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Hannes Hofbauer/Stefan Kraft (Hg.)

Lockdown 2020


© 2020 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien

ISBN: 978-3-85371-881-0

(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-473-7)

Coverfoto: Alamy

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Inhaltsverzeichnis

Hannes Hofbauer/Stefan Kraft (Hg.): Vorwort

Der Nährboden für die Pandemie

Chuang-Blog: Soziale Ansteckung

Andrej Hunko: WHO – Wer bestimmt, was gesund ist?

Andreas Sönnichsen: Covid-19: Wo ist die Evidenz?

Armando Mattioli: Ursachen für die pandemiebedingte Krise in Italien

Sozioökonomische Folgen

Hannes Hofbauer/Andrea Komlosy: Neues Akkumulationsmodell: Verhalten und Körper im Visier des Kapitals

Allfred J. Noll: Seuchenzeit: Der Staat als »ideeller Gesamtkapitalist«

Andea Komlosy: Entflechtung oder Neuordnung: Globale Güterketten nach dem Lockdown

Staatliche Zwangsmaßnahmen und die Rolle der Medien

Matthias Burchardt: Versuch über den Homo hygienicus

Roland Rottenfußer: Die Gesundheitsdiktatur

Joachim Hirsch: Sicherheitsstaat 4.0

Peter Nowak: Die autoritäre Staatlichkeit und der Konformismus der Linken

Rolf Gössner: Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat in Zeiten der Pandemie

Walter von Rossum: Mediale Superspreader

Der neue Umgang

Stefan Kraft: Der ausgeschlossene Tod

Ulrike Baureithel: Die Angst, aussortiert zu werden

Valentin Widmann: Die Menschenwürde und der Wert des Lebens in Zeiten von Corona

Jochen Krautz: Bildendes Lernen braucht Schule und Unterricht

Bernhard Heinzlmaier:_Jugendliche als Betroffene der Corona-Epidemie

Gerhard Ruiss: Kulturpolitik in der Corona-Krise

Nicole Selmer: Kein Zurück zu einem kaputten System: Fußball in der Krise

Zitate zum Lockdown

AutorInnenbiografien

Vorwort

Ein Buch über die Auswirkungen der staatlichen Maßnahmen gegen die Verbreitung einer Seuche bedarf zu aller Anfang eines Hinweises darauf, wie diese Seuche, wie die Ausbreitung von Covid-19, einzuschätzen ist. Denn immerhin fußten und fußen die härtesten Einschnitte in das öffentliche Leben, die in Ländern wie Deutschland, Österreich und der Schweiz nach 1945 gesetzt wurden, auf dem von der WHO verkündeten pandemischen Charakter der Krankheit. Sechs Monate nach den Lockdowns, die in den meisten Ländern der Europäischen Union Mitte März 2020 erlassen wurden, mangelt es noch immer an gesicherter medizinischer Evidenz, die die gesundheitlichen Folgen einer Ansteckung für Junge und Alte, Gesunde und Kranke, stark umweltbelastete Zentralräume und relativ saubere Randregionen, ja selbst für Männer und Frauen ausweist. Nur eines steht fest: Covid-19 ist kein Killervirus. Die Mortalitätsrate ist nicht mit der Pest, nicht mit der Spanischen Grippe, nicht mit Masern zu vergleichen. Sie liegt wesentlich darunter.

Dass diese Erkenntnis medial und politisch nicht oder kaum kommuniziert wird, gibt bereits einen ersten Hinweis darauf, warum wir uns entschlossen haben, dieses Buch herauszubringen. Die von den Regierungen in Berlin, Wien oder Bern meist im Verordnungsweg erlassenen Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus schätzen wir langfristig als schlimmer ein als das Virus selbst, was keine Einmaligkeit bei der Behandlung von Krankheiten unter den herrschenden Bedingungen eines der Verwertungslogik unterworfenen Gesundheitswesens ist. Spätestens nach den ersten Wochen des Auftauchens von Covid-19-Erkrankungen in Europa hätte klar sein müssen, dass die Maßnahmen überschießend und unverantwortlich sind.

