Читать книгу: «Wiener Wohnwunder»


Nachbarschaft aus Tradition
Schon zu Beginn ihrer beinahe 100-jährigen Geschichte waren Städtische Wohnhausanlagen auch Orte der Begegnung und des nachbarschaftlichen Miteinanders. Mit seiner großen sozialen Durchmischung ist der Gemeindebau heute ein lebendiger Ausdruck unserer offenen (Stadt-)Gesellschaft. Hier treffen viele unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Einstellungen, Haltungen und Interessen aufeinander.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von wohnpartner sind Tag für Tag für eine gute Nachbarschaft in Gemeindebauten im Einsatz. Dabei lernen sie viele Mieterinnen und Mieter persönlich kennen, erhalten Einblicke in ihren Alltag, leben mit ihren Sorgen mit und unterstützen, freuen sich mit ihnen über Erfolge und pflegen ein wertschätzendes und freundschaftliches Miteinander der Mietergemeinschaft.
Kein Gemeindebau gleicht dem anderen. Gemeindebauten haben immer ihre eigene Geschichte. Diese Geschichte wird von den Bewohnerinnen und Bewohnern geschrieben. Niemand weiß das besser als die Teams von wohnpartner. Die Kolleginnen und Kollegen haben daher Mieterinnen und Mieter zu ihren persönlichen Erinnerungen an ihr Leben in „ihrem“ Gemeindebau befragt. Das Spektrum ist groß: Manche leben schon ihr ganzes Leben lang an diesem Ort und können sich kein anderes Zuhause vorstellen, andere sind erst vor Kurzem in ihre Wohnung gezogen und haben hier eine neue Heimat gefunden. Dazwischen gibt es viele Facetten, die wir für Sie im vorliegenden Buch in 100 Geschichten verpackt haben. Es sind lustige, traurige, berührende, Mut machende Geschichten – wie sie manchmal nur das Leben im Gemeindebau schreibt.
Josef Cser
Geschäftsführer Wohnservice Wien
Claudia Huemer
Bereichsleiterin wohnpartner
VORWORT
Es lebe der Gemeindebau
Mit der Fertigstellung der ersten Städtischen Wohnhausanlage vor rund 100 Jahren legte die Stadt Wien den Grundstein für eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Wien, die alte Hauptstadt des untergegangenen Kaiserreichs, erlebte damals nach dem Ersten Weltkrieg eine schwere Krise. Die Wohnungsnot war gewaltig, die Mieten teils unerschwinglich, die hygienischen Bedingungen waren miserabel und Krankheiten grassierten, drei Viertel aller Wiener Wohnungen waren heillos überbelegte Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnungen.
Um diese Missstände abzustellen, begann die Stadtregierung unter dem ersten sozialdemokratischen Bürgermeister Wiens, Jakob Reumann, mit dem Bau von Gemeindewohnungen. Unter dem Motto „Licht, Luft und Sonne“ wurden moderne Wohnhausanlagen errichtet, deren begehrte Wohnungen gesunde Lebensbedingungen und eine hohe Wohnqualität für ihre Bewohnerinnen und Bewohner ermöglichten – und das bei äußerst leistbaren Mieten.
Ein Jahrhundert „Rotes Wien“ später wohnen nun rund 60 Prozent der Wienerinnen und Wiener im geförderten Wohnbau und knapp eine halbe Million im Gemeindebau, nicht selten seit mehreren Generationen. Die Wiener Wohnbaupolitik hat heute eine preisdämpfende Wirkung auf den gesamten Wohnungsmarkt, ist die größte Förderung der Mittelschicht in der Stadt und ist ein Sicherheitsnetz nach unten und ein Sprungbrett nach oben.
Ebenso zeichnet es den Gemeindebau aus, dass er ein Biotop des Wienerischen geworden ist. Der vielseitige Charakter unserer wunderbaren Stadt findet sich wohl nirgendwo sonst so sehr in seiner Reinform wie im Wiener Gemeindebau; das Miteinander in diesen „Dörfern in der Großstadt“ ist wirklich etwas ganz Besonderes. Am besten – liebe Leserinnen und liebe Leser – Sie überzeugen sich im vorliegenden Buch selbst davon.
Mit herzlichen Grüßen
Kathrin Gaál
Stadträtin für Wohnen, Wohnbau,
Stadterneuerung und Frauen
Soziales & Zusammenleben
Die Kinder von der Engerthstraße
350 Mal Willkommen
Am Murhoferweg hilft man zusammen
Kochen öffnet das Herz
Die ewige Liebe der Hunde
Das schöne Leben in Hirschstetten
Hier gibt’s keine Außerirdischen
Chillen und das Leben geniessen
Das, was man selber angreift
Das Herzstück von Wien
Mir gefällt alles
Die Abrüstung der Worte
In kurzer Zeit ist viel passiert
Gemeinschaft Gemeindebau
Die Natur vor der Tür
Man kann hier lachen
Nie lockerlassen
In der Mitte der Gemeinschaft
Der Segen der Kinder
Kontaktbesuchsdienst Donaustadt
Margareten ohne Partnergewalt
Ein freundliches Gesicht
Es fühlt sich zusammen an
Der Weg zur Freundlichkeit
Gegrüßt soll wieder werden
Man soll nie vergessen, woher man kommt
Architektur & Infrastruktur
Simmeringer Vogelperspektive
Das Erbe des Metzleinstalerhofes
Der Zauber des Gemeinschaftsraums
Am Fuß des Rosenhügels
Der Garten war das Highlight
Das Wirtshaus im Gemeindebau
Einfach a guade Stimmung
Das Floridsdorf von damals
Am Nordrand
Der Sozialmarkt im Quarinhof
Die Damen von der Stiege 8
Die Blumenhändlerin vom Rabenhof
Die Einkaufsstraße vor der Tür
Eine Küche für alle
Große Aufgaben
Die Wohnmaschine
Ich will, dass die Leute stolz sind
Grünoase in der Stadt
Warten auf Herbert Prohaska
Die Friseurinnen vom Albin-Hirsch-Platz
Ich würd hier auch gern wohnen
Leise war ma ned
Tanzcafé mit Liftboy
Handwerk und Begabung
Wer im Gemeindebau lebt, kann was erzählen
Ohne Harmonie funktioniert nichts
Kunst & Kultur
Das Theater am Boulevard Erdberg
Kunst macht was Schönes im Hirn
Ein besonderes Objekt
Kinder an die Macht
Wir waren alle füreinander da
Der Tausendsassa vom Paul-Speiser-Hof
Wo man die Löwen brüllen hört
Aizhan und die Seele der Musik
Stimmen aus der Brigittenau
Der gute Geist vom Karl-Seitz-Hof
Alles für die Fisch’
Ein Fest für Körper und Geist
30 Jahre Schöpfwerk Schimmel
Zu Besuch in Indien
Die Meinungen im Alfred-Klinkan-Hof
Bücher für alle
Kunst führt dazu, dass Menschen sich öffnen
Heimweh nach Wien
Donaustadt upcyceln
Japanische Feuerkunst
Spiderman am Schöpfwerk
Der Sound des Gemeindebaus
Ein syrischer Wiener in der Schweiz
Geschichte & Gegenwart
Um die Gemeindebauten beneidet uns die ganze Welt
Ein gelungenes Leben
Die Rückkehr der Hofgemeinschaft
Das Wohnwunder
Durchs Reden kommen d‘Leit zsamm
Früher wor’s wüd
Ich wollt nicht weg aus Meidling
90 Jahre Charly-Marx-Hof
Das Dorf in der Großstadt
Von der Fabrik zur Siedlung
Über die Hasenleiten loss i nix kumman
Do bin i auf die Barrikaden
Der kleine UNO-Gemeindebau
Ich bin stolz, hier zu wohnen
Ein Leben lang Gemeindebau
Geschaffener Lebensraum
Eine begnadete Ecke
Kolschitzky, Kreisky und der Bärlipark
Waschhalle mit Geschichte
Was für ein Geschenk
Die Freunde von der 39er-Stiege
Über der Donau geht die Sonne auf
Zum Wohle die Tat
Die kleine Stadt in Favoriten
Es lebe der Gemeindebau
Dank
Die Herausgeber
Impressum
Soziales & Zusammenleben

KURT-HELLER-HOF
Die Kinder von der Engerthstraße
Eine Gruppe von Kindern aus dem Kurt-Heller-Hof in der Leopoldstadt soll an diesem Nachmittag ein bisschen über ihr Leben im Gemeindebau in der Engerthstraße erzählen. Im Gegensatz zu den älteren Bewohnerinnen und Bewohnern, die ihre Kindheit ebenfalls hier verbracht haben, kennen sie keine Überschwemmungen mehr und haben noch nie Leute mit einer Zille durch ihre Straße fahren gesehen. Aber das heißt nicht, dass sie nichts zu erzählen hätten! Zur Wohnzufriedenheit gibt es etwa gleich zu Beginn ein paar klare Ansagen:
„Meine Familie und ich wohnen hier alle schon seit drei Jahren. Ich fühle mich hier gut.“
„Es ist echt cool hier.“
„Am meisten, weil der Park hier in der Nähe ist.“
„Und weil hier ein Laden in der Nähe ist. Ich geh da manchmal einkaufen.“
„Da kann man sich manchmal auf die Schnelle ein Eis kaufen.“
„Ich fahr hier manchmal mit meinem Pennyboard spazieren.“
Bei der Frage, wie viele Kinder sich hier regelmäßig auf der Grünfläche treffen, gehen die Meinungen dann allerdings leicht auseinander:
„So 30.“
„Nein, mehr als 30; 50 oder 60.“
„Nein, 70 oder 80!“
Wichtiger als die genaue Anzahl ist den Kindern aber ohnehin die Stimmung:
„Die Kinder im Park sind echt nett zueinander. Manchmal gibt’s halt auch Probleme.“
„Ja, manchmal nervt es, dass es gleich alle angeht, wenn zwei streiten.“
„Manchmal kämpfen die Teenager auch miteinander. Aber wir sagen ihnen dann, dass sie aufhören und sich vertragen sollen.“
Und hilft das?
„Manchmal.“



KURT-HELLER-HOF
Engerthstraße 249–253
1020 Wien
Errichtet 1981–1983
272 Wohnungen
Geplant von Carl A. J. Hala, Adolf Hoch, Karl Leber, Heinrich Matha
Dass auch Kinder von den Angstmacher-Kampagnen der Boulevardmedien nicht unbeeindruckt bleiben, zeigt dann die Antwort eines eigentlich sehr lebensfroh und gut gelaunt wirkenden jungen Mädchens:
„Es gibt ja viele Entführer hier und deshalb nehm ich zur Sicherheit immer mein Handy mit, falls was passiert. Das steht nämlich in der Zeitung, das mit den Entführern.“
Zum Glück spielen im Alltag der Kinder von der Engerthstraße andere Dinge eine größere Rolle, beispielsweise das Thema Haustiere: Kathi zum Beispiel hat eine Katze, darf sie aber nicht mit in den Hof nehmen, damit sie nicht abhaut. Und natürlich können auch Haustiere Probleme machen:
„Wir haben zwei Papageien. Ein grünes Mädchen und einen blauen Jungen. Das Mädchen is so eine Zicke.“
„Wir haben zwei Aquarien zu Hause. Leider haben früher die großen Fische die kleinen gefressen, drum haben wir jetzt eben zwei Aquarien.“
„Bei mir zu Hause ist alles zerkratzt von unserer Katze. Wenn wir essen, attackiert sie auch unser Essen. Wir haben sie mit zehn Tagen gekriegt, jetzt ist sie elf Wochen alt.“
Und die Nachbarn im Gemeindebau?
„Die sind eh nett. Eine Oma, die wohnt über uns und ist richtig nett. Wir kennen sie nicht so gut, aber sie ist sehr nett.“
„Unter uns wohnt eine Oma, die ist ziemlich alt, aber sehr nett, die gibt mir immer Süßigkeiten.“
Lauter nette Omas im Gemeindebau? Fast. „Dafür haben wir eine unter uns, die ist ganz fies. Die kommt sich immer beschweren, und ihre letzte Beschwerde hat fünf Stunden gedauert.“
Bei der Frage nach seinem Lieblingsort muss ein kleiner Bub nicht lange nachdenken:
„In meiner Wohnung ist mein Bett das Schönste.“
Dann ist aber langsam genug gefragt worden, ein Mädchen unterbricht das Interview höflich, aber sichtbar ungeduldig:
„Ich will sagen: Wann macht ihr denn Spaß? Ich würde nämlich gern in den Prater gehen.“
Prater ist nicht geplant (obwohl er ganz nah wäre), aber ja, auch Spaß muss sein, deshalb erzählen die Kinder ein paar Witze. Zum Beispiel den von der Schnecke auf der Straße, zu der die andere Schnecke sagt …, aber lassen wir das.
Am Ende wird es noch einmal ernsthaft, auch das haben die Kinder von der Engerthstraße nämlich drauf:
„Ich möchte, dass jeder viel Gemüse isst, damit wir alle gesund bleiben.“
„Und ich hoffe, dass es den Gemeindebau, so wie er jetzt ist, auch in der Zukunft geben wird.“
Da soll noch einer sagen, die junge Generation weiß nicht zu schätzen, was sie hat.



