longhitano)

»Pippo Genuardi! Erlauben Sie, auf ein Wort?«

»Commendatore Longhitano! Was für ein glücklicher Zufall! Genau zu Ihnen wollte ich eben.«

»Und ich wollte eben zu Ihnen. Damit steht es unentschieden zwischen Ihnen und mir.«

»Sie sind gut aufgelegt, Commendatore! Nie und nimmer werde ich je in der Lage sein, ein Unentschieden mit Ihnen zu erreichen, Sie sind immer der Überlegene, ich bin im Vergleich dazu nur eine winzige Ameise.«

»Sprech ich zuerst oder Sie?«

»Sie, Commendatore. Mit der schuldigen Hochachtung.«

»Nun denn. Die Information, die Sie mir neulich abends im Club freundlicherweise geneigt waren zu geben, hat sich als richtig herausgestellt. Ich schickte gleich zwei Freunde nach Palermo, zur Adresse an der Piazza Dante. Doch sie kamen zu spät, sie trafen ihn nicht mehr an, er hatte die Wohnung gewechselt, wie Sie es mir im übrigen ja auch schon durch Ihren Brief aus Fela mitgeteilt hatten. Keiner der Nachbarn konnte meinen Freunden sagen, wohin der Signor Buchhalter, diese miese Ratte, sich verkrochen hatte. Geduld. Trotzdem will ich Ihnen danken … Apropos, hat die Präfektur Ihnen geantwortet?«

»Ja, Commendatore.«

»Und warum lachen Sie dann so genüßlich? Würden Sie mir das liebenswürdigerweise erklären? Wenn jemand mir ins Gesicht lacht und ich mir den Grund dafür nicht erklären kann, werde ich ziemlich nervös.«

»Wollen Sie mir gütigst vergeben, Commendatore, ich bitte Sie um Verzeihung.«

»Ich will Sie davon in Kenntnis setzen, daß die Tatsache, daß meine Freunde unseren Buchhalter nicht angetroffen haben, nicht bedeutet, daß das Spiel zu Ende ist. Denn, sehen Sie, keiner darf sich einen dummen Scherz mit mir erlauben, keiner darf mich an der Nase herumführen. Und die Nase meines Bruders Nino, der ein gutmütiger und liebenswerter Mensch ist, ist wie meine eigene.

Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?«

»Vollkommen.«

»Es geht nicht um die elendigen zweitausend Lire, um die Sasà La Ferlita meinen Bruder geprellt hat, sondern um das Beispiel. Verstehen Sie mich?«

»Im Fluge.«

»Gut so. Folglich ist es Ihre Pflicht, wenn Sie zufällig erfahren sollten, wohin dieser verdammte Hurensohn umgezogen ist, mich entsprechend zu informieren.«

»Commendatore, Sie wollen mich grundlos beleidigen. Ich kenne meine Pflicht, ohne daß Sie mich an sie gemahnen müssen. Erinnern Sie sich, daß ich eben gelacht habe? Ich habe gelacht, weil Sie mich nicht nach dem Grund gefragt haben, warum ich Sie besuchen wollte.«

»Und was ist der Grund? Erklären Sie sich genauer.«

»Da gibt es so gut wie nichts zu erklären. Signor Buchhalter Rosario La Ferlita. Bei Familie Bordone. Corso Tukory. Fünfzehn. Palermo.«

»Sind Sie sich da ganz sicher?«

»Wie das Evangelium.«

»Dann passen Sie auf: Wir beide haben uns nicht gesehen und haben nicht miteinander gesprochen. In Ihrem eigenen Interesse. Bei nächster Gelegenheit werde ich’s Ihnen vergelten.«

»Commendatore, verzeihen Sie mir, wenn ich Sie danach frage. Aber kennen Sie jemanden in Palermo, der bei der Post- und Telegraphenverwaltung arbeitet? Es ist nämlich so, vor etwa zehn Tagen habe ich einen Antrag weggeschickt…«

Geschriebenes zwei

POLIZEIDIENSTSTELLE VON VIGÀTA

An den

Herrn Polizeipräsidenten

von

Montelusa

Vigàta, am 25. Oktober 1891

Betreff: Spitznamen

Bezüglich des Berichtes, den Sie über den Genuardi Filippo aus Vigàta von mir angefordert haben und der Ihnen postwendend zugesandt wurde, machen Sie mich darauf aufmerksam, daß ich mich wohl gerne mit Überflüssigem beschäftige. Und Sie verweisen dabei auf die jeweils genaue Übertragung eines jeden von mir zitierten Namens. Dafür bitte ich Sie um Nachsicht und versichere Ihnen, daß ich mich von nun an streng an Ihre Anweisungen halten werde.

