Читать книгу: «Morgensonnenschein»
Morgensonnenschein
1 Kapitel 1
2 Kapitel 2
3 Kapitel 3
4 Kapitel 4
5 Kapitel 5
6 Kapitel 6
7 Kapitel 7
8 Kapitel 8
9 Kapitel 9
10 Kapitel 10
11 Kapitel 11
12 Kapitel 12
13 Kapitel 13
14 Kapitel 14
15 Kapitel 15
16 Kapitel 16
17 Kapitel 17
18 Kapitel 18
19 Kapitel 19
20 Kapitel 20
21 Kapitel 21
22 Kapitel 22
23 Kapitel 23
24 Kapitel 24
25 Kapitel 25
26 Kapitel 26
27 Kapitel 27
28 Kapitel 28
Kapitel 1
„Zelda, wir kommen noch zu spät!“ Meine Mutter hatte nun den Höhepunkt ihrer Nervosität erreicht.
Schon seit Tagen war sie zappelig und schreckhaft gewesen und obwohl der Termin für die Zeremonie schon seit der Geburt des Jungen vor zwei Wochen feststand, hatte mich schließlich meine Mutter doch mit ihrer Aufregung angesteckt und auch ich war unruhig geworden. Ein letztes Mal zupfte ich an meinem Zopf herum, gab es schließlich auf, ihn zu verschönern, und zwängte mich aus dem eh schon engen Badezimmer in den noch schmaleren, düsteren und schmuddeligen Flur mit der dreckgrünen Wandfarbe und dem grauen Steinboden. Schmuddelig war dieser nicht etwa, weil meine Mutter nicht putzte, sondern weil wir uns jenen, genauso wie das Bad, mit zwei weiteren Familien teilten. Mit drei langen Schritten hatte ich den Gang passiert und traf vor der Haustüre auf meine Mutter, in ihrem blauen Gänseblümchenkleid, dem wertvollsten Kleid, das sie besaß, da es keine Flicken hatte, meine kleine Schwester Dora und meinen neugeborenen Bruder. Eigentlich durfte den Kindern vor der Zeremonie noch kein Name gegeben werden, aber meine Mutter, die der festen Überzeugung war, dass der Junge bei uns bleiben durfte, hatte ihn schon benannt: Leo- Löwe.
Natürlich könnte sich jetzt so mancher fragen, warum ich nicht einfach meiner Mutter erzählte, welchen Preis der kleine Leo hatte, aber so einfach war es dann doch nicht. Besonders bei noch sehr jungen Menschen brauchte es als Preisrichter ein geübtes Auge, um den Wert seines Lebens zu erkennen. Bei Erwachsenen dagegen war es sehr einfach: Ein Blick auf ihre Stirn und du wusstest wahrscheinlich mehr über ihren Wohnort und ihr Leben als die meisten anderen auf der Straße. Zahlen verraten einem vieles…Und selbst wenn ich mehr Übung gehabt hätte, hätte ich meiner Mutter Leos Preis nicht sagen können, zum ersten, weil ich ihr mein Geheimnis nicht einfach verraten konnte und zum zweiten, weil ich nicht diejenige sein wollte, die diese unendliche Trauer in ihren Augen auslöste, falls ihr Kind nicht bleiben durfte. Dies war der Fall, wenn sein Preis den Bereich unter 300 sprengte. Dann kam er zu den „normalen“ Familien, zu der Art von Familie, die es sich leisten konnte, einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren, deren Kinder die Schule auch nach dem Beenden ihres 15. Lebensjahres noch besuchen konnten und die ein gesundes und glückliches Leben führten. Schon dieser soziale Aufstieg war selten, fast unmöglich erschien da die Überschreitung der 450 Marke. Von da an gehörte man nämlich zu den Reichen, vielleicht noch nicht zur Elite, die ab 600 begann, aber doch zur höheren Bevölkerungsschicht, die kleinere politische Ämter bekleideten oder in großen Konzernen so etwas wie die rechte Hand ihres Chefs waren. Die Elite bildeten wenige Professoren an renommierten Universitäten, Chefs großer Konzerne, Politiker und natürlich die Preisrichter. Jetzt wäre es wohl interessant zu wissen, warum ich diese Chance auf einen so großen sozialen Aufstieg einfach wegwarf. Der Grund dafür war meine Mutter: Regelmäßig zog sie über die, ihrer Ansicht nach, korrupten Preisrichter her. Ich hatte Angst sie würde mich dafür hassen, was ich war und dafür, dass ich sie verlassen würde.
Kapitel 2
Gerade hatten wir nach einem Fußmarsch von etwa zehn Minuten durch mein Heimatviertel Limestone die Straßenbahnstation, einen nichtssagenden hölzernen Überstand mit einem ramponierten Ticketschalter vor den verwitterten Bahngleisen, erreicht und stiegen dort in eine Bahn nach Marpel City, dem politischen Zentrum von Stones, ein. Das Kribbeln in meiner Magengegend verstärkte sich zunehmend und um diese Nervosität abzubauen trommelte ich mit meinen Fingern beliebige Rhythmen auf den dreckigen Scheiben unseres Abteils. Warum unseres Abteils? Natürlich hatte meine Familie in dem blauen Zug mit den dynamischen gelben Streifen an der Seite nicht ein einziges Abteil für sich allein. Mit uns meinte ich nämlich auch die vierte Bevölkerungsschicht. Wie die Stadt nach Vierteln für Menschen gleicher Preisklasse aufgeteilt wurde, so wurden auch Straßenbahnabteile oder Bänke für verschiedene Bevölkerungsschichten errichtet, die sich dann natürlich auch in ihrer Ausstattung unterschieden. Die fünfte Bevölkerungsschicht war zusammen mit der vierten in einem Abteil. Die dritte Schicht hatte ihr eigenes und es gab auch eine kleine Loge für höhere Schichten, die mit allem möglichem Schnickschnack ausgestattet worden war, wie ledernen Sitzen oder goldumrandeten Abteilungstüren. In unserem Bereich waren nur wenige Sitzplätze errichtet worden. Diejenigen, die sich am Bahnhof vorgedrängelt hatten, saßen auf unbequemen Holzbänken, die anderen standen. So näherten wir uns der nächsten Haltestelle nach Limestone: Ardesia. Das Viertel der dritten Schicht stellte den puren Gegensatz zu Limestone dar. In Ardesia waren die Straßen sauberer, die Häuser schöner und größer, der Himmel klarer, nicht verrußt vom Schornsteinrauch, und die Menschen besser gekleidet und wohlgenährter. Dieser Anblick Ardesias in den frühen Morgenstunden war einfach unbegreiflich schön: die roten, taunassen Dächer und verlassenen Straßen, die Bäume und Grünflächen, die kleine Parks mit Spielplätzen erahnen ließen und im Sommer mit ihrem kühlen Schatten und den Badegelegenheiten viele Ardesianer anlocken würden. Erst einmal zuvor war ich hier gewesen, vor zwölf Jahren, zur Zeremonie meiner damals neugeborenen Schwester, als ich gerade einmal vier Jahre alt gewesen war. Dieser Gedanke brachte mich in die Gegenwart zurück. Die Zeremonie meines Bruders! Leichte Übelkeit stieg in mir hoch, als ich daran dachte, was letztes Mal, als ein Sohn meiner Mutter an der Zeremonie teilgenommen hatte, geschehen war… Damals hatte mein Vater noch gelebt. Ich kannte die Geschichte nur aus Erzählungen, da ich damals, vor 17 Jahren, noch nicht auf der Welt gewesen war. Meine Eltern waren mit ihrem ersten gemeinsamen Kind zur Zeremonie gegangen, ihre Zukunft als glückliche Familie fest im Blick. Doch dann war das fast unmögliche geschehen: mein Bruder hatte den Preis 451 und dieser Wert stufte ihn in die zweite Schicht ein. Meine Eltern flehten die Preisrichter an, ihnen ihren Sohn zu lassen, hatten sie sich doch mit dem Gehalt meines Vaters als Leiter der Schmiede seines Vaters ein kleines Häuschen mit Garten am Rande der Stadt zulegen können, doch vergebens. Die Preisrichter hatten sich von den Tränen meiner Mutter nicht erweichen lassen und auf ihrem Urteil beharrt. Die Starrsinnigkeit der Richter hatte damals meinen Vater so erzürnt, dass er versucht hatte, sich auf diese zu stürzen. Gerade noch hatte sein Freund, der ebenfalls mit seinem Neugeborenen da gewesen war, ihn zurückhalten können, um Schlimmeres zu verhindern, doch die Botschaft war klar angekommen. Anstatt die Frist von drei Tagen abzuwarten, war mein Bruder sofort eingezogen worden. Doch vieles war noch ungeklärt, auch nach diesem Tag. Wie konnte es sein, dass ein Junge, dessen Eltern beide aus der vierten Schicht stammten, einen Preis von 451 hatte? Es wurde gemunkelt, dass meine Mutter einen Liebhaber gehabt hatte oder dass der hohe Preis eine Generation übersprungen hatte und meine Großeltern, die zur damaligen Zeit nicht mehr lebten, etwas damit zu tun hatten, schließlich war der Preis erblich bedingt wie die Haarfarbe, und ich fragte mich in meinen rebellischsten Momenten oft, ob dieser wohl genauso leicht verändert werden konnte wie die angeborene Haarfarbe durch Färben. Jedenfalls bewiesen werden konnte keine jener Anschuldigungen jemals. Den Preisrichtern jedoch war egal gewesen, ob meine Eltern die Spekulationen um ihren Sohn vehement zurückwiesen. Sie sahen nur das Vorliegen eines Gesetzesverstoßes, das Anderssein und aus der Reihe tanzen befürwortete bei den Preisrichtern schon die Annahme eines solchen, und dieser musste geahndet werden, wozu sie sich den auffälligsten und aufrührerischsten aus meiner Familie aussuchten: meinen Vater. Er war in einer Nacht, etwa ein dreiviertel Jahr nach dem Tag der Zeremonie auf dem Weg zwischen seiner Schmiede und seinem Haus tot aufgefunden worden, ermordet. Niemand wusste bis heute, wer ihn getötet hatte, doch viele gingen davon aus, dass es die Strafe der Preisrichter gewesen war. Für meine Mutter brach damals eine Welt zusammen. Sie hatte in einem Jahr ihr Kind, ihren Mann, ihr Zuhause und ihre Zukunft verloren. Dazu war sie mit mir schwanger und mittellos gewesen, ein Umstand, der in der harten Welt Limestones einer Frau nicht viele Wahlmöglichkeiten ließ. So kam es, dass sie den unmenschlichen Job einer Näherin in einer der Fabriken annehmen hatte müssen, und das war auch ein weiterer Grund, warum ich ihr niemals davon erzählen durfte, dass ich selbst eine war, eine Preisrichterin.
Kapitel 3
Inzwischen wurde der Zug langsamer, bis er schließlich ganz zum Stehen kam. Meine Familie richtete sich auf und zusammen mit der nun vergleichsweise geringen Menge anderer in trostlose, graue Gewänder gekleideter Fahrgäste verließen wir die Straßenbahn. Wir hatten nun, nach einem kurzen Zwischenstopp in Ardesia, Marpel, das Viertel, das zwischen Ardesia und Pebble, dem Wohnort der Reichen lag, und dessen Zentrum Marpel City bildete, erreicht. Vor uns erhob sich eine Mauer, nicht eine von der kalten, hässlichen Sorte, sondern eine helle, aus Marmor in warmem Karamellton gemachte und mit Schnörkeln verzierte. Die Gleise hier sahen fast wie poliert aus, die Querstreben bestanden aus neu aussehenden, hellen Holzstücken, die gepflasterte Fläche bis hin zu einem schnuckeligen, in die Mauer integrierten Bahnhofsgebäude mit einer Turmuhr, die gerade zehn Uhr anzeigte, und einer großen goldenen Glocke, die ihren klaren Klang zur vollen Stunde über die Köpfe der überschaubaren Menschentraube verbreitete, war auf die Höhe des Ausstiegs aus dem Wagon angeglichen worden, nicht so wie zu Hause in Limestone, wo man auf einem unebenen Kies- Betongemisch landete, nachdem man einen gigantischen Schritt in Richtung Boden gemacht hatte. Rechts von uns stiegen zwei in Anzug und Melone gekleidete Ardesianer, die lebhaft miteinander gestikulierten, aus ihrem Abteil, und schritten weiter fort von uns, um etwas abseits vom gemeinen Pöbel auf den viel luxuriöseren Anschlusszug nach Marpel zu warten. Ich richtete meinen Blick wieder auf die Verzierungen an der Mauer vor uns. Die Schnörkel, wie ich sie vorher abfällig genannt hatte, bildeten dreidimensionale Fortsätze von Tierköpfen, Löwen-, Schlangen- und edlen Pferdeköpfen. Für die höheren Schichten war eben nichts zu schade. Auch meiner Mutter war dieses Detail nicht entgangen und sie verzog angewidert ihren Mund, einen verbissenen Blick in ihren blauen Augen. Einen Durchgang zum hinter der Mauer gelegenen Umland bildete ein eisernes Tor, vor dem zwei Männer in für Grenzwärter typischen grünen Uniform aus Hose und Jackett mit den silbernen Knöpfen standen. Ihre grünen Schirmmützen mit dem Symbol einer sich um einen Stein windenden Schlange, die verdeutlichte, dass diese Männer Stones schützen sollten, warfen einen Schatten auf ihre Gesichter, während die ersten mit Zetteln in der Hand auf sie zuliefen. Es war nämlich so, dass man als Bürger einer unteren Schicht eine Genehmigung brauchte, um in ein Viertel der oberen Bevölkerung zu kommen, also eine Sondergenehmigung oder einen Nachweis seiner Arbeitsstelle in dem Viertel einer höheren Schicht, wohingegen es andersrum nicht nötig war, ewig lange Formulare auszufüllen oder überhaupt irgendeine Absichtserklärung, was man in einem niederen Viertel wollte, mit sich zu führen. So kam es, auch wenn sich normale Bürger fast nie nach Limestone verirrten, dass doch so mancher der höheren Schicht angehörige Mensch auf die Idee kam, mit unserer Armut ein Geschäft zu machen, unseren Markt mit billigen Lebensmitteln zu überfluten und somit die ansässigen Händler zu vertreiben, die ihre handgefertigten teureren Waren und selbsthergestellten Lebensmittel nicht mehr an den Mann bringen konnten. Und wenn diese Kaufmänner dann merkten, dass doch nicht so viel bei uns zu holen war, zogen sie sich und ihre Produkte von unserem Markt zurück und überließen uns damit dem Hunger, weil niemand mehr Essen verkaufte. Jedes Mal, wenn wir auf der Höhe unseres „Wohlstandes“ waren, kamen die geldgierigen Ardesianer oder gar Pebbler und zerstörten alles. Bald war es wieder so weit, so munkelte man. Aber was tun dagegen? Seine Hoffnung auf die Politiker setzen? Wohl eher nicht. Denen kam die ganze Geschichte doch gerade recht, schließlich wollte man, dass die untere Schicht nicht allzu großen Wohlstand erreichte. Aber was verstanden die schon von unserem Leben, in ihren glitzernden Hochhäusern, nichtsahnend, wie die Realität aussah. Ein Kampf, ein einziger Kampf war das Leben, vor allem als Witwe, wie mir meine Mutter schon früh beigebracht hatte. Die Bösen wollte man nicht spielen! Was für Angsthasen die Politiker doch waren. Angst hatten sie, vor der unteren Schicht, vor einer Wirtschaftskrise, vor dem Zusammenbruch ihres Systems. Deshalb versuchten sie auch den Schein zu bewahren, ihr gutes Image zu behalten. Doch mich konnten auch Armenspeisungen nicht davon abbringen zu sehen, was sie wirklich waren…
„Zelda, nicht trödeln!“ Meine Mutter riss mich aus meinen Gedanken in die Gegenwart zurück.
