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Alois Theodor Sonnleitner
Kojas Waldläuferzeit
Der Vorgeschichte zum
„Haus der Sehnsucht“
2. Teil
Mit Bildern
von Professor Fritz Jaeger
Dreizehnte Auflage
Saga
Kojas Waldläuferzeit
© 1923 Alois Theodor Sonnleitner
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711570043
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Baum und Mensch
Es steht ein Baum auf schroffer Höh,
Umkost von milder Lüfte Wehn.
Doch schau Dir’n an im Sturmgetös:
Du siehst ihn auch den Sturm bestehn.
Weil er von Keimlings Zeiten an Gerungen um den festen Stand,
Ward er ein Baum, der stark in sich —
Der Stürme Wüten überwand.
Ein freies Wesen ist der Mensch,
Nicht fest gewachsen in dem Grund,
Doch lichtwärts strebt er wie der Baum,
Den Halt in sich, zu jeder Stund.
Das rauhe Schicksal bringt ihm Sturm,
Die Liebe gibt ihm Sonnenschein;
So wächst er wie der tapfre Baum
Ins Leben stark und froh hinein.
Koja und Agi
In der Kleinen halbkreisförmigen Donaubucht, die oberhalb des Pöchlarner Römerturms ins Ufer greift, sass der neunjährige Kajetan Lorent in einer Zille,a) deren Kette festgebunden war am Uferpfahl. Er wartete auf seine Schwester Agathe, die aus der Strickschule kommen sollte.
Spielend trieb er das Boot mit leichten Ruderschlägen hin und her, soweit es die gespannte Kette zuliess. Seine blauen Augen glitten über das schwere lehmgelbe Stromwasser westwärts gegen Marbach zu, über dem von hoch oben die Wallfahrtskirche Maria-Taferl niedergrüsste. Der frische Märzwind fegte ihm das flachsfarbene Haar ins Gesicht; aber der kleine Kajetan merkte es nicht. Zeitfern träumte er von den Nibelungen, die auf der Fahrt ins Hunnenland nach der Meinung seines alten Oberlehrers Schönberger wohl in dieser Bucht angelegt hatten. — Hier mochte Rüdiger sie begrüsst haben. Der Knabe stellte sich die Nibelungen in Rüstung und Lederkoller vor, ihre Schiffe mit Eichenlaub umkränzt. Dann wieder erinnerte er sich, dass der Oberlehrer bald in den Ruhestand gehen wollte und erging sich in Mutmassungen, ob der Unterlehrer Pointner die Oberklasse übernehmen werde oder ein Fremder. Ein heller Ruf, der von der Höhe der Strasse kam, weckte ihn aus seinem Sinnen: „Koja! Kooja!“ — Da sprang er auf, fuhr mit den Armen in die Riemenschleifen seines kalbsfellenen Schulranzens, raffte den Geigenkasten vom Boden der Zille auf und sprang die Böschung hinan. — „Grüss dich Gott, Agi! —“b) — „Grüss dich Gott, Koja!“ — Und nun stapften sie Hand in Hand die Strasse stromaufwärts, der sinkenden Sonne nach. Vertrauensvoll begann der Bub von den Ereignissen seines Schultages zu berichten. Er war schon zufrieden, wenn ein Aufleuchten in Agis grauen Augen ihm verriet, dass sie ihm zuhörte, oder wenn der wechselnde Ausdruck ihres von dunkelblondem, glatt gescheitelten Haar umrahmten Gesichtes ihre Teilnahme zeigte. — Mit ihren schmalen, fest aufeinandergepressten Lippen und dem versonnenen Ausdruck ihres blassen Gesichtes war Agi kein Kind mehr, obwohl sie nur um zwei Jahre älter war als Koja. Der Bub erzählte nicht ungeschickt die äusseren und inneren Erlebnisse seines Tages, fast Stunde für Stunde. Als sie durch das Dorf Brunn auf den Weg gelangt waren, der querfelds nach der Neuda führt, war er gerade bei der Schönschreibstunde angelangt: „... Der Oberlehrer sitzt beim Tisch und schreibt aus der Partiturc) der neuen Schubert-Messe die Stimmen heraus, seine Gansfeder scharezt, und sonst ist es still. Der Busch-Edi geht von Bank zu Bank, malt da einem ein schönes B vor, dort einem ein K und passt auf, dass sich keiner rührt. — Ich schreib und schreib. Die Sattler-Roserl, die erst seit heuer in der Bubenklass’ ist, weil’s in der Klosterschul’ keine Ruh’ geben hat, sitzt vor mir und wetzt herum, wie wann’s d’Ameisen hecken täten; der dicke braune Zopf hängt ihr über die weisse Bluse. Auf einmal gibt’s dem Zopf einen Schupfer, da liegt er auf mein’ Heft. Sie dreht den Kopf hin und her, der Zopf verwischt mein Geschriebenes, als ob eins mit einem Besen drüber gefahren wär! I mucks’ mi nit. Aber den Zopf steck’ ich ihr in mein Tintenglasel bis zu der roten Maschen. Dann schieb ich’s Pult ’nauf und zwick’ den Zopf ein. Wie sie das g’spürt, macht sie mit dem Kopf einen Ruck nach vorn, und vom Zopfend’ rinnt ihr die Tinten über die weisse Jacken. Sie fasst mit der Hand den Zopf, die Tinten rieselt ihr in den Ärmel, da spreizt sie die schwarzen Finger weit auseinand und fahrt auf: ‚Bitt’! der Koja!‘ — Die ganze Klass’ lacht wie nit g’scheit; der Oberlehrer schiebt seine Brillen auf die Stirn, mit einem Satz ist er vom Katheder herunten und steht vor uns. Sein G’sicht wird rot, aber reden kann er nit. — Auf einmal packt er mi bei den Schultern, hebt mich aus der Bank und tragt mi bis in’ hintersten Winkel auf der linken Seit’, wo die alten verschnitzelten Bänk’ stehn. Dort setzt er mi nieder: ‚Da bleibst jetzt sitzen in der Eselbank — du — du!‘“— Mit angehaltenem Atem hat Agi zugehört. — Jetzt vertritt sie ihrem Bruder den Weg, dass er stehend hören muss: „Koja, ich bitt’ dich, erzähl’ der Mutter heute nix von dem. — Der Roserl bring ich meine neue weisse Bluse und mit dem Oberlehrer red’ ich gleich vor’m Hochamt morgen, dass er dem Vater nix sagt.“ Koja hatte Angst vor der unmenschlichen Art, in der ihn der Vater schon für harmlosere Streiche mit dem Leibriemen zu züchtigen pflegte, wenn er auch nur ein wenig übers Mass getrunken hatte. Meist glückte es dem Buben nicht, sich durch Ausreden oder Entstellungen der Tatsachen vor den väterlichen Hieben zu retten; und manchmal trugen ihm die Lügen, wenn der Vater nachträglich hinter den wahren Sachverhalt kam, eine neue Tracht Prügel ein. — Da war es wohl echte Dankbarkeit, in der Koja seine Augen zur Schwester emporhob, die in ihrer Vorsorge weiter auf ihn einsprach: „Ich will nicht haben, dass du vor dem Vater wimmerst und lügst und um Gnad’ bettelst, ich will nicht haben, dass die Mutter auch noch um dich Kummer hat. — Du weisst nit, was sie grad jetzt wieder druckt ... Du weisst nit, warum die Mutter bei Tag mit verweinten Augen herumgeht, du weisst nit, warum sie in der Nacht seufzt und bet’t, weil s’ nit schlafen kann.“ — „Du aber weisst es, Agi, und sagst mir nix?“ erwidert der Junge betroffen. — „Das wär’ nix für dich; frag mi nit!“ versetzte das Mädel; ihre Lippen schlossen sich fest und schmal.
Die Sonne ist hinter der Gollinger Höhe hinabgesunken. Die Kinder nähern sich durchs Wiesenland dem Erlafsteg. Schweigend geht nun Koja an der Hand Agis dahin. Er hat noch etwas zu beichten, aber er traut sich damit nicht heraus. Wie Tropfen blassen Goldes leuchten die geschlossenen Blüten der schaftlosen Primeln aus dem dämmerdunklen Grase, zwischen dem als lichtloses Band der Pfad in sanfter Krümmung zur Uferböschung ansteigt.
Die beiden gehen einzeln über den schmalen, schwingenden Brettersteg, an dessen keilförmig gegen die Strömung gerichteten Pfeilern die Scheiter des Schwemmholzes anprallen, eh’ sie, einander drängend und schiebend, sich vom schweren Wasser des geschwellten Flusses weitertragen lassen, hinunter zum Rechensteg. Agi ist längst am anderen Ufer angelangt. Koja aber steht noch inmitten des Steges; ans Geländer geklammert, schaut er der Strömung nach. — Er weiss, wo die Hölzer herkommen. Von den Hängen der Bergwälder an der Lassing und Erlaf. In der Klausen wird das Schmelzwasser der Firnfelder gestaut, ehe die Holzknechte die Hölzer zu Tal bringen. Koja vergisst Agis Sorge und der Mutter verweintes Gesicht, er stellt sich vor, wie ungeheuer wuchtig das Wildwasser mit den springenden, drängenden, splitternden Scheitern dahintost, wenn die Schleusen der Klausen geöffnet werden. Dort möcht’ er jetzt sein, dort wo die Tormäuer - Schlucht den Fuss des sagenhaften Ötschers säumt, des „Hetscherlbergs“, wo das Geldloch ist, die Taubenhöhle, die Eis- und Tropfsteingrotten, von denen der Lehrer Eggenberger in der Gaminger Schul’ erzählt hat, dort ... — „Koja! so komm’ doch,“ hallt es angstvoll herüber, das Rauschen des Wassers und Poltern des Schwemmholzes übertönend.
Da reisst sich der Träumer los vom Schauspiel der gischtenden und tragenden Wogen und eilt zur Schwester hinüber.
Fest umklammert Agis magere Hand seine Linke. Sie zieht ihn vorwärts durch die Dämmerung der Au auf frühlingsfeuchtem, tief ausgefahrenem Wege, an Pfützen vorbei, die kaum wahrnehmbar glänzen. Wie aus weiter Ferne blinzeln zwei gelbe Lichter durch den dünnen Nebelschleier, der zwischen den hageren Stämmen der Silberpappeln und Weiden steht. Zeitweise verschwinden die Lichter hinter den Bäumen, dann werden sie grösser und grösser, es sind die Fenster der Wohnstube in der Neudamühle. Von dort her schallt wie hastiges Atmen das rasche Auf und Ab der Brettersäge. Das gleichmässige Rauschen des Wassers ist begleitet vom Schlagen der Zapfen und Radschaufeln der Mahlmühle. Koja und Agi sind daheim. — Im dunklen Hausflur entledigen sie sich der feuchten Schuhe und vertauschen sie mit den bereitstehenden Filzschuhen. Dann erst betreten sie die Wohnstube, deren frisch gescheuerte Dielen mit rotgesäumten Läufern aus Sackleinwand belegt sind.
