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Fred Breinersdorfer, Alfred Bekker
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Inhaltsverzeichnis
Krimi Doppelband 2332
Copyright
DER HAMMERMÖRDER
Ein Kommissar läuft Amok
Krimi Doppelband 2332
Fred Breinersdorfer, Alfred Bekker
Dieser Band enthält folgende Krimis:
Der Hammermörder (Fred Breinersdorfer)
Ein Kommissar läuft Amok (Alfred Bekker)
Sein Name ist Norbert Poehlke. Polizist, verheiratet, zwei Kinder. Alles wirkt glücklich und normal für die Nachbarn. Aber der Schein trügt. Poehlke und seine Familie sind durch den Hausbau hoch verschuldet, und die finanzielle Situation wird immer auswegloser. Da beschließt Poehlke, diese – in seinen Augen – menschenunwürdige Lage auf seine Weise zu verändern. Er sucht sich einen Nebenjob. Zumindest sagt er das seiner Frau. Und tatsächlich kommt wieder Geld ins Haus, aber daran klebt Blut …
Der Essener Kriminalbeamte Kevin Marenberg taumelt in ein Einkaufszentrum und schießt plötzlich wahllos um sich. Kriminalhauptkommissar Gerd Thormann, der dort jemanden beschattet, wie er später seine dortige Anwesenheit erklärt, greift in das Geschehen ein und erschießt seinen Vorgesetzten.
Doch warum lief Marenberg Amok?
Das sollen die beiden Ermittler Harry Kubinke und Rudi Meier herausfinden.
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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von
Alfred Bekker
© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN
© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.
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DER HAMMERMÖRDER
FRED BREINERSDORFER
IMPRESSUM
Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker
© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Stocksnapper/123RF mit Steve Mayer, 2018
Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon
© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.
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***
Sein Name ist Norbert Poehlke. Polizist, verheiratet, zwei Kinder. Alles wirkt glücklich und normal für die Nachbarn. Aber der Schein trügt. Poehlke und seine Familie sind durch den Hausbau hoch verschuldet, und die finanzielle Situation wird immer auswegloser. Da beschließt Poehlke, diese – in seinen Augen – menschenunwürdige Lage auf seine Weise zu verändern. Er sucht sich einen Nebenjob. Zumindest sagt er das seiner Frau. Und tatsächlich kommt wieder Geld ins Haus, aber daran klebt Blut …
DER HAMMERMÖRDER ist ein dokumentarischer Roman und schildert die menschlichen Abgründe eines verzweifelten Mannes, der keinen Ausweg mehr sieht. Der Roman wurde verfilmt mit Christian Redl, der für diese Rolle eine Idealbesetzung war.
***
Ein klarer heller Maitag.
Die vergangene Nacht war kühl gewesen, Tau war reichlich gefallen, der Boden vollgesogen mit Feuchtigkeit. Das frische Laubwerk glitzerte. Über den Himmel zogen weiße Frühsommerwolken. Von den beiden großen Sammelbecken des Klärwerks »Häldenmühle« drangen Schwaden von Moder und Fäkaliengeruch herüber. Das Rührwerk arbeitete träge.
Ein kleiner Junge streifte geduckt durch das Unterholz des schmalen Waldes, der sich zwischen der Straße und dem Flüsschen Murr knapp dreihundert Meter hinunter bis zu dessen Mündung in den Neckar hineinzieht. Schulmappe und Fahrrad hatte er hinter einem Buchengesträuch verborgen und sich auf seinen Schleichpfad durch das Gehölz gemacht. Vorsichtig, jede Deckung ausnutzend, pirschte er nahe der Böschung entlang. Von Zeit zu Zeit hob er die rechte Hand, Zeigefinger ausgestreckt. Arm angewinkelt; wie ein Pistolenschütze visierte er mit zusammengekniffenem Auge über vermeintliche Kimme und Korn. In dem Schatten der Büsche und hinter den Baumstämmen schien ihm der Feind zu lauern. Vielleicht Indianer, möglicherweise auch Verbrecher, die er zu jagen hatte.
Gerade sah er in einem abgestorbenen Ast das Profil eines Feindgesichtes. Er drückte ab und machte halblaut »biauu!« und dann noch einmal »biauu!«; geduckt sprang er, Haken schlagend, über eine freie Stelle im Wäldchen, da krachte tatsächlich ein Schuss. Nicht weit entfernt. Der Junge zuckte zusammen. Er registrierte, dass kein Querschläger zu hören war, wie so oft im Fernsehen. Dabei glitt er auf den Boden ins nasse Gras und spitzte die Ohren, wartete auf einen weiteren Schuss oder zumindest eine Bewegung, Schreie oder geflüsterte Anweisungen.
Nichts. Nur das Geräusch der auf den angrenzenden Straßen vorbeiziehenden Fahrzeuge und das träge Murmeln der braunen Wellen des Flüsschens waren zu hören. Der Junge machte sich noch vorsichtiger und nicht völlig ohne Angst auf den Weg in die Richtung, aus der ihm der Schuss gekommen zu sein schien. Dass in der Wirklichkeit wenige Meter von ihm entfernt geschossen worden war, geriet mit der Fantasie zusammen und wurde Bestandteil seiner eigenen Vorstellungswelt. Ein Feind hatte auf ihn gefeuert!
Die Handpistole immer in Blickrichtung haltend, nach allen Seiten sichernd, glitt er zwischen den Stämmen durchs Unterholz. Er kannte jede Wurzel, jeden Stein. Hier konnte ihm keiner entkommen! Er gelangte in die Nähe des Parkplatzes. Dort kam er selten hin, weil man nicht ungestört war und weil der Wald durch eine Schneise getrennt war. Dennoch, jetzt, wo ein Schuss gefallen war, hatte er auch den Parkplatz zu kontrollieren.
Und tatsächlich fuhr in diesem Augenblick ein weißer BMW an. Automatisch hob der Junge seine Hand und zielte über den Zeigefinger auf die Reifen des Fahrzeuges. »Biauu, biauu«, rief er, doch der BMW setzte den Blinker, fuhr hinaus auf das Asphaltband der Straße und beschleunigte stark in Richtung Marbach.
»Feigling«, murmelte der Junge und drehte sich um. In Gedanken versunken, ging er, einem Pfad folgend, die zweihundert Kinderschritte durch das Gehölz zur Flussmündung. Den Schuss hatte er schon fast vergessen, das Geräusch war längst verhallt, irreal geworden, und seine Fantasie machte wie bei allen Buben in diesem Alter heftige Sprünge und Überschläge. Wenn einer so viel beim Spielen schoss wie der kleine Markus, dann konnte er sich nicht mehr an jede dieser kleinen Explosionen erinnern.
Er setzte sich in Trab und zuckelte weiter. Mit dem Kopf war er nun bei der Turnstunde am Nachmittag, wenn man fürs Sportfest trainieren würde. Markus war einer der Besten. Er überlegte sich, ob es für den ersten Preis reichen würde; seine Schwester hatte im letzten Jahr den Ersten gemacht, er war nur Dritter geworden.
»Erster musst du werden«, dachte er. Er kehrte um und zog einen Spurt an; mit langen, geschmeidigen Sätzen rannte er die letzten Meter; er lief in seiner Einbildung nicht auf einem Waldpfad, sondern auf der Aschenbahn im Sportverein. Ziel. Gewonnen! Er ließ sich auspendeln, wie man es bei den Profis in der Sportschau sieht, schlenkerte die Arme, sog die Lungen voll Luft und blies sie aus. Nun erreichte er die Waldschneise und blieb vor der Flussböschung stehen, stemmte die Arme in die Seite und sah sich um. Der Himmel war wie mit mattem blauem Lack überzogen. Die Strahlen der Sonne glitzerten auf den Wellen. Ihm fiel ein, dass er endlich nach Hause musste; er drehte sich um. wollte lostraben, um das Rad zu holen, da fiel er fast über den Mann, der zwei Meter neben ihm am Rand der Lichtung auf dem Bauch lag.
Markus hatte im Hochsommer schon oft Menschen im Gras liegen sehen, meist Liebespaare, die er heimlich beobachtete. Aber an einem Mittag im frühen Mai hatte er noch nie jemanden auf dem Boden wahrgenommen. Ein Betrunkener, Penner, einer der nicht weiß, wo er hin soll?
Der Bub trat näher heran. Der Mann rührte sich nicht. Markus sah das Blut, das aus einer Wunde am Genick austrat, ein dünnes Rinnsal, das immer noch sickerte. Der Junge ging rasch vor zum Kopf und bückte sich. Es war nicht schwer zu erkennen, dass dieser Mann tot war. Das Gesicht war von der Wucht des Schusses, der den Schädel getroffen hatte, entstellt. Das Blut zog seine Bahn. Der Nasenrücken war zertrümmert. Eine Hornbrille mit zerbrochenem Glas hing schief über den Augen. Die schütteren Haare fielen in die Stirn.
Markus schrie nicht, er lief nicht davon. Er hatte bis zu diesem Morgen am 3. Mai keine persönliche Erfahrung mit dem Tod gemacht. Der unmittelbar zuvor mit einem Schuss in den Kopf getötete Mann war der erste Leichnam, den das Kind sah. Der Junge war gebannt von dem fast noch lebendigen, in einer zufälligen Grimasse angehaltenen Gesicht, von der Ruhe, die von dem Toten ausging, der Bewegungslosigkeit seiner im Sturz verdrehten Glieder.
Die Leiche lag in der Nähe eines Busches, der die Lichtung begrenzte. Daneben, auf dem Boden im frischen Gras, war die Spur von Autoreifen zu sehen. Markus kniete sich hin und untersuchte mit den Händen vorsichtig die Abdrücke. Auf der anderen Seite der Murr hupte ein Auto ungeduldig. Der Junge drehte sich um und blickte hinüber. Dabei berührte er den Rücken des toten Mannes mit der Hand. Der Anzugstoff fühlte sich weich und warm an. Markus schreckte zurück. Er trat zur Seite und betrachtete den Leichnam. Da schien es ihm, als bewege sich etwas. Es war aber nur ein wenig Wind aufgekommen, der in die Kronen der Bäume und die Blätter der Büsche griff und Bewegung erzeugte.
Den Jungen packte das Grauen. Er rannte davon, um seiner Mutter von dem grausigen Fund zu erzählen.
*
Der Tote, den die Polizei wenig später an der von Markus’ Mutter genau beschriebenen Stelle vorfand, war, ausweislich der Papiere, die man bei ihm fand, der Ingenieur und Handlungsreisende Siegfried Pfitzer. Er war siebenundvierzig Jahre alt, als er starb, Opfer eines Gewaltverbrechens.
Siegfried Pfitzer war ein ruhiger, freundlicher Mann gewesen, verheiratet, zwei Kinder. Er lebte in Alzenau bei Aschaffenburg und arbeitete für die Firma Suhlig in Stuhr, eine Handlingmaschinenfabrik, die Vorrichtungen zum Formen und Prägen von Kunststoffen herstellte. Pfitzer, der ursprünglich Ingenieur für Werkzeugbau war, dann auf Maschinenbau umgesattelt hatte, vertrieb die Produkte der Firma Suhlig im süddeutschen Raum. Zu seinem Gebiet gehörte auch die Gegend um Stuttgart.
Das Foto, das die Presse in den Monaten nach seinem Tod veröffentlichte, zeigte ein ernstes Gesicht, wie man es halt für ein Passfoto macht, in dem vor allem die modische Brille mit breitem Gestell und großen Gläsern auffällt. Die Schatten des Brillengestells ließen jedoch noch genügend Raum für die Augen, die am Betrachter nachdenklich vorbeiblickten. Die Haare, rechts gescheitelt, waren schütter und ordentlich gekämmt. Kinn und Backen ließen auf eine gewisse Körperfülle schließen. Hemd, Jackett und Schlips verrieten eine bürgerlich-konventionelle Erscheinung.
Siegfried Pfitzer hatte am Morgen der Firma Balduf im benachbarten Freiberg am Neckar einen Vertreterbesuch abgestattet. Niemandem war etwas Außergewöhnliches aufgefallen. Er verließ seinen Kunden in Freiberg zwischen 10.15 Uhr und 10.30 Uhr. Von Freiberg nach Marbach waren es knapp acht Kilometer. In Marbach war Pfitzer nachmittags bei einem anderen Kunden, der Firma BBP, zu einem weiteren Besuch angesagt.
Auf seinem Weg in die Schillerstadt muss Pfitzer eine Pause eingelegt haben. Denn man fand später ein Handdiktiergerät mit besprochener Kassette. Pfitzers Stimme ist zu hören. Wie gewohnt, hält er das Ergebnis seines Kundenbesuchs auf Band fest, emotionslos und sachlich, von den üblichen Pausen unterbrochen. Im Hintergrund vernimmt man Vogelgezwitscher, deutlich und laut. Siegfried Pfitzer muss entweder bei offenem Autofenster oder im Freien diktiert haben. Daraus darf man indes nicht vorschnell den Schluss ziehen, dass er auf dem Parkplatz in der Nähe des Ortes, wo der kleine Markus die Leiche gefunden hat, die Notiz auf Band gesprochen hat. Denn wir wissen nicht, ob er nicht vorher schon eine Pause eingelegt hat. Und die Vögel, deren Stimmen auf dem Band zu hören sind, kommen überall in der Gegend vor; es sind keine Arten festzustellen, die nur an den Ufern von Gewässern leben.
Für 15 Uhr hatte Pfitzer in seinem Kalender eine merkwürdige Notiz: Er wollte in Marbach einen dort ansässigen Rechtsanwalt konsultieren. Doch üblicherweise meldet man sich für einen Beratungstermin an. Aber der Rechtsanwalt hatte mit Pfitzer, den er nicht kannte, keinen Termin abgesprochen. Woher konnte Pfitzer wissen, ob der Anwalt nicht bei einer Gerichtsverhandlung in Stuttgart sein würde oder schon anderweitig disponiert hatte? Auch das Büropersonal kann sich an einen Anruf des Handlungsreisenden nicht erinnern. Pfitzer war in seinem Wohnort Aschaffenburg anwaltlich vertreten, und es war kein Grund ersichtlich, weshalb er den Berater wechseln sollte.
Die Kalendereintragung, unzweifelhaft von der Hand Pfit zers, konnte bis heute nicht geklärt werden. Sie bleibt eines der vielen Rätsel, die diesen Mordfall so undurchsichtig machen. Im Grunde wäre diese Arabeske noch nicht einmal erwähnenswert gewesen, würde sie nicht zeigen, dass selbst im banalsten Alltagsablauf Ungereimtheiten stecken, die ohne Hilfe des Beteiligten nicht zu entschlüsseln sind. Denn zu oft widerspricht die Handlungsweise der Menschen den psychologischen Wahrscheinlichkeitstheorien, die man zu ihrer Enträtselung heranzieht. Die Spekulationen, wonach es unwahrscheinlich ist, dass Opfer und Täter so und nicht anders handeln, nur weil der Fahnder sich etwas anderes nicht vorstellen kann, werden zu oft angesichts der bizarren Realität zu Makulatur.
Wäre es beispielsweise nicht denkbar, dass Pfitzer nach langem Ringen einen Prinzipienstreit mit dem Kunden vom Zaun brechen und sich dazu vorher anwaltlichen Rat einholen wollte, und zwar dort, wo man ihn nicht kannte, wohl aber den Kunden? Möglicherweise hat er doch angerufen, und der Lehrling in der Kanzlei, der den Termin entgegengenommen haben könnte, schweigt, weil er es vergessen hat, ihn zu notieren: Der Lehrling ist erfolgreich mit seinem Schweigen, denn er wird für die Verfehlung nicht belangt.
Warum war es nicht so? Nur weil Pfitzer nach außen ein verbindlicher Mann war, dem man einen Prinzipienstreit nicht zutraut? Nur weil es unwahrscheinlich ist. will sagen: selten, dass Termine beim Anwalt nicht notiert werden? Es sind noch ungewöhnlichere, ja sogar bizarre Theorien denkbar, mit denen dieses Geheimnis am Rande des Mordfalles Pfitzer zu erklären wäre. Der ganze Fall ist schließlich ein Beleg dafür, dass das Undenkbare sich unversehens realisiert.
*
Norbert Poehlke stand gegen Mittag unschlüssig vor der Tür seines neuen, noch nicht völlig fertiggestellten Hauses und sah zum Himmel hinauf. Einige Wolkenbündel zogen von West nach Ost über den klaren Himmel. Poehlke drückte mit den Fingerspitzen neben der Nasenwurzel in die Augäpfel, dann schob er die Hände in die Tasche. Ein alter Mann, gebückt an zwei Stöcken gehend, kam am Grundstück vorbei und überquerte die Straße. Poehlke grüßte höflich, der Mann hob einen Stock und winkte als Erwiderung.
Poehlke war ein stattlicher Mann, 1,76 Meter groß, breitschultrig und massig, mit leichtem Bauchansatz. Die äußere Erscheinung konnte fast darüber hinwegtäuschen, dass er sehr sportlich war, oft Waldläufe unternahm, die notwendige Körperbeherrschung für Hand- und Kopfstand besaß, kurz gesagt, gut trainiert war. Zu diesem Zeitpunkt war Poehlke dreiunddreißig Jahre alt. Sein Gesicht wirkte dunkel, es war flächig und oval. Ein ausrasierter markanter schwarzer Vollbart und auffällig buschige Brauen dominierten ebenso wie wache Augen mit einem stechenden Blick, letzteres ein Eindruck, der vielleicht von den zur Nase hinunterschwingenden Augenbrauen verursacht wurde. Poehlke trug die Haare fast militärisch kurz.