Die Schlange, die sich vor dem Eisentor gebildet hatte, war in den letzten Minuten beträchtlich geschrumpft. Meine Mutter stand schon vor den Wärtern, ihre Genehmigung in der Hand und winkte mich ungeduldig zu ihr. Schnell hastete ich an ihre Seite und zusammen traten wir, meine Schwester an der Hand meiner Mutter, mein Bruder in meinem Arm durch das Tor. Der Anblick, der sich uns bot, war atemberaubend schön. Überall glitzernde Dächer riesiger Villen, die in den verschiedensten Farben leuchteten: senfgelb, aquamarinblau, zartrosa, grasgrün. Immer wieder waren Tupfen grüner Flecken zu sehen, wo sich ein Park befand oder eines der kleineren Hochhäuser am Rande Marpel Citys vollkommen begrünt worden war. Zwischen uns und diesem Teil Stones lag eine Landschaft aus sanften mit saftigem Gras überzogenen Hügeln. In Richtung Ardesia wurde diese ungebändigte Schönheit doch auch Wildheit mit den vereinzelten knorrigen Bäumen und wuchernden Hecken von Zäunen für Weideflächen von Kühen, Schafen und Ziegen gebändigt und noch weiter westwärts konnte man im Dunst des Morgens gerade noch die großen Bauernhöfe ausmachen, die sich an die Wohnhäuser Ardesias anlagerten. Meine Schwester jedoch hatte nur Augen für Marpel, sie stierte regelrecht ins Häusermeer, als wollte sie jedes noch so kleine Detail in sich aufsaugen. Doch mein Blick glitt weiter über die großen, geräumigen Grundstücke hinweg zum Zentrum des Farbenschauspiels, dem Zentrum von Stones, dem Ziel auf unserem Weg: Marpel City. Die vielen gleichmäßig angeordneten Hochhäuser, in denen sich vor allem Büros befanden, wurden nur von einem Gebäude überragt: Diamond Tower. Und er machte seinem Namen alle Ehre. Die aufgehende Sonne spiegelte sich in den tausenden von Fenstern an der Fassade des Turms, hart und kalt verschluckten sie alle Wärme. Doch diese Schönheit ließ mich nur noch mehr erkennen, wie scheinheilig unsere Welt doch war, denn hinter den funkelnden Mauern wurde über Armut oder Reichtum, Familie oder Fremde entschieden. Der Diamond Tower bildete nämlich das Hauptquartier der Preisrichter. Das war unser Weg, dorthin mussten wir gehen. Die Welt konnte so schön sein wie ein Diamant, doch man sollte nie vergessen, dass diese genauso hart wie jener war.
Als wir den schmalen Pfad, der von der Anhöhe, auf der der Bahnhof lag, in Richtung Marpel führte, hinabliefen, kam uns eine frische Brise entgegen. Dankbar die klare Luft einatmend schmeckte ich deutlich den Salzgeschmack auf meiner Zunge. Das Meer lag einige Kilometer hinter Marpel, wurde aber gänzlich von den vielen Häusern verdeckt. Nur ein Dunstschleier ließ erahnen, wo sich ungefähr Himmel und Wasser trafen. Verträumt blickte ich nach vorne, dahin, wo sich der breiter werdende Weg in der hügeligen Landschaft verlor. Dieser wies schon deutliche Verfallsspuren auf und da, wo das Wetter Risse hatte entstehen lassen, wuchsen bereits Gräser und Farne, was darauf schließen ließ, dass der Weg vom großen Tor weg nur noch spärlich benutzt wurde, da die meisten Menschen, die es sich leisten konnten, mit der Straßenbahn weiter nach Marpel City fuhren. Nur einmal trafen wir auf ein paar in Lumpen gekleidete Leute im Schatten eines großen Ahorns, doch unsere Mutter zeigte uns mit einem kurzen Kopfnicken an, schnell weiterzulaufen, denn selbst wir mussten uns vor den Menschen aus Coalman, der untersten Schicht, in Acht nehmen. Denn diese Leute hatten wirklich nichts mehr zu verlieren. Sie arbeiteten in Minen und Stollen untertage oder verdienten sich ihr Täglich Brot mit illegalem Betteln in den Stadtvierteln höherer Schichten.
Gegen Mittag waren wir unserem Ziel schließlich ziemlich nahegekommen, da wir die ersten Ausläufer Marpels erreichten. Als wir uns dem Stadtviertel immer weiter näherten und uns auf dem nun mit roten und braunen Steinen gepflasterten Weg durch einen kleinen Wald aus Ahorn-, Linden- und Kastanienbäumen die ersten Menschen entgegenkamen, schärfte uns unsere Mutter noch einmal dringlichst ein, den Blick gesenkt zu halten, schließlich wollte man keinen Ärger provozieren. Denn natürlich waren wir Limestoner in Marpel eher unerwünschte Gäste und obwohl wir unsere besten Sachen trugen, unterschieden wir uns deutlich von den sauber gekleideten Marpels mit ihren samtenen oder seidenen Anzügen und Kleidern, die genauso schön wie die Häuser in der Morgensonne leuchteten. Schon allein deshalb war es natürlich nicht einfach, den Kopf gesenkt zu halten. Gerade als ein älterer Herr in einer ziemlich geschäftigen Einkaufszone auf uns zukam, hielt ich es einfach nicht mehr aus und hob meinen Kopf ein Stück, um einen Blick auf seinen royal blauen Anzug zu erhaschen. In diesem Moment trafen sich unsere Blicke: Seine blaugrauen Augen, zwischen denen eine etwas knorrige Nase saß, weiteten sich vor Schreck und ohne Weiteres zu tun, wechselte er auf die andere Seite der Fußgängerzone. Als ich wieder in die demütige Haltung zurückkehrte, sah ich einen Funken Humor in den Augen meiner Mutter aufblitzen, bevor sie sich wieder auf den Weg konzentrierte, der uns immer weiter zu einem neuen Leben ohne Angst um den in seiner imposanten Schafswollendecke noch kleiner und gebrechlicher wirkenden Leo führte, oder zum alles verschlingenden Abgrund. Aber daran wollte ich noch gar nicht denken.
Als ich bereits den Diamond Tower durch die Kamine der Häuser sehen konnte, machte sich wieder die alte Unruhe in mir breit, die mich schon die Tage davor gequält hatte und die ich durch den anstrengenden Marsch für kurze Zeit verdrängt hatte. Weil sich der Weg, dem wir seit unserer Ankunft im Viertel Marpel gefolgt waren, dem Stadtzentrum von Osten näherte, hatten wir nur einen kurzen Marsch durch Einkaufsstraßen mit feinen Stoffläden, Maßschneidereinen, die selbst mein Antihandarbeitsherz höher schlagen ließen, und noblen Restaurants, die einen wundervollen Duft nach Gebäck und Kaffee in die Straße sandten, hinter uns bringen müssen, um zum Hauptquartier der Preisrichter zu gelangen. Man könnte sich jetzt fragen, warum wir uns nicht auf dem geraden Weg, also von unserem südlich gelegenen Standpunkt nach Norden hin, genähert hatten. Ganz einfach! Auch mit einer Lizenz war es uns nicht erlaubt in das Wohngebiet der Elite vorzudringen oder gar hindurch zu reisen. Deshalb hatten wir auch den anderen Weg nehmen müssen, den vom Südtor in Richtung nördlich gelegenes Meer und dann um die Luxusvillen herum in Richtung Osten.
Die Zeit schien sich zu verlangsamen, als wir schließlich den Fuß des Hochhauses erreichten. Ich warf meiner Mutter einen zuversichtlichen Blick zu, während sie vor dem Eingang Leo noch einmal fest an sich drückte. Sie warf nervös ihre offenen glatten kastanienbraunen Haare nach hinten, die sie sonst immer in einem Knoten am unteren Teil des Kopfes trug, brachte gerade einmal ein schwaches Zucken mit den Mundwinkeln zustande, das seine zuversichtliche Wirkung weit verfehlte, und trat mit entschlossener Miene durch die silberne Eingangstür, die von einem in eine schwarze Robe gekleideten Mann bewacht wurde, der uns allerdings keines Blickes würdigte. Ich sah zu meiner Schwester hinab, die verängstigt die schier unendlich lange Glaswand über uns hinaufsah. Ich brachte es zusammen, ihr ein aufmunterndes Lächeln zu schenken und sagte besänftigend: „Keine Sorge Dora. Alles wird gut!“
Zwar hatte ich keine Ahnung, ob das stimmte, doch der Gedanke an ein Happy End ließ einen Funken Hoffnung in meiner Brust entstehen, den auch die kalte Fassade des Gebäudes nicht löschen konnte. Und schnell folgte ich meiner Mutter, dahin, wo ihre zierliche Gestalt vor ein paar Atemzügen verschwunden war, hinein in die Höhle der Löwen.