Die Einschätzungen der Gefährlichkeit von Covid-19 könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie reichen vom Vergleich mit einer schweren Grippe, wie sie u.a. ein ehemaliger Amtsarzt in Schleswig-Holstein und langjähriger SPD-Abgeordneter äußert, bis zur unbedingt notwendigen Verhängung eines Ausnahmezustands, um der Gefahr Herr werden zu können. Letzteres wurde in den allermeisten EU-Ländern – mit der Ausnahme Schwedens und teilweise der Niederlande – in die Praxis umgesetzt, wenngleich man in vielen Fällen den Begriff „Ausnahmezustand“ vermied. Jene Stimmen, die zu kalmieren versuchten, erhielten bald diffamierende Zuordnungen wie Verharmloser, Coronaleugner oder Gesundheitsgefährder.

Die Politik setzte auf die Verbreitung von Angst, wie aus Protokollen des deutschen Bundesinnenministeriums sowie der österreichischen „Task Force“ hervorgeht.1 Mit den täglich verbreiteten „Fallzahlen“, die ohne Relation zu allgemeiner Sterblichkeit, Bevölkerungsgröße oder Gesundheitsrisiken anderer Krankheiten ins Bild gebracht werden, hat sich die Politik für die Fortsetzung des Panikkurses entschieden. Das Gegenteil wäre ihre Aufgabe.

Die bei Redaktionsschluss dieses Buches weitgehende gesellschaftliche Akzeptanz des Ausnahmezustandes reicht weit in linke Kreise hinein, wobei manche Stimmen diesen noch schärfer und in Zukunft auch für umweltpolitische Fragen anwenden wollen. Demonstrationen gegen diesen Ausnahmezustand werden von den herrschenden Kreisen als große Gefahr eingeschätzt und TeilnehmerInnen als VerschwörungstheoretikerInnen gebrandmarkt. Assistiert wird Ihnen dabei von einer Linken, die vor nicht allzu langer Zeit noch um die Gefahren des staatlichen Notstands Bescheid wusste, und einer geschichtsvergessenen Sozialdemokratie. Dass derartig tief greifende Verordnungen wie beispielsweise ein Kontakt- und Versammlungsverbot ebenso wie ein Aussetzen des Rechts auf Bildung, Kunst und Religion überhaupt möglich waren, ist dieser fehlenden Opposition geschuldet.

Vor diesem dystopisch anmutenden Hintergrund haben wir uns als Herausgeber entschlossen, 18 namhafte, mutige Stimmen zu versammeln, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln der Frage nachgehen, wie der Kampf gegen eine Virusverbreitung politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich instrumentalisiert wird, um entsprechenden Interessen zum Durchbruch zu verhelfen. Einigkeit der Autorinnen und Autoren dieses Bandes besteht darin, diesem Vorhaben entschieden entgegenzutreten. Ihnen allen gilt unser Dank.

Gesundheit und Grundrechte müssen genauso miteinander vereinbar sein wie soziale Gerechtigkeit und politische Freiheit.

Hannes Hofbauer & Stefan Kraft Wien, im August 2020

1 In Deutschland: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2020/corona/szenarienpapier-covid-19.pdf?__blob=publicationFile&v=4; in Österreich: ein unveröffentlichtes Sitzungsprotokoll der „Task Force“ vom 12. März 2020, siehe: https://orf.at/stories/3163480/