Zwei Laster fuhren die Straße hinunter und verursachten Lärm. Poehlke kratzte sich hinter dem Ohr und sah den Fahrzeugen nach. Seine Frau trat aus dem Haus.
»Ich stell’ noch mal ein Umleitungsschild auf«, sagte sie, »ein Krach ist das.«
»Nachts ist’s ruhig«, sagte Poehlke, »und wann kommt hier schon ein Laster vorbei?«
»Oft.«
Poehlke zuckte mit den Schultern, ohne die Hände aus der Tasche zu nehmen. Er ging aus dem Gartentor und ums Haus herum. Man hörte zwei Hunde bellen. Ein freudiges Winseln folgte. Frau Poehlke ging in den kleinen Vorgarten, um Blumen zu schneiden. Späte Tulpen und Narzissen, die im Schatten wuchsen, gaben einen bunten Strauß. Sie band einige Frühlingszweige mit hinein.
Ihr Mann erschien wieder. Zwei mächtige Schäferhundrüden folgten ihm. Es waren Rassetiere, mit schönem Kopf und geschwungener Rute, die sie zwischen den Hinterläufen trugen. Er schlurfte vor dem Haus vorbei, einen schräg nach oben führenden Asphaltweg hinauf bis vor das Tor einer mächtigen Scheune, die fast an das Wohnhaus anschloss. Dort stand Poehlkes weißer Mercedes-Kombi, frisch gewaschen glänzte er in der Sonne.
»Sitz!«, befahl er den Hunden. Sie gehorchten.
Poehlke öffnete die Heckklappe. »Rex, spring!«, sagte er. Der größere der beiden Hunde erhob sich, und mit einem weichen Satz flog er in den Wagen. »Ingbert, spring!«, rief Poehlke. Das andere Tier folgte.
Seine Frau hielt den Strauß am ausgestreckten Arm von sich und betrachtete ihn kritisch.
»Wo fährst du hin?«, fragte sie.
»Wagner«, antwortete ihr Mann.
»Wagner?« Ihr Gesicht verdüsterte sich.
»Ja, Wagner«, bestätigte Poehlke. Seine Stimme hörte sich gelassen, vielleicht sogar gleichgültig an. Eine Passantin sah herüber. Poehlke lächelte. Er blickte in das Gesicht seiner Frau. Man konnte ihr ansehen, dass sie wütend war, im Begriffe, ihm die Meinung zu sagen. Er grüßte mit einem leichten Kopfnicken zu der Passantin, die ihm unbekannt war. Auf dem Dorf grüßt man jeden.
Er ging auf seine Frau zu, bewunderte den schönen Frühlingsstrauß und gab ihr einen Kuss auf den Mund. Er rief zum Haus hin: »Gabriel, Adrian, brav sein! Vielleicht bringt Vati was mit.«
Man hörte eine Kinderstimme, konnte nichts verstehen. Poehlke trottete zu seinem Wagen, ließ ihn an. Winkend fuhr er an seinem Haus vorbei. Aus dem Augenwinkel sah er noch den kleinen Gabriel aus der Tür springen. Poehlke kurbelte die Scheibe herunter und winkte.
*
Während die Kriminalbeamten der Spurensicherung auf dem Waldparkplatz Häldenmühle anlangten und die Schutzpolizei die Abriegelung des Tatorts vornahm, um die Schaulustigen zurückzudrängen, während sich in der Nähe von Marbach am Flussufer die kriminalistische Routine abwickelte, ging, kaum zwölf Kilometer davon entfernt, in der Volksbankfiliale des kleinen Ortsteils Erbstetten der Gemeinde Burgstetten die alltägliche Vormittagsschalterstunde ihrem Ende entgegen. Es war kurz nach 12 Uhr. Um 12.30 Uhr wird geschlossen.
Erbstetten und Burgstall wurden in der Gemeindereform zu einem Verband zusammengelegt, den man »Burgstetten« nannte. Weder damals noch heute besteht ein baulicher Zusammenhang zwischen den beiden Dörfern. Während der heutige Ortsteil Burgstall am Fuße eines steilen Abhangs im Tal der Murr liegt, ist der kleinere Ortsteil Erbstetten ein Dörfchen auf der hügeligen Hochebene jenseits des Murrtales. Wer sich umschaut, sieht flache Erdrücken, die landwirtschaftlich genutzt werden. Wald ist selten.
Erbstetten hat immerhin zwei Banken: eine winzige Filiale der Kreissparkasse rechts vor dem alten Gemeindehaus, links davon in einem gesichtslosen zweistöckigen Neubau die Volksbank. Der kleine Geschäftsraum ist im Hochparterre untergebracht. Ein gutes halbes Dutzend Stufen führt zu zwei modernen Glastüren hinauf. Links ist dann ein Gebäude, das Haus einer Speditionsfirma, mit einem großen Parkplatz angebaut. Von der Volksbank aus eröffnen sich vier große Fluchtlinien, darunter die eine in Richtung Waiblingen, die andere in Richtung Marbach.
Die Volksbank hat zahlreiche Filialen, die auch die kleinsten Gemeinden mit ihrem Service versorgen. Naheliegend in einem Landstrich, der fürs Sparen bekannt ist. Die kreuzbraven Kreditinstitute, genossenschaftlich orientiert, legen Wert auf schlichtes Äußeres. Einem marmorvertäfelten Geldtempel würde man misstrauen; bedenklich, wer so mit dem Geld umgeht. Dass die Ökonomie auch zur Zurückhaltung bei Sicherheitsinvestitionen führt, das ist indes später bedauert worden. Denn die Erbstettener Filiale war nicht mit einem modernen Alarmsystem ausgerüstet. Man meinte, man dürfe es auch getrost einsparen, denn die Groschen, die in dieser winzigen Einzimmerfiliale von der überwiegend bäuerlichen Kundschaft umgesetzt werden, blieben bislang unangetastet. Was sollten da teuere Videoüberwachungskameras und Alarmanlagen? Nur eine Telefonmeldeanlage mit Verbindung zur Polizei, allerdings wegen eines Relaisdefekts nicht einsatzbereit, sowie eine Schutzglasscheibe, wohlgemerkt noch nicht einmal ein Panzerglas, schirmten die Filialleiterin vor einem möglichen Räuber ab. Die Filialleiterin ist die einzige Angestellte in dieser Niederlassung. Sie kennt jeden, der ein und aus geht, mit dem Namen, weiß fast jedes Konto auswendig.
Die wohltuende Gleichförmigkeit des Alltagablaufs wiegte sie und die Direktion der Volksbank in Sicherheit. Auch die für einen Raub besonders günstige Lage am Ortsrand, mit verschiedenen Fluchtwegen, bewog nicht zu anderer Beurteilung. Denn man sagte sich: Was will ein Räuber in einer so kleinen Filiale holen? Was darf er sich von den hier getätigten Geschäften versprechen? Bei diesen Überlegungen ging man typischerweise wieder von psychologischen Spekulationen aus, die sich an einem rational kalkulierenden Täter orientierten, einem, der kalt plant und zudem das Gefüge eines Geldinstituts durchschaut.
Doch die Erfahrung zeigt, dass kühl kalkulierende Täter, die sich bereichern wollen, nur selten Banken überfallen, denn die gängigen Wirtschaftsdelikte sind lukrativer. Da eröffnen sich elegantere und lohnendere Möglichkeiten. Für den Sicherheitsbeauftragten einer Bank ist es am wahrscheinlichsten, dass der Überfall dort passiert, wo das meiste Geld fließt. Für einen einfachen Mann, der einen Raub plant, ist möglicherweise die Bank überall, wo ihr Reklameschild über einer Tür prangt, reich und mit Geldbündeln gespickt. Er greift vielleicht am ehesten dort zu, wo es ihm räumlich oder zeitlich günstig zu sein scheint. Von einem ausreichenden Ertrag wird er überzeugt sein.
Der Täter, der um 12.25 Uhr am 3. Mai 1984 in der Volksbankfiliale in Erbstetten zugriff, dürfte eine solche ausreichende Beute erwartet haben.
Nach den Feststellungen der Polizei lief der Überfall innerhalb weniger Minuten ab. Ein Mann, fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt und zwischen 1,75 und 1,80 m groß, näherte sich um 12.25 Uhr mit einem weißen BMW 520i der Bank. Das Fahrzeug rollte langsam und unauffällig auf einen Parkplatz vor dem Bankgebäude. Der Mann, den die Zeugen in blauem Straßenanzug gesehen haben wollen, soll eine gepflegte Erscheinung gewesen sein; er sei ausgestiegen und schnell die sieben Stufen zur Eingangstür hinaufgelaufen.
Als er eintrat, hatte er schon eine schwarze Zorromaske mit Perlenschnüren über Augen, Nase und Mund gezogen. Er schrie das Wort »Überfall!«. Auch Bankräuber müssen sich Mut machen. Die Angestellte konnte nur noch in den gesicherten Kassenraum fliehen. Starr vor Schreck sah sie den Täter einen schweren Vorschlaghammer heben und mehrfach auf die Scheibe vor der Kasse einschlagen. Der Glaskasten bebte und zitterte, das Glas hielt; noch ein Schlag, härter als die ersten, und schließlich zerbarst die Scheibe doch mit einem krachenden Geräusch, das massiver klang, als wenn eine einfache Glasscheibe zerspringt.
Wann sich der Mann verletzt haben könnte, weiß die Angestellte nicht mehr zu sagen. Eine Blutspur wurde später auf einem Kuvert entdeckt, das auf dem Abfertigungstisch im Glaskasten lag.
Die Filialleiterin händigte dem Räuber ohne weiteres die vorhandenen Geldscheine aus, die sie aus dem Aluminiumfach nahm. Es war nicht viel, was der Täter in einen kleinen Plastiksack stecken konnte.
Wortlos verließ der Mann die Bankfiliale. Wegen des Defekts am Telefon war ein automatischer Alarm nicht auslösbar.
Die Angestellte floh in der Angst, der Räuber könne zurückkehren, in den ersten Stock, in dem sich eine Wohnung befindet. Zusammen mit der Frau, die dort wohnt, eilte sie ans Fenster. Sie sahen den Täter in das weiße Fahrzeug steigen und ohne Hast davonfahren. Das Kennzeichen lautete AB-LN 471.
Ein weiterer Zeuge, der gerade noch rechtzeitig vor Kassenschluss Geld abheben wollte, beobachtete den Mann, wie er aus der Bank kam. Der Zeuge beschreibt zwei wichtige Auffälligkeiten, nämlich einmal einen seltsamen Gang, der sich wie ein »Watschelgang« angesehen habe; zudem habe dem Mann von der Stirn ein Pflaster heruntergehangen.
Die Kriminalpolizei, die am Nachmittag schon durch den Einsatz auf dem Parkplatz beim Gruppenklärwerk Häldenmühle stark belastet war, musste weitere Spurensicherer in die Gegend von Marbach abstellen, wo man zum Glück im allgemeinen nur selten Kapitalverbrechen verzeichnet. Eine erste Ermittlungsgruppe mit fünfzehn Beamten wurde gebildet.
Die Beschreibung des Tatbestandes, der in der Bankfiliale Erbstetten aufzunehmen war, erwies sich, wie oft bei diesen Überfällen, als nicht sehr ergiebig. Die Aussage der Filialleiterin war bald festgehalten; die Untersuchung der Eingangstür, der Glasscherben und des Fußbodens ergab keine brauchbaren Spuren. Aber am Kassenschalter waren interessante Feststellungen zu machen: Besonders wichtig war der Blutfleck auf dem Kuvert, der vom Täter stammen musste. Kein Zweifel. Dies bestätigte auch die Zeugenaussage.
Die Glassplitter wurden von den Kriminaltechnikern routinemäßig abgepudert, um sie auf Fingerabdrücke zu untersuchen. Dabei konnten einige Spuren gesichert werden. Nach und nach wurde der Scherbenhaufen auf dem Pult und dem Registrierautomaten mit der Pinzette abgesammelt. Einige Proben der Scheiben, insbesondere aber die Glassplitter mit Fingerspuren, tütete man als Asservaten ein.
Als äußerst wichtig erweist sich stets die Sicherung der Blutspuren, denn Blut kann entscheidende Hinweise geben. Die Ausbeute an objektiven Aussagen ist um so schlechter, je älter das Blut ist. Deshalb beeilte man sich mit dieser Arbeit.
Die Kriminaltechnik verfügt heute über verschiedene naturwissenschaftliche Methoden, selbst geringste Reste von Blutspuren zu sichern, das heißt zunächst für eine medizinische Untersuchung im Labor konservieren. Erst der Gerichtsmediziner kann dann, sozusagen in einem zweiten Arbeitsgang, sagen, ob es sich überhaupt um Menschenblut handelt, wenn ja, welcher Blutgruppe es angehört und welche Blutgruppensysteme mit welchen Untergruppen vorhanden sind. Die Aufgabe der Kriminaltechniker vor Ort besteht darin, die Spur als solche präzise zu dokumentieren, ohne sie dabei zu verderben oder zu verfälschen.
Diese Prozeduren nahmen den ganzen Nachmittag in Anspruch, so dass die Bankfiliale geschlossen bleiben musste. Erst gegen Abend wurde der Raum soweit freigegeben, dass man die Kasse überprüfen konnte, um die Höhe des Verlustes festzustellen. Exakt 4.790 DM fehlten nach dem Überfall.
*
Es war kurz nach 13.00 Uhr; eine gewisse Mittagsruhe hatte sich über das Dorf Strümpfelbach gelegt, eine kleine Gemeinde, früher selbständig, heute der Stadt Backnang zugeschlagen, zu der es noch nicht einmal Sichtverbindung gibt. Verwaltungsvereinfachung war der Grund für die baden-württembergische Gebietsreform gewesen. Viele selbständige und heute immer noch in sich geschlossene Ortschaften wurden zu administrativen Zweckverbänden zusammengeschlossen. So kam der Ort zur Gemeinde Backnang. Strümpfelbach liegt in welligem Gelände. In der Umgebung des Ortes findet man weite Felder. Der Boden ist gut, der Ackerbau lohnt sich.
Inge Poehlke saß auf einem Stuhl vor dem Haus und schälte Kartoffeln, putzte Gemüse und Salat, um für den Abend das Essen zuzubereiten. Ihr Mann würde, wie immer, wenn er zu Wagner fuhr, erst spät nach Hause kommen. Für die beiden Söhne, Gabriel und Adrian, machte die Schwiegermutter, die im Anbau lebte, gerade Pfannenkuchen mit Marmelade.
Inge saß mit übergeschlagenen Beinen da und blinzelte, weil die Sonne grell schien. Die Fenster im Haus waren geöffnet. Von drinnen drang Radiomusik heraus, angenehme unverbindliche Weisen, die leicht ins Ohr gingen. Inge pfiff leise mit: »Max, wenn du den Tango tanzt« und »Die Rose vom Wörthersee«.
Inge Poehlke war eine zierliche Frau, mit einem offenen, ebenmäßigen Gesicht. Über der hohen Stirn trug sie ihre blonden, krausgelockten Haare offen. Sie hatte helle Augen, die beim Lachen strahlten, eine schmale Nase und einen breiten Mund. Sie war keinesfalls unscheinbar, hätte freilich auch mehr aus sich machen können.
Sie stellte das Salzsieb auf den Boden und hob das Zeitungspapier mit den Gemüseabfällen vor ihren Füßen auf und knüllte es zusammen.
Die Musik wurde unterbrochen. Ein schriller Ton. »Südfunk Stuttgart, Verkehrsfunk«, sagte die Stimme des Ansagers. »Die Polizei teilt mit: Auf der A 8 Stuttgart-München, in Richtung München am Aichelberg, Stau wegen hohen Verkehrsaufkommens. Und nun ein Fahndungshinweis der Polizei: Um 12.30 Uhr ist eine Bank in Burgstetten-Erbstetten bei Ludwigsburg überfallen worden. Der Täter entkam in einem weißen BMW mit Aschaffenburger Kennzeichen. Vorsicht, Schusswaffengebrauch! Wer ein verdächtiges Fahrzeug sieht, wird gebeten, die Polizei zu verständigen.«
Der Sprecher wiederholte die Durchsage. Unterdessen räumte Inge ihre Schüsseln zusammen und stellte sie in den Hausflur, in den Schatten.
Poehlkes Mutter trat in den Garten und sagte, dass die beiden Kinder noch bei ihr spielten.
»Haben sie aufgegessen?«, fragte Inge.
»Alles.«
»Sie sollen aber nicht so lange bleiben, ich will sie zum Einkäufen mitnehmen«, sagte Inge.