Kapitel 4
Der Eingangsbereich, der sich mir eröffnete, schimmerte in einem fahlen Grün, was die silbrig gläserne Front hinter mir nur noch schauriger erscheinen ließ. Vor einem beigen Wandteppich, auf dem das Wappen der Preisrichter, eine grüne Schlange mit silberner Zunge und über diesem der gebogen stehende Spruch Cognitio potentiae dat, also Wissen verleiht Macht, in silbernen Lettern zu sehen war, befand sich ein großer Empfangstresen, hinter dem eine jüngere ziemlich hübsche Frau mit streng zurückgebundenen schwarzen Haaren in Minirock und Bluse gekleidet stand. Ihr kalter Blick verminderte dabei die Anzahl der Punkte, die sie bei einem Schönheitswettbewerb bekommen hätte, nur geringfügig, auch wenn er für einen Betrachter wie mich unangenehm war. Zielstrebig und ohne ein Zögern gab meine Mutter der Empfangsdame ihr Meldeformular und die Frau nahm dieses energisch in Augenschein. Da ihrer Meinung nach schließlich alles in Ordnung zu sein schien, zeigte sie uns mit einem Kopfnicken an,ihr zu folgen. Sie bog links des Tresens in einen Gang, der, von der Ausrichtung des Hauptgebäudes des Diamond Towers gesehen, in westliche Richtung verlief und, so schien es mir, bis in die Unendlichkeit reichte. Er hatte den gleichen Bodenbelag, wie der Eingangsbereich, ein blank polierter grauer Steinboden mit grünem Schimmer, der auch den Wänden einen kühlen Ton verlieh, und nachdem wir eine Zeit lang durch den schier endlosen Flur gegangen waren, konnte ich in dem fahlen Licht einiger kreisrunder Deckenleuchten eine Veränderung erkennen: wo vorher weiße Wände gewesen waren, prangte nun eine mit kunstvollen Schnitzereien geschmückte dunkle Holzwand und an der Decke konnte ich bunte handgemalte Bilder erkennen, verziert und umrandet von vielen Schnörkeln, die ähnlich wie an der Mauer auch Tierköpfe ausbildeten, wobei auch der Boden an einer bestimmten Stelle urplötzlich in nahezu ebenholzfarbenes Parket übergegangen war und jetzt kleine Kronleuchter für das gewisse Ambiente in der Düsternis sorgten, was der ganzen Atmosphäre in diesem vielleicht drei Meter breiten Gang zumindest eine wärmere Note verlieh. Nach einem mir stundenlang vorkommenden Marsch entlang verschlossener Türen sah ich vor uns am Ende der Allee aus toten Bäumen ein Portal aufragen, dessen schwere hölzerne offenstehende Torflügel bis zur Decke ragten. Ohne zu zögern betrat die voranschreitende Empfangsdame den Raum, der sich hinter dem Tor eröffnete. Ich folgte ihr, Doras dünne Hand in der meinen, meine Mutter im Schlepptau und öffnete erstaunt den Mund. Der Saal, der sich vor mir auftat, überwältigte mich in seiner Schönheit: der wiederum grünlich schimmernde Boden, die hohe, über mehrere Stockwerke gehende, hellgraue Steindecke, die vier hellgrauen Säulen, die diese stützten, die mir gegenüberliegenden stockwerkhohen, oben abgerundeten, in verschiedengroße Segmente aufgeteilten Fenster, die von samtenen grünen Vorhängen verhängt waren und eine hölzerne Tribüne, die vor mehreren aus Holz bestehenden Bänken, gegenüber der Eingangstür am Ende des Saales stand. Über der Tribüne hing als samtenes grünes Banner das Wappen der Preisrichter und in den Boden vor der Tribüne war die Flagge von Stones eingelassen worden, eine Schlange auf dem Hintergrund von einem hellgrauen, roten, schwarzen, cremefarbenen und dunkelgrauen Streifen, der die jeweilige Schicht von Stones symbolisierte. Während meine Schwester und ich noch am Staunen gewesen waren, hatte sich meine Mutter mit meinem Bruder schon auf einer der hinteren Bänke niedergelassen und winkte uns ungeduldig zu sich. Jetzt erst nahm ich die vielen anderen Familien wahr, die sich schon im Raum befanden. Gleich neben uns saß ein junges Ehepaar mit einem Kind, das nach der Kleidung zu schließen wohl aus Ardesia, dem Viertel der 3. Schicht, kam, was mir ein Blick auf die Stirn der beiden und damit auf ihren Preis bestätigte. Man könnte sich jetzt vielleicht fragen, warum das Ehepaar aus Ardesia zusammen mit uns aus Limestone die Zeremonie für ihr Kind hatte. Das war so, weil diese nur freitags stattfand und so keine Zeit war, auf die Trennung zwischen den einzelnen Schichten zu achten. Und trotzdem kam es sehr selten vor, dass sich ein Mitglied der zweiten oder gar ersten Schicht zu der Zeremonie für das gemeine Volk herabließ. Stattdessen erreichten diese mit viel Geld, dass ein Sondertermin für ihre Sprösslinge festgelegt wurde. Entweder war das Ehepaar knapp bei Kasse oder sie störten sich nicht daran, die Zeremonie mit der vierten und fünften Schicht zu teilen. Wir saßen rechts vom zentralen Gang, der zur Tribüne führte, und schnell merkte ich, warum meine Mutter gerade diese Seite ausgewählt hatte. Auf der linken Seite nämlich hatten sich auffällig viele Familien aus Coalman niedergelassen, dem Viertel der fünften Schicht, während auf unserer Seite fast nur Limestoner, unter denen auch einige mir bekannte Gesichter waren, und vereinzelt ein paar Ardesianer saßen. Meine Mutter hatte diese Seite gewählt, weil sie nicht noch tiefer sinken und ihren letzten Funken Stolz behalten wollte. Es machte mich traurig, dass alle Menschen auch ohne das Zutun der Politik, zu der auch die Preisrichter zählten, die Grenzen der Schichten aufrecht hielten.
Während ich in Gedanken gewesen war, war mir gar nicht aufgefallen, dass das allgemeine Geplauder aufgehört hatte und durch gespanntes Schweigen ersetzt worden war. Nun waren alle Augen nach vorne gerichtet, auf die Tribüne, so dachte ich zuerst. Bei genauerem Hinschauen erkannte ich, dass alle die unscheinbare Holztür rechts von dieser betrachteten. Sie musste zum Besprechungszimmer der Preisrichter führen. Von dem mit silbernen Beschlägen und mit einem silbernen Knauf bewehrten dunklen beweglichen Wandelement war ein grüner Teppich bis zur Tribüne ausgerollt worden. Ich war so in Gedanken gewesen, dass mir dieser überhaupt nicht aufgefallen war. Ohne Vorwarnung öffnete sich plötzlich die Tür und wie auf Kommando erhob sich der ganze Saal. Fanfaren ertönten von einem Balkon zu meiner Rechten, schon schritten in wallenden grünen Gewändern die Preisrichter in die steinerne Halle. Unter ihnen waren sowohl Frauen als auch Männer, alle im mittleren Alter oder älter. Sie nahmen auf den 20 Plätzen auf der leicht gebogenen, in zwei Reihen aufgeteilten Tribüne, die deshalb so konzipiert war, damit auch die Äußersten einen guten Blick auf die Flagge von Stones auf dem Boden hatten, Platz, wobei mir auffiel, dass die Älteren die vorderen Sitze für sich beanspruchten. In der Mitte saß ein Mann mit grauen Haaren und grünen, stechenden Augen, der oberste Preisrichter. Er unterschied sich von den Anderen darin, dass er eine schwere silberne Kette trug, in deren einzelnen ovalen Gliedern jeweils ein grüner Stein, wahrscheinlich ein Smaragd, funkelte, sodass ich diesen sogar über mehrere Bankreihen hinweg bestens erkennen konnte, und die so gut zum samtenen Umhang mit den silbernen Nähten passte. Mit einem Ring, der ebenfalls silbern mit grünem Stein war, klopfte der ältere Mann auf das dunkle Holz der Tribüne und die Leute im Saal ließen sich augenblicklich wieder auf den Bänken nieder. Dann sprach er: „Wir haben uns heute hier versammelt, um die Preise der hier anwesenden Kinder zu bestimmen.“
Seine Stimme war kalt und Eissplitter schienen die Luft vor unseren Augen wie seine Worte das Schweigen im Raum zu durchschneiden, er legte so viel Autorität in das Gesprochenen, dass nicht einmal mehr ein Kinderweinen zu hören war. Als er fortfuhr merkte ich, wie sich eine Gänsehaut auf meinen Armen bildete. „Wir werden nun die Namen der Kinder vorlesen und dann deren Preise bestimmen.“
Ein Schauder ging durch die Menge wie ein kühler Windhauch. Ich betrachtete die anderen Preisrichter und bemerkte in ihren Augen die gleiche Kälte, die ich auch in den Augen und der Stimme des Wortführers gefühlt hatte. Eine Frau, die links von diesem saß, holte eine lange Pergamentrolle hervor und der eigentliche Teil der Zeremonie begann. Die Preisrichterin verlas die Namen der einzelnen Kinder, ein Elternteil trat zusammen mit dem Baby vor die Tribüne und die Preisrichter bestimmten seinen Preis. Bei den ersten Kindern, die vor allem von Familien aus Coalman stammten, passierte nichts Außergewöhnliches. Sie alle hatten einen Preis, der sie in die Schicht ihrer Eltern einstufte, also einen zwischen null und 150, nur das Baby des Ehepaars, welches neben uns saß, hatte einen Preis von 459, der es in die 2. Schicht einstufte, was wiederum einigen Wirbel vor allem seitens der Eltern auslöste. Als die Mutter wieder Platz genommen hatte, schaute ich kurz in ihr tränenüberströmtes Gesicht. Es war hart das erste Kind an eine andere Schicht zu verlieren, aber wenigstens war es die zweite Schicht und nicht die vierte. Dann waren wir an der Reihe.
„Turris“, ließ die emotionslose Stimme der Frau verlauten.
Ich stand auf, um meine Mutter vorbei- und damit aus der Reihe treten zu lassen, als sich mein Blick mit dem des obersten Preisrichters kreuzte. Ich hörte in diesem Augenblick die Luft schier vor Spannung knistern und noch viel später, als ich längst wieder saß, fragte ich mich, ob er in dieser Sekunde mein Geheimnis erraten haben könnte. Während ich sekundenlang mit Schwindel und der Angst, die mir wie ein Stein im Magen lag und das Atmen erschwerte, kämpfte, durchquerte meine Mutter mit dem kleinen Leo den Raum und stand nun vor den Preisrichtern, auf dem Wappen von Stones. Sie hielt Leo etwas von sich weg, seine Füßchen hingen in der Luft, sein Gesicht musste bei der Zeremonie gut sichtbar sein. Der oberste Preisrichter lehnte sich langsam nach vorne. Er runzelte die Stirn und ein Glühen trat in seine grünen Augen. Ich stellte mir ängstlich vor, wie er damit die rehbraunen Augen meines Bruders wie mit Messern durchstach. Mehrere Sekunden verharrte der Würdenträger in dieser Position, dann lehnte er sich zurück. „Der Sohn der Turris hat einen Preis von 276.“
Die anderen Preisrichter nickten zustimmend. Mein Herz hüpfte vor Freude auf und ab und als meine Mutter sich zu uns umdrehte, sah ich den gelösten Blick in ihren Augen zusammen mit einem freudigen Funkeln, das ich schon allzu lang nicht mehr gesehen hatte und das mich noch breiter grinsen ließ. Als meine Mutter wieder auf ihrem Platz war, umarmte sie zuerst meine Schwester und dann mich, um dann dem Rest der Zeremonie, von der ich durch den Schleier des Glücks fast nichts mitbekam, mit einem Lachen auf den Lippen beizuwohnen. Nachdem der letzte Preis bestimmt worden war, erhob der mittlere Preisrichter abermals die Stimme. „Und nun, nachdem die Preise bestimmt worden sind, singen wir zum Abschluss die Hymne unseres Stones!!“
So erhoben wir uns alle, meine Schwester mit einem Stöhnen auf den Lippen, und sangen ein getragenes Lied in Moll, in dem es vor allem um die Preisrichter ging, die die Ordnung in der Welt bewahrten und deshalb höchste Ehren verdienten. Nach der Hälfte des Liedes bewegte ich nur noch die Lippen und da viele andere meinem Beispiel folgten, sang am Ende nur noch ein kläglicher Teil der Anwesenden. Ein stiller Protest war es, ein Aufbäumen gegen das System. Als die letzten Töne verklungen waren, löste der oberste Preisrichter, dem unser Widerstand nicht entgangen war, die Versammlung auf, stieg von der Tribüne hinab und verschwand, die anderen Preisrichter im Schlepptau, durch die unscheinbaren Tür, die sich hinter dem letzten von ihnen schloss. Sofort erhob sich der Lärm vieler aufstehender Menschen, die alle versuchten, als erste den Saal zu verlassen. Zwischen dem allgemeinen Gerede war immer wieder das Geschrei der Babys und das Schluchzen der Eltern zu hören, die ihr Kind verlieren würden.
Kapitel 5
Mit hastigen Schritten liefen wir den langen Gang zurück zur Eingangshalle. Nachdem wir einige Zeit gewartet hatten, waren wir mit ein paar anderen Nachzüglern in Richtung des neuen Diamond Towers aufgebrochen. Neu wurde dieser Teil des Hauptquartiers der Preisrichter genannt, weil er im Vergleich zum schon nahezu antiken alten Hauptquartier, dessen Zentrum der Zeremoniensaal, aus dem wir gerade kamen, bildete, noch recht neu wirkte. Im eigentlichen Diamond Tower mussten wir noch Leos Papiere holen, bevor wir wieder nach Hause zurückkehren konnten. Als wir schließlich den Eingangsbereich erreichten, wandten wir uns nicht nach rechts, zur Eingangstür, sondern bogen in einen schmalen Raum hinter der weißen Wand mit dem Wappen der Preisrichter ein, in dem sich an der linken Seite zwei bronzene Aufzugstüren befanden. Die Verwaltung der Preisrichter, also Finanzen, Registrierung von Preisen und die große Kanzlei des Preisrichterrates, war im zweiten Stockwerk des Towers angesiedelt. Die Arbeitsplätze dort, die vom einfachen Schreiberling, über Sekretäre bzw. Sekretärinnen, bis zum Berater gingen, wurde von Menschen aus Pebble und einigen glücklichen Ardesianern bekleidet, wobei es als große Ehre galt, für die Preisrichter zu arbeiten. Meine Mutter hatte wohl schon auf den blank polierten Knopf, der mich etwas an eine edle Hausklingel erinnerte, gedrückt, denn als ich meine Gedanken wieder auf die Gegenwart richtete, öffnete sich gerade die Aufzugstür und meine Mutter mit dem schlafenden Leo im Arm, meine Schwester und ich betraten diesen. Der Lift war wie alles andere natürlich wunderschön und von erlesenem Material, mit einem nun karamellfarbenen Boden und verspiegelten Seitenwänden, in denen ich mich als mittelgroßes Mädchen mit einem hoch sitzenden Zopf, dessen hellbraune Haarspitzen sich leicht lockig an mein Kinn legten, einem länglichen Gesicht mit breiten Augenbrauen und einem ausgewaschen grauen Kurzarmhemd über einem blauen Rock aus einem festen Stoff sah. Ein Duft nach eben derselben klebrigen Süßigkeit, die ich nur vom Sehen und Riechen her kannte, aber noch nie probiert hatte, lag in der Luft. Meine Schuluniform an meinem Körper leicht kritisch betrachtend spürte ich den Ruck, der sich bis in meinen Bauch auszuwirken schien und mir sagte, dass die Kabine wohl vom Boden gehoben worden war. Wir erreichten den zweiten Stock, die Türen öffneten sich und nicht zum ersten Mal an diesem Tag stockte mir der Atem auf Grund der immer wiederkehrenden Schönheit der oberen Viertel und ihrer Bauten, die trotz ihrer Beständigkeit und Vorhersehbarkeit für mich nichts an ihrem Scharm und ihrer Faszination verloren hatte. Unter dem Verwaltungsabteil hatte ich mir eine graue, mit dreckigen Teppichen ausgelegte, von Spanholzschreibtischen gefüllte und nur von vereinzelten staubbedeckten Zimmerpflanzen erhellte Bürolandschaft vorgestellt, also etwa wie das Verwaltungszimmer der Nähfabrik, in der meine Mutter arbeitete, nur eben in groß. Zu diesem Bild in meinem Kopf passten eindeutig nicht der glänzende hölzerne Boden, ein weiterer Empfangstresen zu meiner linken, das große bunte mit Ölfarben gemalte Unterwasserbild darüber, die samtigen, grün überzogenen Wartestühle auf der rechten Seite, deren zierliche Beine die gleiche Farbe wie der Boden hatten und die Frau, die ein smaragdgrünes Etuikleid trug, das gut zu ihren grünen Augen und dem langen rotbraunen Haar passte. Sie wartete bereits hinter dem brusthohen Tisch, da vor uns schon einige Familien dagewesen waren. Ihr junges und makelloses Gesicht sah gelangweilt aus und ich fragte mich, ob sie ihre Schönheit an dieser Stelle nicht verschwenden würde, doch dann fiel mein Blick auf ihren Preis und ich verstand. Einem Mädchen von solcher Schönheit standen in den gehobeneren Schichten doch einige Türen offen und für eins aus Ardesia, aus einer einfachen Familie, musste sich mit diesem Job eine ganz neue Zukunft eröffnen. Hinter ihrer Langeweile konnte ich ein Feuer der Hoffnung sehen, das durch eine Beförderung nur so mit Funken sprühen würde. Diese Erkenntnis, die mich mal wieder daran erinnerte, dass für die Preisrichter oft nur das Äußere zählte und dass die Menschen meiner Welt allgemein sehr oberflächlich waren, schließlich wurden man nur nach einem erblichen Preis beurteilt, war in weniger als zwei Sekunden zu mir durchgesickert und als ich sie mit einem Schauder über den Rücken abschüttelte, trat meine Mutter an den Empfangstisch heran. Sie hatte nichts von alldem mitbekommen und war darum bemüht, die Sache so gut es ging zu beschleunigen. „Hallo, mein Name ist Margo Turris. Ich war mit meinem Sohn bei der Zeremonie und möchte seine Papiere abholen.“
„Wenn sie mir bitte folgen mögen“, sagte die Frau mit gleichgültiger Stimme und zeigte mit einer Hand in einen Gang zu ihrer Linken, an dem mehrere Räume lagen und der, wie man erkennen konnte, in einiger Entfernung in ein großes Zimmer mündete.
