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Killerrache: Krimi Koffer 9 Romane

Alfred Bekker and Tomos Forrest

Published by Alfred Bekker, 2021.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Killerrache: Krimi Koffer 9 Romane

Copyright

Dunkle Morde: Vier Krimis

Dunkle Morde: Vier Krimis

Copyright

Tote Bullen

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Der Legionär

ERSTER TEIL

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ZWEITER TEIL

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Dritter Teil

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VIERTER TEIL

1

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Grausame Rache

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About the Author

About the Publisher

Das Killerjahr 1968: 5 historische Kriminalromane

Das Killerjahr 1968: 5 historische Kriminalromane | Berlin 1968 Kriminalroman – Band 1 bis 5 | von Tomos Forrest

Diese Band enthält folgende Romane:

Copyright

Judas-Lohn in Blei bezahlt | Berlin 1968 – Band 1 | Kriminalroman von Tomos Forrest

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Verlier dein Leben in Berlin | Berlin 1968 – Band 2 | Kriminalroman von Tomos Forrest

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Bitter und süß, ein Berliner Krimi | Berlin 1968 – Band 3 | Kriminalroman von Tomos Forrest

Die Hauptpersonen des Romans:

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Pique-Dame ist die Todeskarte | Berlin 1968 – Band 4 | Kriminalroman von Tomos Forrest

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Schöne Frauen sterben zweimal! | Berlin 1968 – Band 5 | Kriminalroman von Tomos Forrest

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About the Author

About the Publisher

Killerrache: Krimi Koffer 9 Romane

von Alfred Bekker, Tomos Forrest

Über diesen Band:

––––––––


Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

––––––––


Dieses Buch enthält folgende Krimis:

––––––––


Alfred Bekker: Der Killer von Hamburg

Alfred Bekker: Tote Bullen

Alfred Bekker: Der Legionär

Alfred Bekker: Grausame Rache

Tomos Forrest: Judas-Lohn in Blei bezahlt Berlin 1968 - Band 1

Tomos Forrest: Verlier dein Leben in Berlin Berlin 1968 - Band 2

Tomos Forrest: Bitter und süß, ein Berliner Krimi Berlin 1968 - Band 3

Tomos Forrest: Pique-Dame ist die Todeskarte Berlin 1968 - Band 4

Tomos Forrest: Schöne Frauen sterben zweimal! Berlin 1968 - Band 5




Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Dunkle Morde: Vier Krimis



Dunkle Morde: Vier Krimis

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2018.

Table of Contents

UPDATE ME







Dunkle Morde: Vier Krimis



von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 650 Taschenbuchseiten.

Vier Krimis in einem Buch

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält folgende drei Krimis:

Alfred Bekker: Der Killer von Hamburg

Alfred Bekker: Tote Bullen

Alfred Bekker: Der Legionär

Alfred Bekker: Grausame Rache







Copyright



Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de







Tote Bullen



Ein Harry Kubinke Krimi

von Alfred Bekker







1



Udo’s Imbiss am Berliner Westhafen in Moabit hatte 24 Stunden geöffnet. „Udo's“ mit Apostroph. Darauf bestand Udo Jakobi, der Besitzer des Schnellrestaurants, in dem sich zu den üblichen Stoßzeiten sowohl die Anzugträger aus dem Verwaltungskomplex der Hafenverwaltungsgesellschaft, als auch die Arbeiter von den Binnenschifffahrtsterminals tummelten.

Man bekam dort die besten Fishburger von Berlin.

Man konnte natürlich auch Pommes rot-weiß oder eine Currywurst bekommen. Notfalls sogar einen Veggie-Döner, der gerade bei den unter Bewegungsarmut und Kalorienüberschuss leidenden Angestellten der Hafenverwaltungsgesellschaft sehr beliebt war.

Aber die eigentliche Spezialität von Udo's Imbiss war und blieb der Fishburger.

Udo Jakobi kam gebürtig aus Bremerhaven und hatte deswegen besondere Affinität zu Fisch und Fischgerichten. Auch wenn sich der selbstkreierte Krabben-Döner nicht so richtig durchgesetzt hatte – der Fishburger hatte das Schnellrestaurant in ganz Moabit berühmt gemacht.

Und Udo Jakobi war clever genug, sich die Markenbezeichnung >Udo's Fishburger< schützen zu lassen.







2



Thorben Rademacher, Kommissar bei der Mordkommission, hatte eine anstrengende Nachtschicht hinter sich. Jetzt war es vier Uhr morgens und Rademacher hatte den toten Punkt längst überwunden.

Er bestellte einen Kaffee, zwei Fishburger und eine Portion Chips. Rademacher trank als Erstes den halben Kaffeebecher leer.

Sein Handy klingelte. Rademacher nahm den Apparat ans Ohr.

„Was gibt es?“, fragte er.

„Hier spricht Ede Gerighauser.“

„Verdammt, wo bleiben Sie?“

„Ich werde nicht zu Ihnen hereinkommen.“

„Was soll das Theater?“

„Haben Sie mich nicht verstanden? Ich komme nicht zu Ihnen!“

„Aber unser Treffpunkt war Udo's Imbiss.“

„Kann schon sein.“

„Und wie soll das jetzt laufen?“

„Kommen Sie raus an die Kaimauer vom Kanal.“

Die Verbindung wurde unterbrochen.







3



Rademacher blickte auf die Fishburger, verschlang einen davon mit ein paar Bissen und trank den Kaffee aus. Die Pommes ließ er liegen. Er hatte sie probiert und festgestellt, dass sie ihm nicht knusprig genug waren.

Wenig später ging er in die Nacht hinaus.

Das Hafenbecken und der Hohenzollernkanal, über den der Westhafen mit Havel und Spree verbunden war, wirkten wie ein breites, lichtloses Band. Dahinter waren die Lichter der Stadt zu sehen. Das Verwaltungsgebäude der Hafengesellschaft mit seinem 52 Meter hohen Turm, hob sich wie ein drohender Schatten dagegen ab.

Es war eine klare Nacht.

Kräne erhoben sich wie Umrisse riesenhafter Spinnenmonster.

Rademacher schlang auch den zweiten Fishburger herunter und wischte sich die Finger an einem Taschentuch ab. Dann überprüfte er kurz den Sitz seiner Waffe. Sie steckte in seinem Holster. Darüber trug er einen dunklen Blouson. Die Jacke war weit geschnitten, sodass sich die Waffe nicht abzeichnete.

Rademacher ging auf die Kaimauer zu.

Ein dunkler Schatten hob sich gegen das Lichtermeer ab. Rademacher zögerte einen Moment, dann trat er näher. Von der Gestalt am Ende war nichts Näheres zu erkennen.

Das muss er sein!, dachte Rademacher. Er sah auf die Uhr. Vier Uhr und zehn Minuten.

Die Gestalt bewegte sich nun und kam Rademacher entgegen.

In einer Entfernung von ein paar Schritten wartete der Schatten schließlich. Das Licht einer Laterne fiel auf seinen Körper vom Hals abwärts. Das Gesicht blieb im Dunkeln.

Die rechte Hand war tief in seiner Manteltasche vergraben.

„Herr Rademacher?“

„Ja?“

Der Mann zog eine Waffe mit Schalldämpfer unter seinem Mantel hervor. Der Strahl eines Laserpointers tanzte durch die Nacht. Der Schuss war kaum zu hören. Zweimal blitzte das Mündungsfeuer auf.

Die erste Kugel traf Rademacher in die Brust und riss ein Loch in den Stoff seines Blousons. Die zweite Kugel traf ihn dicht darüber.

Das graue Kevlar einer kugelsicheren Weste kam darunter zum Vorschein.

Rademacher taumelte zu Boden. Er griff unter den Blouson, um seine Dienstwaffe zu ziehen.

Erneut blitzte die Schalldämpferpistole in der Hand des Killers auf. Fünf Schüsse in rascher Folge ließen den Körper des Kommissars zucken. Ein Schuss traf den Kopf, noch ehe er seine eigene Waffe abdrücken konnte.

Regungslos lag er in seiner Blutlache.

Der Killer trat aus dem Schatten.

Mit dem Fuß stieß er den verrenkt daliegenden Körper an. Er steckte seine Waffe ein. Rademachers Pistole nahm er vom Boden auf und warf sie im hohen Bogen ins Hafenbecken. Anschließend bückte er sich und packte die Leiche bei den Schultern. Dann schleifte er den Toten zur Kaimauer und ließ ihn ins Wasser rutschen.

Der Killer atmete tief durch.

Er streifte die Latexhandschuhe ab, mit denen er seine Hände vor Schmauchspuren geschützt hatte und warf sie hinterher.

Sie schwammen noch ein paar Augenblicke auf der dunklen Wasseroberfläche, weil sie zu leicht waren, um die Oberflächenspannung zu durchbrechen.

Innerhalb von wenigen Augenblicken hatte das dunkle Wasser des Hafenbeckens aber dann doch alles verschluckt.

Die Leiche trieb dicht unter der Oberfläche, war aber erstmal unsichtbar. Vielleicht geriet der Körper des Kommissars ja in irgendeine Schiffsschraube...

War gar nicht so unwahrscheinlich.

Dann ist er Hackfleisch, dachte der Killer.







4



Dr. Bernd Claus führte uns in die Leichenhalle des gerichtsmedizinischen Instituts der Ermittlungsgruppe Erkennungsdienst. Dieser zentrale Erkennungsdienst hatte seine Labors in Moabit.

Dr. Claus öffnete eins der Kühlfächer. Anschließend zog er das weiße Laken, das den Toten bedeckte, so weit zur Seite, dass man das Gesicht sehen konnte.

Es war bleich und aufgedunsen. Auf der Stirn war die Eintrittswunde eines Projektils zu sehen. Anhand der Fotos, die mein Kollege Rudi Meier und ich zuvor in unserem Präsidium zu Gesicht bekommen hatten, hätte ich ihn nicht wieder erkennen können.

„Dies ist Kommissar Thorben Rademacher von der Mordkommission. Dass er etwas anders aussieht als auf den offiziellen Fotos in seiner Dienstakte, liegt einfach daran, dass er eine ganze Weile im Wasser gelegen hat. Herr Delmar, sein Vorgesetzter bei der Mordkommission, hat ihn auch nicht wiedererkannt, obwohl er tagtäglich mit ihm zu tun hatte.“

„Was können Sie uns darüber sagen, was geschehen ist?“, fragte Rudi.

„Rademacher wurde von mehreren Kugeln getroffen. Er trug eine Kevlar-Weste, die einige davon auffing. Die Hämatome am Oberkörper sind deutlich zu sehen.“ Dr. Claus zog das Laken noch ein Stück zurück. Die Blutergüsse befanden sich in Herznähe und inzwischen so groß wie Untertassen. „Der Treffer in den Hals ging glatt durch. Dasselbe gilt für einen Streifschuss an der Schulter. Mindestens diese beiden Projektile müssten sich noch am Tatort befinden.“

„Bislang wissen wir noch nicht, wo der sein könnte, aber vielleicht sind Ihre Untersuchungsergebnisse das entscheidende Mosaikstein, das uns weiterhilft!“, sagte ich.

„Der tödliche Schuss ging in den Kopf, durchdrang mitten auf der Stirn die Schädeldecke und blieb an der Halswirbelsäule stecken.“

„Also wurde der Schuss von schräg oben geführt“, schloss ich.

„Ja“, nickte Dr. Claus. „Ich könnte mir vorstellen, dass Herr Rademacher durch die Wucht der Treffer, die von der Kevlar-Weste aufgehalten wurden, zu Boden taumelte, während der Killer weiter auf sein Opfer geschossen hat. Als der Kopftreffer ihn erwischte, muss er sich gekrümmt haben. Der ballistische Bericht liegt ja bereits vor und danach sind die Kugeln aus einer Entfernung von mindestens fünf Metern abgefeuert worden. Aber ich nehme an, Sie haben den Bericht bereits gelesen.“

„Er ist ein Grund dafür, dass wir den Fall übernehmen“, erklärte ich. „Der Abgleich des untersuchten Projektils hat nämlich ergeben, dass die verwendete Waffe zuvor bereits einmal in einer Schießerei im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen benutzt wurde.“

Dr. Claus zuckte die Schultern. „Die Kollegen von der Ballistik waren diesmal deutlich schneller als ich. Aber ich konnte ihnen leider auch nur ein einziges Projektil bieten – nämlich jenes, das in der Halswirbelsäule stecken geblieben ist. Sie können also von Glück sagen, dass der Täter zufällig aus diesem Winkel getroffen hat, sonst wäre die Kugel durch die hintere Schädelwand wieder ausgetreten und Sie könnten jetzt in der ganzen Stadt nach ein paar Kugeln suchen, an der vielleicht noch etwas DNA-testfähige Hirnmasse haftet.“ Dr. Claus deutete auf den Oberkörper. „Die Projektile, die von der Kevlar-Weste aufgefangen wurden, liegen wahrscheinlich auf dem Grund des Kanals. Das stundenlange Wasserbad, dem die Leiche ausgesetzt war, muss sie weggespült haben.“

Ich deutete auf die Achseln des Toten, um die herum dunkle Stellen zu sehen waren.

„Druckstellen eines zu eng geschnallten Schulterholsters und – Schleifspuren. Der Täter muss den Toten unter den Achseln angefasst und weggeschleift haben.“

„Dann war es nur eine Person“, schloss ich.

Dr. Claus nickte. „Sagen wir so: Es hat nur einer angepackt.“

„Gibt es Spuren, die darauf hindeuten, dass der Tote in einem Kofferraum transportiert wurde?“

„Nein. Wahrscheinlich geschah der Mord in der Nähe des Wassers. Der Täter musste ihn nur ein paar Meter weiter schleifen und hineinwerfen.“

„Wann war der Todeszeitpunkt?“

„Rademachers Leiche wurde gestern Mittag am Kanalufer gefunden. Ich denke, dass der Tote mindestens sechs Stunden im Wasser war. Also würde ich schätzen, dass Herr Rademacher gestern zwischen drei und fünf in der Früh starb. Aber Sie bekommen natürlich noch meinen ausformulierten Bericht, wo Sie das alles nachlesen können.“

„Erst mal danken wir Ihnen, Dr. Claus“, sagte ich.

Der Gerichtsmediziner schob den Toten zurück in seine vorläufige Ruhestätte, nachdem er das Tuch wieder über sein Gesicht gebreitet hatte.

„Rufen Sie mich an, falls Sie noch Fragen haben.“

„In Ordnung.“







5



Wir machten wir uns auf zu Rademachers Kripo-Kollegen. Herr Delmar war sein direkter Vorgesetzter und Herr Nürnberger wiederum war der Vorgesetzte von Herrn Delmar.

Inzwischen lief die Suche nach dem möglichen Tatort längst auf Hochtouren.

Als Laie denkt man ja erstmal, dass ein Kanal für die Binnenschifffahrt ein stehendes Gewässer ohne Strömung ist und dass deswegen in so einem Fall die Leiche in der unmittelbaren Nähe des Fundortes ins Wasser gelangt sein muss .

Dass ist aber ein Irrtum.

Durch den Schiffsverkehr, durch den Betrieb der Schleusen und weitere, ähnliche, in ihrem Zusammenspiel nur sehr schwer zu berechnende Faktoren, kommt es auch in Gewässern, die man gemeinhin als nicht-fließend bezeichnet, zu erheblichen Sogwirkungen. Und diese Sogwirkungen können mit einer Flussströmung in den Auswirkungen durchaus vergleichbar sein.

Ganz so einfach würde die Suche nach dem Tatort also nicht werden.

Zahlreiche Kollegen der Berliner Polizei sollten sich in der Nähe des Westhafens umhören, ob jemand dort Kommissar Rademacher in der Nacht seines Todes gesehen hatte.

Herr Nürnberger empfing uns in seinem Büro. „Herr Delmar ist noch nicht hier. Er wurde zwischenzeitlich zu einem Tatort gerufen, aber ich nehme an, dass Sie mit sprechen können, sobald wir hier fertig sind.“

„In Ordnung“, sagte ich. „Erzählen Sie uns am besten alles, was Ihnen zum Kollegen Rademacher einfällt. Wir stehen ganz am Anfang unserer Ermittlungen. Alles, was wir wissen ist, dass er in Ufernähe erschossen wurde, eine Kevlar-Weste trug und die Kugel, die ihn tötete, aus einer Waffe stammt, die bei einer Schießerei im Club ‚El Abraxas’ verwendet wurde.“

„Und das ‚Abraxas’ steht unter Kontrolle von Benny Farkas, einem der aufstrebenden Kriminellen Berlins“, ergänzte Herr Nürnberger. Er hatte sich offenbar gut informiert.

„Die genauen Hintergründe der Tat konnten nie wirklich aufgeklärt werden“, fuhr ich fort. „Tatsache ist, dass es damals fünf Tote und mehrere Schwerverletzte gab, darunter auch der Anführer einer Drogengang.“

„Sieht ganz nach geschäftlichen Differenzen aus, wenn man das so bezeichnen will“, sagte Herr Nürnberger. „Aber was den Kollegen Rademacher angeht, könnte es da noch eine alte Rechnung geben. Er war schließlich erst seit ein paar Monaten hier bei uns in der Abteilung. Vorher gehörte er zu Drogenfahndung.“

„Bei uns sind die Akten noch nicht angekommen“, gab ich Auskunft. „Ich kenne nur die Kurzfassung, die uns Kriminaldirektor Bock gegeben hat.“

„Die Sache ist ganz einfach: Kommissar Rademacher wurde verdächtigt, kleine Drogendealer und Mitglieder von Gangs erpresst zu haben, indem er ihnen Drogen unterschob und Beweismittel manipulierte. Es lief ein Verfahren gegen ihn. Dieses Verfahren ist inzwischen eingestellt worden, aber man hielt es für besser, Rademacher trotzdem zu versetzen.“

„Mich wundert, dass man ihn nicht bis zur Klärung der Sache suspendiert hat!“, ergänzte ich.

„Nein, das sehen Sie jetzt falsch. Die Sache konnte sehr schnell geklärt werden und Rademacher galt als unbescholten.“ Herr Nürnberger zögerte einen Moment, ehe er weitersprach. Ihm schien selbst aufzufallen, dass sich da allein schon angesichts der nüchternen Aufzählung der Fakten ein widersprüchliches Bild ergab. Aber Herr Nürnberger hatte offenkundig keinerlei Interesse daran, diesen sachlichen Widerspruch auch noch sprachlich hervorzuheben. Er wirkte etwas verunsichert. Schließlich fuhr er schließlich fort: „Nun, er sollte jedenfalls nichts mehr mit Drogen zu tun haben.“

„Dann war seine Weste vielleicht doch nicht so rein, wie das eingestellte Verfahren vermuten lässt?“, fragte ich.

