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Andre Rober

Höllenteufel

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Impressum neobooks

Kapitel 1

Als ein junges Paar nachts durch den verschneiten Schwarzwald von einem Familientreffen nach Hause fährt, haben sie ein schockierendes Erlebnis: Plötzlich steht ein in Weiß gekleidetes junges Mädchen auf der Fahrbahn. In der Hand hält es einen blutigen Dolch und auch das Gewand ist blutdurchtränkt! Den Ermittlern Sarah Hansen und Thomas Bierman mangelt es zunächst an Ansatzpunkten, denn das geheimnisvolle Mädchen spricht kein Wort! Auch der Fund des Ortes der gruseligen Geschehnisse bringt die Polizei nicht weiter. Schließlich ist es eine missglückte Entführung, die eine Verbindung zu dem seltsamen Fall aufweist und die Er­mittlungen in eine andere Richtung lenkt.

Andre Rober, geboren 1970 in Freiburg im Breisgau, studierte Volkswirtschaftslehre und arbeitete nach dem Ab­schluss mehrere Jahre für Banken im In- und Ausland. Mit der Absicht, sich beruflich zu verändern, machte er eine Aus­bildung zum Business Coach und arbeitete parallel an sei­nem Erstlingswerk „Sturmernte“.

Mit „Höllenteufel“ erscheint der vierte Band rund um die Ermittlerin Sarah Hansen, ihren Partner Thomas Bierman und deren Team bei der Kriminalpolizei Freiburg.

Andre Rober

Höllenteufel

Thriller

Ungekürzte Taschenbuchausgabe

1 Auflage Dezember 2021

© Andre Rober, Merzhausen

Korrektorat: Christiane Portele, Martina Woppman, Bettina Lieke-Rober, Nicole Rober-Kleber

Umschlaggestaltung: Andrea Budig, Merzhausen

Umschlagfoto: © Andre Rober

Satz: Andre Rober

Gesetzt aus der Palatino

„Die Hölle ist leer, alle Teufel sind hier“

(William Shakespeare, Der Sturm)

Kapitel II

комната вскрытия - Obduktionsraum - stand auf der wuchtig anmu­ten­den, doppelflügeligen Tür. Der einsti­ge Glanz des Edelstahls war im Laufe der Jahrzehnte zu einer matten, mit Kratzern übersäten, un­ansehnlichen Ober­fläche verkommen. Der Einsatz scharfer Scheuermittel hatte aber nicht nur auf dem Metall seine Spuren hinterlassen: Auch das Glas der beiden bullaugenähnlichen Fenster, die in je einem der Flügel in ge­nieteten Rahmen für einen Ein- oder Ausblick sorgen sollten, war stumpf geworden. Nicht blind, aber man konnte dahin­ter nur noch schemenhaft Strukturen erken­nen.

Vor dieser Barriere, der Grenze zwischen den Lebenden und den Toten, stand der junge Uniformierte und starrte vor sich auf den Boden. Betroffen zum einen und ängstlich, verlegen zum anderen. Sein erstes Mal. Nicht dass er im Laufe der Aus­bildung schon den obligatorischen Gang in die Gerichts­medizin hinter sich gebracht hatte. Heute war es etwas an­deres. Scheu blickte er auf und als er merkte, dass seine Be­gleiterin in den Anblick einer Fotografie vertieft war, er­laubte er seinen Augen, einige Momente auf der jungen Frau zu verweilen. Zusammengesunken, fast kauernd, saß sie auf einem der Plastikstühle und hielt das Bild mit beiden Hän­den geradezu andächtig vor ihr Gesicht. Ihre Lippen formten stum­­me Laute, fast, als würde sie allein in einer Kirche sitzen und innig beten. Sie war schlank, zierlich, aber nicht dünn. Ihr ebenmäßiges Gesicht wurde eingerahmt von einigen lo­ckigen Strähnen, die nicht wie der Rest ihrer blonden Haare in dem wilden Dutt an ihrem Hinterkopf gezähmt waren. Das Blau ihrer Augen konnte er auch aus dem ge­bo­tenen Abstand noch leuchten sehen, die Stupsnase, gerötet vom Ge­brauch zu vieler Taschentücher, stand gerade über dem kleinen, aber volllippigen Mund. Zerbrechlich wirkte das Mäd­chen, und erschöpft. Er kannte ihre Geschichte und wuss­­te, dass ihr das Leben in ihren jungen Jahren schon zu viel zugemutet hatte. Umstände, die ihr schon früh Verant­wor­tung abgerungen hatten, die Entscheidungen und Taten er­forderten, denen Menschen in ihrem Alter eigentlich noch nicht ausgesetzt werden sollten. Und wenn sich gleich hinter dieser Tür, die so abweisend kalt den Raum dahinter ver­schloss, die Vermutung bestätigen würde… ein weiterer Schick­­salsschlag für seinen Schützling, als den er sie zumin­dest für den Moment ansah. Da sie immer noch das Foto betrachtete, von dem er nur vermuten konnte, was darauf zu sehen war, studierte er die zarten Finger, die schlanken Bei­ne. Ihm fiel auf, dass sie die Füße, die in weinroten Stie­feletten steckten, ein wenig nach innen gedreht hatte, was ihre Ver­letzlichkeit in dieser Situation noch unterstrich.

Da waren sie nun: Er, wahrscheinlich kaum fünf Jahre älter als sie, und die blonde Frau, zwei Fremde, die sich erst kurz zuvor getroffen hatten, um an diesem unwirtlichen Ort zu­sammen zu warten. Zu warten, dass entweder eine schreck­liche Ahnung zur nicht minder schrecklichen Gewissheit würde oder aber, dass die Erleichterung einen Atemzug lang durch den Körper strömte, um dann der zernagenden Unge­wissheit wieder jenen Raum zu geben, der von allen anderen Gedanken Besitz ergriff.

Jetzt blickte sie auf, jedoch richtete sie ihre traurigen Augen nicht auf ihn, sondern auf die Uhr, die ihr gegenüber neben der Stahl­tür an der Wand hing. Was sie sah, löste keine er­kenn­­bare Reaktion aus: keine Langeweile, keine Ungeduld, keine Verärgerung. Wahrscheinlich schaute sie nur auf die Uhr, weil es Menschen, die auf etwas warten, einfach tun – und fragte man sie nach der Zeit, sie wüssten die Antwort nicht…

Hinter den Bullaugen veränderte sich das Licht ein wenig und kurz darauf öffnete sich ein Türflügel nach innen. In der Öffnung erschien ein Mann, vielleicht Anfang sechzig, unter­setzt. Sein langer weißer Kittel war schmuddelig, die Finger, die an der Tür zu sehen waren, ungepflegt. Um seinen Hals baumelte eine OP-Maske und die dicken Gläser seiner Weit­sichtbrille vermochten nicht, seinen glasigen Blick zu ver­schleiern. Ebenso wie die rote Nase und das aufgedun­sene Gesicht gab er davon Zeugnis, dass auch am heutigen Vor­mittag schon zu viel Vodka die Kehle des Rechts­medi­ziners benetzt hatte.

„модойдите сюда“, grunzte er kaum verständlich und ohne Begrüßung. Kommen Sie.

Er trat einen Schritt zur Seite.

Zögerlich erhob sich die junge Frau, sah unsicher zu dem Uniformierten und trat, nachdem dieser genickt und mit der Hand Richtung Tür gewiesen hatte, in den Raum. Der junge Mann blieb dicht bei ihr. Schüchtern sah sie sich um, wäh­rend sie dem Arzt zu einer Wand aus Kühl­fäch­ern folgte, de­ren Stahltüren ebenso abgenutzt und über­al­tert aussahen, wie die am Eingang. Sie fröstelte augen­schein­­lich, schob die gestrickten Pulswärmer bis über die Hand­fläche, stellte den Kragen ihres Mantels auf und zog den Schal etwas enger. Wie­der suchte sie Augenkontakt zu dem Beamten, der ihren Blick unbeholfen erwiderte und sich dann dem Kühlfach zu­wandte, an dem sich der bekittelte Mann zu schaf­fen mach­te. Die Tür schwang auf und eine Bahre wurde sichtbar. Ein La­ken, weiß und sauber, deckte den mensch­lichen Kör­per ab, der auf der metallenen Schublade lag. Der Pathologe zog sie heraus, bis etwa die Hälfte davon in den Raum ragte. Ohne Ankündigung, ohne vorbereitende Worte und ohne die Fra­ge, ob sie denn bereit sei, schlug er das Lei­nentuch zu­rück, so dass Kopf und Schul­tern einer jun­gen Frau zum Vorschein kamen. Der Tod war gnädig mit ihr ge­we­sen. Die an Alabas­ter erinnernde Haut war un­versehrt, die Augen und Lippen waren geschlossen. Sie strahl­te eine para­doxe Friedlichkeit aus, fast, als würde sie schlafen. Der Poli­zist konnte sich dem zarten Antlitz der To­ten ebenso nicht ent­ziehen wie zuvor auf dem Gang dem Anblick seines Schütz­lings. Trotz der schulterlangen, rot­gefärbten Haare der Verstorbenen war die ver­wandt­schaft­liche Bezie­h­ung zu seiner Begleiterin leicht zu erkennen. In­nerlich sank er ein wenig zusammen. Wie musste sie sich füh­len? Er sah hin­über und bemerkte, dass sie vor sich auf den Boden starr­te – sie hatte es noch nicht fertiggebracht, den Leichnam an­zu­sehen. Und wie sie da­stand, noch hilfloser und angreif­barer als zuvor, hätte er ihr die Notwendigkeit am liebsten erspart, auch wenn er wusste, dass dies nicht mög­lich war. Doch bevor er sich mit trösten­den Worten an die Frau wen­den konnte, raunte der ungedul­dig wirkende Arzt ein bar­sches „это ее?“ – Ist sie es?

Die Frau blickte auf und sofort zeigte sich der Schmerz auf ihrem Gesicht. Es dauerte eine Zeit, bis sie schweigend nickte und sich, bevor einer der beiden Männer es hätten ver­hin­dern können, nach vorne beugte und der Toten einen Kuss auf die Stirn gab. Dann wandte sie sich dem Polizisten zu, den die feste, fast entschlossene Stimme überraschte, als sie ihn bat, ihr genau zu erzählen, was passiert sei.

Kapitel III

Heute, 14 Jahre später

„Ich habe doch gleich gesagt, dass es keine gute Idee ist, zu diesem Treffen zu gehen!“ Holger Wohlfahrt sah seine Frau Iris nicht an, der vorwurfsvolle Ton erübrigte eine Verstär­kung durch einen scharfen Blick. Außerdem konnte er trotz des Ärgers, den er verspürte, den Anblick ihres ver­heulten Gesichts nicht gut ertragen, immerhin war sie es, die es in die­ser Situation am schwersten hatte, das musste er ohne Abstriche eingestehen. Aber warum Iris im Vorfeld geglaubt hatte, dass es bei diesem – dem x-ten – Versuch besser laufen sollte als die Male zuvor, konnte Holger sich nicht erklären. Ein harmonisches Zusammen­treffen mit ihrer Schwester und deren Mann hatte sie sich trotz der nieder­schmetternden Er­fahrungen gewünscht. Er hatte sich gleich gefragt, warum es auf einmal anders sein könnte. Warum Patrick sie diesmal nicht von oben herab behandeln sollte, sich nicht über seine Tätigkeit als Sachbearbeiter in dem Lo­gistikunternehmen lus­­tig machen und nicht das halbe Deputat von Iris an der Grund­schule kleinreden? Nicht über die faszinie­ren­den Rei­sen prahlen würde oder ihn nicht gönner­haft zu einer Probe­fahrt in seinem neuen Ferrari oder McLaren einzu­laden, da­mit Holger auch einmal im Leben dieses Gefühl haben konn­te? Er hatte Iris diese Frage gestellt, aber in ihr schien der Wunsch, von ihrer Schwester ein wenig Beachtung, Zunei­gung, vielleicht gar Anerkennung zu erhal­ten, so be­stim­mend zu sein, dass sie seine Bedenken ausge­blendet und das Tref­fen organisiert hatte. Im Waldesruh, jenem sündhaft teu­ren Schlosshotel weit abseits gelegen in einem engen Schwarz­waldtal, in dem sie sich jetzt bei wildem Schnee­treiben durch die immer höher werdenden Verweh­ungen in Richtung Frei­burg kämpften.

„Wir nehmen bei diesem Wetter selbstverständlich ein Zim­mer“, hatte Patrick spontan entschieden, obwohl es in Hol­gers Augen nichts gab, was den Mercedes G 4x42 seines Schwa­­gers hätte aufhalten oder in Gefahr bringen können. Doch sie mussten zurück nach Freiburg: Der Gutschein, den Iris von ihren Kolleginnen zum Geburtstag bekommen hatte, deckte nicht einmal die Hälfte der Kosten für das Abend­essen ab. Und so fanden sie sich, frustriert, genervt, er­nied­rigt und in Sorge um eine sichere Heimkehr in ihrem 2001er Renault Clio und schwiegen sich seit Holgers Fest­stellung gegenseitig an.

Die Bedingungen verschlechterten sich zu­sehends. Die Ne­belscheinwerfer halfen wenig dabei, die Straße unter der Schnee­­decke auszumachen, und wären nicht die schwarz-ro­ten Stangen am Fahrbahnrand gewesen, hätte man sich nicht sicher sein können, noch Asphalt unter den Rädern zu ha­ben. Wenn es so weiterging, würden sie bald nicht mehr vor­wärts­kommen. Schon jetzt schob der Clio mit seiner Front­schürze Schnee auf, der dann und wann von Windböen über die Motorhaube und die Windschutzscheibe geblasen wur­de. Nach und nach wurden Holgers Gedanken an den desas­trösen Abend verdrängt von Plänen und Szenarien, wie Iris und er die Nacht in dem Auto verbringen könnten, sollten sie tatsächlich nicht mehr weiterkommen. Er sinnierte über die Risiken und Chancen, die Temperatur im Wagen­inneren bei laufendem Motor aufrechterhalten zu können und ver­suchte einzuschätzen, wie lange der Tankinhalt im Leerlauf die lebenserhaltende Wärme wohl bereitstellen konnte.

„Vorsicht!“

Erschrocken trat Holger auf die Bremse und riss das Steuer herum, um der Gestalt auszuweichen, die wie ein Geist aus dem Dunkel vor dem Renault aufgetaucht war! Im Augen­winkel erkannte er in Sekundenbruchteilen ein zierliches Mäd­chen mit lan­gen, roten Haaren, die in ihrem weißen Nacht­hemd über der Straße zu schweben schien, dann schleu­derte der Wagen um die eigene Achse und das Bild verlor sich Schneegestöber. Doch als das Auto nach zwei kompletten Drehun­gen mit dem Heck in einen Schnee­berg prallte und entgegen der ursprünglichen Fahrtrichtung wie­der zum Stehen kam, erfassten die Scheinwerfer die groteske Erscheinung wieder! Etwa zehn Meter vor ihnen stand das Mädchen, fast noch ein Kind. Erst jetzt nahm Holger Details der Szenerie war: Das weiße Nachthemd schien an Bauch und Brust blut­durch­tränkt zu sein! Die Arme und Beine, die nackt aus dem dün­nen Stoff ragten, waren blau vor Kälte und das furchteinflößende Mes­ser, das das Mädchen in der Hand hielt, war ebenfalls blut­verschmiert! Doch das bei weitem Schlimm­ste war der ausdrucks­lose, irre anmutende Blick, mit dem die Unbekannte ins Wagenin­nere starrte. Erst als die Gestalt mit zombieähnlichen Bewegun­gen auf sie zu­wankte, hörte Holger die verzwei­felten Schreie seiner Frau auf dem Beifahrersitz.

Als das Klingeln ihres Mobiltelefons Sarah Hansen aus der ersten Tiefschlafphase riss, musste sie sich zuerst orien­tieren. Die vier Wochen zuvor hatte sie sich, den Resturlaub nutzend, um ihre Mutter gekümmert, die nach einem Bein­bruch aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen worden war. Sarah hatte selbst­verständlich in ihrem Elternhaus über­­­nachtet und war erst gestern Abend aus Kiel zurück­gekehrt. Und da sie die Woh­nung in ihrer Wahlheimat Frei­burg erst vor einem guten hal­ben Jahr bezogen hatte, war die Zeit im Norden lang ge­nug gewesen, um jetzt im schlaf­trun­kenen Zustand erst ein­mal stirnrunzelnd umher­blicken zu müssen. Doch nach wenigen Sekunden hatte sie die Ge­dan­ken sortiert, stand auf und steu­erte zielsicher die Tür zur Wohn­küche an, wo sie das Handy offensichtlich drei Stun­den zuvor vergessen hatte. Im Display sah die Polizistin die Nummer ihres Partners Tho­mas Bierman, mit dem sie, seit sie sich zur Kriminalpolizei in der Breisgaumetropole hatte versetzen lassen, zusammen­arbeitete. Dass ihr wortkarger Kol­lege um diese Uhrzeit bei ihr anrief, konnte nichts an­de­res bedeuten, als dass es einen Fall gab, bei dem ihrer beider Anwesenheit zwingend erfor­derlich war.

„Hallo Thomas, was gibt es?“, meldete sie sich.

„In einem Nebental zwischen Furtwangen und Titisee hat ein Ehe­paar fast ein Mädchen überfahren. Sie konn­ten aus­wei­­chen, ohne den Teenager zu verletzen, stehen aber selbst un­ter Schock. Ich bin schon auf dem Weg zu dir.“

„Und was haben wir damit zu tun?“, fragte Sarah, steuerte jedoch bereits wieder das Schlafzimmer an, um sich der ei­sigen Nachtkälte angepasste Kleidung zusammen­zusu­chen. Denn eins war sicher: Wenn Thomas anrief, um sie abzu­holen, war die Frage der Zuständigkeit eigentlich be­langlos. Es würde triftige Gründe geben und er würde recht bald bei ihr vor der Tür stehen.

„Es sind äußerst merkwürdige Umstände: Die Kleidung des Mädchens war mit Blut geradezu durchtränkt. Außerdem trug sie nichts außer einem weißen, ja, sagen wir Gewand und hatte obendrein ein merkwürdiges Messer bei sich.“

Sarah hatte bereits die Merinounterwäsche hervorgeholt, stell­te das Telefon auf Lautsprecher und streifte sich die war­me Unterkleidung über. Jetzt nahm sie die Skisocken und die etwas dickere Jeans aus dem Schrank und langte auch nach ihrem wärmsten Winterpullover.

„Hat das Mädchen irgendetwas gesagt? Ist sie an­sprech­bar?“

Sie begann, in die Sachen zu schlüpfen.

„Es war hochgradig unterkühlt, wurde von den Ret­tungs­sanitätern stabilisiert und ist auf dem Weg in die Kin­der­uniklinik. Wann bist du soweit?“

„Ich brauche noch drei bis vier Minuten. Wo bist du?“

„Ich biege gerade in deine Straße ein, stehe also gleich vor der Haustür.“

Das hatte Sarah in etwa erwartet. Sie beeilte sich, ihr Outfit zu komplettieren, stieg in die kanadischen Winterboots und steckte sich auf die Schnelle einen Apfel in die Tasche. Auch wenn es ihr überflüssig erschien, holte sie noch ihre Dienst­waffe aus dem Möbeltresor hervor, steckte sie in den Gürtel­holster, angelte den Schlüsselbund vom Küchentisch und verließ die Woh­nung. Durch die Fenster im Treppenhaus konnte sie sehen, dass es wieder heftig schneite und sich be­reits eine mehrere Zentimeter dicke Schneeschicht auf den parkenden Autos ge­bil­det hatte. Auf der ebenfalls ver­schneiten Straße fuhr ge­rade im Moment Thomas in dem brand­neuen Mercedes ML vor und hielt direkt vor der Haus­tür. Sarah trat hinaus in die Kälte und beeilte sich, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen.

„Hallo“, sagte sie, schlug die Tür zu und schnallte sich an.

„Grüß dich“, entgegnete ihr Partner und fuhr sofort los.

„Ich habe dich“, erläuterte er, „so kurzfristig informiert, weil ich erst noch Schwarz gebeten habe, das Kind in der Klinik in Empfang zu nehmen und Spuren zu sichern, be­vor sie vernichtet werden. Außerdem habe ich die Hunde­staffel or­ganisiert. Die werden wir bei diesen Bedingun­gen dringend brauchen, denn Spuren sind inner­halb einer halben Stunde zugeschneit. Zudem musste ich die Rettungs­sanitäter dazu bewegen, ein Stück Kleidung zu entfernen, wel­ches wir als Probe für die Hunde verwenden können. Sie haben sich ziemlich geziert, aber sie haben den Streifen­polizisten ein Stückchen dagelassen.“

Sarah war wie schon mehrfach zuvor von der Übersicht und der tadellosen Organisation Biermans beeindruckt. Den Rechts­­­mediziner Dr. Schwarz in die Klinik zu beordern und dafür zu sorgen, dass vor Ort die Spuren verfolgt werden konnten, war angesichts der unklaren Sachlage sehr vor­aus­schauend.

„Okay“, antwortete Sarah. „Da du nur von Unterkühlung gesprochen hast, gehe ich davon aus, dass das erwähnte Blut nicht von dem Mädchen stammt?“

„So ist es“, bestätigte Thomas. „Auf dem Messer, das die Polizisten vor Ort als merkwürdig bezeichnet haben, soll auch jede Menge Blut gewesen sein. Aber ganz offensichtlich stammt es nicht von dem Mädchen.“

„Konnte schon festgestellt werden, ob es sich um mensch­liches Blut handelt?“

„Nein. Aber die Skurrilität der Szenerie hat ausgereicht, dass die Streifenpolizisten es für angesagt hielten, die Kripo zu informieren. Und du kennst ja Gröber, wenn ein Fall das Potential hat, spektakulär zu werden, reißt er ihn sich unter den Nagel.“

Sarah musste lächeln, kannte sie doch die Profilneurose des Chefs nur allzu gut.

„Ist das Paar noch vor Ort?“, fragte sie, während Thomas in Richtung der Schnellstraße Richtung Höllental fuhr.

„Ja, auch wenn den beiden sicherlich recht kalt sein dürfte, habe ich darauf bestanden, dass sie dortbleiben. Im Umfeld der Vorkommnisse ist das Erinnerungsvermögen besser und wer weiß, welches Detail uns später weiterhilft.“

Trotz der fortgeschrittenen Zeit näherten sie sich einem Schneepflug, der vor ihnen die Straße freiräumte und am Heck Salz auf der Straße verteilte. Thomas schien die Ge­schwindigkeit des Räumfahrzeugs aber nicht auszurei­chen. Kurzum scherte er auf die noch schneebedeckte linke Spur und gab ordentlich Gas. Sarahs fragenden Blick von der Seite bemerkte er offensichtlich, denn er lächelte und mur­melte nur etwas von Allradantrieb und Winterreifen.

„Wo ist das Ganze denn eigentlich passiert?“, fragte Sarah, als sie am Ende der Schnellstraße auf die rechte Spur wech­selten.

„Gegen Ende des Höllentals müssen wir erst Richtung Furt­wangen abbiegen und dann in ein Seitental, dessen Na­men ich nicht kenne. Es führt wohl zu einem Schlossres­taurant ir­gendwo in den Tiefen des Schwarzwalds.“

Sorge darüber, dass auch irgendwann für das SUV der Schnee zu hoch liegen konnte, hatte er offensichtlich nicht.

Als sie die Gemeinde Kirchzarten hinter sich gelassen hatten und schon ins Höllental einfuhren, läutete Thomas` Mobilte­lefon und der Anruf sprang auf die Freisprecheinrichtung des ML. Die Nummer war beiden Polizisten bekannt.

„Schwarz, was haben Sie für uns?“, fragte Thomas den Rechts­­­mediziner ohne jegliche Begrüßung.

„Ich wollte Sie beide nur informieren: Die Kleine ist gerade angekommen“, informierte der Anrufer. „Sie scheint stabil, wird aber erst untersucht, ob nicht doch Verletzungen vor­liegen, die lebenserhaltende Maßnahmen erfordern. Danach kann ich mit der behandelnden Ärztin zusammen die Unter­suchungen vornehmen und Beweismaterial sichern. Sie ist sehr kooperativ.“

„Sehr gut!“, ließ Thomas zufrieden verlauten. „Stellen Sie bit­te so schnell wie möglich fest, ob das Blut an der Klei­dung des Mädchens menschliches Blut ist. Davon hängt unsere weitere Vorgehensweise ab.“

„Das werde ich“, versprach Schwarz. „Haben Sie sonst noch etwas, auf das ich im Besonderen achten soll?“

Thomas wandte Sarah den Kopf zu und sah sie fragend an.

„Fesselungsspuren werden Ihnen ja sicherlich ohnehin auf­fallen“, meinte er, fügte aber einer Intuition folgend noch eine Bitte hinzu.

„Ist ein Tox-Screening Standardprocedere? Ich würde gerne überprüft haben, ob Sedativa oder andere Betäubungsmittel nachzuweisen sind“, fragte Sarah.

„Werde ich an das Labor weitergeben. Und die Finger­ab­drücke sowie physiologische Daten werde ich Ihnen zu­kom­men lassen, dass Sie so schnell wie möglich bei den Vermiss­ten­meldungen und in der Datenbank forschen können.“

Schwarz hatte aus den Nachfragen geschlossen, dass die Polizistin einen Zusammenhang mit einem Vermisstenfall oder gar einer Entführung für möglich hielt.

„Sehr gut, danke“, quittierte Thomas den Vorschlag.

„Die Ärztin kommt gerade aus dem Untersuchungsraum, ich lege jetzt auf“, unterbrach Schwarz das Telefonat und es klickte in der Leitung.