„Wartet hier“, befahl uns meine Mutter mit einem Kopfnicken auf die grünen Polsterstühle gegenüber den Lifttüren und folgte der Frau, nachdem sie mir den weiterhin schlafenden Leo überreicht hatte.
Meine Schwester hatte nach wenigen Minuten aufgegeben still auf dem Stuhl zu sitzen und sich nun zu meinen Füßen niedergelassen, wobei sie versuchte, mit den dreckigen Schnürsenkeln meiner ziemlich maroden erdbraunen Stiefeletten neue Schleifen auszuprobieren. Dora war einfach noch zu sehr Kind für diese harte und rücksichtslose Welt. Sanft wiegte ich Leo hin und her und strich ihm eine dunkelbraune Strähne seines Haars aus den geschlossenen Augenlidern. Im Schlaf wirkten die Züge seines Gesichts noch weicher und unschuldiger als im wachen Zustand, wenn er einen durch seine warmen braunen Augen anstrahlte, ein Lachen auf den Lippen. Wahllos bewegte er seine kleinen Fingerchen, die schließlich meinen Finger fanden und sich an diesen klammerten. Ich war sehr froh, dass der kleine Leo bei uns bleiben durfte, auch wenn er nur mein Halbbruder war und Essen ein wertvolles Gut geworden war. Beim genaueren Hinsehen sah der kleine Junge seinem Vater, der auch der von Dora war, in seinen Gesichtszügen sehr ähnlich mit der kleinen Stupsnase, den eng zusammenstehenden dunklen Augenbrauen und den Grübchen in den Mundwinkeln. Doch Kamlet, so hieß der Plantagenarbeiter und Vater meiner zwei Geschwister nämlich, lächelte nie, zumindest hatte ich ihn nie lächeln sehen. Er wirkte auf mich niemals glücklich, sondern eher verkniffen mit den dunklen Augen und den dunkelbraunen glatten Haaren, die so geschnitten waren, als hätte ihm jemand einen Topf aufgesetzt und an dessen Rändern die Haare abgetrennt. Ich hatte nie verstanden, was meine Mutter an diesem fast ungesund braun gebrannten Mann gefunden hatte, der das ganze Jahr über vor den Toren der Stadt Obst und Gemüse pflanzte, goss und erntete, hatte ihn nie in mein Herz geschlossen, auch, weil er sich nie für Dora interessiert hatte. Vielleicht überforderten Kamlet Kinder, jedenfalls hatte er sich seit Leos Geburt bei uns nicht mehr blicken lassen und anders als meine Mutter rechnete ich auch nicht mehr mit seiner Wiederkehr. Trauer durchzuckte mich, dass auch Leo keinen richtigen Vater haben würde. Andererseits war seine Zukunft in Limestone nicht gerade rosig, also warum sollte er da grundlos verhätschelt werden. Jedenfalls war in diesem Augenblick das Alles egal. In diesem Moment zählte nur, dass wir über den Abgrund gesprungen waren, auch wenn noch viel zu viele Hürden vor uns lagen. In der Stille hörte ich plötzlich ein Geräusch, ganz leise und gleichmäßig war es, wie Regentropfen in einen großen Teich. Doch dann drängte es sich weiter in den Vordergrund und ich hob den Kopf, das stechende Blatt einer Palme, von deren Art es hier mehr gab, im Nacken spürend. Die Schritte, die das Geräusch verursachten, kamen immer näher. Flüsternd forderte ich meine Schwester auf, sich wieder auf dem Stuhl niederzulassen. Das hallende Geräusch ebbte ab, als die kleine Gruppe den Gang erreichte, wodurch ich jetzt auch eine tiefe Männerstimme ausmachen konnte. Der Sprecher trat als Erster in den Vorraum, gefolgt von zwei weiteren jüngeren Männern. Die beiden Äußeren trugen schwarze wallende Gewänder, während der Mittlere eine ausgewaschene Jeans und einen braunen Pulli anhatte. Dies musste die Preisrichtergarde sein, die aus bereitwilligen Preisrichtern aber auch vertrauenswürdigen Pebblern oder Ardesianern bestand und im Namen der Preisrichter für Recht und Ordnung sorgte. Zweifellos waren die zwei in schwarz gekleideten jungen Männer Preisrichter, wenn sie sich in diesem Teil des Diamond Towers ohne weiteren Geleitschutz durch andere als Preisrichter erkennbare Personen befanden. Noch nie hatte ich so junge Preisrichter wie diese gesehen, denn im Preisrichterrat, der sich für die Limestoner am sichtbarsten in der Öffentlichkeit bewegte, waren nur erfahrene Preisrichter, also ältere, die auch bei Überraschungen keine Miene verzogen und ihr Urteil auch bei höheren Schichten ohne Vorurteile fällten. Dass letzteres nicht unbedingt immer gewährleistet war, war nicht zu bestreiten. Schon oft genug waren Vorwürfe der Korruption zwischen ranghohen Personen und den Preisrichtern laut geworden, doch solche Misstöne oder zumindest ihre Verursacher waren meist schnell weg vom Fenster. So hatte ich lediglich einen Teil des Unterrichtsstoffs wiederholt. Dass meine Meinung über die Preisrichter und deren Weltansichten in eine ganz andere Richtung als die der Schulleitung und des Bildungsministers gingen, war schon allein durch meine Mutter und deren Sicht der Dinge gewährleistet.
Ich spürte einen leichten Druck auf meinem Schuh, als mich meine Schwester aus meinen Gedanken zurückholte. Beschämt senkte ich den Blick, als ich merkte, dass ich die drei Männer immer noch anstarrte. Diese waren mittlerweile vor einer der beiden Aufzugtüren, während sie dem grün blinkenden Rand des Knopfes nach zu schließen auf den Lift warteten. Keiner der beiden in schwarz gekleideten hatte meinen Ausrutscher bemerkt. Nur der andere Junge betrachtete mich interessiert. Ich hob den Blick, um seinen zu erwidern, als mir ein Keuchen entfuhr. Seine Stirn über den dunkelblauen Augen war leer, dort, wo eigentlich sein Preis hätte stehen müssen, war ein schwarzes Nichts, das mein letztes Stück Selbstbeherrschung verschlungen hatte. Weil der Junge wohl das Entsetzten in meinem Gesicht gesehen hatte, verdunkelten sich seine Augen und er drehte sich in die Richtung, in die die anderen schauten. Langsam machte dem anfänglichen Schreck einer Panik Platz, die nichts mit dem fehlenden Preis des Jungen zu tun hatte. Er hatte meinen Blick gesehen, er wusste, was ich gesehen hatte und somit war es für ihn nicht schwer zu erraten, welche Fähigkeiten in mir schlummerten. Mein Bauch zog sich ob dieser Erkenntnis zusammen, auf meiner Haut bildete sich Schweiß. Das Ticken der Uhr, die über meinem Platz hing, kam mir unheimlich und viel zu laut vor, als ob sie wüsste, dass mein Geheimnis kurz vor der Offenbarung stand. Eins, zwei, drei, vier. Ticktack, ticktack. Die Sekunden verstrichen und nichts passierte. Ein Geräusch ließ mich zusammenzucken, als sich die Aufzugtüren öffneten, dann das leise Rumpeln, während sie sich wieder schlossen. Ich atmete einmal, zweimal. Dann richtete ich meine Augen auf die Stelle, wo vor kurzem noch der Mensch gestanden war, der jetzt mein Schicksaal in der Hand hatte.
Ich beruhigte mich erst wieder, als nach zwei weiteren Minuten meine Mutter ins Zimmer trat und mit freudiger Miene verkündete, sie habe die Papiere für Leo. Der Weg zur Tür über den Aufzug und die Empfangshalle war kurz und wir alle waren froh, als wir dem Diamond Tower den Rücken zukehren konnten. Als wir vor diesem standen, die Sonne, die bereits den Zenit überschritten hatte, im Gesicht, konnte meine Schwester das freudige Jauchzen, das über ihre Lippen kam, nicht unterdrücken. Endlich war die schwer lastende Sorge weg, endlich hatten die Wolken in unserem Leben der Sonne Platz gemacht. Für einen Moment vergaß ich all die anderen Sorgen und zusammen mit meiner Schwester drehte ich mich um unsere Mutter, das Gesicht zum Himmel gestreckt. So tanzten wir am Fuße des Diamond Towers.
Kapitel 6
Bald schon hatten wir Strecke zwischen das Hauptquartier der Preisrichter und uns gebracht. Die Sonne stand bereits tief und schien uns ins Gesicht, als wir endlich den Pfad erreichten, dem wir dann bis zum Südtor folgen mussten. Bei Anbruch der Dunkelheit kamen wir schließlich dort an und nahmen die nächste Straßenbahn nach Limestone. Irgendwo zwischen Marpel und Ardesia war meine vom Tag erschöpfte Schwester eingeschlafen, ihr Kopf lag schwer auf meiner Schulter. Auch ich verspürte große Müdigkeit, allerdings war der Drang, den Schlaf meiner Schwester zu bewachen größer. Ihr langes glattes kastanienbraunes Haar erzitterte bei jedem ihrer gleichmäßigen Atemzüge. Auch meine Mutter hatte ihren Blick auf Dora gerichtet. Sie sah ebenfalls müde aus, ihre tiefen Augenschatten ließen keinen Zweifel daran, und doch war da das lebhafte Funkeln in ihren blauen Augen, das ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Doch da nun die alles überlagernde Sorge weg war, hatte ich in meinem Kopf viel zu viel Platz für meine anderen Probleme. Was war mit dem Jungen von heute Mittag? Hatte er mich doch noch verraten? Würden morgen die Preisrichter kommen, um mich zu holen? Und wenn er mich doch nicht verraten hatte? Aber warum sollte er das tun? Viel zu viele Fragen gingen mir durch den Kopf und als wir schließlich Limestone erreichten und ich meine Schwester aufweckte, schwirrte mir dieser vom vielen Denken. Den Weg nach Hause durch die dunklen Gassen hasteten wir nur so dahin. Wir alle waren froh, wieder zu Hause zu sein. Aber mir war bewusst, dass ich auch daheim keinen Schutz vor meiner selbst finden würde. Ich spürte, dass mein Geheimnis kurz vor der Enthüllung stand.
