Читать книгу: «Alvine Hoheloh»

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Impressum

Das Buch:

Die Autorin:

Übersicht: Alvines Beziehungen

Enthemmungen

Das Erbe

Soldaten

Verlobung

Streit

Reiz

Der letzte Frühling

Urlaub

Krieg

Briefe

Die Schützengräben

Heimaturlaub

Schmuck

Steckrüben

Weihnachten

Kinder

Leutnant

Lange her

Zerstörung

Gefangene

Gefangenschaft

Quentins Absicht

Neue Welt

Am Ende einer Freundschaft

Gallustinte

Brautschau

Epilog

Danksagungen

(Content Notes)

Trivia

Impressum neobooks

Amalia Frey

Alvine Hoheloh, Unternehmerin

Ein historischer Liebesroman

Impressum

©2022 Amalia Frey

kakaobuttermandel.de, amalia.frey@gmx.de

c/o Amalia Frey

Der Kleinste Buchladen

Reinsberger Dorf

Am Weinberg 1

99938 Plaue

1. Auflage 2022

Lektorat: Juliet May

Korrektorat: Gudrun Enny Altmann

Sensitivity Leserin: Melisa Naomi Harnisch

Buchsatz: Amalia Frey

Coverfoto: Handelslizenz via Adobe

Coverdesign: Mika M. Krüger

ISBN: 978-3-7541-8369-4

Das Buch:

Mitteleuropa 1914:

Zeit der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Monarchie und Demokratie. Reich und Arm. Tradition gegen Freigeist. Zweckbündnisse jedoch müssen halten – bis zum bitteren Ende.

Alvine Fürstenberg, geborene Hoheloh, könnte eine anständige Frau bleiben oder eine glückliche Ehe führen. Sie könnte ihren Gatten Theodor in seinen Talenten bestärken oder ihren pazifistischen Ansichten treu bleiben. Sie sollte sich von dem gewandten Quentin fernhalten, muss jedoch ihre Freundin Emmi retten.

Vor allem will sie ihr Unternehmen adäquat und ihren Angestellten zugewandt leiten. Alvine will alles.

Doch dann beginnt der Kontinentalkrieg.

Hinweise zu sensiblen Inhalten (Content Notes) befinden sich auf den letzten Seiten des Buches und in ständig aktualisierter Form unter https://www.kakaobuttermandel.de/.

Die Autorin:

Als Mittzwanzigerin rang sich Amalia Frey endlich dazu durch, jene historische Romanreihe zu schreiben, die ihr seit Ewigkeiten im Kopf herumspukte.

Sie hat kein Geschichtsstudium genossen, keinerlei entsprechenden Kontakte oder Vitamin B. Sie musste zu recherchieren lernen, selbst herausfinden, wie sie am besten durch Archive walzte oder wie sie, welche Fragen am Telefon zu stellen hatte, um bereitwillige Auskünfte zu erhalten. Auch musste sie zu forschen erlernen, denn nach hundert Jahren, zwei Weltkriegen und zwei Diktaturen, waren zwei oder drei der nötigen Dokumente verschwunden.

Die allerbesten Voraussetzungen also!

Amalia Frey ist mittlerweile 30-something und traut sich, diese Reihe auf die Welt loszulassen. Sie veröffentlicht außerdem feministische Romance und, unter ihrem Pseudonym Claudi Feldhaus, zeitgenössische Berlinromane, Krimis und Fantasy. Sie ist Schwester im Nornennetz, ein Verband deutsch schreibender Fantastikautor*innen, Mitfrau der Autorinnenvereinigung Deutschland e.V. und im Bundesverband junger Autor*innen.

Amalia Frey lebt, liebt und trinkt Kaffee in Berlin.

Meinem Vater

Und allen, die an Liebe auf den ersten Blick glauben.

Liebe Lesende,

ich erzähle Ihnen die Geschichte von Alvine Hoheloh. Aber nicht nur von ihr, sondern von allerlei Menschen die in den Jahren, die wir neben ihr hergehen werden, ihren Weg kreuzen. Dazu nutze ich eine Perspektive, die ich gerne als die allmächtige Erzählerin bezeichne.

Wenn ich Ihnen das Geschehen schildere, und alle Geschlechter meine, werde ich auf entgenderte Sprache zurückgreifen, liebe Leser*innen. Wörtliche Rede versuche ich den Kindern der Zeit anzupassen, daher werden diese Ihnen einiges im generischen Maskulinum erzählen, auch wenn das den Lesefluss gehörig stört. Aber in der Zeit, in der Alvine gelebt hat, war vieles noch nicht etabliert, was unser Leben heute angenehmer macht. Frauenwahlrecht, Smartphones oder eben sprachliche Anerkennung der Existenz von Frauen und nicht-binären Personen. Es war eine harte Zeit …

Hinweise zu den teilweise recht aufwühlenden Inhalten, welche möglicherweise auch Trigger aktivieren können, finden Sie als Liste auf den letzten Seiten dieses Buches.

Ihre Amalia Frey

Übersicht: Alvines Beziehungen

Teil 2

Unternehmerin

(1913 – 1917)

Enthemmungen

1913: Als Theodor Fürstenberg an diesem Januarmorgen erwachte, lag seine Frau Alvine mit dem Rücken zu ihm. Ihre Decke war zur Seite gerutscht, sodass sich die zarten Kurven ihres Körpers unter ihrem Nachthemd abzeichneten.

Der heftige Streit des vergangenen Tages schwängerte noch immer die Luft im Raum. Seine Wut auf sich selbst, Alvine so fest gepackt zu haben, war nicht abgeklungen. Immerhin brannte seine Wange nach ihrer Ohrfeige nicht mehr vor Schmerz und Scham. Doch auch die Lust auf Alvine durchflutete ihn erneut, versiegte nie. Zaghaft strich er mit einem Finger über ihre Wirbelsäule, sie zuckte augenblicklich zusammen. Er griff nach seiner Decke und hüllte sie darin ein. Dann erhob er sich.

Er badete ausgiebig, schnitt sich beim Rasieren und trat nackt ins Schlafzimmer. Vor dem Ganzkörperspiegel neben dem Ankleideraum blieb er stehen. Das Rudern hatte er weitestgehend aufgegeben. Auch Ausritte fanden bei den eisigen Temperaturen selten statt. Da ihn nun im Winter mehrere Schichten Stoff vor Kälte schützten, war seine Haut heller denn je und gänzlich zu einem kühlen Rosé verblasst. Seine Sommersprossen waren beinahe verschwunden. Dafür hatte sein sonst strohblondes Haar einen bronzefarbenen Stich angenommen. Trotzdem er dünner geworden war, zeigte sein Körper deutlich männliche Konturen auf. Seine Statur war breitschultrig mit schmalen Hüften, sichtliche Definitionen zeichneten einzelne Muskelgruppen nach und seinen Bauch flach. Sein Gemächt wog schwer zwischen seinen schlanken Beinen.

Er erinnerte sich an früher. Damals, als er mit seinem Aussehen reihenweise Damen begeistert hatte, sie sich danach verzehrt hatten, ihn zu berühren und zu spüren. Was nutzte es, dass ihm Schönheit, dass ihm all dies geschenkt worden war, wenn die Frau, die er liebte, es nicht haben wollte … oder konnte? Er verängstigte sie mit seiner Begierde und hatte schlussendlich dafür gesorgt, dass sie sich minderwertig vorkam. Das war ihm nach all den Monaten, in denen sie versucht hatten, miteinander zu schlafen, immer deutlicher geworden.

Schüchtern blickte er sich wieder zu Alvine um. Mit dem Gesicht zu ihm gewandt, die Augen geschlossen, ihr Atem ruhig, lag sie da, das Winterlicht im Raum verlieh ihrer lohbraunen Haut einen rosa Schein. Ihr gertenschlanker Körper unter der geblümten Decke, ihre dunkelbraunen Wellen und Locken umgaben sie und nahmen fast die Hälfte des Bettes ein. Wie er es schaffte, sich im Schlaf nie auf ihre Haarpracht zu legen, schrieb er seiner Liebe zu ihr und ihrem Haar zu. Er senkte den Blick, dann griff er nach seiner Wäsche und zog sich an.

Seine Berührung weckte Alvine. Sie hatte sich ohnehin nur im Schlummer befunden gehabt. Wie immer reagierte ihr Körper instinktiv mit Zurückweisung und Theodor hatte es schon lange aufgegeben, seine Zärtlichkeiten dennoch fortzusetzen. Stattdessen wurde Alvine an diesem Morgen von ihm liebevoll in seine Decke eingemummelt. Sie wand sich zaghaft um, als er schließlich aus dem Bad kam und sich im Spiegel betrachtete. Sein trauriger Blick traf sie direkt ins Herz. Wenn sie ihm am Morgen heimlich beim Anziehen zusah, fürchtete sie sich nicht vor ihm. Vielmehr fragte sie sich, was es eigentlich war, das sie auf diese Weise reagieren ließ. Denn in solchen verstohlenen Momenten begehrte sie ihn abgöttisch. Als er zu ihr herübersah, schloss sie schnell die Augen und entspannte ihr Gesicht. Sie traute sich erst, aufzustehen, sobald er gegangen war.

Ihre Toilette verrichtete sie nur dürftig, sie war zu aufgeregt vor dem, was sie sich für heute vorgenommen hatte. Denn endlich hatte sie den Mut gefasst, die eine Person aufzusuchen, die ihr helfen konnte, die Ehe mit Theodor zu retten! Ohne Frühstück ritt Alvine auf ihrem Pferd Strumpf, einem zehnjährigen Hengst mit rotbraunem Fell und einem linken schneeweißen Vorderbein, von ihrem Häuschen am Stadtrand zur Fabrik ihrer Familie, die sich im östlichen Teil der Großstadt befand. Sie nahm als Erstes die Warenlieferung entgegen, erledigte den nötigsten Papierkram und vergewisserte sich, dass sie die Arbeit in der Schuh- und Lederwarenfabrik, die sie mit ihrem Vater führte, laufen lassen konnte.

Alvine sah nach ihm, als sie ihre Aufgaben erledigt hatte. Alfred Hoheloh, seines Zeichens Patriarch des Unternehmens, saß hinter seinem breiten Schreibtisch, seine einst umbrabraune Haut ergraut, genau wie sein Bart und sein Haar. Vor Kund*innen bemühte er sich stets um Haltung und gute Miene, war er allein oder in Gesellschaft seiner einzigen Tochter, schlafften seine einst stolzen Schultern ab und sein Gesicht blickte müde drein.

Wie so oft in letzter Zeit schien Alfred auch heute in seine eigenen Angelegenheiten vertieft und gar nicht zu bemerken, dass seine Tochter gedachte, ihn für einige Zeit allein zu lassen. Sie rief sich eine Droschke für den Weg ins Scheunenviertel.

°°°

Auf dem Hof des Arbeiter*innenwohnblocks herrschte wie immer Tristesse und ohne Schnee sah er tatsächlich einen Deut hässlicher aus, als Alvine ihn in Erinnerung hatte. Aber im Gegensatz zu anderen Wohnblöcken, den wenigen, die Alvine in ihrem Leben erblickt hatte, schien hier eine gewisse Sauberkeit vorzuherrschen: Einige Fenster standen offen, denn die Leute lüfteten. Die kommunalen Wohnungspfleger*innen[Fußnote 1] schienen gute Aufklärungsarbeit zu leisten.

Alvine bolzte einen Kieselstein in den Schnee und sah die graue Fassade hinauf. Hier, in der Dachgeschosswohnung der Prostituierten Magdalena, hatte sie, die hochwohlgeborene Tochter, durch Zuschauen so viel über Sex gelernt, dass sie sich aufgeklärt genug für die Hochzeitsnacht und alle kommenden Nächte gefühlt hatte. Neugieriger gemacht auf die Ehe hatte es sie, auf die eheliche Pflicht. Aber dazu verholfen, dass ihre Liebe glücklich und erfüllend war, hatten ihr all die Beobachtungen nicht.

Und wieder waren da die rothaarigen Zwillingsbuben, die heute miteinander rauften. Kaum erblickten sie Alvine, nahmen sie grinsend Haltung an.

»Oh, ihr erinnert euch an mich?«

Schelmisch lächelten sie weiterhin.

»Diesmal habe ich leider keine Schokolade dabei …«, kurz zogen sie einen Flunsch, »ich wollte die Dame besuchen, die dort in der Dachkammer wohnt. Sie heißt Magdalena.«

Da entglitten den Buben alle Gesichtszüge.

»Die lebt nich’ mehr hier«, gälte plötzlich eine Stimme hinter Alvine. Es war Frau Wirt, die sich wankend näherte. »Die Magda is’ vorn paar Monate ’usjezogn.« Die Matrone, eine große schwere Frau in abgetragener Kleidung, schien in diesem Häuserblock über alles und jeden Bescheid zu wissen, das war Alvine bereits bei ihrem ersten Treffen vor fast zwei Jahren aufgefallen.

»Guten Tag«, sagte Alvine, »wissen Sie, wohin Magdalena gezogen ist?«

»Kätzchen, jib et ’uf!«, entgegnete Frau Wirt abwinkend.

»Ich möchte dringend mit ihr sprechen.«

»Biste nich’ de Erste. Jut, dit erste Weib. Aber selbst wenn ik wüsst, wo se et hinverschlaren hat, könnt ik et nicht saren. Hab’s der Magda versproch’n, verstehste?«

»Gewiss«, antwortete Alvine traurig und knickste.

Was sollte sie jetzt tun? Magdalena war die Einzige, mit der sie über diese Dinge hätte sprechen können. Nicht auszudenken, ihre Mutter Dorothea oder gar einen ihrer Brüder danach zu fragen, obgleich deren Ehen erfüllt schienen. Doch allein der Gedanke schnürte Alvine die Kehle zu. Das hatte sie nun davon, dass sie keine engen Freundschaften zu Frauen unterhielt, die selbst verheiratet waren oder zumindest der Lust frönten. Ihre beste Freundin hatte sie verlassen, ihre Schulfreundinnen waren ihr nie solcherart nah gewesen. Nein, es hätte wahrlich nur Magdalena gegeben, mit der sie diese Schwelle und Scham bereits hinter sich gelassen hatte, die Einzige, mit der sich Alvine ein derartiges Gespräch hätte vorstellen können. Sie ließ die Schultern hängen.

Dann wand sie sich zu den beiden Jungen, um sich zu verabschieden, und sah, dass einer von ihnen ungeduldig auf der Unterlippe kaute. Ganz so, als ob er ihr doch helfen könnte. Frau Wirt hatte es auch gesehen und spie aus: »Jakob! Nathan! Rinn mit euch!«

Die Zwillinge zuckten zusammen und sprangen davon. Alvine presste die Zähne aufeinander und drehte sich wieder zu der Dame um. Es kostete sie viel Beherrschung, immer noch freundlich zu blicken.

»So so, das sind Ihre Jungs?«, fragte sie überflüssigerweise, um das Gespräch am Laufen zu halten. Denn dass Frau Wirt die Mutter der Zwillinge war, hatte sich Alvine schon früher gedacht, sie waren ihr immerhin wie aus dem Gesicht geschnitten. Die gleiche milchweiße Haut, das gleiche rote, gewellte Haar, auch wenn ihres schon die ersten grauen Strähnen aufwies.

»Gute Kinder. Hab nu meene liebe Müh’ mit ihnen, seit meen Friedrich nicht mehr is’«, gab die Matrone zurück.

»Das verstehe ich. Alleinerziehende Frauen verdienen all meinen Respekt, müssen Sie wissen.«

»Brauchst dich nich’ ’inzuschleim, Kätzchen.«

»Das war nicht meine Absicht, Frau Wirt. Ich meine es ernst.«

»So was, ihr Oberschichtenschnepfen habt doch von nix ’ne Ahnung. Armenarzt war meen Friedrich, hat uns immer jut versorgt, immer für die Jemeinde malocht. Globen Se, et jab nur etwas zurück, als er selba krank wurd’? Nun leb’n wa hier. Ik arbeite schwer, meene Kinder durchzubring’, dit mal’n Se sich im Traum nich’ ’us.«

»Ich kann nicht leugnen, dass mein Stand Vorteile birgt. Doch wissen Sie, die nutze ich, um für die Rechte der Frauen im Land einzustehen. Ich denke, ich wurde darum ins Bildungsbürgertum hineingeboren, damit ich die Mittel habe, etwas zu verändern.«

»Is’ dit so«, entgegnete Frau Wirt spöttisch.

»Wenn ich also etwas für Sie tun kann …?«

»Was’n? N’ Almosen? Könn’ wir jut dr’uf verzicht’n.«

»Und Bücher?«

»Bitte was?«

»Ich könnte die Schulbücher für Ihre Söhne bezahlen, wenn es Ihnen recht ist.«

»Also …«, Frau Wirt klang nun deutlich zahmer.

Plötzlich trat einer der Burschen hinter ihr vor und grinste Alvine an: »Und die Anzüge? Wir hab’n nur een Anzug, mit dem wir zur Schule geh’n.«

»Jakob, still!«

»Warum nicht auch die Anzüge? Dann haben sie zwei zum Wechseln.«

»Sie versteh’n nicht, meine Dame«, sagte Jakob, »wir haben nur ein’ einzigen Anzug, den wir uns teil’n.«

Alvine blickte schockiert und im nächsten Moment versicherte sie: »Wenn das so ist, dann spendiere ich für jeden zwei.«

»Jenuch jeze!«, fauchte Frau Wirt und packte Jakob am Ohr, »wir nehm’ keene Spende von de’ Katzenprinzessin! Mach’n Se, dat Se fortkomm!«

Sie wedelte mit dem anderen Arm und drehte ihren mächtigen Leib in Richtung Haus. Ihren Sohn zerrte sie hinterher. Im Türrahmen stand Nathan und blickte traurig zu Alvine. Er war es, der vorhin hatte sagen wollen, wo Magdalena zu finden war, der jedenfalls irgendwas hätte sagen wollen, da war sie sich sicher! Seine Mutter klatschte ihm die fleischige Hand ins Gesicht und stieß ihn ins Haus. Dann rumste die Tür hinter ihnen zu. Da erst bemerkte Alvine, dass rundherum einige Fenster offenstanden und Nachbar*innen das Geschehen interessiert beobachtet hatten.

Unverrichteter Dinge kehrte Alvine in die Fabrik zurück, erledigte ihre Arbeit. Um neun Uhr abends klopfte es an ihrer Bürotür. Sie erkannte ihn am Klopfen und ihr Herz schlug schneller. Genauso wie damals, als sie frisch verliebt gewesen waren … dabei waren sie das doch immer noch!

Zaghaft trat Theodor ein: »Darf ich dich sprechen?«

»Aber natürlich.« Sie lächelte und erhob sich vor Aufregung wankend.

Er schloss die Tür und kam auf sie zu. Dann fielen sie einander in die Arme und küssten sich stürmisch.

»Es tut mir so leid«, beteuerte er zwischendurch, »bitte verzeih mir!«

»Nein, du mir!«, entgegnete sie, »ich habe dich gedemütigt und geschlagen … meine Hand brennt immer noch. Bitte entschuldige.«

Sie umarmten sich wieder. Alvine presste ihr Gesicht an seine Brust und verkniff sich mit aller Macht die Tränen. »Du hattest völlig recht, Theodor, ich …«

»Warte, ich muss dir gestehen: Ich hatte tatsächlich daran gedacht, wieder ins Bordell zu gehen.« Er nahm ihr Gesicht in seine Hände. »Doch ich hatte es jedes Mal sofort verworfen. Dass du den gleichen Einfall hattest, hat mich rasend gemacht.«

»Ist schon in Ordnung, Liebster. Wir machen alle Fehler. Und dass ich dir das überhaupt zugetraut hatte, war meine eigene Entscheidung.«

Er hielt noch immer ihre Augen mit den seinen gefangen und flüsterte: »Mir ist aber jetzt erst bewusst geworden, was ich dir zugemutet habe. Ich will nur, dass du weißt …«

»Schon gut Theo«, sie legte einen Finger auf seine Lippen, »alles ist gut, lass’ uns einfach nach Hause gehen.«

Sie verbrachten den Abend bei Wein und Kerzenschein, fütterten sich mit Kartoffeln und Quark, und als sie ins Bett gingen, versuchten sie gar nicht erst, sich zum Sex zu zwingen, sondern kuschelten sich zärtlich aneinander. Eng umschlungen schliefen sie ein.

Am Morgen saßen sie zusammen auf dem Bett und hielten sich an den Händen. »Du hattest recht, als du meintest, es sei ein reiner Geduldsakt für mich«, sagte sie lächelnd, »und ich möchte, dass du weißt, dass ich dich sehr begehre. Die mitschwingende Furcht gebührt nicht dir als Person, bitte glaube mir das.«

»Das ist schön.«

»Ich denke nur, dass wir nichts ändern, indem wir nur warten …«

»Das weiß ich auch, Liebste. Dennoch hilft es nicht, wenn wir uns immer wieder enttäuschen.«

Sie kaute auf ihrer Unterlippe und blickte dann zu Boden. Die Erinnerung an den brennenden Schmerz in ihrem Geschlecht durchfuhr sie jedes Mal, wenn Theodor sie berührte, sodass sie überhaupt keinen Genuss zulassen konnte. Schwer seufzend bekannte sie: »Wir finden eine Lösung, bald schon.«

Mehr konnte sie nicht sagen, sie hatte für ihn keine weiteren Worte, die sie darüber nicht schon gesagt hatte.

°°°

Alvine machte heute einen Umweg über den Dom, entzündete im Gebetsraum eine Kerze, wohnte der Morgenmesse bei und bat die Allmacht um Hilfe. Dass es nicht nur einen christlichen Gott geben musste, sondern eine allumfassende Energie, stellte sich für sie wieder heraus, als am Nachmittag ein jüdischer Bengel in ihrem Büro stand und ihr helfen wollte.

»Nathan! Was führt dich denn zu mir?«, rief sie erstaunt.

Er hielt seine Schiebermütze in den Händen und zitterte am ganzen Leib. Alvine fragte ihn gar nicht erst, wie er sie gefunden hatte oder wie er sich an ihrer Sekretärin Esther hatte vorbei stehlen können. Er sprach langsam, hörbar bemüht, den Dialekt seiner Mutter nicht in gleicher Schärfe zu benutzen: »Wir hab’n gestern noch mal mit ihr geredet. Bücher willse nach wie vor keine von Ihnen, aber sie sieht ein, dass Sie ’ne gute Seele sind.«

»Vielen Dank«, lächelte Alvine und Nathan errötete übers ganze Gesicht.

»Ik war also bei der Magda und hab sie gefragt. Dit soll ik Ihnen geben«, mit zitternden Händen hielt er ihr einen Brief hin.

Alvine sank in sich zusammen und nahm den Umschlag voll Dankbarkeit entgegen. Hoffnung durchfuhr sie und so konnte sie nicht anders, als vor dem Jungen auf die Knie zu fallen. »Oh«, sie herzte ihn glücklich, »wie kann ich euch danken? Du hast einen Wunsch frei.«

Er sah sie mit seinen blauen Kulleraugen und mit offenem Mund an. Dann sprang er zurück und rannte einfach fort. Alvine ließ traurig die Schultern hängen.

Im Brief standen eine Adresse und eine Uhrzeit. Da kein Datum dabei war, musste sie davon ausgehen, Magdalena wollte sie noch am selben Tag empfangen. Daher meldete Alvine sich bei Esther ab und ließ sich in die westliche Innenstadt fahren. Ausnehmend schick und gepflegt erschien dieses Viertel. Hohe Herrschaften flanierten über den Gehsteig, neue Autos brausten über die Straßen, berittene Garden in stattlichen Uniformen kamen ihres Weges. Die Villen protzten vor wilhelminischem Prunk. Vor einem besonders großen Jugendstilbau verließ Alvine das Gefährt und klopfte zaghaft an die Tür. Was war das für ein Haus? Hatte Magdalena geerbt oder sich an jemanden gebunden und war sesshaft geworden? Kurz darauf öffnete ein schneidiger Herr mit beigefarbener Haut und ebenso beigem Haar um die Fünfzig die Pforte. Als er Alvine sah, schnellte seine Zungenspitze zwischen den Lippen hervor. »Na so was, wen haben wir denn da?«, feixte er, seine dunkle Stimme untermalte ein diebisches Grinsen.