Während der nächsten zwanzig Minuten, die die Polizisten schweigend nebeneinandersaßen, wurden die Straßen im­mer schmaler, der Wald immer dichter und die Schneehöhe erreichte geschätzte vierzig Zentimeter. Trotzdem kamen sie in der weißen Winterlandschaft zügig voran. Sarah, für die es der erste Winter im Schwarzwald war, beobachtete inter­essiert das Spiel von Licht und Schatten, das die Schein­wer­fer auf Straße und Bäume vor ihnen zauberte. Die Sze­nerie löste ambivalente Gefühle in ihr aus. Zum einen spürte sie einen tiefen Frieden, strahlten die unberührte Schnee­decke und die dicken, nieder­sinkenden Flocken doch etwas Be­ruhigendes, fast Weihnachtliches aus. Ein Gefühl von Ge­bor­genheit, einer warmen Stube mit einem knis­ternden Kamin­feuer. Zum anderen aber erschienen ihr die bewegten Schat­ten zuweilen wie flüchtige Geister oder bös­artige Krea­turen, die vor dem Licht des SUV zu fliehen such­ten. Sie stell­te sich vor, was für ein Schock es für das Ehepaar gewesen sein muss­te, als plötzlich die blutver­schmierte Ge­stalt auf der Straße aufgetaucht war, und sie fröstelte unwill­kürlich. Ja, der Wald hatte auch eine sehr be­drohliche Aus­strahlung!

Nach einer Kurve, die Thomas Bierman mit leicht ausbre­chen­dem Heck etwas zu schnell durchfuhr, war in gut ein­hun­dert Metern Entfernung ein Blaulicht zu erkennen. Aus der Ent­fernung sah es aus, als wäre die Stelle, an der auch zwei Fahr­zeuge zu erkennen waren, aus einer Märchener­zählung ent­nommen, in der ein Zauberer mit blauen Blitzen die schnee­bedeckten Bäume mystisch zum Leuchten brachte. Ob ihr Partner ebenfalls von dem fast magischen Schauspiel gefes­selt war, oder er einfach gerade nichts mitzuteilen hatte, ver­mochte Sarah nicht zu entschei­den. Aber er starrte auch durch die von den Wischblättern vom Schnee freigehaltene Wind­schutz­­s­cheibe und sprach kein Wort, bis der ML hinter dem Einsatzfahrzeug der Polizei zum Stehen kam.

„Da wären wir“, sagte er kurz, zog sich den Kragen seines Parka fester zu und stülpte sich die Kapuze über. Dann öff­nete er die Tür und stieg aus. Sarah folgte seinem Beispiel und optimierte den Sitz ihrer Kleidung, verließ das Fahrzeug und stapfte neben ih­rem Partner auf den Polizeiwagen zu, der mit laufendem Mo­­tor sowohl den zwei Polizisten als auch offensichtlich dem unbekannten Ehepaar Wärme und Schutz bot. Thomas klopfte an die Scheibe. Als das Glas her­untergefahren war und einen mehrere Zentimeter hohen Schneerand im Rah­men stehen ließ, bat Thomas zunächst das Paar auszusteigen und zu schildern, was ihnen wider­fahren war. Erstaunlich ge­lassen berichteten die beiden von dem Vorfall und zeigten auch, wo das Mädchen zum ersten Mal aufgetaucht war, wie ihr Fahrzeug ins Schlittern geriet und an die Stelle rutschte, an der es immer noch stand.

„Wie haben Sie danach mit dem Kind interagiert?“, fragte Sarah.

Der Mann blickte kurz zu seiner Frau und antwortete, nach­dem diese ihm zugenickt hatte.

„Zunächst haben wir nur dagesessen, im Schock sozusagen, denn es sah unheimlich gruselig aus, wie diese Gestalt mit dem Messer in der Hand auf uns zugetorkelt ist.“

Er schüttelte sich ein wenig

„Aber wir haben recht schnell bemerkt, dass das Mädchen orientierungslos war und sich in einer Notlage befand. Ich bin ausgestiegen und habe es angesprochen.“

„Hat es irgendwie reagiert?“, hakte Thomas nach.

„Es hat aufgeschaut, aber eher durch mich durch. Ich bin ganz langsam zu ihm gegangen und habe leise und be­schwich­­­­tigend auf es eingeredet.“

„Sie haben sich ihr trotz des Messers genähert? Das ist mu­tig!“ stellte Sarah fest.

„Ja, aber es war doch ganz offensichtlich noch fast ein Kind. Aber vor­sichtig war ich trotzdem, das können Sie mir glau­ben. Meine Frau hat auch gerufen, ich solle von ihm fernblei­ben.“

Er warf einen Blick auf seine Partnerin, die sofort anfing, sich zu verteidigen.

„Ich hatte so eine Angst um ihn! Diese groteske Situation, wir zwei allein hier im verschneiten Wald…man hat schon so viele entsetzliche Geschichten gehört.“

„Und 99,99 Prozent davon sind Urban Legends“, ließ Thomas verlauten, doch Sarah beschwichtigte die Frau.

„Ich hätte auch große Sorge gehabt, werfen Sie sich nichts vor.“ Dann wandte sie sich wieder dem Mann zu, der gerade den frischen Schnee von der Mütze schüttelte.

„Wie haben Sie das Mädchen entwaffnet?“

„Es hat das Messer in den Schnee fallen lassen und ist schnur­­stracks auf mich zu gelaufen, da habe ich es in den Arm ge­nommen und festgehalten. Daraufhin stieg meine Frau aus, wir haben es ins warme Auto gebracht und die Heizung weiter aufgedreht.“

„Ich habe“, warf die Frau ein, „es mit auf den Rücksitz ge­nommen und die ganze Zeit im Arm gehalten, während Hol­­ger den Notruf gewählt hat. Gott sei Dank hat man hier einigermaßen Empfang.“

Sarah und Thomas nickten wissend, gab es in den dünn besiedelten Ecken des Schwarzwalds noch so einige Funk­löcher.

„Hat das Mädchen irgendetwas gesagt, während Sie mit ihm zusammen waren?“, wollte Thomas wissen.

Beide schüttelten den Kopf.

„Nicht ein einziges Wort. Es hat auch keine Emotionen wie Weinen oder Schreien gezeigt, ließ sich einfach von mir festhalten.“ Der Frau standen Tränen der Rührung in den Au­gen.

„Als dann die Sanitäter kamen, ließ es sich widerstandslos aus den Armen meiner Frau nehmen und in den Rettungs­wagen bringen“, beendete der Mann den Bericht.

„In Ordnung.“ Thomas schien mit der Befragung zufrieden. „Machen Sie sich auf den Heimweg, wir brauchen Sie im Moment nicht mehr. Ihre Personalien haben wir?“

Der Mann nickte, Thomas deutete die Straße hinunter.

„Glauben Sie, die Spur, die wir mit dem SUV ge­zo­gen haben, reicht aus, um sicher zu den Hauptstraßen zu kommen?“

Der Angesprochene sah sich den Weg hinter dem Mer­cedes an, wo die Schneise, die die beiden Krimina­lbeamten zuvor gebahnt hatten, bereits wieder weichere Konturen annahm.

„Ja, das schaffen wir“, entgegnete er, den skeptischen Blicken seiner Frau zum Trotz, und stieg in den Wagen. Als auch sei­ne Begleitung eingestiegen war, gelang es ihm nach einigen An­läufen und mit durchdrehenden Reifen, an den beiden Poli­zei­­fahrzeugen vorbeizumanövrieren und schließ­lich auf dem festgefahrenen Schnee ohne sichtbare Beein­träch­ti­gung weiterzufahren.

Als die Rücklichter in der Dunkelheit verschwunden waren, stiegen Sarah und Thomas kurzerhand in den Streifen­wa­gen.

„So, Kollegen. Zeigen Sie uns doch als erstes das Messer, welches das Kind bei sich gehabt hat.“

Der Uniformierte auf dem Beifahrersitz langte in den Fuß­raum und reichte eine transparente Beweismitteltüte nach hinten. Sarah nahm die Stichwaffe entgegen. Sie und ihr Part­­ner betrachteten das blutverschmierte Corpus Delikti eine Weile. Dann ergriff Sarah das Wort.

„Das ist eher ein Dolch als ein Messer.“

Sie hielt die einschneidige, spitze Waffe näher an die Fond­beleuchtung des Autos.

„Der sieht aus, als käme er direkt aus einem Fantasyfilm. Aus Herr der Ringe oder so.“

Thomas nickte bekräftigend.

„Ja, er erinnert an eine rituelle Waffe, eine Art Opferdolch.“

Schweigend studierten sie Klinge und Griff des Objekts, die reich verziert und mit seltsamen Symbolen graviert wa­ren. Die beiden bemühten sich, die Geschehnisse und die Waffe in einen plau­siblen Kontext zu bringen. Nach einigen Mi­nuten trafen sich ihre Blicke und Thomas sagte:

„Du zuerst!“

Sarah nahm die Einladung gerne an und begann, ohne auf die schweigend auf die in der Front sitzenden Beamten zu achten, ihre Theorie vorzutragen.

„So grotesk das auch klingen mag, aber ist es möglich, dass das junge Mädchen an einer rituellen Zeremonie teilge­nom­men hat? Sie nach Vollzug an dem Opfer, sei es ein Tier oder ein Mensch einen Schock erlitt und verwirrt in den Wald lief?“

„Genau diesen Gedanken hatte ich auch.“ Er sah un­ge­duldig auf die Uhr.

„Wir brauchen dringend die Hunde und auch die Spu­ren­sicherung. Ich bin sicher, dass es einen Tatort zu finden gibt.“

Jetzt erst wandte sich Thomas an die Beamten auf dem Fah­rer- und Beifahrersitz.

„Haben Sie noch etwas bemerkt, was Ihnen aufgestoßen ist oder was für uns von Relevanz sein könnte?“

Zwei übermüdete Augenpaare trafen sich, dann drehten sich beide nach hinten um und schüttelten den Kopf.

„Nicht, dass ich mich an etwas erinnern könnte“, sagte der ältere Polizist auf dem Fahrersitz.

„Okay, dann wären Sie beide eigentlich hier fertig. Den voll­ständigen Einsatzbericht bitte an das K11 zu meinen Hän­den.“

Nachdem er ein verlangsamtes, fast resigniertes Nicken entgegengenommen hatte, setzte er im Laufe des Montagvor­mittags hinzu, woraufhin die Gesichter der Poli­zisten deut­lich entspannter wirkten. Sarah nahm diese ver­ständ­nisvolle Geste ihres Partners ein wenig erstaunt aber erfreut wahr, ließ Thomas doch für gewöhnlich keine Ver­zö­gerungen oder Entschuldigungen zu, wenn es um be­ruf­liche Anweisungen ging. Der Uniformierte auf dem Beifah­rersitz übergab Tho­mas, der die Tür bereits geöffnet hatte, einen wei­teren Beutel, in dem ein Stück weißer, mit Blut be­schmutzter Stoff zu se­hen war.

„Dankeschön! Ihnen einen stressfreien Abend“, wün­schte Sarah den Beamten, nachdem ihr Kollege den Wa­gen gruß­los verlassen hatte. Sie stieg ebenfalls aus, setzte sich zurück in den ML und beobachtete das Wendemanöver des Ein­satz­fahrzeugs. Noch bevor der Wagen außer Sicht war, kün­­digte eine Komposition aus gelben und blauen Blink­lichtern die Ankunft der Hundestaffel und der Kriminal­tech­nik an. Vo­raus fuhr ein ziviler Schneepflug, den die Kollegen ir­gend­wie zu dieser nächtlichen Stun­de orga­nisiert hatten. So­fort nahm sich Thomas eine Ta­schen­lampe und das mobile Funk­gerät. Dann stieg er aus, um das städt­ische Fahrzeug und die ihm folgenden Wagen der Polizei vor der Stelle zu stoppen, an dem das Mädchen aus dem Wald aufgetaucht war. Sarah rüstete sich ebenfalls mit Walkie­Talkie und Ta­schenlampe aus und verließ den Wagen. Noch während ihr Partner den Schneepflug anwies, zu wenden und die Straße weiter frei­zuhalten, verließen zwei in Winteruniformen ge­packte Be­amte der Hundestaffel das erste Fahrzeug und gin­gen in Rich­tung der Hecktüren des Kastenwagens. Sogleich war aufgeregtes Gebell zu hören. Auch dem Wa­gen der Spu­ren­sicherung entstiegen den Witterungs­verhält­nissen ent­sprech­end gekleidete Polizisten. Thomas wandte sich an die Kollegen.

„Guten Abend, oder besser: Guten Morgen zusammen. Wir haben folgende Situation: Dort vorne“, er wies auf die Stelle, die das Ehepaar zuvor gezeigt hatte, „ist es zu einem Bei­na­he­unfall mit einer Minderjährigen gekommen, die nur mit einem Nachthemd bekleidet und einem Messer in der Hand aus dem Wald aufgetaucht ist. Die Kleidung war mit einer ziemlichen Menge an Blut beschmutzt. Das Mädchen hat sich nicht zu dem Vorfall äußern können, aber wir vermuten in der Umgebung einen wie auch immer gearteten Tatort. Das bedeutet: Die Hunde gehen voraus, um die Spur auf­zu­neh­men. Meine Partnerin und ich folgen, um gegebenenfalls den Tatort zu sichern. Sie von der Spusi haben also noch etwas Zeit, um Ihre Ausrüstung zu packen. Wir rufen Sie, wenn wir etwas finden, das kriminaltechnisch unter­sucht werden muss. Kanal 48.“

Er stöpselte den Kopfhörer in das Gerät und drückte sich den Lautsprecher in den Gehörgang. Dann winkte er mit dem Funkgerät und wandte sich an die Hundeführer.

„Ich habe eine Geruchsprobe, die sowohl von dem Kind als auch von unbekanntem Blut kontaminiert ist.“

Sarah zog die Tüte aus ihrer Tasche und zeigte sie den Be­amten.

„Das Mädchen war wohl barfuß unterwegs. Entscheiden Sie, welcher Ihrer Vierbeiner am besten geeignet ist.“

Die beiden sahen auf das Stück Stoff in dem Beutel, blickten einander kurz an und schienen wortlos übereingekommen zu sein.

„Das mache ich mit Connor“, sagte der jüngere Hunde­füh­rer, ging um den Wagen herum und erschien kurz darauf mit einem Australian Shepherd Rüden. Der Ältere nahm Sarah die Tüte ab, öffnete sie und ließ den Hund die Schnau­ze hin­ein­stecken. Dieser schnüffelte, zog nach einer knappen hal­ben Minute die Nase aus der Tüte, setzte sich auf die Hin­terläufe und wartete.

„Such!“

Es dauerte nicht lange, bis Connor anschlug, und den Er­zäh­lungen der Zeugen zufolge musste dies die Stelle gewe­sen sein, wo das Kind das Messer hatte fallen lassen. Der Hunde­führer blickte fragend in Sarahs und Thomas` Rich­tung. Letz­terer bedeutete dem Kollegen, den Hund weiter­suchen zu lassen. Wieder vergingen keine fünf Minuten, bis der Vier­­beiner sein Herrchen schnurstracks von der Straße weg in den Wald zog.

„In Ordnung“, meinte Sarah und schaltete die Taschen­lam­pe ein. „Dann mal los.“

„Ohrhörer rein und Funkgerät auf VOX stellen! Ich möchte nicht, dass wir uns lautstark unterhalten müssen. Handys auf lautlos!“

Während Sarah und der Beamte der Hundestaffel der Auf­for­derung nachkamen, kramte Thomas noch sein Smart­phone aus der Tasche, aktivierte die GPS gestützte Strecken­aufzeichnung und ließ ebenfalls die Lampe aufleuchten. Dann folgten sie Connor in kurzem Abstand ins Dickicht des Waldes.

Auch wenn unter den hohen Tannen, um die sie der Spür­hund leitete, nicht ganz so viel Schnee lag wie auf der Straße, war es anstrengend, sich durch den Wald zu bewegen. Was von den Flocken am Boden ankam, reichte allemal aus, um die Spuren des Kindes innerhalb der letzten zwei Stunden unkenntlich zu machen. Zusammen mit dem Altschnee, der in den vorangegangenen Tagen im Süd­schwarzwald nieder­gegangen war, bildete er einen an­spruchs­vollen Untergrund für die Vierergruppe. Allein Con­nor, der mit der Schnauze den Neuschnee durchpflügte, brach nicht tief ein. Manchmal versanken die Polizisten bis zur Hüfte in der weißen Pracht und Sarah begann sich zu fragen, wie das Mäd­chen es über­haupt bis zur Straße geschafft hatte. Wahr­scheinlich, so mut­maßte sie, war das Kind wie auch der Vier­beiner einfach nicht schwer genug gewesen, um die knapp unter dem Neu­schnee liegende, angefrorene Schicht zu durchbrechen und einzusinken. Während sie sich wieder ein­mal aus einem Loch befreite und etwas zurückblieb, sah sie, wie ihr Partner und der Hunde­führer mit ihren Lampen ge­radezu ge­spens­tische Szenen heraufbeschworen. Mal mu­tierte der Schat­ten des Hundes zu einer übergroßen Bestie, die mit geöffnetem Maul alles zu verschlingen versuchte, mal wurde einer der Kollegen zu einem riesigen Troll, der von Baum zu Baum sprang, bereit, alles und jeden mit seiner gewaltigen Keule zu zer­schmet­tern! Da es selbst Sarah bei diesem Schau­spiel ein wenig mulmig wurde, war sie einer­seits froh, dass das Mädchen im Dunkel der Nacht unter­wegs gewesen war. Allerdings wurde ihr schnell gewahr, dass sie in fast abso­luter Dunkelheit von einem Baum zum nächsten ge­stol­pert sein musste, vollkommen orientierungs­los und ohne er­kenn­bares Ziel; vor Kälte zitternd, mit halber­frorenen Glied­­­ma­ßen, das Messer wie eine Art Rettungsring krampf­haft um­klammernd. Sarah schüttelte sich.

Dann doch viel lieber so, dachte sie und beeilte sich, zu ihren Kollegen aufzuschließen.

„Licht aus!“, zischte Thomas ohne Ton aber mit viel Druck in der Stimme, dass sowohl Sarah als auch der Hundeführer die Aufforderung gut hören konnten. Fast gleichzeitig er­lo­schen die Taschenlampen der drei Polizisten. Keiner von ih­nen regte sich! Das einzige Geräusch, das wahrzunehmen war, war das Hecheln des Hundes, welches über die Schnee­decke merkwürdig gedämpft an die Ohren drang. Nach etwa einer Minute bemerkte Sarah, dass sie begann, Konturen wahr­zunehmen. Erstaunt stellte sie fest, dass offensichtlich trotz der Dunkelheit und der Wolkendecke ein klein wenig Restlicht des Mondes den Waldboden erreichte. Jetzt erkann­te sie auch, warum ihr Partner sie aufgefordert hatte, die Lampen auszuschalten: Etwas entfernt, es mochten weitere einhundert Meter sein, war ein erleuchtetes Fensterkreuz zu erkennen, das leicht flackernd zwischen den Bäumen zu schweben schien. Wie groß die Behausung, oder was auch immer sich dort befinden musste, war, konnte Sarah nicht sagen. Vom Bauwagen bis hin zu einem Schwarzwaldhof hielt sie alles für möglich. Langsam bewegte sie sich auf Thomas zu, der immer noch an der Stelle verharrte, von der aus er das Licht entdeckt hatte.

„Und tut sich dort etwas?“, fragte Sarah, als sie ihren Partner erreicht hatte.

„Hat man uns entdeckt?“

Thomas schüttelte den Kopf.

„Gerührt hat sich bisher nichts. Keine Silhouette hinter dem Fenster, keine Tür, die sich geöffnet hat oder Ähnliches. Viel­leicht ist niemand da. Oder aber man hat un­sere Taschen­lam­pen nicht bemerkt. Steuert der Hund die­se Hütte dort an?“

Der Hundeführer drehte sich um.

„Ja, Connor zieht schnurstracks in Richtung dieses Fensters. Von dort ist das Mädchen gekommen. Oder sie lief in der Nä­he daran vorbei.“

„Dann sehen wir uns das einmal genauer an“, entschied Tho­mas und setzte seinen Weg fort. Sarah und der Hunde­führer folgten ihm. Alle behielten das flackernde Licht und dessen Umgebung scharf im Blick und als Thomas seine Waffe zog, durchlud und vor sich hielt, taten Sarah und der Kollege es ihm gleich. Es hatte mittlerweile aufgehört zu schne­ien und als sich das Trio plus Vierbeiner bis auf knappe fünfzig Meter angenähert hatten, konnten sie erkennen, dass es sich bei dem Gebäude um eine Waldhütte handelte, ein­stöckig, aber doch recht groß. Anhand der Anzahl der un­beleuchteten Fenster mochten es drei, vielleicht sogar vier Räume sein. Einer davon, am rechten Ende des länglichen Gebäudes, war möglicherweise eine Küche oder zumindest mit einer Möglichkeit zu heizen ausgestattet, denn an der rechten Seitenwand ragte ein Kamin in die Höhe. Dass dieser in Betrieb war, erkannten die Polizisten erst jetzt, offen­sichtlich hatte eine leichte Brise den angenehmen Geruch von Buchenfeuer von ihnen weggetrieben. Außerdem war in diesem Raum ein leich­tes Flackern zu erkennen, deutlich dezenter als in dem Fenster am anderen Ende des Hauses; es entsprang wohl ei­nem Ofen oder Herd. Die Hütte befand sich nicht auf einer Lichtung, sondern war von Wald um­geben. Wahr­schein­lich hatte man nur eine Anzahl Bäume gefällt, um Platz für die Behausung zu schaffen. Allerdings verriet eine relativ schma­le Schneise, die sich neben der Hüt­te im Dunkel verlor, dass dieser Ort auch mit dem Auto zu erreichen war. Sicher nicht mit einem gewöhnlichen Fahr­zeug, aber mit einem tauglichen Geländewagen und der rich­tigen Berei­fung moch­­te dieser Weg durchaus befahrbar sein. Und wenn der Anschein nicht trog, hatte ein solches Auto vor nicht allzu lan­ger Zeit den Weg benutzt; es waren zwei pa­rallele Ver­tiefungen zu erahnen, wo der Neuschnee ein biss­chen we­niger an Höhe erreicht hatte, als auf dem Rest der Fläche.

„Sie gehen einmal um das Haus und klären ab, ob es eine weitere Tür gibt“, wies Thomas den Hundeführer an. „Und sorgen Sie dafür, dass der Hund nicht Laut gibt!“

Der Angesprochene nickte, vermittelte dem Australian She­ph­erd mittels einer Geste, dass er nicht mehr anschlagen muss­­te, und entfernte sich von Thomas und seiner Partnerin.

„Was glaubst du, erwartet uns da drinnen?“, fragte Sarah ihren Kollegen. Ihre Stimme war nicht mehr als ein leises Flüs­tern.

„Keine Ahnung!“, lautete die lakonische Antwort.

„Meinst du, wir finden dort tatsächlich Spuren, die auf die Anwesenheit des Mädchens hindeuten?“

Thomas wandte sich ihr zu und rümpfte die Nase.

„Ich habe mehrere Ideen, wie es da drin aussehen könnte, und keine davon gefällt mir sonderlich.“

Kapitel IV

Professor Doktor Schwarz, Leiter der Rechtsmedizin an der Uni Freiburg, sah mit hoffnungsvollen Augen auf die junge Ärztin, die aus dem Behandlungszimmer kam, sich kurz umsah und dann auf ihn zuschritt.

„Physisch gesehen geht es der Patientin bis auf die leichten Erfrierungen und eine mittelschwere Unterkühlung gut“, be­gann sie ohne Umschweife. „Sie weist bis auf die eindeutigen Fesselspuren an Hand- und Fußgelenken keinerlei äußere Verletzungen auf, hat guten Pupillenreflex, Greifreflex, re­agiert auf Ansprache mit Drehung des Kopfes. Sie ist gefügig bezüglich meiner Anweisungen, ich meine, sie tut, was ich ihr zeige. Aber sie spricht nicht! Es ist ein mittelschwerer Zu­stand von Lethargie. Sie reagiert nicht auf Fragen, die eine Antwort oder Geste wie Nicken oder Kopfschütteln erfor­dern. Wenn ich sie bitte, den Arm zu heben, tut sie nichts, bis ich ihr den Arm führe. Das lässt sie aber bereitwillig zu.“

Schwarz runzelte die Stirn. Diese Art, auf ein Trauma zu re­agieren, kam, neben einer in unterschiedlichen Ausprä­gun­gen auftretenden Lethargie, gelegentlich vor.

„Nicht ungewöhnlich“, sagte er. „Wir wissen zwar nicht, was ihr widerfahren ist, aber die Kollegen vor Ort vermuten, dass es etwas Schreckliches gewesen sein muss. Sie haben die Kleidung ja ebenfalls gesehen. Nichtsdestotrotz müssen wir so schnell wie möglich mit der Beweissicherung anfangen. Ich habe leider derzeit keine medizinische Mitarbeiterin. Wür­den Sie mich unterstützen?“

„Natürlich! Aber gestatten Sie mir eine Frage. Sie erinnern sich nicht an mich?“

Der Rechtsmediziner musterte die Ärztin einen Moment eindringlich.

„Ja, Sie kommen mir irgendwie bekannt vor“, gab er von sich. „Sie saßen sicher während des Studiums in einem mei­ner Kurse zum Thema Rechtsmedizin?“

Die Frau lachte.

„Ja, das auch. Außerdem haben Sie mich mündlich geprüft. Vier Jahre ist das her, damals wog ich satte 20 Kilo mehr, hatte noch kurzes Haar und war blond.“

Jetzt klickte es bei Schwarz.

„Saskia Fichter!“, brach es aus ihm heraus. „ich erinnere mich! Ich gab Ihnen damals eine Eins.“

Die Ärztin wiegte den Kopf ein wenig hin und her.

„Eine Eins minus“, korrigierte sie und lächelte. „Und dass ich nicht mehr Fichter heiße, sondern Wiese, hat es Ihnen ne­ben den Haaren sicher nicht leichter gemacht.“

Der Rechtsmediziner nickte zustimmend.

„Ja, das stimmt. Brünett steht Ihnen aber gut! Nun, dann sind Sie ja geradezu prädestiniert, die Beweise abzunehmen. Eine Frage vorweg: Haben Sie das Mädchen schon gynä­ko­logisch untersucht?“

Dr. Wiese nickte.