Ein messerscharfer Schluss.

Aber einer, der Herr Nürnberger nicht gefiel.

Und einer, den er so auch nicht stehen lassen wollte.

Er brauchte allerdings einen Moment, um seine Gedanken zu ordnen und darauf zu reagieren.

Nürnberger atmete zuerst tief durch und setzte zweimal an, ohne dass dann tatsächlich auch irgendein Satz über seine Lippen gekommen wäre. Dann zuckte er die Schultern, ehe er schließlich doch seine Sprache wiederfand. „Jemand, der in der Drogenfahndung arbeitet, vollführt täglich einen Tanz auf der Rasierklinge. Man sieht wie die Dealer mit Millionen jonglieren und der Ermittler denkt an die Hypotheken für sein Haus und daran, dass sein Wagen noch nicht abgezahlt ist und sich seine Kinder beklagen, dass schon im zweiten Jahr nacheinander keine Urlaubsreise drinsitzt, während der Drogenboss mit dem Privatjet mal kurz nach Monaco hinüberfliegen kann.“

„Da will ich nicht widersprechen“, sagte ich.

Herr Nürnberger fuhr fort: „Da braucht man schon einen stabilen Charakter, um auf der richtigen Seite zu bleiben.“

Ich hob die Augenbrauen. „Wem sagen Sie das!“

„Glauben Sie, Rademacher besaß nicht den nötigen Charakter?“, mischte sich Rudi ein.

„Wie gesagt – die Untersuchung konnte den Verdacht gegen ihn nicht erhärten“, erklärte Nürnberger nochmals. „Sie werden es ja in den Akten nachlesen können.“

„Sobald die uns erreicht haben“, sagte Rudi. Und er gab sich wirklich große Mühe, dabei nicht sarkastisch zu klingen.

Unser Gegenüber nickte.

„Ja“, sagte Herr Nürnberger.

„Aber das ist keine Antwort auf die Frage.“

„Welche Frage meinen Sie nochmal?“, fragte Herr Nürnberger.

„Die mit dem Charakter“, stellte ich klar.

Nürnberger lächelte dünn. „Ja, Sie haben Recht. Aber die lässt sich vielleicht auch gar nicht so leicht beantworten. Wer von uns kann schon in den Schädel eines Kollegen hineinschauen?“ Herr Nürnberger machte eine kurze Pause, erhob sich aus seinem Schreibtischstuhl und füllte seinen Kaffeebecher wieder auf. Nachdem er einen Schluck genommen hatte, sagte er schließlich: „Ich will ehrlich sein.“

Na endlich!, dachte ich.

Herr Nürnberger fuhr fort: „Am Anfang war ich sehr skeptisch, was Rademacher anging.“

„Warum?“

„Dafür kann ich Ihnen noch nicht einmal einen greifbaren Grund angeben.“

„Aha...“

„Es war einfach mein Bauchgefühl – und in all den Jahren, in denen ich als Ermittler meinen Mann stehe, habe ich gelernt, dass es einem das Leben retten kann, wenn man sich auf dieses Gefühl verlässt.

„Okay...“

„Aber was Rademacher angeht, hat mich mein Instinkt wohl getrogen.“

„Erklären Sie mir das!“

„Jedenfalls gab es keinen Ärger, so lange er hier war und soweit ich das beurteilen kann, hat er gute Arbeit geleistet. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

„Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit“, sagte ich.

Man ist ja höflich.

Selbst hier im sprachlich etwas raueren Berlin.

Aber das ist sowieso nur ein Klischee.

Wirklich.

Nürnberger nickte. „Vielleicht kann Ihnen Herr Delmar etwas mehr dazu sagen, schließlich arbeitete er mit Rademacher direkt zusammen.“







6



Kollege Delmar ließ immer noch auf sich warten, so aßen wir eine Pizza, die vom Express Service für die ganze Abteilung geliefert wurde. Kriminalhauptkommissar Delmar traf schließlich doch noch ein.

Er bat uns in sein Büro.

„Tut mir Leid, dass es etwas später geworden ist, aber ich war bei einem Tatort und bin auf dem Rückweg leider in einen Stau geraten.“

„Ist schon in Ordnung“, sagte ich.

„Sie sind Kubinke und Meier vom BKA, nicht wahr?“

„Ja – und wir suchen zurzeit den Mörder Ihres Kollegen Thorben Rademacher“, bestätigte Rudi.

„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, weshalb der Fall nicht in unserer Zuständigkeit geblieben ist!“

„Weil die Tatwaffe im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität benutzt wurde“, gab ich Auskunft. „Der Fall hat eine größere Dimension, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Delmar zuckte mit den Schultern. „Meiner Ansicht nach sagt das nicht viel aus. Diese Waffen gehen doch von Hand zu Hand. Andererseits könnte da natürlich ein Zusammenhang bestehen. Über Rademachers Vergangenheit in der Drogenabteilung wissen Sie ja sicher inzwischen Bescheid oder?“

„In Ansätzen. Es gab da wohl mal einen Verdacht gegen Rademacher, wonach er Verdächtige erpresst haben soll.“

„Deswegen war er dann bei uns bei den Tötungsdelikten. Die Sache ist niedergeschlagen worden, es kam nicht einmal zu einer offiziellen Anklage. Aber wie heißt es so schön? Es bleibt immer etwas hängen. Ganz besonders, wenn es um einen Polizisten geht. Der kleinste Flecken auf der weißen Weste kann schon dazu führen, dass man wie ein Paria behandelt und bei Beförderungen übergangen wird.“ Delmar zuckte die Schultern. „So ist das nun einmal und bevor man sich auf das Spiel einlässt, informiert man sich am besten über die Regeln und akzeptiert sie.“

„Wollen Sie damit sagen, dass Rademacher damals etwas angehängt wurde?“

„Mir gegenüber hat er in diese Richtung ein paar Andeutungen gemacht. Ist doch klar, wenn ich ein Drogenhändler wäre und hätte mit einem Polizisten eine Rechnung offen, kann ich ihm doch am besten schaden, in dem ich seine Gesetzestreue in Frage stelle!“

„Aber wenn das wirklich so gewesen ist, dann hatten diese Leute doch ihr Ziel erreicht. Rademacher war kalt gestellt. Wozu ihn noch ermorden?“

„Das würde ich auch gerne wissen.“

„Was wissen Sie über Rademachers Privatleben?“, fragte Rudi.

„Ehrlich gesagt, war er ein ausgeprägter Einzelgänger. Ihm fehlte der Teamgeist, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wenn die Beamten einer Schicht zum Kegeln gingen, fuhr er nach Hause. Er hat mal erwähnt, dass er ein Eigenheim draußen im Umland hat. Und ich nehme an, dass er gar nicht daran dachte, hier in die Gegend zu ziehen. Vielleicht nahm er auch an, dass die Versetzung irgendwann zurück genommen werden würde.“

„Wie waren die Chancen dafür denn?“

„Gar nicht so schlecht. Wahrscheinlich hätte er hier noch ein halbes Jahr abreißen müssen und wäre dann wieder zurück auf seine alte Planstelle gekommen, falls nicht zwischenzeitlich doch noch Beweise aufgetaucht wären, dass er irgendwie Dreck am Stecken hatte. Aber dafür gab es keine Hinweise.“

„Wir brauchen die Anruflisten seines Diensttelefons“, sagte ich.

„Die können Sie haben“, versprach Delmar.

„Zeigen Sie uns bitte noch seinen Schreibtisch.“

„Ich führe Sie hin.“

„An was für einem Fall arbeitete er im Moment?“

„Denken Sie, dass seine Ermordung damit zusammenhängt?“

„Wir müssen allen Spuren nachgehen.“

„In der Otto Beierlein Straße wurde eine Rentnerin von ein paar Jugendlichen ausgeraubt und niedergestochen. Sie ist an den Folgen der Verletzungen gestorben. Rademacher bearbeitet den Fall zusammen mit Frau Tomasino und Herrn Wolff, die Sie beide gerne dazu befragen können.“

Delmar führte uns zu Rademachers Schreibtisch. Das Dienstzimmer teilte er sich mit den Kollegen Wolff und Tomasino. Die beiden berichteten uns von dem Fall, an dem sie mit Rademacher zuletzt gearbeitet hatten. Es schien sich um Routineermittlungen zu handeln.

„Er hat ziemlich viel mit seiner neuen Flamme telefoniert“, berichtete uns Herr Wolff noch.

„Wissen Sie, wer das war?“, hakte ich nach.

„Sie heißt Christine. Den Nachnamen kenne ich nicht, aber ich nehme an, dass sie die Telefonlisten überprüfen und anhand der Daten werden Sie das leicht herausfinden.“

Der Schreibtisch selbst bot nichts, was auf den ersten Blick ins Auge fiel. Wir packten dennoch den Inhalt in einen Pappkarton und nahmen ihn mit. Insbesondere alles das, was persönlichen Charakter hatte. Ein Telefonregister und einen voll geschriebenen Notizblock zum Beispiel. Außerdem beschlagnahmten wir seinen Rechner. Sollten die Kollegen im Labor mal den Email-Verkehr unter die Lupe nehmen.







7



Wir waren gerade in den Dienst-Porsche eingestiegen, als uns ein Anruf erreichte. Herr Kriminaldirektor Bock, unser Chef, war am Apparat.

„Es hat sich jemand gemeldet, der Rademacher in der Nacht seines Todes gesehen haben will“, berichtete uns Kriminaldirektor Bock. Rademachers Bild war mit der Frage an die Bevölkerung über die Medien verbreitet worden, wer den Beamten der Mordkommission in der Mordnacht gesehen hatte, um auf diese Weise nach und nach rekonstruieren zu können, was sich vor der Tat ereignet hatte. Vor allem ging es uns natürlich um den Tatort, denn dort waren möglicherweise noch Spuren zu finden. „Der Mann heißt Udo Jakobi und betreibt eine 24-Stunden-Snack Bar mit Fischgerichten. Der Laden liegt am Westhafen.“

„Wir sind schon so gut wie dort“, versprach ich.







8



Als wir Udo’s Imbiss am Berliner Westhafen erreichten, waren dort bereits zwei Einsatzfahrzeuge der Schutzpolizei.

Wir stiegen aus. Vögel kreischten.

Ein Frachter lag an der Kaimauer vor Anker.

Mehrere uniformierte Kollegen der Schutzpolizei sahen sich dort bereits um.

Wir betraten Udo’s Imbiss.

Es herrschte kaum Betrieb.

Eine junge Polizistin saß zusammen mit einem Mann mit weißer Schürze und Matrosenmütze an einem der Tische. Wir traten hinzu.

„Harry Kubinke, BKA. Dies ist mein Kollege Rudi Meier“, stellte ich uns vor.

„Rebecca Düpree“, nannte die junge Polizistin ihren Namen. „Herr Udo Jakobi hat uns angerufen, und wir haben gleich das BKA verständigt.“

„Danke.“ Wir setzten uns dazu. „Sie haben Thorben Rademacher wiedererkannt“, wandte ich mich an Udo Jakobi.

Der Besitzer von Udo’s Imbiss nickte. „Ja. Er aß regelmäßig hier. Fast täglich. Die Uhrzeit war wochenweise verschieden. Ich nehme an, dass er immer nach seiner Schicht hier vorbei kam. Zwei Fishburger und eine Tasse Kaffee, dazu Chips. Das war seine Standard-Bestellung.“ Udo Jakobi atmete tief und fuhr schließlich fort: „Sein Bild wurde im Lokalfernsehen gebracht. Ich habe ihn gleich wiedererkannt.“

„Schildern Sie uns, was geschehen ist.“

„Es war ungefähr vier Uhr morgens. Er saß am letzten Tisch dort hinten, in der Ecke. Dort ist er immer hingegangen. Er gähnte dauernd, weil er wohl eine Nachtschicht hinter sich hatte. Er hat seine Bestellung aufgeben, angefangen zu essen und wurde dann über das Handy angerufen.“

„Konnten Sie etwas verstehen?“

„Ja, er war der einzige Gast um die Zeit und ich habe mitbekommen, dass sich mit dem Typ am anderen Ende der Leitung verabredet hatte. Er war etwas ungehalten darüber, dass der Kerl noch nicht da war. Vielleicht sollte er auch in der Imbiss auf ihn warten.“

„Woraus schließen Sie, dass es ein Mann war?“

Udo Jakobi zuckte mit den breiten Schultern und hob die Augenbrauen. „Also, wenn Sie mich so fragen...“

„Ja?“

„Ich habe das einfach nur angenommen.“

„Hm.“

„Durch die Art, wie er mit ihm redete.“

„Okay.“

„Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausgedrückt habe...“

„Doch, doch... Fahren Sie ruhig fort, Herr Jakobi.“

„Jedenfalls verließ er kurz nach dem Anruf das Lokal und verschwand draußen in der Dunkelheit.“

„Sie haben nichts mehr gesehen oder gehört?“

„Nein. Wenn es dunkel ist, spiegeln die Scheiben. Man sieht fast nichts.“

„Mehr können Sie uns nicht sagen?“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, tut mir Leid.“

Ich wechselte einen kurzen Blick mit Rudi. Wir kennen uns gut genug, um zu wissen, was der andre denkt. Manchmal muss es gar nicht mehr ausgesprochen werden.

„Wir danken sehr für Ihre Auskünfte“, erklärte Rudi schließlich.

Udo Jakobi schluckte. „Hoffentlich konnte ich Ihnen weiterhelfen.“

„Wird sich zeigen“, sagte ich.

„Na, dann....“

„Weiß man vorher nie“, sagte ich.

Udo Jakobi runzelte die Stirn.

„Ich verliere ungern Stammkunden auf diese Weise. Dass er ein Bulle – ich wollte sagen: ein Polizist - war, habe ich übrigens erst in den Nachrichten gehört.“

„Meine Kollegen suchen die Umgebung nach Hinweisen ab“, sagte Rebecca Düpree.

„Ich hoffe, die finden etwas“, antwortete ich. „Wenn man den Tatort nicht kennt, stochert man mit seinen Ermittlungen ziemlich im Nebel herum.“

Wir erhoben uns. Ich wandte mich noch einmal an Udo Jakobi, der ziemlich nervös wirkte und sich die schwitzigen Hände an seiner Schürze abwischte. „Eine Frage noch...“

„Ja?“

„Sie meinten, dass er jemanden hier erwartet hat.“

„Genau.“

„Hat er sich zuvor mal mit jemandem hier getroffen oder war er immer allein, wenn er seine Fishburger aß?“

„Er war eigentlich immer allein.“

„Eigentlich?“

„Zumindest, wenn ich dabei war, aber ich muss gestehen, dass zwar meine Imbiss 24 Stunden geöffnet hat, aber ich nicht rund um die Uhr hinter dem Tresen stehen kann.“

„Könnten wir Ihre Angestellten dazu befragen?“

„Sicher.“

Es stellte sich heraus, dass Jakobi insgesamt fünf feste Angestellte hatte, dazu drei Aushilfskräfte, die stundenweise engagiert wurden. Von den fest Angestellten fehlte eine und von den Aushilfskräften zwei Personen, deren Arbeitszeiten in der Imbiss erst später begannen.

Eine als Aushilfskraft angestellte junge Frau mit offenkundig asiatischen Wurzeln namens Jessica Liao wollte gesehen haben, dass sich Rademacher einmal mit einem Mann um die dreißig und einmal mit einer Blondine getroffen hatte. Die Blondine war auch noch einem anderen Angestellten aufgefallen, der Mann hingegen nicht.

„Der Mann, mit dem er sich traf, war ziemlich groß, schlaksig und hatte gelocktes, dunkles Haar“, berichtete uns Jessica Liao. „Er wurde wohl eingeladen. Jedenfalls ist er mir schon deswegen in Erinnerung geblieben, weil er vier Fishburger geschafft hat.“

„Haben Sie einen Namen oder irgendetwas von dem Gespräch der beiden mitbekommen?“, fragte ich.

Jessica Liao schüttelte den Kopf und strich eine Strähne ihrer schulterlangen, blauschwarzen Haare aus Gesicht. „Nein, tut mir leid. Aber es gab Streit zwischen den beiden, woraufhin der Mann mit dem gelockten Haar wutentbrannt hinausgelaufen ist. Er hätte mich fast umgerannt. Ach, übrigens, er trug ein Goldkettchen mit einem Kreuz auf der Brust.“

„Bis wann sind Sie hier in Udo's Imbiss?“

„Heute bis fünf Uhr am Nachmittag.“

„Dann wird vorher noch einer unserer Kollegen hier vorbeikommen und mit Ihnen zusammen ein Phantombild anfertigen. Er heißt Herr Prewitt.“

„Glauben Sie, dass dieser Lockenkopf den Mann umgebracht hat?“

„Er ist bislang nur ein Zeuge. Jeder, der in den letzten Tagen und Wochen mit dem Opfer zu tun hatte, kann uns vielleicht wertvolle Informationen darüber geben, wer einen Grund gehabt haben könnte, Rademacher umzubringen.“

„Und was können Sie uns über die Frau sagen?“, fragte Rudi.

Die junge Frau wandte den Blick in Rudis Richtung. Mit einer beiläufigen Bewegung strich sie sich das blauschwarze Haar zurück und klemmte eine Strähne hinter das Ohr.

„Ich glaube, die beiden hatten was miteinander – so wie die sich angesehen haben“, lautete die Meinung von Jessica Liao. „Ihr Blond war nicht echt, die Brüste auch nicht und ich nehme an, sie hat sich auch die Lippen machen lassen. Ich frage mich, was sie mit ihrem Körper angestellt hat, dass Sie das in dem Alter schon nötig hatte!“

„Wie alt würden Sie sie schätzen?“, fragte Rudi.

„Mitte zwanzig. Sie war so groß wie ich, also unter 1,70 m. Unter ihrem Mantel trug sie ein ziemlich edles, aber knappes Kleid. Irgendwie passte sie überhaupt nicht hier her. Dementsprechend war auch ihr Appetit. Sie hat eine Tasse Kaffee genommen, aber der war ihr wohl auch nicht recht. Jedenfalls hat sie ihn stehen lassen. Ach ja, am Arm, da trug sie ein Armband, das mir sofort aufgefallen ist.“

„So?“

„Es war geformt wie zwei kleine Schlangen, die sich um das Handgelenk winden. Sah schon aus wie was ganz Besonderes.“

„Unser Zeichner Herr Prewitt wird auch von ihr ein Bild anfertigen“, kündigte ich ihr an.