Ehe Alvine sich versah, hatte er sie hineingebeten und sie auf ein Sofa im pompös eingerichteten Eingangsbereich gesetzt. Er verbeugte sich vor ihr, hielt ihre Hand und setzte sich daneben. Sein maßgeschneiderter Anzug spannte am Bauch, sobald er sich nach vorne neigte. Das hielt ihn jedoch keineswegs davon ab, sie vollzuplappern: »Ich bin Orje, aber alle nennen mich Lui! Und was führt dich in meine bescheidene Hütte? Sieh dich ruhig um, Kleines. Sag mir, gefällt es dir? Das ist nur das Empfangszimmer, gerne zeige ich dir gleich unseren Saal, das Kaminzimmer und natürlich das Separee. Hast dir ja eine gute Tageszeit ausgesucht. Gerade ist nicht viel los, da können wir uns in Ruhe umschauen und einander bekannt machen.«

Die ganze Zeit tanzten seine Augen über ihren Körper, während seine Zunge immer wieder zwischen seinen Lippen hervorschnellte. Alvine hatte noch keinen Ton herausgebracht, so schockiert war sie davon, von einem wildfremden Mann mit Blicken ausgezogen zu werden. Am liebsten hätte sie ihm eine schallende Ohrfeige verpasst und wäre hinausgestürmt. Aber dies war definitiv die Adresse, die Magdalena ihr aufgeschrieben hatte, würde er sie nur einmal zu Wort kommen lassen …

»Also denn, vorstellen willste dich, nicht wahr?«, unterbrach Orje ihren Gedankengang, »nun, so schlanke Dingelchen haben wir nicht viele, das spricht für dich. Und bei deiner Kleidung scheinst du ja sonst gut zu verdienen. Wo biste denn polizeilich jemeldet? Ist dein Freund und Förderer fortgelaufen oder gestorben? Bist du deswegen gar nicht geschminkt, Kindchen? Nun ja, gibt Leute, die das mögen. Ich bin doch für alle Wünsche offen! Aber du wirst wissen, dass wir erst deine Kenntnisse überprüfen müssen. Unsere Kunden sind anspruchsvoll.«

Nun wurde es Alvine zu bunt, als sie verstand, was dies für ein Haus war. In ihrer Unbedarftheit wäre sie darauf nie gekommen. Angewidert sprang sie auf und tobte: »Ich darf doch wohl sehr bitten, der Herr! Ich bin keineswegs hergekommen, um mich bei Ihnen zu bewerben! Also unterlassen Sie gefälligst diese Anzüglichkeiten!«

»Oh, so was«, betreten blickte er drein, leckte sich über die Lippen, erhob sich ebenso und machte einen tiefen Diener, »ich bitte vielmals um Entschuldigung. Was also ist Ihr Begehr, werte Dame?«

»Ich suche nach einer gewissen Magdalena«, gab sie beschwichtigt zurück.

Orjes Augen glitzerten von Neuem. »So was aber … Das ist ja wirklich lecker.«

Alvine sah ihn verwundert an. Er verbeugte sich hektisch, und während er sie in den Nebenraum führte, versicherte er: »Solche wie Sie haben wir hier nicht so oft. Und mit der Magda zusammen – goldene Kurven auf brauner Schlankheit – das wäre ja ein Fest.«

Alvines Gesicht wurde augenblicklich heiß. »Sie missverstehen mich erneut, Herr …«

»Ja doch, still jetzt«, sagte er grinsend. Dann kam er dicht an sie heran: »Wissen Sie, Ihrem Lui können Sie vertrauen. Wo werd’ ich denn? Ich ruf hier keine Sittenwächter auf den Plan, Fräulein, gewisslich nicht. Aber in Ihrem Fall gibt es allerlei Möglichkeiten, dass alle Seiten etwas davon haben. Wie wäre es? Zahlen müssen Sie natürlich nicht. Die Magda können Sie die ganze Nacht haben, wenn Ihnen die heimlichen Blicke nichts ausmachen.«

Alvine stand vor Schock der Mund offen.

Orje wedelte mit den Händen und schob sie in ein Zimmer. »Ich schicke Ihnen die Magda. Probieren Sie erst einmal, ob es gefällt.« Damit war er verschwunden.

Alvine knirschte mit den Zähnen und sah sich im Raum sofort nach Gucklöchern in der Wand um, ehe sie feststellte, wie prunkvoll auch dieses Zimmer eingerichtet war. Roter Samt kleidete Möbel, der Teppich war dick, die Vorhänge reichlich verziert, ebenso wie die Tapete. So ähnlich hatte es schon im Empfangsbereich ausgesehen, das hiesige Geschäft schien ein lukratives zu sein. Sie in ihrer Unschuld hatte noch gedacht, dies wäre ein Privathaus; dass Magdalena vielleicht einen reichen Freund gefunden hätte.

Sie ließ sich auf ein Sofa plumpsen, als sie erleichtert feststellte, dass sie hier wenigstens kein Bett fand. Schließlich ging eine weitere Tür auf und eine zierliche Person betrat das Zimmer. Offenbar überraschte sie Alvines Anwesenheit, sie musterte sie verstohlen. Vom Typ her waren sie sich sehr ähnlich, außer dass ihrer roséfarbenen Haut der braune Grundton Alvines fehlte. Und offensichtlich witterte die gut fünf Jahre jüngere Dirne in ihr Konkurrenz: »Wer bist du denn?«, fragte sie herablassend.

»Pardon, ich warte auf eine Bekannte.«

»Ist das so?«, sie zog spöttisch eine Augenbraue hoch und kam näher. »Also wie heißt du?«

»Ich bin Alvine, Alvine Fürstenberg …«, erwiderte sie, ehe ihr einfiel, dass sie an so einem Ort besser keine Spuren, keinen namentlichen Eindruck, hinterlassen sollte.

Dem Mädchen entglitten alle Gesichtszüge.

»Rosenseife …«, flüsterte sie.

Instinktiv fasste Alvine nach ihren Locken. Eine schneidende Stille trat ein und das Mädchen durchbohrte sie mit tiefen Hassblicken. Sind denn in diesem Haus alle sonderbar?

In diesem Moment betrat Magdalena durch die Tür den Raum, durch die Orje gegangen war, erblickte die sich ihr bietende Szene und zischte dann in die Richtung des Mädchens: »Verschwinde, sie ist meine Gästin!«

»Werd’ nicht frech, Aushilfe«, fauchte die andere zurück.

Magdalenas Augen verengten sich zu Schlitzen. »Orje weiß von ihr, also hau’ endlich ab!«

Das Mädchen sah Alvine noch einmal durchdringend an, straffte ihre Schultern und wand sich dann zur Tür, durch die sie gekommen war. Sie fiel hinter ihr ins Schloss.

»Du musst sie entschuldigen, Kindchen. Sie nennt sich neuerdings Alwine. Das ist für sie vermutlich so, als trögest du das gleiche Kleid.«

Alvine war nicht fähig, darauf zu antworten. Wie immer war Magdalena eine Erscheinung. Auf ihrer goldbraunen Haut lag ein seidiger Schimmer, sie trug ein figurbetontes langes Kleid, wie so oft mit einem riesigen Dekolleté. Sicher verlieh einmal mehr ein raffiniert geschnürtes Korsett ihrer dicklichen Figur diese Sanduhrform. Das Haar zu einer eleganten Steckfrisur, der einzelne ihrer krausen Löckchen einen verspielten Gesamteindruck verliehen. Schwerer, edler Schmuck vollendete den Anblick.

Sodann setzte Magdalena sich zu ihr und begann zu plaudern: »Nun, da hast du bei den Wirtens aber einen Stein im Brett. Vor allem der Nathanael ist ja ganz hin und weg von dir. Ich habe ihren Vater noch kennengelernt. Kerl wie ein Baum, hat als Armenarzt geschafft. Edelmütig, immer zum Wohle der Kleinsten. Bis er sich ansteckte und es ihn elendig dahinraffte. Seitdem ist die Mutter allein mit den Knaben und eigentlich einem kleinen Mädchen. Das mussten sie weggeben, hätten es nicht ernähren können.«

»Ins Heim?«, fragte Alvine schockiert.

»Nein, zu Freunden. Ein Kollege von Dr. Friedrich Wirt, der selbst kinderlos ist. Er gibt sich die Schuld am Tod und hat daher angeboten, das Kleinod aufzuziehen. Soweit ich weiß, ergeht es ihr besser als ihren Brüdern. Sie geht auch zur Schule.«

»Ach, so ist das …«

»Na, du hast bestimmt einen schönen Schrecken bekommen, von der Bude hier. Ja hin und wieder arbeite ich gerne in den Palästen. Ich kann mir meine Arbeitszeit zwar nicht frei einteilen und allzu oft Nein sagen, sollte ich auch nicht. Aber es ist warm und sauber, ohne dass ich selbst heizen und putzen muss. Und der Amtsarzt kommt hier zur Visite und ist um einiges vorsichtiger, als die, bei denen ich mich melden muss, wenn ich freischaffend bin.«

»Sie sind zufrieden hier?«, fragte Alvine, um irgendwas zu sagen.

Magdalena nickte.

Alvine wusste, dass Prostitution in diesem Land staatlich reglementiert war, was hieß, prostituierte Frauen waren polizeilich gemeldet und mussten sich regelmäßigen ärztlichen Kontrollen unterziehen. All das ging fast immer mit Schikane und vielmals auch roher Gewalt einher, während männliche Freier oft in keiner Weise verfolgt wurden. Dass Männer zu Prostituierten gingen, galt gar als hygienische Notwendigkeit.

Magda redete auch heute so leicht und locker daher, dass Alvine sich einbilden konnte, dass diese Prostituierte es noch gut getroffen hatte. Durch Magdalenas Erzählungen verlor Alvine auch allmählich ihre Anspannung.

»Also, was führt dich zu mir?«, fragte Magdalena.

»Ich brauche Ihren Rat.«

»Was? Ist dein Mann mit deinen Künsten nicht zufrieden?«

»So kann ich das wohl kaum nennen. Es klappt gar nicht erst zwischen uns.«

Magdalena zog die Augenbrauen hoch und Alvine begann zu erzählen. Von all der Lust, dem vorehelichen Geschmuse, der Hochzeitsnacht, die so vielversprechend begonnen und völlig verdrossen geendet hatte. Sie knetete nervös ihre Finger, während sie über die fortwährenden Versuche sprach, die Traurigkeit und Mutlosigkeit, die sie beide befallen hatte. Dass sie versuchten, darüber zu reden, dass ihr jedoch die Worte im Halse stecken blieben, sobald es … darum ging. Dass ihr Mann sich nicht mehr traute, etwas zu initiieren, aus Angst, sie weiter zu verschrecken. Als sie von ihrem jüngsten Streit berichtete, weinte sie fast, sodass Magdalena, die die ganze Zeit konzentriert zugehört hatte, ihr nun tröstend über den Schopf streichelte.

»Sag mir eines, Kindchen: Begehrst du deinen Mann?«

»Ja«, hauchte Alvine.

»Und was begehrst du an ihm?«

Verstört sah sie Magdalena an, doch die wartete auf Antwort.

»Nun, ich liebe alles an ihm. Er ist klug und empfindsam, belesen und lustig. Und falls Sie darauf abzielen, ich mag auch seinen Körper sehr. Wenn ich ihn heimlich beobachte, fällt es mir besonders auf. Seine Schultern, seine Haut, seine weichen Haare. Seine Augen, oh seine Augen …«, entschuldigend lächelte sie Magdalena an, doch die blieb noch immer still und nickte aufmunternd, dass Alvine ruhig weiterschwärmen sollte. »Sein Geruch, sein Lächeln, ich mag die Sommersprossen, die er auf der Nase bekommt, wenn er im Sommer rudern war, so gern … Ich verstehe deswegen nicht, warum ich über die andere Sache nicht hinweg sehen kann …«

»Welche andere Sache?«

»Nun, ich habe … Schmerzen, wenn wir uns … lieben.«

»Wo du ihn doch so begehrst?«

»Ich weiß es nicht. Ich dachte, es tue nur die ersten Male weh und danach würde ich mich schon daran gewöhnen. Aber …« Sie klappte den Mund zu.

»Aber ihr habt es doch noch gar nicht richtig getan?«, ergänzte Magdalena.

»Ja, das stimmt. Furchtbar, oder?«

Ohne auf die Selbstschmach von Alvine einzugehen, fragte Magdalena: »Wie groß ist sein Schwanz?«

Das Gesicht der Gefragten lief sofort heiß an, aber sie wusste, dass sie sich um die Antwort nicht drücken könnte. Ihre Hände zitterten, während sie damit Länge und Umfang darstellte.

»Oha!«, grinste Magdalena, »und du siehst da kein Problem auftauchen?«

»Bitte?«

»Du hast noch nie mit einem Kerl geschlafen und kriegst dann gleich ein solches Kaliber ab«, sinnierte sie, während Alvine vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre, »Kindchen, du bist keinesfalls geübt darin und bekommst gleich so einen ab.«

»Na ich wird ja wohl kaum an den Seiten was abschleifen können«, flüsterte sie, woraufhin Magdalena in schallendes Gelächter verfiel.

»Nein nein, darauf wollte ich auch nicht hinaus. Aber ich habe das Gefühl, du hast so gar keine Ahnung von Schwänzen und dein Liebster scheint sich einer Tatsache auch nicht so bewusst zu sein.«

»Die da wäre?«, fragte Alvine.

Magdalena zwinkerte ihr zu: »Nur die Ruhe, es gibt durchaus Möglichkeiten. Aber ich trage dir herzlich an, meinen Ratschlägen genauestens Folge zu leisten. Ihr seid beide eingefahren in eure Verschrecktheit. Es ist wichtig, diese erst einmal zu überwinden, ehe ihr den Akt erproben könnt.«

»Aber …«

»Ja ja, ich weiß. Du bist ein schrecklich ungeduldiges Frauenzimmer. Also will ich dich eines fragen: Was ist dir wichtiger? Deine Ungeduld oder deine Ehe?«

»Meine Ehe!«, antwortete Alvine, ohne sich über die Frage so richtig bewusst zu werden.

»Dann besteht Hoffnung«, sagte Magdalena und lächelte.

Alvine hatte für die Wirtens Geld dagelassen, falls sie sich doch Schulanzüge kaufen wollten, und Magdalena noch mehr gezahlt als bei ihrem letzten Besuch. Ihr Kopf rauchte und ihr Weg zurück in die Fabrik war lang. Als sie ihre Aufgaben am Abend erledigt hatte, sattelte sie Strumpf und ritt schnurstracks nach Hause. Immer wieder geisterten ihr die Worte Magdalenas durch ihren Kopf: »Es ist kein Wunder, dass du Beklemmungen hast. Frauen werden von allen Seiten dazu erzogen, ihre Wünsche nicht zu äußern. Das erst einmal zu erkennen, ist schon ein Kunststück. – Mach’ dir keine Vorwürfe!«, hatte sie noch nachgesetzt, aber Alvine tat es doch.

Trotzdem ihre Eltern sie in vielen Dingen frei erzogen hatten, war ihr stellenweise auch von ihnen und aus Büchern, von Lehrer*innen und der Gesellschaft eingebläut worden, dass sie zu gefallen hatte und ihren Willen nur äußern durfte, wenn es der Gemeinschaft guttat. Ihre intimsten Gedanken sollten unter Verschluss bleiben. Erging es Männern anders? Sie besuchten Bordelle, schliefen mit sogenannten ehrlosen Mädchen und konnten sich überhaupt erst einmal über ihre Gelüste bewusst werden, bevor sie heirateten. Frauen aus ihrer Klasse bekamen Tipps wie: »Auch, wenn es dir nicht gefällt, es ist deine Pflicht, ihm gutzutun. Also zeige ihm nicht, dass du nicht willst!«, und »Bleib hinterher stillliegen, damit sein Samen seinen Weg findet.«

Alvine erklomm müden Fußes das Schlafzimmer, als Theodor gerade eine frische Hose über seine Beine zog. Ihre Blicke trafen sich, ein flüchtiges Lächeln, dann beeilte er sich, seine Hosenträger über das Hemd zu schieben und griff schon nach der Weste. Erschöpft plumpste Alvine auf die Bettkante, dann sah sie Theodor zu, wie er die Manschettenknöpfe einführte. Völlig gedankenverloren stand er von ihr abgewandt, beide schwiegen und beiden musste es furchtbar wehtun. Langsam zog Alvine ihre Stiefel aus, während er sich seine anzog.

»Es wird spät, warte nicht auf mich«, gab Theodor von sich, streifte sein Jackett über, wischte es glatt und prüfte sodann seine Frisur im Spiegel. Auf einmal streifte ihr Atem seinen Nacken. Deutlich wie schon lange nicht mehr, nahm er ihren Duft wahr.

Sachte berührte sie seinen Rücken. »Lass uns in den Winterurlaub fahren, Theo.« Er wandte sich langsam um. Sie blickte an ihm vorbei Richtung Schminkkommode und fuhr fort: »Nur wir beide. Irgendwo ganz weit weg. Ich will Eislaufen und Pferdeschlittenfahren. Und ich möchte, dass wir allein, nur für uns sind.« Endlich sah sie ihn an, ihre Augen glänzten.

»Willst du das wirklich?«, hauchte er.

»Du nicht?«

»Mehr als alles andere.« Er umarmte sie sanft, sie schmiegte sich an ihn. »Möchtest du, dass ich heute Abend hierbleibe?«, flüsterte er in ihr Haar.

Sie schüttelte verlegen den Kopf und machte sich los. »Nein, du hast sicher viel zu besprechen. Ich habe in der Zeitung gelesen, was gerade wieder los ist, womit sich deine Partei herumschlagen muss. Bitte konzentrier’ dich in Ruhe darauf und dann fahren wir in den Urlaub.«

Theodor lächelte dünn. „So weit ist es? Du liest also in der Zeitung über meine politischen Projekte? Offenbar war ich zu viel unterwegs. Ich weiß nicht einmal, wie deine letzten Wochen verlaufen sind. Das tut mir leid.“ Er küsste ihre Stirn zärtlich, nahm noch einen tiefen Zug vom Duft ihrer Haare und entschwand.

Am Morgen fand sie einen duftenden Rosenstrauß auf ihrem Schminktisch. Wo auch immer er den in der Zwischenzeit aufgetrieben haben musste … Alvine lächelte selig und beugte sich über ihren noch schlafenden Ehemann, zum Dank ein Kuss, ehe sie sich für ihren Tag anzog.

°°°

Anfang Februar brachen sie auf und fuhren mit der Bahn in ein verschlafenes Nest im Herzen des Reiches. Entsprechend den Höhenmetern lag noch so einiges an Schnee, sodass sie von ihren Gastgeber*innen per Schlitten abgeholt wurden. In dem winzigen Hotel waren sie die einzigen Gäst*innen und bezogen ein großzügiges Zimmer mit holzvertäfelten Wänden und separatem Ausgang. Tagsüber unternahmen sie lange Spaziergänge oder Pferdeschlittenfahrten durch die eiskalte Waldlandschaft. Eingemummelt in Wolle, Leder und Pelz hielt jede*r von ihnen einen Zügel des gescheckten Haflingers, der sie durch den Schnee zog.

Theodor legte den anderen Arm um Alvine, sie kuschelte sich an seine Schulter, nur ihre Nasen und Augen guckten aus Schal und Mütze heraus. Die Ruhe schien ihnen unbegreiflich, unter den Kufen knackte der Schnee, Flöckchen verfingen sich in ihren Wimpern. Die Bäume und Wege waren dick eingeschneit, über allem lag eine winterliche Decke, die ihre Gemüter entschleunigte. Wenn sie ordentlich durchgefroren ins Hotel zurückkamen, erwartete sie ein deftiges Abendbrot. Es war für sie die beste Umgebung, um die Sorgen und Gedanken um Krieg, Politik und Lieferengpässe wegzuschieben, sich nur auf sich zu konzentrieren und abends im Bett einander zögerlich anzunähern.

Alvine hatte den neuerlichen Besuch bei Magdalena nicht angesprochen, Theodor nur gebeten, ihr die Kontrolle zu überlassen. Anfangs kuschelten sie gänzlich keusch. Sie reagierte auf seine Erektion bald nicht mehr verschreckt, unter seinen zärtlichen Streicheleinheiten schnurrte sie bald wie eine Katze. Nacht für Nacht entblößten sie sich nur schrittweise voreinander, bis sie wieder nackt bei ihm lag, dauerte es zehn Tage. Endlich säuselte sie ihm ins Ohr: »Schau’ mir nur zu, bitte tu’ gar nichts.«

Zum ersten Mal seit Monaten berührte sie sich selbst und der Anblick ließ ihn erbeben. Anfangs war es ungewöhnlich, es vor ihm zu tun, aber dann heizte sie seine Anwesenheit zusätzlich an. Als es ihr kam, stöhnte er fast genauso laut wie sie. Er setzte an, etwas zu sagen, doch sie hielt ihm zärtlich den Mund zu. Bis sich ihr Atem beruhigt hatte, lagen sie eng umschlungen zusammen, dann bat sie ihn, sich seiner Hose zu entledigen und ihr zu zeigen, wie er es machte. Auch für ihn stellte es eine Vertrauensübung dar.

Ihre glitzernden Augen sprachen von Genuss und er erleichterte sich forsch. Lächelnd und schwer atmend lagen sie beieinander, ehe sie feststellte: »Du packst ja wirklich kräftig zu.«

»Aber es gefällt mir auch, wenn du mich nur zärtlich streichelst«, hauchte er und küsste ihre Nasenspitze.

»Das machen wir bald«, flüsterte sie, löschte die Nachttischlampe und legte ihren Kopf auf seine nackte Brust. So schliefen sie ein.

In der Großstadt hatte sich der Winter längst verzogen. Die Luft war mild und feucht, als wäre der Frühling schon im Anmarsch. Als Alvine und Theodor am Abend ins Schlafzimmer kamen und er sie von hinten umarmte, zuckte sie gar nicht zusammen, sondern lehnte sich genießend an ihn. Er küsste ihre Schläfe und schnüffelte an ihren Haaren. »Liebste, ich weiß, du wolltest die Kontrolle haben und das ist mir sehr willkommen. Kann ich dich dennoch um etwas bitten?«

»Oh?«, sie sah ihn verwundert an.

Er kam dicht zu ihr: »Darf ich es noch einmal sehen?«

Sie lachte auf und schubste ihn sachte von sich. Dann entledigte sie sich ihrer Kleider und legte sich aufs Bett. Zaghaft kroch er ihr nach. Diesmal fand sie ihren Rhythmus schneller. Er folgte ihren Fingern mit funkelnden Augen.

In den folgenden Tagen brachen beide früher nach Hause auf, um sich im Schlafzimmer weiter zu erforschen. Bald schon kannten sie die Vorlieben voneinander genug, um sich gegenseitig zu beglücken. Von ihrer Verve gefasst, seufzte sie dutzendfach seinen Namen, während er ihren Körper berührte und verwöhnte. Es waren die einzigen Momente, in denen sie sich gehen ließ und sie von sich selbst überrascht war – sie liebte es, die Kontrolle abzugeben.

Eines Abends saß Alvine auf der Bettkante, er stand davor, um sich für sie seiner Kleider zu entledigen. Sie sah abermals verzückt seine blondbehaarten Leisten an. Einer spontanen Eingebung folgend strich sie über seine Seite und führte ihn näher zu sich. Sie hielt seinen Blick gefangen, als sie seinen harten Phallus küsste. Die bloße Berührung ihrer Lippen ließ ihn erschaudern. Vorsichtig tastete sie sich vor, nahm seine Spitze in den Mund, erforschte ihre Möglichkeiten. Ehe er seinen Höhepunkt erreichen konnte, beschnitt er sie in der absoluten Kontrolle und stieß sie um. Stürmisch zog er ihr nun die Wäsche aus, sie atmete schwer, als er ihre nackte Haut küsste und immer tiefer rutschte. Als sein Mund endlich ihre Vulva berührte, bäumte sie sich vor Schreck auf. Er verlangsamte seine Bewegungen, fuhr sachte mit den Lippen und der Zunge ihre Vulvalippen entlang. Diese zärtliche Art der Penetration entlockte ihr die Ekstase, auf die sie all die Zeit gehofft hatte. Unmöglich, ihr Stöhnen zurückzuhalten. Es wies ihm den richtigen Weg. Als seine Zunge ihre Klitoris umtanzte, explodierte sie. Die Heftigkeit überraschte sie selbst.

Kaum war sie gekommen, fiel ihr angespannter Körper in sich zusammen, Nachbeben durchdrang sie. Theodor wollte sich neben sie legen und sie sich beruhigen lassen, aber sie erhob sich und rutschte an ihm herunter. Zärtlich und behutsam nahm sie sein immer noch hartes Glied in ihre warme Mundhöhle und umspielte es mit ihrer Zunge. Mit aller Macht hielt er sich davon ab, im Rhythmus ihrer Bewegungen zu zittern oder gar zu stoßen. Sein Atem zeigte ihr deutlich, was ihm gefiel. Es dauerte nicht lange, bis sie die ersten salzigen Tropfen schmeckte. Dann kam es auch ihm.

Erleichtert lagen sie schließlich nebeneinander, flüsterten sich süße Nichtigkeiten zu und sie sprach aus, was sie schon lange vor ihm geheim hielt: »Ich habe einen Rat bekommen: Nun, da wir aneinander gewöhnt sind, können wir den Geschlechtsakt versuchen, sobald deine erste Erregung abgeklungen ist. Jetzt zum Beispiel wirst du vermutlich nicht zu groß für mich sein.«

Ihr tiefer Blick sprach Bände, ihm entglitten die Gesichtszüge. Warum hatte er trotz all seiner umtriebigen, vorehelichen Erfahrungen nie auf diese Tatsache geachtet? Er hatte versucht, ihr andere Spielarten nahezubringen, aber sie waren zu früh schon zu eingefahren gewesen, er hätte von Anfang an andere Wege aufzeigen müssen, damit die Situation sich nicht dermaßen hätte zuspitzen können.