Mit Kuss und Handkuss begrüssen sie die Mutter, die im Lichtkreis der Lampe eine Anzahl Rechnungen und gerichtlicher Einläufe vor sich auf der Tischplatte ausgebreitet hat. — Die stattliche Müllerin, deren nussbraunes Haar an den Schläfen von Silberfäden durchzogen ist, beantwortet Agis angstvoll fragenden Blick mit einem stummen Kopfnicken, sie zeigt auf einen mit Zahlen beschriebenen Bogen. „Wirst mir nachrechnen, gelt, wenn ihr Kaffee getrunken habt; ich muss in die Küche.“ Agi holt aus dem Rohr des Kachelofens die warmgestellte Jause für sich und Koja; sie schneidet Brot vor. Kaum haben die Kinder ihren Milchkaffee ausgelöffelt, nimmt Agi die gerichtlichen Zuschriften her und vertieft sich in das Lesen der langen, schwer verständlichen Sätze; sie starrt auf den blassen Abklatsch einer vielleicht leserlich gewesenen Kanzleischrift; sie will und muss verstehen, wovon die Klage handelt, um welche Summen es sich dreht, wann die Tagsatzung ist. — Koja, der mit seinem Aufgabenheft der Schwester gegenüber Platz genommen hat, schaut unverwandt unterm Lampenschirm zu ihr hinüber. Das Gesicht der Schwester erscheint ihm mägerer und älter als sonst, der Ausdruck ihrer Augen ist härter, die zusammengekniffenen Lippen sind dünner, ihr Nasenrücken wird weiss; was sie nur hat? Mutter und Agi wissen alles und er ist der „dumme Bub“. Trotzig stosst er die Feder ins Tintenfass und beginnt zu schreiben. Im Ofen knistern und knacken die buchenen Scheiter, im Bratrohre singeln eingelegte Äpfel und entsenden einen herbsüssen Duft. Vom Brunnen her schallt das Rasseln der blechernen Milchkannen, die von der Magd gescheuert werden; fast im gleichen Takt mit dem Ticken der Standuhr tönt gedämpft das Klatschen des Mühlrades, hastiger das Sirren der Brettersäge. Da wird fernher von hoch oben ein rauhes, dumpfes Tuten hörbar, wie der Schrei eines Nebelhorns, zu dem sich ein schriller Oberton gesellt. Die Dampfsäge am Rechen macht Feierabend. Das Schlagen des Mühlrades verstummt und die Brettersäge steht still. Auch die Neudamühle hat ihr Werk abgestellt. Sie macht heute vor dem Sonntag früher Feierabend. Von der Gesindestube her werden Stimmen hörbar, die Knechte sammeln sich, um noch vor dem Abendmahl zu plaudern und zu rauchen.
Tiefer beugt sich Agi über die Zifferreihen, sie vergleicht die von der Mutter aufgestellte Übersicht der eingeklagten Forderungen und die der einzutreibenden Ausstände. Ihre Augen sind gross geworden, ihre Nase ist spitz, die Wangenmuskeln sind gespannt, die Mundwinkel herabgezogen. Da holt Koja die zwei gargebratenen Äpfel aus dem Ofenrohre und hält sie der Schwester hin: „Welchen magst?“ — „Keinen, kannst beide haben, mach’ mich nit irr.“ — So hat er’s erwartet.
Im Ofenwinkel huschelt sich der kleine Genussmensch neben den dickköpfigen Kater Matz auf den Boden und beginnt vorsichtig die von gebranntem Zucker klebrige haut eines Apfels abzulösen. Er geniesst bedächtig. Sachte streichelt er den Kater, es ist ihm ein Bedürfnis, ihn schnurren zu hören. Dabei träumt er schon vom morgigen Tag. — Wenn der Steininger Sepperl kommt und der Wieser Franzel, können die Palisaden vor der Farm fertig werden, bevor die Indianer angreifen. Er, Koja, ist der Farmer und die zwei Kameraden sind als Trapper zu Gast. Farm ist die am Rand einer Au-Lichtung vom Waldheger aus Blockholz und Rasenflözen errichtete „Puhu-Hütte“, die seit einem Jahr unbenützt ist. Der Uhud) ist nämlich eingegangen. Ihr Inneres ist so anheimelnd klein und ihr urtümliches Äusseres übt auf die Kinder einen romantischen Reiz aus. Und Koja sehnt sich nach der kleinen Hütte in der Einöde; er denkt an die Möglichkeit, die Sattler-Roserl zu versöhnen, dass sie mitspielt als Farmerin.
Nacht und Tag
Kaum war das Abendmahl vorüber, das die Müllerin und die Kinder gemeinsam mit dem Gesinde eingenommen hatten, so zog sich die Mutter mit Agi ins Wohnzimmer zurück. Sie hatten Briefe zu schreiben. Sie wollten die Ausstände eintreiben und von der Sonnleitner-Grossmutter in Böhmen Hilfe erbitten. Koja blieb in der Gesindestube, wo ihm der Schweizera) Flori behilflich war, aus einem im alten Eisen gefundenen hohlen Torschlüssel eine Kanone herzustellen zur Verteidigung der Farm gegen die Indianer. Beim Ausfeilen des Zündloches vertraute Koja dem verschwiegenen Flori an, dass er eine Tüte Schiesspulver vom Steininger Sepperl, dem Buben des Waldhüters, eingetäuschelt hatte. Dann aber begann das Erzählen von Gespenstergeschichten. Die garnumwickelte Pfeifenspitze zwischen den zahnlosen Kiefern, erzählte Flori dem gespannt lauschenden Gesinde, was er bei nächtlichen Gängen gesehen oder von anderen Geistersehern erfahren hätte. Auf den feuchten Brunner Wiesen war ihm der feurige Mann erschienen, in der Au hatte ein Hund mit glühenden Augen sich an seine Fersen geheftet, beim Mühlsteg lauerte der Wassermann ... und auf dem Gollinger Berg, wo früher der Galgen gewesen war, seufzten in stürmischen Nächten die Geister der Gerichteten. Abergläubisch wie das Gesinde, horchte Koja gierig und gruselnd den Gespenstergeschichten. Noch war er mit dem Abschmirgeln der dicken Rostschichte seiner Schlüsselkanone nicht fertig, als Agi mit einer brennenden Kerze erschien, um ihn zum Schlafengehen aufzufordern.
Zögernd folgte er der Schwester, die ihn über die knarrende Stiege in die ungeheizte Bodenkammer hinaufführte. Seit der Vater spät nachts heimzukommen pflegte, war die Kammer Koja angewiesen, während Agi auf dem Sofa in der warmen Wohnstube bleiben durfte, neben der Schlafkammer der Eltern. Teils, um die Schwester mit dem Lichte länger bei sich zu haben, teils, um sich noch etwas von der Seele zu reden, was ihn beunruhigt, fängt Koja an: „Agi, ich muss dir noch was sagen.“ — „Noch eine Dummheit?“ fragt sie zurück. „J—a“ und schon hat er den Geigenkasten geöffnet. — Agi schlägt vor Bestürzung die Hände zusammen: „Was ist denn mit der Geigen gschehn? — — Die ist ja zersprungen, geleimt und mit Spagatschnüren zusammengebunden!“ — Das war so: „Nach der Geigenstund, kaum, dass der Oberlehrer bei der Tür drauss’t war, fangt der Eckel-Poldi an, mich zu frozelnb):
„Roserl, Roserl, Tintenfass!
Koja, Koja, du bist blass!
Koja, Koja, drah di um,
In der Neuda geht der Scheckel um!“
Da heben die andern Buben ein G’lachter an und singen ihm das Trutzliedel nach. Und der Eckel-Poldi springt dabei hin und her und lacht und lacht. — Ich Krieg einen Zorn, pack die Geigen beim Hals und hau ihm’s ’nauf. — Auf einmal war’s still. Der Eckel aber fangt an zu bitten: „Nix sagen, nix sagen.“ Dann rennt er mit mir zum Tischler; der hat’s g’leimt und fest verschnürt; am Montag darf ich die Schnür’ wegnehmen; er sagt, das Blatt wird besser halten als vorher.“ —
Agi seufzte tief auf. „Auch von der Dummheit sag’ der Mutter nix. Später kannst ihr’s erzählen. Nur jetzt nit.“ Dann half sie ihm beim Aufschnüren der Schuhe, während er sich der Kleider entledigte. Erst als sie den Bruder zu Bette gebracht, mit ihm das Nachtgebet verrichtet, und ihm mit dem Daumen in mütterlicher Art das Kreuzeszeichen auf Stirn, Mund und Brust gemacht hatte, sagte sie ihm gute Nacht und trug die brennende Kerze davon.
Und jetzt Kam für den Buben, der noch immer nicht ans Alleinschlafen gewöhnt war, die schrecklichste Stunde des Tages. Er fürchtete sich im Finstern. Das Dunkel in seinem Stübchen war kein vollkommenes. Das Licht der Lampe, bei der unten Mutter und Agi die Briefe schrieben, drang durch die unverhängten Fenster und beleuchtete die mit „Palmkätzchen“ reich besetzten Kronen der hohen Weiden jenseits des Weges, und diese warfen einen Schimmer des Lichtes in Kojas Kammer, so dass die verschwommenen Umrisse und Schatten des Zimmergerätes gespenstisch wirkten.
Koja verkroch sich unter die kalten Federbetten, um nicht die sonderbaren Geräusche zu hören, die er sich nicht zu erklären vermochte. Und doch musste er immer wieder die Decke lüpfen, um dem Rätselhaften zu lauschen. Im alten Schrank, der nie geöffnet wurde, tickte etwas, wie eine Taschenuhr, die manchmal von unsichtbarer Hand zum Stehen gebracht wurde und dann plötzlich wieder unheimlich rasch zu gehen begann. — Die Totenuhr. — Wer sollte jetzt im Hause sterben? — Auf dem Dachboden trippelte es von kleinen Füssen, beim Mühlsteg unten klatschte etwas. Der Wassermann? Kojas Pulse hämmerten, in seinen Ohren war ein Sausen, das war nicht vom gleichmässigen Rauschen des Überfallwassers unterm Mühltrog. Erst, als sein Körper das Bettzeug gleichmässig durchwärmt hatte, begann seine Aufmerksamkeit zu erschlaffen, seine Einbildungskraft sprang von einem Gegenstand zum andern; Wassermann, Palisaden, der tintige Zopf, der Hund mit den feurigen Augen, Roserl in der Puhu-Hütte; alles stellte sich ihm kunterbunt vor; seine Hände falteten sich vor dem Munde, dann war ihm, als ruhten Agis graue Augen in Mütterlichkeit auf ihm und er schlummerte ein. — Mitten in der Nacht aber erwachte er von einem Knacken der Diele über sich auf dem Oberboden, dann hörte er ein Schlurfen von blossen Füssen, ein Rieseln zwischen Diele und Decke, dann ein Knarren, als öffne jemand das Dachfenster, und plötzlich einen langgedehnten, rauhen, zitternden Ton, wie vom Reiben eines gespannten Seiles — dann ein dumpfes Aufprallen eines schweren Körpers — und wieder das Schlurfen der nackten Füsse. — Als das kaum hörbare Schleichen und Tasten die Stiege herabkam und sich seiner Kammertür näherte hätte er schreien mögen vor Angst; wenn der Kerl jetzt da hereinkäme! — aber er biss die Zähne aufeinander und hielt den Atem an. Es ging vorbei —, dann wurde es stille. — Einschlafen konnte Koja nicht. Da scholl beruhigend von der Donauseite her das Pusten und Räderschlagen eines mühsam gegen den Strom arbeitenden Frachtendampfers. Wieviel Schlepper mit ungarischem Mehl der wohl hinter sich herzog? Das gleichmässige Geräusch wirkte auf Koja einschläfernd, aber schwere, unsicher tappende Schritte unten an der Hauswand entlang liessen ihn wieder gespannt aufhorchen. Ein Klirren von Eisen auf Stein. Der Haustorschlüssel war aus einer unsicheren Hand auf den Mühlstein vor der Türschwelle gefallen. Ein unverständlicher Fluch, ein Schnappen des schweren Türriegels, ein kurzes, freudiges Anschlagen des Hofhundes — der Vater war nach Hause gekommen.
Koja schob die Bettdecke von seinem Gesicht, strich sich das Haar sorgfältig hinter die Ohren, stützte sich auf den linken Ellbogen und lauschte angestrengt hinunter. Erst fiel die Türe der Wohnstube krachend ins Schloss, dann hörte er die tiefe Stimme des Vaters. Es war eine unwillige Frage, die Koja nicht verstand. Und jetzt hörte er die Mutter etwas sagen, dann redeten Mutter und Vater zugleich und dann sprach Agi darein. So angestrengt Koja lauschte, er vermochte nichts zu verstehen.