Trotz allem fiel auch von mir die Anspannung ab, als wir schließlich vor unserer Haustür standen. Meine Mutter schloss auf und schnell schlüpften wir in den schmuddeligen Flur, in dem wir heute früh noch gestanden hatten, nichtsahnend, was uns die Zukunft bringen würde. Nach einer weiteren Tür befanden wir uns in unserer Wohnung, die mir nach dem großen Zeremoniensaal noch kleiner vorkam. Sie bestand nur aus zwei Räumen, der Küche und dem gemeinsamen Schlafzimmer, die beide nicht nennenswert voneinander abgetrennt waren. Nur ein Tuch hing da, wo die Tür hätte sein müssen. Es diente dazu Essensgerüche, von denen es bei uns eher nicht so viele gab, aus dem Schlafraum zu halten und Gästen den jämmerlichen Anblick unserer „Betten“, zweier Matratzen und einem Gitterbett für Leo, zu ersparen. Ansonsten befand sich im Schlafzimmer nur noch ein alter Teppich und eine Kleiderstange, die unsere spärliche Auswahl an Kleidungsstücken zeigte. Ein Fenster gab es dort nicht. Die Küche, die unseren Wohnraum darstellte, war etwa doppelt so groß wie das Schlafzimmer, was aber nicht viel bedeutete, weil dieses mit den wenigen Sachen, die sich darin befanden, so voll gestopft war, dass man sich darin fast nicht mehr bewegen konnte, ohne auf einer Matratze zu stehen, und war gefüllt mit einer schmalen Küchenleiste und einem Tisch mit drei Stühlen. Dieser war so an die der Küchenzeile gegenüberliegende Wand geschoben worden, dass es noch Platz gab, um dazwischen hindurchzugehen. Das Ganze war durch eine einzige Glühbirne an der Decke in schummriges Licht getaucht. Anscheinend hatten wir heute Glück gehabt, denn es war nicht selbstverständlich, dass wir Licht hatten. Die Stromversorgung in Limestone konnte nicht gerade als zuverlässig bezeichnet werden. Und wie auf ein Kommando standen wir plötzlich wieder im Dunkeln. Meine Mutter stöhnte auf und ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie sie die Augen verdrehte, bevor sie sich zu unserem einzigen Schrank vortastete, aus dem sie im untersten Fach auch einige Kerzenstummel herausholte. Der Strom kehrte den restlichen Abend nicht zurück und so nahmen wir unser karges Mahl aus trockenem Brot und kalter Brühe im Kerzenschein ein. Wir lachten viel und so machte es uns nichts aus, als wir mit immer noch knurrendem Magen ins Bett stiegen, denn an andere Aktivitäten, wie das Lesen eines Buches, war bei dieser Lichtqualität nicht zu denken. Nachdem meine Mutter dem kleinen Leo ein Gutenachtlied gesungen hatte, bei dem auch Dora die Augen zugefallen waren, löschte sie das Licht und war nach kurzer Zeit ebenfalls eingeschlafen. Allein ich lag noch lange in der Dunkelheit wach und grübelte über meine Zukunft nach. Als ich merkte, dass meine Gedanken immer öfter abschweiften, überließ ich mich schließlich der warmen Leere des Schlafes.
Ich stand in einer Menge an Leuten. Mein Blick schweifte hin und her. Ich suchte nach meiner Familie. Plötzlich traf ich den Blick eines anderen Augenpaars. Seine blauen Augen bohrten sich in meine, blau auf blau, Eis auf Meer. Plötzlich drehten sich die anderen zu mir um, als der Junge auf mich zeigte. Und die Stimme des obersten Preisrichters dröhnte in meinen Ohren: Zelda Turris, rief er, Zelda Turris!
Kapitel 7
Bei den ersten Sonnenstrahlen wachte ich auf. Das Licht, das durch die Ritzen des Lakens, welches den Durchgang verhing, fiel und dieses vom Rest des Raumes abhob, malte die dunklen Umrisse meiner Geschwister und ließ in seinen Strahlen Staub tanzen. Meine Mutter rumorte irgendwo in unserem Wohnraum und mein Magen erinnerte sich nur noch schemenhaft an die letzte richtige Mahlzeit. Vorsichtig, um Dora nicht zu wecken, verließ ich auf Zehenspitzen das Zimmer. In der Kochecke stand meine Mutter bereits in einem Topf rührend am Herd. Sie war wohl schon früh aufgestanden, noch bevor die Sonne überhaupt zu erahnen gewesen war, um das bisschen Milch, das sie jetzt mit Haferflocken vermengte, zu kaufen. In den letzten drei Monaten seit der Zeremonie meines Bruders hatte sich die Knappheit an Lebensmitteln verschärft, jetzt, wo es den Leuten finanziell einigermaßen gutging, war nicht mehr viel da, was sich kaufen ließ. Die Preisrichter, so sagte man, hatten mal wieder die Rohstoffzufuhr unterbunden. Die Preise für Kleider und Lebensmittel, wenn den welche da waren, schossen in die Höhe. Die, denen es vorher schlecht gegangen war, ging es jetzt noch schlechter, denn Folge des Rohstoffmangels war vor allem eine steigende Arbeitslosigkeit. Auch meine Mutter war davon betroffen. Sie hatte sich vor einigen Jahren als Näherin selbstständig gemacht, doch jetzt, da Stoffe und Garne so enorm teuer waren, lag es nicht fern, dass sie wieder in die Fabrik gehen musste, wo sie die Hälfte verdiente und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeitete, um uns drei, Leo, Dora und mich, einigermaßen ernähren zu können. Wegen diesem Sachverhalt war es mir auch wirklich lästig in die Schule zu gehen. Lieber wollte ich arbeiten, um wirklich etwas beitragen zu können, aber meine Mutter stritt vehement ab, dass ich derartiges machte, da wollte sie schon lieber verhungern, als dass ich meine Zukunft opferte. Vielleicht würde das auch bald geschehen…
Dora holte mich aus meinen düsteren Gedanken, als sie über meine gedrückte Miene zu lachen anfing. „Wie schaffst du es nur, schon morgens so schlechte Laune zu haben?“
„Und wie schaffst du es nur immer, so nervig zu sein?“, erwiderte ich mürrisch, hellte meine Miene dann aber doch etwas auf, was meine Schwester mit einem triumphierenden Blick zur Kenntnis nahm, während sie mir gegenüber am Tisch Platz nahm.
Meine Mutter weckte Leo auf und zusammen aßen wir unser Frühstück. Danach zogen meine Schwester und ich unsere grauen Schuluniformen an, wuschen uns und standen schließlich startbereit vor der Tür, wo uns unsere Mutter eine Glasflasche überreichte, die ich in meine selbstgenähte kleine Tasche steckte, die auch einen Block und ein paar Stifte enthielt. Wir verabschiedeten uns und traten durch die Tür in den Morgen. In der kleinen Gasse, an der unsere Wohnung lag, war bereits reger Betrieb. Um der Enge zu entkommen rannten wir bis zum Ende der Straße, die in einen großen erhöhten Platz mündete. Die Sonne stand noch nicht hoch genug, um die Häuser in unserem Rücken zu überwinden und die unter uns liegenden Gebäude zu bescheinen. Wir standen an der verfallenen Mauer, die den Platz vom darauf folgenden Hang abgrenzte und blickten über die vielen rauchenden Schornsteine, die sich in der Ferne in ihrem eigenen Qualm verloren. Wie ich schon früher festgestellt hatte, war der Anblick Limestones am Morgen nicht mal halb so schön wie der von Ardesia, aber trotzdem hatte er etwas anziehendes. Ich sog die kühle Luft ein, die schon am Morgen eine schwache Rauchnote hatte und gab schließlich dem Ziehen meiner Schwester an meinem Arm nach. Wir folgten weiteren Gassen, bis wir pünktlich zum Siebenuhrfünfundzwanziggong das rostige Schultor passierten, hinter dem wir über den von Unkraut überwucherten Hof zum Schulgebäude gingen, einem alten grauen Betonklotz, der weiterer Erwähnungen nicht würdig war. Mein Stundenplan sah heute mittelmäßig aus, zuerst Stonisch, dann Mathe, Doppelstunde Murla, Geschichte und Kunst. In Mathe war ich ganz gut und auch an Stonisch hatte ich nichts auszusetzten, Geschichte war allerdings das schlimmste, was man mir antun konnte, eine dreiviertel Stunde lang Erzählungen darüber, wie hervorragend die Preisrichter waren und was sie alles für uns getan hatten. Heute sollte es besonders schlimm werden, denn der Besuch eines Preisrichters war angekündigt worden. Ich hatte meine Mutter angefleht mich krankzumelden, doch diese hatte erwidert, es wäre gar nicht schlecht, dem Feind einmal von Angesicht zu Angesicht zu begegnen und diesen mit Fragen zu löchern und hatte sich dann lachend wieder ihrer Näharbeit zugewandt. Wirklich hilfreich! Gerade hatten wir den Eingang erreicht und meine Schwester, die vier Klassen unter mir, also in der sechsten Klasse, war, verabschiedete sich von mir, um danach in Richtung ihres Klassenzimmers zu verschwinden. Ich selbst bog in einen Gang und folgte einer schnatternden Menge Fünftklässler zu meiner ersten Unterrichtsstunde.
Der Vormittag verging wie im Flug und schon saß ich in meinem Geschichtsklassenzimmer. Wie in allen Fächern hatte ich auch in diesem miefigen, kleinen und dreckigen Raum den hintersten Platz belegt, den Blick auf die Uhr über der Tür gewandt. Ruckartig und ohne Vorwarnung öffnete sich diese, als mein Geschichtslehrer, ein alter grauhaariger und ausgemergelter Mensch, und ein weiterer Mann das Zimmer betraten. Die ganze Klasse erhob sich und unser Lehrer zeigte mit einem Wink, nachdem er seine abgenutzte Ledertasche auf das hölzerne Pult geknallt hatte, dass wir uns setzen könnten. Er nahm ebenfalls Platz und der andere Mann, der wahrscheinlich der Preisrichter war, trat mit einem Räuspern in das spärliche Licht einer Glühbirne und begann seinen Vortrag. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Er begann mit der Legende zur Entstehung von Stones, jeder kannte sie. Vor ein paar hundert Jahren war Stones eine Wüste gewesen, doch durch einen sintflutartigen Regen war das Land grün geworden und schließlich hatten es auch einige Menschen für sich entdeckt, genauer der Stamm der Sontes. Die Mitglieder des Stammes waren alle unterschiedlich begabt gewesen, so erzählte es die Legende. Die einen waren gut darin niedere Arbeiten zu verrichten, die anderen glänzten wiederum in Führungsrollen. Der letzte bekannte Stammesführer war Marpel gewesen, ein weiser Mann, dem, wie jedem Anführer, ein Rat aus weiteren Männern gleicher Gesinnung unterstellt gewesen war und mit gleicher Gesinnung meinte ich vor allem gleichen Talents oder besser gesagt gleicher Wertigkeit. Über Marpel stand nur ein anderer Mensch, einer, der den Wert eines Menschen sehen konnte, der damalige Preisrichter, der in der Überlieferung nicht namentlich genannt wurde. Um noch einmal zu Marpel zu kommen oder vielmehr zu dem Grund, warum er der letzte Anführer war, musste man wissen, dass zu dessen Herrschaftszeit die Ernten reich waren und deshalb die Bevölkerung schon bald explodierte. Menschen unterschiedlicher Schichten lebten auf engsten Raum zusammen und schon bald kam es zu Unruhen vor allem unter den Leuten niederer Schichten, was wohl daran lag, dass die erntereichen Jahre vorbeigewesen waren. So hatte Marpel die geniale Idee gehabt das Gebiet zwischen den einzelnen Schichten zu teilen und den Tapfersten aus jeder Schicht zum Leiter des Neuanfangs zu ernennen. Eines Nachts trafen sich die Auserwählten, um die Gebiete aufzuteilen. Marpel hatte das Land in die Erde gemalt und überreichte jedem einen Stein, den er auf das Gebiet legen sollte, auf welches er Anspruch erhob. Er selbst hatte seinen Stein, einen Marmor, schon auf das Gebiet an der Küste gelegt, das heutige Marpel, da er das Meer und die sanfte Hügellandschaft der Küste liebte und die anderen folgten seinem Beispiel. Sein Bruder legte einen Kieselstein direkt neben den Marmor in das Gebiet, welches nun Pebble hieß, der Vertreter der 3. Schicht legte ein Stück Schiefer auf ein Gebiet südöstlich des Meeres, Ardesia, ein Mann aus der 4. Schicht warf seinen Kalkstein mit geschlossenen Augen und er landete neben Ardesia, dem heutigen Limestone. Der Mann aus der 5. Schicht, ein bescheidener Mensch, nahm ein Stück Kohle aus dem Feuer und legte es auf den einzigen noch freien Platz, fernab vom Glanz Marpels, um so den Standpunkt von Coalman zu begründen. Dies war also der Beginn des ganzen Unglücks, denn darauf folgten mehrere Aufstände gegen das System, die blutig niedergeschlagen worden waren. Da diese nicht in das Bild der Preisrichter passten, war es auch nicht verwunderlich, dass sie bei der Erzählung des Preisrichters unerwähnt blieben. Dieser knüpfte nahtlos das Heutige an die Legende von damals an, ohne die enorme Zeitspanne dazwischen zu beachten. „Das heutige Stones lässt sich von Historikern schon aus dieser frühen Legende herauslesen. Der Preisrichter stand weiter über den einzelnen Vierteln und über Marpel, die Anführer, die damals ihr Gebiet wählten, sind die heutigen Gouverneure von Stones. So fügt sich das eine in das andere. Die Preise drücken noch heute eure, unsere Bestimmung aus.“
Weiter nannte er viele Vorzüge des Systems und erklärte, dass es unsere Aufgabe war dieses wichtige System zu schützen, dass die Genialität dieser Gesellschaftsordnung jeden Tag aufs Neue bewiesen werden musste, um revolutionäre Kräfte im Keim zu ersticken und dass wir unseren Teil dazu beitragen sollten, indem wir treu und folgsam waren und uns diesem fügten. Ungläubig hob ich den Blick, den ich seit mehreren Minuten auf die Bleistiftzeichnungen auf meinem Tisch gerichtet hatte, da ich einfach nicht glauben konnte, dass irgendjemand nur ansatzweise unterstützen konnte, was dieser Mann da vorne predigte. Prüfend schaute ich einigen meiner Klassenkameraden ins Gesicht und wurde nur so von Enttäuschung durchflutet, als ich deren leere Blicke untersuchte. Anscheinend interessierte sich keiner dafür, was von uns verlangt wurde und was wir haben könnten, ihre von Arbeit abgestumpften Sinne nahmen nicht mehr die Ungerechtigkeit war, die in den Worten des Preisrichters mitklang. Die Enttäuschung machte der Wut Platz und brodelnd suchte ich die Quelle der Lügen, die in gesprochene Worte umgewandelt wurden, und machte den Preisrichter auf einem Holzstuhl vor der Tafel aus. Als mein lodernder Blick auf seine fast schwarzen Augen traf, durchfuhr mich ein Schreck, der mir ein leises Keuchen entlockte. Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein! Wie konnte er es wagen, seine Leute so zu verraten! Der Schreck verwandelte sich abermals in Wut, in eine Wut, von der mir der Kopf pochte und die mich erzittern ließ. Der Hass war so groß auf diesen Preisrichter, der seine eigene Schicht und damit meine, nämlich die vierte Schicht verriet, dass ich nur am Rande wahrnahm, wie dem Preisrichter kurz seine Gesichtszüge entglitten, bevor er in sachlichem Ton fortfuhr. Zum Ende der Stunde hatte ich mich so weit unter Kontrolle, dass mir das Ausmaß meines Handelns erst so richtig bewusst wurde. Bittere Galle stieg in mir hoch und als schließlich das schrille Geräusch der Schulglocke ertönte, war ich nicht mehr zu halten. Ohne einen weiteren Blick zurück ließ ich das Schulhaus hinter mir und ging zu dem einzigen Ort, an dem ich jetzt noch sicher war.