Doch sie wollte keine Entschuldigungen von ihm hören, sie wollte endlich ihre Vereinigung. Beide atmeten aufgeregt, während sie die Missionarsstellung bezogen. Sein Eindringen fühlte sich gut an, prall und hart, nur ein leichtes, süßes Ziepen. Ihre Vagina war weich, bereit und heiß. Alvine spürte, wie vorsichtig er sich bewegte, wie sich in ihrer Nässe die schwachen Verkrampfungen lösten. Seine Stöße wurden tiefer und rhythmischer, was das Fieber in ihr nur erhöhte. Überwältigt ging ihr Atem schneller. Ja, das war es. Es machte alles einen Sinn. Es war anders als ihre Art der Masturbation … so viel kraftvoller, dass es ihr durch und durchging. Sie spürte nicht das wohlige Kribbeln, wenn sie ihre Vulva streichelte, aber sie spürte ihn tief und warm in sich und dass ihr Innerstes mit seinen Bewegungen immer heißer wurde. Unbewusst hatte sie damit begonnen, sich mit ihm zu bewegen. Mit ihm zu atmen.

Darum heißt es also … eins sein.

Lange hielt er es nicht aus.

Sie sah ihm an, dass er sich für sie sie zurückhielt, spürte seine zaghafter werdenden Bewegungen und bat ihn: »Quäl dich nicht! Ich will es so gern erleben, dass du dabei in mir bist.« Sie zog sein Gesicht zu ihrem herab und küsste seinen Mund.

Sein folgender Orgasmus schien heftiger und lauter zu sein, als alle vorherigen, der Erguss gewaltig, dass das, was aus ihr heraustropfte, eine ausufernde Pfütze bildete. Niemals hätte sie all das in sich behalten können, auch nicht, wenn sie, wie in dem blöden Buch geraten wurde, stillgehalten hätte …

Theodor rollte erschlagen von ihr herunter. Sie schmiegte sich an ihn und flüsterte in sein Ohr: »Wir sind jetzt endlich Mann und Frau.«

Er lächelte gedankenverloren, eine Weile schwiegen sie.

»Das Laken sollten wir vielleicht fortschaffen, bevor Greta es sieht«, sagte er irgendwann nur betreten.

»Was denn, schämst du dich?«, rief Alvine und richtete sich auf.

Ihr Herz war erfüllt von Euphorie und Befriedigung. Sie sah ihn verliebt an, als er sich auf den Rücken drehte. Seufzend legte sie ihren Kopf auf seinen flachen Bauch, ihre langen Locken lagen offen und bedeckten sie und seine Beine fast komplett. Verträumt liebkoste er ihr Gesicht, ihre Nase, ihre Lippen. Sie schnappte verspielt nach seinem Finger, sodass die Kuppe ihre Zungenspitze berührte. Dann kicherten sie beide. Neue und wiederentdeckte Vertrautheit erfüllte sie. Während er ihre Haare streichelte, tanzte ihr Zeigefinger über seine Brust. Irgendwann sah sie von seinem Bauch auf, stützte ihren Kopf ab und sagte: »Ich liebe dich ganz fürchterlich.«

Es war das erste Mal, dass sie es ihm so deutlich gesagt hatte. Eine Woge des Glücks und der Erleichterung durchfuhr sie. Theodor fasste ihr Gesicht und beugte sich zu ihr, um sie zu küssen. Doch sie entwischte ihm und sprang auf seinen Schoß.

»Ach, wo ich das gerade so sehe …«, rief sie, in Hinblick auf seinen wiedererwachten Phallus, »… das wollte ich auch noch probieren …«

Bevor sie sich vereinten, küsste er sie endlich und lehnte sich dann lächelnd zurück. Die ganze Nacht liebten sie sich, wären am Morgen fast zu spät zur Fabrik oder zur Universität gekommen und fanden am Abend schelmisch grinsend ein frisch bezogenes Bett vor.

In den kommenden Wochen verbrachten sie fast jede freie Minute zusammen. Nur Veranstaltungen ähnlich von Größe und Wichtigkeit wie der alljährliche Frauentag konnten Alvine wirklich von ihrem Mann ablenken. Sie hörte die Reden an und nahm Anregungen für ihr Unternehmen mit, dann ritt sie nach Hause und erzählte Theodor davon, während sie ihn auszog.

Er gewöhnte sich an, ihr hin und wieder Rosen direkt ins Büro zu schicken.

Als sie ihn einmal fragte: »Warum Rosen in allen Farben und keine anderen Blumen?«, deutete er auf eine der Orchideen ihrer Mutter, die ebenfalls die Büroregale schmückten.

Dann auf den Strauß mit dornigen langstieligen Rosen, mit riesigen prachtvollen Köpfen, jeder in einer anderen Farbe und Nuance und erwiderte: »Du bist mehr Rose als Orchidee oder als jede andere Blume.«

Alvine spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde, als er sich über sie beugte und ihr direkt ins Ohr flüsterte: »Du bist stark und schön.«

Obwohl sie allein waren, sprachen sie leise. Solange sie nicht zu Hause in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer waren, behandelten sie ihre Gefühle nur im gedämpften Tonfall, und so vergrub sie ihr Antlitz an seiner Brust und wisperte ein schüchternes Danke.

Monatelang währende unerfüllte Lust lebten sie aus. Kamen sie nach Hause, tollten sie wie übermütige Welpen durch ihre Kissen. Auch einigten sie sich schnell darauf, erst ihre Leidenschaft zu entdecken und völlig auszuleben, ehe sie Kinder kriegen wollten. Deswegen hing bald ein seidenes Säcken mit Qualitätskondomen am Bettgestell, dessen Inhalt regelmäßig nachgefüllt wurde. Alvines Neugierde auf die tausend Möglichkeiten blieb ungebrochen und sie erfuhr den Lohn von Geduld. Unweigerlich schulte Theodor sie in der Liebe, wie er einst von so vielen Frauen unterrichtet worden war – liebevoll und spielerisch. Sie schliefen und aßen wenig, strahlten wie das blühende Leben und steckten um sie herum alle mit ihrer Fröhlichkeit an.

Seine allergische Rhinitis wirkte sich in diesem Jahr nur schwach aus, sodass Alvine immer noch nicht gemerkt hatte, welch nervenaufreibendes Leiden ihr Gatte ihren Kindern eines Tages vermachen würde.

Ihr erster Hochzeitstag stand vor der Tür. Sie verbrachten einen romantischen Urlaub auf Friedgolds Hof, dem Gut ihrer Großeltern. Dort ritten sie aus, manchmal gemäßigt, zumeist aber um die Wette, fuhren Ruderboot in der Sonne, naschten massenweise von Köchin Marthas Käsekuchen mit Erdbeeren und Sahne. Morgens gingen sie zusammen im See schwimmen, sprangen nackt in die Tiefe, ohne sich zuvor an den Temperaturunterschied zu gewöhnen, kühlten so ihre erhitzten Körper von der Nacht. Sie küssten sich unter Wasser, tauchten dabei auf, schwammen durch den Zulauf weit hinaus. Liebten sich auf dem Holzsteg in der Morgensonne. Er zeichnete sie, während sie auf Strumpf ritt, auf einer Bank saß, in der Wanne lag oder nur am Fenster stand, die untergehende Sonne in ihrem Gesicht. Und auch, als sie sich nackt auf dem Bett für ihn rekelte. »Hör auf, so zu zappeln, Alvine. Ich will deine Kurven detailgetreu einfangen.«

Er saß nackt auf der Bettkante, ein Bein angewinkelt, den Block in der linken Hand. Seine Blicke tanzten über ihre Haut. Über ihre kleinen Brüste, die sichtbaren Rippen und Bauchmuskeln, die schmalen Hüften und dünnen Oberschenkel. Äußerlich schien sie so zerbrechlich, ihr Körper bildete einen starken Kontrast zu ihrem Charakter.

»Ich zapple nicht, ich biete mich dar«, schnurrte sie.

»Ist dein Hunger noch immer nicht gestillt?«, lachte er.

»Du doch auch nicht, wie es aussieht.«

»Wie könnte ich, bei so einer Frau.«

Sie lächelte verträumt und lag tatsächlich für ein paar Minuten still, ehe sie leise gestand: »Ich hatte früher gedacht, ich sei dir unzureichend.«

»Inwiefern?«, fragte er, aufs Zeichnen konzentriert.

»Dass du lieber eine Frau mit großen Brüsten und gebärfreudigem Becken gehabt hättest. Dass du solche lieber magst.«

Überrascht sah er auf, legte in einer fließenden Bewegung seinen Block weg und beugte sich über sie. »Es ist wahr, Alvine, ich mag Frauen mit großen Brüsten. Ich mag Frauen mit Kleinen. Ich mag runde Frauen und Schlanke. Blonde und Dunkle. Aber ich liebe Alvine. Alvine, meine Ehefrau.«

Alvine lächelte und gab ihm einen Kuss.

»Und du«, fuhr er fort, »hättest dir auch einen vermögenden Mann nehmen können. Hast aber mich genommen.«

»Ja, den, der mir am besten gefallen hat.«

»Genau wie du mir. Warum soll ich eine andere Frau lieber mögen, wenn ich eine kluge, amüsante Fee haben kann, die meine Liebe erwidert und genauso auf Verrücktheiten aus ist wie ich? Das nur nebenbei: Ich finde deine süßen Kurven über Gebühr anziehend.« Er griff nach dem Zeichenblock und zeigte ihr das fast fertige Bildnis. »Schau, wie schön du bist, Alvine.«

Sie war zu gerührt und erleichtert, als dass sie etwas anderes hätte erwidern können, als noch einmal seine Nasenspitze zu küssen.

Am nächsten Morgen musste Theodor überraschend für einige Tage zu einer militärischen Übungsphase. Schon die Dritte in diesem Jahr. Ihr Urlaub war schlagartig zu Ende.

Esther brachte ihr Wickelkind ab und zu mit ins Büro, wenn ihre Mutter es nicht nehmen konnte, und Alvine herzte und streichelte das Kleine so oft wie möglich. Auch wenn andere Arbeiter*innen Besuch von ihren Kindern bekamen, was durchaus nicht unüblich war, blieben sie kaum von einer Umarmung der Chefin verschont. Trafen Theodor und sie bei Hohelohs zu Hause ein und ihre Bruderkinder waren von Neuem zugegen, brachte sie allen Geschenke mit und liebte es, sie auf den Schoß zu nehmen. Schon immer war Alvines Herz für Kinder offen gewesen und sie wusste, dass auch Dorothea den Tag herbeisehnte, an dem aus diesem gut aussehenden Paar endlich ein Enkelkind für sie hervorgehen würde …

Das Erbe

Juli 1913: An einem Sonntag im Hochsommer wohnten Alvine und Theodor der Inbetriebnahme der neuen U-Bahnstrecke bei, bei welcher eine automatische Signalanlage anstelle des handbetriebenen Blocksystems eingeführt wurde. Auch die Eltern und Brüder Hoheloh sowie deren Familien waren mit von der Partie und es würde der letzte öffentliche Auftritt Alfred Hohelohs werden.

Dorothea ließ sich auch heute von ihm am Arm führen, doch ohne dass es Außenstehende sahen, war sie diejenige, die ihn aufrecht hielt.

Alfred schien sich noch immer einzubilden, dass seine Gattin wenig davon merkte, wie schwach er geworden war, denn nicht nur vor den Kund*innen, viel mehr auch vor ihr, bemühte er sich, den Schein seines einstigen Glanzes zu wahren. Er scherzte einstweilen über seinen kleinen Bauch, vor dem nicht einmal er im Alter verschont geblieben war, oder über seine mittlerweile völlig grauen Haare.

Aber Dorothea begegnete ihm mit den gleichen Blicken wie vor über vierzig Jahren, als sie auf einem Ball in der Provinz einander vorgestellt wurden – vielmehr sie ihn sich mit genau diesem Blick vor den anderen jungen Damen geschnappt hatte. Natürlich konnte er vor ihr gar nichts verbergen! Sie kannte ihren Mann und sie kannte Menschen. Ihr Talent zum Gesellschaften hatte ihr Unternehmen groß gemacht. Dorothea war diejenige gewesen, die Kontakte knüpfte, die an den Verhandlungen partizipierte, die alle Verträge mit Alfred gemeinsam prüfte und von all seinen Geschäften wusste. Auch davon, was er Alvine alles beigebracht hatte, worin er sie hatte unterrichten lassen. Dorothea hatte immer weit mehr Einfluss auf das Unternehmen genommen, als es den männlichen Vertragspartnern bewusst gewesen war. Nur deren Frauen ahnten es wohl, denn über sie waren die Hohelohs zu diesen Partnerschaften gekommen. Dorothea hatte die Vorhut gebildet, sich den Damen vorgestellt, gescherzt, Kontakte geknüpft, notfalls durchblicken lassen, wie viel Geld im Spiel sein könnte, und die Ehefrauen der reichen Männer waren ihren Charme erlegen und arrangierten bald ein Treffen beider Paare.

Dieses Leben war es, das Dorothea gewollt hatte. Schon als junges Mädchen hatte sie davon geträumt, aus der winzigen Stadt in der Mitte des Reiches herauszukommen, zu reisen und viele Menschen zu treffen. Als sie den mondänen, schlanken Mann mit der schönen brauen Haut und der stolzen Haltung damals aus der Kutsche hatte steigen sehen, da beschloss sie, zu handeln.

Der junge Alfred, der seinerzeit schlicht einen günstigen Weg gesucht hatte, Arbeiter*innenschuhe in großem Maße billig zu produzieren und dafür eine kleine Schuhfabrik in Dorotheas Stadt inspiziert hatte, war vornehmlich Handelsreisender gewesen, die Schuhe nur eine Nebeneinkunft seiner Familie. Er war von der Familie, der die Fabrik gehörte, am Abend mit auf den Ball genommen worden, dort hatte Dorothea ihn gesehen und beschlossen, ihre Netze nach ihm auszuwerfen und der Rest war Geschichte.

»Durch Zufall fand ich, damals fast 20, mein Glück!«, pflegte sie zu scherzen.

»Er war doch Schicksal, nicht wahr?«, erwiderte er dann und erinnerte sich, wie die Jägerstochter ihm vorgestellt worden war, vielmehr wie sie sich ihm doch selbst vorgestellt hatte. Eine hochgewachsene Fee mit roséfarbener Haut, roten Wangen, dunkelblonden Locken und bernsteinfarbenen Augen – seine Traumfrau.

Ach, wie lang all das her ist!, dachte Dorothea und erinnerte sich der Reisen in den Orient, der Leidenschaft ihrer Nächte, an ihre Geburten und an die Erleichterung, als sie ihm endlich eine gesunde Tochter schenken konnte, ganz wie sie es ihm schon einen Tag nach seinem Heiratsantrag versprochen hatte.

Heute blickte sie mit Stolz und Erfüllung auf diese Tochter, die nach ihren ersten, wie es schien, schwierigen Ehemonaten so erfüllt schien und das Unternehmen Hoheloh nun strahlend repräsentierte. Alvine würde ihren Weg machen, das wusste Dorothea, aber der würde nicht mehr lange an der Seite Alfreds sein, auch das sagte ihr ihr Instinkt. Doch sie redete weder mit ihrem Gatten noch mit ihrer Tochter darüber. Beiden würde es früh genug – vermutlich in wenigen Wochen – bewusst, und bis dahin dachte Dorothea Hoheloh nicht im Traum daran, die Seifenblase zum Platzen zu bringen.

Nur allmählich kam das junge Paar Fürstenberg nach all der Traurigkeit und des anschließenden Glücks zurück in der Realität an. Nun erst nahmen sie wieder wahr, wie allgegenwärtig der Krieg in den Köpfen der Menschen war. Alle redeten davon, überall wurde Geld für die Aufrüstung gesammelt. Besuchten sie eine Abendveranstaltung, war es nur eine Frage der Zeit, bis »Gold gab ich für Eisen« angestimmt wurde und Alvine etwas von ihrem Schmuck abtreten musste. Diskussionen über das Für und Wider eines baldigen Ausbruchs hörte Theodor sich gezwungenermaßen tagtäglich in der Universität an, danach im Reichstag. Er hatte deswegen aufgehört, anschließend noch Karten spielen zu gehen.

Seine Gattin plagten die gestiegenen Materialkosten und Lieferengpässe. Für die Chargen an die Bataillone gab es zwar genug Produkte, allerdings hatte sie peinlich genau zu protokollieren, wofür Leder, Gummi, Schnur und Metall verwendet wurden. Nach Hause zu kommen und nicht darüber sprechen zu müssen, war ihr herzlich lieb.

Zum Glück stellte ihr Gatte nie Fragen darüber, da er genauso genervt war und es vorzog, ihr die Kleidung auszuziehen und den Rest der Nacht ausgiebig zu schweigen.

Nachdem ihr Ehemann und sie eine weitere durchtriebene Nacht verbracht hatten, kam Alvine am späten Vormittag ins Büro ihres Vaters, pfefferte ihm die Bestelllisten hin und spie aus: »Sieh dir das an! Blaue sind die bestellten Positionen, grün die tatsächlich gelieferten. Fällt dir etwas auf? Kaum grüne Häkchen. Wie sollen wir so arbeiten? Die Kunden toben, die Lieferanten vertrösten mich. Papa, jetzt unternimm doch etwas!«

Anstatt ihren alten Herrn genauer zu betrachten, lief sie im Raum auf und ab und tobte. Alfred Hoheloh folgte ihr mit trübem Blick und wusste keine Antwort. Endlich hielt Alvine inne und sah ihren Vater an. Schockiert stellte sie fest, dass sein Haar mittlerweile völlig ergraut, seine umbrabraune Haut ausgedorrt und seine Wangen eingefallen waren. Wann war er so alt geworden? Sie schalt sich selbst. In den letzten Monaten war sie so sehr mit sich selbst und ihren Eheproblemen beschäftigt gewesen, dass sie nicht nur den drohenden Krieg, sondern auch den Rest ihrer Familie aus den Augen verloren hatte. Ihr fiel wieder auf, wie schusselig ihr Vater seit einiger Zeit war. Das ging so weit, dass es für Alvine zur Gewohnheit geworden war, abends etwas länger zu bleiben, um seine Arbeit zu kontrollieren. »Papa?«

Alfred lächelte geistesabwesend: »Winchen, weißt du eigentlich, wie schön du geworden bist?«

»Danke«, hauchte sie.

Plötzlich brach er in Tränen aus, zog ein Taschentuch hervor, schnäuzte sich ausgiebig und weinte noch mehr. Alvine stürzte zu ihm und hielt seine Schultern fest. Wie ein Häufchen Elend saß er in seinem Sessel, der ihm neuerdings viel zu groß erschien, und heulte unkontrolliert. Die Schiebermütze, die ihm die Arbeiter*innen zur Fabrikeinweihung geschenkt hatten, thronte seit Wochen unangetastet auf der einen Ecke der Rückenlehne.

»Oh Winchen, du bist so schön geworden. Dieser rote Tunichtgut hat dich sehr glücklich gemacht, nicht wahr?«

Alvine biss sich auf die Unterlippe und beugte sich zu ihm herab. Sie küsste seine faltige Stirn und antwortete: »Ja Papa, ich bin sehr glücklich.«

»Und so fähig. So eine talentierte Geschäftsfrau. Besser noch als deine Tante Karla, du hast sie nie kennengelernt.« Er redete in letzter Zeit oft von seiner großen Schwester, die im Kindbett verstorben war, als Alfred gerade zwanzig gewesen war. »Gott hab sie selig, bald werde ich sie wiedersehen.« Alvine unterdrückte ein Zittern. »Du wirst eine Lösung für das Materialproblem finden, Winchen. Bezahl’ eben den höheren Preis für. Wir müssen unsere Kunden beliefern. Und alles Weitere musst du auch lösen.«

»Ich muss die Fixpreise anziehen, sonst kann ich meine Arbeiterinnen und Arbeiter nicht entlohnen.«

»Tu das, Winchen. Meine Konten stehen dir offen.«

Die Tochter knickste zum Dank und verließ sein Büro. Ihr Vater, alt und schwach. Das machte doch keinen Sinn! Alvine schluckte hart, verkniff sich die Tränen, während sie den kurzen Flur zu ihrem Arbeitszimmer hinunterging. Sie trat eilig durch die Tür, schloss sie hinter sich und lehnte sich an, um durchzuatmen. Alfred Hoheloh, ein alter, kranker Mann. Wie sollte sie das begreifen?

Kaum hatte sie sich gesetzt, hob sie den Hörer ab und verlangte, ihre Mutter zu sprechen.

»Hallo Alvine, mein Kind.«

»Mama … Papa geht es sehr schlecht, nicht wahr?«

Am Abend erwartete sie Theodor in ihrer Bibliothek. Sie hielt die Tageszeitung in den Händen, ihre Augen glänzten.

Alvine gehörte zu jenen, die sich weitestgehend bewusst waren, woher ein Großteil des Reichtums kam, über den ihr Heimatland verfügte. Das Reich hatte erobert, geplündert, versklavt. Hatte sich auf der Welt breitgemacht, wo es das noch gekonnt hatte. Im ständigen Kontrast – ja im regelrechten Wettbewerb – zu jenen Ländern, die schneller gewesen waren.

Nun da ihr gewahr wurde, vor wie vielen Dingen sie sich verschlossen hatte, las sie die Artikel in den Zeitungen bewusster. Sie dachte an Greta und Rupprecht, an ihre eigene Urgroßmutter, an die Geschichte der Familie Hoheloh, an all das, was ihr Vater für den Reichtum wohl einst getan hatte. Und an das, was auf sie zurollte: Denn der Reichtum war vielen immer noch nicht genug. Nicht denjenigen, die die Gesetze machten, diejenigen, die bestimmten, wohin die Geschichte gehen würde. Das Reich wollte mehr.

Sie sah von der Zeitung auf und sagte: »Politische Mäßigung verträgt sich nicht mit einem Anspruch auf ein respektierliches Weltreich, nicht wahr? Reichen die Kolonien und Schätze denn nicht?«

Sich zu Alvine setzend, antwortete Theodor: »Nein, es reicht nicht. Wir sind abgehängt. Offenbar gelingt es unseren Obersten auch nicht, diese Ansprüche geschickt zu verpacken. Das konnte nur auf Widerstand der Nachbarmächte stoßen.«

»Es ist nicht einmal fünfzig Jahre her, dass sich unser Reich zusammenschloss. Sind … wir denn wirklich eine Gefahr? Sehen sie eine Bedrohung in uns, da wir wie sie weltpolitisches Gebaren an den Tag legen?«

Das Reich wollte mehr. Genau wie diejenigen, mit denen sie um den Platz an der Spitze buhlten. Länder, so klein im Gegensatz zu all den Gebieten, die sie besetzten.

»Eine Bedrohung in uns gesehen … das haben sie schon, bevor wir anfingen, unsere Ansprüche auszusprechen.«

»Ist es schon zu spät?«

»Es ist nie zu spät, Liebste.«

»Aber die Dinge stehen todernst, oder?«

»Ja …«

Sie fielen sich in die Arme. Er küsste ihren Hals, sie weinte. »Papa wird sterben. Sehr bald schon, Theodor. Ich war so auf mich selbst fixiert, dass ich es nicht gemerkt habe. Mama und meine Brüder wissen es nun seit Monaten, sie genießen einen Vorsprung. Einen makaberen Vorsprung.«

Er zog sie an sich, hob sie hoch und trug sie empor ins Schlafzimmer. Erst zögerte Alvine und überlegte, sich zurückzuziehen. Doch dann klammerte sie sich an ihn, massierte seinen Körper unter der Kleidung und gab nicht nach, bis die Begier ihnen zu Kopf stieg und sie wie Tiere übereinander herfielen.

Am nächsten Morgen überarbeitete Alvine ihre sogenannten Einseiter, die eigens gestalteten Papiere für Bestellungen der Schuhe, welche auf Abruf hergestellt wurden. Dieses Projekt hatte sie ausgeklügelt, es war ihr lieb wie ein Kind. Sie erhöhte die Verkaufspreise für Leder und Gummisohlen, für Verzierungen und anderen Schnickschnack. Die Schere zwischen Arm und Reich würde binnen der folgenden Monate weiter auseinanderklaffen, darum entschied sie, die Arbeiter*innenklasse, die sich sowieso schon nur minderwertige Schuhe leisten konnten, nicht noch zusätzlich zu benachteiligen. Ihr Vater war an diesem Tag erst gar nicht ins Büro gekommen. Sie rief ihn zu Hause an und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, als sie mit ihm die neuen Preise besprach und er mit erstickter Stimme antwortete. Eine Woche später war Alfred Hoheloh nicht mehr fähig, das Bett zu verlassen, woraufhin Dorothea sich entschloss ihre Söhne, die nicht in der Stadt wohnten und den schlechten Zustand Alfreds nur erahnten, zu kontaktieren. Per Eilboten teilte sie mit, dass es Zeit wäre, sich im Elternhaus einzufinden:

Euer Vater verweigert mittlerweile die Nahrungsaufnahme.

