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Inhalt

Prolog - Planet im Sterben

I - Jäger und Gejagte

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

II - Die Offenbarung des Wunders

XIII

XIV

XV

XVI

III - Imrix – Corporation

XVII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

IV - Mos Iridas

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

XXXI

XXXII

XXXIII

XXXIV

XXXV

XXXVI

XXXVII

XXXVIII

XXXIX

XL

Prolog
Planet im Sterben

Beinahe hätte sie es übersehen!

Erst im allerletzten Moment nahm sie die kurze, unscheinbare Bewegung hinter einem der wenigen, noch halbwegs dichten Büsche etwa zehn Meter von ihr entfernt wahr. Und fast hätte sie sie trotzdem noch als Trugbild abgetan. Doch der Wind stand in diesem Moment günstig. Ausnahmsweise wehte er gerade nur leicht und strich sanft an ihr vorbei. Das allein aber hätte ihre Aufmerksamkeit noch nicht erregt, denn die Luft – einst rein und klar – war schwer und grau von dem Rauch, mit dem sie gesättigt war und stank doch schon so lange eigentlich nur noch nach Tod und Verwesung, dass es wahrlich kein Wunder gewesen wäre, hätte sie den Geruch von lebendigem Fleisch am Ende doch nicht wahrgenommen.

Absolut erstaunlich jedoch war die Existenz des kleinen, kaum einen Meter großen Amparii-Rehbocks, dessen einst dunkelgrünes, kurzes Fell längst verblichen war und sich dadurch kaum von dem blass-grünen Buschwerk hinter ihm abhob. Zwar schien er aufmerksam und sein kleiner, länglicher Kopf zuckte beständig in alle Richtungen, doch wusste sie um die Sehschwäche dieser Art, weshalb sie sich mehr auf ihr Gehör verließen. Die Ohren aber waren kaum in Bewegung, der Bock schien sich in relativer Sicherheit zu wiegen.

Das aber stimmte nicht, denn, wenn er gewusst hätte, dass sich keine zehn Meter von ihm entfernt in einer kleinen Senke ein doppelt so großes Urys-Wolf-Weibchen mit mächtigen Reißzähnen befand, hätte er sicherlich das Weite gesucht.

Normalerweise wäre es dazu jedoch nie gekommen, denn Urys-Wölfe – und hier ganz besonders die Weibchen - waren hervorragende Jäger und mit dem Erscheinen des Amparii-Bocks war dessen Tod eigentlich schon besiegelt. Doch mit der Invasion der außerirdischen Aggressoren hatte sich die Natur auf immer drastischere Weise so sehr verändert, dass heute nichts mehr so war, wie einst.

Nahrungsmangel, schlechte Nahrung und die beständige Flucht vor den furchterregenden Insektenbestien zeigten deutliche Spuren. Auch bei diesem Weibchen. Ihren letzten Nachwuchs hatte sie vor zwei Jahren gehabt, doch alle drei waren letztlich verhungert. Ihr Mann wurde zum Fraas der vielbeinigen Monster. Ihr Rudel gab es nicht mehr. Und obwohl sie immer versucht hatte, gegen alle Widrigkeiten ihres Lebens anzukämpfen, so ergab sie sich jetzt doch jeden Tag mehr und mehr ihrem schier unausweichlichen Schicksal, weil sie ganz einfach nicht mehr die Kraft, mehr aber noch keinerlei Hoffnung mehr auf Besserung hatte.

Daher waren ihre Sinne zunehmend abgestumpft. Dem Hunger war eine trostlose Gleichgültigkeit gewichen, ihr ganzer Körper ausgemergelt und einfach nur noch irgendwie taub. Fast ertappte sie sich dabei, dass sie sich nach einem Rudel Insektenmonster sehnte, damit ihr elendiges Dasein endlich endete.

Plötzlich aber – mit dem Geruch von frischem, lebendigem Fleisch, der sich seinen Weg durch ihre Nase in ihr Gehirn bahnte – erinnerte sie sich wieder ihrer ureigensten Instinkte. Augenblicklich spürte sie ein gewaltiges Loch in ihrem Magen, welches gestopft und eine scheinbar längst vergessene Gier, die befriedigt werden musste.

Lautlos setzte die Wölfin einen Fuß vor den anderen, hielt sich geduckt nah am Boden und nutzte jeden dürren Strauch und jeden verkümmerten Busch, um sich anzuschleichen. Die großen, dunkelbraunen Augen stets auf ihr Opfer gerichtet, näherte sie sich Meter um Meter, ohne dass der Bock sein Verhalten änderte. Im Gegenteil begann er jetzt sogar einige trockene Blätter von der Pflanze vor ihm zu zupfen und zu kauen.

Dann war es soweit: Die Wölfin hatte einen Baumstumpf erreicht, der keine vier Meter mehr von dem Bock entfernt war. Sorgsam, langsam und lautlos umrundete sie den etwa einen Meter dicken Stammrest, dann verharrte sie nochmals, sondierte die Umgebung und lauschte ein letztes Mal. Doch noch immer blieb der Bock ausgesprochen ruhig und so spannte sie die wenige Muskelmasse an, die sie noch besaß und schnellte im nächsten Moment los, wie ein Pfeil, der von der Sehne schoss.

Bevor der Bock erkannte, was los war, hatte sie zwei Meter überwunden. Dann quiekte er auf, machte blitzschnell kehrt und rannte los. Aufgrund seines geringen Eigengewichts und der vorteilhaften Übersetzung der kurzen Beine gewann er beachtlich an Geschwindigkeit, doch hatte die Wölfin ihn dennoch schnell erreicht. Mit einem gewaltigen Sprung stürzte sie sich auf seinen Rücken, grub ihre ausgefahrenen Krallen in sein Fleisch. Der Bock quiekte auf, sein Körper zuckte seitlich weg, er verlor die Kontrolle und überschlug sich. Dabei brach sein rechtes Vorderbein. Die Wölfin hörte das scharfe Knacken des Knochens und wusste, dass sie gesiegt hatte. Sofort stoppte sie ab und verschnaufte, während sie ihr Opfer nicht aus den Augen ließ. Wieder meldete sich ihr Magen und ein Schwindel überkam sie, der für einen Moment ihre Sicht beeinträchtigte.

Der Bock hingegen versuchte panisch, sich wiederaufzurichten und weiter zu rennen, doch knickte sein Vorderbein ein und er stürzte vornüber. Sofort erhob er sich erneut und versuchte es nochmals, aber auch das misslang. Danach schien er zu wissen, dass er sterben würde. Er drückte sich zitternd auf seine gesunden Beine, starrte mit großen, angsterfüllten Augen auf die Wölfin und quiekte in der Gewissheit des eigenen Todes auf, wobei seine Henkerin überrascht war, wie laut und in welch tiefer Tonlage er das tat.

Doch als sie erkennen musste, dass die Schreie gar nicht von ihm kamen, sondern hinter ihr selbst ertönten, war es beinahe schon zu spät.

Im selben Augenblick spürte sie die Erschütterung des Bodens. Sie warf ihren Kopf herum und schon schoben sich die Schatten ihrer Angreifer über sie. Es waren drei Insektenmonster, die mit hoher Geschwindigkeit auf sie zuhielten und bereits einen Wimpernschlag später in Schlagweite waren. Kraftvoll donnerten ihre Hinterbeine in den staubigen Boden, während sie ihre vorderen Klauen zum Angriff in die Höhe rissen und dabei fauchend aufbrüllten.

Plötzlich aber geschah etwas vollkommen Unerwartetes, obwohl die Wölfin erkennen musste, dass sie es bereits irgendwie gespürt hatte, denn von Anfang an waren da nicht nur die oberflächlichen Erschütterungen der mächtigen Hinterläufe der Bestien vorhanden, sondern ebenso noch eine andere Vibration, die aus dem Boden selbst zu kommen schien und sich jetzt innerhalb eines Augenblicks erheblich verstärkte.

Ihre Gegner hatten das jedoch offensichtlich noch nicht bemerkt, denn zumindest eines der Monster attackierte den vollkommen erstarrten Bock und rammte ihm eine seiner Klauen von oben durch den Leib. Doch genau in dem Moment, da sie blutverschmiert auf der Unterseite des Tieres wieder herausbrach und zu Boden krachte, erfüllte ein scharfes Knacken die Umgebung, dass sich rasend schnell vervielfachte und ausbreitete.

Alle Blicke zuckten zu Boden, wo sich urplötzlich tiefe Risse auftaten und innerhalb weniger Sekunden über die gesamte, gut einen Quadratkilometer große Ebene - einst ein prächtiges Waldstück, jetzt jedoch nicht mehr als ein trostloser Fleck ausgedörrter Erde - ausbreitete. An einigen Stellen entstanden dabei Schollen unterschiedlicher Größe. So auch direkt unter den drei Insektenbestien. Urplötzlich begann diese Scholle zu schwanken, als befände sie sich tatsächlich auf dem Wasser. Die Monstren quiekten überrascht auf, versuchten Halt zu finden, doch nützen ihnen ihre wuchtigen Tritte in den Fels nichts, da sich die Scholle im nächsten Moment mit einem lauten Krachen vollständig von ihrer Umgebung löste und die drei Kreaturen mit umher zuckenden Klauen und lautem Gekreische in die Tiefe rauschten.

Die Wölfin hatte sich bislang nicht bewegt, war erstarrt angesichts der furchterregenden Bestien vor ihr, denen sie noch niemals zuvor so nah gegenübergestanden hatte. Und jetzt musste sie mit ansehen, wie diese teuflischen Kreaturen durch den Boden brachen und vollkommen hilflos in den sich auftuenden Schlund stürzten. Ihre entsetzten Schreie verursachten bei ihr für einen winzigen Augenblick ein Gefühl von Freude und Genugtuung, dann aber erkannte sie, was sich unter den Bestien, aber auch unter ihr und der gesamten Ebene auftat. Es war ein Fluss glühender Lava, der mit unglaublich hoher Geschwindigkeit nach Osten rauschte. Er war riesig, eigentlich gar kein Fluss mehr, sondern ein ganzer See, der die gesamte Ebene unterspült hatte. Die Wölfin schätzte die Entfernung zur Oberfläche auf einhundert Meter, doch spürte sie anhand der schnell zunehmenden Hitze, dass der Pegel schnell anstieg.

Schon flammten die Insektenbestien und der Amparii-Bock als gleißende Feuerbälle auf, nachdem sie für einen kurzen Augenblick erkennen konnte, dass der Panzer der Monster wie kochendes Wasser blubberte, bevor sie schließlich zu Staub verbrannten, noch bevor sie die glühende Masse erreicht hatten. Eine irrsinnig heiße Hitzewelle brandete der Wölfin entgegen und sie riss instinktiv ihren Kopf zurück.

Dabei fiel ihr Blick Richtung Osten. Immer weiter brach dort der Boden auf, immer mehr Schollen stürzten in die Tiefe, hatten schließlich den angrenzenden Berg erreicht, der mit einer Höhe von gut fünfhundert Metern und einer Breite von rund dreihundert Metern, die Ebene nach Osten hin abschottete. Seine steile, fast senkrechte, zur Ebene hin leicht überhängende Felswand ließ ihn mächtiger erscheinen, als er war und verlieh ihm einen düsteren, drohenden Eindruck. Jetzt schossen die Risse in der Oberfläche rechts und links an ihm vorbei, während sich das Lavameer unter ihn schob und dabei weiterhin unaufhaltsam anstieg.

Dann war die Ebene für einen Moment von einer tiefen Stille erfasst, dass die Wölfin deutlich ihren eigenen, hämmernden Herzschlag hören konnte, während sich in ihrem Gehirn ein einzelner, dunkler Gedanke manifestierte, dass sie hier und jetzt sterben würde, der sie mit einer solch eiskalten Klarheit durchdrang, dass sie augenblicklich fröstelte.

Im nächsten Moment erklang ein infernalisches Reißen – weit entfernt, aber dennoch unglaublich laut und durchdringend und sofort danach schoss ein gewaltiger Lavastrahl unter irrsinnigem Druck direkt hinter dem Berg senkrecht bis auf fast einen Kilometer Höhe in den Himmel. Mehrere große Gesteinsschollen begleiteten seinen Weg und krachten schließlich donnernd auf die Bergflanken.

Plötzlich geriet die gesamte Ebene in Bewegung, erzitterte überdeutlich, dass die Wölfin Mühe hatte, auf den Beinen zu bleiben. Mitten hinein erklang ein unendlich tiefes, dröhnendes Ächzen, das aus dem Inneren des Planeten selbst zu kommen schien. Das Bild vor ihren Augen verzerrte sich aufgrund der enormen Erschütterungen rings um sie. Fast schien es ihr, als würde der Berg am Rande der Ebene sich bewegen und in ihre Richtung kippen. Sie wollte dies gerade als Trugbild abtun, da so etwas ja nicht möglich war, als ihr bewusst wurde, dass genau dies in diesem Moment tatsächlich geschah. Der gewaltige Lavastrom unter der Ebene hatte auch das Fundament des Berges umspült und es zerstört. Wie ein riesiger Eisberg trieb er für wenige Momente auf dem glühenden Meer, dann trieb ihn das Gewicht der überhängenden Steilwand in Richtung Ebene, während ihn sein Eigengewicht in die Tiefe zog.

Die Wölfin wusste, dass dies ihre letzte, allerletzte Chance war, ihrem Tod noch zu entgehen, doch zu unfassbar, zu gewaltig, zu fundamental war der Anblick des kippenden Berges, als das sie sich hätte bewegen können. Millionen und Abermillionen Tonnen Felsgestein sackten in das Lavameer und erfüllten die Luft dabei mit einem infernalischen Ächzen und Stöhnen, wie die Wölfin es noch niemals zuvor gehört hatte. Festes Gestein verdrängte Lavamassen und erzeugte letztlich eine etwa vierzig Meter hohe Flutwelle, die mit mehr als vierhundert Meilen in der Stunde über die Ebene rollte.

Der Wölfin blieb ein letzter Blick auf das faszinierende, vernichtende Schauspiel und ein finaler, beinahe tröstlicher Gedanke an all die Lieben, die sie verloren und jetzt in einer anderen Welt wiedersehen würde, dann verbrannte sie innerhalb eines halben Lidschlages zu Staub, der von den Lavamassen nach Westen fortgerissen würde.

Wie die Flutwelle eines riesigen Tsunami rauschte die gewaltige Wand glühender Lava über die Ebene in Richtung Westen, traf dort auf einen schmalen Streifen Hügellandschaft, den sie ohne die geringste Mühe überrollte und nur wenige Sekunden später auf die steile Westküste im Norden von Oritash.

Das Meer hier war aufgewühlt von enormen unterseeischen Strömungen, die das Wasser mit hoher Geschwindigkeit gegen die gut zweihundert Meter hohe, senkrechte und schroffe Steilwand trieben, dass die Brandung mit brüllendem Tosen wuchtig empor geschleudert wurde.

Als die Lavawelle über den Rand der Klippen hinwegschoss, sorgte ihre immense Eigengeschwindigkeit dafür, dass sie verzögert und in einem langgezogenen Bogen in die Tiefe stürzte und so erst rund einhundert Meter von der Küste entfernt auf die Wasseroberfläche traf.

Das Meer dort war durch etliche Untiefen bereits sehr tief, sodass die gewaltige Menge, noch immer mehr als eintausend Grad heiße Lava ungebremst auf Milliarden von Litern Meerwasser traf und große Teile davon innerhalb eines Wimpernschlages zum Verdampfen brachte. Ein brüllend lautes Zischen war zu hören und eine gewaltige Dampfwolke quoll explosionsartig über dem Meer auf, die sich immer weiter ausdehnte, weil beständig weitere Lava ins Meer strömte.

Auch diese Wolke erreichte schnell eine immense Eigengeschwindigkeit und schoss direkt über der Wasseroberfläche mit fast dreihundert Meilen in der Stunde aufs offene Meer.

Dort erhob sich eine kleine Insel, die einst über einen Damm mit dem oritaischen Festland verbunden gewesen war. Ihre Bewohner hatten seinerzeit ein großes Loch in ihn gesprengt, als klar war, dass die Insektenbestien Wasser mieden, um sich ein Überleben zu ermöglichen. Tatsächlich war die Insel klein und ihre Einwohnerzahl so gering gewesen, dass sie lange Zeit nicht ins Visier der Fremden geraten war. Doch reichten die Nahrungsmittel auf der Insel nicht aus, um alle zweihundertsieben Menschen zu ernähren, sodass sie gezwungen waren, ans Festland zu rudern, um Essbares aufzutreiben. Bei einem dieser Ausflüge wurden sie dann von einem Rudel Insektenbestien entdeckt. Zwar konnten sie fliehen und niemand kam zu Schaden, doch hatten sie jetzt die Aufmerksamkeit dieser Monster. Das Schicksal wollte es, dass schon wenig später ein Erdbeben dafür sorgte, dass sich Gesteinsbrocken vom Festland und vom Damm lösten und ins Meer rollten. Als die Bewohner die Schäden begutachten wollten, mussten sie entsetzt feststellen, dass die Felsen so unglücklich zum Erliegen gekommen waren, dass ein Übersetzen auf die Insel über den Damm wieder möglich und der Tod in Form dieser furchterregenden Bestien auch bereits erschienen war.

Das anschließende Gemetzel war kurz, aber gnadenlos grausam gewesen und hinterließ keine Überlebenden. Dafür aber ein schmackhaftes Schlachtfest für ihre Feinde.

Und obwohl dieser Tag schon mehr als ein Jahr zurücklag, kehrten immer wieder Gruppen von Insektenbestien hierher zurück und schienen sich – da kein lebendiges Opfer mehr zu finden war – an dem offensichtlich noch immer vorhandenen, schwachen Geruch nach Blut, Fleisch und Tod zu laben.

So auch heute.

Doch als die gut zwei Dutzend Kreaturen dieses Mal durch die Trümmer stapften, hörten sie ein tiefes Grollen und konnten alsbald auch die Lavawelle sehen, wie sie keine fünfhundert Meter von ihnen entfernt ins Meer stürzte. Der Neugier über ein außergewöhnliches Schauspiel folgte schnell die Gewissheit, dass mit der heranrauschenden Dampfwolke Gefahr drohte. Doch mehr als ein paar besorgte Schreie und einige gehetzte Schritte brachte keine von ihnen zustande, dann schoss die Wolke über sie hinweg. Immer noch weit über einhundert Grad heiß wurden die Insektenmonster quasi von ihr gekocht.

Für rund fünfzehn Sekunden war die Insel eingehüllt in einen dichten Nebel aus heißem Dampf, dann war der beständige Nachschub an Lava von der Steilküste verebbt und die Wolke wurde nicht weiter genährt.

Während sie mit unvermindert hoher Geschwindigkeit weiter aufs offene Meer zog und dort letztlich verschwand, lichtete sich der Nebel über der Insel und offenbarte ein grausames Bild von zwei Dutzend lebendig gekochten Insektenbestien. Ein gespenstisches Zischen lag in der Luft und feine Rauschwaden kräuselten sich gen Himmel. Der Gestank war ekelerregend.

Für einen Augenblick kehrte Ruhe ein.

Dann jedoch schwoll rasend schnell ein tiefes, donnerndes Dröhnen an, das einem infernalischen Ächzen wich, bevor die Steilküste auf einer Höhe von rund einhundert Metern förmlich explodierte, als ein großer Teil des gekenterten und schließlich auseinandergebrochenen Berges mit unbändiger Wucht von der Landseite gegen die Felswand krachte und sie mit einem irrsinnig lauten Knall zerfetzte.

Der Lavastrom trieb den gewaltigen Felsblock über die Kante der Steilküste und als er in die Tiefe kippte, erzitterte die gesamte Umgebung erbärmlich. Die Luft war erfüllt von einer Mischung aus Ächzen, Reißen und Dröhnen. Der Felsblock krachte ins Meer, rauschte in die Tiefe und bohrte sich in den Meeresgrund, noch bevor er vollständig über die zerfetzte Klippe gelangt war.

Ein monumentales Ächzen ertönte, als der Felsblock schließlich zum Erliegen kam und wie ein überdimensionaler Finger ins Meer führte. Weitere Lavamassen strömten über ihn hinweg und wirkten dabei wie Blutfäden, die aus einer offenen Wunde quollen.

Die gewaltige Masse aus Felsgestein, die schlagartig das Meerwasser verdrängt hatte, sorgte zusätzlich für eine neuerliche Flutwelle, die aufs offene Meer trieb, die kleine Insel mit unbändiger Wucht traf und über sie hinwegfegte.

Dann endlich trat wieder Stille ein, doch es war absolut nichts Lebendiges mehr an ihr…

Santara war einst ein blühender, pulsierender, lebender Planet.

Doch der Krieg zwischen seinen Bewohnern und ihren Invasoren hatte ihm das Herz und schließlich auch die Seele herausgerissen.

Santara starb – jeden Tag mehr und jeden Tag immer schneller.

Katastrophen wie diese an der oritaischen Ostküste waren Ausdruck des Todeskampfes des Planeten – und obwohl sie bereits furchtbar und gravierend waren, waren sie doch erst der Vorgeschmack auf das, was noch folgen würde.

Unwiderruflich…!?

I
Jäger und Gejagte
I

Mavis spürte eine leichte Erschütterung des Bodens und hörte einen leisen, weit entfernten Donner. Sofort wurde er aufmerksam, spannte seinen Oberkörper an und richtete sich in seinem Sitz ein wenig auf. Doch als er sich umschaute und in die Gesichter seiner Freunde und der anderen Anwesenden blickte, konnte er nirgendwo eine gleichartige Reaktion erkennen, sodass er sich plötzlich nicht mehr sicher war, ob er womöglich nur einer Einbildung erlegen war.

Vilo und neben ihm Kaleena, Jovis und schließlich Leira saßen links von ihm und aßen stumm von dem heißen, dickflüssigen Würzbrei, den auch er in einer Schale auf dem Schoss hatte. Er sah zwar alles andere als essbar aus, doch schmeckte er ziemlich gut. Seine Freunde wirkten angespannt und geschafft, aber nicht besorgt.

Links neben ihnen saßen Cosco, Dek und Captain Tibak, alle drei hatten Wasserbecher in den Händen und tranken stumm und mit gesenktem Blick daraus. Cosco wirkte sehr ernst und nachdenklich, doch das war auch kein Wunder, wusste er seinen Sohn doch in diesem Moment in Gefangenschaft auf Kimuri.

Mavis drehte seinen Kopf nach rechts und sah zunächst den jungen Chalek und Pater Matu. Wie auch Vilo und Kaleena aßen sie stumm von dem Würzbrei. Der Priester wirkte erschöpft, doch der Junge hatte wie stets ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Woher nimmt er in dieser gottverdammten Scheißwelt nur eine derart widerlich positive Einstellung? dachte Mavis nicht zum ersten Mal.

Dann schaute er direkt neben sich und da saß Melia. Augenblicklich war er wieder berauscht von ihrem Anblick und hätte sie am liebsten in seine Arme geschlossen, von hier weggeführt und einfach nur ihre unbedingte Nähe genossen. Schon jetzt konnte er durch all den Schmutz und Schweiß hindurch den wundervollen Duft ihrer Haut riechen. Im nächsten Moment schaute sie von ihrer Schale auf und blickte ihm direkt in die Augen. Mavis erschrak beinahe und spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Ja, diese Frau war das fantastischste Wesen, dem er je begegnet war, in ihren Augen loderte ein Feuer, von dem er gefangen war, kaum, dass er in sie hinsah. Eine wohlige Gänsehaut kroch über seinen Rücken bis unter seine Schädeldecke.

Melia versuchte ein Lächeln, doch es wollte ihr nicht recht gelingen. Auch wirkte sie im Allgemeinen eher traurig, doch konnte es auch einfach nur sein, dass sie körperlich vollkommen erschöpft war. Mavis wusste, dass es noch einige Zeit brauchen würde, um ihr Verhalten und ihre Gesten wirklich zu verstehen – genauso, wie es damals gewesen war… in einem anderen Leben… vor sieben Jahren.

Jetzt kräuselte sie ihre Stirn und schaute ihn fragend an, doch er schüttelte nur den Kopf. Ganz offensichtlich hatte er sich in Bezug auf die Erschütterung und den Donner geirrt. Bevor er seinen Kopf dann wieder nach vorn wandte, konnte er sehen, dass sie ein erneutes Lächeln versuchte, welches ihr aber noch deutlicher misslang, als das erste und sie hiernach noch trauriger wirkte. Mavis wurde sich bewusst, dass er nicht mehr viel Zeit verlieren durfte, um mit ihr in Ruhe und allein zu reden. Wenn doch nur nicht dieser verdammte Krieg wäre, der sie beständig über den Planeten hetzte. Er versuchte, diese Welt noch zu retten, doch was, fragte er sich, wäre, wenn er dabei versagte und er die wenige Zeit, die ihm mit Melia noch blieb, vergeudete?

Bevor ihn dieser Gedanke jedoch übermannte, zwang er sich, sich wieder auf das Geschehen hier zu konzentrieren. Und sein Blick fiel dabei erneut auf den Mann, der ihnen auf der anderen Seite des Lagerfeuers im Kreise seiner Männer gegenübersaß. Er mochte gealtert sein – doch wer war das in den letzten Jahren nicht? – er hatte etliche Narben im Gesicht, auf dem Hals, den Armen – und sicherlich die schlimmsten im Herzen und auf der Seele – doch es war ganz eindeutig Admiral Lobos!

Und die Tatsache, dass er hier lebendig vor ihnen saß, grenzte für Mavis ehrlich an ein Wunder, an das er kaum glauben mochte, dem er sich jedoch auch nicht verschließen konnte. Um Lobos herum saß etwa ein Dutzend seiner Männer. Verwitterte, aber sichtbar entschlossene Gestalten, mit deutlichen Zeichen harter Gefechte auf ihren Körpern.

In Mavis Kopf überschlugen sich etliche Fragen, doch noch war er nicht dazu gekommen, sie zu stellen.

Vielmehr musste er noch immer an die Geschehnisse der letzten Stunden denken, die sie letztlich hierhergeführt hatten:

Nachdem sie aus der unterirdischen Hölle südlich von Porista zurückgekehrt waren und dabei tatsächlich den sagenumwobenen Kristall zur Rettung ihres Planeten in den Händen hielten, wollten sie zurück nach Kimuri fliegen, mussten jedoch dank der Hilfe Marivars erkennen, dass dort der Feind in Gestalt von Panthos Schergen Einzug gehalten hatte und Jorik, Shamos und die anderen gefangen hielt. Wenn Mavis daran dachte, dass es Menschen waren, die ihresgleichen schikanierten, wurde ihm beinahe übel und er verspürte einen unbändigen Hass auf Narrix und seine Männer. Der Planet wurde von den furchtbarsten Kreaturen heimgesucht und die Menschen hatten nichts Besseres zu tun, als sich gegenseitig zu bekämpfen. Doch er wusste nur zu genau, wer eigentlich hinter diesem himmelschreienden Komplott steckte: Commander Panthos, der als Nuri des poremischen Volkes und mittlerweile Vorsitzender des Hohen Rates, dessen Sitz sich in Eshamae unterhalb der Wasseroberfläche befand, seinen Mitgliedern weismachte, dort in Sicherheit zu sein. Mavis hoffte, dass diese aufgeblasenen, alten Schwachköpfe bald erkennen würden, dass sie Unrecht damit hatten. Noch mehr jedoch hoffte er darauf, Panthos noch einmal persönlich gegenübertreten zu können – um ihn zu töten. Für das, was er den Menschen in seinem blinden Fanatismus antat.

Doch das waren Gedanken, die er zurückdrängen musste. Hier gab es viel wichtigere Dinge zu klären.

Bevor sie ihren Kurs auf Kimuri ändern konnten, wurden sie bereits verfolgt. Ihre Flucht führte sie auf das poremische Festland nördlich von Ara Bandiks und südlich des Geländes der Imrix Corporation zum Piritak-Massiv. Ihre Hoffnung, kampflos zu entkommen, erfüllte sich nicht und so gab es ein Feuergefecht, in dem gute Menschen starben und ein Flugboot zerstört wurde. Vollkommen sinnlos!

Ihr eigenes Schiff wurde dabei so schwer beschädigt, dass sie notlanden mussten. Gerade noch in letzter Sekunde konnten sich alle in Sicherheit bringen, bevor auch es explodierte.

Ihr Weg führte sie dann in ein angrenzendes, noch immer überraschend dicht bewachsenes Sumpfgebiet ganz in der Nähe des Mioli-Flusses, der letztlich weiter nordöstlich in die Schluchten von Kindagi mündete. Mavis wusste noch genau, dass er das Wasser rauschen hören glaubte, als plötzlich der Boden unter ihren Füßen nachgab, sie über eine Art Rutsche in die Tiefe schossen, letztlich in einer großen Pfütze wieder zum Erliegen kamen und dann in nichts Geringeres blickten, als das Gesicht des todgeglaubten Admiral Lobos.

Lobos gab ein paar knappe Befehle an seine Männer und man holte sie aus dem stinkenden, feuchten Loch. Die Begrüßung erfolgte dann wortkarg, aber herzlich und sichtbar emotional, zumindest nachdem Vilo ihnen die Furcht vor Leira genommen hatte, der sie anfangs natürlich extrem distanziert gegenübergestanden waren. Während Lobos und seine Männer sie durch ein weitverzweigtes Tunnelsystem in eine ziemlich große Höhle brachten, war eigentlich er es, der ihnen Fragen stellte, als umgekehrt. In der Höhle bot er ihnen einen Platz am Lagefeuer an, um sich zu wärmen und man gab ihnen zu essen und zu trinken. Ein paar seiner Männer kümmerten sich um die wenigen Überlebenden der Hochebene südlich von Porista, die lange Zeit das Zuhause Melias gewesen war, und brachten sie in andere Höhlen.

Dann aßen alle zunächst von dem Würzbrei und es wurde nicht geredet. Da alle ausgesprochen ausgepumpt waren, akzeptierten sie diesen Moment der Ruhe.

Doch Mavis spürte schnell, dass all seine Fragen ihm den Appetit abschnürten. Er wollte auch gerade loslegen, als er die Erschütterung gespürt hatte, sodass er zunächst wieder davon abgekommen war.

Als er jetzt aber wieder ansetzen wollte, sah er, dass Lobos seine Schale beiseitegestellt und sich stattdessen einen Wasserbecher genommen hatte, den er in den Fingern drehte, während er ihn mit nachdenklichem Blick fixierte. „Sie wollen wissen, was mit uns...!“ Er drehte seinen Kopf blicklos zur Seite, wo seine Männer saßen. Seine Stimme klang rau, tief und etwas müde „...geschehen ist und warum wir noch leben!“ Er schaute auf und seine graublauen Augen bohrten sich förmlich in Mavis und die anderen. Vilo nickte, während Mavis versuchte, die Emotionen des Admirals zu ergründen. Lobos wirkte nach außen hin vielleicht sogar noch stärker - nein, gestählter war sicherlich das bessere Wort – als noch vor Jahren, doch in seinen Augen meinte Mavis Verbitterung und Hoffnungslosigkeit zu erkennen, was ihn jedoch nicht wirklich überraschte. Jetzt lachte Lobos einmal leise auf, doch es war nur eine müde Geste, dann schaute er wieder auf das Wasserglas in seinen Händen. Für einen Augenblick blieb er still, als würde er tief in Gedanken versinken und vor seinem inneren Auge schienen düstere Bilder aufzutauchen, denn sein Blick wurde zusehends ernster. „Die Kamarulu…!“ begann er dann mit einem tiefen Atemzug, bei dem er seinen Körper straffte, seinen Kopf wieder anhob und blicklos in die Runde schaute. „…war vom ersten Bauteil, vom ersten Federstrich der ersten Zeichnung, ja…!“ Wieder lächelte er müde. „…vom allerersten Gedanken überhaupt an, das wohl mit Abstand ehrgeizigste technische Projekt, das Menschen hier auf diesem Planeten je in Angriff genommen hatten. Niemals zuvor hatte Jemand versucht, ein solch gewaltiges Objekt zu bauen, geschweige denn einen solchen Koloss danach auch noch in die Lüfte zu erheben!“ Jetzt lächelte er für einen Augenblick ehrlich erfreut. „Und doch ist es am Ende gelungen. Größer, gewaltiger und effizienter, als man es je zu hoffen gewagt hatte. Das Ergebnis war die Kamarulu, das mächtigste Schlachtschiff aller Zeiten, ausgestattet mit einer Technik, bei deren Entwicklung die besten Ingenieure von Imrix vielfach Grenzen überwinden und vollkommen neue Welten betreten mussten und dabei technischen Fortschritt für Generationen entwickelten!“ Lobos Stimme war beinahe ehrfurchtsvoll, seine Augen leuchteten. Er ließ seine Worte für einen Moment nachwirken. „Mit ihrer Indienststellung gab es Niemanden mehr, der es gewagt hätte, das poremische Volk anzugreifen. Doch auch die kriegerischen Auseinandersetzungen in anderen Ländern ließen deutlich nach. Fast schien es so, als wäre die Kamarulu ein Mahnmal für den Frieden!“ Wieder lächelte er. „Santara sah in eine wundervolle, glorreiche Zukunft!“ Plötzlich wurde sein Blick traurig und ernst. „Bis die erste Anomalie auftauchte und alles innerhalb weniger Stunden auf so furchtbare Weise änderte!“ Lobos hielt inne und schaute – dieses Mal bewusst – in die Runde, dass jeder Einzelne das Gefühl hatte, er würde ihm direkt in die Seele blicken und Viele eine Gänsehaut bekamen.