Plötzlich aber hörte er einen durchdringenden Schrei, dann wieder einen. Die Mutter schluchzte. Koja setzte sich im Bette auf. Und wieder vernahm er Agis hohe Stimme. Sprach sie der Mutter zu oder dem Vater? Der war still geworden. Das Weinen der Mutter wurde schwächer und schwächer, bis es verstummte. Alles war wieder still. — Der Lichtschimmer auf den Weiden verschwand. In der Kammer wurde es finster. Kojas Zähne schlugen vor Kälte und Angst aneinander, wieder verkroch er sich unter die Tuchent.c) Wieder vernahm er das Ticken im Holz des alten Schrankes; übermüdet vom Wachen und Lauschen schloss er die Augen und schlummerte ein.
Als er morgens in der durchwärmten Küche mit entblösstem Oberkörper vor dem Wasserschaff kniete und Agi mit einem eingeseiften Wollsocken ihm Rücken und Hals rieb, fiel sein Blick auf ihre Linke, die sich auf den Schaffrand stützte. Über den Rücken ihrer Hand ging eine rote Strieme. Koja drehte sich nach der Schwester um; da sah er eine breitere Strieme schräg über ihren Hals verlaufen. — Jetzt wusste er, was geschehen war: Agi hatte sich zwischen Vater und Mutter gestellt. Da schossen ihm die Tränen in die Augen: „Bitte, sag mir, liebe Agi, was war heut’ nacht?“ — Sie aber schüttelte nur den Kopf. „Mach’ die Augen zu!“ — Und schon begann sie ihm das Gesicht und die Haare einzuseifen. Dann goss sie ihm einen Krug Wasser über Kopf und Hals und entfernte sich. — Kaum abgetrocknet und angekleidet, eilte Koja mit hochklopfendem Herzen in die Wohnstube, wo das Frühstück bereit stand. Auf dem Divan, wo sonst Agi zu schlafen pflegte, sah er den Vater angekleidet liegen, den Kopf mit dem rotbraunen Vollbart zurückgeklinkt, den Mund weit offen, laut und regelmässig atmend; das rechte Bein mit dem kotigen Stiefel lag auf dem weissen Bettzeug, das linke hing über den Sofarand zur Diele nieder, auf dem Boden lag die aus Lederriemen geflochtene Hundepeitsche. Zögernd schlich Koja am Vater vorüber zu seinem Sessel. Auf einem Schemel dem Sofa gegenüber kauerte Agi, die Ellbogen auf die Knie, den Kopf auf die geballten Fäuste gestützt; sie starrte dem Schlafenden ins Gesicht. Draussen war die Stimme der Mutter zu hören, die dem Kutscher des Milchwagens einschärfte, auf dem kürzeren Feldweg zum Krummnussbaumer Bahnhof zu fahren. Der Zug nach Wien müsste in zwanzig Minuten da sein. Als der Wagen fortrollte, erhob sich Agi und schenkte den Kaffee ein. Die Mutter kam herein und setzte sich zu Tische. Koja erschrak: auf ihrer linken Wange war eine kaum verharschte Wunde. Da warf er sich vor der Mutter auf die Knie, und seine hervorbrechenden Tränen netzten ihre Kleider. Sie aber hob ihn auf, setzte ihn sich quer auf den Schoss, drückte seinen Kopf an ihre Brust, tätschelte ihm den Rücken und strich ihm beschwichtigend über das flachsfarbene Haar. — Dabei wiegte sie den Oberkörper sanft hin und her, als wollte sie ein Kind einschläfern. Keiner der drei sprach beim Frühstück ein Wort. Als Agi den Tisch abgeräumt hatte, rüsteten sich die Kinder zum Kirchgang. Agi nahm ihre breite Boa aus grauen Kaninchenfellen um den Hals, um vor Neugierigen das Schlagmal zu decken; dann holte sie ihre weisse Flanelljacke aus dem Kasten, packte sie in Seidenpapier und umschnürte sie mit einem roten Band wie ein Festgeschenk. — Auf den fragenden Blick der Mutter flüsterte sie nur bittend: „Später, Mami; ich sag’ dir’s später.“ — Die Müllerin übergab Agi fünf Briefe und küsste ihre Kinder zum Abschied. Erst führte Agi den Bruder in den Garten. „Wir müssen der Roserl ein Sträusserl bringen.“ Sie pflückten die halbverblühten Dolden der braunroten Aurikeln von den Beeträndern und liessen sie im Strauss von den duftenden Blütenständen des Gelbveigels überragen. Als die Kinder an der Bachseite des Hauses an die Stelle unterm Bodenfenster kamen, zeigte Koja einen weissen Fleck auf dem Uferpflaster. Es war eine dünne Schichte Mehl, die Spur eines heftig aufgestossenen Mehlsackes. Und dann begann er von dem nächtlich Erlauschten zu erzählen. — Und Agi erklärte ihm mit der Sicherheit einer Erwachsenen: „Glaub doch nicht an Gespenster. Der alte Flori erzählt, was er selber nit glaubt. Die andern hören nix lieber als gruselige Geschichten. Die ‚feurigen Männer‘ sind ‚Irrlichter‘, leuchtende Dünste, wie sie aus dem Sumpfboden aufsteigen, wo irgend ein Aas in der Erde verwest. Der Wassermann ist die Fischotter, die bei Nacht fischt oder im Wasser ihr Spiel treibt. Das Ticken im alten Schrank, das machen die Holzwürm’. Das Schleichen, Tappen und Tasten, das machen die Dieb’, Vom Bodenfenster hat ein Knecht einen Mehlsack am Strick hinuntergelassen und unten, wo der Sack hingefallen ist, siehst du die Mehlspur. Dort hat ein zweiter Dieb gewartet. — Seit die schlechten Freunde den Vater soweit gebracht haben, dass er die Nächt’ in Wirtshäusern zubringt bei Kartenspiel, Bier und Schnaps, haben’s die Diebe leicht. Ich glaub’, alle unsere Dienstboten haben stehlen g’lernt.“ Koja nickte. Und nun begann er die Schwester auszufragen, was unten gewesen wäre. Eine Weile liess sie ihn auf sich einreden. In tiefem Nachdenken ging sie neben ihm her. Ihre Augen hefteten sich auf den feuchten Auboden, wo die Grashalme zwischen dem braunen Laub sich empordrängten und wo vereinzelt hoch aufgeschossene, zum Teil verblühte Schneeglöckchen schimmerten. Sollte sie reden? Erst als die Kinder die Au und den Erlafsteg hinter sich hatten und im freien Felde der Sonne entgegengingen, begann sie: „Koja, du warst bis heut’ ein kindischer Bub, ich wollt’ und durft’ nit reden mit dir, wie’s um den Vater steht. Von heut’ an ist’s anders. Was du heut’ nacht erlauscht hast, hat dich wohl ernster gemacht. Du sollst versteh’n, warum die Mutter dem Vater so oft verzeiht. Geh’ doch langsamer und hör’ gut: Erinner’ dich doch, was uns die Grossmutter erzählt hat, als du noch klein warst: Wie unser Vater zehn Jahr alt war, sind ihm beide Eltern innerhalb sechs Wochen gestorben. Damals war die Cholera in Böhmen, wo wir früher zu Haus waren, weisst, dort, wo die Mutter unserer Mutter daheim ist, die ‚Sonnleitnerin‘, die uns zu Weihnachten immer einen Sack gedörrte Zwetschgen schickt. — Und wie der Vater verwaist war, hat ihm das Gericht einen Vormund gegeben an Eltern Statt, der hat ihn anhalten sollen zum Lernen und Bravsein. Der hat das Elternhaus des verwaisten Buben sparsam bewirtschaftet, aber zum Lernen angehalten hat er den kleinen Vincenz nicht. Nur dass er ihn auf Tausch nach Herrnskretschen gegeben hat, damit der Bub deutsch lernt. Dann aber hat er ihn Küh’ hüten lassen, statt ihn in die Schul’ zu schicken. Und dann ist der Vater Knecht gewesen beim Vormund. Und vom Gesind hat er in der Wochen das Fluchen gelernt und am Sonntag das Trinken. Und wie er gross war, hat ihm der Vormund das Haus mit Wald und Feld und Wiesen übergeben müssen als Erbstück von den Eltern. Und dann hat der Vater die Mutter g’heirat’, die hat von ihren Leuten ein Wirtshaus bekommen als Heiratsgut. Und da war der Vater auf einmal ein zweifach reicher Mann und hat viele Freund’ g’habt. Die haben mit ihm getrunken und Karten g’spielt um hohe Einsätz’. Und weil er gut war, hat er Geld hergeborgt, viele Tausend Gulden. Er hat nicht nein sagen können, wenn ihn die Leut’ gelobt und recht gebeten haben. Und oft hat er im Rausch gekauft, was man ihm verkaufen wollt’, wenn er’s auch nicht gebraucht hat; schöne Pferd’, Kaleschen,d) Holz zum Bauen, Schmucksachen, Bilder. Auf die Jagd ist er gangen mit anderen reichen Herren, so wie er’s da macht, in der Neuda, seit er vom Onkel Lorent die Mühl’ geerbt hat. Zwei schöne Jagdhund’ hat er g’habt; denen hat er in den Wirtshäusern Frankfurter-Würstel, Kalbsbraten und Schweinsbraten auf dem Teller vorsetzen lassen; so hat er das Geld vertan, weil der Vormund ihn nicht gelehrt hat, mit dem Geld richtig umzugehen. Der Vater könnt’ nix dafür, sagt die Mutter, schuld an allem wär’ der Vormund, der nicht gewusst hat, was er damit anrichtet, wenn er den Waisenbuben so aufwachsen lasst. Und die Mutter hat g’hofft, sie könnt’ den Vater anders machen. Aber sie konnt’ ihm nit wehren, weil er jeden Tag angetrunken war und grob mit ihr. Und just wie du vier Jahr alt warst und ich sechse, hat uns das Gericht alles verkauft, den Bauernhof, das Wirtshaus, die Wiesen, die Felder und den Wald.“ Koja nickte; er erinnerte sich daran. „Und dann ist unser Wandern angegangen. Du weisst doch, dass der Vater als Bremser bei den Schotterzügen angestellt war, wo gerade eine neue Bahn gebaut worden ist; in Alt-Paka, droben in Böhmen, dann in Leobersdorf, dann in Gaming, im Österreichischen.“ — „Das weiss ich doch!“ warf Koja ein. — „Aber dann ist grad unser Grossonkel g’storben, der uns nie hat helfen mögen und den wir nie gesehen haben, weisst, der Onkel vom Vater, der die Neuda-Mühl’ g’habt hat. Und der Vater hat die Mühl’ bekommen und war wieder ein reicher Mann. Jetzt sind wir das zweite Jahr da. Der Vater hat eine Zeit lang gut getan, solang er nicht allerhand Freund’ gehabt hat, die ihn zum Kartenspiel ang’lernt haben, zum Jagen geh’n und zum Trinken. Und weil er mehr Geld ausgibt, als wir fürs Mahlen und Bretterschneiden, für Milch und Eier kriegen, hat er wieder Schulden gemacht, jetzt verlangen die Leut’ ihr Geld und haben den Vater verklagt. Gestern ist vom Gericht die Vorladung gekommen und zwei Advokatenbriefe. Die Mutter und ich haben gerechnet und gerechnet. Was wir haben, wird nicht langen; das Gericht wird uns die Mühl’ verkaufen und wir werden wieder arm sein. Und das hat ihm die Mutter gestern nacht g’sagt, weil er bös war, dass sie schon wieder verweinte Augen ghabt hat. — Er hat ihr die Schuld gegeben, sie hätt’ sollen besser haushalten. — Da hab’ ich ungefragt dreing’redt. Und was dann geschehen ist, das frag’ mich nit. — Die Mutter will nit haben, dass es laut wird. Und sie sagt, der Vater wird wieder so gut, als er eigentlich ist — wann er wieder arm sein wird und nimmer so viel trinkt.“ — Trotz allen Leides, von dem Koja jetzt erfahren, hatte er ein zages Frohgefühl in sich, das ihm aus den Augen sah: Er kam sich wichtiger vor als je; Agi hatte zum erstenmal mit ihm geredet wie mit einem Grossen. Er war nimmer der dumme Bub von gestern. Agis Wort: „Wir werden arm sein,“ hatte auf ihn wenig Eindruck gemacht. Das Armsein dachte er sich ungefähr so, wie das Leben in Altpaka, wo er so glücklich gewesen war mit der kleinen Julie, oder wie das Spielen in der Puhu-Hütte, wo das Bänklein wackelte und die Spinnweben in den Ecken hingen.