Daraufhin bezogen alle Kinder Hoheloh mit ihren Ehepartner*innen die Besuchszimmer des Herrenhauses.

°°°

August 1913: Jeden Abend und jeden Morgen betete Alvine für ihren Vater. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, ihn zu verlieren. Doch er wurde zusehends schwächer.

»Was ist das für ein Gott?«, spie sie eines Abends aus, »warum hilft mein Bitten diesmal nichts?« Sie lief wütend im Zimmer auf und ab.

»Liebste, das hat nichts mit Gott zu tun«, entgegnete Theodor nüchtern. Nach alledem was im Reich passierte, fiel es ihm immer schwerer, überhaupt an dessen Existenz zu glauben.

»Das Universum hat mich stets erhört, warum jetzt nicht?«

»Das ist der Kreislauf, Alvine …«

»Nein, hör auf! Ich muss doch irgendetwas für meinen Vater tun können!«

Theodor sprang auf und hielt sie an den Oberarmen fest, als er sagte: »Kannst du auch, lass ihn los!«

Sie zappelte: »Wovon redest du zum Donnerwetter?«

»Alvine!«, rief er, damit sie ihm ins Gesicht blickte, »dein Vater quält sich für dich. Weil du ihn nicht gehen lassen kannst.«

Stille Tränen rannen über ihre Wangen. Theodor ließ Alvine los, sie schreckte zurück und rannte aus dem Zimmer. Im Wintergarten zwischen all den Orchideen fand sie sich wieder. Die schneeweißen Blüten, die sie am Tage ihrer Hochzeit im Haar getragen hatte, standen gepresst in einem Bilderrahmen im Regal. Sie blickte durch die Glasdecke zu den Sternen hinauf, am ganzen Leib zitternd. Theodor war der Einzige, der es ihr so deutlich gesagt hatte. Ihre restliche Familie hatte sie wie immer in Watte gepackt. Aber Alvine wurde es bewusst: Sie durfte kein egoistisches Kind mehr sein und musste ihrem Vater die Qual ersparen. Das war ihre neue Prüfung. Ihr großer Beschützer wollte, dass sie endlich erwachsen würde. Dann atmete sie tief ein.

Dorothea betrat in ihrem Teekleid den Raum: »Hier bist du, Kind, hab ich es mir doch gedacht.«

Alvine wandte sich zu ihr um.

»Keine Tränen, meine Kleine«, sie drückte ihre Tochter an sich, die inzwischen einen Kopf größer als sie war. »Dein Vater möchte dich gerne sprechen.«

»Ist gut«, sagte sie und setzte sich in Bewegung.

Als Dorothea ihr nachrief: »Eduard und Karl waren schon bei ihm«, hielt Alvine kurz inne. Damit war alles gesagt worden.

Vor dem Elternschlafzimmer standen die Söhne und umarmten einander. Ihre kleine Schwester kam dazu. Ihre glasigen Blicke trafen sich und beide drückten sie gleichzeitig an sich. Niemand sprach ein Wort. Ihre Augen rot von den Tränen, ihre sonst leuchtend lohbraune Haut papieren, die dunklen Locken fettig vom vielen Haareraufen – selten hatten sich die drei Geschwister so ähnlich gesehen.

Zaghaft öffnete Alvine schließlich die Tür und schritt ins schemenhaft beleuchtete Zimmer. Alfred lag im aufgedeckten Ehebett, der volle Mond schien durch das Fenster direkt in sein überspanntes Gesicht. Vorsichtig trat die Tochter näher. Langsam drehte der Vater den Kopf, ein schwaches Lächeln huschte über seine eingefallenen Lippen. »Winchen, komm zu mir.«

Sie unterdrückte die Tränen und setzte sich auf die Bettkante. Sein Atem roch abgestanden, sie griff nach seiner faltigen Hand, noch dunkler als ihre, zwang sich mit aller Kraft zu einem Lächeln.

»Winchen …«

»Papa?«

»Du bist mein Ein und Alles, das weißt du oder?«

»Ja, das wusste ich immer. Ich habe es keine Sekunde meines Lebens bezweifelt.«

»Dann habe ich stets richtig gehandelt, hörst du, Karla?« Er lachte leise.

»Ich danke dir, Papa. Ich hätte dir so gerne alles zurückgegeben, was du mir ermöglicht hast.«

»Ach Winchen, zu sagen, das hast du doch schon längst, ist so abgedroschen. Du wirst deinen Weg gehen. Und pass’ mir auf deine Mutter auf.«

»Ja, Papa, das werde ich.«

Eine Weile schwiegen sie, Alvine umklammerte seine Hand und flüsterte: »Danke Papa für alles. Es ist gut, du darfst gehen, wenn du willst.«

Er sah sie an, lächelte immer noch müde aber gütig und nickte. »Erst will ich meine Doro noch einmal sehen.«

Die Tochter schmunzelte, beugte sich hinab und küsste seine Wange. Als sie sich erhob, betrat Dorothea den Raum.

»Ich meinte, du hast mich gerufen, Liebling?«

»Meine Mädels … kommt her.«

Seine Frau setzte sich zu ihm, Alvine stand am Fußende des Bettes und hielt sich am Pfosten fest, für sich fragend, ob sie und Theodor einander einst auch ohne Worte und Blicke verstehen würden. Alfred griff nach Dorotheas Hand: »Ich liebe dich. Ich habe dich vom ersten Augenblick an geliebt. Du wirst mir fehlen!«

»Du wirst mir ebenso fehlen, Liebling. Schmerzlich!«

Mit letzter Kraft küsste er ihren Handrücken und blieb dann still. Dorothea vergoss ein paar Tränen, als seine Finger zum Abschied fest die ihren drückten. Seine Seele entwich und streichelte noch einmal seine Familie, auch die Enkelkinder, die alle zusammen in Theodors Bett hockten und von ihm vorgelesen bekamen. Im gleichen Augenblick weinten sie los. Alfreds Leichnam wurde noch in derselben Nacht abgeholt, die Familie saß bis zum Morgengrauen beisammen, schwelgte in Erinnerungen, aß Obsttorte, spendete einander Trost. Ganz, wie der Vater es gemocht hätte.

Als Alvine und Theodor in das ehemalige Kinderzimmer kamen, um ein paar Stunden zu ruhen, sagte sie: »Ich dachte immer, in diesem Raum könnte ich nie den Beischlaf vollziehen.« Dann küsste sie ihren Gemahl innig, der sich kurz versicherte, ob sie wirklich dazu bereit wäre. »Ich bin jetzt erwachsen, Theo. Ich weiß sehr gut, was ich will.«

Er lächelte und ehe sie sich hinlegten, angelte er nach den Präservativen.

»Ich habe nachgedacht, Theodor. Ich möchte bald ein Kind von dir.«

Er hielt inne und begegnete erstaunt ihrem Blick.

»Sicher …«, wiegelte sie ab, »jetzt ist nicht die richtige Zeit, es käme mir pietätlos vor, es ausgerechnet jetzt zu versuchen. … aber wenn du bereit … sobald du dich bereit fühlst …«

Er schnitt ihr die Worte ab, indem er sie küsste. »Ich lasse es dich wissen, Liebste, künftige Mutter meiner Kinder, wann ich bereit bin.« Sie verhüteten, als sie sich zärtlich und ausgiebig liebten, ehe sie in einen unruhigen Schlummer fielen.

Das Haus war unheilvoll still, auch das Personal trug schwarz. Alvine zog sich am Nachmittag die dunkelbraune Strickjacke ihres Vaters über ihr ebenholzfarbenes Kleid und huschte wie ein Geist durch die Gänge. Die Fabrik war geschlossen, die Fahnen auf dem Gelände hingen auf halbmast. Dorothea verließ ihr Zimmer für drei Tage nicht und als sie schließlich herauskam, trug sie ihr Hochzeitskleid – schwarz gefärbt.

Die nächste militärische Übungsphase von Theodor stand vor der Tür. In den vorherigen Jahren hatte er diese nur im August gehabt. Morgen schon musste er zu der Vierten in diesem Jahr aufbrechen, die noch dazu mehrere Wochen andauern sollte.

Am Morgen von Alfreds Beerdigung und Testamentsverlesung saß Alvine bockig auf der Bettkante, während ihr Gatte sein Feldgepäck packte.

»Hast du nicht gesagt, du seist jetzt erwachsen?«, rief er und tat genervt, als er ihren Flunsch sah.

»Ja doch! Erwachsene leben in einer Ehe.«

»Mir wäre es lieber, du bliebest bei deiner Mutter, solange ich nicht da bin. Das wäre für euch alle besser.«

»Vielleicht mache ich das«, gab sie zurück.

Theodor nickte und packte weiter. Sie wurde trotz der Innigkeit zwischen ihnen das Gefühl nicht los, dass er ihr irgendetwas Essenzielles verschwieg.

»Theo, warum musst du so oft fort zum Üben?«

»Befehl, meine Liebste.«

»Und wenn du dich weigerst?«

»Dann komme ich vielleicht ins Gefängnis und das würde deinem Ruf schaden«, erwiderte er nüchtern.

Sie blickte ihn verdutzt an. Sofort entglitten ihr Tränen. Momentan war sie viel zu labil für seine Scherze.

Er zog sie tröstend an sich. »Ist ja gut, entschuldige. Ehe du dich versiehst, bin ich wieder da.«

»Geh nicht weg!«

»Ich wünschte, ich könnte bleiben. Glaube mir, die Zeiten sind gerade schwer. Aber ich bin sicher, dieser Kriegswahn wird bald ein Ende haben und dann hocken wir so viel aufeinander, dass du von mir genervt sein wirst.«

»Papperlapapp, das wird nie passieren.«

Er küsste ihre Stirn: »Das denke ich auch nicht.«

°°°

Die Beisetzung Alfred Hohelohs fand klammheimlich und im engsten Familienkreis statt. Die Witwe Hoheloh brachte einen großen Korb voller Orchideenblüten mit. Allen war bewusst, dass sie dafür ihre gesamte Zucht geköpft haben musste. Alfreds Schwester Karla war verstorben, noch bevor Dorothea und er sich kennengelernt hatten, seine andere Schwester Luise hatte geheiratet, also würden seine Söhne Eduard Wilhelm und Karl Alfred den Familiennamen fortführen. Sie stützten ihre Mutter, als sie zum Grab schritt und, statt Erde ins Grab zu streuen, den Korb mit den Orchideenblüten über der offenen Stelle leerte. So bedeckte ein Teil ihres Lebenswerkes den Sarg ihres geliebten Mannes. Die Orchideen, die zu züchten ihr Mädchentraum gewesen war und den er ihr ermöglicht hatte.

Dorothea ging komplett in Schwarz, auch ihr Gesicht war verschleiert. Während der ganzen Zeremonie zitterte sie und gab keinen Ton von sich. Dann erwies Alvine ihrem Vater die letzte Ehre, indem sie die vier gepressten Blüten ihrer Trauung dazugab, die Dorothea ihr zuvor anvertraut hatte. Für einige Sekunden starrte sie auf den Sarg, der da so kalt und trist aussah, wie er da in der geöffneten Erde stand.

»Das ist nur seine Hülle«, sagte sie sich wieder, die Vorstellung gruselte sie unendlich. Schnell hakte sie sich bei Theodor unter und ließ sich fortführen.

Auf dem Weg zum familieneigenen Notar und Rechtsanwalt perlten dünne Rinnsale aus Tränen über Alvines Wangen. Sie brannten schlimmer, als würde sie vor Liebeskummer weinen. Ihre Mutter saß im Landaulet neben ihr, Theodor ihr gegenüber und hielt ihre Hand. Die Brüder fuhren nebst Gattinnen mit der Kutsche vorweg.

»Ich werde das Haus wohl verkaufen …«, sagte Dorothea irgendwann in die Stille hinein. Alvine sah auf, aber ihre Mutter hatte noch immer den Trauerschleier vor ihrem Gesicht und stierte aus dem Fenster. Der Wagen ruckelte. »Für mich allein ist es zu groß … zu viele Erinnerungen …«, fuhr sie fort.

Ihr Schwiegersohn nickte abwesend und meinte dann: »Das ist verständlich, sollen wir bei der Wohnungssuche helfen?«

»Ich denke, mein Kreis ist ausreichend!«, erwiderte sie.

»Natürlich, verzeih.«

Dorothea Hoheloh, ihre Menschenkenntnis und ihr Charme hatte die Firma gemeinsam mit dem Unternehmergeist ihres Gattens hochgebracht. Das Ehepaar Hoheloh war immer ein eingespieltes Gespann gewesen, geliebt für seinen Charakter, beneidet für seinen Reichtum. Mit Alfred war auch Dorotheas Lebensaufgabe gegangen. Ihr Talent zum Gesellschaften würde sie natürlich für ihre Kinder nutzen, aber ohne ihren Alfred würde sich für sie alles verändern.

Das junge Paar Fürstenberg tauschte einen bedrückten Blick und alle drei schwiegen, bis der Landaulet vor der Kanzlei hielt.

Über die juristischen Dienste der Thalmundts verfügten die Hohelohs nun schon in dritter Generation und mit Dr. Johann Thalmundt hatte Alfred zeitlebens einen ganz besonderen Vertrauten an seiner Seite gehabt. Dem kompakten, nervösen Mann, der zum Löwen wurde, sobald er einen Gerichtssaal betrat, standen vor Betroffenheit heute Schweißperlen auf der Stirn, als er die Hinterbliebenen begrüßte. Seine Beileidsbekundung blieb förmlich und höflich. Er gab allen die Hand, bei Alvine schreckte er kurz zurück, zog das Gesicht in undefinierbare Falten und sagte, während sie Hände schüttelten: »Frau Fürstenberg, auch Ihnen mein tiefstes Mitgefühl.«

»Danke«, hauchte sie, immer noch rollten unkontrolliert Tränen über ihr Antlitz.

Wie die Hühner auf der Stange saßen sie auf Thalmundts langem Sofa, Eduard und Marie, Karl und Rebecca, dann Dorothea Hoheloh, nebst Tochter Alvine mit ihrem Gemahl Theodor Fürstenberg, der tröstend ihre Hand drückte. Geistesabwesend lächelte sie ihn an und hörte mit einem halben Ohr, wie der Notar das Testament raschelnd aus seinem Seidenpapierumschlag befreite. Alvine blickte aus dem Fenster, die Sonne schien, nicht eine Schäfchenwolke verdeckte den hellblauen Himmel.

Ihr Vater hatte den August geliebt. Sie sah ihn vor sich, im Garten ihres Herrenhauses, er saß im Gartenpavillon am Tisch in einem der weißen Korbstühle. Seine Kaffeekanne war fast leer, er rauchte Zigarre. Klein-Alvine, Winchen, wie er sie nannte, tobte im zitronengelben Sommerkleid über die Wiese, mit Hektor dem Pudel, den sie damals hielten. Ihr Kleid übersät von Grasflecken und Hundesabber, aber Alfred käme nie auf die Idee, seinen Augenstern für ihr bubenhaftes Spiel zu gängeln. »Deine Tante Karla hatte es auch immer geliebt, zu toben. Sogar, als sie dann eine junge Frau wurde. Hat sich nur Sportkorsetts nähen lassen, das war unser Geheimnis, damit sie mit mir weiter Hasch-mich spielen konnte.«

Winchen witterte ihre Chance. Von Karla hingen zwar Porträts im Haus, aber über sie reden, tat ihr Vater vielleicht zweimal im Jahr. »Erzähl mir mehr von Tante Karla.«

»Ihr Geist fürs Unternehmen, Winchen, den hat sie dir hoffentlich vermacht. Ich wollte immer eine Tochter, auch, um die Unternehmerin auszubilden, die Karla nicht werden konnte.«

»Und was noch?«

»Ach, lass! Ich werde nur sentimental, wenn es um sie geht.« Statt weiterzusprechen, ließ er Winchen vom erkalteten Kaffee probieren, und als der ihr nicht schmeckte, fügte er fünf Würfel Zucker hinzu.

Als Hektor wenige Tage später mitten Unter den Linden vor einen Omnibus rannte und sich nicht mehr rührte, zog Alfred Hoheloh den Revolver, den zu tragen ihm als Kriegsheld zustand, und erlöste das Tier. Winchen hatte furchtbar geheult und obwohl ihr Vater sie tröstete, bot er ihr niemals an, einen neuen Hund zu kaufen.

»Winchen, so ist das im Leben. Alle sterben irgendwann. Das bietet den Lebenden die Möglichkeit, weiterzuwachsen.«

»Aber die sind doch schon groß!«

»Dein Geist, Winchen, dein Geist! Er wird nie aufhören zu wachsen, sonst machst du etwas falsch.«

Theodor drückte erneut ihre Hand und holte sie in die Gegenwart zurück. Die Mutter schniefte hörbar und Alvine strich ihr über den Rücken. Dr. Thalmundt verlas nun das Testament: »Das Erbe teilen sich gesetzmäßig meine drei Kinder und meine Frau. Ebenso treten sie zu vier gleichen Teilen als Gesellschafter in das Unternehmen Hoheloh ein.«

Eduard und Karl strafften gleichzeitig ihre Schultern, grinsten schelmisch und mieden Augenkontakt zu den übrigen Anwesenden, als Dr. Thalmundt verkündete: »Meine geliebte Tochter Alvine Friederike Fürstenberg, geborene Hoheloh, rückt an meiner Stelle als geschäftsführende Gesellschafterin des Unternehmens auf.«

Für einen Moment setzte das Herz der frischen Großgrundbesitzerin und in hohem Grade reichen Unternehmerin aus. Sie starrte den Notar ungläubig an, der zog nur einen Tintenschreiber, hielt ihn Alvine über den Schreibtisch hin und fragte: »Mögen Sie bitte unterzeichnen?«

Die Großerbin sprang auf, wirbelte herum zu ihren Brüdern, deren wissende Gesichter zuckten und schließlich in einen Lachanfall gipfelten.

»Wenn er das doch sehen könnte!«, jubelte Karl.

Eduard klatschte in die Hände und erhob sich. Er hob Alvine hoch und drehte sich mit ihr. Karl sprang ihnen nach und umarmte seine kleine Schwester von hinten. Die übrigen Familienmitglieder saßen zu Salzsäulen erstarrt da und beobachteten die Szene: Die drei Geschwister Hoheloh, die momentan so sehr balgten, dass statt ihrer Gesichter nur Massen an kastanienbraunen Locken zu sehen waren.

»Ihr Teufel, ihr wusstet davon?«, quiekte Alvine.

»Gewusst und für richtig befunden«, sagte Karl, zog ihr Gesicht zu sich und küsste ihre Stirn.

»Sieh es dir an«, schlug Eduard vor und nahm das Dokument, das offenbar der Gesellschafter*invertrag war, von Notar Thalmundt an wie ein verletztes Vögelchen, um es ihr zu zeigen. Gehorsam las sie nach, verstand aber den Sinn der Buchstaben nicht sofort. Wie sehr musste ihr Vater gekämpft haben? Welche Brücken hatte er schlagen müssen, um seine Mitinvestoren von ihr, einer Frau, überzeugen zu können? Im Augenwinkel sah sie, dass die Mundwinkel Thalmundts für eine Sekunde vor Stolz zuckten. »Ihr Vater hat die übrigen Gesellschafter nicht groß breitklopfen müssen, falls Sie sich das fragen«, erklärte er ihren Blick deutend.

»Du hast sie jahrelang genug beeindruckt, sodass sie dir gerne ihre Verfügungen anvertrauen«, sagte Karl lachend.

Alvine lächelte endlich. Auf zitternden Beinen ging sie auf den Schreibtisch des alten Freundes ihres Vaters zu, nahm den Füllfederhalter entgegen und unterschrieb in ihrer geschwungenen Schrift und tiefer Dankbarkeit.

°°°

Am nächsten Morgen erwachte Alvine voller Wonne. Obgleich sie ihren Gatten gestern Abend schon an der Kaserne verabschiedet hatte, und sie so ihren neuen Status nicht leidenschaftlich hatten feiern können, hatte sie wohlig geruht und ausgeschlafen. Zum ersten Mal seit dem Tod ihres Vaters, der inzwischen eine Woche zurücklag. Momentan befand sie sich in der Schwebe, die Trauer um Papa Hoheloh rumorte nach wie vor in ihr, dennoch erfüllte unverkennbare Euphorie ihr Herz. Freude über den größtmöglichen Vertrauens- und Liebesbeweis, den ihr alter Herr hatte erbringen können.

Die Zeitungen titelten:

Hoheloh vererbt Imperium einziger Tochter.

Theodors Vater, Heinrich Fürstenberg spuckte vor Schreck seinen Kaffee quer über die schneeweiße Tischdecke und seine Gattin Elfriede kommentierte dies brüskiert mit: »Muss das denn sein?«

Mit spitzen Fingern an der Serviette wischte sie ihm das Kinn ab und er bedankte sich knapp.

Theodors älterer Bruder Konrad, ebenso blond und nicht weniger schneidig, und dessen zehn Jahre jüngere Frau Mathilde Fürstenberg saßen wie jeden Morgen mit beim Frühstück.

Die Eltern wussten nicht, dass ihr Sohn seit Wochen nicht mehr zu Hause schlief. Die junge Schwiegertochter schwieg sich darüber aus, wenngleich Elfriede ihr immer häufiger in den Ohren lag, wo denn die Enkelkinder blieben. Der ältere Fürstenbergsohn nahm die Zeitung von seinem Vater entgegen und las ungerührt erst den Artikel über die Familie Hoheloh vor, dann jenen über die erste elektrische Notbremse für Züge, die mittels Knopfdruck vom Bahnhof aus betätigt werden konnte.

Alvine verrichtete die Morgentoilette und das Einkleiden heute wie ein Zeremoniell. Dann verließ sie ihr einstiges Kinderzimmer, in dem sie noch so lange wohnen wollte, bis es ihrer Mutter besser ging und schritt zum Frühstückstisch. Dorothea hatte den Schleier abgelegt, ihr sonst roséfarbenes Gesicht wirkte durch das rabenschwarze Seidenkleid blass, Alvine erkannte heute eine weiße Strähne im einst dunkelblonden Haar der Mutter. Müde lächelte die ihre Tochter an. Sie frühstückten zu zweit, sprachen wenig. Die Brüder und ihre Familien schliefen noch. Nach einem Hörnchen mit Honig und einer halben Kanne Kaffee brach Alvine in die Fabrik auf.

Sie begrüßte Strumpf und streichelte seine unsäglich weiche Pferdenase. »Du bist jetzt das höchstgestellte Pferd im Stall, weißt du das?« Und er sah sie an – als wäre dem ohnehin stolzen Tier bewusst, dass er nun mit ihr befördert worden war. Alvine sattelte Strumpf, saß dank ihrer schicken Arbeiterhosen breitbeinig auf und ritt den vom Elternhaus weiten Weg zum Fabrikgelände, das nun offiziell ihres war. Die Stadt schien entschleunigt an diesem Morgen. Nur wenige Droschken, Reiter*innen und Damen auf Fahrrädern, wohl wie sie auf dem Weg zur Arbeit, waren um diese Zeit unterwegs. Die ersten Arbeiter*innen der Frühschicht erwarteten sie, die Nachtwächter*innen kamen ihr aus der Küche entgegen. Einer bot sich an, ihr Pferd in den Stall zu bringen, und verbeugte sich, als sie ihm für das Angebot dankte. Dann zückte sie den schweren Schlüsselbund, entriegelte die Haupttür und vor ihr wurde die riesige Haupthalle mit all den Geräten, Wendeltreppen, Säulen aus Backsteinen und den hohen Decken in das einfallende Tageslicht getaucht. Alvines Blick streifte ihren Besitz und ihr Lächeln wurde noch breiter. Sie betrat als Erste die Halle, die Arbeiter*innen folgten ihr schüchtern. Trauerbedingt hatte die Produktion in den letzten Tagen brachgelegen, aber die Materiallieferungen waren angenommen worden. Daher hatte sich endlich genug Ware angesammelt, um die liegen gebliebene Arbeit anzugehen. Flinken Fußes erklomm Alvine die Wendeltreppe und stieß die Bürotür ihres seligen Vaters auf. Die Schiebermütze, Symbol des einstigen Geschäftsführers, hing über dem riesigen Lehnsessel. Alvine klopfte den Staub der wenigen Tage von ihr ab und zog sie sich über ihren lockigen Schopf. Dann setze sie sich in seinen Sessel, strich über den breiten Arbeitstisch. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Sie hielt sie nicht aus, all diese widersprüchlichen Gefühle und sprang auf.

Vor der Tür kam ihr Esther entgegen. Sie reichte ihr die Hand, kondolierte und beglückwünschte und Alvine sah im Gesicht der Sekretärin, dass sie sich fragte, was nun aus ihr würde, ihre Sorge aber nicht laut aussprach. Alfred Hoheloh hatte zwei eigene Sekretäre gehabt, würden diese nicht nun für Alvine da sein? Auch das musste die neue Chefin noch regeln, aber zuerst einmal verdeutlichte sie Esther, dass sie nichts zu befürchten hatte: »Geh bitte und hole meine Sachen aus meinem Büro. Ich komme gleich wieder, dann reden wir mit Peter und Julius.«

Esther nickte und tat wie ihr befohlen.