Charismatisch, dachte Mavis mit einem inneren Lächeln, ja, das war Lobos schon immer gewesen.

„Als man seinerzeit an mich herangetreten war und mir von dem Plan, ein mächtiges Schlachtschiff zu bauen, erzählte und mich bat, bei der Entwicklung mitzuhelfen, zögerte ich zunächst, da jede militärische Errungenschaft in erster Linie die Gefahr einer Angriffswaffe in sich birgt und erst dann der Aspekt der Verteidigung zum Tragen kommt. Da mir die ungeheure Kraft der Kamarulu jedoch bereits damals bewusst war, beschloss ich, mich dem Team anzuschließen, um genau das zu verhindern. Am Ende war ich sicher, eine starke Waffe gegen den Krieg mitentwickelt zu haben. Das man mir schließlich das Kommando über sie anbot, kam für mich tatsächlich überraschend. Es war eine besondere Ehre für mich, diesen Posten annehmen zu dürfen…und das ist es stets geblieben!“ Lobos blickte wehmütig, bevor er sich mit einem tiefen Atemzug wieder zusammenriss. „Dann kam der Einsatzbefehl für den Luftkampf über Ara Bandiks!“ Seine Gesichtszüge verhärteten sich mit jedem Wort immer mehr. „Wir wussten, mit der Kamarulu hatten wir die ultimative Schlagwaffe gegen die Invasoren. Im Luftkampf waren wir überlegen, unsere Piloten hervorragend ausgebildet. Keiner dieser…Bastarde hätte eine Chance gegen sie gehabt, doch die zahlenmäßige Übermacht war einfach unfassbar groß. Wir mussten unsere kompletten Staffeln in Einsatz bringen. Zwei Divisionen mit je vier Bataillonen, bestehend aus je sechs Kompanien mit je vier Staffeln. Das waren 447 Kampfjäger, 81 Kampfbomber, 24 Truppentransporter, 14 Aufklärungsflugzeuge und 10 Schwerlasttransporter. Insgesamt 576 Flugzeuge im Dauereinsatz!“ Wieder hielt Lobos inne und hing für einen Augenblick seinen Erinnerungen nach. „Viele gute, aufrechte Männer sind an diesem Tag in den Wolken über Ara Bandiks gestorben. Doch hätten wir es geschafft…!“ Erneut atmete er tief durch, sein Blick aber blieb ernst und traurig. „Aber dann...!“ Er hielt inne, schüttelte den Kopf und schien fast ein wenig verzweifelt. „…quoll aus dem Schlauch der Anomalie jenes gewaltige Schlachtschiff und brachte dieses Meer aus furchtbaren Kreaturen mit sich, die sich wie brennendes Öl über die Stadt ergossen!“ Lobos Gesicht war eine einzige angewiderte Maske und Mavis hätte sich wirklich nicht gewundert, wenn er ausgespien oder gar gekotzt hätte. Doch ihm ging es ähnlich, denn mit seinen Worten hatte der Admiral – und nicht nur bei ihm, sondern auch bei Vilo, Cosco und seinen eigenen Männern – furchtbare Bilder aus der Erinnerung einer der dunkelsten Stunden dieses Planeten hervorgerufen, denen sie sich kaum entziehen konnten und ihnen eine ekelhafte, eiskalte Gänsehaut über den Körper trieb.

„Und urplötzlich hatten sich die Kräfte verschoben!“ fuhr Lobos fort. „Die Kamarulu war nicht mehr die mächtigste Waffe am Himmel, hatte jetzt einen absolut gleichwertigen Gegner bekommen!“ Seine Züge nahmen einen angewiderten Ausdruck an. „Der einen entscheidenden Vorteil besaß: Er konnte trotz aktiviertem Schutzschild feuern!“ Emotionen kamen sichtlich in ihm hoch, die er nur mit Mühe unterdrücken konnte. „Und damit war der Schwachpunkt…der einzige Schwachpunkt…der Kamarulu bloßgelegt. Sie war ein Trägerschiff!“ Seine Worte klangen fast entschuldigend. „Nicht auf die direkte Konfrontation mit dem Gegner ausgelegt. Der Schutzschild diente dazu, die Jäger zu schützen, wenn sie auftankten und Munition nachluden. Um angreifen zu können, musste sie ihr Schutzschild deaktivieren!“ Er blickte ehrlich betroffen in die Runde und erkannte den nickenden Vilo. Plötzlich fiel ihm ein, dass er es – damals noch in seiner Funktion als Nuri – gewesen war, der den Befehl dazu gab. Ein guter Befehl, weil absolut alternativlos, den Lobos auch nie angezweifelt hatte „Oh, die Bewaffnung der Kamarulu war gewaltig, hätte sicherlich jeden anderen Gegner daran gehindert, sie anzugreifen, doch hatte bei ihrer Entwicklung natürlich niemand je damit gerechnet, dass sie sich einmal einem ebenbürtigen Gegner gegenübersehen würde!“ Sein Blick wurde wieder finster. „Doch genauso war es. Ihre Jäger konnten unsere Kampfjets attackieren, das feindliche Schiff die Kamarulu und unsere Jäger. Wir hatten somit gar keine andere Wahl, als ihnen zu helfen. Doch kaum hatten wir unseren Schutzschild deaktiviert, zogen wir allen Beschuss auf uns. Die Durchschlagskraft ihrer Waffen war absolut mörderisch und etwas, dem wir nichts Vergleichbares entgegenzusetzen hatten. Innerhalb kürzester Zeit mussten wir schwere Treffer hinnehmen und den Schild schließlich wieder hochfahren. Jetzt aber hatte sich das feindliche Schlachtschiff auf uns eingeschossen und es war absolut klar, dass es alles daransetzen würde, die Kamarulu zu zerstören!“ Lobos hielt inne und atmete einmal tief durch. „Ich habe das gesehen und eine Entscheidung getroffen!“ Seine Züge verhärteten sich. „Einem weiteren Beschuss durch das Schlachtschiff und die feindlichen Jäger hätten wir trotz Schutzschild nicht viel länger standhalten können. Die Kamarulu wäre zu einem Feuerball am Himmel über Ara Bandiks geworden und hätte am Boden alles Leben ausgelöscht. Also befahl ich abzudrehen und nach Nordosten zu fliegen, zum Piritak-Massiv. Wenn es uns gelänge, das gewaltige Schiff wegzulocken, hätten es unsere Piloten nur mit den feindlichen Jägern zu tun und damit noch eine Siegchance! Und wir gegen das Schlachtschiff in den Schluchten des Bergmassivs vielleicht auch!“ Er nickte mehrmals, als würde er in Gedanken seine Entscheidung nochmals durchdenken und zu demselben Schluss kommen. „Tatsächlich ging der Feind auf unser Manöver ein und folgte uns, doch der Flug wurde mehr und mehr ein Spießroutenlauf, bei dem wir weitere schwere Treffer hinnehmen mussten, bis schließlich der Schutzschild ausfiel! Damit war klar, dass die Schluchten des Bergmassivs unsere einzige und letzte Rettung waren! Bevor wie sie aber erreicht hatten, gelang es dem Feind, noch eine letzte, gewaltige Breitseite auf uns abzusetzen! Die Zerstörungen an und in der Kamarulu waren unvorstellbar und uns allen klar, dass wir das Schiff nicht mehr retten konnten! Alles was uns noch blieb, war, zu versuchen, das feindliche Schlachtschiff mit uns in den Tod zu ziehen! Also bereiteten wir alles für die letzte Fahrt der Kamarulu vor!“ Er stockte wieder und atmete nochmals ein, bevor er fortfuhr. „Ich gab den Befehl, vollen Schub zu leisten, obwohl nur noch vier der sechs Triebwerke intakt waren. Doch mir war klar, dass wir alles daransetzen mussten, den Bergeinschnitt, dem wir gerade folgten, hinter uns zu bringen, bevor ihn das feindliche Schlachtschiff erreicht hatte. Das hätte die Kamarulu zwar nicht mehr gerettet, uns aber vielleicht noch in die Lage versetzt, einen hohen Blutzoll für unseren Tod zu fordern.

Und es gelang tatsächlich!

Wir hatten die erste Biegung durchlaufen, bevor der Feind den Taleinschnitt erreicht hatte.

Und es wurde sogar noch besser:

Das Tal, in dem wir uns befanden, fiel stark ab. Aus dem Felsmassiv zu unserer Rechten stürzten die gewaltigen Wassermassen des bis dahin unterirdisch verlaufenden Mioli-Flusses herab. Die tosende Gischt spannte eine dichte Nebelwand vor uns auf.

Ich erinnerte mich an diese Stelle, da ich in meiner Kindheit schon einmal hier gewesen war und wusste daher, dass sich schon nach weniger als einer Meile zwei weitere, dicht aufeinanderfolgende Wasserfälle von absolut beachtlicher Größe anschlossen. Hiernach verschwindet der Mioli nach einigen Meilen wieder im Planeteninneren, bevor er am Fuße der Schluchten von Kindagi erneut austritt und sich mit dem Kindagi-Strom vereint.

Hier sah ich eine Chance, mit letzter Kraft den Jäger zum Gejagten zu machen und ihn in einen Hinterhalt zu locken.

Ich verlangte der Kamarulu so viel mehr ab, als sie eigentlich noch zu Geben im Stande war, doch zeigte sich, welch fantastisches Schiff wir gebaut hatten. Es gelang uns, einen schier unglaublichen Looping zu fliegen, bei dem wir das Schiff am höchsten Punkt nach rechts abkippen ließen. So konnten wir der Bergflanke folgen und dann quasi um den Gipfel herumfliegen. Es war Millimeterarbeit, überall ächzte und stöhnte es, der Stahl, die gesamte Konstruktion brüllte wütend auf, doch brach sie nicht auseinander. Unser Pilot…!“ Lobos deutete auf einen noch recht jungen Mann mit kurzen, schlohweißen Haaren, dunkel leuchtenden Augen und einer kurzen, spitzen Nase, die seinem Blick etwas Schelmisches verlieh. „…vollbrachte in diesen und den darauffolgenden Momenten nicht weniger als ein waschechtes Wunder!“ Der Angesprochene lächelte. Lobos wandte sich zu ihm um und sah ihn direkt an. „Ich habe noch niemals zuvor einen besseren Mann auf diesem Posten gehabt. Unser aller Leben…!“ Er deutete auf die anderen Personen aus seiner Mannschaft. „…ist dein Verdienst! Solltest du jemals wieder fliegen können und eine Besatzung brauchen, kannst du auf mich…auf uns alle… zählen!“ Überall wurde genickt und der Pilot war jetzt sichtlich bewegt.

Und als Lobos dieses Mal fortfuhr, klang seine Stimme sehr emotional und aufgekratzt, hallte beinahe geheimnisvoll und unheilschwanger in der Höhle wieder, als würden die Ereignisse von damals jetzt tatsächlich noch einmal vor seinem inneren Auge ablaufen und zogen damit innerhalb weniger Sekunden ausnahmslos jeden in seinen Bann

Es gelang dem Piloten, das Schiff aus dem Radarbereich des Feindes zu bringen. Die Kamarulu gab ihr Letztes. Ein weiteres Triebwerk fiel aus. Nur mit Mühe konnte sie den nötigen Schub erzeugen, um sich überhaupt noch an der Flanke des Berges in die Höhe zu schrauben. Kurz vor dem Gipfel hatte sich die Geschwindigkeit derart verringert, dass ich befürchtete, sie würde auf den letzten Metern versagen. Immer wieder wurde der Rumpf des Schiffes zusätzlich durch wuchtige Explosionen erschüttert, die ihm quasi die Eingeweide herausrissen und für eine bedrohliche Schlagseite sorgten.

Allen an Bord, dessen bin ich sicher, war klar, dass dies die letzte Reise der Kamarulu sein und dass es keine Überlebenden geben würde. Der endgültige Absturz eines derart gewaltigen Schiffes würde solch immense Energien freisetzen, dass alles innerhalb weniger Momente zu Staub verbrennen würde.

Komm schon, rief ich mit schweißnasser Stirn mehr zu mir selbst und betrachtete besorgt den Geschwindigkeitsmesser, der weiterhin gnadenlos abfiel. Nur noch dieses eine Mal, Kleine! Der Gipfel war noch zweihundert Meter von uns entfernt. Sie musste doch nur noch wenige Sekunden durchhalten. Das Brüllen der verbliebenen Triebwerke hatte sich mittlerweile zu einem erbärmlichen Heulen gewandelt und der gesamte Rumpf des Schiffes begann zu erzittern. Nun komm schon, brüllte ich und meine Männer starrten mich entsetzt an.

Dann hatte der Bug den Gipfel erreicht und schob sich darüber hinaus.

Wo ist unser Zielobjekt? rief ich.

Es hat den Eingang in das Tal fast erreicht!

Lassen sie das Schiff über den Bug kippen und gehen sie auf Frontalkurs! Behalten sie volle Leistung auf den Triebwerken bei.

Der Pilot nickte und wenige Momente später legte sich die Kamarulu in eine scharfe Rechtskurve, indem er den gesamten Rumpf kippte und dabei den Bug in die Tiefe drückte. Eben noch mit dem Blick in den Himmel, erschienen jetzt wieder massive Felsformationen vor uns und rasten in einer wilden Geschwindigkeit dicht an uns vorbei.

Kaum war der Bug soweit gesunken, dass wir den Einschnitt, in dem wir selbst noch vor nicht einmal einer Minute gewesen waren, sehen konnten, konnten wir auch den gewaltigen Rumpf unseres Verfolgers ausmachen, wie er sich langsam in das angrenzende Tal hineinschob.

Wieder erzitterte die Kamarulu und fast gleichzeitig erschütterte eine gewaltige Explosion den Rumpf, als das hintere der beiden Flugdecks an der Steuerbordseite in einem gleißenden Feuerball zerfetzt und abgesprengt wurde.

Die riesige Stahlkonstruktion raste in die Tiefe und krachte mit unbändiger Wucht auf den Bergrücken, wo sie noch einmal in einer irrsinnig wuchtigen Detonation vollständig zerrissen wurde.

Triebwerke aus! brüllte ich. Gehen sie auf Parallelkurs über das feindliche Schiff! Zielerfassung für alle Waffensysteme!

Der Offizier tippte seine Befehle ein, dann nickte er mir zu. Ziel ist erfasst!

Also dann meine Herren, rief ich, um den gewaltigen Lärm des Schiffes zu übertönen. Es war mir eine Ehre, mit ihnen fliegen zu dürfen! Und jetzt…Feuer!

Es war ein unglaubliches Schauspiel:

Die Kamarulu donnerte beinahe im Sturzflug auf das feindliche Schiff hinab, bevor sich ihr Bug wieder hob. Zu diesem Zeitpunkt befand sie sich etwa eine halbe Meile hinter ihm. Kaum hatte sich der Rumpf ausgerichtet, wurde der Feuerbefehl ausgeführt.

Innerhalb weniger Augenblicke zuckten annähernd achtzig Projektile aller Größen und Sprengkraft aus den Mündungsrohren unseres Schiffes und jagten auf den Feind zu, wo sie einen Wimpernschlag später beinahe zeitgleich einschlugen und ihre gewaltige Energien freisetzten.

Der Schutzschild des feindlichen Schiffes konnte einige der Angriffe abwehren, doch die meisten fanden ihr Ziel und trieben ihre tödliche Wucht durch die Außenhaut in das Innere hinein. Überall flammten grelle Blitze auf, schossen Feuer und Trümmerteile in alle Richtungen, vermischten sich mit dunklem Qualm zu gigantischen Flammenfäusten.

Immer wieder zuckte der Rumpf erbärmlich unter den Einschlägen der Projektile und der Wucht der Detonationen. Fast augenblicklich stoppten die Maschinen des Schiffes, während die Kamarulu mit hoher Geschwindigkeit nur einhundert Meter über seinem Rumpf hinwegdonnerte und Sekunden später mit schwerer Schlagseite und unzähligen eigenen Flammenherden in der Nebelwand aus Wolken und Gischt, hervorgerufen durch den gewaltigen Wasserfall aus dem Bergmassiv zur Rechten, verschwand.

Stille erfasste die Höhle, als Lobos geendet hatte, denn seine Worte hallten noch deutlich in den Köpfen der Anwesenden nach. Diejenigen, wie Vilo, Mavis, Cosco, Tibak, aber auch Pater Matu, die wussten, wovon der Admiral gesprochen hatte, waren gefangen von den Bildern, die seine Worte erzeugten, doch auch die anderen, wie Kaleena, Melia und Chalek, die die Kamarulu nie gesehen hatten und von militärischer Kampfführung nicht viel verstanden, waren beeindruckt und sprachlos.

Überraschenderweise war es Lobos selbst, der wieder seine Stimme erhob. „Unser Feind muss mächtig geschockt von unserer Attacke gewesen sein, denn er feuerte nicht mehr auf uns. Außerdem stoppte er seine Maschinen. Wenige Augenblicke später muss er dann hinter dem Nebel die gewaltigen Explosionen gesehen haben, die unser Ende zeigten. Als das feindliche Schiff schließlich über die Wasserfälle hinweg flog, war zu sehen, dass es schwere Schäden hatte hinnehmen müssen. Es drehte dann nach Süden ab. Wir haben es seither nicht wiedergesehen!“

Wieder trat Stille ein, denn Mavis und die anderen wussten nicht, wie sie Lobos überraschende Worte deuten sollten.

Vilo musste dann wohl der Meinung gewesen sein, zumindest irgendetwas zum Besten zu geben. „Verdammt Admiral. Sie und ihre Männer sind aber auch ein verwegener Haufen!“ Er grinste und nickte beeindruckt.

„Ja!“ Das war Melia und alle schauten sie ziemlich überrascht an, weil ausgerechnet sie das Wort ergriff. „Aber es erklärt nicht wirklich…!“ Sie wurde, ob der vielen Blicke auf sich, etwas unsicher. „…warum…ähm…sie noch leben!“ Sie blickte hilfesuchend zu Mavis. „Oder?“

Mavis schaute Melia zunächst ebenso überrascht an, wie alle anderen, doch dann erkannte er, dass sie einfach nur Recht hatte und lächelte ihr zu. Sie erwiderte diese Geste jedoch nur sehr kurz, dann wurde sie wieder ernst…nein, nicht ernst…traurig. „Melia hat Recht!“ sagte er dann aber und wandte sich an Lobos. „Wie zum Teufel sind sie noch rechtzeitig von Bord gekommen?“

Alle Blicke waren jetzt auf den Admiral gerichtet, doch der antwortete nicht sofort, sondern schaute zunächst jeden Einzelnen an, bis sein Blick auf Mavis haften blieb, der in den Augen seines Gegenübers ein Funkeln und auf seinen Lippen sogar ein leichtes Lächeln zu erkennen glaubte. Als Lobos dann den Mund öffnete, sagte er nur ein einziges Wort: „Gar nicht!“

„Wie bitte?“ Mavis glaubte sich verhört zu haben.

„Was soll das heißen?“ fragte Cosco. „Dass sie den Absturz an Bord des Schiffes überlebt haben?“

Der Admiral antwortete nicht, sondern nickte nur.

„Was?“ platzte Vilo hervor. „Aber das ist doch Bullshit!“ Seine Miene verdunkelte sich zusehends. „Niemand kann den Absturz der Kamarulu überleben!“

„Stimmt!“ Lobos nickte erneut. „Allein die sechs Triebwerksreaktoren haben so viel Energie in sich, um alles zu Staub zu verbrennen!“

„Eben!“ Vilo fühlte sich bestätigt. „Meine Rede!“

Mavis schaute den Admiral direkt an. „Und dennoch sitzen sie alle hier!?“ Sein rechtes Auge verengte sich dabei zu einem schmalen Schlitz. „Wie passt das zusammen? Gab es noch einen intakten Jet an Bord. Oder eine Rettungskapsel?“ Er schaute zu Vilo. „Hatte sie Rettungskapseln?“

„Nein!“ erwiderte sein Freund. „Sie hatte keine!“

Lobos nickte erneut. „Richtig! Und einen intakten Jet gab es auch nicht!“ Wieder hatte Mavis das Gefühl, dass der Admiral leicht amüsiert wirkte.

„Ich glaube…!“ hob Melia an und erneut blickten alle zu ihr. Für eine Sekunde befiel sie Unsicherheit, doch dann straffte sich ihr Oberkörper. „…der Admiral meint nicht, dass er beim Absturz an Bord war…!“ Sie erkannte, dass Mavis sie ansah und warf ihm einen kurzen, ernsten Seitenblick zu. „sondern, dass…ähm…es keinen Absturz… gegeben hat!“ Sie schaute Lobos mit großen Augen an, dessen Lächeln daraufhin etwas stärker wurde.

„Was?“ platzte Vilo ziemlich gereizt hervor. „Aber das ist doch noch größerer Blödsinn!“ Er warf Melia einen abschätzigen Blick zu. „Ich habe das Satellitenbild gesehen. Alles hier war eine einzige, gewaltige Flammenwolke!“

„Das stimmt!“ pflichtete Lobos ihm mit ernster Miene bei, dann wandte er sich an Melia, schaute sie direkt an und lächelte milde. „Aber ich würde dennoch nicht mit ihr schimpfen!“

„Klar!“ zischte Vilo genervt. „Weil sie keine Ahnung hat!“

„Vilo!“ Das war Mavis, für dessen Geschmack sein Freund jetzt zu hart agierte. Er wollte nicht, dass er Melia so anfuhr. „Hör auf!“

„Was?“ protestierte sein Freund jedoch.

Bevor er aber noch etwas sagen konnte, hob Lobos seine Stimme soweit an, dass alle seine nächsten Worte sehr gut hören konnten und er auch die Aufmerksamkeit der beiden Männer hatte. „Nein, weil sie...!“ Er grinste. „…Recht hat!“

Für einen Moment war es mucksmäuschenstill in der Höhle.

Dann platzte Mavis hervor. „Was?“

„Sie wollen uns verarschen, oder was?“ rief Vilo.

„Nein!“ erwiderte Lobos ruhig und gelassen. „Und ich kann es auch beweisen!“

II

„Halt still!“ mahnte Niuri und ihr Blick zeigte deutlich, dass sie nicht zu Scherzen aufgelegt war.

Sie befand sich im Behandlungszimmer und stand vor einer Liege, auf der Kabus saß. Sein Oberkörper war entblößt. Niuri hatte den Verband entfernt und war gerade dabei, die Wunde zu säubern. Sie war sehr konzentriert bei der Sache, denn die Verletzung war, obwohl sie bereits deutliche Heilungsspuren zeigte, nach wie vor ernst zu nehmen.

Kabus, der entspannt auf der Liege saß und seine Beine locker baumeln ließ, sah das aber offensichtlich ganz anders, denn mit einem breiten Grinsen und leuchtenden Augen fuchtelte er mit seinen Armen um ihren Kopf herum, versuchte sie zu streicheln und sie an sich zu ziehen, um sie zu küssen. Dabei stöhnte er ziemlich wollüstig.

Niuri aber hatte sichtlich keinen Nerv für sein Gebaren. „Lass das!“ Sie schob seine Hände, die im Begriff waren, sich auf ihren Brüsten niederzulassen, beiseite und wollte mit ihrer Arbeit fortfahren.

Kabus jedoch interessierte sich herzlich wenig für ihre ablehnende Haltung, sondern intensivierte seine Bemühungen im Gegenteil sogar noch. Sein Pech allerdings war, dass Niuri eine Art Pinzette in der Hand hatte, mit der sie abgestorbene Hautpartikel aus der Wunde entfernen wollte und als er sie an sich zog, um sie zu küssen, spürte er plötzlich einen höllischen Schmerz, der ihm sofort die Hitze durch den Körper trieb. „Aua!“ brüllte er, ließ sie los und schaute auf seine Wunde, während er versuchte den Schmerz zu ertragen.

Niuri trat einen halben Schritt zurück. Als Kabus sie vorwurfsvoll ansah, hatte sie die Pinzette erhoben und ein sanftes Grinsen auf den Lippen. „Ich hatte dich gewarnt!“

Kabus rechtes Auge verengte sich zu einem Schlitz. „Du bist ein Biest!“

Niuri grinste breiter. „Auch!“

„Und eine Schwindlerin!“

Niuris Lächeln erstarb und ihr Blick wurde ernst. „Wieso?“

„Du hast gesagt, du…!“ Kabus stoppte abrupt ab und wurde etwas verlegen. „…magst mich!“ fuhr er fort, doch war ihm klar, dass Niuri wusste, was er eigentlich hatte sagen wollen.

Die junge Frau lächelte auch nur einen Augenblick offen, dann wurde es ernster und ihre Augen leuchteten. „Mehr als das!“ erwiderte sie, hob ihre rechte Hand und streichelte sanft seine Wange.

Kabus lächelte zufrieden. „Und warum darf ich dich dann nicht küssen?“

„Weil du…!?“ Niuri blickte irritiert. „…noch immer verletzt bist und ich mich um deine Wunde kümmern muss!?“

„Geht das nicht auch später?“

Doch Niuri schüttelte mit ernster Miene den Kopf. „Jetzt!“

„Okay!“ Kabus gab sich mit einem tiefen Atemzug und verzogenen Mundwinkeln geschlagen. „Aber ich…brauche…wenigstens einen Kuss, sonst…!“ Er wartete, bis sie ihn ansah. „…werde ich wahnsinnig vor Verlangen nach dir und dann nützt mir auch ein intakter Körper nichts!“ Er grinste schief.

Jetzt verengten sich Niuris Augen und sie wollte schon zu etwas ansetzen, doch dann brummte sie nur. „Also gut! Einen Kuss!“ Sie wartete, bis Kabus nickte. „Dann kümmere ich mich um deine Wunde!“ Wieder nickte ihr Gegenüber und sie trat direkt vor ihn. Einen Augenblick später hatte er schon seine beiden Hände an ihre Wangen gelegt und sie befand sich in einem absolut leidenschaftlichen Zungenkuss. Was immer sie auch für Vorsätze gehabt haben mochte, sie brachen vollständig auseinander und tiefes Verlangen erfasste sie. Im nächsten Moment stöhnte sie wollüstig, genoss das Gefühl, das ihr Kabus gab, in vollen Zügen und vergas ihre Umgebung.

Plötzlich aber bemerkten sie Tumult außerhalb der Krankenstation. Zuerst waren es nur lautere Stimmen, doch schon einen Moment später wurden sie auch hektisch, aufgeregt und besorgt. Das reichte aus, um ihren Kuss zu beenden.

Im selben Augenblick ertönte von draußen der Schrei eines Elay. Laut und dröhnend hallte er in der Halle nach.

War eines der Tiere ausgebrochen, bevor Umuras sich mit ihm beschäftigen konnte? War der Fluch, der diese wundervollen Wesen einst befallen hatte, am Ende doch noch nicht gänzlich vergangen?

Niuri und Kabus schauten sich an und trennten sich dann. „Was mag da los sein?“ fragte Kabus.

Niuri zuckte in den Schultern. Gemeinsam gingen sie zur Tür. Sie erkannten sofort, dass sie sich nicht geirrt hatten. Mitten in der großen Halle stand, umringt von mehreren Personen – unter ihnen auch Umuras – ein Elay. Nein, nicht ein Elay, der Elay, der Jorik und die anderen vor Stunden hinauf zur Oberfläche bringen sollte!

Als Niuri und Kabus diesen Umstand realisierten, zeigte sich augenblicklich Sorge in ihren Gesichtern Sie traten ins Freie und näherten sich dem Flugwesen.

„Vorsicht!“ brüllte Umuras und schon im nächsten Moment wirbelte der Elay herum und sein ausgetreckter Schwanz schoss in Hüfthöhe waagerecht durch die Luft. Niuri und Kabus waren gerade noch weit genug entfernt, dass sie davon nicht erwischt wurden, ein Mann im mittleren Alter aber hatte kein Glück, wurde aus dem Stand nach hinten gerissen und einige Meter brüllend durch die Luft geschleudert. Allerdings landete er in einer Gruppe Zuschauer, die ihn unfreiwillig auffingen, sodass er keinen nennenswerten Schaden davontrug.

Erneut war ein wildes Brüllen des Elay zu hören und Kabus rechnete fest damit, dass das Tier komplett ausrasten würde, doch zu seiner Überraschung begann der Körper des Flugwesens plötzlich zu zittern, aus dem Brüllen wurde ein schmerzhaftes, qualvolles Stöhnen und schon im nächsten Moment sackten die Beine unter dem massigen Körper weg und der Elay krachte mit einem kläglichen Aufschrei zu Boden.

„Sie ist verletzt!“ rief Umuras und näherte sich dem Tier, obwohl es seinen Kopf drohend in seine Richtung drehte. Umuras aber ließ sich davon nicht abhalten, legte seine Hand beschwichtigend auf den Körper des Flugwesens und tatsächlich beruhigte es sich zusehends. Während es nochmals schmerzhaft aufstöhnte, konnte er die Wunden betrachten und war sichtlich besorgt. „Sehr sogar!“

„Was…?“ Kabus war mit Niuri nähergekommen. Seine Wunde war längst vergessen, einzig tiefe Besorgnis erfüllte ihn. „Was ist passiert?“

Umuras schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung!“ Er sah die beiden direkt an. „Aber um einem Elay solche Wunden zuzufügen, bedarf es schon erheblicher Gewalteinwirkung!“

„Ist sie allein?“ fragte Kabus. „Ich meine, war denn keiner bei ihr?“

Umuras wusste darauf keine Antwort, doch quasi im selben Moment kamen die beiden Männer angerannt, die in der Höhle Wache gehalten hatten, hinter der sich der gewaltige Trichter befand, der letztlich bis an die Oberfläche des Planeten führte. Als sie den Elay sahen, stoppten sie ab.

„Was ist passiert?“ fragte Umuras.

„Er war urplötzlich da! Ohne Vorwarnung!“ antwortete der ältere der beiden. „Kam aus dem Trichter in die Höhle geschossen, durchflog sie und verschwand in diese Richtung!“

„War Jemand bei ihm?“ Kabus trat einen Schritt auf den Mann zu.

Doch der schüttelte den Kopf. „Nein! Der Elay war allein!“

„Seid ihr sicher?“ hakte Niuri nach.

Jetzt nickte der Mann. „Wir haben den Trichter und den Höhleneingang abgesucht, bevor wir hierherkamen!“

„Aber…!“ Kabus Blick drückte pure Hilflosigkeit aus. „Was ist passiert?“

Niuri schaute ihn voller Mitleid an. „Das weiß niemand!“ Sie trat zu ihm und schloss ihn in die Arme.

„Das ist so nicht ganz richtig!“ erwiderte Umuras und als die beiden ihn ansahen, fügte er mit einem Nicken auf den Elay hinzu. „Sie weiß es!“

„Aber…!“ Kabus befiel Verzweiflung. „Dann soll sie uns dorthin fliegen, wo sie…!“ Er stoppte ab.

Umuras schüttelte den Kopf. „Sie ist ernsthaft verletzt. Wir müssen sie erst behandeln!“

„Wie lange wird das dauern?“ setzte Kabus nach.

Umuras schaute ihn an, dann auf die Wunde an seiner linken Seite. „Nicht länger, als bei dir!“

Kabus schaute an sich herab und musste erkennen, dass seine Wunde wieder aufgebrochen war. Frisches Blut sickerte in einem dünnen Strich in seine Taille. Mit einem Mal spürte er dort auch ein sehr unangenehmes Ziehen, das sich zu einem Brennen entwickelte. Mit großen Augen schaute er Umuras an.

„Wenn du bereit bist, ist sie…!“ Er deutete auf den Elay. „…es auch!“

„Vorausgesetzt, du tust dieses Mal, was ich dir sage!“ mahnte Niuri, doch zeigte ihr Blick, dass sie mit ihm fühlte.

„Natürlich!“ erwiderte Kabus sofort. „Lasst uns keine Zeit verlieren!“ Er schaute Umuras bittend an.

Der Alte nickte, wandte sich ab und gab einigen Umstehenden Anweisungen, Platz zu schaffen, Verbandszeug und Medikamente, sowie heißes Wasser zu holen.

Niuri zog Kabus mit sich und lächelte ihm aufmunternd zu, doch wusste er nicht, ob er ihren Optimismus wirklich teilen sollte.

III

„Wer?“ Das Wort war geschrien und hallte in dem Höhlenraum laut und beinahe krachend nach. Wut und Zorn schwangen mit und verstärkten seine Wirkung noch. Sein Verursacher war Captain Narrix. Mit von großer Wut gerötetem Kopf und schwellender Halsschlagader stand er in der Mitte des Raumes und starrte auf die sieben Personen herab, die vor ihm mit auf dem Rücken gefesselten Händen knieten und von je einem seiner Männer mit einer Schlinge drangsaliert wurden, die um ihren Hals lag und fest angezogen war, sodass alle Schwierigkeiten hatten, normal zu atmen.