Allerdings drängt es mich, Ihnen den Sinn für mein Thun zu erläutern.

Der größte Theil der beim Einwohnermeldeamt mit ihrem Tauf- und Familiennamen rechtmäßig eingetragenen Sizilianer werden in Wirklichkeit von Geburt an mit einem anderen Namen gerufen.

So wird, beispielsweise, ein Filippo Nuara von allen, angefangen bei den Eltern und Verwandten, Nicola Nuara genannt. Aus diesem herkömmlichen Namen wiederum wird die Verkleinerungsform Cola Nuara abgeleitet.

Von da an beginnen zwei unterschiedliche Personen zu koexistieren. Die eine, Filippo Nuara, lebt ausschließlich auf offiziellen Dokumenten; die andere, Cola Nuara, führt demgegenüber eine absolut reale Existenz. Gemeinsam ist den beiden lediglich der Familienname.

Cola Nuara wird jedoch schon bald mit dem versehen, was Sie als Spitznamen bezeichnen, wir aber Injuria nennen, ohne daß wir darin etwas Abfälliges oder Beleidigendes erblicken. Wenn, nehmen wir an, unser Cola Nuara leicht humpelt, so wird er mit Sicherheit »Cola der Hinkefuß« oder »Cola Tacktack« oder auch »Cola Meer voraus« und so weiter genannt, eben so, wie es der Phantasie gerade einkommt.

An diesem Punkt nun wird ein Gerichtsdiener des Gerichtes von Montelusa, der das nicht weiß, große Schwierigkeiten haben, »Cola Nuara den Hinkefuß« mit Filippo Nuara in Verbindung zu bringen, wenn er ihm einen Bescheid zustellen soll.

Mir sind an die zehn Leute bekannt, die in Abwesenheit verurtheilt wurden, jedoch gar nicht abwesend waren: lediglich ihre Identifikation war schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

So erfuhr der Schullehrer Pasqualino Zorbo erst auf dem Sterbebette (im Alter von dreiundneunzig Jahren) zu seinem allergrößten Erstaunen, daß er eigentlich Annibale hieß.

Mein Kollege Antonino Cutrera, dessen wir uns alle wegen seiner scharfen Intelligenz rühmen und den ich die Ehre habe, meinen Freund zu nennen, wagte eines Tages, als wir miteinander darüber sprachen, eine Erklärung für einen so weit verbreiteten Brauch auf unserer Insel.

Die Verwendung eines anderen als des geburtsregisterlich korrekten Namens mit der Anfügung eines Spitznamens (Injuria), der nur innerhalb der Grenzen einer lokalen Gemeinschaft bekannt ist, folgt zwei gegensätzlichen Bedürfnissen.

Das erste besteht in der Verschleierung für den Fall einer Gefahr: ein doppelter (oder dreifacher) Name begünstigt die Verwechslung von Personen, man stiftet Verwirrung, die dem zugute kommt, der Objekt einer wie auch immer gearteten Nachforschung ist. Das zweite Bedürfnis besteht demgegenüber darin, sich nothfalls genau zu erkennen zu geben, um die Verwechslung zu verhindern.

Ich bitte um Entschuldigung dafür, daß ich mich nun doch so ausführlich geäußert habe.

Immer zu Ihren Diensten

Der Leiter der Polizeidienststelle von Vigàta

(Antonio Spinoso)

KOMMANDO DER KÖNIGLICHEN CARABINIERI VON VIGÀTA

An Seine Exzellenz

den Präfekten

von Montelusa

Vigàta, am 2. November 1891

Betreff: Genuardi Filippo

Ihrer Bitte folgend, beehrt sich das Kommando der Kgl. Carabinieri in Vigàta, folgendes hinsichtlich des im Betreff Genannten mitzuteilen:

Genuardi Filippo, Sohn des verschiedenen Giacomo und der ebenfalls verschiedenen Posacane Edelmira, geboren in Vigàta am 3. September 1860 und daselbst wohnhaft in der Via Cavour 20, von Beruf Holzhändler, gilt in jeder Hinsicht als nicht vorbestraft.

