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ALMA M. KARLIN • FERNE FRAU

ALMA M. KARLIN

Ferne Frau

Herausgeberin: Jerneja Jezernik

Nachwort: Jerneja Jezernik,

Dominique Bonsack

DRAVA


DRAVA VERLAG • ZALOŽBA DRAVA GMBH

9020 Klagenfurt/Celovec, Gabelsbergerstraße 5

Telefon +43(0)463 501099

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www.drava.at

Lektorat: Sebastian Minkner

Das Manuskript von „Ferne Frau“ wird in der National- und Universitätsbibliothek von Ljubljana aufbewahrt (Nachlass Ms 1872).

Copyright © dieser Ausgabe 2021 bei Drava Verlag

Klagenfurt/Celovec

Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten

ISBN 978-3-85435-957-9 (Print Ausgabe)

ISBN 978-3-85435-979-1 (Epub)

30. Juni 1934

Man sagt nicht umsonst: „Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus!“ Mein Schatten war klein, denn nur ein Brief warf ihn, und deshalb beachtete ich ihn nicht sonderlich. Es war ein sehr schöner Spätjunimorgen, als ich im Hause von Frau Professor S.[1] in Hamburg all die Blumen bewunderte, die mich an den Vortrag des vergangenen Abends erinnerten und über die die Morgensonne hinspielte. Meine Post lag daneben und wie immer las ich die Briefe Bekannter und Unbekannter und legte sie zur Beantwortung beiseite. Einer, der nach Cilli[2] gesandt und mir von Ort zu Ort nachgefahren war, stammte aus Wiesbaden und trug als Absender den Namen: Frank van Halen.[3] Ich öffnete und las ihn. Er zeichnete sich durch besondere Schönheit der Sprache aus und war in keiner Weise alltäglich. Es war eher der Ruf einer Seele über den Abgrund der Zeiten, als die kühle Bewunderung eines Lesers für den Verfasser. Selbst die Anrede war ungewöhnlich, sie lautete: Ferne Frau!

Mit ungewohntem Herzklopfen legte ich das Schreiben nieder, während es mir kalt über den Rücken ging. Ein alter Seelenbekannter, Freund oder Feind, doch war ich geneigt ersteres anzunehmen, trat neuerdings in mein Sein. Ich legte den Brief zu den übrigen. Er hatte mich sehr erfreut. Dennoch beantwortete ich ihn erst von Recklinghausen aus, und obgleich ich ganz nahe an Wiesbaden vorbeifahren sollte, sagte ich nichts davon. Etwas in mir warnte mich, eine persönliche Begegnung zu vermeiden. Vielleicht würde alles anders geworden sein, wenn ich der Stimme nicht gehorcht hätte …

Am 30. Juni 1934[4] verweilte ich bei lieben Freunden in Bergedorf bei Hamburg. Sie waren ebenfalls geheime Gegner des Hitlerregimes und wir verstanden uns gut. Von allem Anfang an war ich diesem System feind gewesen, weil es eine Beschränkung der persönlichen Freiheit, eine Knechtung des Geistes bedeutete und weil es aus einer Anzahl von sich entfaltenden Seelen eine tote Masse machte, die zu Kriegszwecken verwendet werden sollte. Dennoch bin ich mit der Absicht ins Reich gekommen, selbst zu schauen und zu prüfen. Ein System, das mir mit meiner internationalen Einstellung und meinem Drange nach Individualität nicht lag, mochte einem Volke, das derart an Disziplin gewöhnt war und diese auch liebte, das gerne mit den Waffen rasselte und jede Uniform verehrte, vollkommen liegen. Je länger ich indessen umherreiste, die Meinungen der Leute hörte und die Auswirkungen beobachtete, desto überzeugter wurde ich, daß diese Art der Volksgemeinschaft jede wahre Kunst, jede Blüte des Geistes ersticken und ein Land in eine Festung verwandeln musste, in der beinahe schon jeder Säugling Soldat war. Ich machte aus meiner Ansicht auch kein Hehl, selbst jenen gegenüber nicht, die begeistert waren, aber ich dachte mir zum Schluß ganz richtig: Ich bin Ausländerin[5] und als solche geht mich das Tun und Treiben des Dritten Reichs nichts an. Allerdings merkte ich die Folgen damals schon auf dem Büchermarkt, denn was den Lesern in immer größerem Maße vorgesetzt werden mußte, war Kinderpapp. Nach und nach wurden meine Bücher in den Parteibüchereien[6] verboten und die meisten meiner Werke blieben unveröffentlicht liegen. Sehr kühne Verleger brachten die unbedeutendsten davon heraus und nur der große Leserkreis verhinderte den vollen Mißerfolg. Ich aber hatte es mir zum Grundsatz gemacht, das Regime nicht öffentlich anzugreifen, so lange meine Bücher geduldet wurden. Allerdings erwartete ich immer mit großem Krach vom Markt zu fliegen. Daß es nicht geschah, blieb bis zuletzt ein Wunder für mich …

An jenem für viele Menschen so denkwürdigen Tag waren wir bei irgendeinem Volksfest und spät heimgekehrt. Ich hatte mich schon zurückgezogen, als meine Bekannte mich nochmals herausrief. Ihr Bruder war heimgekommen und hatte von der Ermordung Röhms berichtet.

„Vielleicht ist es das Ende des Regimes“, dachten wir beide. Es war indessen nur die erste blutige Frucht …

Am folgenden Tag gor es überall. Man erfuhr von der Ermordung vieler Menschen, unter anderem auch von der Generals von Schleichers und seiner Gattin, und ich beklagte sein Schicksal, nicht ahnend, daß der Tote in meinem Leben eine Rolle spielen werde. So wenig wußte ich von deutscher Politik im Allgemeinen, daß ich kaum die Namen der einzelnen Reichskanzler kannte. Nur der gute alte Hindenburg war mir eine vertraute Gestalt. Als man ihn gewählt hatte, dachte ich weit draußen in der Übersee:[7] „Nun hat das deutsche Volk einen rechtlichen Mann an der Spitze!“ Und ich freute mich darüber.

In Godesberg saß ich auf dem Stuhl, auf dem Hitler angeblich gesessen hatte, ehe er zu der ersten seiner vielen Bluttaten schritt. Meine Abneigung wuchs. Da ich aber Gott sei Dank nicht unter ihm zu leben brauchte, entschloß ich mich, nur so lange er lebte, nicht wieder ins Reich zu kommen. Ich sah seinen Sturz voraus, nur nahm ich an, daß er viel, viel früher erfolgen würde …

Ich kehrte in mein Land zurück[8] und auf dem Pfad meines Lebens lag nur der kleine Schatten eines Briefes, der mit den Jahren ins Riesenhafte wuchs …

BRIEFE

Der erste wurde mir entwendet, hier sind die folgenden.

Wiesbaden, Sonnenbergerstraße 11,[9] 4. (?) 1934

Ob mein Dankesgruß die Frau an den Gestaden der Stadt der fließenden Wasser erreicht? – Ich war dankbar für das Erlebnis eines Menschen (Ihrer Hingabe an sich selbst und die Welt), dankbarer bin ich noch für den Brief, der heute zu mir fand, erste tatsächliche Brücke zu einem (vielleicht?) Wesensverwandten und erstes Tasten nach Jahren der Abgeschlossenheit und seelischer Dürre.

Mein Leben ist lärmerfüllt und alle Tage kommt der Briefträger (schien es Ihnen nicht auch wichtig, unentbehrlich und lächerlich zugleich?) mit einem Stoß Post und – nach einer halben Stunde bist du wieder allein und alles schließt sich zusammen wie eine Wand von Glas. –

Gewiss sind gute Gedanken „Segnungen“, wenn wir nicht selbst den Sperrkreis bilden. Für Ihr Gedenken, Alma M. Karlin, ist er aufgehoben, und es findet stets zu mir. Letzte Ereignisse (30.VI.)[10] verschieben meine Ausreise (höhere Gewalt) und ich … warte. Daß Sie mir so nahe waren, während ich Sie weitab suchte! Hätte Wiesbaden Sie doch für einen Tag festhalten können! Zu dem Finden „zweier Gnaden“ sage ich nichts, denn wir wandeln uns und schreiten fort und nichts ist so zerbrechlich als der Augenblick! Aber ich freue mich – egozentrischer Mensch, der ich bin – denn dann ist uns doch anscheinend ein Stück Weges eine Gnade verheißen und dafür leben wir. Mein bester und segnender Wunsch: Mögen sich die Dinge und die andere Seele mit Ihnen weiterentwickeln. Denn nichts anderes ist der Garant für menschliche Bindung: Entwickelt Euch an-und-für-einander!

Teilen Sie mir, bitte, mit, wann die „Stadt der fließenden Wasser“[11] erscheint. Heimatadresse bleibt Wiesbaden, auch wenn ich fort bin, was momentan schwierig erscheint, da jeder Reiseverkehr über See unterbunden wird. Für ihre liebe Frage, von wo ich abfahre, besten Dank, wenn, dann von Marseille nach Algier, von da nach Timbuktu, Sudan. Wenn nicht (das liegt bei den Göttern des Devisen- und Passamts), wird mein Weg bestimmt nach Cilli führen, weil ich es dann will. Und eine Stunde werden Sie Ihre leichtfertige Anfrage bereuen müssen. – Darf er? (…)

Alma M. Karlin, es widerstrebt alles andere als Anrede, drum nenne ich sie: liebe Frau vom Gestade der fließenden Wasser! Meine Gedanken sind um Sie, halten fern und ziehen herbei. Ich denke in Dingen des Lebens (was man so nennt) real und billige daher dem Denken Realität zu. Mein Gedenken soll Ihnen fernhalten: Dezentralisation, Zersplitterung und Vergeudung Ihres Selbst. Es mag sein, daß es Ihnen zur Zeit innerlich an nichts fehlt und dennoch werde ich den Gedanken nicht los, daß Sie etwas heftig bekämpfen, daß Ihr Wesen zersplittert. Vielleicht auch nur ein Reflex Ihrer Werke, in denen Sie dauernd in der Kampfstellung verharren. – Sie wünschen mir Frieden – das Beste, das ein Mensch mir wünschen kann. Wünschen Sie ihn mir, weil Sie fühlen, daß ich Frieden bin oder weil Sie ihn auch nicht fanden? Und er so auch für Sie, Nomadin ihrer Selbst, nur das Letzte, Erstrebenswerteste bedeutet. Sie meinen doch mit Frieden das „Drüberstehen“ in jeder Hinsicht? Das Gut-sein-können ohne Egoismus, das nachsichtige Urteil und das Besserwissen, ohne Recht behalten zu wollen?!