Narrix Oberkörper erhob sich ein Stück, er drehte sich parallel zu den Knieenden und betrachtete jeden Einzelnen. Doch keiner von ihnen würdigte ihn eines Blickes, alle starrten nur geradeaus und waren bemüht, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, da die Männer hinter ihnen die Stricke um ihren Hals so weit in die Höhe gezogen hatten, dass sie ihre Oberkörper weit strecken mussten, um atmen zu können, was ihre Stabilität ziemlich beeinträchtigte.

Die Nichtbeachtung seiner Person machte Narrix sichtlich noch wütender. Mit einem wilden Aufschrei trat er einen halben Schritt nach vorn, packte Kendig rüde am Hinterkopf an den Haaren und drosch zweimal mit brutaler Härte in sein Gesicht. Der hatte nicht die geringste Chance, dass zu verhindern oder irgendetwas zu tun, um die Schläge abzumildern. Mit lautem Klatschen krachte Narrix Faust auf seinen Wangenknochen, Kendig schrie erstickt auf. Blut und Speichel flogen umher. Kendig sackte zusammen, doch der Captain war unerbittlich, riss seinen Kopf wieder in die Höhe, schob sein wutverzerrtes Gesicht direkt über das seine und brüllte nochmals. „Wer?“

Doch er sollte erneut keine Antwort bekommen. So ließ er Kendig los, der daraufhin zusammensackte. Der Mann hinter ihm riss jedoch sofort an der Schlinge, die sich augenblicklich fester um seinen Hals schloss und ihm den Atem nahm. Kendigs Körper zuckte in die Höhe und er drückte ihn wieder durch, so gut es ging, rang nach Luft. Viele Kraftreserven hatte er allerdings nicht mehr, Oberschenkel und Arme zitterten bereits erbärmlich.

Rechts neben ihm, an dem einen Ende der Reihe kniete seine Frau Malawi. Ihr Gesicht war gezeichnet von einigen Misshandlungen, auch sie atmete schwer. Schweiß rann ihr über die Stirn in die Augen. Ihr Blick war auf Kendig gerichtet, tiefer Schmerz hatte ihr Herz erfasst, sie wünschte sich nichts sehnlicher, als ihm helfen zu können. Doch ihre Arme waren ebenso auf dem Rücken gefesselt, wie die aller anderen und der Zug an ihrem Hals tat sein Übriges, um sie ziemlich wehrlos zu machen. Dennoch war ihr klar, dass sie ihrem Mann helfen musste. Sie musste die Aufmerksamkeit von ihm nehmen, damit er durchatmen konnte. Echte Angst um ihn erfasste sie, ließ sie ihre eigene Angst und ihre vielfältigen Schmerzen vergessen. Einzig Liebe trieb sie an. „Wer was?“ stieß sie halb erstickt hervor – und bereute es einen Augenblick auch schon.

Denn Narrix wirbelte zu ihr herum, legte seine rechte Hand um ihre Kehle und drückte gnadenlos zu. Malawi wurde schlagartig heiß, sie konnte nicht mehr atmen und hatte das Gefühl, ihr Kehlkopf würde zerquetscht werden.

„Wer was?“ Das war Rimbo. Er befand sich links neben seiner Frau Idis, die wiederum links von Kendig kniete. Seine Stimme klang gereizt und ziemlich kraftvoll, doch schon im nächsten Moment zog der Kerl hinter ihm derart kräftig an der Schlinge, dass Rimbos Knie für einen Moment vom Boden abhoben und er röchelnd zu zappeln begann.

Narrix schien im ersten Moment nicht auf ihn reagieren zu wollen. Stattdessen weidete er sich sichtlich an Malawis Schmerz und Hilflosigkeit, so sehr, dass er grinsen musste. Plötzlich schoss sein Kopf nach vorn und er küsste sie fest auf den Mund. Malawi stöhnte auf und versuchte sich ihm zu entwinden, was ihr aber nicht wirklich gelang. Hilflos musste sie den rüden Kuss über sich ergehen lassen. Als Narrix schließlich wieder von ihr abließ war sie einer Ohnmacht sehr nahe. Wild rang sie nach Luft, spürte, wie Übelkeit in ihr aufstieg, sie röchelte und hustete Schleim hervor.

Narrix grinste sie nochmals breit an, dann wandte er sich von ihr ab und trat vor Rimbo. Ohne Vorwarnung riss er sein rechtes Bein in die Höhe und rammte es ihm in den Magen. Rimbo stöhnte, sein Gesicht wurde rot und auch er würgte hustend Schleim hervor. Narrix wartete reglos, bis er sich wieder etwas beruhigt hatte. „Wer fehlt hier?“ fragte er dann und starrte Rimbo direkt in die Augen.

„Ich…!“ Rimbo hatte Mühe durch seine zunehmend verstopfte Nase zu atmen. „…verstehe nicht! Wer zum Teufel soll denn hier fehlen?“

„Ich glaube…!“ brachte Idis mit großer Mühe hervor. Auch sie hatte große Sorgen um ihren Mann und wollte ihm helfen, indem sie die Aufmerksamkeit von ihm ablenkte. „…ich bin nicht mehr ganz bei mir!“ Im Gegensatz zu Malawi war sie auf eine ruckartige Bewegung des Captains gefasst, die auch prompt kam. Er griff rüde ihre Haare an der Stirn und drückte ihren Kopf nach hinten. „Vitaminmangel…schätze ich!“ fügte sie noch hinzu und grinste dabei sogar verzerrt.

Narrix starrte sie mit einem widerlichen Grinsen und zunehmend offener Gier an. Seine Augen leuchteten. „Du bist eine Wildkatze!“ sagte er und schon lag seine linke Hand auf ihrer rechten Brust. Idis stöhnte auf, doch nicht aus Wollust, sondern aus Ekel. Narrix aber störte sich nicht daran. Er knetete sie für einen Augenblick hart, dann drückte er mit aller Kraft zu. Wieder musste Idis stöhnen, dieses Mal jedoch aus Schmerz. „Ich liebe das!“ Er bleckte die Zähne. „Eure Männer sterben zuerst. Dann werde ich mich mit euch Frauen beschäftigen. Und wenn ich mit dir fertig bin, dann kannst du sagen, dass du nicht mehr ganz bei dir bist. Ich werde dir und deinen Freundinnen nämlich den Verstand aus dem Kopf vögeln. Erst ich…und dann meine Männer!“ Er starrte Idis direkt in die Augen, während er ihre Brust wieder knetete. „Gib zu, du freust dich schon darauf!“

Das war zu viel für Rimbo. Obwohl er wusste, dass es wehtun würde, drückte er sich auf die Beine und machte einen Schritt auf Narrix zu. Doch bevor er ihn ganz ausgeführt hatte, war der Kerl in seinem Rücken auch schon bei ihm und hämmerte ihm mit rüder Gewalt den Gewehrkolben zwischen die Schulterblätter, dass es nur so krachte. Rimbo hatte das unbedingte Gefühl, dass etwas zerbrach. Alle Kraft wich aus seinem Körper und er fiel zurück auf die Knie, wo ihm der Kerl nochmals einen derben Schlag mit dem Kolben in den Nacken versetzte, sodass er aufschreien musste. Für einen Moment verschwamm das Bild vor seinen Augen, dann spürte er widerliche Hitze in seinem Gesicht, als die Schlinge um seinen Hals wieder festgezogen und er somit zurück auf seine Ausgangsposition getrieben wurde.

„Bist du bescheuert?“ fragte Narrix in lässigem Ton wahrlich von oben herab.

„Lass sie in Ruhe!“ stieß Rimbo hervor. „Leg dich mit mir an, wenn du dich traust!“ Er blickte seinem Gegner geradewegs und mutig in die Augen.

Doch Narrix blieb ruhig und grinste sogar. „Dass du mit ihr leiert bist, habe ich schon mitbekommen! Auch, dass ihr beide…!“ Er blickte zu Kendig und Malawi. „…zusammengehört, weiß ich!“ Er drehte sich zu den drei anderen Personen, die bisher noch ungeschoren davongekommen waren. „Aber bei euch dreien bin ich mir da noch nicht so sicher!“ Er trat vor Esha, Shamos und am anderen Rand der Gruppe Jorik. In ihren ebenfalls übel zugerichteten Gesichtern, konnte man sehen, dass sie nervös wurden. Narrix hatte im Moment wirklich alle Trümpfe in seinen Händen und spielte sie absolut gnadenlos aus. Allen war klar, dass er brandgefährlich war und ihr aller Leben am seidenen Faden hing. „Ich muss das aber wissen!“ Narrix Stimme klang beinahe entschuldigend. „Damit ich weiß, wessen Partner hier fehlt!“ Er schaute alle drei direkt an. „Denn das einer fehlt, ist klar!“ Plötzlich veränderte sich seine entspannte Miene, er verzog die Mundwinkel, blickte erst säuerlich, dann zornig und schon im nächsten Moment brüllte er fast hysterisch. „Denn diese Mistsau hat uns bei euren Freunden verraten und mich ein verdammtes Schiff gekostet!“ Ohne Vorwarnung zuckte seine rechte Faust nach vorn und schon verpasste er jedem der drei einen knallharten Schlag ins Gesicht, dass es nur so klatschte. Alle stöhnten, Esha schrie zusätzlich erstickt auf. Doch keiner von ihnen zeigte weitere Reaktionen, geschweige denn Blickkontakt. Shamos zerriss es innerlich beinahe, dass er mit ansehen musste, wie Esha litt, doch war ihm spätestens nach diesen Worten des Captains klar, was Jorik geschehen würde, wenn sich herausstellte, dass seine Marivar die Informantin ihrer Freunde gewesen war, denn nur sie konnte es doch gewesen sein.

Jorik sah man an, dass sich in seine Furcht vor den Konsequenzen auch so etwas wie Freude gemischt hatte, denn letztlich bewies dies alles doch auch, dass Marivar noch immer lebte – eine Ungewissheit, die ihm bisher schwer zu schaffen gemacht hatte.

Narrix beruhigte sich wieder etwas, zumindest schien es so. Er stand mit gesenktem Kopf der Gruppe abgewandt. Es waren tiefe Atemzüge zu hören, während seine Hände sich immer wieder zur Faust ballten und dann wieder öffneten. Sein Gesicht war eine zornige Grimasse, seine Augen funkelten irr, er schwitzte. Doch das konnte keiner der anderen sehen. Erst allmählich entspannten sich seine Züge und wenige Augenblicke später erschien tatsächlich ein Lächeln auf seinen Lippen, das sogar anhielt, als er sich wieder zu der Gruppe herumdrehte. „Okay!“ Seine Stimme klang fast freundlich, doch in den Gesichtern seiner Opfer sah er Furcht, was ihn zusätzlich belustigte. „So kommen wir also nicht weiter!“ Er atmete einmal tief durch. „Dann eben auf andere Weise!“ Sein Lächeln verschwand, er schürzte die Lippen und schniefte einmal durch die Nase. Dann schaute er Esha, Shamos und Jorik für einen Moment ausdruckslos an, bevor er sich nach links wandte und auf einen seiner Männer zuging, der bisher reglos am Eingang der Höhle Posten eingenommen hatte. „Geben sie mir ihre Waffe!“ Narrix sah ihn kaum an und deutete stattdessen auf die Pistole am Gürtel des Mannes. Der war im ersten Moment etwas überrascht, dass er nicht sein Gewehr haben wollte, dass er vor der Brust hielt, doch auch ihm schien mehr als bewusst zu sein, dass der Captain gerade sehr gefährlich war und womöglich auch vor seinen eigenen Leuten nicht Halt machen würde. Also reichte er ihm die Waffe. Narrix nahm sie mit seiner linken Hand und drehte sich zu der Gruppe um. Mit einem kurzen Druck entriegelte er das Magazin der Pistole, das daraufhin zu Boden fiel. Narrix beachtete es gar nicht, sondern ließ stattdessen sogar den Schlitten einmal vor und zurückratschen, sodass mit einem leisen Pling und deutlich sichtbar, die Patrone, die sich im Lauf befunden hatte, ebenfalls zu Boden segelte. Damit war klar, dass diese Waffe vollkommen entladen war. Narrix hielt inne und betrachtete seine Opfer einen nach dem anderen. In ihren Gesichtern sah er Anspannung und wieder Furcht. Doch er ließ sich seine Freude darüber diesmal nicht anmerken. Stattdessen zog er ruckartig seine eigene Waffe aus dem Hohlster an seinem Gürtel und entriegelte mit der gleichen Bewegung ebenfalls das Magazin, das daraufhin zu Boden fiel. Wieder hielt er danach inne und schaute ausdruckslos auf Esha, Shamos und Jorik, die ihn mit immer größer werdender Nervosität anstarrten, weil ihnen bewusst war, dass sich in dieser Waffe noch immer die Kugel im Lauf befand.

Dann aber ging alles unendlich schnell:

Narrix drehte ihnen mit beiden Waffen den Rücken zu. Alles, was zu sehen war, waren seine hin und her zuckenden Arme. Dann zuckte er blitzschnell zurück, hielt beide Waffen lässig neben dem Körper, während er sie hörbar entsicherte und ging direkt auf Esha zu. Die starrte ihn mit zunehmendem Entsetzen an, weil sie ahnte, dass etwas Schlimmes passieren würde, sie aber noch nicht genau wusste, was.

Narrix konnte sich eines kurzen Lächelns nicht erwehren, dann aber wurde er wieder ernst, riss den rechten Arm in die Höhe und zielte auf Jorik.

Augenblicklich schrien Kendig, Rimbo und ihre Frauen auf, auch Shamos. Esha war nicht fähig zu einer Reaktion, sie starrte den Captain nur unvermindert an, während Tränen aus ihren Augen rannen.

Dann drückte Narrix ab!

*

Marivar schreckte aus dem Schlaf auf und richtete sich sofort kerzengerade auf. Ihr Atem ging stoßweise und unregelmäßig, kalter Schweiß lag auf ihrer Stirn. Ihre Augen waren weit geöffnet und starrten ins Leere.

Im ersten Moment wusste sie nicht, wo sie war. Sie konnte sich gerade noch vage daran erinnern, dass sie gegen ihre Müdigkeit angekämpft hatte, sie ihr letztlich aber Tribut zollen musste.

Dann waren da plötzlich Esha, Malawi und Idis. Kendig, Rimbo und Shamos. Und da war Jorik. Sie stand direkt vor ihm, wollte ihn umarmen, doch noch bevor sie ihn berühren konnte, erschlafften plötzlich all seine Gesichtszüge, er verdrehte die Augen und schon im nächsten Moment sackte er direkt vor ihr vollkommen kraftlos zu Boden, während sich auf seiner Brust ein Fleck aus frischem Blut ausbreitete. Der Schreck ließ sie erstarren und gleichzeitig aufschreien.

Ihr Blick klärte sich allmählich, sie erkannte ihre Umgebung und plötzlich dämmerte ihr, dass sie geschlafen haben musste. Nichts von dem, was sie gesehen hatte, war hier. Nicht ihre Freunde, nicht Jorik. Sie war vollkommen allein, in einem kleinen Raum voller umgestürzter Einrichtungsgegenstände auf einem notdürftig bereiteten Lager im Inneren eines Schiffswracks vor der Küste Kimuris. Plötzlich kamen all ihre Erinnerungen zurück und sie fühlte sich augenblicklich leer und hilflos.

Hinzu kam, dass ihr zwar klar wurde, dass ihr Traum nur ein Traum gewesen war, dass sie aber ebenso sicher war, dass das Gefühl, dass etwas Furchtbares mit Jorik geschehen sein musste, dennoch real war und tief in ihrem Inneren fest verankert blieb.

Und deshalb konnte sie sich absolut nicht dagegen erwehren, dass ihr die Tränen aus den Augen quollen und sie ganz erbärmlich schluchzen musste, weil sie erkannte, dass sie so unendlich weit weg von dem Menschen war, für den sie nichts mehr als einfach nur Liebe empfand.

*

Ein scharfes Klicken war zu hören – mehr jedoch…nicht!

Jorik, der Narrix die ganze Zeit über angestarrt hatte, spürte, wie eine heiße Schockwelle durch seinen Körper zuckte, die ihm fast die Besinnung raubte und seine Knie weich werden ließ. Er schluckte demonstrativ und begann dann leicht zu zittern.

Erleichterung mache sich breit, doch sie dauerte nur einen winzigen Augenblick.

Dann nämlich sagte Narrix mit fast schon obszön klingender Gleichgültigkeit. „Okay, dann eben der andere!“ Und im selben Moment riss er seinen linken Arm in die Höhe und visierte Shamos an.

Esha spürte deutlich, wie sie den Verstand verlor, weil der Kerl vor ihr ein so unfassbar widerliches Spiel mit ihnen trieb, dass ihr schlecht und schwindelig zugleich wurde und der Puls mit einer derart großen Wucht unter ihre Schädeldecke hämmerte, dass sie das Gefühl hatte, er würde sie schon im nächsten Moment durchbrechen und ihr Kopf aufplatzen.

Doch das geschah nicht und beinahe ertappte sie sich dabei, dass sie traurig deswegen war, musste sie dadurch doch diesen unmenschlichen Wahnsinn weiter miterleben, der vor ihr ablief.

Zwei Pistolen, eine Kugel.

Und eine der beiden Waffen war auf Jorik gerichtet gewesen. Schonungslos hatte Narrix abgedrückt, ein gefühlloser Henker ohne Gnade und Gewissen. Esha wollte aufschreien, doch ihr ganzer Körper war vollkommen erstarrt, sie konnte sich absolut nicht bewegen. Dann war das Klicken zu hören, als der Schlaghammer nach vorn klappte, aber nur auf die leere Trommel traf und keinen Schuss auslöste. In diesem Moment ging ein sichtbarer Ruck durch Esha und sie erzitterte heftig. Ihre Augen flackerten, sie versuchte die Dunkelheit einer Ohnmacht zu verdrängen.

Dann wurde ihr bewusst, was geschehen war. Kein Schuss war ausgelöst worden, Jorik wurde das Leben geschenkt. Doch schon im selben Moment wurde ihr mit einer solch wuchtigen und eiskalten Erkenntnis klar, was das hieß und was als nächstes geschehen würde, dass ihr Gehirn vollkommen leergefegt wurde und nur noch ein einziger Gedanke haften blieb: Rette Shamos!

Und in dem Moment, da Narrix auf den Wissenschaftler anlegte, spannte sie all ihre Muskeln an und sprang.

Sein Zeigefinger betätigte den Abzug, der Schlaghammer traf auf die Trommel – und es ertönte ein scharfes Klicken – nur!

Doch das war kaum zu hören, denn der Raum war erfüllt von Eshas Aufschrei, mit dem sie sich vor Shamos gehechtet hatte, um die vermeintliche Kugel gegen ihn abzufangen.

In ihrem Kopf ertönte das Klicken wie ein Schuss und fast glaubte sie, einen Schlag auf der Brust zu spüren, doch dann krachte sie zu Boden und spürte plötzlich nichts mehr davon. Stattdessen realisierte sie, dass es keinen Schuss gegeben hatte und eine heiße Woge echter Freude erfasste sie.

Doch nur für einen winzigen Augenblick, dann drehte sie sich zur Seite und schaute hinauf in das breit grinsende Gesicht ihres Widersachers. Und da wusste sie, dass sie einen Fehler begangen hatte und ausgetrickst worden war.

„So!“ Narrix Stimme klang süß und triumphierend. „Haben wir also auch das geklärt!“ Er grinste süffisant und ließ seinen Blick einen Moment auf Esha verweilen, weidete sich an ihrer Erkenntnis und ihrem Schmerz. Dann wurde er plötzlich ernst. „Schafft sie raus! Alle!“ rief er und seine Männer agierten sofort. Auch Jorik wurde auf die Füße gerissen, während Esha in die Höhe gezerrt wurde. „Alle, außer ihn!“ Narrix Worte klangen sehr hart, als er sich Jorik in den Weg stellte und Esha dabei ausdruckslos ansah.

Und da wusste sie, dass sie in ihrem Versuch, den Menschen, den sie so sehr liebte, zu retten, einen wunderbaren Freund ans Messer geliefert hatte. Doch all ihre Schreie und Rufe nutzten nichts, sie hatte nicht die Kraft sich gegen die Männer, die sie zusammen mit den anderen aus dem Raum drängten, zu wehren und musste am Ende ihren Schmerz über ihren schlimmen Fehler sehr qualvoll und tränenreich hinnehmen.

IV

Es war genauso, wie zuvor - Kabus saß wieder auf der Liege, Niuri stand direkt vor ihm und kümmerte sich um seine Wunde.

Und doch war alles ganz anders.

Ganz still saß er da und ließ die junge Frau vor ihm machen, was immer zu tun erforderlich war. Keine Albernheiten mehr, keine Ablenkungen, kein Bedrängen. Kabus war folgsam, ruhig und mithelfend.

Niuri konnte frei agieren und tat dies auch in einer sehr konzentrierten und kompetenten Art und Weise. Kabus hatte nicht den geringsten Zweifel, dass sie genau wusste, was zu tun war und genau das auch tat.

Anfangs hatte er dadurch genügend Zeit, sich um seine Freunde die allergrößten Sorgen zu machen. Die Tatsache, dass der Elay allein und noch dazu derart schwer verwundet zurückgekehrt war, gab Anlass zu den schlimmsten Befürchtungen. Wenn Kabus jedoch allzu intensiv darüber nachdachte, spürte er sofort eine unerträgliche Nervosität in sich aufsteigen, die ihm das Herz schwermachte. Doch so unerträglich es auch sein mochte, er musste sich in Geduld üben. Das einzige Lebewesen, das ihm bei der Suche nach Jorik und den anderen helfen konnte, war der Elay – und der war selbst verletzt und wurde von Umuras und einigen anderen behandelt. Bevor das Tier nicht zumindest soweit genesen war, dass es wieder fliegen konnte, war er zum Nichtstun förmlich verdammt.

Doch das stimmte nicht ganz. Er konnte durchaus etwas tun – nämlich dafür sorgen, dass er selbst ebenfalls schnell gesundete. Mehr als Niuris Ratschlägen und Anweisungen zu folgen, blieb ihm jedoch nicht. Dabei allerdings konnte er beständig sehen und auch fühlen, mit welcher Hingabe und Konzentration sie agierte. Ihm war schnell klar, dass sie wusste, wie sehr ihm das ungewisse Schicksal seiner Freunde zusetzte und sich deshalb doppelt und dreifach anstrengte, um ihn gesund zu pflegen, aber er erkannte in ihr auch echte, eigene Sorge um die Menschen, die ihm so wichtig waren.

Und glaubte Kabus anfangs, dieses Gefühl, dass er für Niuri empfand und leichthin beinahe als Liebe bezeichnet hätte, wäre eben genau diese nicht, sondern nur Verlangen und…ja…Geilheit, so wurde ihm mit jedem Blick in ihr Gesicht mehr und mehr klar, dass es doch genau das war. Die Wärme in seinem Herzen war wundervoll, die Ruhe, die ihn umfing grandios, das Funkeln in ihren Augen schlichtweg fantastisch. Kabus spürte es mit jeder Faser seines Körpers: Dort vor ihm, da stand nicht nur eine atemberaubend schöne, intelligente und faszinierende Frau, die man gern um sich hatte und noch lieber spürte, sondern ein Mensch, dessen Wesen so reichhaltig war, dass er sich mehr als gut vorstellen konnte, sein Leben mit ihr zu verbringen – und nicht nur den so widerlich wahrscheinlichen Rest von einigen, wenigen Monaten.

Kurzum: Je länger Kabus sie ansah, desto sicherer war er, dass er sie tatsächlich und wahrhaftig liebte.

„Kabus?“

Er schreckte aus seinen tiefen Gedanken auf und musste feststellen, dass er mit offenen Augen geträumt hatte. Als er wieder ein klares Bild sah, konnte er Niuri erkennen, die mit einem sanften, aber irritierten Lächeln vor ihm stand und ihn mit großen Augen ansah. „Ja, was?“ stieß er hervor.

„Du hast geträumt!“ stellte sie sanft fest und lächelte etwas breiter.

Kabus, sofort wieder gebannt vom Leuchten in ihren Augen, musste ebenfalls lächeln und nicken. „Ein wenig!“

„Okay!“ Sie nickte zurück und schloss dabei ihre Augen. In diesem kurzen Moment war ihr deutlich anzusehen, wie anstrengend die Versorgung seiner Wunde gewesen war. „Ich bin fertig!“

Kabus Lächeln wurde wehmütig. „Ich werde mich wieder hinlegen!“

Jetzt grinste Niuri breiter.

„Was ist?“ fragte er.

„Das brauchst du nicht. Nicht mehr!“ Ihre Augen leuchteten noch intensiver. „Deine Wunde ist verheilt!“

„Was?“ Kabus war erstaunt. „Aber…?“ Er blickte auf den Verband um seinen Bauch, der nicht anders aussah, als sonst.

Niuri verzog die Mundwinkel. „Eine reine Vorsichtsmaßnahme!“

Kabus sah sie an und allmählich machte sich echte Freude in seinem Gesicht breit. Er rutschte von der Liege, zog die junge Frau an sich und drückte sie ganz fest. „Oh, das hast du wirklich toll gemacht!“ Er schob sie sanft von sich und wartete, bis er ihr in die Augen schauen konnte. „Danke!“

„Gern gesch…!“ Weiter kam sie nicht, da waren bereits seine Lippen auf den Ihren und sie spürte seine weiche, warme Zunge. Niuri musste aufstöhnen – halb überrascht, halb vor Lust. Als sie sich wieder trennten, lächelte sie erneut. „Ich habe eine Überraschung für dich!“

„Eine…!“ Kabus runzelte die Stirn. „Was denn?“

„Umuras hat Recht behalten!“

Kabus war noch verwirrt. „Womit?“

„Dass der Elay genesen ist, wenn du es bist!“

„Du meinst…?“ Er blickte sie mit großen Augen an, dann nickte sie mit einem breiten Lächeln. „Aber das ist ja großartig!“ Er küsste Niuri gleich nochmals kurz, aber wieder sehr leidenschaftlich, dann zog er sie nach draußen in die Halle.

Tatsächlich konnte er dort den Elay sehen. Sogar noch ein zweites Exemplar dieser Flugwesen. Beide Tiere standen aufrecht und ruhig. Als er mit Niuri näherkam, konnte er bei ihrem Elay deutlich die Spuren der Wunden erkennen, die dem Flugwesen beigebracht worden waren. Plötzlich beschlichen ihn Zweifel. „Umuras!“ rief er daher ungeduldig.

Der Alte drehte sich zu ihm und war sogleich überrascht. „Kabus!“ Er schaute mit einem Lächeln auf seinen Verband.

„Wie weit bist du mit dem Elay?“

„Wie weit bist du mit dir?“ Umuras lächelte noch immer.

„Niuri sagt, ich kann fliegen!“

„So? Du kannst fliegen!“ Jetzt lachte der Alte belustigt auf. „Ich dachte immer, dass würde der Elay tun!?“

„Lass den Unsinn, es ist ernst!“

Plötzlich verlor Umuras sein Lächeln. „Ich bin ernst!“ Er warf Niuri neben Kabus einen kurzen Blick zu. „Und ich sage, der Elay ist ebenfalls wieder gesund!“ Sofort sah er Erleichterung auf Kabus Gesicht. „Ich sage dir aber auch, dass wir ein Problem haben!“

„Was für ein Problem?“ Kabus verlor sein Lächeln wieder.

„Der Elay wird fliegen…!“ Der Alte nickte mehrmals, dann schaute er das Flugwesen an. „Aber wohl nicht mit dir!“

„Was?“ Kabus war bestürzt. „Warum nicht?“

„Erinnere dich!“ erwiderte der Alte. „Der Elay vertraut nur seinem Reiter! Und das ist Jorik!“ Umuras blickte mitleidig und schob den Unterkiefer vor.

„Aber…?“ Kabus verstand die Worte des Alten und Verzweiflung machte sich auf seinem Antlitz breit. „…das…?“ Er blickte den Elay an, dann Umuras, dann Niuri, dann wieder das Flugwesen. Schließlich senkte er den Kopf und schüttelte ihn. „Nein!“ sagte er nach einem kurzen Augenblick und riss den Kopf wieder nach oben. „Das kann ich nicht akzeptieren!“

Umuras lachte einmal heiser auf. „Das wirst du müssen!“

„Nein!“ Wieder schüttelte Kabus energisch den Kopf. „Muss ich nicht!“

Umuras Blick verdunkelte sich. „Was hast du vor? Du kannst den Elay nicht mit Gewalt zwingen!“

„Ich weiß!“ erwiderte Kabus, doch seine Stimme klang nicht überzeugend, zumal er Umuras dabei nicht anschaute, sondern seinen Blick direkt auf dem Elay lag, während er langsam auf das Tier zuging.

Der Alte wollte sofort hinter ihm her und ihn zurückhalten, doch Niuri hielt ihn am Arm zurück. „Warte!“ sagte sie und schaute ihm in einer Mischung aus Flehen und Zuversicht in die Augen.

Umuras stoppte daraufhin ab, brummte jedoch missmutig. Was soll´s? sagte er sich. Wenn er kein Glück hat, wird er das gleich schmerzhaft zu spüren bekommen!

Doch Kabus gelangte unbehelligt direkt vor den mächtigen Schädel des Elay, der ihn zur Seite gedreht und den Menschen scheinbar noch nicht bemerkt hatte – oder einfach ignorierte.

„Hallo, meine Schöne!“ sagte Kabus sanft, hob langsam seine rechte Hand und legte sie dem Flugwesen auf die Nase.

Plötzlich zuckte der Kopf des Tieres mit einem überraschten Stöhnen herum. Kabus erschrak, doch konnte er verhindern, dass er rückwärts stolperte. Niuri hinter ihm sog hörbar die Luft ein. Der Elay schaute Kabus für einen Augenblick direkt in die Augen, dann aber brummte er missmutig und drehte den Kopf wieder zur Seite.

Diese Geste gefiel Kabus sichtlich nicht, denn er schürzte die Lippen und seine Augenbrauen sanken herab. „Nicht wegdrehen!“ Gleichzeitig drückte er mit der rechten Hand seitlich gegen den Schädel des Tieres und nahm zusätzlich auch noch die linke Hand zur Hilfe. Damit konnte er die Bewegung des Flugwesens stoppen und sogar rückgängig machen. Dem Elay aber gefiel dies sichtlich nicht, denn er stöhnte zunächst überrascht auf und als er erkannte, was der Mensch im Begriff war zu tun, wurden seine Augen zu Schlitzen und er fauchte erbost. Doch Kabus, dessen Herz ziemlich raste, ließ sich seine Nervosität nach außen hin nicht anmerken, sondern blickte dem Tier erneut direkt in die Augen. „Jorik ist auch mein Freund!“ sagte er mit kräftiger, fester Stimme. „Und ich mache mir große Sorgen um ihn und die anderen!“ Zur Überraschung aller blickte der Elay beinahe wie gebannt auf Kabus. Zwar war sein Körper angespannt und anfangs war auch noch ein leises Knurren zu hören, doch blieb er ansonsten ruhig. „Deine Wunden sprechen eine eindeutige Sprache!“ fuhr Kabus unbeirrt fort. „Es muss etwas Schlimmes passiert sein. Und ich muss wissen, was das war!“ Kabus Stimme wurde leiser und traurig, sein Blick brach allmählich. „Ich weiß, dass du weißt, wo ich sie finden kann!“ Er atmete einmal tief durch. „Und ich bitte dich, …mich dorthin zu bringen, weil ich hoffe, …dass ich noch helfen kann!“ Er senkte seinen Blick vollends, doch war zuvor zu erkennen, dass er gegen Tränen ankämpfen musste, weil ihm klar wurde, dass er keine Chance haben würde, sein Vorhaben anzugehen, wenn er den Elay nicht überzeugen konnte und er im Moment nicht das Gefühl hatte, das ihm dies gelungen war. Das Tier blickte ihn zwar unverwandt an, doch zeigte es keinerlei Reaktion. Kabus spürte, wie die Kraft ihn verließ und sich Verzweiflung in ihm breitmachte. Niuri musste das erkannt und gespürt haben, denn schon im nächsten Moment stand sie neben ihm und schloss ihn tröstend in die Arme.

„Kabus!“ Auch Umuras trat neben sie, doch seine Stimmlage ließ beide aufhorchen. Sie blickten zu ihm, aber er sah sie nicht an. Stattdessen nickte er mit einem immer breiter werdenden Grinsen auf den Elay. „Sieh nur!“

Niuri und Kabus drehten sich irritiert herum und waren total erstaunt, als sie sahen, wie das rechte Vorderbein des Elay einknickte und sich der massige Rumpf zu ihnen herabschob. Dazu brummte das Tier sanft und tief. Die Einladung, aufzusteigen, war nicht miss zu verstehen.

Kabus Augen begannen zu leuchten und er musste lächeln. Er trat vor das Flugwesen, legte seine rechte Hand auf die Schnauze und wartete, bis der Elay ihn ansah. „Danke!“ sagte er aufrichtig und das Tier brummte nochmals sanft.