Gleichwohl wird darauf hingewiesen, daß der Genuardi seit langem unter aufmerksamer Beobachtung dieses Kommandos steht.

Nach Jahren eines ungeregelten und ausschweifenden Lebens ist der Genuardi, nach allgemeiner Ansicht, in sich gegangen und führt ein geregeltes Leben, das keinen Anlaß für Skandale oder Gerüchte liefert.

Allerdings hegt dieses Kommando den Verdacht, daß dieses In-sich-gehen lediglich dem Augenschein nach stattgefunden hat, mit dem Ziele, unterirdische Winkelzüge zu kaschieren.

Genuardi nämlich ist ein Mann von maßlosem Ehrgeize, zu allem bereit, wenn er damit nur seine Ziele erreicht. Außerdem liebt er es, sich hervorzuthun. Ein Beweis dafür ist u. a. die Thatsache, daß er sich ein sündhaft teures, von einem Motor angetriebenes Vierrad aus Frankreich hat kommen lassen, das die Firma Panhard-Levassor, Herstellerin desselben, »Phaeton« genannt hat. Das nämliche Vierrad hat eine Leistung von 2 DPS (Dampfpferdestärken); Riemenantrieb; Acetylenlampen. Sein benzingetriebener Motor kann eine Geschwindigkeit von 30 Kilometern in der Stunde erreichen.

Wie diesem Kommando bekannt ist, gibt es nur drei Gefährte dieser Art in ganz Italien.

Nicht genug damit, hat sich der Genuardi ebenfalls aus Frankreich eine sprechende und singende Maschine kommen lassen, die, auf französisch, »Phonograph Edison« heißt.

Der Genuardi braucht mithin für seinen Lebensstil sehr viel Geld, das der Handel mit Holz ganz sicher nicht abwirft. Dieses verschafft er sich, allerdings nur zum Theil, indem er sich des öfteren an die Großherzigkeit seines Schwiegervaters, Emanuele Schilirò, wendet, eines reichen und angesehenen Geschäftsmannes.

Abgesehen von den o. g. Gründen, hat dieses Kommando wesentlich gewichtigeren Anlaß, die Beobachtung der im Betreff genannten Person fortzusetzen.

Es gilt nämlich als unbestreitbar, daß er in seiner Wohnung in der Via Cavour 20 schon zweimal (und zwar am 20. Januar und 14. März des laufenden Jahres) Zusammenkünfte mit den bekannten politischen Agitatoren und Aufwieglern Rosario Garibaldi Bosco, Sizilianer, von Beruf Buchhalter, Carlo Dell’Avalle und Alfredo Casati, die beiden letzteren aus Mailand, von Beruf Arbeiter, gehabt hat.

Dieses Kommando hielt es seinerzeit nicht für angebracht, die Verhaftung durchzuführen, da es an genauen diesbezüglichen Vorschriften fehlte.

Hochachtungsvoll

ergebenst

Der Kommandant des Kommandos der Kgl.Carabinieri

(Tenente Gesualdo Lanza-Turò)

MINISTERIUM FÜR DAS POST-UND TELEGRAPHENWESEN

Regionalverwaltung – Via Ruggero Settimo 32 – Palermo

An den

Geehrten Herrn

Filippo Genuardi

Via Cavour Nr. 20

Vigàta

Palermo, am 2. November 1891

Geehrter Herr Genuardi,

Ihr Name ist mir von dem theueren Freunde Advokat Orazio Rusotto genannt worden, der seinerseits Beziehungen zu Commendatore Calogero Longhitano in Vigàta unterhält, Beziehungen, die man, würde man sie brüderlich nennen, nur unzureichend beschriebe.

Indessen beeile ich mich, Ihnen das Nachfolgende mitzutheilen.

Das Verfahren für die regierungsseitliche Genehmigung eines Telephonanschlusses zum privaten Gebrauche, das heißt: zu nicht kommerziellem Gebrauche, ist im allgemeinen langwierig und aufwendig, da eine ganze Reihe von Vorabinformationen und Erhebungen notwendig sind.