Wie schade, daß Sie hier durchgefahren sind und ich Ihnen die Lokomotive nicht ausspannen konnte! Für ein paar Stunden, gerade ich fand stets, daß mir die Stunden am Kilometerstein zwischen zwei Städten so viel Wertvolles brachten, Rückschauen und Erwarten, stille Besinnlichkeit vor dem Neuerleben.

Grüßen Sie Heidelberg von mir und wenn Sie daran denken, legen Sie dem Wind, der heute aus Süden weht, ein paar Grüße auf den Flügel.

Ihr neues Werk, ein Wagnis, denn solche Zeiträume und solches Denken verlangt einen vom Bestehenden gelösten Geist. Sie werden es aber schaffen! Ich glaube an Sie und an Ihr Werk.

Von Herzen sind meine Gedanken um Sie, mögen Sie Ihnen Kraft, innere Froheit (ein wenig schönes Wort, aber alles andere ist verbraucht) und das Wissen bringen: daß es Menschen gibt, die durch Sie sich selbst erleben, beinahe das Schönste, das man erreichen kann.

Mögen Ihnen die fließenden Wasser das zutragen: Wellen von Dank und dem Fühlen, daß Sie Freude machten

Ihrem Frank van Halen

Im ersten Brief hat er mir mitgeteilt, daß er beabsichtigte, nach Afrika auszuwandern und daß ihn meine Bücher[12] in die Tiefen der Urwälder, in die Stille der Wüste begleiten würden. Der kurze Hinweis auf den 30. Juni[13] ließ mich ahnen, daß er ein Gegner des Regimes und entschlossen war, sich ihm zu entziehen. Er machte mir den unbekannten Schreiber umso sympathischer …

Wiesbaden, 26. 8. 1934

Der lieben Frauen!

Briefe, die aus einer Stimmung wie der meinen heraus entstehen, vertragen keine Antwort! Ich schreibe nicht, weil ich Antwort erwarte, sondern ich schreibe in den Raum, wie ich in ein Mikrofon spreche, zum Unbekannten, zum dennoch Bekannten, und es befriedigt mich zu wissen, daß es dennoch irgendwie aufgefangen wird.

Seit Monaten erlebe ich eine Wandlung von einem Abschnitt zum anderen, vollkommen losgelöst von allen Menschen, die auch nur an der Peripherie meines Lebens entlangglitten, und verkapselt gegen meinen Zustrom. Also ein Zustand, der dem Ihren entsprach auf der östlichen Seite der Kugel. Eine Situation, die sich nur erhellen lässt, wenn man feststellt, daß mein Tod nur den Behörden auffallen würde. Sonst niemandem, denn wenn er eintreten würde, wäre es wahrscheinlich der Bäcker, der am Liegenbleiben der Brötchen mein erfolgtes „Ausscheiden“ als juristische Person konstatieren würde. Kennen Sie Peter Mendelssohns (ich sah ihn mal in Berlin, 20-jährig, gescheit, aber zu verwickelt in allerlei Banalitäten) Paris über mir?[14] Der einzige Deutsche außer Otto Flake,[15] der eine annähernd denkbare Formulierung des Geistes diesseits und jenseits des Rheins findet. Ich bin mütterlicherseits französisch, väterlicherseits deutsch,[16] in Straßburg, der Stadt romanischer Kultur und deutscher Bauernregeln geboren, also deshalb besonders interessiert. Woraus sich ergibt, daß ich mich als Angehöriger zweier Rassen fühle, eine Spaltung zu verbergen suche, und daher dem Luxemburger Otto Flake nahestehe. Wenn ich „das Maß aller Dinge und Maß an sich“ finden will, bin ich Bürger von Paris, wenn ich die beginnende Zersetzung des Individualismus, das moderne Leben und „Zivilisation“ (Konservenmusik, Tempo und Massen studieren will), lebe ich in Deutschland. Also eigentlich gehöre ich momentan nach Paris, bleibe aber hier, verbunden dem Traditionslosen dieser Badestadt, die mich nicht stört und mir nichts „zu lösen“ aufgibt. Kurgast und dadurch geschützt vor Bindungen jeder Art, ein Kurgast hat keine Pflichten und erscheint und verschwindet. (Dem inneren Prozeß und der Lage nach habe ich Afrika verschoben, denn ich wäre nicht in der Lage, notwendige Einsamkeiten zu ertragen. Die Harmonie fehlt mir, die notwendig ist zum Schlafen unter einem endlosen Wüstenhimmel, sowie die ruhige Hand zum Abschluß täglicher Mahlzeit.) – Zwischendurch bin ich von Mainz bis Rotterdam mit einem Rheinfrachtenkahn gefahren, Tage der Sonne, des Drecks und der Feststellung, daß von Holland der einzige Platz die „Boomscher“ in Rotterdam sind, der mich interessieren kann, weil nämlich da Schiffe liegen, Möglichkeiten also zur Flucht vor sich selbst. Außerdem denke ich an Lehrjahre in Argentinien, am Ende und doch am Anfang. Am Ende meiner Position als geachteter Bürger, am Anfang meiner Selbst. Ich begrüßte da die Werra, die mich einst durch die Biskaya stampfte. –

Arbeiten dementsprechend. Artikel über Gott und die Welt (man müßte sagen Weltattrappe), außerdem schreibe ich ein Buch: Die Schaukel[17], was grundverschieden vom Bisherigen ist.

Ein guter Begleiter meines Inneren Menschen war Ihr Buch (Salomoninseln und Japan wesentlich), dann die Windlichter des Todes.[18] Was für ein wunderbarer Titel!! –

Dieser Brief entstand so: Es ist Abend, draußen wunderbar, auf der Terrasse vor meinem Zimmer schwimmt der Mond in jener seltsamen Weiße. Mein Schreibtisch ist ein Gewirr von Blättern, Korrekturen und Abzügen, von Briefen längst verwehter Menschen, darunter einer, in dem meine geschiedene, wiederverheiratete Frau[19] sich wundert, daß ich noch lebe. In Berlin erzählte man sich, ich sei in Südamerika gestorben. Im Übrigen ändert das nichts an ihren Gefühlen, sie interessiert sich eben nur …

Drollig so ein Gefühl, den Leuten, die einen nun glücklich tot glauben, wieder durch Dennoch-Existenz lästig zu fallen. Im Übrigen passiert mir das schon zum dritten Mal, das man mich totsagt. (…)

Ich bin nun im Allgemeinen nicht zu sensitiv, aber plötzlich hatte ich das Gefühl des „Hinter mir steht einer“ (man gewöhnt sich an alles) und ich hörte: Schreib Alma M. Karlin, du mußt an sie schreiben, hörst du?! So schrieb ich dann, denn Herr van Halen II., mein eigenes Ich, das sich selbst kontrolliert, hatte das Gefühl, daß es nötig sei. Und da Halen II. stets weiß, was Halen I. tun sollte, ist sein Befehl ausgeführt. Ich verkehre schon so lange so mit mir, daß mich mein altes Ego nicht schreckt, wenn es neben mir sitzt (manchmal ist er mir so nah, daß ich ihm einen Whisky anbieten möchte). Also Halen II., der Kontrollgeist, sah eine Auslösung in Richtung „Celje“ für notwendig an. Darum schreibe ich!

Wenn man die Selbsttitulation „Armer kleiner Hund“ nicht mehr als Mitleid, sondern als Konstatierung empfindet, können Sie ermessen, daß Sie weit draußen nicht einsamer waren. Denn Halen II. nennt Halen I. einen armen kleinen Hund, aber ohne Spur von Mitleid, denn das kennt keiner von beiden „Ichs“. Ich darf nicht vergessen zu erwähnen, daß ich nicht weltschmerzlich bin, dazu bin ich zu alt und noch nicht vergreist, dazu bin ich zu jung. Ich stehe dazwischen oder analog: auf der Schaukel. Wenn ich eines Tages hinunterfalle, werde ich gleich auf dem Boden sitzen bleiben, die Beine kreuzen und Nabel-Beschauen! Hoffentlich! (…) Jetzt wird noch ein schöner Abendgang folgen zur Bahn, und wir werden uns (mein besseres Ich und mein müdes Ich) eingestehen, daß die Vollmondnacht überirdisch schön ist, werden uns das eingestehen, ohne uns zu schämen, in einer Zeit wie 1934 von Mond und so etwas zu reden, der doch längst Schlagerrequisit geworden. Wir können (wenn´s keiner merkt) noch „ergriffen“ sein im hellenischen Sinn, ergriffen sein aber ist, wenn die Umwelt es merkt, eine Taktlosigkeit …

Letzthin las ich: Hölle im Hirn (Van Gogh). Bleibender Eindruck. Und immer wieder Kipling, Confessiones Augustine, ein paar altargentinische Märchen, Karlin, zwei florentinische Chroniken, ein gar seltsamer Lebensablauf eines Gottsuchers (eine Monographie eines Mönchs von 1380).

Gerade schlägt die Uhr. Gerade so, wie es zu den unangenehmsten Gefühlen für mich gehört, in einem fremden Zimmer warten zu müssen, in dem eine Uhr tickt, gehört ein Uhrenschlag, den man von Kind auf kennt, zu den wenigen Dingen, die Connex herstellen von der Welt zur Erinnerung und von mir zur Welt.