Hastig kam Alvine die Treppe hinunter, um die Lieferung für die Küche entgegen zu nehmen. Ihre Köchinnen applaudierten, als sie das Nebenhaus betrat, und sprachen dann erst ihr Beileid aus. Die Näherinnen erschienen eben zu ihrer Schicht, als Alvine in einen knallroten Apfel biss und über den Hof zurück ins Hauptgebäude schritt. Sie knicksten vor ihr, die Arbeiter zogen ihren Hut, Alvine lupfte die Schiebermütze.

»Sind Se jeze Chefin von dit allet, oder wat?«, staunte ein nahezu zahnloser Vorarbeiter.

»Sieht so aus.«

»Dann müss’n Se die aber so trajen, erlob’n Se«, lachte er und zog ihr die Chef-Mütze ein Stück tiefer.

Als sie wieder in ihr neues Büro kam, hatten sich dort die beiden Sekretäre ihres Vaters und Esther versammelt. Alvine sah hinter ihnen auf ihrem Schreibtisch einen frischen Strauß Rosen stehen, größer als alle, die Theodor ihr bisher hatte schicken lassen. Sie lächelte selig und überging die Wartenden kurz, um die Aufmerksamkeit ihres Mannes zu bewundern. Auf der Karte stand:

Rosen, wie sie deiner neuen Größe gebühren. Ich bin endlos stolz auf dich.

Alvine sah sich zu den beiden jungen Männern um und an ihren Gesichtern, dass sie nicht mit der neuen Situation einverstanden waren. Und als sie zu Esther blickte, erkannte sie, dass ihre Sekretärin den Strauß und Alvines Sachen trotzdem in das Büro des Geschäftsführers gebracht hatte. Genau so etwas erwartete sie von ihr, ihrer Verbündeten und Bürohilfe seit Jahren. Und Esther konnte arbeiten für drei, Alvine würde bald guten Gewissens eine Entscheidung treffen können.

Den ganzen Tag liefen bei ihr Beileidsbekundungen und Glückwünsche zu gleichen Teilen auf und es war genau das, was Alvine spürte: Zerrissenheit zwischen Trauer und Freude. Gen Schichtende fielen ihr die Worte ihres Vaters wieder ein: »Das ist die Möglichkeit für die Lebenden, weiterzuwachsen.« Und das tat sie dann auch.

Alvine ging an das Geld, über das sie nun frei verfügte, ohne zuvor jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen. Sie hatte einige Einfälle gehabt, die sie sich nie gewagt hatte, ihrem kronloyalen Vater nahezulegen. Sie machte dem Denken ihres sozialdemokratischen Ehemannes alle Ehre, als sie nun ihre Visionen verwirklichte.

In der Industrie des Reiches schafften Arbeiter*innen heutzutage in humanen 55-Stunden-Wochen. Vor wenigen Jahrzehnten hatte eine Tagesschicht im Mittel vierzehn Stunden gedauert. Alfred Hoheloh hatte sie als eine seiner ersten Zäsuren gedrosselt. Seine Tochter trumpfte nun auf: Demokratisch ließ sie ihre Arbeiter*innen abstimmen, ob sie Lohnkürzungen für ein kostenloses Mittagessen für sich und ihre Kinder in Kauf nahmen. Eine überwältigende Mehrheit stimmte diesem Vorschlag zu. Zusätzlich führte Alvine binnen weniger Monate eine Kinderbetreuung ein. Und bald darauf richtete sie in einem der Backsteingebäude, das zuvor halbherzig als Lager verwendet worden war, eine Schule für die Kinder aller Arbeiter*innen zwischen sechs und zehn Jahren her. Außerdem mietete sie Wohnungen im Nordosten der Stadt, die misshandelten Frauen als zeitweilige Zuflucht dienten. Dort wurden sie von Frauenrechtlerinnen, die Alvine von früher kannte, aufgeklärt, von Krankenschwestern versorgt und von Parteigenossen von Theodor beschützt, denn es kam nicht selten vor, dass betrunkene Ehemänner oder übergeschnappte Väter diese Einrichtungen aufsuchten.

Sehr zur Freude Alvines nahm Frau Wirt ihr Angebot an und schickte Nathanael und Jakob zu ihrer Schule, wo diese gratis Unterricht erhielten und dafür keinen Sonntagsanzug zu tragen brauchten.

Die neue Großunternehmerin wurde sowohl ökonomisch wie auch sozialistisch gefeiert, denn ihre Rechnung ging auf: Die Arbeiter*innen waren glücklich und verrichteten bessere Arbeit, leisteten freiwillig Überstunden, nutzen ihren eigenen Kopf zur Problemlösung. Sie bewunderten die Chefin, die nach wie vor jede Maschine in der Haupthalle bedienen konnte und sich genauso wie alle anderen an neuen Geräten schulen ließ. Das Beispiel Hoheloh wurde mehrere Male in der Gleichheit, der Zeitung für die Arbeiterin, gelobt. Es ging sogar ein Schreiben der großen Clara Zetkin bei Alvine ein, die ihr im Namen aller Arbeiterinnen dankte und sie um ein Gespräch für ihre Zeitung bat. Leider kam es nicht mehr zu einem Treffen der beiden Frauen, der drohende Krieg und die wachsende Bedrohung durch die Polizei, die eine solche Begegnung für die junge Unternehmerin Hoheloh nach sich gezogen hätte, ließen Sozialistenführerin Zetkin diesen Vorschlag zurückziehen.

Soldaten

Für Theodor war nicht in Worte zu fassen, wie stolz er auf seine Frau war und das schlechte Gewissen, sie in dieser schweren Zeit allein zu lassen, klang ab, als er sah, wie euphorisch sie war. Sie verabschiedeten sich mit heißen Küssen vor der Kaserne, und wie jedes Mal, wenn er durch die Pforte schritt, streifte er die Persönlichkeit ab, die Alvine kannte. Erneut gelang es ihm, die sichtliche Vorfreude auf die Übungen und all das Lob, das er hier ernten würde, vor seiner Ehefrau zu verstecken. Diese Kriegstreiber, seine Ausbilder und Vorgesetzten, sollten bei ihm auf taube Ohren stoßen! Was würde Alvine von ihm halten, wüsste sie, wie stolz er insgeheim auf seine Erfolge war, die er in jeder einzelnen Übungsphase gefeiert hatte?

Unweigerlich verhärtete Fürstenbergs Blick sich, sein Gang wurde zackiger. Er marschierte auf die Gruppe zu, sie salutierten voreinander. Kurze Zeit später stellten sie sich in Reih’ und Glied auf, als jener Major Schulze vor ihnen stand, der Fürstenberg einst ausgebildet hatte.

Zufrieden lief der Major vor der Truppe auf und ab, die Hände auf dem Rücken. Diese jungen, gut gebauten Männer zu befehligen, erfüllte ihn mit Stolz und Genugtuung.

In seiner durchdringenden Stimme erklärte er: »Meine Herren, es freut mich sehr, euch wiederzusehen. Wie euch aufgefallen sein mag, ist unsere Belegschaft wieder etwas kleiner geworden. Für euch ist das ein gutes Zeichen, denn nur die Fähigsten sind noch übrig. Ich werde die Auswahl in den nächsten Wochen zusätzlich verschärfen, also vergesst das Puppentheater, bei dem ihr euch letztes Mal amüsieren durftet. Heute habe ich vor, euch den Arsch so richtig aufzureißen!«

Beim letzten Satz musterte er Theodor genau. Glücklicher sah der junge Fürstenberg aus, stellte der Major fest. Seine anmutige, reiche Frau schien ihm viel Freude zu machen. Daraufhin entließ er sie, bis zum Fahnenappell am folgenden Morgen um vier Uhr.

Die Männer zwischen neunzehn und fünfundzwanzig Jahren bezogen ihre Stuben. Sechs Betten in einer, mit Fürstenberg gingen Bader, Luckow, Stock und Mayer zu der ihren.

»Was meint der mit Puppentheater?«, spie Kamerad Luckow aus, »erinnert ihr euch an Krause? Der von den Jagden durch Eis und Schnee krank wurde und starb?«

»Welcher war das?«, fragte Mayer.

»Etwa so groß wie ich, blond …«

»So seh’n wir alle aus, Luckow«, spottete Fürstenberg.

»Na is’ auch einerlei, der hat jedenfalls ’ne Lungenentzündung davongetragen und ist elendig krepiert. Von wegen Puppentheater!«

Sie öffneten die Tür zu ihrer Stube und fanden ihre nagelneuen Uniformen vor.

»Was is’ das denn? Welche Abteilung is’ schwarzgrau?«, fragte Mayer.

»Offenbar unsere, weißte doch. Wir, die Besten der Besten!«

»Halt’s Maul, Fürstenberg. Das sagt der Major nur, wenn er mit dir redet«, grinste Stock hämisch.

»Nee, jetzt einmal ernsthaft, ich will wissen, was die mit uns vorhaben«, fuhr Mayer fort.

Die Männer sahen sich verwundert an, während jeder seine Uniform in den Händen hielt – fein säuberlich beschriftet.

»Fürstenberg sollte ihn fragen«, schlug Luckow vor.

»Stopf dir’s ins Ohr!«

»Ach komm, du bist sein Liebling.«

»So seh’ ich aus!«

»Was meinste, warum er dich immer so hart rannimmt«, lachte Stock.

»Geht das wieder los?«, stöhnte Fürstenberg.

»Weil der sich gerne einmal von dir rannehmen lassen würde«, grölten Stock und Mayer zusammen, auch Luckow lachte fies und Bader, der Stummfisch, schwieg einmal mehr.

»Hört auf, mit euren Schwänzen zu denken, das ist einfach ein Sadist. Nicht immer geht es nur ums Ficken!«, konterte Theodor.

Sie grölten über seine Worte. Was aus studierten Menschen wurde, wenn man sie zusammen mit solchen Tieren in einen Käfig pferchte.

Fürstenberg verdrehte nur die Augen und wollte gerade etwas erwidern, als Kamerad Wester, der Sechste im Bunde, die Tür auftrat. Er war ein bulliger Kerl von 25 und mit Abstand der Verbissenste von ihnen. »Was muss ich hören? Ihr unterstellt dem Spieß perversen Schweinkram?«, brüllte er und Luckow, Mayer, Bader und Stock nahmen Haltung an. Einzig Fürstenberg begegnete ihm mit einer lässigen Körperhaltung und hochgezogener Augenbraue. »Ihr seid nicht hier, um Fragen zu stellen. Seid lieber dankbar, dass euch das Heer die Gelegenheit gibt, eure Unfähigkeit wettzumachen und euerm Land zu dienen. Und nun ab, Matrazenhorchen!«

Wie Schaben bei plötzlichem Lichteinfall waren die vier verschwunden, nur Fürstenberg lehnte launig am Schrank, die Hände in den Taschen und grinste schadenfroh. Wester grunzte, als er ihn ansah, stieß einen Stuhl zur Seite und warf sich in sein Bett. Rücklings lag er dort wie ein riesiger Klops und zog sich die Stiefel mit den Füßen auf. Fürstenberg schloss seelenruhig die sperrangelweit geöffnete Tür, löschte das Deckenlicht und legte sich ebenfalls in sein Bett. »Willkommen zurück bei der Armee, so viel besser als das Irrenhaus«, sagte er in die Dunkelheit und alle bis auf Wester prusteten leise.

Wester hatte sich von jeher das Bett am Fenster reserviert. Die Kameraden waren still damit einverstanden: Sobald Wester schlief, öffneten seine Kameraden es, um seine Käsefüße heraushängen zu lassen. Wo der Major diesen Bullen von einem Kerl aufgetan hatte, blieb ihnen ein Rätsel.

Wester, den sie ob seiner Erscheinung oft nur »den Bullen« nannten, erzählte nie, dass er ein Schweinebauer aus dem Norden des Reiches war, ungeliebter Sohn einer geprügelten Mutter und eines tobsüchtigen Vaters, welcher ihn einmal so derbe verdrosch, dass sein linkes Bein brach. Die Verletzung wurde nie behandelt und so hinkte er seitdem heimlich.

Sein älterer Bruder erbte den Hof und heiratete das Mädchen, das Wester geliebt hatte. Westers Mutter wählte den Freitod, als sie drei Monate nach dem Tod ihres verhassten Mannes ein weiteres Kind von ihm gebar. Wester fand sie in der Scheune baumelnd. Da drehte er durch und man brachte ihn ins Zuchthaus, gerade einmal siebzehn Jahre alt. Mit neunzehn schrieb er sich beim Heer ein. Während er marschierte, gelang es ihm, sein Humpeln zu unterdrücken. Überall fiel er durch seine Aggressivität auf, aber auch durch sein besonderes Talent zu schießen. Eines Tages nahm der frisch beförderte Major Schulze ihn unter seine Fittiche. »Du bist fähig, mein Sohn«, sagte er ihm, »ich habe nur einen erlebt, der fähiger war als du.«

Wester lernte Theodor Fürstenberg zwei Jahre später kennen. »Scharfschütze bist du?«, spottete er dem Schönling entgegen, »dann zeig, was du drauf hast!«

Fürstenberg verzog nicht eine Miene, als er die Wette annahm und feuerte in stoischer Ruhe mit verbogenen Schrotflinten auf Sonnenblumenköpfe. Wester musste verschreckt feststellen, dass sein Gegner selbst die weit Entfernten traf, die kaum so groß waren wie eine Untertasse.

»Sehr begabt«, hatte der Major gewitzelt und dem Sieger auf die Schulter geklopft, eine Geste auf die Wester seit Jahren wartete. Und was hatte Fürstenberg getan? Die Stelle abgewischt, als sei dort Schmutz! Es machte den Bullen rasend, doch solange dieser Pomadenhengst der Augenstern des Majors war, könnte er ihn nur loswerden, indem er bessere Leistungen erzielte. Seine Aggressivität drängte ihn jedoch in den Stresssituationen der vergangenen Übungsphasen dazu, mit dem vermittelten Ablauf zu brechen und seine Funktion völlig zu verkennen. Fürstenberg hingegen blieb immer ruhig. Woher nahm der Lackaffe diese Geduld?

»He!«, flüsterte es plötzlich durch die Dunkelheit.

»Ruhe!«, brummte Wester.

»He, Fürstenberg, erzähl uns doch mal«, wisperte Luckow ungerührt.

»Vergiss es – schlaf!«

»Hab dich nicht so. Wie geht es deiner Frau?«

»Ja, berichte uns von deinem Bernstein«, bohrte Mayer.

»Den Teufel wird’ ich tun.«

»Ach komm, teil dein Glück mit uns Unverheirateten«, flüsterte Bader plötzlich.

»Klappe!«, mischte sich Wester wieder ein.

Dass dieser Kerl, dieser Fürstenberg, auch noch verheiratet war und der Lust ungesühnt frönen konnte, wann immer sein Weib es ihm gewährte, hatte Wester in den letzten Monaten erfolgreich verdrängt. Doch gewiss, und das war sein einziger Trost, musste die junge Fürstenbergerin hässlich wie die Nacht und blöd wie Bohnenstroh sein. Schließlich war sie ein Blaustrumpf, nicht einmal reinrassig und hatte geerbt. Wer wusste, wie vielen weißen Vermögenden sie nun die Geschäfte vermasseln würde? Eine braune, garstige Frau. Ob sie überhaupt seine Sprache richtig sprechen konnte? Was hatte ihr Vater sich dabei gedacht – nun gut, der konnte ja selbst kaum klüger sein. Aber wie hatten die Aktionäre das zulassen können?

Wester schnaubte. Wenn erst einmal der Krieg die Stellung seines Landes an dessen rechtmäßigen Platz gebracht hätte, hätten sie noch genug Zeit, sich dieser Untermenschen zu entledigen …

Pünktlich zum Fahnenappell traten fünfzig Männer um die zwei Meter groß in anthrazitgrauen Uniformen an. Der Major schritt zufrieden vor ihnen auf und ab und ließ sie als Erstes die Nationalhymne schmettern. Er jagte sie in den folgenden Wochen mit vollem Feldgepäck mehrfach durch Hindernisparcours und Kanalisationen. Er fuhr mit ihnen hinaus auf die Felder des Umlandes und ließ sie bei sengender Hitze durch den Staub kriechen. Stundenlanges Rennen, gefolgt von Liegestützen und Rumpfbeugen, danach Schwimmen. Und abends übten sie, einander Verbände anzulegen und imaginäre Blessuren auf ihren nun gestählten Körpern zu versorgen. Sie übernachteten im Wald, veranstalteten Wettschießen zu Pferd oder aus fahrenden Autos.

Alle bestanden die Prüfungen und neuerdings lobte der Major sie dafür ausgiebig. »Ihr seid hier, weil ihr die Besten seid. Die, die unser stolzes Reich repräsentieren, die Beschützer unser langen Traditionen und Krieger für unser starkes Volk!«

Fürstenberg fragte sich eine Zeit lang, ob er der Einzige war, dem auffiel, welcher Kult hier betrieben wurde.

An jenem Tag standen sie auf einem Feld mitten in der Pampa, das von Buchen umringt war. Ein Lastkraftfahrzeug war soeben vorgefahren, fand allerdings bisher keine Beachtung bei ihrem Ausbilder. Der schritt vor den Männern auf und ab und versicherte die Besonderheit der anwesenden Soldaten. Dann sprach der Major aus, was bis dato nur umschrieben worden war: »Die Präventivkriegsforderungen werden lauter, meine Herren. Dass unser immerfort aufstrebendes Reich weltpolitisches Gebaren von sich zu geben wagt, stößt den anderen sauer auf. Sollen wir uns diese Ungerechtigkeit gefallen lassen? Es wird in jedem Falle zum Kampf kommen, aber wir müssen uns nicht verstecken. Wir malträtieren sie und erkämpfen uns endlich unseren Platz an der Sonne!«

Die Männer jubelten, nur einer stand starr. Das war dem Major natürlich nicht entgangen: »Nanu Fürstenberg. Zwingt deine innere Ausgeglichenheit dich auch hier zur Ruhe? Freu’ dich ein wenig mit uns.«

»Verzeihung hörte ich: Präventivkriegsforderungen?«, rutschte es ihm daraufhin heraus.

»Ganz recht, junger Mann. Der Schicksalskampf zwischen Slawentum und Germanentum wird bald entschieden sein.«

»Welcher Schicksalskampf?«

Da kam der Major ihm gefährlich nahe. Nur wenigen Zentimeter Abstand trennte ihre Gesichter. »Bekommst du überhaupt etwas mit, Fürstenberg? Hat dir dein Weib das Hirn schon komplett rausgevögelt? Die Frage ist nicht, ob ein Krieg kommt, sondern, wann. Und in jedem Falle wird unser Reich vorbereitet und siegreich sein!« Damit wandte er sich von ihm ab, schritt erneut an der Truppe entlang und verkündete: »Unsere Bataillone sind voll von tapferen Männern, wie ihr es seid. Wir sind dem Feind überlegen, wie immer er aussehen mag. Und ihr seid die Elite! Um euch zu zeigen, wie sehr euch euer Kaiser vertraut, werdet ihr euch nun mit eurem neuen Gefährten bekannt machen.«

Er schritt zu dem Fahrzeug und riss die Plane hoch. Dahinter verbargen sich Kisten, auf denen fein säuberlich die Bezeichnung der modernsten Maschinengewehre gedruckt war, die es je gegeben hatte. Der Major öffnete eine davon geschickt und zog eine glänzende Maxim hervor. Die Truppe hörte für einen Moment auf, zu atmen. Sie hatten es mit einer Spezialanfertigung zu tun, wie der Major ihnen erklärte. Lauf und Halterung waren genauso asphaltgrau, wie ihre Uniformen, das Gerät aber weit filigraner als die MG, die normalen Schützen zugeteilt wurde. Problemlos ließ es sich anlegen und musste nicht am Boden stehend bedient werden, seine Größe glich eher der gängigen 08/15-Gewehre. Ihr Ausbilder demonstrierte den Männern das Laden und schließlich die Schlagkraft der Waffe, indem er mehrere Schüsse auf eine Buche abfeuerte. Die Patronen filtrierten das Holz mit Leichtigkeit, woraufhin der Baum fiel und einen danebenstehenden Hochstand zertrümmerte.

Zufrieden blickte der Major sich um, die Truppe starrte mit offenen Mündern auf die sich ihr bietende Szene.

»Fürstenberg, antreten!«, befahl er.

Kurz zuckte der Angesprochene zusammen, folgte dann aber wie ein guter Soldat. Er nahm eines der durchgeladenen Mordinstrumente entgegen und bekam ein Ziel genannt, das weiter entfernt lag als die Buche. »Und gut festhalten, das ist nichts für schlaffe Kerls«, grinste der Major.

Die Maxim wog schwer in seinen Händen, er legte an und drückte ab. Die Feuerkraft warf ihn tatsächlich kurz zurück, doch der Schuss verfehlte sein Ziel nicht: aufgetürmte Heuballen auf dem Feld vor ihnen, die oberen fünf purzelten hinunter. Dieses Erlebnis setzte ungeahnt Adrenalin in Fürstenberg frei, mehr als jede Waffe, die er je abgefeuert hatte. In seinem Rausch freute er sich innerlich, als der Major ihm erlaubte, ein paar weitere Schüsse abzugeben. Daraufhin eröffnete Fürstenberg das Feuer auf die unterste Heureihe, woraufhin der komplette Berg in sich zusammenfiel. Die Truppe johlte.

»Der Kaiser schenkt euch diese Waffen, weil ihr sein besonderes Vertrauen genießt. Jeder Einzelne von euch ist auserkoren, in Würde und Stärke seine Vaterlandsliebe zu beweisen. Ihr habt die Möglichkeit, euer Liebstes, euer Reich, eure Geschichte zu schützen und eurem Land zum Ruhme zu verhelfen«, fuhr der Major lächelnd fort und verteilte dann die Gewehre.

Euer Liebstes. Unweigerlich dachte Fürstenberg an seine Frau. Dann an seine Mutter, an die Kinder seiner Schwager.

Er konnte endlich mit etwas aufwarten, etwas darstellen, das sie vor den Übeln dieser Welt beschützte. Hier war er nicht der mittellose Student, der rote Traumtänzer. Schließlich dachte er an seinen Vater, der sich immer im Schatten seines einst besten Freundes, dem Kriegshelden Alfred Hoheloh befunden hatte. Und nun würde Fürstenberg diese Rolle einnehmen, seinem Vater so endlich überlegen werden. Der Alte würde es wohl kaum wagen, die Mutter anzuschreien oder Alvine zu beleidigen, wenn Fürstenberg erst …

Er schüttelte den Gedanken ab und starrte konzentriert auf das schwere Gerät in seinen Händen. Seine Finger fuhren ehrfürchtig über die glatte, kalte Oberfläche. »Mein Gefährte«, flüsterte er. Im nächsten Moment reichte einer der anderen Kameraden ihm zusätzliche Munition weiter.

Die Truppe übte in den kommenden Tagen das Durchladen und Abfeuern, Auseinandernehmen, Putzen, Zusammenbauen, Tragen, Abrollen, Ziehen. Sie sollten und würden ihre Maxim im Delirium bedienen können, sie sollte zu einer Verlängerung ihrer Gliedmaßen werden. Das Ehrgefühl in ihnen wuchs, als ihnen während ihrer Übungen gewisse Überlegungen nahegelegt wurden. Ob man denn abwarten dürfe, dass der Feind einfiele oder ob nicht der erste Schlag von einem selbst ausgeführt werden müsse?

Bald schon verinnerlichte Fürstenberg in diesem Kriegsspiel die sozialdarwinistischen Ideen über den Kampf ums Dasein. In sein Unterbewusstsein drang Rechtfertigung für eine Politik der Aggression vor. Diente sie nicht dem höheren Gut? Freiheit und Selbstverwirklichung! Und wenn sie erst ihren Platz eingenommen hätten, wie könnten sie dann doch die Welt verändern. Nicht nur ihr Land, nicht nur ihren Kontinent. Auch die Kolonien, so nötig sie sie hatten …

Und als ihnen nur noch wenige Tage der Übungsphase bevorstanden, sagte Major Schulze etwas, das in Fürstenberg die letzte Saite zum Klingen brachte: »Der Krieg wird die Erlösung aus dieser verknöcherten Gesellschaft! Neue Ideen werden sich durchsetzten, wir erlangen den Ruhm, der uns von jeher gebührt. Und endlich, meine Herren, bestimmen wir als gleichberechtigtes Volk, Schulter an Schulter!«

In Reih’ und Glied marschierten die Männer, zusammen mit anderen Bataillonen, doch stets führte ihre Brigade bestehend aus schwarzgrau uniformierten Hünen den Rest an. Ihnen wurde eine Befehlsgewalt zugesprochen, die nur in weit höheren Reihen üblich war. Genau genommen wurde ihr Rang nie erläutert, wenngleich stets die Unabdingbarkeit ihrer besonderen Fähigkeiten im Raum stand.

Soeben hatte der Reichstag eine Militärvorlage beschlossen, die die Streitkräfte auf 800.000 Mann aufstocken sollte. Scharfschützen wurden also zuhauf ausgebildet, aber immerfort betonte Schulze die Geltung des Korps, dem sie angehörten.