Nachdem diese unerläßlichen Ergebnisse zusammengetragen worden sind, kann man den weiteren Gang der Dinge in die Wege leiten, dies jedoch nur, sofern kein abschlägiger Bescheid vorliegt. Im Rahmen der mir in meiner Eigenschaft als Direktor dieser Behörde übertragenen Ermessensmöglichkeiten werde ich versuchen, das Verfahren abzukürzen.

Einstweilen müssen Sie – auf Papier mit Steuermarke – die folgenden Bescheinigungen einholen (ich weise Sie darauf hin, daß das Fehlen einer einzigen derselben jedes in Gang gesetzte Verfahren aufhebt):

1.Geburtsurkunde

2.Familienstandsbescheinigung

3.Auszug aus dem Strafregister

4.Erklärung der Steuereinnahmestelle Ihrer Gemeinde (oder des Finanzamtes von Montelusa), aus welcher hervorgeht, daß Sie regelmäßig Ihre Steuern bezahlt haben

5.Leumundszeugnis durch die örtliche Polizeidienststelle

6.Italienischer Staatsangehörigkeits-Nachweis

7.Vom Kommandanten des Militärdistriktes beglaubigte Abschrift des Matrikelblattes, aus welchem Ihre Stellung hinsichtlich Ihrer Militärpflicht hervorgeht

8.Schriftliche Bescheinigung des Katasteramtes, welche bestätigt, daß die Wohnung (oder das Geschäft oder das Bureau) für eine chem) Sie das Telephon anzuschließen beabsichtigen, Ihr persönliches Eigentum ist oder, sofern ein Mietverhältnis besteht: Beglaubigte Erklärung des Vermieters, aus welcher hervorgeht, daß die Wohnung (oder das Geschäft oder das Bureau) für eine Laufzeit von nicht unter fünf (5) Jahren an Sie vermietet wurde

9.Annahmeerklärung (mit notariell beglaubigter Unterschrift) seitens dessen (oder deren), in dessen (oder deren) Wohnung (oder Geschäft oder Bureau) der Empfangsapparat installiert werden soll

Diese Behörde liefert Telephonapparate der Firma Ader-Bell; die Apparate für den privaten Gebrauch verfügen über keine Umschaltvorrichtung, will sagen, daß der Empfänger- (und seinerseits Sender-)apparat nur mittels eines Anrufs des Sender- (und seinerseits Empfänger-) apparates aktiviert werden kann. Mithin sind Anrufe auf anderen Telephonleitungen nicht möglich.

Die Geräteanlage erfordert einen freien Wandraum von mindestens 1,50 Meter Breite und 2,30 Metern Höhe und funktioniert mittels zweier Batterien. Die eine dient zur Aktivierung des Schaltkreises, welcher nothwendig ist, um die Klingel zum Klingeln zu bringen; die andere dient zur Speisung des in dem Apparat fließenden Stromes vom Sender zum Empfänger.

Sofern das Ergebnis nach unseren Vergewisserungen zu einer positiven Entscheidung führen sollte, müssen Sie, nach Erfüllung einiger anderer Auflagen, über die ich Sie zu gegebener Zeit und an gegebenem Orte in Kenntnis setzen werde, einen Antrag an S. E. den Herrn Minister richten.

Sobald wir die erforderlichen Unterlagen erhalten haben, wird einer unserer Landvermesser nach Vigàta kommen, um die üblichen Schätzungen und Vermessungen durchzuführen. Die Reise, Verpflegung und Unterbringung unseres Landvermessers gehen samt und sonders zu Ihren Lasten. Derselbe ist aber angehalten, Ihnen eine offizielle Quittung auszustellen.

Ganz persönlich erlaube ich mir hinzuzufügen, wie sehr ich die Überzeugung hege, daß es unserem Landvermesser während seiner Dienstreise keineswegs schlecht ergehen wird: Wie mir berichtet wurde, müssen Sie in Vigàta Langusten haben, wie sie sonst nur auf der himmlischen Tafel unseres Herrgottes selbst zu finden sind!

Bitte, grüßen Sie mir sehr herzlich unseren Commendatore Longhitano.