Schon im Dorfe Brunn gesellten sich andere Kinder zu den Geschwistern; sie schwatzten sorglos wie die Sperlinge. Und Koja wunderte sich, dass seine Schwester lächeln konnte, wenn die andern lachten. Und als sie vor dem Garten des Brunner Müllers stehen blieb, um dort die erblühten Herzchenblumene) zu bestaunen, nahm er sie bei der Hand und schaute in Andacht die seltsamen Blüten mit an, lauter rote Herzen an langem, schwanken Stengel niederhangend, die grossen zutiefst und dann immer das folgende kleiner als das vorhergehende.
In Pöchlarn nahm Roserls Mutter von Agi die Jacke an und versprach, über die Sache nicht weiter zu reden. Dann trug Agi die Briefe zur Post und jedem gab sie einen Augensegen mit auf den Weg, bevor sie ihn in den schwarzgelbenf) Kasten warf: der Mutter Worte sollten Wunder tun bei denen, die sie lesen würden. Auf dem Chor sang Koja mit Roserl aus demselben Notenblatt und zwischen den einzelnen Strophen des Messgesanges flüsterten sie miteinander vom Amerika-Spielen. Roserl versprach, nachmittags in die Neuda zu kommen. Agi suchte den Oberlehrer auf und erbat von ihm die Zusage, dass er Koja beim Vater nicht verklagen werde. Jetzt war ihr leichter. Nach der Messe traf Koja seine Kameraden vor dem Kirchentor, darunter einige arme Buben von Gollinger Kleinhäuslern, die sich mit Bogen und Pfeilen als Indianer einfinden wollten, um die Farm zu belagern. Auf dem Heimweg holte Herr Sigismund Sacht, der Branntweinschänker aus Krummnussbaum, mit seinem Steirer-Wägelchen die Geschwister ein, liess sie mit aufsitzen, und so fuhren sie unter lustigem Peitschenknall durch die sonnige Frühlingslandschaft dem Heim zu, auf dem ungewohnten Umweg über die Rechenbrücke, ober der sich das von der Erlaf angeschwemmte Holz staute, Scheiter und Baumstämme in wirrem Durcheinander. Und als sie über die primelübersäeten Wiesen dem Haus zugingen, meinte Koja unvermittelt: „Vielleicht wird’s nit so schlimm; vielleicht kommt’s ganz anders.“ — „Ja“, versetzte Agi, „vielleicht helfen noch einmal die Briefe der Mutter; und wenn nit, wird’s mit dem Vater besser, wenn er nimmer reich sein wird; er wird nit so viel Freund’ haben.“ —
Die bange Stimmung wich von den Kindern, als sie beim Mittagessen staunten, dass die Mutter freundlich war, als war’ nichts Ungut’s geschehen. Die Wunde unterm Aug’ hatte sie mit einem gelben Mehl bestäubt;g) der hässliche Schurf war verdeckt. Der Vater ass wenig und vermied es, seinem Weib ins Gesicht zu sehen. Er bereute, dass er sich so weit vergessen hatte — zum ersten Mal. Schon um zwei Uhr fand sich die Roserl ein; sie brachte Agi die Jacke zurück und schleppte sich mit einem Korb Geschirr und Esswaren ab zum Spielen in der Farm.
Von der Müllerin erbat sie sich einen Polster, von Koja zwei alte Hosenträger, dann fing sie den Kater ein, der sich ohne viel Sträubens darein fand, als Wickelkind eingeschnürt zu werden. Bald kam auch der Wieser Franzel mit dem Steininger Sepp. Die sollten als Trapper die Farm verteidigen helfen. Als Waffen trugen sie lange Stäbe, die sie mit Spagatschnüren wie Flinten umgehängt hatten. Der Zug ordnete sich zum Aufbruch. Agi blieb bei der Mutter zu Haus. Der Farmer Koja trug am linken Arm den Proviantkorb, wo zwischen Speck, Brot und Kaffeeflasche auch die geladene Kanone und die Pulvertüte verstaut war; in der Rechten hielt er ein kleines Küchenbeil, um damit durch die „Lianen“ des Urwaldes einen Pfad zu bahnen. Die Farmerin Roserl hielt aber mit mütterlicher Sorgfalt ihr Wickelkind im Arm, das mit grossen staunenden Augen in die Welt sah und manchmal einen unwilligen Laut von sich gab. Die Wandernden wichen dem leicht gangbaren Pfad im Weidenwald sorgfältig aus und Koja bahnte mit vielen Axthieben den Weg durchs ärgste Gestrüpp von Waldreben und Brombeeren.
In der Farm angekommen, legte Roserl das Wickelkind in einen Winkel auf Laub, dann baute sie vor der Hüttentüre aus Steinen einen Herd und fing an zu kochen, d. h. den mitgebrachten Kaffee im Blechtopf zu wärmen. Den zwar schon geräucherten Speck hängte sie auf einer grünen Rute in den Rauch. Die drei Männer aber begannen mit fieberhafter Hast den Bau der Palisaden, die vor der Farm einen Hofraum von zwei Schritten im Geviert einschliessen sollten. Das Bauholz musste wegen der Indianer mit grosser Umsicht vom Erlafufer herbeigetragen werden, wo manche der bei Hochwasser verschwemmten Scheiter im Ufergebüsch hangen geblieben waren. Zwischen starken Weidenstöcken, die in den Boden gerammt worden waren, wurden die Hölzer wagrecht aufeinander gelegt, so dass eine fast kniehoche Schutzwehr entstand, hinter der die Schützen in liegender Stellung gedeckt waren. Für die Kanone aber wurde durch Auftragen des Mulmsh) einiger Maulwurfshügel ein erhöhtes Fort geschaffen, von dem aus das Geschütz die ganze Prärie bestreichen sollte.
Kaum waren die Verteidigungsmassnahmen getroffen, als sich in der Lichtung schon ein Indianer zeigte, dessen Gesicht in seiner Rötel-, Russ- und Kreidebemalung ganz fürchterlich wirkte. Ein Zielen mit dem Stecken und ein geschrienes „Bumm“ wirkte wie der Schuss einer Riffle und der Späher fiel der Länge nach ins Gras. — Dann aber stürmte eine Schar von vier Rothäuten heran, stiess ein entsetzliches Kriegsgeheul aus, und schoss die Pfeile ab; Bum auf Bum, Fall auf Fall folgte. Zwei Indianer fielen. Mit Todesverachtung drangen die zwei Überlebenden zum Handgemenge vor, die hölzernen Tomahawks schwingend. Koja nahm mit seiner Kanone den vorderen aufs Korn, aber das Zündholz verbrannte ihm zwischen den Fingern, die Zündung versagte; beim Tragen war Pulver aus dem Zündloch gerieselt. Da holte er sich vom niedergebrannten Feuer ein glimmendes Holzstäbchen, neigte sich über die Kanone und bohrte die Glut ins Zündloch. Ein Knall erfolgte, dann ein Schrei; aber nicht der Indianer schrie, der tot hingestürzt war: nein der Farmer selber. Beide Hände hielt Koja sich vors Gesicht und jammerte: „I siach nix, i siach nix, i bin blind.“ — Da liessen die Trapper den zweiten Indianer los, der über die Palisaden eingedrungen war, die toten Rothäute draussen in der Prärie wurden lebendig, sie kamen in langen Sprüngen von der Lichtung herein, und alle umstanden anteilnehmend den jammernden Farmer.
Roserl zog ihm die Hände vom Gesicht. Er hatte die Augenlider krampfhaft geschlossen, die Wimpern und Brauen waren etwas versengt, das Gesicht von Russ. Pulverkörnern und Tränen versudelt. „So mach’ doch die Augen auf!“ schrie Roserl den Jammernden an. Er folgte und dann jubelte er auf: „I siach schon, i bin nit blind.“ Da holte der Wieser Franzel einen Hut voll Bachwasser und Frau Roserl wusch dem verwundeten Mann das Gesicht. Es gelang ihr aber nicht, alle Spuren des Schusses zu tilgen. „Dank du dem Herrgott, dass die Augen sich dir rechtzeitig zugemacht haben. — Hättest können blind sein für immer.“ In der allgemeinen Freude wurde Friede gemacht, die Indianer trugen dürres Holz herbei, dass das Feuer besser genährt werden konnte, die Farmerin verteilte Brot und Speck an alle Versöhnten und befreite ihren Säugling aus dem Wickel. Der Kaffeetopf ging von Mund zu Mund und das Farmerkind nahm teil am Friedensmahl. Und wo war die Kanone? — Die hatte mitsamt ihrer Lafette einen Sprung gemacht, niemand wusste wohin. — Alles Suchen nach ihr blieb vergebens. Sollte sie vielleicht einer der Indianer eingesteckt haben?
Die Sonne sank hinter der Gollinger Höh’ und die Spielgefährten zerstreuten sich.
Nach dem Abendmahl nahm Koja den Spagatverband von seiner Geige, schabte die vorgequollenen Leimklümpchen von den Rissen, stimmte die Saiten, spielte und sang sein Lieblingslied:
Herziges Schwesterlein, reich mir die Hand
Preis mit mir alles heut,
Was uns der Frühling beut,
Der wie ein König jetzt zieht durch das Land.
Fühlst du ums Angesicht fächeln den Wind?
Streicht er nicht warm und rein
Über den Blütenhain,
Wie einer Mutter hauch weht übers Kind?i)
Weiter kam er nicht, der Vater verlangte Einsicht in die Rechnungen; Agi legte ihm sorgfältig alles vor und zog den Bruder in den Ofenwinkel. Als der Müller neben seinem Weib sass und sich im Geschriebenen zurecht zu finden suchte, liess er die Pfeife ausgehen und merkte es nicht. Frau Maria redete leise auf ihn ein und er gab stille Antworten.
Im Ofenwinkel tuschelten Koja und Agi. Er schwelgte im Nacherleben überstandener Gefahr, und Agi schien ihm aufmerksam zuzuhören. Indes entging ihrem gespannten Gehör kein geflüstertes Wort, das drüben gesprochen wurde zwischen Mutter und Vater. Und aus dem, was sie erlauschte, schöpfte sie die Hoffnung, dass es vielleicht doch noch Möglichkeiten gäbe, das liebgewordene Haus zu retten.
Vom Haus der Sehnsucht
Der neue Oberlehrer Greil war ein Umstürzler, aber einer, der im Guten änderte, was zu ändern war. Seine hohe Gestalt, sein scharfgeschnittenes Gesicht, dessen männliche Zier ein mächtiger blonder Schnurrbart war, der klare, durchdringende Blick seiner blaugrauen Augen und insbesondere seine bestimmte, gewinnende Art zu sprechen, kennzeichneten ihn als einen, der da Macht hat. Mit ihm kam der Geist der Umgestaltung in die alte Pöchlarner Schule. Wohl übernahm er von Schönberger, der in erster Linie Organist und dann erst Lehrer gewesen war, den Chordienst in der Kirche, aber die Schule war ihm die Hauptsache. Die sollte nicht bloss Lernschule sein, sondern vor allem Arbeitsschule.
Mit der Oberklasse, die er führte, zog er am ersten Tage nach dem Unterricht in den von Nesseln und Disteln überwucherten Schulgarten und setzte sechzig Paar Hände in Bewegung, um den Garten von Unkraut zu säubern, das zu einem Komposthaufen zusammengetragen und mit Erde gedeckt wurde. Da hinein legte der Oberlehrer Gurkensamen.