Fünfzig Männer waren zu dieser Übungsphase angetreten, fünfzig Soldaten blieben es am Ende immer noch. Anders als in den letzten Phasen, hatten sie es alle geschafft, waren alle zu dem geworden, was erstrebenswert war. Die Truppe jubelte, auch Fürstenberg, als sie ihre Urkunden und Abzeichen entgegengenommen hatten. Als sie zur Elite erklärt wurden.

»Und warum?«, fragte der Major, »weil ihr alle begabt seid. Jeder Einzelne von euch trägt die Stärke im Herzen, die es braucht ein Reich von unserer Größe zu verteidigen.«

Der Major nickte zufrieden und entließ sie gen Heimat. Hochgefühl durchfuhr ihn, da er diesen seinen Liebling schließlich auf seine Seite hatte ziehen können. Er hatte eine traumhafte Truppe arischer Kampfmaschinen geschaffen, ganz nach seinem Bilde. Der General würde sehr erfreut sein.

°°°

Oktober 1913: Alvine wohnte seit einigen Tagen wieder zu Hause. Dorothea Hoheloh hatte eine geräumige Wohnung im Westen der Stadt gefunden, ebenso wie Käufer*innen für das Haus, das sie über zwanzig Jahre mit ihrem Gatten bewohnt hatte. Der Umzug stand an, zuvor sollte das meiste der Einrichtung versteigert werden. Von ihrer reichen Orchideenzucht war nur jene schneeweiße Pflanze übrig geblieben, ein Ableger der Allerersten, die Alfred ihr einst geschenkt und deren Blüten später Alvines Brautfrisur geschmückt hatten. Die restlichen waren im Grabe ihres Gemahls gelandet, die nackten Gewächse spendete sie hiesigen botanischen Gärten oder interessierten Zuchtanfänger*innen. Nach wie vor gesellschaftete sie für ihre Tochter, doch es war nicht von der Hand zu weisen, dass Alfreds Tod sie härter gemacht hatte. Ein großer Teil ihrer quirligen Herzlichkeit war gemeinsam mit seinem Sarg zugeschüttet worden.

Zusammen mit Greta saß Alvine an diesem Nachmittag bei Kaffee und Kuchen in der Küche. Für die Ankunft des Hausherrn hatte Greta ihr bestes Dienstkleid angezogen, mahagonifarben mit einem hellen Kragen und einer schneeweißen Schürze. Ihre schwarze Haut glänzte seidig, ihr Haar war frisch geschnitten und frisiert. Die Haushälterin machte kein Geheimnis daraus, dass sie den Großteil ihres Lohnes für ihre Toilette ausgab. Das war schon vor über zehn Jahren so gewesen, als sie Alvines Zofe geworden war und seitdem genug Geld für Mode verdiente. Nun, da sie ihr eigenes Haus leitete, trug sie nicht die Form des Mädchens für alles, sondern sah sie sich zunehmend als Verwalterin, die auch den Stand ihrer Dienstherrin repräsentierte. Alvine gönnte es ihr, war ihre einstige Zofe doch so gut in diesen modischen Dingen und wenn es ihr Freude bereitete, sollte sie es nur tun. Aber heute fiel ihr Gretas modischer Aufwand gar nicht richtig auf, denn sie war mit dem Kopf schon bei Theodor. In wenigen Stunden wollte sie aufbrechen und ihren Mann von der Kaserne abholen. Während seiner Abwesenheit hatte sie ihm nur eine Depesche zukommen lassen:

Ziehe wieder heim. Alles Liebe zum Geburtstag!

Von ihm war zuvor ein Brief eingegangen, dass er die meiste Zeit im Umland unterwegs sei und daher leider keine Möglichkeit bestünde, sich auch nur kurz zu treffen.

»Nun hören Sie schon auf, zu seufzen«, sagte Greta lachend und ihrer Dienstherrin fiel nun auf, dass sie dies tatsächlich die ganze Zeit getan hatte. »Heute Abend können Sie Ihren Liebsten wieder in die Arme schließen und das Bett zerwühlen.«

Beide kicherten unbeschwert. Während Theodors Abwesenheit hatte Greta Alvine anvertraut, dass sie sich verliebt hatte und demnächst vielleicht auf das Angebot zurückkommen würde, das sie ihr vor einigen Monaten unterbreitet hatte: mit ihrem Freund zusammen in diesem Haus zu leben. Begeistert stimmte die Dame des Hauses zu und forderte weitere Informationen über den Menschen ein, der ihre Greta so glücklich machte. Daraufhin hielten die Frauen zum ersten Mal einen lockeren Schwatz, der für ihre Verhältnisse sogar recht unziemlich verlief und sie hold kichernd das Thema wechselten. Doch unweigerlich erlaubten sie sich, ab und an kleine Spitzen zu werfen, zum Beispiel erwiderte Alvine nun: »Ich hoffe, Theo bringt genug Energie mit. In all den Wochen habe ich ihn arg vermisst – mehrmals.«

Wieder lachten sie.

Auf einmal flog die Haustür auf und Theodor trat herein. Oder besser gesagt: ein Hüne in schwarzgrauer Uniform, mit gehärteten Gesichtszügen, enorm breiten Schultern und einem Feuer in den Augen, wie Alvine es nie für möglich gehalten hatte. Vor Schreck fiel ihr nichts anderes ein, als zu fragen: »Was bedeutet denn anthrazitgrau?«

Doch er antwortete nicht. Er packte sie, zog sie an sich und küsste sie innig. Dann hob er sie hoch und schleppte sie mit Leichtigkeit die vielen Stufen hinauf ins Schlafzimmer.

Eine völlig verstörte Greta blieb zurück, ließ es sich aber nicht nehmen, für sich zu bemerken: »Energie scheint er dabei zu haben, ja …«

Mit Schwung trat Theodor die Schlafzimmertür auf, warf Alvine aufs Bett und begann sofort, sie wild zu küssen. Sie seufzte in Erregung und Verwirrung gleichermaßen.

»Ich habe dich so vermisst!«, stöhnte er in ihr Ohr, als er ihre Bluse aufriss. Die Knöpfe sprangen, sie hielt seine Schultern fest und staunte wieder über die Uniform.

»Theo …«

»Schtscht, Weib! Schweige jetzt!«

Weib? Sie wollte etwas sagen, aber die Kraft, mit der er ihre nackten Brüste massierte, überwältigte sie. Er schien ihr grober als sonst, dennoch wusste er genau, wo und wie er sie berühren musste, sodass sie sich völlig vergaß. Dann riss er ihr die Hose herunter und seufzte verliebt, als er ihren Venushügel betrachtete: »Du bist so schön!«

Er unterfasste ihren Unterleib und griff an ihre Pobacken. Dabei schob er sie sich zurecht. Schon immer war er kräftig genug gewesen, sie ohne Probleme zu heben. Aber dieses Mal schwang etwas anderes mit. Alvine konnte es sich nicht erklären und war auch gar nicht fähig, ihre Denkmuster zu vervollständigen. Sein vergleichsweise rohes Tun mochte sie zweifellos, was sie ihm mit animalischen Lauten und der Reaktion ihres Körpers verdeutlichte, dennoch machte es ihr Angst, dass es ihr gefiel. Dass sie genoss, welche Kontrolle er über sie ausüben wollte. Als er sie verwöhnte, kehrte die Zärtlichkeit zurück. Behutsam brachte sein Zungenspiel sie auf Hochtouren. Doch kurz bevor sie kam, stoppte er.

»Warum hörst du auf?«

»Du sollst eben geduldiger werden, Liebste.«

»Komm’ mir nicht so!«, protestiert sie, das Gesicht vor Wollust verzehrt.

Theodor grinste allerdings nur, erhob sich und seine schwere Gürtelschnalle klirrte, als er sie öffnete. Er befreite seinen riesigen Phallus. Wochenlange Abstinenz und Sehnsucht nach Alvine hatten ihn erheblich anschwellen lassen. Sie saß vor ihm auf der Bettkante und starrte fasziniert darauf. Das gefiel ihm. Vielsagend fuhr er mit seinem Daumen über ihre Lippen, wie er es immer tat, wenn er wollte, dass sie ihn mit dem Mund verwöhnte.

»Willst du die Uniform etwa anbehalten?«, fragte sie, ehe sie sich näherte.

»Wenn du willst«, entgegnete er und atmete dann scharf Luft zwischen seinen Zähnen ein, als er ihre heiße Zunge spürte.

Sein Glied pochte unter ihren Fertigkeiten. Zum ersten Mal verbot er sich nicht, zufrieden mit sich zu sein, weil er sie darin ausgebildet hatte. Dass seine kluge, hübsche Ehefrau ihn auch im Schlafzimmer erfreute. Er fasste ihr in die duftenden Locken, sein Orgasmus folgte schnell, sein Samen tropfte auf ihre nackten Oberschenkel. Theodor ging vor ihr in die Hocke, sie lachten einander an, während er ihre Lippen abwischte.

»Du bist großartig«, flüsterte er dann und küsste sie.

Theodor drängte sie zurück ins Bett, sie wälzten sich herum. Ihren Höhepunkt verschaffte er ihr schließlich mit der Hand. Mit jenen Fingern, mit denen er gestern noch sein Maschinengewehr, seinen stählernen Gefährten, betätigt hatte. Ihr liebliches Stöhnen ließ ihn wieder hart werden – passend für sie. Da lag sie, schwer atmend, die Augen geschlossen, während sie in das Säckchen mit den Präservativen griff, das am Bettgestell hing. Er sah sie verliebt an und streifte sich gekonnt ein Kondom über.

»Alvine!«

»Ja, Liebster?«

»Ich will dich!«

»Dann nimm mich doch!«

»Nicht hier.«

»Wo dann?«

Er legte sich auf sie und flüsterte in ihr Ohr: »Vor dem Spiegel. Ich will uns sehen.«

Sie starrte ihn an. »Wie kommst du nur darauf?«

»Das will ich schon ewig.«

Alvine setzte sich auf: »Wirklich?«

»Ja!«

Alvine lächelte und strich sich eine Locke hinters Ohr. »Und … die Uniform willst du anbehalten?« Vorsichtig fuhr sie über seine Kopfleiste. Warum nur stand sie ihm so gut?

»Stell nicht so viele Fragen, Weib!«, sagte er und grinste seltsam siegesgewiss.

Theodor packte sie und zog sie auf die Beine. Bis auf ihre weiß-blau-geringelten Kniestrümpfe war sie völlig nackt, ihm stand nur die Hose offen und ihm so gegenüberzustehen fühlte sich für sie befremdlich und prickelnd zugleich an. Draußen war helllichter Tag, die Oktobersonne strahlte durch die Fenster auf sie herab und tauchte das Zimmer in Gold. Theodor umfasste seine Frau und drehte sie um. Alvine lächelte ihr beider Ebenbild im Ganzkörperspiegel an, dennoch erhitzte sich ihr Gesicht vor Scham, sich selbst so zu sehen. Er erfasste ihre Hüften und rieb sein pralles Glied an ihren nassen Vulvalippen. Sie erschauderte und streckte sich instinktiv, sodass er ohne Probleme eindringen konnte. Er grinste, als er das sah. »Wie du dich anbietest – köstlich!«

»Was?«, rief sie kurz, stöhnte dann aber tief, als er sein Geschlecht vorsichtig in ihres einführte.

Von der Überwältigung mitgerissen klatschten ihre Handflächen auf das kalte Glas des Spiegels, sie stemmte sich gegen seine Stöße. Grober als sonst, hart und tief. Alvine sah, wie ihr Körper unter seiner Penetrierung bebte, wie sich seine harte Spitze unterhalb ihres Fleisches abzeichnete. Sie keuchte unkontrolliert. Ihn und sich so zu sehen, war eine völlig neue Dimension, eine weitere Vertrauensebene, die sie erklommen. Ihr wurde bewusst, wie sehr sie sich ihm hingab, wie stark sie seine Kontrolle zuließ. Das Fieber in ihr stieg, ihr Kopf wurde heiß. Sie schloss die Augen, unfähig, das Bild von ihnen länger zu betrachten, seine intensiven Blicke im Spiegel. Da griff er nach ihrer Schulter, zog sie zu sich heran und küsste sie auf den Mund. Theodor hielt sie problemlos, drückte ihren schmalen Körper an seinen, eine Hand an ihrer Schulter, eine an ihrem Unterleib, genau dort, wo sein Geschlecht sich unter ihrem abzeichnete. Sie zitterte, als die Hitze des Moments sie überrollte, und kam plötzlich und heftig unter der Berührung seiner Hand. Ihre Kontraktionen kitzelten auch ihm den letzten Rest heraus. Zum ersten Mal erlebten sie einen gemeinsamen Höhepunkt. Beide atmeten sie schwer, ihre Gesichter waren dunkelrot. Vorsichtig zog er sich aus ihr zurück und hielt Alvine fest, da sie wankte. Restlos erschöpft und schweißnass legten sie sich auf den warmen Holzfußboden. Sie lag mit dem Kopf auf seinem Bauch, noch immer trug er die Uniform.

»Das war der Himmel«, säuselte er irgendwann, dann sah er auf, »Liebste, habe ich dich sehr schockiert?«

»Sehr«, gab sie zurück, »aber wie du gesehen hast, habe ich es genossen. Eine neue Seite an dir. Doch … bitte warne mich vorher, sobald dir wieder danach ist.«

»Verstanden«, sagte er lachend und sie besiegelten es mit einem Kuss. Er half ihr auf, sie richtete ihr Haar, während er die Stiefel auszog und schließlich begann, die Uniform aufzuknöpfen.

»Sagst du mir nun endlich, was anthrazitgrau bedeutet?«

»Nun …«, er öffnete die Jacke und entblößte seinen eminent definierten Oberkörper, »es heißt, ich bin einer der Besten der Besten! Elite, Stolz und Krieger für mein Land, meinen Kaiser und alles, was ich liebe!« Während er sprach, kam er auf sie zu und kurz vor ihrem Gesicht, hauchte er: »All das beschütze ich mit meinem Leben.«

Alvine starrte mit offen Mund auf seinen muskulösen Bauch, auf seine breite Brust. So herausragend hatte sie seinen Körperbau noch nie erblickt.

»Weib? Mein Gesicht ist hier oben«, lachte er und küsste ihr Ohr.

»Theo … was haben sie nur mit dir angestellt?«

»Ach, das gefällt dir doch.«

Er streifte die Ärmel ab, seine Oberarme und Schultern sahen viel breiter aus als früher, endlich warf er die Jacke von sich und entblößte als Nächstes seine definierten Beine. Noch immer glotze Alvine ihn an. Er grinste stolz und drehte sich, präsentierte seine harten Rückenmuskeln, seinen festen Po und seine dicken Waden. Dann fasste er ihre Oberarme, schlussendlich sah sie ihm wieder in die Augen. In seine blauen, so viel überlegeneren Augen. Nach wie vor stand ihr Mund offen, Theodor amüsierte sich köstlich.

»Das kommt dabei raus, wenn man wochenlang umhergejagt wird wie unsereins.« Er ließ sie los, stolzierte zum Bett und legte sich hin, »sieh es als ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk an.«

Daraufhin lachte auch sie, kam zu ihm und küsste seinen Mund. Dann seinen Hals, seine Brust und seine Schultern. Es war plötzlich so viel mehr von ihm da und alles war fest, warm und roch nach seinem frischen Schweiß, als sie an ihm hinunterging. Sie fuhr mit der Zunge die Definitionen seiner sichtbaren Bauchmuskeln nach, spürte seine Erektion an ihren Brüsten. Als sie nach seinem Geschlecht griff, fasste er ihr ins Haar und stöhnte. Zärtlich küsste sie seinen Bauch, seine Leisten, seine Schenkel. Schmunzelte darüber, wie er sich unter ihr wand. Dabei verlangsamte sie ihre Küsse und Liebkosungen nur noch.

»Willst du meinen Schwanz noch länger ignorieren?«

»Ich liebe doch alles an dir«, flüsterte sie nur.

Theodor bäumte sich auf, zog ihr Kinn zu sich und presste seine Lippen auf ihre. »Du Hexe«, sagte er gespielt brüskiert, »ist das eine Strafe, weil ich über dich hergefallen bin?«

»Wenn du es so nennen willst«, erwiderte sie lachend, während sie seine Brust berührte. Ihre von der Sonne noch dunkleren Finger, ihre braune Haut neben seiner hellen, fast weißen, durchzogen von zart pulsierenden Adern.

Ohne den Blick von ihrem Gesicht zu nehmen, zog er ihren Schoß über seinen. »Wenn ich deinen Mund nicht haben darf, gib mir die andere warme Höhle!«

Er küsste ihre Lippen, ihren Hals, sie griff nach den Präservativen. Kaum war er vorbereitet, ließ sie sich schon auf ihm nieder. Alvine schloss die Augen und spürte, wie sie ihn Stück für Stück vereinnahmte. Wunderbare Kraft, tief in ihr. Sie begann mit den Hüften zu schaukeln, wollte ihn reiten, wie sie es oft getan hatte.

»Ist es dir recht … wenn ich wieder …«

»Was«, fragte sie?

»Wenn ich auch jetzt die Kontrolle habe?«

Sie nickte, auch wenn sie nicht wusste, wie er das meinte. Er streichelte dieses Mal nicht ihre Brüste und ihren Schoß und gab sich hin, wie sonst, wenn sie oben war, sondern packte ihre Hüften fest und stieß in sie. Alvine erschrak über die Wucht, über seinen Rhythmus. Ihr Innerstes pulsierte, sie spürte, wie sie ihn tiefer in sich aufnahm, und dass ihr Körper instinktiv auf seine Stöße antwortete. Verwirrt und fasziniert betrachtete sie das Muskelspiel, während er unter ihr rhythmisch und kraftvoll zustieß und sein Stöhnen lauter und unkontrolliert wurde. Theodor benutzte sie! Erst wollte sie sich wehren, aber sie war gebannt von ihrem eigenen Entzücken, paralysiert von den Wellen, die sie überrollten, als sie versuchte, sich der Situation bewusst zu werden.

Dann kam es ihm, lauter und heftiger als die beiden Male davor. Für einige Momente hielt ihn seine Körperspannung fest, dann sackte er in sich zusammen und atmete schwer.

Alvine saß immer noch auf ihm, sein halbsteifes Glied und das volle Kondom in sich und betrachtete ihn. Sie sollte wütend sein, sie sollte nicht wollen, dass er das mit ihr tat! Aber sie konnte nicht. Sie hasste es, dass es ihr gefiel. Das alles. Dass er sie grob nahm, dass er seine Kraft ausnutzte, um sie zu benutzen. Dass ihr Geschlecht prickelte bei dem Schauspiel. Was tat ihr eigener Körper ihr da an? Vorsichtig erhob sie sich und beugte sich über ihn, sodass ihr Gesicht über seinem war. Theodor öffnete die Augen. Sie las es in ihnen. Er war genauso verwirrt von diesen Gefühlen.

»Theodor, was passiert mit uns?«

»Ich weiß es nicht.«

Alvine legte ihren Kopf auf seine Schulter und sank in sich zusammen.

»Habe ich dir wehgetan?«, fragte er leise.

»Nein … nein.«

»Ich habe die Kontrolle verloren, es tut mir leid.«

Sie sah ihn wieder an. »Aber dass du … dass wir auf diese Art die Kontrolle verlieren. Es ist … anders.«

»Es ist anders. Doch gut?«, wollte er wissen.

»Ja, beängstigend gut.«

Theodor hob ihr Gesicht und strich über ihre Lippen. Unweigerlich küsste sie seine Finger.

»Du wurdest dabei ganz … eng. Enger und … feuchter noch als sonst. Das hat mich alles vergessen lassen.«

In ihrem Unterbauch spürte sie noch immer die Hitze, sie nahm seinen Daumen in ihren Mund. Er beobachtete sie. Vorsichtig fasste er mit der freien Hand in ihr Haar, schob ihren Kopf zu sich, befreite ihren Mund, um sie zu küssen. Sie spürte seine warme Hand ihrem Körper hinabgleiten, eine Spur aus ihrem eigenen Speichel folgte auf ihrer Haut. Theodor küsste sie weiter, als er ihre Vulva berührte, zärtlich mit den Vulvalippen spielte und dann ihre Klitoris streichelte. Alvine spannte ihren ziehenden Unterleib an. Und sie ließ los, die Bedenken, die Scheu. Das war immer noch ihr Mann, ihr Theodor. All das gefiel ihr, seine Kontrolle, sein Spiel. Ihr gefiel das, weil sie ihn liebte, weil sie den Sex mit ihm liebte. Weil sie ihm vertraute. Und weil sie es liebte, wie sie ihm vertraute. Als ihr das bewusst wurde und sie es zuließ, kam sie und keuchte so laut, dass ihr Kuss endete. Er hielt seine Finger still auf ihrer Klitoris und sie kam immer weiter, wie Wellen überraschten sie, die Schübe des Orgasmus. Die letzte Welle war fast schmerzhaft. Dann sank sie zusammen, Erschöpfung überfiel sie, und sie empfing seinen Kuss auf ihre Lippen. »Das hast du gut gemacht, Alvine, das war wunderschön anzusehen.«

Sie lächelte mit geschlossenen Augen. »Danke.«

Theodor legte sich auf sie, sie spürte, dass er schon wieder hart war. »Du glaubst nicht, wie gerne ich dich jetzt noch einmal nehmen will, aber ich werde brav sein und mich gedulden, bis du wieder so weit bist.«

Alvine schlug die Augen auf, sah sein Gesicht im schummrigen Licht des Abends. Theodor lächelte.

°°°

Nur wenige Stunden hatten sie geschlafen, kalter Schweiß der Liebe klebte an ihrer Haut. Alvine erwachte mit dem Kopf auf Theodors Bauch. Seine Hand lag auf ihrer Stirn, die andere an ihrem Herzen. Warme Sonnenstrahlen tauchten ihr Schlafzimmer in einen grellen Nebel und so musste sie blinzeln, ehe sie die Umrisse ihres Liebsten vollständig vernahm. Nur noch kurz hatte sie Zeit, ehe sie in die Fabrik musste, aber ihn zu sehen, versetzte sie erneut in Aufruhr. Sie küsste seinen Hals, umspielte seine Ohren, strich durch seine Haare – sie wusste, dass dies ausreichte, um ihn in Stimmung auf sie zu bringen.

»Wie schön, von einem verwegenen Weib geweckt zu werden«, schnurrte er und schlug die Augen auf.

Betreten schreckte sie zurück und wollte sich erheben. Sanft hielt er sie auf, beteuerte, dass solche Frauen die Besten waren, vor allem, wenn sie sein Eigen wären, und entblößte sein morgendliches Standfieber.

»Ich bin nicht dein Besitz!«, konterte sie.

»Ach nein?«, er legte seine Hand auf ihre linke Brust, »sagtest du nicht, dein Herz gehöre mir?«

»Willst du nun Liebesschwüre gegen mich verwenden?«, scherzte sie.

Theodor zog sie an sich, seine Hand wanderte zu ihrem Schritt. Augenblicklich schwiegen sie. Er beobachtete nur zu gerne, wie dieselben Finger die Abzüge betätigten und damit Mauern zerstörten, so etwas Liebliches, wie der Knospe seiner Frau Höhepunkte entlocken konnten. Seine Liebste stöhnte zuckersüß und beugte sich nach vorn. Sie wirkte so zerbrechlich. Natürlich wäre er auf ewig gewillt, sie zu beschützen. Sein Weib, sein Land! Die Erinnerungen an das Kriegsspiel der letzten Wochen wurden wach. Grotesk verzerrt hallten die Schüsse in seinen Ohren, verschmolzen mit Alvines Keuchen. Die Feuerkraft, die er zu kontrollieren fähig war, die Empfindungen, die er sich und seiner Frau bereiten konnte. Sie zu erfreuen und sie zu beschützen, das war seine Aufgabe. Alvine war sein Ein und Alles, seine Familie. Sie würde nur noch mehr ihm gehören, wenn erst …

Er packte kurz entschlossen ihre Hüften, zog sie auf die Knie, platzierte sie grob vor sich und drang von hinten in sie ein. Sie bäumte sie auf, ihre Locken flogen umher.

In Würde und Stärke seine Liebe beweisen. Die Möglichkeit, sein Ein und Alles, sein Reich, seine Geschichte zu schützen. Er hielt ihre Hüften fest umklammert und bewegte so ihren Unterleib nach seinem Willen. Seine Stöße waren energisch, sie kam kaum mit. Auch gelang es ihr nicht, sich entgegenzubewegen, sodass er tiefer rammte, als sie es gewohnt war, ihr Innerstes abpresste. Alvine spürte jede Kollision bis in die Fingerspitzen. Ihr fiel gar nicht auf, dass sie unkontrolliert seinen Namen schrie. Bar aller Hemmungen brach sie zusammen. Ihr Schoß wurde allein durch seine Kraft auf der Höhe gehalten, die ihm zugutekam. Ihr gesamter Körper schauderte wohlig und gab nur noch reizende Vibrationen ab, die seine Nervenenden umspielten. Als es ihm kam, stoppte er ruckartig. Sein Phallus zuckte tief in ihr, er verkniff sich das geringste Geräusch. Dort gehörte sein Samen hin, es gehörte alles ihr, auf das ihr Körper daraus das Bestmögliche entwickeln könnte.