Kapitel 8
Früher hatten meine Schwester und ich, als wir noch nicht in der Schule waren, immer in der Nähe der Fabrik gespielt, in der meine Mutter tagsüber arbeitete. Dort hatten wir uns in einer Ecke eine Höhle gebaut, in der wir uns bei Regen aufhielten. Diese war auch nicht weit entfernt von der Schule und so war ich nach wenigen Minuten dort und setzte mich noch rechtzeitig in den kleinen Raum aus Holz und Wellpappe, bevor mich die Tränen übermannten. Wie konnte ich nur so dumm sein, wie konnte ich nur! Ich hatte, ohne es zu bemerken nicht nur mein Leben, sondern auch das meiner Familie aufs Spiel gesetzt. Warum hatte ich die Beherrschung verloren, warum nur? Hätte ich nicht darauf vorbereitet sein können, dass es auch Preisrichter aus niederen Schichten gab? Nun war alles aus, unser Glück zerstört. Ich gab mir vielleicht noch einen Tag, dann würden mich die Preisrichter holen, um mich zu einer von ihnen zu machen. Schließlich war es für den Preisrichter ein leichtes gewesen, meine Überraschung und anschließende Wut darauf zurückzuführen, dass ich des Zahlensehens mächtig war. So saß ich nun da, auf der festgetretenen Erde, zusammengekauert und tränenüberströmt. Ich hatte jedes Gefühl für Zeit verloren, bald verdunkelte sich der Himmel, dann begann es zu regnen. Dicke Tropfen drangen durch das löchrige Dach, fielen auf meine leichten Klamotten, die alsbald durchnässt waren und ließen mich frösteln und schließlich beschloss ich, dass es keinen Zweck hatte, es weiter hinauszuschieben. Ich musste meiner Mutter die Wahrheit erzählen, bevor es die Preisrichter tun würden. Ich stand auf, streckte meine steifen Glieder und machte mich durch den Regen auf den Weg nach Hause, eine dunkle Gestalt auf grauem Hintergrund.
Glücklicherweise war es noch nicht allzu spät, als ich mich unserem Haus näherte, vielleicht drei oder vier Uhr. Der Glockenturm war schon vor langer Zeit baufällig gewesen und so war es kein Wunder, das auch die darin eingebaute Uhr kurz darauf ihren letzten Schlag getan hatte, was aber nicht weiter schlimm war, da sich die meisten Leute eh mehr auf die Sonne, als auf ein von den Preisrichtern kontrolliertes Messgerät verließen. Zu Hause angekommen, befreite ich mich im engen Flur zuerst von den nassen, schlammigen Schuhen und der dünnen Jacke, bevor ich unsere Wohnung betrat. Wie erwartet war meine Mutter noch nicht zu Hause und nur meine Schwester saß an dem kleinen Holztisch in der Küche, ihre Schulsachen vor sich ausgebreitet; wir nutzten eben jede Minute aus, in der wir einmal Strom hatten. Als sie mich bemerkte, hob sie den Kopf und ich sah in ihren Augen Erleichterung. Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen. Keine einzige Minute hatte ich daran gedacht, dass meine Schwester sich sicherlich Sorgen machen würde, wenn ich zum Schulende nicht am Schultor erscheinen würde, um mit ihr nach Hause zu laufen. Tausende Entschuldigungen rasten mir durch den Kopf. Ich hatte nacharbeiten müssen, ich war noch einkaufen gegangen… Doch keine dieser Ausreden schien der Wahrheit gerecht zu werden. Ich hatte mir vorgenommen mein Geheimnis zu offenbaren, mich der Wahrheit zu stellen. Warum sollte ich also nicht jetzt anfangen? Erschöpft setzte ich mich auf den Stuhl ihr gegenüber und begann mit matter Stimme zu sprechen. „Hi, wie war dein Tag?“
Sie hob abermals den Kopf, dieses Mal ein spöttisches Funkeln in den Augen. „Gut. Und wie war der Vortrag des Preisrichters? War er so schlecht, dass du danach gleich fliehen musstest?“, fügte sie sarkastisch hinzu.
Ich bewunderte meine Schwester immer wieder dafür, wie sie immer sofort ins Schwarze traf und ärgerte mich gleichzeitig darüber, dass ich nicht bedacht hatte, dass meine plötzliche Flucht in Verbindung mit der vorausgegangenen Rede des Preisrichters eine explosive Tratschmischung abgab, die dazu führte, dass die ganze Schule binnen weniger Minuten über meinen Abgang Bescheid wusste und dass meine Schwester zur ganzen Schule zählte.
„Nicht direkt“, beantwortete ich wage ihre letzte Frage, dann holte ich tief Luft. „Ich habe heute etwas sehr Dummes gemacht…“
„Das sehe ich auch so“, sagte eine Stimme hinter mir.
Erstaunt fuhr ich herum und sah meine Mutter im Türrahmen stehen, auf dem Gesicht eine Mischung aus Sorge und Wut. Meine Mutter war bei einer ihrer Kundinnen gewesen, als deren Tochter von der Schule nach Hause gekommen war und erzählt hatte, dass ich die letzte Stunde Kunst geschwänzt hatte. Für die Lehrer an unserer Schule war es normal, dass der ein oder andere gelegentlich Schulstunden schwänzte, doch meine Mutter war bei dieser Information hellhörig geworden, da es normalerweise so gar nicht meine Art war, einer Stunde fernzubleiben. Also hatte sie auf dem Nachhauseweg einen Abstecher zur Schule gemacht, um dann dort zu erfahren, dass wir in den nächsten Tagen mit Besuch zu rechnen hatten. Meine Mutter hatte eins und eins zusammengezählt und stand nun mit einem heißen Tee in der Hand an die Küchenzeile gelehnt da und erwartete von mir eine Erklärung. Aber wie sollte man bei so einer Sache anfangen? Schließlich beschloss ich der Vollständigkeit zuliebe mit dem Tag anzufangen, an dem ich meine Gabe entdeckt hatte. Ich war gerade einmal fünf gewesen, als ich zum ersten Mal einen Preis gesehen hatte. Damals waren wir ganz frisch in diese Wohnung eingezogen, die Wände waren noch weiß und ich die einzige Tochter meiner Mutter gewesen, da meine Schwester erst ein Jahr später dazugekommen war. So hatten wir also auch noch mehr Geld gehabt und meine Mutter hatte mir eines Tages am Markt ein kleines Amulett gekauft. Wenn man dieses öffnete, hatte man einen kleinen von grünen Ranken umgebenen in das Metall eingelassenen Spiegel gesehen, der gerade wegen seiner Größe ideal für mich gewesen war. Ganz aufgeregt hatte ich mich zu Hause auf einen Stuhl gesetzt und meinen Blick auf den Spiegel gerichtet. Ich hatte mein Spiegelbild betrachtet, die schmalen Lippen, die rosigen Wangen, die großen erwartungsvollen Augen mit den langen Wimpern. Als ich zu meiner Stirn gekommen war, hatte ich dann aber etwas gesehen, was dorthin eigentlich nicht gehörte, nämlich eine grünflammende Zahl, die Zahl 222. Damals hatte ich mich sehr erschrocken und fortan Spiegel gemieden, doch als ich in die Schule gekommen war, hatte ich die Preisrichter durchgenommen, meine mit ihren Fähigkeiten verglichen und war zu dem Schluss gekommen, dass ich wohl selbst eine Preisrichterin war. Glücklicherweise war ich damals schon klug genug gewesen, mein Geheimnis für mich zu behalten und hatte stattdessen begonnen, mehr über meine Begabung zu erfahren. Ich fand heraus, dass die meisten Preisrichter zuerst ihren eigenen Preis sahen und dass sie sich selber als Preisrichter melden mussten und nicht anhand ihres Preises als ein solcher erkannt werden konnten und versuchte, dieselben flammenden Zahlen im Stirnbereich anderer Menschen zu sehen, was nach viel Übung auch mit ersten Erfolgen gekrönt wurde.
Meine Mutter und meine Schwester lauschten stumm meinem Bericht und für lange Zeit war meine Stimme das einzige, was im Raum zu hören war. Als ich geendet hatte, trat eine undurchdringliche Stille ein und mein Magen zog sich vor Aufregung über die Reaktionen meiner Familie zusammen. Nach einer halben Ewigkeit regte sich meine Mutter schließlich. Sie richtete ihren Blick auf einen Punkt irgendwo hinter mir und sagte mit ausdrucksloser Stimme: „Jemand muss Leo von den Nachbarn holen.“
Ohne auf eine Reaktion von Dora zu warten, verließ ich den Raum. Draußen angekommen lehnte ich meinen Kopf an die dreckige Wand des Ganges. Ich war auf alles gefasst gewesen, Wut, Geschrei, nur nicht auf dieses stumme Entsetzen, diesen leeren Blick in den Augen meiner Mutter, der mir ein schwarzes Loch in den Bauch riss. Mein Kopf schwirrte, schwarze Pünktchen tanzten vor meinen Augen und ich sackte restlos zusammen. Nur einmal zuvor hatte ich diesen Ausdruck auf ihrem Gesicht gesehen, damals, als sie mir von meinem Vater und meinem Bruder erzählt hatte. Doch diese abgeschwächte Form war Nichts gegenüber dem Heutigen gewesen. Nach ein paar Minuten riss ich mich zusammen, setzte ein Lächeln, das wohl etwas schief aussah, auf und klopfte an der hellblauen Tür der Nachbarn. Dort empfing mich Frau Son, eine kleine rundliche Frau mittleren Alters. Sie erwiderte mein Lachen und bat mich zu sich herein. Frau Son war Mutter zweier Kinder, einem vierjährigen Mädchen und einem zweijährigen Jungen. Ihr Mann arbeitete in einer Fabrik für Straßenbahnteile am anderen Ende von Limestone und war selten zu Hause anzutreffen, da er frühmorgens das Haus verließ und erst spät am Abend heimkehrte. Meine Mutter brachte Leo an Tagen, an denen sie Hausbesuche machte, zu ihr, für eine kleine Summe Betreuungsgeld, und holte ihn gegen Nachtmittag wieder ab. Unsere Nachbarin lebte von solch kleinen Gefallen, die sie der ganzen Nachbarschaft gab, da sie selbst nicht Arbeiten ging, aber bei dem kleinen Einkommen ihres Mannes mitverdienen musste. So lag Leo vergnügt in einem Bettchen, umringt von mehreren kleinen Kindern, die abwechselnd die Rassel schüttelten, was ihnen ein freudiges Glucksen entlockte und Leo zum Lachen brachte. Frau Son bot mir einen Tee an, den ich dankend annahm und wir saßen einige Zeit einfach nur da und betrachteten die glücklichen Kinder. Ich war froh, dass unsere Nachbarin nie allzu redselig war und wusste, wann andere Leute ihre Ruhe brauchten. Denn dieser kleine Abschnitt des Tages war meine einzige kurze Atempause, da es mir beim Kindergelächter leichter fiel, die düsteren Gedanken in eine Ecke zu schieben und mein Inneres mit der goldenen Farbe des Glücks zu bemalen, die nach dem Besuch wieder abblättern würde. So wurde ich, als ich mit dem schlafenden Leo auf dem Arm im Gang stand, wieder von Empfindungen und Ängsten durchflutet und eine Frage, die Frage aller Fragen, schob sich in den Vordergrund: Wann würden die Preisrichter kommen, um mich zu holen?
Kapitel 9
In den nächsten zwei Tagen fühlte ich mich wie eine tickende Bombe, die bald explodieren und alles in ihrer Umgebung mitreißen würde. In den Gängen der Schule folgte mir häufig Getuschel und unser Geschichtslehrer würdigte mich keines Blickes mehr, was ich aber nicht als Übel empfand. Zu Hause war es wesentlich schlimmer. Meine Mutter hatte die letzten zwei Tage das Haus nicht verlassen, sie sprach mit niemandem und nähte nur stumm vor sich hin, während meine Schwester jedes Mal Tränen in den Augen hatte, wenn sie mich ansah oder mit mir sprach. Der Einzige, der gut gelaunt war, war der kleine Leo, der von all dem nichts verstand. Da sich die Preisrichter die letzten zwei Tage nicht gerührt hatten, ging ich davon aus, dass sie am nächsten Tag, einem Samstag, kommen würden. Beim Abendessen ergriff ich schließlich meine Chance, die Situation noch irgendwie zu retten. „Mama, es tut mir so unendlich leid, dass ich dir nicht früher davon erzählt habe, aber ich hatte Angst, du würdest mich dafür hassen, was ich war, was ich bin.“
Ganz langsam hob meine Mutter den Kopf. „Aber Zelda, wie konntest du glauben, ich würde dich nicht mehr lieben, nur weil du eine gute Preisrichterin wärst?“
„Nur weil ich eine gute Preisrichterin wäre?“, fragte ich verwundert.