„Die Kinder im Park sind echt nett zueinander.“
BOHMANNHOF
350 Mal Willkommen
Würde man schreiben, dass es seit 2010 im Bohmannhof in der Donaustadt einen Hobbyraum gibt, dann wäre das vor allem eines: eine groteske Untertreibung. Denn wenn man Frau Kornelia Schrammel – Mieterin in der Melangasse und zwei Funktionsperioden lang auch Mieterbeirätin – nur ein wenig zuhört, wie sie von ihrem Engagement erzählt, dann versteht man: Frau Schrammel hat einen Raum genommen, ihn mit Leben gefüllt und ihr Wohnhaus damit nachhaltig verändert.
„2008 bin ich dem Mieterbeirat beigetreten und bin natürlich emsig gewesen. Damals bin ich auf diesen Gemeinschaftsraum gestoßen, der wirklich zugemüllt war, jeder hat da seinen Mist entsorgt. Ich hab dann mit Wiener Wohnen gesprochen und gebeten, dass ich den Raum haben kann. Dann ist das entrümpelt und sauber gemacht worden und ich bin Wiener Wohnen wirklich dankbar dafür, weil ich ausprobieren wollte, ob ich das schaffe, die Mieter an einen Tisch zu bekommen. Da wir ja mittlerweile alle Nationen im Haus haben, ist das natürlich ein bisschen schwierig. Für mich gibt’s aber keine Ausländer, für mich sind das alles einfach Menschen.“
Frau Schrammel schaffte es – und noch einiges mehr: „2010 hab ich hier notdürftig eröffnet, mit einem Tapezierertisch, wo ich ein bissl was zum Essen aufgetischt hab. Und so ist das dann immer mehr geworden: Weihnachtsveranstaltungen, Basteleien, Faschingsfeste für die Kinder et cetera. wohnpartner is mir dabei eine große Hilfe gewesen, ansonsten hab ich das alles alleine gemacht. Ich bin halt so gestrickt, dass mir immer wieder was einfällt, und ich versuch über die Kinder die Erwachsenen zu mobilisieren, weil nur so geht es.“ Natürlich stellte und stellt Frau Schrammel den Raum auch anderen Mieterinnen und Mietern zur Verfügung:
„Im ganzen Haus haben die Mieter die Möglichkeit, den Raum zu nutzen, zum Beispiel für Geburtstagsfeiern, dafür holen sie von mir den Schlüssel. Sie dürfen alles benutzen, und wenn sie mit Feiern und Saubermachen fertig sind, bekomm ich den Schlüssel wieder zurück. Die Kinder, mit denen ich hier, wie sie klein waren, Feste gemacht hab, die sind jetzt schon 14, 15 Jahre alt. Es is irre, ich weiß nicht, wo die Zeit hingerannt ist“, sagt die engagierte Mieterin wehmütig und ist doch hörbar glücklich über das, was ihr in den letzten Jahren hier gelungen ist. „Aber heuer hab ich auch noch einiges vor, der Erste-Hilfe-Kurs, der hier vom sozialmedizinischen Dienst durchgeführt wurde, war ein toller Erfolg, und die Polizei hätt ich auch gern da, die Feuerwehr, die MA 48 – das is halt alles Arbeit und das dauert, bis man’s organisiert. Auch zu Halloween wollen die Kinder wieder eine gute Kürbissuppe von mir haben, und zu Weihnachten hab ich vor, mit den Kindern Bastelarbeiten zu machen und einen Christbaum damit zu schmücken. Und dann würd ich von den Erwachsenen gerne Spenden für die Stiftung Kindertraum sammeln, das ist mir ein Herzenswunsch, weil man da schwerkranke Kinder unterstützt.“
Auch bei der Aktion „Willkommen Nachbar“ war und ist die rührige Donaustädterin aktiv, denn: „Das hat mich sofort interessiert, ich hab Brot und Salz mitgenommen, mit wohnpartner gemeinsam hab ich die Mappe mit wichtigen Dokumenten für die Neuzuzüge befüllt. Wenn ich davon red, dann krieg ich eine Gänsehaut, weil mir das so wichtig ist.“
Kornelia Schrammel ist immer im Einsatz für die Nachbarschaft
„Wenn ich davon red, dann krieg ich eine Gänsehaut, weil mir das so wichtig ist.“
Unglaubliche 350 Familien hat Frau Schrammel nämlich schon begrüßt, die ihre ungebrochene Begeisterung für Nachbarschaftshilfe so erklärt: „Es ist jedes Mal faszinierend, neue Leute kennenzulernen. Das darf man nicht als Arbeit sehen. Entweder man macht’s gern oder man macht’s gar nicht. Und wenn man Vorurteile gegen andere hat, dann braucht man’s gar nicht machen. Wichtig wär, dass wir alle an einem Strang ziehen, gerade im Gemeindebau. Ich wohn da seit 1983, da bin ich als Erste in den Bau eingezogen. Und ich find’s ganz wichtig zu wissen, wer is mein Nachbar. Weil wenn du was brauchst, wenn was passiert, wenn du in Urlaub fährst, sollst du mutig genug sein, anzuklopfen. Und ich glaub, grad in Zeiten wie diesen sollten wir wieder enger zusammenrücken und einer für den anderen da sein.“
An diesem Beispiel wird deutlich, dass es Menschen wie Frau Schrammel braucht, um das Konzept Gemeindebau mit Leben zu füllen. Alles Gute für die nächsten 350 „Willkommen Nachbar“-Besuche, Frau Schrammel!
MUHRHOFERWEG
„Am Muhrhoferweg hilft man zusammen“
Frau Fleck ist ein Phänomen: Auf einem Auge fast blind, kümmert sich die rüstige ältere Dame trotzdem jeden Tag selbst um das Blumenbeet, das zur Zier des Muhrhoferweges geworden ist, seit sie es betreut. Und das ist noch nicht alles: Da Frau Fleck offenbar einen grünen Daumen hat, züchtet sie auch Zitronenbäumchen. Wobei das Wort Bäumchen angesichts der prachtvollen Pflanze, die sie den Besuchern präsentiert, geradezu eine freche Untertreibung ist: „Der Stock ist vier Jahre alt und aus einem Kern gezogen“, erzählt Frau Fleck. „Ich hab noch einen anderen, der hat hundert Blüten!“ Solche Erfolge kommen freilich nicht von ungefähr, Frau Fleck ist täglich schon in aller Früh für ihre Blumen und Pflanzen da – und ihre Tiere versorgt sie auch: „Wenn ich aufsteh, ist der erste Weg das Fenster aufmachen, die Zeitung holen und zu den Blumen gehen. Dann schau ich, wer braucht ein Wasser. Dann kommen meine Vogerln dran. Wei waun meinen sieben Wellensittichen was ned passt, dann gibt’s an Wirbel. Dene g’hert des Wohnzimmer allein“, lacht Frau Fleck. Und fügt lebenslustig hinzu: „Mir mocht des ois so an Spaß!“
Frau Fleck wohnt seit 44 Jahren am Muhrhoferweg in Simmering, noch länger aber ist Frau Kainz hier zu Hause. Sie hat sich ebenso wie Herr Bugdajci zu Frau Fleck auf das sonnige Bankerl gesellt, von wo aus man einen guten Blick auf die Blumenbeete hat.
„Ich bin schon 1974, bei Fertigstellung hier eingezogen“, berichtet Frau Kainz. „Ursprünglich komm ich aus Bruck an der Leitha und hab für die Postsparkasse gearbeitet. Mein Mann war Kranführer und hat die Wohnungen hier schon während des Baus sehen dürfen. Für die fünf Kinder, die wir hatten, war’s klein, aber wir haben zwei Kinderzimmer aus der Wohnung gemacht und als Eltern im französischen Doppelbett im Wohnzimmer geschlafen. Jetzt, wo die Kinder ausgezogen sind, samma froh, dass wir keine größere Wohnung haben, weil was würden wir jetzt damit machen?“ Frau Fleck und Frau Kainz kennen sich schon „eine Ewigkeit“, wie Letztere erzählt. „Wir machen auch ununterbrochen Fotos von ihren Blumen, und die stell ich dann auf Facebook, um zu zeigen, wie schön die Blumenkastln hier bei uns sind. Oft sicht ma die Frau Fleck gor ned, weil sie auf allen Vieren sich um ihre Blumen kümmert“, lacht Frau Kainz, und Frau Fleck und Herr Bugdajci lachen mit.

Um zu zeigen, wie schön die Blumenbeete am Murhoferweg sind, teilt Frau Kainz oft Fotos auf Facebook

Täglich ist Frau Fleck schon in aller Früh für ihre Blumen und Pflanzen da
Herr Bugdajci, der Dritte im Bunde, ist 1999 mit seiner Frau und zwei Kindern in eine Drei-Zimmer-Wohnung am Muhrhoferweg gezogen, vorher lebte er in Favoriten. Nach Wien kam er als Kind mit seinen Eltern aus der Türkei. „Ich bin hier wunschlos glücklich“, strahlt er, „von einem Zimmer in eine Drei-Zimmer-Wohnung zu kommen, das ist schon was. Wir schauen immer gegenseitig rüber, mit der Frau Kainz und der Frau Fleck, ob eh das Licht brennt und alles in Ordnung ist, sonst rufen wir an.“
„Waun meinen sieben Wellensittichen was ned passt, dann gibt’s an Wirbel.“

Überhaupt, am Muhrhoferweg hilft man zusammen: Herr Bugdajci hat Frau Fleck erst kürzlich das Schlafzimmer ausgemalt und einen neuen Boden gelegt, und auch bei der Gartenarbeit geht er ihr gerne zur Hand.
Einer allerdings fehlt heute in der Runde der Nachbarn, und die ursprünglich aus der Wachau stammende Frau Fleck, die am Muhrhoferweg ganze acht Kinder großgezogen hat, wird ein bisschen traurig, wenn sie von Herrn Werner erzählt, der ebenso lange hier gelebt habe wie sie und vergangenes Jahr verstorben ist: „Er war krank, und ich hab ihn gepflegt. Ich hab ihn gewaschen, auf die Toilette getragen, ihm Suppe gekocht – aber er wollt nix mehr essen. Dann hab ich ihn ins Spital führen lassen, und bald darauf is er verstorben.“
Dürfte sich die Runde der Bewohnerinnen und Bewohner des Muhrhoferwegs etwas wünschen, so wäre es mehr Ruhe, die es hier am Stadtrand früher in Hülle und Fülle gegeben habe – die auch während des Gespräches regelmäßig über die Köpfe ziehenden Flugzeuge aus Schwechat sind in den letzten Jahrzehnten naturgemäß nicht weniger geworden. Und auch die kleinteilige Infrastruktur sei hier früher besser gewesen, erzählt Frau Fleck: „Der Autobus is weg, die Bank hat zugesperrt und das Röntgenzentrum hat zugesperrt.“
Der Eindruck, der bleibt, ist dennoch der einer funktionierenden Nachbarschaft auf einem ziemlich grünen Flecken Erde – und natürlich Frau Flecks wunderbare Blumenbeete.

Herr Bugdajci schaut auf seine Nachbarn und hilft auch gerne bei der Gartenarbeit


MURHOFERWEG
Murhoferweg 1–5
1110 Wien
Errichtet 1971–1973
495 Wohnungen
Geplant von Franz A. Bayer, Anton Holtermann, Franz Kahrer, Karl Musil, Otmar Patak, Walter Schneider
ENGERTHSTRASSE
Kochen öffnet das Herz
Es ist ein regnerischer Tag Ende März, an dem die kleine Kochgruppe im wohnpartner-Lokal in der Engerthstraße 230 wieder einmal zusammengefunden hat. Das vorläufig letzte Treffen soll es sein, deshalb steht auch eine Frage vor allen anderen im Raum:
War’s das? Oder wollen wir weiterkochen?
Die wohnpartner-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter wollen die Antwort darauf ganz den Köchinnen und Köchen überlassen, die aus den umliegenden Gemeindebauten hierhergekommen sind; die meisten davon haben sich erst in dieser Gruppe kennengelernt.
„Aber beim gemeinsamen Kochen lernt man was dazu.“
Von Pariser Schnitzel über Bananenbrot bis hin zu Börek und Hong-Kong-Nudeln ist hier in den vergangenen Monaten ausgesprochen international gekocht worden, ein Ausdruck der unterschiedlichen Herkunftsländer der versammelten Hobbyköche.
Mit dem Gemeindebau sind sie heute alle verbunden, aber alle in unterschiedlicher Weise.
Frau Kaplan aus der Türkei etwa lebt seit 1998 in einer Gemeindewohnung, mit der sie sehr zufrieden ist. Sehr ausgeprägt sind ihre Erinnerungen daran, wie es im Vergleich dazu im Privatmietverhältnis war. Mit ihren fünf Kindern musste sie ins Tröpferlbad gehen, weil kein Badezimmer vorhanden war. Heute wohnt sie sehr viel besser, „nur ein Balkon wäre schön“, antwortet sie verschmitzt auf die Frage, ob es offengebliebene Wohnwünsche gibt.
Frau Sim wiederum, in Malaysia geboren und aufgewachsen, erzählt vom Community-Housing, das es auch in ihrer Heimat gibt. Der Sprung zum Wiener Gemeindebau, in dem sie seit 2010 mit ihrem Wiener Ehemann lebt, sei ihr deshalb nicht schwergefallen. Am gemeinsamen Kochen gefällt ihr, dass sie auch andere Gerichte ausprobieren kann: „Ich liebe Börek!“
Frau Sims Mann kann sich noch lebhaft daran erinnern, wie es war, als Kind mit seinen Eltern auf 20 Quadratmetern wohnen zu müssen. „Man ist im Gemeindebau den Vermietern nicht ausgeliefert“, bringt er seine Lebenserfahrung in unterschiedlichen Wohnformen auf den Punkt. Wobei er Probleme, die es auch gebe, durchaus nicht verschweigen will: Der Raum im Gemeindebau sei eben eher knapp bemessen, die Vergabe erfolge nach der Personenzahl und die Generation seiner Enkel sei mehr Platz gewöhnt – deshalb ziehe es die jungen Leute heute wieder eher in Privatmietverhältnisse.
Die fünfzigjährige Frau Jermy kann von dieser Vergabe nach Personenzahl ein Lied singen – ein fröhliches allerdings: Sie lebt schon seit ihrer Geburt im Gemeindebau, ist aber immer wieder umgezogen, weil ihre Eltern mit den fünf Kindern schrittweise in den Genuss größerer Wohnungen kamen.
Und auch Frau Sommer ist eine alteingesessene Gemeindebau-Bewohnerin. Seit 1975 lebt sie schon hier im 2. Bezirk und langsam, so sagt sie, stürben ihr alle weg, die damals eingezogen sind. Auch deshalb kommt sie gerne zum gemeinsamen Kochen hierher: „Unter Leuten sein, des brauch ich!“ Viele würden heute nur über die Ausländer jammern und seien undankbar für das, was sie haben: „Aber Lachen funktioniert in allen Sprachen. Meine Nichte aus Vorarlberg versteh ich auch bis heute nicht, so ist das halt. Aber beim gemeinsamen Kochen lernt man was dazu.“
Dazu kann Frau Kim, die wie Frau Sim aus Malaysia stammt, nur wissend nicken: „Kochen öffnet das Herz, nicht nur den Geist“, bringt sie ein wenig asiatische Weisheit in die kulinarische Runde, in der es heute unter anderem einen köstlichen Eintopf gibt, den die wohnpartner-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter für dieses womöglich letzte Treffen der Kochgruppe kredenzt haben.
Und, war’s das jetzt? Zum Abschluss soll doch bitte aufzeigen, wer bestimmt wiederkommt, sollte es mit den regelmäßigen Kochtreffen doch weitergehen.
Da schnellen auf einmal alle Hände in die Luft.
SIEBENBÜRGERSTRASSE
Die ewige Liebe der Hunde