Ihre Schwiegermutter nickte, dann sagte sie: »Hast g’hört, in Erbstetten ist eine Bank überfallen worden? Jetzt geht's auch schon aufm Land los mit dem Verbrechen!«
»Auf dem Land hat's immer schon Verbrechen gegeben, bloß nicht so viel wie in der Stadt«, antwortete Inge. Anders als ihre Schwiegermutter und ihr Mann, die den Dialekt der Gegend sprachen, redete sie in münsterschem Tonfall, der viel härter wirkt als das Schwäbische. Poehlkes Mutter verstand ihre Schwiegertochter manchmal wegen der anderen Mundart nicht richtig. Kopfschüttelnd ging sie um die Ecke zum rückwärtigen Eingang in ihren Teil des Hauses. Man hörte die Kinder lärmen.
Im Radio wurden Operettenmelodien angesagt. »Dein ist mein ganzes Herz«, erklang, und Inge summte mit.
Draußen auf der Straße fuhr ein Streifenwagen der Polizei mit Blaulicht in hoher Geschwindigkeit vorbei. Die Sirene sichelte kurz den Tenor nieder, der die Arie vortrug.
Dann herrschte wieder Frieden in Strümpfelbach. Mücken spielten unter der Decke, durch die offenen Fenster zog weicher Duft von blühenden Bäumen. Die Standuhr im Wohnzimmer schlug dreimal hell und dünn. Viertel vor zwei.
*
In der Polizeidirektion in Ludwigsburg war längst die Fahndungsmeldung nach dem weißen BMW mit dem Aschaffenburger Kennzeichen durchgegeben worden. Den Besatzungen der Streifenwagen waren beide Straftaten dieses Tages in Umrissen bekannt: ein Tötungsverbrechen an der Mündung der Murr und ein Bankraub in Erbstetten.
Am frühen Nachmittag wurden beide Taten noch singulär behandelt. Eine gemeinsame Klammer zwischen der Tötung des Handlungsreisenden Pfitzer und dem Raub ergab sich aber sehr bald: Ein Hubschrauber der Polizei fand auf einem asphaltierten Feldweg nahe dem Wasserbehälter »Vorderes Eck« zwischen Marbach und Erdmannshausen schon um 14 Uhr den weißen BMW 520 i mit dem Aschaffenburger Kennzeichen AB-LN 471. Niemand war im Fahrzeug oder in dessen Nähe zu sehen, die Türen waren verschlossen. Im Fußraum vor dem Beifahrersitz lag ein fünf Kilogramm schwerer Vorschlaghammer mit einem abgewetzten Griff, teilweise mit einem Edelholz ausgehaftet und mit angetrockneten Zementspritzern dicht überzogen. Die erste Überprüfung des Kennzeichens über Funk ergab, dass als Halter der siebenundvierzig Jahre alte Handelsvertreter und Ingenieur Siegfried Pfitzer aus Aschaffenburg eingetragen war, der wenige Stunden vor dem Banküberfall in der Nähe des Klärwerks Häldenmühle von einem unbekannten Täter durch einen Genickschuss praktisch hingerichtet worden war.
Die Stelle, an der Siegfried Pfitzer starb, wurde am frühen Nachmittag von der Schutzpolizei abgeriegelt, um Neugierige fernzuhalten. Von der Polizeidirektion Ludwigsburg trafen die Kriminalbeamten und Techniker ein, die sich an die Arbeit machten, den Tatbestand aufzunehmen. Zwischen der schmalen Straße, die auf dem linken Ufer der Murr folgt, und dem Flüsslein liegt ein kleines Wäldchen, in dem der Junge, der die Leiche entdeckte, gespielt hatte. Der Randstein, der die Straße begrenzt, hat etwa hundertfünfzig Meter südlich des Klärwerksgeländes eine Absenkung, die die Zufahrt auf den Randstreifen der Straße erlaubt. Von hier aus zieht sich eine breite Lichtung ungefähr zwanzig Schritt hinüber zum Ufer des Flusses. Am Rand dieser Lichtung musste sich die Tat abgespielt haben. Der Fundort der Leiche ist von der kleinen Straße her leicht einzusehen.
Auf dem gegenüberliegenden Ufer führt die Straße nach Steinheim, allerdings ist von dort der Blick durch eine Pappelallee erschwert. Von der Mündung der Murr, die von einer Brücke überspannt wird, kann man ebenfalls sehr gut auf den nur wenige hundert Meter entfernten Tatort sehen. Auf der kleinen Straße unmittelbar am Parkplatz herrscht nur geringer, aber regelmäßiger Verkehr.
Die Situation berechtigte damals zu vorsichtigem Optimismus; denn die Leiche wurde relativ kurz nach der Tat entdeckt.
Der Vorfall ereignete sich bei Tageslicht, und es war denkbar, dass Passanten oder Fahrzeuginsassen wichtige Beobachtungen gemacht hatten.
Als erste bedeutsame Spur fand man in der Nähe der Leiche eine Patronenhülse des Kalibers 9 mm. Sie roch noch frisch nach Pulverschmauch, war folglich mit großer Wahrscheinlichkeit zu dem Projektil zu rechnen, mit dem Pfitzer getötet worden war.
Den Dienstvorschriften entsprechend, wurde ein Arzt aus der Umgebung gerufen, der den Tod formal feststellte. Die Kriminalbeamten sind gehalten, den Arzt, der als erster am Tatort antrifft, zur Sicherung von Spuren um eine Blutentnahme bei der Leiche zu bitten. Je früher das Blut entnommen wird, um so sicherer wird die spätere Grundlage für die Analyse.
Der Fundort der Patronenhülse wie auch die Lage der Leiche wurden exakt fotografiert. Kleine Trupps von Technikern durchsuchten Quadratmeter um Quadratmeter im gesamten Bereich des Leichenfundorts. Sie fanden keine vielversprechenden Spuren mehr, konnten aber aufgrund der Abdrücke im Gras und auf dem Boden vermuten, dass ein Auto in der Nähe der Leiche gehalten hatte.
Da zu diesem Zeitpunkt schon der Zusammenhang mit dem Überfall in Erbstetten hergestellt und auch der BMW beschlagnahmt worden war. lag die Vermutung nahe, dass das Opfer bis unmittelbar zum Tatort gefahren war und praktisch neben dem Wagen den Tod gefunden hatte.
Den weißen BMW schleppte die Polizei zur genauen kriminaltechnischen Untersuchung nach Ludwigsburg. Am Fundort gab es nichts zu sichern. Der Asphaltweg war trocken und konservierte keine Spuren. Möglich, dass der Täter mit seinem eigenen Fahrzeug zum Wasserbehälter »Vorderes Eck« gefahren war und ihn dort verborgen hatte, um dann zum Tatort des Mordes aufzubrechen, wie – das bleibt ungeklärt. Zwischen diesen beiden Punkten liegt eine Distanz von etwas mehr als einem Kilometer Luftlinie, die genau über Marbach führt. Scheute der Täter das Risiko, mit dem Vorschlaghammer durch den Elftausend Seelen-Ort zu wandern, dann musste er das Städtchen umgehen, was nur in nördlicher Richtung sinnvoll war; dabei fand er aber offenes Feld vor, das kaum Möglichkeiten zur Deckung bot. Wenn der Hammer nicht zuvor am Tatort oder auf dem Weg zur Bank verborgen worden war, dann musste der Mann in freier Landschaft jedem auffallen.
Denkbar ist auch, dass der Täter mit dem eigenen Auto in die Nähe der Häldenmühle gefahren und nach der Tat mit der Beute zurückgekehrt war. Dafür spricht, dass er den Hammer im Auto zurückgelassen hat - er war schwer zu tragen und zudem sehr auffällig und musste nach dem Überfall als signifikantes Kennzeichen gelten, dagegen aber, dass es riskant für ihn war, mit der Beute in der Hand in die Nähe des ersten Tatorts zurückzukehren, wobei er befürchten musste, gestellt und durchsucht zu werden.
Auf keine der beiden Versionen gab es eindeutige Hinweise, zumal damals am 3. Mai noch offen war, ob der Täter nicht aus Marbach stammte, was ihm die Wege verkürzt hätte, allerdings auch das Risiko erheblich erhöht, bei einem Mord in der Nähe des Wohnorts erkannt zu werden. Nirgends fand man ein Fadenende, das man hätte aufheben können, um eine Spur weiterzuverfolgen.
Man beorderte eine Hundertschaft der Polizei mit Suchhunden in das Gelände am Lemberg. Der Lemberg liegt in östlicher Richtung vom Fundort des BMW. Auf seinem Rücken befindet sich das einzige zusammenhängende Waldgebiet in der Gegend, in dem der Täter, wenn er noch in der Nähe war, hätte Schutz finden können. Hubschrauberunterstützung wurde aufgeboten. Eine Maschine flog das Gelände systematisch und in geringer Höhe ab. Der Copilot überwachte und dirigierte die Trupps mit den Hundeführern und suchte mit einem Fernglas Baumwipfel, Wege und Lichtungen ab.
Kein Verdächtiger lief den Beamten in die Arme.
*
»Norbert, hast du das Geld?«, fragte Frau Poehlke ihren Mann, noch bevor er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Poehlke nickte und ließ die Tür offen. Es zog, die Vorhänge wehten um die geöffneten Fenster. Die Abendkühle hatte sich nach diesem ersten, fast heißen Frühlingstag in den noch feuchten Neubau der Familie Poehlke geschlichen. Die Frau ging wortlos die Türe schließen und sah ihrem Mann nach, der in die Küche gegangen war. Als sie ihm folgte, saß er am Tisch und zählte aus einem Briefumschlag Hundertmarkscheine auf den Tisch. Er legte sie in einem Fächer auf, wie ein Kartenspiel. Inge Poehlkes Finger tippten auf jeden Schein.
»Neunhundert?«
Poehlke brummte etwas, was man als Zustimmung auslegen konnte.
»Es wird auch Zeit«, sagte seine Frau und setzte sich. Sie fegte den Fächer der Scheine zusammen, klopfte sie säuberlich auf und ordnete sie, Bild zu Bild, wie bei der Bank.
»Hast du eine Quittung schreiben müssen?«, fragte sie.
»Quittung?« Poehlke lachte kurz und verächtlich; dann sagte er, dass alles klar sei und sie sich keine Sorgen machen müsse. Wagner sei ein anständiger Kerl, der niemanden bescheiße.
»Außer der Steuer«, warf Inge dazwischen.
Poehlke zuckte mit den Achseln und erkundigte sich nach den Kindern.
»Schlafen«, antwortete seine Frau.
»Wenn ich das Geld versteuere, dann kann ich mir auch gleich damit den Hintern abwischen«, sagte er nach einer Pause. Und dann verwünschte er noch die beamtliche Nebentätigkeitserklärung, die er abzugeben gezwungen wäre, wenn man alles korrekt abwickelte. Und dass man dann den Wagner verstehen könne, der seine Pelztransporte schwarz abwickle, mit der Steuer lohne sich das nicht, sage der Wagner immer. Bargeld lacht.
»Hoff nur, dass dein Wagner kein Hehler ist«, sagte Frau Poehlke und schloss die Scheine in den Küchenschrank. Er war leuchtend gelb und mit Bauernmalerei verziert, Bestandteil einer neuen Anbauküche, die erst vor wenigen Wochen geliefert worden war. Unter den Hängeschränken sahen noch die unangeschlossenen Elektrokabel heraus.
»Und wenn er ein Hehler ist, was weiß ich«, sagte Poehlke.
»Saubere Ansichten für einen Polizeiobermeister«, spottete Inge und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch ihre lockigen Haare, die heute ein wenig ungepflegt wirkten. Aber Inge Poehlke hatte ein großes neues Haus und zwei Kinder zu versorgen.
Poehlke gähnte. Er war es gewohnt, dass man ihn an seinem Beruf maß, mit dem ein hohes Ethos verbunden wird. Er stand auf und holte sich eine Sprudelflasche aus dem Kühlschrank, schraubte den Deckel ab und trank einen Schluck. Dann fragte er, ob man denn die Kinder verhungern lassen solle, bloß wegen der verdammten Steuer und der verdammten Bank. Geldgierig alle beide! Seine Frau antwortete nicht. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, die Hände in die Hüften gestemmt, vor dem Spülstein, in dem sich Berge ungewaschenen Geschirrs türmten. Sie besah die eingetrockneten Speisereste und beobachtete eine Fliege, die mit dem Rüssel an einer Krume Kinderbrei saugte.
»Solange er pünktlich bezahlt, und solange es keine Schwierigkeiten gibt, isses egal«, sagte Inge. »Bloß wenn er das Geld schuldig bleibt, wie in den letzten Wochen, dann frag’ ich mich, was es soll, dass du dich dort abrackerst. Gibt er dir auch was für die Hunde? Das ist was Zusätzliches, wenn einer scharfe Diensthunde von der Polizei für einen Transport mitbringt, hast du ihn gefragt?«
»Deswegen sind’s doch neunhundert«, sagte Poehlke.
»Mit den Hunden neunhundert?«
»Für heute.«
»Und was ist für die letzten drei Male?«, fragte Inge Poehlke, und ihre Stimme wurde scharf und klar. Sie drehte sich um, sah ihm in sein rundes bärtiges Gesicht. »Er hat also immer noch nicht alles gezahlt?«
Da huschte ein Grinsen über seinen Mund, das er sofort wieder mit dem Ärmel wegwischte. Er lehnte sich zurück und sah ihr zu, wie sie sich erregte, auf Wagner zu schimpfen begann, ihre Rede mit knappen, energischen Gesten unterstrich, ein klares unerschütterliches Urteil über einen Mann fällte, den sie noch nie gesehen hatte, nur aus den kargen Berichten ihres Mannes kannte.
Erst als sie dazu überging, ihm wegen seiner notorischen Faulheit und Lethargie Vorwürfe zu machen, erst dann hob er seinen Hintern von dem neuen und unbequemen Bauernstuhl und griff in die Hosentasche seiner grünen Uniform, zog einen, noch einen und schließlich den dritten Briefumschlag heraus, zerknittert, aber alle voll mit Geld. Ohne sichtbare Gemütsrührung, aber mit einem kleinen Triumph in den Augen, warf er die Päckchen auf die rustikal geschwärzte Tischplatte, eines nach dem anderen.
Die Geldscheine waren sehr unterschiedlich sortiert. Auch ein Fünfhunderter war dabei, ebenso wie kleine Scheine, Zehner und Zwanziger. Inge Poehlke stieß sich nicht daran, zählte und sortierte erneut.
»Zweisieben, zusammen mit dem da« sie zeigte über die Schulter »dreisechs.«
»Komm, gib mir zwei Hunderter«, sagte Poehlke zu seiner Frau und streckte die Linke bittend vor.
»Nichts«, gab sie zurück; man müsse die längst überfälligen Schulden bei Freunden bezahlen. Gepumptes Geld, hier hundert, dort dreihundert, und so weiter. Außerdem sei die Lieferantenrechnung für das Hundefutter noch offen, der Händler nehme auch Bares. Mit schwarzem Geld müsse man vorsichtig sein. So was kann man nicht einfach auf der Bank einzahlen, ohne zu riskieren, dass einer irgendwann einmal komische Fragen stellt. Inge Poehlke musste es wissen. Sie war vor sechs Jahren aus dem Polizeidienst ausgeschieden, des Kindes wegen, das sie damals erwartete, so hieß es. Zuletzt hatte sie bei dem Schwerpunktdezernat für Wirtschaftsdelikte in Stuttgart gearbeitet. Der fintenreiche Umgang anderer mit unversteuertem Geld war ihr aus der Dienstzeit noch bekannt.
»Komm, einen Hunderter«, wiederholte ihr Mann und verharrte in der Haltung des Bittstellers.
Sie musterte seine Hand, dann strich ihr Blick hinüber zur Linken. Der Bund des Hemdes war weit vorgezogen. Trotzdem sah man darunter ein Pflaster. Sie fragte, was er habe.
»Nix, eine Kleinigkeit, beim Transport«, antwortete Poehlke und streckte den Arm aus, so dass man das Pflaster genau sehen konnte.
»Geh raus und füttere deine Hunde«, sagte Inge Poehlke und wandte sich wieder der Betrachtung ihres Geschirrhaufens zu.
Poehlke verließ die Küche. Aber er ging nicht hinaus zum Hundezwinger, denn die beiden Tiere waren schon versorgt. Statt dessen stieg er leise hinauf in das Obergeschoss, öffnete die Tür zum Kinderzimmer, zog sich einen der Kinderstühle heran und hockte sich zwischen die Betten seiner kleinen Söhne, die er abwechselnd ansah. Das Fenster war angeklappt, der fade Schein der Straßenlaterne drang herein und ein süßer, flüchtiger Blütenduft, den der Wind aus den Gärten und Feldern hertrug. Die Kinder schliefen unruhig und wälzten sich herum. Norbert Poehlke kauerte still auf dem unbequemen Stühlchen und starrte vor sich hin. In der Küche klapperte Geschirr. Unten wurde das Radio angeschaltet. Eine volkstümliche Melodie drang herauf: Bläser, Akkordeon und ein Pärchen als Vokalisten, die ihr Lied mit betonter Heiterkeit vortrugen, eine Klarinette jubelte dazwischen. Poehlke saß stumm da, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Kutscherhaltung.