Ergebenst Ihr

VERWALTUNG FÜR DAS POST- UND TELEGRAPHENWESEN

Der Direktor des Amtes von Palermo

(Ignazio Caltabiano)

(Vertraulich)

An den

Hohen Offizier

Arrigo Monterchi

Königlicher Polizeipräsident

Montelusa

Montelusa, am 5. November 1891

Hochwerthester Kollege und Freund!

Indem ich absolute Aufrichtigkeit zu meiner Lebensnorm gemacht habe, kann ich nicht umhin, Euch meine Überraschung und Beklemmung zum Ausdruck zu bringen, die mich beim Lesen der Abschrift der Euch vom Leiter der Polizeidienststelle in Vigàta zugesandten und mir von Euch liebenswürdigerweise weitergeleiteten Erklärung überkommt.

Ich bin ernsthaft der Meinung, daß eine Verschwörung gegen mich im Gange ist. Diese wird von dem bereits bekannten Genuardi Filippo gemeinschaftlich mit dem Dienststellenleiter Antonio Spinoso (ein Name, den ich mir von jetzt an gut einprägen werde) angezettelt.

Es fällt mir schwer, es zu sagen, aber in diese Verschwörung werdet auch Ihr verwickelt werden, sofern Ihr mit Eurer Autorität der Euch vorgelegten verlogenen Mittheilung Glauben schenkt und dieselbe bestätigt.

66 – 6 – 43!

Genau so ist die Lage!

Ich füge Ihnen in Abschrift den Bericht bei, den mir, ebenfalls aus Vigàta, der Kommandant des Kommandos der Kgl. Carabinieri, Tenente Gesualdo Lanza-Turò, hat zukommen lassen, ein Offizier von vorbildlicher Loyalität, Sproß einer aristokratischen Familie, die dem Vaterlande Märtyrer und Helden geschenkt hat.

Aus diesem Berichte der Carabinieri wird deutlich, was ich längst geahnt hatte, nämlich daß der Genuardi ein gefährliches Mitglied dieser Sekte von

gottlosen

vaterlandslosen

familienlosen

würdelosen

anstandslosen

ehrlosen

gewissenlosen

nichtskönnerischen

Gesellen ist, die sich dem Atheismus und dem Materialismus verschrieben haben.

Es gilt daher, daß man ein Auge auf sein zukünftiges Verhalten haben muß.

56 – 50 – 43!

Vittorio Marascianno

Präfekt von Montelusa

Montelusa, am 5. November 1891

Theuerster Commendatore Parrinello,

auf dem Wege einer überaus vertrauenswürdigen Person lasse ich Ihnen diese kurze Mittheilung zukommen.

Heute morgen habe ich einen schlicht und einfach als verrückt zu bezeichnenden Brief erhalten, in welchem der Bewußte, Sie wissen schon, es sogar wagt, dunkle Drohungen hinsichtlich meiner Person auszusprechen.

Würden Sie wohl das gewisse Buch zu Rathe ziehen, von dem Sie mir erzählt haben, und mir die Bedeutung dieser beiden Zahlengruppen erläutern?

66/6/43

56/50/43

Antworten Sie mir auf dieser Mitteilung. Je weniger Papier wir herumreichen, um so besser ist es. Wollen wir uns übermorgen sehen?

Ich danke Ihnen. Ihr

Arrigo Monterchi

Hochzuverehrender Herr Polizeipräsident,

ich beeile mich, Ihnen die Bedeutung der Zahlen zu enthüllen

Erste Gruppe:

66 = Verschwörung

6 = geheim

43 = Sozialist

Zweite Gruppe:

56 = Krieg

50 = feindlich

43 = Sozialist

Zu Ihrer Verfügung für übermorgen.

Ihr

Corrado Parrinello

An den

Hochverehrten Dottore

Ignazio Caltabiano

Direktor der Post- und Telegraphenverwaltung

Via Ruggero Settimo 32

Palermo

Vigàta, am 6. November 1891

Hochverehrter Herr Direktor,

ich nehme die Gelegenheit einer Reise eines Freundes nach Palermo wahr, um Ihnen diese kleine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Bitte, mißverstehen Sie diese nicht, sie soll Sie lediglich in die gleiche Lage versetzen wie den Landvermesser, der hierherkommen wird. In die gleiche Lage, versteht sich, nur hinsichtlich der allerfrischesten Langusten, die Sie, so hoffe ich, auf mein Wohl genießen werden.