Franziska Wachet und die anderen Hundebesitzerinnen sind sich einig: Es funktioniert nur mit gegenseitigem Respekt
In den Einkaufsarkaden in der Siebenbürgerstraße im 22. Bezirk hat sich eine Gruppe von Hundebesitzerinnen versammelt. Es ist ein recht kühler Herbsttag, aber wer einen Hund hat, ist es gewöhnt, bei jedem Wetter den Bedürfnissen seines Haustieres den Vorrang einzuräumen. Und so scheint keine der Damen ein Problem mit der hohen Dosis kalter Frischluft zu haben.
Womit es schon eher ein Problem gebe, das seien die Leute in der Wohnhausanlage, die keine Hunde mögen. Insbesondere Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, so erzählt eine Hundebesitzerin unter dem zustimmenden Nicken der anderen, hätten oft Angst vor Hunden, weil sie aus den Heimatdörfern ihrer Eltern nur Streuner kennen würden, die oft Tollwut hätten. Sei es, wie es sei, die Mitarbeiter des türkischen Imbisses im Ekazent zeigen jedenfalls wenig bis keine Berührungsängste mit der Hundegruppe und stellen den anwesenden Damen gerne Sessel zur Verfügung, damit bequemer über das Leben mit Hund im Gemeindebau philosophiert werden kann.
Probleme, zweiter Teil: Die aus Sicht mancher Besitzerinnen mangelnde Ausstattung der Gegend mit Hundezonen. Zwar gebe es eine nahegelegene Hundezone in der Polgarstraße, das schon, aber die Besitzer der kleinen Hunde fühlen sich dort mitunter von den großen bedroht. „Es bräuchte zwei Hundezonen: eine für die Riesen und eine für die Kleineren. Mehr kleinere Hundezonen wären ein Traum.“ Womit schon ein erster Wunsch für die Zukunft der Hundehaltung im Gemeindebau formuliert wäre.
Schwierigkeiten, Teil drei: Ein aus Sicht der Hundebesitzerinnen skurriles Schild in ihrer Wohnhausanlage, auf dem das Folgende zu lesen sei: „Halten Sie Ihren Hund von Rasen und Gehsteig fern.“ Dass ihr Hund wohl irgendwo gehen müsse, entweder am Rasen oder aber am Gehsteig, müsse doch auch den Menschen einleuchten, die ein solches Schild produzieren, meint die Besitzerin eines recht kleinen Vierbeiners. Dass die Hunde hier im Bau nicht auf die Grünflächen gehen sollen, ist ihr bekannt, in der Praxis aber schwer umsetzbar: „In der Stadt am Beton geht’s ma ned.“ Womit natürlich nicht das Spazierengehen, sondern der Stoffwechsel gemeint ist, dessen Produkt sie im Erfolgsfall selbstverständlich umgehend per Plastiksackerl entsorge.
Wer einen Hund hat, ist wie Silvia Rucek daran gewöhnt, bei jedem Wetter vor die Tür zu gehen
Es gibt also eine Reihe Probleme, für die die Anwesenden allerdings nicht nur die Hundelosen, sondern ebenso die rücksichtslosen Hundebesitzer in der Verantwortung sehen, von denen an diesem Nachmittag keiner erschienen ist (wahrscheinlich war es ihnen zu kalt). „Die, die den Kot nicht wegräumen, sorgen damit dafür, dass alle Hundehalter ein schlechtes Image haben.“
Ebenso oft komme es vor, dass unerfahrene Hundehalter sich die falsche Rasse zulegen würden, nämlich eine, zu deren artgerechter Haltung sie gar nicht in der Lage wären: „Das liegt dann aber am Mensch und nicht an der Rasse. Deshalb sind die Listenhunde auch ein Blödsinn. Aber viele Leute haben keine Ahnung, was sie sich anschaffen und was die Rasse braucht.“
Dass es jedenfalls nur mit gegenseitigem Respekt funktionieren könne, gerade im Gemeindebau, darin sind sich alle anwesenden Damen einig: „Von Hundehaltern zu anderen und umgekehrt.“
Noch mehr Einigkeit gibt es nur darüber, dass die Hunde die ganzen Probleme, die man ihretwegen mit anderen Gemeindebaubewohnerinnen und -Bewohnern hat, in jedem Fall mehr als wert seien, denn: „Menschen können enttäuschend sein, aber ein Hund wird dich immer lieben.“

QUADENSTRASSE
Das schöne Leben in Hirschstetten
Es gibt Gemeindebauten mit hoher Wohnzufriedenheit – und dann gibt es die Quadenstraße 65–67 in Hirschstetten. In den 1970er-Jahren als zweiter Bauteil der Plattenbausiedlung Ziegelhofstraße projektiert, steht die Wohnhausanlage auf einer vormals von Hirschstettener Landwirten genutzten Fläche.
Ist es die Nähe zu den Blumengärten oder dem Hirschstettener Badeteich, die diese Zufriedenheit auslöst? Was immer es sein mag, die Bewohnerinnen und Bewohner der Quadenstraße fühlen sich in ihrem Zuhause nicht einfach nur wohl, sie sind regelrecht begeistert von ihrem Gemeindebau:
„Eine Gemeindewohnung ist erstrebenswert, sie ist ein sozialer Aufstieg!“
„Die Wohnung war wie ein Palast.“
„Ich habe vom Balkon aus dem siebten Stock geschaut und habe einen super Ausblick über Wien gehabt – die Lichter der Stadt warn wie Weihnachten!“
Das ist nur eine kleine Auswahl der Sätze, die fallen, wenn es um die Erinnerungen der Bewohnerinnen und Bewohner an ihren Einzug in der Quadenstraße geht.
Auch das Thema Hof mit Spielplatz, das in anderen Wohnhäusern wegen möglicher Lärmbelastung oft ambivalent diskutiert wird, stößt hier in Hirschstetten nur auf Zuspruch:
„Man freut sich, hinunterzugehen! Der Hof ist wie unser Garten, wir besuchen uns gegenseitig im Garten!“
„Wir machen auch Feiern, jeder nimmt was mit.“
„Der Kinderlärm unten ist herrlich, da merke ich immer, es wird warm.“
Wo die Stimmung so gut ist, klappt es natürlich auch mit dem nachbarschaftlichen Zusammenhalt:
„Was machst du, wenn du alleine bist, keine Angehörigen hast?“
„Ganz einfach: Dann komm ich bei dir ausmalen, und du kommst zu mir mit dem Schlagbohrer!“
Wenn das Leben doch nur überall so schön wäre wie hier in der Quadenstraße.
ELLA-LINGENS-HOF
„Hier gibt’s keine Außerirdischen“
„Ihr könnt es euch einmal anschauen, und wenn’s blöd ist, dann könnt’s ja wieder gehen“, sagt eine der wohnpartner-Mitarbeiterinnen zu den etwas scheuen Jugendlichen, die sich im Gemeinschaftsraum des Ella-Lingens-Hofes in Liesing eingefunden haben, um von ihrem Leben hier im Gemeindebau zu erzählen.
So blöd wird es dann gar nicht. Zum Beispiel erzählen die Jugendlichen sehr gerne von dem Sommerfest hier, das ihnen großen Spaß macht, und wo die älteren Mädchen auch bei den aufgebauten Stationen mithelfen: „Ich hab letztes Jahr beim Kinderschminken mitgearbeitet, das war gut.“
Die meisten von ihnen leben schon ihr Leben lang im Ella-Lingens-Hof, nur einer ist gebürtiger Ottakringer und erst seit zwei Jahren hier. Wo ist es schöner, in Liesing oder in Ottakring?
„Hier. Hier gibt’s mehr Kinder und es is mehr los.“ Und wie ist es mit den älteren Hofbewohnerinnen und Hofbewohnern? Konflikte? „Ja, wenn wir mit den Boxen Musik hören.“
Ballspielen und Fahrradfahren sei im Durchgang verboten, erklärt eine Mitarbeiterin der Kinderfreunde, die mit den Kindern aus dem Ella-Lingens-Hof arbeitet. „Aber die Fahrradroute verläuft nun einmal genau da, und wenn es regnet, dann ist das genau der Bereich, wo sich die Kids treffen.“ Zur Schule fahren die Jugendlichen alle um die 40 Minuten in eine Neue Mittelschule in der Carlbergergasse. Wie fühlen sie sich in Wien generell?
„Normal.“
„Ich fühl mich gut.“
„Ich auch: Es gibt hier ja keine Außerirdischen.“
Das stimmt natürlich. Und die Zukunftswünsche sind dann dafür wieder sehr down to earth:
„In Alterlaa gibt’s eine Sporthalle. Es wär super, wenn’s das hier auch geben würd.“

„Ich hab letztes Jahr beim Kinderschminken mitgearbeitet, das war gut.“

ELLA-LINGENS-HOF
Steinergasse 36
1230 Wien
Errichtet 1997–1999
491 Wohnungen
Geplant von Atelier Geiswinkler und Geiswinkler, Roland Hagmüller, Architekturbüro Henke und Schreieck, Architekturbüro Hermann & Valentiny, Peter Nigst, Hugo Potyka
SIEVERINGER STRASSE
„Chillen und das Leben genießen“
Die engagierte Betreuerin im Jugendzentrum Ju19teen, das sich mitten im Gemeindebau in der Sieveringer Straße 25 befindet, hat viel zu erzählen: von der sozialen Heterogenität des 19. Bezirks, der Bedeutung von Rückzugsorten für Jugendliche oder dem ganz unterschiedlichen Ausbildungs-Background ihrer Kolleginnen und Kollegen, die in dem gemütlichen, an eine WG erinnernden Jugendzentrum als Betreuerinnen und Betreuer tätig sind.
„Unser Standort hat viel mit der Gemeindebaunähe zu tun, weil wir zu 99 Prozent mit Kids aus den Gemeindebauten arbeiten. Solche Einrichtungen werden im Idealfall dort errichtet, wo am meisten Bedarf da ist. Man könnte glauben, im 19. Bezirk gibt’s viele gut situierte Familien, da braucht man das nicht. Mit denen arbeiten wir natürlich auch nicht. Aber die Stadt Wien hat die Standorte der Gemeindebauten so konzipiert, dass es eine soziale Durchmischung gibt, und hier in diesem Eck gibt es viele Gemeindebauten.
Wenn man Kindern und Jugendlichen einen Raum bietet, dann öffnen sie sich auch für Themen, die ihnen wichtig sind. Hier sind sie keinem Druck ausgesetzt, sie müssen nichts leisten, haben keine Voraussetzungen zu erfüllen, sondern können so sein, wie sie eben sind. Die Themen in der Arbeit mit den Jugendlichen sind unterschiedlich. Das Thema Freizeitgestaltung ist zum Beispiel wichtig für Kinder, deren Eltern nicht alles bezahlen können. Da schafft es dann Teilhabe an der Normalität der Gesellschaft für die Kinder, wenn wir mit ihnen Ausflüge machen, sie Kinofilme sehen können et cetera.
Die allermeisten Kinder, die zu uns kommen, stammen aus Familien mit Migrationshintergrund, viele sind aber hier geboren. Vor zwei Jahren hat das Zentrum geöffnet, und damals gab es hier auch eine Einrichtung vom Georg-Danzer-Haus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Manche Kids von dort docken jetzt immer noch hier an.“
Die Jugendlichen, die an diesem Nachmittag nach und nach in kleinen Grüppchen in das Zentrum tröpfeln, sind anfangs ein bisschen wortkarg, tauen aber rasch auf, als sie erfahren, dass sie gerne auch anonym von ihrem Leben erzählen können:
„Wir dürfen uns falsche Namen ausdenken? Dann heiße ich Manfred!“
Auf die Frage nach der Lebensqualität im Gemeindebau sind Manfred und seine anonymen Freunde sich einig: „Uns geht’s gut hier.“
Und was ließe sich noch verbessern?
„Man könnte in den Höfen zumindest einen Trinkbrunnen einbauen. Sonst muss man zum Wassertrinken immer nach Hause gehen.“
Probleme mit älteren, lärmempfindlichen Mieterinnen und Mietern? Ja, die gebe es tatsächlich, bestätigt Manfred: „Zuerst informieren sie unsere Eltern, wenn wir zu laut sind. Und wenn wir dann immer noch draußen sind, rufen sie die Polizei. Zum Beispiel, wenn wir im Park Fußball spielen. Aber ich finde, die Leute müssen das doch mitbedenken, wenn sie neben einem Park wohnen wollen.“
Sie alle besuchen die Mittelschule Pirkergasse gleich ums Eck; Berufswünsche sind vorhanden und werden klar artikuliert:
„Ärztin!“ „Ingenieur!“ „Architekt!“
Und wie würde der angehende Architekt einen Gemeindebau konzipieren?
„Es sollte auf alle Fälle ein Lift da sein für Leute, die es schwer haben, Treppen zu gehen. Und er muss viele Fenster haben, das ist auch ökologisch hilfreich, das Licht tagsüber von der Sonne zu bekommen“, lautet die eloquente Auskunft.
An diesem Nachmittag sind vielleicht ein Dutzend Jugendliche da, insgesamt sollen es aber um die 25 sein, die regelmäßig kommen. Was lockt sie hierher? Die Antwort ist einfach:
„Hier kann man chillen und das Leben genießen. Zu Hause geht das nicht.“
„Und es gibt WLAN, das ist auch wichtig.“
Gibt es vielleicht noch etwas, was in der Geschichte über das Jugendzentrum Ju19teen auf keinen Fall fehlen darf?
„Ich heiße Manfred. Mein Name muss dabei sein.“
GRENZACKERSTRASSE
Das, was man selber angreift
Beatrix Vasicek und Sabina Schneider leben seit 2002 im Gemeindebau in der Grenzackerstraße zwischen Wienerberg und Laaer Berg in Favoriten. Das Paar zog damals mit ganzen sieben Kindern hier ein: zwei leiblichen und fünf Pflegekindern: „Es war sehr schwierig am Anfang. Schon die ersten Blicke, als wir eingezogen sind, waren nicht angenehm.“
Zu dem Zeitpunkt, erzählen die beiden Frauen, hätten sie noch als Schwestern gegolten, bald habe sich das aber geändert. „Die Kinder haben einen guten Beitrag geleistet, dass wir anerkannt wurden, weil wir großen Wert auf gute Erziehung sowie Freundlichkeit und Höflichkeit der Kinder gelegt haben.“ Dadurch habe sich die Atmosphäre hier nach und nach zu einem sehr guten und angenehmen Wohngefühl für die Familie entwickelt. Auch die Buben von Hausbesorger Wolfgang Mayer hätten sich gut mit ihren Kindern verstanden, was einen wesentlichen Beitrag zur Integration in der Anlage geleistet habe.
Herr Mayer selbst hat einen angenehm pragmatischen Zugang zur Lösung nachbarschaftlicher Probleme: „I hob mit kan Mieter do irgend a Problem. Und wenn’s wos geben hot, hob is immer söwa greglt.“
Mayer, der selbst seit dem Jahr 2000 hier lebt, erinnert sich an die Veränderungen in der Grenzackerstraße in den vergangenen zwei Jahrzehnten: „Damals ham wir ja noch Hasen hier gehabt, die sind bis zum Fenster gekommen.“ Der Umbau des Verteilerkreises habe sie dann vertrieben, aber: „Jetzt hamma noch Enten, Igel, Hamster und Marder.“
Auch nicht so übel! „Du bist mitten in der Stadt und trotzdem am Land und in der Natur, das is wunderbar“, bestätigt Mayer.
Was Herrn Mayer, Frau Vasicek und Frau Schneider im Rückblick immer noch überrascht, ist die positive Entwicklung des nachbarschaftlichen Klimas in der Grenzackerstraße, seit die drei ihren gemeinsamen Plan in die Tat umgesetzt und ein Gemeindebaufest veranstaltet haben. Wolfgang Mayer erzählt: „Viele haben Kuchen gebacken und mitgebracht, jeder hat was beigetragen. Es sind 283 Leute gekommen, viel mehr, als ich geglaubt hätte. Zwei Tage vorher hab ich mir noch gedacht, warum tu ich mir das an, weil’s wirklich viel Arbeit war. Aber am Tag des Festes hab ich gewusst: Dafür hab ich’s gemacht und das mach ich jederzeit wieder.“

Als Beatrix Vasicek und Sabina Schneider in die Grenzackerstraße gezogen sind, galten sie vielen als Schwestern
Viele Leute seien damals bis ganz zum Schluss geblieben und hätten am Platz getanzt, schwärmt Mayer, der auch verrät, dass er inzwischen schon zahlreiche Anfragen für ein neues Fest erhalten hat – das er dieses Jahr anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Gemeindebaus in der Grenzackerstraße organisieren will.
Seit das Fest stattgefunden hat, berichtet Mayer, grüße man sich in der Anlage regelmäßig, „früher hat man sich maximal angegiftet“. Und: „Die Ausländerfeindlichkeit ist weg. Das war früher schon so, dass manche miteinander einfach nicht können haben. Da hat das Fest schon dazu beigetragen, dass das weg ist. Das haben alle angenommen, egal ob Österreicher oder von woanders, alle ham miteinander geredet.“
Bis es Zeit für die nächste Party ist, werden erst einmal Gemüsekistln aufgestellt und von den Kindern in der Grenzackerstraße neu angemalt, damit sie wieder schön ausschauen – auch das schafft Gemeinsamkeit und Verantwortungsgefühl, wie Frau Vasicek erklärt: „Die Kinder sollen sehen, wie aus einem kleinen Pflanzerl eine Gurke oder Tomate wird.“ Denn: „Das, was sie selber angreifen, darauf schauen sie auch besser.“
Eine Devise, die für Kinder wie für Erwachsene gleichermaßen gelten dürfte.