Im Radio folgte eine Ansage, die man nicht verstehen konnte. Musik setzte ein, ein Walzer, Blasmusik. Poehlke griff in seine Gesäßtasche und zupfte noch einige Geldscheine heraus, die er unschlüssig in den Händen drehte. Er nahm das Papier zwischen die Finger, befühlte dessen glatte und gegliederte Struktur, ertastete den Sicherheitsfaden; schließlich hob er es an die Nase, roch daran, schnüffelte und witterte, dabei sah er schräg hinüber zu dem matt erleuchteten Fenster. Er ließ die Hände sinken, er hatte seine Kiefer hart zusammengebissen und die Mundwinkel heruntergezogen; schließlich zerknüllte er die Scheine und warf sie mit gewaltigem Schwung gegen die Wand, wo die Papierkugel klatschend aufkam und zurücksprang, ihm vor die Füße rollte.
Es klingelte. Poehlkes Gesichtszüge spannten sich, die dichten Augenbrauen schoben sich zusammen; er trat an die Tür, stellte sich in der typischen Position eines Lauschers an den Spalt. Er vernahm die Stimme der Gipsersfrau, deren Mann die Poehlkesche Scheune früher gepachtet hatte. Für die Auflösung des Vertrages schuldete man dem Gipser einen Abstand. Inge ließ die Frau nicht eintreten, man begrüßte sich frostig.
»Ich komm' wegen dem Abstand«, sagte die Gipserfrau, »drei Raten wären jetzt schon fällig, drei Raten zu zweihundert.«
»Wenn Sie nur nicht immer so drängen würden. Frau Kurz«, antwortete Inge. Ihre Stimme klang freundlich und überlegen. »Es ist doch alles kein Problem, wissen Sie. Haben Sie Ihr Geld auch nur einmal nicht bekommen?«
»Ja, die letzten drei Monate.«
Poehlke hörte, dass seine Frau den Flur hinunter in die Küche ging, ohne zu antworten. Der Küchenschrank klappte, dann kam sie zurück. »Hier«, sagte sie kalt.
Geldscheine raschelten, Frau Kurz zählte.
»Quittung«, sagte Inge.
»Aber sicher.«
Während die Gipserfrau den Beleg schrieb, sagte Inge, dass das Drängen doch zu nichts führte. Der Bau habe genug Geld verschlungen, aber man wisse genau, was man schulde, exakt, alles eingeteilt. Da komme jeder an die Reihe, jeder, auch die Frau Kurz mit ihrem Abstand. »Sowieso zu viel Geld, dieser Abstand«, sagte Inge und öffnete die Tür. Ein Fenster fiel zu.
»Ihr Mann hat's unterschrieben«, sagte Frau Kurz im Hinausgehen.
»Ja, mein Mann hat unterschrieben«, antwortete Inge, und das hörte sich so an, als unterschreibe Poehlke zu viel und zu unvorsichtig. Die Tür klappte ins Schloss, ohne dass eine der Frauen gegrüßt hätte. Poehlke ging zurück ins Kinderzimmer, hob die Scheine auf und strich sie auf dem Oberschenkel glatt.
*
Die regionalen Zeitungen berichteten ausführlich über die Doppeltat: Mord und Raub. In den Magazinsendungen des Süddeutschen Rundfunks schilderte ein Reporter die Verbrechen. Die Kripo hatte noch am Abend des Vortages, rechtzeitig vor Redaktionsschluss, an die Medien folgende Fragen durchgegeben: Wer hat Siegfried Pfitzer in seinem weißen BMW in der Zeit nach 10.15 Uhr im Raum Freiberg-Benningen-Marbach gesehen? War er dabei in Begleitung eines Mannes, auf den die folgende Beschreibung des Bankräubers zutrifft: etwa fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt. schlanke Figur, etwa 1,75 bis 1,80 Meter groß, dunkelblondes, glattes Haar, gepflegte Erscheinung, mit einem dunkelblauen Anzug bekleidet?
Wer hat zur erwähnten Zeit vor dem Mord (vor 10.30 Uhr) einen Mann zu Fuß oder in einem Fahrzeug im in Frage kommenden Raum gesehen, auf den diese Beschreibung passt?
Wer hat das Auto des Opfers nach dem Mord und dem Raubüberfall mit dem flüchtenden Täter gesehen (zwischen 11 und 13 Uhr)?
Wer hat den Unbekannten später evtl. im Stadtbereich Marbach und in der Umgebung gesehen?
Wo fiel ein Mann auf mit einer Handverletzung, auf den diese Beschreibung zutreffen könnte?
Wer kennt die Herkunft des Vorschlaghammers oder vermisst einen solchen , der beim Bankraub benutzt wurde und sichergestellt werden konnte?
Die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Heilbronn hatte schon am ersten Tag für Hinweise, die zur Aufklärung der Verbrechen führen, eine Belohnung von 5.000 DM ausgesetzt.
Die Bevölkerung wurde um sachdienliche Hinweise gebeten; allerdings warnte die Polizei nachdrücklich davor, dass der Täter seine Schusswaffe einsetzen könnte.
Die Kriminalpolizei bildete eine Sonderkommission. Der bisherigen Ermittlungsgruppe wurden weitere Beamte zugewiesen, so dass die Sonderkommission ihre Sollstärke von zwanzig Mann erhielt, darunter Beamte der Kriminaltechnik, zuständig für die objektiven Tatbefunde und Spuren. Der Leiter der Sonderkommission war der Kriminalhauptkommissar Plieninger aus Ludwigsburg.
Später entstand in der Öffentlichkeit der Eindruck, eine Sonderkommission sei alleine wegen der Besonderheit dieses Tatkomplexes schon im frühesten Stadium zusammengestellt worden. Tatsächlich bildet die Kriminalpolizei bei jedem Kapitalverbrechen eine solche Gruppe besonders befähigter und spezialisierter Mitarbeiter, um schnellstens handeln zu können, denn die Erfahrung zeigt, dass die Aufklärungsquote mit dem zeitlichen Abstand zur Tat sinkt. Der Täter soll keine Gelegenheit haben, sich unbemerkt abzusetzen und seine Spuren zu verwischen.
Die Besonderheit des vorliegenden Falles bestand darin, dass die beiden miteinander in Verbindung stehenden Verbrechen in unterschiedlichen Zuständigkeitsbereichen der Polizei verübt worden waren. Dieser Umstand sollte im Lauf der Ermittlungen eine erhebliche Bedeutung für die Fahnder bekommen. Siegfried Pfitzer wurde im Bereich der Polizeidirektion Ludwigsburg getötet; der Banküberfall fand im Bereich der Polizeidirektion Rems-Murr-Kreis statt. Deshalb setzte sich die Sonderkommission schon von Anfang an aus Beamten beider Dienststellen zusammen.
Mit Hochdruck wurde auch an der Spurensicherung im weißen BMW gearbeitet; erste Ergebnisse trafen bei der Sonderkommission ein. Die Techniker entdeckten einen Blutwischer, einen kaum wahrnehmbaren Film auf dem Lenkrad des Fahrzeugs. Die Probe befand sich schon auf dem Weg zur Blutgruppenanalyse, genauso wie ein blutiges Pflaster, das man auf dem Sitz gefunden hatte.
Der BMW stand hochgebockt in einer Halle, von Scheinwerfern taghell ausgeleuchtet. Zentimeter um Zentimeter arbeiteten sich die Spurensicherer vor und konservierten alles, was ihnen auch nur im entferntesten wichtig erschien. Gegenstände mit glatter Oberfläche wurden gepudert und auf Fingerspuren untersucht.
*
»Spring!« sagte Poehlke zu seinen beiden Schäferhunden. Die Klappe seines Mercedes-Kombi hielt er mit der linken Hand hoch, die Tiere sprangen federnd auf den Boden und sahen ihren Herren an, sie erwarteten die nächsten Befehle.
»Sitz!«, sagte Poehlke, die Hunde folgten, und er schloss sein Auto ab. Vom Schießstand ballerten Schüsse herüber. Die Hunde bewegten sich nicht. Poehlke knöpfte behäbig seine Uniformjacke zu und setzte die Schirmmütze auf. Er zog sie wie immer ein wenig schräg ins Gesicht, sah dann an sich herunter. Zwischen den Knöpfen des Uniformrocks bildeten sich Falten, sein Bauchfleisch spannte unter dem Stoff. Er schob das Koppel mit dem Pistolenhalfter zurecht und setzte sich in Bewegung. Die Hunde folgten auf seinen Zuruf.
Er hatte sich zum Übungsschießen zu melden. Er war ein wenig zu spät dran, doch das war nicht von Bedeutung, denn die Kollegen warteten bei der Aufsicht, um die genau abgezählten Patronen in Empfang zu nehmen und zu quittieren, bevor sie in den vorderen Schießstandbereich traten, um dort ihre Waffen aus dem Halfter zu nehmen. Poehlke reihte sich mit seinen Hunden ein. Die Tiere verhielten sich ruhig, schnüffelten und beobachteten einander mit gestellten Lauschern. Sie kannten sich untereinander am Geruch und an den Bewegungen, trotzdem gab es hier und da Beißereien, besonders dann, wenn sie auf engem Raum gehalten wurden. Der Stress der Schussgeräusche war für die empfindlichen Ohren der Schäferhunde aufpeitschend. Alle hatten den Fang geöffnet und hechelten mit heraushängender rosa Zunge.
Die Reihe der Uniformierten rückte vor. Am Tisch der Munitionsausgabe saß ein alter Polizeiobermeister, der schon seit Menschengedenken auf dem Schießstand Dienst tat; er war unabsetzbar, konnte sich deshalb viel erlauben. Zu Poehlkes Vordermann sagte er: »Ernst komm her, zeig mir die Pistol', hasch se noch net verkauft, Schuldensäckel?«
Die Polizisten in der Reihe lachten. Jeder wusste, dass der Ernst gebaut hatte und kaum noch was zum Beißen übrig war, seit vor zwei Jahren die Zinsen so gestiegen waren und die Zwischenfinanzierung bis zur Zuteilung des Bausparvertrages alles auffraß, was vorhanden war. Sie lachten, weil fast jeder dieser Beamten, alle zwischen dreißig und vierzig Jahre alt, gebaut hatte, wie man so sagt; einige wenige hatten eine Eigentumswohnung erstanden, die Mehrzahl ein Reihenhaus in Nachbarschaftshilfe hochgezogen. Doch keiner jammerte so wie der Ernst, dabei gab es schlimmere Fälle als ihn, dessen Frau als Abteilungsleiterin in einem Supermarkt arbeitete.
Der alte Obermeister zählte die Patronen aus der Pappschachtel ab und ließ sie über die Holzplatte des wettergegerbten Tisches kullern.
Ernst, der mit Gelassenheit den Spott über sich ergehen ließ, zog die Pistole und legte sie vor den alten Kollegen. Der nahm sie, registrierte die Seriennummer der Waffe, verglich sie mit der Eintragung in der Liste, die den Namen des Beamten enthielt, dem sie zur dienstlichen Verfügung stand. Weil es den Polizisten erlaubt ist, nach Dienstschluss die Pistole mit nach Hause zu nehmen, wurden anlässlich der Schießübungen, die selten genug auf dem Dienstplan standen, die Nummern der Waffen überprüft.
»Ausnahmsweise in Ordnung«, sagte der Alte und schnickte die Pistole über den Tisch, so dass sie beinahe auf den Boden gefallen wäre, hätte der Polizeimeister Ernst sie nicht mit Geschick aufgefangen. Sein Hund hob den Kopf und legte die Ohren an. Als sein Herr ihm ein Kommando gab, folgte er.
Poehlke war an der Reihe.
»So, der Poehlke«, brummte der Alte.
Er erhielt keine Antwort, sah noch nicht einmal hoch beim Zählen und Nummernkontrollieren. Dann drehte er wie ein alter Vogel den Kopf auf die Seite und sagte zu den Wartenden: »Der Schützenkönig kriegt doppelte Munition!« Ein meckerndes Lachen folgte, er warf den Kopf in den Nacken, brach ab und sah den Hundeführern zu, wie sie, in einer unregelmäßigen Reihe stehend, zwei davon mit den Händen in der Tasche, Poehlke grinsend beobachteten, wie er mit den Augen die Patronen auf dem Tisch, die für ihn bestimmt waren, abzählte und dann mit ruhiger Hand die Hälfte wieder zurückschob. Die Abrechnung bei scharfer Munition war sehr genau, aus Tradition. Dann zog er den Block der Schießaufsicht herüber und quittierte den korrekten Empfang. Seine Pistole stopfte er zurück in das Futteral. Ein kurzer Ruf, und die beiden Hunde erhoben sich und folgten ihm am Fuß in die Wartestellung, unmittelbar vor den Schützenständen.
Lade- und Feuerkommandos waren zu hören. Eine Schießscheibe, die schwarz die Silhouette eines Menschen mit Kopf, angelegten Armen und Beinen zeigt, wird für fünf Sekunden aufgeklappt, dann fallen die Schüsse. Die Hunde der Schützen müssen möglichst regungslos danebenstehen und dürfen keinesfalls fliehen oder nervös werden. Die meisten halten es tapfer durch, auch wenn die Flanken beben und der Atem der Tiere hechelnd geht.
Die erste Gruppe ging nach vorne, um das Schießergebnis auszuwerten und die Löcher in den Scheiben zu überkleben. Endlich konnte Poehlkes Gruppe nachziehen. Die Beamten setzten sich in einer Reihe in Marsch, Poehlke als letzter, vor ihm Ernst. Kurz vor dem Einbiegen in die Schützenstände beobachtete Poehlke, wie seinem Vordermann eine der empfangenen Patronen aus der Hand fiel und in den Sand rollte. Poehlke ging weiter, ohne ein Anzeichen dafür zu geben, dass er den Vorgang registriert hatte, ohne Ernst auf den Verlust aufmerksam zu machen. Vorne mussten sie neben schmale Tische treten und sich bei der Schießaufsicht melden, dann kamen die Patronen auf den Tisch, kullerten harmlos herum, klein und rundlich und dick. Kaliber 9 mm, Kupferhülse und Bleimantelgeschoss, das harmlos weich und grau aussah.
»Laden!«, lautete das Kommando. Die Hunde hatten zu sitzen und stellten die Ohren.
»Stopp!« rief die schießaufsicht beim Polizeimeister Ernst, »es fehlt eine Patrone.«
»Stopfen!«, sagte der Schießleiter; keiner durfte mit dem Laden fortfahren. Die Pistolen der fünf Schützen klackerten auf die Holztische, dann folgten die Magazine der Waffen. Der Schießleiter trat an den Tisch, an dem der Kollege mit erhobenem Arm saß, um die Unregelmäßigkeit anzuzeigen.
Elf Patronen lagen nebeneinander, eine fehlte. Der Schießleiter, ein junger Oberkommissar, drehte sich herum und rief zum Alten herüber, ob der Ernst denn seine zwölf Patronen bekommen habe.
»Ja«, schrie der zurück, vielleicht habe der Ernst eine unterwegs zu Geld gemacht. Er war der einzige, der lachte.
»Kann doch nicht sein«, sagte der Schießleiter. »Haste eine verloren?«
Ernst sah sich um, als könne er von seinem Platz aus die Wegstrecke genau kontrollieren. Er zuckte mit den Schultern.
»Scheiße«, sagte der Kommissar, denn der Verlust einer Patrone, die nicht verfeuert wird, muss schnellstens aufgeklärt werden. Beim Umgang mit scharfer Munition wird schärfste Disziplin verlangt. Das weiß jeder Polizist. Alte Hasen haben für solche Fälle immer eine oder zwei Patronen in der Tasche, um sie gegebenenfalls nachschieben zu können. Keiner will Ärger bekommen. Es ist nichts leichter als der schnelle Ersatz aus dem Hosensack, denn die 9 mm-Munition gibt’s in Waffengeschäften. Wer von den Polizisten hat nicht schon seine privaten Zielübungen gemacht? Sonntag mittags. Frau und Kind mit vor Bewunderung aufgerissenen Augen daneben, wenn es so richtig kernig knallt und die Blechbüchsen klappernd von der Mauerkrone fallen und die Querschläger jaulen.
Ernst hatte keinen Ersatz zu bieten. Der Schießleiter hätte ihm am liebsten aus der eigenen Tasche den Ersatz spendiert, um die endlosen Scherereien, Meldungen und Rapporte zu vermeiden, die mit dem Verlust scharfer Munition einhergingen. Doch das war unmöglich. Ernst stand da, die Handflächen beider Hände nach oben gekehrt, und machte einen hilflosen Eindruck.
»Hat jemand gesehen, ob der Ernst was verloren hat?«, rief der Oberkommissar laut, dann sah er Poehlke an: »Sie vielleicht, Sie sind hinter ihm gegangen?!«
Poehlke zögerte einen kleinen Augenblick, dann sagte er, ohne die Zähne auseinanderzunehmen, dass die Patrone hinten, am Zugang im Sand neben einem Busch liege. Der Oberkommissar lief selbst zu der bezeichneten Stelle, fand nichts, holte Poehlke zu Hilfe, der seinen beiden Hunden das Sitzen befahl, langsam mit seitlich herabhängenden Händen losging und sich ohne Veränderung des Gesichtsausdrucks der Fundstelle näherte, dort mit der Fußspitze die Patrone ein wenig anschnickte, dass sie im Sand kurz weiterkullerte und eine verschlungene Spur zog.