„Viele Menschen haben eine gute Begabung für etwas. Deine Schwester singt zum Beispiel gut, aber heißt das, sie muss unbedingt Sängerin werden? Nein! Das ist nur die Auffassung der Preisrichter, die Preisrichter meinen, dass diejenigen, die des Zahlenlesens mächtig sind zu einem von ihresgleichen werden, aber deshalb muss dies noch lang nicht deine Bestimmung sein.“
Wie hatte ich nur so engstirnig sein können? Ich hatte nur den einen Weg gesehen, den Weg, der den Preisrichtern recht war, aber nie hatte ich darüber nachgedacht, dass ich auch ein ganz normales Leben hätte führen können.
„Ich bin nicht sauer auf dich, nur enttäuscht. Hättest du mir so weit vertraut, mir dein Geheimnis anzuvertrauen, hätten wir eine Lösung gefunden. Natürlich bist du nicht schuld, an deiner Offenbarung und ich mache dir deine Kurzsichtigkeit nicht zum Vorwurf, nur musst du mit diesem Fehler leben.“ Bei diesem letzten Satz seufzte sie müde auf. „Wie ich die Preisrichter doch hasse! Sie nehmen mir immer das weg, was mir lieb und teuer ist.“ Doch ihre Worte hörten sich nicht wie ein prasselndes Feuer an, sondern eher wie eine dünne Flamme, die den Kampf gegen den Wind schon längst aufgegeben hatte.
Zutiefst berührt umrundete ich den Tisch und zog sie in eine lange Umarmung. Durch die Wärme meiner Mutter verlor ich etwas an Angst und ein neues Gefühl, Entschlossenheit, setzte meine Adern unter Strom. Ich würde für meine Schicht kämpfen und mich nicht auf die Ansichten der Preisrichter einlassen. Schaudernd dachte ich an den Preisrichter in meinem Geschichtsunterricht, der die Vorstellungen der Preisrichter so überzeugt dargestellt hatte, als hätte er sie selbst erfunden. So würde ich nicht sein! Doch eine leise Stimme in meinem Inneren behauptete das Gegenteil.
Nach dem Abendbrot packten meine Mutter und ich die wenigen Klamotten, die ich besaß, in ein weißes Tuch und legten es am Küchentisch griffbereit für den nächsten Tag hin. Heute erzählte ich eine Gutenachtgeschichte, meine Lieblingsgeschichte. Sie handelte von einem fernen Land, in dem alle Menschen gleich waren und keiner von Geburt an bevorzugt wurde, von einem kleinen Mädchen, das in einem schönen Haus lebte und viele Dinge besaß, von denen wir nur träumen konnten. Das Buch zu dieser Geschichte existierte nicht mehr, da es von den Preisrichtern eingezogen worden war, um die Menschen von den Gedanken an eine derartig schönere Welt abzuhalten. Doch der Buchinhalt war damals schon so populär gewesen, dass die meisten Limestoner den groben Wortlaut auswendig gekonnt hatten und die Geschichte weiterverbreitet worden war. So wurde sie auch heute noch bei Kerzenschein erzählt und ließ Kinderaugen größer werden, bei den vielen Dingen, die es gab und die sie nicht kannten. Mit den Gedanken in meiner Traumwelt aus der Geschichte schlief ich ein. Die ganze Nacht hindurch verweilte ich dort, auf Wolken schwebend und ohne die dunklen Schatten der Sorgen.
Doch wie nach jeder Nacht kam auch nach dieser der Morgen. Kaum hatte ich meine Augen geöffnet, schon störten die vielen rastlosen Gedanken die vom Schlaf zurückgebliebene innere Ruhe, die durch dessen nicht mehr vorhandene betörende Wirkung meinen Problemen schutzlos ausgeliefert war. Ich wusch mich in dem kleinen Bad, das in der Dämmerung des Morgens noch schäbiger wirkte, dann zog ich mich an und trat mein wohl letztes Frühstück mit meiner Familie an. Die Stimmung war betrübt. Kein Lachen erhellte den Morgen, die Stille surrte in den Ohren, ein Anspannung, der keiner lange standhalten konnte.
„Die Preisrichter, was machen sie mit dir?“ Meine Schwester hatte schließlich dem Druck nachgegeben und das Schweigen durchbrochen.
Ja was machten die Preisrichter eigentlich mit mir? Würden sie mich bestrafen, mich ausbilden? „Ich weiß es nicht.“
Ein mulmiges Gefühl machte sich in mir breit, eine Mischung aus Aufregung und Übelkeit.
„Sie werden dich wohl zu einer von ihnen ausbilden, oder es zumindest versuchen“, antwortete meine Mutter.
Dora betrachtete mich mit vor Schreck geweiteten Augen.
„Das werde ich natürlich nicht zulassen“, beteuerte ich, doch tief in meinem Inneren zweifelte ich daran, ob ich überhaupt eine Wahl hatte.
„Wissen die Nachbarn, dass wir heute Besuch bekommen?“
„Nein, und so soll es auch bleiben! Das Gerede nach deinem Verschwinden wird mir reichen. So sieht es wenigstens so aus, als wäre das alles überraschend für uns eingetreten und das Mitleid wird das Gerede mildern“, erwiderte meine Mutter bestimmt.
Mein Verschwinden, das hörte sich so an, als hätte ich selbst beschlossen zu gehen, aber vielleicht hatte das ein Teil meines Gehirns ja auch ohne meine Erlaubnis getan und seine Chance ergriffen, als sie ihm zu Füßen lag. Dieses Gedankenspiel führte ich aber nicht fort, da ich wichtigeres zu tun hatte, als meinen inneren Kampf auszutragen. Die Preisrichter würden bald kommen. Doch auf unergründliche Weise war ich auf einmal bereit für all das, was kommen mochte. Meine Mutter musste diese Entschlossenheit in meinem Blick gesehen haben und nickte nur traurig. Im Gegensatz zu ihr machte ich das Beste aus meinem Schicksaal, während sie der Vergangenheit nachtrauerte. Ich würde mich den Preisrichtern stellen! Verträumt trat ich ans Fenster und blickte auf die grauen Häuser, die sich von dem schwarzen Himmel, der ein Gewitter ankündigte, abhoben. Bald, bald!
Die Spannung, die schon den ganzen Tag in der Luft gelegen hatte, entlud sich schließlich am frühen Nachmittag. Blitze zuckten, Donner grollte, der Wind rüttelte am ganzen Haus und Regen trommelte an unser Küchenfenster. Ich saß mit Leo am Schoß auf einem unserer Stühle und wartete. Ich war so auf das Warten konzentriert, dass ich anfangs das Klopfen an unserer Tür, das vom Brüllen des Gewitters fast gänzlich überlagert wurde, überhörte. Bei einem besonders lauten Krachen zuckte ich aus meinem Halbschlaf hoch, um eine nun energischere und lautere Klopftirade zu hören. Schnell gab ich Leo meiner Mutter, die ebenfalls gedankenverloren an der Wand gelehnt hatte und trat mit schnellen Schritten zur Tür, um diese zu öffnen. Davor standen zwei Männer, ein größerer junger und ein mittelgroßer alter, beide in samtenen grünen Gewändern, die vom Regen schwarz wirkten. Ohne auf eine Reaktion meinerseits zu warten trat der ältere Mann in unsere Wohnung, gefolgt vom jüngeren, der die Tür hinter sich schloss. Ich selbst stand überrascht von der bedingungslosen Souveränität der Preisrichter in der Mitte des Raumes und wusste nicht so recht, wie mir geschah. Der ältere Preisrichter richtete seine blauen Augen auf mich und begann: „Du bist Zelda Turris?“
„Ja“, antwortete ich mit zittriger Stimme, den traurigen und verzweifelten Blick meiner Mutter im Nacken spürend.
„Der bildungsbeauftragte Preisrichter von Limestones berichtete, dass unter einer Klasse, die er im Zuge eines Projekts besucht hatte, eine Schülerin gesessen hatte, die sich in die Richtung auffällig benommen hatte, dass sie des Preislesens mächtig ist. Er nannte uns deinen Namen, Zelda. Aus diesem Grund werden wir dich nach Marpel mitnehmen, wo du dich einer Prüfung zu unterziehen hast, die feststellen wird, ob dies der Wahrheit entspricht.“
Bei diesen Worten begann mein Herz zu rasen. Eine Prüfung? Niemals hatte ich auch nur ansatzweise gedacht, dass man sich einer Prüfung unterziehen musste, um Preisrichter zu werden. Die Offensichtlichkeit meiner Gabe für mich hatte mir anscheinend die Augen geschlossen vor der realen Welt. Für mich war es das schlimmste Szenario meine Familie zu verlassen und sich den Preisrichtern anzuschließen, ich hasste ihren Reichtum und ihre Macht. Nie hatte ich daran gedacht, dass andere dies nur als einige der guten Dinge sehen könnten, die das Preisrichterleben mit sich brachte. Wie verzweifelt konnte man sein? Doch bei näherer Betrachtung fielen mir viele Gründe ein, das Leben eines Preisrichters seinem eigenen vorzuziehen: Armut, Hunger, keine Zukunft auf den normalen Wegen des Systems oder Machtgier und Ehrgeiz.
Nach einem kurzen Räuspern fuhr der Ältere fort: „Wenn du, Zelda, die Prüfung bestehen solltest, werden wir dich zu einer von uns ausbilden, du wirst deinen Blick zu schärfen lernen für noch so kleine Details der menschlichen Seele, des menschlichen Wesens, allerdings unter der Bedingung, dass du nach unseren Gesetzen lebst…“
„Und wenn nicht“, fuhr meine Mutter diesem ins Wort.
Die unendliche Traurigkeit in ihrer Stimme stach wie ein Dolch in meine Brust.
„Wie und wenn nicht?“
„Wenn sie die Prüfung nicht besteht“, antwortete meine Mutter, die ihre zitternde Stimme nicht länger verbergen konnte.
Ein Funkeln trat in die Augen des Preisrichters. Es schien mir, als wäre seine blaue Iris ein wirbelnder Sturm und die schwarze Pupille das alles verschlingende Loch. „Dann wird Ihre Tochter aus der Gesellschaft ausgestoßen, eine Preislose.“
Ich hörte wie meine Schwester hinter mir nach Luft schnappte und die Hand vor den Mund schlug. Dagegen fühlte ich mich wie betäubt, mein Blick verschwamm, meine Ohren pochten. Eine Preislose. Ich sah vor mir den Jungen im Diamond Tower, seine gähnend leere Stirn.
„Da ja nun alles geklärt ist, werden wir dich mitnehmen. Morgen findet die Prüfung statt. Falls du bestehen solltest, darfst du deiner Familie eine Nachricht zukommen lassen. Du hast zwei Minuten dich zu verabschieden. Wir warten draußen auf dich.“ Die geschäftsmäßigen Worte drangen nur halb durch die Mauer, die ich innerhalb von Sekunden um mich errichtet hatte.
Als die beiden Preisrichter jedoch den Raum verlassen hatten, verflog ein Teil des Schleiers, der sich auf meine Augen gelegt hatte. Ich konnte fühlen, wie mich meine Mutter und Schwester umarmten, spürte ihre nassen Gesichter auf meiner Haut, erahnte Tränen auf meinen eigenen Wangen. Langsam löste ich mich aus der Umarmung. Ein letztes Mal nahm ich die kleine Hand meines Bruders in die meine, ein letztes Mal küsste ich die Stirn meiner Schwester, ein letztes Mal blickte ich in die warmen Augen meiner Mutter. Ich nickte meiner Familie zu. So viel wollte ich noch sagen, doch die Stimme versagte mir. Im Nachhinein wusste ich, dass es keine Sprache der Welt gab, die diesen Schmerz und diese Trauer und die zugleich innig pulsierende Liebe beschreiben konnte. Ich öffnete die Wohnungstür, meine Hand fand das dünne Holz des Türrahmens, dessen Farbe sich löste und blaue Farbpigmente auf meiner Haut verteilte. Lass los, sagte eine Stimme in meinem Kopf, geh! Und mit größtem Herzschmerz trat ich in den Gang und wand mich in Richtung Ausgang. Ich spürte erneut wie Tränen in mir hochstiegen, wie die Versuchung von mir Besitz nahm zurück zu rennen. Stattdessen setzte ich mich in die andere Richtung in Bewegung erst langsam, dann immer schneller. Es fühlte sich so falsch an, doch ein Teil von mir wusste, dass dies der einzig wahre Weg für mich war. Als ich die Haustür erreicht hatte, verweilte ich noch einen Moment. Stille machte sich breit. Einsamer als je zuvor wischte ich mir die Tränen aus den Augen, packte den Türgriff und entschlossen schritt ich durch die Tür in mein neues Leben.