Der Nährboden für die Pandemie

Chuang-Blog1
Soziale Ansteckung
Der Hochofen

Umgangssprachlich gilt Wuhan als einer der »vier Hochöfen« Chinas. Den bedrückend feuchtheißen Sommer teilt es mit Chongqing, Nanjing und Nanchang, quirlige Städte mit einer langen Geschichte, am Yangtse gelegen oder nah an seinem Flusstal. Unter den Vieren glänzt Wuhan aber auch mit echten Hochöfen. Der massige urbane Komplex stellt eine Art Kern der Stahl-, Beton- und bauorientierten Industrie Chinas dar, sein Stadtbild ist gesprenkelt mit den langsam kühlenden Gebläsehochöfen der verbleibenden Stahl- und Eisenschmelzen im Staatseigentum, die nun geplagt von Überproduktion2 in eine weitere umstrittene Phase von Rückbau, Privatisierung und Umstrukturierung gezwungen werden – dies allein schon Ursache für mehrere große Streiks und Proteste in den letzten fünf Jahren. Auf den Punkt gebracht ist Wuhan die Hauptstadt der chinesischen Bauindus­trie. Als solche hatte die Stadt eine besonders hervorgehobene Rolle in der Phase nach der (letzten) ökonomischen Krise, denn in dieser Zeit wurde das Wachstum durch Immobilien- und Infrastruktur-Projekte zunehmend angeregt. Diese Blase hat Wuhan nicht nur mithilfe seines Überangebots an Baumaterialien und Ingenieuren im Staatsdienst aufgebläht, sondern wurde selbst zu einem Produkt des Immobilienbooms. Nach unseren Berechnungen entsprach die Summe aller Baugründe in Wuhan von 2018 bis 2019 der Gesamtfläche der Insel Hongkong.

Inzwischen scheint dieser Antriebsofen der chinesischen Nach-Krisen-Ökonomie abzukühlen, ganz ähnlich denen der Stahl- und Eisenkocher. Obwohl dieser Vorgang schon seit einer Weile lief, trifft die Metapher neuerdings nicht nur im einfachen ökonomischen Sinn zu. Seit mehr als einem Monat ist die einst hektische Stadt abgeriegelt, sind ihre Straßen auf Regierungsanweisung entleert. »Der wichtigste Beitrag, den Sie leisten können, lautet: Versammeln Sie sich nicht, verursachen Sie kein Chaos« – so stand es groß gedruckt in der Guangmin-Tageszeitung3, die unter der Leitung der Propaganda-Abteilung der KP Chinas steht. Die glitzernden Stahl- und Glasbauten in den neuen Prachtstraßen Wuhans liegen nun kalt und leer, während der Winter übers Neujahrsfest vergeht und die Stadt unter den Beschränkungen der Quarantäne stagniert. Sich zu isolieren, ist ein kluger Ratschlag in China, wo das Ausbrechen des neuen Corona-Virus (kürzlich umbenannt in »Sars-CoV-2« und die von ihm ausgelöste Krankheit in »Covid-19«) bereits mehr als 2000 Menschen das Leben gekostet hat – mehr als die Sars-Epidemie im Jahr 2003. Das ganze Land steht unter Ausgangssperre, wie schon bei Sars. Die Schulen sind geschlossen, und landesweit bleiben die Leute zusammengepfercht in ihren Wohnungen. Fast die gesamte Wirtschaftstätigkeit kam im Rahmen des Neujahrsfestes am 25. Januar zum Erliegen, aber die Unterbrechung wurde auf einen Monat verlängert, um die Ausbreitung der Epidemie zu verhindern. Es scheint, als hätten die Hochöfen Chinas aufgehört zu brennen, oder als würden sie nur noch schwach glühen. In gewisser Weise ist die Stadt aber zu einer anderen Art von Ofen geworden, denn das Coronavirus brennt sich durch die Masse der Bevölkerung wie ein heftiges Fieber.