»Hier«, sagte Poehlke, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, dass die Munition auf dem Boden zu finden sei. Er bückte sich noch nicht einmal, beobachtete, wie der Oberkommissar das Projektil aufhob und in der Hand drehte.
Halblaut, so dass man ihn nicht überall verstehen konnte, und in keineswegs unfreundlichem Ton fragte der Schießleiter: »Warum melden Sie das erst jetzt, Poehlke? Hat Ihnen der Ernst was getan?«
»Nein«, antwortete Poehlke. »Ich red' nur, wenn man mich fragt. Das ist alles.«
»Kameradschaft gilt nicht für Sie, ist es das?«
»Nein.«
»Dann hätte es sich von selbst verstanden ...«
Der Kommissar sah Poehlke ins Gesicht; dessen Augen blieben starr und ohne Ausdruck, sahen über den Vorgesetzten hin. Eine Pause entstand, man konnte die Kollegen murmeln hören. Die Sonne drang gerade durch die Wolken und beleuchtete den Schießstand mit grellem Licht.
»Es war klar, dass man mich fragt«, sagte Poehlke schließlich mit ruhiger, unbewegter Stimme, »bin nicht vorlaut, red' nur, wenn man mich fragt.«
Ernst zuckte mit den Schultern und machte zu der Schießaufsicht eine Geste, die andeuten sollte, dass er Poehlke nicht ernst nahm. »Langsam versteht den Poehlke keiner mehr. Der ist wie ausgewechselt.«
*
Erste Hinweise aus der Bevölkerung trafen ein. Die Kriminalbeamten saßen an den Telefonen und nahmen die Anrufe entgegen. Die weitaus meisten dieser »sachdienlichen Hinweise« kommen von Denunzianten und Spinnern, Hysterikern und Wichtigtuern. Wer der Polizei Fehler bei der Bewertung dieser Spuren vorwirft, möge sich vergegenwärtigen, dass in spektakulären Mordfällen wie diesem sich schon innerhalb von wenigen Tagen Hunderte solcher »Spuren« ergeben, auf die natürlich auch schriftlich, oft genug anonym hingewiesen wird. Telefongespräch oder Lektüre nehmen mit den dafür notwendigen Notizen pro Fall mindestens fünf Minuten in Anspruch. Man muss alles ernst nehmen, auch wenn es noch so absurd zu sein scheint, was vorgebracht wird. Und wenn am Ende eines zehn Stunden-Arbeitstages ein Beamter den entscheidenden Tipp falsch einschätzt, dann bleibt der Täter vorläufig unerkannt und kann weiter morden.
Zur Systematisierung der Flut von Informationen bedient sich die Polizei heute der elektronischen Datenverarbeitung. Auch die später so genannte »Soko Hammer« arbeitete von Anfang an computergestützt. Sie benutzt die bei der baden-württembergischen Polizei gängigen Dateien.
Seit 1973 werden alle bekannt gewordenen Straftaten und alle gefassten Straftäter datentechnisch erfasst und in der Personenauskunftsdatei (PAD) gespeichert. Daneben existieren noch weitere Systeme, darunter die für Erstermittlungen besonders wichtige Spurendokumentation (SPUDOK) und die Modus operandi-Datei (MOD). Inzwischen stehen die Dateien zum nationalen und internationalen Datenaustausch zur Verfügung; ein grenzübergreifendes unsichtbares Fangnetz ist geknüpft.
Kriminalgeschichten, in denen raunzige und gerissene Kommissare mit Intuition und Spürsinn die schwierigsten Fälle lösen, sind moderne Märchen. »Kommissar Computer« hat schon lange deren Stelle eingenommen. Er hat inzwischen sogar schon die selbständige Bewertung von Fakten und Zusammenhängen übernommen. Ein höchst verlässliches Instrument, das freilich nur so weit denken kann, wie seine Programme und die gespeicherten Informationen reichen. Es ist folglich auf die Dateneingabe ohne jeden Kompromiss angewiesen. Deshalb können die grünlich schimmernden Buchstaben und Zahlenbilder auf dem Bildschirm sehr trügerisch sein, in der Logik und der Vollständigkeit der Datenverarbeitung bestechend, aber höchst gefährlich, wenn man sich nur auf den Schirm verlässt.
Trotzdem sagen alle Kriminalisten, dass ihnen äußerst unwohl wäre, müssten sie heute ohne den Computer auskommen; erfahrene Polizisten beklagen freilich, dass die Datenfülle und die Perfektion ihrer Speicherung sowie die unbeschränkte Verfügbarkeit dem Fahnder zu oft ein Gefühl falscher Sicherheit gäbe, dass die kritische Distanz den mundgerecht gelieferten Daten zu oft fehle. Die Flut der in den Polizeidateien und insbesondere der SPUDOK verarbeiteten Daten auch nur eines komplexen Falles kann keiner im Kopf behalten. (Am Ende ihrer Ermittlungen hatte die Soko Hammer über viertausendsechshundert Spuren und Hinweise computertechnisch aufgearbeitet!) Ganze Datenfelder werden pro Hinweis aufgestellt. Die Aussagen werden auf ihren objektiven Kern untersucht. Zeit und Ortsangaben, Personen und Sachbeschreibungen, Autokennzeichen und vieles mehr werden aufgenommen und gespeichert und auf diese Weise abrufbar gemacht.
Dies ist einerseits eine wichtige Hilfe für die Ermittler, andererseits aber auch ein Informationsnetz, das sich unsichtbar für die Betroffenen gleichermaßen über den Straftäter wie über Tausende von tatsächlich Unbeteiligten und Unbeschuldigten legt. Werden die Ergebnisse von verdeckten Observationen, Anfragen bei Behörden und Meldeämtern, ja sogar Telefonabhöraktionen und Brieföffnungen in das Informationspuzzle eingefügt, so entsteht ein gefährliches engmaschiges Raster, das zwar frappierende Ermittlungsergebnisse zeitigen kann, aber auch bizarre Fehlentwürfe produziert und die Ursache für verhängnisvolle Falscheinschätzungen sein kann, wie gerade der vorliegende Fall zeigen wird.
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Auch Norbert Poehlke hatte gebaut; es war zwar nur ein Aus- und Umbau, doch dabei entstand ein recht stattliches Haus im Backnanger Ortsteil Strümpfelbach. Das Anwesen liegt an der leicht abschüssigen Ludwigsburger Straße. Es steht parallel zu einer Stützmauer, hat nach hinten einen Anbau, den es um einen Stock überragt. An der Seite schließt sich eine mächtige Scheune mit spitzem Giebel an, die ein schweres Rolltor besitzt. Ein Quer- und ein Längshaus schneiden sich. Das Dachgeschoss ist ausgebaut, besitzt links einen überdachten Balkon; darunter wurde eine Veranda auf Metallstützen angebaut, die zur Straßenseite eine Sichtblende aus hellem Kathedralglas hat. Die Giebelfront ist mit rötlichem Holz verkleidet und im Parterre weiß verputzt; geschwungene Schmiedeeisengitter schützen die Fenster vor ungebetenem Besuch.
Die Fassade des linken Teils des Hauses dagegen ist noch roh. Man sieht die Betonstürze, die gegossenen Decken und die Klinkersteine. Hinter dem Haus liegt in Bergen Schutt und Unrat; im Vorgarten wächst Ziergesträuch, ein Bäumlein. Über 300.000 DM hat der Bau gekostet. Viel Geld für jemand, der 2.500 DM im Monat netto nach Hause bringt, dreizehn mal im Jahr.
Das Gebäude vermittelt einen seltsam gespaltenen Eindruck mit dem fertiggestellten rechten Teil und dem linken, noch unvollendeten, dennoch bewohnten. Sicher, wäre Geld vorhanden gewesen, die Fertigstellung wäre innerhalb weniger Wochen gelungen. Doch selbst wenn man sich das Haus verputzt vorstellt, hat es zwei Gesichter: das rechte konventionell und gerade, der Anbau auf der linken Seite zergliedert und durch zusätzliche neue Elemente uneinheitlich geworden. Der Seitenteil besitzt keine Fenster; nur Glasbauteile, die überdies erst im Obergeschoss beginnen, sorgen für Licht; dort wirkt das Haus wie eine große abweisende Mauer. Obwohl noch nicht umzäunt, wirkt das Grundstück nicht einladend.
Am Freitagabend war Besuch bei Poehlkes angesagt. Selten, dass jemand kam. Eine Jugendfreundin von Inge mit ihrem Mann. Sie stammten wie Inge aus der Nähe von Münster in Westfalen. Für das kommende Wochenende waren sie in Stuttgart für eine Mitarbeiterschulung der IG Druck und Papier angemeldet, hatten schon Quartier bezogen und waren gegen 20 Uhr zu den Poehlkes nach Backnang gefahren.
Es war ein einladender, milder Abend, der in blauer Dämmerung heraufzog. Schlepper kamen von den Feldern und zockelten über die Landstraßen nach Hause, überall bereitete man sich auf das Wochenende vor. Auffällig viele Menschen arbeiteten vor ihren Häusern, weil das Wetter so angenehm war. Auf den Antennen und Dächern saßen Amseln und sangen pathetische Lieder. Kreissägen pfiffen dazwischen, Hausfrauen fegten das Pflaster und schwätzten miteinander.
Poehlkes Mutter hatte den Weg vor dem Haus gereinigt; sie hatte sich dabei nicht aufgehalten, die Dreckhäufchen aber noch säuberlich auf eine Schaufel genommen und auf den Müll geschafft, statt sie zu dem anderen Unrat und Bauschutt zu kehren, der hinter dem Haus ihres Sohnes lag. Sie ging schweigend vorbei, als Poehlke vor die Tür trat. Er sah ihr nach, blickte an der rohen Fassade des linken Flügels hinauf und verschränkte die Arme vor der Brust. Er rührte sich auch nicht, als er seine Frau nach ihm rufen hörte.
»Norbert, sag, liegen die Kinder im Bett?«
Statt einer Antwort des Vaters hörte man die beiden Söhne herumkrakeelen.
»Norbert, die Kinder müssen still sein, sonst komm' ich nicht rum«, rief Inge wieder. Als sie keine Antwort vernahm, trat sie ans Fenster, sah ihn: »Norbert, die Kinder.«
Da fuhr er herum und sagte halblaut: »Schrei nicht so, die Leute!« Im Ton seiner Stimme lag etwas Ruhiges, keine Aggression, aber auch keine devote Haltung.
Die Nachbarn hatten den kurzen Dialog nicht beachtet. Er wollte seine Frau nur auf etwas für ihn völlig Selbstverständliches hinweisen, so klang es. Er verließ seine Beobachtungsposition und stieg die Treppe hinauf ins Kinderschlafzimmer, wo er sich den grössten Teil seiner Freizeit aufhielt, um seine Söhne zu beruhigen und sie zu ermahnen, nun endlich im Bett zu bleiben und zu schlafen. Als Gegenleistung drängten sie den Vater, das Gutenachtlied zum dritten Mal vorzutragen.
Brummend sang Poehlke »Kein schöner Land in dieser Zeit als hier das unsre weit und breit...«, das ihm als Kind selber so gut gefallen hatte. Ihm war es nur höchst selten vorgesungen worden, deshalb folgte er den Bitten seiner Söhne mit Geduld. Die Kinder, eines sechs und eines vier Jahre alt, hübsch und blond, saßen in den Betten und lauschten dem Sprechgesang des Vaters, der am Fenster lehnte.
»Norbert!«, schallte es vom Erdgeschoss hoch, dann leiser, resigniert, weil keine Antwort kam und nur das Brummen der Männerstimme zu hören war: »Mein Gott, jetzt singt er wieder.«
Poehlke strich den Kindern über den Kopf, küsste sie, betrachtete die Gesichter, wie sie in die Kissen gekuschelt waren und so taten, als schliefen sie schon. Er ging hinaus und lehnte die Tür an. Inge stand im Flur, hatte sich schon ein gutes Kleid übergezogen, war gekämmt und ein wenig geschminkt, was selten vorkam. Sie starrte ihren Mann an, der in Hausschlappen und Trainingshose langsam Stufe um Stufe herunterstieg. Sie sagte, dass es schon zwanzig vor sei. Poehlke quittierte die Feststellung mit einem Achselzucken.
»Wie man sich nur so rumhängen lassen kann«, sagte Inge und ging in die Küche. »Hier, komm, trag das Hundefutter noch aus. Das wär’ für Frau Kussmaul, die zahlt auch immer bar, ohne dass es Sachen gibt.« Sie stellte einen Papiersack mit zehn Kilo Haferflocken für Hunde in den Flur. »Sie hat angerufen, braucht’s noch heute, das Tier hat sonst nichts zu fressen.«
»Hab’ schon tausend mal gesagt, dass ich nichts austrage«, sagte Poehlke und blieb vor dem Futtersack stehen, ihn betrachtend, ohne Anstalten zu machen, ihn aufzuheben. »Bin kein Händler. Du weißt doch, dass ich gegen den Futterhandel bin. Nur weil viele Kollegen das machen, muss ich mich noch lange nicht beteiligen.«
»Aber das Geld nimmste gern«, sagte seine Frau wütend und trat unter die Tür. »Zu faul biste, wie üblich.«
Poehlke sah sie gleichgültig an. »Du weißt, dass du lügst, Inge. Wer arbeitet bei Wagner? Wer schafft wie ein Verrückter halbe Tage lang? Muss nicht nur bewachen, auch zupacken wie alle. Selbst Wagner hilft. Pelze sind schwer. Neunhundert sind mehr, als du im Vierteljahr mit dem Futterzeug verdienst, denk immer dran, wenn du so was zu mir sagst. Und deinen Handel muss man bei der Steuer anmelden, was ich bei Wagner mache, nicht. Bin Polizist und trag’ kein Futter aus.«
Eine lange Rede für Poehlkes Verhältnisse. Er trat zur Seite und beobachtete seine Frau, die, ihm einen Seitenblick zuwerfend, die Futtertüte aufnahm und das Haus verließ. Poehlke ging sich umziehen.
Als seine Frau zurückkam, warf sie das eingenommene Geld auf den Küchentisch. Er kam wieder herunter, streifte durch das Wohnzimmer und schob die bunten Clubsessel zurecht.
»Flanellhosen bei so einem Wetter wie heut«, tadelte Inge.
»Hab’ nichts Besseres für den Sommer, aber wenn Wagner zahlt, dann kauf ich mir was, mit Bundfalten, kariert«, sagte Poehlke.
»Wenn Wagner zahlt, wenn Wagner zahlt«, äffte Inge. Er beachtete das nicht, setzte sich auf einen der Sessel und starrte die halbfertige Einrichtung an. Nur wenige Möbelstücke waren neu, der Rest alt und verschlissen. In der Küche klapperte Geschirr. Inge trug kalte Platten herein, Aufschnitt und Braten, garniert mit Petersilie und gekochten Eiern, Käse und geräuchertem Fisch.
»Is ’n das nicht zu üppig?«, fragte Poehlke, ohne die Stimme zu heben. »Wenn der Besuch nichts isst, dann sitzen wir drauf. Einfrieren kann man das nicht.«
»Deine Söhne werden nichts davon übriglassen, und außerdem, wenn schon mal jemand kommt... Sonst schmeißt du doch das Geld raus, heute bin ich dran, diesmal sind's nicht die Leute, für die alles draufgeht, sondern meine Freundin.«
Sie sprach in entschiedenem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Trotzdem begann Poehlke gelassen zu argumentieren, dass es auch die Hälfte getan hätte. Da klingelte es an der Tür. Das Gespräch wurde unterbrochen.
Es folgte eine herzliche Begrüßung zwischen den Frauen, die Männer gaben sich die Hand, und Poehlke lächelte. Er bemühte sich um einen hochdeutschen Tonfall, als er sagte: »Rein in die gute Stube«, hielt zugleich die schlanke Weinflasche hoch, die man ihm als Familienvorstand überreicht hatte, tat, als prüfe er das Etikett, dabei verstand er nichts vom Wein, weil er nur selten Alkohol trank. Höflicherweise erwähnte er diesen Umstand nicht.
Man trat ein. Nach wenigen Worten folgte die Führung durch das Haus. Dabei trat eine Veränderung in Poehlkes Verhalten auf. Er schüttelte seine brummige, gleichgültige Haltung ab, begann zu reden und zu erklären. Er ging vor, übernahm die Einweisung bei der Besichtigung. Wenn er sprach, gestikulierte er sogar ein wenig, sein Gesicht war offen und freundlich. Die Augen leuchteten. Stets sprach er von »meinem« Haus. Nun war Norbert Poehlke der Hausherr, unanfechtbar, umsichtig und tadelsfrei. Bei der Erläuterung der Lage von Fluren und Zimmern betonte er mehrfach, dass alles seine Planungsidee gewesen sei, er fast jedes Detail entworfen und der Architekt nur auszuführen gehabt habe. Inge machte ihm die Rolle nicht streitig, hielt sich im Hintergrund, und wenn sie mit ihrer Freundin Monika flüsterte, dann nicht, um ironische Bemerkungen anzubringen, sondern wegen Kleinigkeiten, von denen sie annahm, dass dies nur Frauen interessieren dürfte.