Zutiefst dankbar für die Freundlichkeit und Eilfertigkeit, die Sie mir gegenüber bewiesen haben, wollen Sie bitte meine gebührende Hochachtung entgegennehmen.

Sobald ich den Commendatore Longhitano sehe, werde ich ihm Ihre Grüße ausrichten. Danken Sie bitte meinerseits Advokat Rusotto, den zu kennen ich leider nicht das Vergnügen habe, für seine freundliche Verwendung.

Ihr

Filippo Genuardi

KÖNIGLICHE PRÄFEKTUR VON MONTELUSA

DER PRÄFEKT

An den

Hochwerthesten Cavaliere

Artidoro Conigliaro

Unterpräfekt von

Bivona

Montelusa, am 6. November 1891

Hochwerthester Cavaliere,

ich habe Kenntnis von einer breit angelegten und weit verzweigten Verschwörung erhalten, welche, höchste Repräsentanten des Staates in dieser Provinz einbeziehend, die Existenz des Vaterlandes selbst in Gefahr bringt!

Wie Sie sehr wohl wissen, hat alles vor ungefähr zwanzig Jahren mit der unseligen, von Franchetti und Sonnino auf Sizilien angeregten Ermittlung begonnen, einer Ermittlung, welche der aufgeklärte Geist Rosario Conti als »ein fürchterliches Attentat auf die Einheit und Unabhängigkeit Italiens« definiert hat und welche die palermitanische Tageszeitung »Il Precursore« sich nicht scheute, als »höchst gefährliches Werk« zu brandmarken, »weil sie die soziale Frage in den Vordergrund gestellt und damit den Bürgerkrieg und den sozialen Krieg geschürt hat«.

Seit damals kommen diese beiden Kriege mit großen Schritten erbarmungslos auf uns zu. Wir sitzen auf einem Pulverfaß, theurer, hochverehrter Freund! Aber zurück zur Verschwörung. Mir ist die Anwesenheit von Anhängern der sozialistischen Sekte in unserer Provinz gemeldet worden, welche, mit geheimnisvollen Mixturen und übelriechenden Salben versehen, unsere arbeitsame Bevölkerung infizieren. Mit winzig kleinen und äußerst zerbrechlichen Ampullen ausgestattet, haben dieselben in Favara bereits eine starke und weit verbreitete Grippe ausgelöst, die durch Kopfschmerzen, Erbrechen und Durchfall noch verschlimmert wird.

Gestern erreichte mich das Gerücht, daß zwei dieser unseligen Gestalten, Experten in Chemie, getarnt in Bauerngewändern, sich auf Bivona zubewegen, um an der dortigen »Königlichen Chemisch-Landwirtschaftlichen Versuchsanstalt« thätig zu werden, und zwar mittels der Verbreitung von Keimen, die eine Mundschwamm-Epidemie auslösen können.

Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß diese Keime überaus leicht erkennbar sind: Sie sind von leuchtend roter Farbe, jeder von ihnen besitzt 2.402 Füßchen. Für ihre Vernichtung muß Sorge getragen werden, weil sie sich außerordentlich schnell vermehren.

In der Gewißheit, daß Sie sich der Gefahr bewußt sind und alle Maßnahmen für ein Einschreiten treffen, fordere ich Sie auf: Gehen Sie ans Werk!

S.E. der Präfekt

(Vittorio Marascianno)

POLIZEIDIENSTSTELLE VON VIGÀTA

An den

Signor Polizeipräsidenten

von

Montelusa

Vigàta, am 7. November 1891

Unter Beifügung der Abschrift des vom Tenente der Kgl. Carabinieri Gesualdo Lanza-Turò an Seine Exzellenz den Präfekten von Montelusa gesandten Berichts fragen Sie mich, ob ich im Besitze von Erkenntnissen über die geheime Verbindung des Genuardi Filippo mit bekannten politischen Agitatoren sei und warum ich, sofern ich dies bejahen könne, es nicht für angebracht erachtet hätte, Ihnen diesen Umstand anzuzeigen. Ich war sehr wohl in Kenntnis darüber, daß die Aufrührer Rosario Garibaldi Bosco, Carlo Dell’Avalle und Alfredo Casati sich am 20. Januar und am 14. März diesen Jahres in eine Wohnung in der Via Cavour Nr. 20 in Vigàta begeben hatten.