„Ja, und zwar ohne Befund. Ich meine, keinerlei Anzeichen eines sexuellen Missbrauchs. Das Hymen ist intakt, sie ist de­finitiv noch Jungfrau.“

„Gott sei Dank!“, entfuhr es Schwarz. „Wenigstens ist ihr das erspart geblieben. Einen Moment bitte.“

Er griff nach seinem Handy, das stummgeschaltet in seiner Kitteltasche vibrierte.

„Ja, Mustafa?“, meldete er sich und lauschte dem Gegen­über.

„Haben Sie Bierman schon Bescheid gegeben?“, hakte er nach.

Das Gespräch war kurz. Als Schwarz aufgelegt hatte, sah er mit ernster Miene zu Dr. Wiese hinüber.

„Das war ein Mitarbeiter des kriminaltechnischen Labors, dem schon eine Blutprobe gebracht wurde. Er ist schnell und gut, und er hat herausgefunden, dass es sich bei dem Blut auf der Kleidung des Mädchens und auf dem Messer, das es bei sich trug, eindeutig um menschliches Blut handelt! Ich wage mir gar nicht auszumalen, was die Kleine hat ansehen müs­sen!“

„Schrecklich!“, pflichtete Dr. Wiese bei. „Wollen wir los­le­gen?“

Sie schritt voran und führte den Rechtswissenschaftler zu dem Behandlungsraum, aus dem sie kurz zuvor gekommen war. In dem einzigen Bett lag mit aufgerichtetem Oberkörper das etwa vierzehn Jahre alte Mädchen unter einer Schicht war­mer Decken, und ein Bedienmodul, das am Bett hing, zeig­­­te an, dass auch eine Heizdecke in Betrieb war. Außer ei­ner Fingermanschette, welche die Sauerstoffsättigung und den Puls auf einen Monitor übertrug, war die Patientin an keine weiteren Geräte angeschlossen. Die Schwester, die ne­ben der Jugendlichen auf der Bettkannte saß und ihr die freie Hand hielt, sah auf, als die beiden Ärzte eintraten. Auch das Mädchen hob den Kopf und wandte sich der Tür zu, ihr Blick aber war leer und ausdruckslos und sie zeigte keinerlei Mi­mik.

„Da bin ich wieder“, flötete Dr. Wiese in fröhlichem Tonfall, um die Situation gar nicht erst bedrückend oder beängs­ti­gend werden zu lassen.

„Und wie ich dir gesagt habe, habe ich dir einen netten Herrn mitgebracht, der sich deine Arme, Hände und Füße anschauen möchte. Hab keine Angst, du brauchst dich nicht aus­zuziehen!“

Ob das Mädchen die an sie gerichtete Erklärung verstand, war in keiner Weise festzustellen. Kaum waren die Worte der Ärz­tin verklungen, sah sie wieder mittig auf die Bettdecke vor sich, ohne dass eine Regung auf dem Gesicht zu erken­nen gewesen wäre. Sie zuckte nicht einmal zurück, als die Ärztin vorsichtig ihren rechten Arm von der Bettkante auf­nahm und ihrem Kollegen das Handgelenk zeigte, an dem sich blauunterlaufene Einschnürungen abzeichneten. Sogar das Muster eines sehr groben, dicken Stricks oder Seils war zu erkennen. Schwarz winkte seine Kollegin in eine Ecke des Raumes und besprach sich mit ihr in gedämpfter Lautstärke.

„Hatten die Sanis die Hände in Plastiktüten gepackt?“, frag­te Schwarz hoffnungsvoll.

Mit einem belustigten und gespielter Empörung durch­setz­ten Blick sah Wiese den Rechtsmediziner an.

„Ihnen merkt man aber auch an, dass Sie sonst nur an Lei­chen arbeiten“, gab sie zurück. „Selbstverständlich nicht, schließ­lich muss­te die junge Frau erst mal stabilisiert wer­den.“

Schwarz zuckte die Schultern.

„Machen Sie bitte trotzdem einen Abstrich rund um das Gelenk und sehen Sie sich die Schürfmale unter der Lupe an. Vielleicht lässt sich ja doch noch ein Faserstück finden. Die Fingernägel?“

Die beiden Mediziner traten wieder ans Bett und Dr. Wiese nahm die Hand des Mädchens behutsam, ja fast zärtlich, und hob die Fingerspitzen ins Licht. Es waren im­mer noch Reste von dem Blut zu erkennen, das wohl nur not­dürftig wegge­wischt worden war.

„Nichts zu sehen, ich nehme natürlich trotzdem Proben“, sagte die Ärztin und begann, das Gelenk mit einer Lupe ab­zusuchen. Schwarz sah ihr interessiert zu, wie sie im An­schluss ge­schickt ein steriles Tuch nahm, um das Hand­ge­lenk fuhr und es in eine Beweismitteltüte gleiten ließ.

„Meinen Sie nicht, bei den Mengen an Sanguis ist eine Tat­ort­zuordnung auch ohne weitere forensische Spuren eindeu­tig?“, fragte sie, während sie mit dem Fuß des Mädchens auf die gleiche Weise verfuhr. Um das Mädchen nicht zu ver­schrecken nutzte sie bewusst den medizinischen Fach­aus­druck für Blut.

„Sicher“, bestätigte Schwarz. „Aber meist gilt es, ver­schie­dene andere Dinge ebenfalls forensisch in Verbindung zu brin­­gen. DNA von Drittpersonen, die Eigentümerschaft be­ziehungsweise den Lagerort des Seils, vielleicht sogar die Einzigartigkeit eines Knotens. Deswegen machen Sie auch bitte Makroaufnahmen jeder einzelnen Druckstelle. Eine ent­sprechende Kamera habe ich dabei. Stopp!“

Wiese hielt inne.

„Hatten die Sanis einen Zugang am Fuß der Patientin ge­legt? Oder Sie hier in der Klinik?“

Die Angesprochene schüttelte den Kopf.

„Ich sehe, was Sie meinen“, kam sie Schwarz zuvor und deu­tete auf einen Punkt am Spann des Fußes, um den sich ein blau­er Fleck gebildet hatte.

„Als sie eingeliefert wurde, waren ihre Gliedmaßen noch kälteinduziert zyanotisch, da ist mir das nicht aufgefallen.“

Sie beäugte die kleine Wunde mit der Lupe.

„Ja, das wird ein Zugang gewesen sein. Mit einer sehr dün­nen Kanüle.“

„Machen Sie ein Foto!“, ordnete Schwarz an. „Wird bei dem Tox-Screening auch auf BTM getestet?“

Wiese hob den Kopf.

„Sie glauben, dass sie über diesen Zugang anästhesiert wur­de? Wäre denkbar. Und ja, auch diese Werte habe ich ange­fordert.“

„Sehr gut!“, kommentierte der Rechtmediziner und reichte seiner Kollegin die digitale Spiegelreflexkamera. Bevor diese den Apparat entgegennahm, warf sie einen prüfenden Blick auf die kleine Patientin. Das Mädchen schien von nichts, was um es herum vorging, Kenntnis zu nehmen. Selbst dass die Krankenschwester auf dem linken Bettrand fürsorglich durch seine Haare strich und ihm beruhigend zuflüsterte, lag offen­bar außerhalb seiner Wahrnehmung. Erst als der Ringblitz, der sich vorne auf dem Objektiv befand, das erste Mal das Behandlungszimmer erleuchtete, zeigte die junge Patientin eine sehr massive Reaktion: Sie schlug so plötzlich beide Arme über dem Ge­sicht zusammen und zog die Knie ruckartig bis ans Kinn, dass sie heftig mit der über sie ge­beugten Dr. Wiese zusam­menstieß. Die Kamera, hinter deren Sucher sich das Gesicht der Ärztin befand, schlug ihr hart ins Gesicht und die Ge­troffene taumelte zwei Schritte zurück, in der einen Hand die Canon, die andere Hand auf die rechte Augenbraue gepresst. Alle im Raum waren schwer er­schrocken und der erste Blick von Schwarz und der Kran­kenschwester galt der jungen Pa­tientin, die jetzt bewegungs- und tonlos im Bett saß und die Arme weiter vor dem Gesicht verschränkt hielt. Da sie keine Anzeichen einer weiteren Dekompensation hatte, legte die Schwester wieder ihre Hand auf die Stirn des Mädchens und Dr. Schwarz wandte sich seiner Kollegin zu. Dr. Wiese hatte die Kamera inzwi­schen abgelegt und fing mit der frei ge­wordenen Hand ei­nige Blutstropfen auf, die sich ihren Weg zwischen den Fingern hindurch gebahnt hatten.

„Oh, da haben Sie wohl eine Platzwunde über dem Auge“, stellte Schwarz in aller Ruhe fest. „Haben Sie was zum Nä­hen da?“

„Da drüben, zweite Schublade links.“

Auch Dr. Wiese schien die Folge des Zwischenfalls recht prag­­matisch zu sehen und machte keinerlei Anstalten, zu flu­­­chen oder zu jammern.

„Können Sie denn mit so feinem Garn noch umgehen?“, frag­­te sie lächelnd, auf das grobe Paketgarn anspielend, mit dem der Rechtsmediziner nach Abschluss einer Obduktion die Leichname wieder zuzunähen pflegte.

„Sie werden staunen!“, kokettierte er, desinfizierte sich die Hände und nahm das Nähbesteck. „Setzen Sie sich mal da auf den Hocker und legen Sie den Kopf in den Nacken. Ja ge­nau so.“

Er zog etwas sterilen Verbandsmull aus dem Spender an der Wand.

„Betäubungsmittel?“, fragte er und reichte der Verletzten den Mull, um das Blut etwas abzutupfen.

„Wie viele Stiche werden es denn?“, entgegnete sie.

Schwarz blickte auf die Wunde, die seine Kollegin geschickt mit Daumen und Zeigefinger zusammendrückte.

„So zwei bis drei, denke ich.“

„Dann legen Sie los.“

Schwarz sah noch einmal zu dem Mädchen, das sich zurück in eine liegende Position begeben hatte und abermals in Apa­thie gefallen war. Nachdem die Kranken­schwester ihm durch ein aufmunterndes Nicken versichert hatte, dass sie die Situation kontrollierte, setzte er die Nadel an.

„Ich denke“, begann er, um Dr. Wiese abzulenken, „dass un­sere Patientin, während sie traumatisiert wurde, unter an­de­rem Blitzlicht ausgesetzt wurde. Sei es ein Gewitter, ein Stro­boskop oder das Blitzlicht eines Fotoapparates gewesen. Nicht auszudenken, was abgelichtet wurde!“

Dr. Wiese war so sehr bei der Sache, dass sie den ersten Stich nicht wahrnahm.

„Ja, schrecklich! Ich werde für die nächsten Aufnahmen den Blitz abschalten und die ISO nach oben drehen. Die Fotos werden trotzdem sehr gut.“

„Das sehe ich auch so“, pflichtete Schwarz bei. „Wer weiß, was wir bei dem armen Kind mit dem Flashlight auslösen, beziehungsweise ob sie uns nicht komplett durchdreht.“

Er zog den Faden ein weiteres Mal durch. Diesmal zuckte seine Patientin leicht zusammen.

„Keine Sorge, mit drei komme ich aus“, beruhigte er sie und beeilte sich, die Arbeit zum Abschluss zu bringen.

„So, das war`s. Brauchen Sie ein Päuschen?“

„Nein, sagte Dr. Wiese bestimmt. „Lassen Sie uns weiter­machen, damit die Kleine ihre Ruhe bekommt.“

Sprach es, stand auf und nahm sich den Fotoapparat vom Sideboard.

„Reinschleichen oder stürmen?“, flüsterte Sarah, als sie mit Thomas an der Tür angekommen war und sie rechts und links davon Position bezogen hatten. Sie hielt die Pistole mit beiden Händen knapp über der rechten Schulter nach oben gerichtet und wartete, was ihr Partner entscheiden wür­­de. Thomas sprach leise in das Mikrofon am Ohrhörer­kabel.

„Wie sieht die Rückseite aus? Gibt es da noch einen Ein­gang?“

Unter leichtem Rauschen kam die Antwort des Kollegen.

„Hier ist eine weitere Tür, die auf eine Art Veranda führt. In diesem Raum brennt ein sehr schwaches Licht, wie wir es schon von der anderen Seite aus gesehen haben. Ansonsten ist nichts zu erkennen. Keinerlei Regung.“

„Okay, dann sichern Sie die Rückseite, wir gehen rein. Be­hut­sam und leise, um deine Frage zu beantworten.“ Er blick­te auf die Türklinke und sah Sarah an, die daraufhin mit der linken Hand vorsichtig zu dem verrosteten Stück Eisen griff, es hinunterdrückte und die Tür langsam nach außen öffnete. Thomas ging in die Knie und wagte einen schnellen Blick in das Zimmer dahinter. Dann einen weiteren, etwas längeren, und schließlich schob er seinen Oberkörper nach vorne, um sich den schwach erleuchteten Raum genauer anzu­sehen.

„Leer!“, informierte er mit gedämpfter Stimme. „Rechter Hand sehe ich einen Ofen, in dem noch schwach ein Feuer brennt. Mittig steht ein Küchentisch mit fünf Stühlen darum. An den Wänden befinden einfache Holzschränke. Linker Hand ist eine geschlossene Tür, die zum nächsten Raum führt.“

Er richtete sich auf, behielt die erwähnte Tür über das Visier seiner Waffe im Auge und betrat den Raum. Sarah folgte ihm und hielt ihre Pistole ebenfalls in Richtung des weiteren Zu­gangs zu dem Zimmer, während sie die Eingangstür mit der Linken vorsichtig hinter sich schloss. Wie aus der Beschrei­bung ihres Kollegen herauszuhören gewesen war, handelte es sich bei dem Raum um eine Art Wohnküche, das mit alten, nicht zueinander passenden Möbeln ausgestattet war, die gespenstische, flackernde Schatten an die Wände warfen. Sie sah zu dem Ofen, in dessen nur knapp über dem Boden liegenden Heizklappe ein einzelner Scheit die Reste seines brennfähigen Materials den spärlichen Flammen opferte. Sa­rah wurde bewusst, dass wegen der tiefen Position des Feu­ers die Schatten der Stühle und des Tisches so groß und be­droh­lich über die Wände zitterten und die unheimliche Stim­mung im wahrsten Sinne des Wortes befeuerten. Tho­mas vor ihr hatte inzwischen seine Taschenlampe ein­geschaltet und leuchtete, den Lichtstrahl stark abgeschirmt, auf den Boden. Er deutete mit seiner Heckler&Koch nach unten. Dort waren zwei, drei Blutstropfen zu sehen, ein Stückchen weiter konn­te Sarah den roten Teilabdruck eines kleinen menschlichen Fußes erkennen. Das Mädchen war bei seiner Flucht durch diesen Raum gekommen und zu­vor in Blut getreten! Es gab also keinen Zweifel mehr, dass sie hier richtig waren! Ein Schauer überkam Sarah, würden sie doch möglicher­weise in wenigen Augenblicken entdecken, was dem Kind wider­fahren war oder welche Umstände dazu geführt hatten, dass es halbnackt und blutverschmiert auf der Straße aufgetaucht war.

Thomas hatte sich inzwischen der rückwärtigen Tür ge­nä­hert. Er bedeutete Sarah, auch herzukommen und erneut gin­­­­gen sie rechts und links davon in Stellung. Thomas zog sein Smartphone aus der Tasche, schaltete auf Ka­me­ra und hielt es an den Türrahmen. Sarah war klar, dass er diese Vorsichtsmaßnahme ergriff, weil sich diesmal seine Silhou­ette vor dem mäßig beleuchteten Raum deutlich ab­zeich­nen und somit ein leichteres Ziel sein würde. Dem auf­mun­ternden Nicken folgend legte sie die Hand an die Klin­ke und zog das Blatt nur einen spaltbreit auf, so dass Thomas das Handy durch die entstandene Öffnung schieben konnte. Der LED-Blitz fiel unter der Tür durch, als er den Auslöser betätigte, und sofort zog er das Telefon wieder aus dem Schlitz. Er betrachtete die Aufnahme und hielt sie nach ei­nigen Sekunden Sarah hin. Zu sehen war eine Art Wohn­zim­mer, doch Couches und Sessel waren an eine Wand ge­scho­ben, einen kniehohen Tisch hatte man ebenfalls an den Rand des Zimmers gestellt. Stattdessen befand sich in der Mitte des Raums ein schwerer, wuchtiger Tisch, der Sarah unwei­gerlich an einen Altar erinnerte. Viel mehr konnte man auf dem dunklen Bild nicht erkennen, doch es schien sicher ge­nug zu sein, den Raum zu betreten. Dieser Meinung war wohl auch Thomas, der sich aufrichtete, die Tür öffnete und innen neben dem Rahmen nach einem Licht­­schalter tastete. Der Art, wie er nach wenigen Sekunden den Arm verdrehte, und das mit dem Aufflackern des Lichts ertönende Klacken zeigten Sarah, dass er fündig geworden war und es sich bei dem elektrischen Bauteil um ein solches handeln musste, wie sie es aus dem Keller ihres Elternhauses kannte: einen Dreh­schalter, der mit erheblichem mechani­schen Wider­stand zu betätigen war und laut in der nächsten Position einrastete. Das Licht indes, das jetzt durch die ge­öff­nete Tür fiel, ver­diente diesen Namen kaum. Funzelig er­hell­te es die Szenerie, und als Sarah hinter Thomas in den Raum trat, war es immer noch nicht leicht, die Details des Horror­kabinetts zu erken­nen, in dem sie sich befanden. Zu­erst blie­ben die Blicke an dem altarähnlichen Tisch haften, in dessen vier Ecken me­tallene Ösen schweren Ketten als Anker dien­ten. An deren Enden befanden sich gürtelähnliche Schnal­len aus Leder, deren Zweck eindeutig die Fixierung von Hand- und Fuß­gelenken sein musste. Die Schlaufen sa­hen neu aus und der Gedanke, dass sie noch nicht allzu oft in Gebrauch ge­wesen sein konnten, dämpften die schreck­lichen Vorstel­lun­gen, die Sarah mit dem Anblick verband. Doch die zen­trale Opfer­stelle, denn danach sah die massive Platte aus, war bei Weitem nicht das einzige schreckener­regende Acces­soire. An den Wänden hingen Jagdtrophäen, bei denen der Prä­parator sich augenscheinlich viel Mühe gegeben hatte, einen aggressiven, bösen Gesichtsausdruck zu konser­vieren. So säumten Dachse mit gefletschten Zähnen, Füchse mit hoch­gezogenen Lefzen, Marder mit kampfbereiten Kie­fern und Wildschweine mit entblößten Hauern die Wän­de. Selbst die schwarze Krähe, die auf einem Rundholz saß, stellte einen eigentümlich mensch­lichen, hasserfüllten Ge­sichts­aus­druck zur Schau. Lediglich ein Chamäleon, das als Exot defi­nitiv nicht in die Sammlung der sonst heimischen Fauna pass­te, sah recht friedlich aus. Auf einem Highboard neben der Tür dienten mehrere Totenschädel als Kerzen­halter, ein weißes Huhn war dazwischen an die Wand gena­gelt und der Bauch­raum geöffnet worden, so dass die In­nereien in eine aus Silber anmutende Schale hingen. Der Ge­ruch des Ensem­bles bestätigte dessen Echtheit, während den Totenschädeln an­zu­sehen war, dass sie eher in China herge­stellt denn einem Grab entnommen worden waren. Als sich Sarah der Wand zuwandte, durch deren offenstehende Tür sie den Raum be­treten hatten, sah sie ein gigantisches Pen­tagramm, in dem keltische Runen in verschiedenen Far­ben wohl Schreckliches offenbarten. In dem Bild eines ge­hörn­ten Ziegenkopfes er­kannte Sarah die Darstellung von Baphomet, dem Götzen­bild, dem den Templerprozessen zu­folge die Ritter des Or­dens angeblich huldigten. Auf einem Eckregal ragte eine Hüh­nerpfote aus einem Messingtiegel und die Spritzer von geronnenem Blut, die auf einer kruden Zeich­nung eines Ge­sichtes zu sehen waren, ließen keinen Zweifel an dem Inhalt des Gefäßes.

„Meine Güte!“, entfuhr es Sarah und ihre Blicke trafen sich mit denen Thomas`, der die widerlichen Artefakte ebenfalls eindringlich musterte.

„Haben wir es möglicherweise mit einer Sekte zu tun? Oder mit schwar­zer Magie?“, fragte sie ihren Partner, der mit den Schultern zuckte, aber nicht auf ihre Frage einging. Also sah sie sich weiter um. Erst jetzt wurde ihr gewahr, dass der schwere Hochlehner, der sich dem riesigen Highboard ge­gen­über an der Wand befand, auf einem Sockel stand, und ihn wie einen Thron erscheinen ließ. Hätte man alles, was sich in diesem Raum befand, in einer großen Halle mit Ge­schick ange­ord­net, hätte das Ergebnis, so gruselig es auch sein mochte, et­was Erhabenes ausgestrahlt. So wie der Saal des Eisernen Throns aus der Fantasy Serie, die sie so gerne an­­sah. Hier aber, auf engem Raum zusammengepfercht, er­weck­­­­ten die Gegen­stände den Eindruck eines Provi­so­ri­ums, bei dem ein Not­behelf die Erfordernisse eines Be­ses­senen befriedigen muss­te. Als sie sich umdrehte, ent­deckte sie auf dem High­board neben einem Blatt Taro-Karten eine nicht hierher passen zu wollende Fernbedienung für ein TV-Gerät oder ei­nen DVD-Player. Obschon sie das dazu­ge­hörige Gerät hinter den Türen des Highboards vermutete und auch die Sicht­­achse zwischen dem Thron und dem Mö­bel erkannte, wider­stand sie der Versuchung, sie zu öffnen und wandte ihre Auf­merk­samkeit wieder ihrem Partner zu. Thomas wies mit seinem Kopf auf die rückwär­tige Seite des Raumes.

Sarah nickte und bewegte sich umsichtig in Richtung der Tür, die zum hinteren Teil der Hütte führen musste. Doch be­vor sie diese erreichte, stockte ihr der Atem! Hinter dem massiven Highboard ragten zwei Beine reglos in den Raum. Der Größe der Schuhe und der Dicke der Unterschenkel nach gehörten sie zu einem Mann, der hinter dem Möbelstück an dessen Seitenwand lehnen musste!

„Thomas!“, flüsterte sie scharf und näherte sich dem Bein­paar mit vorgehaltener Waffe. Ihr Partner kam hinzu, sah so­fort, was Sarahs Aufmerksamkeit erregt hatte, und nahm sei­ne Dienstpistole ebenfalls in Anschlag.

„Vorsicht!“, raunte er halblaut und umrundete Sarah, um ihr Deckung geben zu können. Die Polizistin schob sich lang­sam weiter vor, bis sie den Rest des Mannes sehen konnte, der tatsächlich mit aufgerichtetem Oberkörper halb an der Wand, halb an dem Highboard lehnte. Er saß in einer Lache aus dunklem Blut, seine rechte Hand lag offen im Schoß, sei­ne linke neben dem Oberschenkel auf dem Boden. Beide Hän­de waren blutig und Sarah schlussfolgerte, dass der Un­bekannte sie auf die große Bauchwunde gepresst hatte, die sich unter dem komplett durchtränkten Hemd befinden mus­s­te. Jetzt erkannte Sarah auch Schnitte in den Unter­ar­men. Hals und Gesicht wiesen ebenfalls grässliche, klaf­fende Wunden auf. Der Täter musste mit großer Wut auf sein Op­fer eingestochen haben oder aber, sofort kam Sarah das Mäd­chen wieder in den Sinn, mit panischer Angst ver­sucht ha­ben, sich zu retten. Ohne in die Blutlache zu treten wagte sie sich anzunähern, ging in die Knie und versuchte, an den ge­schlos­senen Augenlidern des Mannes eine Bewegung zu er­kennen, doch es war nicht einmal das geringste Zit­tern zu sehen. Etwas mutiger rutschte sie näher und streckte die linke Hand aus, um möglicherweise einen Puls zu ertasten. Sie be­mühte sich, nicht in das Blut zu fassen, das auch am Hals hin­unterlief, legte die Finger auf die Carotis und hoffte, noch ein Lebens­zeichen feststellen zu können.

Mit einem Mal richtete sich der Körper unter lautem Schrei­en auf! Die blutverschmierte Hand griff nach Sarahs Schulter und das groteske Gesicht näherte sich ihr mit weit aufge­rissenen Augen. Sarah versuchte panisch zu­rückzu­wei­chen, doch der Mann hielt sie mit eisernem Griff! Der laute Schrei ging in ein Gurgeln über. Sekun­denbruchteile darauf schoss ein Schwall Blut aus dem Mund und ergoss sich über Sarahs Jacke und Jeans. Dann würgte und hustete der tödlich Ver­wun­dete und Sarah konnte die Spritzer des warmen Blutes in ihrem Gesicht spüren! Endlich gelang es ihr, sich von dem Mann wegzustoßen. Sie landete unsanft auf dem Boden und war erst jetzt in der Lage, zitternd die Pistole zu heben. Doch trotz des Schreckens und des Ekels realisierte sie, dass keine Gefahr mehr von dem Verletzten ausging. Spasmisch schüt­telte sich sein Körper, ein letztes Röcheln kam über seine Lippen, blutiger Schaum quoll aus dem Mund. Lang­sam kippte er zur Seite. Sarah war sofort klar, dass er in eben diesem Moment den letzten Rest Lebens aus­gehaucht hatte, und sie ließ die Waffe sinken. Sie sah zu Tho­mas, der seine H&K aus dem Anschlag nahm und be­griff, dass er zwar hätte schießen können, aber rechtzeitig er­kannt hatte, dass es sich bei dem vermeintlichen Angriff le­dig­lich um die Reflexe eines unbewaffneten Totgeweihten ge­handelt haben musste. Mit zitternden Händen legte sie die Pistole neben sich, öff­nete die Seitentasche ihrer Winterjacke und brachte eine Packung Papiertaschentücher zum Vor­schein. Diese aufzu­reißen vermochte sie nicht zu bewerk­stelligen, doch Thomas, der seine Pistole weggesteckt hatte, ging neben ihr in die Knie, öffnete die Cellophanhülle, ent­nahm eines der Tücher und wischte Sarah vorsichtig durch das Gesicht. Erst um den Mund, dann um die Augen und schließlich über Nase, Wangen und Stirn. Perplex über das unerwartete Verhalten und dankbar für die Hilfe ihres Part­ners, ließ sie die fast zärtlich anmutende Prozedur über sich ergehen.