Morgen früh erwartet mich meine Arbeit, die mich verlangt. Ich danke Ihnen, daß Sie so ruhig zugehört haben, Alma M. Karin, und ich zu Ihnen kommen durfte für eine Stunde. Denn während ich schrieb, hat mich der „Kontrollgeist“ verlassen, und Sie, die fremde, doch so gut gekannte Frau, sind zur Zuhörerin geworden. Ja, mehr als das! Haben Sie etwa heute Abend an mich gedacht? Ich hatte so ein Gefühl. Über mir spielte jemand von Claude Debussy Das Meer, jetzt verstummt er und alles ist still.

Die guten Geister seien um Sie!

Ihr Frank van Halen

Es ist gut, daß ein Halen den anderen aufforderte, diese Zeilen zu schreiben, denn sie zeigen heute, wie eine Seele, die bestimmt schien, dem Licht zuzufliegen – ein Falter mit leuchtenden Flügeln – durch die Unfähigkeit, die tiefverborgenen Schatten zu überwinden, erdwärts flatterten, in den Staub geriet und als häßliche Raupe enden mußte …

Beim Durchlesen dieser Briefe beschleicht mich Trauer, daß all mein Streben dieses Ende zu verhindern nicht imstande war.

Die letzte Erlösung kann eben immer nur aus sich selbst heraus erfolgen.

Kurhaus Schnepfenthal, im Thüringer Wald, Ostern 1935

Ferne Frau!

In doppeltem Sinne fern, weil auf meinen letzten Brief kein Lebenszeichen kam, in dem ich schilderte, wie sehr mir im Halbdunkel meiner Garage Ihre Zeilen Licht bedeuteten, daß ich froher von morgens bis abends bin und meine Sehnsucht den Zügen in der Nacht nachläuft, deren Lichterketten in der Ferne vorüberziehen.

Ostern findet mich im Thüringer Wald, ein paar Tage entflohen dem Gelärm und Dreck meiner täglich zu waschenden und pflegebedürftigen Autos fremder Leute.

Ostern findet mich im Wald, herrlichen Balkon vor meinem Zimmer und schweigender Blick über Berghänge, von denen die fernsten in einem sehnsüchtigen Blau sich an den Horizont schmiegen. Wozu Ihnen, ferne und unendlich nahe Frau, den Frühling schildern – wir erleben ihn ja intensiv.

Ihr esoterisches Märchen ist zutreffend, aber was hilft es, Parodie oder Komödie, gegen brutalste Tatsache. Ich schrieb Ihnen, viele viele Seiten von meinen Träumen, von meiner Sehnsucht, über blumenerfüllte Märkte zu gehen und schrieb Ihnen, daß es Träume bleiben müssen. Dank für die offene Tür, deren Schwelle ich wohl nie (?) überschreiten darf. Allein das Bewußtsein, in der freien Ferne ein Heim (!) wissen zu dürfen, ist schon Frieden.

Abgebrochen alle Beziehungen, sind Ihre Briefe, Märchenerzählerin, mir eine unendliche Freude und ein Band zu einer Welt, mit der mich alle meine besten Gedanken verbinden. Neben den harten Tatsachen schmutziger Kotflügel und reparierter Autos bleibt mir keine Stunde zum Schaffen, außer diesen wenigen gestohlenen Tagen hier, bis zum Herbst letzter Halt. Seit Wochen greife ich heute zum ersten Mal zu Papier und Feder. Man ist glücklich, daß man noch dazu kommt! Ferne Frau, heute lockt mich die Sonne, dem Wind mich zu überlassen und glücklich zu sein, Einzelfloß auf dem weiten Meer menschlicher Bindungen. Hart ist es einsam zu sein, nicht weil man es sein muß, sondern weil man es sein will, Resultat der Erlebnisse und der eigenen Seelenerkenntnis, aber Stunden wundervollster Kraft und ungebrochener Freude am Dasein erlebt man zutiefst nur allein, ferne Freundin, Märchenerzählerin und Hort und Hüterin meiner besten Stunden, für heute recht, recht, recht frohe Ostern. Frühlingsgeister über Ihnen und alle guten Wünschen segeln von mir, auf den Silberrändern zarter Wolken zu Ihnen. Ein Gebet im Wald zwischen Bäumen und singenden Gräsern für Sie, gebetet heute in früher Morgenstunde, wird Ihnen, lange bevor dieser Brief in Ihre Hände gelangt, zum Segen sein. Und das macht uns zu Menschen, daß der Flug der Gebete schneller ist als jede Post – Segnung einer im Übrigen zweifelhaften Zivilisation. Das Lied, das mir der Wald sang, sang er auch für Sie: Sei glücklich und freue dich.

Es denkt an Sie

Ihr Frank van Halen

Warum wäscht der Schriftsteller – denn das scheint er zu sein – die schmutzigen Kraftwagen fremder Leute? Schwebt auch über ihm, wie über so vielen, die dunkle Hand der Staatspolizei? Ich ahnte es, las es zwischen den Zeilen seiner Briefe und wurde deshalb zur „Märchenerzählerin“, weil ich in einem esoterischen Gewand[20] vom kommenden Sturm und vom Sturz des Dritten Reichs sprach …

Kurhaus Schnepfenthal, im Thüringer Wald, Ostern 1935

Ferne Frau!

Heute, ein trostloser Regentag, lenkt meine Gedanken zu Ihnen in ein wärmeres bunteres Land. Wie es oft geht im Leben, daß leere Tage kommen, die sich nicht erfüllen lassen mit allem guten Willen, die leer an sich bleiben, vielleicht Reservoire neuer Kraft. Und dann ist das Beste, was man aus solchen Tagen gestalten kann, die Gedankenbrutecke zu einem fernen anderen! Irgendwie sind Sie mir an solchen Tagen gegenwärtig (es gibt in einem Buch von Ihnen Ihr Bild im japanischen Kimono), irgendwie geduckt unter der Brutalität des Lebens und wie eine Pflanze ohne Sonne. An das Bild denke ich auch heute. Der Tag ist nicht verändert, Regen, Regen, grau in grau. Von meinem Platz aus sehe ich das schwarze regennaße Band einer Straße sich in der Ferne verlieren.

Tage sind verflossen. Heute kam Ihr lieber Frühlingssonnenbrief. Übermorgen fahre ich noch zu einem väterlichen Freund hier in Thüringen, der sich vor drei Jahren, der Staatsgeschäfte müde, als Minister zurückzog und heute (unbeschadet seiner diplomatischen Laufbahn) eine wunderbare gütige Weisheit in sich trägt. Er hat auf seinem Gut den Abschluß eines ganz erfüllten Lebens eingeleitet und wird eines Tages als letzter seines Stammes still überlegen lächelnd von dannen gehen. – Also immerhin ein paar Tage, die reich und wertvoll werden und erfüllt sein werden von einer großen Ruhe und einem tiefen Einverständnis mit allem Geschehen im Kosmos. Dann werde ich wohl wieder nach Düren gehen, obwohl mir ein traumhaftes verstecktes Jagdhaus als Wohnsitz dienen sollte, wo ich ganz mich einspinnen könnte.

Die Versuchung dazu ist zu groß, aber gibt es nicht Zeiten in unserem Leben, wo wir im Stofflichen verbleiben müssen, wo ein Sich-Nachgeben Schwäche ist? Und so werde ich um der seelischen Zucht willen mich wieder in Düren mit der spröden Materie abgeben, reich und gespannt von diesen drei Wochen in gewohnter und ersehnter Sphäre. Auch von Ihnen, fernste und unerreichbare Hüterin meiner weichsten (!) und darum nicht schlechtesten Gedanken, wird oft und viel die Rede sein. Und mein Freund, ein Sechziger und Inbegriff eines kulturgesättigten Individualisten, wird Ihre Wege gehen und Ihnen nachspüren, Ihrem Erleben, das Sie beschreiben, Ihrer Seele, von der Sie nichts schreiben. – Mein Leben ist nicht frei von Komplikationen, aber erschüttert stehe ich vor der Tatsache, daß sich Menschen um mich quälen, daß Menschen an mir zerbrechen, und es rührt mich nicht, es interessiert mich nicht. – Dieser Zustand des Desinteressiertseins an anderer Leute Tragödien, deren Urheber ich sein soll, ist neu und weckt das Gefühl des „außerhalb der Arena“ Stehens und kühle Überlegenheit in sich fühlen, ist ein so gesundheitsfördernder Zustand. Es ist ein zauberhafter Zustand, eine Stelle Erde zu wissen: Sie, wo man Ruhe finden könnte, durch das Verstehen, und dieser Erdenfleck bleibt unerreichbar. (…) Heute Nachmittag gehe ich nach Friedrichroda, am Weg gepflückt grüßt Sie ein Stück nordischen Frühlings. Und das wird zugleich mein Abschied von den stillen Wiesen und den vertrauten Linien am Horizont sein. Es wird sein wie ein Faschingskostüm vom Vorjahr, wenn ich wieder in meine Maske des modernen Menschen schlüpfe, sehr kaltschnäuzig und seelisch sehr verschlossen und betont ruhig, denn meine Gedanken, die zu Ihnen hinüberspinnen, sind eine so labile Welt, eine so private Sache zwischen uns, daß sie eigentlich mein Wesen sind und doch nicht zu dem Maskenwesen 1935 zu gehören scheinen. Vereinbaren lassen sich beide nicht. Und der Mensch, der hinter diesen Zeilen steht, gehört Ihnen ganz, der Mann, der hinter seinen Autos und vor seinem Erlebten, vor seiner Vergangenheit steht, gehört sich selbst. Ich möchte es nennen: Der Geistige in Schmierstiefeln oder die Abneigung des Aristokraten gegen das Massengrab! Im Sommer gehe ich nun bestimmt an den Starenberger See und dann zum Winter miete ich mir ein Häuschen in den Bergen, irgendwo, Schwarzwald oder Voralpen. Und arbeite, basierend auf den Ergebnissen der Garagenfrohn des Sommers, an mir, für mich und für den Geist an sich, denn man arbeitet, weil man muss, innerlich stets für sich, nie will man für andere. – Ich werde dann bei Ihnen um Kochrezepte einkommen, dann in einer Hand den Kochlöffel, in der anderen den Füllfederhalter, auf dem Haupt die Hörner, die mir das Leben aufsetzte, unter dem rechten Arm eins Ihrer Bücher und im Sinn ein Zitat aus dem Götz von Berlichingen, werde ich mein Leben fristen. Träumerei, verbunden mit Kartoffelschalen, Arbeit an Manuskripten, umatmet von klappernden Fenstern und nicht brennenden feuchtem Holzfeuerqualm. Und dem höchsten Gebot gehorchend: Kein Individualist sein! Allerdings kann ich jederzeit beweisen, daß ein wahres Einarbeiten in die Materie: Masse mangels Umgang mit Menschen illusorisch bleiben wird. – Seit ich die Menschen kenne, liebe ich Tiere!