Auch Hausbesorger Wolfgang Mayer freut sich über die positive Entwicklung der Nachbarschaft in der Grenzackerstraße



WOHNPARTNER
Das Herzstück von Wien

Willibald Heimlich weiß, wie verschieden das Leben in großen und kleinen Höfen sein kann

Nurten Aybar ist über eine Notfallwohnung in den Gemeindebau gekommen
Normalerweise sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von wohnpartner diejenigen, die im Gemeindebau die Fragen stellen: den Mieterinnen und Mietern nämlich. Sie versuchen, deren Zufriedenheit mit ihrem Wohn- und Lebensraum zu ergründen und helfen ihnen dabei, Probleme zu lösen und Initiativen zu starten – sei es bei der Gründung einer Gartengruppe, der Einrichtung eines Gemeinschaftsraumes oder der Organisation eines Hoffestes.
An diesem Nachmittag aber hat das wohnpartner-Team der Bezirke fünf und zwölf beschlossen, einmal die Seiten zu wechseln: Jene, die privat selbst in einem Gemeindebau wohnen, sollen darüber befragt werden, was für Erfahrungen sie dort gemacht haben und wie sich ihr Blick auf Arbeit und Wohnen geändert hat, seit sie dort eingezogen sind.
Da ist zum Beispiel Nurten, die gleich zu Beginn erzählt, wie sie 2008 zu einer Gemeindewohnung kam: „Ich war vorher in zwei verschiedenen Privatwohnungen. Es war zuerst nicht leicht für mich, eine Gemeindewohnung zu bekommen, weil ich nicht alle Bedingungen erfüllt habe. Aber dann hab ich meine private Wohnung kurzfristig verloren und deshalb eine Notfallwohnung bekommen. Ich hab davor gehört, dass Notfallwohnungen nicht so schön sein sollen. Aber als ich meine Wohnung dann bekommen hab, hab ich festgestellt, dass sie in einer sehr schönen, grünen Wohnhausanlage liegt, die damals sogar gerade renoviert wurde.“
Ähnliche Erfahrungen hat auch Zsuzsi gemacht, die über die JungwienerInnenaktion aus dem Studentenheim in den Gemeindebau kam: „Ich bin schon früher hingefahren, um es mir anzuschauen, das war 2014. Es war alles so schön grün und neu renoviert, dass ich die Vertragsunterzeichnung gar nicht erwarten konnte.“
Willi berichtet von den Unterschieden, die das Leben im Gemeindebau je nach dessen Größe aufweist: „Bis zu meinem 22. Lebensjahr hab ich mit meinen Eltern am Rennbahnweg gewohnt. Heute wohn ich in Favoriten, in der Nähe vom Reumannplatz. Der Hof dort ist viel kleiner, mit weniger Stiegen und weniger Mietern. Der Rennbahnweg ist im Vergleich dazu fast eine kleine Stadt, dort ist es deshalb viel anonymer und die Leute kennen sich weniger als in den kleinen Bauten.“

Evelyn wiederum, die in der Hansson-Siedlung aufgewachsen ist, kann sich noch erinnern, dass ihr diese Herkunft in ihrer Jugend peinlich war: „Das galt irgendwie als verrucht. Aber jetzt im Rückblick seh ich das als eine sehr tolle Zeit an und kann die Erfahrungen auch bei der Arbeit einbringen.“


Über die JungwienerInnenaktion zog Zsuzsi vom Studentenheim in den Gemeindebau
Apropos Erfahrungen: Was haben die wohnpartner-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter durch das Leben im Gemeindebau gelernt, und sind sie umgekehrt durch ihre Arbeit bessere Mieterinnen und Mieter geworden?
„Na ja, ich habe jetzt hin und wieder ein schlechtes Gewissen, wenn ich in der Nacht Wäsche wasche“, verrät Evelyn.
„Und ich hab früher gedacht, dass wenn etwas im Bau kaputt ist, das automatisch repariert wird“, erzählt Nurten. „Erst seit ich bei wohnpartner bin, weiß ich, dass man das selber melden muss.“
Willi wiederum wusste jahrzehntelang nichts von einem Betretungsverbot der Wiese:
„Auf die Idee wäre ich selbst weder als Kind noch als Erwachsener je gekommen. Ich bin meine ganze Jugend lang nie von jemandem darauf angesprochen worden, dass ich die Wiese nicht betreten darf. Das wär am Rennbahnweg aber auch ein Wahnsinn, weil der fast nur aus Wiese besteht.“
Zsuzsi fällt allerdings auch ein Beispiel für eine gelungene Anwendung ihres in der Arbeit gewonnenen Wissens ein: „Wir sagen bei wohnpartner den Leuten immer, sie sollen mit den Leuten reden, wenn’s Probleme gibt. Ich hab das selber bei mir im Hof bei Kindern ausprobiert, die sehr laut waren, und siehe da: Es hat wirklich funktioniert!“, erzählt sie fast ein wenig überrascht.
In diesem Sinne sind sich alle einig: Die Probleme der Mieterinnen und Mieter sind leichter nachzuvollziehen, wenn man selbst im Gemeindebau wohnt und ähnliche Erfahrungen macht: „Wenn man das selbst repräsentiert, dann ist man für die Lösung von Konflikten automatisch glaubhafter.“ Diese Konflikte zu lösen, ist den wohnpartner-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern ein Anliegen. Denn, wie Willi es zum Abschluss formuliert: „Ich finde, der Gemeindebau ist das Herzstück von Wien. Wenn’s dem Gemeindebau gut geht, geht es Wien gut. Das ist das in Stein gemeißelte Symbol für Freiheit, Gleichheit und Solidarität.“

RUTHNERGASSE
„Mir gefällt alles“
Im BewohnerInnenzentrum in der Ruthnergasse haben sich in der Lernbegleitungsgruppe einige Kinder aus der Umgebung versammelt, die ihre Lebenswelt zeichnen, malen und von ihr erzählen.
Auf die Frage, ob sie gerne in ihren Gemeindebauten wohnen, ist ein Ja nach dem anderen zu hören, die meisten erzählen auch davon, dass sie den Großteil ihrer Freizeit in ihrer unmittelbaren Wohnumgebung verbringen.
Und was gefällt ihnen dort besonders?
„Eigentlich alles. Man kann dort spazieren, in den Hof gehen, spielen.“
„Es gibt dort auch Spielplätze und viel Grün.“
„Mir gefällt auch alles.“
„Mir auch.“
Aber es muss doch auch etwas geben, was den jungen Floridsdorfern nicht so gut gefällt?
„In der Nähe von unserer Wohnung ist ein Geschäft, wo Alkohol getrunken wird, und da gibt es immer Betrunkene, die rauchen auch. Das gefällt mir nicht so gut.“
„Mir gefällt nicht, dass die Wohnung teuer ist. Sie hat 75 Quadratmeter, aber dadurch ist sie auch teuer.“
Und die Nachbarn?
„Wir haben eine Österreicherin und eine Serbin und einen Syrer. Die sind alle drei nett.“
„Manchmal schauen wir nicht auf die Uhr, wenn wir spielen gehen, aber in unserem Hof gibt es einen Mann, der ruft beim Fenster raus, wenn es nach acht ist, dass wir nach Hause gehen müssen. Und das ist gut, weil dann erinnern wir uns daran.“ Na also: Lärmempfindliche Nachbarn und spielende Kinder können in Sonderfällen doch eine Symbiose zum beiderseitigen Vorteil eingehen …
BÜRGERGASSE
Die Abrüstung der Worte
Frau Jon und Herr Marko sitzen im gemütlichen Café Kess in der Favoritenstraße und reden über das Thema Eigenverantwortung: „Selbst was tun ist schwerer als schimpfen“, sagt Herr Marko dazu lächelnd. Deswegen habe er gemeinsam mit seiner Frau das „Team Bürgergasse“ gegründet, weil in ihrem Gemeindebau zwar genügend Probleme, aber kein Mieterbeirat vorhanden war: „Es gab viele Konflikte mit den Neumietern, und in den vergangenen Jahren ist es immer ärger geworden. Da haben wir dann irgendwann gesagt: ‚Wir müssen einfach selber was tun.‘ “
Am schwierigsten sei es beim Thema Lärmbelästigung durch die im Hof spielenden Kinder gewesen, ergänzt Frau Jon. Sie berichtet aber auch von einer positiven Überraschung bei der ersten Versammlung der Hausgemeinschaft, die von den beiden sowie ein paar anderen engagierten Mieterinnen und Mietern initiiert wurde: „Ein Kind hat selbst eine Mittagspause für das Spielen im Hof vorgeschlagen, damit es eine Zeit gibt, wo man untertags das Fenster öffnen kann und es ist ruhig.“
Vor allem anderen aber wollten Frau Jon und Herr Marko das soziale Klima in ihrem Bau in der Bürgergasse verbessern. Die Leute, so berichten die beiden, seien immer aggressiver geworden. „Eine Abrüstung der Worte war uns wichtig“, sagt Herr Marko, und man spürt, dass ihm das ein echtes Herzensanliegen ist.
Zum Teil hat das „Team Bürgergasse“ dieses Ziel auch erreicht. Wie es mit der Initiative weitergeht, ist aber vorläufig noch ungeklärt: Herr Marko und Frau Jon selbst ziehen nämlich demnächst um – in einen anderen Gemeindebau, nur 500 Meter von ihrer alten Heimat in der Bürgergasse entfernt.

Frau Jon und Herr Marko haben das „Team Bürgergasse“ gegründet
„Selbst was tun ist schwerer als schimpfen.“
In kurzer Zeit ist viel passiert

RENNBAHNWEG

Beim Mieterbeiratsstammtisch am Rennbahnweg in der Donaustadt ist viel los – und der Schmäh rennt auch. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Stammtisch sind Ansprechpartner für die Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner des Baus, der in den 1970ern auf einer ehemaligen Aushilfsrennbahn des Wiener Trabvereins als damals größte Wohnsiedlung Österreichs erbaut wurde. Die Vielstimmigkeit ihrer Erzählungen verdichtet sich zu einem der reflektiertesten Einblicke in Geschichte und Gegenwart des Lebensraums Gemeindebau:
„Wenn ich mich erinner, wie ich als Kind mit Toilette draußen gewohnt hab, nur Kaltwasser, zu viert auf Zimmer/Kabinett, dann wohn ich heute im Luxus. Ich habe später auch auf 200 Quadratmetern in einem Haus in Hietzing gewohnt, aber die Bausubstanz war nicht so gut wie jetzt im Gemeindebau …“
„Wir ham vorher gwohnt auf Zimmer/Küche, vier Personen, zwei 15-, 16-Jährige, Klo am Gang. Die Mutti hat in der Waschkuchl im vierten Stock Wasser geheizt. Luxus is die richtige Beschreibung dessen, was wir dann gehabt haben, als wir in den Gemeindebau gezogen sind …“
„Bei meiner Oma gab’s noch ein Tröpferlbad, da konnte man wählen zwischen Brausebad und Wannenbad. Die Wannen waren herrlich, gusseisern. Das war toll damals. Und heute sind die Leute angfressen, wenn sie kein verfliestes Bad haben …“
„Die Kostenunterschiede zwischen Gemeindebauten und privat sind enorm. Wir leben hier schon sehr sozial. Keine Provision, keine Kaution, und der Quadratmeterpreis ist nach wie vor viel geringer …“
„Man soll nicht vergessen, wenn man über die heutige Jugend am Rennbahnweg schimpft: Wir selber waren auch laut, und genauso is die Jugend heute halt laut. Gemeinde heißt für mich ‚gemeinsam‘. Daran sollte man denken und für die Kinder auch was übrig haben …“
„Von 1919 bis heute hat sich der kommunale Wohnbau enorm entwickelt. Alles ist grüner und freundlicher geworden – da red ich von den Bauten, noch nicht von den Leuten …“
„Der Quadratmeter-Preis von 8,90 Euro, den wir jetzt haben, ist wirklich nicht teuer. Was das Problem ist, sind die niedrigen Löhne – aber dafür kann der Gemeindebau nix …“
„Heute kapseln sich die Leute alle ein. Nicht einmal die vier Leute am gleichen Gang kennen einander, sondern verstecken sich voreinander. Ich bring bei 60 Wohnungen auf meiner Stiege vielleicht noch fünf zsamm, die ich beim Namen kenn. Das war früher anders, da hamma mit vielen Kontakt gehabt. Aber heit is a jeder nur mit dem Handy beschäftigt und kaner redt mehr mitanand …“