„Bist du okay?“, fragte er und fixierte sie eindringlich.

„Ja“, antwortete sie knapp und hauchte noch ein Danke hin­terher.

„Gut! Wir sind nämlich noch nicht fertig!“

Er wandte sich dem unbekannten Mann zu, tastete jetzt sei­ner­seits nach der Halsschlagader und verharrte mit ge­schlos­senen Augen. Kurz darauf sah er zu Sarah und bestätigte mit einem Kopfschütteln, dass das Opfer nunmehr wirklich tot war.

„Reanimieren?“, flüsterte Sarah, doch Thomas` Kopfschüt­teln wurde eindringlicher.

„Sieh dir den Blutverlust an. Und die Anzahl der Stichwun­den. Die Lunge ist sicher etliche Male perforiert. Da ist nichts mehr zu machen. Ein Wunder eigentlich, dass er es bis so lange geschafft hat.“

Er stand auf, reichte ihr die Hand und zog sie mühelos in die Senkrechte. Dann griff er erneut zu seiner Waffe, wartete, bis Sarah die ihre aufgehoben hatte, und wandte sich der Tür zu. Doch bevor sie in den hinteren Teil vordringen konnten, meldete sich der Hundeführer in den Ohrhörern.

„Was war da los? Was war das für ein Schrei?“

„Alles in Ordnung“, beruhigte Sarah in gedämpftem Tonfall den draußen wartenden Kollegen. „Wir hatten einen Vor­fall der minder schweren Art.“

Sie sah ein Schmunzeln über Thomas` Gesicht huschen und konzentrierte sich wieder auf die Tür vor sich. Unter dem Türblatt drang ein schwacher Lichtschein durch und Sarah erinnerte sich, dass sie von außen gesehen hatten, dass der Raum ein wenig beleuchtet war.

„Eigentlich können wir reingehen, oder? Nach dem Lärm wä­re selbst Beethoven in seinen späten Jahren auf uns auf­mer­ksam geworden, meinst du nicht?“, meinte Sarah tro­cken, doch trotzdem betraten sie den nächsten Raum unter größter Vorsicht.

Die Kammer, in der eine kleine, abgedunkelte Nacht­tisch­lampe für etwas spärliches Licht sorgte, hatte ganz offen­sichtlich als Zelle gedient. An einem metallenen Bett­gestell, das in der hin­teren linken Ecke an der Wand stand, hingen dicke, fa­seri­ge Seile, mit denen, so ließ der Anblick vermu­ten, das rot­haarige Mädchen festgebunden worden war. Da sich au­ßer dem Bett lediglich eine Kommode in dem Raum befand, und sich somit keinerlei Versteckmöglichkeit für einen Hin­terhalt bot, tastete Thomas nach einem Licht­schalter und schaltete, nachdem eine nackte Neonröhre fla­ckernd an­sprang, seine Taschenlampe. Auch Sarahs Mag­lite er­losch, bevor sie sie in die Seitentasche ihres Parkas gleiten ließ. Wortlos sahen sich die beiden um. Sarah nä­herte sich der wuchtigen, schwarzen Kommode, in deren Schat­ten sie einen Plastikabfalleimer entdeckte. Bis auf einige Papier­fetzen und einer Ansamm­lung kleiner Fläschchen war dieser leer, doch ein Blick auf die Kommode bestätigte ihr, dass es sich bei dem Inhalt der braunen Ampullen um eine medi­zinische Flüssigkeit ge­handelt ha­ben musste: Sie erkannte eine In­jektionsspritze und ein we­nig Verbands­mull sowie eine Rolle Leukoplast.

„Er muss dem Mädchen etwas gespritzt haben“, infor­mierte Sarah ihren Partner. „Das sind die Utensilien dazu.“

„Und zwar immer wieder“, ergänzte Thomas, der an das Bett herangetreten war. „Dort liegt ein Venenzugang mit ei­nem Stück Schlauch. Ich vermute, sie wurde auf diese Weise ruhiggestellt.“

Noch bevor Sarah den Fund auf der zerwühlten Bettdecke in Augenschein nehmen konnte, ertönte abermals die Stim­me des ungeduldigen Hundeführers aus den Funk­geräten.

„Ist da drin alles okay? Brauchen Sie meine Hilfe?“

„Alles in Ordnung, wir brauchen Sie nicht“, ant­wortete dies­mal Thomas dem Kollegen.

„Wir kommen gleich raus und überlassen das Feld der Spurensicherung. Finden Sie bitte heraus, wie die mit ei­nem Fahrzeug hierherkommen. Ich habe ein wenig die Ori­en­tierung verloren, aber vielleicht ist ja irgendein Kaff in der Nähe. Der Weg, den wir genommen haben, ist mit dem gan­zen Equipment zu weit und zu beschwerlich.“

„In diesem Fall würde ich trotzdem gerne zu Ihnen rein­kom­­men“, tönte es zögerlich von draußen. „Da drinnen ist es be­stimmt etwas wärmer, oder?“

Sarah und Thomas tauschten kurze Blicke, wobei es Sarahs Miene war, aus der etwas Bittendes zu lesen war, während Tho­mas ein skeptisches Stirnrunzeln offenbarte. Trotzdem lenkte er ein.

„In Ordnung, kommen Sie durch den Vordereingang rein und bleiben Sie in dem ersten Zimmer. Legen Sie den Hund in der Nähe des Herdes ins Platz und sehen Sie zu, dass we­der er noch Sie etwas kontaminieren.“

Ein erleichtertes Danke drang zu den beiden in den Raum und die knirschenden Schritte des Kollegen entfernten sich. Sarah und Thomas sahen sich weiter um.

Just in dem Moment als Dr. Wiese der digitalen Spie­gelreflex die Spei­cher­karte entnahm und die Kamera zur Seite legte, klopfte es an der Tür des Behandlungsraums und herein trat eine leicht untersetzte Mitdreißigerin. Ein dun­kelblonder Locken­schopf umrahmte ein freundliches, of­fenes Gesicht, aus dem neu­gierig warme, braune Augen her­ausstrahlten. Dem sym­pathischen Erscheinungsbild ent­sprach auch die ange­neh­me, fast beruhigende Stimme, mit der sich die Dame vor­stellte.

„Ich bin Melanie Escher, Psychologin vom Jugend- und So­zial­amt Freiburg. Hier wartet eine kleine Patientin auf mich?“

Sie streckte ihre Hand aus, die sowohl von Dr. Wiese als auch von Professor Schwarz unter Nennung ihres jeweiligen Namens ergriffen wurde. Beiden fiel das am Hals hervor­lu­gende Etikett auf, das verriet, dass sich die Psychologin zu die­ser nachtschaffenden Stunde in aller Eile angezogen hatte und daher den Merinopullover falschherum trug. Die Dame vom Jugendamt bemerkte die Blicke der Ärzte, so scheu und kurz sie auch gewesen sein mochten. Sie lächelte breit.

„Meine Socken passen sicher genauso nicht zueinander und von dem Rest wollen wir gar nicht erst sprechen“, sagte sie mit einem schelmischen Grinsen. „Wo ist denn nun die Kleine?“

„Gleich hier drüben.“

Wiese geleitete Escher in das Nebenzimmer, wo immer noch die Krankenschwester neben dem unbekannten Mädchen saß und ihre Hand auf deren Unterarm liegen hatte.

„Sie kommen gerade rechtzeitig“, informierte Wiese. „Wir sind mit unserer Arbeit fertig und werden die Patientin auf Station verlegen, da ist es sicher gut, wenn Sie auf dem Weg dorthin schon dabei sind.“

Die Psychologin nickte, war mit ihrer Aufmerksamkeit je­doch schon voll bei dem Mädchen, das apathisch mit ge­stütz­­tem Oberkörper in dem Bett lag. Escher blieb zunächst am un­teren Ende des Bettes stehen.

„Hallo“, sagte sie mit fast seidiger Stimme und legte ihre Hand sacht auf den Knöchel des Mädchens. „Ich bin Mela­nie. Ich werde zunächst einmal bei dir bleiben und wenn du schläfst auf dich aufpassen. Ist dir kalt? Soll ich dich ein we­nig zudecken?“

Sie trat an das Bett heran, und erst jetzt drehte sich das Gesicht etwas und das Paar grüne Augen blickten zu Mela­nie Escher. Es sollte bei dem seelenlosen Blick bleiben, das Kind zeigte keine weitere Reaktion. Die Psychologin legte die Hand vor­sichtig auf dessen Schulter und sowohl Dr. Wiese als auch Schwarz wussten, dass sie über die Körper­lichkeit eine Ver­bin­dung zu dem Mädchen aufzubauen ver­suchte, ohne ihm zu nahe zu treten oder, schlimmer, etwas zu triggern, das mit dem Erlebten zusammenhing. Da keine erkennbare zu­rück­schreckende oder abweisende Reaktion erfolgte, beließ Escher die Hand auf der Schulter, als sie mit der anderen in ihrer volu­minösen Tasche kramte und nach einigem Suchen ein Kin­der­buch zum Vorschein brachte. Der kleine Klabautermann war auf dem Cover zu lesen.

„Magst du Geschichten mit Piraten und Schatzkarten?“, er­kundigte sie sich, doch abermals verweigerte das Mädchen eine Reaktion.

„Können wir auf die Station? Dort ist es kindgerechter und nicht so steril wie hier“, beendete sie den Versuch, jetzt schon zu der Patientin vorzudringen.

Wiese nickte.

„Kinderstation, Zimmer 314“, antwortete sie. „Medizinisch ist es nicht notwendig. Soll ich der Patientin trotzdem etwas ge­ben, damit sie schläft?“

Escher schüttelte den Kopf.

„Nein. Später, wenn wir feststellen, dass sie traumabedingt nicht schlafen kann, dann vielleicht. Aber nicht im Moment. Vielleicht kann ich ja schon etwas in Erfahrung bringen.“

„Wenn dies der Fall sein sollte, dokumentieren Sie bit­te alles haarklein“, schaltete sich Schwarz ein. „Ich kenne die Kolle­gen, die diesen Fall bearbeiten sehr gut und sie legen viel Wert darauf, jede scheinbar noch so unbe­deutende Infor­ma­tion zu erhalten.“

„Das werde ich“, versprach die Psychologin.

„Morgen im Laufe des Vormittags werden sie sicher per­sön­lich herkommen, um die Patientin, soweit es die Umstän­de zulassen, zu befragen.“

„Aber nur, wenn ich dabei bin, und in dem Maße, wie ich das erlaube!“

Zum ersten Mal lag etwas Schärfe in der Stimme Eschers, doch Schwarz beruhigte die Psychologin.

„Sie denken zu sehr in Klischees“, sagte er. „Die Kollegen wer­den sogar auf Ihre Anwesenheit bestehen und selbstver­ständlich einfühl­sam agieren.“

Escher quittierte das Statement mit einem Nicken.

„Also zumindest Frau Hansen“, fügte Schwarz noch mit einem Au­genzwinkern hinzu.

Kapitel V

In dem Holzhaus im tief verschneiten Wald herrschte emsiger Umtrieb. Nachdem der Hundeführer ihre Po­sition mitgeteilt und man einen einigermaßen gut zugäng­lichen Punkt in der Nähe der Hütte ausfindig gemacht hatte, muss­ten die drei Polizisten geschlagene anderthalb Stunden war­ten, bis die Spurensicherung bei ihnen eingetroffen war. Da auch Sarah und Thomas dem Tatort keine weiteren eige­nen Spuren hinzufügen wollten, hatten sie sich zu dem Kol­legen und dessen Hund in den wärmsten Raum gesellt und sich über dies und jenes unterhalten. Über das Einkochen von Himbeermarmelade über Einsteins allge­meine Relativi­täts­theorie bis hin zu der Tatsache, wie einfach es für Ter­roristen sei, Senfgas aus ver­schiedenen All­zweck­rei­ni­gern selbst her­zu­stellen.

Doch jetzt erhellten die Blitze zweier Kameras die Räume, mit denen die Techniker jedes Objekt, jedes Möbelstück und jede Spur dokumentierten, bevor sie Beweismaterial beweg­ten, eintüteten oder gar Einrichtungsgegenstände verrück­ten, um gegebenenfalls Corpora Delicti freizulegen. Auch Lu­minol und Schwarzlicht kamen zum Einsatz, ganz zu schweigen von Unmengen von unterschiedlichen Fin­gerab­druckpulvern, mit dem die Techniker Klinken, Flächen und Artefakte bepinselten. Aufmerksam verfolgten Sarah und Tho­­mas die Arbeiten, während der Kollege der Hunde­staffel begann, sich zu verabschieden.

„Sicher“, murmelte Thomas fahrig, doch Sarah bedank­te sich und wünschte ihm und Connor einen guten Heimweg und eine erholsame Rest-Nacht.

„Friedhelm, seid ihr mit dem Schrank dort fertig? Auch in­nen?“, fragte ihr Partner einen regelrechten Hünen in wei­ßem Over­all und deutete auf das Highboard.

„Mhmmm“, nickte der Gefragte und wandte sich wieder dem Altar zu, an dem er mit Wattestäbchen versuchte, mög­liche DNA-Spuren zu sichern.

„Dann schauen wir mal“, ermunterte Thomas Sarah und öff­nete die Tür, die dem seltsamen Thron gegenüber­lag. Er­wartungs­gemäß befand sich dahinter ein Fernseher, ein äl­teres Flachbildgerät, auf dessen Bedientasten sich fluor­es­zie­rendes Fingerabdruckpulver befand. Darunter konnten er und seine Partnerin sowohl einen DVD-Player als auch einen VHS-Re­corder erkennen. Thomas schaltete Fernseher und Player ein. Sogleich switchte das TV-Gerät auf den Player als Bild­quelle.

Auf dem Bildschirm waren zunächst nur Dunkelheit und das leicht flackernde Licht einer Kerze zu erkennen. Nach ei­nigen Sekunden trat aus dem schwarzen Hintergrund eine Ge­stalt in den Kerzenschein. Sie trug eine Art Kutte und die Maske, die Sarah und ihr Partner zuvor schon auf dem Side­board hatten liegen sehen. Vor sich hielt die Person mit bei­den Händen den selt­samen Dolch, den das rothaarige Mäd­chen bei sich ge­habt hatte. Je näher die Gestalt dem Aufnah­megerät kam, desto deutlicher konnte man gemurmelte Wor­­te vernehmen, die Sarah als ein Sammelsurium aus La­tein, Altgriechisch und einer ihr unbekannten Sprache iden­tifizierte. Fast musste Sa­rah lachen, denn das Intro zu dem Video erinnerte sie stark an Horrorfilme aus den sechziger Jahren.

„Fehlt nur noch Orgelmusik und die Ankündigung von Vin­cent Price“, flüsterte sie mit einem Seitenblick auf ihren Part­ner, der sofort lächelte. Er nahm die Fernbe­die­nung und schal­tete das Video ab.

„Ich möchte mir nicht vorstellen, was da noch so alles zu sehen ist. Vor allem aber will ich es nicht hier an diesem gro­tesken Ort ansehen. Das machen wir morgen im Präsidium.“ Er blickte an einen Teil der Wand, wo in einer Höhe von etwa einem Meter achtzig massive Ringe in der Wand verankert waren. An diesen waren verschließbare Metallschnallen an­ge­bracht. Er trat einen Schritt zurück, machte Sarah darauf aufmerk­sam und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Das erinnert mich an ein Verlies, wo Menschen einer Kreu­zigung gleich an einer Wand fixiert werden“, brachte Sarah hervor und schüttelte sich. „Wie grausam ist das denn?“

„Wenn er das Mädchen da hineingehängt hätte, wäre sie mit der Zeit erstickt. Die Fesseln waren also, wenn überhaupt, nur kurz­zeitig in Gebrauch.“

„Die Vorstellung ist trotzdem quälend! Egal wie lange oder wie kurz jemand so etwas ausgesetzt wird.“

Thomas nickte bestätigend und sprach einen Mitar­beiter der Spurensicherung an, der eine digitale Spiegelre­flexkamera mit einem aufgesetzten System­blitz in eine Be­weistüte pa­cken wollte.

„Warten Sie bitte kurz! Darf ich die mal haben?“

Der Kollege übergab ihm die Kamera. Thomas orientierte sich kurz, schaltete sie nach wenigen Momenten an und drück­te den Knopf für die Bildwiedergabe. Schon das erste Bild war erschreckend. Erschreck­end grausam. Erschre­ckend ästhetisch. Tatsächlich war das rothaarige Mädchen zu sehen, wie es in dem weißen Gewand vor der weißen Wand in den Fesseln hing. Aller­dings war auf dem Boden ein Holzschemel zu erkennen, auf dem sie sich gerade eben noch mit den Zehenspitzen abstützen konnte. Die High Key Aufnahme, auf der sich lediglich die blasse Haut, einige Fal­ten in dem Gewand und das fast feuerrote Haar sowie die grünen Augen des Mäd­chens von dem gleißenden Weiß ab­hoben, strahlte eine Magie aus, der man sich als Betrachter schier nicht entziehen konnte! Der Mann hinter der Kamera hatte gewusst, was er tat! Thomas klickte sich durch eine gan­ze Serie ähnlicher Bilder, dann schaltete er die Kamera aus und übergab sie zurück an den Kollegen der Spu­ren­sicherung.

„Komm“, sagte er an Sarah gewandt. „Wir schauen zu, dass wir noch ein paar Stunden Schlaf bekommen. Das wird morgen ein langer Sonntag.“

„Guten Morgen allerseits“, begrüßte Thomas Bierman die An­wesenden Karen Polozek, Nico Berner und Hans Pfef­ferle, als er mit Sarah im Schlepptau den kleinen Kon­ferenz­raum betrat.

„Da wären wir fünf mal wieder beisammen. Gröber scheint unsere Arbeit zu gefallen“, setzte er hinzu, legte einen recht dünnen Aktenordner auf den Tisch und ließ sich am Kopf­ende nieder. Sarah ließ ebenfalls ein Guten Morgen verlauten und suchte sich den Platz neben ihrer Kollegin, die freudig lä­chelnd bereits den Stuhl vom Tisch weggerückt hatte.

„Er kommt später vielleicht dazu. Hätten wir Sommer, wäre er wohl auf dem Golfplatz. Aber ich habe keine Idee, was er bei diesen Wetterbedingungen am Sonntagmorgen so macht. Skifahren wird er ja wohl kaum“, kündigte Thomas den even­tuellen Besuch des nicht übermäßig beliebten Ressort­leiters an. „Zum derzei­ti­gen Stand wird er schlimm­stenfalls einen Schwall heiße Luft verbreiten, also können wir sicher einige Zeit konzentriert und ungestört arbeiten.“

Auf allen Gesichtern zeichnete sich ein süffisantes Lächeln ab, wussten alle um das zwanghafte Geltungsbedürfnis und die bisweilen unkontrollierten Anfälle ihres cholerischen Chefs.

„Also gut“, eröffnete Thomas das Meeting. „Es ist fünf nach elf, den vorläufigen Bericht haben schon alle gelesen, nehme ich an. Irgendwelche Fragen?“

Sein Blick machte die Runde.

„Wie geht es dem Mädchen?“, fragte Karen und in ihrer Stim­­­me schwang Besorgnis mit.

Sarah, die Thomas genau beobachtete, konnte sehen, dass die Frage ihrer empathischen Kollegin nicht zu den Themen gehörte, die er hier und jetzt besprechen wollte, doch er riss sich zusammen und antwortete sachlich.

„Sie hat die Nacht augenscheinlich gut überstanden und ohne ein Sedativum verabreicht bekommen zu ha­ben, sehr lange geschlafen. Sarah hat eben mit der behan­delnden Ärztin telefoniert.“

Ein erleichtertes Nicken, das auch von Hans Pfefferle auf­gegriffen wurde, quittierte diese Information.

„Hat sie bereits irgendetwas gesagt? Spricht sie überhaupt unsere Sprache?“, hakte Karen nach.

„Hat sie nicht“, sprang Sarah ein, „und das mit der Sprache ist ein guter Ansatz. Dr. Wiese, die Ärztin, geht zwar davon aus, dass ihre Apathie und das damit verbundene Schwei­gen auf die erlittenen Traumata zurückzuführen sind. Dr. Schwarz jedoch hat bei der Auswertung der gestern ange­fertigten Bilder in Bezug auf ihre Zähne eine Vermutung auf­gestellt. Die meisten Problemstellen sind wohl nie richtig behandelt worden, aber immerhin hat ihr Ge­biss eine Plom­be aufzuweisen, von der Schwarz sicher ist, dass sie nicht in Mitteleuropa angefertigt und platziert wur­de. Da ja auch in Polen, Tschechien und der Slowakei seit etlichen Jahren erst­klassige zahnmedizinische Arbeit geleistet wird, tippt er entweder auf Russ­land oder Weißrussland beziehungs­wie­se auf den Balkan.“

„Wie gehen wir in Bezug auf das Mädchen weiter vor?“, woll­­te Nico Berner wissen.

Da Thomas dabei war, die losen Seiten aus dem Akten­ord­ner zu sortieren, antwortete abermals Sarah:

„Vorausgesetzt, wir sind nicht in der Lage, zeitnah ihre El­tern zu ermitteln, wird sie noch mindestens zwei Tage in der Kli­nik unter der Obhut von Frau Dr. Wiese und dem Ju­gend­amt bleiben. Die zwei werden auch entscheiden, wann und in welcher Intensität wir mit der Kleinen arbeiten dürfen. Wir hoffen, dass wir heute Nachmittag ein erstes Gespräch wagen können. Bis dahin werden die Damen auf jeg­lichen Hinweis, der zu Klärung ihrer Identität und Her­kunft bei­tragen kann, achten. Derweil“, sie nahm Thomas das Blatt, welches er ihr hinhielt, aus der Hand, „ha­ben wir ih­re Be­schreibung und Portraitbilder.“

Sie legte den Steckbrief auf den Tisch und wartete darauf, dass ihr Partner etwas dazu sagen würde. Da dieser jedoch keine Anstalten machte, die sich aus dem Blatt Papier erge­bende Aufgabe zu delegieren, nahm Sarah es zum Anlass, selbst aktiv zu werden.

„Wer kümmert sich um die Recherche?“, fragte sie, da sie als jüngstes Mitglied des Teams nicht befugt und auch nicht ge­willt war, eine Anweisung zu erteilen. Selbst wenn sie, so ihre Überzeugung, von Thomas dafür Rücken­deckung be­kommen hätte.

„Ich mach das“, meldete sich sofort Karen Polocek eifrig zu Wort. „Ich gehe die Vermisstendatenbanken durch und neh­me Kontakt zu den anderen Behörden und den Kollegen im Ausland auf.“

Sarah schob ihr das Papier über den Tisch, blickte fragend zu Thomas, der ein kaum wahrnehmbares Nicken des Ein­ver­­ständnisses zeigte.

„Du wirst mit den Kollegen heute nicht viel Glück haben. Ge­nauso wenig verspreche ich mir Erfolg bei der Iden­ti­fi­zierung des Toten. Fingerabdrücke können wir zwar durch­­laufen lassen, aber was die Besitzverhältnisse bezüglich der Waldhütte an­geht et cetera, müssen wir ebenfalls bis morgen warten, genau wie bei den genauen Ergebnissen der Spusi. Zurück­verfolgung der elektronischen Geräte anhand der Serien­nummern macht auch erst Sinn, wenn morgen die Ge­schäfte wieder ge­öffnet haben. Für die Überprüfung der Funkzellen im Be­reich der Hütte brauchen wir einen Be­schluss. Hans, das machst du morgen. Ich denke, was im Mo­ment am pro­duk­tivsten ist, wäre die Durchsicht der DVDs vom Tatort. Viel­leicht können wir da etwas ermitteln, was uns weiter­bringt.“

Er suchte den Augenkontakt mit jedem Einzelnen, und nach­­dem niemand eine Frage hatte, legte er seine Doku­men­te zurück in den Schnellhefter.

„Okay, wir können es uns leisten, jeweils zu zweit das Ma­terial zu sichten. Ich habe die Discs im Büro. Nico, holst du die Scheiben für Hans und dich dort ab? Sarah und ich über­nehmen den Rest.“

Drei Minuten später saßen die beiden an Sarahs Schreib­tisch. Thomas hatte seinen Bürostuhl um den Tisch herum­gerollt und sich so positioniert, dass sie einen guten Blick auf den Compu­ter­mo­nitor hatten. Er öffnete das DVD-Lauf­werk des Desktops und legte die CD ein, die sich in der Hütte im Player befunden hatte. Noch bevor Sarah die Aufnahme startete, kam Nico Berner ins Büro. Ohne ein Wort zu sagen zeigte Thomas auf einen Stapel DVDs, die er auf seinem Schreibtisch für ihn bereitgestellt hatte.

„Schon was gesehen? Ist es übel?“, fragte er.

Sarah schüttelte den Kopf, während Thomas letzte Anwei­sungen zu den Beweisstücken gab.

„Schwerpunkt ist klar, denke ich. Screenshots von allem, was uns in irgendeiner noch so erdenklichen Form weiter­bringt. Schatten oder Spiegelungen, die auf Anwesenheit ei­ner zweiten Person hindeuten. Schrift oder Ton, die uns et­was über den Mann verraten. Ach, ihr wisst schon…“

Berner nickte.

„Natürlich!“, sagte er in neutralem Tonfall und verließ mit den DVDs das Büro.