Sie werden eines kommenden Tages entgeistert sein, wenn Ihnen meine glatte und den Forderungen von 1935 angepasste menschliche Fassade gegenübersteht. Aber wenn ich auch „Schneideranzüge“ trage statt „Fahrtenblusen“, an der Stelle, wo ich für andere die Brieftasche trage, habe ich für Sie mein Herz, das will sagen, dort ist der Sitz meiner Stellungnahme gegen Sie. Ich kann einmal Menschen, die ihr „Ichsein“ durch unaufgebügelte Hosen und wehende Schlipse dokumentieren, nicht leiden. –

So, Gegenpol einer unwahrscheinlichen Wechselbeziehung im Gedanklichen, ich gehe von Ihnen, für heute. –

Nehmen Sie die Ironie und den scharfen Zug um die Lippen, den ich heute habe, fort und sehen Sie nach, was bleibt! Manchmal gehen Gräser und Lieder durch die Luft und man hört sie ohne zu zeigen, daß man sie hört. Ein Briefumschlag liegt bei, nicht als „Aufforderung zum Tanz“, sondern aus Gründen interner Art.

Aber auch ein Skeptiker kann beten. Und mein Gebet lautete heute: Froh soll meine ferne Freundin sein, und in allen Stunden behütet von wohlwollenden und gütigen Geistern. Ihr Fuß soll leicht sein und Ihre Gedanken gut, reich und befreiend. Wie sagt man:

Talofa.

Frank van Halen

Düren, 12.5.1935

Ferne –

Indem ich dies Wort schreibe, fällt mir der Gleichklang in seiner Bedeutung als Substantiv und als Adjektiv auf. Ferne (unbekannte, verschwimmende, rätselhafte, weiche und lockende) und Sie – Alma M. Karlin? Thüringer Tage liegen hinter mir. Bis zum ersten Juni bin ich wieder oder noch hier. Ein Verleger wurde Mensch, honorierte mich … und starb nicht daran. Dies ist der Grund, warum ich nun von 1.6.–1.10. ein kleines Sommerhaus suche, irgendwo in Thüringen oder Bayern, um zu arbeiten und meinen Roman zu vollenden. Titel: Die Wendung.[21] Untertitel: Ein Roman diesseits und jenseits des Rheins. Mentalitätserfassung. Was machen die Gestade der fließenden Wasser? Hier in Düren lebt man hinter dem Mond und hört nichts von der Welt, die uns interessiert. Von Schnepfenthal schrieb ich Ostern zwei Briefe, dies nur zur Feststellung des Erhaltens. Momentan, Alma, sind Sie in der Krankenhausstube eines Freundes zu Gast, der nach schwerem Unfall mit Brüchen monatelang festliegt. Er liegt und träumt mit Ihnen Ihre Bücher durch. Das Dankbarkeitsgefühl, das er Ihnen weiß, muß Ihnen alle guten Geister nahebringen. (…) Die Thüringer Tage haben das gehalten, was sie versprachen, waren wunderschön. Abseits vom Leben, aber nicht kraftfüllend für das Leben, sondern suchend und sich vergrabend ins Künstlerisch-Schöne, ins Vollendete. Aber die tiefe Harmonie, die zwischen Baum, Haus, Tier, Mensch und mir herrschte, war Erlebnis. Auch in das Haus nahm ich den Gedanken an Sie mit, Fernste, und unter vielen fremden Dächern finden Sie mit mir Gastfreundschaft bei Gleichgesinnten, die Sie lieben um Ihrer Bücher willen. Wie alt, glauben Sie, daß der Mann hinter diesen Briefen ist (oder schrieb ich es Ihnen?)? Ich hörte einmal ein herrliches Wort: „Wenn er alles weiß, hört er auf, neugierig zu sein.“ Für heute verlasse ich Sie und gebe Ihnen ein Wort mit, das ich fand: „Bin eine Flamme, die windgewiegt, lodert und leuchtet und bald versiegt!“

Unselige Flamme, die lieber verbrannte als leuchtete und die erstickt wurde!

Die meisten Menschen sind unverbesserliche Frager. Sie erinnern mich an die Termiten der Tropen, die auch entschlossen sind, sich rücksichtslos durch alles durchzubeißen. Es gehört nicht zu meinen Gepflogenheiten, persönliche Fragen an Menschen zu stellen, die mir nicht sehr nahe sind, und selbst da vermeide ich es, Dinge zu streifen, die zum Herzenseigentum eines anderen gehören. Aus diesem Grunde fragte ich Frank van Halen nicht, warum seine Briefe an „Hans Joachim Bonsack“ gehen sollten und ich fragte ihn nicht nach seinem Alter. Männer sind in diesem Punkt nicht weniger empfindlich als Frauen und da wir nicht in China leben, nahm ich an, daß er es kaum als Schmeichelei empfinden würde, wenn ich ihm schrieb: „Sie sind wie achtzig!“

Auch eine Tugend kann zum Fehler werden. Ich hätte dennoch nach seinem Alter fragen sollen … Ich vermute einen alten, vom Leben zermürbten Mann und gab mich damit zufrieden.

Sonntag, den 19.5.1935

Statt des erhofften, ersehnten Frühlings Regen, Kühle, Regen. Mein Plan von vor acht Tagen, ein Haus zu suchen, scheiterte im letzten Augenblick (ich hatte etwas bei Friedrichroda) am Widerstand eines der Besitzer. Mein Pech. Wenn ich meinen Paß hätte, daran ist aber gar nicht zu denken, würde ich vor Ihnen stehen. Brioni oder Capri, Dalmatien oder Gardasee würde dann die Frage lauten. – Ich erinnere mich, in Dornach (Schweiz) beim Besuch vom Goetheanum[22] (anthroposophisches Zentrum) eine Amerikanerin gesprochen zu haben (viel gereist, sie hatte einen Sohn als Professor in Beirut, eine Tochter in Shanghai, eine andere in New York verheiratet). Diese heimatlose Kosmopolitin, 60-jährig, sagte zu mir auf die Frage, wo ihr Zuhause sei: „Nicht in Beirut, nicht in New York, sondern in mir.“ Ich versuche dieses Wort einer Weisen ins Reale zu deuten und erkenne den Nonsens der fernen Ansicht, wenn man glaubt, dort das Erträumte zu finden. Zweite Frage: Was ist das Erträumte, sind wir in der Lage, den Begriff zu fixieren? Woher kommt diese merkwürdige Angst, die uns hinter dem Leben herlaufen läßt wie hinter einer davonfahrenden Elektrischen? Dieses „im Morgen leben“, was ich auch in Ihren Büchern finde. Warum können wir den gegenwärtigen Augenblick und Zustand nicht als wertvoller und wichtiger ansehen als das Morgen? Merkwürdiger Zustand zu wissen, daß das Leben der Güter „wichtigstes“ nicht ist und uns doch nach ihm die Seele aus dem Hals zu rennen. Soll ich Ihnen noch etwas sagen? Ja? Na, dann los! Ich habe das Gefühl, daß um den 26. April etwas um Sie vorgeht. Entweder sind Sie überarbeitet, haben Sorgen von außen her oder stehen in einer schweren Krise. Stimmt das? Ich will nichts wissen von Ihnen, nur ob Ihr Weg tatsächlich, wie ich es im Gefühl habe, recht steinig ist zur Zeit? Liegen Sie im Kampf mit einem neuen Stoff? Sie schrieben mir im Oktober, ich solle die Daumen halten für zwei Ihrer Seelenkinder, die zum Verleger unterwegs seien. Was ist aus ihnen geworden? Wie schnell der Mensch vergisst, merke ich an mir. Die Zeit vor dem 10. Februar ist versunken, scheint mir ein Alb, nie gewesen. Unsere Korrespondenz basiert auf dem Labilsten, was es gibt, dem Gedanken. Kennen wir mehr voneinander als Gedanken? Nein. Keine Erinnerungen gemeinsamen Erlebnisses, gemeinsamen Schauens, nichts. Und doch ist diese Brücke die reichste Möglichkeit. Von mir kann ich Ihnen etwas Persönliches berichten. Groteske des Alltags. Ullstein bot mir eine kleine Stelle im Lektorat. Groteske der Seele. Ich würde dort mit einem „Kollegen“ zusammen am selben Schreibtisch sitzen, der meine Frau durch mich kennen lernte und jetzt der Mann meiner geschiedenen Frau ist![23] Ich denke mir die Situation psychologisch eine Fundgrube, nur bin ich zu sehr Intuitionsmensch, um nicht gelegentlich seine Frau, meine Frau anzurufen, um ihr dann mitzuteilen, sie solle die Bratkartoffeln heißstellen, Männi habe zu arbeiten und käme später, wonach ich dann zu ihm sagen würde: Verehrtester, Sie machen jetzt Schluß, Ihre, meine Gewesene, unsere Frau, erwartet Sie.“ Vielleicht hat Ullstein etwas anderes für mich. Soviel vom Alltag, der bei mir zum ersten Mal ein humoristisches Gesicht zeigt, nicht ohne diabolische Züge.