Kapitel 10
Davor warteten bereits die beiden Herren. Es hatte aufgehört zu regnen und Pfützen hatten sich in der unebenen Straße gesammelt. Die Sonne blendete mich vor dem schwarzen Hintergrund der Wolken, die in Richtung Westen abgezogen waren. Die Preisrichter waren in ein Gespräch verwickelt, doch als sie mich bemerkten, beendete sie dieses und der jüngere machte eine Handbewegung in Richtung eines gelben Etwas. Konnte das wirklich sein? Unsicher machte ich ein paar Schritte auf die Männer zu. Ohne Zweifel, es war ein Sol. Bei genauerem Hinsehen konnte man die markante gelbe Oberfläche des Gefährts als Metall ausmachen, das wie die Sonne glänzte. Das Sol, benannt nach dem scheinenden Gelb der Außenlackierung, war ein Gefährt der Preisrichter. Es war ihr Privileg, eines ihrer vielen Statussymbole. Nur einmal zuvor hatte ich eines in echt gesehen, damals an dem Tag, an dem ich meine Schwester zu ihrer Zeremonie begleitet hatte. Das Besondere an dem Gefährt war nicht nur seine Farbe, sondern vor allem die Tatsache, dass es etwa einen Meter über dem Boden schwebte. Vor etwa 30 Jahren war es erfunden worden in einem der wissenschaftlichen Institute der Preisrichter. Es sollte die Macht, die andere nicht hatten, die Macht zum Fliegen, demonstrieren, es war ein Meilenstein in der Technik. Natürlich profitierten damals wie heute nur die Preisrichter von jener Erfindung. Da ich die Preisrichter nicht verärgern wollte, holte ich einen tiefen Atemzug und stieg in das Sol ein. Die Rückbank war aus weichem schwarzem Leder und lud zum Entspannen ein. Ich allerdings setzte mich steif hin, bedacht, so wenig wie möglich von der Bank zu berühren. Ein Geruch nach Blüten und Holz wehte mir entgegen, als sich der jüngere der beiden Preisrichter neben mich setzte. Der ältere hatte schon hinter dem Lenkrad Platz genommen und startete die Maschine. Ich erwartete ein Aufjaulen des Motors und das darauffolgende Ächzen, doch alles was ich hörte war ein leises Summen. Zornig runzelte ich die Stirn und verschränkte die Arme vor meiner Brust. Die Preisrichter hielten die unteren Schichten zum Narren. Es war nicht auszudenken, welchen technischen Fortschritt eine Maschine wie diese in einer Fabrik in Limestone bedeuten würde…
„Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Ardan und der grimmig dreinschauende Mann am Steuer ist Neptos“, der jüngere der beiden hatte das Wort ergriffen, seine Stimme klang sanfter als die des anderen. „Sobald du eine Preisrichterin bist, wirst du deinen Familiennamen ablegen, um zu zeigen, dass du nicht mehr einer Schicht angehörst.“
„Nana Ardan, nicht so eilig. Wir wollen ihr doch keine falsche Hoffnung machen, oder?“ Die raue Stimme von vorne hatte gesprochen. „Wann gab es nochmal die letzte Preisrichterin aus Limestone? Ist wohl schon eine Weile her.“ Ironie lag in Neptos Stimme, als er sich wieder dem Straßenverkehr zuwandte.
Kurz hob ich meinen Blick und richtete ihn auf den Rückspiegel, der oberhalb des Lenkrads angebracht war. Im Spiegel war ein grauer Haarschopf zu sehen und weiter unten der Ansatz einer Stirn. Konzentriert starrte ich auf Neptos Stirn und sah alsbald vor meinem inneren Auge eine flammende Zahl, die diesen in die zweite Schicht einordnete. Natürlich konnte es ein ehemaliger Pebbler nicht lassen, Schichtneutralität der Preisrichter hin oder her, eine Limestonerin zu beleidigen, die es wagte, sich mit ihm auf eine Stufe stellen zu wollen. Diese Erkenntnis versteifte nur noch die abwehrende Körperhaltung, die ich von Anfang an zur Schau getragen hatte. Einige Minuten lang herrschte Stille.
„Du weißt, dass du dich nicht ewig deiner Bestimmung verschließen kannst?“, fragte Ardan mit ruhiger Stimme.
Überrascht drehte ich meinen Kopf ein Stück nach links, um diesen besser sehen zu können. In unserer Küche hatte ich keinen großen Wert daraufgelegt, wie die Menschen aussahen, die mich von meiner Familie trennen würden. Doch jetzt, da ich mich beruhigt hatte und keinen anderen Ausweg sah, als mich mit der Situation abzufinden, konnte ich es nicht verhindern, den Blick zu heben. Ardan hatte hellbraune Haare, braune Augen und leicht gebräunte Haut, seine Gesichtszüge wirkten entspannt und als er bemerkte, dass ich in beobachtete, spielte ein kleines Lächeln um seine Lippen. Ein Blick auf seine Stirn sagte mir, dass er aus Ardesia war. Die Ruhe, die dieser ausstrahlte, fühlte sich nach all dem Kummer und den Strapazen wie an weiches warmes Kissen an.
„Ja“, seufzte ich.
Irgendwie hatte ich sofort Vertrauen zu Ardan gefasst, vielleicht auch, weil er einen so großen Kontrast zu Neptos darstellte. Allerdings war mir bewusst, dass ich mich bald stellen, mich mit meiner näheren Zukunft auseinandersetzen musste, doch das Surren des Motors, die weichen Sitze, denen ich schließlich nachgegeben hatten und die Geborgenheit, die Ardan ausstrahlte, wirkten nicht gerade positiv auf meine Denkfreudigkeit und so saß ich lange Zeit ans Fenster gelehnt da und betrachtete die Landschaft, die sich mit sanften grünen Hügeln und weitläufigen Tälern immer mehr zu der von Marpel entwickelte.
Als es dunkel wurde, tauchten neben der Straße Lichter auf, die darauf schließen ließen, dass wir uns wohl schon in Marpel befanden. Wir waren den ganzen restlichen Nachmittag unterwegs gewesen und obwohl immer wieder neblige Schwaden der Müdigkeit durch meinen Kopf gezogen waren, war ich tapfer wach geblieben und hatte schließlich doch angefangen nachzudenken, über das, was gewesen war, was war, und was kommen mochte. Auch hatte ich beschlossen, dass mein momentan wohl größtes Problem die Prüfung zur Aufnahme in die Gemeinschaft der Preisrichter war. Das einzige, worin ich mir momentan sicher war, war, dass ich eine Preisrichterin war. Aber würde das für die Prüfung reichen? Ich hatte keine Ahnung. Der anfangs so gesprächige Ardan hatte mir auch keine weiteren Auskünfte gegeben, was wohl auch daran gelegen hatte, dass ich zu seinen letzten Fragen gar keine oder nur knappe Antworten geliefert hatte. Langsam wurde ich unruhig. Ich setzte mich wieder gerade hin und versuchte mit größerer Mühe, irgendetwas hinter dem Fenster auszumachen, was mir Auskunft geben konnte, wo wir uns gerade befanden, aber die Dunkelheit, die jetzt fast undurchdringlich geworden war, schien alles zu verschlucken.
„Du musst nicht so angestrengt nach draußen blicken. Wir befinden uns seit etwa einer halben Stunde im Tunnel, der zu unserem Hauptquartier führt, du wirst deshalb weder Häuser noch Bäume in der Dunkelheit sehen. Es kann jetzt aber nicht mehr weit sein“, informierte mich Ardan mit leichter Ironie in der Stimme.
Ich spürte, wie mir Hitze ins Gesicht stieg. Anscheinend war ich so in Gedanken gewesen, dass mir der lückenlose Übergang von Tag zu Nacht gar nicht aufgefallen war. Auch war ich erschrocken, wie schnell man mich durchschaut hatte und nahm mir vor, in der Hinsicht an mir zu arbeiten, schließlich begab ich mich jetzt in Feindesland und nicht jeder Preisrichter würde so nett zu mir sein wie Ardan es war, Neptos war das lebende Beispiel dafür.
„Im Hauptquartier werden wir dich einem Zimmer zuteilen, das mit deiner Schicht kompatibel ist, was wohl nicht weiter schwer sein wird bezogen auf die Anzahl der Limestoner, die dieses Jahr da sind. Die Zeiten in Limestone und Coalman werden wohl wieder rauer, was?“ Neptos hatte das Wort ergriffen und betrachtete mich durch den Rückspiegel mit zusammengekniffenen Augen.
Natürlich war das Leben in Limestone rau und es wurde auch nicht besser durch die Tatsache, dass die Preisrichter nichts unternahmen, diesen Zustand zu ändern. Ich war mir ziemlich sicher, dass Neptos nie gehungert hatte, nie das elendige Dahinsiechen der Ärmsten miterlebt hatte. Er war der typische Preisrichter, saß in seinem glitzernden Diamond Tower und hatte keine Ahnung von der wirklichen Welt. Hass loderte in mir auf, als ich mich daran erinnerte, was er meiner Mutter gesagt hatte, als sie gefragt hatte, was mit denen passierte, die die Prüfung nicht bestanden: Sie werden Preislose. Das Alles schien Neptos anscheinend zu genießen, das Leben eines Menschen zu zerstören, ihm seine Familie und Existenz zu rauben und auch die Worte Ardans, mich doch in Ruhe zu lassen, konnten dieses Gefühl nicht bändigen. Wir hatten wohl endlich das Hauptquartier erreicht, denn das Sol verlangsamte seine Geschwindigkeit und blieb dann stehen. Wir stiegen aus und Neptos steuerte auf eine Tür zu, die von zwei Lichter umrandet war, die aussahen wie die, die ich anfänglich für Straßenlaternen gehalten hatte.
„Neptos wird uns hier verlassen, ich werde dich zu deinem Zimmer bringen“, sagte Ardan neben mir.
„Wir sehen uns morgen bei der Prüfung“, meinte Neptos darauf und verschwand wieder im Sol. Seine Worte klangen mehr wie eine Drohung als freundlich und ich war sicher, dass sie auch als diese gemeint waren. Während das Sol in der Dunkelheit des Tunnels verschwand, traten Ardan und ich durch die Tür, die zu einem Fahrstuhl führte, der ähnlich wie der aussah, den ich auch am Tag der Zeremonie meines Bruders benutzt hatte.
„Bis morgen wirst du im Hauptgebäude des Diamond Towers untergebracht sein. Wenn du deine Prüfung bestehst, wirst du anderswo hingebracht werden.“
Ich war schon fast versucht zu fragen, wo denn dieses anderswo liegen würde, ließ es dann aber bleiben. Zuerst musste ich einmal die Prüfung bestehen. Ardan drückte nun auf die Taste für den vierten Stock und der Lift setzte sich in Bewegung. Oben angekommen gaben die sich öffnenden Türen den Blick auf einen schmalen Gang frei, der für Preisrichterverhältnisse erstaunlich schlicht gestaltet war.
„Im vierten Stock befinden sich die Gästezimmer. Wenn du mir bitte folgen würdest, dann zeige ich dir deins.“
Ich folgte Ardan durch den Gang, der mit schlichtem grünem Teppichboden ausgelegt war und in einiger Entfernung abrupt endete. Hin und wieder erhaschte ich einen Blick durch eine offenstehende Tür auf die Möbel, die in den Zimmern standen. In den ersten zwei Räumen befanden sich Babybettchen, die, so erklärte mir Ardan, für die Kinder waren, die einen anderen Preis wie ihre Eltern hatten und nach der Zeremonie nicht zu ihren Familien zurückkehren konnten. Da allerdings heute Samstag war, waren die meisten Babys schon bei ihren neuen Familien untergekommen und nur noch wenige Bettchen waren belegt. Schaudernd stellte ich mir Leo in einem dieser kalten einsamen Räume vor, verdrängte den Gedanken aber schnell wieder aus meinem Kopf. So weit war es ja zum Glück nicht gekommen. In einem anderen Zimmer konnte ich einen gemütlich aussehenden Sessel sehen und ungefähr in der Mitte des Ganges kamen uns zwei Jungs entgegen, die garantiert keine Preisrichter, sondern wohl eher Ardesianer waren, die ebenfalls zur morgigen Probe angereist waren. Am anderen Ende des Flurs kam Ardan schließlich zu einem Halt. Er zeigte mit seiner Hand zur rechten Tür und sagte: „Das ist dein Raum.“
Da er keine Anstalten machte, diesen zu betreten, gab ich mir einen Ruck und öffnete die Tür. Das Zimmer war etwa so groß wie die Wohnung meiner Mutter und beinhaltete vier dunkelbraune Betten, einen Tisch und zwei gemütlich aussehenden Sessel, von denen ich einen schon im anderen Raum gesehen hatte. Auf drei Betten waren bereits, so schien es mir, die Inhalte von Beuteln, ähnlich dem meinen, ausgeschüttet und verbreitet worden. Das vierte Bett am von samtenen grünen Vorhängen umrahmten Fenster allerding war noch unberührt und so ging ich davon aus, dass es für eine Nacht das meine sein würde.
„Deine Zimmergenossen sind wahrscheinlich gerade beim Abendbrot. Da uns aber bewusste war, dass wir so spät ankommen würden, haben wir dir etwas bringen lassen.“ Er deutete auf ein silbernes Tablett. „Morgen wird dich jemand zum Frühstück holen, alles weitere wird dir dann dort erklärt.“
Ich nickte und machte einen unsicheren Schritt in den Raum hinein.
„Gute Nacht, Zelda. Wir sehen uns morgen.“ Mit einem Lächeln schloss er die Tür hinter sich.
Erschöpft durchquerte ich das mit ebenfalls grünem Teppichboden ausgelegte Zimmer und ließ mich auf der weichen weißen Bettdecke nieder. Obwohl die Müdigkeit mir die Augen schwer machte, zwang ich mich dazu, einen Blick auf das Tablett zu werfen. Dort lagen Scheiben von einem Brot, das ich so noch nicht gesehen hatte, weiß und fluffig, und bei dessen Duft mir der Magen knurrte. Also nahm ich etwas von dem noch warmen Brot in den Mund und begann zu kauen. Noch nie hatte ich so etwas köstliches probiert. Das warme Gebäck schmolz regelrecht auf meiner Zunge. Erst als ich alles aufgegessen hatte, entdeckte ich auf dem Tablett ein Glas voll Milch, die ebenfalls viel süßer und fetter schmeckte als die Milch, die ich von Zuhause gewohnt war. Satt und müde legte ich mich auf das Bett, machte das Licht aus und als ich merkte, dass die Lichter der Stadt immer noch zu hell waren, schloss ich auch diese mit dem Zuziehen der schweren Vorhängen aus. Es dauerte nicht lang, da war ich in dem allzu weichen Bette eingeschlafen, das mich für eine kurze Zeitspanne alle Probleme vergessen ließ.
Бесплатный фрагмент закончился.