Sarah startete den ersten Videoclip, der trotz der Dunkelheit in der Hütte eine erstaunlich gute Qualität aufwies. Sie sprang vorwärts, bis ungefähr zu der Stelle, an der sie des Nachts abgebrochen hatten. Auf dem Monitor konnten sie jetzt verfolgen, wie der Mann seine Maske abnahm, den Dolch mittig in den Gürtel des Gewands steckte und eine Schale nahm, die außerhalb des Bildausschnitts gestanden hatte. Erneut sprach er Verse auf Latein und Altgriechisch, hob die Schale mit aus­ge­streck­ten Armen nach oben, senkte sie bis auf Kniehöhe, be­wegte sie nach rechts und nach links, bevor er sie wieder über den Kopf hob.

„Müssen wir das Kauderwelsch übersetzen, das er da von sich gibt?“, fragte Sarah.

„Was würdest du sagen?“, entgegnete Thomas.

„Von mir ein klares Nein“, antwortete sie. „Zumindest so lange nicht, bis sich eindeutig ermittlungsrelevante Gründe dafür ergeben.“

Thomas nickte nur.

„Gleiches gilt auch für die Choreografie. Wenn sich abzei­ch­net, dass wir es mit einer Gruppierung zu tun haben, könn­te man das einem Anthropologen vorlegen, aber im Moment halte ich das für überflüssig“, fügte Sarah ihrem Statement noch hinzu.

„Sehr gut, so machen wir das.“ Thomas schien sehr zufrie­den mit der Antwort.

Auch wenn sie und ihr Partner erst ein halbes Jahr zu­sam­menarbeiteten sah Sarah die Fragen, die ihr Thomas hin und wieder stellte, nicht als Tests an, sondern eher als Auf­for­de­rung, ihre eigenen Ideen und Ansätze ein­zu­bringen. An Tho­mas‘ Reaktionen hatte sie bisher immer ablesen können, dass er ihr Feedback sehr schätzte und eine unterschiedliche Mei­nung in seine eigenen Überlegungen mit einbezog.

Auf dem Monitor hatte der Unbekannte mittlerweile sein Gebet beendet. Er tauchte Zeige- und Mittelfinger in die Scha­­­le und malte sich mit der roten Flüssigkeit, bei der es sich um Blut zu handeln schien, ein Kreuz auf die Stirn. Dann öffnete er die Kutte über der Brust und versah sein Ster­num ebenfalls mit einem roten Kreuz. Als Letztes malte er das christ­liche Symbol auf seinen Mund, stellte die Schale außer Sichtweite, zog den Dolch aus dem Gürtel und hob ihn mit beiden Händen hoch, so als wollte er sich diesen gleich in den Unterleib rammen. Doch stattdessen senkte er die Arme, den Dolch in der Rechten, bis sie seitlich in der Waag­rechten angekommen waren und er quasi die Position eines Gekreu­zigten eingenommen hatte. Nach einem lauten, lan­gen Schrei trat er rückwärts, bis er wieder in der Dunkelheit ver­schwand, danach brach der Clip ab.

„So“, sagte Thomas. „Was sollen wir von dieser kranken Scheiße denn halten?“

Er klickte auf die Eigenschaften der Dateien auf dem Da­ten­träger.

„Diese Clips hat er alle gestern gemacht, als ihn später der plötzliche Tod durch seine Gefangene ereilte“, stellte Sarah fest. „Oder zumindest hat er sie an dem Tag auf DVD ge­brannt. Aber das war am Nachmittag. Immerhin verrät uns das Video etwas. Erstens ist es nachbearbeitet. Denn wir se­hen weder, wie er die Kamera startet, noch wie er sie wie­der stoppt. Er hat also, voraus­gesetzt er war allein, den An­fang und das Ende der Auf­nahme nicht auf die DVD über­spielt. Ich vermute, er empfand das als unpassend oder wi­der sei­nes Sinns für Ästhetik.“

Sarah knetete nach ihrer Feststellung nachdenklich die Un­terlippe.

„Und das Erscheinen und Verschwinden in der Dunkelheit muss er hinterher mittels eines Effekts eingefügt haben. Die Qua­lität der Kamera ist so gut, sie hätte selbst bei Ker­zenlicht das andere Ende des Raumes aufge­zei­chnet. Wobei wir an einem Punkt sind, der uns ja gestern schon klar war: Die wirklich wichtigen und aktuellen Aufnahmen sind auf der Kamera. Ich frage mal nach, ob die von der Technik uns die Aufnah­men schon auf einen Stick gezogen haben. Ansonsten sollen sie uns die originale SD-Karte ge­ben.“

Er griff zum Telefon und wählte die Nummer der Kri­mi­nal­technik.

„Hallo Friedbert. Gestern Nacht wurde unter anderem eine Kamera si­chergestellt. Habt ihr das Material, das dort drauf war, schon kopiert? ….ja, dir auch einen schönen Sonntag. Okay. Ja, ich warte.“

„Eins muss man wirklich zugeben“, stellte Sarah fest. „Die Arbeitsmoral hier ist wirklich bemerkenswert.“

„Vor dem Hintergrund, dass ihn seine Frau vor ein paar Wo­chen verlassen hat, kann man allerdings nachvollziehen, dass er sonntags im Büro oder Labor anzutreffen ist“, er­klär­te Thomas. „Und vergiss nicht, wir sind ja schließlich eben­falls da.“

„Auch wieder richtig“, gab Sarah zu und verstummte, da Tho­mas auf den Hörer zeigte, um zu sagen, dass sich der Techniker wieder gemeldet hatte. Sie beugte sich vor und ak­tivierte kurzerhand den Lautsprecher.

„Hallo Herr Kollege, hier ist Sarah Hansen, Sie sind auf laut“, informierte sie den Kriminaltechniker.

„Hallo Frau Hansen. Ich habe mir gerade die SD-Karte ge­holt und schau mir den Inhalt auf meinem Laptop an. Mo­ment. Ah, ja. Sind nur drei Files drauf. Ich lege sie euch mal auf den Server, dann könnt ihr sie abgreifen. Habt ihr ein Verzeichnis, wo sie hinsollen?“

Thomas nannte dem Kollegen einen Pfad.

„Okay. Das geht ne Minute oder zwei. Kann ich sonst noch was tun?“

Thomas sah Sarah an, die den Kopf schüttelte.

„Nein, das wars“, sagte er. „Danke dir und schönen Sonn­tag.“

Er legte den Hörer auf die Gabel.

„Ich bin gespannt, was darauf zu sehen ist“, sagte Sarah, wäh­­rend Thomas immer wieder die Ansicht aktualisierte, bis drei neue Dateien in dem von ihm benannten Ordner aufge­taucht waren.

„Die letzte Datei zuerst?“, fragte er.

Sarah nickte

„Na dann mal los!“

Wie zu erwarten war das Erste, das auf dem Bildschirm zu erkennen war, das unscharfe Gesicht des Unbekannten in Na­haufnahme, der ganz offensichtlich damit beschäftigt war, die Einstellungen der soeben eingeschalteten Kamera zu überprüfen. Nach einigen Sekunden verschwand er aus dem Bild, und noch während der Bildausschnitt von dem of­fenbar jetzt hinter der Kamera befindlichen Mann ange­passt wurde, hatte man schon den Blick auf den furcht­ein­flö­ßen­den Altar. Darauf befand sich das rothaarige Mäd­chen. Ihr Kopf war leicht zur Seite geneigt, so dass man ihr Gesicht er­kennen konnte. Die Augen waren zwar nicht ge­schlossen, aber ihr Blick ging mit geweiteten Pupillen ins Lee­re. Offen­bar stand sie unter dem Einfluss eines Betäu­bungsmittels oder einer anderen Droge und befand sich in einer Art Wach­trance. Die Lederriemen, auf denen ihre Hand- und Fuß­gelenke lagen, waren nicht zugezogen. Sie trug dasselbe wei­ße Gewand, in dem sie in der Nacht auf­gegriffen wurde, nur war es zu diesem Zeitpunkt noch strah­lend sauber. Im Hin­tergrund auf dem Highboard brann­­ten etliche Kerzen unter­schiedlicher Größe. Da das Gesicht und der Körper des Mäd­chens ebenfalls gut aus­geleuchtet er­schie­nen, mussten sich auch diesseits des Al­tars neben der Kamera eine ganze Bat­terie von Kerzen befunden haben. Das leichte Flackern der Schatten auf der gegen­überliegenden Wand verriet, dass der Unbekannte auf eine Videoleuchte verzichtet hatte. Jetzt trat er ins Bild. Er trug dieselbe Kutte wie in dem Video auf der DVD und der Dolch steckte ebenfalls vorne im Gürtel. Er nahm eine Po­sition hinter dem Altar ein und stand dort zu­nächst regungs­los mit gesenktem Haupt und gefalteten Hän­den.

„Hier wollte er später schneiden“, sagte Sarah.

Thomas nickte kaum merklich. Er blickte voll konzentriert auf den Monitor.

„Siehst du, dass sie nicht gefesselt ist? Die Gelenke liegen nur auf den Lederriemen“, sagte er. „Das erklärt, wie sie es überhaupt schaffen konnte, ihn während oder nach der Ze­remonie anzugreifen.“

Er wandte die Aufmerksamkeit wieder dem Mann in der Kutte zu. Mit einem Mal kam Bewegung in die Szene. Der Un­bekannte breitete die Arme aus und stimmte eine Art gre­go­rianischen Gesang an, das Haupt hielt er immer noch ge­senkt. Als er den Choral mit einem langen Diminuendo be­endet hatte, trat er an das Ende des Opfertischs, nahm den Kopf des Mädchens in beide Hände, so dass seine Finger ent­lang der Wangen und die Handflächen über dem Kiefer­gelenk lagen. Obwohl die Szene wahrhaft gruselig war, und Sarah darum betete, dass die junge Frau nichts von alldem mitbekam, schien die Berührung sehr zärtlich, fast liebevoll zu sein. Behutsam dreht der Mann den Kopf der Rot­haa­­rigen, bis ihr Gesicht der Decke zugewandt war. Dann mur­melte er erneut einige Verse, diesmal in Altgriechisch. Nach­dem er verstummt war, legte er seine Stirn auf die des Mäd­chens und verharrte mindestens eine Minute. Schließ­lich gab er ihr einen sanften Kuss und nahm danach seine Position hinter dem Altar wieder ein. Abermals ertönte ein Gesang und Sarah fiel jetzt erst auf, dass der Mann über eine sehr schöne Stimme verfügte und die Töne treffsicher hervor­brachte. Als der Choral be­endet war, zog der Unbekannte den Dolch und hielt ihn mit der stumpfen Seite der Klinge an den Hals seines Opfers. Er strich damit nach unten, über die linke Brust, den nackten Arm, zurück und über den Bauch in Richtung Schoß. Sarah hielt die Luft an, so sehr verinner­lichte sie, was sie vor sich sah. Es war faszinierend und un­säg­lich abstoßend zu­gleich, und als die Klinge in den Geni­tal­bereich des Mäd­chens wanderte, hielt sie diese entsetz­li­che Spannung, die von ihr Besitz ergriffen hatte, schier nicht mehr aus! In ihr tob­te der Kampf zwischen dem Wunsch, die Augen zu schlie­ßen oder das Video anzuhalten und dem Sog, der sie mitriss und dazu brachte, jedes noch so kleine Detail auf­zunehmen, mit den Augen, mit den Fingern, die zu Fäusten verkrampft waren, mit der Luft, die sie atmete! Unfähig sich zu bewegen, unfähig wegzusehen ver­folgte sie, wie der Priester, als den sie den Mann nun wahr­nahm, mit dem Klingenrücken das Bein des Mädchens her­unterfuhr, über den Rücken des nackten Fußes, zurück nach oben, nur um für einen Sekundenbruchteil im Schritt zu verweilen und im Anschluss das andere Bein hinunter­zufahren. Das leise Mur­meln des Mannes und die uner­träglichen, mächtigen Bil­der lösten fast einen Schwindel bei Sarah aus! Wie hypno­tisiert verfolgte sie, wie das Messer das Bein wieder hinauf, über den Bauch, den Arm, die Brust und den Hals wanderte und er es schließlich mit der Spitze zum Kehlkopf weisend auf ihrem Brustbein ablegte. Er schwang die Kutte zurück, kletter­te auf den Altar und setzte sich, fast wie zu einem Ge­schlechtsakt knapp unterhalb der Hüften auf das Mäd­chen. Als er die Kutte zurechtgezogen hatte, beugte er sich vor, nahm den Dolch und hob ihn weit nach oben, ging ins Hohl­kreuz, schnellte nach vorne und ließ die Waffe auf das Mäd­chen niedersausen! Sarah zuckte nicht einmal mit den Wim­pern, als das Messer mit einem dumpfen Geräusch in das Holz des Altars schlug – knapp neben dem Hals der Rot­haarigen! Der Priester schrie laut, legte seinen Kopf auf der Brust des Mädchens ab und verharrte mehrere Minuten. Schließlich richtete er sich auf, schlug die Kapuze nach hin­ten und kletterte von dem Altar. Ohne jeglichen Pathos steu­er­te er die Kamera an und streckte den Arm aus. Un­mit­telbar danach wurde das Bild schwarz und das Video war zu Ende.

Sarah schnappte nach Luft! Hatte sie die ganze Zeit den Atem angehalten? Erst mit dem einströmenden Sauerstoff nahm sie den Rahmen des Bildschirms wieder wahr, weitete sich ihr Sichtfeld und sie sah den Schreibtisch, das Fenster, ihre Hände mit den Abdrücken ihrer Fingernägel, Thomas, der unbeweglich neben ihr saß. Wie konnte es sein, dass die­se schrecklichen Bilder sie derart in den Bann gezogen hat­ten? Sie blickte zu ihrem Partner. Auch er atmete sehr tief und schien dem eben gesehenen nachzuhängen. Immer wie­der schloss er die Augen und schüttelte ganz leicht den Kopf. Nach einer Weile sah er sie mit festem Blick an. Er war in der Realität an­gekommen.

„Ich kann es nicht glauben“, sagte er, doch Sarah wusste nicht, was er meinte: die grausamen, grotesken Bilder, oder aber seine Reaktion darauf. Hatte er die Szene genau so er­lebt wie sie? Voller Emotionen, Neugier, Faszination? Ver­spürte er in diesem Moment dieselbe Scham, weil er, wie sie, dem Schauspiel fast lüstern gefolgt war? Sie vermochte es nicht zu beurteilen.

„Ich brauche eine Pause und etwas Ablenkung“, brach er nach einer gefühlten Ewig­keit das Schweigen.

„Ich bin zu einhundert Prozent bei dir“, befürwortete sie dankbar den Vorschlag.

Thomas erhob sich und nahm seinen Anorak von der Stuhl­lehne.

„Einmal um den Block?“, fragte er.

Sarah nickte, nahm ihrerseits ihre Jacke von dem Garde­ro­benständer und folgte ihrem Partner auf den Flur. Den Weg zum Aufzug und die Fahrt ins Erdgeschoss brachten sie schwei­gend hinter sich, auch als sie nebeneinander bis zum Haupteingang gingen, sagte keiner ein Wort. Erst als sie durch die Glastür in die strenge Kälte getreten waren, be­gann Sarah ein Gespräch.

„Ich weiß nicht, wie es dir ergangen ist, aber das, was dieser Mann in der Kutte in dem Video veranstaltet hat, ist wi­derlich pervers.“

Sie zog die fellbesetzte Kapuze enger.

Thomas sah sie von der Seite an und meinte dann:

„Ja, das war abscheulich. Aber du hast doch bei deinem letzten Fall in Husum auch Schreckliches gesehen? Und das sogar in Realität und nicht auf Video?“

Sarah hatte sich schon gedacht, dass er, bevor sie vor einem halben Jahr nach Freiburg wechselte, genau studiert hatte, was sie zuvor im Norden gemacht hatte. Folglich waren ihm die Details ihres letzten Falls bestens bekannt.

„Ja, allerdings habe ich da ja lediglich die Bilder der Leichen gesehen, und nicht live mitverfolgen können, wie der Täter seinen Opfern diese schrecklichen Dinge angetan hat.“

„Nun, zu dem Mord ist es diesmal Gott sei Dank nicht ge­kommen“, sagte Thomas. „Aber du hast Recht, ich habe mir die ganze Zeit über verschiedene Fragen gestellt: Was geht in diesem Kopf vor? Was hat das Mädchen mitbekom­men? Was nimmt er noch für Handlungen vor, vor allem auch se­xu­eller Natur? Schließlich kann bei solchen Opfer­un­gen die Sexualität eine entscheidende Rolle einnehmen. Im­mer­hin wissen wir, dass das Mädchen nicht oder zumindest nicht im Sinne der ursprünglichen Definition missbraucht wurde. Trotz­­dem hat mich die Art, wie er den Dolch geführt hat, an pervers-sexuelle Handlungen erinnert.“

Sarah hob den Blick und sah in Thomas‘ sorgenvolles, nach­denkliches Gesicht.

„Du hast dir auch ausgemalt, was passiert wäre, wenn es sich nicht um eine Art Übung gehandelt hätte, sondern die tat­­sächliche Opferungszeremonie?“

„Allerdings“, antwortete er. „Stell dir vor, er hätte all die Bewegungen mit der scharfen Seite des Messers vollführt. Nicht nur, dass er Arme, Beine, Hände und Füße geritzt hät­te. Möglicherweise hätte er auch gezielt Verstümme­lun­gen vorgenommen.­ Nach diesem Video mag ich mir nicht im An­satz vorstellen, vor welch schrecklichen Taten das arme Mäd­­chen sich selbst gerettet hat. Ich habe nämlich eine Be­fürchtung.“

„Und die wäre?“, fragte Sarah, da Thomas nicht von sich aus fortfuhr.

„Das Mädchen war nicht festgeschnallt, sondern betäubt. Wir wissen, dass er die Opferung sozusagen im Leerlauf durch­gespielt hat. Ich befürchte, dass er bei dem finalen Akt auf eine Betäubung verzichtet und sie stattdessen mit den Lederriemen fixiert hätte. Immerhin, so die Fachliteratur, zieht ein sadistisch veranlagter Täter einen sehr großen Teil seines Thrills und seiner Befriedigung aus der Reaktion des Opfers. Die Todesangst in den Augen, das Schreien…“

Sarah schüttelte sich, ihr war ein Schauer übergelaufen.

„Und Gott sei Dank ist ihr die Flucht so rechtzeitig gelun­gen, dass er sie noch nicht hatte verletzen können.“

Thomas nickte.

„Und wir können einigermaßen sicher sein, dass wir das Schlimmste schon gesehen haben. Egal, was auf den zwei an­deren Videos zu sehen ist, er wird ihr nichts angetan haben. Also rein physisch, meine ich. Wobei ich mich wirklich frage, wieso ihr Angriff auf ihn und die an­schließ­ende Flucht nicht zu sehen war. Es war das letzte Video auf der Kamera.“

„Vielleicht hat er nochmal geübt und dabei vergessen, die Kamera einzuschalten?“, mutmaßte Sarah.

„Das scheint mir im Moment die einzig logische Erklärung zu sein“, pflichtete Thomas ihr bei. „Komm, lass uns an der Tankstelle einen Snack holen und dann die Videos weiter durchsehen. Ich bin froh, wenn wir das hinter uns haben.“

„Herein, herein“, empfing Dr. Schwarz Sarah und Tho­mas an seiner Bürotür, hielt diese offen und wies mit der anderen Hand auf die Ledersessel vor seinem Schreibtisch. „Ich dach­te mir schon irgendwie, dass Sie heute bei mir vor­bei­schauen würden. Darf ich Ihnen etwas anbieten? Kaf­fee, Tee? Ein biss­chen was Stärkeres, bevor wir in den Ob­duk­tionsraum gehen?“

„Kaffee“, brummte Thomas, während Sarah im Anschluss höf­lich um einen Tee bat. Die Polizisten setzten sich, Schwarz hob den Hörer vom Apparat, bestellte bei seiner Sekretärin zwei Kaffee und – nachdem er sich bei Sarah erkundigt hatte – einen Roibush-Vanille-Tee. Dann umrun­dete er den Schreib­tisch und nahm ebenfalls Platz.

„Sie hatten ja sicher eine ähnlich kurze Nacht wie ich, des­we­gen verstehen Sie bestimmt“, sein Blick blieb auf Tho­mas haf­ten, „dass ich den übel zugerichteten Herrn, den Sie ges­tern aufgetan haben, noch nicht unters Messer ge­nom­men habe. Doch wie ich Sie kenne, wollen Sie ohnehin erst ein­mal über das Mädchen sprechen, habe ich Recht?“

„Da liegt unser Fokus, genau“, antwortete Sarahs Partner. „Dass das Mädchen sich in der Gewalt des Toten befunden haben muss, ist durch die Indizien hinreichend, durch die Blutanalysen und DNA-Vergleiche eindeutig belegt. Wir ha­ben eine einigermaßen genaue Vorstellung, was gestern Abend passiert ist und gehen auch davon aus, dass sie es war, die ihren Peiniger in Notwehr getötet hat. Hier können Sie uns vielleicht später Gewissheit verschaffen. Wir haben die Waf­fe, die das Mädchen bei sich führte, mitgebracht.“

„Fall gelöst!“, witzelte Schwarz, stand auf, ging zu dem Buffet, das rechts von seinem Schreibtisch stand und kam mit einer Flasche Dalwhinnie und drei Nosing-Gläsern zu­rück.

„Auch ein Schlückchen?“, bot er an und reichte, während Thomas angewidert das Gesicht verzog, Sarah den Whisky, die das Etikett neugierig begutachtete. Schwarz freute sich wie ein kleines Kind, als sie nickte und mit zwei Fingern an­deutete, dass der Dram aber klein ausfallen sollte.

Schwarz goss ein, verstöpselte den Single Malt und stellte die Flasche zurück. Natürlich war dem Rechtsmediziner klar, dass die Ermittlungen jetzt erst so richtig anliefen und zunächst vordringlich die Identität des unbe­kannten Mäd­chens geklärt und das gesamte Umfeld der Er­eig­nisse aufge­deckt werden musste.

„Ich habe gehört, dass Sie Satanisten hinter der Entführung und Beinahe-Opferung vermuten“, warf er deswegen ein. „Haben Sie da schon konkrete Anhaltspunkte?“

Er hob sein Glas an die Nase, um die Düfte, die dem Trink­ge­­fäß entströmten, einzufangen und beobachtete, wie Sarah ihrerseits etwas schüchterner an dem Whisky schnüffelte und dann vorsichtig probierte.

„Ihr erstes Mal? Dafür ist dieser Highland Malt genau das Richtige, er…“

„Ich möchte Sie nur ungern unterbrechen“, grätschte Tho­mas hinein, der offensichtlich einem ausschweifenden Vor­trag über das schottische Nationalgetränk Einhalt gebieten wollte. „Aber Sie fragten gerade nach Anhaltspunkten. Hier sind welche.“

Er reichte dem Rechtsmediziner ein Tablet über den Tisch.

„Nach links wischen.“

Schwarz nahm das Gerät entgegen, setzte sein Glas ab und begann, die Tatortfotos zu studieren. Während er damit be­schäftigt war, öffnete sich die Tür und die Sekretärin trat ein, stellte ein Tablett mit Kaffee und Tee sowie einigen Plätzchen auf den Tisch und huschte, ohne ein Wort zu sagen, wieder aus dem Büro.

„Und? Interessant, oder?“, fragte Sarah nach einer Weile der Stille.

„Dasselbe wollte ich Sie in Bezug auf den Dalwhinnie auch gerade fragen“, entgegnete Schwarz. „Aber das hat Zeit. Las­sen Sie mich eins vorwegschicken: Wenn Sie eine Abtei­lung für Okkultismus, Esoterik oder was Ähnliches ha­ben, brau­chen Sie diese nicht zu bemühen.“

„Nein?“, fragte Sarah erstaunt.

„Nein. Sie wissen das nicht, aber ich verfüge nicht nur über das Medizinstudium und den Facharzt für Rechtsmedizin, sondern habe mich im Rahmen meines Ethnologiestudiums auch mit Religionen, Okkultismus, Riten und Ritualen be­schäftigt. Und das, was Sie mir gerade zeigen ist, Sie ver­zei­hen den Ausdruck, ziemlicher Bullshit.“

„Sie sehen darin keine Sekte oder einen Teufelskreis oder so etwas?“, hakte Thomas ein.

„Nein!“, sagte Schwarz bestimmt. „Ich sehe eine Mi­schung aus sehr verschiedenen okkulten Strömungen. Da ha­­ben wir Zeremoniengegenstände aus dem Voodoo, Bilder, die dem Sa­tanismus entspringen, sowie Anleihen aus der ägyp­ti­schen Mythologie um Thot. Und die Zeichen des kel­tischen Ok­kultismus haben in dem Pentagramm weiß Gott nichts zu suchen!“

„Und daraus schließen Sie was genau?“, fragte Sarah.

„Das ist keine Sekte oder ernst zu nehmende okkulte Gesell­schaft, die die Hütte so eingerichtet hat. Das ist jemand oder sind meh­rere, die meinen, sie seien Teil eines mystischen Or­dens, Erben einer Bestimmung oder so etwas. Oder jemand, der den parapsychologischen oder esoterischen Geschichten ein­fach nur ver­fallen ist und seinen Fantasien materiellen Aus­­druck verleihen will. Dabei hat er so ziem­lich aus jeder Zi­vilisation alles zusammengetragen, das in irgendeiner Weise eine Verbindung zum Übernatürlichen mit sich bringt. Aber einem Geheimbund sind Sie definitiv nicht auf die Spur ge­kommen. Auch keiner Gruppierung, die es mit ihrer, nennen wir es Neigung zum Okkulten, wirklich ernst meint. Das hier sind eher ein paar durchgeknallte Spinner, die absolut keine Ah­nung von dem haben, was sie tun.“

„Irgendwie erleichtert mich das“, entfuhr es Sarah, als sie sich in dem Sessel zurücklehnte. „Denn wenn wir es mit ei­ner professionellen Gruppierung zu tun hätten, wäre es für uns deutlich schwieriger, zu ermitteln. Ganz zu schweigen von der Gefahr, die davon ausgehen könnte. Vielleicht war es nur ein Einzeltäter, den unsere mutige kleine Dame ins Jenseits hat schicken können.“

„Das wird sich ja dann herausstellen.“

Der Unterton in Thomas‘ Reaktion war eher skeptisch.