„Auf meiner Stiege helfen wir uns untereinander, wenn’s nötig ist. Da wohnen auch einige ältere Leute, die sich schon lang kennen. Die, die neu dazugekommen sind, haben den Kopf in den Sand gesteckt. Aber ich hab das umgedreht, ich geh selber auf die Leute zu …“
„Ist es nicht ein Fehler gewesen, das Multikulturelle nicht schon viel früher in den Gemeindebau zu bringen? Dadurch war keiner daran gewöhnt, an die dunklen Augen, an die andere Kleidung. Früher hat man alle mit anderer Nationalität woanders einquartiert und die Gemeindebauten ‚sauber‘ gehalten. Und als dort aber kein Platz mehr war, hat man die Leute auch in den Gemeindebau gebracht, und darüber waren dann plötzlich alle erschrocken, weil sie es nicht gewohnt waren …“
„Da ist zu viel in kurzer Zeit passiert, sodass die Leute sich überrannt gefühlt haben. Das hat sich jetzt aber geändert …“
„Der Fehler wurde schon in den 70er-Jahren bei den Gastarbeitern gemacht: Die hat man in Zinshäusern am Stadtrand einquartiert, weil man gemeint hat, die gehen eh wieder zurück. Dadurch hat man die ghettoisiert und versäumt, die Leute rechtzeitig auch in den Gemeindebauten zu integrieren …“
„Was bei der Diskussion übersehen wird: Österreich war immer schon ein Vielvölkerstaat. Die k. u. k. Monarchie hatte ihre Grenze in Mexiko. Und im Grunde waren wir selber überall Ausländer …“
„In jedem Fall hat man sicher lang vergessen, die Leute im Gemeindebau zu betreuen. Und das war ein Fehler der Politik, nicht der Gemeindebauten …“
„Keine Privatisierung. Ich will, dass jeder eine Wohnung hat. Ich will meine Wohnung nicht kaufen, die soll für alle frei zugänglich sein. In Berlin müssen sie die Wohnungen jetzt retour kaufen, weil der Mietschacher so ein Wahnsinn ist …“
„Ich würd mir wünschen, dass die Leute mehr aufeinander zukommen. Auf unserer Stiege haut das hin, dass die Nachbarin, wenn sie B1-Prüfung hat, rüberkommt und man gemeinsam übt. Und dass die ane a Kopftüachel trogt – na, um Gottes Willen. Was die privat für eine Religion hat, is mir egal, und meine Oma hat auch eines getragen …“
HERMINE-FIALA-HOF
Gemeinschaft Gemeindebau
Frau Traer ist eigentlich Kärntnerin, lebt aber seit Mitte der 1970er-Jahre in Wien. 1983 konnte sie mit ihrem Mann und den beiden Töchtern als Erstbezieher in den Hermine-Fiala-Hof in der Troststraße in Favoriten ziehen, wo sie von Anfang an äußerst zufrieden war. Das lag einerseits an der hohen Wohnqualität, andererseits am guten Kontakt zu den Nachbarinnen und Nachbarn, der sich rasch entwickelte: „Es war eine Gemeinschaft da, viele Familien mit Kleinkindern, man hat sich gegenseitig ausgeholfen. Es war schön für uns zu wissen, morgen können wir unser Kind dort oder dorthin geben.“ Die Wohnungen waren schon beim Einzug sehr schön mit Parkett ausgestattet, „das habe ich sehr geschätzt. Du bist reingekommen und hast dich wohlgefühlt.“
Frau Traers ältere Tochter ist seit der Geburt Spastikerin und sitzt im Rollstuhl. Innerhalb des Fiala-Hofes konnten sie sich die Wohnung damals aussuchen und entschieden sich für eine mit barrierefreiem Zugang auf der Stiege 10, wo nach dem Ausstieg aus dem Lift keine Stiegen mehr bewältigt werden müssen. „Mein Mann und ich waren glücklich, dass wir dort haben einziehen können. In unseren eigenen vier Wänden fühlen wir uns immer noch sehr wohl.“
Rundherum aber habe sich viel geändert, viele alte Mieterinnen und Mieter seien über die Jahre ausgezogen, „dadurch hat sich das Bild gewandelt“.
Was Frau Traer mit am meisten ärgert, ist, dass manche der neu Eingezogenen nicht einmal bei einer gemeinsamen Fahrt im Lift grüßen würden: „Die, die Kontakt haben wollen, outen sich eh, aber bei vielen hat man das Gefühl, sie wollen das nicht. Die bleiben sehr unter sich.“ Die vorhandenen Gemeinschaftsräume würden kaum genutzt, der Hof nur von den Kindern. Dabei verbinde sie mit Gemeindebau immer noch Gemeinschaft, ein Füreinanderdasein: „Es gibt Situationen, da brauchst vielleicht einmal Hilfe. Aber heute hab ich kaum mehr die Möglichkeit, bei einem Nachbarn anzuläuten, vielleicht bei ein oder zwei. Du kannst dir im Endeffekt fast keine Hilfe mehr erwarten. Und das ist eigentlich traurig.“
Wie sich diese für sie unbefriedigende Situation verändern ließe, darüber hat Frau Traer schon oft nachgedacht und ist auch auf einige Ideen gekommen: „Vielleicht gibt’s die Möglichkeit, einmal gemeinsam von Nachbar zu Nachbar zu gehen und zu schauen, was die Leute wollen und brauchen. Oder Gemeinschaftsgärten zu machen, wo man was anbaut und sich dadurch trifft. Aber man müsste wahrscheinlich viel Energie dafür aufwenden, die Leute dazu zu motivieren, und das habe ich eigentlich schon zur Genüge getan. Meine Tochter sagt immer: ‚Mama, du bist nicht die Hausmeisterin.‘“
Dass sie nicht mehr ganz so motiviert ist, Zeit und Energie in eine Verbesserung der sozialen Beziehungen im Hermine-Fiala-Hof zu investieren, mag auch daran liegen, dass Frau Traer für ihren Lebensabend Rückkehrpläne in ihre alte Heimat Kärnten schmiedet: „Wir haben das Haus von meiner Schwiegermutter geerbt und überlegen zurückzugehen, wenn mein Mann nächstes Jahr in Pension ist. Auch für unsere Tochter wird dort eine neue Beschäftigungstherapie mit Wohneinheiten in der Nähe gebaut. Und dort hab ich halt auch die Nähe zu Italien“, sagt Frau Traer lachend, aber man meint zu spüren, dass ein Auszug aus dem Hermine-Fiala-Hof für sie auch mit einem weinenden Auge verbunden wäre.

HERMINE-FIALA-HOF
Troststraße 45a
1100 Wien
Errichtet 1980–1982
397 Wohnungen
Geplant von Erwin H. Dusl, Wilhelm Gehrke, Erich Hofbauer, Friedrich Novotny, Fritz Oberdorfer
BUCHENGASSE
Die Natur vor der Tür

Die Stimmung in der Buchengasse 25–37 ist gut, und das liegt nicht nur an den Hamstern – aber schon auch: „Süße Gfraster“ seien sie, die Hochbeete müsse man gegen sie und die anderen Tiere, die hier in Favoriten mitunter bis in den Innenhof kommen, ganz besonders gut absichern.
Aber die Nähe zur Natur hat eindeutig auch ihre Vorteile, wie ein Mitglied der Gartengruppe erzählt: „Wir sind zwar in der Stadt, aber trotzdem ist die Natur rund um uns. Wir haben eine Eule, die zeitweise auf Besuch kommt, dann Falken und Wildhamster. Auch eine Marderfamilie läuft auf den Autos herum. Die Natur ist also vor der Tür und es ist angenehm, das den Kindern zeigen zu können, ohne dass man sich weit bewegen muss.“ Auch die Entwicklung des Gemeindebaus in den letzten Jahren sehen alle Anwesenden, von denen die meisten schon seit Jahrzehnten hier wohnen, äußerst positiv: „Wenn’s Probleme gibt, kann man sich zusammenreden und kann gewisse Dinge klären – manche auch nicht. Aber im Großen und Ganzen sind wir sehr zufrieden.“
Ebenso wie man in der Buchengasse ein Herz für die Natur und für Tiere hat, scheinen die Bewohnerinnen und Bewohner auch zu ihrem schon seit 1938 bestehenden Wohnhaus ein inniges Verhältnis zu pflegen. Es ist fast ein wenig, als wäre der Bau auch ein Lebewesen mit Stärken und Schwächen, auf das man allein schon wegen seines Alters ein wenig Rücksicht nehmen muss: „Die Renovierung war um das Jahr 2000 und seither hat sich die Anlage positiv entwickelt, überhaupt, wenn man das Alter von dem Bau bedenkt: Er ist dafür eigentlich sehr gut beinand.“ Deshalb stellt man nicht nur Beete zur Verschönerung des Hofes auf, man hält der Buchengasse auch einfach die Treue. Ein Mieter, der schon seit 1997 hier lebt, bringt das mit einem Satz zum Ausdruck: „Ich fühle mich sehr wohl hier und möchte, solange ich lebe, hier wohnen bleiben.“



BUCHENGASSE
Buchengasse 25–37
1100 Wien
Errichtet 1936–1938
173 Wohnungen
Geplant von Konstantin Peller

Ein schöneres Kompliment kann man einem Gemeindebau wahrscheinlich nicht machen.

SONNWENDVIERTEL
„Man kann hier lachen, Spiele spielen, Freunde treffen“
Im Jugendzentrum im Sonnwendviertel in Favoriten ist viel los. Von Tischtennis über Wuzzeln bis hin zu Computerspielen und gemeinsamem Abhängen gibt es hier viele Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben und zu entspannen.
Vier Mädchen, alle um die 14 Jahre, haben sich ein bisschen Zeit genommen, um aus ihrem Leben zwischen Schule, Gemeindebau, Park und Jugendzentrum zu erzählen. Warum kommen sie gerne hierher?
„Man kann hier lachen, Spiele spielen, Freunde treffen.“
„Und draußen gibt’s immer wieder Erwachsene, die sich aufregen, wenn wir laut sind.“
Die Mädchen wohnen in Gemeindebauten in der Nähe des Jugendzentrums Sonnwendviertel. Sind sie nicht hier oder in der Schule, dann treffen sie sich meist im Park. „Im Zehnten gibt’s nicht so viel Infrastruktur“, sagt eine der jungen Frauen fast entschuldigend. Dabei ist das Jugendzentrum ohnehin so modern eingerichtet und wirkt so lebendig, dass weitere Rechtfertigungen für einen Besuch hier gar nicht notwendig wären.
Und was verbinden die Mädchen mit dem Konzept Gemeindebau?
„Der Gemeindebau ist bodenständig, das ist gut. Aber in den Zimmern ist wenig Platz.“
„Hier gibt’s immer wieder Feste, wir sind einmal die Woche da.“
„Wenn wir nicht hier oder im Park sind, dann treffen wir uns in einem Hof in der Quellenstraße zum Abhängen.“
Dürften sich die Mädchen für ihre Wohnhäuser etwas wünschen, dann wäre es erstens mehr Platz und zweitens eine Renovierung. Unvermeidlich ist natürlich auch die Frage nach dem Traumberuf zum Abschluss des Gesprächs:
„Autoverkäuferin.“
„Volksschullehrerin.“
„Kosmetikerin.“
„Ich würd gern beim Zoll arbeiten.“
Und das gibt einen Extrapunkt für Originalität.
„Der Gemeindebau ist bodenständig, das ist gut.“
JUSTGASSE
Nie lockerlassen

In der Justgasse in Floridsdorf wird begeistert gebastelt, die beteiligten Damen führen dabei auch ordentlich Schmäh, wie es sich gehört, und wirken überhaupt ziemlich unerschütterlich. Und während man gemeinschaftlich einer handwerklichen Tätigkeit nachgeht, lassen sich natürlich auch gut Geschichten erzählen. Über das Thema Tod im Gemeindebau wird sonst nicht so viel gesprochen, aber natürlich kommt es regelmäßig vor, dass alte, alleinstehende Menschen in ihren Wohnungen versterben. Wie rasch das entdeckt wird, hängt auch von der Qualität der Hausgemeinschaft und der Achtsamkeit anderer Mieterinnen und Mieter ab.
Das erhellt die folgende Geschichte einer Dame, die nicht lockerließ, bevor nicht in der Wohnung ihrer Nachbarin Nachschau gehalten wurde:
„Uns is wichtig, dass wir voneinander wissen, wie’s uns geht. Das hab ich von meiner Mutter gelernt, die bei uns im Haus auf die ganzen alten Leut aufgepasst hat. Ich weiß ja nicht, ob ich das erzählt hab, aber: Die bei uns da auf der Stiege gestorben ist, da ham’s mi ja scho hoibert zum Psychiater führn woin, wie i gsogt hob: ‚I sich die Frau ned, I sich die Frau ned, da is wos passiert.‘ Olle ham gsogt, in bin spinnert, owa Tatsache is, dass die Frau wirklich tot in der Wohnung glegn is. Es hot niemanden interessiert, ned amoi die Polizei. Wei wie i dort angruafn hob, hot mir der Polizist gsogt: ‚Wann wir die Tür aufmochen und es is nix, dann miassn Sie des Schloss zoin.‘ Und i hob gsogt: ‚Kommt ma billiger ois Schloftabletten.‘ Wie i hob ned schlofen kennan wegen der Gschicht. Dann ham’s einebohrt, die Tür is aufgangen, is aber ned aufgsprungen, wei’s von innen zuagsperrt wor. Und wie i des gsehn hob, hab i mi umdraht und hob mi recht freindlich von dene verobschiedet. Und der Polizist hat gsagt: ‚Sie miassn do bleiben und die Frau identifizieren.‘ Hob i gsogt: ‚Gor nix muass i. I hob eich aufmerksam gmocht, i bin ned verwandt mit ihr, i bin ka Amtsperson, meins is gmacht, i geh.‘ Da war die Polizei sehr böse auf mich. Aber i hab die Nachbarin vier Wochen davor das letzte Moi no gsehn, da hat’s Geburtstag ghobt und a Piccolo-Flascherl Sekt getrunken. Do hob i owa scho zwa Wochen danoch an Mann mit ana Leiter organisiert, dass der durchs Fenster eineschaut – nur hot’s der ned gseng, weiß hinterm Bett glegn is. Aber i hab nicht schlafen können, weil i gewusst hab, do stimmt wos ned. Und des Komische is: Do wor a Hund in der Wohnung: Der hat nicht gebellt …“
BOSSIGASSE
In der Mitte der Gemeinschaft
Es gibt in Wien viele engagierte Mietervertreterinnen und Mietervertreter – und dann gibt es Frau Lenikus und Herrn Zaufal.
In ihrem Wohnhaus in der Bossigasse 18–22 in Hietzing heben sie Engagement auf ein neues Level, indem sie nicht nur das von wohnpartner ins Leben gerufene Programm „Willkommen Nachbar“ fleißig umsetzen, bei dem Neuzugänge im Haus begrüßt werden. Nein, die beiden Mietervertreter haben darüber hinaus ihr eigenes, noch einen Schritt weiter gehendes Konzept kreiert: „Wir haben das ‚Hallo Du‘ getauft, und der Sinn davon ist, dass sich zumindest die Leute auf der Stiege kennenlernen, wo der Neuzugang einzieht“, erklärt Mieterbeirat Hans Zaufal. Seine Stellvertreterin Regina Lenikus ergänzt: „Wir versuchen dann zu einem Austausch bei Kaffee und Kuchen einzuladen und so eine Gelegenheit für ein gegenseitiges Kennenlernen zu schaffen.“
Als Herr Zaufal erzählt, wie er 1976 in die Bossigasse kam, verspricht er sich gleich einmal in, wenn man so möchte, Freud’scher Manier: „Ich selber hab den Gemeindebau geheiratet – nein, meine Frau hab ich geheiratet im Jahr 1976 – und bin in die Wohnung meiner Frau hierhergezogen.“ Regina Lenikus wiederum lebt zwar schon seit ihrer Kindheit im Gemeindebau, zog aber erst im Jahr 2002 in der Bossigasse ein. Beide vereint, dass das Gemeinschaftsgefühl im Gemeindebau für sie an erster Stelle steht: „Ich bin im 8. Bezirk aufgewachsen, da gab’s nur vier Stiegen mit je sechs Stockwerken, alle kannten sich, man war überall zu Hause. Wir versuchen auch hier mit den Mietern viel zu machen, aber es sind doch 190 Wohneinheiten, da ist es nicht so leicht. Wir haben hier aber viele Grünanlagen und viele Neuzugänge mit Kindern, was das Ganze verjüngt“, erzählt Frau Lenikus. Herr Zaufal ergänzt, dass es mit den alteingesessenen Mieterinnen und Mietern gerade in puncto Gemeinschaft manchmal nicht so einfach sei: „Manche sehen das dann fast schon als ihr Eigentum, weil sie schon so lang da wohnen, und wollen, dass alles passiert, was sie sagen. Das kann dann natürlich zu Konflikten führen.“
Um solche rechtzeitig zu erkennen und einer Lösung zuführen zu können, haben Zaufal und Lenikus eine weitere Gemeinschaft stiftende Initiative, nämlich ein regelmäßiges Kaffeekränzchen, ins Leben gerufen: „Die Kaffeekränzchen machen wir im Winter ein Mal monatlich, im Sommer alle 14 Tage. Natürlich kämpfen wir beim Gemeinschaftsgefühl mit den Windmühlen, meistens kommen dieselben Leute. Aber wir bemühen uns, die Neuzugänge zu motivieren, und das funktioniert eigentlich sehr gut“, erzählt Herr Zaufal. In der ungezwungenen Atmosphäre des gemeinsamen Kaffeetrinkens kommen die Themen oft leichter auf den Tisch als bei einer formellen Sprechstunde, das haben die beiden in ihrer ehrenamtlichen Funktion als Mieterbeiräte inzwischen schon oft erfahren. „Wenn’s Probleme gibt, dann kommen die Leute auch auf der Straße auf mich zu oder rufen mich einfach an“, berichtet Regina Lenikus.
Die beiden sind offensichtlich Mieterbeiräte zum Anfassen – was nicht heißt, dass sie nicht auch die segensreiche Wirkung neuer Technologien für ihre Arbeit nutzen würden: „Wir haben auch eine Whatsapp-Gruppe für die Mieter eingerichtet, wo man sich an uns wenden kann“, sagt Herr Zaufal stolz. „Da kann ich auch denjenigen Neumietern, die noch nicht so gut Deutsch können, eine Nachricht auf Deutsch schicken und darunter gleich die Übersetzung vom Whatsapp-Translator in ihrer Muttersprache, das klappt sehr gut.“
Wobei es nicht Frau Lenikus und Herr Zaufal wären, wenn sie nicht auch zur Verbesserung der Sprachkenntnisse von Neumietern bereits eine Initiative gestartet hätten: „Wir wollen jetzt etwas in der Art des Kaffeekränzchens schaffen, wo Leute zum Deutschlernen zusammenkommen können“, erzählt Herr Zaufal.
Kurz nachdenken muss der Mietervertreter aus Leidenschaft nur, als er zum Abschluss nach seinem Lieblingsplatz gefragt wird, während seine Kollegin auf dieselbe Frage gleich – wie könnte es anders sein – den Hof während eines Kaffeekränzchens genannt hat.
„Mein Lieblingsplatz ist in der Mitte einer Gemeinschaft“, sagt Herr Zaufal dann.
Es ist ein Satz, der das Gespräch und die Arbeit der Mietervertretung in der Bossigasse wohl perfekt zusammenfasst.
Hans Zaufal und Regina Lenikus sind Mietervertreter aus Leidenschaft