Wieder nach etlichen Stunden: Die Wolken, der Regen sind fort, Sonne ist es, die mich mahnt, Ihnen mitzuteilen, daß meine Stimmung nicht mehr so zersetzend ist, wie die letzten zwei Wochen.

Irgendwann sang der Wind

in Ried und weichen Gräsern,

durch die er wehend zog

ein leises sachtes Lied.

Wie ein Segel spannte sich die Wolke

von dem Kirchturm schlug es zehn,

und von Ferne hallten Stimmen: Schnitter,

die nach Hause gehen.

Tiefgebettet in die sonnenwarme Matte

lag ich, hörte Stimmen in mir sprechen,

duldsam, weich und ganz erfüllt von Güte.

Sonnenfäden spinnen – leise raunt der Wind.

Langsam sinkt die Nacht und das Vergessen.

Ruhevoll und ganz entlastet schläft die Erde,

nur der Wind singt noch in vielen Gräsern,

wehend, raunend noch sein zages, sachtes Lied.

So viel vom Wind und seinen Eigenschaften. Mein Vater[24] selig, alter Militär, nicht ohne drastischen Humor, würde sagen: Was soll das arme Luder, der Wind, denn anderes tun als wehen und raunen?

Ich arbeite neben dem großen Roman an einer kleinen Novelle. Es „passiert“ nichts drin, aber es ist besinnlich zum Verzweifeln, Mann, Ende der Dreißig, Wanderer seit zehn Jahren um diesen Erdball, trifft nach dieser Spanne Zeit die Frau seines Lebens wieder. Der Titel heißt: Wiedersehen mit einer Illusion.[25] Zwischen Rio und Bremerhaven setzt er sich ohne sie zu sprechen, ohne zu wissen, ob sie ihn erkannt hat, mit seiner Illusion auseinander. Die Frau ist dabei ganz nebensächlich. Wichtig ist die Frage, ob die letzten zehn Jahre, in denen bei ihm hinter allen Dingen der Gedanke an die Frau stand, nicht eine Utopie darstellen. Weiter nichts. So viel von Liebe.

Nun verlasse ich Sie, in wenigen Tagen fahre ich für zwei Tage nach Frankfurt, bleibe dann noch bis zum 1. voraussichtlich hier. Was dann kommt? Vielleicht Ullstein? Früher nannte ich die Ullstein Zeitungen „Intelligenzblätter für den geistigen Mittelstand“, heute, wenn er mein Brötchenreicher – Brotgeber ist zu viel gesagt – wird, muß ich diese Ansicht revidieren. Da, mit dem Augenblick meines Eintritts dort, hebt sich das Niveau auch entsprechend! (…) Irgendwelche Kobolde mit ironischer Abstammung und Großmütter (nicht arischer)[26] spielen in den Winkeln meines Gehirns Fußball mit Komplexresten. Das äußert sich dann so. Mein Scheidungsrichter sagte, „daß ihr die Ehe mit dem zersetzenden Typus des Kosmopoliten nicht mehr zugemutet werden kann, ihr als ostelbischer Grandentochter“.[27] Dabei war der Richter Jude. Ich erwähne das nur, um meine Ungenießbarkeit darzutun, die im Grunde Weichheit ist, Sehnsucht nach guten Worten. Addio, ferne Frau, lassen Sie den Wind, die Wolken und das Wasser Ihnen das sagen, was ich Ihnen nicht sagen kann. Der Mensch ist das Produkt seiner Komplexe. Ein anderes Mal. Meine besten Gedanken sind um Sie und in das tägliche ungesprochene Gebet, das jeder Mensch seinem Gott schuldig sein muß, schließe ich Sie ein.

Ihr Frank van Halen

Zwischen diesem Brief und dem nächsten lag ein kurzes Schreiben, in dem er mich bat, ihm eine Einladung zu schicken, die er der Behörde vorlegen könne. Vielleicht würde man ihm dann doch einen Paß geben, die Ausreise gestatten. Ob er kurze Zeit bei mir wohnen könne?

Ich teilte ihm mit, daß ich ihm für einige Wochen mein Weingartenhäuschen zur Verfügung stellen würde, daß er sich indessen alle Sachen allein machen müsse, da ich im Römerhaus in der Stadt wohne und wir keine Hilfe hatten. Auch den gewünschten Brief mit der Einladung schickte ich, obschon mit eigentümlichem Widerstreben, ab. Ich fand seine Briefe wunderschön – beinahe zu schön – aber es war mir klar geworden, daß Frank van Halen ein Mensch sein mußte, mit dem es sich nur schwer leben ließ. Da ich indessen sofort erraten hatte, daß er (was auch angedeutet worden war) einige Monate hindurch seine Freiheit eingebüßt hatte, schrieb ich den gewünschten Brief für die Behörden und legte ihn bei. Viele Wochen vergingen, dann traf neuerdings eine Nachricht ein.

Rittergut Hajnrode, 24.7.1935

Liebe ferne Freundin!

Lang liegt mein letzter Brief – gegenstandslose Anfrage meines Hinkommens und nunmehr längst aufgegebener Traum – zurück! Nichts mehr weiß ich von Ihnen.

Von mir ist zu berichten, daß ich Düren verließ und hier im Thüringischen meine kurzen Tage arbeitsam verbringe, am Roman feilend und kleine Stimmungen erlebend.

Ist es nicht unsagbar schwer während des Prozeßes der inneren Produktion Brücken zu anderen bauen zu wollen, – und doch ist meine innere Vereinsamung manchmal selbst auf der Warte kühler Ironie so groß, daß ich ihrer müde bin.

Dennoch kämpft der Ritter weiter mit geschloßenem Visier und man erkennt ihn nur am Banner und an seiner Farbe.

Liebe Ferne, lieber Geist, denn ich bejahe, mir ist wie einem Kind, das Märchen hören möchte und doch nicht mehr daran glaubt. Märchen um der Märchen willen, nicht um des Glaubens willen. Alma M. Karlin, ist die Feststellung, daß man selbst keine Märchen mehr erzählen kann, eine traurige?

Ich höre nichts von Ihnen, kenne keine Ihrer neuen Sachen. Bereits erschienen? Wo?

Es genügt ein kurzer Kartengruß, zu wissen, daß Sie da sind, daß Sie nicht in einer Krisis stehen, daß ich keine Sorge um Sie haben muß.

Neulich war ich in Helgoland, nach einer Fahrt durch Norddeutschland; daß Hamburg auch mir schwere Stunden brachte, mit seiner Atmosphäre von Übersee, war vorauszusehen. –

Abend wird es langsam, ruhelose Gedanken jagen mich noch immer umher, müde bin ich und sehr rastlos.

Alma M. Karlin, ein Lebenszeichen von Ihnen wäre mir eventuell Anstoß und sicher tiefe, ganz große Freude.

Haben Sie, ferne Freundin, ein paar Zeilen für mich?

Vielleicht ist es gar nicht die Müdigkeit an sich, die so zermürbt, sondern daß wir instinktmäßig ganz genau fühlen, wie groß die Disharmonie zwischen dem Unendlichen und unserem Innern ist. Ihnen gegenüber verschwand heute der fremde Zug um den Mund und nur Ihnen gegenüber bin ich offen genug einzugestehen, daß Einsamkeiten, früher leicht getragen, heute Belastungen darstellen von kraftraubender Schwere.

Chère, freue dich und sei stark!!

Ihr Frank van Halen

Forsthaus Marienthal, Eichsfeld, Post Großbodungen, 31. 7. 1935

Liebe, sehr ironische und sehr ferne Freundin!

Heute kam, unendliche Freude und guter Beginn eines sonst trostlosen Tages, in meine Waldeinsamkeit Ihr Brief. Ich habe die „gelbe Brücke“[28] nicht erreicht, obwohl der Weg dahin manchmal mir von Sekundenlänge ist. Der letzte Brief von Ihnen kam im Mai nach Düren, das nur zur Konstatierung der Tatsache, seither nichts. – Schweigen, ahnungsvolles Schweigen. Für die Einladung tausend innigen Dank, ich wäre gekommen, keine herrlicheren Gedanken gab es, aber der Versuch dazu wurde trotz zweimaliger Bitte abgelehnt – auf lange Sicht. Bleiben wir räumlich getrennt, um gedanklich desto näher. Ihr Schaffen ist mir Versprechen für viele stille abendliche Stunden, wenn nichts mehr zu hören ist, hier oben, als der nächtliche Wind, der in den Wipfeln und Gipfeln pflügt. –

Sie, liebe Ketzerin, schreiben für die vielen Stillen im Lande. Menschen, denen es keine Mühe macht, über ihrem Sternschnuppendasein Horizonte um die Zeit 9500 vor Christi zu spannen und ewige Wahr- und Weisheiten als das „Aktuellste“ zu sehen, was man sich denken kann.[29]

Stehen doch immer noch die Sterne am Firmament und trägt uns noch derselbe Boden, der jene trug, und scheitert der menschliche geistige Enderfolg der Vollendung immer noch an denselben Kleinheiten und Begrenzungen. Seit Jahrtausenden scheuern sich gewiße Menschengruppen immer wieder die Nerven wund und krank an stets denselben Reibflächen.

Zu meinem Fenster hinauf lächelt das Land, ewige Wolken ziehen vorüber und ich könnte ruhig und zufrieden sein. Meine Arbeit schreitet rüstig fort, gute Sterne leuchten über mir, aber in mir ist eine große Sehnsucht, ein Wunschtraum, der mir alle Stunden erfüllt: Eine Stunde mit Ihrer Seele reden, Ferne, und mal etwas, nur einen Zipfel dessen verspüren, was man geistiges Heimfinden nennen könnte. Vielleicht aber gehört gerade diese unerfüllbare und unerfüllte Sehnsucht zum Schaffensakt, wenn er sich ins Positive wenden soll.