„Aber da wir beim Thema sind, Dr. Schwarz, was können Sie uns über das Mädchen berichten?“

Sachlich und detailliert informierte der Rechtsmediziner die beiden Polizisten über die Stunden mit Dr. Wiese und die Ergebnisse, zu denen ihre Untersuchungen geführt hatten.

„Das ist der Stand dieser Nacht, heute habe ich noch nichts Neues gehört“, schloss er den Vortrag.

„In Ordnung, um das Mädchen kümmern wir uns im An­schluss. Wir haben schon Nachricht von Frau Dr. Wiese, die Nacht ist wohl friedlich verlaufen. Was für ein tapferes, klei­nes Ding. Unglaublich, dass sie es trotz Betäubung ge­schafft hat, sich gegen ihren Entführer zu wehren. Wir haben schon vermutet, dass er sie vielleicht bei Bewusstsein, nennen wir es beim Wort, opfern wollte und sie deswegen dazu in der Lage war.“

Seit Sarah gehört hatte, dass keinerlei sexuelle Handlungen an dem Kind vorgenommen worden waren, und sie auch keine sons­tigen Verletzungen aufwies, war sie deutlich rede­freudiger geworden.

„Nun, was den Angriff auf ihren Entführer anging, habe ich eine eigene Theorie. Nein, Erklärung. Ich bin mir sicher, dass es sich so verhält.“

„Und das wäre?“, wollte Thomas wissen.

„Ich gehe einfach einmal davon aus, dass der Tote im Keller kein Anästhesist gewesen ist, sondern als Laie ver­sucht hat, sein Opfer mit einem entsprechenden Medikament zu se­dieren oder ganz zu betäuben. Da er unerfahren ist, und er seine Gefangene zumindest für eine gewisse Zeit am Le­ben halten will, ist er mit der Dosierung, die er angewendet hat, sehr vorsichtig gewesen.“

„Und Sie glauben, dass er übervorsichtig war, und des­we­gen das Mittel nicht in ausreichender Menge verabreicht hat?“, unter­brach Sarah Schwarz.

„Nicht ganz“, lächelte dieser. „Unter normalen Umständen hätte die Dosierung vielleicht gepasst. Aber was er sicher nicht wusste, ist der Umstand, dass man bei rothaarigen Men­schen bis zu zwanzig Prozent mehr Anästhetikum ver­abrei­chen muss, um sie in Morpheus` Schoß zu schicken. Das wür­de mei­­ner Meinung nach erklären, warum sie fit genug war, ihn mit dem Messer zu attackieren. Und der darauf­fol­gende Adrenalinschock hat dafür gesorgt, dass sie den Weg durch den Wald überlebt hat.“

„Wollen Sie uns veräppeln?“, schoss es ungefiltert aus Sarah heraus. „Rothaarige brauchen mehr Narkosemittel?“

Das Grinsen in Thomas` Gesicht und das verschmitzte Kräu­seln der Lippen seitens Schwarz machten Sarah ihren Faux­pas bewusst.

„Entschuldigung“, stammelte sie. „Ich wollte nicht…also kei­­neswegs war es meine Absicht…“

Schwarz schob anstatt einer Antwort die Whiskyflasche über den Tisch.

„Nehmen Sie sich noch einen“, forderte er Sarah auf, und es fiel ihm sicht­lich schwer, einen Lachanfall zu unterdrücken. Zwar hat­te Sarah sofort begriffen, dass sie dem Rechts­mediziner keines­falls auf den Schlips getreten war. Be­züg­lich des Wahr­heits­gehalts seiner Aussage war sie aber immer noch nicht über­zeugt, ob er ihr einen Bären aufbinden wollte. Schwarz schien ihre Gedanken zu lesen.

„Ja, meine liebe Frau Hansen, das ist wirklich so. Dabei führt eine Mutation auf Chromosom 16 zur Veränderung des Me­lanocortinrezeptors. Der Rezeptor wird blockiert und das hat zwei Auswirkungen: Erstens, das Pigment Phäomelanin, das zur roten Färbung der Haare führt, wird vermehrt herge­stellt. Zweitens, durch die Blockade kann Melanocortin nicht mehr an dem spezifischen Rezeptor andocken und deswe­gen seine schmerzreduzierende Wirkung nur zum Teil ent­falten. Witzig, oder?“

„Ja, tatsächlich witzig“, antwortete Sarah und schob den Dal­whinnie erleichtert zurück.

Kapitel VI

Stefan Wellner stand am Fenster und folgte mit seinen Blicken den Flocken, die im Wind umherstieben, um nach et­lichen Kapriolen zu ihresgleichen auf den Boden zu fallen und die dichte, weiße Pracht um ein weiteres winziges Stück­chen anwachsen zu lassen. Während er an seiner Богатыри sog und den Rauch mit viel Luft inhalierte, schweif­­te sein Blick über die friedliche, fast märchenhaft an­mutende Park­anlage des Anwesens. Der mittlerweile sicher einen Drei­viertel­meter hoch liegende Schnee verwischte die Konturen der Beete, Sträucher, Bänke und Wege, so dass nicht zu er­kennen war, wie verwahrlost sich der riesige Gar­ten tat­säch­lich darstellte. Die Besitzer des Schlösschens, Well­­­ners Ar­beits- und Auftraggeber, hatten kein Interesse daran, ih­ren Besitz in das preziöse Kleinod zu ver­wan­deln, das es mit ein wenig Aufwand wieder hätte wer­den können. Eigentlich eine Schande, dachte Wellner, denn er hatte etwas übrig für malerische Plätze. Und man musste weiß Gott kein Fach­mann sein, um das Potential dieses ab­gelegenen Orts zu er­ken­nen. Die Frage, warum eine solche Anlage zehn Kilo­me­ter von der nächsten Behausung inmit­ten der fast mys­tischen Tannenhaine des Schwarzwalds er­richtet worden war, hatte ihn beschäftigt, aber nicht so sehr, als dass er sich die Mühe gemacht hätte, einmal etwas über die Geschichte des Hauses zu googeln. Darüber, warum es perfekt geeignet für die Machenschaften seiner Bosse war, brauchte er nicht lange zu sinnieren. Sein Blick blieb an dem Mercedes G hän­gen, den er am Vorabend mühsam vom Schnee befreit hatte. Noch war er gut zu erkennen, sollte es aber so weiter­schneien, würde es abermals sehr viel Mühe kosten, ihn wieder frei­zuräumen, ganz zu schweigen von der Auffahrt, die er dank der extremen Offroad Eigenschaften des Gefähr­tes hatte benut­zen können, ohne zuvor die motor­getriebene Schnee­fräse einsetzen zu müssen. Am bes­ten war es, er über­wand seine Unlust, das Haus zu verlas­sen und machte sich die Mühe, den Mercedes in eine der zahl­reichen Garagen zu stellen. Lieber jetzt noch einmal raus in die Kälte und am nächsten Tag ein schneefreies Fahrzeug vorfin­den, als in Herr­­gottsfrühe das Auto auszugraben. Immerhin wur­de die Verbindungsstraße regel­mäßig geräumt, aber die gut andert­halb Kilometer bis dahin vom Schnee zu befreien, stellte einen nicht zu unterschät­zenden Aufwand dar. Die Vor­stellung, bei diesem Wetter mehrere Stunden hinter der Frä­se herzu­gehen, nur um das möglicherweise drei Tage spä­ter erneut tun zu müssen, miss­fiel Wellner sehr. Er hatte sogar überlegt, zu einem Baumarkt zu fahren, um den G mit einer Art Sperrholzpflug auszustatten und zweimal am Tag den Weg bis zur Land­straße abzufahren. Aber dies wieder­um hät­te ein deutlich ausgeprägteres Geschick erfordert als je­nes, über das er selbst verfügte, und so hatte er den Gedan­ken schnell ad acta gelegt.

Ein Holzscheit, der hinter ihm im Kachelofen lautstark knack­­te, lenkte seine Aufmerksamkeit weg von der winter­lichen Land­schaft drau­ßen zurück in den Raum, in dem er sich befand. Er trat neben seinen massigen Hochlehner und drückte den Stum­mel sei­ner russischen Zigarette in einem Messingascher aus. Dann nahm er sich den Stapel an Rei­se­pässen, der auf dem riesigen Eichenschreibtisch lag, setzte sich in den thronarti­gen, reich verzierten Stuhl und begut­achtete das oberste der Doku­mente.

Maria Palijewa, siebzehn Jahre alt. Geboren in Boriwske, Ukra­ine. Haare mittelblond, Augen blau, Größe 1,69 m.

Das Bild in dem Pass zeigte ein etwa fünfzehnjähriges, auf­fallend hübsches Mädchen, das unbekümmert in die Linse der Kamera lächelte. Vor seinem inneren Auge sah Wellner die junge Frau, die gemeinsam mit den anderen zwei Ukra­inerinnen zwei Stockwerke über ihm in der „Wohnung“ ein­gesperrt war. Die ungefähr zwei Jahre, die seit Aufnahme des Fo­tos im Ausweis vergangen waren, hatten Maria reifen lassen, ohne sie ihrer natürlichen Schönheit zu berauben - im Gegen­teil!

Wellner atmete tief durch, legte den Pass beiseite und blät­terte in dem nächsten.

Daria Kowalewa, dreiundzwanzig. Haarfarbe braun, Augen braun, Größe 1,73. Ebenfalls aus einem Ort in der Ukraine, von dem er nie gehört hatte: Tschuhujiw, etwa vierzig Kilo­meter südöstlich von Charkiw. Und auch sie ein echter Hin­gucker, aber das waren sie schließlich alle. Zumindest die­je­ni­gen, die seine Bosse als „im fickbaren Alter“ bezeich­neten. Dies galt nach Wellners Maßstäben allerdings für das nächs­te Mädchen nicht:

Tiana Vasileva, dreizehn Jahre alt, Haarfarbe rot, Augenfarbe grün, 1,53. Geboren in Targowischte, Bulgarien. Zu sehr Kind, als dass man von sexueller Attraktivität sprechen könnte. Aber nicht unansehnlich. Und Wellner wusste, dass sie ihrer Haarfarbe wegen eine „Bestellung“ war und der Kunde auch nicht vorhatte, sie wegen sexueller Dienstleistung zu ordern. Oder zumindest nicht ausschließlich. Sein Vorhaben war wohl weitaus perverser, denn er hatte den Full Service ge­bucht. Dies bedeutete, dass er sie zu gegebener Zeit zu­rück­geben würde, ohne dass ihr Zustand dabei eine Rolle spielte. Wellner war lange genug im Geschäft, um nahezu voll­kommen abge­härtet zu sein, doch in ihrem Fall hatte er einen leichten Kloß im Hals, denn er wusste, dass er das Mädchen ver­mutlich endgültig entsorgen musste…wie schon so manche junge Frau zuvor.

Nermina Suthampong, die kleine Thai aus Pattaya blickte ihm aus dem nächsten Dokument entgegen, einundzwanzig Jah­re jung, 1,56 groß, Haare schwarz, Augen dunkelbraun. Sie war wohl das Mädchen, in das sich Wellner verliebt hätte, wä­re sie nicht Ware seiner Auftraggeber gewesen. Die sie­ben­undzwanzig Jahre Altersunterschied hätten ihm nun wirk­lich nichts ausgemacht! Er warf die restlichen fünf Rei­se­pässe auf den Tisch vor sich, griff zu der Flasche Mineral­wasser, schenkte sich ein Glas ein und leerte es in einem Zug.

Wellner wandte seine Aufmerksamkeit einem Stapel ande­­­rer Dokumente zu. Dass er Importware entgegen­nahm, ver­­sorg­­te und bei Laune hielt, um sie bei Abruf weiterzu­schleu­sen, war seinerzeit der Bestandteil der geschäftlichen Abma­chung gewesen. Eine Abmachung, die ihm aufge­zwun­­gen wurde, nachdem er bei den falschen Leuten Schul­den ge­macht hatte. Das Modell habe bereits Schule gemacht, er könne durch seine Arbeit den erheblichen Geldbetrag, mit dem er bei den Männern aus Russland in der Kreide stand, recht schnell abarbeiten, sozusagen als eine Art Fran­chise­nehmer. Widerwillig, aber ohne erkennbare Alternative hat­te er angefangen, zumeist einzelne junge Frauen bei sich auf­zu­nehmen. In der Regel blieben sie nur einige Tage, bis sie von ebenso unangenehmen Männern wieder abgeholt wur­den, wie die, die sie zuvor bei ihm abgeliefert hatten. Nicht nur die Schuldenlast konnte er so bedienen, er bekam auch Spe­sen, die ihm erlaubten, sein bescheidenes Leben zu finan­zieren. Mit der Zeit schien das Geschäft zu expandieren: Die Lie­ferungen kamen regelmäßiger und öfter. Die Männer wa­ren nach und nach besser gekleidet, und die Fahrzeuge, mit denen die Mädchen gebracht wurden, sahen teurer aus. Als zum ersten Mal zwei junge Damen gleichzeitig bei ihm ab­geliefert wurden, hatte er sich getraut, nachzufragen, wann denn sei­ne Schuldigkeit getan sei. Mehr aus Neugier, denn er hatte bereits zuvor darüber nachgedacht, was er wohl tun möge, wenn das auch für ihn immer einträglichere Geschäft eines Tages ein Ende haben würde. Seine Gläubiger hatten dies wohl in den falschen Hals bekommen, denn tags darauf tau­chten wieder zwei von den unangenehmeren Typen bei ihm auf und machten ihm klar, dass es voll­kommen uner­heblich war, ob er noch etwas schuldig sei oder nicht. Er sei mittler­weile Teil der Familie, семья́, wie ihn der Schläger wis­sen ließ, und als ob ihre physische Präsenz nicht genug Nach­druck verlieh, zog er auch noch zwei Fotos aus der Ta­sche. Auf dem einen war Wellner mit einer seiner jun­gen Gäs­te zu sehen, wie sie zusammen einen Einkaufswagen scho­ben. Sofia, er erinnerte sich gut an sie. Auf dem zweiten Bild war sie nur schwer zu erkennen und Wellner hatte Mü­he gehabt, sie überhaupt zu identifizieren, so übel zu­ge­richtet war sie.

„Sie war erst fünfzehn und wird aussagen, du seist das ge­wesen, und zwar als du sie zum Sex gezwungen hast“, hatte der Mann ihm mitgeteilt, und auf seinem Sackgesicht, so wie Wellner es beschreiben würde, hatte sich ein breites Grinsen breitgemacht.

„Und außerdem, was willst du, Towarischtsch? Du verdienst doch gut Geld damit, oder?“

Der Gedanke an den darauffolgenden Schlag auf seine Schul­­­­ter ließ ihn heute noch zusammenzucken. Nicht auszu­denken, wenn ihn das Sackgesicht mit seinen kochtopf­gro­ßen Fäusten aufgemischt hätte. Natürlich hatte Wellner sei­ne weitere Mitarbeit versichert und das nicht nur wegen der un­verhohlenen Drohungen. Er hatte schließlich längst begrif­fen, dass er sich des Menschen­handels strafbar gemacht hatte und außerdem war seine Tätigkeit tatsächlich mittlerweile sehr einträglich. Trotzdem musste er sich eingestehen, dass er seinerzeit ziemlich cleveren Geschäftsleuten auf den Leim gegangen war, die genau wussten, was sie taten und welche Knöpfe sie drücken mussten.

Als sie schließlich nach etwa acht Jahren die Tätigkeiten in das Schlösschen verlegten, hatte er praktisch immer mindes­tens drei Mädchen zu betreuen, die mitunter auch mehrere Wochen in dem Anwesen verbrachten. Zu diesem Zeitpunkt begannen auch die Partys, bei denen in unregelmäßigen Abständen offensichtlich sehr gut betuchte Gäste auf das Schloss kamen und ein Wochenende lang ihre sexuellen Fan­tasien ausleben konnten. Nur wenige Monate nachdem Well­ners Arbeit in das Schloss verlegt worden war, wurde ihm zum ersten Mal die Aufgabe zu­teil, eine junge Frau, die kurz zuvor aus seiner Obhut abge­holt worden war, ver­schwinden zu lassen. Ein Betriebsunfall, hatte man ihm ge­sagt, doch da es nicht bei dieser einen bleiben sollte, wurde ihm schnell klar, dass seine семья́ ihr Angebot erweitert hatte und nun die abscheulichsten, perversesten Bedürfnisse ihrer Klientel bediente. Die Be­zeichnung full service hatte sich bei der Be­spre­chung in sein Hirn gefressen, bei der er zwei Mitglieder aus der Führ­ungsriege kennenlernte. Einen smar­ten Busi­ness­man, der rein äußerlich eher ein Oligarch zu sein schien als ein Mit­glied der russischen Mafia. Und ei­ne eben­so wir­kende Rus­sin, atemberaubend schön, viel­leicht Mitte drei­ßig, die so eis­kalt über Ware, Termine und Service sprach, dass es selbst den mittlerweile abgebrühten Wellner anekelte und er sich fragte, wie eine Frau derartig grauen­volle Taten an anderen Frauen nicht nur zulassen, sondern sogar orga­ni­sieren konnte. Zu die­sem Zeitpunkt war er so tief verstrickt in die Ma­chen­schaften und verdiente so viel Geld, dass an ein Aufhören nicht mehr zu denken war – selbst wenn sich dann und wann der zarte, schwer zu hörende Ruf eines noch rudimentär vor­handenen Gewissens bei ihm regte.

Der Ordner, den er jetzt aufgeschlagen vor sich gelegt hatte, stand für eine zweite Änderung in dem geschäftlichen Ge­baren. Waren in den ersten Jahren nur Frauen aus dem Osten hergebracht worden, gelegentlich auch aus asiatischen Län­dern, wurden seit geraumer Zeit zusätzlich Mädchen und Jungen in dem Anwesen untergebracht, die aus mittel- und west­eu­ropäischen Staaten stammten und nach der hiesigen Zwi­schenstation ihren Weg in andere Länder nahmen, vor­wie­gend in den Nahen Osten, aber auch nach Russland und Nord­amerika. Die Anzahl der Bestellungen gezielter Phä­no­typen war im Laufe der Zeit deutlich ge­stiegen. Und um ge­nau solch eine Bestellung handelte es sich bei dem Ordner, des­sen Inhalt er jetzt vor sich ausbreitete. Genauer gesagt war diese Akte schon weit in der Bear­bei­tung vor­ange­kommen, denn einer der Beschaffer hatte bereits ein Opfer aus­gespäht, das den Kriterien entsprach. Die Beschaffer wa­ren Männer und Frauen, deren echte Namen nur Wellner kann­te. Die Kommunikation lief über Pre­paid­handys, die nach jedem Einsatz vernichtet wurden, und zu Gesicht be­kam er sie nur bei der Übergabe von Unter­lagen oder der Ware. Diese Übergaben fanden an unter­schied­lichen Treff­punkten statt und Wellner wusste, dass die Be­schaffer keine Ahnung von der Existenz dieses Anwesens hatten. Genau­sowenig wie die Schleuser, die die Mädchen oder – wie in diesem Fall – Jungs, an anderer Stelle entge­gennahmen, um sie ihrem Ziel näher zu bringen. Näher­ bringen deshalb, weil auf dieser Reise mindestens zweimal eine Übergabe statt­fand. Wellner hatte sich seinerzeit über­legt, warum die­ses Ri­siko eingegangen wurde, doch irgend­wann hatten es ihm sei­ne Chefs erklärt: Zum einen wurde dadurch deutlich er­schwert, dass nach einer Verhaftung am unteren Ende des Netzwerks die Verbindungen zu den Köpfen und Auf­traggebern verfolgt wer­den konnte. Zum anderen solle er­reicht werden, dass jeder Mitarbeiter auf genau seinem Ge­biet spezialisiert ist – was die genaue Ortskenntnis mit einbe­zog. So kannte jeder Einzel­ne Risiken und Vorteile bestimm­ter Streckenab­schnitte und konnte gegebenenfalls schnell über Alter­na­tivrouten ent­schei­den. Diese Erklärungen leuch­­teten Well­ner immer noch ein. Aber auch horizontal war das Netz vor Aufdeckung bestens abgesichert, so musste er selbst dafür sorgen, dass die Beschaffer, die sich unter­ein­ander nicht kann­ten, niemals treffen durften. Die Prepaid Handys, die er stets zuge­schickt bekam, durften auf keinen Fall in dem Schlösschen und im Umkreis von dreißig Kilo­metern eingeschaltet wer­den. Sollte einmal ein Handy in die Hände der Ermittlungs­behörden fal­len, war so sichergestellt, dass eine nachträg­liche Aus­wertung der Verbindungen und der Funkzellen nicht in die Nähe des Hauses führen würde. Überhaupt war er verpflich­tet, für die mobile Kommu­ni­kation jedes Mal unterschied-liche Stellen aufzusuchen, was einen erheblichen Fahrauf-wand bedeutete. Aber so konnte man die Polizei im Fall der Fälle zuverlässig vom Vertei­lerzentrum, wie er seinen Wir­kungsbe­reich nannte, fern­zu­hal­ten. Das Anwesen und seine Person stellten natürlich grund­­sätzlich einen sehr sensiblen Knoten dar, deswegen waren die Versicherungen seine Loyalität betreffend auch ent­­sprech­end scharf gewählt.

Die Bilder des Jungen, die er vor sich ausgebreitet hatte, zeig­­­ten ein etwa zwölfjähriges Kind mit strohblonden Haa­ren und riesigen, auffallend blauen Augen. Die Fotos, offen­sicht­lich mit einem starken Teleobjektiv aufgenom­men, lie­ßen er­kennen, dass der Junge von zarter Statur war, was sich auch in den feinen Gesichtszügen widerspiegelte. Es musste wohl die andro­gyne Ausstrahlung sein, die den Auftrag­ge­ber ans­prach, vermutete Wellner, der wusste, dass dieser Jun­ge für einen Kunden aus Saudi Arabien ausgesucht wor­den war. Wellner langte in die Brusttasche seines Hem­des, fischte die Packung Богатыри heraus und zündete sich eine der Ziga­ret­ten an. Packung und Benzinfeuerzeug warf er auf den Tisch. Innerhalb der nächsten zwei, drei Tage sollte Juri des Jungen habhaft werden, dann würden sie sich auf einer abseits gelegenen Straße weitab einer Behausung treffen und die Übergabe ver­anstalten. Das Prepaid Handy hatte er be­reitge­legt. Um sech­zehn Uhr war eines der Zeitfenster, um mit Juri Kon­takt aufzunehmen. Sollte er dies nützen, würde er das Mobil­telefon irgendwo auf einem Parkplatz im Süd­schwarz­wald einschalten und fragen, ob Juri schon bereit sei, die Ware zu übergeben. Bewusst hatte man einfachste Se­nioren­handys gewählt, die weder über GPS verfügten noch in der Lage waren, über Schnickschnack wie Skype, Massen­ger oder WhatsApp zu kommuni­zieren. Wellner trat wieder ans Fen­ster. Vor seinem inneren Auge sah er sich mit Schnee­schaufel und Sandblechen bewaffnet Wege ebnen, um mit dem Wa­gen eine Stelle im Nirgendwo auf­zusuchen, nur da­mit er das Telefonat führen konnte. Miss­mutig blickte er auf das Handy. Hier würde er es gemäß den Anwei­sun­gen kei­nes­falls einschal­ten! Aber sein Entschluss stand fest. Er würde heute keines­falls mehr das Haus verlas­sen. Der nächs­­te Ter­min für ein Telefonat wäre übermorgen. Früh ge­nug, um nach­zufragen, wann er mit der Übergabe rechnen konnte! Also legte er das Handy zurück auf den Schreibtisch.

Stattdessen nahm er sich aus dem Stapel der Reispässe den thai­ländischen, klappte ihn auf und betrachtete Nerminas Bild. Mit dem Finger strich er über die Wange und den Mund und begann unwillkürlich, tiefer zu atmen. Und als sich un­ter­halb seines Gürtels etwas zu regen begann, legte er den Pass auf den Tisch und verließ den Raum in Richtung des Ba­dezimmers.

„Dann wollen wir uns John Doe mal ansehen“, sagte Dr. Schwarz nüchtern und trat an die Kühlfächer. „Schieben Sie bitte mal den Wagen dort herüber?“, bat er Thomas Bier­man und öffnete die ihm nächstgelegene Edelstahltür. Der Poli­zist ging zu dem einige Meter entfernt stehenden Roll­wagen, nahm kurz Maß und gab dem Gestell einen wohl­dosierten Tritt, der es in Richtung des wartenden Rechtsme­diziners be­wegte. Dieser machte einen Schritt zur Seite und beob­achtete gespannt, wo das Gefährt wohl zum Stillstand kom­men wür­de. Er schnalzte anerkennend mit der Zunge, als es exakt vor dem offenen Kühlfach fast genau senkrecht dazu aufhörte, sich zu bewegen. Sarah, die die Szene ungläubig beobach­tete, schüttelte nur den Kopf und ver­drehte die Augen. Das ge­zisch­te Männer war gerade noch laut genug, dass Thomas und der Arzt es hören mussten. Ohne sich da­von beirren zu lassen, rückte Schwarz den Rollwagen die letzten Zentimeter zurecht und zog eine mit einem weißen Tuch abgedeckte Bahre auf das Transport­mittel. Er schob den Leichnam neben den Obduktionstisch, nahm drei Gum­mi­schürzen von einem Kleiderhaken und griff nach einer Packung ellenbo­gen­langer Handschuhe. Er streckte die Schutz­­kleidung Sarah und Tho­mas entgegen.

„Wenn Sie mir bitte kurz zur Hand gehen würden?“, bat er, legte sich die verbleibende Schürze um und stülpte sich die Handschuhe über.