Einen Moment später schwang sich Kabus bereits auf seinen Rücken und nahm in der Sitzschale dort Platz. Als er hinabschaute, um sich von Niuri zu verabschieden, stellte er überrascht fest, dass sie ihren rechten Fuß auf das eingeknickte Bein des Elay gestellt hatte und ihm ihren rechten Arm entgegenstreckte. „Hilf mir!“ sagte sie nur.

„Was soll das werden?“ fragte Kabus.

„Ich komme mit dir!“ erwiderte Niuri wie selbstverständlich.

„Aber…?“

„Hör auf!“ schnitt ihm die junge Frau sanft das Wort ab. „Ich werde dich nicht allein lassen!“ Mittlerweile hatte sie es irgendwie selbst geschafft, sich zu ihm hinauf zu ziehen. Sie schob sich dicht vor ihn und schaute ihm tief in die Augen. „Vorzugsweise nie mehr!“ Als sie sah, wie gerührt Kabus von ihren Worten war, musste sie zaghaft lächeln.

„So sei es!“ erwiderte ihr Gegenüber und küsste sie kurz, aber leidenschaftlich. Danach half er ihr in die Sitzschale hinter ihm. Dabei sah er, dass auch Umuras Anstalten machte, auf den zweiten Elay zu klettern, zu dem er in den letzten Stunden offensichtlich ebenfalls entsprechendes Vertrauen hatte aufbauen können, dass er ihn reiten durfte.

Als der Alte Kabus Blick wahrnahm, lächelte er etwas verlegen. „Sie ist eine Frau!“ Er deutete auf den Elay. „Sie könnte etwas launisch werden. Da ist es vielleicht besser, wenn ich mitkomme!“ Er verzog die Mundwinkel zu einem Grinsen.

Doch Kabus nickte nur mit einem Lächeln. „Klar doch!“

Dann nahm er die Zügel fest in seine Hände, erinnerte sich daran, wie es war, ein Pferd zu reiten und zog die Zügel zu sich. Sofort erhob sich der Elay, breitete seine Flügel aus und kreischte lautstark und ungeduldig.

Kabus hieb seine Hacken in den Leib des Tieres, daraufhin drehte es sich in die Höhle hinein, schwang seine Flügel kräftiger, machte ein paar kurze, schnelle Schritte und erhob sich schließlich kraftvoll in die Luft. Umuras folgte ihm mit dem zweiten Tier dichtauf. Zunächst ging ihr Flug steil nach oben, dass alle schon Angst hatten, sie würden gegen das Höhlendach krachen, doch die Elay beendeten rechtzeitig ihren Steigflug und flogen mit ausgebreiteten Flügeln eine ausgedehnte Schleife, bevor sie wieder ziemlich steil zu Boden rasten, wo sie knapp über den Köpfen der Menschen in Richtung Trichter flogen, über den sie direkt an die Oberfläche Santaras gelangen würden.

V

Lobos hatte die Führung übernommen und Mavis und die anderen waren ihm gefolgt, gespannt auf das, was er ihnen zeigen würde.

Der Gedanke, die Vorstellung, dass die Kamarulu an jenem unheilvollen Tag, als die ihnen allen bekannte Welt mit der Invasion der Fremden buchstäblich im Chaos versunken war, nicht zerstört worden sein sollte, war einfach…unglaublich – und deshalb so schwer vorstellbar, dass Mavis beinahe Angst verspürte, wenn er es versuchte.

Denn natürlich konnte er nicht verhindern, dass seine Gedanken bereits einen Schritt weiter hetzten: Wenn die Kamarulu nicht zerstört worden war, könnte sie dann womöglich sogar noch so intakt sein, dass man sie…?

Stopp! Mavis musste sich mit aller Macht zwingen, seine Gedanken nicht weiter zu formulieren.

Mittlerweile hatten sie die Höhle verlassen und waren noch tiefer in das Labyrinth aus Stollen vorgedrungen. Dabei schwoll das Brummen, dass anfangs nur unterschwellig zu vernehmen war, sehr schnell weiter an. Außerdem spürte er immer deutlicher eine Erschütterung des Bodens. Auch wurde die Luft zunehmend kälter.

Damit war klar, wo sie sich befanden. „Wir nähern uns den Wasserfällen!?“ sagte Mavis dann auch und schaute Lobos direkt an.

Der Admiral nickte mit einem Lächeln. „Und es wird gleich noch sehr viel lauter werden!“ Er blickte auch die anderen an, die ihm ebenfalls zuhörten. „Folgen sie mir einfach, bis wir auf der anderen Seite sind! Dort können wir dann reden! Okay?“ Er wartete, bis alle ihm zunickten, dann wandte er sich an zwei seiner Männer im Hintergrund und nickte ihnen zu. „Okay!“

Eigentlich war Mavis davon ausgegangen, dass sie jetzt durch einen weiteren Durchgang an der rechten Seite gehen würden, der sie zur Kamarulu führte.

Er war daher überrascht, dass die beiden Männer an die linke Wandseite traten und einer von ihnen mit der rechten Hand in eine kleine, unscheinbare Felsnische langte, in der sich ein natürlicher Griff aus Felsgestein befand, um den er jetzt seine Finger legte und daran zog. Er brauchte einiges an Kraft und stemmte seinen linken Arm gegen die Felswand, dann aber löste sich ein kreisrundes Stück Felsen mit einem Durchmesser von rund dreißig Zentimetern aus der Wand. Der Mann zog es etwa einen halben Meter heraus, dann ließ er davon ab. Während der andere Mann ihm einen von zwei Holzstäben in Unterarmlänge reichte – den anderen behielt er selbst -, konnte Mavis die Apparatur jetzt besser erkennen. Es handelte sich um zwei kreisrunde Steinplatten gleicher Größe. Die eine war die, in der der Griff eingearbeitet und die unscheinbar in der Felswand versenkt gewesen war, die andere befand sich in gleicher Position parallel dazu etwa zehn Zentimeter hinter ihr. Verbunden waren beide durch ein armdickes, vierkantiges Eisenrohr, das waagerecht aus der Wand ragte und jeweils durch ihre Mitte verlief. Zusätzlich gab es gut ein Dutzend daumendicke Holzpflöcke, die beide Felsplatten in Abständen verteilt an den Rändern zusammenhielten und – wie Mavis jetzt sehen konnte - den Holzstäben, die die beiden Männer nun in die Zwischenräume einführten, als Befestigung dienten. Am Ende gelang es den Männern damit, die Steinplatten und somit das Eisenrohr zu drehen, woraufhin ein dumpfer Mechanismus in Gang gesetzt wurde, der letztlich dazu führte, dass eine Felsplatte, von der rechteckigen Form einer großen Tür aus er Stirnwand zur Seite gezogen wurde.

Daraufhin erschien dahinter ein weiterer schmaler Gang aus Felsgestein und von der ersten Sekunde an, da die Verbindung zu ihm hergestellt worden war, wurde das Rauschen von Wasser immer lauter. Innerhalb von zwei Sekunden war es zu einem mächtigen Dröhnen angeschwollen, wie es nur die gewaltigen Massen eines riesigen Wasserfalls zu erzeugen im Stande sind.

Dann war der Durchgang komplett geöffnet und die beiden Männer hielten inne. Lobos nickte ihnen zu, setzte sich in Richtung Gang in Bewegung und deutete Mavis und den anderen an, ihm zu folgen.

Sie hatten kaum ihren ersten Schritt in den Gang hineingemacht, da schlug ihnen kalte, feuchte Luft entgegen, die beständig in Böen in Bewegung war und sich wie ein klammes Leichentuch auf ihre Haut und ihre Kleidung legte. Decke, Wände und auch der Boden waren feucht und etwas rutschig, sodass sie ihre Schritte sorgsam wählten, zumal die Feuchtigkeit Dunstschleier bildete, die die Sicht beeinträchtigten. Zusätzlich verstärkte sich das Dröhnen des rauschenden Wassers in dem engen Gang noch und wurde zu einem Brüllen in ziemlich hoher Tonlage.

Mavis konzentrierte sich darauf, dicht hinter Lobos zu bleiben und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass er Melia nicht verlor. Er hatte zu diesem Zweck ihre Hand genommen, doch spürte er keinen Gegendruck, als wäre es ihr egal, ob er sie hielt oder nicht, was ihn weiter verunsicherte, da er ja bereits zuvor das Gefühl gehabt hatte, dass etwas mit ihr nicht stimmte.

Nach etwa zehn Metern weitete sich der Gang, das Brüllen ließ nach und wurde wieder zu dem mächtigen Rauschen von sehr viel Wasser, das alle weiteren Geräusche einfach verschluckte.

Plötzlich drehte sich Lobos zu ihnen um und deutete mit der rechten Hand zu Boden, wo Mavis einen kleinen Absatz im Boden erkennen konnte. Irgendetwas Metallisches lag auf dem Felsen und überdeckte ihn vollständig. Als er den ersten Schritt darauf gemacht hatte, spürte er wie die Erschütterungen durch das Wasser deutlicher wurden.

Nur wenige Schritte später hatten sie das Ende des Ganges erreicht und ein Schwall dichterer Dunst umfing sie. Lobos ging weiter, die anderen folgten ihm. Nach wie vor bewegten sie sich auf dem metallischen Untergrund. Dann hatten sie den Dunstschleier durchbrochen und die Umgebung wurde heller. Mavis erkannte schnell, warum, denn sie befanden sich jetzt in einer Art Tunnel, deren Wände und Decke teilweise aus Plexiglas, teilweise aus Stahlplatten bestanden. Sie waren auf verschiedene Weise miteinander verbunden – genietet, einige sogar geschweißt, andere einfach nur überlappend zusammengestellt – konnten aber keinen in sich geschlossenen Raum bilden. Überall gab es Spalten und Risse, durch die beständig Wasser rann und Wände und den Boden nässte. Hier und da waren sogar Lücken in der Tunnelhaut. Dort klang das Rauschen heller und es war deutlich das Wasser zu sehen, dass mit hoher Geschwindigkeit herabschoss und eine weißgraue, undurchdringliche Wand bildete.

Je weiter sie gingen, desto dumpfer klang das Dröhnen. Dort, wo sich an der halbrunden Decke Plexiglas befand, konnte man sehen, wie das Wasser auftraf und die enorme Wucht, die es besaß, erahnen.

Nachdem sie rund dreißig Meter zurückgelegt hatten, wurde das Trommeln auf dem Dach allmählich leiser und hörte sich mehr wie ein starker Regenguss an. Als sie wieder an einer Lücke in der Tunnelwand vorbeikamen, bildete das Wasser keine undurchdringliche Wand mehr, sondern sie konnten hindurch in ein grauschwarzes Nichts blicken, in dem sich bei genauerem Hinsehen einige regelmäßige Konturen erkennen ließen, die metallisch glänzten.

Sie gingen weiter und aus dem starken Regenguss wurde nur noch ein leichter Sommerregen. Jetzt konnten sie auch durch die Plexiglasplatten in der Decke hinaus nach oben sehen und dort so etwas wie eine gewaltige Fassade erkennen, die metallisch glänzte, jedoch noch immer nur unscharfe Konturen offenbarte. Bei ihrem Anblick jedoch schlug Mavis Herz höher, da er wusste, was diese Fassade darstellte. Ein kurzer Blick zurück zeigte ihm, dass auch Vilo, Cosco und Tibak so dachten. Er schaute auch Melia an, doch die schien aufmerksam nach draußen zu sehen und reagierte nicht auf ihn. Am Ende ihrer Gruppe konnte er dafür Leira erkennen. Das monströse, aber unglaublich gutherzige Bärenwesen füllte den kompletten Gang aus und wirkte nicht sonderlich erfreut über die enge Umgebung, was Mavis zu einem kurzen Lächeln veranlasste, welches sie jedoch eher säuerlich erwiderte.

Als Mavis sich dann wieder nach vorn wandte, konnte er am Ende des Tunnels ein wenig Helligkeit erkennen, die mit weiteren Schritten noch etwas stärker wurde.

Dann endlich hatten sie das Ende erreicht.

Die Lichtverhältnisse waren eher dürftig. Einige wenige Lichtquellen sorgten für eine diffuse, indirekte Beleuchtung, die jedoch kaum mehr als ein dämmriges Zwielicht erzeugten. Hier und da waren verschiedene Gegenstände unterschiedlicher Größe zu erkennen, die wie Regale aussahen, Podeste, Container und Wände. Die meisten hatten einen sandfarbenen Anstrich und glänzten matt. Aufgrund der Geräusche, die ihre Schritte verursachten, war zu vermuten, dass sie sich in einem ziemlich großen Raum, vielleicht einer Halle, befanden.

Mavis und die anderen wurden langsamer und schauten sich zunächst um, versuchten noch mehr Einzelheiten zu erkennen, doch Lobos setzte seinen Weg ins Dunkel unbeirrt fort, sodass sie ihm letztlich hinterherhasten mussten, um wieder aufschließen zu können.

Nach etwa dreißig Metern hatten sie eine Wand erreicht, in der sich der offene Schacht eines Lastenaufzugs befand. Lobos trat auf die Plattform und alle folgten ihm. Der Admiral trat an ein kleines Bedienpult an der linken Seite und drückte ein paar Knöpfe.

Daraufhin war das Anspringen einer Hydraulik in der Wand hinter ihnen zu hören, dann ertönte ein heiseres Hupen und zwei orangefarbene Signalleuchten an den vorderen Ecken der Plattform begannen zu leuchten und sich zu drehen. Einen Augenblick später ruckte es und während die Plattform in die Höhe fuhr, offenbarten die Leuchten ein unwirtliches, gespenstisches, fast bizarres Bild vor ihnen, dass ihnen unwillkürlich eine Gänsehaut über den Rücken trieb.

Ja, sie befanden sich tatsächlich in einer Halle und zwar – Mavis, Vilo und Cosco hatten es bereits vermutet – im Haupthangar der Kamarulu. Er durchzog sie auf der kompletten Länge und war wie ein riesiger Quader mit einer Breite von rund einhundert Metern und einer Höhe von fünfzig Metern konstruiert. Hier wurden alle Flugzeuge gewartet, repariert und betankt. Hier waren die gewaltigen Maschinenblöcke der acht Antriebsreaktoren im Heck installiert. Hier befanden sich der Zentralrechner, die Lüftungssysteme und die Kühleinheiten. In ihm schlug quasi das Herz des Schiffes – zumindest hatte es das früher einmal getan. Doch jetzt waren für alle deutlich sichtbar die katastrophalen Schäden innerhalb des Hangars zu erkennen, sowie etliche schwere und einige furchtbare und daher tödliche Beschädigungen der Außenhülle.

Es war ein absolut gespenstisches Bild, das alle in seinen Bann zog und sprachlos machte.

Da gab es riesige Trümmerhaufen, in denen hier und da noch die Umrisse von Jägern zu erkennen waren und die teilweise bis unter die Decke emporragten. Überall wiesen die Zwischenwände Löcher auf, teilweise starke Verformungen, die die gewaltige Kraft, denen sie ausgesetzt gewesen waren, nur erahnen ließ. Vielfach waren die Wände aber auch einfach nur weggesprengt worden und bildeten bizarre Umrisse. An einigen Stellen gab es Löcher im Boden des Hangars, als wären mächtige Felsbrocken hindurch geschossen. Container, Maschinenteile und andere Gegenstände waren teilweise nur halb hindurch gestürzt und ragten jetzt mahnend empor. Am allerschlimmsten aber war der Anblick der geborstenen Außenhülle. Da gab es kleinere, kreisrunde Löcher, von wenigen Metern Durchmesser, durch die eindeutig Geschosse eingedrungen waren. Ihr Weg ins Innere war begleitet von immenser Zerstörung. An anderen Stellen war die Hülle in langen Rissen aufgebrochen worden, als hätte man dem Schiff zunächst mit einem Messer eine Schnittwunde verpasst und dann monströse Klauen versucht, sie auseinander zu ziehen. Und schließlich gab es riesige Zerstörungen, als wäre ein gewaltiges Monstrum durch den Stahl gebrochen und wie ein Komet in das Innere gerauscht. An einer Stelle klaffte ein riesiges, längliches Loch im Boden und hatte ihn auf mehr als einhundert Metern zusammengedrückt und zu einer mächtigen, bizarren Wand aufgetürmt.

Dort, wo die Außenhülle Löcher hatte, drang das Wasser von oben herein und durch das orangefarbene, rotierende Licht aus den Lampen des Fahrstuhls schimmerte alles feucht und wirkte, als würde das Schiff selbst jetzt noch aus unzähligen offene Wunden bluten.

„Großer Gott!“ stieß Kaleena leise und ziemlich geschockt hervor. Das, was sie sah, gepaart mit der Vorstellung, dass zum Zeitpunkt der Zerstörung etliche Menschen anwesend gewesen sein mussten und hierbei ihr Leben gelassen hatten, erzeugten bei ihr eine widerlich eisige Gänsehaut, die über ihren Rücken kroch. Lobos Ausführungen in der Höhle brachten ihr erst jetzt furchtbare Bilder von schreienden und sterbenden Menschen, die sie förmlich hören konnte.

„Verdammt!“ zischte Captain Cosco und man konnte sehen, wie seine Kiefer aufeinander malten.

Der Admiral selbst blieb noch immer stumm. Er wartete, bis der Aufzug wenig später in rund fünfzig Metern Höhe abstoppte, dann deutete er der Gruppe an, ihm zu folgen. Er führte sie nach links um einen dicken Pfeiler herum, dann hielt er vor der Brüstung inne. Von hier aus hatten sie den ultimativen Blick über den Haupthangar, konnten ihn noch einmal in all seiner Pracht, aber auch in all seiner Zerstörung betrachten.

Nach einem weiteren Augenblick der Stille, begann Lobos wieder zu erzählen. „Die Kamarulu hatte eine Besatzungsstärke von 7.680 Personen. In Alarmbereitschaft – wie an jenem Tag – waren es 9.340! Gut sechshundert von ihnen saßen in den Kampfjets und den anderen Flugzeugen. Verbleiben rund 8.700 Menschen, die sich zum Zeitpunkt des Absturzes an Bord befanden. Heute leben davon noch…!“ Sein Gesicht wurde zu einer versteinerten Maske. „…63!“ Er atmete einmal tief durch. „Allein hier im Haupthangar starben über 4.000 Seelen!“ Lobos begann plötzlich zu lächeln und lachte sogar heiser auf. „Doch was ist diese Zahl im Vergleich zu all den anderen Toten allein an diesem einen Tag vor sieben Jahren weltweit?“ Er wurde sehr traurig und schüttelte den Kopf. „Vielleicht hätten wir alle hier sterben sollen!“ hob er dann wieder an und schaute in die Runde. „Mit unseren Kameraden, mit unseren Freunden. Menschen, die wir kannten, achteten…liebten und ohne die jedem von uns seither etwas fehlt!“ Er verzog die Mundwinkel. „Vielleicht hätten wir die Kamarulu ihrem doch schon so klaren Schicksal übergeben und sie hier ihr Grab finden lassen sollen. Und unseres!“ Er hielt inne und schüttelte den Kopf. „Doch in jener einen Sekunde, da wir das feindliche Schiff überflogen und mit wüsten Treffern eingedeckt hatten, sahen, dass es verwundbar war, wie verwundbar es war, welche Schäden unsere Waffen anzurichten vermochten, in jenem einen Moment, da mir das bewusstwurde und wir die Nebelwand des Wasserfalls durchstießen und auf der anderen Seite den gewaltigen dreistufigen Wasserfall des Mioli-Flusses vor uns hatten…!“ Wieder stoppte er, lächelte, schüttelte den Kopf. „…da kam mir plötzlich ein…vollkommen wahnwitziger Gedanke!“ Er hob seinen Kopf und schaute die anderen an. „Die Kamarulu war so schwer beschädigt, dass sie sich nicht mehr verteidigen konnte. Sobald das feindliche Schiff aus dem Nebel auftauchen würde, würde es uns in die Unendlichkeit pusten. Wir hatten einen grandiosen Angriff geflogen, aber wir hatten schlicht zu spät reagiert und nicht mehr die Munition für auch nur noch eine weitere Attacke. Und doch blieb die Tatsache, dass wir dem Gegner hatten Paroli bieten können und…vielleicht hätten wir an einem anderen Tag, an einem anderen Ort unsere Chancen weitaus besser nutzen und dieses gewaltige Schlachtschiff zerstören können. Wenn wir aber nichts taten und uns unserem Schicksal hingaben, würden wir es sein, die hier zu Staub verglühten. Doch gab es überhaupt noch eine Chance, die Kamarulu zu retten? Wenn ja, dann mussten wir es nicht nur schaffen, dass Schiff vor den Augen des Feindes zu verbergen, sondern ihm gleichzeitig auch noch weismachen, es wäre zwar nicht durch einen weiteren Angriff durch ihn, so doch aber durch die Schäden seiner früheren Attacken zerstört worden!“

„Verdammt!“ rief Mavis mit ernster Miene, ein wenig überrascht, aber mehr noch erkennend. „Sie haben…!“

Lobos nickte und musste lächeln. „Es war eine reine Bauchentscheidung, nicht mehr und nicht weniger, innerhalb eines Lidschlages das Schicksal zu ändern!“ Das Gesicht des Admirals war eine einzige gequälte Maske, fast schien es, als würde er Tränen in den Augen haben. „Da wir keine Munition mehr hatten, blieb uns nur eine Wahl!“

„Die Triebwerke!“ rief Vilo mit großen Augen. Auch er hatte mittlerweile erkannt, was geschehen sein musste.

Wieder nickte Lobos. „Die Triebwerke. Die mächtigsten je von Hand gebauten Maschinen mit einer Kraft, die ihresgleichen suchte. Allein ihre Zerstörung hätte eine Energie freigesetzt, die alles zu Staub verbrannt hätte!“ Wieder hielt Lobos inne und musste leise auflachen. „Also genau das, was wir brauchten!“ Er schaute in die Runde. „Als ich den Befehl gab, zwei von ihnen abzusprengen, muss meine Mannschaft wohl gedacht haben, ich sei verrückt geworden, doch ich bin froh, dass sie letztlich noch an mein Urteilsvermögen geglaubt und ihn ausgeführt hat!“ Er verzog die Mundwinkel und sagte fast mehr zu sich selbst. „Zumindest mehr als ich in diesem Moment!“ Dann atmete er tief durch. „Sie wurden abgeworfen, als wir den ersten Wasserfall überflogen. Ich befahl daraufhin, alle Maschinen sofort zu stoppen, auf Umkehrschub zu gehen und das Schiff in den zweiten Wasserfall abtauchen zu lassen! Schon eine Sekunde später war ich mir sicher, tatsächlich verrückt geworden zu sein, von einem Schiff ein Manöver zu verlangen, dass es selbst im intakten Zustand kaum schadlos hätte ausführen können. Doch was spielte es schon noch für eine Rolle?“ Er schniefte einmal durch die Nase. „Die Kamarulu ächzte und stöhnte, als wollte sie ihren Unmut zum Ausdruck bringen. Die Hülle wurde an einigen Stellen derart beansprucht, dass sie Risse bekam. Aber dennoch gelang uns mit diesem Sechzigtausend-Tonnen-Schiff eine abrupte, fast punktgenaue Vollbremsung auf einer Fläche, die kaum größer war, als es selbst!“ Er grinste. „Dann ging alles ganz schnell! In dem Moment, da das feindliche Schiff aus dem Nebel hervortrat, waren wir noch zur Hälfte über Wasser, sodass wir alle Maschinen abschalteten und die Kamarulu wie ein Stein zu Boden sackte. Die Außenhülle wurde an vielen Stellen noch weiter zerstört und ich habe noch niemals zuvor Stahl solche Geräusche machen hören, wie in diesen Sekunden, als es sich zwischen die Felswände quetschte. Dann explodierten die beiden Triebwerke im ersten Wasserfall und erneut war ich mir sicher, alles falsch gemacht zu haben, denn die Erschütterungen waren unfassbar gewaltig, schüttelten uns und das Schiff durch wie ein Barmixer seinen Drink. Die Explosionen zerstörten den ersten Wasserfall, lösten Tausende und Abertausende Tonnen Felsgestein, spülten es auf das Deck der Kamarulu und begruben es unter sich!“

Ruhe trat ein, in der alle stumm die Worte des Admirals verarbeiteten. Dann fuhr Lobos fort: „Ich habe keine Ahnung, wie der Anblick für das feindliche Schiff gewesen war, als es uns überflogen hat, aber…ganz offensichtlich…schöpfte dort niemand Verdacht, denn es verschwand auf Nimmerwiedersehen!“

Vilo nickte. „Sie haben im richtigen Moment die richtige Entscheidung getroffen. Ich habe die Satellitenbilder gesehen und war mir vollkommen sicher, ich sehe die Explosion der Kamarulu!“

„Sie haben das gesehen, was sie erwartet haben zu sehen!“ meinte Captain Tibak und alle stimmten nickend zu.

„Wer hätte denn auch so etwas ahnen können…?“ Cosco schüttelte lächelnd den Kopf.

„Bleibt noch eine Frage!“ meinte Mavis und schaute den Admiral direkt an.

Der nickte bereits wissend. „Ja, aber…!“ Er verzog die Mundwinkel. „…ich muss sie enttäuschen. Das Schiff ist nicht mehr flugfähig! Der Kampf, die Kräfte, die hier bei dieser irrwitzigen Aktion gewirkt haben – das alles war zu viel für sie!“ Er versuchte ein Lächeln, doch es gelang nicht wirklich. „Sorry!“ Sein Gesicht wurde zunehmend dunkler. „Außerdem haben wir noch ein ganz anderes Problem!“

„Und welches?“ fragte Melia.

Lobos sah in die Runde. „Kommen sie. Ich zeige es ihnen!“

VI

„Okay!“ Narrix sprach ruhig, während er auf Jorik zukam. „Die Schlampe, die meine Männer verraten hat, gehört also zu dir!“ Er nickte mit ausdruckslosem Gesicht.

Jorik stand in der Mitte des Raumes. Seine Hände waren noch immer auf dem Rücken gefesselt und um seinen Hals lag wieder ein Strick, den der Kerl hinter ihm fest angezogen hatte, sodass er nach wie vor ziemlich hilflos war. Und nicht nur das: Er wusste nur zu genau, dass er sich in einer höchst gefährlichen, wenn nicht sogar tödlichen Gefahr befand. Narrix war ein Psychopath allererster Güte. Wie er jemals das Kommando eines Schiffes hatte erringen können, war Jorik absolut schleierhaft. Und Narrix war sauer. Stinksauer, zornig, Wut brauste in ihm auf: Mochte er sich äußerlich auch noch so gut im Griff haben, in seinen Augen konnte Jorik die Wahrheit erkennen. Er sah Wut und Hass.

Narrix wollte Rache. Für den Verlust seines Schiffes, für den Frevel, sich ihm überhaupt entgegengestellt zu haben und für die Schmach, ihm entkommen zu sein und ihn besiegt zu haben.

Und Jorik glaubte nicht, dass es ihm wirklich wichtig war, Marivar zu finden, um sie zu bestrafen. Auch glaubte er nicht, dass Narrix wirklich dachte, er könne Jorik dazu bewegen, ihren Namen preiszugeben. Deshalb rechnete er damit, hier und jetzt dafür büßen und sterben zu müssen. Er hatte furchtbare Angst, doch was immer auch geschehen mochte, er würde diesem geisteskranken Wichser niemals die Genugtuung geben, ihm diese Angst zu zeigen. Zumindest hoffte er, so stark sein zu können. „Ich weiß nichts von einem Verrat!“ sagte er daher, um sich von dem zunehmenden Zittern, das ihn befiel, abzulenken.

Ansatzlos verpasste ihm Narrix einen Faustschlag in den Magen. Jorik stöhnte auf und seine Beine knickten kurz ein, dann riss ihn der Kerl hinter ihm wieder in die Höhe. „Natürlich!“ Narrix hatte gewartet, bis Jorik ihn wieder ansah. „Sag mir, wer sie ist!“ Das war keine Bitte.

Jorik atmete einmal tief durch, dann erwiderte er den Blick seines Widersachers geradeheraus. „Niemals!“ Er musste stark bleiben.

Jorik erwartete einen neuerlichen Schlag, doch Narrix sah ihn nur durchdringend an, dann begann er zu lächeln. Für ganze zwei Sekunden, dann schlug er doch wieder zu. Ansatzlos, knallhart und dreimal hintereinander, wieder in den Bauch, immer auf dieselbe Stelle.

Jorik spürte Hitze in sich aufkommen. Der Blick vor seinen Augen verschwamm, ihm wurde schlagartig übel, er musste husten und würgen. Seine Beine gaben wieder nach, gleichzeitig kippte sein Oberkörper nach vorn. Der Kerl hinter ihm konnte das nicht verhindern. Jorik krachte auf die Knie und erbrach widerlichen Schleim. So war er abgelenkt und konnte nicht sehen, dass Narrix sich zu den Wachen an der Eingangstür umdrehte und ihnen zunickte, woraufhin eine von ihnen die Tür öffnete und zwei weitere Personen einließ. Die eine war noch ein Soldat, die andere war…Esha!

Wie auch Jorik war sie noch immer gefesselt. Während sie von dem Kerl hinter ihr rüde in das Zimmer gestoßen wurde, warf der seinem Captain das Seil, das sich um ihren Hals befunden hatte, zu, der es locker auffing.

„Ich habe wirklich kein Verständnis dafür, dass du deine kleine Lady schützen willst!“ begann Narrix wieder in einem fast freundlichen Ton und schaute Jorik an, der Mühe hatte, wieder zu sich zu kommen. „Soll ich glauben, dass das Liebe ist oder dass sie es wert ist?“ Er verzog die Mundwinkel. „Ich kann das nicht nachvollziehen. Ich selbst habe noch nie eine Frau getroffen, die es wert war, für sie Schmerzen zu ertragen. Zum Ficken waren sie gut, aber sonst?“ Er lachte heiser auf. „Aber okay! Es ist deine Entscheidung!!“ Er trat direkt vor Jorik und zerrte ihn auf die Füße. „Und ich sehe es in deinen Augen. Du bist ein harter Bursche. Aus dir werde ich nichts herausbekommen!“ Wieder lächelte er süffisant. „Vielleicht aber, wenn nicht du für deinen Egoismus bestraft wirst, sondern deine Freundin hier!“ Er drehte sich herum und deutete auf Esha, die Narrix hasserfüllt anstarrte.

„Das können sie vergessen!“ zischte sie, doch konnte sie ihre Angst nicht komplett verbergen.

„Wir werden sehen, nicht wahr?“ Er trat vor Esha, nahm das lose Ende des Stricks, ließ es locker im Handgelenk baumeln, schaute dann zur Decke und warf es mit einem geschickten Schwung um eine natürliche Strebe aus Fels, die dort knapp unterhalb der Decke waagerecht verlief. Das Seil fiel auf der anderen Seite wieder herunter und Narrix fing es auf.

Jorik hatte ihn die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen und plötzlich hatte er eine böse Vorahnung. „Was haben sie vor?“ fragte er und seine Stimme klang rau.

„Wenn du redest…!“ Er warf das lose Ende dem Mann hinter Esha zu, ließ die Schlinge am anderen Ende in seinen Fingern kreisen und schaute Jorik an. „…absolut gar nichts! Wenn du aber weiterhin auf stur stellst…!“ Er wirbelte herum und ließ die Schlinge über Eshas Kopf fallen. „…wird sie leiden müssen!“ Und mit diesen Worten nickte er dem Mann mit dem losen Ende zu, der daraufhin zu ziehen begann. Im nächsten Moment schrien Esha und Jorik gleichzeitig auf.

*

Lobos hatte die Gruppe vom Haupthangar weg zu einem breiten Treppenhaus geführt, durch das sie mittlerweile fünf Stockwerke höher gekommen waren.

Bisher bestanden die Wände aus Stahl, der mit dicken Streben durchzogen war und die Etagen, an denen sie vorbeigingen, anfangs aus langen schmalen Gängen, die wie Stahlröhren aussahen, dann aus Gängen, von denen unzählige Türen abgingen und daher wie Bürotrakte wirkten.

Jetzt aber änderte sich das Bild und die Stahlwände in den Treppenaufgängen wurden mehr und mehr durch dicke, immer größer werdende Glasscheiben ersetzt.

Dahinter war zunächst nur Dunkelheit zu erkennen, die aber zunehmend heller wurde und sich zu bewegen schien. Weitere drei Stockwerke höher durchstießen erste Lichtstrahlen die mittlerweile eher graue Masse hinter dem Glas und allmählich erkannte jeder, dass es sich hierbei um Wasser handelte, dass mit hoher Geschwindigkeit rechts und links am Treppenhaus vorbeischoss und für etliche Verwirbelungen sorgte. Je mehr Licht hineinfiel, desto mehr und besser waren auch Schwebstoffe zu erkennen, sowie kleine und größere Äste und aufgewirbelte Steine, die vorbeitrieben. Dann endete ihr Aufstieg unvermittelt und Lobos führte sie in einen großen, fast kreisrunden Raum, den Mavis, Vilo und die anderen militärisch versierten Männer sofort als die Kommandobrücke der Kamarulu erkannten. Wenn der Haupthangar das Herz des Schiffes war, dann war die Kommandobrücke das Gehirn gewesen. Überall gab es Kontrollkonsolen und Terminals, dazu drei riesige Bildschirme von mehreren zehn Quadratmetern Fläche. Einer von ihnen war jedoch komplett zerstört, ein zweiter wies lange Risse auf. Den gesamten Raum umgab ab etwa einemmeterfünfzig Raumhöhe eine Glasfront. Deutlich war zu erkennen, wie das Wasser auf der einen Seite auftraf, dann rechts und links an der Brücke vorbeifloss und sich schließlich auf der anderen Seite wieder entfernte.