Über Funk meldete sich einer der uniformierten Beamten der Berliner Polizei vom Hafenbecken aus bei Rebecca Düpree.

„Wir haben hier vielleicht etwas gefunden.“







9



Rudi und ich gingen ins Freie. Zusammen mit Polizeimeisterin Düpree liefen wir zur Kaimauer. Auf der linken Seite passierten wir dabei ein kleines Lagerhaus und erreichten schließlich die uniformierten Kollegen, die dort den Boden absuchten.

Einer von ihnen stellte sich mir als Polizeimeister Ernst Golltke vor und deutete auf einen dunklen Fleck auf dem Boden. „Das könnte Blut sein“, meinte er. „Genau kann man das natürlich nur sagen, wenn man einen Hämoglobin-Schnelltest oder Luminol zur Hand hat – in dem eingetrockneten Zustand. Aber fürs Erste können Sie meiner Erfahrung trauen – das hier ist meiner Meinung nach Blut.“ Er deutete zur Kaimauer, wo sich zwei weitere Kollegen auf dem Boden umsahen.

„Ich rufe unsere Spurensicherer an“, kündigte Rudi an.

Herr Golltke deutete in Richtung seiner Kollegen. „Dort an der Mauer gibt es noch weitere Blutspuren.“

„Das könnte passen“, stellte ich fest. „Rademacher wurde hier erschossen und dann zum Wasser geschleift! Dann fehlen uns eigentlich nur noch die Projektile.“

„Da sehe ich wenig Hoffnung“, meinte Golltke. „Wahrscheinlich sind die ins Wasser gefallen.“

„Kommt auf die Schussposition an“, widersprach ich. „Wenn wir Glück haben, finden wir dort hinten an der Uferböschung noch etwas.“







10



Zur gleichen Zeit erreichten unsere Kollegen Jürgen Carnavaro und „Olli“ Oliver Medina Rademachers Eigenheim in Oranienburg. Rademacher hatte sich einen schmucken Bungalow in der Jasper Straße gekauft, einer breiten Allee mit Häusern, die der oberen Mittelklasse entsprachen.

Unsere Kollegen parkten ihren Volkswagen aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft am Straßenrand, gingen durch die offene Hofeinfahrt zur Garage und standen schließlich vor der Haustür.

Ein Team der Ermittlungsgruppe Erkennungsdienst war ebenso auf dem Weg hier her wie die BKA-Kommissare Fred LaRocca und Annemarie O’Hara, deren Aufgabe es sein würde, Jürgen und Olli bei der Hausdurchsuchung zu helfen.

Annemarie war mit einem irischen Computerspezialisten verheiratet, der im Entwicklerzentrum eines großen Online-Händlers in Berlin-Mitte arbeitete. Auf diese Weise war unsere Kollegin zu ihrem exotischen Nachnamen gekommen.

Aber da sie selbst rothaarig war, hielt sie jeder selbst für eine Bilderbuch-Irin, sobald sie ihren Nachnamen nannte.

Nur der deutlich hörbare Berliner Akzent, der bei Annemarie O'Hara immer wieder durchkam, irritierte dabei etwas.

Jürgen und Olli stutzten.

Das Haus war ziemlich bald, nachdem man Rademacher an Land geholt und identifiziert hatte, von Kollegen der Schutzpolizei versiegelt worden.

Aber das Siegel war gebrochen.

Jürgen griff nach seiner Dienstwaffe. Olli folgte seinem Beispiel.

„Hier war offenbar jemand schneller als wir!“

„Rademacher war unverheiratet und lebte allein. Eigentlich dürfte niemand hier gewesen sein!“

Jürgen holte den Schlüsselbund hervor, der mit einem Karabinerhaken an Rademachers Gürtel befestigt gewesen war. Er war zusammen mit dem Teil, der bei der Leiche gefundenen persönlichen Habe, der nicht mehr im Labor untersucht zu werden brauchte, am Morgen per Kurier ins Präsidium gesandt worden.

Jürgen öffnete die Tür.

Geräusche waren zu hören.

Olli ging mit der Waffe in der Hand voran, durchschritt beinahe lautlos den Empfangsraum und erreichte schließlich die halb geöffnete Tür zum Wohnzimmer. Jürgen folgte.

Mit einem Tritt öffnete Olli die Wohnzimmertür.

„Waffe weg! Polizei!“, rief er.

Ein durchdringender Schrei ertönte.

Eine junge Frau stand mitten im Raum. Sie war blond, trug Jeans, T-Shirt und einen Blouson.

Das einzig auffällige an ihrem Outfit war das Armband mit den zwei das Handgelenk umschmeichelnden Schlangen.

Sie stand wie erstarrt da, in der Rechten hielt sie einen .22er Revolver und richtete ihn auf Olli.

„Die Waffe weg!“, wiederholte unser Kollege.

Sie schluckte und zitterte. Auf ihrer Stirn perlte der Angstschweiß.

„Okay“, flüsterte sie schließlich. „Ich gebe auf! Wer immer Sie auch sind, tun Sie mir nichts!“

„Wir sagten, wer wir sind!“, hielt Jürgen ihr entgegen. Er machte ein paar schnelle Schritte nach vorn, nahm ihr die Waffe aus der Hand und legte ihr anschließend Handschellen an.

Sie setzte sich auf die Couch.

„Ich bin Kommissar Jürgen Carnavaro und dies ist mein Kollege Kommissar Oliver Medina. Wir kommen vom Bundeskriminalamt und untersuchen den Tod unseres Kollegen Thorben Rademacher. Und jetzt möchte ich gerne wissen, wer Sie sind!“

„Christine Wistanow“, sagte sie.

„Und was tun Sie in Thorben Rademachers Wohnung?“, fragte Jürgen.

„Thorben und ich waren seit einiger Zeit ein Paar“, erklärte Christine Wistanow. „Wenn Sie mal in meiner Jacke nachsehen, dann werden Sie feststellen, dass ich einen Wohnungsschlüssel besitze - so wie sich umgekehrt auch an Thorbens Schlüsselbund ein Schlüssel zu meiner Wohnung finden müsste.“

„Angenommen, es stimmt, was Sie sagen...“

„In seiner Brieftasche trug er ein Foto von mir mit sich herum. Thorben war eben ein Romantiker.“

„Das können wir leider nicht mehr überprüfen“, bedauerte Jürgen. „Thorben Rademachers Brieftasche befindet sich nämlich sehr wahrscheinlich zusammen mit seinem Handy auf dem Grund des Hohenzollernkanals, falls sie ihm nicht von seinem Mörder entwendet wurde.“

„Ihre Beziehung erklärt aber noch nicht, weshalb Sie das Siegel der Polizei ignoriert haben“, mischte sich Olli ein. „Was wollten Sie in der Wohnung?“

„Also, ich will ehrlich sein.“

„Darum möchte ich doch gebeten haben“, erwiderte Jürgen.

Sie nickte und blickte zur Seite. Den direkten Augenkontakt mit einem der beiden Kommissaren mied sie.

Sie sagte: „Wir hatten uns gestritten. Ziemlich heftig sogar. Also habe ich mich zunächst auch nicht gewundert, dass Thorben nicht bei mir anrief. In dieser Hinsicht war er ohnehin ziemlich unzuverlässig. Aber dann habe ich die Meldung im Radio gehört.“

„Unseres Wissens haben Sie sich aber nicht bei der Polizei gemeldet“, hielt Olli ihr entgegen.

„Ich wollte zuerst ein paar Privatsachen aus der Wohnung holen. Das ist der Grund dafür, dass ich hier bin.“

„Um ein Polizeisiegel zu brechen, ist das trotzdem eine ziemlich dünne Erklärung“, meinte Jürgen.

„Ach wirklich?“

„Sie sehen ja, was jetzt passiert ist.“

„Ich sitze in Handschellen hier.“

„Sie haben uns mit einer Waffe bedroht.“

„Eigentlich wollte ich in diese Sache nicht hineingezogen werden.“

„Nach der großen Liebe hört sich das mit Ihnen und Rademacher ja nicht an“, sagte Olli.

„Ach – und Sie können das beurteilen?“, fauchte sie.

Olli sah sie an. „Es scheint Ihnen ziemlich gleichgültig zu sein, wer Ihren Freund umgebracht hat.“

„Stattdessen war es Ihnen nur wichtig, ein paar persönliche Dinge aus Herrn Rademachers Wohnung verschwinden zu lassen“, ergänzte Jürgen.

Olli sagte: „Ich muss sagen, bei diesem hohen Grad an gegenseitiger Verbundenheit kommen mir schon fast die Tränen. Scheint ein richtiger Glückspilz gewesen zu sein, der Herr Rademacher. Ich meine, dass er Sie kennengelernt hat...“

„Manche Frauen sollen ja emotional sehr stark klammern“, meinte Jürgen. „Wie gut, dass Herr Rademacher bei Ihnen dieses Problem nicht gehabt haben dürfte. Jemand, der so eiskalt ist, wie Sie, hat als Partnerin für einen Polizisten doch auch ein paar Vorteile... Er konnte sich dadurch sicherlich auch voll in seine Einsätze stürzen, da er genau wusste, dass der keine trauernde Witwe hinterließ...“

„...sondern eine Frau, die nach seinem Tod auch noch die Wohnung aufräumt“, ergänzte Olli sarkastisch.

„Wollen Sie mich jetzt verarschen?“, fragte Christine Wistanow.

„Sinn für Ironie hat sie jedenfalls nicht“, sagte Jürgen.

„Nee, hat sie nicht“, bestätigte Olli.

„Sonst würde sie so eine Frage nicht stellen, Olli.“

„Würde sie nicht“, meinte Jürgen Carnavaro.







11



Wenig später trafen Annemarie O'Hara und Fred LaRocca ein. Etwa zeitgleich war auch das Team der Ermittlungsgruppe Erkennungsdienst am Tatort.

Annemarie führte eine gründliche Durchsuchung bei Christine Wistanow durch.

Außerdem wurden Fingerabdrücke genommen.

Christine Wistanow protestierte dagegen zwar ziemlich lautstark, aber das war zwecklos. Als Kommissarin Annemarie O’Hara Christine gegenüber klarmachte, dass die erkennungsdienstliche Behandlung auch im Präsidium durchgeführt werden könnte, ließ diese ihren Protest verstummen.

„Juristisch gesehen war das, was Sie getan haben, ein Einbruch und ein bewaffneter Angriff auf zwei BKA-Kommissare. Hinzu kommt noch ein Verstoß gegen das Waffengesetz“, erklärte Annemarie.

„Ich habe den .22er, um mich verteidigen zu können!“

„Die Gesetze sind für alle gleich und verbieten den Besitz von Schusswaffen, es sei denn Sie haben dafür eine Erlaubnis. Und von der haben wir bislang nichts gesehen. Ich fürchte, wir werden da auch wohl nichts mehr zu sehen bekommen...!“

„Sie können mich mal!“

„Sie werden sich auf einigen Ärger einstellen müssen und kümmern sich am besten schon mal um einen Anwalt. Aber vielleicht unterstützen Sie uns ja auch noch ein bisschen bei der Suche nach dem Mörder des Mannes, den Sie als Freund bezeichnet haben.“

„Vielleicht werden Sie und Ihre Kollegen für diese unrechtmäßige Festnahme sich auch noch vor einem Richter verantworten müssen!“, fauchte sie.

„Es steht Ihnen jederzeit frei, sich zu beschweren oder rechtliche Schritte einzuleiten. Aber ich empfehle Ihnen dringend, sich vorher juristisch beraten zu lassen“, lautete Annemaries ausgesprochen kühle Erwiderung.

Fred LaRocca führte in einem Nebenraum mit seinem Laptop eine Online-Abfrage durch.

Jürgen Carnavaro sah ihm dabei über die Schulter.

Annemarie kam herein, ging zu den beiden Kommissaren hin und fragte: „Was machen wir jetzt mit ihr?“

„Irgendetwas stimmt nicht mit ihr“, meinte Jürgen. „Unser System zeigt uns mehrere Verurteilungen wegen Beischlafdiebstahl an. Einmal hat sie einen Freier ausgeraubt und dafür auch eine Weile gesessen... Eine Prostituierte, die sich den Akten nach auch schon als Erpresserin zu betätigen versucht hat...“

„Es könnte sein, dass Habgier bei diesem Einbruch das Motiv war“, glaubte Fred LaRocca.

„Aber ich habe nichts bei ihr gefunden, das darauf hindeutet“, wandte Annemarie ein. „Also ich meine: Diebesgut. Die Beute eben.“

„Dann sind wir ihr eben zuvor gekommen“, entgegnete Jürgen. „Sie kommt mit auf das Präsidium. Die Waffe wird beschlagnahmt und ballistisch überprüft. Durch das, was wir bei ihr an Vorstrafen haben, ist ihre Version, wonach sie Rademachers liebende Gefährtin war, wohl ziemlich zweifelhaft.“

„Spätestens morgen ist sie gegen Kaution wieder draußen“, gab Annemarie zu bedenken.

„Ja, aber bis dahin haben wir vielleicht ein paar Punkte geklärt.“







12



Die Maschinenpistole ratterte. Ede Gerighauser hob die Hände. Die Schüsse zischten über ihn hinweg und stanzten Löcher in die Wand. Ein Muster, das Ähnlichkeit mit einer Sinuskurve hatte.

Der MPi-Schütze riss das Magazin aus der zierlichen Waffe vom israelischen Typ Uzi heraus, warf es zur Seite und steckte ein neues hinein.

Ede Gerighauser zitterte vor Angst. Er musste die Kiefer fest aufeinander pressen, um nicht mit den Zähnen zu klappern, so schlimm war es.

Der Puls schlug ihm bis zum Hals. Kalter Angstschweiß perlte ihm über die Stirn.

Der MPi-Schütze stellte sich breitbeinig auf.

Er trug eine Military-Hose und eine Lederjacke. Darunter ein T-Shirt mit V-förmigen Ausschnitt.

Unterhalb des Halsansatzes war eine Tätowierung zu sehen. Drei ineinander greifende Ringe.

Der Kerl trat näher. Die kurze Mündung der Uzi war auf Ede Gerighauser’ Kopf gerichtet.

„Schrei ruhig. Hier wird dich niemand hören, Ede! Die Polizei traut sich in dieses Viertel ohnehin nur in Mannschaftsstärke – und hier hat sie schon gar nichts zu suchen.“

Der MPi-Schütze lachte rau.

Ede Gerighauser war nur zu gut bewusst, wie Recht sein Gegenüber hatte.

Man hatte ihn auf eine abgelegene Industriebrache gebracht. Dieses Lagerhaus rottete seit Jahren vor sich hin. Der Untergrund war mit Giftmüll verseucht, die Firma war Bankrott gegangen und jetzt stritt man sich vor Gerichten darüber, wer für die Schäden aufzukommen hatte. Ein Ort, an dem man wahrscheinlich sogar seine Leiche erst nach Wochen finden würde.

Wenn überhaupt.

Der MPi-Schütze beugte sich zu Gerighauser herab.

„Wie nennt man mich, Ede?“

„Den King.“

„Den King, richtig. – und seinen König verrät man doch nicht oder?“

„Ich habe es nicht freiwillig getan!“

„Du hast es getan! Und das ist das Einzige, was zählt.“

„Erschieß mich nicht!“

„Deinetwegen sitzt mein Bruder im Knast!“

„Bitte! Ich tu alles, was du willst, King!“

Der Mann, der sich >King< nennen ließ, lachte zynisch. „Keine Sorge, Ede. Ich werde dich noch nicht erschießen. So einen Wurm wie dich, der sich vor Angst in die Hosen macht und innerlich ohnehin schon tot ist, weil er sich dauernd an seinem eigenen Stoff vergreift! Du bist ein Stück Dreck, Ede! Aber das ist dir nicht klar. Keine Sorge, ich werde dir das schon richtig beibringen.“ >King< wandte sich um und brüllte: „Wo ist die Schlampe?“

Schritte waren zu hören.

Zwei maskierte Männer brachten eine junge Frau in den Raum. Ihre Hände waren auf den Rücken gefesselt, die Augen verbunden.

„Maria!“, stieß Ede hervor. „Was habt ihr mit meiner Schwester vor?“

Der King stieß sie vorwärts. Sie taumelte Ede entgegen. Die Uzi knatterte los. Der King hielt die Waffe hoch, sodass Schultern und Kopf der jungen Frau getroffen wurden. Ihr Körper zuckte unter den Treffern. Sie fiel Ede Gerighauser entgegen und landete direkt auf ihm. Sie lebte schon nicht mehr. Überall war Blut. Ede Gerighauser war vollkommen damit besudelt. Völlig fassungslos nahm er Maria in die Arme.

Ein dicker Kloß saß ihm im Hals.

Ede Gerighauser konnte noch nicht einmal schreien.

„Warum sie?“, flüsterte Ede.

„Jetzt bist du dran, Ede!“

Der King warf einem seiner Leute die Uzi zu. Der Maskierte fing sie sicher auf. Dann griff der King unter seine Jacke und holte eine Automatik vom Kaliber .45 hervor und setzte sie Ede Gerighauser an den Kopf. „Weißt du, was mit dem Gehirn geschieht, wenn ich den Stecher durchziehe?“, fragte er mit breitem Grinsen. Gerighauser schloss die Augen.

Der King drückte ab.

Es machte nur klick.

„Gar nichts geschieht!“, lachte der King. „Ich werde dich nicht töten, Ede. Noch nicht. Erst sollst du noch leiden. Deine Strafe ist es, vorerst weiter zu leben. Weiter zu leben in dem Bewusstsein, dass du an all dem Schuld bist. Maria hätte nicht sterben müssen, wenn du uns nicht verraten hättest. Und wenn du zufällig in nächster Zeit mal wieder deine Eltern besuchen solltest... Na ja, vielleicht hat man sie auch schon gefunden!“

„Nein!“, brüllte Ede.

„Du bist schuld daran, Ede! Nur du ganz allein – so wie du auch schuld daran bist, dass mein Bruder und fast alle Führungskräfte der ‚Killer Bandoleros’ verhaftet wurden!“

„Nein!“, schrie Ede Gerighauser noch einmal.

„Aber irgendwann werde ich zuschlagen und auch dein Leben ausknipsen. Aber vorher wird dich die Schuld innerlich aufgefressen haben. Wenn ich dich töte, wirst du innerlich längst tot sein.“

„Hey, was ist mit Ihnen los?“, drang eine Stimme wie aus weiter Ferne in Ede Gerighauser’ Bewusstsein. Hände fassten ihn bei den Schultern. „Soll ich einen Arzt holen?“

Erst jetzt begriff Ede Gerighauser, dass es nur eine Erinnerung gewesen war, die ihn so sehr in Beschlag genommen hatte, dass er sie für real hielt.