Dann gab er den Kindern auf, die Strasse nach Ornding und die nach Krummnussbaum abzugehen, um alle absterbenden Alleebäume ausfindig zu machen. Die sollten im Laufe des Sommers entfernt werden, dann sollten sich je zwei Buben zum Ausheben der Baumgruben zusammenfinden, damit im Herbste die in der Baumschule zu dicht stehenden Wildlinge der Apfel-, Birn- und Zwetschgenbäume an ihre Stelle gesetzt werden könnten. Und die sollten später, sobald sie sich gut bewurzelt hätten, veredelt werden.
Um mit den häuslichen Verhältnissen seiner Schüler vertraut zu werden, gab er ihnen einen vorbereitungslosen Bericht auf: „Mein Heim“. Da sollte jedes Kind gemütlich hinschreiben, was es von der Lage und Beschaffenheit seiner Wohnung und von der Beschäftigung seiner Familienmitglieder zu sagen wusste. Koja machte den Aufsatz mit Agis Hilfe. Sie gingen mitsammen die Umgebung der Mühle ab und dann das Innere der Hofgebäude. Sie schauten alles so, als sähen sie es zum erstenmal. Mitten in den Text zeichnete Koja die Grundrisse der Gebäude, dann die vorbeiführenden Wege und dann, wie der Mühlbach von der Erlaf abzweigte und in weitem Bogen zu ihr zurückkehrte. So machte er den Oberlehrer auf die Neuda als Insel aufmerksam. Als der Junge die ersten Orchideen brachte, die er auf den Neudawiesen gesammelt hatte, kündigte der Oberlehrer den Schülern an, dass er sie bald auf die Neudainsel führen werde. Sie sollten anschaulich lernen, was eine Insel sei. Von der Lebensweise des Neudamüllers hatte der Oberlehrer keine Ahnung. Übrigens war darin eine Änderung zum Bessern eingetreten. Vater Lorent war mehr zu Hause denn je; er war fast immer nüchtern und machte den Eindruck eines gutmütigen Mannes, den etwas drückte. Daraus, dass ihm sein Gruss von Begegnenden kaum erwidert wurde und dass ihm zweimal nacheinander von alten Bekannten das Feuer für die Pfeife verweigert worden war, hatte er erkannt, dass von ihm in der Gegend übel geredet wurde. Dabei war es ihm nimmer möglich, im Wirtshaus Trost zu finden. Man gab ihm nichts mehr auf Borg. Es war schon ruchbar, dass seine Mühle auf die Trommel kommen sollte.a) Nur der Krämer Sigismund Sacht, der unweit der Krummnussbaumer Tonwarenfabrik seinen Laden hatte, grüsste den herabgekommenen Müller so gut nachbarlich wie einst, und wenn er zufällig mit ihm den gleichen Weg hatte, zeigte er volles Verständnis für seine Klagen über die ungünstig gewordenen Vermögensverhältnisse. Er lud ihn in seine Wohnung, nicht in den Laden, wo die Arbeiter ihren Schnaps tranken, und bewirtete ihn freundschaftlicherweise mit einem oder zwei Gläschen Altvater, der aus „herzstärkenden Gebirgskräutern“ bereitet war. Er suchte ihn damit zu trösten, dass der Verkauf des zur Mühle gehörigen Harlander Ackerlandes ihn herausreissen könnte oder des auf der Gollinger-Leiten liegenden Wiesenlandes, das früher oder später als Baugrund in Betracht käme. Dabei erfuhr er, an welche Gläubiger die Gründe verpfändet waren und für wie geringe Schuldbeträge. Und er stellte Lorent in Aussicht, er werde sich um Käufer umschauen, die weit höhere Beträge zahlen würden. Dem mitteilungsbedürftigen, vertrauensseligen Müller tat es wohl, dass er sich mit einem freundlichen Nachbar aussprechen konnte, noch dazu mit einem, der als Grundmakler und Vermittler von Darlehen geschäftskundig war.
Frau Maria nützte die Nüchternheit ihres Mannes aus; jetzt war er Vernunftgründen zugänglich. Er willigte ein, dass fortan von seiner Frau alle Bareinnahmen verwaltet wurden, die für Milch, Eier, Mehl und Holz einliefen. Und die verwendete sie sofort zu kleinen Abschlagszahlungen an verschiedene Gläubiger. Vielleicht war das Haus doch noch zu retten, wenn der gute Wille und eine gewisse Zahlungsfähigkeit erwiesen wurden. Auch war ja die Hilfe der Verwandten zu erwarten. Lorent änderte sich rascher, als seine Frau gehofft hatte. Weil sie ihm nichts nachtrug, war ihm, als wäre nichts geschehen. Leichthoffend gab er sich mit dem Anwesen Mühe, das ihm ja doch erhalten bleiben konnte. Er arbeitete sich täglich müde in Haus und Garten, ging früh zu Bett und stand früh auf. Er kümmerte sich um die Mühle wie um die Säge. Er verabschiedete einen Mühlknecht und einen Handlanger vom Sägewerk, die nach seines Weibes Meinung diebisch waren. Frau Maria war voll Zuversicht. Ihre Wunde verheilte, so dass nur eine Narbe blieb, die nach und nach verblasste; der Spiegel hörte auf, ihr die hässlichste Stunde ihres Lebens vorzuhalten. Die Anzeichen einer Wendung zum Bessern mehrten sich. Der Augensegen, den Agi den Briefen der Mutter auf den Weg mitgegeben hatte, schien seine Fernwirkung geübt zu haben. Der Postbote brachte wiederholt Bargeld von den Schuldnern; von der Grossmutter lief die Antwort ein, im Herbste, wenn die Zuckerrübenernte an die Fabriken abgegeben würde, könnte sie von der Verwandtschaft wohl ausgiebige Beträge zusammenerbitten. Bei der gerichtlichen Tagsatzung erklärten sich die Gläubiger bereit, von der sofortigen Einlösung ihrer Schuldscheine Abstand zu nehmen, wenn ihnen dafür Wechsel mit beschränkter Laufzeit eingehändigt würden. Es kam ein Übereinkommen zustande, das den Müllerleuten einige Monate Zeit liess. So war die Hilfsbereitschaft der Sonnleitner - Grossmutter für die Bekümmerten ein fester Grund geworden, aus dem die Hoffnung spross, dass ihnen Haus und Hof verblieb, dass sie nicht wieder bettelarm fort mussten in die Fremde.
Die liebe Frühlingssonne verwandelte den Obstgarten bei der Neudamühle in ein Paradies blütenreicher Kronen, im Hausgarten dufteten die Narzissen, die Tulpen und Kaiserkronen prangten in flammendem Rot und Gelb. Das junge Grün der Wiesen war bunt durchsetzt von goldigen Primeln, sattweissen Milchsternen, dunkelblauen Meersternen, glänzend gelben Hahnenfüssen, lilablauen Wiesenschaumkräutern und den weissen, rosig angehauchten Strahlenkörbchen der Massliebchen. Am schönsten aber waren jene Wiesen, wo die Blauträubchen vorherrschten. Und darüber gaukelten Schmetterlinge wie schwebende Blumen. Garten und Au widerhallten von den Paarungsliedern der Singvögel, der Hof vom Krähen des Hahns, vom Hühnergackern und Taubengurren. Und all dies Leben gehörte zur Neudamühle. Und die gehörte den Lorentischen. Agi und Koja wandelten in Entzücken. Des Mädchens Wangen röteten sich wie die zartrosigen Knospen des Friggadornsb) und ihre Augen glänzten in stiller Hoffnungsfülle. — Der Vater war zu seinen Gunsten verändert, die Mutter hatte gute Tage. Das liebe Heim mit den Kühen und Kälbern, den Pferden und Fohlen, den Hühnern und Kücken, den Enten und Gänsen und ihrem flaumigen Nachwuchs, all die von Vögeln umsungene Herrlichkkeit, die verloren geschienen hatte, sollte gerettet bleiben. Und Koja schwelgte in neuen, nie gekosteten Freuden: der Vater nahm ihn auf den Korn- und Mehlboden mit, wo es alte, buntbemalte Truhen und in den Winkeln allerlei Kram gab, Spanleuchter und Spinnräder, Fallen und Käfige; er liess sich von ihm den Schleifstein drehen, wenn er die Geräte schärfte, und liess von Koja Zureicherdienst tun, wenn er auf der Hanselbank neue Axt- und Hauenstiele schnitzte. Er liess den Jungen gewähren, als derselbe für die Roserl Puppenmöbel baute. Und abends schaute er mit Wohlgefallen Kojas Aufgaben an. Agi und Mutter waren glücklich.
Es war nach der Jausenzeit am letzten Sonntag im Mai. Die Mühle war wie ausgestorben. Die Dienstleute waren drüben in Marbach und Maria Taferl, Vater und Koja in der Au. Als Heimhüterinnen sassen Mutter und Agi beim Tischchen im Schatten der Hauslinde, beide mit dem Anstricken schadhafter Socken beschäftigt, die beim Durchsehen der reinen Wäsche ausgeschieden worden waren. Sie empfanden die Handarbeit nicht als Entheiligung des Sonntags. Agi las dabei, ohne im Stricken irre zu werden, mit dem höchsten Behagen inneren Erlebens den „Weihnachtsabend“ von Charles Dickens,c) den ihr eine der Oberlehrerstöchter geborgt hatte. Sie las halblaut im ruhigen Erzählerton. Was sie trotz ihrer Jugend daran fesselte, war die allmähliche Umwandlung des gefühllosen Selbstlings Mr. Scrooged) zu einem hilfsfreudigen Menschen. So fremd und zeitfern ihr die Geschichte war, Agi lebte sich hinein und lernte glauben, was sie wünschte: dass auch ein bejahrter Mann noch sein ganzes Wesen ändern könnte für alle Zukunft, wenn er im Grunde seiner Seele von einem guten Gedanken gepackt wurde. Sie dachte an den Vater. Auch Mutter Maria las, aber nicht im Buche, sondern im Gesichte ihrer Tochter, deren wechselndes Mienenspiel Mitleid und Mitfreude an den Ereignissen spiegelte. Und sie fühlte das Hoffen Agis mit; denn zwischen ihr und der Tochter bestand eine gegenseitige auf Gleichgestimmtheit beruhende Wahrnehmungsfähigkeit für das innere Erleben der anderen.
In der blütenübersäten Krone der Linde war ein lautes Summen von Bienen und Hummeln; es klang wie fernes, im Windesströmen an- und abschwellendes Klingen unzähliger Saiten. — Vom Flur her war das Zwitschern der Schwalben vernehmbar und vom Hofe herüber nur gedämpft das Gezänke der Sperlinge und die Stimmen des Hausgeflügels. — Da scholl vom Erlafsteg her Saitengetön, das einen zweistimmigen Sang begleitete. Mutter und Agi horchten auf. Aus dem Schatten der Au traten zwei hochaufgeschossene, dunkelhaarige Jünglinge. Barhäuptig schritten sie dahin wie zwei fröhliche Brüder. Der eine spielte im Gehen die Laute und beide sangen dazu ein munteres Lied, von dem weder Worte noch Melodie den Lauschenden bekannt waren. Als die Burschen näherkamen, verklang der Kehrreim der letzten Strophe: „Gelobet seist zu jeder Zeit, Frau Musika.“ —
Fröhlich grüssend traten sie an den Tisch und stellten sich der Müllerin vor als die Melker Studenten Hans Paul und Peter Urban. Freimütig erbaten sie sich eine Wegstärkung. Da brachte Mutter Maria einen irdenen Krug voll Milch aus dem Keller und legte Brotlaib, Löffel und Messer vor die Studenten: „Gesegn’ es euch Gott!“ — Als die beiden sich die bartlosen Lippen wischten und nach der Schuldigkeit fragten, bat die Müllerin „Singt uns etwas, eh’ ihr weiterzieht“. — Agis Augen gingen bittend von einem zum andern. Da flüsterte Hans Paul dem Kameraden die Frage zu: „Den roten Sarafan?“e) Urban nickte und schlug ein paar Akkorde an. Er sang die erste, der andere die zweite Stimme.
Näh nicht liebes Mütterlein
Am roten Sarafan;
Nutzlos wird die Arbeit sein,
Drum strenge dich nicht an.