Nach einem scheuen Blick in das Kinderzimmer kehrte man zurück ins Wohnzimmer, wo sich die beiden Ehepaare sofort zu Tisch setzten und mit dem Abendessen begannen. Poehlke legte eine Schallplatte auf. Volkstümliche Musik drängte sich zwischen die Gespräche, die sich um Belanglosigkeiten drehten.
Poehlke beteiligte sich nicht mehr daran. Er aß schweigend eine beträchtliche Menge Aufschnitt, trank Sprudel dazu, während er durchaus großzügig den Gästen Bier nachschenkte und sie dazu animierte, tüchtig zuzugreifen. Er hatte zu seiner ruhigen, ein wenig abwesend wirkenden Haltung zurückgefunden, was freilich seine Frau nicht davon abhielt, sich mit ihrer Freundin Monika lebhaft über Kinder und Haus zu unterhalten.
Monika, eine stämmige Frau von Mitte Dreißig, hatte ein ovales Gesicht mit rosiger Haut und freundlichen blauen Augen, die natürlich sofort registriert hatten, dass vieles in diesem Haus noch unfertig und improvisiert war. Die Spannteppiche zogen Falten, waren auch nicht von erster Qualität; die Fußleisten fehlten im Flur, und im Wohnzimmer waren die Heizkörper erst grundiert; ein nicht ganz zurückgezogener Vorhang kaschierte ein unlackiertes Steigrohr, das nicht unter Putz lag.
Inge folgte dem Blick ihrer Freundin und sagte, dass halt noch viel zu machen sei.
»Natürlich, wenn man ein so großes Haus hat«, antwortete diese nicht ohne Ironie in der Stimme. Monika wohnte mit ihrem Mann und den drei Kindern zur Miete; zwar hatten sie eine große Wohnung, aber die Schwiegereltern lebten mit ihnen zusammen. Nur so ging es, dass beide Ehepartner arbeiten konnten. Beide waren Drucker, verdienten gut, sicherer Arbeitsplatz, Überstunden massenhaft, aber für ein Haus hatte es noch nicht gereicht.
Als man sich auf die Sitzgruppe um den niedrigen Glastisch zurückzog, nachdem die Frauen den Tisch abgeräumt hatten, fragte Poehlke beiläufig nach dem Kraftfahrzeug, das man fahre.
»Ein Auto ist nicht so wichtig«, sagte Monika.
»Was isses für ein Typ?«, fragte Poehlke beharrlich.
»Polo.«
»Wird eng mit den Schwiegerleuten.«
»Die haben ihr eigenes«, sagte Monika. «Mercedes.«
Das war ein Stichwort. Da kam wieder Leben in die Augen von Norbert Poehlke, ja, einen Daimler, wie man hier vertraulich sagt, einen Daimler habe man auch, Kombi. »Geht nichts über Qualität«, sagte er.
»Dauernd kaputt ist er«, sagte Inge.
»Trotzdem, die anderen sind auch ständig hin. Und ein Daimler ist ein Daimler, da weiß man, was man hat«, brummte Poehlke. Er schilderte die Vorzüge des Wagens, bagatellisierte die Nachteile. »Ein Daimler ist halt was«, sagte er befriedigt. Er lehnte sich zurück, das Lächeln in seinem Gesicht verschwand. »Und der Wiederverkaufspreis«, setzte er hinzu.
Monika fragte ihre Freundin, wie man das alles schaffen könne, finanziell. Bevor Inge antwortete, warf sie einen kurzen Blick zu ihrem Mann hinüber, der unbeteiligt wirkte. Sie entschloss sich zu reden.
»Norbert hat einen Nebenjob«, noch ein kontrollierender Blick, bei Poehlke keine Regung. Sie fuhr fort: »Er bewacht Pelztransporte, das ist gefährlich, bringt aber was ein.«
»Red nicht davon«, sagte Poehlke gelassen, »es geht niemanden was an.«
Er hatte seiner Frau schon mehrfach verboten, über den Nebenverdienst zu sprechen oder gar den Namen Wagner zu erwähnen. Sie spürte allerdings bei guten Bekannten und Freunden die Notwendigkeit, sich zu rechtfertigen, wollte die hohen Schulden nicht eingestehen; deshalb fielen trotz seiner Ermahnung jedesmal die Andeutungen, die dann, wenn er ihr das Wort verbot, um so interessierter registriert wurden. Poehlke, ein privater Wachmann!
Monika lachte und sagte, das erkläre vieles. Ihr Mann, der sich zurückhielt, nickte nur und trank sein Glas leer. »Mein Mann ist Gewerkschaftler im Nebenjob, da verdient man nichts«, sagte Monika.
»Alles Politik, Politik interessiert mich nicht«, brummte Poehlke und schenkte nach. »Politik ist Dreck.«
Auf diese Bemerkung hätten die Gäste vieles antworten können, beispielsweise, dass ein einfacher Mann wie Poehlke seinen Wohlstand nicht nur der Arbeit, sondern auch den gegebenen politischen Verhältnissen verdanke, an deren Gestaltung die Gewerkschaften schon seit über hundert Jahren in harten Kämpfen maßgeblich mitgewirkt hatten, dass nichts Verächtliches an der Politik sei, dass politische Diskussionen nur der Ausdruck der Meinungsfreiheit seien, und so weiter.
Doch Monikas Mann sparte sich seine Argumente. Er kannte Poehlke nicht sonderlich gut, wusste, dass ihn das alles nicht beeindrucken würde, dass die Worte an einem Panzer von Schweigen abglitten. Demütigend war die Schaustellung wirtschaftlicher Prosperität durch das Ehepaar Poehlke schon ein wenig für die Besucher, die auch arbeiteten, sich zu zweit abrackerten und dazu noch verantwortungsbewusst und ehrenamtlich politisch tätig waren.
»Da muss man sich nicht sagen lassen, Politik sei Dreck, bloß weil einer das Glück hat und einen lohnenden Nebenjob gefunden hat«, dachte Monikas Mann. Nur um seiner Frau den Abend nicht zu verderben, blieb er sitzen, schwieg weiter und sah von Zeit zu Zeit auf die Uhr. Inge fiel auf, dass er nichts mehr trank, auch sonst nichts mehr von dem Knabbergebäck, das in mehreren Schälchen auf dem Tisch stand, zu sich nahm.
Als es gegen 10 Uhr ging, das Gespräch war schon längst verschleppt und versandet, erhoben sich die Gäste, verabschiedeten sich ohne Herzlichkeit und verließen das Haus.
Kaum war die Tür geschlossen, stieg Poehlke wieder hinauf ins Kinderzimmer, um nach den Söhnen zu sehen, die ruhig schliefen. Vom Fenster aus beobachtete er die Abfahrt des Polo, ohne dass eine Gemütsregung in seinem Gesicht erkennbar gewesen wäre, weder Triumph noch Hass. Die Hunde schlugen an, schwiegen dann wieder.
Eine halbe Stunde später kam Poehlke herunter. Das Geschirr stand unabgeräumt im Wohnzimmer. Gläser und Gefäße bei der Couch. Durch die Tür sah Poehlke seine Frau am Küchentisch sitzen. Das Licht war nicht angeschaltet. Sie hatte den Kopf auf dem abgewinkelten Arm liegen und weinte. Poehlke blieb stehen, schob die Hände in die Taschen und spitzte die Lippen, er pfiff leise ein Kinderlied.
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Die Sonderkommission arbeitete auf Hochtouren. Hinweise und Spuren wurden systematisch gesammelt, EDV-technisch aufgearbeitet und gespeichert. Erste Hypothesen wurden formuliert und die Daten daraufhin abgefragt und geprüft. Es ergab sich jedoch kein einheitliches Bild. Die Verdachtsmomente waren zahlreich, doch nichts so konkret, dass man einen Ansatzpunkt für eine gezielte Personenüberwachung oder Personenfahndung gefunden hätte.
Der Obduktionsbericht der gerichtsmedizinischen Sachverständigen war eingetroffen. Er enthielt, wie vorgeschrieben, ein genaues Protokoll der Leichenöffnung, bei der ein Richter und ein Vertreter der Staatsanwaltschaft zugegen gewesen waren. Das Protokoll schildert die Schritte der Obduktion, die mit der Öffnung der großen Leibeshöhle beginnt und bei der Untersuchung des Schädels endet. Die Befunde werden festgestellt und analysiert. Es folgt eine Bildmappe, in der die Obduktionsabschnitte fotografisch festgehalten sind, mit besonderer Schwerpunktbildung bei der Untersuchung des Schusskanals durch den Schädel des Opfers.
Messungen ergaben, dass der Schusskanal von einem 9 mm-Projektil herrühren könnte, eine Feststellung, die zu dem Patronenhülsenfund am Tatort passte. Der Tod war durch den Schuss eingetreten, Alternativursachen waren auszuschließen. Dieser Befund ist wichtig, denn die juristische Beurteilung durch den Strafrichter ist anders, wenn etwa feststeht, dass das Opfer an den Folgen der Aufregung schon vor dem Schuss verstorben ist.
Ein zweites, kürzeres gerichtsmedizinisches Gutachten betraf die Blutanalyse der Spuren, die man am Vorschlaghammer sowie auf dem Kuvert in der Bank in Erbstetten gesichert hatte.
Anders als später in der Presse oft berichtet, war nicht eine besonders seltene Blutgruppe festgestellt worden. Die Blutgruppe A, die das gerichtsmedizinische Institut ermittelte, kommt bei vierzig Prozent der Europäer vor und ist damit am zweithäufigsten bei uns verbreitet. Die gute Qualität der gesicherten Spur ließ allerdings einen hohen Differenzierungsgrad bei den Blutgruppensystemen, deren Untergruppen und dem Rhesusfaktor zu. Ein Verdächtiger hätte mit Hilfe dieses Analysebildes mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit als Verursacher der gesicherten Blutspuren überführt werden können.
Die Fingerspur dagegen, die auf der Glasscheibe gesichert worden war, passte zu keinem der vielen tausend Abdrücke, die beim Bundes- bzw. Landeskriminalamt gespeichert waren und ebenfalls über EDV abgefragt und verglichen werden konnten. Folgerung: der Verursacher dieser Fingerspur war noch nicht erkennungsdienstlich behandelt worden und somit noch nie bei der Polizei aufgefallen.
Schließlich meldete sich auch ein Zeuge mit einer wichtigen Beobachtung: Er behauptete, er habe in der Nähe des Gruppenklärwerks Häldenmühle einen Schuss gehört. Den Zeitpunkt gab er mit 10.30 Uhr an. Andere Ursachen für das wahrgenommene Geräusch, beispielsweise die Fehlzündung eines Autos auf einer der drei Straßen, die in der Nähe des Tatorts vorbeiführen, schloss er aus.
Pfitzer hatte etwa um 10.15 Uhr morgens die Firma Balduf verlassen, das stand fest. Bei normalen Verkehrsverhältnissen, die offensichtlich vorgeherrscht haben, kann man den Parkplatz in der Nähe des Klärwerks innerhalb einer Viertelstunde erreichen und ein Diktat über die Besprechung auf Band nehmen. Danach müsste aber der Täter schon sehr schnell auf sein Opfer zugetreten sein und den tödlichen Schuss abgegeben haben.
Die Polizei hat später hieraus geschlossen, dass der Täter seinem Opfer im Gebüsch, jedenfalls aber in der Nähe des Tatorts, aufgelauert haben müsse.
Dafür spricht, dass dieser Platz in der Gegend als »Vertreterparkplatz« bekannt ist. wo man schon immer Handlungsreisende auf kleinen Pausen beobachtet haben will. Denkbar wäre, dass der Täter einige Zeit und Geduld mitgebracht hat, um auf dem Parkplatz zu lauern und eine Gelegenheit abzuwarten, die für ihn günstig war. Dass er den Überfall dann erst gegen halb eins am selben Tag verübte, hatte, nach heutiger Auffassung, seine Gründe.
Denn der Zeitpunkt des Banküberfalls, praktisch unmittelbar vor Ende der Schalterstunden, fiel mit dem Ende der Frühschicht bei der Polizei fast zusammen. Um 13.00 Uhr wechseln die Besatzungen der Streifenwagen und der Polizeiposten. Eine geringere Einsatzbereitschaft der Ordnungskräfte ist die Folge: günstig für Straftäter, ein Umstand, der durchaus bekannt ist. Aber je länger die Zeit zwischen der Tötung des Opfers und dem Überfall war, desto mehr setzte sich der Täter der Gefahr aus. zufällig erkannt zu werden. Dies nahm er, so schließt die Polizei, nur in Kauf, weil er wie ein Angler auf den Fisch auf sein Opfer wartete und den Zeitpunkt, zu dem das Opfer in die Falle gehen würde, nicht bestimmen konnte.
Andererseits sprechen gewichtige Argumente gegen diese Theorie: Der Parkplatz liegt nicht gerade idyllisch in der Nähe des Klärwerks, von dort dringen an warmen Tagen Fäkaliengerüche herüber, insbesondere, wenn das Rührwerk läuft. Es gibt hübschere Flecken im anmutigen Neckartal. Zudem ist die Einfahrt in das Seitensträßchen, das zum Parkplatz führt, unübersichtlich. Kein Verkehrsschild und keine Markierung weisen auf einen Parkplatz hin, wie man es beispielsweise von Wanderparkplätzen oder Rastplätzen an Fernstraßen kennt. Möglich, aber doch relativ unwahrscheinlich ist es, so sagen die Gegner der Polizeitheorie, dass ein Fremder überhaupt an diesen verhältnismäßig versteckten Ort gerät. Sie bezweifeln auch die Behauptung, die Stelle an der Murr sei ein typischer »Vertreterparkplatz«. Wie sollte dann der Täter damit rechnen können, dass sich dort überhaupt ein Opfer einfinden würde?
Die zweite Theorie spricht deshalb von einem Anhalter, auf den Pfitzer hereingefallen sein könnte und der ihn an den Tatort dirigiert habe, um ihn dort zu erschießen.
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»Wagner wartet«, sagte Poehlke und sah auf die Uhr. Es war Anfang Juni. Seine Frau folgte ihm bis zum Hundezwinger. Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Die Schäferhunde sprangen am Gitter des Zwingers hinauf und winselten vor Freude. Poehlke öffnete das Vorhängeschloss und kommandierte die Tiere an den Fuß, so dass sich beide, eng aneinandergeschmiegt, die langen Ruten zwischen den Hinterläufen, an seine rechte Seite drängten.
»Warum kann der Mann nicht jedesmal zahlen, wenn ihr die Pelze abgeliefert habt?«, fragte Inge hinter ihrem Mann her, der mit den beiden Hunden zu dem weißen Mercedes ging. Er gab keine Antwort. »Du kannst nicht immer sagen, dass das halt so ist in dieser Branche«, fuhr sie fort. »Er kriegt doch sicher auch sein Geld pünktlich.«
Poehlke drehte sich um und sah sie an. Sie kam ihm nach, sagte, dass niemand zuhöre, er brauche keine Angst zu haben.
»Ich flieg’ raus aus dem Dienst«, brummte er und schloss hinter den Hunden die Heckklappe, »werd’ suspendiert, wenn’s rauskommt. Nichtanmeldung einer Nebentätigkeit ist ein Dienstvergehen. Rat mal, warum jeder von den Kollegen den Futterhandel über die Frau oder die Eltern laufen lässt?« Er ging zur Fahrertür und winkte ihr lächelnd zu. »Bargeld lacht«, sagte er leise. Dann fuhr er davon.
Westlich des Dorfes Affalterbach erhebt sich ein stumpfer Bergkegel, dahinter liegt ein bewaldeter Rücken, der einen ehemaligen Steinbruch verbirgt, den Lemberg, jenes Gebiet, das die Polizei mit Suchhunden am Tattag durchgekämmt hatte. Poehlke war, den Wirtschaftswegen folgend, in den Wald vorgedrungen und hatte sein Fahrzeug nun am Rande einer Lichtung rückwärts ins Gras rangiert. Es hatte zu regnen begonnen. Blätter und Gehölze färbten das Licht grün. Die Tropfen tanzten auf der Windschutzscheibe, entwarfen bizarre, ständig sich verändernde Muster. Im Auto roch es nach den Hunden, die sich auf der Ladefläche zusammengerollt hatten und mit den Köpfen auf den Pfoten ruhten.
Poehlke hatte die Hände über dem Lenkrad gefaltet und den Kopf auf die Hände gelegt. So nahe an der Scheibe war das Spiel der hüpfenden und herunterlaufenden Tropfen noch verwirrender. Die Lichtung lag in einem graugrünen, unbestimmten Schleier. Einer der Hunde erhob sich, schlug an. Poehlke zischte ein Kommando, und das Tier schwieg, beobachtete aber aufmerksam eine Bewegung, die seine wachen Augen wahrnahmen. Ein alter Mann ging vorüber. Er warf einen Blick auf das abgestellte Fahrzeug. Poehlke lehnte sich zurück, und erst als er sicher war, dass der Fußgänger verschwunden war, nahm er seine Haltung wieder ein.