Ein Flashback.

Er blickte auf seine Hände und starrte sie ungläubig an. Von Marias Blut war nirgends etwas zu sehen. Stattdessen sah er auf dem Grab, das sich vor ihm befand, Marias Namen. Ihren Namen und die Namen seiner Eltern. Die Erinnerungen drohten ihn wieder zu übermannen. Er sah sich erneut die Wohnung seiner Eltern betreten. Sah das Blut an den Wänden. Den Geruch...

„Hören Sie, Sie sehen wirklich so aus, als wäre Ihnen nicht gut. Soll ich nicht doch besser den Notarzt rufen?“, fragte der stämmige, grauhaarige Mann mit den wachen, dunkelbraunen Augen. Auf seiner hohen Stirn hatte sich eine tiefe Furche gebildet.

Ede Gerighauser wandte den Kopf.

In dieser Sekunde nahm er den Grauhaarigen zum ersten Mal bewusst wahr.

„Es geht schon“, behauptete Gerighauser.

„Wirklich?“

„Wirklich.“

Der Grauhaarige zuckte mit den Schultern. „Wie Sie meinen.“ Irritiert ging er davon und drehte sich nach ein paar Dutzend Metern noch einmal um.

Ede Gerighauser stand in sich versunken da und beachtete den Mann schon gar nicht mehr.

Die rechte Hand steckte in der tiefen Tasche seines Mantels und umfasste den Griff einer Pistole.

Sie hätten mir helfen können, Kommissar Rademacher!, dachte er. Aber Sie haben es nicht getan.







13



Am nächsten Tag fanden wir uns im Büro unseres Chefs zur Besprechung ein. Außer Rudi und mir waren auch unsere Kollegen Jürgen Carnavaro und Oliver Medina sowie eine ganze Reihe weiterer Ermittler unserer Abteilung anwesend. Darunter auch Max Herter, ein Innendienstler aus unserer Fahndungsabteilung und Hans-Peter Haselmann, der Chefballistiker.

„Guten Morgen“, begrüßte uns Kriminaldirektor Bock, nachdem alle anwesend waren. Seine Sekretärin Mandy hatte uns Kaffee serviert, und ich nippte an dem heißen, aber unvergleichlich guten Gebräu. „Wer von Ihnen Lokalnachrichten gehört hat oder schon dazu gekommen ist, eine Zeitung zu lesen, wird bemerkt haben, dass der Fall Rademacher hohe Welle geschlagen hat. Einige Medien scheinen die Sache für ihre Zwecke ausnutzen zu wollen. Das Ganze geht etwa in die Richtung, dass man sich in der Stadt wohl nicht mehr sicher fühlen kann, wenn schon Polizisten umgebracht werden. Das ist natürlich Unsinn. Jeder weiß, dass die Verbrechensraten in Berlin seit Jahren konstant rückläufig sind. Ich fürchte nur, dass von dieser Wahrheit in der Öffentlichkeit kaum etwas durchdringen wird!“

„Andererseits hat uns der Gang an die Öffentlichkeit den Hinweis auf Udo’s Imbiss beschert“, hielt Max Herter dem entgegen.

Kriminaldirektor Bock nickte. „Ja, das ist richtig, Max“, räumte er ein. „Aber ich denke, auch Sie sind erschrocken darüber, welche Folgen dieser Gang an die Öffentlichkeit darüber hinaus hatte. Ich bin weit davon entfernt, die Maßnahme für falsch zu halten. Schließlich habe ich sie selbst nach reiflicher Überlegung angeordnet. Ich will nur, dass jedem von Ihnen klar ist, was für ein zweischneidiges Schwert es sein kann, die Öffentlichkeit in die Fahndungsarbeit mit einzubeziehen. Die Sache gleitet einem schneller aus der Hand, als einem lieb ist.“ Kriminaldirektor Bocks Gesichtsausdruck wirkte sehr ernst, während er das sagte. Für einen kurzen Moment herrschte absolute Stille im Büro. Dann wandte er sich an Max. „Es liegen tatsächlich ein paar neue Erkenntnisse vor. Vielleicht fassen Sie den Kollegen kurz die Lage zusammen.“

„Ja, Herr Bock. Auf jeden Fall ist die Westhafenstraße in Moabit tatsächlich der Tatort. Erstens besteht kein Zweifel mehr daran, dass der Fleck auf dem Asphalt eine Blutlache war, zweitens, dass es so gut wie unmöglich wäre, allein diesen Blutverlust zu verkraften und dass drittens der Tote zum Wasser geschleift worden ist.“

„Außerdem konnte ein Projektil in der Uferböschung sichergestellt werden“, ergänzte unser Ballistiker Hans-Peter Haselmann. „Den Untersuchungsergebnissen nach stammt es aus derselben Waffe, mit der Rademacher getötet wurde, sodass wir das Ergebnis der DNA-Analyse wohl nicht abwarten brauchen, um davon ausgehen zu können, dass wir tatsächlich den Tatort gefunden haben.“

„Was ist mit den Zeugenaussagen von Udo Jakobi und seinen Angestellten?“, hakte Kriminaldirektor Bock nach.

„Daraus sind Phantombilder hervorgegangen“, erläuterte Max Herter und präsentierte uns das erste dieser Bilder mit Hilfe eines Beamers in überdimensionaler Größe an der Wand. Es zeigte einen Mann mit gelocktem Haar. „Die haben wir mit Personen abgeglichen, die in irgendeinem Zusammenhang mit Rademacher standen und sind fündig geworden. Wir haben eine mindestens 85-prozentige Übereinstimmung zwischen dem Mann, mit dem sich Rademacher einmal in dem Imbiss getroffen hat, und einem gewissen Ede Gerighauser. Gerighauser war ein kleiner Dealer und Mitglied einer Rocker- und Drogengang mit der Bezeichnung ‚Killer-Bandoleros’. Mit seiner Hilfe wurde Manuel Bentz, der Anführer der Gang zusammen mit dem Großteil seines Führungspersonals verhaftet.“

„Lass mich raten: Thorben Rademacher war maßgeblich an der Verhaftung beteiligt!“, glaubte Jürgen.

Max bestätigte dies. „So ist es. Angeblich versucht Bentz’ Bruder Lionel Bentz – genannt ‚Der King’ – die Gang wieder aufzubauen. Tatsache ist, dass Ede Gerighausers Eltern und seine Schwester kurz nach Manuel Bentz’ Verhaftung ermordet wurden.“

„Der Schluss liegt nahe, dass es sich da um einen Rachefeldzug handelt“, meinte Kriminaldirektor Bock. „Genießt Ede Gerighauser Zeugenschutz? Hat er eine neue Identität?“

„Nein. Jedenfalls nicht, dass wir davon wüssten oder dass er dafür behördliche Hilfe in Anspruch genommen hätte. Es ist zumindest nichts darüber in den Akten verzeichnet. Den Grund dafür müssen wir noch herausfinden.“

„Auf jeden Fall gehörte Gerighauser nicht zu den Fällen, in denen Rademacher wegen des Unterschiebens von Beweismaterial und Erpressung von Spitzeldiensten ins juristische Kreuzfeuer kam“, stellte Kriminaldirektor Bock mit Blick auf seine Unterlagen fest.

„Die Tatsache, dass Gerighauser Rademacher nicht angezeigt hat, heißt nicht, dass es in seinem Fall nicht auch so gewesen sein könnte“, gab Rudi zu bedenken. „Vielleicht hatte Gerighauser einfach nur kein Vertrauen in die Polizei.“

„In dem Fall hätte Gerighauser ein erstklassiges Motiv, um Rademacher umzubringen“, glaubte Olli. „Er könnte Rademacher für den Tod seiner Eltern und Schwester verantwortlich gemacht haben.“

„Allerdings ist ja wohl noch nicht erwiesen, dass Gerighauser tatsächlich die Person war, mit der Rademacher an dem Abend telefonierte“, gab ich zu bedenken. „Sein Handy wurde ja leider nie aufgefunden.“

„Wir gehen der Spur auf jeden Fall weiter nach“, entschied Kriminaldirektor Bock. „Ist Gerighauser Aufenthaltsort bekannt?“

„Leider nicht“, sagte Max. „Er scheint untergetaucht zu sein.“

„Er wird zur Fahndung ausgeschrieben, aber wir gehen nicht an die Öffentlichkeit damit“, bestimmte unser Chef. „Was ist mit der Frau?“

Max Herter projizierte ihr Phantombild an die Wand und überblendete es anschließend mit dem Foto, das anlässlich einer Festnahme gemacht worden war.

„Hier ergibt sich eine hohe Übereinstimmung mit Christine Wistanow, einer mehrfach wegen verschiedenen Delikten vorbestraften Prostituierten.“

„Unter Rademachers Kollegen glaubte man, Christine sei seine Freundin“, ergänzte ich.

Jürgen Carnavaro zuckte mit den Schultern und warf ein: „Wer weiß, vielleicht glaubte Rademacher das sogar selbst.“ In knappen Worten informierte er uns darüber, wie und unter welchen Umständen Christine Wistanow in Rademachers Haus aufgegriffen worden war.

„Unsere Verhörspezialisten Meinert Schneider und Pascal Horster haben sich die halbe Nacht mit ihr befasst und versucht, etwas aus ihr herauszubekommen, das über ihre Standard-Aussage hinausging, mit der sie bereits uns abgespeist hatte. Heute Morgen ist ihr Haftprüfungstermin. Ihr Anwalt ist ein gewisser Karlheinz Bandella, der zuvor häufiger mal für Benny Farkas tätig war.“

„Das ist ein interessantes Detail“, murmelte ich.

„Es kommt noch besser“, mischte sich nun Hans-Peter Haselmann ein. „Die konfiszierte Waffe vom Kaliber .22 wurde bei derselben Schießerei in Benny Farkas’ Club ‚El Abraxas’ benutzt, wie die .45er mit der Rademacher ermordet wurde.“

„Dann wird es Zeit, dass wir Farkas mal näher auf den Zahn fühlen!“, meinte Rudi.

Max zeigte uns ein Foto von ihm. Ein geckenhafter Mann mit dunklem Teint, feinem Oberlippenbart in schneeweißem Anzug. Am Revers trug er eine Rose. „Das ist Farkas! Ein Dutzend Clubs dürfte unter seiner Kontrolle stehen. Außerdem gilt er als einer der Großverteiler von Drogen in Berlin“, erläuterte Max. „Die ‚Killer Bandoleros’ sollen zu seinem Verteilernetz gehört haben, nur konnte man das im Prozess leider nicht nachweisen. Die Kollegen von der Drogenfahndung vermuteten, dass es damals zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Benny Farkas und den ‚Bandoleros’ kam. Vermutlich konnte man sich über Gewinnmargen nicht einig werden, woraufhin einige Mitglieder der ,Killer Bandoleros’ mehrfach in Farkas Club ziemlich rustikal aufgetreten sind und die Gäste verscheucht haben. Es ist zu vermuten, dass dies der Hintergrund der Schießerei ist, die dann stattfand und bei der mindestens ein Mitglied der ‚Killer Bandoleros’ ums Leben kam.“

„Ich schlage vor, Farkas’ Club heute Abend mal einen kleinen Besuch abzustatten“, meinte Jürgen.







14



Max Herter hatte uns alles, was er herausgefunden hatte, zu einem Datendossier zusammengestellt.

Rudi und ich saßen im Anschluss an die Sitzung in unserem gemeinsamen Dienstzimmer und arbeiteten die Unterlagen durch. Ich sah mir vor allem die Liste der Personen an, die damals bei der Schießerei verdächtigt worden waren, daran beteiligt gewesen zu sein. Der Einzige, in dessen Fall es immerhin zu einer Anklage gekommen war, hieß Reza Tannous. Er war mehrfach wegen Körperverletzung und illegalem Waffenbesitz vorbestraft und war damals Türsteher im ‚Abraxas’ gewesen. Inzwischen galt er als rechte Hand und Mann fürs Grobe in Benny Farkas’ Organisation. Da seine letzte Bewährung wegen einer Schlägerei erst in einem Monat auslief, war seine Adresse bekannt.

„Steht da irgendwo, weshalb es nicht zum Prozess gekommen ist?“, fragte Rudi.

„Vermutlich reichten die Beweise einfach nicht aus“, erwiderte ich.

Gegen Mittag fuhren wir zu Rademachers ehemaligem Revier und besprachen uns mit seinem direkten Vorgesetzten Herrn Kassavetes, dem Leiter der Drogenabteilung.

„Thorben Rademacher war ein hervorragender Polizist, der gute Erfolge verbuchen konnte“, sagte Kassavetes. „Es ist schade, dass seine Karriere diesen Knick bekam und man ihn nach Moabit abschob. Aber da war er ja nicht allein betroffen.“

„Es wurde noch ein Beamter namens Sebastian Maybaum verdächtigt, Beweismittel manipuliert und Kleinkriminelle zu Spitzeldiensten erpresst zu haben“, sagte ich.

„Ja. Maybaum verrichtet heute in einer anderen Dienststelle seinen Dienst. Ich habe ihn neulich beim Schieß-Training getroffen. Er arbeitet jetzt im Innendienst. Und das, obwohl gegen keinen der beiden auch nur ein Prozess eröffnet worden ist!“

„Es erschien damals wohl einigen Leuten opportun wohl, die beiden aus der Schusslinie zu nehmen.“

„Ja, so kann man das auch nennen!“, erwiderte er gallig.

„Man hatte bei Ihren Ermittlungen noch einen dritten Beamten im Visier“, stelle ich fest. „Sein Name war Tom Subotitsch.“

„Tom ist noch hier im Revier. Allerdings können Sie heute nicht mit ihm sprechen.“

„Warum nicht?“

„Er ist zu einer Fortbildung nach Frankfurt gefahren. Man bringt da den Angehörigen von Drogenabteilungen im ganzen Land die Anwendung neuer Drogen-Schnelltests bei.“

„Dann ist er morgen wieder hier?“

„Er hat zwei Wochen Urlaub genommen. Ich glaube, der Tod von Rademacher hat ihn sehr mitgenommen.“

„Die beiden standen sich nahe?“

„Ja, sie waren eng befreundet und arbeiteten im Dienst als Team zusammen: Maybaum, Rademacher und Subotitsch. Und ich hatte selten ein so erfolgreiches Team.“

„Sie haben dafür gesorgt, dass Manuel Bentz und die Führungsriege der ‚Killer Bandoleros’ hinter Gitter kamen!“

Kassavetes machte einen etwas überraschten Eindruck. Sein Lächeln wirkte verkrampft. „Sie scheinen ja bereits gut informiert zu sein.“

„Ein Informant namens Ede Gerighauser spielte dabei eine entscheidende Rolle.“

„Schon möglich!“, murmelte Kassavetes. „Worauf wollen Sie hinaus?“

„Auf gar nichts.“

„So?“

„Ich will es nur verstehen.“

„Ah, ja...“

„Also?“

Kassavetes behauptete: „Die Sache war sauber. Gerighauser hat sich – im Gegensatz zu ein paar anderen, die sich erst bezahlen und nachher von Erpressung und Manipulation herumschwadronieren – nie an die Justiz gewandt.“

„Vielleicht, weil er gesehen hatte, dass die anderen Verfahren nicht einmal vor Gericht kamen.“

„Wenn man auf der einen Seite die verworrene Aussage eines Junkies und Drogendealers hat, während auf der anderen Seite die Karriere eines Musterpolizisten auf dem Spiel steht, wird man sich wohl dafür entscheiden, letzterem zu glauben.“

„Ja, das könnte Gerighauser auch gedacht haben.“

„Fangen Sie jetzt auch an, uns irgendetwas anzuhängen?“, fragte Kassavetes etwas ungehalten. Eine tiefe Furche erschien auf seiner Stirn.

„Ich frage mich, warum Sie sich angegriffen fühlen, es ging doch um Rademacher – und nicht um Sie!“, erwiderte Rudi.

„Und letztlich versuchen wir nur, die Sache aufzuklären, um seinen Mörder zu fassen. Daran sollte doch auch Ihnen gelegen sein – gleichgültig, was da vielleicht noch nachträglich über Ihren Musterpolizisten ans Tageslicht kommen mag“, ergänzte ich.

Kassavetes atmete tief durch.

„Wissen Sie, in unserem Job können Sie nur zurechtkommen, wenn das Team zusammenhält“, sagte er dann.

„Ich hoffe, dass schließt nicht ein, Straftaten zu decken“, hielt ich ihm entgegen.

Er zögerte mit seiner Antwort und erklärte schließlich. „Sie können mir glauben, dass ich mindestens ebenso daran interessiert bin, Rademachers Mörder zu fassen wie Sie!“

„Kommen wir zu Ede Gerighauser zurück. Hatten auch Maybaum und Subotitsch Kontakt zu ihm?“

„Soweit ich weiß, ja.“

„Rademacher hat sich nachweislich nach seinem Ausscheiden aus dem Drogendezernat noch mit Gerighauser getroffen. Haben Sie dafür irgendeine Erklärung?“

Kassavetes runzelte die Stirn. „Nein, das wundert mich.“

„Weshalb?“

„Gerighauser gilt sein ein paar Wochen als spurlos verschwunden. Glauben Sie, dass er was mit Thorbens Tod zu tun hat?“

„Seine Eltern und seine Schwester wurden im Gefolge der Verhaftung von Manuel Bentz und seinen ‚Killer Bandoleros’ umgebracht.“

„Die Morde konnten leider nicht aufgeklärt werden, sonst säße Manuels Bruder Lionel, der sich großspurig ‚Der King’ – der König – nennen lässt, längst in einer JVA.“

„Aber wenn Gerighauser für seine Dienste erpresst wurde, hätte er allen Grund, auch sauer auf Rademacher zu sein.“

„Das ist allerdings wahr...“, murmelte Kassavetes nachdenklich.

„Warum ist Gerighauser nicht geschützt worden gekommen?“, fragte jetzt Rudi. „Eigentlich wäre das doch in seinem Fall üblich.“

Kassavetes vollführte eine ruckartige Bewegung mit dem Kopf und sah erst Rudi und dann mich einen Moment lang an. „Rademacher meinte, er hätte ihm das angeboten, aber Gerighauser wollte das nicht. Er würde der Polizei, der Staatsanwaltschaft und allen anderen, die mit dem Staat zu tun hätten, nicht trauen. Einem wie ihm würden die sowieso nicht helfen...“

„Und für dieses Gespräch gibt es keine Zeugen?“, fragte ich. „Oder waren Subotitsch und Maybaum dabei?“

„Es tut mir leid, aber ich habe keine Ahnung.“

Ich holte ein paar zusammengefaltete Computerausdrucke aus der Innentasche meiner Jacke und reichte sie Kassavetes.