Tochter setz dich nieder
An meiner Seite hier;
Jugend kehrt nicht wieder,
Wich sie einmal von dir.
Ich auch sang einst Lieder,
Lachte, tanzt’ und sprang;
Steif sind jetzt die Glieder,
Hinkend ist mein Gang.
An dem Sarafan zu näh’n,
Heisst mich Erinnerung;
Kann ich dich drin tanzen seh’n,
Fühl’ ich mich wieder jung.
„Jetzt aber eins vom Wandern,“ schlug Paul vor und sie sangen das Lied:
Ein Sträussel am Hute, den Stab in der Hand,
Muss ziehen der Wandrer von Lande zu Land.
Er zieht viele Strassen, er zieht manchen Ort,
:/: Doch fort muss er wieder, muss weiter fort. :/:
Wohl sieht er ein Häuschen am Wege da steh’n,
Umkränzet von Blumen und Trauben so schön.
Hier könnt’s ihm gefallen, er wünscht, es wär sein;
:/: Doch fort muss er wieder, die Welt aus und ein. :/:
Ein liebliches Mädchen, das redet ihn an:
„Sei freundlich willkommen, du Wandersmann!“
Sie sieht ihm ins Auge, er drückt ihr die Hand;
:/: Doch fort muss er wieder in ein anderes Land. :/:
Ermuntert vom Ausdruck andächtigen Entzückens in den Mienen der Lauschenden, sprach Urban: „Und jetzt, mein lieber Paul, singen wir dein neues, das noch in keinem Büchel steht; das Lied, das du mir zulieb gedichtet hast.“ Und sie sangen:
Kennst du mein Haus der Sehnsucht?
Es steht auf grünem Hang
In hellem Sonnenscheine,
Umklungen von Vogelsang.
Drin schaffen meine Lieben,
Ihr Boden ist wohlbestellt;
Es fehlt nicht an Blumen und Früchten
In ihrer schönen Welt.
Es zieht mich zum Haus meiner Sehnsucht
Wo immer ich schreiten mag;
Schon winkt dem Wandermüden
Der Wiedersehens-Tag!
Hast du kein Haus der Sehnsucht,
Dann bau’ im Geist daran.
Was du recht vorbedenkest,
Das wird einst recht getan.
Agi hatte mit angehaltenem Atem gelauscht und vom Gesichte Hans Pauls keinen Blick gewendet. Sie hatte ja noch nie einen Dichter gesehen; jetzt hatte sie einen vor Augen, einen wirklichen Dichter! — Wann hätte sie das zu hoffen gewagt?
Und so treuherzig schauten seine braunen Augen auf sie hernieder, dass sie den Mut fand, den Wunsch auszusprechen: „Bitte, singen Sie das Lied noch einmal, ich möcht’ es nachschreiben.“ Da taten ihr die beiden den Willen. Ja, Urban riss ein paar Blätter aus seinem Notizbuch, zog aus freier Hand rasch die Notenlinien und schrieb die Melodie auf samt dem Text. Agi war selig.
Als die beiden dankend Abschied nahmen, gab’s ein kräftig Händeschütteln und von beiden Seiten klang es aufrichtig und zuversichtlich: „Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!“
Und sie ahnten es nicht, wo und wie sie einander wiedersehen würden. Wer vermag in die Zukunft zu schauen?
Das Beste
Als die warme Zeit kam, wo die wilden Kirschbäume, die am Mühlbachufer standen, von Sperlingen, Kernbeissern und Kojas Spielkameraden nach Herzenslust geplündert wurden, da erreichte das Glück der Kinder den Höhepunkt: Im Mühlbach floss das klare Wasser kaum hüfttief über feinkörnigen Wellsand dahin. Mit lustigen Gefährten zu plätschern, einander zu necken, im durchsonnten Grase sich auszuwärmen oder sich warm zu laufen und dann in den Kronen der Kirschbäume zu stehen und zu schmausen — gab’s ein herrlicheres Leben für muntere Jungen, wie sie sich so gerne bei Koja einfanden?
An einem sonnigen Donnerstage unternahm der neue Oberlehrer mit den 60 Schülern der Oberklasse, welche die drei letzten Schuljahre umfasste, den versprochenen Ausflug in die Neuda. Hier zeigte er ihnen die Flussinsel, den Betrieb der Mühle und der Milchwirtschaft. Die ganze Schar badete mit viel Gejauchze und Gekirre im Mühlbach. Auf der gemähten Wiese vor der Puhuhütte lagerte das junge Volk und verzehrte seine mitgebrachten Jausenbrote. Die besten Kletterer durften in die Kronen der Wildkirschbäume hinauf. Sie warfen die Früchte mit vollen Händen unter die Kameraden. Es war ein Balgen und Streiten, ein Purzeln und Übereinanderrollen, dass der aufsichtsführende Unterlehrer schliesslich zum Singen antreten liess, um Unheil zu verhüten. Und bald ertönte, die Gemüter besänftigend, der Blumenwalzer:
Die Wiesenblumen, die sprachen:
Wir wollen tanzen einmal — Ha, ha, ha.
Die Freude woll’n wir uns machen
Im grünen Wiesensaal — Ha, ha, ha,
Das Bächlein sprach: ja Schritt für Schritt
Da hüpf’ und tanz’ ich auch noch mit;
Ich will die Blümlein haschen,
Die sich die Füsschen waschen — .........
Die erste wie die zweite Stimme hatten gleichen Anteil an der wundersam rhythmischen Bewegung des Liedes. Es fuhr den zwei Mägden in die Beine, die auf der Wiese nebenan mit Heuwenden beschäftigt waren. Sie fassten einander anmutig um Hüfte und Schulter und tanzten, dass die Röcke flogen.
Indessen sass unter der Hauslinde der Oberlehrer mit den Müllerleuten beim Oberskaffee.a) So eilig er’s hatte, die Schale zu leeren, um bald mit dem jüngeren Amtsbruder Platz zu tauschen, nahm er sich doch die Zeit, über Koja ausführlich zu sprechen. Agis Blicke hingen an dem länglichen, ausdrucksvollen Gesicht des Schulmannes, dessen Ausdrucksfähigkeit vom üppigen Schnurrbart und den buschigen Augenbrauen erhöht wurde. Seine stahlblauen Augen leuchteten, als er, dem Vater zugewandt, sagte: „Ihr Koja ist ein gottbegnadeter Bursch, ein Besonderer. Gesund an Seel’ und Leib, lebensfroh, kein Duckmäuser, kein Streber. Mir so lieb wie seinen Kameraden. Er nimmt am Unterricht mit jener Freudigkeit teil, die mir verbürgt, dass ihm das Lernen, das Einsichtgewinnen, das Blickfelderweitern ein ehrliches Bedürfnis ist. Der um ein Jahr ältere Busch-Edi und Koja sind die findigsten Schlussrechner, die besten Zeichner, sie sind die tüchtigsten im Aufsatz; nur in der Satz- und Wortanalyse steht Koja dem Edi nach. Man merkt, dass er das Deutsch noch nicht ganz erworben hat. Aber auf dem Kirchenchor geigt einer so gut wie der andere und wenn’s nötig ist, singt jeder von beiden mit gleichem selbstverständlichen Vertrauen zu sich ein Solo, dem die Leute unten mit angehaltenem Atem lauschen; und keiner scheint sich dessen bewusst zu sein, dass er im grossen Raum vor mehr als tausend Menschen seine Stimme erschallen lässt. Ich hab’ die Gepflogenheit, vor dem Einüben der Melodien den Kindern die Bedeutung der lateinischen Wörter zu erklären, damit der Vortrag durchs Verständnis gewinne. Beim Abfragen versagen die meisten, es scheint ihnen eine unnütze Lernarbeit zu sein. Edi und Koja versagen nie. Wie lange schon mögen die sich darnach gesehnt haben, die Bedeutung der mit soviel Aufwand musikalischer Kunst ausgestatteten Worte zu erfahren! Der kleine, sehr ernste, fast zu ernste Busch-Edi ist der gebor’ne Schulmeister; den sollten Sie sehen, wie der unter seinen Kameraden mehr durch den Blick als durch Worte Ordnung hält! — Über Kojas künftigen Beruf trau’ ich mir noch kein vorgreifendes Urteil zu. Noch ist er unausgegoren, neigt zum Träumen und Tändeln; auch ist er noch unbesonnen, reizbar und gerät leicht in Zorn. Aber das wird sich geben, wenn er in eine andere Umgebung kommt. Das Hänseln und Raufen ist Bubenbrauch. Geben sie ihn nach Melk ins Gymnasium. Studieren soll er. Ich weiss wohl, dass er auch am Basteln seine Freude hat und gewiss ein guter Handwerker würde. Aber als allseitig gut beanlagter Junge, soll er sich zu einem ganzen Menschen auswachsen zum Kopfwerker und Handwerker. Er soll erst dann, wenn er die gymnasiale Maturab) hinter sich hat, sich seinen Beruf wählen. Wenn ihm der Beruf nicht Last sein wird, sondern Lust, wird er Grosses leisten zum Nutzen vieler. — Ich hab’ mich hier auf der Neudainsel und in der Mühle gut umgesehen; auch die Puppenmöbel, die Koja gebaut hat, sind mir nicht entgangen. Inmitten einer reichen Natur und eines auf Arbeitsteilung beruhenden landwirtschaftlichen und gewerblichen Betriebes, unter dem Einfluss guter Eltern, deren Leben ihm ein Vorbild ist, lebt Koja hier in einem Optimum, d. h. in seinem Besten, unter besterfüllten Bedingungen seiner Entwicklung. Ich kann Sie nur beglückwünschen und Ihnen raten: Lassen Sie ihn studieren.“ Damit erhob sich der hochgewachsene Mann und eilte, ohne eine Entgegnung der Eltern abzuwarten, in langen, wippenden Schritten quer über die gemähte Wiese, um seinen Unterlehrer in der Aufsicht abzulösen.
Als längst das von sechs Geigen begleitete Marschlied der heimkehrenden Ausflügler in der Ferne verklungen war, sass Agi noch unter der Linde. Sie sann dem fremden Worte nach, das eine so grosse Bedeutung hatte. „Optimum“ lispelte sie in Andacht vor sich hin, als spräch’ sie eine Gebetformel aus. — Was war das Optimum? — Was war das Beste? — Das eigne Haus auf eignem Grund, darin verträgliche, arbeitsfrohe Menschen, mit ihnen in guter Gemeinschaft die wohlgehegten Haustiere; rund umher der blühende Garten, Wiese und Hain, der rieselnde Bach, die singenden Vögel, die bunten Falter und als liebe Gäste fröhliche Spielgenossen. Ja, ja, das war für den Bruder das Beste, das war sein Optimum.
Koja, der die Mitschüler bis zum Erlafsteg begleitet hatte, langte mit geröteten Wangen bei der Schwester an. „Schön war’s!“ Da umfing ihr Blick die Gestalt des Bruders und blieb an seinen ausdrucksvollen Augen haften. — Ja, der war ein Besonderer. — Sie kam sich neben ihm so unbedeutend vor, als wär’ alles rund herum nur da, um als Optimum zu dienen, dass dieser besondere Bub sich auswachse zu einem ganzen Menschen. Und er sollte zunächst Student werden wie Hans Paul und Peter Urban. —
Von Haus und Hof
Die Getreideernte war in der Scheune geborgen. Auf den Stoppelfeldern machten sich die Sternmieren breit; und zwerghafte Rittersporne, die jetzt erst zum Blühen kamen, trugen mehr Blüten als Blätter. Der Spätsommer war da, die Pflaumen wurden blau bereift, die Äpfel bekamen rote Backen. Und es ward Herbst. Da kam eines Tages ein Brief von der Grossmutter: Sie lag seit Wochen krank und konnte nicht schlafen vor Sorgen.
Ihr Wittuma) war verschuldet und ihre Erntehoffnungen hatten sich nicht erfüllt. Die Rüben waren missraten. Sie hatten zu wenig Zuckergehalt, die Fabriken zahlten dafür weniger als sonst. Jeder Bauer hatte sich verrechnet, die meisten hatten von den Fabriken zu hohe Vorschüsse genommen. Von den Verwandten war kein Geld zu erwarten.