Als Mavis direkt an die Scheiben trat, wo das Wasser auftraf, konnte er förmlich spüren, wie es unter dem immensen Druck leicht vibrierte. Gleichzeitig flutete so viel Licht in das Wasser, dass er etliche Meter in die Tiefe sehen und dort einen gewaltigen dunklen Schatten erkennen konnte. Er nahm an, dass es das Flugdeck der Kamarulu war. Um sicher zu gehen, drehte er sich um, ging zur anderen Seite und schaute dort aus dem Fenster. Hier gab es zwar nicht mehr Licht, dafür aber war das Wasser ruhiger und so konnte er besser in die Tiefe sehen und erkennen, dass er Recht hatte. Etwa fünfzehn Meter unter ihnen lag das Flugdeck. Er hatte damit gerechnet, keine Flugzeuge mehr darauf zu sehen, da das Wasser offensichtlich genug Kraft besaß, um das Deck vollkommen leer zu spülen, doch musste er feststellen, dass er sich getäuscht hatte. Neben etlichen Einschusslöchern, durch die das Wasser in das Innere des Schiffes stürzte, gab es dort tatsächlich auch das Wrack eines größeren Transportflugzeuges. Es war zur Hälfte in das Deck eingebrochen und musste sich dann verkantet haben, sodass es nicht wegrutschen konnte. Es ragte mit gebrochenen Flügeln in die Höhe und bot einen absolut gespenstischen Anblick, der dadurch noch grausamer wurde, dass Mavis einen undefinierbaren, dunklen Haufen Masse auf dem Pilotensitz erkennen konnte, der vielleicht einstmals ein Mensch gewesen war. Er fröstelte und er drehte sich weg. Dabei stellte er fest, dass Melia direkt neben ihm stand und ebenfalls hinabschaute. Plötzlich sog sie abrupt und hörbar die Luft ein und umfasste seinen linken Oberarm. Er wusste, sie hatte ebenfalls in die Kanzel des Wracks geschaut. Mavis suchte ihren Blick und legte seine rechte Hand auf ihre Hand. Melia sah ihn überrascht an und als er sie anlächelte, erschrak sie ein wenig und nahm ihre Hand weg. Bevor Mavis jedoch etwas sagen konnte, sprach Vilo.

„Das ist das verdammt Bekloppteste, das ich je gesehen habe!“ Er schüttelte mit verzogenen Mundwinkeln den Kopf. „Dieses riesige Schiff mitten in diesem Wasserfall…!“ Er lachte heiser auf und schüttelte erneut den Kopf. „Unfassbar!“

„Ja!“ Lobos nickte zustimmend. „Aber unsere Tage sind gezählt!“

„Was?“ fragte Cosco. „Wieso?“

Lobos antwortete nicht sofort, sondern trat an eines der Fenster, streckte seine rechte Hand in die Höhe und deutete mit dem Zeigefinger in den obersten Bereich, wo Fenster und Rahmen aufeinandertrafen.

„Die Dichtungen werden porös!“ meinte Tibak sofort und nickte.

Doch Lobos schüttelte den Kopf. „Nein, die sind noch intakt!“

„Was meinen sie dann?“ fragte Dek.

„Das Wasser!“ erwiderte Kaleena und als Vilo sie irritiert ansah, fügte sie hinzu. „Also, den Wasserstand!“

Lobos nickte. „Stimmt!“

„Was soll das heißen?“ fragte Mavis.

Der Admiral atmete einmal tief durch, bevor er erklärte. „Als die Triebwerke den oberen Wasserfall sprengten, rissen die Explosionen Unmengen an Erde und Gestein auf, die das Wasser weiter transportierte und die Kamarulu dadurch so gut wie darunter begraben wurde. Im Laufe der Jahre hat das Wasser all das wieder weggeschwemmt. Dennoch war es anfangs so, dass der Fluss genügend Wasser mit sich führte, dass er das Schiff weiterhin im Verborgenen hielt. Seit ein paar Monaten aber sinkt der Wasserspiegel!“ Wieder hob er den rechten Arm an und deutete auf die gleiche Stelle wie zuvor. „Sehen sie!“

Und plötzlich erkannten es alle: Einen schmalen Streifen von vielleicht einem Zentimeter Breite, wo der freie Himmel über dem Fluss zu sehen war. Der Streifen war nicht beständig da, weil das Wasser immer wieder durch die vorherrschenden Strömungen aufgewühlt wurde, aber wenn er da war, konnte man die dicken, dunklen Wolkenpakete über dem Bergmassiv erkennen.

„Wenn man von oben hier heruntersieht…!“ Lobos deutete in die Richtung, wo die Kitaja zerstört worden war. „...sah man bisher nur das aufschäumende Wasser. Jetzt aber kann man einen dunkeln Fleck an dieser Stelle darin erkennen!“

„Das Dach der Kommandobrücke!“ Cosco nickte erkennend.

Lobos tat es ihm gleich. „Und der Vorgang hält an und beschleunigt sich!“

„Wie lange noch?“ fragte Vilo.

Der Admiral sah ihn mit ernster Miene an. „Zwei, vielleicht drei Monate! Und wenn man uns erst entdeckt hat…!“ Lobos schaute unheilvoll in die Runde.

„…wird man sicher nachholen, was man damals versäumt hat!“ fügte Mavis mit einem Nicken hinzu und es wurde still auf der Brücke.

*

Esha spürte, wie sich der Strick um ihren Hals schnürte, als ihr Körper vom Boden abhob und ihr gesamtes Gewicht jetzt wie tonnenschwer darauf lastete, dass sie das Gefühl hatte, ihr Kopf würde gleich vom Rumpf gerissen werden. Ihre Hände zuckten mehrmals, erzitterten bei dem Versuch, sich an den Hals zu greifen, um den Druck von dort zu nehmen, doch sie konnte ihre Fesseln natürlich nicht lösen. Auch verursachte jede Bewegung zusätzliche Schmerzen, sodass sie bemüht war, ruhig zu hängen. Da sie geahnt hatte, was passieren würde, hatte sie versucht noch einmal tief Luft zu holen, doch das war ihr nur halbwegs gut gelungen. Der Druck auf ihren Kehlkopf wurde zunehmend schlimmer und schmerzhafter, wie in einem Schraubstock wurde er erbarmungslos zusammengedrückt, schon konnte sie hören, wie er zu zerquetschen drohte. Sie musste röcheln, alle Kraft wich aus ihrem Körper.

„Nein!“ Das war Jorik, der sich mit aller Macht gegen die Wache in seinem Rücken stemmte. Die Verzweiflung verschaffte ihm neue Kräfte, es gelang ihm, auf Esha und Narrix zuzugehen. „Hören sie auf!“

Narrix würdigte ihn keines Blickes, hatte ihm weiterhin den Rücken zugedreht. Dafür starrte er absolut fasziniert auf Esha und ihren immer deutlicher zuckenden Körper und ein Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Warum?“ fragte er aber dennoch, während es in seinen Augen gierig blitzte.

„Ich sage es!“ brüllte Jorik, verzweifelt, mit Tränen in den Augen, während der Kerl in seinem Rücken wild an ihm riss und ihn schließlich zu Boden ziehen konnte.

Narrix Lächeln wurde zu einem Grinsen, während er weiterhin Esha anstarrte. Dann zuckten seine Augen kurz hinter sie und er nickte dem Wachmann, der das Seil angezogen hatte, mit einer knappen Geste zu, woraufhin er Esha wieder auf ihre Füße herabsenkte. Die junge Frau hustete, ihr Gesicht war mittlerweile rot angelaufen, sie spürte Hitze dort, ihr Schädel pochte, Schweiß rann über ihre Stirn. Außerdem wurden ihre Beine plötzlich wackelig und sie hatte Mühe, sich aufrecht zu halten.

„Ich sage es!“ wiederholte Jorik, dessen Gegenwehr verebbte, unter Tränen. Narrix wandte sich zu ihm um und sein Lächeln erstarb.

„Du…!“ stieß Esha plötzlich hervor. Sie hustete und ihre Stimme klang rau. „…sagst gar nichts!“

Narrix Kopf wirbelte zu ihr zurück und er starrte sie ausdruckslos, aber mit funkelnden Augen an.

Esha erwiderte seinen Blick geradeheraus. „Hörst du?“ sagte sie. „Du bleibst stumm!“ Ihre Stimme klang sehr fest, doch innerlich zitterte sie nur so vor Angst.

Narrix musterte sie und sein rechtes Auge verengte sich zu einem Schlitz. Doch dann erschien ein breites Lächeln auf seinen Lippen. Sein Blick zuckte kurz zu dem Wachmann mit dem Seil und er nickte ihm erneut zu. Als dieser daraufhin sofort wieder fest anziehen wollte, deutete der Captain ihm jedoch mit der linken Hand an, es dieses Mal gemächlich zu machen.

Esha spürte, wie sich der Strick langsam wieder in ihren Hals drückte, ihr Kehlkopf schmerzte augenblicklich wieder. Instinktiv drückte sie sich auf die Fußballen, konnte so den Druck vermindern. Doch nur einen Moment, dann erhöhte er sich wieder, weil der Kerl den Strick weiter anzog. Esha hatte nur noch die Möglichkeit, sich auch noch auf die Zehenspritzen zu drücken, doch nur wenig Hoffnung, sie könne es damit wirklich aufhalten. Wieder versuchte sie, tief Luft zu holen, erwartete den Augenblick, indem ihre Füße den Bodenkontakt endgültig verloren.

Im allerletzten Moment aber, bevor das geschah, gab Narrix der Wache ein kurzes, unbemerktes Zeichen mit der linken Hand, den Vorgang zu stoppen.

Esha konnte sich weiterhin gerade so auf den Zehenspritzen halten, musste sich aber sehr darauf konzentrieren, nicht die Balance zu verlieren, wodurch sich ihr Körper immer mal wieder versteifte und sie aufstöhnte. Ihre Hilflosigkeit ihrem Peiniger gegenüber wurde ihr jetzt deutlich bewusst.

Und Narrix genoss es. Seine Augen funkelten gierig und ein widerwärtiges Lächeln umspielte seine Lippen.

„Hören sie auf!“ rief Jorik und rappelte sich stöhnend und schwerfällig wieder auf.

Doch Narrix beachtete ihn gar nicht. Stattdessen machte er einen Schritt auf Esha zu und stand jetzt dicht vor ihr. Die junge Frau schien etwas überrascht und starrte ihm direkt in die Augen, wo sie bereits sehen konnte, was er im nächsten Moment tun würde. Schon hob er seinen rechten Arm an, legte seine rechte Hand auf ihre linke Brust und begann sie rüde zu kneten. Eshas Körper zuckte im ersten Moment, doch wusste sie, dass sie nicht die geringste Chance hatte, sich diesem widerlichen Griff zu entziehen und ihn gewähren lassen musste. Zu allem Überfluss waren ihre Brustwarzen aufgrund der körperlichen Penetration durch den Strick hervorgetreten und hart, sodass Narrix sie fühlen und bearbeiten konnte. Sie spürte den heißen Atem des Captains auf ihrer Wange und die aufsteigende Erregung in ihm.

„Lassen sie sie!“ brüllte Jorik aus dem Rückraum. Einen Augenblick später waren Faustschläge zu hören. „Hören sie auf!“ Doch Jorik hatte keine Chance gegen den Wachmann. Ein erstickter Schrei, wieder ein Faustschlag, dann sank er stöhnend zu Boden.

Narrix nahm keine sichtbare Notiz davon. Er knetete Eshas Brust und stöhnte dabei. Dann schob er sein Gesicht neben ihres. „Du bist eine verdammte Wildkatze!“ Er grinste. „Ich werde am Ende…!“ Er stöhnte heiser auf. „…sehr viel Spaß mit dir haben!“ Und schon im nächsten Moment küsste er sie auf die linke Wange, dann schob er seine Zunge über sie hinweg bis neben das Auge, wobei er erneut stöhnte und seinen Griff um ihre Brust nochmals intensivierte.

Esha war vollkommen hilflos, musste alles über sich ergehen lassen, die Schmerzen, die durch ihre Brust und die Brustwarze fuhren und den Ekel über seine Nähe. Und sie war sicher, dass er nicht aufhören würde. Fast rechnete sie damit, dass er sie hier und jetzt in dieser Position vergewaltigen würde.

Doch plötzlich zog er sich abrupt zurück und gab für Esha wieder unbemerkt ein Zeichen an den Wachmann, der daraufhin den Strick löste. Während sie zurück auf ihre Füße sackte, die sofort zitternd nachgaben, sodass sie keuchend und nach Atem ringend auf die Knie fiel, drehte sich Narrix um und schaute ausdruckslos auf den am Boden liegenden Jorik. „Also?“ zischte er.

„Marivar!“ stieß Jorik hervor und rollte sich auf die Knie. „Ihr Name ist Marivar!“ Als er ihren Namen sagte, stellten sich wieder Gewissensbisse ein, doch es war doch eigentlich vollkommen unwichtig, ob sein Gegenüber ihren Namen kannte.

„Deine Frau?“

Jorik zögerte, doch dann nickte er.

„Miststück!“ zischte Narrix erneut. „Wo ist sie?“

„Ich weiß es nicht!“ erwiderte Jorik sofort und das war ja auch keine Lüge. „Sie wurde bei eurem Angriff auf den Elay verletzt und war bewusstlos. Ich habe sie in eine Felsspalte geschoben, damit ihr sie nicht findet!“

Narrix sah ihn mit finsterer Miene an und schien zu überlegen. „Da wir wissen, dass sie mittlerweile wieder wach ist, wird sie sich sicherlich ein anderes Versteck gesucht haben!“ Er nickte. „Aber sie hat einen Kommunikator!?“

„Nein, hat sie nicht!“ erwiderte Jorik.

„Ach? Und wie sollte sie mit euren Freundin im Flugboot Kontakt aufgenommen haben?“ Sein Blick wurde säuerlich. „Gebärdensprache, Rauchzeichen, Gedankenübertragung?“

„Ich…!“ Jorik quälte sich zurück auf die Beine. „…weiß es nicht!“

Abrupt zuckte Narrix einen Schritt nach vorn und starrte dem überraschten Jorik direkt in die Augen. „Lüg…!“ Sein Blick wurde angewidert. „…mich nicht an!“

„Aber ich lüge nicht!“ rief Jorik.

„Dein Pech!“ Narrix Kopf wirbelte herum und er gab der Wache am Seil wieder ein Zeichen, woraufhin diese sofort reagierte. Mit einem unfassbar kräftigen Zug, riss sie Esha aus der Hocke heraus in die Höhe und ließ sie hilflos in der Luft baumeln. Die junge Frau schrie erstickt auf und war so erschrocken, dass ihr ganzer Körper erbärmlich zuckte. Augenblicklich spürte sie Hitze aufsteigen, ihr Puls hämmerte unter die Schädeldecke, sie rang panisch nach Luft, die sie aber nicht fand und hörte das bedrohliche Knirschen ihres Kehlkopfes.

„Halt, nein!“ Jorik war sichtlich entsetzt über Narrix Reaktion. „Warten sie!“ Doch es geschah nichts. Esha wurde vor seinen Augen weiter stranguliert. „So warten sie doch! Ich…habe mich geirrt! Verdammt, Narrix, verdammt!“ Er brüllte aus vollem Leib und zerrte wieder an seinen Fesseln.

Der Kopf des Captains zuckte zurück zu ihm und er starrte ihn scharf an. „Letzte Chance!“ zischte er.

„Ja, sie hat einen Kommunikator! Von mir!“ sagte Jorik sofort.

Narrix musterte ihn noch einen Moment, dann wandte er sich an die Wache und gab ihr das Zeichen, Esha wieder abzulassen. Die junge Frau sank sofort auf ihre Knie und röchelte wild nach Luft, hustete, spuckte Schleim aus. Schon im nächsten Moment verdrehte sie die Augen, fiel zur Seite und schlug bewusstlos zu Boden.

Jorik wollt instinktiv zu ihr, doch er wurde zurückgehalten.

„Ich will, dass du Kontakt mit ihr aufnimmst!“ Narrix trat wieder direkt vor Jorik.

Der schien im ersten Moment ablehnen zu wollen, doch dann nickte er.

Daraufhin drehte sich Narrix zu der Wache mit dem Seil. „Schafft sie raus und kümmert euch um sie!“ Während der Mann tat, was ihm befohlen wurde, wandte sich der Captain nochmals an Jorik. „Du tust es besser, sonst werde ich sie zurückholen und dann wird sie vor deinen Augen am Strick sterben!“

*

Leira, das monströse Bärenwesen, war bisher still gewesen und hatte sich mehr darauf konzentriert, dem Admiral zuzuhören und sich ansonsten um Jovis zu kümmern. Sie verstand so ziemlich alles, was Lobos erzählte, nur manchmal kam sie nicht mehr mit. Das machte sie ein wenig wehmütig, denn früher hätte sie eigentlich so gut wie nichts von dem begriffen, was besprochen wurde. Der Krieg hatte all dies geändert und sie zwangsläufig mit menschlichen Waffen, Flugbooten und tödlichen Gefechten in Verbindung gebracht. Sie war nicht stolz auf all ihr Wissen, da das meiste aus der Hölle direkt zu kommen schien. Und doch gab es auch positive Veränderungen, seit jenem Tag, an dem die Zeitrechnung auf Santara eine andere geworden war und dazu zählte ganz sicher die Bekanntschaft der Menschen hier in diesem Raum, von denen sie einige inzwischen sehr gute Freunde nennen konnte und für die sie tatsächlich Liebe empfand, in dem Wissen, dass es umgekehrt ebenso war.

Allerdings – und im Moment hatte sie das Gefühl, dass die anderen dies vergessen zu haben schienen – gab es auch noch andere Menschen, die ihre gemeinsamen Freunde waren und die dringend ihre Hilfe brauchten. Leira jedoch schien es, als würde sich gerade alles nur um die Kamarulu und ihre Zukunft drehen. Das aber konnte sie nicht mehr mit anhören und so machte sie sich mit den ihr eigenen Brumm-, Fauch- und Stöhnlauten bemerkbar.

Lobos Kopf zuckte sofort zu ihr herum und er sah sie in einer Mischung aus Überraschung und Furcht an, denn natürlich kannte er Leira noch nicht wirklich, auch wenn ihm die anderen allesamt versichert hatten, dass in ihr ein wahrer Engel steckte.

Vilo drehte sich ebenfalls zu ihr, doch er hörte einfach nur auf das, was sie sagte. Von allen Anwesenden konnte er das Bärenwesen wohl am besten verstehen, vielleicht sogar noch besser als seine Frau Kaleena, einmal von Jovis abgesehen, der Leira eher als große Schwester, denn als tierisches Wesen betrachtete. Während sie weiter brummte und fauchte und stöhnte, lauschte Vilo aufmerksam, zog dann die Augenbrauen in die Höhe und nickte. „Du hast Recht!“ rief er mit fester Stimme. „Wir dürfen sie nicht vergessen!“

„Wen dürfen sie nicht vergessen?“ fragte Lobos und schaute Leira mit großen Augen an.

„Jorik, Shamos und all die anderen!“ Vilo drehte sich zur Gruppe und sah augenblicklich Zustimmung.

„Verdammt!“ raunte Mavis. „Das ist mir fast entfallen!“ Er schaute zu Captain Cosco.

Der Fliegerveteran nickte und sein Gesicht wurde traurig. „Was aber können wir tun?“

Für einen Augenblick war es still im Raum.

„Wir müssen zurück nach Kimuri!“ rief Kaleena mit besorgter Miene. „Wir müssen sie da rausholen!“

„Das dürfte schwer werden!“ meinte Lobos. „Keines der Flugzeuge hat den Absturz überlebt. Hier gibt es nichts mehr, was sich noch in die Lüfte erheben könnte!“

„Verdammt!“ Tibaks Miene wurde säuerlich. „Dann müssen wir sie wirklich in den Fängen dieser Psychopathen lassen?“ Er brummte missmutig.

„Nein!“ Mavis schüttelte den Kopf. „Nein, das kann nicht sein. Das darf nicht sein!“ Er schaute seine Freude an und Hoffnung, Sorge und Verzweiflung waren in seinem Blick zu erkennen. Niemand aber hatte eine zündende Idee. Mavis Blick schweifte weiter umher und plötzlich hielt er inne. Er starrte für einen Augenblick auf einen Terminal auf der linken Seite, dann kräuselten sich seine Augenbrauen, sein Blick wurde finster, er schien zu überlegen und mit einem Male erhellte sich sein Antlitz. „Und das muss es auch nicht!“ Ein kurzes Lächeln zuckte über seine Lippen, verschwand aber sofort wieder. „Wenn wir Glück haben!“

*

Jorik wurde rüde aus dem Raum gestoßen. Als er den Gang entlang blickte, konnte er sehen, dass man Esha zurück in ihre Zelle brachte. In dem Moment, da die Tür dort geöffnet wurde, war ein entsetzter Schrei zu hören. Jorik wusste nur zu genau, von wem er stammte und er spürte trotz aller Schmerzen in seinem Körper einen tiefen Stich im Herzen.

Im nächsten Moment bekam er einen herben Stoß in die rechte Seite und fand sich in der Kommunikationszentrale des Lagers wieder, wo man ihn zu einem Tisch auf der linken Seite führte, auf dem ein Funkgerät stand.

Jorik blieb vor dem Tisch stehen, doch bevor er Zeit bekam, zu überlegen, was er jetzt und vor allem, wie er es tun sollte, schlug ihm die Wache ihren Gewehrknauf zwischen die Schulterblätter und drückte ihn damit auf den Stuhl. Einen Augenblick später trat Narrix von der anderen Seite zu ihm. „Du hast genau…!“ Er wartete, bis Jorik ihn ansah. „…eine Chance, das Richtige zu tun!“ Seine Stimme klang sanft, aber dunkel. Jorik nickte ihm nach der Verzögerung einer Sekunde zu. Plötzlich zuckte ein Messer in Narrix rechter Hand hervor. Jorik erschrak, doch der Captain langte mit einem müden Lächeln in seinen Rücken und löste damit die Fesseln um seine Handgelenke.

Als seine Arme herabsanken, spürte Jorik wie seine Muskeln im Nacken und in den Schultern aufheulten und er musste stöhnen. Ebenso, als er die Arme anhob und schließlich auf den Tisch legte. Die Verspannung, verursacht durch die lange Zeit der unnatürlichen Haltung seiner Arme, brachte ihm augenblicklich Kopfschmerzen. Jorik schloss die Augen und atmete mehrmals langsam und tief durch.

„Hier!“ Narrix stellte ihm einen Becher mit Wasser vor die Nase. „Damit deine Stimme nicht zu rau klingt!“

Jorik wollte zunächst ablehnen, doch der Durst war einfach zu groß und so trank er einen großen Schluck, der das Glas zur Hälfte leerte. Im nächsten Moment schon musste er erbärmlich husten und sein Körper zuckte, doch am Ende tat das Wasser seine erfrischende Wirkung. Jorik nahm das Glas erneut und trank drei weitere, jedoch kleinere Schlucke.

„Fertig?“ fragte Narrix und ein wenig Ungeduld schwang in seiner Stimme mit.

Jorik sah ihn mit säuerlicher Miene an, doch nickte er.

Narrix betätigte einige Schalter an dem Funkgerät, es piepte einmal, dann war ein Rauschen zu hören, durch das es dann und wann knackte. Hiernach stellte er das Mikrofon vor Jorik. „Auf geht’s!“ sagte er, richtete sich auf und verschränkte die Arme vor der Brust.

*

„Haben sie es?“ fragte Mavis ungeduldig und schaute zu Lobos herüber.

Der Admiral stand drei Tische von ihm entfernt über einem Terminal gebeugt und hatte gerade einige Befehle in die Tastatur eingegeben. Jetzt schaute er gespannt auf den Bildschirm. Dort waren mehrere, kleine Quadrate abgebildet, sowie ein großes, senkrecht stehendes Rechteck auf der rechten Seite. Alles war durch feine Linien miteinander verbunden. Das Rechteck war grün, die meisten Quadrate rot, ebenso fast alle Linien. Nur wenige Quadrate waren ebenfalls grün und zu ihnen führten blaue Linien. Einen Augenblick später wurde eine der roten Linien jedoch ebenfalls blau und ein weiteres Quadrat in der linken oberen Ecke wechselte zu grün. Lobos brummte zufrieden. „Ja, alles okay!“

Jetzt war Mavis wiederum zufrieden und nickte dem Mann – einem von Lobos Leuten -, der vor ihm auf einem Stuhl vor einem weiteren, eingeschalteten Terminal saß, zu und reichte ihm den einzigen noch funktionierenden Kommunikator, den sie besaßen. Der Mann nahm ihn behutsam entgegen, öffnete ihn und steckte ihn dann in einen kleinen quadratischen Kasten, wodurch das Gerät mit dem Terminal verbunden war. Als auf dem Bildschirm einige Begriffe auftauchten, die er nicht sofort verstand, wurde Mavis etwas unsicher, doch der Mann vor ihm nickte. „Die Verbindung zur Antenne ist hergestellt und konstant!“ Er drehte sich herum und schaute dem Commander direkt an. „Sie können loslegen, sobald sie die Frequenz eingestellt haben!“ Er nickte in Richtung Kommunikator.

Mavis brummte zustimmend. Mit Verbindung zur Antenne war die Antenne auf dem Dach der Kommandozentrale gemeint, die als einzige überhaupt noch vorhanden, aber lange nicht mehr genutzt worden war. Offensichtlich aber hatte sie keinen nennenswerten Schaden genommen. Also konnte er sein Vorhaben starten, von dem er hoffte, dass es Sinn machte. Aus diesem Grunde schaute er nochmals etwas unsicher in die Runde, doch er erntete zumindest keinen Widerspruch, obwohl er den anderen noch nicht wirklich erklärt hatte, was er vorhatte. Zum Schluss sah er Melia an und als er in ihrem Blick erwartungsvolle Spannung und sogar den Hauch eines Lächelns erkennen konnte, fühlte er sich gestärkt und stellte mit einem Nicken die Frequenz ein, die ihn – hoffentlich – mit Marivars Kommunikator verbinden würde.

Wenn das geschafft war, würde er ihr erklären, wo sie waren – ohne allerdings etwas von Lobos und seinen Leuten oder der Kamarulu zu erzählen – und ihr sagen, was sie vorhatten – nämlich sich zu Fuß auf den Weg zur Küste zu machen, um dann irgendwie nach Kimuri überzusetzen und sie und ihre Freunde aus der Gewalt von Captain Narrix zu befreien. Er würde sich viel Zeit für seine Erklärungen lassen, Marivar nach ihrem Befinden befragen – jedoch nicht nach ihrem Versteck – und ihr dann lang und breit erklären, was genau sie zu tun gedachten.

Und all das nur zu einem Zweck und verbunden mit einer Hoffnung: Das Narrix den Funkverkehr abhören und ihnen dabei zuhören würde!

Und deshalb drückte Mavis jetzt die Ruftaste.

*

„Jorik an Marivar!“ Seine Stimme klang immer noch furchtbar rau und krächzend. Er musste auch kurz husten, nachdem er die Worte gesprochen hatte. Dabei schaute er zu Narrix auf, doch der Captain verzog keine Miene. „Marivar, kannst du mich hören?“ fügte er deshalb hinzu und hatte in diesem Moment nur eine Hoffnung: Dass sie nicht antworten würde!

*

Mavis hatte das erste Wort des ersten Satzes quasi schon auf der Zunge und öffnete gerade den Mund, um es herauszulassen, als er Joriks krächzende Stimme hörte. Sofort schreckte er zusammen, riss total überrascht die Augenbrauen in die Höhe und seine Augen weit auf. Instinktiv zuckte sein Finger von der Ruftaste und sein Oberkörper in die Höhe. Vollkommen perplex schaute er die anderen an, in deren Gesichter er nicht minder große Überraschung erkennen konnte, die ihn gerade selbst einnahm.

*

Nachdem ihr Schmerz vergangen war und ihre Tränen getrocknet, verspürte Marivar Hunger und Durst. Da sie am gestrigen Tage weder die Zeit noch den Nerv gehabt hatte, ihre Umgebung genauer unter die Lupe zu nehmen, beschloss sie, dies jetzt nachzuholen. Der Weg durch den Raum auf die andere Seite gestaltete sich jedoch aufgrund des Unrats aller Art, der auf dem Boden aufgetürmt war, alles andere als leicht und so wirkte sie fast wie Jemand, der durch hohen Schnee stakte. Ihr Kopf war in diesem Moment irgendwie leer, sie konzentrierte sich auf den nächsten Schritt, ihre Augen suchten nach Ausweichmöglichkeiten, um besser voran zu kommen und gleichzeitig nach Gegenständen, die für sie nützlich sein könnten. Und ihr Magen rief nach etwas Essbarem, ihr Körper nach Flüssigkeit.

Die Stimme aus dem Kommunikator hörte sie daher erst gar nicht. Erst als Jorik krächzend hustete, wurde sie aufmerksam und erstarrte im nächsten Moment quasi zur Salzsäule.

Was zum Teufel war denn das? Ihr Kopf zuckte umher und sie suchte nach der Quelle der Geräusche, denn richtige Worte hatte sie nicht verstanden.

Einen Augenblick später sprach Jorik dann aber zum zweiten Mal und nur einen winzigen Lidschlag später entglitten Marivar förmlich alle Gesichtszüge. Natürlich erkannte sie seine Stimme, erschrak beinahe bei ihrem Klang, erzitterte ob der Tatsache, dass sie ihn hörte. Wieder zuckte ihr Kopf umher auf der Suche nach der Quelle seiner Worte. In ihrer aufkommenden Hektik hätte sie dann fast den Kommunikator auf der Fensterbank vor dem Bullauge übersehen. Ihr Blick trieb schon dran vorbei, dann aber realisierte sie seine Existenz und ihr Kopf zuckte zurück.

Eigentlich hätte sie sich jetzt darüber wundern können, dass das Gerät überhaupt noch funktionierte. Schließlich hatte es ein ausgiebiges Bad im Meer genommen. Marivar hatte das Gerät mehr aus einer Laune heraus auf ein altes Handtuch auf die Fensterbank gelegt, als in der Hoffnung, es noch retten zu können.

Jetzt wusste sie, dass es nur ein Wink des Schicksals gewesen sein konnte, der sie dazu veranlasst hatte.

Und schon im nächsten Moment flog sie förmlich stöhnend und schnaufend über den Unrat hinweg zum Bullauge.

*

„Marivar, bitte melde dich!“

Während Jorik hoffte, dass seine Partnerin nicht reagierte, durchzuckte Mavis soeben ein merkwürdiger Gedanke. Doch wusste er schon einen Augenblick später, dass er gar nicht so abwegig war. Doch noch bevor er eine Entscheidung hatte treffen können, hatte der Zeigefinger seiner rechten Hand sich quasi schon selbstständig gemacht und drückte den Rufknopf.

Während er sah, dass ihn Melia irritiert anschaute, erkannte er, dass er Recht hatte und sein Blick verdunkelte sich zu einer nachdenklichen Miene.

Denn eigentlich hätte das Drücken des Rufknopfes Joriks Worte unterbrechen müssen, er war jedoch noch immer deutlich zu hören.

*

Mit jeder Sekunde befiel Marivar immer größere Angst, sie könne zu spät kommen. Sie wurde daher immer hektischer, stöhnte lauter und schriller, Schweiß rann ihr über die Stirn. Dann sammelte sie all ihre Kräfte für einen finalen Sprung und schließlich hatte sie das Bullauge erreicht.

Gerade in diesem Moment sagte Jorik noch einmal: „Bitte Kommen, Marivar!“

Joriks Hoffnung wuchs. Er schaute zu Narrix, der ihn jedoch noch immer ausdruckslos ansah. „Es hat keinen Sinn. Sie hört mich nicht…oder das Gerät ist kaputt!“

Narrix lachte heiser auf. „Das könnte dir so passen, was?“ Sein Blick verdunkelte sich. „Du wirst das schön weiter versuchen! Oder soll ich deine Freundin wieder holen lassen?“

„Nein!“ Jorik erschrak bei diesem Gedanken. „Nein!“ Er hob beschwichtigend die rechte Hand und atmete kraftlos aus. „Ich versuche es weiter!“ Narrix brummte zufrieden und er wandte sich wieder dem Mikrofon zu.