„Ich selber hab den Gemeindebau geheiratet …“
HANSSON-SIEDLUNG
Der Segen der Kinder
„Samma froh, dass ma die Ausländer do ham, sonst hätt ma ja kane Kinder do. Hätt ma nix z’tuan, den gonzen Tog. So vü Kaffee kemma gor net trinken.“
Das sagt der einzige Mann in der Runde der Lernbegleiter in der „Bassena Am Schöpfwerk“, aber die anwesenden Damen, die sich auf gleiche Weise wie er engagieren, stimmen ihm zu. Acht bis zehn Lernbegleiter sind hier in der Bassena regelmäßig aktiv, so viel wie nirgendwo sonst in ähnlichen Programmen in Wien. Alle arbeiten ehrenamtlich, in Eins-zu-Eins-Betreuung wird mit den Schülerinnen und Schülern Hausübung gemacht, geübt und Nachhilfe gegeben.
„Man freut sich, wenn das Kind vorankommt und versteht. In einer Stunde kann man gar nicht so viel unterbringen, auch nicht so viel Privates, weil die so viel Hausübung haben“, erzählt eine Dame. „Ich habe auch 34 Lesekinder, gehe jeden Mittwoch in die Schule. Manche holen fantastisch auf, die kann man richtig motivieren. Die haben so eine Freud, wenn’s ma erklären können: ‚Ich hab gestern die ganze Zeit gelesen‘, nur damit ich zufrieden bin“, lacht sie.
Früher sei die Altersstruktur der Hansson-Siedlung ganz anders gewesen, hauptsächlich junge Familien seien damals, vor Jahrzehnten, hier eingezogen.
Wie war damals das Leben in der Siedlung?
„Mühsam“, sagt eine ältere Dame, und sagt es doch so, dass es fröhlich klingt, „es gab noch keine Straßenbahn und keine Geschäfte und nix. Mit den Kindern sind wir durch Eis und Schnee zum 67er marschiert. Es hat sich trotzdem gut angefühlt, einfach weil die Wohnung da war. Die Kinder ham ein eigenes Zimmer bekommen. Das ist schon schön. Zwei Meter Schnee sind gelegen, als wir eingezogen sind. Es war so kalt, dass ich gleich eine Mittelohrentzündung bekommen hab. Mein Sohn war damals ein Jahr alt. Wir haben angefragt, ob wir ein Zimmer mehr haben könnten, weil wir ein zweites Kind wollten. Das war aber nicht möglich, das schon im Vorhinein zu bekommen. 1966 war das. Es war schön und ist noch immer schön. Wir haben’s ja so herrlich grün da herunten.“
Als Nächstes entspinnt sich unter den Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern eine interessante Diskussion über Äpfel, Kirschen und die Segnungen der Moderne in der Hansson-Siedlung:
„Der Ententeich, die Schrebergärten. Da haben wir Äpfel und Kirschen gekauft, das gibt’s heute ja gar nicht mehr.“
„Äpfel und Kirschen gibt’s immer noch.“
„Aber sie werden in den Schrebergärten nicht mehr verkauft, oder?“
„Das ist was anderes. Aber geben tut es sie immer noch.“
„Wir haben ja alles, Fernwärme, alles. Jetzt kommt dann noch die Fernkühle“, meint eine der Anwesenden schließlich und löst mit dieser Idee allgemeine Heiterkeit aus.
Aber noch einmal zurück zur Lernbegleitung: Wer die Erinnerungen der sich hier ehrenamtlich engagierenden Mieterinnen und Mieter an ihre Anfangszeit in der Siedlung hört, der versteht, warum ihnen die Arbeit mit den Jugendlichen heute ein Anliegen ist:
„Früher gab es mehr Nähe zueinander. Man hat mehr geklopft und gefragt: ‚Geht’s gut?‘ Da ist viel verloren gegangen.“
„Jetzt wird das eine Pensionistensiedlung, jetzt gibt’s nur noch alte Leute.“
„Is es eh schon.“
„Und die türkischstämmigen Familien sind zwar ganz fantastische Nachbarn, aber sie wollen einfach nicht so viel Kontakt haben.“
„Man grüßt sich, und das ist es.“
„Trotzdem is es fantastisch, wenn die Jungen wiederkommen.“


Verbesserungsvorschläge für das Programm gibt es nur wenige, denn: „Die Leitung und das Team hier sind so großartig. Die sind also auch mitschuld daran, dass es hier so toll läuft.“
„Ich find es absolut fantastisch, dass es das überhaupt gibt.“
Nur eine Anregung bezüglich des Geschlechterverhältnisses gibt es dann doch noch, und sie ist wichtig:
„Man müsste mehr Männer in das Programm einbauen, weil die Buben brauchen auch Bezugspersonen, um sie da herbringen zu können.“
Die Gruppe der Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter wird jedenfalls mit voller Motivation weitermachen. Sie leistet damit einen wesentlichen Beitrag dafür, dass der soziale Zusammenhalt in der Hansson-Siedlung eben nicht verloren geht.

DONAUSTADT
Kontaktbesuchsdienst Donaustadt
Der Kontaktbesuchsdienst der Stadt Wien ist ein in Österreich einzigartiges Modell, bei dem wienweit rund hundert Freiwillige Seniorinnen und Senioren über 75 Jahren kontaktieren, um mit den älteren Menschen Gespräche zu führen und sie bei Bedarf über das Leistungsangebot der Stadt Wien zu informieren.
Die besondere Serviceleistung besteht schon seit 1977 und wird von den Wiener Sozialdiensten in Kooperation mit dem Fonds Soziales Wien, dem Büro der SeniorInnenbeauftragten sowie den 23 Bezirksvorstehungen umgesetzt.
2.400 Donaustädter über 75 erhalten jährlich ein Schreiben von der Bezirksvorstehung, in dem ein kostenloser Hausbesuch angeboten wird, immerhin rund ein Drittel nimmt das Angebot im Schnitt in Anspruch. Das Projekt ist nicht auf Gemeindebauten beschränkt, sondern steht allen Menschen über 75 Jahre, die im Bezirk wohnen, offen. Dennoch können die Donaustädter Kontaktbesucherinnen und Kontaktbesucher aufgrund ihrer ehrenamtlichen Arbeit natürlich einiges über die Lebenssituation älterer Menschen in den Donaustädter Gemeindebauten erzählen.
Was sind die Themen, die bei den Besuchen am häufigsten zur Sprache gebracht werden?
„Es wird immer wieder bedauert, dass es keine Hausbesorger gibt, und danach verlangt, dass es wieder welche geben soll.“
„Die Leute haben die größte Angst davor, wer einziehen wird, wenn eine Wohnung frei wird, weil jemand verstirbt oder auszieht.“
„Das Gemeinschaftsgefühl hat sich durch die neuen Mieter schon sehr verändert. Sie sind zwar oft nett, aber sie haben Eigenheiten, die die Alteingesessenen stören, wie dass sie die Schuhe vor der Tür stehen lassen oder dass sie den Mistsack bis zum Lift am Boden schleifen. Zum Glück gibt’s da wohnpartner, um solche Konfliktfälle dann auch zu schlichten.“
„Es ist von Stiege zu Stiege aber sehr unterschiedlich, wie’s mit der Sauberkeit und auch mit der Stimmung in den Bauten ist.“
Der Treffpunkt für den Kontaktbesuchsdienst: das Amtshaus Donaustadt
Die von den Kontaktbesucherinnen und Kontaktbesuchern aufgenommenen Informationen werden in einem Formular erfasst und an wohnpartner oder Wiener Wohnen weitergeleitet, erzählt die engagierte Gruppe von Ehrenamtlichen. Manche von ihnen stellen fest, dass sich aus ihrer Sicht in der jüngeren Generation viel geändert hat und das in Gesprächen auch immer wieder thematisiert wird:
„Die Erziehung war ja früher ganz anders, weil die Mutter meistens zu Hause war. Heute müssen alle arbeiten, damit sich’s finanziell irgendwie ausgeht.“
„Wenn die Frau aber nur halbtags arbeiten geht, wie meine Frau, dann kriegt sie später nur die halbe Pension, und das ist dann oft weniger als die Mindestsicherung.“
Eine empfundene Entfremdung zwischen den Generationen scheint beim Gespräch immer wieder durch, und so taucht auch irgendwann die Frage auf, was sich tun ließe, um die Leute wieder näher zusammenrücken zu lassen, ältere mit neuen Mieterinnen und Mietern in Kontakt zu bringen?
„Grätzlfeste könnten eine Möglichkeit sein, die Neumieter mit den Alteingesessenen zu verbinden. Gemeinsam kochen ist auch etwas, was immer gut funktioniert.“
Auf die Frage, was sie zu ihrem ehrenamtlichen Engagement bewogen und darin bestärkt hat, werden das Interesse an den Menschen sowie die zumeist positiven gesammelten Erfahrungen genannt:
„Ich find’s interessant, so viele verschiedene Menschen und Wohnungen kennenzulernen.“
„Die meisten sind ja auch nett, es kommt ganz selten vor, dass jemand unfreundlich ist.“
Wobei die Bezeichnung Kontaktbesuch mitunter Anlass für Missverständnisse biete, erzählt eine Kontaktbesucherin von einem skurrilen Vorfall, den sie einmal erlebt hat:
„Ich hatte persönlich das Erlebnis, dass mir ein über 80-Jähriger komplett nackt aufgemacht und gesagt hat, ich soll nur hereinkommen und er geht schnell ins Bad. Ich hab mir gedacht, der zieht sich an, er kam aber auch wieder nackt aus dem Bad heraus. Dann hat er gesagt: ‚Ich hab schon auf Sie gewartet und hab extra beim Magistrat angerufen, dass Sie auch ja kommen, weil ich brauch was von Ihnen – ich brauch eine Frau, Höchstalter 50.‘ Da konnte ich mich entspannt hinsetzen, weil die 50 hab ich schon hinter mir, also hab ich gesagt: ‚Entschuldigen Sie, für das bin ich nicht zuständig und dazu bin ich nicht ausgebildet.‘“
Haben die anwesenden Männer auch schon einmal ein solches Erlebnis gehabt?
„Ich hab nur Angebote zum Schachspielen bekommen – aber auch die musste ich ablehnen“, meint ein Herr und sorgt damit für allgemeine Heiterkeit.
REUMANNHOF
Margareten ohne Partnergewalt
Im Reumannhof in Margareten ist eine Gruppe engagierter Frauen zusammengekommen, um von ihrer Arbeit für die Initiative „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ zu erzählen. Eine von ihnen ist Maria Rösslhumer, die Vorsitzende des „Vereins der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser“, der das Projekt koordiniert.
Aber worum geht es bei der Initiative StoP eigentlich genau?
„Unsere Themen sind Gewalt in der Familie, Gewalt an Frauen und Kindern, das beschäftigt uns täglich“, erklärt Rösslhumer. „Ich bin froh, dass wir Frauen und Kindern helfen können, wir unterhalten auch eine Frauenhelpline, wo wir Frauen täglich unterstützen.“
2002 hatte sie das erste Mal vom StoP-Projekt gehört und war sofort begeistert: „Ich wollte es, wenn ich einmal mehr Zeit habe, unbedingt auch in Wien umsetzen.“
2013 bot sich ihr dann endlich die Möglichkeit, Genaueres aus erster Hand zu erfahren: Die Initiatorinnen und Initiatoren des Projekts in Hamburg veranstalteten in Wien ein Symposion, auf dem sie über ihre Arbeit und die gesammelten Erfahrungen berichteten.
2017/18 machte Rösslhumer schließlich die erforderliche Ausbildung in Hamburg, die es ihr ermöglichte, das Projekt im 5. Bezirk auf die Beine zu stellen.
„Das Ziel des Projekts ist gewaltfreie Beziehung“, erläutert Rösslhumer den Kern ihrer Arbeit. „Auch wenn das ein hoher Berg ist, den wir da erklimmen müssen.“
Dem Projekt StoP liegt die Überzeugung zugrunde, dass das soziale Umfeld entscheidend dafür ist, ob Gewalt in Beziehungen aufgedeckt und damit veränderbar wird. Mittels sogenannter Frauentische bietet der Verein nun seit 2019 in Gemeindebauten in ganz Margareten ein niederschwelliges Angebot, bei dem die Mitarbeiterinnen sich bemühen, mit Bewohnerinnen und Bewohnern ins Gespräch zu kommen, Vertrauen aufzubauen, aufzuklären und so die Grundlage dafür zu schaffen, dass über Gewalterfahrungen in Beziehung und Familie gesprochen werden kann.
Über direkten persönlichen Kontakt hat Rösslhumer auch viele ihrer Mitstreiterinnen für das Projekt gewonnen. Eine von ihnen erzählt die Geschichte ihrer Rekrutierung: „Es hat an der Tür geläutet und es standen zwei Damen vor der Tür und haben mir vom StoP-Projekt erzählt. Das Projekt ist meiner ganzen Lebenseinstellung sehr entgegengekommen. Ich hab einen starken Gerechtigkeitssinn und bin damit auch oft genug auf die Nase gefallen.“
Eine typische Geschichte für den Beginn des Engagements bei StoP – ein Projekt, das ganz aktiv die Idee eines Schneeballeffekts verfolgt, der immer mehr Aufmerksamkeit für das Thema schafft und auf diese Weise betroffene Frauen aus der Isolation holt: „Das Thema sollte selbstverständlich sein. Die Betroffenen sollten sich trauen zu reden, Vertrauenspersonen in der Nachbarschaft finden und sich Hilfe holen können“, so Rösslhumer.
Der Gemeindebau eigne sich allein schon durch seine offene Bauweise sehr gut für das Projekt, weil man über den Hof viel aus den Nachbarwohnungen mitbekomme. Dadurch werde auch Gewalt mehr wahrgenommen und es gebe bessere Chancen auf Hilfe. „In einem Villenviertel würde da lange Zeit niemand was bemerken. Man hat als Betroffene also im Gemeindebau, wenn die Nachbarschaft funktioniert, eine bessere Chance, aus einer Gewaltbeziehung herauszukommen.“
Rösslhumers Wünsche für die Zukunft? „Dass wir Anstoßgeber für eine Veränderung sind, auch nach Ablauf des offiziellen Projektzeitraums.“ Damit Margareten als Bezirk ohne Partnergewalt ein Vorbild für ganz Wien wird.
ELLA-LINGENS-HOF
Ein freundliches Gesicht