„Was ist das?“, fragte er, noch ehe er die Blätter auseinandergefaltet hatte.

„Die ausgedruckten Datenblätter jener Personen, auf deren Anzeige hin damals die internen Ermittlungen eingeleitet wurden. Vielleicht können Sie uns etwas dazu sagen. Schließlich sind alle wegen Drogendelikten vorbestraft und hatten verschiedentlich mit Beamten Ihrer Abteilung zu tun.“

Kassavetes warf einen Blick auf die Blätter. „Rafi Mustafi war die treibende Kraft. Ein Kleindealer, der uns wiederholt ins Netz gegangen war. Ich erinnere mich genau an den Fall. Rademacher und Maybaum haben ihn als Informanten angeworben, nachdem er mit einer kleinen Menge Crack verhaftet wurde. Später behauptete er, Rademacher und Maybaum hätten ihm gedroht, sie könnten die Beweismittel so manipulieren, dass er für Jahre in den Knast wandern würde. Nur deswegen habe er als Informant gedient!“

„Und die beiden anderen?“, fragte ich.

„Victor Beinhauer und Benjamin Braun kamen erst aus ihren Löchern, als die Ermittlungen schon liefen. Zu einer Zeugenaussage vor Gericht kam es nie.“

„Weshalb nicht?“

„Beinhauer war plötzlich verschwunden und tauchte erst zwei Monate nach der Verhandlung wieder auf, als er nach einer Prügelei festgenommen wurde.“

„Könnte ihn jemand überzeugt haben, dass es besser für ihn wäre, nicht auszusagen?“, hakte ich nach.

„Das ist reine Spekulation, Herr Kubinke.“

„Aber möglich.“

Kassavetes zuckte die Schultern. „Vielleicht entsprach es auch einfach nicht der Wahrheit, was er behauptete und da hat er kalte Füße bekommen.“

„Und was ist mit Nummer drei?“

„Benjamin Braun? Der hat seine Aussage offiziell zurückgezogen. War eine ziemlich große Blamage für die Staatsanwaltschaft.“

„Wenn die Sache so eindeutig war, dann verstehe ich nicht, weshalb Maybaum und Rademacher versetzt wurden!“

Kassavetes lachte heiser auf. „Auf meinem Mist ist das nicht gewachsen, dass können Sie mir glauben. Das kam von ganz oben aus dem Rathaus. Man wollte wohl nicht den Anschein erwecken, dass wir die Augen zumachen, wenn einer von uns mal einen Fehltritt begeht.“

„Mal ganz ehrlich, Herr Kassavetes. Würden Sie denn die Augen in einem solchen Fall schließen?“, mischte sich jetzt Rudi ein.

Herr Kassavetes schluckte. Er stand von seinem Platz auf, ging zum Fenster, blickte kurz hinaus und kratzte sich am Kinn.

„Über allem steht immer noch das Gesetz“, sagte er schließlich. „Auch über einem Polizisten.“

„Es freut mich, dass Sie so denken, Herr Kassavetes“, erwiderte ich.

Er hob die Augenbrauen.

„War es das? Wir haben hier nämlich in diesem Dezernat auch noch einen Job zu erledigen!“

Ich nickte. „Das war’s.“

Wir wandten uns zum Gehen.

Kurz vor dem Ausgang von Kassavetes’ Büro fragte ich noch: „Hatte Rademacher eigentlich eine Freundin?“

„Nichts Festes. Jedenfalls nicht in den letzten zwei Jahren. Davor hatte er eine längere Beziehung und ich glaube, die beiden wollten auch heiraten. Ich glaube, der Job hat sie dann wohl auseinander gebracht. Es ist für eine Partnerin nicht unbedingt angenehm, mit einem Polizisten verheiratet zu sein. Die Überstunden, die unregelmäßigen Arbeitszeiten, und die ständige Gefahr, dass man den geliebten Menschen nicht wieder sieht, weil irgendein Irrer ihm eine Kugel in den Kopf knallt...“

„Sagt Ihnen der Name Christine Wistanow etwas?“

„Nein, tut mir leid, Herr Kubinke. Jedenfalls nicht aus dem Stegreif.“

„Sie hat behauptet, mit Rademacher eine Beziehung geführt zu haben.“

„Fragen Sie Subotitsch und Maybaum. Die kannten Thorben Rademacher noch etwas besser als ich.“







15



Christine Wistanow ging in Begleitung ihres Anwaltes Karlheinz Bandella die Stufen des Gerichtsgebäudes hinunter. Bandella war ein untersetzter Mann mit hoher Stirn und ziemlich beleibt. Sein Hals war so dick, dass er den obersten Hemdknopf stets offen und die Krawatte gelockert tragen musste. Aber vor Gericht pflegte Bandella äußerst überzeugend und sehr energisch aufzutreten.

„Eigentlich können Sie mit dem Verlauf zufrieden sein – und die Kaution bewegt sich doch in einem annehmbaren Bereich.“

„Wenn ich sie selbst bezahlen müsste, wäre ich ruiniert!“, erwiderte Christine.

Karlheinz Bandella lächelte breit. „Jetzt übertreiben Sie aber, Christine! Ich soll Ihnen übrigens Grüße von Herr Farkas ausrichten.“

„Danke...“

Ein blauer Ford hielt vor dem Gerichtsgebäude. Zwei Männer stiegen aus. Einer von ihnen war flachsblond, der andere dunkelhaarig.

„Frau Christine Wistanow?“

„Wer zum Teufel ist das denn?“, fragte Karlheinz Bandella.

Die beiden Männer kamen auf Christine Wistanow und ihren Anwalt zu.

„Jürgen Carnavaro, BKA“, sagte der Blonde und hielt seinen Ausweis sowohl Christine als auch Bandella entgegen.

„Sie schon wieder?“, schimpfte die junge Frau.

„Meinen Kollegen Oliver Medina kennen Sie bereits ebenfalls!“, sagte Jürgen.

„Das grenzt schon an Schikane, was Sie hier machen!“, ereiferte sich die junge Frau. „Erst nehmen Sie mich mit fragwürdiger Begründung fest, lassen mich eine Nacht in einer Ihrer Gewahrsamszellen schmoren und von penetranten Idioten verhören, ehe ich endlich vor einem Richter stehe, der mich freilässt – und jetzt tauchen Sie schon wieder auf! Soll das ganze Spiel vielleicht von vorne beginnen!“

„Beruhigen Sie sich, Frau Wistanow. Den Grund dafür, dass Sie festgenommen wurden, kann Ihnen Ihr Anwalt erklären.“

„Ich bin Karlheinz Bandella und möchte, dass Sie meine Mandantin bis zur Verhandlung in Ruhe lassen. Sie hat alles, was es zur Sache zu sagen gibt, zu Protokoll gegeben. Im Übrigen tut es ihr ausdrücklich leid, Sie in irrtümlicher Notwehr attackiert zu haben, Herr Carnavaro, was ich hiermit im Auftrag meiner Mandantin vortragen möchte.“

„Wir möchten Miss Wistanow ein paar Fragen stellen, die im Zuge neuer Ermittlungsergebnisse aufgetaucht sind.“

„Meine Mandantin braucht sich nicht selbst belasten und wird keine Aussage machen“, erklärte Karlheinz Bandella.

„Ihre Mandantin behauptet, die Lebensgefährtin von Herr Thorben Rademacher gewesen zu sein, aber es scheint ihr ziemlich gleichgültig zu sein, was mit Rademacher geschehen ist.“

„Ich beantworte Ihre Fragen, wenn Sie mich dann in Ruhe lassen!“, entschied Christine Wistanow.

„Ich habe Ihnen davon abgeraten!“, stellte Bandella noch einmal klar. „Aber Sie müssen ja wissen, was Sie tun.“

„Der .22er Revolver, den wir Ihnen abgenommen haben, wurde bei einer Schießerei im Club ‚El Abraxas’ verwendet - genau wie die Waffe, mit der Rademacher ermordet wurde.“

„Worauf wollen Sie hinaus? Dass meine Mandantin etwas mit dem Tod Ihres Kollegen Rademacher zu tun hat? Es handelt sich um unterschiedliche Waffen, wenn ich das richtig verstanden habe und mir ist schleierhaft, wie Sie da einen Zusammenhang konstruieren können, Kommissar Carnavaro!“

„Zwei Waffen mit einer Gemeinsamkeit. Da glaube ich nicht an einen Zufall, Frau Wistanow. Sie sind wegen mehrerer Delikte vorbestraft und haben als Prostituierte gearbeitet...“

„Das tut nichts zur Sache“, behauptete Bandella.

„Das tut sehr wohl etwas zur Sache“, widersprach Jürgen. „Es wäre nämlich denkbar, dass die Beziehung zwischen Ihrer Mandantin und Herrn Rademacher keineswegs eine reine Liebesbeziehung war, sondern Frau Wistanow auf Rademacher angesetzt wurde.“

„Wer sollte so etwas tun? Und aus welchem Grund?“, ergriff nun Christine Wistanow das Wort und verzog ihren Mund zu einem geschäftsmäßigen, kalten Lächeln. „Das ist doch alles vollkommen absurd, Kommissar Carnavaro. Ich habe einen Mann verloren, bei dem ich gerade geglaubt habe, die Liebe meines Lebens zu finden und Sie behandeln mich wie einen potentiellen Täter. Dabei bin ich ein Opfer.“ Sie schluckte. Ihr Gesicht wurde dunkelrot. Sie bedeckte kurz die Augen mit der Hand und fasste sich im nächsten Moment wieder.

„Wenn das der Wahrheit entspricht, dann gibt es doch keinen Grund, uns nicht zu sagen, von wem Sie die Waffe haben.“

Sie schluckte.

„Diese Waffen werden unter der Hand verkauft. Sie wissen doch, wie das ist.“

„Sagen Sie keinen Ton mehr, die wollen Sie nur hereinlegen!“, mischte sich Bandella ein. „Die haben nichts gegen Sie in der Hand!“

„Illegaler Waffenbesitz ist keine Kleinigkeit“, sagte Jürgen. „Wenn Sie uns weiterhelfen, dann wird sich das sicher günstig auswirken und Ihnen vielleicht eine Bewährung einbringen. Trotz Ihrer Vorstrafen!“

„Ich kann Ihnen dazu nichts sagen“, erklärte sie.

„Meine Mandantin hat alles gesagt, was es dazu zu sagen gibt!“, fügte Bandella hinzu. Er hakte sich bei ihr unter und führte sie davon.

Jürgen atmete tief durch. Er wandte den Kopf in Ollis Richtung, der nur mit den Schultern zuckte.

„Einen Versuch war es wert“, meinte unser Kollege.

„Christine Wistanow muss die Waffe von jemandem aus dem Umkreis von Benny Farkas bekommen haben. Jemandem, der irgendetwas mit der Schießerei damals zu tun hatte.“

„Ach, Jürgen, du weißt, über viele Ecken diese illegalen Schießeisen oft verkauft werden!“

„Es lohnt sich vielleicht trotzdem, in Farkas' Umgebung herumzustochern.“







16



Wir riefen auf der Polizeidienstelle an, zu der Sebastian Maybaum strafversetzt worden war, um mit ihm einen Gesprächstermin zu vereinbaren. Wir verabredeten uns für fünf Uhr in einer Kneipe an der Jakob Kramer Straße.

„Vorher kann ich leider nicht. Hier geht es mal wieder drunter und drüber!“, meinte er.

„In Ordnung. Wir werden pünktlich sein, Herr Maybaum“, versprach ich und unterbrach die Verbindung.

„Große Worte, Harry!“, lautete Rudis Kommentar.

„Wieso?“

„Um die Zeit ist Rush Hour, da ist es fast unmöglich pünktlich zu sein, zumal wir einmal von Nord nach Süd durch den Großraum Berlin fahren müssen!“

„Alles eine Frage der Planung, Rudi. Wir fahren einfach früh genug los, dann stellt sich das Problem nicht. Außerdem wollte ich in erster Linie sicherstellen, dass er pünktlich ist.“

Ich sah auf die Uhr. „Wir könnten unterwegs Reza Tannous einen Besuch abstatten. Seine Bewährung läuft noch...“

„Was ihn vielleicht gesprächsbereit stimmt!“

„...und wir haben auch eine aktuelle Adresse von ihm.“

„Tannous war damals der einzige Verdächtige bei der Schießerei im ‚Abraxas’. Soll er uns mal erklären, wie zwei Waffen, die damals eingesetzt wurden, plötzlich wieder in Gebrauch sind!“

„Falls er bereit ist, uns darauf eine Antwort zu geben.“







17



Wir erreichten das Ende der Gertrude Benrath Straße, wo Reza Tannous eine Traumetage mit Ausblick auf eine Parkanlage bewohnte.

„Tannous’ Geschäfte scheinen nicht schlecht zu gehen“, meinte Rudi. „Aufgestiegen vom Türsteher zur rechten Hand von Benny Farkas, das ist ja auch eine steile Karriere.“

„Letzteres müssen wir ihm erst einmal nachweisen“, meinte ich.

„Das letzte Mal, dass ihm jemand was nachweisen konnte, war, als er vor zwei Jahren wegen Körperverletzung angezeigt und verurteilt wurde.“

„Es wundert mich, dass er noch Bewährung bekommen hat!“

„Mit einem guten Anwalt. Wer hier wohnt, kann sich auch eine gute Verteidigung leisten.“

Ich hatte die dazu vorliegenden Unterlagen nur kurz überflogen. Offenbar war Tannous vor zwei Jahren im Kampf um einen Parkplatz ausgerastet und hatte den Fahrer eines Lieferwagens aus dem Wagen gezerrt und verprügelt.

Die Bewährung endete in vier Wochen und seit seiner Verurteilung hatte er sein cholerisches Temperament offenbar besser unter Kontrolle gehabt.

Das Gebäude, in dem Tannous residierte, hatte einen hohen Sicherheitsstandard. Es gab überall Kameras und in der Eingangshalle musste man sich bei den Angehörigen eines privaten Sicherheitsdienstes anmelden, wenn man jemanden besuchen wollte.

Wir wandten uns an den diensthabenden Security Guard, der hinter einem Würfel aus Panzerglas seinen Platz hatte und zeigten ihm unsere Ausweise.

„Kubinke, BKA. Dies ist mein Kollege Kommissar Meier. Wir möchten mit Herr Reza Tannous sprechen.“

„Einen Augenblick.“

Der Security Guard fragte über eine Sprechanlage bei Tannous an. Die Antwort konnten wir nicht verstehen, da der Security Guard sie über einen Ohrhörer empfing.

Es folgte ein kleiner Wortwechsel.

„Ich verstehe“, sagte der Uniformierte schließlich und wandte sich anschließend an uns: „Es tut mir leid, Herr Tannous ist nicht zu Hause. Wenn Sie weitergehende Befugnisse haben, stehen wir Ihnen gerne mit einem elektronischen Generalschlüssel zur Verfügung.“

„Mit weitergehenden Befugnissen meinen Sie wohl einen Durchsuchungsbefehl“, schloss ich.

„Zum Beispiel.“

„Nein, den haben wir leider nicht“, sagte ich.

„Mit wem haben Sie denn gerade gesprochen?“, fragte Rudi.

„Mit Herrn Tannous’...“ Der Mann zögerte und schien nach dem passenden Begriff zu suchen. „...Dauerbesuch“, brachte er schließlich hervor.

„Eine Frau?“

„Ja, Herr Tannous hat ihr einen eigenen elektronischen Schlüssel für seine Wohnung anfertigen lassen und sie kann hier ein- und ausgehen, als ob Sie eine Hausbewohnerin wäre.“

Ich zog ein Foto von Christine Wistanow aus der Jackentasche und zeigte es meinem Gegenüber. „Ist sie das?“

„Das Gesicht stimmt. Sie ist übrigens gerade erst eingetroffen und in ihre Etage gefahren. So ungefähr vor zehn bis zwanzig Minuten. Warten Sie, ich schau mal nach, wie sie heißt...“

„Wir kennen sie als Christine Wistanow“, sagte ich. „Und wir möchten jetzt mindestens ebenso gerne mit ihr sprechen wie mit Herrn Tannous.“

„Soll ich Frau Wistanow noch mal anrufen?“

„Nein, wir gehen hinauf. Ich bin überzeugt davon, dass sie uns öffnen wird!“, erwiderte ich.







18



Wir nahmen den Aufzug und fuhren in die Etage, wo sich Reza Tannous’ Wohnung befand.

An der Tür klingelten wir.

Surrend suchte uns ein Kameraauge.

Eine Frauenstimme meldete sich an der Sprechanlage.

„Ja, bitte?“

„Harry Kubinke, BKA - Frau Christine Wistanow? Wir möchten mit Ihnen sprechen und wissen, dass Sie hier sind! Also machen Sie auf!“

Es machte klick in der Leitung.

Einige Augenblicke lang standen wir ziemlich dumm da. In wie fern es für uns überhaupt eine rechtliche Handhabe gab, in die Wohnung zu gelangen, wollten wir im Moment beide nicht erörtern. Schließlich meldete sich Frau Wistanow noch einmal und verlangte von uns, die Ausweise so in die Kamera zu halten, dass sie diese sehen könnte.

Das taten wir.

Im nächsten Augenblick wurde die Tür geöffnet.

„Ich hatte bereits mit Ihren Kollegen Carnavaro und Medina zu tun. Vielleicht haben Sie beide ja bessere Manieren.“

Ich lächelte. „Ehrlich gesagt hat daran noch kaum jemand etwas auszusetzen gehabt“, erwiderte ich.

„Was Sie nicht sagen...“

„Dürfen wir hereinkommen? Es wird sicher nicht lange dauern.“

Sie atmete tief durch. Dann machte sie eine Handbewegung. „Kommen Sie! Lassen Sie die Tür einfach ins Schloss fallen. Hier geht alles vollautomatisch.“

„Ja, so wohnt man wahrscheinlich im nächsten Jahrhundert überall“, sagte ich.

„Jetzt übertreiben Sie.“

„Na, also ich könnte mir so ein Plätzchen nicht leisten.“

„Dann arbeiten Sie vielleicht für den falschen Chef, Herr...“

„Kubinke.“

„Ja, richtig.“

„Ein Name, den Sie sich vielleicht merken sollten.“

„Übertreiben Sie nicht wieder etwas?“ Ihr Lächeln wirkte geringschätzig. Es war die Illustration des Begriffs Geringschätzigkeit.