Er hatte Zeit, erst gegen Abend konnte er wieder zurück nach Hause. Seine Gedanken kreisten umher; Erinnerungen lauerten, tauchten plötzlich auf, konnten verscheucht, unterdrückt werden; doch sie kamen zurück, hartnäckig und böse. Da waren zum Beispiel die Bilder von der Beerdigung. Der kleine Sarg, die Gaffer, diese monotonen Worte des Pfarrers, die Blumen und die Lehmbrocken, die auf den Sarg hinunterpolterten. Dann das Essen, bedrückte Gespräche, obwohl sie in einem gemütlichen guten Lokal speisten, die schwarz gekleideten Menschen.
Sie haben seine Tochter beerdigen müssen. Cordula. Gerade drei Jahre alt. Jeder hat gewusst, dass sie hat sterben müssen; ein Gehirntumor, der sich fast schon seit der Geburt ausgebildet hatte, gewachsen war und das kleine Mädchen nie zu Kräften hatte kommen lassen. Wie es immer wieder zusammengestürzt ist beim Gehen, das es ohnehin nur mühselig lernte! Nicht umgepurzelt, nein, regelrecht zusammengestürzt. Er hat das Kind tragen müssen, treppauf, treppab, jeden Tag, bei Spaziergängen und Ausflügen. Ein zerbrechliches kleines Wesen, das selten lächelte, still war, trotz des Leidens nie Schwierigkeiten machte.
»Wäre das Kind nur so gestorben! Hätte man es sterben lassen ohne Behandlung... Was man so Behandlung nennt!«, dachte Poehlke. Statt dessen hat es Bestrahlungen bekommen. Sie haben ihm mit der Kobaltbombe im Gehirn herumgebrannt. Das Leiden ist nicht besser geworden, dafür haben sich Strahlenschäden gezeigt, Übelkeit, Erbrechen. Das Kind hat alles ertragen müssen, gekotzt hat es, tagein, tagaus, trotzdem hat es die Tabletten runtergewürgt. Am Schluss hat es noch nicht einmal mehr stehen können, dieses dreijährige Bündel Haut und Knochen.
Sie haben es gequält, bis es still verhungert ist.
Nächtelang ist er im Krankenhaus gesessen, hat alles beobachtet, minutiös registriert, wie der Tod sich des Kindes bemächtigte, sanft, schleichend, fast einschmeichelnd. Es war fast eine Wohltat, zu sehen, wie die Kleine ruhiger wurde, nachdem die Bestrahlungen abgesetzt worden waren, nur noch selten aus ihrer Traumwelt herüberkam, bald den Vater nicht mehr erkannte, nicht mehr die Geschwister und die Mutter. Anfangs war er der Meinung gewesen, dass man das Recht hat zu entscheiden, wann Schluss sein muss mit einer solchen Kreatur. Auch dem Vieh erleichtert man den Todeskampf und kürzt ihn ab mit einer mildtätigen Spritze oder mit einem Schuss. Doch als er beobachtete, dass das Kind langsam und weich in die Arme des Todes sank, nicht mehr leiden musste, da war er es, der dafür sorgte, dass eine aufkommende Lungenentzündung mit Antibiotika bekämpft wurde, damit das Kind noch länger etwas von diesem Leben in der Abendsonne eines Traumes habe.
Und dann wurde die Kleine schließlich mit einer weißen, kalten Plastikdecke zugedeckt und abgeholt, in einem weißen Sarg zurechtgemacht, wie eine Puppe. Sogar geschminkt wurde der Leichnam, den sie kurz darauf eingegraben haben. Er stellte sich die schwarze Kälte des Grabes als etwas höchst Bedrückendes vor. Dann lieber das Inferno des Feuers! Doch Inge hatte das Kind nicht einäschern lassen wollen. Es sollte körperlich intakt bleiben - als ob dies angesichts des Todes von Bedeutung wäre.
Poehlke räusperte sich und richtete sich auf. Es war kurz vor 12 Uhr. Er schaltete das Radio ein. Werbung. Nachrichten. Weltgeschehen. Regionales. Die Soko, die den Parkplatzmord aufzuklären hat, tritt auf der Stelle, hieß es. Hinweise aus der Bevölkerung werden erbeten und auf Wunsch vertraulich behandelt. Wetter: Regen, um 15 Grad. Verkehrsbericht. Als die Musik begann, schaltete Poehlke wieder ab. Er zündete das Fahrzeug und fuhr los, sich die folgenden fünf Stunden zu vertreiben.
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Um die Spurenlage zu verbessern, trieb die Sonderkommission in den auf die Taten folgenden Tagen und Wochen einen beachtlichen Aufwand. Am 4. Mai durchkämmte eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei aus Göppingen systematisch das Gebiet Marbach / Erdmannhausen / Kirchberg / Erbstetten. Die jungen Beamten schritten Schulter an Schulter über die Wiesen und Felder. Gesucht wurde vor allem nach der Maskierung des Täters und nach einer dunklen Aktentasche, die aus dem Besitz des Mordopfers Pfitzer fehlte.
Dieser kleine Koffer mit zwei zusammenklappbaren Henkeln und metallenen Schlössern wurde in den Zeitungen am 11. Mai 1984 abgebildet. Darüber hinaus erschienen Phantombilder eines ausdruckslos starrenden Gesichtes en face und im Profil mit kurzen, nach hinten gekämmten Haaren, auffällig niedriger Stirn und großen Ohren. Dieses Phantombild wurde aus Folienelementen nach der Beschreibung des Zeugen zusammengestellt, der den Räuber vor der Bank fliehen sah.
Zudem hatten sich weitere Augenzeugen gemeldet, die den Mann wenige Tage vorher in Erbstetten gesehen haben wollten. Erbstetten ist ein kleiner Ort, in den aufgrund seiner abgelegenen Lage nur selten Fremde kommen. Es war also durchaus wahrscheinlich, dass der Täter aufgefallen sein könnte, wenn er wenige Tage zuvor die Gelegenheit für den Überfall auskundschaftet haben sollte. Die Zeugen beschrieben einen Fremden, einen bartlosen Mann mit einer auffälligen Brille. Deshalb veröffentlichte die Polizei das Phantombild noch einmal mit darübergeblendeter geschwungener Hornbrille.
Es gab auch Hinweise darauf, dass der BMW zwischen der mutmaßlichen Tatzeit des Mordes und dem Banküberfall, also zwischen 11.00 und 12.00 Uhr am Morgen des 3. Mai. gesehen worden war. Dabei wollen Beobachter zwei Personen in dem weißen Fahrzeug wahrgenommen haben. Die Kripo fahndete in den folgenden Tagen nach einem Täterduo, was die Presse veranlasste zu behaupten, die Polizei gehe inzwischen davon aus, dass Siegfried Pfitzer von zwei Männern überfallen und ermordet worden sei. Daraufhin meldete sich ein weiterer Zeuge, der behauptete, er habe den weißen BMW gegen 10.40 Uhr in der Nähe des Kraftwerks Marbach der Energieversorgung Schwaben auf einem Feldweg im Neckartal gesehen.
Unterstellt, die Aussage ist richtig und trifft auf das Tatfahrzeug und nicht einen anderen BMW zu, so hätte der Täter (und sein Komplize) kaum Zeit gehabt, vom Tatort Häldenmühle an Marbach vorbei, dem Neckartal folgend, etwa drei Kilometer zu dem gigantischen Klotz des Kraftwerks zu fahren.
Die Aussage passt besser zu der Theorie, wonach der Täter seinem Opfer als Anhalter aufgelauert habe; freilich wäre in diesem Fall die Tatzeit 10.30 Uhr nicht mehr richtig, denn Siegfried Pfitzer hätte in diesem Fall noch nach 10.30 Uhr gelebt.
Ungeklärt bliebe dann, warum der Täter sein Opfer am späteren Tatort vorbei zunächst zum Kraftwerk dirigierte und dann wieder zurück zur Häldenmühle. Jedenfalls wäre bei diesem Umweg die Fahrzeit von Siegfried Pfitzer auf dem Weg von Freiberg zum Tatort nicht mehr einzuhalten gewesen. Dazu kommt, dass Pfitzer sein Diktat schon vorher hätte angefertigt haben müssen, denn es ist kaum denkbar, dass er, bedroht mit einer Pistole, mit ruhiger Stimme ein Verhandlungsergebnis auf Band festgehalten hätte.
Wären die »Anhaltertheorie« und die Version des zweiten Zeugen richtig, so hätte der Mann falsch ausgesagt, der um 10.30 Uhr am Tatort einen Schuss gehört haben will und jede andere Ursache für das Geräusch ausschloss. Oder hat sich der zweite Zeuge, der den BMW angeblich mit zwei Männern am Kraftwerk sah, in der Zeit geirrt?
Die Kriminalistik unterscheidet mit gutem Grund zwischen objektiven und subjektiven Beweismitteln. Ein subjektives Beweismittel ist der Zeuge, der seine Wahrnehmungen wiedergibt. Es existiert kaum ein Kapitalverbrechen, zu dem nicht miteinander völlig unvereinbare Aussagen aufgenommen werden und jeder der Zeugen, trotz Vorhalt der Protokolle über die Berichte des anderen, felsenfest auf der Richtigkeit seiner Erinnerung beharrt.
Der Vorsitzende Richter am Oberlandesgericht Stuttgart, Prof. Bender, hat viel zum Thema »Zeugenpsychologie« veröffentlicht. Er hat einen bemerkenswerten Versuch unternommen, der die Glaubwürdigkeit menschlicher Wahrnehmung in einem besonders scharfen Schlaglicht zeigt:
Bender hielt vor der Richterakademie in Trier einen Vortrag über Zeugenaussagen und Zeugenpsychologie. Sein Auditorium bestand aus Richtern und Staatsanwälten, alle aufgrund ihrer forensischen Praxis an den Umgang mit Zeugen schon lange gewöhnt. Bender arrangierte es, dass der Hausmeister ihn beim Vortrag unterbrach und ihm einen Zettel vorlegte; es gab am Pult eine kurze Diskussion, der Hausmeister entschuldigte sich und ging hinaus. Ein belangloser Vorgang, genauso belanglos wie vieles, was in Zusammenhang mit Verbrechen passiert und später erst in seiner Bedeutung erkannt wird. Nach dem Ende seines Vortrages ließ Bender Fragebogen verteilen und bat die Anwesenden, ihre Wahrnehmungen zu dem Vorfall einzutragen.
Das Ergebnis war überraschend: Die Zahl der wirklich exakten Beobachtungen war sehr gering, Fehler überwogen bei weitem. Kaum einer der »Zeugen« erinnerte sich richtig an den Ablauf der inszenierten Handlung, an die Größe, Haarfarbe und Bekleidung des Hausmeisters. Erhebliche Abweichungen gab es auch bei der Zeitbestimmung für den Vorfall. Die Einschätzungen schließlich, ob der Professor wütend oder gelassen reagiert habe, waren ebenfalls bemerkenswert geteilt.
An vielen großen Kriminalfällen wird heute noch, Jahre danach, mit unendlicher Akribie herumgerätselt. Dabei spielen zur Stützung der verschiedensten Theorien fast immer Zeugenaussagen eine entscheidende, wenn nicht die wichtigste Rolle. Ein Paradebeispiel dafür ist die relativ umfangreiche Literatur zu dem Kennedy-Attentat in Dallas / Texas.
Mit Zeugen, das sollte man stets bedenken, lässt sich fast alles beweisen.
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Wenn die Kinder erwachten, war Inge Poehlke schon aufgestanden. Das war jeden Tag so, auch sonntags. Sie liebte diese Stunde. Während die beiden Knaben im Kinderzimmer auf dem Boden spielten, sich unterhielten, gelegentlich stritten und herumschrien, schlief ihr Mann mit unerschütterlicher Ruhe, meist auf dem Rücken, jedoch ohne zu schnarchen. Wenn keiner ihn weckte, konnte er bis zum Nachmittag schlafen. Doch Poehlke bestand selbst darauf, um 9 Uhr geweckt zu werden, wenn das Wetter einigermaßen war. Bis zum Wecken und dem Beginn der umständlich durchgeführten Morgentoilette war es noch mehr als ein und eine halbe Stunde. Inge versorgte die Jungen im Kinderzimmer mit Schokolade und Haferflocken, damit das Spiel nicht unterbrochen werden musste; dann kochte sie sich Kaffee, räumte das Geschirr vom vorangegangenen Abendessen ein wenig auf die Seite, buk zwei Semmeln auf und bestrich sie mit Butter, stippte sie in die Tasse mit Milchkaffee. Unterdessen las sie in einem der vielen Heftromane, die sie im Nachttisch, in der Küchentischschublade und im Ablagefach der Fernsehtruhe aufbewahrte. So saß sie vor dem Tisch, den Kopf aufgestützt, der Strümpfelbacher Welt entflohen, atemlos dem Schicksal verarmter polnischer Barone und verliebter Oberärzte folgend. Der eine kam zu Besitz, der andere zu seiner geliebten Frau. Sie zog sich diese Geschichten hinein wie ein Raucher den Zigarettenqualm.
An diesem Sonntagmorgen im August endete eine kleine Regenperiode, die für den strahlend schönen Sommer des Jahres 1984 uncharakteristisch war. Die Sonne stieg in den glänzenden, blauen Himmel hinauf. Auf dem Asphalt der Straßen trockneten die Pfützen, die Blumen in den säuberlich gepflegten Nachbargärten reckten die Köpfe, Hummeln und Bienen schwärmten aus. Vögel jubelten, und überall waren Fenster und Türen geöffnet, damit der warme Südwind hereinwehe.
Poehlke war aus seinem totenstarreähnlichen Schlaf gerissen worden, weil sein Sohn Gabriel infernalisch schrie. Er rannte ins elterliche Schlafzimmer, hielt sich die Hand vors Auge. Poehlke war mit einem Satz auf den Beinen, riss dem Kind die Hand vom Gesicht, weil er glaubte, dass der Kleine eine ernste Verletzung erlitten habe. Doch es war nur eine kleine Platzwunde an der Augenbraue, die schnell versorgt war. Andere Väter wären in einer solchen Lage sofort in das Kinderzimmer gestürzt, hätten mit dem anderen, offenbar an der Verletzung schuldigen Kind ein Strafgericht veranstaltet. Anders Norbert Poehlke, der zunächst den kleinen Jungen tröstete und besänftigte, ihn in den Arm nahm und wie ein Baby hin und her trug, dabei eine Melodie brummte. Dann ging er nach oben, setzte sich auf einen der Kinderstühle und beobachtete Adrian, der sich den Anschein gab, arglos zu spielen.
Es folgte ein behutsam geführtes Verhör, in dessen Verlauf zu erkennen war, dass das Kind zu seinem Vater ein starkes Zutrauen hatte, ihm in die Augen sehen konnte, ohne auszuweichen. Den Tadel nahm der Junge gelassen entgegen, genauso wie der Vater ohne Wut das Kind zurechtwies. Gabriel erschien in der Tür, hielt einen nassen Waschlappen an die Augenbraue, und der Friede ließ sich ohne weiteres zwischen den Knaben wiederherstellen.
Poehlke verließ das Kinderzimmer, ohne noch einmal ins Bett zurückzukehren. Wenn er morgens aufstand, waren seine Augen meist rot verquollen, als hätte er die Nacht über gelesen. Seine schwarzen Haare standen ihm, obwohl sie kurz geschnitten waren, in Strähnen vom Kopf. Der ausrasierte Bart zeigte auf den Wangen blaue Schatten. Auch die buschigen Augenbrauen waren verstrubbelt, so dass ihnen der Schwung zur Nasenwurzel fehlte, der, wenn sie gebürstet waren, seinen Augen zu einem katzenähnlichen Ausdruck verhalf.
Poehlke gähnte und schritt die Holztreppe hinunter. Er musste Kleidungsstücken und leeren Flaschen ausweichen, die seine Frau auf den Treppenabsätzen zu deponieren pflegte, damit man die Wäsche in den Keller und das Leergut bei Gelegenheit in den Schuppen mitnehmen könne. Meistens häuften sich Kleider und Flaschen, weil seine Frau sie vergaß und Poehlke sich grundsätzlich weigerte, aufzuräumen. Im Flur vor der Küche stand der Staubsauger schon seit Freitag. Das Fach für den Staubsack war geöffnet, der volle Behälter entnommen, aber kein neuer eingesetzt. Auf dem Boden lag Konfetti, das die Kinder verstreut hatten. Poehlke trat in die Küche, verharrte an der Tür mit herunterhängenden Armen. Oben hörte man die Jungen singen. Es roch nach Speiseresten und nach der Feuchtigkeit von den noch nicht vollends ausgetrockneten Wänden des Neubaus. Inge sah nicht von der Lektüre auf.
»Morgen«, sagte Poehlke. Er ging das Fenster öffnen. Ein Schwall milder Sommerluft wehte herein. Draußen gingen zwei alte Männer vorbei. Sie waren festtäglich gekleidet und trugen ihr Gesangbuch unter dem Arm. Der schwäbische Pietismus hat hierzulande noch eifrige Anhänger. Poehlke grüßte mit einem Kopfnicken und sah den beiden nach, die in der Sonne gemächlich zur Kirche schritten.