Das Virus für den Regimewechsel

Das Ausbrechen der Krankheit ist fälschlich allem Möglichen zugeschrieben worden: vom verschwörerischen und/oder zufälligen Freisetzen einer Virengeneration aus dem Institut für Virologie in Wuhan4 – eine zweifelhafte Unterstellung, die über soziale Netzwerke, vor allem über paranoide Facebook-Posts aus Hongkong und Taiwan verbreitet, aber inzwischen von konservativen Pressestellen und militärischen Nutznießern5 weiter unterfüttert wird – bis hin zur (angeblichen) Neigung der chinesischen Bevölkerung »unsaubere« oder »abartige« Nahrungsmittel zu verzehren. Letzteres vor allem, weil die Virenausbreitung auf Fledermäuse oder Schlangen zurückgeführt wird, die auf halblegalen »wet markets«6 angeboten werden, die auf wilde und seltene Tiere spezialisiert sind (obwohl das nicht der tatsächliche Ursprungsort ist7). Beide Narrative verdeutlichen offensichtliche Kriegstreiberei und Orientalismus, die die Berichterstattung über China generell kennzeichnen, und die schon von einigen Medienartikeln8 hervorgehoben wurden. Doch auch diese Stellungnahmen beschränken sich meist nur auf die Wahrnehmung des Virus in der kulturellen Sphäre – und beschäftigen sich weniger mit den weit brutaleren Dynamiken, die hinter dem Medienzirkus im Verborgenen wirken.

Eine etwas komplexere Variante begreift wenigstens die ökonomischen Folgewirkungen, auch wenn die möglichen politischen Nachspiele für den rhetorischen Effekt aufgebauscht werden. Hier begegnen uns die üblichen Verdächtigen, von den bekannten drachentötenden Kriegsfalken bis hin zu den aufgeregten Wohlhabenden des »gehobenen« Liberalismus: Pressefirmen vom National Review bis hin zur New York Times9 orakeln bereits darüber, wie der Virenausbruch zur Legitimitätskrise der KP Chinas führen könnte, obwohl bisher kaum ein Hauch von Aufstand zu spüren ist. Doch das Körnchen Wahrheit solcher Voraussagen liegt in der Einschätzung der wirtschaftlichen Dimensionen der Quarantäne – ein Aspekt, der Journalisten mit einem Aktien-Portfolio, das schwerer wiegt als sie selbst, kaum entgehen kann. Denn Tatsache ist, dass die Leute, trotz der Regierungsappelle zum Abstandhalten, bald gezwungen sein werden, sich zu »versammeln«, um den Bedürfnissen der Produktion zu dienen.

In China selbst ist der Verlauf dieser Ereignisse schwer vorauszusagen, doch hat der Moment bereits einen raren, kollektiven Prozess des Nachdenkens über »Gesellschaft« ausgelöst. Die Epidemie hat (nach den vorsichtigsten Schätzungen) nahezu 80.000 Menschen direkt infiziert. Doch sie versetzte dem Alltagsleben im Kapitalismus einen Schock, der 1,4 Milliarden Menschen traf und sie zu einem Augenblick der Selbstreflexion zwang. In diesem Moment der Verunsicherung stellten sich alle zeitgleich eine Reihe tief greifender Fragen: Was wird mit mir geschehen? Mit meinen Kindern, meiner Familie, meinen Freunden? Wird es für uns genug zu essen geben? Wird mein Einkommen gezahlt? Werde ich meine Miete bezahlen können? Wer trägt für all das die Verantwortung? Auf seltsame Weise entspricht die Einzelerfahrung im Großen und Ganzen der eines Massenstreiks – aber eines solchen, der in seiner nicht-spontanen, von oben verordneten und insbesondere unfreiwilligen Total-Atomisierung die Grundrätsel unserer strangulierten politischen Gegenwart ebenso klar hervortreten lässt, wie die Massenstreiks des letzten Jahrhunderts die Widersprüche ihrer Ära erhellten. Die »Quarantäne« erscheint somit wie ein Streik, der zwar seiner gemeinschaftsbezogenen Charakteristika beraubt, aber gleichwohl geeignet ist, sowohl der Psyche als auch der Volkswirtschaft einen tief greifenden Schock zu versetzen. Schon allein aufgrund dieses Umstandes, ist sie es wert, genauer darüber nachzudenken.