„Früher hat man gesagt ‚Grüß Gott‘, heute sagt man ‚Hi‘.“
In dieser Kürze lassen sich nicht alle Veränderungen in den Nachbarschaftsbeziehungen im 23. Wiener Gemeindebezirk zusammenfassen, aber vielleicht ist es eine gute erste Spur.
„Hier und da lernen die Leute das Grüßen“, sagt dann einer der Anwesenden hoffnungsvoll.
Und mit diesen zwei Statements ist eigentlich schon die Richtung vorgegeben für ein Gespräch im Gemeinschaftsraum des Ella-Lingens-Hofes über Erfahrungen mit der Grußkultur im Gemeindebau im Allgemeinen und dem „Willkommen Nachbar“-Programm im Speziellen.
Ein elegant gekleideter Herr mit Krawatte hat eine ganz klare Philosophie: „Ich grüße so oft, wie es notwendig ist.“ Der andere könne ja gedankenverloren sein und den Gruß einfach nicht bemerkt haben, daher müsse man eben öfter grüßen, um ihn aus seinen Gedanken zu reißen: Mit „Bei mir hüft eam des nix!“ sorgt er für zustimmendes Lachen. Aber Lachen hin oder her, seine Grußerfolgsquote gibt ihm Recht, meint er, geschätzt liege sie mittlerweile bei beachtlichen 90 Prozent.
Auch eine ursprünglich aus St. Pölten stammende Mietervertreterin stimmt mit diesem durchaus rigorosen Ansatz überein: „Je unfreundlicher einer ist, umso freundlicher werde ich.“
Ob es nun kulturelle Unterschiede sind oder ob es die individuelle schlechte Erziehung mancher Menschen ist, die sie heute am Grüßen hindert, darüber gehen die Meinungen im Ella-Lingens-Hof auseinander. Während manche meinen, viele Ausländer würden zumindest nicht von sich aus grüßen, ist einer der anwesenden Herren überzeugt, dass es vorwiegend die Eingeborenen sind, die die Höflichkeitsregeln missachten: „Es sind die Wiener, die nicht grüßen können!“
In jedem Fall wird das „Willkommen Nachbar“-Programm, bei dem Neumieterinnen und Neumieter begrüßt und informiert werden, vielleicht gerade deshalb von einigen der Anwesenden durchaus mit Verve betrieben:
„Wir können etwas beitragen, um eine Atmosphäre zu schaffen, das erzeugt einen Schneeball-Effekt. Mich grüßen die Kinder inzwischen schon aus 15 Metern Entfernung“, berichtet der Herr mit der hohen Grüßerfolgsquote.
Außer gezieltem Erstgrüßen tut er allerdings noch einiges anderes für die Mieterinnen und Mieter in seinem Bau: Einer neu eingezogenen albanischen Familie mit vier Kindern schenkte er etwa zwei von ihm nicht mehr benötigte Kindersessel – eine von vielen kleinen Aktionen, die das Klima verbessern und Freundschaften entstehen lassen: „I glaub, des waß do eh a jeder: Wenn sie die Leut verstehen, dann gibt’s weniger Streit. ‚Strebe eine Win-Win-Situation an‘, hat man uns bei wohnpartner gelehrt.“
Das tun augenscheinlich alle, die sich für „Willkommen Nachbar“, „Hallo Du“, im Mieterbeirat oder beim alltäglichen Grüßen auf der Stiege engagieren.
„Meine Motivation ist ein freundliches Gesicht“, sagt der elegante Herr zum Abschluss. Es geht also doch nicht ausschließlich ums Grüßen.

BACKBONE
„Es fühlt sich zusammen an“
„Backbone“ heißt der Verein für mobile Jugendarbeit im 20. Bezirk, in dem die beiden jungen Frauen Valona und Habibe einander kennengelernt haben, als sie ungefähr 13 Jahre alt waren. Damals gab es am Freitagnachmittag hier jede Woche den Mädchentag, „und das war für mich immer ein Tag, wo ich hier meine zweite Familie treffe. Ich wusste jahrelang nicht, was man an einem Freitag anderes machen soll als das“, sagt Habibe lachend. „Wir haben hier gemeinsam gekocht, uns unterhalten, Tanzsessions gemacht und über das Leben gelacht. Das war wichtig für uns“, erzählt sie von den glücklichen Zeiten, die sie mit Valona und einer Handvoll anderer Mädchen hier zugebracht hat.
„Die Betreuer waren dabei, aber irgendwie ein Teil von uns. Und irgendwann hatten wir uns so viel Vertrauen verdient, dass wir auch den Schlüssel bekommen haben“, ergänzt Valona, die inzwischen selber als Streetworkerin des „Fairplay“-Programmes für Backbone aktiv ist.
Habibe kam mit ihren Eltern und Geschwistern mit zehn Jahren aus Bulgarien nach Österreich, in der Anfangszeit schliefen sie zu fünft in einem Zimmer. „Als wir dann eine Gemeindebauwohnung bekommen haben, war das eine extreme Erleichterung, denn im Vergleich zu unserer ersten Wohnung ist sie uns riesengroß vorgekommen.“
Zehn Jahre lang hat Habibe mit ihrer Familie im Gemeindebau gewohnt, vor einem Jahr ist sie in ihre erste eigene Wohnung, eine SMART-Wohnung der Stadt Wien, umgezogen. Nach der Schule hat die 25-Jährige eine Lehre als Zahntechnikerin gemacht, studiert jetzt nach einer Berufsmatura aber auch noch Europäische Wirtschafts- und Unternehmensführung.
Valona wiederum wohnt in einer eigenen Gemeindebauwohnung, seit sie 19 ist; bereits mit 16 hat sie sich dafür angemeldet. „Das war damals ganz neu, dass man sich schon so früh anmelden kann und dafür dann fix eine Wohnung bekommt, wenn man alt genug ist. Für mich war immer klar, dass ich in eine Gemeindewohnung will, jetzt wohne ich seit sechs Jahren im Goethehof. Die allererste Wohnung, die mir angeboten wurde, wäre eine Kategorie D in der Brigittenau gewesen, aber da hätte man zu viel investieren müssen.“
Dass gutes Wohnen keine Selbstverständlichkeit ist, lernte Valona schon in ihrer Kindheit: „Ich bin in Oberwart aufgewachsen und musste alle paar Jahre umziehen, weil meine Eltern nicht so gut Deutsch konnten und immer nur befristete Mietverträge bekommen haben. Deshalb war die Wohnsicherheit, die der Gemeindebau bietet, für mich ganz wichtig.“
Einig sind sich Valona, die neben ihrer Arbeit bei Backbone an der PH Wien studiert, und Habibe darüber, dass es das Soziale ist, das den Gemeindebau von anderen Wohnformen unterscheidet: „Die Leute schauen aufeinander. Es fühlt sich einfach zusammen an“, sagt Valona. „Ich verstehe mich am besten mit meinem Nachbarn, der Pensionist ist“, ergänzt Habibe. Sie meint damit aber nicht ihren derzeitigen Nachbarn, sondern einen aus dem Gemeindebau, in dem sie ihre Jugend verbrachte.
Beiden ist es aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen besonders wichtig, dass angemessener Wohnraum für alle erschwinglich ist. „Ich wünsche mir wirklich sehr, dass es das weiterhin gibt und dass es leistbar bleibt. Es darf nicht wie in München enden, dass man sein halbes Gehalt für die Miete ausgeben muss“, bringt es Valona auf den Punkt.
Und als Besucher denkt man: Wenn die Jugendlichen bei Backbone lernen, ihre Ansichten so klar und selbstbewusst zu artikulieren, wie Habibe und Valona es tun, dann trägt der Verein seinen Namen wohl zu Recht.

Beim wöchentlichen Mädchentag hat Habibe als Jugendliche viele Freundinnen gefunden


JHERINGGASSE
Der Weg zur Freundlichkeit

Die Initiative zur Gründung der Gartengruppe in der Jheringgasse stammt von Frau Lammerhuber
„Das Wichtigste ist der freundliche Umgang miteinander. Dann traut man sich vielleicht auch einmal hingehen, wenn es einen Notfall gibt. Wir arbeiten hier an der Freundlichkeit, aber ganz sind wir noch nicht dort“, sagt Frau Hörschläger am Beginn des Gesprächs in der Jheringgasse 3–5, wo sich eine Gartengruppe gebildet hat, die den Hof in Rudolfsheim-Fünfhaus begrünt und die Nachbarschaft pflegt.
In der Gruppe sind Altösterreicher und zugewanderte Menschen bunt gemischt, Sprachbarrieren scheinen beim gemeinsamen Garteln kaum bis gar nicht zu stören.
Aber, erklärt Frau Kömürcü, der Kontakt klappe nicht mit allen Mieterinnen und Mietern in der Jheringgasse gleichermaßen gut: „Ich weiß nicht genau, woran das liegt, aber man kommt nicht wirklich ins Gespräch miteinander, sondern grüßt sich nur.“
Frau Hörschläger meint den Grund zu kennen: „Ich glaube, dass manche Leute einfach ein bisschen schüchtern sind. Auch wenn man sie einlädt, schließen sie sich selber aus. Man muss erst einmal einen Schritt machen und dann wird’s leichter.“
„Es ist nicht allein Schüchternheit, sondern manchen ist der Kontakt mit den Nachbarn einfach zu viel“, glaubt Frau Köse, und dann spricht Frau Kömürcü aus, was alle Anwesenden ein wenig zu belasten scheint: „Ich bin seit 18 Jahren in der Wohnhausanlage und hatte nie mit irgendjemandem Probleme, aber seit Kurzem gibt es einen Konflikt.“
Am Vortag habe es einen Vorfall gegeben, berichtet schließlich Frau Kömürcüs Schwiegertochter, bei dem eine Mieterin alle möglichen Schimpfwörter aus dem Fenster geschrien habe, weil es ihr zu laut war, obwohl nur in Zimmerlautstärke gesprochen worden sei: „Das hat mich sehr verletzt. Und innerhalb von zwei Wochen war überhaupt dreimal die Polizei da, weil wir angeblich so laut sind. Jedes Mal ist der Polizist hereingekommen, ist erst einmal vorbei und hat dann erst gemerkt, dass vielleicht wir gemeint sind und uns darauf angeredet.“
Abgesehen von diesem Problem fühlen sich Frau Kömürcü und ihre Schwiegertochter sowie Frau Köse in der Jheringgasse sehr wohl. Umso ärgerlicher ist es, dass der schwelende Konflikt die Stimmung in der Wohnhausanlage ein bisschen dämpft.
Das gibt Frau Lammerhuber, bei der sich alle Anwesenden für ihre Initiative zur Gründung der Gartengruppe bedanken, das Stichwort und sie erklärt, warum sie überhaupt auf die Idee gekommen ist, hier gemeinsam zu garteln: „Ich hab die Überlegung gehabt, was können wir tun, um die Gemeinschaft zu stärken? Je besser wir ein Wir-Gefühl entwickeln, umso eher können sich die Aggressionen, die es zum Teil gibt, abbauen. Aber in jeder Wohnanlage gibt’s Menschen, die alles verweigern, das is einfach so. Trotzdem kann man’s auflockern und entspannen, und je mehr sichtbar wird, dass es eine Gemeinschaft gibt und Menschen aufeinander schauen, umso besser. Und die Hofpflege geht damit auch einher, weil mich stört das, wenn überall Dreck herumliegt. Drum würd ich mich freuen, wenn das alles hier noch ein bisschen wächst.“
Damit ähnliche Konflikte wie der geschilderte in Zukunft vermieden werden, setzt Frau Lammerhuber darauf, ab jetzt auch schon Neuzugänge in der Jheringgasse von Anfang an in die Gartengruppe einzuladen: „Wir versuchen neu Eingezogene jetzt gleich zu integrieren und in die Hofgemeinschaft aufzunehmen. Damit es gar nicht zu diesen Verhärtungen kommt, die es dann schwierig machen, das aufzubrechen.“