Sie führte uns in ein sehr großes Wohnzimmer. Die Aussicht auf den Park war phantastisch. Man konnte bis hinüber nach Moabit blicken.

„Schon eigenartig, dass wir Sie hier antreffen“, sagte ich. „Wir wollten uns eigentlich mit Herrn Tannous unterhalten.“

„Reza ist im Moment geschäftlich unterwegs. Genaueres kann ich Ihnen nicht sagen. Sie müssen sich also gedulden.“

„Haben Sie den .22er Revolver, den Ihnen meine Kollegen in Rademachers Wohnung abgenommen haben, von Tannous?“

Sie sah mich verdutzt an. „Wie kommen Sie denn darauf?“

„Ist doch ziemlich naheliegend. Die .45er mit der Rademacher umgebracht wurde und Ihr .22er wurden beide während einer nie wirklich geklärten Schießerei im Club ‚El Abraxas’ benutzt, wie unsere Ballistiker herausgefunden haben.“

„Ihre Kollegen haben mir das mindestens schon zehn Mal unter die Nase gehalten, aber ich habe weder mit der Schießerei etwas zu tun, noch weiß ich überhaupt, worum es da ging!“

„Aber Sie kennen die einzige Person, die damals angezeigt wurde ziemlich gut: Reza Tannous! Ich kann da ehrlich gesagt nicht an einen Zufall glauben, Frau Wistanow. Und jetzt heraus mit der Sprache: Woher kam die Waffe?“

„Ich möchte, dass mein Anwalt dabei ist“, sagte sie schließlich nach einer etwas längeren Pause.

„Das können Sie haben. Ich schlage vor, wir fahren zur Präsidium.“

„Wollen Sie das ganze Theater wirklich von vorne beginnen?“, fragte sie. „Morgen bin ich erneut draußen und Sie haben nicht das Geringste in der Hand gegen mich oder Reza.“

„Packen Sie einfach aus, dass ist auch für Sie das Beste“, sagte ich.

„Ihr Kollege Carnavaro hat in dieser Hinsicht schon bei mir auf Granit gebissen.“

„Ich zähle jetzt einfach mal zwei und zwei zusammen. Herr Tannous werden Verbindungen zum Drogenhandel nachgesagt.“

„Herr Tannous ist ein Geschäftsmann, Herr...

„...Kubinke!“

„Diesmal wäre ich durchaus noch selbst darauf gekommen.“

„Tannous hat Sie auf Rademacher angesetzt.“

„Wer sagt das?“

„Ich will wissen, warum! Sollten Sie irgendwelches Beweismaterial verschwinden lassen, als Sie in Rademachers Wohnung aufgegriffen wurden?“

„Hören Sie auf!“

„Rademacher soll Kriminelle erpresst haben. Vielleicht hatte er auch etwas gegen Tannous in der Hand.“

„Das ist Unsinn!“

„Dann kam es zum Streit und er hat seine Erpresser aus dem Weg geräumt – oder räumen lassen!“

„Herr Kubinke, das sind nur haltlose Verdächtigungen! Sie haben noch nicht einmal einen Durchsuchungsbefehl!“

„Aber den bekommen wir, nachdem wir Sie hier angetroffen haben“, mischte sich Rudi ein. „Ich werde mal mit dem Präsidium telefonieren.“

„Warten Sie!“, rief Christine. Sie atmete tief durch und verschränkte dabei die Arme vor der Brust. „Ich werde Ihnen einiges erklären“, versprach Sie. „Aber wenn Reza zurückkommt und hier alles von Ihren Leuten durchwühlt wurde, bekomme ich großen Ärger!“

„Dann reden Sie!“

„Ich weiß, dass Sie das mir jetzt nicht glauben werden, aber meine Beziehung zu Thorben Rademacher war tatsächlich eine Liebesbeziehung.“

„Anscheinend verstehen unterschiedliche Leute darunter durchaus etwas Unterschiedliches“, stellte ich fest.

„Und wir lernen gerne noch was dazu“, ergänzte Rudi.

„Ich meine es ernst“, sagte sie.

Wenn jemand das so betonen muss, wie es in diesem Augenblick Frau Wistanow gerade tat, dann ist das meistens ein bedenkliches Zeichen. Bedenklich im Hinblick auf den Wahrheitsgehalt der entsprechenden Aussage, meine ich damit.

„Fahren Sie einfach fort“, verlangte ich.

„Wir haben uns in einer Bar kennengelernt und es hat gleich gefunkt. Für ein paar Monate waren wir ein Herz und eine Seele. Thorben war ziemlich niedergeschlagen, als man gegen ihn wegen Erpressung von Informanten und dergleichen ermittelte und er schließlich sogar die Dienststelle wechseln musste.“

„Kann ich mir vorstellen.“

„Er war von ganzer Seele Polizist! Dass wir Streit miteinander hatten, habe ich Ihnen ja gesagt. Wir trennten uns. Ich behielt aber noch einen Haustürschlüssel. Irgendwie schob ich es immer wieder vor mir her, ihn zurückzugeben. Es waren auch noch ein paar private Sachen bei ihm in der Wohnung, die ich eigentlich hätte abholen müssen, aber ich scheute mich, diesen endgültigen Schlussstrich zu ziehen.“

„Und dann sind Sie gleich zu Reza Tannous übergelaufen? Erzählen Sie uns keinen Mist. Wir können den Security Service hier im Haus dazu befragen, seit wann Sie eine Chip Card für die Wohnung von Herrn Tannous besitzen.“

Sie schwieg einige Augenblicke lang.

„Was wollen Sie mir eigentlich vorwerfen? Ich habe diese Chip Card vor zwei Wochen bekommen. Da können Sie gerne den Wachdienst befragen.“

„Das werden wir!“, versprach ich. „Verlassen Sie sich darauf!“







19



Die Wohnungsdurchsuchung bei Reza Tannous wurde richterlich genehmigt. Der Verdacht, dass sich die Tatwaffe vielleicht in Reza Tannous' Wohnung befand, erschien schwerwiegend genug, um eine derartige Maßnahme durchzuführen. Die Kollegen Annemarie O’Hara und Fred LaRocca trafen etwas später in Tannous’ Wohnung ein und reichten den schriftlichen Befehl nach. Außerdem halfen sie uns dabei, Tannous’ Traumetage auf den Kopf zu stellen.

Christine Wistanow bestand darauf, ihren Anwalt anzurufen.

Als wir beinahe fertig waren, erschien Karlheinz Bandella zusammen mit Reza Tannous, der von Bandella wohl inzwischen verständigt worden war.

Reza Tannous – ein großer, breitschultriger Mann mit Kinnbart und dunklem Teint – war tiefrot angelaufen. Es war ihm anzusehen, wie sehr er sich beherrschen musste, um nicht seinen Gefühlen mit den Fäusten freien Lauf zu lassen.

„Mein Mandant wird gar nichts zur Sache sagen und protestiert gegen die Durchsuchung!“, sagte Karlheinz Bandella.

Schließlich waren wir fertig. Jeden Winkel der Wohnung hatten wir durchsucht.

Selbst Wände waren abgeklopft und auf Hohlräume untersucht worden. Aber wir hatten nichts gefunden.

Tannous' Stimmung wurde im Lauf der Zeit etwas entspannter.

Maybaum rief mich zwischenzeitlich auf dem Handy an.

„Herr Kubinke?“

„Am Apparat.

„Hier Maybaum. Ich kann unseren Termin nicht wahrnehmen. Tut mir Leid.“

„Hören Sie, Herr Maybaum, das ist kein Spaß, was wir da machen. Wir versuchen den Mord an Ihrem Kollegen aufzuklären und sind dabei dringend auf Ihre Mithilfe angewiesen.“

„Ich weiß und ich bin ja auch völlig auf Ihrer Seite, Herr Kubinke.“

„Dann verstehe ich nicht, wie...“

„Ein dringender privater Termin, der sich nicht aufschieben lässt. Wir treffen uns morgen früh an gleicher Stelle. Sagen wir gegen zehn. Ich habe mir zwei Tage Urlaub genommen. Wir haben also Zeit genug.“

Die Verbindung wurde unterbrochen.

„Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass dieser Maybaum gar nicht so einen großen Wert darauf legt, sich mit uns zu unterhalten!“, lautete Rudis Kommentar, der zumindest meinen Anteil am Gespräch mit angehört hatte.

Ich zuckte mit den Schultern. „Die paar Stunden bis morgen früh machen den Kohl auch nicht fett.“

In der Zwischenzeit besprach sich Bandella mit Reza Tannous.

Dann kam Bandella schließlich auf uns zu und erklärte: „Herr Tannous will eine Aussage machen.“

„Sind Sie jetzt der Anwalt von Herr Tannous oder der von Frau Wistanow?“, fragte ich. „Das müssen Sie schon entscheiden, schließlich ist ja ein Interessengegensatz zwischen beiden durchaus möglich.“

„Jetzt lassen wir mal die Bürokratie beiseite und reden Klartext“, sagte Tannous, dessen Verfassung jetzt fast schon entspannt war. Ich fragte mich, was diesen Wechsel verursacht hatte. Lag es nur daran, dass wir nichts Belastendes bei ihm gefunden hatten? „Ich habe wegen einer dummen Unbeherrschtheit eine Bewährung laufen und bin nicht in irgendwelchem Ärger interessiert.“

„Das kann ich gut verstehen“, gab ich zurück.

„Also werde ich offen sagen, was los ist.“

„Bitte, reden Sie!“

„Mit der Schießerei im ‚Abraxas’ habe ich nichts zu tun. Das ist auch gerichtlich geklärt worden. Sie haben meine Wohnung nach einer Waffe durchsucht, mit der ein Polizist getötet worden sein soll. Da Sie nichts gefunden haben, sollte dieses Kapitel auch erledigt sein.“ Er öffnete sein Jackett und spreizte es. „Durchsuchen Sie bitte auch mich und meinen Wagen, damit die Sache endlich aus der Welt ist. Ich bitte darum!“

Fred LaRocca tastete ihn ab. Er hatte keine Waffe bei sich. Außerdem gab Tannous meinem Kollegen den Wagenschlüssel. „Es ist ein Porsche - Platz 333 im Parkdeck C der Tiefgarage. Sie kommen mit dem Aufzug hin!“ Er grinste. „Hat mich schon was gekostet, mir die Nummer reservieren zu lassen!“

Fred machte sich also auf den Weg. Niemand von uns nahm an, dass er etwas finden würde – so wie uns Tannous die Durchsuchung aufdrängte.

Er streckte uns seine Hände entgegen.

„Wenn Sie ganz sicher sein wollen, dann sollten Sie meine Hände noch auf Schmauchspuren untersuchen. Soweit ich weiß, lässt sich unter Umständen noch Tage später feststellen, ob jemand eine Waffe benutzt hat. Also bitte! Oder führen Sie solche Untersuchungen immer nur dann durch, wenn es den Betreffenden belasten könnte?“

„Wir kommen auf Ihr Angebot gerne zurück“, sagte Rudi.

„Fein. Wenn Sie damit fertig sind, können Sie mich von der Liste Ihrer Verdächtigen streichen. Dieser Rademacher war ein Bulle...“

„Polizist“, verbesserte ihn Rudi.

„...und der Ex-Lover von Christine – beides Eigenschaften, die ihn in meinen Augen nicht gerade sympathisch machten, aber das ist noch kein Grund für mich, ihn umzubringen.“

„Es bleibt noch die Waffe von Frau Wistanow“, stellte ich fest.

„Richtig. Und ich sehe ein, dass ich jetzt nicht länger schweigen kann. Frau Wistanow wollte mich nicht belasten, darum hat sie geschwiegen.“

„Worüber geschwiegen?“

Tannous atmete tief durch und fuhr sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht. „Sie fühlte sich nicht sicher. Man hört so viel von steigender Kriminalität und dergleichen da wollte sie vorbereitet sein und hat mich gefragt, ob ich ihr eine Waffe besorgen könnte. Das habe ich natürlich von mir gewiesen. Ich selbst besitze keine Waffe und brauche so etwas auch nicht. Als Träger des schwarzen Gürtels in Karate kann ich mich jederzeit meiner Haut wehren. Aber ich gebe zu, dass ich Christine die Nummer von Kurt Heinrichs gegeben habe. Kurt handelt mit Waffen aller Art. Ich kenne ihn aus meiner Zeit als Türsteher. Einige der Gangs im Wedding sollen gute Kunden bei ihm sein.“

„Wie soll der Handel denn abgelaufen sein?“

„Damit habe ich nichts mehr zu tun. Ich nehme an, dass Kurt so wie üblich vorging. Er bestellt den Kunden in eine Bar oder einen Club oder an irgendeinen anderen Ort. Da findet dann die Übergabe statt. Man bezahlt und geht mit einer Waffe davon.“

„Wo finden wir diesen Kurt Heinrichs?“, fragte Rudi.

„Ich habe nur seine Nummer.“

„Da meldet sich lediglich eine Mail Box“, erläuterte Christine Wistanow. „Er meldet sich dann bei einem.“

„Oder auch nicht“, grinste Tannous. „Der ist ziemlich wählerisch was seine Kundschaft angeht.“

„Wir werden das überprüfen“, kündigte ich an. „Kennen Sie eigentlich einen Mann namens Ede Gerighauser?“

Er zögerte mit der Antwort.

„Nie gehört!“, behauptete er.







20



Anderthalb Stunden später saßen wir im Besprechungszimmer von Kriminaldirektor Bock und hielten Manöverkritik.

„Tannous dürfte aus der Liste der Verdächtigen zu streichen sein“, glaubte unser Chef.

Ich konnte dem nicht ganz zustimmen.

„Ich glaube ihm nicht ein einziges Wort – allerdings könnte er von jetzt an wahrscheinlich eine Sammlung von Maschinengewehren anlegen und es würde sich kein Richter mehr finden, der einen Durchsuchungsbefehl unterschreibt!“

„Bewerten Sie die Aktion nicht als Fehlschlag“, erwiderte Kriminaldirektor Bock. „Wir wissen jetzt, dass Tannous offenbar nicht im Besitz der Tatwaffe ist. Und was seine Erklärung für die Herkunft von Christine Wistanows Waffe angeht, werden wir diesen Heinrichs finden müssen, um sie zu überprüfen.“

Es klopfte an der Tür.

Unser Kollege Max Herter kam herein.

„Ich habe über Heinrichs zusammengetragen, was sich auf die Schnelle finden ließ“, erklärte er. „Kurt Heinrichs, 42 Jahre alt, wurde seinerzeit im Zusammenhang mit der Schießerei im Club ‚El Abraxas’ nur als Zeuge vernommen. Er gilt als ein Mann von Benny Farkas. Bisher ist er nur wegen Drogenhandels, Körperverletzung und dergleichen verurteilt worden. Dass er mit Waffen dealt ist neu.“

„Adresse?“, fragte Kriminaldirektor Bock.

„Eveline Brenner Straße Nr. 443. Die Angabe ist drei Jahre alt. Seitdem hat er sich nicht mehr erwischen lassen. Ich habe versucht, den zur Adresse gehörenden Festnetzanschluss anzurufen, aber da meldet sich nur eine Frauenstimme, die ausschließlich Russisch sprach.“

„Wir könnten Heinrichs’ Bild mal herumzeigen, wenn wir den Club ‚El Abraxas’ besuchen!“, schlug Rudi vor.

„Es gibt übrigens noch ein paar Neuigkeiten zu Rademacher“, erklärte Max Herter. „Bei der Hausdurchsuchung wurden seine Kontoauszüge sichergestellt, die keinerlei Auffälligkeiten verrieten. Aber laut Auskunft seiner Bank besaß er ein Guthaben auf den Cayman Islands von mehreren Millionen Euro. Dazu gehört auch eine auf seinen Namen eingetragene Immobilie.“

„Soll das bedeuten, dass sich Rademacher darauf vorbereitet hat, auf die Cayman Islands überzusiedeln und dort einen sonnigen Lebensabend zu verbringen?“, fragte Jürgen.

„Ja, wobei natürlich die Frage ist, für wann das geplant war“, nickte Max. „Es sind bis kurz vor seinem Tod regelmäßig Bar-Überweisungen dorthin gemacht worden. Immer nur Beträge, die nicht gemeldet werden müssen – aber dafür regelmäßig.“

„Das könnte bedeuten, dass er sein Erpresser-Geschäft weiter betrieben hat“, vermutete ich.

„Dafür spricht auch die Auswertung der Anruflisten seines Apparates auf seiner Dienstelle“, ergänzte Max. „Er hatte intensiven Telefonkontakt zu mehreren Prepaid-Handys, die sich nicht weiterverfolgen lassen. Außerdem sprach er häufig mit seinen Kollegen Maybaum und Subotitsch. Mit ihnen hielt er offenbar auch über die Versetzung hinaus regen Kontakt. Zuletzt übrigens in der Mordnacht.“

„Mit beiden?“, wunderte ich mich.

„Ja. Kurz bevor er das Revier verließ, wurde er vom Anschluss einer gewissen Ludmilla Gerighauser aus Berlin angerufen.“

„Eine Verwandte von Ede Gerighauser?“, fragte Kriminaldirektor Bock.

Max zuckte mit den Schultern. „Sie ist in unseren Dateien nicht als eine seiner Angehörigen aufgelistet.“

„Bevor wir uns heute Abend im Club ‚El Abraxas’ umsehen, könnten wir das doch abklären“, schlug ich vor. „Liegt doch ohnehin auf dem Weg.“

„Wenn Sie und Rudi das übernehmen wollen – gerne“, sagte Kriminaldirektor Bock.







21



„Der letzte Fleck auf Tannous' Weste ist der Ausraster auf dem Parkplatz vor drei Jahren. Ansonsten ist da leider nichts, Rudi! Und gleichzeitig gilt er als einer der Aufsteiger in Farkas’ Organisation! Wie kann das sein?“

„Wäre doch nicht das erste Mal, dass jemand, der innerhalb des organisierten Verbrechens aufsteigt, sich nicht mehr selbst die Hände schmutzig macht, Harry!“

„Und das im wahrsten Sinn des Worts, denn der Schmauchspurentest war ja negativ...“

„Er könnte natürlich die Waffe irgendwo anders als in seiner Wohnung deponiert und Latexhandschuhe beim Schuss getragen haben – aber das ist doch alles recht weit hergeholt, Harry. Reza Tannous mag ein Gangster sein, aber ich glaube, mit dem Mord an Rademacher hat er nichts zu tun.“

„Das einzige, was ihn im Moment noch mit dem Fall in Verbindung bringt ist Christin Wistanow und die Herkunft ihrer Waffe. Die Rolle, die diese Frau in dem Fall spielt, durchschaue ich ehrlich gesagt noch nicht so recht.“

„Vielleicht sehen wir klarer, wenn wir den Mann auftreiben, der ihr nach Tannous’ Aussage die Waffe verkauft hat.“

„Dann sehen wir auch, wie glaubwürdig Reza Tannous ist!“, meinte ich.