Unendlich viele Stunden habe ich seit Mai in stiller Frage und Antwort mit Ihnen verbracht, unendlich viel kleine gute Geister haben sich auf den Weg zu Ihnen gemacht, Ferne, und haben Sie umflattert.

Im Winter sehen Sie mich bei Ullstein sitzen, sechs Monate Fron und doch disziplinierte Arbeit, die den Rahmen zum Weiterbauen gibt. Also bald träumt der Wald hier ohne mich und ostwärts wende ich meinen Schritt, zurück ins Zeitgeschehen, mitmahlend an der Mühle des Alltags. Bis dahin wird Die Wendung fertig sein.

Durch unendliche Räume und Zimmer werde ich treiben, moderne Silhouette eines Menschen von 1935, gewappnet mit Ironie, Herzenskühle und Konvention.

Verschollen wird der Traum vom Wald hier sein und in wenigen wehen und andrerseits kraftvollen Stunden werde ich meinem fernen Brennpunkt die Gedanken schreiben, die mich in lichterfüllten, abendlichen Winterstraßen erfüllen und beim Betrachten sehr leerer Gesichter über Abendkleid und Frack.

Ferne Freundin, lassen Sie mich ab und an die Sterne ahnen, die Häuserschluchten mir verdecken, und wenn ich auch ironisch werde – überhören Sie es, es ist nichts als Selbstschutz.

Gerade gestern Abend las ich Ihre Zeilen – oder vielmehr Ihre Zwischen-den-Zeilen, über Japan. Armes, müdes und doch vielleicht glücklicheres Herz, das sich durch acht Jahre – waren es nicht acht Jahrtausende, treiben lassen mußte, um in der Arbeit das zu finden, was irgendwie wenigstens ruhiger macht.

Steht doch über jener japanischen Zeit ein Schattenprofil, dessen markante Linie in Ihren Reflektionen wiederkehrt.

Alma M. Karlin, ferne Freundin, Sie scheinen mir vergleichbar mit jenem Berbermädchen, das mir in Figuig[30] begegnete, mir Wasser gab, als ich vor Durst umkam, mir eine Wunde wusch, die glühte, wie ein schlechtes Gewissen, dann sagte: „Je retourne“ mit jenem gutturalen Akzent der Kolonialen, sich wandte und gegen den Horizont verschwand, einsamer Mensch in weiter Einsamkeit, lebendes Wesen, einzigartig und in seiner Form nie wiederkehrend, gleichzeitig Sandkorn des Kosmos.

Sie geben mir zu denken, Sie sich selbst fressende Flamme, Sie unnachsichtiger Dompteur Ihrer selbst.

Lassen Sie mich Abschied nehmen für heute. Wieder und wieder gehen tausend Gedanken zu Ihnen, teils klare, teils in sich selbst ruhende, noch unbestimmte Überlegungen – allen aber ist gemeinsam, daß sie über Ihnen stehen wie eine schützende Krone und Ihnen Kraft geben mögen!

Ich suche seit Tagen Ihren Geburtstag, irgendwo erwähnen Sie einmal das Datum. Wann ist er? (…)

Kraftströme fließen vom Walde hier zu Ihnen nach Celje, ungeahnte Reserven, die darin liegen, daß ein Mensch, der Ihnen ganz nahe zu sein glaubt, alles, alles denkbar Gute und Schöne wünscht.

Ferne Frau,

ich bin

Ihr Frank van Halen

z. Z. Nordhausen, 24 .8. 1935

Liebe Ferne!

Erwartet nahm ich Ihren Brief gestern in Empfang. Erfreut, als ich ihn gelesen hatte. Ich kam gerade aus Berlin zurück, wo ich verhandelt habe. Ich sprach dort mit dem Leiter der Manuskriptabteilung Krell. Es besteht eine Möglichkeit ihm etwas von Ihnen nahezubringen (der Direktor der Ullstein AG Dr. Jödicke[31] ist meines verstorbenen Vaters Regimentskamerad, d.h. hier so viel als in England College Boys seien oder zusammen in Oxford gewesen zu sein). Am Sonntag den 1. September fahre ich wieder nach Berlin, wollen Sie mir bis dahin einen Stoß Manuskripte, hauptsächlich Reise, Märchen, kleine Skizzen hersenden? Adresse Frank van Halen, Forsthaus Marienthal, ich sehe dann, was ich unterbringen kann. Wenn Sie es hinsenden, geht es bei Ullstein ungelesen wieder zurück. (…) Also, wenn Ihnen daran liegt, senden Sie mir gleich die Sachen zu. Ihre Wünsche, die Sie für mich haben, arme Leidfähige, scheinen noch nicht in Erfüllung zu gehen. Da es äußerlich klappt, läßt Innerliches zu wünschen übrig.

Innerlich verlebte ich gerade im Verlauf der letzten Woche unsinnig schwere Tage – ich, der ich ein Mann bin, bezweifle nicht, daß, wenn mir nochmal die Möglichkeit gegeben würde in einem anderen Menschen mich für zwei Wochen ganz zu verlieren und diesem alles, was in mir ist, zu geben, ich Schlußstrich ziehen könnte unter dies Dasein. Nahe genug war ich dieser Konsequenz und einzig der Gedanke Unerlöstes und Gestautes mit hinüberzunehmen, hindert mich noch. Das will mit anderen Worten sagen: Ich scheue mich zu gehen, ohne noch einmal den Versuch gemacht zu haben, dem Leben doch etwas – innerlich gedacht – abzuringen. Im Übrigen wünsche ich mir dies: nochmals betont, daß ich im Übrigen stark bin … zwei Wochen in Bayern verträumen, vor sich die Kuppen, unter sich den See, Sommerweben und tiefstes Erdgefühl und dann heiter und froh eines gewißen und ersehnten Schicksals, eines Tages zum Gipfel zu gehen, ohne den Gedanken an die Rückkehr ins Tal. Sie finden eine Aufnahme, hier war ich und hier geht meine stillste Zeit am 1. September zu Ende. Weltfern und traumhaft schön liegt auf dem Berg, Blick weit über Land, mitten im Wald. Senden Sie es mir, bitte, mit den Manuskripten wieder zu. Schreiben Sie unter meinen Namen: Mitglied des Reichsverbandes Deutscher Schriftsteller und quer darüber: Verlagsmanuskripte, sonst bleibt es unnütz lang zur Prüfung an der Grenze liegen.

In aufrichtiger Freundschaft

Ihr Frank van Halen

Aus irgendeinem Gefühl heraus, das ich mir damals nicht zu deuten vermochte, erlag ich nicht der Versuchung, die Manuskripte einzusenden, und es dauerte Jahre, ehe ich imstande war, Frank van Halen das kleine Bildchen zurückzugeben, auf dem ich nicht ihn, sondern nur seine Freunde versammelt zu sehen wähnte. Mit diesem Brief aus Nordhausen ging ein Kapitel zu Ende.

Der Schatten des Todes drohte herauf …

VERSCHWUNDEN

Das Jahr 1935 war auch für mich ein sehr schweres. Mehr und mehr zeigten sich die Gegensätze zwischen den neuen Ideen des Drittes Reiches und meiner eigenen Weltanschauung. Ich starb langsam dem Markt ab. Mehr und mehr meiner früheren Verleger gingen in Konkurs, und für meine Werke, die eben um diese Zeit begannen stärker ins Seelisch-Geistige zu gehen, fand ich keinen Verleger. Der zweite Weihnachtsmarkt drohte ohne eine Neuerscheinung aus meiner Feder zu verstreichen und dieser Umstand war sehr rückwirkend auf mein Gesamtbefinden – seelisch, körperlich und auch geldlich. Sollten fünfundzwanzig Jahre rastlosen Aufbaus an diesem Ersticker jedes Individualismus zerbrechen?

In dieser bekümmerten Stimmung fuhren meine Freundin und ich auf Schloß Pischätz,[32] das in märchenhafter Stille und Einsamkeit gelegen war. Inmitten dieses wachsenden Heraufgoldens des Herbstes vergaß ich ein wenig meine Sorgen, als mir plötzlich ein Telegramm ausgehändigt wurde, das aus Innsbruck geschickt, mich aufforderte, Frank van Halen sofort Geld zur Weiterfahrt zu schicken. Er sei auf dem Weg zu mir.

Selbst in jenen Tagen war es sehr schwer und nur nach langen Gesuchen möglich, Geld über die Grenze zu schicken. Ich telegrafierte daher an einen Bekannten in Celje, eine Fahrkarte von Innsbruck nach Celje im Reisebüro zu erstehen und express an die genannte Adresse aufzugeben, dann sagte ich trauernden Herzens dem Orte des Friedens Lebewohl, im Innern fest überzeugt, daß ich nie wieder durch diese wunderbaren, einsamkeitsgesegneten Wälder wandern würde, ein Vorahnen, das sich tatsächlich erfüllt hat. Als meine Freundin, Thea Schreiber-Gammelin,[33] die seit mehreren Jahren bei mir lebt und all meine Werke illustriert, und ich heimkehrten, fand ich folgenden Brief vor:

Innsbruck, 13. 9. 1935

Ferne Freundin!

Gerade sandte ich das Telegramm ab, hoffend, daß ich noch heute Abend nach Klagenfurt abfahren kann, um abermals über die Berge zu Ihnen zu kommen. Mit genauer Not entging ich der „gelben Brücke“ und todmatt, hungrig und erschöpft langte ich hier an. Mein Zigarettenetui wanderte ins Leihhaus und deckte gerade die Telegrammkosten. Nach dort ist von Brüssel eine Geldsendung unterwegs, so daß ich bei der Ankunft schon etwas Geld vorfinde. Bis morgen, Freitagabend, warte ich hier auf eine Sendung von Ihnen, kommt bis dahin nichts, beginne ich meine Fußwanderung zu Ihnen. Sie erreichen mich dann stets noch unter Bonsack, postlagernd, nacheinander in Wörgl, Schwarzach, St. Veit und in Villach. Wie lang ich dazu brauche, kann ich allerdings nicht sagen. In Wörgl will ich Samstagabend sein. Es ist ganz ausgeschlossen, hierher irgendwelches Geld (wenn nicht von Ihnen) zu erhalten.