Für einen kleinen Moment starrte Marivar stocksteif auf den Kommunikator, als wäre er ein Gespenst und die Worte Joriks eine Einbildung. Doch dann griff sie beherzt zu, hielt sich das Gerät vor den Mund und drückte die Sprachtaste. „Ja…!“ Ihre Stimme klang belegt und rau. Sie räusperte sich unwillkürlich. „Ja, hier ist Marivar!“

Jorik hätte beinahe aufgeschrien, als er ihre Stimme hörte. Doch nur für einen winzigen Moment aus Freude, dann hatten ihn Angst und Verzweiflung bereits gepackt. Großer Gott, warum hast du das zugelassen? Er hätte heulen können.

„Na also!“ Narrix grinste zufrieden. „Das ging ja doch schneller als ich erwartet hätte!“ Er ließ seine Arme sinken und schaute Jorik erwartungsvoll an. Als dieser aber nicht reagierte, fügte er hinzu. „Was ist? Worauf wartest du? Sag Hallo zu deinem Liebchen!“

Jorik spielte für einen Augenblick mit dem Gedanken, alles auf eine Karte zu setzen, aufzuspringen und Narrix zu attackieren. Doch er war sich nur zu bewusst, in welch beschissener körperlichen Verfassung er war. Selbst im Vollbesitz seiner Kräfte hätte er sehr viel Glück gebraucht, um den Captain zu überwältigen. Überraschungseffekt hin oder her. Nein, es hatte keinen Sinn und er nicht die geringste Chance.

Vollkommene Hoffnungslosigkeit war in seinem Gesicht zu sehen, als er antwortete: „Hallo Marivar!“

„Jorik?“ Marivars Stimme klang unsicher. „Bist du es wirklich?“

„Ja!“ Er schaute hinauf zu Narrix, der ihm andeutete schön weiter zu machen. „Ich bin es!“ Jedes Wort tat Jorik weh, trieb ihn immer weiter an den Rand der Verzweiflung.

„Oh, dem Himmel sei Dank!“ rief Marivar sichtlich erfreut. „Dann habt ihr euch befreien können!?“

Joriks Herz durchzuckte ein tiefer Schmerz, denn er wusste, dass er der Frau, die er über alles liebte, gestehen musste, dass er nicht in Freiheit war, sondern noch immer gefangen und sein Ruf an sie nur den Zweck hatte, ihr klar zu machen, dass Esha und andere sterben würden, wenn sie sich nicht in Narrix Hände begab. Und Jorik wusste, dass sie nicht zögern würde, genau das zu tun und er sie somit dem sicheren Tod hier auslieferte.

Doch die Alternative wäre der grausame Tod Eshas und der anderen gewesen – und sein eigener.

Wenn er sie jetzt hierherlockte, hatten sie zumindest aber noch etwas Zeit gewonnen – und obwohl er nicht wusste, wofür das gut sein sollte, schien es ihm die letzte Hoffnung zu sein, die es noch gab.

Doch gerade, da er ihr antworten wollte, hörte er plötzlich Mavis Stimme aus dem Äther und schon im nächsten Moment sollte sich alles ändern.

*

„Was ist mit dem Ding?“ hatte Mavis den Mann am Terminal gefragt, nachdem er die Ruftaste wieder losgelassen hatte.

Der hatte ihn zunächst fragend angeschaut, doch als Mavis ihn auf den Umstand, dass sie Jorik und Marivar hören konnten, obwohl er die Ruftaste gedrückt hatte, aufmerksam gemacht hatte, zog er überrascht die Augenbrauen in die Höhe. „Ich weiß nicht…!“ sagte er. „Aber ich denke, die ganze Apparatur hat wohl doch Schaden genommen!“

Mavis sah ihn zunächst mit ernster Miene an, dann aber schob er seinen Unterkiefer nach vorn und nickte dabei. „Das ist gut!“ meinte er und ein sanftes Lächeln huschte über seinen Lippen. „Das ist sogar sehr gut!“ Während ihn der Mann irritiert anschaute, wandte sich Mavis an die anderen. „Ihr müsst jetzt still sein!“ Er blickte sehr ernst. „Richtig still!“

„Warum?“ fragte Vilo jedoch sofort. „Was zum Teufel hast du vor?“

„Ja, wie wäre es…!“ stimmte Cosco zu. „…wenn sie das mal erklären würden!?“

„Keine Zeit!“ erwiderte Mavis. „Ihr müsst mir jetzt einfach vertrauen!“ Er schaute nochmals in die Runde. „Okay?“ Er wartete, bis alle nickten. „Dann los!“ Er drehte sich zurück zum Terminal. Gerade war wieder Joriks Stimme zu hören. Sie war schwach und zittrig. „Hör mir bitte zu, Marivar, es ist nicht so, wie du denkst. Ich…!“

Nein, ihr alle hört jetzt mir zu, rief Mavis im Stillen, dann drückte er den Rufknopf, holte tief Luft und sagte: „Marivar, hallo Marivar? Bitte kommen! Marivar, bitte kommen!“ In den Augenwinkeln sah er, wie Vilo mit finsterer Miene zum Sprung auf ihn ansetzte und auch andere ganz und gar nicht einverstanden mit dem waren, was er gerade tat, doch er riss sofort mit mahnendem Blick seinen linken Arm in die Höhe, streckte seinen Zeigefinger nach oben und schüttelte den Kopf. Daraufhin erstarrten alle in ihren Bewegungen und blieben stumm. „Bitte kommen Marivar!“ fuhr er fort. „Hörst du uns, Marivar? Bist du da? Hallo Marivar. Bitte kommen! Kommen bitte!“ Dann erst nahm er den Finger vom Rufknopf.

„Was zum…?“ Narrix war bass erstaunt und starrte auf das Funkgerät, als hätte es sich eben in eine vollautomatische Waschmaschine verwandelt. „…Teufel?“

Auch Jorik war sehr überrascht. Das war eindeutig Mavis Stimme, die er da gehört hatte. Er lebte also noch! Freude durchzuckte ihn, einen Augenblick lang. Dann war ihm klar, was gleich passieren würde und Panik stieg in ihm auf, denn er wusste, dass er das nicht zulassen durfte.

„Bist du irre, Mann?“ brüllte Vilo sofort und war einen Wimpernschlag später direkt neben ihm.

„Was zur Hölle tun sie da?“ zischte auch Tibak.

„Ich denke, ich weiß es!“ sagte Melia unvermittelt und alle sahen sie an. Die junge Frau schaute zu Mavis. „Du hoffst, dass der Feind mithört!?“

Mavis konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als er nickte. „Stimmt!“ Er blickte zu Vilo. „Oder glaubst du etwa, dass Jorik und die anderen frei sind?“

Sein Freund schien zu überlegen, dann schüttelte er den Kopf. „Nein, wohl kaum!“ Er verzog die Mundwinkel.

„Eben!“ Mavis schaute auch die anderen an. „Also haltet eure Klappen und lasst mich was versuchen, verdammt!“ Er brummte missmutig und wandte sich wieder dem Kommunikator zu.

Marivar war überrascht und ganz sicher total verwirrt, dass sie im ersten Moment überhaupt nicht wusste, was sie tun sollte.

Da war noch immer die Freude darüber, eine Verbindung zu Jorik zu haben, von dem sie hoffte, dass er und die anderen sich befreit haben konnten, obwohl seine letzten Worte nicht wirklich danach klangen. Und urplötzlich hörte sie Mavis Stimme, der förmlich durch den Äther flötete, als wäre alles easy und in Butter. Zur ersten Überraschung gesellte sich ebenfalls Freude, denn das hieß ja wohl, dass auch er und die, die bei ihm waren, wohlauf waren.

Sollte sich alles einfach so in Wohlgefallen auflösen? Plötzlich wurde sie unsicher. Konnte es denn so viel Glück wohl geben?

„Mavis?“ sprach sie vorsichtig in das Mikro. „Mavis, bist du das?“

„Ja Süße, ich bin es!“ antwortete Mavis.

„Seid…!“ Sie zögerte. „Seid ihr wohlauf? Konntet ihr dem Angriff entgehen?“

Mavis verzog das Gesicht. „Nein, nicht wirklich!“ Er atmete kurz durch. „Aber wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Das Schiff ist hinüber, aber wir alle wohlauf!“

„Oh das ist ja wunderbar!“ Mavis konnte förmlich spüren, wie sie lächelte. „Wirklich!“ Aber er bemerkte auch noch eine gewisse Unsicherheit in ihrer Stimme.

Das musst du ändern! „Wie geht es dir?“

„Gut!“ Es schien, als sollte dies ihr einziger Kommentar sein, doch dann fügte sie hinzu. „Ich bin in Sicherheit!“

„Das ist prima!“ sagte Mavis schnell, bevor er riskierte, das Marivar preisgab, wo sie sich befand. „Und das soll auch so bleiben!“ Er hielt einen Augenblick inne, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Jetzt kommt der schwierige Teil. „Hast du etwas von Jorik und den anderen gehört?“

„Ja!“ rief Marivar sofort. „Ja, habe ich!“ Ihre Erregung war förmlich zu spüren. „Gerade eben! Hast du ihn denn nicht gehört?“

„Nein!“ Mavis verzog wieder die Mundwinkel und schaute die anderen an, in deren Gesichtern er teilweise sehen konnte, dass ihnen sein Plan allmählich dämmerte. „Tut mir leid! Was sagt er denn?“

„Er…!“ Sie stoppte, weil ihr bewusst wurde, dass Jorik eigentlich noch so gut wie nichts gesagt hatte. „Er hat nach mir gerufen! Ich denke deshalb, dass sie entkommen konnten!“

Das war zu viel.

Jorik hielt es nicht mehr auf dem Sitz. Er musste etwas unternehmen. Mit einer schnellen Bewegung zuckte sein Oberkörper nach vorn, seine rechte Hand ergriff das Mikro, während der linke Zeigefinger den Rufknopf drückte. „Da…!“ Weiter kam er nicht, denn dann spürte er einen irrsinnig harten Schlag gegen seinen Kopf und die Welt um ihn herum flammte für einen Lidschlag grell auf, bevor alles in Finsternis versank.

Narrix hatte geahnt, dass Jorik etwas versuchen würde. Dennoch hatte er einen Augenblick zu lang gebraucht, um ihn zu stoppen. Der Schlag mit dem Pistolenknauf gegen seine Schläfe war dafür umso härter ausgefallen. Wie ein gefällter Baum sackte Jorik zur Seite, schlug zu Boden und blieb bewusstlos und mit einer Platzwunde an der Schläfe liegen.

„Jorik?“ Marivar schreckte auf, als sie seine Stimme hörte. Doch warum sprach er nicht weiter? Das hörte sich an wie abgehackt. War etwas passiert? „Jorik, was ist los?“ Doch sie bekam keine Antwort.

„Marivar?“ Das war Mavis. „Bist du noch da?“

„Was?“ Unruhe stieg in ihr auf. „Ja. Ja, ich bin noch dran!“

„Ist etwas passiert?“

„Was? Ja, natürlich! Hast du es denn nicht gehört?“

Achtung! „Gehört, was?“

„Jorik!“

„Jorik?“

„Ja, er wollte etwas sagen, aber…dann war er einfach wieder weg!“ Sorge schwang in ihrer Stimme mit.

„Nein, tut mir leid! Ich kann euch auch nicht gleichzeitig hören! Das geht rein technisch gar nicht!“ Es sei denn, man hat ein defektes Gerät! fügte er im Stillen hinzu. Er hielt wieder inne und Marivars Schweigen sagte ihm, wie hilflos sie sich gerade fühlen musste. „Hör zu, Marivar!“ Jetzt der Big Point! „Ich würde nicht darauf wetten, dass Jorik in Sicherheit ist. Ich denke eher, dass es…!“

„Was? Was denkst du ist es?“

„Eine Finte!“ Mavis Gesichtsausdruck wurde hart und traurig.

„Eine.!?“ Wieder war zu spüren, wie Verzweiflung allmählich von ihr Besitz ergriff. „Oh mein Gott!“ Sie schluchzte. „Jorik!“

„Marivar?“ Keine Antwort. „Marivar?“

Wieder ein Schluchzen. „Ja?“

„Hör mir zu, Marivar!“ Keine Reaktion. „Hörst du mir zu?“ Er musste fordernder sprechen, als er es eigentlich wollte. Die Vorstellung, in welch schlimmer Situation sich Jorik und die anderen befanden, hatte ihm längst einen Kloss in den Hals getrieben.

„Ja!“ Sie schniefte durch die Nase. „Ich höre!“

„Wir kommen zu dir! Hörst du? Ich, Vilo, Kaleena, Captain Cosco und all die anderen kommen zu dir. Wir haben zwar kein Flugboot mehr, aber wir werden das schon irgendwie schaffen. Wir werden den Mioli-Fluss nutzen und seinem Lauf bis an die Küste folgen. Von dort werden wir einen Weg finden, nach Kimuri überzusetzen. Und dann werden wir dich holen und Jorik und all unsere Freunde aus den Fängen dieses…!“ Du hörst mit! Ich weiß, dass du mithörst! „…Psychopathen befreien!“

Einen Moment war Ruhe im Äther. „Ja!“ Marivars Stimme klang schwach und wenig zuversichtlich. „Tut das!“ Wieder ein Schluchzen. „Aber tut es schnell, bitte!“

„Wir machen uns sofort auf den Weg!“

„Und wie werde ich wissen, dass ihr da seid?“

„Oh, keine Sorge! Wir finden dich! Mein Wort darauf!“ Er nickte mit einem aufmunternden Lächeln, als könne Marivar ihn sehen. „Mavis Ende!“ Und damit kappte er die Verbindung.

*

Im Schiffswrack vor der Küste Kimuris ließ Marivar ihre Hand vom Kommunikator sinken. Blicklos schaute sie aus dem Bullauge auf die aufgewühlte See, über der gerade ein weiterer Gewittersturm niederging. Ihr Gesicht zeigte eine Mischung aus Hoffnungslosigkeit, Trauer, Mutlosigkeit und Überforderung.

Als sie erwacht war, war alles einfach nur schrecklich gewesen. Joriks und dann auch Mavis Meldung über Funk hatten in ihr die Hoffnung aufkeimen lassen, dass sich alles zum Guten wenden könnte. Doch jetzt war von alldem nichts mehr geblieben, sondern hatte sich wieder ins Gegenteil umgekehrt.

Sie wusste nicht, was sie jetzt tun sollte, was sie überhaupt tun konnte. Sie war allein, überfordert und am Ende ihrer Kräfte, physisch, mehr aber noch psychisch.

Tränen rannen aus ihren Augen und über ihre Wangen. Sie versuchte, sie noch zu unterdrücken, doch war da keine Spur mehr von Kraft, die sie in sich spürte. Im nächsten Moment musste sie schluchzen.

Nichts hatte sich geändert. Sie war noch immer allein und so unglaublich hilflos, dass es einfach nur schrecklich wehtat.

*

Narrix richtete sich mit einem tiefen Atemzug auf und ein immer breiter werdendes Lächeln erschien auf seinen Lippen. Das Schicksal hatte gesprochen.

Diejenigen, die er noch vor einer Stunde verloren geglaubt hatte, waren zu ihm zurückgekehrt. Und wussten nicht, dass er es wusste.

Jetzt hatte er wieder alle Trümpfe in der Hand. Marivar hierher zu locken war plötzlich nicht mehr so wichtig, denn ihm bot sich die Chance, die einzufangen, die ihm getrotzt und eines seiner Schiffe zerstört hatten.

Ja, er wusste, wie er sie finden konnte – und sie wussten nicht, dass er es wusste.

„Sergeant!“ rief er und einer seiner Männer sprang herbei.

„Ja, Sir?“

„Benachrichtigen sie Lieutenant Yunok. Er soll eines der Flugboote startklar machen!“ Er sah den Sergeanten direkt an und wieder musste er grinsen. „Ich habe einen interessanten Auftrag für ihn!“

*

„Und?“ fragte Mavis mit großen Augen.

„Und, was?“ fragte Tibak zurück.

„Wie war ich? Hättet ihr es mir abgekauft?“

„Na ja!“ meinte Vilo und verzog die Mundwinkel. „Wie man es nimmt. Als Laiendarsteller gerade noch erträglich, aber reich wirst du mit dieser Gabe sicher nicht werden!“ Er wollte gerade breit grinsen, als Melia vor die Gruppe trat.

„Unsinn!“ Sie drehte sich zu Mavis herum und wartete, bis er sie ansah. „Du warst…!“ Sie lächelte, doch es war nur ein bedingt fröhliches Lächeln, und schüttelte leicht den Kopf. „…absolut großartig!“

Mavis lachte auf, seine Anspannung löste sich. In seinem Überschwang, verbunden mit der Tatsache, dass es Melia war, die ihn gelobt hatte, trat er zu ihr, schlang seine Arme um sie und küsste sie, herzhaft und leidenschaftlich auf den Mund. Im ersten Moment war sie sichtlich überrascht, dann aber stöhnte sie leise und genoss es – ganze zwei Sekunden lang, dann schob sie ihn sanft von sich. Mavis registrierte das aber kaum, da er sich selbst gerade von ihr lösen wollte. „Geil!“ Er lachte nochmals auf. „Dann brauchen wir jetzt wohl einen Plan, was?“ Und während ihm die anderen zustimmten, löste sich Melia unbemerkt gänzlich von ihm und verließ die Kommandobrücke. In ihrem Gesicht war ein trauriges Lächeln zu sehen und ihre Augen schimmerten feucht. Einzig Leira schaute ihr nach und sie spürte, dass mit der jungen Frau etwas nicht stimmte.

VII

„Kommen sie mit oder wollen sie hier weiter die Stellung halten?“ hatte Mavis den Admiral gefragt, nachdem sie wieder zurück in den Höhlen neben der Kamarulu waren. Lobos hatte ihn zunächst unschlüssig angeschaut, doch Mavis grinste nur kurz und sagte. „Na kommen sie mal ruhig mit! Ein bisschen Abwechslung wird ihnen guttun. Und außerdem sind wir ihnen ja auch noch unsere Geschichte schuldig!“

„Ihre Geschichte?“

„Ja!“ Vilo neben ihnen lachte heiser auf. „Wir waren hier nicht gerade auf einer beschaulichen Fahrt durchs Land, als uns das Flugboot unterm Arsch wegexplodiert ist!“

„Das weiß ich doch!“ raunte Lobos gereizt.

Vilo nickte. „Aber den Grund, warum wir nach Kimuri wollten und warum unsere Freunde dort gefangen gehalten werden, den kennen sie noch nicht!“

„Hm!“ brummte der Admiral. „Ist der denn wirklich wichtig?“

„Oh ja!“ rief Mavis und lachte ebenfalls auf. „Und wie!“

Lobos brummte nochmals mit verzogenen Mundwinkeln, dann nickte er. „Aber nicht, weil ich neugierig bin!“

Mavis schaute Vilo mit hochgezogenen Augenbrauen und einem Lächeln an, dann zuckte er in den Schultern. „Sondern?“ Er blickte den Admiral an.

„Weil mir bei dem Gedanken, dass ein Angehöriger unserer Truppen seine Macht missbraucht und förmlich Amok läuft, echt die Galle hochkommt!“

Damit schien Mavis zufrieden, denn er nickte nur und ging dann davon. Der Grund war, dass er Melia ausgemacht hatte. Sie bog gerade um eine Ecke und war rund zehn Meter von ihm entfernt. Sie ging langsam, irgendwie geduckt und hatte ihren Kopf gesenkt, als würde sie nachdenken. Mavis verspürte keinen sehnlicheren Wunsch, als ihr zu folgen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr und er musste wissen, was es war, bevor sie zu ihrer Mission zur Befreiung ihrer Freunde aufbrachen.

Doch er hatte kaum mehr als zwei Schritte getan, als sich ihm Pater Matu in den Weg stellte. „Auf ein Wort!?“ sagte der Geistliche.

Mavis wusste, er durfte seine eigenen Belange nicht über die der Sache stellen. Dazu hatten sie bisher schon viel zu viel investiert und davon hing auch einfach viel zu viel ab. Also nickte er widerwillig.

Matu zog ihn an den Rand des Stollens. Während er sprach, schaute Mavis dennoch immer wieder in die Richtung, in die Melia verschwunden war. „Wenn sie sich auf den Weg machen, um die anderen zu retten, würde ich gern mit dem Jungen…!“ Der Pater nickte an Mavis vorbei und erst jetzt fiel ihm auf, dass Chalek neben ihnen stand. Als der Junge Mavis ansah, lächelte er und nickte. „...hierbleiben und weiter versuchen zu verstehen, was es mit ihm und all dem überhaupt auf sich hat!“

Mavis hörte ihm nicht hundertprozentig zu, doch verstand er die Beweggründe des Priesters und fand sie logisch und gut. Entsprechend nickte er. „Ja! Tun sie, was nötig ist, um aus Shamos Worten am Ende Taten folgen zu lassen!“

Matu war zufrieden. „Das werde ich!“

„Passen sie gut auf den Jungen auf!“ sagte Mavis. „Er ist wahrscheinlich das kostbarste Gut, das wir noch haben!“

„Ich weiß!“

„Und haben sie...!“ Mavis Blick wurde ein wenig traurig. „...bitte auch ein Auge auf Melia!“

„Sie kommt nicht mit ihnen?“ Matu war erstaunt.

„Sie würde wohl bestimmt wollen, aber…!“ Mavis atmete einmal tief durch. „Der Junge wird nicht hierbleiben wollen, wenn sie mit mir geht!“ Er drehte sich zu Chalek und sah ihn mit großen Augen an. „Oder?“

Der Junge lächelte und schüttelte den Kopf.

„Dachte ich es mir doch!“ Mavis nickte mit verzogenen Mundwinkeln und drehte sich zurück zu Matu. „Also nutzen sie ihre Zeit, bis wir zurück sind!“

Es schien zwar so, als wäre er ein wenig traurig darüber, dass Melia jetzt nicht mit ihm kommen würde, doch das stimmte nicht. Eigentlich war er sogar froh darüber, denn er wollte sie nicht schon wieder in einer gefährlichen Situation sehen. Bei sich haben: Ja, am liebsten jetzt und für alle Zeiten. Aber nicht schon wieder in Gefahr. Sie brauchte vielleicht, vielleicht sogar ganz sicher, Ruhe, um alles, was in den letzten beiden Tagen geschehen war, zu verarbeiten. Diese Ruhe wollte er ihr gönnen und ihre Rettungsaktion bot dafür genau den richtigen Anlass. Allerdings hieß das nicht, dass er gehen würde, ohne mit ihr zu reden. Er wollte es, er musste es und deshalb würde er jetzt zu ihr gehen, komme, was da wolle.

„Mavis!“ Er hatte dieses Mal nicht einmal einen halben Schritt machen können, als Vilo neben ihm erschien.

„Was?“ raunte er.

„Du musst mitkommen!“

Er schaute seinen Freund mit finsterer Miene an. „Ich habe jetzt aber keine Zeit!“

„Was?“ Vilo zog die Augenbrauen zusammen. „Was soll das heißen? Wir müssen los, verdammt!“

„Jetzt schon?“

Vilo nickte. „Wir holen uns was aus Lobos Waffenfundus und dann müssen wir raus aus den Höhlen, rauf in die Ebene und Richtung Westen marschieren!“

„Ja, schon gut!“ Mavis nickte säuerlich. „Ich brauche…!“ Er wog mit einem gequälten Gesichtsausdruck den Kopf hin und her. „…zehn Minuten!“

Doch Vilo schüttelte den Kopf. „Wenn Narrix deine Story gefressen hat, ist womöglich schon jetzt ein Flugboot zu uns unterwegs. Und dann dauert es keine halbe Stunde, bis es hier ist!“ Vilo hatte die Augenbrauen hochgezogen und schaute Mavis direkt an. „Je näher wir dann noch den Wasserfällen und der Kamarulu sind, desto größer ist das Risiko, dass man sie entdeckt!“ Er schürzte die Lippen. „Und das willst du wohl nicht, oder?“

Mavis wusste, dass sein Freund Recht hatte, doch schmerzte die Konsequenz daraus sehr. Und so nickte er auch nur zögerlich und widerwillig. „Ich komme ja schon!“ Seine Stimme klang kraftlos.

Vilo nickte zufrieden, doch als er sich herumdrehte und einige Schritte mit Mavis in Richtung Lobos ging, der bereits ungeduldig auf sie wartete, verdunkelte sich sein Gesicht und er blickte immer wieder verstohlen zu Kaleena, die mit Leira und Jovis zusammenstand und an der sie in wenigen Augenblicken vorbeikommen würden. Seine Frau blickte ihn auch schon mit großen Augen und irgendwie erwartungsvoll an. Das versetzte ihm einen Stich in den Magen, denn ihm stand noch eine heikle Angelegenheit bevor, da er wieder versuchen würde, Kaleena davon zu überzeugen, nicht mitzukommen.

Leira hatte sie darauf aufmerksam gemacht und Kaleena hatte sich selbst eingestehen müssen, dass sie keinen Gedanken darauf verschwendet hatte. Das verursachte bei ihr ein schlechtes Gewissen. Doch sie konnte dem Bärenwesen nur Recht geben. Sie brauchte Melia nur anzusehen – und sei es nur aus der Entfernung von einigen Metern – und sie wusste, dass in der Tat mit ihr etwas nicht stimmte. Und das konnte nur wieder mit Mavis zusammenhängen.

Damals, vor sieben Jahren, waren sie und Melia sehr gute Freundinnen gewesen. Mit Ausbruch des Krieges hatten sie sich aus den Augen verloren und eigentlich nur durch einen echten Zufall vor zwei Tagen wiedergefunden. Obwohl Melia offensichtlich ihr Gedächtnis verloren hatte und sich schwertat, sich an ihre Vergangenheit und somit an Kaleena und all die anderen zu erinnern, gelang es Kaleena, diese Lücke sehr schnell wieder zu füllen. Und es dauerte nur wenige Stunden und sie empfand wieder die gleiche Liebe zu Melia, wie schon vor Jahren. Weil sie erkannte, welch wundervoller Mensch diese junge Frau damals und auch jetzt noch immer war, betrachtete sie sie auch weiterhin als sehr gute Freundin.

Das größte Problem hatte Melia mit Mavis, ihrer Vergangenheit mit ihm, ihren Erinnerungen an ihn und seinem veränderten Aussehen durch den schlimmen Unfall in Kos Korros. Allerdings schien dieses Problem allmählich gelöst zu sein.

Jetzt aber, beim traurigen, nachdenklichen Anblick ihrer Freundin, wurde ihr bewusst, dass dem wohl doch noch nicht so war.

Und Kaleena musste sich eingestehen, dass sie nur dann von wahrer Freundschaft zu ihr reden konnte, wenn sie sich jetzt um sie kümmerte – auch wenn das bedeutete, nicht mit Vilo und den anderen nach Kimuri zu gehen.

Sie teilte Leira ihren Entschluss mit und sagte ihr, dass sie dafür gehen konnte. Vilo und die anderen würden sich bestimmt freuen, das monströse Wesen bei sich zu haben. Leira konnte ihnen speziell im ersten Teil ihres Vorhabens sicherlich gute Dienste leisten.

Ihre Freundin fand den Gedanken auch gut und willigte sofort ein.

Um Jovis brauchte sich Kaleena keine Sorgen zu machen, der würde hier genügend interessante Dinge finden, mit denen er sich beschäftigen konnte. Sie würde also ausreichend Zeit haben, sich um Melia zu kümmern.

Kaum hatte sie ihren Entschluss nochmals für sich bekräftigt, da sah sie, wie Vilo mit finsterer, aber auch unsicherer Miene auf sie zukam.

„Ähm Schatz?“ Vilo trat vor sie und wartete, bis sie ihn mit großen Augen ansah. „Kann ich dich mal sprechen?“

Kaleena ahnte bereits, was er wollte und musste innerlich grinsen. „Was gibt es?“ fragte sie aber in forschem Ton und mit ernster Miene.

„Ich…ähm…!“ Er atmete einmal mit säuerlichem Blick durch. „Ich möchte, dass du hier bei Jovis bleibst!“ Er schaute sie wenig hoffnungsvoll an, sofort bereit, ihren herben Protest zu vernehmen.

Kaleena atmete hörbar ein, doch dann sagte sie. „Okay!“ und lächelte ihn an.

Vilo war sofort bass erstaunt. „Okay? Einfach so?“

„Ja, einfach so!“ Sie verzog die Mundwinkel. „Und jetzt mach verdammt nochmal keine große Sache daraus und geh schon!“ Sie beugte sich vor und küsste ihn kurz, aber leidenschaftlich. „Bringt uns unsere Freunde zurück!“ Ihr Blick wurde plötzlich ein wenig traurig und schmerzvoll.

Vilo verstand. Es war allemal ein schwieriges und gefährliches Manöver. Dies konnte wieder einmal der letzte gemeinsame Moment sein, den sie hatten. Und deshalb beugte jetzt er sich vor und küsste Kaleena nochmals kurz und leidenschaftlich. „Das werden wir!“ Er lächelte aufmunternd, aber müde. Dann ging er zu Jovis und forderte ihn auf, auf seine Mutter und Leira aufzupassen.

Doch das Bärenwesen stieß einige Laute aus und Vilo war sichtlich erstaunt. „Echt?“ Er drehte sich zu Kaleena, die jedoch lächelnd nickte. Vilo schob den Unterkiefer vor und nickte jetzt ebenfalls. „Prima!“ Er klopfte Leira gegen die Schulter. „Willkommen im Team!“

Leira grinste kurz, dann folgte sie Vilo.

Kaleena sah ihnen mit einem wehmütigen Lächeln, verbunden mit all ihren guten Wünschen und Hoffnungen, hinterher. Dann aber riss sich förmlich zusammen und wandte sich an Jovis. „Na mein Schatz, was hältst du davon, wenn wir uns hier mal ein bisschen umsehen, was?“ Sie lächelte breit und tätschelte ihm über den Kopf.

Der Junge, anfangs noch fröhlich, protestierte sofort. „Lass das Mama! Ich bin doch kein Kind mehr!“

„Was?“ Kaleena war sichtlich erstaunt und schaute ihren Sohn mit großen Augen an. Dabei verlor ihr Lächeln seine Fröhlichkeit, weil sie erkennen musste, dass er Recht hatte. Eigentlich war er nie wirklich Kind gewesen, der Krieg hatte ihm eine Chance darauf verwehrt. Plötzlich fühlte sich Kaleena schwach und hilflos und hätte am liebsten losgeheult. Jovis war jetzt fast sieben Jahre alt und wandelte bereits seit seinem ersten Atemzug durch den wahrhaftigen Alptraum der grausamsten Hölle, die man sich nur vorzustellen vermochte. Ein unvergleichlich grausamer Krieg, der ihm niemals auch nur den Hauch einer Chance gegeben hatte, Kind sein zu dürfen. Plötzlich aber verspürte Kaleena eine Kraft in sich, die ihr Mut machte. Jovis war genau der Antrieb, der sie weitermachen ließ. Anstatt zu verzweifeln, versuchten sie eine Lösung zu finden, den Krieg zu beenden, ihre Feinde zu vernichten, diesen Planeten und all seine Bewohner zu erretten. Auch damit ihr Sohn am Ende doch noch Kind sein und sein Leben in dem Wissen um das Grauen eines Krieges, aber im Angesicht einer wundervollen Welt verbringen konnte. Kaleena hockte sich vor ihn, sah ihm in die Augen, die sie groß und klar anblickten und gewann ihr Lächeln zurück. „Es tut mir leid!“ sagte sie. „Ich weiß, dass du schon groß bist. Und ich bin sehr froh, dass du hier bist, um auf mich aufzupassen!“ Sie küsste ihn auf die Stirn. „Dein Vater hat großes Vertrauen in dich und ist sehr stolz auf dich!“ Sie wartete, bis der Junge, der sich durch ein paar Geräusche neben ihnen hatte ablenken lassen, sie wieder ansah. „Und ich bin es auch!“ Jovis war sichtlich erfreut über ihre Worte und lächelte, woraufhin sie ihn fest umarmte.

„Mama!“ protestierte Jovis und drückte sie von sich. „Lass das!“

Kaleena standen beinahe Tränen in den Augen, als sie sie schloss und ihren Jungen nochmals ganz fest drückte. Dann ließ sie ihn mit einem tiefen Atemzug los. „Tut mir leid!“ sagte sie. „Aber, wenn ich sehe, was für einen tollen Jungen ich habe, überkommt es mich eben manchmal!“ Sie lächelte entwaffnend. „Kannst du deiner Mutter nochmal verzeihen?“

Jovis verzog die Mundwinkel, nickte dann aber. „Klar!“ Er grinste kurz und ergriff ihre rechte Hand. „Und jetzt komm!“

Kaleena konnte kaum wieder richtig auf die Beine kommen, da zog er sie schon mit sich. Sie musste kurz auflachen und ließ es geschehen. Sie würde jetzt eine Zeitlang bei ihm bleiben, bis er etwas gefunden hatte, dass ihn mehr interessierte, als die Anwesenheit seiner Mutter. Dann würde sie Melia aufsuchen.

Das Waffenarsenal von Lobos Trupp war ziemlich beachtlich. Offensichtlich war alles, was noch brauchbar war, aus der Kamarulu hierhergeschafft worden. Und das war wirklich nicht wenig. Es gab Dutzende von Handfeuerwaffen, von der kleinen Pistole bis hin zum schweren Impulsgewehr mit Granatwerfer. Dazu jede Menge Sprenggranaten und sonstige Explosionsstoffe. Außerdem etliche Hieb- und Stichwaffen.