Rudi zuckte mit den Schultern. „Nicht unbedingt! Dieser Kurt Heinrichs wird doch alles abstreiten und es wird schwer sein, ihm irgendetwas zu beweisen.“

„Konzentrieren wir uns auf Gerighauser.“







22



Wir erreichten die im sechsten Stock gelegene Mietwohnung von Ludmilla Gerighauser.

Eine Frau in den Dreißigern öffnete uns. Zwei Jungs im Alter von sieben oder acht Jahren tobten auf dem Flur herum. Die Mittdreißigerin rief ihnen etwa auf Russisch zu, woraufhin sie uns zunächst scheu ansahen und anschließend in einem Nebenraum verschwanden.

„Harry Kubinke, BKA. Dies ist mein Kollege Rudi Meier.“

„BKA?“

„Bundeskriminalamt. Polizei.“

„Ich habe nichts verbrochen! Was wollen Sie hier? Meine Jungs sind noch Kinder und...“

„Einen Moment, wir sind nicht hier, um Sie zu beschuldigen“, versicherte ich ihr. „Wir wollen nur unsere Fragen stellen und etwas abklären. Vielleicht können Sie uns dabei helfen.“

Sie musterte uns misstrauisch. „Helfen?“, fragte sie. „Wie sollte ich ihnen helfen?“

„Dürfen wir hereinkommen?“

„Kann ich mir Ihre Ausweise noch einmal ansehen?“

„Bitte!“

Ich gab ihr meine ID-Card. Sie betrachtete sie eingehend und gab sie mir anschließend zurück. „In Ordnung, kommen Sie ins Wohnzimmer. Aber beklagen Sie sich nicht darüber, dass hier nicht aufgeräumt ist! Das sind die Jungs gewesen!“

Wir folgten ihr ins Wohnzimmer. Abgesehen von ein paar Spielsachen, die auf dem Boden lagen, herrschte keineswegs Chaos. Die beiden Jungs spielten dort mit Autos und Action-Puppen.

Es sprach mich einer der beiden an. Auf Russisch.

Ich verstand natürlich nichts.

„Es sind nicht meine Jungs, sondern die Söhne meiner Cousine Eugenia, die gerade aus Russland hier angekommen ist. Die Jungs sprechen deshalb auch nur Russisch, aber das wird sich rasch ändern sobald sie in der Schule. Solange Eugenia einen Job sucht, lässt sie die Kinder bei mir. Ich habe mir extra Urlaub genommen.“

„Sie haben viel Familiensinn.“

„Man muss sich gegenseitig unterstützen – gerade wenn jemand neu in diese Stadt kommt. Für mich war es damals auch nicht einfach. Aber mein Großcousin Ede hat auf mich aufgepasst.“

„Ede Gerighauser?“

„Ja. Seine Eltern waren auch schon hier in Berlin. Russlanddeutsche.“

Ich holte ein Foto von Ede Gerighauser hervor, um mich zu vergewissern. „Wir sprechen von diesem Mann hier, ja?“

Sie sah sich das Foto an, bei dem erkennbar war, dass es bei einer Verhaftung aufgenommen worden war. Ihr Blick wurde ernst.

Einer der Jungs quengelte auf Russisch.

„Du kannst gleich was trinken“, murmelte Ludmilla Gerighauser und dabei bemerkte sie nicht einmal, dass sie Deutsch sprach und der Junge sie gar nicht verstehen konnte. Sie ließ sich in einen der Wohnzimmersessel fallen.

Ihr Gesicht wirke kreideweiß.

„Was hat er getan? Warum wurde er verhaftet?“

„Das Bild ist schon älter und er wurde damals wegen eines Drogendelikts festgenommen. Im Augenblick suchen wir ihn als Zeugen in einem Mordfall.“

„Mord? Was hat Ede damit zu tun?“

„Ich sagte, wir suchen ihn als Zeugen, um mit ihm zu sprechen“, wiederholte ich, als ich merkte, dass meine Gesprächspartnerin mich offenbar missverstanden hatte.

Sie schluckte.

„Am zwölften dieses Monats um halb drei Uhr in der Nacht hat jemand von Ihrem Telefon aus in eine Polizeidienststelle angerufen. War Ede zu dieser Zeit hier bei Ihnen?“

„Ja. Ich habe aber von dem Anruf nichts bemerkt. Warum er ausgerechnet mitten in der Nacht die Polizei verständigt hat, weiß ich nicht.“

„Wir nehmen an, dass er sich mit Kommissar Thorben Rademacher treffen wollte.“

„Ede war für ein paar Tage hier. Ein paar üble Typen sind hinter ihm her. Aber es ist besser, wenn ich nicht darüber rede...“

„Sie sollten darüber reden!“, forderte ich.

Sie zögerte.

„Ede war also hier“, wiederholte Rudi. „Wissen Sie, ob er nach dem Anruf das Haus verlassen hat?“

„Ich habe geschlafen und nichts mitbekommen. Aber als er am Morgen hier auftauchte, wusste ich, dass er nachts unterwegs gewesen war.“ Sie seufzte. „So oft habe ich ihm gesagt, er soll sich an die Polizei wenden. Das hat er dann ja wohl getan.“

„Der Kollege wurde am vermutlichen Treffpunkt erschossen“, stellte ich klar. „Und jetzt sagen Sie uns bitte, weshalb Ede die Polizei verständigen sollte!“

„Wegen den ‚Killer Bandoleros’. Das war seine Gang. Es ging um Drogen und üble Geschäfte. Ede ist in Keiner guten Gegend aufgewachsen und schon früh auf die schiefe Bahn gekommen.“ Sie blickte auf. „Diese Leute denken, dass Ede sie verraten hat! Dabei hat er Ehre und würde so etwas nie tun! Deswegen haben sie Edes Mutter, seinen Vater und seine Schwester erschossen! Und ihn werden sie sich auch irgendwann holen, haben sie ihm angekündigt. Wenn er genug gelitten hätte...“

Nicht einmal Ludmilla gegenüber, die ihm Unterschlupf gewährte, hatte Ede Gerighauser offenbar zugegeben, dass er ein Polizeispitzel gewesen war!

Ich verzichtete darauf, es zu erwähnen. Schließlich war nicht abschätzbar, an wen Ludmilla die Informationen – auch unbeabsichtigt – weitergab, und das konnte für Ede Gerighauser schließlich lebensgefährlich werden.

„Wissen Sie, wo Ede jetzt ist?“, fragte ich.

„Nein. Keine Ahnung. Seitdem die ‚Killer Bandoleros’ ihn bedrohen, schläft er alle paar Tage irgendwo anders. Ich sagte ihm, die Polizei würde ihm helfen. Aber das wollte er nicht glauben.“

„Hat er irgendwann mal die Namen Rademacher oder Maybaum erwähnt?“

„Nein. Aber er sagte einmal, dass er die Sache vielleicht bald bereinigen und seine Ehre bei den ‚Killer Bandoleros’ zurückgewinnen könnte.“

„Was hat er damit gemeint?“

„Das habe ich ihn auch gefragt, aber darauf hat er mir nicht geantwortet.“







23



„Gerighauser will seine Ehre bei den ‚Killer Bandoleros’ zurückgewinnen?“, fragte Rudi völlig fassungslos, als wir im Dienst-Porsche saßen und auf dem Weg zum Club ‚El Abraxas’ waren. „Das ist doch nicht zu glauben! Wenn er wirklich denkt, dass diese Leute seine Familie ermordet haben, dann...“

„Vielleicht will er einfach nur überleben und nicht auf Dauer ein Gejagter sein“, unterbrach ich Rudi.

„Was soll das heißen? Er bringt Rademacher um und wäscht sich damit rein?“

„Keine Ahnung. Wir wissen noch zu wenig, Rudi. Das Einzige, was jetzt wohl feststeht ist, dass Gerighauser kurz vor Thorben Rademachers Dienstschluss noch mit ihm telefoniert hat. Ob sie sich dabei an der Pier vor Udo’s Imbiss verabredet haben, ist schon Spekulation.“

„Trotzdem habe ich das Gefühl, dieser Gerighauser ist die Schlüsselfigur in dem ganzen Fall.“

„Wenn wir morgen mit Herrn Maybaum sprechen, wissen wir vielleicht besser Bescheid.“

Rudi lachte heiser. „Glaubst du, der hält diesmal seinen Termin ein? Ich wette, der will gar nicht mit uns sprechen und das Ganze war eine Ausrede!“

„Er ist selber Polizist und weiß, dass er sich letztlich nicht vor einer Vernehmung drücken kann“, widersprach ich.

„Du glaubst auch noch an das Gute im Menschen, Harry!“

„Du nicht?“

„Sicher. Sonst könnte ich diesen Job nicht machen. Aber, ob ich an das Gute in unseren Kollegen Maybaum, Rademacher und Subotitsch glauben soll, weiß ich noch nicht so recht!“







24



„Wie lange wirst du bleiben, Ede?“

„Nur ein paar Tage, Ronny! Bis sich der Ärger gelegt hat, in den ich hineingeraten bin.“

Ede Gerighauser stellte seine Sporttasche auf den Boden und blickte sich kurz um. Er trat zum Fenster. Aus Ronny Vincentes Wohnung im fünften Stock hatte man einen weiten Blick auf die Gleise der S-Bahn. Ede fühlte den Druck der großkalibrigen Automatik, die er unter seiner Jacke verborgen im Hosenbund trug.

„Hey, du weißt, dass ich schon eine Ewigkeit nicht mehr in unserem Viertel“, sagte Ronny. „Wie ist das? Gibt es eigentlich die ‚Killer Bandoleros’ noch? Bei denen war doch immer so ein gerne großes Arschloch, das sich ‚Der King’ nannte! Toller König!“ Ronny grinste.

Aber Ede erwiderte dies nicht.

Ihm war der Humor in letzter Zeit gründlich vergangen.

„Ja, die gibt es noch“, sagte er tonlos.

„Aber mit denen hast du nicht zufällig Ärger, oder?“

„Ronny, willst mich ausfragen oder mir aus der Patsche helfen, in dem du mir für ein paar Tage erlaubst, in deiner Bude zu schlafen?“

„Ist ja schon gut!“, sagte Ronny Vincente beschwichtigend und hob die Hände dabei.

Ronny Vincente und Ede Gerighauser waren zusammen in aufgewachsen. Aber Ronny hatte den Absprung aus dem Crack-Sumpf geschafft. Mit 14 hatte man ihn mit einer beträchtlichen Menge Rauschgift erwischt, woraufhin er die nächsten Jahre in einem Erziehungsheim verbracht hatte. Ein Förderprogramm für Hochbegabte in Kombination mit einem Stipendium für Benachteiligte hatte ihm ein Studium ermöglicht. Inzwischen arbeitete er in der Kreditabteilung einer Bank in Berlin Mitte. Mit seiner Herkunft und dem Leben vom Drogenverkauf hatte er abgeschlossen. Seinen Vater hatte er ohnehin nie gekannt. Ein italienischer Gastarbeiter, der am Tag nach Ronnys Geburt vom Gerüst gefallen und gestorben war. Und nachdem seine Mutter der Crack-Konsum dahingerafft hatte, hatte es auch keinerlei Anlass mehr für Ronny gegeben, diesen Stadtteil aufzusuchen.

Der Besuch von Ede Gerighauser kam zwar überraschend, aber Ronny freute sich ehrlich, den Freund von damals wiederzusehen.

„Ich wette von den feinen Leuten, denen du heute Kredite gibst, weiß keiner, dass wir zusammen früher mal etliche Autos geknackt haben“, meinte Gerighauser. „Weißt du noch? Zehn in einer Nacht, das war der Rekord!“

„Ja, das waren noch Zeiten“, murmelte Ronny.

„Liegt für dich alles ziemlich weit weg, oder?“, brachte es Ede auf den Punkt. Er gab Ronny einen freundschaftlichen Stoß gegen den Oberarm. „War 'ne ziemlich harte Zeit damals für mich, nachdem sie dich hops genommen hatten!“, erinnerte er sich.

„Für mich auch“, meinte Ronny. „Aber letztlich war es mein Glückstag, als die Handschellen klickten. Ich dachte, diese verdammten Bullenschweine verderben dir den Deal deines Lebens - aber ich glaube, sie haben es mir in Wahrheit gerettet, indem sie mich aus dem Verkehr zogen.“

„Hey, Mann! Weißt du, dass ich ganz in der Nähe war und alles beobachtet habe?“

„Nein.“

Ede lachte. „Ich konnte immer schneller rennen als du, deswegen haben sie dich gekriegt und mich nicht. Scheiße, ich könnte jetzt auch in einem Anzug durch die Bank flanieren, wenn ich ein bisschen lahmere Beine gehabt hätte, Ronny!“

„Schon möglich.“

„So etwas nennt man wohl Schicksal, was?“

Ede Gerighauser blickte von plötzlicher Hektik erfüllt auf die Uhr. Dann griff er unter seine Jacke und holte sein Handy hervor. Ein Piepton ertönte. „Der Akku ist fast leer. Kann ich dein Telefon benutzen?“

„Bitte! Steht da drüben!“

Ede ging zum Apparat und wählte eine Nummer, während Ronny im Nebenraum verschwand.

Nervös tickte Ede mit den Fingern auf der Kommode herum, während das Freizeichen ertönte.

Dann kam endlich die Verbindung zu Stande.

„Herr Maybaum?“, vergewisserte sich Ede.







25



Wir erreichten den Club ‚El Abraxas’. Er war in einem ehemaligen und aufwendig hergerichteten Lagerhaus untergebracht. Ein für Berliner Verhältnisse außergewöhnlich großzügig angelegter Parkplatz umschloss das Gelände. Wir stellten den Dienst-Porsche dort ab und stiegen aus.

Jürgen und Olli waren ebenfalls gerade eingetroffen.

„Hören wir uns mal ein bisschen um“, meinte Jürgen. „Es würde mich nicht wundern, wenn Gerighauser, Rademacher oder sonst jemand, der in diesem Fall eine Rolle spielt, hier bestens bekannt ist.“

Die beiden Türsteher waren breitschultrige Schränke und mindestens zwei Meter groß. Das tägliche Training sah man ihnen an. Ihre Bodybuilderarme waren kräftiger als bei vielen anderen Männern die Oberschenkel.

Einer von ihnen hatte den Schädel kahl rasiert und trug einen schwarzen Kinnbart.

Der andere trug das dichte blonde Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst.

„Ihr kommt hier nicht rein!“, meinte der Blonde. „Eure Kleidung ist nicht cool genug.“

„Wird sie durch das vielleicht etwas cooler?“, fragte Jürgen und hielt ihm die ID-Card des BKA entgegen.

„Wir sind nicht zum Vergnügen hier“, fügte Rudi hinzu.

„Der Boss wird nicht begeistert sein.“

„Wenn Sie mit ‚Boss’ Herrn Farkas meinen, dann sagen Sie ihm, dass wir uns gerne mit ihm unterhalten würden.“

„Gehen Sie rein“, murmelte der Kahlkopf. „Mal sehen, was wir für Sie tun können.“

Im Inneren des ‚Abraxas’ herrschte bereits Hochbetrieb. Glitzerlicht flimmerte über die Tanzflächen. Go-go-Girls räkelten sich in Käfigen und ein dumpfer, stampfender Beat ließ den Boden erzittern.

Eine Freitreppe führte hinauf zu einer Balustrade.

Reza Tannous stand dort.

In seiner Linken hielt er ein Glas Champagner.

„Sieh an, ein bekanntes Gesicht!“, meinte ich an Rudi gewandt.

Tannous hatte uns längst entdeckt. Ein zufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen, als er uns sah.

„Wie wär’s, wenn wir ihm einen guten Abend wünschen“, schlug ich vor.

„Der hatte doch schon heute Nachmittag in seiner Wohnung genug von uns.“

„Wir sehen uns hier unten um“, kündigte Jürgen an.

Rudi und ich gingen die Freitreppe hinauf. Man hatte einen guten Überblick über den Raum. Von den Gesichtern der Gäste konnte man in dem Laserlicht-Geflacker allerdings kaum etwas erkennen.

„Wir laufen uns aber ziemlich häufig über den Weg, Gentlemen“, begrüßte uns Reza Tannous. „Wie steht’s? Wollen Sie hier nicht auch eine kleine Durchsuchungsaktion starten?“ Er grinste. „Manche Leute können gar nicht genug davon kriegen, sich zu blamieren!“

„Gehört zum Berufsrisiko“, erwiderte ich.

„Tja, wem sagen Sie das! Wie gefällt Ihnen übrigens das ‚Abraxas’?“

„Sind Sie an dem Laden beteiligt?“

„Herr Farkas war so freundlich mir ein paar Anteile zu überlassen. Es ist eine reine Goldgrube, kann ich Ihnen sagen. Sie sehen ja, was hier los ist!“

„Ist Herr Farkas heute Abend auch hier?“

„Noch nicht, aber ich denke, dass er noch auftauchen wird, Herr Kubinke! Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte!“

Er ging die Freitreppe hinunter.

„Der Kerl macht sich über uns lustig!“, meinte Rudi ziemlich ärgerlich.

„Lassen wir ihm den Spaß. Hauptsache, wir finden ein paar Hinweise auf Gerighauser.“

Wir fragten überall herum und zeigten unsere Bilder umher. Eine der Go-Go-Tänzerinnen glaubte sich an Gerighauser zu erinnern.

„Der war schon mal hier“, sagte sie.

„Wann?“

„Könnte zwei Wochen her sein. Er ist ein Junkie. So gut wie auf dem Bild sah er da nicht mehr aus.“

„Woher wollen Sie wissen, dass er ein Junkie ist?“

Sie zögerte, wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht und sah sich um. Ihr Auftritt war gerade zu Ende und bis sie das nächste Mal dran war, war eigentlich Zeit genug.

„Hören Sie, ich möchte keine Schwierigkeiten bekommen.“

„Mit wem sollten Sie Schwierigkeiten bekommen. Mit Herrn Tannous oder Herrn Farkas?“

„Herr Farkas schmeißt mich vielleicht raus, wenn er erfährt, dass ich...“

„Von uns erfährt er nichts“, mischte sich Rudi ein.