Ich liege auf einer Wiese, todmüde und ab. Hinter mir liegt ein rechter Zusammenbruch. Zeit wird nötig sein, um Alpträume zu bannen und mich wieder herzustellen. Die Briefmarke für diesen Brief hier ist mein letztes Geld. Daß ich es nicht zum Essen verwende, sondern um Ihnen meine Lage zu schildern, spricht Bände. Wenn es Ihnen heute nicht möglich war, vielleicht können Sie mir nach Wörgl am Samstag telefonieren, denn wovon leben, wenn man auch noch dazu Strapazen aushalten muß?

Zu müde um weiterzuschreiben.

Ihr Frank

Mein Telegramm, das ihm die Ankunft der Fahrkarte meldete, mußte ihn erreicht haben. Nun blieb nichts übrig als abzuwarten …

Ich schrieb auch an jede der genannten Stationen, hieß ihn willkommen, gab ihm die Adressen verschiedener Freunde und hoffte, daß es ihm gelingen würde, die Grenze ohne Paß zu kreuzen. Wie es dann werden sollte, wußte ich nicht. Eine seltsame Bedrücktheit bemächtigte sich meiner. Es schien mir, als fiele mit dem Kommen Frank van Halens plötzlich ein Schatten auf mein ohnedies schattenreiches Leben. Um jene Zeit hatten wir – Thea und ich – die erste Vision, die mit dem noch Unbekannten zusammenhing: Wir sahen ihn neben einem alten würdigen Rabbiner durch einen Tempel schreiten, ganz in Weiß, kaum im ersten Jünglingsalter. Dahinter zogen sich bräunliche Berge. Sand lag zwischen spärlichen Weideplätzen. Ich war anscheinend mit beiden befreundet, doch trug ich andere Gewänder, war lichthäutiger, kam wohl aus einem anderen Land. Das – und nicht mehr! Durch Jahre hindurch erfuhr ich nur wenig hinzu …

Die Seele des Jünglings aber trug in diesem Sein den Namen: Frank van Halen. War es ein Freund, der heimkehrte, oder ein Feind? Nach den Briefen vermutete ich einen Freund, doch meine wissende Seele raunte wohl eine leise Warnung, denn eine unerklärliche Besorgnis umdüsterte mich.

Jeden Tag, ehe wir nachmittags ausgingen, stellten wir ein Glas Wein und einen kleinen Imbiß für den Nahenden bereit und befahlen der Bedienerin aufzupassen, den Gast sofort in sein Zimmer zu führen und alles für ihn zu tun, was getan werden konnte, und jedes Mal, wenn wir heimkehrten, war unsere Frage:

„Ist der Herr gekommen?“

Aber niemand kam … weder ein Brief noch sonst eine Mitteilung und am allerwenigsten der unglückliche Flüchtling aus dem Reich des Zwangs.

Als ein Monat verstrichen war, fragte ich in Innsbruck an und erfuhr, daß mein Brief und das Telegramm abgeholt worden waren. Das bewies mir, daß die Karte verloren war, nicht aber, wer sie abgeholt hatte, doch nahm ich sofort an, daß es Leute von der Gestapo gewesen sein mußten.

So hatte man ihn gefangen, zurückgeschleppt, getötet? Vorsichtig stellte ich Nachforschungen durch allerlei Bekannte, aber alle hüllten sich in Schweigen, behaupteten nichts zu wissen oder wußten in der Tat nichts. Wir stellten keine Erfrischung mehr bereit, denn wir durften niemand mehr erwarten. Dennoch verstrichen Monate, ehe ich es ganz aufgab, eines Tages einen alten müden Mann auf meiner Treppe zusammenbrechen zu sehen.

Noch später kam ein anonymer Brief aus München, der weder Anrede noch Schluß enthielt und mir nur vorschlug, die Fahrkarte zurückzugeben, ehe sie verfiel. Ein schöner Rat, denn sie war schon verfallen! Über den Mann, dem sie zugedacht war, kein Wort! Undurchdringliches Dunkel senkte sich auf den Fall Frank van Halens. Nie mehr kam ein Brief von ihm. Er war und blieb verschwunden …

Obschon ich immer geneigter war, ihn als tot zu beklagen, dachte ich oft an ihn, besonders als im Jahre 1936 Isolanthis herauskam, das Werk von der Stadt der fließenden Wasser, das ihn so sehr interessiert hatte, und mehrere andere Arbeiten von mir, die von der Partei[34] in ihren Büchereien zwar nicht gelitten, aber auf dem Markt geduldet wurden. Mit meinem Pech gingen gleich im ersten Jahr schon zwei Verleger in Konkurs und ich hatte nichts als das Wissen, daß meine Bücher wenigstens den Lesern zugänglich waren.

Selbst das war ein Trost.

Eines Abends, es war der 4. November,[35] saß meine Freundin am Harmonium und spielte, wie so oft, unsere eigenen Tempellieder aus verschiedenen Zeiten der Geschichte dieser Erde. Östlicher Weihrauch durchzog den kleinen Raum und ich ließ meine Seele die Schwingen breiten. In diesem Zustand innerer Wachsamkeit vernahm ich ganz deutlich den Ruf „Ferne Frau!“. Ein Stich ging mir durchs Herz. Ich legte die Hand auf den Arm der Spielenden und sagte bewegt:

„Frank van Halen ist tot.“

An diesem Tag – das erfuhr ich erst viel später – sprang der Unglückliche vom zweiten Stocke eines Gefangenhauses[36] herunter auf die Pflasterstein, gewillt durch den Tod die ersehnte Freiheit zu finden, und seltsamerweise rief er in der Stunde seiner höchsten Not nicht seine um ihn bangende Mutter, sondern mich – die ferne Frau!

VISIONEN

Ich möchte um der vielen Skeptiker willen gerne ausschalten, was mit dem Übersinnlichen zusammenhängt, aber es geht nicht, denn es spielt immer wieder sehr bedeutungsvoll hinein, bestimmte in vielen Fragen mein Handeln, ließ mich manches wissen, was noch tief im Schoße der Zeiten lag, und lieferte mir überdies den klarsten Beweis, daß sich Fäden aus urferner Seelenvergangenheit in die flüchtige Gegenwart ziehen und unaufhaltsam in die Zukunft gleitend, sich da glättend, dort verwirrend oder knotend, fortbewegen. Die Saat unserer Taten wird zur Frucht …

Nie in meinem Leben erfüllten sich Visionen so unbedingt wie eben im Falle Frank van Halens. Die volle Bedeutung mancher von ihnen wurde mir jedoch erst im Laufe der Jahre klar.

Im Juli 1936 hatte ich eine, die mir zeigte, daß ich sterben oder durch das Tor des Todes gehen würde, wenn ich im Baum des Erfolgs säße. Messer und Schnitt deuteten – meiner damaligen Ansicht nach – eine Operation an. Ich war nicht allzu sehr beeindruckt, weil ich mir traurigen Herzens sagte, daß mein „Baum des Erfolgs“ keineswegs groß und grün wie in der Vision, sondern noch klein und vorwiegend kahl war.

Eigentümlicherweise wiederholte sie sich um die Februarwende von 1937. Diesmal jedoch wußte ich, daß es sich um einen „hoffnungslosen Fall“ handelte und viel Kummer damit verbunden sein würde, und am 6. Februar, also ganz wenige Tage später, traf ein Brief aus Straßburg vom Pfarrer Jean Klein ein, ein Schreiben, das mir später entwendet wurde, dessen Inhalt mir indessen aus guten Gründen unvergeßlich blieb, denn der gute alte Herr stellte sich als Betreuer der Seelen im Zuchthaus vor und er schilderte mir das weitere Schicksal Frank van Halens. Dieser war anscheinend über den Rhein geflohen, von den französischen Behörden ohne Papiere aufgegriffen, unter dem Verdacht, ein Spion zu sein, eingeliefert worden und in der Verzweiflung – eine lange Gefangenschaft nach einigen Verhören fürchtend – hatte er sich aus dem zweiten Stock, während er wieder einmal zum Richter geführt worden war, herabgestürzt. Er war indessen nicht, wie erwartet, gestorben, sondern hatte sich auf den Pflastersteinen nur beide Füße entsetzlich gebrochen und lag nun, ein armes, freudloses Wrack, im Zuchthauslazarett in Straßburg.

Der Pfarrer schrieb mir nun, weil Frank van Halen oder Joachim Bonsack, wie er sich bei seinem wahren Namen nun dauernd nannte, da sein anderer Name nur ein nom de plume, doch ebenfalls früher in seinem Paß regelrecht eingetragen gewesen war, ihn darum gebeten und ihm immer wieder versichert hatte, daß ich der einzige Mensch auf Erden sei, zu dem er gehen und der ihn auch aufnehmen würde. Dieses oft wiederholte unbedingte Vertrauen, die Überzeugung, daß ich ihm das Reisegeld schicken und ein Asyl gewähren würde, war so groß, daß der Pfarrer (obschon selbst anscheinend weit von überzeugt) zuletzt einwilligte mir zu schreiben und anzufragen, ob ich den körperlich und seelisch vollkommen gebrochenen heimatlosen Mann für einige Zeit zu mir nehmen wolle.

Ich war in einer sehr schweren Lage. Bisher war ich dem Naziregime nur innerlich ablehnend gegenübergestanden. Im Augenblick, in dem ich einen Emigranten bei mir aufnahm, trat ich in offene Gegnerschaft, und nicht nur das: Ich lief große Gefahr durch diese Tat einen Markt zu verlieren, den ich viele Jahre hindurch mit großer Geduld und vielen Mühen langsam und zäh aufgebaut hatte. Wenn ich auch gelegentlich für englische und für schweizer Blätter schrieb, so lebten die für mich maßgeblichen Verleger doch in Deutschland und der größte Leserkreis war da.[37] Meine Einnahmen hingen zum Großteil von diesem Markt ab. Sollte ich all das um eines Unbekannten willen gefährden, mit dem ich, wie mit unzähligen anderen Lesern meiner Bücher, einige Briefe gewechselt hatte? Wenn ich zusagte, würde ich nicht nur jede sommerliche Erholung aufgeben, sondern samt meiner Freundin auf die geplante Fahrt nach Dalmatien verzichten müssen und darüber hinaus würde ich mit viel persönlichem Verzichten sofort beginnen müssen, denn die Fahrt von Straßburg bis zu mir war weit und teuer. Außerdem mußte der Entlassene etwas Bargeld in der Hand haben.