»Ruhig!«, hauchte er schließlich, als er ihren Po langsam niederdrückte.

Alvine wandte den Kopf zu ihm, er drückte beide Hände auf ihren Rücken und hielt sie so an der Matratze fest. Nun erst fiel ihr auf, dass sie gar nicht verhütet hatten.

»Was machst du?«, flüsterte sie außer Atem.

»Wird Zeit, dass du ein bisschen schwanger wirst, oder?«

»Gegen ein Kind von dir hätte ich nichts«, lachte sie zahm, »aber meinst du nicht, dass sich nach dem Feuerwerk genug deines Samens in mir befindet, auch wenn ich zappeln würde?«

»Was auch immer. Es gehört alles dir, also sollte es schön da drin bleiben und seine Arbeit tun.«

Alvine kicherte. Er tätschelte ihre Pobacken, küsste ihren Rücken hinauf bis zu ihren Schultern, sodass sie wohlig schnurrte. Schließlich erhob er sich, sie blieb tatsächlich brav liegen. Erst, als er frisch geduscht und rasiert aus dem Bad kam, drehte sie sich auf den Rücken und streichelte ihren Bauch. »Stell dir das einmal vor – ein kleines Uns.«

Theodor beugte sich über sie und küsste ihren Bauchnabel: »Kann es kaum erwarten.«

Verlobung

Erst veranstalteten sie ein Wettreiten, quer durch die Stadt bis zur Fabrik. Alvine gewann um eine Länge - wie immer. Vor dem Tor gaben sie sich dann im Sattel sitzend einen Abschiedskuss.

Die Chefin kam unglaubliche fünf Minuten zu spät. Ihre Arbeiter*innen schienen zwar überrascht, aber keineswegs erbost. Sie lupften wie immer den Hut vor ihr, die Frauen knicksten, und Esther fragte freundlich, wie es dem werten Gatten ging.

»Oh, uns geht es großartig«, lachte Alvine, woraufhin die Sekretärin kicherte und ihr sogleich die Produktionslisten hinterhertrug.

Derweil ritt Theodor in sein Büro. Pfeifend betrat er den Raum, legte seinen Hut ab und besah am Schreibtisch sitzend die Aufgaben für heute. Wieder stellte er fest, dass er bald eine Lesebrille benötigte. Die Genoss*innen wuselten schon eifrig umher, dann schritt die neue Sekretärin herein und alle sahen auf – bis auf Theodor, den sie ansteuerte: »Genosse?«, sagte sie.

Nun blickte er sie an, ein kurviges junges Ding mit wachen Augen und stolzer Haltung.

»Darf ich mich vorstellen, Auguste mein Name. Ich hörte, Sie studieren wie ich Nationalökonomie.«

Er erhob sich, verbeugte sich und gab ihr schließlich die Hand. »Theodor, angenehm. Ich muss zugeben, dass Sie mir in den Vorlesungen noch nicht aufgefallen sind.«

»Oh, ich habe gewechselt. Seitdem ich in dieser Stadt arbeite, studiere ich auch hier.« Irrte er sich oder warf sie gerade einen schiefen Blick auf seinen Ehering? »Wäre es Ihnen recht, wenn wir später zusammen zu der Vorlesung fahren?«

»Genossin Auguste, ich würde Sie gerne begleiten, allerdings bin ich zu Pferd da und habe noch eine Erledigung zu tun. Das Tier werde ich nachher erst zur Fabrik meiner Frau schaffen und von dort aus zur Universität fahren.«

»Ihre Frau?«

»Alvine Fürstenberg, vielleicht haben Sie von ihr gehört?«

Auguste entglitten alle Gesichtszüge: »Wie kann es sein, dass ein Genosse wie Sie mit einer kapitalistischen …«

»Wenn ich Sie gleich unterbrechen darf: Sie haben wohl nicht vor, jene Unternehmerin zu kritisieren, die von Genossin Zetkin so gelobt wurde?« Sein Gegenüber klappte den Mund zu. Theodor fuhr fort: »Überdies muss ich wohl verdeutlichen, dass ich keine bösen Worte gegen meine Alvine dulde. Ich habe mir, wie Sie sich vorstellen können, meine Ehefrau sehr gründlich ausgesucht.«

»Und was für ein Fang er mit der gemacht hat, Genossin!«, rief plötzlich eine charismatische Stimme. Quentin lehnte im Türbogen und hatte wie alle anderen im Raum die Szene beobachtet.

Auguste rümpfte daraufhin die Nase und entfernte sich. Ihre schwingenden Hüften wirkten hypnotisch.

»Hallo Quinn, was verschafft uns die Ehre?«, brummte Theodor und setzte sich.

»Wollte einmal nach dem Rechten sehen. Des Weiteren halte ich heute Abend eine Rede im Parlament.«

»Du?«

»Ebenjener! Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass ich ins Rampenlicht gehöre. Das habe ich mir gemerkt.«

»Wenn du es sagst.«

Theodor versuchte, sich nicht vorzustellen, wie dieser ausländische Stutzer im Reichstag alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Nur, weil er älter war und Vermögen hatte … Würde Theodor je dahin kommen, würde seine Karriere im Heer den langen Weg abkürzen? Er hoffte es.

»Unter uns, Fürstenberg«, Quentin kam näher zum Tisch, »du wirst doch mit der kleinen Auguste nicht anbändeln?«

»Bitte was?«

»Kam mit der Heirat die Blindheit? Sie mag dich, fragte schon die ganze Zeit nach dir. Soweit ich weiß, hat ihr Onkel ihr die Stelle verschafft und gehört hat sie aus Führungskreisen von dir. Hast ja dort so einige Gönner. Anscheinend hat man ihr den Teil mit der Ehe verschwiegen.«

»Du bist wieder informiert. Aber was mich angeht, hast du freie Bahn. Schnapp sie dir, solange sie noch heiß ist.«

»Ja …«, nachdenklich drehte Quentin sich um und sah ihr zu, wie sie in fünf Metern Ferne wütend auf der Schreibmaschine tippte. »Sie will, nachdem wir nun eine promovierte Juristin im Reich haben, auf den Zug der Damen mit Bildungsniveau aufspringen. Deine Frau hätte das auch gekonnt – promovieren. Du und ich scheinen den gleichen Typ zu mögen!«

»Glückauf, wenn diese gebildeten Damen deine Masche nicht durchschauen, Quinn.«

»Oha, sind wir wieder bissig. Hat die Übungsphase für dein Vaterland dein Ego anschwellen lassen?«

»Nicht nur das«, gab Theodor zurück und spannte seine Oberarme noch etwas mehr an. Dieses Hemd war ohnehin das Einzige, das noch passte. Darum trug er heute sehr leger nur dieses und eine Weste. Er musste zwischen Arbeit und Vorlesung auch zur Schneiderei.

»War es das jetzt? Ich habe zu tun.«

»Eines noch, du kommst doch später zu meiner Premiere? Und bring ruhig deine Frau mit.«

»Bedauere, wir haben vermutlich etwas vor.«

»Oha, lässt du dich von ihr umherscheuchen, Pantoffelheld?«, fragte Quentin hämisch grinsend.

»Nun ja … wenn sie es vorzieht, mit mir ins Bett zu gehen, damit ich ihr ein Kind mache, lasse ich mich nicht schlagen … Würdest du das etwa?«

Seinem Gegenüber standen pulsierende Adern auf dem sogleich roten Hals. Er winkte ab und entfernte sich. Zufrieden ließ Theodor sich in seine Lehne fallen. Wenn Alvine erst einmal schwanger wäre, würde Quinn aufhören, ihr nachzuhecheln.

°°°

»Fräulein Emmi?«

Rupprecht tauchte vor ihrem Gesicht auf. Die Angesprochene lag, wie so oft, im Bett und schwieg.

»Man teilte mir mit, dass Sie den Verfügungen zugestimmt hätten, da bleibt mir wohl nur, Sie herzlich zu beglückwünschen.«

Er fürchtete einen typischen Anfall, doch sein Fräulein blieb ungerührt. Es gruselte ihn, was in den Monaten aus ihr geworden war.

»Wollen wir die Vorhänge öffnen?«

Noch immer gab sie keinen Ton von sich und so schritt Rupprecht zum Fenster und zog den schweren Stoff auf, der so lange zugehängt war, dass Staubwolken aufstiegen. Von draußen knallte die Sonne herein und die aufgewirbelten Partikel der staubigen Oberflächen tanzten unruhig in der abgestandenen Luft des Zimmers. Als Nächstes öffnete er die Fenster und ließ die klare Herbstluft hinein.

Er sah sie an, ihr langes dunkelrotes Haar war fettig, ihre kalkweiße Haut glanzlos, dunkle Ringe lagen unter ihren vom Weinen geröteten Augen. Einst wohlbeleibt und energievoll war das junge Fräulein abgemagert, fahl, nur noch ein Schatten ihrer selbst. Einmal mehr hatte er sie nicht vor der Grausamkeit der Welt beschützen können, war zum Komplizen geworden, ihr Glück zu verhindern. Früher hatte seine Herrschaft von ihm verlangt, die Prügelstrafe an ihr auszuführen, heutzutage stand er wortlos daneben, wenn das Fräulein wie ein Tier eingesperrt und zur Schlachtbank geführt werden sollte.

»Wie ich hörte, begleiten Sie Ihren Verlobten heute Abend auf den Ball? Das wird ihr erster offizieller Auftritt zusammen, nicht wahr?«

Während er das sagte, ging er im Raum umher, sammelte dreckige Wäsche ein, räumte leere Wassergläser zusammen. Emmi schwieg und sah ihm nur bei seinem Tun zu. Ihre Eltern hatten ihm einen neuen Anzug machen lassen, der seiner schlanken, muskulösen Gestalt schmeichelte, und längst nicht so dunkel war, wie seine feste schwarze Haut. Er faselte vor sich hin, stellte die Sache so dar, als wäre sie eine gute. Dabei bildeten seine sonst so vollen Lippen einen dünnen Strich, wenn er schwieg und nicht das sagte, was eigentlich so offensichtlich war. Wenn er ihr schon nicht half, weil er nicht konnte oder wollte, warum log er sie dann an? Weshalb meinte er, ihr vorgaukeln zu können, dass er mit alledem einverstanden war?

Er rang sich ein Lächeln ab, als er sich zu ihr umdrehte, Haltung annahm und die Hände hinter dem Rücken schloss. »Nun, dann wird die Sache wohl tatsächlich ernst«, sagte er noch immer lächelnd, doch mit traurigen Augen, »Da kann ich nur noch einmal alles Gute wünschen.«

Endlich erhob sie sich und ohne weiter auf Rupprecht zu achten, warf sie ihr Nachthemd von sich. Seit Tagen zog sie es das erste Mal aus. Ihr Diener senkte beschämt den Blick und schnellte zur Tür.

»Ich schicke die Zofe, Ihnen beim Waschen zu helfen.«

Hastig schloss er die Tür hinter sich und atmete durch. Während Emmis Arrest hatte er sich von ihr fernhalten müssen. Dies Aufeinandertreffen von eben war das Erste in vier Monaten gewesen, obgleich sie im selben Haus wohnten. Seinem Fräulein war es in dieser Zeit verboten worden, ihr Zimmer zu verlassen, zu lesen oder anderen Ablenkungen nachzugehen, damit sie endlich zur Vernunft käme. Vorsorglich hatte man dazu ihre Bücher, ihre Malutensilien und ihren Kanarienvogel fortgeschafft. Soweit Rupprecht informiert war, bekam Emmi auch wenig Essen und weiß Gott, er hatte es ihr angesehen. Schon, als sie das Nachthemd noch getragen hatte. Teuflische Lüsternheit fuhr einmal mehr in ihm hoch; er hatte gehofft, sich diese Schwärmerei abgewöhnt zu haben. Sein Fräulein war für ihn von jeher tabu und nun zudem verlobt. Mit einem reichen Juwelenhändler, der seit fast einem Jahr hinter ihr her war. Rupprecht entspannte sein Gesicht, straffte die Schultern und begab sich in die Küche, um eines der Mädchen zu Emmi zu schicken.

°°°

Herr Sais erwartete Emmi unten an der Treppe. Das Kleid, das sie trug, war ein Geschenk von ihm. Sie mochte Dunkelrot überhaupt nicht, aber die Zofe hatte gemeint, dass es ihr Haar betonte.

»Wilhelmine, Liebchen«, rief Herr Sais, »darf ich anmerken, wie gut Ihnen die Kur getan hat?«

Berthold Sais war früher wohl einmal blond und hochgewachsen gewesen, Emmi schätzte jedoch, dass das zwanzig Jahre her war. Oder er war schon als fahler Mann, der niemals jemanden ausreden ließ, auf die Welt gekommen. Er hatte bereits zu ihrer ersten Begegnung erklärt, dass er vorhabe, sie »Wilhelmine« zu nennen, und ihre Eltern sagten, dass es schließlich keinen Unterschied zu Wilhelmina gäbe, sie sollte sich deshalb nicht so anstellen. Durfte sie nicht einmal ihren Vornamen behalten?

Wie immer wich sie seinem Blick aus, ungerührt nahm er ihre Hand und küsste sie.

»Kind, willst du deinen Zukünftigen nicht begrüßen?«, flüsterte ihr Vater hörbar.

»Lassen Sie doch, Herr Wändler. Sie ist nur schüchtern.«

Emmi knickste, dann hakte sie sich so wenig wie möglich bei Herrn Sais unter und wurde zu seinem Wagen geführt. Der Fahrer chauffierte sie eine ewig lange Zeit, in der ihr Verlobter unschicklich seine Hand auf ihrem Knie liegen hatte, bis sie endlich am schicksten Hotel der Stadt ankamen, in welchem jährlich der Winterball abgehalten wurde. Herr Sais half ihr beim Aussteigen, drückte ihre Finger dabei etwas zu fest und führte sie daraufhin nahezu ruppig die Treppe hinauf in den glitzernden Saal. Vor den Gastgeber*innen stand eine Menschenschlange, in die sie sich einreihten.

»Juwelier Berthold Sais nebst Verlobter Wilhelmine Wändler«, wurde verkündet.

Kurz hielten die Herren einen Plausch, dann ging es auch schon in den Ballsaal. Ohne sie zu fragen, reichte er ihn ein Glas Champagner vom Tablett des Laufkellners und prostete ihr zu. Emmi hasste dieses Zeug, und das Kleid schnürte ihr Taille und Busen ab, obgleich beides doch sichtlich kleiner geworden war – während der Kur. Nun sah sie sich in dem glänzenden Spiegel zu ihrer rechten: Sie war so viel dünner, ihre Haut krankhaft blass und ihre Augen trüb. Es war das erste Mal seit Monaten, dass sie einen intensiveren Blick auf sich wagte, sie hatte den Sinn für ihr Äußeres verloren über die Spanne der Zeit. Jeder Tag war gleich gewesen, von Langeweile und Hunger durchzogen. Sogar ihre Periode war unter der Mangelernährung ausgeblieben. Sie betrachtete sich und stellte fest, dass sie wohl zum ersten Mal in ihrem Erwachsenenleben als schlank galt. Und sie gefiel sich nicht.

Im nächsten Moment nahm Herr Sais ihr das Glas weg und führte sie energisch auf die Tanzfläche. Er wirbelte sie herum und glotzte dabei stolz in die Menge. Mehrmals und völlig überflüssigerweise drehte er sie, als wolle er sie präsentieren. Ihr wurde gewahr: Genau das beabsichtigte er! Er, vierzig Jahre älter, hatte einen fetten Fang gemacht. Obwohl ihre Eltern ihr monatelang erklärt hatten, dass sie schließlich bereits dreiundzwanzig sei und Herr Sais ihre letzte Chance wäre, noch dazu eine gute Partie. Er war es, der das bessere Geschäft abgeschlossen hatte! Bald schon nannte er ein blutjunges Ding sein Eigen, das er mit Juwelen behängen und präsentieren konnte wie ein Ausstellungsstück, wie eine Puppe. Alle alten Säcke im Raum reckten die Hälse nach dem neckischen Mädchen, das Berthold Sais sich geangelt hatte. Emmi wurde schlecht. Von ihrer Erkenntnis, von ihrem Verlobten und von der ganzen Dreherei. Sehr deutlich musste sie sich von ihm lossagen, knicksen und sich einen Moment für die Waschräume erbitten.

»Ich geleite Sie dorthin, Wilhelmine, Liebchen.« Es würde ihr wohl niemals möglich sein, ihn abzuschütteln!

Er führte sie am Empfang vorbei. Neben den Garderoben befanden sich die Toiletten. Noch immer tummelte sich eine lange Schlange von Leuten vor den Gastgeber*innen. Doch diese verstummte plötzlich. Daraufhin hielt auch Herr Sais inne und blickte interessiert zu dem Geschehen: Die Menge teilte sich und ein hochherrschaftliches Paar passierte den hohen Türbogen: »Großunternehmerin Alvine Fürstenberg nebst Ehemann Theodor Fürstenberg!«

Vermutlich war Emmis liebe Freundin die Einzige auf der Liste, die vor ihrem Gatten und mit Berufsbezeichnung genannt wurde. Emmi hielt den Atem an. Alvine schritt in einem blutroten, hochmodischen Ballkleid, das ihre schlanke Linie betonte, und mit einer Miene, die keine Schwäche zuließ, neben ihrem Liebsten, der viel breiter gebaut war, als es Emmis Erinnerung hergab. Theodor trug einen asphaltgrauen Frack mit einer Weste im gleichen Rot wie ihr Kleid darunter. Alvines wallende Lockenpracht wurde geschmückt durch rot glitzernde Röschenspangen. Strahlend begrüßten das Paar die Gastgeber*innen und wurde sogleich von den nächsten Gesprächspartner*innen aufgehalten.

»Wollten Sie sich nicht frisch machen, Liebchen?«, unterbrach Herr Sais Emmis Konzentration auf das sich ihr bietende Bild.

»Gewiss, nur erst möchte ich ein Wort an Frau Fürstenberg richten.«

»Bitte? Frau Fürstenberg hat doch anderes zu tun, als sich um Sie zu kümmern, mein Liebes.«

»Wir waren … wir sind befreundet.«

»Du kleines Plappermaul. Deine Eltern sagten mir schon, dass du noch allzu verspielt bist. Aber hüte dich, Fantasien dieser Art …«

»Sie duzen mich?«

»Wilhelmine, wie kannst du mich unterbrechen? Und natürlich, denn sobald wir verheiratet sind …«

Emmi wollte so gerne fliehen, doch Herr Sais hielt ihre Hand unter seinem Arm fest, wie in einem Schraubstock. Flehentlich sah sie sich zu Alvine um und versuchte, sie auf telepathischem Wege zu erreichen.

»Winnie, bitte sieh her«, formten ihre Lippen mit stetem Blick hinüber.

Und tatsächlich: Just in dem Moment schreckte die viel umworbene Frau auf und drehte sich zu Emmi um. Ein leuchtendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, sie unterbrach gar das aktuelle Gespräch knicksend und zog Theodor sanft in Emmis Richtung. Je näher sie kamen, desto mehr entglitten ihre Gesichtszüge in Hinblick auf den Mann, der Emmis Hand festhielt und ihr offenbar einen Vortrag hielt. Und noch mehr sorgte sie wohl das kranke Aussehen ihrer Schulfreundin. Als Herr Sais merkte, dass die Eheleute Fürstenberg sich schnurstracks auf ihn und »seinen kleinen Spinner« zubewegten, blieb ihm das letzte Wort mit einem aberwitzigen Pfeifen im Halse stecken.

»Guten Abend, Emmi«, sagte Alvine schüchtern.

Die Angesprochene bekam kaum einen Ton heraus. Sie dachte, eine Berühmtheit vor sich zu haben – hatte sie auch! »Winnie …«, hauchte sie nur verliebt.

Für eine Sekunde schwiegen sie alle, dann rief Theodor: »Guten Abend, das ist meine Gattin und ich bin Theodor Fürstenberg. Habe die Ehre.«

Er bot Herrn Sais seine Hand dar, der geistesabwesend einschlug. Schließlich berappelte er sich offenbar und erklärte: »Meine Verlobte teilte mir soeben mit, dass die Damen befreundet seien. Sais mein Name, stets zu Diensten.«

Alvine und Emmi sahen sich immer noch entgeistert an. Ihre Blicke sprachen Bände. Wieder spürte Emmi, wie eng das vermaledeite Kleid und wie hungrig sie war. Ihr wurde bewusst, dass sie sehr bald die Frau von einem über Gebühr ermüdenden Gockel wäre. Ihre beste Freundin hatte es auf so lächerliche Weise erfahren. Jene, der sie vorgeworfen hatte, ihre Ideale zu verraten, weil sie einen hübschen Mann heiraten wollte, den sie liebte, und nun tat sie selbst etwas viel Schlimmeres! Wenn nicht zuvor schon, spätestens jetzt musste Alvine sie hassen. Emmi schämte sich, am liebsten wäre sie an Ort und Stelle im Boden versunken. Doch das Universum zeigte sich gnädig und schickte ihr eine Ohnmacht. Kraftlos sank sie zusammen, Alvine war die Erste, die ihr hinterherstürzte und ihren Kopf auffing, ehe er auf den Marmor zu ihren Füßen knallen konnte.

°°°

Emmi erwachte in ihrem Bett. Verwirrt blickte sie sich um. Sie trug eine frische Chemise, ein Unterkleid.

»Fräulein Emmi …«

Rupprecht saß auf einem Schemel neben ihrem Bett und sah müde aus. War er die ganze Zeit bei ihr gewesen?

»Wo ist Winnie?«, fragte sie als Erstes.

Ihr Diener lächelte mild und reichte ihr einen Zettel. In Alvines geschwungener Schrift stand darauf:

Es war mir eine Freude, dich wiederzusehen, und ich wünsche gute Besserung. Glückwunsch des Weiteren zur Verlobung – wenn ich irgendetwas für dich tun kann, lass es mich bitte wissen.

Deine Winnie

Nur zu gut wusste Emmi, was ihre Freundin mit dem letzten Teil meinte. Sofort brach sie in Tränen aus, rollte sich zusammen und umfasste ihre Knie.

»Fräulein …«, hauchte Rupprecht traurig.

Er hatte die Nachricht ebenso gelesen und gewusst, worauf Alvine hinaus wollte. Nur die Eltern Wändler und der maßgeblich unsympathische Knochen von Verlobten, hatten sie nicht durchschaut. Doch was könnte die Freundin auch tun?

Er wusste, Emmi konnte Alvine niemals mit ihrer Not belasten. Nachdem sie von ihren Eltern endlich weichgeklopft worden war, hatte sie der Verlobung schriftlich zugestimmt. Würde sie sich nun wieder weigern, ginge die Qual von Neuem los. Herr Sais war offenbar wild entschlossen, sie zu ehelichen und somit sicherlich bereit, noch einmal fünf Monate zu warten, in denen die Eltern Emmi einsperrten und von allen Seiten unter Druck setzten. Eine Flucht war unmöglich, Rupprecht hatte es im Kopf oft durchgespielt. Wohin sollte sie denn auch gehen? Das Fräulein verfügte über keinerlei Sicherheiten.

Er hasste sich einmal mehr dafür, dass er sie nicht retten konnte. Dass er nicht in der Lage war, sie zu ernähren. Letztlich war er zudem viel zu feige, sich seinem Herrn zu widersetzen. So haarte er neben ihr aus, mit hängenden Schultern und trauerndem Herzen.

»Ich werde heiraten, nicht wahr?«, fragte Emmi schließlich irgendwann.

»Es sieht ganz so aus.«

»Rupprecht, kannst du etwas für mich tun?«

»Ich würde so gerne, Fräulein. Sie glauben nicht, wie gerne ich Sie fortschaffen würde.«

»Das weiß ich, mein Lieber. Aber du kannst nicht, stimmt es? Du kannst deine Position nicht vergessen, handelst aus Dankbarkeit meinen Eltern gegenüber.« Sie raffte sich auf und lächelte ihn traurig an.

»Verzeihen Sie mir.«

»Schon gut, darauf wollte ich auch nicht hinaus.«

»Fräulein Emmi?«

Sie sah ihm tief in die Augen, sein Herz galoppierte.

»Ich heirate diesen Mann. Aber meine Jungfernschaft soll er nicht haben.«

Rupprecht verstand und schoss hoch: »Ich verabschiede mich hiermit, Fräulein.«

»Lass das! Ich weiß, du magst mich«, rief sie ihm nach.

Er hielt inne und drehte sich langsam zu ihr um.

»Denkst du, ich bin blödsinnig, Rupprecht? Ich weiß es längst. Wie du mich ansiehst, wie du mich umsorgst. Weil du mich lieb hast, nicht wahr?«

»Fräulein Emmi, was reden Sie nur?«

»Leugnest du es also immer noch?«, fragte sie und lächelte schüchtern. »Nun gut, dann tu’ es aus alter Freundschaft.«

Sie zog ihr Nachthemd über den Kopf und kniete sich hin.