Selbstverständlich handelt es sich bei Spekulationen über den bevorstehenden Sturz der KPCh – ein beliebter Zeitvertreib des New Yorker und des Economist – um vorhersehbaren Unsinn. Inzwischen rollen die normalen Medienunterdrückungsrituale ab, in denen offenkundig rassistische Leitartikel in den Massenmedien von Kommentaren auf Web-Plattformen gekontert werden, die gegen Orientalismus und andere Ideologie-Facetten polemisieren. Doch fast die gesamte Diskussion bleibt auf der Ebene der Darstellung – oder befasst sich bestenfalls mit der Eindämmungspolitik und den wirtschaftlichen Folgen der Epidemie – ohne jegliche Auseinandersetzung mit den Fragen, wie solche Krankheiten überhaupt produziert, und noch seltener, wie sie verbreitet werden. Doch nicht einmal dies wäre genug. Überflüssig ist der »Eins-Zwei-Drei«-Marxismus, der dem Schurken die Maske abreißt, um festzustellen: Ja, es war wirklich der Kapitalismus, der das Coronavirus hervorgebracht hat. Das wäre auch nicht scharfsinniger als die Auslandskommentatoren, die einem Regimewechsel auf der Spur sind. Selbstverständlich ist der Kapitalismus schuld, aber wie genau findet die Verzahnung der sozioökonomischen Sphäre mit der biologischen statt, und welche Lehren sind aus der Gesamterfahrung zu ziehen?

In diesem Sinne eröffnet uns der Ausbruch der Epidemie zwei günstige Möglichkeiten zur Reflexion: Zunächst bietet sich ein lehrreicher Durchblick, in dem wir substanzielle Fragen hinsichtlich der kapitalistischen Produktion in ihrem Verhältnis zur nicht-menschlichen Welt auf einer grundlegenderen Ebene neu bewerten können, weil nämlich, kurz gesagt, die »natürliche Welt« unter Einschluss ihrer mikrobiologischen Unterlage ohne Bezug zur gesellschaftlichen Organisation der Produktion unverständlich bleibt (da die beiden eben nicht getrennt voneinander existieren). Zugleich werden wir daran erinnert, dass der einzige Kommunismus, der den Namen wert ist, das Potenzial für einen voll politisierten Naturalismus inkludiert. Zum Zweiten können wir diesen Augenblick der Isolation für unsere eigenen Überlegungen zum gegenwärtigen Zustand der chinesischen Gesellschaft nutzen. Manche Dinge werden erst deutlich, wenn alles zu einem unvorhergesehenen Stillstand kommt und eine Verlangsamung dieser Art kann nicht anders, als vorher verborgene Spannungen sichtbar zu machen. Weiter unten werden wir diesen beiden Fragen nachgehen und nicht nur zeigen, wie die kapitalistische Akkumulation solche Plagen hervorruft, sondern auch, wie der Augenblick der Pandemie selbst ein widersprüchlicher Umstand der politischen Krise ist, die den Menschen die vorher ungesehenen Potenziale und Abhängigkeiten in der sie umgebenden Welt erkennbar macht, während sie zugleich einen weiteren Vorwand für die Ausdehnung der Kontrollsysteme in die Alltagsabläufe bietet.