„Keine Sorge, der Leichnam ist bereits gewaschen. Es wird also keine allzu große Sauerei, wenn wir ihn rüberheben.“

Thomas nahm eine der Schürzen entgegen, legte sie an und warf Sarah, nachdem sie ebenfalls die Plastikbändel auf dem Rücken zu einer Schleife gebunden hatte, zwei der Hand­schuhe zu. Sie fing sie geschickt auf und blies, dem Beispiel ihrer Kollegen folgend, erst einmal hinein, bevor sie die Hän­de und Unterarme hineinsteckte.

„Fertig?“

Sie nahmen Aufstellung an dem Leichnam, Schwarz an den Füßen, Sarah am Kopf und Thomas auf Höhe der Hüfte.

„Auf drei! Eins, zwei, drei!“

Gemeinsam wuchteten sie den Toten auf den Obduktions­tisch. Sarah wartete mit dem Ablegen des Kopfes, bis Schwarz eine Art Nackenstütze untergeschoben hatte, dann trat sie neben ihren Partner.

„Genau genommen hätten Sie gar nicht herkommen müs­sen. Spektakuläres werde ich nicht zu berichten haben. Au­ßer­dem sind die Umstände hinreichend geklärt, oder? Nicht, dass ich Ihre Anwesenheit nicht schätze.“

Sarah schmunzelte.

„Sehen Sie keine Krimis? Da tauchen die Ermittler doch auch regelmäßig in der Rechtsmedizin auf, nur um ein Detail zu erfahren, das man auch am Telefon hätte mitteilen kön­nen. Wir halten uns einfach an die Klischees.“

Dr. Schwarz lächelte.

„Irgendwann, lieber Bierman“, sagte er, „wird sie Sie an Schlagfertigkeit überbieten. Und ich freue mich schon da­rauf, das zu erleben.“

Thomas zuckte nur die Schultern und half dem Mediziner, das Laken in Richtung der Füße zu falten und legte es auf einen Beistelltisch.

„Eigentlich ist der einzige Grund für unsere Anwesenheit sicherzustellen, dass Sie als erstes die Fingerabdrücke und ei­ne DNA-Probe neh­men, so dass wir mit der Identifizierung weiterkom­men“, frotzelte er, doch Schwarz ging nicht da­rauf ein. Stattdessen griff er hinter sich, legte ein Diktiergerät neben den Toten und schaltete es ein.

„Obduktion eines unbekannten Toten im Beisein zweier Ner­­­­vensägen von der Kripo Freiburg. Größe etwa ein Meter fünfundsiebzig, Gewicht zirka achtzig Kilo. Alter zwischen fünfundvierzig und fünfundfünfzig.“ Er stoppte die Auf­nahme und zeigte auf den Kopf der Leiche.

„Kaukasischer Typ. Sehen Sie die Physiognomie. Ich tippe auf einen Einheimischen. Wenn das kein Schwarzwälder ist! Schauen Sie es sich gut an, das kommt dabei raus, wenn über Generationen…naja, also wenn irgendwann jeder sein ei­ge­ner Onkel ist. Das liegt daran, dass die ganzen Täler in der Um­gebung früher im Winter über Monate vom Rest der Welt abgeschot­tet waren. Und dafür“, er wies auf den deutlich aus­ge­prägten Kropf des Toten, „ist der Jodmangel verant­wortlich, unter dem die Menschen in dieser Region zum Teil selbst heute noch leiden. Zu­min­dest, wenn sie kein jodiertes Speisesalz im Supermarkt kau­fen.“

Sarah, die ihre anfängliche Zurückhaltung abgelegt hatte, beugte sich vor, betrachtete den Leichnam eingehend, mus­terte dann ihren Kollegen und antwortete:

„Ja, ich verstehe, was Sie meinen.“

Sie lächelte die beiden Männer keck an. Unterdessen schal­tete Schwarz das Diktiergerät erneut ein und fuhr fort.

„Multiple Stichverlet­zungen an der Vorderseite des Torsos. Ich zähle mal die Mes­serstiche, die zweifelsohne zum Able­ben des Mannes ge­führt haben. Zwo, vier, sechs, acht, naja Nummer Neun und Zehn sind etwas abgerutscht. Aber die zählen noch!“

„Strike“, kommentierte Thomas schamlos und Sarah schüt­tel­te den Kopf.

Schwarz zwinkerte ihr zu.

„Außer den Messerstichen keine Auffälligkeiten an der Vor­derseite.“

Er besah sich die Hände und Füße des Toten, prüfte die Be­weglichkeit sämtlicher Gelenke und griff wieder zum Mikro.

„Bei äußerer Beschau keine Frakturen oder andere Ver­let­zungen feststellbar.“

Er öffnete den Mund des Toten und leuchtete mit einer Ta­schen­lampe in den Rachen.

„Atemwege sind, soweit von außen einzusehen, frei. Spuren von Blut in den Atemwegen und in der Speiseröhre lassen Verletzung von Lunge sowie Magen durch die Messerstiche vermuten. Und ich sehe Herrn Bierman an, dass er ganz drin­gend auf die Fingerabdrücke wartet.“

Schwarz bemerkte Sarahs hochgezogene Augenbrauen und meinte:

„Ich bin doch eh der Einzige, der sich das nochmals anhört. Außer meiner Sekretärin natürlich, die das abtippt. Aber sie ist erfahren genug, um den Blödsinn bei der Niederschrift weg­zulassen. Das Besteck für die Fingerabdrücke ist da drü­ben in der ober­s­ten Schublade.“

Während der Rechtsmediziner Augen, Nase und Oh­ren des Verstorbenen untersuchte, holte Sarah das Tin­ten­kissen, den Farbroller sowie ein Klemmbrett, auf dem sich ein Blanko­formular für die Abdrücke aller zehn Finger be­fand. Ohne Schwarz zu behelligen oder Thomas um Hilfe zu bit­ten, be­gann Sarah, die Fingerabdrücke des Toten zu ne­hmen. Schwarz sah ihr einige Momente interessiert zu, blickte schließlich zu Thomas und sagte:

„Gute Frau, die Sie da an Ihrer Seite haben! Daumen hoch!“

Thomas nickte und lächelte seiner Partnerin anerkennend und aufmunternd zu, während Schwarz die Beweg­lich­keit des Genicks überprüfte. Dann legte er den Kopf wie­der ab und diktierte weiter.

„Beweglichkeit des Atlanto-okzipital-Gelenks und der At­lan­to-axial-Gelenke liegt innerhalb der Norm und lässt auf keine Verletzung in diesem Bereich schließen. Öffnungen des Caput sind frei und ohne Befund.“

Schwarz trat zu dem Seitenschrank und entnahm diesem einen dünnen Edelstahlstab mit Maßeinheiten sowie einen ebenfalls metallenen Winkelmesser. Den Stab führte er vor­sichtig in die unterste der Stichwunden ein. Als sich das Mess­instrument nicht weiterbewegen ließ, wandte er sich an Sarah.

„Halten Sie mal bitte?“

Sie tat wie geheißen. Schwarz legte jetzt den Winkelmesser an und las die Skalen ab. Dann schaltete er abermals das Mi­kro ein.

„Wunde eins im rechten Oberbauch, Tiefe etwa achtzehn Zen­­timeter, Breite etwa drei Zentimeter, dreiundzwanzig Grad aufwärts geneigt. Ver­mut­lich Perforation der Lun­ge.“

Er nahm einen Permanent Marker aus der Kitteltasche, um­kreiste die Wunde und schrieb eine Eins daneben. Er zog den Messstab heraus und machte sich daran, die zweite Wunde auf dieselbe Art und Weise auszumessen. Nach und nach ver­­maß und nummerierte er mit Sarahs Assistenz die übri­gen Verletzungen, während Thomas seiner Partnerin zu­s­ah und es sehr zu schätzen schien, wie unerschrocken und selbst­verständlich sie dem Rechtsmediziner zur Hand ging. Als dieser den letzten Kommentar zu den Wunden ins Mikro gesprochen hatte, nahm Thomas die Beweismitteltüte, die den extravaganten Dolch enthielt, aus seiner Aktentasche und reichte sie dem Doktor.

„Nur des Protokolls wegen: Können die Wunden von die­sem Dolch hervorgerufen worden sein?“

Schwarz besah sich die Waffe.

„Interessantes Teil!“, sagte er. „Ja, das passt gut. Sehen Sie am Heft ist die Klinge ungefähr die drei Zentimeter breit, wie es die tiefsten Wunden ebenfalls sind. Die weniger tiefen sind auch schmaler, was der konischen Form der Klinge zuzu­­­schrei­ben ist. Und hier finden sich noch die beiden ku­gel­för­migen Ornamente, die am Ende rechts und links aus dem Heft nach vorne stehen. Die haben bei den tiefen Wun­den Spuren hin­terlassen. Passt also perfekt.“

„Okay, hatten wir ja vermutet“, bemerkte Sarah. „Wie kann eine etwa ein Meter fünfzig große Person diesem Mann die Verletzungen beigebracht haben?“

Schwarz dachte nach, doch bevor er eine Vermutung aus­sprechen konnte, ergriff Thomas das Wort.

„Wenn sie auf dem Rücken lag und er auf ihr saß, etwa auf Höhe der Oberschenkel. Würde ein Stich etwa zu diesen Ver­letzungen führen? Zumindest zu einer oder zwei?“

Schwarz lächelte.

„Reicht es, sich das vorzustellen? Ansonsten…“, er sah Sa­rah an und wies auf einen freien Obduktionstisch. „Wenn Sie so freundlich wären.“

Auch diesmal zögerte Sarah keine Sekunde, trat an den Edel­­­­stahltisch, zog sich hoch und legte sich der Länge nach darauf.

„Worauf wartest du?“, fragte sie Thomas, der kaum merk­lich mit den Schultern zuckte und sich dann rittlings auf Sa­rahs Beine setzte.

„Und jetzt tun Sie so, als ob Sie ein Messer in der Hand hät­ten und stechen Sie zu“, ermunterte Schwarz die amüsiert drein­schauende Sarah. Thomas, dem die verfängliche Posi­tion nicht ganz so egal zu sein schien, nickte seiner Partnerin zu. Sarahs Faust landete deutlich über dem letzten Rippen­bogen.

„Rutschen Sie noch etwas höher und beugen Sie sich etwas nach vorne“, wies Schwarz Thomas an, der der Auffor­de­rung prompt nachkam. Dieses Mal kam Sarahs Hand der Po­sition der ersten Wunde deutlich näher.

„Und wenn wir zusätzlich in Betracht ziehen“, sagte Schwarz, „dass das rothaarige Mädchen etwa zehn Zenti­meter kleiner ist als Sie, Frau Hansen, dann wäre es zumin­dest im Bereich des Möglichen, dass so die Verletzungen entstanden sind.“

„Zwanzig“, sagte Sarah, während Thomas von ihr herunter­stieg. „Ich bin zwanzig Zentimeter größer als das Mädchen.“

„Entschuldigung“, lächelte Schwarz. „Wie dem auch sei, so kann es gewesen sein. Wie kommen Sie auf diese Pose?“

„Wir haben Videomaterial gesichtet, wo er hier“, Sarah wies auf den Toten, „genau diese Position einnimmt und so eine Art Ritual auf Latein durchspielt. Dabei hat er den Dolch auf die Brust des Mädchens gelegt. Ich vermute, diesen Moment hat die Kleine genutzt und sich die Waffe gegrif­fen.“

Schwarz runzelte die Stirn.

„Aber wie sie zusticht, ist nicht auf dem Video zu sehen?“

„Nein“, schüttelte Thomas den Kopf. „Die Szene ist dreimal auf Band. Offensichtlich hat er ein paar Mal geübt. Und be­vor er es richtig machen wollte, ist ihm die Kleine in die Que­re gekommen. Warum er ausgerechnet da die Kamera nicht eingeschaltet hatte, ist uns allerdings schleierhaft. Wahr­schein­­­­lich hat er es schlicht vergessen.“

Der Rechtsmediziner hob den Zeigefinger.

„Ich denke, er hatte ohnehin vor, es noch einige Male durch­zuspielen. Bei dem tatsächlichen Akt, die dem er das Mäd­chen letztendlich umgebracht hätte, wäre ihm das sicher nicht passiert. Mit dem Üben habe ich meine Zweifel. Viel­leicht wollte er den Moment einfach öfters genie­ßen. Ihm muss­te ja klar sein, dass es, wenn sie tot ist, mit dem Spiel vorbei ist.“

„Trotzdem glauben wir, dass es eher eine Art Übung war“, wandte Sarah ein. „Sonst hätte er das Mädchen nicht betäubt. Hätte er den Kick mehrfach haben wollen, hatte er sie bei vol­lem Bewusstsein der Tortour unterzogen, ohne sie final zu töten.“

„Die Macht über den lebendigen Leib, den er vor sich hatte, würde ihm ein unglaubliches Gefühl, ein berauschendes Hor­monbad bereitet haben, von dem ihm ver­mutlich be­wusst war, dass er es so schnell nicht wieder­erlangen konn­te“, ergänzte Thomas. „Vergessen wir nicht, bei aller Perver­sion, der Mann war ein des rationalen Denkens fähiger Mensch. Wenn es nicht das erste Mal gewesen ist, dass er so etwas durchgezogen hat, wusste er aus Erfahrung, dass die Vi­deoaufnahmen zwar deutlich besser die Stimmung und Ge­fühle beflügeln als die reine Visualisierung mittels der eige­nen Erinnerung. Aber an das Ausführen des Aktes so­zusa­gen live kommt das nicht heran. Die Motivation zu er­mitteln, die Opferung dreimal durch­zuspielen, ist jedoch kei­ne unserer vorrangigen Fragen.“

„Da haben Sie sicher Recht“, sagte Schwarz. „Helfen Sie mir, ihn herumzudrehen?“

Sarah und Thomas traten an den Tisch, wo Schwarz den To­ten bereits vorbereitete. Als ob er ihn in eine stabile Sei­tenlage bringen wollte, drehte er den Leichnam erst am Be­cken und schob den rechten Arm so weit, wie es ging, da­runter. Dann winkelte er das linke Bein an, platzierte die lin­ke Hand rechts neben dem Hals und hebelte ihn mit dem angewinkelten Bein über den rechten Arm. Sarah führte den Kopf, Thomas zog den Arm unter dem Körper hervor.

„Oha!“, ließ Schwarz verlauten. Das ist interessant!“

Die beiden Polizisten blickten sofort auf den Toten, um he­rauszufinden, was Schwarz‘ Aufmerksamkeit auf sich gezo­gen hatte. Sarah erkannte gleich, was er meinte.

„Da ist ein Stich rechts neben der Wirbelsäule“, sagte sie. „Und ich wage zu behaupten, dass dies der erste ist. Der Tote hat nicht vergessen, für den nächsten Take die Kamera ein­zu­schalten. Unmittelbar nach der letzten Aufnahme hat sich die junge Frau den Dolch gegriffen, der neben ihr in dem Al­tar steckte und ihn damit von hinten angegriffen. Er hat sich ver­letzt herumgedreht und dann wurden ihm die zahl­rei­chen Stiche von vorne beigebracht. Ist die Wunde tief?“

Schwarz nahm wieder sein Besteck zur Hand.

„Allein an der Breite kann ich sehen, dass sie die komplette Klinge versenkt hat. Und da sind auch die beiden Abdrücke der Kugeln“, sagte er vorab. Vorsichtig schob er den Mess­stab in die Wunde.

„Ja, sogar ein bisschen tiefer, als die Klinge lang ist. Da hat sie mit großer Wut zugestochen. Und das weiche Gewebe unter dem Rippenbogen hat nachgegeben, so dass sie die Klinge, nachdem das Heft am Körper aufsetzte, noch ein Stück weiter hineintreiben konnte. Richtung und Winkel nach hat sie da schon die Lunge perforiert.“

„Tapferes Mädchen“, entfuhr es Sarah.

„Ja, eine so schmächtige junge Frau, die sogar noch unter Drogen stand, muss schon einen ziemlich starken Willen auf­gebracht haben, um einen ausgewachsenen Mann zu über­wältigen. Aber klar: Als ihr Peiniger nach dem ersten Stich in den Rücken noch stand und sich herumgedreht hat, wird sie in Panik auf ihn eingestochen haben. Deswegen auch die hohe Anzahl der Stiche.“

„Wie dem auch sei“, sagte Thomas, „was die Ereignisse von letzter Nacht angeht, sehen wir schon deutlich klarer. Aller­dings nicht, was die Identifizierung angeht. Was sagten Sie? Einheimischer?“

„Womöglich der Inhaber der Hütte?“, warf Sarah ein. „Liegt doch sehr nah. Schließlich war das keine herunter­gekom­me­ne Ruine, sondern ein funktionelles Blockhaus in einem gu­ten Zustand. Und wer sonst könnte so etwas über einen längeren Zeitraum und ohne die Gefahr, überrascht zu wer­den, nutzen, als der Besitzer oder Pächter?“

„Wer das ist, werden die Kollegen vielleicht schon heraus­ge­funden haben“, meinte Thomas und zog sich die über­langen Gummihandschuhe aus. „Vielen Dank, Herr Doktor, Sie haben uns mal wieder sehr geholfen!“

Der Rechtsmediziner lächelte.

„Ist mir immer wieder eine Freude!“

„Und? Konnten Sie etwas von dem Mädchen erfahren?“, fragte Thomas Bierman Melanie Escher.

Die Mitarbeiterin des Jugendamts sah übermüdet aus. Ihre Augen waren leicht gerötet, das Haar unfrisiert und sie trug auch noch dieselbe Kleidung wie tags zuvor. Es war klar, dass sie seit dem Zusammentreffen mit ihrer jungen Schutz­befoh­lenen dieser nicht von der Seite gewichen war. Ein zwei­­tes Essenstablett auf dem Besuchertisch und die darauf befindlichen Packungen von Automatensüßigkeiten bestä­tig­ten ebenfalls diesen Ein­druck. Langsam wandte sie den bei­den Polizisten das Gesicht zu, und bevor sie etwas sagen konnte, schob Sarah ein Guten Morgen, Frau Escher. Wie geht es denn der Kleinen und wie geht es Ihnen zwischen. Sie wollte keinesfalls auf derselben Stufe der Sozialkompe­tenz wahr­genommen werden, wie ihr zuweilen ruppiger Part­ner. So konnte sie der Sozialarbeiterin auch ein müdes Lächeln ent­locken.

„Guten Morgen, Frau Hansen, Herr Bierman. Lassen Sie uns kurz auf den Flur gehen“, schlug sie vor.

Thomas und Sarah folgten ihr durch die Tür, die sie offen­ließen, damit die Patientin sie noch sehen konnte.

„Ihr geht es physisch gut“, knüpfte Escher an die Frage an. „Die Unterkühlung ist schad­los über­standen. Blutdruck, Blut­werte et cetera sind allesamt in einem ordentlichen Bereich. Aber, um auf Ihre Eingangs­fra­ge zurückzukommen, gesprochen hat sie bisher nicht. Die Psy­chi­aterin hat einige vorsichtige Versuche mit ihr ge­macht. Zeichnungen, Pikto­gramme, Fotografien und so. Auf Bilder von kleinen Tieren hat sie mit ver­haltenem Lächeln reagiert, auf ein Foto von einem Christ­baum mit leuchtenden Augen. Wir dürfen also anneh­men, dass sie im christlich geprägten Umfeld aufge­wachsen ist. Auf Bilder von Men­schen hat sie nicht wahr­nehmbar rea­giert, sondern ist in der Lethargie ver­harrt, die Sie ja kennen.“

Sarah wies auf das Tablett, das noch auf dem Rollschrank neben dem Mädchen stand.

„Hat sie gegessen? Und auf welche Art und Weise, ich meine, ihren Umgang mit Besteck und so weiter.“

Melanie Escher nickte langsam und nachdenklich, bevor sie antwortete.

„Ihr ist der Umgang mit Messer, Gabel und Löffel vertraut. Sie benutzt das Besteck europäisch, nicht wie ein Ame­ri­ka­ner. Sie hat auch Butter, Streichwurst, Käse und das Ei ganz normal zu sich genommen, so wie Sie und ich das auch tun.

„Schön, dass sie die Nahrung nicht verweigert“, stellte Sa­rah diesen Aspekt in den Vordergrund. „Das hätte auch anders sein können!“

„Ja, das ist im Moment das Wichtigste“, bestätigte die So­zial­arbeiterin und fuhr dem rothaarigen Mädchen mit der Hand über den Kopf.

„Hat sich die Psychiaterin schon dazu geäußert, wie wir an das Mädchen herankommen?“, fragte Thomas, dem die Fortschritte in dem Fall wichtiger zu sein schienen.

Escher schüttelte den Kopf.

„Sie hat nichts Konkretes gesagt. Dass sie Zeit brauche, mehr nicht.“

„Können wir denn irgendetwas besorgen? Ein Stofftier viel­leicht?“, wollte Sarah wissen und die Betreuerin nickte dank­bar.

„Ja, das bringt uns zwar nicht unbedingt weiter, aber erhöht möglicherweise ihr Wohlbefinden. Und es ist gut, wenn sie et­­was Vertrautes in ihrer Nähe hat, sollten wir sie in den näch­­s­ten Tagen aus diesem Umfeld herausnehmen. Ich weiß nicht, wie lange sie noch hierbleiben soll, medizinische Grün­de, außer ihres psychischen Zustandes, liegen jedenfalls kei­ne mehr vor.“

„Dann gehen wir doch mal ein Stofftier kaufen.“

Sarah stupste ihren Partner in die Seite.

„Ein großes!“, bat Frau Escher. „Was zum Kuscheln!“

„Okay.“

In diesem Moment kam ein junger Mann im Pflegeroutfit den Gang entlang. Gutgelaunt warf er dem Trio ein Guten Morgen zu, betrat das Krankenzimmer, schnappte sich das Ta­blett vom Gästetisch und brachte es aus dem Zimmer, um kurz darauf wieder zu erscheinen um sich laut pfeifend das zweite Tablett vom Rollschrank zu nehmen. Sarah und Frau Escher bemerkten sofort die Reaktion des Mädchens, die den Pfleger mit offenem Mund anstarrte und mit großen Augen seinen Bewegungen folgte. Und als er wenige Sekunden spä­ter mit einer Flasche Apfelsaft und einem Eis am Stiel zurück in den Raum kam, immer noch die leicht melancholische Melodie pfeifend, nahm auch Thomas wahr, dass sich das Verhalten der Rothaarigen geändert hatte. Ihr Mund war jetzt geschlossen und mit einem Lächeln auf dem Gesicht summte sie ganz leise die Melodie mit! Der Pfleger stellte das Getränk auf den Rollschrank und reichte dem Mädchen das Eis. Er summte nun ebenfalls, grinste die junge Patientin an und machte sich daran, das Zimmer zu ver­lassen.

„Stopp“, hielt ihn Thomas auf und er wählte Lautstärke und Tonfall so, dass es nicht aggressiv herüberkam. Er trat in den Raum.

„Bleiben Sie bitte noch kurz“, bat er den jungen Mann. „Sin­gen Sie weiter. Mit Text, wenn möglich.“

Gleichzeitig klopfte er mit der flachen Hand auf das Fuß­en­de des Bettes. Der Pfleger verstand sofort, wandte sich dem Mädchen zu, lächelte es an und begann, den Blick­kontakt zu ihr herzustellen. Als sie zurücklächelte, setzte er sich auf das Bett und stimmte das Lied erneut an, dies­mal sang er in einer den anderen Anwesenden unbekannten Spra­che. Das Mäd­chen wiegte den Kopf im Rhythmus und auf einmal sang es ganz leise mit! Niemand wagte, diesen fast innigen, aber fragil wirkenden Moment zu stören, und so sangen die bei­den drei Strophen, bis sie gemeinsam auf ei­nem langen Ton verblieben und das Lied beendeten. Der Pfle­ger fragte das Mädchen etwas in der fremden Sprache, doch sie reagierte nicht darauf. Stattdessen kehrte sie ihre Aufmerksamkeit zurück auf ihr Inneres und drehte den Kopf zur Seite.

Thomas wandte sich dem Pfleger zu.

„Verraten Sie mir, was das für ein Lied war und welche Spra­che Sie mit ihr versucht haben zu sprechen?“, flüsterte er dem jungen Mann zu.

„Das ist ein rumänisches Kinderlied. In der Heimat meiner Eltern kennt das jedes Kind“

„Rumänien“, echote Sarah, die mit Melanie Escher ebenfalls das Zimmer betreten hatte. „Die Kleine kommt also aus Ru­mä­nien.“

Die beiden Polizisten, der Pfleger und die Sozialarbeiterin be­trachteten die Patientin, die die Augen geschlossen hatte und leise, kaum wahrnehmbar die Melodie summte.

„Sie sagten, die Heimat Ihrer Eltern“, brach Thomas das Schwei­­­gen. „Sie sind hier geboren?“

„Ja, aber da zu Hause immer Rumänisch gesprochen wurde und meine Verwandtschaft dort lebt, kann ich es ganz gut“, beantwortete der junge Mann gleich die Frage, die Thomas impliziert hatte.

„Sehr gut!“, meinte Thomas. „Dann werden wir nachher mit Ihrer Stationsleitung sprechen. Wir brauchen Sie jetzt, um eine Beziehung zu dem Mädchen aufzubauen. Machen Sie das über Musik, über Kinderbücher oder auf was auch im­mer sie reagiert. Es wird ständig jemand dabei sein, Frau Escher oder die Psychiaterin oder ein Kollege von uns. Wenn sie etwas sagen sollte, oder auf etwas, das Sie sagen, auffällig reagiert, notieren Sie das und teilen es uns mit. Herr?“

Der Mann deutete auf sein Namensschild.

„Dumitru“, sagte er. „Sie können mich aber gerne Li­viu nennen.“

„In Ordnung, Liviu“, nahm Thomas den Vorschlag an. „Ha­ben Sie noch rumänische Kinderbücher? Märchen­bücher vielleicht? Oder kennen Sie weitere Kinderlieder?“

Der Pfleger überlegte kurz.