Die Bestürzung der Müllerleute wurde zur Hoffnungslosigkeit: Noch in derselben Woche ergab das Gerichtsverfahren, dass der Agent Sigismund Sacht, den Vater Lorent in dummer Vertrauensseligkeit in alles eingeweiht, von sämtlichen Gläubigern die Schuldscheine und Wechsel erworben hatte. Nach unerbittlichem Wechselrecht führte er den Kauf der Neudainsel für eine Genossenschaft durch, die an der Stelle der alten Mühle eine grosse Seilfabrik mit modernem Turbinen-Antrieb errichten wollte. Wie selten ein Unglück allein kommt, so kam diesmal zum Verluste des Hauses der Verlust eines geliebten Menschen. Der Briefbote brachte ein Telegramm. Marie Sonnleitnerin, die gute Grossmutter, war in ihrem dreiundsiebzigsten Jahre gestorben. Und niemand von der Familie Lorent konnte zum Begräbnis fahren; wer hätte ihnen das Geld geborgt zur weiten Reise?
Mit einem Schlag war der Neudamüller ein Besitzloser geworden. Er verbrachte die Tage in stumpfer Ratlosigkeit. Nicht so die Mutter, nicht so Agi. Sie suchten für den Vater eine Anstellung. Sie fragten in der Krummnussbaumer Tonwarenfabrik an; dort war kein Kutscherposten frei; Hilfsarbeiter hatte man mehr als genug; und in der Töpferei brauchte man gelernte Gehilfen. Sie fragten in der Dampfsäge auf dem Rechen, sie fragten in Pöchlarn herum, ja sie wanderten zu Fuss drei Stunden weit nach Melk, wo sie hofften, dass der Vater als Kutscher oder Knecht im Brauhaus oder in der Meierei des Benediktiner-Stiftes unterkäme. Sie erreichten Versprechungen und Vormerkungen — bis ein Platz frei würde. Aber sie konnten nicht warten. In vier Wochen musste die Wohnung in der Mühle geräumt sein; die Wohnstube sollte das Schenkzimmer der Arbeiterkantine werden. Der Agent hatte schon die Oberstube im Hause bezogen und betrieb den Verkauf des Viehs, der Ackergeräte, der Vorräte von Holz und Mehl. Der Betrieb war eingestellt. Ein Dienstbote nach dem andern schied. Schon wimmelte es von fremden Arbeitern, die in der Au Bäume fällten, um für die Baracken Raum zu gewinnen, und Baumaterial herbeiführten. Wo der Mühlbach von der Erlaf abzweigte, wurde der Zufluss durch eine Pfostenschleuse abgeschlossen, das trockengelegte Bachbett wurde vertieft. Es musste auszementiert werden; der Betriebskanal für die Turbinen musste ja jederzeit gereinigt werden können.
Eine Woche vor Ablauf der Frist kehrte Mutter Maria mit Agi wieder von einem erfolglos gewesenen Gange heim. Zwei Stunden waren sie neben dem Geleise der Westbahn von Melk bis Pöchlarn gewandert und jetzt hatten sie noch eine Stunde zu gehen bis in die Neuda.
Müde und hoffnungslos setzten sie sich auf den Rand der Böschung vor dem Pöchlarner Bahnhof. Sie weinten beide; keine wusste der andern einen Trost. Sie sollten aus der Neudamühle übersiedeln und wussten nicht wohin. Sie sollten leben und wussten nicht wovon.
Von ihnen unbemerkt war ein Herr vor ihnen stehen geblieben. — „Guten Abend!“ —
Mutter und Tochter sahen auf; ging der Gruss sie an? Wortlos schauten sie auf den Fremden, dessen Gesicht unverhohlenes Mitempfinden zeigte. Er knöpfte seinen schwarzen Tuchrock bedächtig zu, strich mit beiden Händen den grau durchsetzten Kaiserbart vom glattrasierten Kinn, lüpfte noch einmal den Halbzylinder und wiederholte seinen Gruss: „Guten Abend.“ Frau Maria erhob sich und mit ihr Agi. — „Guten Abend! — ein Herr vom Gericht?“ — „Nein, ich bin der Baumeister Prokop aus Wien.“ — „Ich bin Maria Lorent, die ehemalige Besitzerin der Neudamühle.“ Sie sprach es lebhaft, ihr war der Gedanke gekommen, der freundliche Fremde könnte helfen. „Sie haben geweint?“ kam er ihr entgegen. Und nun fasste sich Frau Maria ein Herz und erzählte kurz und schlicht den Verlauf der letzten Ereignisse. Sie schilderte ihr vergebliches Suchen nach Arbeit für ihren Mann und erzählte, was der Oberlehrer über Kojas Begabung gesagt hatte. — „Ist Ihr Mann gesund und arbeitsfähig?“ forschte der Fremde weiter. „Ja!“ gab sie in steigendem Hoffen zurück. — Da zog der Baumeister einen Schlüssel aus der Tasche. „Kommen Sie mit mir.“ Gegenüber vom Bahnhof öffnete er die Tür im Bretterzaun, der einen sehr grossen Hof und ein stattliches Gebäude umschloss. Voranschreitend führte er die Beiden, erschloss erst die Haustüre und dann im Halbstock die Türe seiner Baukanzlei. Als sie Platz genommen hatten, begann er: „Das Gebäude hier ist jetzt unbenützt. Solange ich mit den Bahnhofbauten der neuen Bahn Pöchlarn—Kienberg—Gaming beschäftigt war, hatte ich hier meine Betriebsstelle und mein Absteigequartier. Jetzt beabsichtige ich, die Räume als Wohnungen ans Bahndienst-Personal zu vermieten. Ihren Mann bring’ ich als Lagerhaus-Arbeiter oder als Packer auf dem Pöchlarner Bahnhof unter. Das kann ich gleich morgen bei der Direktion durchsetzen. Man wird ihm wohlwollen, weil man etwas auf mich hält. Er kann Verschieber, Bremser, Kondukteur (Schaffner), er kann Zugführer, ja, wenn er sich bewährt, auch Revisor werden.“ — Mit offenem Munde lauschten Frau Maria und Agi, schon wollten sie danken; der Baumeister aber winkte ab: „Hören Sie weiter: Der Lohn Ihres Mannes wird anfangs gering sein; versteh’n Sie sich auf Nadelarbeit?“ — „Ja, ja, Wäsche!“ riefen Mutter und Tochter zugleich. — „Meine Frau wird Ihnen aus ihrem Bekanntenkreise Kunden verschaffen, die hier in der Nähe ihre Landsitze haben.“ — Er trat ans Fenster, durch das die Strahlen der sinkenden Sonne schräg einfielen. „Schauen Sie da hinunter, der weite Hof ist noch bedeckt mit den Resten des Bahnbau-Materials.“ — In dem eingeplankten Raum, der wohl vierzig Meter im Geviert haben mochte, lagen Reihen von kleinen, rostüberzogenen Rädern, die paarweise durch die Achsen verbunden waren, umgestürzte Draisinen,b) geschichtetes Gerüstholz, mit Eisenklammern verhängte Pfosten und angemoderte Bahnschwellen.c) — „Das Eisen wird dem nächsten Bahnbau vielleicht noch dienen. Aber das Holz geht zugrunde; bei der Billigkeit des neuen Werkholzes lohnt es sich mir nicht, mich mit der Verfrachtung und Verwertung des kaum mehr Brauchbaren abzugeben.
Wenn Sie hier wohnen, wird Ihnen ein Teil des Holzes zum Aufheizen zugesprochen; nicht nur Ihnen, sondern jeder Mietpartei; jede kann’s brauchen.
Ihnen und Ihrem Mann werden Feld- und Gartenbau. Geflügel- und Kleintierzucht zusagen; hier ist Boden und Raum genug. Nur müssen sich die Mieter vertragen. Ich gebe Ihnen im Oberstock das grosse Wohnzimmer und die geräumige Küche, von der eine Tür in andere Räume führt, die ich dem Zugführer Ratz zugesagt habe.“ Während er sprach, holte er einen Schlüssel aus einer Schreibtischlade. „Die Zwischentür wird abgesperrt und kann mit einem Schrank verstellt werden; der Mietzins beträgt vier Guldend) im Monat; den zahlen Sie mir später wie Sie können. Und einziehen können Sie, wann Sie wollen, schon morgen.“ Durch den Schleier hervorquellender Tränen schauten Agi und Mutter staunend auf den Baumeister, der so fürsorgend auch Nebensächliches mit bedachte. Aber statt allen Dankes sprach Frau Maria, indem sie sich erhob, langsam, jedes Wort erwägend: „Sie sind ein guter Mensch.“ — „Das hör’ ich von meiner Frau öfter,“ erwiderte er lächelnd. Beim Abschied überreichte Herr Prokop der Frau Maria drei Schlüssel. „Solange Sie allein hier wohnen, tragen Sie die Verantwortung fürs Haus. Sobald der Lampist Zimmerl in die untere Wohnung einzieht, übergeben Sie ihm den Haustorschlüssel. Und jetzt, Kopf hoch! Frau Lorent! vielleicht ist’s für Ihren Jungen ein Glück, dass er es miterlebt, wie Sie sich aus engen Verhältnissen herausarbeiten. Dabei lernt er mehr als aus Büchern. — Lassen Sie ihn als armen Studenten seine Laufbahn beginnen. Auch ich war ein mittelloser Student, der sich durch Stundengeben fortbringen musste; habe bei guten Menschen Freitisch gehabt. Und seit Jahren ist es meiner Frau und meine grösste Freude, täglich drei arme Studenten des nahen Mariahilfer-Gymnasiums bei Tische zu haben. — Wenn Ihr Koja nach Wien kommt, mag er mich aufsuchen. — Auch ich hab’ einen Sohn gehabt; und der ist mir zwei Wochen nach seiner Promotion zum Doktor gestorben.“ Mit kurzem Handdruck machte er dem Gespräch ein Ende.
Frau Maria und Agi traten mit gemischten Gefühlen den Heimweg an. — Ihrem Retter war sein einziger Sohn gestorben, als er das Ziel seiner langen Studien erreicht hatte. Und der Mann war nicht verbittert! Im Wohltun fand er seinen Trost. — Je weiter sie gingen, desto mehr schwand das fremde Geschick aus ihrem Bewusstsein und die Freude an der günstigen Wendung des eigenen beflügelte ihre Schritte; der Vater wurde wieder Eisenbahner und verdiente genug, um sich selbst zu erhalten! Und Mutter Maria traute sich’s zu, mit Agis Hilfe den Lebensunterhalt für sich und die Kinder zu erwerben. — Erst als sie sich dem verlorenen Heim näherten, spielte die Mutter wieder auf den Baumeister an. „Die Engel Gottes wohnen mitten unter uns Menschen; es sind die Gütigen; sie können niemand weinen sehen, ohne zu fragen: ‚Was fehlt dir? Wie könnt’ ich dir helfen von deinem Leid?‘“ — „Ein solcher Mensch wird auch Koja werden, wirst sehen Mutter,“ — das sprach Agi aus Überzeugung; ihre eigene Güte verlegte sie in die noch kindhaft selbstische Seele des Bruders.
Und wie jeder starke Gedanke auf seine Verwirklichung zuwirkt, so wurde Agis gute Meinung von Koja wesengestaltend für ihn. Sie stellte ja ihr ganzes Verhalten in den Dienst des Zielgedankens. — Ihr Wünschen, ihr Wollen, ihr Tun war eins. Darum war ihre Zuversicht eine unwiderstehliche Macht.