Seuchenproduktion

Wie sein Vorläufer Sars-CoV, aber auch wie bei der Vogelgrippe und der Schweinegrippe davor, ist das Virus, welches die gegenwärtige Epidemie bestimmt (Sars-CoV-2), an einem Verknüpfungspunkt zwischen Ökonomie und Epidemiologie verortet. Es ist kein Zufall, dass so viele dieser Viren Tiernamen in ihren Bezeichnungen führen: Die Ausbreitung neuer Krankheiten auf die Humanbevölkerung ist fast immer das Ergebnis sogenannter »zoonotischer Übertragung«, eine fachsprachliche Ausdrucksweise für das »Springen« solcher Infektionen von Tieren auf Menschen. Das Über-Springen von einer Spezies auf die nächste ereignet sich unter bestimmten Bedingungen wie etwa Nähe und regelmäßiger Kontakt. Diese Faktoren bilden die Umgebung, in der die Krankheit entsteht. Ändert sich diese Schnittstelle zwischen humaner und animalischer Welt, so ändern sich auch die Bedingungen, unter denen die Krankheit sich fortentwickelt. Nun erhitzt sich ein viel grundlegender Ofen unter den vier Hochöfen (am Yang-Tse), der die industriellen Zentren der Welt unterfüttert: der evolutionäre Dampfkochtopf der kapitalistischen Agrikultur und Urbanisierung. Er stellt das ideale Medium dar, in dem immer verheerendere Seuchen erzeugt, verändert und zu zoonotischen Sprüngen veranlasst werden, die sich dann auf aggressive Weise unter den Menschen verbreiten. Hinzu kommen ähnlich tief greifende Prozesse in den Randzonen der Ökonomie, wo »Wildgebiete« mit Menschen in Berührung kommen, die gezwungenermaßen immer umfangreichere agroökonomische Eingriffe in lokale Ökosysteme vornehmen. Mit seinen »wilden« Ursprüngen und seiner blitzschnellen Verbreitung inmitten eines hoch industrialisierten, verstädterten Kernbereichs der Weltwirtschaft verdeutlicht das jüngste Coronavirus beide Dimensionen unserer neuen Ära politisch-ökonomischer Seuchen.

Der dargelegte Grundgedanke wurde am gründlichsten von linksgerichteten Biologen wie Robert G. Wallace entwickelt, dessen 2016 erschienenes Buch Big Farms Make Big Flu10 das Thema der Verbindung zwischen kapitalistischer Landwirtschaft und der Ursachenkette vorausgehender Epidemien von Sars bis Ebola erschöpfend behandelt.11 Diese Epidemien lassen sich vorläufig in zwei Gruppen unterteilen. Die erste umfasst solche, die sich in Kernbereichen der agroökonomischen Wertschöpfung entwickeln, die zweite in deren »Hinterland«. Im Nachweis der Ausbreitung von H5N1, bekannt als »Vogelgrippe«, fasst er bestimmte geografische Schlüsselfaktoren von Epidemien zusammen, die in produktiven Kernzonen entstehen:

Ländliche Flächen in vielen der ärmsten Länder tragen inzwischen die Kennzeichen von ungeregelter Agroökonomie, unmittelbar neben weiträumigen städtischen Slums. Die unüberwachte Übertragung in anfälligen Gegenden erhöht die genetische Variationsbereitschaft, unter der H5N1 humanspezifische Eigenschaften entwickeln kann. Bei seiner Verbreitung über drei Kontinente tritt H5N1 in Berührung mit einer wachsenden Vielfalt sozioökonomischer Umfelder, einschließlich ortstypischer Verbindungen von vorherrschenden Wirtsformen, Varianten der Massengeflügelhaltung und Maßnahmen der Veterinärmedizin.12

Solche Verbreitung folgt selbstverständlich den weltweiten Warenkreisläufen und der üblichen Arbeitsmigration, welche die Geographie der kapitalistischen Ökonomie bestimmen. Als Ergebnis erscheint »ein Typus von eskalierender breiteninfektiöser Selektion«, über welche das Virus sich auf einer größeren Anzahl evolutionärer Pfade in kürzerer Zeit positioniert. Das befähigt die erfolgreichsten Varianten, die anderen aus dem Feld zu schlagen.