Lobos erklärte ihnen, dass sie die Waffen vor der Feuchtigkeit im Inneren des Schiffes in Sicherheit gebracht hatten, dass es dort jedoch noch einige größere Waffen gab, wie etwa Kanonen, Lafetten, schwere Granatwerfer, Mörser und Raketenabschussrampen, die allerdings entweder zu schwer waren, um sie hierher zu bringen oder zu groß oder eben einfach fest installiert. Deshalb hatte man sie und die Munition so gut es ging eingepackt, um sie zu schützen – für den Fall, dass man sie irgendwann noch einmal brauchen würde.

Mavis und die anderen waren beeindruckt und sehr zufrieden.

Für ihre Zwecke schnappten sie sich einige Sprenggranaten und Maschinengewehre. Captain Tibak bekam den schweren Granatwerfer, für den Fall einer Begegnung der widerlichen Art. Mavis schließlich nahm sich noch eines der Schwerter zur Hand. Es war lange her, dass er eine solche Waffe in der Hand gehalten hatte und er wog es fast ehrfürchtig hin und her. Als Noni war er – ebenso wie Vilo – meisterlich geschult im Umgang mit einem Schwert. Da jedoch niemand je damit rechnen konnte, fruchterregende Insekten zum Gegner zu haben, die mit einer solch rüden Wucht attackierten, waren Schwerter eigentlich nutzlos gegen sie. Dennoch verspürte Mavis beim Anblick der Waffe so etwas wie Wehmut und ohne noch lange darüber nachzudenken, band er sich die Scheide quer über den Rücken und schob den Stahl hinein.

Vilo beobachtete ihn dabei und als Mavis ihn ansah, verzog er zunächst die Mundwinkel, doch nickte er ihm dann einmal zu. Er selbst allerdings beließ es bei einem schweren Maschinengewehr und einem langen Messer, dass er an den Gürtel befestigte.

Einen Augenblick später waren alle startbereit und machten sich ohne weitere Verzögerungen auf den Weg.

Lobos führte sie schnell und sicher aus den Tunneln hinauf zur Oberfläche, wo sie im Laufschritt den Dschungel Richtung Westen durchquerten. Sie wussten, sie mussten sich beeilen. Wenn ihre Finte funktioniert hatte, würde hier bald ein Flugboot aus Kimuri auftauchen und dann mussten sie auch dafür sorgen, dass sie gesehen wurden. Im Dschungel war das jedoch nur schwer möglich und da sie weder riskieren durften, noch wollten, dass womöglich sogar die Gruppe in den Stollen oder die Kamarulu entdeckt wurden, beeilten sie sich, ihn zu durchqueren.

Sie hatten jedoch Glück, denn ihr Weg ging eigentlich beständig bergab und so hatten sie den Dschungel bereits nach zehn Minuten im Dauerlauf hinter sich gelassen. Dennoch mussten alle erst einmal schwer durchatmen und wieder zu Kräften kommen.

Hinter dem Dschungel sahen sie sich einer eher spärlichen Vegetation gegenüber. Nur vereinzelt wuchsen größere Bäume an den Ufern des Mioli, die aber hatten dann sehr ausladende, tellerförmige Kronen, die auch noch überraschend grün waren und durchaus Schatten gegen die drückende Hitze spenden und ein Versteck bieten konnten. Ansonsten gab es lediglich jede Menge Sumpfgras, das allerdings teilweise mannshoch wuchs. Da das Flussufer auf ihrer Seite sehr flach war, beschlossen sie ihren Weg zwischen dem Wasser und der Vegetation einzuschlagen. So konnten sie sicher sein, aus der Luft gesehen zu werden, gleichzeitig aber genügend Schutzmöglichkeiten vor feindlichen Jägern zu haben und im schlimmsten Fall Schutz vor anstürmenden Bestien im Mioli selbst zu finden.

Alles in allem nicht die schlechteste Ausgangsposition.

Mavis, Vilo, Lobos und Leira bildeten die Vorhut, fünf weitere Männer des Admirals und Captain Cosco blieben in der Mitte. Captain Tibak, Sergeant Dek und nochmals zwei von Lobos Männern bildeten die Nachhut.

„Wie lange denken sie wird es dauern, bis man uns findet?“ fragte Lobos.

Mavis zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht. Eine halbe Stunde vielleicht!“

Der Admiral nickte mit ernster Miene. „Sie wollten mir noch ihre Geschichte erzählen!“

Mavis schaute den Admiral an und musste lächeln. „Richtig, das wollten wir!“

„Na, dann schießen sie mal los!“ Lobos schien etwas gelangweilt.

„Okay!“ meinte Vilo. „Aber wir müssen sie warnen!“

„Warnen?“ Der Admiral hob überrascht die Augenbrauen. „Weil sie so langweilig ist, dass ich Gefahr laufe einzuschlafen?“ Er lachte heiser auf.

„Nein!“ Jetzt musste auch Mavis auflachen, doch als er den Kopf schüttelte wurde er plötzlich sehr ernst. „Weil danach für sie und ihre Männer nichts mehr so sein wird, wie es war!“

VIII

„Jorik?“ Die Stimme war sanft und leise und drang nur wie durch eine dichte Nebelwand zu ihm. Es war auch das einzige, das er wahrnahm. Er spürte weder seinen Körper, noch seinen Geist. Alles war dunkel, taub und leer. „Jorik?“ Die Stimme wurde etwas lauter, blieb aber sanft. Und plötzlich spürte er auch eine Berührung. Allerdings vermochte er nicht zu sagen, wo an seinem Körper sie erfolgte. „Jorik, wach auf!“ Die Stimme wurde abermals lauter und auch ein klein wenig härter.

„Okay, lass mich mal!“ Das war eine andere Stimme. Sie klang dunkel, hart und wenig geduldig. Im nächsten Moment schon spürte er, wie etwas an ihm rüttelte.

Und es war, als würde damit seine Taubheit abgeschüttelt werden. Die Dunkelheit wich einem hellen Licht, doch anstelle der Taubheit traten vielfältige Schmerzen, die ihn komplett einzunehmen schienen und um ein Vielfaches schlimmer waren, als der Zustand zuvor.

„Nun komm schon!“ Die harte Stimme klang noch ungeduldiger und erneut wurde an ihm gerüttelt. Stechender Kopfschmerz hämmerte in seinen Schädel. Hör auf damit! schrie Jorik innerlich.

„Lass ihn!“ Das war wieder die sanfte Stimme. „Er braucht noch etwas Zeit!“

„Ich weiß, verdammt!“ Die harte Stimme klang jetzt mehr besorgt, als alles andere. „Aber das ist genau das, was wir nicht haben!“

Okay, ihr habt gewonnen! Jorik zwang sich, trotz aller Schmerzen, seine Augen zu öffnen. Er bereute es sofort, denn gleißendes Licht strömte in seinen Kopf und schien sein Gehirn wegschmelzen zu wollen. Er musste schwer stöhnen und spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Dennoch zwang er sich, die Augen offen zu halten und drückte sich sogar aus seiner Liegeposition in die Höhe. Er spürte, wie ihn helfende Hände stützten, sodass er es einfacher hatte, doch als er aufrecht saß, musste er seinem dröhnenden Kopfschmerz Tribut zollen und erbrach sich direkt vor seine Füße. Jorik spürte ekelhaft bittere Galle in sich aufsteigen und hatte das Gefühl, als drücke etwas von innen gegen sein Gesicht und wolle es ebenfalls zu Boden werfen. Sein Magen krampfte erbärmlich und er musste fast ebenso wild husten, wie würgen. Nach einer schieren Ewigkeit hatte Jorik dann das Gefühl, er würde gleich ersticken. Sein Oberkörper zuckte in die Höhe und er musste mehrmals tief durchatmen. Widererwartend gelang es ihm dabei, seinen Kopf etwas zu beruhigen.

„Komm, setz dich nach hinten!“ Da war sie wieder, die sanfte Stimme und als er nach rechts schaute, erkannte er Idis neben sich, die ihn besorgt ansah und mit leichtem Druck nach hinten schob.

Jorik ließ es geschehen. Schweratmend, komplett kraftlos und am ganzen Körper zitternd driftete sein Oberkörper nach hinten und fand schließlich Halt an der Felswand.

„Geht’s wieder?“ Das war die raue Stimme und durch einen glasigen Schleier konnte Jorik Rimbo erkennen. Sein Gesicht blickte ernst und ungeduldig, aber nicht minder besorgt.

Jorik hatte nicht die Kraft, etwas zu erwidern und auch keine Ahnung, was.

„Hier!“ Idis reichte ihm eine Wasserflasche. „Trink das!“ Jorik sah die Flasche, seine Augen leuchteten augenblicklich, seine rechte Hand zuckte in die Höhe und er wollte ihr die Flasche aus der Hand reißen, doch sie zog sie sofort zurück. „Langsam und sinnig!“ Sie schaute ihn mahnend an.

Jorik zwang sich zur Ruhe und nickte. Als Idis sie ihm ein zweites Mal hinhielt, griff er behutsam zu und setzte sie an den Mund. Sofort aber wurde die Gier zu groß und er riss sie in die Höhe, ließ das kühle Nass in sich hineinstürzen.

„Na!“ rief Idis jedoch und als er sah, dass sie Anstalten machte, ihm die Flasche erneut wegzunehmen, senkte er sie von selbst und hielt erst einmal inne.

Nach einem langen, tiefen, leisen Rülpser schaute er sie an. „Danke!“ Und dann nahm er noch einen Schluck.

„Besser jetzt?“ fragte Rimbo und in seiner Stimme schwang Ungeduld mit.

Jorik senkte die Flasche, schluckte das Wasser langsam herunter, stöhnte dabei mit geschlossenen Augen, musste dann einmal kurz husten, schaute schließlich Rimbo an und nickte. „Besser!“

„Dann wird es Zeit, dass du uns ein paar Fragen beantwortest!“

„Fragen?“ Jorik schien verwundert. „Was für Fragen?“

„Na ja, eigentlich nur eine!“ Rimbos Blick verfinsterte sich. „Was zum Teufel hat Narrix mit dir und Esha gemacht?“

„Mit…!“ Plötzlich erstarrte Jorik. „Esha!“ Seine Gesichtszüge entgleisten. „Oh mein Gott!“ Er starrte Rimbo an, dann Idis. „Wo…? Wo ist sie?“

„Hier!“ Die Stimme kam von der anderen Seite der Zelle. Sie war dunkel und tief, sie klang besorgt und tränenerstickt. Jorik erkannte sie sofort. Sie gehörte Shamos. Ruckartig drückte er sich von der Wand ab und schaute an Idis vorbei zur anderen Seite. Sein Freund, der zerstreute Wissenschaftler mit dem zerzausten Haar, saß an die Zellenwand gelehnt und Esha, die Frau, die er liebte, lag schräg vor ihm auf dem Rücken auf dem Boden. Ihren Kopf hatte er in seinem Schoss gebettet und streichelte ihn sanft. Esha selbst schien bewusstlos, denn sie regte sich nicht und ihre Augen waren geschlossen.

Jorik spürte bei ihrem Anblick einen tiefen Stich im Herzen und innerhalb eines Lidschlages kamen seine Erinnerungen an die Misshandlungen von Narrix zurück. „Esha!“ Er sprang auf, geriet ins Taumeln, konnte sich aber an Idis und Rimbo abstützen, die reaktionsschnell ebenfalls aufgesprungen waren und lief auf die andere Seite. Neben Esha und Shamos sank er kraftlos auf die Knie. Als er das zerschundene Gesicht seiner Freundin sah und die deutlichen, zwei Finger breiten, dunkelroten Striemen um ihren Hals, schossen ihm Tränen in die Augen. Er hob seine zittrigen Hände und berührte Esha vorsichtig an der Wange. Dann sah er zu Shamos auf, in dessen Gesicht er eine Mischung aus Entsetzen, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit erkennen konnte. Seine Augen waren rot und aufgequollen, doch jetzt schien sein Freund einfach keine Tränen mehr in sich zu haben, die er noch hätte weinen können.

„Es…!“ Jorik musste schlucken. „...tut mir leid!“ Er wartete, bis Shamos ihn ansah. „Narrix hat sie als Druckmittel gegen mich benutzt. Er hat…!“ Wieder musste er schlucken. „…ihr einen Strick um den Hals gelegt und einfach angezogen. Erst dann wollte er von mir wissen, wo Marivar ist! Natürlich wollte ich es ihm sofort sagen, aber Esha verbot es mir!“ Joriks Blick wurde bitter. „Daraufhin hat er noch einmal angezogen!“ Er schüttelte den Kopf, kämpfte gegen Tränen an. „Ich habe ihn angefleht, sie wieder runterzulassen, ihn angeschrien, aber dieses widerliche Schwein hat es auch noch genossen!“ Er schniefte und schaute wieder Shamos an. „Als er dann von ihr abgelassen hat, war sie bewusstlos. Dann hat man sie zu euch gebracht!“ Für einen Augenblick herrschte Stille im Raum. „Aber Narrix wollte, dass sich Jemand um sie kümmert!?“ Er blickte zu Idis und Rimbo und erkannte, dass auch Kendig und Malawi bei ihnen waren.

Kendigs Frau nickte dann auch. „Ja, es war ein Sanitäter bei ihr und hat sie untersucht. Sie ist nur ohnmächtig!“ Ihr Gesicht war eine bitterernste Maske. „Sie hat Glück gehabt!“

Jorik nickte mit dem Versuch eines Lächelns. „Sie war so tapfer!“ Er schaute wieder zu Shamos. „Du hast eine unglaublich mutige Frau an deiner Seite!“

„Ich…!“ Shamos traten plötzlich doch wieder Tränen in die Augen. „…weiß!“ Er schluchzte, beugte sich herab und küsste Esha sanft auf die Stirn, dann hielt er sie noch etwas fester in seinen Armen.

*

„Und das glauben sie...?“ Lobos hatte den beiden Commanders aufmerksam zugehört und schaute sie jetzt, nachdem sie geendet hatten, nacheinander an. „…wirklich?“

Mavis musste kurz grinsen, denn er konnte die Zweifel seines Gegenübers nachvollziehen. Ihre Geschichte war mehr als fantastisch und barg eher die Wahrscheinlichkeit, dass die Erzähler den Verstand verloren hatten, als dass sie wahr wäre. „Ja, das tue ich!“ erwiderte er dennoch mit fester Stimme und geradem Blick. Welche andere Wahl hätte ich denn auch sonst noch? fügte er im Stillen hinzu.

„Ich glaube auch daran!“ sagte Cosco und nickte zusätzlich.

„Ich übrigens auch!“ rief Tibak von hinten.

„Dito!“ fügte Dek hinzu.

Und Leira brummte ebenfalls zustimmend.

Alle vier schauten den Admiral und seine Männer geradeheraus und forsch an, als würden sie Widerspruch erhoffen, um sich streiten zu können.

„Es gibt immerhin einige Fakten!“ meinte Vilo und blieb stehen. Da klar war, dass alle und nicht nur Lobos ihre Geschichte gehört hatten, was auch besser war, wollte er, dass alle es mitbekamen.

„Richtig!“ erwiderte Cosco. „Der Planet wird untergehen! Das ist Fakt!“ Er verzog die Mundwinkel. „Das spürt mittlerweile wohl auch der Letzte!“ Er sah in die Runde und alle nickten.

„Der sinkende Wasserstand des Mioli ist auch ein Resultat davon!“ meinte Vilo.

„Also wird es in diesem Krieg unter normalen Umständen keinen Sieger geben!“ sagte Lobos mehr zu sich selbst, als zu den anderen und nickte nachdenklich.

„Genau deshalb hatte Shamos sich auf diese Legende eingelassen!“ fügte Mavis an. „Und er fand die uralten Schriften, die ihn zu dem Amulett führten, das die verborgenen Verstecke der Formel und des Kristalls preisgaben!“

„Und dann sind sie auf getrennten Wegen auf die Suche gegangen!?“ meinte einer von Lobos Männern.

Tibak nickte. „Und ich schwöre bei Gott, dass ich bis zum letzten Moment an den Erfolg unserer Mission gezweifelt habe! Aber soll ich euch etwas sagen?“ Er blickte in die Runde. „Da war er, dieser Kristall. Genau wie beschrieben. Gleißend hell und wunderschön!“ Er lächelte bei dem Gedanken daran, verlor es jedoch sofort wieder. „Wenn auch im wahrhaftigen Schlund der Hölle!“

„Okay!“ Lobos nickte. „Und dann habt ihr diesen Kristall an euch genommen und hierher mitgebracht!?“

„Kann man so sagen, ja!“ meinte Dek.

Lobos sah den Sergeanten einen Augenblick an, dann nickte er. „Richtig! Da war was mit diesem Jungen!“

„Chalek!“ erwiderte Mavis.

„Chalek! Richtig! Er hat was mit dem Kristall gemacht?“

„Er hat ihn…!“ Cosco suchte nach Worten. „...aufgesogen, irgendwie in sich aufgenommen!“

Lobos und seine Männer schauten ihn etwas irritiert an.

„Hören sie!“ hob Mavis an. „Da ist sicherlich jede Menge Magie und so ein Zeugs dabei gewesen, ich weiß nicht. Ich...!“ Er schaute seine Freunde an. „Wir sind uns alle, denke ich, noch nicht völlig sicher, welche Rolle der Junge bei der ganzen Sache spielt…spielen soll...spielen wird! Aber ich bin mir sicher, die Formel wird das ans Licht bringen!“

„Die Formel?“ Lobos schien überrascht. „Richtig, die Formel, die ihre Freunde aus der Eiswüste Poremiens mitgebracht haben, bevor Narrix und seine Männer sie gefangengenommen haben!“

Der Admiral sah die beiden Commanders an, doch die wirkten gerade etwas verlegen.

„Im Prinzip schon!“ sagte Vilo salomonisch.

„Und warum nur im Prinzip?“

„Weil…!“ Mavis hielt inne und atmete einmal tief durch. „…wir zwar wissen, dass sie die Formel gefunden haben, nicht aber, was mit ihr bei oder nach dem Überfall von Narrix passiert ist!“

Lobos schürzte die Lippen. „Das heißt also, sie könnte ebenso gut auch verlorengegangen oder vernichtet worden sein!“

Mavis machte plötzlich ein ziemlich säuerliches Gesicht und brummte. „So, wie sie das sagen, klingt das jetzt echt beschissen!“

„Und es ist vollkommen voreilig!“ rief Vilo mit fester Stimme. „Jeder wusste um die Wichtigkeit der Formel und das jederzeit mit einem Angriff – wenn auch eigentlich von anderer Seite - gerechnet werden musste!“ Er schaute Cosco an, der ihm zunickte. „Ich bin mir sicher, sie haben alles getan, um die Formel zu schützen!“ Jetzt nickte er zur Selbstbestätigung. „Und Narrix, dieser miese Wichser, hat doch absolut keinen Plan, worum es hier wirklich geht! Also werden wir genau das tun, was wir vorhatten: Wir besorgen uns ein Flugboot, fliegen nach Kimuri, hauen Jorik und die anderen da raus und dann werden wir ja wissen, was mit der Formel ist!“

„Besorgen hört sich gut an!“ Als alle Tibak mit großen Augen ansahen, musste der Captain breit grinsen. „Und wir können…!“ Er deutete mit der rechten Hand nach Süd-Süd-West, wo sich ein kleiner, schwarzer Punkt über dem Horizont näherte. „…gleich damit anfangen!“

*

„Mavis?“ Rimbo schaute Jorik mit großen Augen an.

Und als sein Gegenüber nickte, fügte Kendig hinzu. „Verdammt!“

Jorik atmete einmal tief durch und sein Blick war sehr traurig. „Es ist noch schlimmer!“

Malawi fixierte ihn mit ernstem Blick an. „Was soll das heißen?“

„Sein Kommunikator muss defekt gewesen sein, denn ich konnte ihn hören, obwohl er nicht zu mir, sondern zu Marivar sprach!“

„Was?“ Das war Rimbo. „Oh verdammt!“ Man sah ihm an, dass er am liebsten irgendwo reingeschlagen hätte.

Wieder nickte Jorik. „Er hat sie kontaktiert, um ihr zu sagen, dass sie den Angriff des Flugboots überlebt hatten. Zwar wurde die Kitaja zerstört, doch sie alle blieben unverletzt!“

„Dem Himmel sei Dank!“ meinte Idis.

Jorik aber schüttelte den Kopf. „Mavis sagte, sie würden versuchen, nach Kimuri zu gelangen, um uns alle zu befreien!“

„Das dürfte ohne Flugboot aber ziemlich lange dauern!“ Malawi schaute ihren Mann an. „Zu lange für uns!“

„Nein, Moment!“ Rimbo wedelte mit dem Zeigefinger. „Moment mal!“ Er wirkte sehr nachdenklich. „Wenn Narrix weiß, wo Mavis und die anderen sind und noch dazu, welchen Weg sie jetzt einschlagen, dann…!“ Er stoppte ab, hob seinen Kopf und in seinem Blick lag bittere Erkenntnis.

„Shit!“ Kendig nickte mit säuerlicher Miene. „Du hast Recht!“

„Dann sind sie…!“ meinte Malawi.

„…auf einem verfluchten Präsentierteller!“ endete Idis und ihre Stimme klang sehr hoffnungslos.

„Jorik?“ Das war Shamos, der bislang still geblieben war, aber natürlich alles mitgehört hatte.

„Ja?“ Sein Freund sah ihn mit einem traurigen Lächeln an.

„Ich glaube, ich werde Narrix töten!“

Alle erstarrten in ihren Bewegungen und schauten den Wissenschaftler mit großen Augen an. Seine Worte, ihr Klang, der Anblick seines von unzähligen Tränen aufgedunsenen Gesichts, seine Augen, aus denen schon wieder Tränen herabrannen, ihr Funkeln, vor allem aber die hoffnungslose Klarheit in seinem Blick, brachte ihnen allen eine eiskalte Gänsehaut, die über ihre Körper kroch.

*

Der Pilot ist gut, dachte Mavis. Er kommt direkt aus Richtung der untergehenden Sonne, fliegt dicht über Grund und nicht zu schnell, sodass die Triebwerke für ihre Leistung nur sehr wenig Lärm machen. Für einen kurzen Moment fragte er sich ernsthaft, ob es nicht Narrix persönlich war, der das Flugboot befehligte, doch das wäre wohl zu schön gewesen.

Wenn sie den Himmel nicht beständig nach Bewegung abgesucht hätten, wäre es gut möglich gewesen, dass sie es tatsächlich übersehen hätten. Doch einem erfahrenen Fuchs wie Tibak entging es natürlich nicht.

Ihr Verhaltensmuster, das sie jetzt an den Tag legen würden, hatten sie zuvor verabredet: Mavis, Vilo, Cosco, Tibak und Dek hielten sich weiterhin am Ufer des Mioli, eine Armlänge von dichtem Buschwerk entfernt. Es sollte so aussehen, als würden sie den Weg nach Westen schnell hinter sich bringen wollen, ohne auf eine notwendige Deckung verzichten zu müssen, wenn der Feind anrückte. Das heranrauschende Flugboot sahen sie natürlich nicht, dafür aber waren sie gut - jedoch nicht zu gut - zu erkennen. Ebenso natürlich konnte die Maschine ihre Existenz mit dem Überflug nicht mehr geheim halten. Mavis und die anderen taten daher mächtig überrascht und verschwanden dann nervös im Buschwerk. Dies konnte ihnen für Angreifer am Boden wirklich guten Sichtschutz bieten, nicht aber bei einer gleichzeitigen Beobachtung aus der Luft.

Ziel war es, das das Flugboot landete, ein für fünf Personen ausreichender Trupp den Bodenangriff übernahm und auf sie zustürmte, während sich das Flugboot wieder in die Lüfte erhob, um den Männern am Boden ihre Position durchzugeben. So in die Zange genommen, würden sie nicht lange durchhalten – zumal sie auch kaum noch eigene Waffen und Munition hatten – und der Trupp konnte sie überwältigen.

Um sie aber an Bord zu holen und nach Kimuri zu bringen, musste das Flugboot wieder landen. Und da kamen Leira, Admiral Lobos und seine Leute ins Spiel…

Mavis hatte, wie alle anderen auch, im dichten Buschwerk Schutz gesucht. Aus einer Entfernung von rund dreißig Metern konnte er sehr gut sehen, wie sich die Heckklappe des Flugbootes öffnete und etwa ein Dutzend Männer in Schutzwesten, Helmen und mit Maschinengewehren hinausstürmten. Kaum hatten sie den Boden berührt und ihre Waffen in den Anschlag gebracht, hob die Maschine bereits wieder ab, drehte in ihre Richtung und donnerte knapp über dem Boden über sie hinweg.

Der Pilot ist wirklich gut! dachte Mavis. So schützt er seine Leute vor unseren Kugeln!

Dennoch feuerten er und die anderen ein paarmal in ihre Richtung, jedoch immer so, dass sie niemanden verletzten.

Der feindliche Trupp trennte sich in zwei Sechser-Gruppen und kam von zwei Seiten auf sie zu, während das Flugboot über ihnen kreiste.

Mavis und die anderen taten dann, als würden sie flüchten wollen, rannten dabei auf weitaus freieres Gelände, ohne jedoch den Busch komplett zu verlassen und damit dem einen Trupp quasi direkt in die Arme. Erschrocken drehten sie um, mussten aber erkennen, dass der andere Trupp von der anderen Seite herankam. Somit hatten sie keine Chance mehr zur Flucht und daher ließen sie ihre Waffen fallen, hoben ihre Hände in die Höhe und ergaben sich vorschriftsmäßig.

„Auf die Knie!“ brüllte einer der beiden Gruppenführer, während alle anderen mit vorgehaltener Waffe von beiden Seiten auf sie zukamen.

Mavis und die anderen taten, was verlangt wurde. Das Flugboot über ihnen drehte ab und es war zu hören, dass es wieder zur Landung ansetzte.

„Hände auf den Rücken!“

Auch das taten sie. Um sie zu fesseln ließen vier der Männer ihre Waffen sinken. Die anderen acht Personen wurden mit jeder Sekunde ruhiger, entspannter – aber auch weniger wachsam.

Das sollte ihr Fehler sein.

Was dauert denn da noch so lange?

Lieutenant Yunok stand schräg hinter dem Pilotensessel und schaute hinaus auf das vor ihnen liegende Buschwerk hinter dem das Wasser des Mioli in der Abendsonne schimmerte.

Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass seine Leute längst mit ihren Gefangenen auf den Rückweg waren, doch noch war niemand zu sehen. Er spürte, dass er ungeduldig wurde. Um sich abzulenken, warf er einen Blick auf den Radarschirm. Wie er bereits wusste, waren zwei feindliche Fliegerstaffeln auf dem Weg zu ihnen. Ihre Entfernung betrug rund siebzig Meilen, sie waren also noch etwa fünf Flugminuten von ihnen entfernt. Der Rüssel einer widerwärtigen Anomalie lag weitere einhundert Meilen südlich von ihnen, stellte demnach ebenso keine Gefahr für sie dar. Und Insektenbestien konnte er im Moment gar keine ausmachen. Die Voraussetzungen für eine in allen Teilen gelungene und erfolgreiche Mission waren also mehr als gegeben – wenn jetzt endlich seine Leute erscheinen und sie wieder von hier verschwinden konnten.

„Machen sie eine Infrarotabtastung von dem Gelände!“ sagte er mit ernster Miene zu dem Copiloten. Seine Geduld war am Ende. Er konnte nicht einfach nur dastehen und warten, er musste handeln.

Der Sergeant sah ihn zwar mit großen, verwunderten Augen an, doch nickte er und gab einige Befehle in das Terminal ein. Bevor er jedoch damit fertig war, war Bewegung im Buschwerk zu sehen.

Yunok sog hörbar die Luft ein. Der Copilot schaute instinktiv nach vorn und stoppte seine Eingabe. Im nächsten Moment aber entspannte sich der Lieutenant schon wieder. „Vergessen sie das mit der Abtastung!“ sagte er zufrieden und das war er auch, denn er konnte seine zwölf Männer sehen, wie sie fünf Gefangene zum Schiff eskortierten. Einer von ihnen war offensichtlich bewusstlos. Zwei Soldaten hatten ihn an je einer Schulter gepackt und schleiften ihn mit dem Gesicht nach unten zwischen sich mit. Hoffentlich war der Kerl nicht tot. Er wollte dem Captain keine Leichen bringen müssen. Doch eine innere Stimme sagte ihm, dass er beruhigt sein konnte. „Drehen sie das Schiff!“ befahl er dem Piloten. „Öffnen sie die hintere Ladeluke und schaffen sie die Männer rein!“ Während der Pilot das Flugboot mit einem kurzen Schub auf die Vertikaltriebwerke wieder von Boden hievte, um es sofort danach auf der Stelle um hundertachtzig Grad zu drehen, wartete Yunok, bis der Copilot nickte, dann sagte er wieder an den Piloten gewandt. „Sobald sie drin sind, starten sie unverzüglich!“

„Aye Sir!“ gab der Mann zurück.

„Ich bin im Laderaum!“ Yunok drehte sich um und ging.

In dem Moment, da er den Laderaum betrat, spürte er, dass das Schiff wieder den Boden berührte. Die Ladeluke war zu diesem Zeitpunkt schon zu mehr als der Hälfte geöffnet und senkte sich im nächsten Moment komplett herab.

Der Trupp mit seinen Gefangenen war noch rund zehn Meter entfernt. Yunok hatte ein paar Schritte in den Laderaum hineingemacht, doch jetzt blieb er stehen, um das Geschehen zufrieden und gelassen aus dem Hintergrund zu verfolgen. Dabei fiel ihm auf, dass seine Leute sich in Zweiergruppen näherten. Das sah irgendwie merkwürdig geordnet aus, immer einer schräg hinter einem anderen. Und wenn er jetzt genauer hinsah, erkannte er auch, dass einige Uniformen irgendwie nicht zu passen schienen. Unwillkürlich löste er seine vor der Brust verschränkten Arme und gab seine lockere Haltung auf. Irgendetwas stimmte hier nicht!

Doch bevor seine inneren Alarmsirenen zu schrillen begannen, sah er im Buschwerk hinter seinen Männern einen kurzen, grellen Blitz aufflammen und schon einen Lidschlag später krachte eine Granate knapp hinter der Ladeluke in den Boden. Eine Fontäne in einer Mischung aus Sand, Gesteinsbrocken, Flammen und Rauch zuckte in die Höhe und schwappte über die Umgebung. Sand und Steine prasselten auf die Laderampe, gegen die Außenhülle. Der Explosionsdonner rauschte in das Innere des Schiffes und erzeugte dort ein brüllendes Echo.

Sofort brach Hektik aus, da nicht klar war, wer geschossen hatte. Beim ersten Überflug hatten sie fünf Personen ausgemacht. Yunok hatte fünf Gefangene gezählt. Oder war ihr Anflug doch bemerkt worden und es hatte sich Jemand rechtzeitig verstecken können? Oder war gar der Feind in der Nähe? Doch wo waren dann die Fliegerstaffeln? Der Lieutenant war noch niemals nur feindlichen Bodentruppen begegnet, außer bei den Insektenbestien. Immer hatte es Luftunterstützung gegeben. Yunok stand vor einem Rätsel.

Woher sollte er auch wissen, dass die Wahrheit ganz woanders lag…?

Gilos hatte von Admiral Lobos nur einen einzigen Befehl erhalten. Obwohl sie nun schon seit sieben Jahren hier an den Wasserfällen des Mioli-Flusses gestrandet waren, war die alte Befehlskette aufrechterhalten worden, weil klar war, dass sie nur so vernünftig überleben konnten. Deshalb hatte er auch nicht gezögert, ihn auszuführen.

Und er tat es gut. Die Granate explodierte genau dort, wo sie auch sollte und sorgte jetzt ganz sicher für die erhoffte Verwirrung.

Deshalb ließ er die Waffe sinken und schaute relativ entspannt, aber sehr neugierig auf das Geschehen am Flugboot.

Denn von den zwölf Soldaten, die Jagd auf ihre neuen Freunde gemacht hatten, war kein einziger mehr aktiv am Geschehen dabei.

Lobos, das monströse Bärenwesen, er und die anderen hatten sich gut versteckt und im entscheidenden Moment eiskalt, schnell und effektiv zugeschlagen. Allein Leira hatte mit einem einzigen Prankenschlag gleich vier Soldaten ins Reich der Träume geschickt. Ohne dass auch nur ein einziger Schuss fiel, konnten sie die Truppe aus dem Flugboot überwältigen und ihnen die Waffen abnehmen. Gilos war sehr überrascht, wie gut sie alle noch miteinander harmonierten, doch war es für ihn ein Zeichen dafür, dass sie noch immer eine kampfstarke Truppe waren.