ELLA-LINGENS-HOF
Gegrüßt soll wieder werden

„Man hat früher mehr miteinander geredet.“
„Man hat früher mehr miteinander geredet“ – so bringt gleich zu Beginn des Gesprächs einer der drei Mietervertreter aus dem Ella-Lingens-Hof in Liesing die Stimmung auf den Punkt. War früher alles besser? Nun, alles vielleicht nicht, aber wenn es nach der im wohnpartner-Lokal versammelten Runde geht, dann doch so einiges: „Kommuniziert haben früher die Mütter der Kinder, die sich im Hof getroffen haben.“
Das Band zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern sei ein wenig zerrissen, manche wegen negativer Vorfälle wieder ausgezogen. Die neu zugezogenen türkischen Nachbarinnen und Nachbarn wiederum hätten sich nicht vorgestellt, klagt eine Mieterin, und sie lebten außerdem sehr zurückgezogen.
Eine Dame berichtet gar davon, dass ihr Sohn hier in der Nähe überfallen wurde, und fügt resigniert hinzu: „Früher hatten die Kinder Respekt, jetzt nicht mehr.“
So viele Probleme in der Gegenwart machen deutlich, dass für eine gute gemeinsame Zukunft etwas geändert werden muss. Was wünscht sich die Gruppe der Mietervertreter für den Ella-Lingens-Hof?
„Dass wieder gegrüßt wird.“
„Es sollen wieder Hausbesorger her, die sich um alles kümmern.“
Schlendert man nach dem Gespräch hinaus in den Hof und sieht die großzügig dimensionierte Wiese mit Kinderspielpatz und die liebevoll gepflegten Vorgärten der im Erdgeschoß lebenden Mieterinnen und Mieter, dann kann man sich schwer vorstellen, dass sich die drinnen gerade diskutierten Probleme in der Steinergasse nicht mit ein bisschen gutem Willen in Zukunft doch noch lösen lassen.
BRIGITTENAUER LÄNDE
„Man soll nie vergessen, woher man kommt“
Eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen hat sich mit den wohnpartner-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern auf der Grünfläche vor ihrem Wohnhaus in der Brigittenauer Lände 170 zusammengesetzt, auch ein paar Eltern sind dabei. Die Stimmung ist gut, es gibt am Anfang des Gesprächs sogar gemeinschaftlichen Applaus für alle Gesprächsteilnehmerinnen und alle Gesprächsteilnehmer.
Nach einer kurzen Einführung für die Kinder über die Geschichte der Gemeindebauten ist es die höchst eloquente Sunna, die sich als Älteste unter den anwesenden Kindern und Jugendlichen auch als Erste zu Wort meldet: „Ich bin schon seit meiner Geburt hier in der Anlage, mit sehr vielen Menschen kommt man sehr gut zurecht, mit anderen weniger. Aber die Gemeinschaft hier ist wie eine Familie, es gibt auch viele Neuankömmlinge, und die nehmen wir sozusagen in die Familie vom 20. Bezirk auf.“

Eine starke Ansage, und Familie bleibt eines der bestimmenden Themen des Gesprächs, das andere heißt Freundschaft – beides bringt der neunjährige Mert später in einem rührenden Satz auf den Punkt: „Jeder hat hier viele Freunde, weil wir alle eine Familie sind.“
Lustig wird es, als die Kinder beschreiben, wie sie sich einen idealen Geburtstag vorstellen. Mert beschreibt ernsthaft und wie aus dem Lehrbuch für Kindergeburtstage: „Ich kaufe eine Torte, und ich bekomme Geschenke, und dann kommen alle und feiern meinen Geburtstag.“
Woraufhin der kleine Furkan gelassen hinzufügt:
„Ja, so wie Mert gesagt hat. Und ich chill mich an meinem Geburtstag. Eh nur an dem Tag.“
Der Alltag der hier wohnenden Kinder ist stark mit ihrer Wohnhausanlage und den umliegenden Grünflächen verbunden, denen sie mangels offizieller Benennungen zum besseren Verständnis ihre eigenen, internen Namen verpasst haben, wie Mert erklärt: „Es gibt die Statuenwiese und die Kuniburg, die heißt aber auch Billa-Park, wegen dem Billa, der dort in der Nähe ist.“
Und wie heißt eigentlich die Wiese, auf der das Gespräch gerade stattfindet?
„Die hat keinen Namen. Sie heißt Wiese.“
Klar, war auch eine blöde Frage.
Geben wir lieber wieder Sunna das Wort, die eine Geschichte über ihre Erfahrungen im nahe gelegenen Fußballkäfig zu erzählen hat: „Ich habe, als ich acht Jahre alt war, das erste Mal dort mitgespielt, da wollten mich die älteren Jungs aber nicht mitspielen lassen, weil sie gesagt haben, ich bin zu jung. Dann mit der Zeit haben die bemerkt, dass ich ein bisschen Ballkontrolle hab, und im Sommer gab’s dann jeden Tag irgendein Turnier. Wir hatten dann Whatsapp-Gruppen, wo wir uns zum Trainieren verabredet haben. Jetzt ist weniger los, aber ich hoffe, dass es im Sommer wieder so voll wird wie früher.“



Auch wenn es um Probleme oder Verbesserungspotenzial hier in der Brigittenauer Lände geht, spielt der Fußballkäfig eine prominente Rolle. Es sei schade, dass der Boden aus Beton ist, meint einer der Buben, und Sunna ergänzt, dass auch ein Netz fehle, das zu hoch angetragene Bälle am Abflug Richtung Donau hindern würde.
Und dann gibt es da natürlich noch das ewige Thema Lärmbelästigung: Der Käfig wird seit zwei Jahren bereits um acht Uhr abends zugesperrt, weil manche Anrainerinnen und Anrainer ein Problem mit der Lautstärke der dort spielenden Kinder haben. Dafür hat die Kindergruppe überraschend viel Verständnis, auch wenn acht Uhr manchen von ihnen (wie auch dem Autor dieser Zeilen) etwas gar früh für die Nachtruhe erscheint: „Meistens sind wir auf eine Wiese gegangen und trotzdem zusammengeblieben, aber nicht hier, damit wir die Leute nicht stören, das war im Sommer ein großes Thema“, erzählt Sunna, die sich für den Abschluss des Gesprächs noch ein ähnlich starkes Statement wie für den Anfang aufgehoben hat:
„Je älter ich geworden bin, desto größer ist mein Sichtfeld für andere Parks geworden. Ich glaube, wenn die anderen größer sind, werden sie auch woanders hingehen. Aber man soll nie vergessen, woher man kommt.“
Und dafür gibt es zu Recht noch einmal gemeinsamen Applaus.
„Jeder hat hier viele Freunde, weil wir alle eine Familie sind.“

Architektur & Infrastruktur

Simmeringer Vogelperspektive

Seit mehr als 50 Jahren lebt Karl Hawelka im Gemeindebau
„Es war vor über 50 Jahren. Unsere Kinder waren ganz klein, drei und weniger als eins. Wir haben vorher in einem Untermietzimmer in Stadlau mit 16 Quadratmetern gewohnt, ohne Badewanne und Waschmaschine, obwohl es noch keine Wegwerfwindeln gab. Mein Mann hat dann die Wohnung einmal angeschaut, weil er gerne bastelt. Er hat es sehr geliebt, dass wir einen Ziegelbau hatten. Mich haben die echten Fliesen im Badezimmer fasziniert, und ich bin mir hier wie im Paradies vorgekommen.“
So erzählt Ilse Hawelka heute von ihrem Einzug im Gemeindebau auf der Simmeringer Hauptstraße 190–192, Stiege 1, Tür 1.
Und auch Karl Hawelka kann sich noch gut an die zu erfüllenden Bedingungen für den Erhalt einer Gemeindewohnung erinnern: „Man musste damals zuerst einmal irgendwo wohnen, um eine Chance zu haben, auf eine Liste für die Gemeindewohnungen zu kommen. Unsere Tochter war noch nicht ganz ein Jahr alt, erst dann hat sie aber als volles Mitglied bei der Berechnung mitgezählt.“
So mussten die Hawelkas noch ein bisschen warten, bis sie sich ihre neue Wohnung herrichten konnten: „Als wir in den Gemeindebau gezogen sind, mussten wir uns eine Zentralheizung einbauen lassen, weil es keine gegeben hat und es für die Kinder nötig war. Das hat viel Kraft und Geld gekostet, aber es hat sich ausgezahlt. Eine Küche war dann die nächste Investition. Gasherd und Abwasch waren drin, eine Hochschrankküche aus Resopal haben wir uns gekauft. Die schaut heute noch gut aus, das Material is ein Wahnsinn, das is unzerstörbar, noch über ein halbes Jahrhundert später“, schwärmt Herr Hawelka.
Und seine Frau fügt hinzu: „In unserem Haus gibt’s übrigens auch eine Waschküche, die benutzen wir auch heute noch. Ich kann die Wäsche nur nicht mehr dort hinauf- und hinuntertragen, das muss jetzt mein Mann machen …“
„Ja, ich bin das Wäschermädel“, sagt Herr Hawelka kokett, seine Frau lacht, und man merkt: Das Ehepaar hat nach über 50 Jahren offensichtlich immer noch eine sehr lustige Zeit miteinander.
Herr Hawelka, als Kind Sängerknabe und heute noch Schubert-Lieder singend in einem Chor aktiv, ist bei der Vereinigung der Mietervertreter Gebietsteilleiter der Gruppe Ost. Die Geschichte darüber, woraus dieses Engagement entstand, ist bemerkenswert und erzählt viel über die Veränderungen sowohl des Bezirks wie auch der Stadt in den vergangenen Jahrzehnten: „Neben uns hat eine Autofirma zu bauen begonnen und musste davor die Anrainer verständigen. Das war 1997 oder 1998. Da habe ich eine Einladung bekommen zur ersten Sitzung, da wurden Pläne vorgestellt. Da ich die ominöse Adresse Stiege 1, Tür 1 hatte, wurde ich als Erster eingeladen. Ich habe ja bei der Semperit gearbeitet und kannte mich mit Autos daher natürlich ein bisschen aus. Also bin ich hin. Und man hat uns einen Plan vorgelegt, wo die Montageboxen und all das auf unsere Seite, auf unsere Wiese herüberschauen sollten. Da wär auch der ganze Lärm hier herübergegangen. Ich hab mir das eine halbe Stunde angeschaut, wie die alle verhandelt haben, und dann hab ich gesagt: ‚Ich weiß nicht, ob’s geht, aber ich hätt das gern umgedreht, die Mauer bei uns und den Lärm auf der anderen Seite.‘ Wir waren ja damals eine Wohnhausanlage im Grünen. Es hat rundum fast nichts gegeben, es hat auch das Bad gegenüber nicht gegeben. Drum hat mich das unheimlich gestört. Dann hat sich das der Architekt kurz angeschaut und gesagt: ‚Ja, das geht.‘“
Dieser frühe Erfolg in Sachen Mietervertretung bestätigte Herrn Hawelka darin, dass sich Engagement auszahlt: „Ich hab dann auch den geänderten Plan bekommen, den hab ich noch heute. Ich war davon so überrascht, dass man wirklich was verändern kann, das hat mich auf die Idee gebracht, dass man das ausnützen sollte. Und heute bin ich wirklich dankbar. Da werden pro Tag hundert Autos umgerüstet, der Lärm bleibt auf der anderen Seite. Damals hat es offiziell noch keine Mietervertreter gegeben. Ich wurde damals ‚Stiegensprecher‘ genannt. Aber unmittelbar danach ist das erste Mietermitbestimmungsstatut verabschiedet worden, und ich bin dann zum Mietervertreter gewählt worden.“
Ohne Frau Hawelkas Unterstützung würde sich ihr Mann die Aufgabe allerdings nicht zutrauen: „Ich frag meine Frau immer um Rat, was meine Mieterbeiratsarbeit betrifft. Wir versuchen in ganz Wien die Mietervertreter zu betreuen, sind aber keine Obermietervertreter, sondern wollen Leuten Rat und Hilfe geben.“
Dass Herr Hawelka ein erfolgreicher Hansdampf-in-allen-Gassen ist, bestätigt Frau Hawelka lächelnd und unterstützt es ausdrücklich: „Mein Mann setzt sich für alle und alles ein, und das ist einfach wichtig. Wir ergänzen uns wunderbar, weil ich brauch meine Auszeiten. Ich weiß ja, wo er is, und er rührt sich, und wir sprechen dann danach darüber. Und wir haben Glück mit unserer Stiege: Seit wir dort wohnen, haben wir nie irgendeinen Unfrieden gehabt. Das ist unheimlich viel wert. Als wir eingezogen sind, gab’s 24 Kinder auf der Stiege. Da hat sich’s ordentlich abgespielt, aber es gab nie Probleme. Vorne hatten wir zum Einkaufen einen Konsum. Und mit den Kindern spazieren war ich sehr viel am Zentralfriedhof, das war die größte Parkanlage. Damals gab’s dort noch unheimlich viele Eichkatzerln, wir haben Nüsse mitgenommen und die gefüttert. Die Kirche mit der tollen Kuppel ist ja auch wunderschön.“



Von ihrer Dachgarten-Parzelle genießen Ilse und Karl Hawelka den Blick über Wien
Was mit der Zeit allerdings aus dem Wohnumfeld der Hawelkas verschwand, waren die Glashäuser der Simmeringer Gärtner, mit ihren Märzenbechern und Tulpen, die Frau Hawelka so sehr liebte: „Auf der Simmeringer Hauptstraße ist ein Bau nach dem anderen entstanden, das schaut heute ganz anders aus.“
Deshalb fügte es sich ideal, als sich für die Hawelkas die Möglichkeit ergab, in ihrem Nachbarhaus eine Dachgarten-Parzelle zu mieten, in der sie nun, wann immer es geht, gärtnern, entspannen und den unverbauten Blick über die Stadt genießen. „Von hier oben sieht man schon sehr weit“, sagt Herr Hawelka und deutet Richtung Horizont. „Man sieht zum Beispiel den gesamten Zentralfriedhof.“
„Und wenn man sich zu Silvester von da oben das Feuerwerk anschaut, dann hätte man am liebsten einen Hals, der sich 360 Grad dreht“, fügt Frau Hawelka hinzu, während sie dem Besucher die verschiedenen Blumenarten zeigt, die die Hawelkas in ihrem Kleingarten bereits erfolgreich angepflanzt haben.
Bei einem so weiten Blick ergibt es sich fast wie von selbst, noch auf die Zukunft des Konzepts Gemeindebau zu sprechen zu kommen, und Herr Hawelka hat dazu Gewichtiges zu sagen: „Ich hoffe, dass das alles in öffentlicher Hand bleibt. Und zwar nicht nur die Bauten selber, sondern auch die Zubringer: Energie, Wasser, Strom, Gas und so weiter. Sonst geht der Sinn des Sozialbaus verloren. Der Sozialbau und Aktionäre sind etwas, was sich absolut nicht verträgt. Es kann kein Sozialbau überleben, wenn er Gewinn machen muss. Mir fällt da immer der Perikles, der alte Grieche ein: ‚Wenn sich Bürger in einer Stadt nicht für die Belange einer Stadt interessieren, dann sind das keine stillen Bürger, sondern schlechte Bürger.‘ Ich bin kein stiller Bürger, ich will kein stiller Bürger sein. Daher versuch ich überall meine Meinung kundzutun.“
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