Herzing – die Mutter meiner Freundin, die in jenem Winter bei uns verweilte – war entsetzt.

„Einen Zuchthäusler?!“, rief sie ein um das andermal und warnte mich ebenfalls sehr eindringlich vor den Folgen für meine Bücher. Meine Freundin riet mir weder ab noch zu. Gleich mir war sie vom tragischen Schicksal des Unbekannten überwältigt, doch sah auch sie allen kommenden Möglichkeiten klar ins Auge.

Zwei Punkte waren endlich für mich ausschlaggebend. Pfarrer Klein hatte geschrieben: Für den Unglücklichen gibt es zwei Aussichten: Entweder wird er, sobald er von den hiesigen Behörden über die Rheinbrücke geschoben wurde, von den deutschen Behörden verurteilt und getötet, oder – wenn es dem Einfluß seiner Angehörigen gelingt ihn davor zu bewahren, als irrsinnig erklärt, kastriert und in einer Anstalt untergebracht. Über diese Möglichkeit schien der alte Herr noch mehr entsetzt als über den Tod selbst. Ich wußte daher: Nahm ich Frank van Halen nicht zu mir, so mußte er sterben oder lebendig-tot hinter den Mauern einer Irrenanstalt verkommen. Das war unzulässig. Zweitens wurde mir da gesagt, wo es keine Stimmen gibt, daß dieses mein Opfer das letzte, das allerletzte sein würde, das in diesem Sein von mir gefordert wurde. Es war der „hoffnungslose“ Fall. Das bestimmte mich mehr als alles andere.

Dennoch bat ich den guten alten Pfarrer, mir den Heimatlosen nur zu schicken, wenn es in der Tat keine Seele gab, zu der er flüchten konnte, und ich verhehlte ihm auch die Folgen für meine Schriftstellerlaufbahn nicht.

„Du wirst ihn kommen lassen?“ erkundigte sich Herzing entsetzt.

„Ich darf ihn nicht sterben lassen“, erwiderte ich. „Er kann nur zwischen Tod und mir wählen – der fernen Frau.“ Und ich stellte mir vor, wie es mir wäre, befände ich mich in ähnlicher Lage …

„Vielleicht stirbt er im Zuchtlazarett und der Kelch geht an uns vorüber“, bemerkte meine Freundin, doch meine Seele wusste: Er würde kommen …

Das Sparen begann.

VORBEREITUNGEN

Ich hörte so lange nichts aus Straßburg, daß ich anzunehmen begann, es müsse der Kranke seinen schweren Verletzungen erlegen sein. Überdies war es denkbar, daß er ein besseres Asyl gefunden hatte, denn ich hatte geschrieben, daß mein Haus tatsächlich nur Übergang bleiben müsse, da meine Mittel sehr begrenzt waren. Da Pfarrer Klein den Gefangenen als sehr überreizt und übernervös geschildert und viel vom Irrenhaus geschrieben hatte, war ich kopfscheu geworden und hatte ihn gebeten, mir den Entlassenen nur zuzuschicken, wenn keine Gefahr geistiger Umnachtung vorlag. Es wäre mir unmöglich jemanden aufzunehmen, der das seelische Gleichgewicht ganz verloren hatte.

Mitte Mai traf dann, sehr überraschend für meine Hausgenossen, folgendes Schreiben ein.

Straßburg, den 5. Mai 1937

Sehr geehrte gnädige Frau!

Nach langem Schweigen auf Ihren Brief vom 6. II. d. J. kann ich Ihnen endlich außer meinem Schützling und meinem eigenen herzlichen Dank für Ihr freundliches Entgegenkommen auch sachliche Mitteilungen betreffend Herrn Hans Joachim Bonsack zukommen lassen. Was zunächst Ihre Befürchtungen aufregender Szenen betrifft, die Herr Bonsack verursachen könnte, so halte ich solche für ganz ausgeschlossen. Er ist wohl zuweilen etwas deprimiert, aber soweit ich ihn nun in langen Wochen bei meinen Besuchen kennengelernt habe, nicht stärker niedergeschlagen als jeder normale Mensch in seiner Lage. (…) Bei jedem Lichtstrahl, nicht ohne Sicherheit den deutschen Behörden ausgeliefert zu werden, aber sonst irgendwie wieder einigermaßen Boden zu bekommen, lebt er sichtlich auf. Seine Verzweiflung nach seiner Verhaftung hier in Straßburg war nun zu begreiflich. Seine Schicksale nach meinen ersten Mitteilungen von seiner Verfolgung hier, verliefen so:

Es wurde mit der Gerichtsverhandlung abgewartet, bis H. Bonsack nach seinen Beinbrüchen wenigstens auf Krücken vor Gericht erscheinen konnte. Vielleicht wäre er, ohne sein sogenanntes „Geständnis“, das er bei seiner Ankunft hier machte, überhaupt freigesprochen worden. Man hatte wohl eingesehen, daß es sich nicht um einen gefährlichen „Spion“ handle. Man hat ihn wegen „Spionageversuch“ dann zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Es war eher ein Akt der Barmherzigkeit – natürlich nicht eingestandenermaßen, aber tatsächlich. Man rechnete ihm auf die Strafe die Untersuchungshaft zu, sodaß ihm beim Entlassungstermin immerhin noch Zeit bleiben konnte, seine Beine wieder ordentlich zu brauchen, und er auf diese Weise einerseits nicht lange inhaftiert sein, noch auch andrerseits sofort und ganz hilflos auf die Straße gesetzt würde. Es soll nun am 28. Mai zur Entlassung kommen.

Wir haben uns nun in der Zwischenzeit beiderseits bemüht, ihm Papiere zu verschaffen, mit denen er sich irgendwohin begeben könnte, ohne gegen seinen Willen an Deutschland ausgeliefert oder an eine andere Grenze gebracht und von Land zu Land und schließlich von Grenze zu Grenze doch wieder nach Deutschland abgeschoben zu werden. Unsere Versuche blieben lange erfolgslos. Die deutschen Behörden beantworteten seine Gesuche um Ausbürgerung oder Bescheid der Weigerung überhaupt nicht, und ohne Ausbürgerung konnte er den sogenannten Nansenpaß, Paß für Staatenlose,[38] auch nicht erhalten. Noch vor acht Tagen erhielt er einen Schrecken, als er eine Eröffnung seines Advokaten dahin verstand, es werde von Deutschland seine Auslieferung verlangt. Es war aber ein Irrtum. Es handelte sich vielmehr doch endlich um eine Reaktion seiner Ausbürgerungsgesuche. Nun ist die Zeit zur Ausfertigung eines Nansenpasses bis zur Entlassung am 28. Mai freilich äußerst kurz. Aber nach meiner heutigen Aussprache mit seinem Verteidiger besteht begründete Aussicht, daß er entweder den Paß oder aber einen Aufschub für seine Abschiebung erhalten wird und jedenfalls nicht einfach an die nächste deutsche Grenze gebracht werden wird. Er würde vielmehr nach Marseille reisen und von dort nicht durch Schweiz-Italien, sondern auf dem Seewege nach Jugoslawien fahren. Dabei würde er denn Ihre gütige Hilfe dadurch in Anspruch nehmen, daß er um Zusendung des Billets von Marseille ab bitten würde, um dann sein erstes Asyl bei Ihnen zu finden. Auch ich wäre Ihnen um des unglücklichen, aber sympathischen jungen Mannes willen für solche Güte sehr dankbar. Sobald ich über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Ausführung dieser Absichten Genaueres weiß, werde ich Ihnen, mit Ihrer gütigen Zustimmung, Bescheid geben.

In vorzüglicher Hochachtung

Ihr sehr ergebener

J. Klein, Pfarrer

„Fraui, er sagt junger Mann!“ rief meine Freundin entsetzt.

„Was ein sehr bejahrter Mann eben jung nennt“, verbesserte ich. „Meiner achtzigjährigen Tante war ich allzeit „das Kind“ geblieben. Es wird in diesem Fall wohl so ähnlich sein.“

Herzing seufzte nur tief auf. Sie hatte – obschon sonst herzensgut und hilfsbereit – eine starke Abneigung gegen den „Zuchthäusler“. Scherzweise sprachen wir daher in dieser unserer Wartezeit von ihm als dem „Züt“, bis ich vor seinem Kommen davor warnte. Trotzdem blieb ihm insgeheim der Name …

Ich besorgte sofort das sehr kostspielige Billet über Griechenland und schickte es ihm gleichzeitig mit etwas Bargeld nach Straßburg ab, als ich erfuhr, daß alles erledigt ist und er eine Art Paß erhalten hatte. Was mir zum Leben blieb, war ein sehr geringer Betrag und obschon ich mehrere Sachen dahin und dorthin geschickt hatte, konnte ich keine großen Beträge erwarten.

„Wie soll das werden!“ klagte Herzing.

„Ich weiß nur eins nicht: es war verhältnismäßig leicht ihn kommen zu machen“, ich hatte mich mit der Bitte um ein Visum auch an den jugoslawischen Konsul in Metz gewendet, „aber ich habe keine Ahnung, wie er ja wieder von uns wegkommen soll …“

„Ich auch nicht!“ erwiderte Herzing und bearbeitete mit großem Kraftaufwand all unsere Türklinken, sodaß sie weithin leuchteten …

Sehr bald traf der letzte Brief Pfarrer Kleins ein.

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