Wie Sie sich gewiß erinnern werden, haben weder die zurückgetretene Regierung Crispi noch die derzeitige Regierung Di Rudinì jemals Vorschriften für die unverzügliche Festnahme politischer Agitatoren erlassen, die sich darauf beschränken, ihre Ansichten zum Ausdruck zu bringen. Sie sind, wie jeder andere Bürger auch, nur dann zu verfolgen, wenn sie Strafthaten begehen, die vom Strafgesetzbuche geahndet werden. Infolgedessen hat sich diese Dienststelle lediglich darauf beschränkt, die Bewegungen dieser drei Personen im Auge zu behalten und darüber dem seiner zeitigen Polizeipräsidenten, Commendatore Bàrberi-Squarotti, Bericht zu erstatten. Die Datumsangaben für die beiden Besuche der vorgenannten Revolutionäre in der Via Cavour Nr. 20 sind, wie von Tenente Lanza-Turò angegeben, völlig zutreffend.

Da es sich so verhält, muß allerdings auch gleich festgestellt werden, daß sowohl im Januar als auch im März der Genuardi Filippo noch nicht in die Via Cavour Nr. 20 umgezogen war, sondern vielmehr in der Via dell’Unità d’Italia Nr. 73 in einer Mietwohnung wohnte.

Thatsächlich war die Wohnung in der Via Cavour Nr. 20 bis zum 1. August diesen Jahres von der Mutter des Genuardi, Posacane Edelmira, verheiratete Genuardi, bewohnt worden.

Nach dem Tod dieser Frau hat sich der Sohn, mit absoluter Taktlosigkeit, gleich am Tage nach dem Begräbnis der Mutter, mit seiner Frau in der Wohnung eingenistet.

An diesem Punkte drängt es mich, Ihnen zur Kenntnis zu bringen, daß das Haus in der Via Cavour Nr. 20 aus zwei übereinanderliegenden Wohnungen besteht. Die im Erdgeschoß wird auch jetzt noch von Signora Verderame Antonietta bewohnt, die vor nunmehr dreiundneunzig Jahren in Catania geboren wurde. Die darüberliegende ist die derzeitige Wohnung des Genuardi Filippo. Signora Verderame Antonietta ist die Tante mütterlicherseits des Aufrührers Rosario Garibaldi Bosco, der ihr gegenüber zärtlichste Zuneigung empfindet. Da er sich an den Tagen des 20. Januars und des 14. März diesen Jahres in Vigàta befand, mochte er es sich nicht versagen, sie beide Male zu besuchen, doch erst, nachdem er in der hiesigen Pâtisserie Castiglione ein Dutzend mit Ricotta gefüllte Cannoli gekauft hatte, die Signora Verderame, trotz ihres ehrwürdig hohen Alters, ungeheuer gerne ißt. Der Genauigkeit halber füge ich hinzu, daß die Herren Dell’Avalle und Casati beim zweiten Besuch diese Wohnung nicht betreten haben, sondern sich damit begnügten, im Hauseingang auf ihren Gefährten zu warten (was wir aus den dort vorgefundenen Zigarrenstummeln schließen).

Daher muß ich hier noch einmal bekräftigen, was ich bereits in meinem ersten Bericht erklärt habe: Genuardi Filippo hat keinerlei politische Ansichten und noch viel weniger Kontakte zu jedweder Art von Intriganten.

Ihr allerergebenster

Der Polizeidienststellenleiter von Vigàta

(Antonio Spinoso)

Just in diesem Augenblick erfahre ich, daß der Genuardi Filippo auf ausdrücklichen Befehl S.E.des Präfekten durch Tenente Lanza-Turò inhaftiert worden ist.

Um Himmels willen, schreiten Sie ein!

Die Gründe für diese Inhaftierung scheinen politischer Natur zu sein. Wenn es so ist, handelt es sich um völlig aus der Luft gegriffene Anschuldigungen.

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9783803141736
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