„Ja, ich glaube, ich habe eine Kiste mit Kindersachen zu Hau­se stehen. Da dürfte das ein oder andere Buch ebenfalls da­bei ­sein. Meine Frau ist der Meinung, dass, wenn wir mal Kinder haben, sie von ihren rumänischen Wurzeln et­was mit­be­kommen sollten.“

„Können Sie Ihre Frau bitte anrufen?“, übernahm Sarah von ihrem Partner. „Oder ist sie berufstätig? Es wäre schön, wenn wir zeitnah Sachen haben, mit denen Sie arbeiten können.“

„Sie hat noch Resturlaub. Ich rufe sie gleich an!“

„Ich danke Ihnen!“

Der Pfleger lächelte dem rothaarigen Mädchen ein letztes Mal zu und verließ den Raum.

„Jetzt haben wir den ersten Ansatz in diesem merkwürdigen Fall“, stellte Sarah fest. „Zumindest, was die Identifizierung dieser jungen Dame angeht. Wir werden umgehend mit der rumänischen Botschaft Kontakt aufnehmen.“

Sie sah zu dem Mädchen hinüber, das immer noch seinen Blick auf die Tür geheftet hatte, durch die Liviu gerade ent­schwunden war. Ganz offensichtlich hatte die Musik tatsäch­lich eine Art Verbindung geschaffen.

„Konnten Sie schon ermitteln, was der Kleinen zugestoßen ist? Wessen sie Zeuge wurde?“, fragte Melanie Escher Sarah.

„Wir dürfen Ihnen leider keine Details mitteilen“, antwor­tete die­se. „Aber wir können bestätigen, dass sie Dinge er­lebt hat, die sie definitiv traumatisiert haben dürften. Kein sexu­eller Missbrauch, aber sie hat mehrfach Todesangst durch­­­litten.“

„Mein Gott! Das ist ja schrecklich!“

Escher war das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.

„Wurden ihr körperliche Schmerzen zugefügt, die keine Spuren hinterlassen haben?“, fragte sie.

Sarah schüttelte den Kopf.

„Nein, die Misshandlungen waren vorwiegend psychischer Natur.“

Bevor Escher weitere Fragen stellen konnte, öffnete sich die Tür und Liviu betrat wieder den Raum.

„Meine Frau sucht ein paar Sachen zusammen und kommt sofort her“, berichtete er und als er die kleine Patientin an­strahlte, zeigte sich auch in deren Augen ein verhaltenes Leu­ch­ten.

Thomas stand auf.

„Dann werden wir uns jetzt verabschieden. Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt!“

Er und Sarah schüttelten den Anwesenden die Hände und verließen das Krankenzimmer.

Kapitel VII

„So, da wären wir“, begrüßte Thomas die Kollegen Hans Pfefferle, Nico Berner und Karen Polocek. Er und die ihm nach­folgende Sarah setzten sich ebenfalls an den Be­sprech­ungs­tisch und legten ihre Materialien vor sich.

„Kommt Gröber noch?“, fragte Sarah und Hans Pfefferle zog ein übertriebenes unzufriedenes Gesicht.

„Ja, und wir sollen warten, bis er da ist“, sagte er.

„Na gut“, quittierte Thomas die Information, blickte auf die Kaffeebecher der anderen und wandte sich an Sarah.

„Auch einen Kaffee?“, fragte er und stand bereits auf.

„Gerne, mit Milch und Zucker“, lautete ihre Antwort.

Nickend verließ ihr Partner den Raum. Noch bevor sich bei den Zurückgebliebenen ein Gespräch entwickeln konnte, flog die Tür auf und der Ressortleiter Gröber betrat den Be­sprech­ungsraum.

„Wo ist Bierman?“, blaffte er in die Runde, ohne sich zu be­mühen, die Anwesenden zu begrüßen.

„Kaffee holen“, brummte Pfefferle wortkarg.

Es legte sich Schweigen über den Raum, da keiner Lust ver­spürte, während der Anwesenheit Gröbers eine Unterhal­tung zu beginnen, geschweige denn mit ihm selbst in Kon­takt zu tre­ten. Kurz darauf kam Thomas zurück und stellte zur Überraschung aller einen Kaffeebecher vor seinen Chef, ei­nen vor Sarah und setzte sich schließlich mit seinem Ge­tränk an sei­nen Platz.

„Ja, äh, danke“, brachte Gröber mit verwirrtem Gesichtsaus­druck hervor, hatte er sicherlich als Letzter mit einer solchen Geste gerechnet. Sarah wusste über die Beziehung zwischen ihrem Partner und Gröber nur zu gut Bescheid. Während Tho­mas von dem Choleriker und Opportunisten Gröber nichts hielt, hatte selbiger bisher nichts gegen den unkon­ven­tionellen, mitunter insubordi­nanten Bierman unternom­men, weil dieser so brillante Er­geb­nisse ablieferte. Jedoch ver­suchte normalerweise keiner der beiden, seine Abnei­gung gegenüber dem anderen zu ver­bergen.

„Nun, da wir alle da sind“, ein strafender Blick in Thomas‘ Rich­tung wurde von allen als bemitleidenswerter Versuch erkannt, seine eigene Verspätung zu relativieren, „können wir ja anfangen. Berner, was haben Sie?“

„Unsere Recherche hat ergeben, dass die Hütte, in der das Mäd­chen aller Wahrscheinlichkeit nach gefangengehalten wur­­de und ihren Peiniger attackiert hat, einem gewissen Dr. Bernd Vogelsang gehört. Er ist pensionierter Psychiater, wohn­­­­haft in Sankt Peter. Wir haben versucht ihn aufzu­su­chen, aber niemanden angetroffen.“

„Dann ist das unser Toter aus dem Wald?“, unterbrach Grö­ber.

Karen Polocek und Nico Berner schüttelten beide den Kopf.

„Wir haben daraufhin Nachbarn angesprochen, die uns be­richteten, dass Dr. Vogelsang und seine Frau den Winter in Süd­­spanien verbringen, wo sie eine Wohnung haben. Eine Nachbarin, die nach dem Haus schaut, hat uns eine Telefon­nummer gegeben. Wir haben auf den AB gesprochen. Helen wird den Rückruf, wenn er erfolgt, zu uns ins Besprech­ungs­zimmer durchstellen.“

„Mhmmm“, quittierte Gröber den diesmal von Hans Pfef­ferle vorgetragenen Bericht. „Was hat die Vermissten­daten­bank ergeben?“

Karen Polocek sah kurz auf das Blatt Papier vor ihr.

„Bisher nichts. Auch wenn unsere junge Dame über ein äu­ßerst markantes Äußeres verfügt, konnte ich bisher nichts, aber auch rein gar nichts herausfinden.“

„Die Stellen der Nachbarländer haben Sie kontaktiert?“, frag­te Gröber.

„Natürlich. Falls sich da etwas ergibt, rufen die Kollegen zurück.“

Diesmal nickte Gröber nur, bevor er sich an Sarah wandte.

„Und mit dem Mädchen? Sind Sie da weitergekommen?“

Sarah, die in ihren Notizen geblättert hatte, legte die Papiere zusammen, schlug zweimal leicht mit der Kante auf dem Tisch auf und legte sie beiseite.

„Nein, Herr Gröber“, wählte sie einen sehr förmlichen Ton. „Sie hat immer noch kein Wort gesprochen. Und konnte uns somit bisher nicht weiterhelfen. Das Einzige, was wir wissen ist, dass sie aus Rumänien kommt. Die offiziellen Stellen werden wir gleich kontaktieren. “

„Und was hat unsere Rechtsmedizin bisher zustande­ ge­bracht?“ Gröbers Ton war fast gelangweilt.

„Wir konnten ziemlich schlüssig nachstellen, was in der Hüt­­te zwischen dem Mann und dem Mädchen passiert ist. Tiefe der Wunden, Stichkanal, all das lässt keinen anderen Schluss zu, als was wir ohnehin schon vermutetet hatten. Die Ergebnisse der DNA-Analyse sind nur noch Formsache.“

„In Ordnung“, fasste Gröber zusammen. „Dann ist der Fall als solches ja damit abgeschlossen. Gilt lediglich, den Toten zu identifizieren und die genaue Herkunft des Mädchens zu klären. Machen Sie weiter, ich erwarte, dass Sie die nächsten Tage damit fertig werden.“

Der Ressortleiter erhob sich, doch das Klingeln des Telefons veranlasste ihn, sich wieder hinzusetzen. In Erwartung des Rückrufes aus Spanien nahm Nico Berner den Hörer ab.

„Berner, Kriminalpolizei Freiburg“, meldete er sich und schal­­tete nach den ersten Worten des Anrufers auf laut.

„…und da wollte ich mich natürlich sogleich bei Ihnen mel­den“, vernahmen die Ermittler aus dem Lautsprecher.

„Das ist nett, dass Sie so zeitnah zurückrufen! Es geht um Ih­re Jagdhütte im Schwarzwald. Wird die von jemandem mit Ihrer Erlaubnis benutzt?“

Dr. Vogelsang zögerte einen Moment und es schien offen­sichtlich, dass er den Grund erfahren wollte, warum sich die Polizei dafür interessiere. Letztendlich antwortete er aber doch di­rekt auf die Frage.

„Ja, immer wenn wir in Spanien sind, überlasse ich die Hütte einem Bekannten. Er ist sehr zuverlässig und ich weiß die Hütte in guten Händen.“

„Wie heißt denn dieser Bekannte?“, fragte Berner.

Wieder schien Dr. Vogelsang zu überlegen, ob er die Ant­wort so ohne Weiteres geben sollte. Schließlich rang er sich dazu durch.

„Sein Name ist Werner.“

„Wie lautet denn sein Nachname und die genaue Adresse?“

An diesem Punkt war Dr. Vogelsangs Kooperationsbereit­schaft offensichtlich zu Ende.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Das heißt, Sie kennen weder seinen Nachnamen noch wis­sen Sie, wo er wohnt?“, hakte Berner fast ungeduldig nach.

Dr. Vogelsang wich der Antwort durch Schweigen aus.

„Herr Dr. Vogelsang, wir ermitteln in einem Kapital­ver­bre­chen und der Mann, der Ihre Hütte bewohnt oder ver­sorgt oder wie auch immer, ist für unsere Ermittlun­gen von großer Wichtigkeit!“

„Sehen Sie“, erklärte der Anrufer, „es handelt sich dabei um einen ehemaligen Patienten, deswegen kann ich Ihnen beim besten Willen nicht weiterhelfen.“

Thomas platzte fast der Kragen, als er sich in das Ge­spräch einschaltete.

„Hier spricht Kriminalhauptkommissar Bierman, Herr Vo­gel­sang, Sie haben in diesem Fall kein ethisches oder ju­ris­tisches Problem. Wir fragen nach diesem Mann schließlich nicht im Zusammenhang Ih­­­rer Therapeut-Patient-Bezie­hung, sondern weil er Ihre Jagd­­­­­hütte benutzt. Sie hätten nicht einmal erwähnen müssen, dass er Ihr Patient war. Und wenn Sie trotz alle­dem im­mer noch moralische Bedenken haben, lassen Sie es sich ge­sagt sein, dass dieser Patient aller Voraussicht nach tot ist. Ge­tö­tet in Ihrer Hütte! Und jetzt sa­gen Sie uns verdammt nochmal, wie er heißt.“

Die deutliche Ansage zeigte Wirkung.

„Tot? In meiner Hütte? Um Gottes Willen! Wie ist denn das passiert?“

„Nennen Sie uns doch bitte den Namen des Mannes“, insis­tierte Thomas.

„Sein Name ist Werner Bruckwald, er wohnt in Buchen­bach“, brachte der Psychiater hervor.

„Sehr gut! Danke!“ Thomas lehnte sich nach diesem Aus­bruch zurück. Nico Berner übernahm wieder die Ge­sprächs­­führ­ung.

„Können Sie uns seine Kontaktdaten geben? Und eine kurze Personenbeschreibung?“, fragte er den Pensionär. Als dieser nach Durchgabe der Anschrift anfing, Werner Bruckwald zu beschreiben, war allen im Raum schnell klar, dass die Wahr­scheinlichkeit, dass es sich bei ihm um den Toten aus der Hüt­te handelte, sehr groß war.

„In Ordnung, Herr Vogelsang“, sagte Nico Berner in der Hoff­nung, die momentane Redseligkeit des Psychiaters aus­nützen zu können, „Was können Sie uns noch über Herrn Bruckwald sagen?“

Zur Überraschung aller gab der Arzt tatsächlich weitere De­tails preis.

„Ich habe ihn vor, ach, wahrscheinlich dreißig Jahren ken­nen­gelernt. Da war er ein junger Mann. Er hat mich in der Pra­xis aufgesucht und war bei mir sicher fünfzehn Jahre in Behandlung. Mit Unterbrechungen.“

„Gab es einen Grund, warum er nicht mehr zu Ihnen kam?“, hakte Berner ein.

„Ja, er hatte eine Frau kennengelernt. Die beiden haben ge­heiratet und dadurch hat sich sein Zustand bemerkens­wert verbessert. Nach angemessener Zeit hat mich das Paar mal eingeladen, man hat sich dann und wann getroffen. Und seit, lassen Sie mich nachdenken, sechs Jahren nutzt er gelegent­lich meine Hütte, wenn wir in Malaga sind.“

„Was war denn der Grund für seine Besuche als Patient?“, fragte Berner vorsichtig, doch diesmal schwieg Dr. Vogel­sang. Die Pause nutzte Sarah, um sich in das Gespräch ein­zuschalten.

„Mein Name ist Hansen, ich bin ein Kollege von Herrn Ber­ner. Herr Dr. Vogelsang, ich verstehe, dass Sie gemäß Gesetz an die ärztliche Schweigepflicht auch über den Tod hinaus ge­bun­den sind. Lassen Sie mich trotzdem einige Schüsse ins Blaue machen. Zum Einen hatte Herr Bruckwald überbor­den­­­de Machtfantasien, die er als Jugendlicher zum Beispiel in der Form ausgelebt hat, dass er Tiere getötet hat.“

Sehr zögerlich und wohl auch erstaunt klang ein jaaaa aus dem Lautsprecher.

„Gehe ich recht in der Annahme, dass er auch einen Hang zu Sadismus gehabt hat, der sich darin zeigte, dass er Tiere nicht nur getötet, sondern auch außerordentlich gequält hat?“

„Da liegen Sie richtig“, antwortete Dr. Vogelsang.

„Ich denke, auch Mitschüler wurden Opfer dieser Verhal­tens­­­auf­fälligkeiten?“

„Auch das trifft zu.“

„War zu diesem Zeitpunkt schon ein Hang zum Okkul­tis­mus zu erkennen? War er auf der Suche nach Got­tes­er­fah­rungen?“

„Frau Hansen, sind Sie eine Kollegin?“, fragte der Arzt jetzt. „Sie beschreiben meinen Patienten sehr gut. Woher nehmen Sie dieses Wissen?“

Ein wenig geschmeichelt und mit leicht geröteten Wangen schilderte Sarah nach einem Blickkontakt der Rückversiche­rung mit ihrem Partner, wie sie Werner Bruckwald inmitten der okkulten Artefakte aufgefunden hatten.

„Mein Gott“, gab der Psychiater entsetzt zurück. „Ich hätte niemals gedacht, dass so etwas passieren könnte. Er hatte so gute Fortschritte gemacht. Die Beziehung war gesund und hat ihn stabilisiert. Es stand ein Kinderwunsch im Raum. Mit ei­ner derartigen Dekompensation konnte wahrlich niemand rech­­nen!“

„Wissen Sie, ob er immer noch mit seiner Frau zusammen ist oder besser war? In diesem Fall müssten wir sie vom mög­lichen Tod Ihres Mannes unterrichten und sie um die Iden­tifizierung bitten.“

„Ich habe sie beide bei der Schlüsselübergabe noch gesehen. Das war Anfang November. Sie wirkten auf mich ausge­gli­chen, es gab keinerlei Anzeichen von Spannungen“, berich­tete Dr. Vogelsang. Es war Thomas, der die nächste Frage stell­­­te.

„Was hat Bruckwald beruflich gemacht? War seine Frau ebenfalls berufstätig?“

„Bruckwald selbst war Sachbearbeiter in einer Spedition. Er hatte ursprünglich eine Lehre zum Tierpräparator angefan­gen, wurde aber noch im ersten Lehrjahr rausgeworfen. Den Grund habe ich nie erfahren, aber Sie können sich genauso wie ich denken, was ausschlaggebend war.“

Thomas lächelte schnaubend.

„Wenn man jemand mit dieser Veranlagung zum Tier­prä­parator ausbildet, ist das, als wenn man einen Junkie in einen LKW mit Heroin setzt. Danach hat er eine kaufmän­nische Lehre gemacht, vermute ich.“

„So ist es. Von der Firma ist er auch übernommen worden und hat dort immer noch gearbeitet. Seine Frau ist übrigens Grundschullehrerin.“

Nico Berner blickte fragend in die Runde, alle schüttelten den Kopf.

„Herr Dr. Vogelsang, vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft! Sie haben uns sehr geholfen!“, leitete er das Ende des Te­lefonats ein.

„Gerne! Wenn Sie noch Fragen haben, können Sie sich gerne an mich wenden. Eins noch!“, fiel dem Arzt in letzter Sekun­de etwas ein. „Darf ich mit Frau Bruckwald sprechen? Sie ist ja schon so etwas wie eine Bekannte.“

„Bitte tun Sie das nicht, bevor wir sie besucht haben“, bat Berner.

„In Ordnung, ich verstehe! Dann auf Wiederhören!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, legte Dr. Vogelsang auf. Abermals erhob sich Gröber, blickte in die Runde und ließ sich doch tatsächlich zu einem Lob hinreißen.

„Meine Damen, meine Herren, gute Arbeit“, sagte er und verließ das Besprechungszimmer.

„Okay“, unterbrach Thomas Bierman das erstaunte Schwei­gen. „Sarah und ich werden Frau Bruckwald besuchen. Und morgen Vormittag neun Uhr sehen wir uns wieder hier.“

Er packte die Unterlagen, Sarah die ihren und gemeinsam traten sie auf den Flur.

„Das war sehr gut, da drinnen“, lobte Thomas seine Part­nerin, als sie den Flur in Richtung ihres Büros gingen.

„Danke“, antwortete Sarah. „Deine Intervention war aber auch nicht schlecht. Genau der richtige Ton zum richtigen Zeitpunkt.“

„Ich hatte es schon mal erwähnt“, zwinkerte Thomas mit dem Auge. „Wir sind ein gutes Team!“

Stefan Wellners Motivation war schon auf einem sehr niedrigen Level, als er sich die Winterstiefel über seine Ther­mosocken stülpte und die Verschlüsse zuzog. Nachdem er auch seinen dicken Mantel und die Handschuhe ange­zogen und die Tür geöffnet hatte, sank sie auf ein nicht mehr wahr­nehmbares Maß! Nicht nur, dass es so dicht schneite, dass er das Stallungsgebäude rechter Hand kaum sehen konn­te. Ein bissig kalter Wind sorgte dafür, dass die Flocken nicht senk­recht zu Boden fielen, sondern ihm ins Gesicht wehten. Schlecht gelaunt stapfte er durch den Schnee zu den Stal­lungen, die als Garage dienten, und musste, dort ange­kom­men, erst einmal mit dem Fuß einen Freiraum schaffen, bevor er die in eines der Tore eingelassenen Tür nach außen öffnen konnte. Drinnen schüttelte er als erstes den Schnee von Kopf und Schultern, tastete nach dem Licht­schalter und trat zu dem G-Klasse Mercedes. Aus dem alten Schrank hin­ter dem Fahrzeug holte er einen grauen Leichen­sack und leg­te ihn in den Kofferraum des Wagens. Er hatte zwar noch keine Nachricht, dass er die rothaarige Rumänin abholen konnte, aber musste ja vorbereitet sein – und das war schließ­lich auch der Grund, warum er bei diesen Wit­terungs­ver­hältnissen überhaupt die wohlige Wärme des Ka­chelofens verlassen hatte. Morgen würde er ir­gend­wohin fah­ren, seine Mobiltelefone einschalten und nach­sehen, ob je­mand eine Nachricht gesprochen oder ge­textet hatte. Und wenn Werner Bruckwald Bescheid gab, dass er mit dem Mädchen fertig sei, musste er es abholen und ent­sorgen. Stefan Wellner schloss die Heckklappe des Merce­des, nahm sich aus einer Reihe an die Wand gelehnter Werk­zeuge eine Schaufel sowie einen Spaten und machte sich da­ran, die Garage zu ver­lassen. Am Tor kehrte er jedoch um und nahm sich eine Spitzhacke, schließlich war zu erwarten, dass die ersten Zentimeter des Bodens gefroren waren. Als wenn es nicht schon an­stren­gend genug gewesen wäre, durch den tiefen Schnee zu stap­fen, waren die langstieligen Werkzeuge zu­sätzlich hinder­lich. Nicht zuletzt die Spitz­hacke, die außer ihrer Unhand­lichkeit zusätzlich ein beacht­liches Gewicht mitbrachte, er­schwerte den Weg durch den rückwärtigen Park. An einer Stelle angekommen, die ihm ge­eignet er­schien, weil er wuss­te, dass hier das Erdreich, sofern nicht ge­froren, recht locker war, legte er den Spaten und die Hacke ab, um zunächst mit der Schaufel eine einen Meter sechzig mal vierzig Zentimeter große Fläche vom Schnee zu befreien. Gott sei Dank war die Rothaarige recht klein. Als er im Anschluss mit dem Spa­ten in den Boden stechen woll­te, konn­te er ein lautes Fluchen nicht unterdrücken. Hatte er ge­hofft, dass unter dem Schnee der Boden vielleicht noch weich geblieben war, musste er feststellen, dass die Erde hart wie Stein war. Er erinnerte sich, dass es Wochen zuvor erst ge­regnet hatte, bevor ein eisiger Wind die Temperaturen über zwei Tage hinweg in den Keller geblasen hatte. Erst dann war der Schnee gefallen, obwohl es eigentlich schon zu kalt dafür gewesen war. Mit Wut im Bauch nahm er die Hacke auf und hieb sie mit der spitzen Seite in den Boden vor sich. Nach einigen Schlä­gen hatte er so viel Erdreich gelockert, dass er ein paar Schau­feln zur Seite räumen konnte. Glücklicherweise konnte er, nachdem er etwa dreißig Zenti­meter tief war, auf die Hacke verzichten und mit dem Spaten allein weiterarbeiten. Wie tief sollte er gehen? Die Anwei­sung hatte stets gelautet, dass sich mindestens ein Meter Erdreich über dem Körper befinden musste, und bisher hatte er sich daran auch ge­halten. Warum jetzt nachlässig wer­den, fragte er sich und muss­te feststellen, dass ihm die körper­liche Arbeit bei dem Schnee­treiben sogar guttat! Und da er bei der relativ stu­pi­den Tätigkeit seinen Gedanken nach­gehen konnte – sie dreh­ten sich hauptsäch­lich um die junge Thai – war er selbst überrascht, wie schnell das Grab ein Meter fünfzig tief war. Beim Blick in das Erdloch musste er un­willkürlich an das erste Mal denken. Es war ganz in den An­fängen, als seine Auftraggeber mit kleinen Privatveran­stal­tungen in dem Schlöss­­chen anfingen. Bei diesen Partys floss damals schon Cham­pagner im Überfluss, Kaviar und Koks gab es per Flat­rate. Und natürlich war die Auswahl an Mäd­chen sehr an­sehnlich. Für jeden Geschmack war etwas da­bei gewesen. Schüch­tern unterwürfig, Dominas in Latex und Leder, Schul­mäd­chen… Einer der betuchten Herren hatte ei­ne Sieb­zehn­jährige bei brutalen SM-Spielchen mehr oder we­ni­ger aus Versehen erwürgt. Die polnische Schön­heit hat­te Wellner be­graben müssen. So wie heute war es im Win­ter gewesen, es hatte ebenfalls geschneit, wenn auch nicht so stark wie im Mo­ment. Das Gefühl von damals kam ihm wie­der hoch, als er die spärlich bekleidete junge Frau behutsam in das Grab gelegt hatte und sich tatsächlich Gedanken ge­macht hatte, dass es doch so furchtbar kalt für sie sein muss­te. Er hatte sicherlich eine Viertel­stunde am Rand des Grabes gestanden und beobachtet, wie sich eine lichte Schnee­decke über die Lippen und Augen gelegt hatte, bis er es fertig­brachte, den Körper mit Erde zuzuschütten. Er hatte es als sehr intimen Moment wahrgenommen, allein mit dem toten Mädchen, das äußerlich unversehrt und so wunder­schön war! Gro­teskerweise hatte er in jener Nacht ein wei­teres Grab aus­heben müssen, und zwar für den Ver­ursacher der Tra­gödie. Der Mann war, nachdem er realisiert hatte, was pas­siert war, förmlich ausgerastet, wollte die Po­lizei ver­stän­digen und sich seiner Verantwortung stellen. Ob­wohl da­mals schon die Sicherheitsbestimmungen hoch waren – die Herren wurden alle mit verbundenen Augen und ohne Han­dy auf das Schloss gebracht – war man kein Risiko einge­gangen. Und so kam es, dass Wellner noch­mals ein Loch gra­ben und einen Leichnam unter die Erde hatte bringen müs­sen. Außer bei diesem Mann war es für ihn nie leicht ge­wesen, jemanden auf diese Weise ver­schwin­den zu lassen. Aber die Mischung aus Trauer, Mitge­fühl, Für­sorge, die er für die junge Polin empfunden hatte, war einzig­artig ge­blieben. Jetzt riss ihn sein knurrender Ma­gen und eine durch die Sohlen seiner Stiefel nach oben kriechende Käl­te aus den Gedanken. Er beließ die Schaufel auf dem klei­nen Hügel auf­geworfener Erde, nahm Spitz­hacke und Spa­ten an sich und besah sich sein Werk noch­mals. Dann brachte er das Werk­zeug zurück in die Garage, schloss alles ab und freute sich auf eine heiße Dusche.

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9783754176665
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