Rupprecht hätte gehen müssen. Seine Moral schrie ihn an, er solle den Blick senken, sich verbeugen und verschwinden. Aber seine Augen hafteten an dem Anblick, der endlich nur für ihn bestimmt war.

Emmi sah, wie Rupprecht sich rückwärts entfernte, und erst dachte sie, er wolle tatsächlich nicht darauf eingehen. Allerdings zückte er den Zimmerschlüssel, verriegelte die Tür von innen und ließ ihn stecken. Dann kam er auf sie zu und beugte sich über sie. Sie lächelte erleichtert und legte sich hin.

»Zuvor muss ich etwas wissen«, flüsterte er, »magst du mich denn auch? Zumindest ein wenig?«

»Ein bisschen«, antwortete sie.

Rupprecht nickte und küsste sie zärtlich. Seine Haut war so fest und seine Lippen so warm, wie Emmi es sich stets vorgestellt hatte. Behutsam widmete er sich ihrem Hals, ihrem Dekolleté, massierte ihren vollen Busen. Emmi hatte gedacht, dass es sich hierbei um etwas Unangenehmes handeln würde, stellte allerdings schnell fest, dass es ihr gefiel. Nicht nur die Empfindungen, auch genoss sie den Anblick: den Gegensatz seiner schwarzen Haut auf ihrer kalkweißen. Und ihr gefiel, dass er offenbar wusste, wo er ihren Bauch küssen, welches Spiel seine Finger streichen mussten, um in ihrem Schoß prickelnde Reize zu wecken.

»Wo hast du das gelernt?«, hauchte sie.

»Man kommt so rum«, gab er nur zurück und streichelte sachte den Punkt zwischen ihren Leisten. Emmi schoss das Blut in den Kopf. Teils war es Eifersucht, da er offensichtlich mit anderen Frauen zusammen gewesen war, doch weit mehr trieben sie die körperlichen Empfindungen. Er war viel besser dazu in der Lage, ihrem Innersten liebliche Strömungen zu entlocken als sie selbst! Offenbar war sie stets zu harsch vorgegangen. Emmis Orgasmus ließ sie erbeben und Rupprecht hielt ihr den Mund zu, weil sie ihr Treiben sonst verraten hätte. Seufzend lag sie unter ihm, zitterte. Er öffnete beiläufig seine Hose und entblößte sein steifes Glied. Ehe sie einen genaueren Blick darauf werfen konnte, verbarg er sich – anscheinend aus Scham. Behutsam spreizte er ihre Beine und sah ihr tief in die Augen. Sie nickte lächelnd.

»Ich habe nichts zur Verhütung dabei«, sagte er, »ich werde aufpassen, so gut ich kann.«

Emmi verbannte den Gedanken daran, dass ihre Periode in Folge der Gefangenschaft ausgeblieben und sie so ohnehin nicht ausmachen konnte, wann ein gefährlicher Tag war, selbst wenn sie wüsste, wie genau sie so etwas ausrechnen sollte. Sie wollte darüber nicht nachdenken. Nicht an morgen, nicht an übermorgen. Sie war hier mit ihm. Dem einzigen Menschen, der sie wohl wirklich lieb hatte. Statt ihm zu antworten, schmiegte sie sich enger an ihn.

Sachte und liebevoll drang er in sie ein. Sie verspürte ein kurzes Piksen, dann nur Wärme, die mit seinen Bewegungen zu Hitze verschmolz. Emmi merkte erst, dass sie wonnevoll stöhnte, als er ihr wieder vorsichtig den Mund zuhielt. Von ihm war nur ein schweres Atmen zu vernehmen, die ganze Zeit sah er ihr ins Gesicht. Sein kommender Höhepunkt ließ ihn heiße Luft durch die gefletschten Zähne ausatmen. Sogleich zog er sich aus ihr zurück und ergoss sich auf dem Laken. Schleunigst schloss er seine Hose, Emmi setzte sich auf und sah ihren Schoß an. Sein Samen vermischte sich mit ihren Säften, die aus ihrer Vagina getropft waren. »Nanu?«

Er erriet ihre Gedanken: »Nicht alle Mädchen bluten beim ersten Mal.« Er nahm schon wieder Haltung an, als sei nichts zwischen ihnen passiert.

»Du kennst dich also bestens aus!«, spottete sie.

»Nun ja, da es dazu diente, Ihnen auch etwas Genuss zu bescheren, Frau Emmi, bin ich zufrieden.«

»Was denn, willst du ein Dankeschön von mir?«

»Gewiss nicht. Mir liegt nur Ihr Wohl am Herzen.«

»Rupprecht, lass das endlich. Wir haben gerade Liebe gemacht. Also komm gefälligst wieder her und lieg noch etwas bei mir. Das geht doch so, oder?«

Daraufhin lächelte er und bettete sich neben sie. Sie verknoteten ihre Finger, Emmi legte den Kopf auf seine Schulter. »Rupprecht …«, sagte sie irgendwann, »ich danke dir, das war wirklich schön. Ich bin froh, dass es mit dir war.«

»Emmi, meine Liebe. Ich möchte noch etwas sagen …«

Sie unterbrach ihn und küsste ihn vorsichtig auf die Lippen. »Tu es nicht, guter Freund. Lass es einfach so.«

»Wie du willst.«

Und so hielt er sie nur für einige stille Minuten.

Streit

Alvine folgte den beiden Kellnern, die ihre ohnmächtige Freundin in ein Separee trugen. Ein auf der Feier anwesender Arzt untersuchte Emmi dann und verbürgte, dass sie unverletzt war und nur schlief. So konnte sie schließlich behutsam in ein Fahrzeug gebettet und heimgefahren werden. Alvine war bei ihr geblieben, bis sie dort auf dem Rücksitz lag und blickte dem Wagen nach, als er vom Hof fuhr.

In der Zwischenzeit traf Theodor auf seinen Kameraden Bader, der gerne wortkarg blieb. Doch an diesem Abend schien der junge Mann wie ausgewechselt. Er trug seine asphaltgraue Uniform mit schmucken Schulterstücken und Troddeln daran. Zudem begleitete ihn eine Gruppe Gleichaltriger, die die anwesenden Damen fleißig betanzten. »Wir sind auf Brautschau«, erklärte Bader augenzwinkernd.

»Sieh an! Und auf welche hast du ein Auge geworfen?«

»Diese dort würde mir zusagen«, er deutete auf eine rundliche Blondine, »die könnte mir gewiss eine ganze Bande arischer Buben gebären.«

Theodor schnappte nach Luft, doch ehe er einen Ton herausbekam, tauchte Wester hinter ihm auf. Auch ihn schmückte die Galaversion seiner offiziellen Uniform und er fragte sogleich, wo sich denn die Fürstenbergerin aufhielt.

»Ich erwarte sie jede Minute zurück, sie kümmert sich um eine Freundin«, erklärte der Gefragte abwesend.

»Weißt du, was mir da gerade einfällt«, lenkte Bader ab, »du solltest dich uns anschließen. Was meinst du, Kamerad Wester? Wäre Fürstenberg nicht wie geschaffen für unsere Partei?«

Als Theodor die anderen Herren in der Runde betrachtete, erkannte er sie als jene, die er von Arbeitswegen her mied. »Was genau hätte ich in eurem Verein verloren?«

»Sieh dich doch an: Wärst wie geschaffen als Blickfang«, lachte Bader.

Offenbar hatte ihm der Wein zugesetzt. Bis vorhin hatte Theodor ihn noch gut leiden gemocht, aber dann hatte er seinen Wahnwitz bewiesen. Da er mit ihm und Wester zwangsläufig weiterhin zu tun haben würde, bemühte sich Theodor um Diplomatie: »Bedaure, das liegt nicht in meinem Interesse.«

Wester hatte die Szene aufmerksam verfolgt und als dieser Fürstenberg es wagte, das Angebot auszuschlagen, dampfte er ab. Bestürzt hatte er festgestellt, dass dieser Schönling von Fürstenberg tatsächlich ein noch besseres Aushängeschild für seine Partei wäre, als er mit seinen Hamsterbacken und den schiefen Zähnen. Der Abend wurde für Wester immer schlimmer: Keine der Damen hatte seine Aufforderung zum Tanz bejaht und nun das. Getroffen widmete er sich dem Buffet.

»Na der hatte es ja eilig«, meinte Bader nachdenklich.

»Entschuldige mich. Ich werde nach meiner Frau sehen«, erwiderte Theodor, und zum Glück sah er sie auch aus dem Separee kommen.

Ehe sie sich wahrhaftig auf diese Truppe hätte zubewegen können, schlug Theodor vor seinem Kameraden zum Abschied die Hacken zusammen und steuerte auf Alvine zu.

»Was ist denn los?«, fragte diese flüsternd auf das Gebaren ihres Liebsten eingehend.

»Komm einfach weg von hier. Mit denen willst du nichts zu tun haben.«

»Ist er ein Freund von dir?«

»Ich werde solche Antisemiten niemals zu meinen Freunden zählen, Alvine.«

Erst als sie im Landaulet saßen, den Dorothea ihnen für diesen Abend nebst Fahrer geliehen hatte, konnte sie genauer fragen: »Er trug so eine Uniform wie du – ist er aus deinem Korps?«

»Bedauerlicherweise ja. Doch was für ein jämmerlicher Narr er ist, habe ich erst vorhin gemerkt. Während der Übungen erschien er mir eher kameradschaftlich und sympathisch.«

»Nun ja, offenbar schließt die Gesinnung nicht die Begabung aus.«

»Aber den Verstand!«

»Sei es drum. Solange er kein Kriegstreiber ist, soll er doch denken, was er will. Die Menschen werden schon noch erleuchtet.«

»Deinen Optimismus in Gottes Ohr, in welcher Realität, der auch immer stecken mag.«

»Nanu, wurde dir der Glaube ausgetrieben?«, fragte sie lächelnd.

Zu ihrer Überraschung antwortete er: »Sag mir, was ich denn glauben soll, Alvine. Seit jeher erschien mir das Konzept der Kirche fragwürdig. Und gerade du, die aufgrund ihres Geschlechts systematisch unterdrückt wird, sollte zweifeln.«

Sie betrachtete sein Profil, bis er sich zu ihr umsah. »Theodor, was muss ich da hören? Weißt du nicht mehr, was ich dir vor einigen Jahren erzählt habe? Dass ich zwar evangelisch gesegnet bin, aber deswegen noch lange nicht nur dem christlichen Glauben folge.«

»Gewiss erinnere ich mich. Mir ist dennoch unerklärlich, wie du allein bei den aktuellen Ereignissen auf einen wohlwollenden Lenker vertrauen kannst. Wenn es einen Gott gibt, so meint er es nicht gut mit uns. Sonst würde er nicht zulassen, dass unser Kontinent in einen Krieg getrieben wird.«

Sie starrte ihn an, ehe sie stotterte: »Es ist dahingehend … nichts entschieden.«

»Doch Alvine. Es ist nicht die Frage ob, sondern wann es zum Kampf kommt! Dass unser immerfort aufstrebendes Reich weltpolitisches Gebaren von sich zu geben wagt, stößt den anderen sauer auf. Wir sind zu gleichen Teilen wie sie verpflichtet, aber nicht berechtigt. Dass wir nun nach Höherem streben, wird unterbunden – notfalls gewalttätig. Sollen wir uns diese Ungerechtigkeit gefallen lassen?«

»Wie kannst du so etwas sagen?«, ihre Stimme war brüchig, »Verstehen tut die große Politik kaum mehr einer. Verheddert haben sich die Staaten in ihrem System von Bündnissen und Interessenkoalitionen. Bei so vielen Handlungszentren – alles hängt mit allem zusammen – was soll das für ein Krieg werden? Jeder gegen jeden?«

Oh wie naiv sie doch ist, dachte er, lächelte beschwichtigend und zog sie an sich. »Meine Süße, mach dir keine Sorgen. Es wird für uns glimpflich verlaufen – die Veränderung wird durch den baldigen Kampf vorangetrieben.«

Sie stieß ihn weg: »Du spinnst! Genau wie die anderen Scharlatane. Wie nur kommst du auf die Idee, dass es etwas Gutes ist, Menschen zu töten?«

»Das ist der Kreislauf, Weib! Das Gesetz des Stärkeren. Wieso sollen wir uns kleinhalten lassen wie ein dummer Michel?«, brummte er, »Und unsere Gelegenheit endlich an den Platz zu gelangen, der uns gebührt?«

»Uns?«

»Unserem Reich, unserer Geschichte! Es ist unsere Prädestination, Alvine!«

In diesem Moment hielt der Wagen vor ihrem Heim und wie angestochen sprang Alvine hinaus und rannte ins Haus.

Theodor bedankte sich noch beim Fahrer, gab ihm ein Trinkgeld und folgte ihr in stoischer Ruhe. Im Schlafzimmer erwartete ihn seine wunderschöne, wütende Frau, deren Augen erbost blitzten. Tapfer, nahezu euphorisch nahm er ihren Schwall an Beschimpfungen hin, den Alvine für ihn bereithielt. Er fand sie allzu bezaubernd, da er wusste, dass sie sich nur um ihn sorgte und als sie sich heiser gebrüllt hatte, erklärte er: »Ich bin dort gewesen, Alvine. Habe gesehen, welche Kampfkraft uns zur Verfügung steht. Und ich bin Teil davon. Elite, Stolz und Krieger für mein Reich und alle, die darin leben.«

»Krieger? Ein Teufel bist du. Söldner! Ein Mörder willst du sein!«

»Nein, Geliebte, das will ich nicht. Aber wenn es um das geht, was ich liebe, dann bringe ich die Opfer, die es braucht. Ich lasse mein Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich.«

Seine Stimme bebte vor Unbeugsamkeit und Ehre, sodass ihr die Knie weich wurden. Sie verfluchte sich dafür, dass sein Selbstbewusstsein ihr imponierte und sie nicht fähig war, ihn für den Gesang einer Kriegssinfonie zu hassen. Als er sie an sich riss, gelang es ihr nicht, ihn wegzuschieben. Erzürnt trommelte sie gegen seine breite Brust, es machte ihm kaum etwas aus. In seinen Augen leuchtete Begierde und nun beugte er sich hinab, um sie zu küssen.

Sie wich aus und fauchte: »Oh, wage es nicht! Denkst du, ich setzte ein Kind von einem Delinquenten in eine Welt, die brennen wird?«

»Für unsere Kinder tue ich all das doch, Alvine. Sie sollen in einem Land aufwachsen, das erhaben ist, das ihnen Sicherheit gewährt und eine famose Zukunft. Und auch für dich! Es wird mir eine Ehre sein, für dich in den Krieg zu ziehen.«

»Was nutzt mir das, als Witwe?«

»Sag das nicht. Ich werde zu dir zurückkommen. Und nun still – höre auf, dich zu sorgen.« Er schmiegte sich wieder an sie. »Du bist wunderschön, wenn du wütend bist. Aber weißt du: Lüstern bist du noch hübscher.«

»Das wirst du lange nicht sehen. Ich gehe mit keinem Kriegstreiber ins Bett!«

»Ich bin keiner. Nur rational. Und sobald es zum Kampf kommt, werde ich vorbereitet sein.«

Theodor küsste ihre gefurchte Stirn, dann ließ er sie los. Wie ein Reh entsprang sie ihm und lief auf die andere Seite des Raumes. Spöttisch zog er die Augenbrauen hoch und lächelte, als er fragte: »Willst du, dass ich heute auswärts schlafe, Liebste?«

Alvine quälte die Wut. Sie wusste nicht, wie sie diese neue Seite an ihrem Gatten beurteilen sollte. Trotzdem sie gruselte, was er sagte, klang ihre Liebe zu ihm keinen Deut ab. Und dass er nun wegging, wollte sie schon gar nicht. Ihr Stolz verbot ihr allerdings, ihm das zu gestehen. Also entschwand sie und sperrte sich im Badezimmer ein.

Während sie sich bettfertig machte, wollte sie die Wut erhalten, aber stattdessen flammte Sorge um ihn auf. Was, wenn er recht hatte? Was, wenn die hohe Macht doch nicht gütig war und die Fehde nicht zu verhindern gedachte? Immerhin hatte Gott dafür gesorgt, dass Emmi auf einen Kerl hereinfiel, der zu alt und gewiss nicht gut genug für sie war. Und nun war aus ihrem besonnenen und einst so empfindsamen Theodor ein eiskalter Freischärler für den Krieg geworden. Welche Prüfung bürdete das Universum ihr damit auf? Gewiss, Gott gab und nahm – aber warum ihren Mann? Gerade jetzt, da sie sich so wundervoll verstanden?

Alvine strich über ihren Bauch. Nein, ein Kind wollte sie jetzt noch nicht von ihm. Nicht, solange ihre Welt aus den Angeln geraten war. Seit ein paar Monaten versuchten sie, schwanger zu werden. Dass es bisher nicht geklappt hatte, obwohl sie fleißig dabei gewesen waren und beide gesund schienen, schob Alvine nun darauf, dass der Zeitpunkt nicht der richtige war, dass das Universum ihr das Kind versagte, solange die Welt um sie herum so unsicher blieb.

Sie zog ihr Nachthemd an und betrat das Schlafzimmer. Theodor stand mit dem Rücken zu ihr am Fenster. Er trug nur seine Schlafanzughose, die Arme verschränkt über seinen gestählten Oberkörper und lächelte sie liebevoll an. Alvine schenkte ihm einen Todesblick, wies ihn aber nicht vor die Tür, sondern legte sich ins Bett. Als er ihr folgte, rutschte sie demonstrativ von ihm ab und er ließ sie in Ruhe.

Sie umschlichen sich tagelang und sprachen kein Wort miteinander, obwohl sie nach wie vor das eheliche Lager teilten.

Irgendwann gab er nach und nahm sie in den Arm. Sie wehrte sich nicht.

»Liebste, ich weiß, du hast Angst. Aber eines musst du wirklich begreifen: Der Sieg ist gewiss. Es wird alles gut gehen. Wenn schon dein Gott nicht gütig sein kann, so sind es doch die meisten Menschen. Und ich wiederhole: Natürlich bin ich für den Frieden. Aber sollte der keine Option sein, so sehe ich mich gezwungen, mein Land zu beschützen. Krieg wäre ein legitimes, wenn auch nicht wünschenswertes Mittel, unsere außenpolitische Lage zu verbessern, da stimme ich mit unseren Entscheidungsträgern überein …«

»Sei still, Theodor! Ich bin keine, die du mit deinen Phrasen überzeugen musst.«

»Wie du möchtest.«

»Versprich mir nur eines: Sei vorsichtig!«

»Gewiss.«

Ihr jüngster Zwist rumorte eine ganze Weile in Alvine, sodass sie lange nicht bereit war, sich ihrem Mann hinzugeben. Aber die Zeit, die sie gemeinsam verbrachten, war wie immer knapp. Tagsüber schaffte sie in der Fabrik, stritt mit Lieferant*innen, gesellschaftete mit Kund*innen, schmierte Geschäftspartner*innen Honig ums Maul, denen am breiten Eichentisch ein reiches Mittagessen kredenzt wurde. Zwischendurch verunsicherte sie der Kriegstaumel ihrer Mitmenschen. Theodor musste nach wie vor alle paar Wochen zum Übungsdienst. Und obwohl seine Abwesenheit nur tageweise war, vermisste Alvine ihn schmerzlich. Die restliche Zeit arbeitete er das dadurch verpasste Studienmaterial auf und ging immer noch seiner Tätigkeit bei den Sozialdemokrat*innen nach. Wenn sie beide nach Hause kamen, herrschte von ihr aus Eiseskälte, obwohl ihr seine Nähe fehlte. Ihr Stolz war allerdings stärker, sodass sie nur stückchenweise zuließ, dass er sie berührte.

Sie spürte, dass es Theodor rasend und zusehends verrückter nach ihr machte.

Vor einigen Monaten war sein Vorbild verstorben und trotzdem ihm ebendiese Zustimmung fehlte, wähnte er sich, ob des Lobes das er vom Major erhielt, in einer euphorischen Lebhaftigkeit. Immerhin hatte sich der Protektor aus seiner Partei bereits vor Jahren zunehmend zurückgezogen und dementsprechend am Ende wenig Beachtung für ihn übrig gehabt.

Anfangs hatte Theodor daran arg zu knabbern gehabt, mittlerweile überraschte es ihn eher, wie wenig es ihn störte. Zweifelsohne bedrückte ihn der Verlust des großen Mannes, der über sie alle, einem Schutzpatron gleich, gestrahlt hatte. Sein Dahinsiechen war seinerzeit für die meisten aber so schleichend gekommen, dass die Gewöhnung griff und ein weit kleineres Stück aus ihren Herzen gerissen wurde, als sie befürchtet hatten. Theodor leuchtete innerlich vor Stolz, dass er auf die Zuwendung dieses Menschen nicht mehr angewiesen war. Immerhin, das erkannte er jetzt, hatte sein Bedürfnis nach der Anerkennung der Parteispitze einer Sucht geglichen.

Einzig Alvine sah, dass er aus seinem Kriegsdienst und der damit verbundenen Anerkennung die gleiche Genugtuung zog, wie einst von der Würdigung, die ihm sein Patron hatte zukommen lassen.

Doch ihr Gatte belächelte ihre Auslegung: »Ich bin von niemandes Lob abhängig, Weib!«

Diese Bezeichnung nutzte er neuerdings halb scherzhaft, halb ausdrücklich dafür, dass keine Diskussion erwünscht war. Das regte sie furchtbar auf. Vor allem, dass sie ihm daraufhin zumeist Folge leistete. Jedoch rief er sie nie vor Dritten so und schon gar nicht vor ihren Arbeiter*innen. Innerhalb der Fabrik sowie auf Abendveranstaltungen und auch zu Hause, gönnte er ihr mit Freuden das Rampenlicht. Niemals untergrub er ihre Würde oder käme auf die Idee, sie vor anderen bloßzustellen. »Weib« nannte er sie nur in ihrer Zweisamkeit, in der er mittlerweile die Führung genoss.

Alvine erschreckte es, wie sehr es sie erleichterte, nicht immerzu alles leiten zu müssen. Im Schlafzimmer mit ihrem Mann erlaubte sie es sich, sich gehen zu lassen. Sobald Theodor sie nahm, gelang es ihr, ihre Sorgen zu vergessen, den Kopf auszuschalten und endlich ihre Beherrschung zu verlieren. Wenn seine Penetrierung besonders heftig war, schrie sie völlig von Sinnen seinen Namen. Diese Art der Ekstase hätte sie sich früher nie gestattet. Sie liebte es, dass er die Kontrolle über sie hatte – wenn ihre Schirmherrin das wüsste!

Wenn sie wüsste, dass Theodor seine Ehefrau wenige Wochen nach diesem heftigen Streit wieder mit Pellkartoffeln und Butter füttern gedurft hatte, während sie auf dem Sofa kuschelten und sie dann innig küsste. Natürlich hatte Alvine sich zunächst gesträubt.

»Bist du immer noch bockig, Liebste?«

»Das hat nichts mit einer Laune zu tun. Ich bin schockiert, wie sehr du dich verändert hast.«

»Aber ich bin zufrieden – zählt das gar nichts?«

»Warst du es vorher nicht?«

»Fangfrage!«

»Eine Berechtigte!«

Er antwortete nicht, sondern küsste Alvine. Die machte Anstalten zu entwischen, doch er hielt sie auf und sagte: »Nun reicht es, Weib. Ich vermisse dich fürchterlich. Lass uns ins Bett gehen.«

Sie ließ es zu und genoss die Zuwendung, die er ihr schenkte. Nach der sie sich weit mehr verzehrt haben dürfte als er, da es für sie die einzige Möglichkeit war, ihren alltäglichen Stress abzubauen.

Die Krämpfe ihrer Monatsblutung begannen, als Alvine Theodor bereits vereinnahmt hatte. Und wie immer, wenn sie sich während ihrer Periode liebten, schüttelten sie die Wellen aus Schmerz und Orgasmen bis in die Fingerspitzen. Sie atmete heftig und völlig unrhythmisch zu seinen Bewegungen, alles schien sie zu überrollen. Ihre Angst um ihn, ihre Wut, ihre Liebe, die Krämpfe und die leidenschaftliche Energie.

Mit jedem Tag wurden ihre Gefühle für Theodor vielfältiger, wurde sie abhängiger von dem, was er ihr gab. Sie wollte sich dafür verachten, wusste aber, dass es längst zu spät war. Alvine liebte ihn mehr als ihr Leben und wie sollte sie das überleben, wenn sie nicht lernte, damit umzugehen?

Sie war in all den Monaten nicht schwanger geworden. Und nun wollte sie es erst einmal nicht mehr versuchen, hatte Alvine gesagt. Theodor fragte sich, ob etwas mit ihm nicht stimmte und woran es lag, dass andere junge Paare so bald Eltern wurden. Er konnte die Erklärung, dass es für sie beide einfach noch nicht so weit war, nicht für sich hinnehmen. Viel eher wäre doch eine*r von ihnen einfach nicht … er vergaß seine Gedanken, als sie ihn an seiner empfindlichsten Stelle küsste.

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9783754183700
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