Dann sprach Commander Mavis und machte den Männern mit wenigen, emotionslosen, aber unheimlich deutlichen Worten ihre Situation klar. „Man sagte euch, wir wären Verräter. Das ist eine Lüge. Doch wir sind vogelfrei und haben daher nichts mehr zu verlieren. Also tut, was man euch sagt und ihr werdet leben. Tut es nicht und wir sind alle tot. Uns…!“ Er blickte in die Runde seiner Verbündeten und alle nickten. „…ist das einerlei!“

Von den Männern aus dem Boot widersprach niemand, niemand protestierte, niemand wollte den Helden spielen.

Also mussten sich sieben der zwölf Männer ihrer Kleidung entledigen und wurden dann gefesselt. Sie lagen jetzt hilflos neben Gilos und wurden von Leira mit finsterer Miene bewacht, was sie dermaßen einschüchterte, dass sie nicht wagten, sich auch nur zu bewegen. Ihre Kleidung zogen Lobos und die anderen an. Er, Gilos, sollte zurückbleiben und mit dem Granatwerfer im richtigen Moment Panik erzeugen, denn selbstverständlich wären sie alle irgendwann so nah am Flugboot gewesen, dass sie ihre Finte nicht mehr länger hätten aufrechterhalten können.

Dieser Zeitpunkt war vor wenigen Augenblicken gewesen.

In der jetzt herrschenden Verwirrung konnten sie schließlich ihr eigentliches Ziel verfolgen: Die Übernahme des Flugboots. Und Gilos hatte quasi einen Logenplatz zum Zuschauen.

Der Qualm war dick und undurchdringlich und Mavis liebte ihn.

In dem Moment, da die Granate detoniert war und ihre Energie in alle Richtungen freigesetzt hatte, änderte sich das Bild vor dem Flugboot dramatisch.

Gezielte Schläge setzten die verbliebenen Soldaten außer Gefecht und sie sackten zu Boden. Vilo, der den Ohnmächtigen gespielt hatte, war blitzschnell auf den Beinen und rannte, ebenso wie alle anderen, geduckt, aber so schnell es ging, seitlich an der Qualmwolke entlang zur Laderampe. Wenige Augenblicke später hatten sie das Innere des Schiffes erreicht.

Mavis erkannte etwa zehn bis fünfzehn Personen dort, doch alle konzentrierten sich mehr auf die Explosion, als auf die anstürmenden Männer. Offensichtlich hatten sie sie noch nicht als Bedrohung registriert. Das verhalf ihnen zu einigen, wenigen Sekunden, die sie aber effektiv nutzten. Beinahe gleichzeitig konnten fünf weitere Männer ausgeschaltet werden. Erst dann schienen die anderen zu bemerken, dass auch die vermeintlichen Geiseln frei herumliefen. Doch bevor für sie an Gegenwehr überhaupt zu denken war, waren weitere vier von ihnen ausgeschaltet. Die restlichen fünf Männer suchten sofort den Kampf und lieferten ehrenvolle Gegenwehr, doch Mavis war sicher, dass sie am Ende den Kürzeren ziehen würden.

Er selbst klinkte sich aus und rannte in Richtung Cockpit, um frühzeitig zu verhindern, dass man dort Wind von der Aktion bekam und womöglich einen verdammten Funkspruch absetzen konnte. Mit flinken Schritten durchquerte er das Schott, das ins Mittelschiff führte. Schnell, aber lautlos blickte er sich um, doch er konnte Niemanden sehen. Seine Hoffnung, dass das Boot nur mit kleiner Besatzung geflogen war, schien sich zu bewahrheiten. Somit rechnete er im Cockpit mit maximal vier weiteren Männern. Den Überraschungseffekt und konsequente Härte vorausgesetzt, sollte er sie überwältigen können.

In Gedanken focht er den Kampf dort auch schon aus und spürte plötzlich beim nächsten Schritt die Kälte von Stahl in seinem Nacken, begleitet von den Worten. „Keinen Schritt weiter!“

Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn alles glattgegangen wäre!

Mavis hob seine Hände an und ließ dabei seine Waffe fallen. Während er sich langsam umdrehte, zwang er sich zur Ruhe und Konzentration, denn natürlich war er nicht gewillt, sich wirklich aufhalten zu lassen.

Doch Yunok war nicht so dumm, wie Mavis hoffte. Während sich der Commander umdrehte, riss er seine Pistole in die Höhe. Er wollte Mavis mit dem Knauf gegen die Stirn schlagen, um ihn auszuschalten, zögerte jedoch solange damit, um ihm dabei in die Augen sehen zu können. Für einen winzigen Moment war er dann überrascht, weil ihm klar wurde, dass er sich einen Verräter anders vorgestellt hatte, als den Mann, den er jetzt vor sich hatte. Plötzlich war hinter ihm ein knarrendes Geräusch zu hören. Augenblicklich zeigte sich in Mavis Blick Überraschung, gefolgt von einem lockeren „Hey!“, gerichtet an Jemanden schräg hinter Yunok. Das irritierte den Lieutenant. Er stoppte seinen Schlag und sein Kopf zuckte unwillkürlich nach hinten.

Dieser winzige Moment der Unachtsamkeit reichte Mavis jedoch vollkommen aus. Seine Hände zuckten nach unten, die linke ergriff die Waffe des Lieutenants und sorgte dafür, dass er nicht feuern konnte, die rechte umfasste den Unterarm Yunoks. Gleichzeitig drückte Mavis seinen Arm nach außen weg. In dem Moment, da der Lieutenant erkannte, was geschah und sein Kopf zurückzuckte, machte Mavis einen halben Schritt nach vorn und hämmerte seine Stirn wuchtig gegen die Stirn seines Gegners. Yunok hatte das Gefühl, sein Kopf würde explodieren. Bevor er jedoch aufschreien konnte, spürte er, wie ihm das Knie seines Gegners in einem hammerharten Schlag in den Bauch jegliche Luft nahm. Sein Oberkörper wollte vornüber klappen, doch Mavis hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seinen rechten Arm waagerecht gegen Yunoks Brust gedrückt und nagelte ihn wie ein Wrestler rücklings zu Boden. Der Lieutenant schlug mit großer Wucht auf den Rücken und den Hinterkopf und stöhnte nochmals auf, während es schwarz vor seinen Augen wurde. Dennoch zuckte sein Oberkörper reflexartig ein letztes Mal in die Höhe. Mavis war jedoch sofort bei ihm und schickte ihn mit zwei blitzschnellen, ultraharten Faustschlägen endgültig ins Reich der Träume.

„Bin ich froh, dass ich nicht dein Feind bin!“ Das war Vilo, der jetzt ebenfalls im Gang erschien.

Mavis brummte nur kurz freudlos. „Ist hinten alles klar?“

Vilo nickte. „Wir können das Cockpit stürmen!“

Jetzt nickte Mavis, doch bevor er sich umdrehte, meinte er noch. „Wer sagt dir eigentlich, dass ich dein Freund bin?“ Er blickte sein Gegenüber ausdruckslos an, dann aber musste er kurz grinsen, bevor er sich auf den Weg ins Cockpit machte.

„Blödmann!“ erwiderte Vilo mit einem säuerlichen Lächeln und Kopfschütteln. „Wenn das alles hier jemals vorbei ist, will ich einen Ringkampf. Zwölf Runden!“

Mavis blieb unvermittelt stehen, drehte sich um und grinste. „Und nur der Mama-Schrei beendet ihn!“

Vilo nickte sofort.

„Ist gebongt!“ Mavis hielt seinem Freund die Hand hin und der schlug ein.

„Geil! Einmal Fresse polieren für Vilo!“ flötete Mavis, während er sich umdrehte und weiterging.

Vilo konnte nur noch die Augen verdrehen und ihm grinsend folgen.

Wenige Augenblicke später hatten sie das Cockpit erreicht und mit einem kurzen Blick hinein die Situation dort erfasst. Es gab drei Männer: Der Copilot saß auf seinem Sitz, ein zweiter Mann stand neben ihm, hatte sich zu ihm herabgebeugt und redete leise mit ihm. Mavis und Vilo nahmen an, dass es der Pilot war. Die dritte Person stand keine zwei Meter von ihnen entfernt, hatte ihnen jedoch den Rücken zugedreht, weil sie einige Instrumente kontrollierte.

Das muss der Maschineningenieur sein. Mavis überlegte kurz, wie sie vorgehen sollten. Nach zwei Sekunden drehte er sich zu Vilo. „Der Copilot ist für dich, ich nehme die anderen beiden!“ flüsterte er und sein Freund nickte. Daraufhin packte Mavis die Waffe, die er Yunok abgenommen hatte fester und visierte damit den Piloten an. „Hey!“ rief er laut auf. Während sich der Maschinen-Ingenieur zu ihnen herumdrehte, stoppte der Pilot die Unterhaltung und schaute zu ihm herüber. In diesem Moment schleuderte Mavis die Waffe mit aller Kraft in seine Richtung, während Vilo an ihm vorbei ins Cockpit stürmte. Einen Lidschlag später krachte die Pistole mit einem hohlen Knall frontal gegen die Stirn des Piloten, er schrie auf und sackte dann bewusstlos zur Seite. Zu diesem Zeitpunkt war auch Mavis schon unterwegs und stürmte auf den Maschinen-Ingenieur zu, der ganz sicher nicht wusste, wie ihm geschah. Während er Mavis mit weit geöffneten Augen erstaunt ansah, hob der Commander seine rechte Hand, spreizte sie weit auseinander, klatschte sie frontal in das Gesicht seines Gegenübers und hämmerte so seinen Hinterkopf kurz, aber knallhart gegen die Konsole hinter ihm. Der Mann schrie erstickt auf, dann verlor auch er das Bewusstsein.

Vilos Weg war viel länger und der Copilot ließ sich nur einen kurzen Wimpernschlag von den Aktivitäten der Angreifer ablenken, dann schon zuckte seine Hand zum Funkgerät. Doch er hatte gerade erst den Knopf gedrückt, da stand sein Widersacher auch schon neben ihm und schnalzte mit der Zunge. Der Sergeant drehte sich unwillkürlich in Vilos Richtung und starrte ihn mit großen Augen an.

„Böser Junge!“ meinte der Commander aber nur und schaute sein Gegenüber finster an.

Der Copilot erschrak für einen winzigen Moment sichtbar, dann aber schien ihm klar zu sein, dass er eigentlich nur sprechen musste, um durch den geöffneten Funkkanal eine Warnung nach Kimuri absetzen zu können. Allerdings kam er gerade einmal dazu, seinen Mund zu öffnen und einen abgehakten Ton von sich zu geben, da krachte bereits Vilos Faust blitzschnell und sehr hart in einem Abwärtshaken gegen sein Jochbein und er ging augenblicklich bewusstlos zu Boden.

*

„Wir müssen hier raus!“ sagte Malawi leise und schaute die anderen mit großen, durchdringenden Augen an.

Kendig, Rimbo, Jorik und Idis, die ihr gegenübersaßen, starrten im ersten Moment überrascht und beinahe entsetzt zurück.

Doch dann nickte ihr Mann. „Sie hat Recht!“ Er blickte zu den anderen. „Wir müssen damit rechnen, dass es Narrix gelingt, Mavis und die anderen ebenfalls gefangen zu nehmen!“

„Und wenn er erst einmal alle von uns zusammen hat...!“ fügte Idis finster an.

„…steht unserer Hinrichtung wahrlich nichts mehr im Wege!“ endete Rimbo mit einem Nicken und einem verächtlichen Lacher.

„Wenn es uns aber gelingt, hier auszubrechen…!“ sagte Malawi.

„…steht er womöglich wieder genau da, wo er jetzt steht!“ Auch Jorik schien der Gedanke logisch.

„Also machen wir es, oder wie?“ Malawi blickte in die Runde und alle nickten zögerlich.

*

Mavis stand auf der hinteren Laderampe und schaute zum Ufer des Mioli auf das Buschwerk, in dem sie sich noch vor wenigen Minuten vor den anstürmenden Soldaten versteckt hatten.

Diese – jetzt jedoch gut verschnürte Gefangene – wurden gerade von Captain Tibak, Leira und Lobos Leuten in das Innere des Schiffes geschafft.

Vilo, Captain Cosco und Sergeant Dek befanden sich im Cockpit der Talura und bereiteten ihren Start vor.

Mavis wartete mit auf dem Rücken verschränkten Armen auf Admiral Lobos, der mit den anderen zum Fluss gegangen, bisher aber noch nicht zurückgekehrt war. Auch fehlte noch einer seiner Leute.

Doch Mavis blieb gelassen und den Umständen entsprechend entspannt. Lobos wusste, dass sie nicht mehr viel länger hier verweilen durften. Feindliche Fliegerstaffeln waren auf dem Weg zu ihnen, ebenso eine verdammte Anomalie. Nur ihr Start und ihre Flucht nach Westen würde ein weiteres Annähern verhindern.

Außerdem würde sicherlich schon bald eine Statusanfrage aus Kimuri hier eingehen und dann wollte Mavis sehr gern schon in der Luft sein.

Er atmete einmal tief durch und einen Augenblick später konnte er den Admiral tatsächlich aus dem Busch hervorkommen und auf das Schiff zulaufen sehen. Dass er allein war, registrierte er wohl, doch blieb er ruhig, bis der Admiral das Schiff erreicht hatte.

„Alles klar?“ fragte er dann.

Lobos nickte. „Ich habe Pilas zurück in die Höhlen geschickt, damit er den anderen berichten kann, dass wir zumindest unser erstes Etappenziel erfolgreich hinter uns gebracht haben. Außerdem sollten Vorkehrungen für die feindlichen Fliegerstaffeln oder gar die Anomalie getroffen werden – für den Fall, dass sie nicht abdrehen, wenn wir gleich von hier verschwinden!“

Mavis sah den Admiral einen Augenblick ausdruckslos an, dann nickte er. Lobos Anweisungen und Gedanken waren logisch und gut.

„Wie weit sind wir hier?“

„Fertig!“ erwiderte Mavis, ging mit Lobos gänzlich ins Innere des Schiffes und betätigte dort den Schließmechanismus für die Laderampe. Während sie in die Höhe fuhr, stellte er über Headset eine Verbindung zum Cockpit her. „Vilo?“

„Ja?“

„Wir sind soweit! Ihr könnt starten!“

Und noch bevor die Luke vollständig geschlossen war, spürte Mavis, wie die Triebwerke hochgefahren wurden und das Schiff vom Boden abhob.

*

„Das ist der Plan?“ Rimbo schaute mit gerunzelter Stirn in die Runde.

„Was fragst du denn so blöd?“ raunte seine Frau sofort zurück. „Du hast doch daran mitgearbeitet!“

Rimbo sah sie mit einem leichten Grinsen an, lachte heiser auf und schüttelte dabei den Kopf. „Wir werden alle sterben! Ihr wisst das?“

„Ach was!“ wehrte Kendig ab. „Wir hätten schon so oft tot sein müssen, wir werden auch das überstehen!“

„Sieh es doch mal so!“ meinte Malawi. „Totgeglaubte leben eben bekanntlich länger!“

„Also ich finde den Plan…!“ Alle wirbelten herum, denn das war Eshas Stimme gewesen. Sie klang schwach, rau und krächzend. Als sie sahen, dass sie wach war, waren alle sichtbar froh und auch Esha konnte sich ein müdes Lächeln nicht verkneifen. „…optimistisch!“ beendete sie ihren Satz. Irgendwie schien das die anderen eher zu betrüben, deshalb fügte sie an. „Aber Optimismus ist geil. Ich bin auf jeden Fall dabei!“

„Na also!“ Idis grinste breit und schaute Rimbo direkt an, der daraufhin zunächst zerknirscht zu sein schien, dann aber ebenfalls lächelte.

„Aber nur…!“ Esha drehte ihren Kopf so, dass sie Shamos ansehen konnte, der noch immer schräg hinter ihr saß und ihren Kopf streichelte. „…dass das klar ist!“ Sie sah ihm direkt in die Augen und ihr Blick wurde todernst. „Ich werde Narrix töten!“

IX

Kaleena saß auf einem kleineren Felsbrocken und schaute ihrem Sohn beim Spielen zu. Glücklicherweise hatte er einige andere Halbwüchsige aus der Höhle südlich von Porista gefunden, mit denen er sich jetzt beschäftigte, ohne dass Kaleena aktiv dabei sein musste.

Dadurch konnte sie ein wenig abschalten und spürte alsbald, dass sie müde wurde. Gleiches galt dann auch für Jovis, dessen Eifer mehr und mehr nachließ. Kaleena war sicher, dass es nicht mehr lange dauern und er zu ihr kommen würde, um zu schlafen.

Am anderen Ende der großen Höhle konnte sie auch Pater Matu und Chalek sehen. Die beiden saßen nebeneinander. Anfangs aßen und tranken sie ohne viele Worte, dann aber begann der Priester auf den Jungen einzureden. Der schüttelte anfangs den Kopf, schließlich nickte er. Daraufhin sprang Matu auf, schnappte sich einen von Lobos Leuten und zog ihn zu dem Jungen. Dort redete er jetzt mit ihm.

Plötzlich konnte Kaleena Bewegung am Eingang der Höhle ausmachen und schon einen Augenblick später kam der erste Offizier, sein Name war Aluvis, mit einem weiteren Mann herein. Aluvis hatte – logischerweise - vom Admiral das Kommando während seiner Abwesenheit hier erhalten. Den anderen Mann erkannte sie als einen von denen wieder, die zusammen mit Vilo und den anderen losgezogen waren.

Sofort verkrampfte sich ihr Magen und ihr Körper versteifte sich. Sie spürte Hitze aufsteigen und Angst.

Doch Aluvis kam direkt auf sie zu und lächelte dabei. „Keine Sorge!“ sagte er, da er offensichtlich ihre Gedanken gelesen hatte. „Es ist alles in Ordnung!“ Er nickte ihr aufmunternd zu. „Die Aktion ist geglückt. Sie konnten das Flugboot kapern und sind jetzt auf dem Weg nach Kimuri!“ Als er sah, wie sehr sich Kaleena entspannte, musste er nochmals lächeln. „Der Admiral hat Pilas…!“ Er deutete auf den Mann neben sich. „…zurückgeschickt, um uns das mitzuteilen! Außerdem…!“ Aluvis setzte sich ruckartig neben Kaleena und senkte seine Stimme. „…sind feindliche Jäger und…!“ Er rümpfte die Nase. „…eine Anomalie hierher unterwegs!“

„Verdammt!“ entfuhr es Kaleena. Sie erschrak leicht und schaute sich um, ob es jemand gehört hatte, doch das war offensichtlich nicht der Fall.

„Kein Problem!“ meinte Aluvis entspannt. „Es war klar, dass die Ankunft des Flugboots nicht unbemerkt bleiben würde. Noch dazu, weil vor nicht einmal drei Stunden schon einmal Bewegung hier war. Der Admiral, ihr Mann und die anderen gehen aber davon aus, dass sie alle abdrehen werden, sobald sie sehen, dass das Flugboot nach Westen verschwindet!“ Er sah Kaleena an und sie nickte. „Wir werden das weiter beobachten. Sollte es nicht so sein, ist das Tunnelsystem hier sehr weit verzweigt und wir werden uns einen sichereren Ort suchen! Aber bis dahin ist alles easy!“ Er lächelte zuversichtlich, erhob sich und verschwand wieder.

Kaleena atmete einmal tief durch. Der Schreck saß noch immer in ihren Knochen, die Ruhe kehrte erst langsam zurück und brachte noch deutlichere Erschöpfung mit sich.

„Wer war das, Mama?“ hörte sie plötzlich Jovis fragen.

Kaleena erschrak erneut leicht, doch dann lächelte sie ihren Sohn breit an. „Wer war was?“

„Ich kenne den einen Mann da! Er ist mit Papa, Onkel Mavis und Leira gegangen!“

Kaleena war erstaunt, dass Jovis sich das gemerkt hatte. „Da hast du Recht!“

„Stimmt etwas nicht?“ fragte ihr Sohn mit Sorge in der Stimme.

„Was? Doch!“ Sie lachte leise auf. „Es ist alles in Ordnung. Der Admiral hat ihn zurückgeschickt, damit er uns genau das sagt. Papa und die anderen sind jetzt auf dem Weg nach Kimuri, um Onkel Jorik, Tante Esha, Onkel Shamos und all unsere anderen Freunde zu retten!“

„Das ist gut!“ Plötzlich gähnte der Junge ausgiebig. „Ich denke, dass kriegen sie hin!“ Wieder gähnte er und rieb sich die Augen. „Ich bin müde!“ stellte er fest und schmiegte sich an seine Mutter.

„Dann lass uns einen ruhigen Schlafplatz suchen, okay?“

Jovis nickte träge. „Aber du musst mich tragen! Meine Füße bringen mich um!“

Kaleena musste grinsen. „Alles klar!“ Sie erhob sich. „Kein Problem!“ Sie schnappte sich ihren Sohn.

„Weckst du mich, wenn Papa zurück ist?“ fragte er schlaftrunken.

„Natürlich!“ Kaleena schloss ihn fest in ihre Arme und verließ die Höhle. Jovis war bereits eingeschlafen.

*

Marivar hatte sich wieder gefangen. Natürlich auch, weil sie es musste, weil alles andere eben überhaupt keinen Sinn machte.

Also zwang sie sich, etwas zu essen und zu trinken. Anfangs mit wenig Appetit, fühlte sie sich mit jedem Bissen doch etwas besser und am Ende spürte sie, wie ihre körperlichen, aber besonders ihre geistig-mentalen Kräfte zurückkehrten.

Und so überdachte sie ihre Situation noch einmal:

Sie war nach wie vor allein hier, doch wusste sie jetzt, im Gegensatz zu heute Morgen, dass alle ihre Freunde, allen voran natürlich ihr geliebter Jorik, noch lebten. Mavis glaubte sie seine Aussage auch, bei Jorik hatte sie allerdings ihre Zweifel, da sie nicht wusste, unter welchem Zwang er bei ihrem Kontakt stand. Ihr blieb jedoch nichts Anderes übrig, als es positiv zu sehen und so zwang sie sich dazu, es einfach zu glauben, dass alle noch am Leben waren.

Mavis, Vilo und die anderen wusste sie im Moment auf dem Weg nach Kimuri, um ihre Freunde aus den Fängen von Captain Narrix zu befreien. Eigentlich hatte sie keinen Grund, seine Worte anzuzweifeln, doch so sehr sie die Vorstellung auf Errettung auch erfreute, war ihr klar, dass sie sich an einen seidenen Hoffnungsfaden klammerte und alles auch ganz furchtbar schiefgehen konnte.

Doch alles, was ihr blieb, war hier zu warten und für ihre Freunde zu beten.

Blödsinn! Plötzlich hallte dieses eine Wort lautstark in ihren Körper nach und ließ sie leicht erzittern. Sitz hier nicht einfach nur rum, sondern tu etwas!

Marivar spürte, wie ihre Beine wackelig wurden und musste sich erst einmal wieder hinsetzen. Sie atmete mehrmals langsam und tief durch und überlegte dabei.

Hatte sie denn wirklich eine andere Wahl, als hier zu warten? Oder war da einfach nur der große Wunsch, etwas tun zu können, der Vater des Gedankens?

Nein! entschied sie. Das war es nicht!

Natürlich konnte sie diesen Ort wieder verlassen und zurück zum Lager gehen. Sie hatte diesen Weg umgekehrt schließlich schon einmal bewältigt.

Doch was sollte sie dort tun? Darauf wusste sie allerdings keine Antwort, schließlich konnte sie ihre Freunde und Jorik nicht gänzlich allein befreien. Und selbst, wenn sie vorgehabt hätte, Mavis und den anderen bei ihrer Aktion zu helfen, würde es ohne Funkkontakt wohl einfach nur sehr schwierig sein. Zumal sie in letzter Konsequenz wohl auch keine große Hilfe bei dieser Mission wäre, ganz abgesehen davon, dass sie nicht einmal eine Waffe besaß.

Also doch hierbleiben!

Schließlich war sie nicht zuletzt im Besitz der Formel, von der Shamos so sehr glaubte, dass sie den Untergang des Planeten verhindern konnte. Sie galt es doch zu schützen, damit sie nicht verloren ging oder gar zerstört wurde. Doch wenn Shamos und die anderen nicht gerettet werden konnten, wofür war die Formel dann noch nütze? Wer außer ihnen glaubte an diese alte Legende, wer außer Shamos wäre überhaupt in der Lage, die uralten Überlieferungen zu verstehen und letztlich anzuwenden?

Nein, wenn ihre Freunde und Jorik sterben würden, dann würde auch die uralte Legende sterben, dann gäbe es niemanden mehr, der diesen Planeten vielleicht noch retten konnte, dann würden alle Lebewesen – auch die widerwärtigen Invasoren - auf Santara sterben, weil der Planet selbst sterben würde. Und dann würde auch sie – Marivar – sterben. Doch dann wollte sie nicht erst in einigen Monaten oder auch nur Wochen zusammen mit dem Planeten untergehen, dann wollte sie schon jetzt, möglichst gemeinsam mit ihren Freunden und an der Seite des Mannes sterben, den sie so sehr liebte.

Doch was würde geschehen? Würden Mavis und die anderen ihre Freunde aus der Gewalt des Captains befreien können oder nicht?

Marivar wusste es nicht und deshalb gab es doch nur einen einzigen logischen Entschluss, was sie jetzt tun konnte.

Und einen Emotionalen…

Sie wählte Letzteren!

*

Im ersten Moment hatte Narrix – natürlich – mit dem Gedanken gespielt, die Mission zur Ergreifung der restlichen Verräter selbst zu leiten, doch er entschied sich anders. Schließlich war er hier der Boss und brauchte sich als solcher nicht mehr die Finger schmutzig zu machen – es sei denn, er hatte Spaß daran, wie etwa bei der Folter der drei Frauen, die bereits in seinem Gewahrsam waren.

Außerdem hatte er mit Lieutenant Yunok einen absolut fähigen Vertreter.

Nachdem er die Talura am Kai verabschiedet hatte, war er zurück in die Kommandozentrale gegangen, um den Weg des Schiffes und den Verlauf der Mission zu verfolgen.

Währenddessen war einer der Funkoffiziere zu ihm getreten und hatte ihm mitgeteilt, dass es ihm möglich gewesen war, das Signal von Marivars Kommunikator während ihres Gesprächs zu orten.

Narrix nahm diese Information relativ emotionslos zur Kenntnis und wandte sich wieder den wichtigeren Dingen zu. Wenig später hatte die Talura ihr Ziel erreicht, ihre Opfer waren gesichtet worden. Dann wurde es für alle Anwesenden für die nächsten Minuten natürlich sehr spannend, doch Yunoks Angriff verlief schnell, konsequent und effektiv. Die Verräter mussten sich bereits nach geringer Gegenwehr ergeben. Narrix erkannte zufrieden, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Während die Talura wieder landete, um ihre Gefangenen an Bord zu nehmen, schwelgte er bereits in den wundervollen Vorstellungen, die beiden abtrünnigen Commanders zu foltern.

Dabei kam ihm der Gedanke, dass es vielleicht doch gut wäre, auch die andere Schlampe aus ihrem Versteck hier auf Kimuri herauszuholen. Vielleicht war sie ja eine ähnlich widerspenstige Katze, wie die anderen drei. Bei dem Gedanken, noch eine vierte Frau in seiner Gewalt zu haben, bei dem ihm das Blut in Wallung geriet, wenn er seine perfiden Spielchen mit ihr trieb, erregte ihn augenblicklich und lenkte ihn vollkommen von den Geschehnissen rund um die Talura ab.

Kurzerhand ließ er sich Marivars Position auf ein handliches Radargerät übertragen und gab dem Befehl, Sergeant Zivko und zwei weitere Männer am hinteren Ausgang des Lagers antreten zu lassen.

Dann warf er einen letzten Blick auf den Kommandoschirm, erkannte, dass sich die Talura auf dem Rückweg befand, empfand Freude und Genugtuung dabei und verließ die Zentrale in Richtung hinterer Ausgang. Während er durch die Gänge marschierte, betrachtete er den kleinen Radarschirm. So wie es aussah, hatte sich Marivar zum Hafen geflüchtet, scheinbar sogar auf eines der dort liegenden, halb gesunkenen Schiffe. Clever, dachte Narrix, aber nicht ausreichend! Er grinste.

Dann hatte er den Ausgang erreicht. Sergeant Zivko und zwei seiner Männer standen bereits parat.

„Sergeant!“ Er nickte Zivko zu und dieser salutierte. „Ich habe eine Spezialaufgabe für sie und ihre Männer!“ Er hielt das Radargerät in die Höhe. „Das ist die Position der letzten noch freien Verräterin! So wie es aussieht, hat sie am Hafen, womöglich sogar auf einem der Schiffswracks dort Zuflucht gefunden!“ Er schaute Zivko direkt an. „Finden sie sie und bringen sie sie hierher!“

„Jawohl Sir!“ Zivko salutierte wieder.

„Ich will eine schnelle, konsequente und effektive Ausführung sehen!“ Er blickte auch die beiden anderen Männer an, die ebenfalls entschlossen schienen. Daraufhin drückte er Zivko das Radargerät in die Hand. „Abmarsch!“ Er nickte dem Sergeanten ein letztes Mal zu, dann verließ er den Eingang, ohne sich nochmals umzublicken.

*

Kaleena hatte einen von Lobos Männern gefragt, ob und wo es so etwas wie Schlafräume gab. Der junge Offizier war sehr freundlich und deutete ihr den Weg.

Sie musste eine Abzweigung nach links nehmen, dann eine nach rechts. Am Ende des anschließenden langen Ganges gab es eine Höhle, die als Schlafsaal genutzt wurde.

Während Jovis auf ihren Armen weiterhin tief und fest schlief, durchschritt sie den Gang. Etwa auf halber Höhe zum Schlafsaal kam sie an einer weiteren Höhle auf der rechten Seite vorbei. Sie war nicht sonderlich groß und hatte eine Gewölbedecke. Im fahlen Licht von einigen Leuchtkristallen und fluoreszierenden Farnen konnte sie diverse Tische und Bänke ausmachen. Im ersten Moment war sie sicher, dass der Raum leer war, doch dann erkannte sie eine Gestalt auf einer Bank im hinteren Bereich. Obwohl sie ihr den Rücken zugekehrt hatte, wusste sie sofort, dass es Melia war.

Prima, dann muss ich sie im Anschluss nicht suchen, dachte Kaleena. Allerdings würde ihre Sache dadurch nicht gerade leichter werden, denn die eingesunkene Haltung und der gesenkte Kopf ihrer Freundin zeigten ihr deutlich, dass Melia tief in Gedanken ein Problem wälzte. Doch Kaleena erinnerte sich an ihren Entschluss, ihr bei der Lösung behilflich zu sein.

Entsprechend begab sie sich in den Schlafsaal, wo sie tatsächlich mindestens drei Dutzend Betten vorfand. Der Eingang war mit Decken verhüllt, im Inneren war es angenehm dunkel. Kaleena konnte einige Körper in den Betten erkennen, dazu noch rund zehn Frauen, die an der rechten Seite auf einigen Bänken und an einigen Tischen saßen und sich leise unterhielten.

Kaleena nickte ihnen freundlich zu, suchte sich eine freie Schlafstätte und legte Jovis hinein. Der Junge brummte kurz und sagte ein paar unverständliche Worte, dann drehte er sich auf die Seite, rollte sich ein und schlief einfach weiter. Kaleena betrachtete ihn mit einem sanften Lächeln, gab ihm noch einen Kuss auf die Stirn und erhob sich.

Sie ging zu den Frauen und sagte leise. „Würden sie bitte auf meinen Sohn aufpassen, solange ich weg bin? Es wird auch nicht lange dauern!“ Das wusste sie zwar nicht, hoffte es aber.

Eine ältere Frau lächelte zurück und nickte. „Natürlich! Gehen sie nur!“

Kaleena erkannte sie als eine der Frauen aus der Höhle südlich von Porista und war zufrieden. „Danke!“ erwiderte sie, erhob sich und verließ den Saal wieder.

Wenige Augenblicke später stand sie erneut vor dem Eingang in die andere Höhle. Sofort erkannte sie, dass Melia nach wie vor am selben Platz saß, aber auch, dass ihr Körper noch immer zusammengesunken und ihr Kopf gesenkt war.

Kaleena spürte einen leichten Kloss im Hals und aufkommende Nervosität, denn bei ihrem Anblick wollte sie ihr mehr denn je helfen, doch wurde ihr auch klar, dass sie nicht wirklich wusste, wie sie damit anfangen sollte.

Nichtdestotrotz atmete sie einmal tief durch, betrat den Raum und ging langsam zu ihrer Freundin, während sie sich zur Ruhe mahnte. Als sie gut einen Meter schräg hinter sie gelangt war, stoppte sie ab und wartete. Doch Melia zeigte keinerlei Reaktion. Kaleena wusste nicht, ob sie sie tatsächlich nicht gehört hatte oder einfach nicht auf sie reagieren wollte, woraufhin sie wieder etwas nervös wurde. Doch sie schalt sich sofort einen Narren. Wenn Melia ein Problem hatte, dann war es ihre Aufgabe als Freundin, ihr dabei zur Seite zu stehen und zu helfen.

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Возрастное ограничение:
0+
Объем:
580 стр.
ISBN:
9783753195742
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Правообладатель:
Bookwire
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