Dies jedoch lässt sich leicht beweisen und ist bereits Alltagsweisheit in der Berichterstattung: der Umstand, dass die »Globalisierung« die Ausbreitung solcher Krankheiten beschleunigt, wenn auch hier mit dem bedeutenden Zusatz, dass diese Verbreitung selbst das Virus zu schnellerer Mutation anregt. Der entscheidende Punkt lässt sich allerdings schon früher erkennen: Vor der Ausbreitung, welche die Vitalität solcher Krankheit(skeime) erhöht, intensiviert die kapitalistische Grundlogik die Tendenz, vorher abgeschottete oder harmlose Virenstämme in extrem selektionsfördernde Umfelder zu versetzen. Hier finden diese Stämme Bedingungen, die für epidemische Formen günstig sind: schnelle virale Lebenszyklen, die Kapazität für zoonotische Sprünge zwischen Träger-Spezies und die Fähigkeit, neue Übertragungshilfen zu generieren. Diese Virenstämme treten gerade wegen ihrer Virulenz hervor. Rein rechnerisch scheint es, als müsste die Entwicklung virulenterer Stämme die entgegengesetzte Wirkung haben, weil der schnelle Tod des Wirtes dem Virus weniger Zeit für die Verbreitung lässt. Die Alltagserkältung bietet ein gutes Beispiel für dieses Prinzip: Ihre niedrige Intensität erleichtert die Verbreitung in der Bevölkerung. Doch in bestimmten Umfeldern gewinnt die entgegengesetzte Logik an Wahrscheinlichkeit: Findet ein Virus zahlreiche Wirte in naher Umgebung vor, und besonders, falls solche Wirte bereits unter verkürzter Lebenserwartung stehen, so verwandelt sich die höhere Virulenz in einen Evolutionsvorteil.

Die Vogelgrippe liefert ebenso ein gutes Beispiel. Wallace erläutert, dass Untersuchungsergebnisse »keine endemischen hoch pathogenen Stämme [von Grippe] bei Wildvogel-Populationen, dem absoluten Ursprungsreservoir nahezu sämtlicher Grippe-Unterarten«13 zeigen. Domestizierte Populationen, dicht gedrängt bei industrieller Haltung, scheinen hingegen eine deutliche Verbindung mit Ausbrüchen aufzuweisen – und dies aus nahe liegenden Gründen:

Die Aufzucht genetischer Monokulturen in der Tierhaltung beseitigt jede Art von immunologischer »Brandmauer«, die Krankheitsübertragung verlangsamen könnte. Größere Populationen und höhere Belegungsdichte fördern wachsende Übertragungsquoten. Die Lebensbedingungen bei erhöhter Belegung vermindern Immunreaktionen. Hoher Durchsatz, wie er zu jeder industriellen Produktion gehört, stellt unablässig neue Infektionskandidaten bereit: Brennstoff für die Evolution der Virulenz.14

Selbstredend entsteht jedes dieser Merkmale aus der Logik des indus­triellen Wettbewerbs. Insbesondere hat der hohe »Durchsatz« in diesen Kontexten erhebliche biologische Dimensionen: »Sobald Tiere aus industrieller Haltung das richtige Gewicht erreichen, werden sie getötet. Vorhandene Grippeinfektionen müssen bei jedem Einzeltier den Schwellenwert für die Übertragung schnell erreichen […]. Je schneller die Viren entstehen, desto größer der Schaden für das Tier.«15 Ironischerweise können Versuche, derartige Ausbrüche durch Massenschlachtung zu unterdrücken, eine unbeabsichtigte Folge haben. Sie verschärfen den Selektionsdruck weiter und verursachen die Evolution hypervirulenter Stämme. So war es jedenfalls bei der 2019 aufgetretenen Schweinepest, die zum Verlust von ungefähr einem Viertel des Weltangebots an Schweinefleisch führte.16 Obwohl sich in der Geschichte solche (epidemischen) Ausbrüche bei domestizierten Tierarten oft nach Kriegszeiten oder Umweltkatastrophen ereignet haben, die erhöhte Anforderungen an den Viehbestand zur Folge hatten, so gehen doch anschwellende Intensität und Virulenz derartiger Krankheiten unbestreitbar mit der Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise einher.

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9783853718810
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