Inge Poehlke ignorierte auch den Gruß ihres Mannes. Sie war an einer Stelle angekommen, wo sie die Lektüre so fesselte, dass sie nicht aufzublicken vermochte, obwohl sie die Anwesenheit ihres Mannes körperlich wahrnahm. Er setzte sich ihr gegenüber an den Tisch und schob mit dem Unterarm das Geschirr vom Vortag zur Seite. Dann zog er ihre Tasse zu sich herüber, goss sich Kaffee ein und trank die gezuckerte, lauwarme Flüssigkeit. Er betrachtete seine Frau, die ihr Gesicht hinter einem Vorhang lockiger Haare verborgen hatte.
»Die Kinder haben sich schon wieder geschlagen«, sagte Poehlke, ohne eine Antwort zu erwarten. Nach einer Pause, in der er den Kaffee schlürfte, als sei es ein brennend heißer Espresso, fuhr er fort, dass man aufpassen müsse, damit nicht eines Tages was Ernstes passiere. Bei so zwei Raufbolden könne keiner wissen ... Er schwieg und grübelte. »Du weißt, dass ich dir nicht bös bin, wenn’s mit dem Aufräumen und Putzen, mit der Kehrwoche und der Wäsche nicht so klappt, Inge, aber acht' auf die Jungen, damit die sich nicht einmal totschlagen.«
Seine Frau rührte sich nicht. Sie blätterte die Seite um, und ihre linke Hand tastete nach seiner Kaffeetasse. Er schob sie herüber, sie trank, blickte angewidert auf. »Wä, mit Zucker und Milch«, sagte sie in ihrem westfälischen Tonfall. Poehlke grinste. Inge sah ihren Mann einen Moment an, dann schüttelte sie den Kopf und beugte sich wieder über das Heft. Poehlke ging nach oben, um die Kinder zu waschen, anzuziehen und zu kämmen.
Nachdem Inge mit der Lektüre geendet hatte und die Story des armen farbigen Besatzungskindes Alexander mit der feierlichen Verleihung der Doktorwürde der Universität Heidelberg und der gleichzeitigen Hochzeit mit einer brünetten Telefonistin namens Gaby zu einem befriedigenden Schluss gekommen war, warf sie sich ein Kleid mit plissiertem Rock über und fuhr sich mit einer Metallbürste flüchtig durch die Haare. Unten im Flur saßen die Söhne nebeneinander auf der Sitzbank, die ursprünglich fürs Freie bestimmt gewesen war, und warteten brav. Poehlke hatte sie sorgfältig gekleidet, beide mit dem gleichen hellblauen Leinenhemd, dunkelblauem Baumwollpullover und grauen Hosen. Die kleinen Poehlkesöhne waren auffällig hübsche Kinder. Beide blond wie die Mutter, beide eine hohe Stirn und große wache Augen. Mund und Nase waren regelmäßig, das Kinn besaß einen schönen Schwung.
Inge musterte die beiden kurz, steckte einen Daumen in den Mund, befeuchtete ihn mit Speichel und radierte dem Kleineren eine Schokoladenspur von der Wange. Dann nahm sie ihre Söhne an der Hand, ging hinaus, warf die Tür zu, ohne abzuschließen, und schritt den kurzen Gartenweg hinunter zum Auto, das weiß und blank geputzt in der Sonne stand. Ihr Mann lehnte mit dem Rücken an der Fahrertür und unterhielt sich mit einer Frau aus der Nachbarschaft. Er hatte die Hände in den Hosentaschen und lachte sogar einmal beim Reden. Als er seine Frau kommen sah, rief er munter: »Aufsitzen!« Die Hunde bellten, doch er ignorierte sie. Sorgfältig schnallte er die Söhne auf dem Rücksitz an. Die Frau sprach noch ein paar Sätze mit Inge, die im milden Frühlingslicht gesund und rosig aussah, eine junge Frau, glücklich mit ihrer Familie. Poehlke stieg ein, sie verabschiedeten sich und fuhren davon.
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Der Stuttgarter Zoo ist ein Unikum. Nicht nur, weil er den altertümlichen Namen »Wilhelma« trägt. Er ist zugleich auch botanischer Garten und Baudenkmal mit seinen im maurischen Stil errichteten roten Pavillons und Arkaden, die in einem weitläufigen Gelände zwischen dem Neckarufer und der Höhe des Rosensteinparks hingeworfen liegen. Für die Kinder ist er mit seinen zahlreichen Freiluftgehegen, Spielplätzen und Gartenwirtschaften ein kleines Paradies. Die Wilhelma ist an Sommersonntagen, wenn die Busse sich vor dem Eingang stauen, ganz erheblich überlaufen.
Die Familie Poehlke war unter den Tausenden von Besuchern, die an diesem Sonntag die Attraktionen bewunderten, darunter eine meisterhafte Seehunddressur. Inge, längst schon müde, war auf einer schattigen Bank in der Nähe des Giraffengeheges sitzen geblieben, während ihr Mann, den Kleinen auf den Schultern, den größeren der beiden Söhne an der Hand, die erläuternden Schilder vorlesend, durch die Anlagen wanderte und den Kindern Papageien und exotische Singvögel erklärte. Eine ältere Dame, die den Herrn mit dem dunklen Bart und den finster wirkenden Augenbrauen im Umgang mit den blonden Knaben beobachtete, bemerkte zu ihrem Mann, der neben ihr stand und aus einer Tüte Taubenfutter auf den Weg streute, dass dieser Herr eine bewundernswert hübsche blonde Frau haben müsse, die ihm solche Kinder geschenkt habe. Der Mann knurrte zustimmend und fuhr fort, Tauben zu füttern.
Poehlke, der die Worte der Frau gehört hatte, sah sich verstohlen nach ihr um. Sie war sehr elegant und offensichtlich teuer angezogen. Sie wirkte kultiviert und gut erzogen. Poehlke imponierten diese Eigenschaften. Als die Dame ihn ansah, floh sein Blick; er tat gleichgültig, erklärte dann aber um so eindringlicher den beiden Kindern das Vorkommen der Grünschnabelpfeifer.
Inge kam, mahnte zum Aufbruch. »Mein Magen knurrt«, sagte sie. »Wir essen was, irgendwo draußen, hier ist es so teuer.«
Poehlke zuckte mit den Achseln, als spiele Geld in dieser Größenordnung für ihn keine Rolle. Dann entschied er, dass man in die Stadt fahren solle. Also fuhren sie in die Stadt, parkten im Zentrum und gingen zu Fuß weiter, wobei Poehlke geduldig den kleinen Sohn auf den Schultern schleppte und den Größeren an der Hand hinter sich herzog.
Ein heiterer Nachmittag. Warme Luft und gelbes Sonnenlicht fluteten durch die Königstraße, bewegten das Laub der Ahorn- und Kastanienbäume. Ein Mann predigte auf englisch. Keiner der Passanten hielt an, niemand sah sich um, doch der Mann sprach unerschütterlich weiter. Pflastermaler führten die Mona Lisa und eine Kreuzigungsszene von el Greco in Kreide aus, Kinder auf Rollschuhen fegten vorbei. Zwei Radfahrer rollten freihändig durch die Spaziergängergruppen. Ein Greis spielte die »Kleine Nachtmusik« auf der Violine zu einem Playback, das er über einen tragbaren Kassettenrecorder übertrug. Die Flugblätter einer türkischen Organisation, die gegen die Militärdiktatur protestierte, nahm der Wind mit ins Vergessen. Kinder lutschten Eis, Eltern flanierten und betrachteten die Geschäfte. Eine blonde Frau mit hochtoupiertem Haar schob einen Rollstuhl mit einem grimassierenden Mann. Penner tanzten im Musikpavillon, der gegenüber dem Neuen Schloss, dem Sitz der badenwürttembergischen Regierung, in den Anlagen steht. Sie sangen dazu »Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin«, Rotweinflaschen standen herum.
Die Familie Poehlke betrachtete mit Interesse, zugleich mit ein wenig Unmut die schmutzigen, haarigen, verlausten Berber, die ihre zahnlosen Münder aufrissen und nun schmetterten, dass sie den Vater Rhein in seinem Bett gesehen hätten. Die Familie Poehlke zog sich zurück.
Unter den Arkaden des Königsbaus, im Schatten seiner klassizistischen Säulen, fanden sie in einem Cafe einen Tisch, der gerade frei wurde, konnten ihn vor anderen besetzen. Sie bestellten reichlich Kaffee, Tee und Schokolade für die Kinder. Dazu Erdbeertorte und Sahnestückchen, Hefezopf und Vierfruchtkuchen mit Sahne. Man brachte sofort, was bestellt worden war, und die Familie Poehlke trank und aß, beobachtete die Menschen, wie sie vorbeiströmten, sich zur Schau stellten, andere taxierten - eine Kleinstadt, die sich als Metropole verkleidet hat.
Poehlke genoss diese Atmosphäre in dem traditionellen Cafe, in dem kein Penner saß, nur seriöse Leute. Er wäre noch bis zur Abenddämmerung geblieben, wären die beiden Jungen nicht unerträglich geworden. Sie tobten zwischen den Gästen herum, balgten sich miteinander und mit anderen Kindern, verpetzten sich gegenseitig, heulten wegen jeder Kleinigkeit. Als der kleine Adrian am Nachbartisch ein Weinglas umwarf, war das Maß voll. Inge fing die Kinder ein, Poehlke rief: »Zahlen!«
Die Bedienung kam nach zweimaliger Mahnung und rechnete nervös die Getränke und Torten zusammen. »Achtundzwanzigvierzig«, sagte sie.
»Machen Sie dreißig«, sagte Poehlke.
»Danke«, antwortete die Frau und hielt die Hand auf.
Nichts geschah. Die Eheleute sahen sich an.
»Inge, du hast das Geld«, sagte Poehlke.
»Nein, ich hab’ den Eintritt bezahlt«, sie kramte in der Handtasche, hielt den Geldbeutel hoch. Es waren nur noch einige kleine Münzen zu sehen. Die Bedienung wurde aufmerksam und sah Poehlke an, ihre Hand wanderte zu ihm hinüber. »Dreißig haben Sie gesagt«, wiederholte sie in der Hoffnung, der Mann würde in die Tasche greifen und ihr Geldscheine geben.
Poehlke schwieg. Er starrte seine Frau an. »Du weißt, ich hab’ meinen Geldbeutel zu Hause liegen, in der Küche, Inge«, sagte er.
»Du hast ihn eingesteckt.«
»Nein.«
»Sieh nach!«
Er kramte in der Tasche. Natürlich hatte er seine Geldbörse bei sich. Verlegen zog er sie heraus. Ein veritables gutes Stück, graues Krokodilleder. Ein Weihnachtsgeschenk. Doch leider leer. Auch hier klimperten nur Kupfermünzen.
»Und jetzt?«, fragte die Bedienung und stellte einen Fuß vor.
Inge reagierte routiniert. Es sei nur ein Versehen, sagte sie, nicht der Rede wert.
»Für mich sind dreißig Mark immer der Rede wert. Das ist ein Drittel von dem, was ich sonntags hier verdiene«, antwortete die Bedienung, ohne dass sie laut wurde. Dennoch drehte man sich an den Nachbartischen um und sah herüber.
»Hören Sie, ich bin Polizist«, sagte Poehlke und fingerte seinen Dienstausweis heraus. »Was meinen Sie, dass ich Sie um Ihr Geld betrügen will? Das wollen Sie doch nicht sagen, oder? Mein Gott, das ist doch jedem schon mal passiert, dass er sein Geld liegenlässt. Da, hier, ein Pfand. Nehmen Sie meinen Dienstausweis. Das wird wohl reichen?« Poehlke stand auf. Er hatte lauter als nötig gesprochen. Passanten blieben stehen. Er sah der Bedienung, die fast zehn Jahre älter als er selbst war und glatt, rund und durchaus wohlgenährt wirkte, frech ins Gesicht. »Das Trinkgeld nehmen Sie gern, so, so, ja, ja, aber wenn ein Versehen passiert, dann tun, als wollte man Sie um so ein paar Kröten betrügen.«
»Ich denk’ mir nichts aus, mein Herr«, antwortete die Bedienung ungerührt. »Ich muss den Betrag nur heute Abend von meinem Geld in die Kasse legen.«
»Nehmen Sie den Ausweis als Pfand?«, fragte Poehlke.
»Wann bringen Sie das Geld?«
»Heute noch.«
»Okay«, sagte die Bedienung und steckte den Ausweis und den Rechnungszettel in ihre Kassiertasche unter das Schürzchen und ging ohne Gruß weiterbedienen.
Die Poehlkes entfernten sich. Als sie außer Hörweite waren und Norbert den Kleinen auf die Schulter nahm, sagte Inge: »Und wo willst du das Geld herbekommen, um heute noch zu zahlen?«
»Ich geh’ zur Frau Kussmaul kassieren.«
»Die hat schon lange gezahlt!« Inge nagte an den Lippen. »Ich mach’ das nicht mehr mit. Du hast genau gewusst, dass wir keinen Pfennig dabei haben. Und zu Hause ist schon lange nichts mehr. Den Eintritt für die Wilhelma hab’ ich mir zurückgelegt. Von meinem Geld. Für ein Eis aus der Hand für die Kleinen hätt’s noch gelangt. Aber du musst ins teuerste Cafe!«
Poehlke ging schweigend neben seiner Frau her. Sie machte ihm weiter mit heiserer Stimme Vorwürfe. Dabei blieb sein Gesicht ruhig und emotionslos. Er beachtete sie nicht, führte seine Familie zum Parkplatz. Endlich sagte er: »Kann mir morgen was bei einem Kollegen leihen, nur so lange, bis Wagner zahlt...«
»Bis Wagner zahlt, da lach' ich ja!«, fauchte Inge.
»Ja, bis Wagner zahlt«, sagte er wütend, »bis jetzt hat er immer gezahlt.«
»Und ohne Ausweis, was machst du solang?«
»Wer will schon einen Ausweis sehen...«, sagte Poehlke verächtlich.
»Wagner sicher nicht«, antwortete die Frau.
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Während des restlichen Sommers beschäftigte sich die Familie Poehlke mit kleinen Arbeiten am Haus. Auch samstags und sonntags und an den wenigen Feiertagen wurde gearbeitet. Ausflüge unterblieben. Spaziergänge im Dorf oder im nahen Backnang waren eine Seltenheit. Die finanzielle Situation wurde immer bedrückender.
Im Oktober erhielt Norbert Poehlke von seiner Bank ein Schreiben, das ihm zusammen mit zwei Werbesendungen von seiner Frau auf den Arbeitstisch gelegt wurde. Poehlke sortierte die Werbung aus, las die Angebote intensiv und schob den Brief der Bank auf die Seite. Vor dem Abendessen kam Inge noch einmal in sein Zimmer herauf und kümmerte sich um den Brief, weil sie der Inhalt interessierte. Formal war ihr Mann alleiniger Kontoinhaber, doch sie besaß die üblichen Vollmachten und hatte auch für alle Kredite und Darlehen persönlich bürgen müssen. In Gelddingen sah sie ihren Mann ohnehin nicht als sonderlich zuverlässig an und kontrollierte daher ohne Skrupel Kontoauszüge und Bankpost, wenngleich sie - pro forma - ihrem Mann das Vorrecht ließ, die Briefe zu öffnen. Als sie feststellte, dass das Kuvert noch ungeöffnet auf der Kante des Arbeitstisches lag, während die Werbesendungen regelrecht bearbeitet worden waren, hier und dort sogar mit Randbemerkungen von der Hand ihres Mannes versehen, rief sie ihn. Keine Antwort.
Noch einmal: »Norbert, Post aufmachen!«
Nichts geschah, bis sie hörte, wie ihr Mann mit unregelmäßigem Schritt durch den Flur ging und das Haus verließ. Sie trat ans Fenster, beobachtete, dass er zum Hundezwinger schlurfte. Inge schüttelte den Kopf und nahm den Briefumschlag, riss ihn mit dem Daumen auf.
Das Schreiben hatte einen individuellen Zuschnitt, war nicht, wie sonst üblich, hektografiert oder mit einem Computersystem erstellt und trug zwei Unterschriften mit dem Zusatz »ppa«. Sie überflog den Text. Die Bank beobachte, so hieß es dort, mit gewisser Sorge, dass die Herrn Poehlke eingeräumten Kreditlinien inzwischen weit überschritten seien. Angesichts der Höhe der laufenden Eingänge auf den Konten sei offenbar nicht mit einer Rückführung in naher Zukunft zu rechnen, die Verschuldung betrage, Hypothekendarlehen für das Haus eingerechnet, über 310.000 DM. Zwar stünde dem ein gewisser Gegenwert in Form des Gebäudes und Grundstücks gegenüber. Der Gegenwert decke bei der derzeitig schlechten Situation auf dem Immobilienmarkt aber keinesfalls die gewährten Darlehen. Angesichts dieser Lage bitte man Herrn Poehlke zu einem persönlichen Gespräch in die Bank, um die notwendigen Maßnahmen zu erörtern. Man schloss mit »freundlichen Grüßen« und den beiden schon erwähnten Unterschriften.
Inge faltete das Schreiben wieder zusammen und steckte es in die Tasche ihrer Jeans. Sie ging die Treppe hinunter und richtete das Abendbrot. Erst als sie die Kinder zum Essen rief, fiel ihr auf, dass ihr Mann noch nicht ins Haus zurückgekehrt war. Sie sah aus dem Fenster und vermisste das Fahrzeug. Poehlke war verschwunden.
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