Im Prokop-Haus
Schon nach drei Tagen wurde Lorent zur bahnärztlichen Untersuchung vorgeladen und tags darauf trat er den Dienst an. Als ehemaliger Bremser hatte er wohl die Anwartschaft, wieder Fahrdienst zu machen, sobald eine Stelle frei würde, vorläufig fand er aber als Frachtenpacker Verwendung und bezog einen Monatsgehalt von dreissig Gulden. Mehr verdiente Mutter Maria durch ihre Näharbeit, bei der ihr Agi eifrig half. Sie erstand aus ihrem ersten Nählohn von einem Trödler in Melk eine stark abgenützte Nähmaschine, die zwar wegen der ausgewetzten Achsenlager beim Nähen grossen Lärm machte, aber immerhin brauchbar war. Bald kamen zu den Wiener Kunden, die ihr Prokop verschafft hatte, auch einheimische. Da war eine Bahnwärterfrau, die statt mit Geld mit Eiern und Ziegenmilch zahlte und dann die Frau des Kaufmanns Kainrath vom Pöchlarner Kirchenplatz, welche der Näherin Zucker, Kaffee, Feigenkaffee, Mehl und Fett gegen monatliche Verrechnung gab. Es war geradezu wunderbar, was Frau Maria alles auf Borg bekam, Kartoffel, Brot, Fleisch, alles.
Koja gewöhnte sich daran, beim Rasseln der Nähmaschine behaglich zu schlafen, wenn Mutter und Agi bis Mitternacht Postarbeit erledigten.
In dienstfreier Zeit beeilte sich Lorent, das innerhalb der Einzäunung ihm zugewiesene Stück Land von Holzstössen frei und urbar zu machen. Erst mähte er mit einer ausgeliehenen Sense das überständige Gras des ganzen grossen Platzes ab, um Heu zu haben für Kaninchen und Ziegen, die er sich wünschte. — Der leerstehende Pferdestall und der Schuppen, die in einem kleineren abgeplankten Hofe dem Hauptgebäude gegenüber standen, übten auf ihn starken Gebrauchsreiz aus. So wenig er sich Jahre hindurch um seinen grossen landwirtschaftlichen Eigenbesitz gekümmert hatte, so eifrig hing er jetzt dem Gedanken nach, sich da eine Kleintierzucht anzulegen, um den Lohn, der für drei Personen nicht zum Nötigsten langte, zu strecken. Bei der Arbeit hatte er so seine eigenen Gedanken. Er beneidete die beiden Bahnwächter oberhalb und unterhalb des Pöchlarner Bahnhofes, von denen der eine sich vier Ziegen hielt, der andere eine Kuh, und jeder von beiden ein paar Schweine, aber auch soviel Kaninchen und Geflügel, dass sie höchstens zur Abwechslung hie und da Rindfleisch zu kaufen brauchten. Dazu hatten sie den Bahngrund, der als Böschung und breiter Streifen die Geleise begleitete, um einen jährlichen Anerkennungszins von wenig Gulden gepachtet und hatten hohe Heuschober bei ihren Häuschen stehen, Heu genug bis weit über den Winter hinaus. — Aber bald schoberte auch Lorent sein erstes, selbstgemähtes Heu. Und was er in Dienstpausen fürs Gepäcktragen von Fahrgästen als „Trinkgeld“ bekam, legte er sorgfältig zusammen. Die Vorstellung, seinem Weib und den Kindern durch Einstellung einiger Hühner und einer Ziege eine freudige Überraschung zu bereiten, gab ihm die Kraft, dem einladenden Duft der Wirtsstube zu widerstehen; nur kein Bargeld verlieren, das sich so langsam, Sechserla) nach Sechserl, vermehrte. Genug daran, dass er ab und zu ein Glas Bier trank, das ihm ein Fahrgast einschenken liess. — Seit er die von Vorgängern stark übertragene, von Schweiss durchtränkte, mit Wagenschmiere und Pufferrost befleckte Eisenbahneruniform trug, war er ein anderer Mensch; er lebte in einer anderen Welt, deren Art er sich jetzt unmittelbar aneignete. Er war nicht mehr der jagende Bauer, der einst damit geprotzt hatte, seinen Hunden Frankfurter und Kalbsbraten auf Porzellantellern servieren zu lassen. Er bedankte sich beim Restaurationskellner, der ihn aufmerksam machte, ein Fahrgast habe sein bezahltes Gulyas und ein halbes Glas Bier im Stiche gelassen, weil ihn das Abfahrtszeichen in den Zug gesprengt hätte. Ein leidenschaftlicher Raucher, lugte Lorent mit Lampisten und Bremsern um die Wette nach Zigarrenstummeln aus, die auf dem Bahnsteig von Fahrgästen weggeworfen worden waren. Er hatte kein überflüssiges Geld auf ein Packel Tabak, das vier Kreuzer kostete; er sparte, um sobald als möglich eine Ziege kaufen zu können. Und wie dankbar war er dem Bahnwirt, der ihm für Botengänge ab und zu ein Schinkenbein zukommen liess, von dem sein Koja noch so schöne Fleischbrocken losschnitzeln konnte. — Dass Agi und Mutter es ungern litten, verstand er nicht. — Dass ihr Zartgefühl sich gegen die Entwürdigung wehrte, rügte er als Hochmut. — Das Wort „Bettelstolz“ bekamen sie von ihm öfters zu hören. Er steckte in einer von Wagenschmiere und Pufferrost befleckten Bremseruniform —, sie sassen bei ihrer Näharbeit in sauberen Kleidern. — Er nahm Trinkgelder, trank von andern stehen gelassenes Bier, klaubte Zigarrenreste auf — sie bezogen Waren und zahlten sie mit ihrer Hände Arbeit. — Er war im Handumdrehen ein armer Würdeloser geworden, der die Geldhaber grüsste, sein Weib war eine arbeitende Frau, vor der ein jeder den Hut zog, der Beamte, der Bürger, der Arbeiter. — Und Koja, der hochbegabte, der in diesem Herbst hätte ins Melker Gymnasium eintreten sollen, benagte die „Schinkenbeiner“ die der Vater heimgebracht hatte; und er tat es, weil seine Essgier stärker war als das noch schwache Gefühl für Würde und Selbstachtung.
Stundenlang konnte Vater Lorent ohne Unterbrechung, aber auch ohne Hast mit dem Spaten arbeiten, um das Rasenland grob zu schollern, damit der Winterfrost die Erdkrume zermürbe. Während er harmlose Gräser und Kräuter als Grün-Dung unter den gestürzten Schollen liess, klaubte er alle die weissen, langhinkriechenden Wurzelstöcke des Peiers,b) die als berüchtigtes Unkraut vielfach verbrannt werden, sorgfältig aus, liess sie von Koja waschen und übertrocknen, um sie als Kaninchenfutter zu verwenden. — Und noch ehe der Winter kam, hatte Lorent in einem Winkel des leerstehenden Pferdestalles drei meterlange Kisten aufeinandergestellt, mit schrägen, hohlgelegten Böden und mit Rahmentüren versehen, deren Angelbindung aus gefundenen und festgenagelten Lederstücken bestand. Dann hatte Koja die Rahmen mit rostigem Drahtgitter benagelt, das er aus dem alten Eisen im Schuppen hervorgekramt hatte. Und als eines Tages der Vater vom obern Bahnwächter, dem er beim Zimmern eines Schweinekobensc) geholfen hatte, drei halbwüchsige, weiss und schwarz gefleckte Kaninchen brachte, wusste Frau Maria nicht, wessen kindische Freude grösser war, die des Vaters oder die des Sohnes.
Aber auch Mutter und Agi sollten ihre Freude haben: Zwei Wochen später stellte Lorent, als er um elf Uhr nachts aus dem Dienste kam, einen Korb vor seine Frau neben die Nähmaschine. Als Mutter Maria den Deckel hob, streckte erst ein perlgraues Huhn den Kopf über den Rand und dann ein buntfarbiger Hahn, Verschlafen und vom Lampenlicht geblendet, blieben sie dumm sitzen und singelten fragend: „krrr? krrr? — Agi und Mutter hoben die Hühner heraus, nahmen sie auf den Schoss, streichelten und bewunderten ihr Gefieder und schauten in so unverhohlenem Glücksempfinden zum Vater auf, dass dem die Augen feucht wurden. Und sie lächelten nicht über seine Rührseligkeit. — Sie hatten jetzt Hühner! Hühner! Und die schweigsame Agi erging sich in Ausrufen: „Die Eier werden gespart! — Im Frühjahr haben wir Küchlein!“ — Die nun völlig wach gewordenen Hühner sprangen auf den Sessel, rekelten und streckten sich, prusteten das Gefieder auf, äugten mit schräg gesenktem Kopfe nach Brosamen. Plötzlich stellte sich der Hahn auf die Nähmaschine in den Lichtkreis der Lampe, machte sich hoch und liess ein tiefes Kokorokoo! hören. Und jetzt lachten sie alle drei. Im Hemde kam Koja aus dem Zimmer herüber und rieb sich die Augen. Dann haschte er den Hahn und trug ihn in der Küche herum. — Und im Gesicht des Vaters stand der Widerschein der Freude aller.
Als er am nächsten Tage schon zu Mittag aus dem Dienste kam, da er den Nachmittag frei hatte, brachte er seine schwarze Tasche voll Körner; es war Hafer, Gerste, Weizen, Mais, Unkrautsamen und viel Kehricht. — Er hatte es im Magazin zusammengefegt. Das konnte er öfter haben, das Hühnerfutter würde ihn nichts kosten.
Beim Schollern des künftigen Ackerbodens leisteten Hahn und Henne dem Vater Lorent treue Gefolgschaft; sie lauerten bei jedem Spatenstich auf die Regenwürmer, die zu Knäueln geballtd) in runden Erdlöchern schliefen, sie erspähten jeden Troadwurm,e) jeden kleinen Engerling, der in den Wurzeln der Gräser hing.
Die Nacht verbrachten die Hühner auf einer Querstange im Pferdestall, und beim Morgengrauen weckte der Hahn das ganze Haus. Indes bereitete der Vater seinem Weib und den Kindern eine noch grössere Freude: Schon hatte er zehn Gulden erspart; am Tage des ersten Schneefalls führte er eine weisse trächtige Ziege unbemerkt in den Hof und rief seine Lieben. Und sie kamen sogleich. Als Frau Maria die Ziege erblickte, fiel sie ihrem Manne um den Hals und küsste ihn. Es war das erstemal seit langer, langer Zeit. Dann hängte sich ihm Koja an den Hals; Agi aber hatte der Ziege einen Napf voll Wasser, dem sie ein wenig Mehl und Salz zugesetzt hatte, ins Gras gestellt und freute sich, wie dem Tier das „Trankerl“ schmeckte.
Wohl gab die Ziege nur mehr ein halbes Liter Milch täglich und musste bald keine mehr geben; denn sie hatte innef) und sollte zu Ostern werfeng); dann aber gab’s Milch im Überfluss.
Jetzt kamen neue Sorgen: Futterrüben mussten gekauft werden, Salz und Kleie zum Trank für die Ziege; auch die „Hasen“ mussten Körner und Rüben bekommen; vom Heu allein würden sie nicht fett. Und Vater Lorent bekam das alles auf Borg; er war ja ein fix Angestellter. Was dann am nächsten Ersten von seinem Lohne blieb, war wenig, aber Mutter und Agi verdienten ja dazu. Sie waren doch schon gesuchte Weissnäherinnen. Koja, dem das Lernen wenig Zeit nahm, war ein leidenschaftlicher Holzarbeiter geworden. Kaum zehn Jahre alt, bewältigte er das Zerkleinern der eichenen Schwellen.
Einen Keil trieb er neben dem andern ins teergetränkte Holz, schlug mit dem Helm der umgekehrten Hacke darauf, bis die langen Fasern knisternd nachgaben, versetzte dann die Keile und jubelte, wenn sich krachend ein Stück vom Ganzen löste. Wenn die Mutter ihn bei der Arbeit sah, gab sie Baumeister Prokop recht; es war für den Jungen gut, das Herausarbeiten aus drückenden Verhältnissen als ein Tätiger mitzuerleben. Und studieren sollte er. Im nächsten Herbst stand ja alles anders. Da gab’s Milch und Eier, Kaninchen und Zicklein, Feld- und Gartenernte und alles war besser: Der Vater war kein Trinker mehr.
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