Sie atmete tief durch und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Der Junkie, den Sie mir da gerade gezeigt haben, war nicht während des Abends hier. Er wäre auch sofort aufgefallen, so abgerissen wie der ist.“

„Die Türsteher legen wert auf cooles Outfit“, bestätigte ich.

„Er war nachmittags hier, als wir die Abstimmung der einzelnen Auftritte geprobt haben. Außerdem wollte sich Herr Farkas ein paar Girls ansehen, die neu dabei sind. Um so etwas kümmert er sich gerne selbst.“

„Verstehe.“

„Dann tauchte dieser Kerl auf. Ich dachte erst, der wäre angestellt worden, um die Mülleimer zu leeren oder etwas in der Art. Aber er war für Herr Farkas offenbar so wichtig, dass er mit ihm sofort in einem Nebenraum verschwand.“

„War Tannous auch dabei?“

„Nein. Kann ich mich jedenfalls nicht daran erinnern.“

„Sie haben mir noch immer nicht gesagt, wieso Sie Ede Gerighauser für einen Junkie halten.“

Sie hob die Augenbrauen und zögerte. Schließlich sagte sie: „Als wir fertig waren, habe ich ihn in seinem Wagen gesehen. Er hatte sich gerade eine Spritze gesetzt und saß völlig high hinter dem Steuer.“

„Ich danke Ihnen. Wir brauchen noch Ihren Namen und Ihre Personalien.“

„Ist das wirklich nötig?“

„Ja.“

„Aber ich werde das, was ich ausgesagt habe, vor keinem Gericht der Welt wiederholen, Herr...“

„Kommissar Kubinke.“

„Ich heiße Melanie Braun und wohne ein paar Blocks weiter, Sophie Thacke Straße 443.“

Ich zeigte ihr noch ein Foto von Rademacher.

„Ist das nicht der Bulle, der ermordet wurde?“, fragte sie.

„Ja, genau der. Obwohl ich es nicht schätze, wenn man Polizisten als landwirtschaftliche Nutztiere bezeichnet.“

„Das war nicht so gemeint.“

„Doch, war es. Aber das soll mir jetzt egal sein. Es geht um den Mann auf dem Bild.“

„Er war des Öfteren hier – zusammen mit zwei anderen.“

„Aber ich nehme an, das war nicht dann, wenn Sie geprobt haben“, warf Rudi ein.

Sie schüttelte den Kopf. Ein verhaltenes Lächeln erschien in ihrem Gesicht. „Nein, natürlich nicht. Die drei waren abends hier. Manchmal drei-, viermal die Woche. Sie haben sich gut amüsiert und hatte offenbar ziemlich viel Geld.“

„Wer waren die anderen beiden?“

„Der eine wurde immer Sebastian genannt.“

„Sebastian Maybaum?“

„Den Nachnamen weiß ich nicht.“

Ich zeigte ihr ein Bild und sie erkannte Maybaum wieder. „Der dritte Mann hatte ziemlich viele Sommersprossen im Gesicht. Aber das ist auch schon alles, was ich Ihnen sagen kann.“

Ich gab ihr meine Karte. „Vielleicht fällt Ihnen ja im Laufe der Zeit noch etwas ein. Dann rufen Sie mich an – egal wann.“

„Mal sehen“ murmelte sie. Sie blickte sich um wie ein Ladendieb der befürchtete, dass ihn jemand gesehen haben könnte. Offenbar befürchtete sie, dass man ihr unangenehme Fragen stellte, wenn sie sich zu lange mit uns abgab.

Einen Augenblick später war sie auch schon auf und davon.

„Farkas kennt Gerighauser – das ist doch immerhin ein Anfang, Rudi.“

„Ein Anfang wovon? Das bringt uns nicht wirklich weiter.“

„Hat Farkas Gerighauser den Stoff gegeben, von dem das Go-Go-Girl uns gerade berichtete?“

„Fragen wir ihn selbst, sobald er auftaucht.“

„Ich fürchte, der denkt nicht dran, Harry.“

„Schon möglich.“

„Aber wenn das Motiv tatsächlich Rache ist, dann müssen wir ihn schleunigst stoppen, Harry!“

„Das ist noch nicht gesagt, Rudi.“

„Aber es spricht einiges für diese Hypothese. Und vielleicht könnten wir diesmal eingreifen, bevor etwas geschieht!“







26



Wir hörten uns noch etwas um und versuchten insbesondere etwas über Kurt Heinrichs, den Waffenverkäufer, herauszubekommen. Einer der Barkeeper wollte ihn vor ein paar Tagen noch gesehen haben. Jemand anders war überzeugt, ihm sogar am heutigen Abend über den Weg gelaufen zu sein.

Ich dachte an die Statistiken über die Unzuverlässigkeit von Zeugenaussagen.

Der breitschultrige Kahlkopf, dem wir schon am Eingang begegnet waren, tauchte plötzlich in unserer Nähe auf.

„Kommen Sie bitte mit, Herr Farkas ist gerade eingetroffen und empfängt Sie.“

„Welche Ehre“, sagte Rudi.

Wir folgten ihm die Treppe hinunter. Dann ging es durch einen Nebenausgang. Wir passierten einen Korridor und wurden schließlich in einen recht großen Clubraum mit Billardtischen geführt.

Jürgen und Olli waren bereits dort.

Farkas war nicht zu übersehen. Er trug einen seiner schneeweißen Anzüge.

„Wollen Sie einen Drink?“, fragte er.

„Nein danke“, antwortete Jürgen für uns alle.

Farkas grinste. „Verstehe, Sie sind ja alle im Dienst. Ich hoffe, Sie versuchen nicht wieder, mir Drogengeschäfte anzuhängen, so wie es das Drogendezernat seit Jahren vergeblich versucht.“ Er lachte rau. „Ich habe gehört, Sie ermitteln in meinem Club. Da interessiert mich natürlich, worum es geht!“

„Es geht um eine Schießerei vor fünf Jahren, hier im ‚Abraxas’“, sagte ich. „Ich nehme an, Sie erinnern sich.“

„Allerdings. Das war ein schwarzer Tag für dieses Lokal. Die gesamte Inneneinrichtung war erst wenige Wochen zuvor erneuert worden, wir hatten eine völlig neue Lichtanlage, die damals natürlich richtig hip war – alles im Eimer!“

„Ich denke, das war nicht der schlimmste Schaden.“

„Nein, Sie haben natürlich Recht. Es gab Tote und Verletzte.“ Benny Farkas zuckte mit den Schultern. „Damals hat die Polizei nicht viel herausgefunden! Haben Sie jetzt etwa neue Erkenntnisse?“

„Mit einer Waffe, die damals benutzt wurde, ist jetzt ein Polizist namens Rademacher erschossen worden“, ergriff jetzt Jürgen Carnavaro das Wort. „Und nun erzählen Sie mir nicht, dass das für Sie noch eine Neuigkeit ist!“

Farkas verzog das Gesicht. „Waffen wechseln den Besitzer, das ist nun mal so. Daran werden weder Sie noch ich etwas ändern.“

„Kennen Sie einen Mann namens Kurt Heinrichs? Er soll sich ab und zu hier aufhalten und einem eine Waffe besorgen, wenn man sie braucht!“, sagte Jürgen.

„Ich kenne meine Gäste nicht persönlich“, antwortete Farkas. „Warum fragen Sie?“

„Eigentlich ist es unsere Aufgabe, die Fragen zu stellen“, erwiderte Jürgen.

Benny Farkas grinste, schnipste mit den Fingern und hielt Jürgen seinen Zeigefinger entgegen. „Klare Regeln – Sie sind gut, Mann!“ Er griff in die Innentasche seines Jacketts und holte eine Zigarre hervor. Bevor er sie in den Mund steckte, sagte er: „Ich möchte feststellen, dass dies kein Teil des Lokals ist und ich deswegen nicht gegen die strengen Anti-Raucher-Bestimmungen verstoßen, wenn ich mir hier eine Zigarre anstecke!“

„Rademacher soll kleine Dealer erpresst haben“, sagte ich. „Er hat sich dabei nicht nur in Euros, sondern auch mit Informationen bezahlen lassen.“

„Davon habe ich nichts gehört.“

„Aber Sie hatten nichts dagegen, dass Rademacher sich hier mit seinen Kollegen gut amüsiert!“

Farkas’ Gesicht wurde eisig. „Man kann sich seine Gäste nicht immer aussuchen.“

„Und wozu haben Sie dann Ihre Türsteher engagiert?“

„Ich bin ein friedlicher Mensch, Herr...“

„Kommissar Kubinke.“

„Aber wenn Sie mir was anhängen wollen, werden Sie Ihres Lebens nicht mehr froh! Ich habe Beziehungen, die weit nach oben reichen.“

„Ihre Drohungen beeindrucken mich nicht.“

„Das werden wir sehen.“







27



Ich hielt mich im weiteren Verlauf der Befragung etwas zurück. Anscheinend hatte ich bei Farkas einen wunden Punkt erwischt. Anders war es nicht erklärlich, dass er so ungehalten reagierte. Rudi versuchte aus ihm herauszukitzeln, wie viel er über Rademacher und seine Machenschaften wusste. Aber Benny Farkas wich geschickt aus. Und wir hatten nichts, womit wir ihn festnageln konnten. Auf die Aussage des Go-Go-Girls konnten wir nicht bauen.

Wir blieben noch eine ganze Weile im ‚Abraxas’, aber es kam nicht viel dabei heraus. Immerhin überwogen jetzt die Aussagen, die der Meinung waren, dass Kurt Heinrichs sich schon eine ganze Weile nicht mehr im ‚Abraxas’ hatte blicken lassen.

Es war bereits nach Mitternacht, als wir uns auf den Weg nach Hause machten.

„Mich wundert, dass Farkas nicht die Chance ergriffen hat, ein paar Polizisten, die ihm in der Vergangenheit mit Sicherheit das Leben schwer gemacht haben, mal richtig anzuschwärzen!“, meinte ich.

Rudi stimmte und ergänzte: „Zumal einer davon sich gar nicht mehr wehren könnte.“

Eine Weile sagte keiner von uns ein Wort. Schließlich brach ich die Stille. „Hast du noch Appetit auf einen Fishburger, Rudi?“

„Ist das jetzt dein Ernst oder machst du Witze?“

„Das ist mein voller Ernst, Rudi. Ich möchte noch mal nach Moabit fahren – zu Udo’s Imbiss.“

„Es ist schon ziemlich spät. Morgen im Büro weckt mich nicht einmal mehr Mandys Kaffee richtig auf!“ Rudi seufzte. „Mal ehrlich, was immer dich um diese Zeit in Udo’s Imbiss treiben mag, ich denke, das hat auch bis morgen Zeit.“

„Eben nicht, Rudi. Ich möchte mich dort gerne mal um diese Zeit umsehen. Wer treibt sich da jetzt herum und könnte vielleicht auch in der Tatnacht etwas bemerkt haben?“

„Du meinst, der Aufwand lohnt sich?“

„Keine Ahnung. Aber wenn du nicht willst, bringe ich dich erst an die übliche Ecke. Um diese Zeit ist ja auf den Straßen Berlins nicht mehr ganz so viel los.“

Rudi machte eine wegwerfende Handbewegung. „Nicht nötig“, meinte er. „Ich komme mit.“







28



Es war halb drei, als wir den Westhafen erreichten. Wir stellten den Dienst-Porsche vor Udo’s Imbiss ab und stiegen aus.

In Udo's Imbiss trafen wir ein halbes Dutzend Gäste an. Wir befragten sie der Reihe nach. Eine Krankenschwester war darunter, zwei Männer, die bei der Berufsfeuerwehr waren und ein Nachtwächter, eines nahe gelegenen Wohnblocks.

Menschen, die arbeiteten, wenn andere längst schliefen.

Manche von ihnen gaben an, regelmäßig in Udo’s Imbiss zu sein. Der Mann von der Feuerwehr und eine der Krankenschwestern waren auch in jener Nacht hier gewesen als Rademacher ermordet wurde.

Aber sie waren ihm nicht begegnet.

„Wenigstens haben wir jetzt den Zeitpunkt des Mordes noch etwas mehr eingrenzen können“, meinte Rudi, als wir ins Freie traten. Die kühle Luft hier draußen sorgte dafür, dass ich wieder etwas wacher wurde.

„Überlegen wir mal, was geschehen ist, Rudi“

„Muss das sein, Harry?“

„Rademacher wurde angerufen. Nehmen wir mal an von Gerighauser, der ihm vielleicht gesagt hat: Ich warte auf dich hier draußen!“

„Er wollte nicht in die Imbiss, um später nicht identifiziert werden zu können.“

„Genau, Rudi. Gerighauser war wahrscheinlich schon an der Kaimauer und hat dort auf Rademacher gewartet.“

Wir gingen in Richtung der Kaimauer, wo noch immer die Blutlache zu sehen war und kamen dabei an dem Lagerhaus auf der linken Seite vorbei.

Als wir schon ein paar Meter vorbei waren, hörten wir ein Geräusch, das aus dem Gebäude drang. Irgendetwas schepperte.

„Da ist jemand drin!“, stellte ich fest.

„Sicher nur eine streunende Katze oder so etwas, Harry...“

Ich ging zurück zum Lagerhaus. Das Haupttor war verschlossen. Aber der Seiteneingang, der nur für Personen gedacht war, ließ sich leicht öffnen. Ich nahm die Waffe aus dem Holster und ging hinein.

„Polizei! Ist hier jemand?“

Es war kaum etwas zu sehen. Durch ein paar hohe Fenster fiel etwas Licht. Wieder war ein Geräusch zu hören. Ich wirbelte herum. Eine Bewegung war in der Dunkelheit zwischen zwei großen, zwei Meter hohen Cargo-Kisten zusehen. Rudi fand unterdessen den Lichtschalter.

Die Neonröhren blitzten grell auf.

Ein Mann in einem fleckigen Wollmantel stand zwischen Cargo-Kisten. Er hielt ein Messer in der Hand. Die Augen waren weit aufgerissen. Er zitterte leicht. Offenbar hatten wir einen Obdachlosen gestört, der sich in dem Lagerhaus einquartiert hatte.

„Ganz ruhig“, sagte ich. „Es wird Ihnen niemand etwas tun.“ Der Mann schien das nicht so ohne weiteres glauben zu wollen.

Er blieb in Abwehrstellung.

Ich steckte die Waffe ein und zeigte ihm meine Hände.

„Es ist alles in Ordnung. Wir sind hier vorbeigekommen und haben ein Geräusch gehört. Dass ist alles.“

„Lassen Sie mich einfach gehen“, sagte der Mann.

„Wir wollen Sie nicht mal vertreiben“, sagte Rudi. „Schließlich sind wir vom BKA – und nicht von der Hafenverwaltung.“

Der Obdachlose atmete tief durch und ließ das Messer sinken.

„Übernachten Sie öfter hier?“, fragte ich.

Erst druckste er etwas herum, dann gab er zu, ab und zu in dem Lagerhaus zu übernachten.

Ich fragte ihn nach der Nacht, in der Rademacher ermordet wurde. Wieder druckste er ziemlich herum. Ich ging vorsichtig auf ihn zu. „Wir wollen einfach nur wissen, ob Sie etwas gesehen haben. Ein Polizist wurde in dieser Nacht am Kai ermordet. Wenn Sie da waren, konnten Sie die Blutlache sehen. Auch jetzt ist der Asphalt dort noch immer verfärbt.“

Der Obdachlose schien sich nicht ganz schlüssig zu sein, ob er nun etwas sagen sollte oder nicht. Aber ich hatte sofort das Gefühl, dass er etwas wusste. Er wollte nur nicht in die Sache hineingezogen werden. Vielleicht hatte er schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht oder fürchtete, wegen irgendwelcher kleinkriminellen Delikte belangt zu werden.

Er atmete tief durch.

„Zeigen Sie mir mal Ihren Ausweis?“, fragte er schließlich.

Ich gab ihm meine ID-Card und er sah sie sich eine Weile nachdenklich an. Eigentlich hatte ich nicht das Gefühl, dass er tatsächlich an unserer Identität als Kriminalbeamte zweifelte. Er wollte Zeit gewinnen. Schließlich gab er mir den Ausweis zurück. „Ich war in der Nacht hier. Ich weiß nicht, welcher Wochentag oder welches Datum es war, da ich keinen Kalender besitze und diese Dinge für mich keine Rolle spielen.“ Er schluckte. „Trotzdem weiß ich genau, welche Nacht Sie meinen. Ich werde sie nämlich nie vergessen. Dazu hat sich alles zu sehr in mein Gedächtnis gebrannt!“

Er blickte förmlich durch mich hindurch. Mit seinen Gedanken schien er wieder in jene Nacht zurückversetzt zu sein, in der Thorben Rademacher ums Leben gekommen war. „Ich war hier drinnen und habe dort hinten, auf der anderen Seite des Raums am Fenster gestanden. Da draußen lungerte so ein Typ herum. Zwischendurch nahm er eine Waffe heraus und fingerte daran herum.“

„Können Sie den Mann beschreiben?“

„Dunkles, gelocktes Haar. Außerdem trug er eine Kette um den Hals mit einem ziemlich großen Kreuz.“

„Das konnten Sie bei der Dunkelheit sehen?“, fragte Rudi verwundert.

„Ja, als er sich gegen die Laterne lehnte und direkt im Licht stand. Probieren Sie es aus! Stellen Sie sich ans Fenster und der andere von ihnen kann sich da draußen genau dort hinstellen, wo der Typ stand.“

Ich zeigte ihm ein Foto von Gerighauser.

„War das dieser Mann?“

„Genau!“

„Erzählen Sie, was geschah.“

„Ich habe mich versteckt. Und einfach abgewartet. Nachdem ich die Pistole gesehen hatte, wollte ich mich nur noch verkriechen. Später habe ich Schritte und Stimmen gehört.“

„Einen Schuss?“

„Nein, da war kein Schuss. Aber es fuhr zweimal ein Wagen davon. Das weiß ich genau. Und der letzte Wagen war mit Sicherheit ein Sportwagen. Ich tippe auf Porsche.“

„So etwas hören Sie?“, fragte ich verwundert.

Er nickte. „Ich war früher mal Mechaniker, bevor... Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls habe ich mich schließlich wieder hervorgewagt. Aber da war niemand mehr.“

„Sie haben uns sehr geholfen, Herr...“

„...Thorn. Martin Thorn.“







29



Sebastian Maybaum lenkte seinen Porsche nach rechts und fuhr auf den Parkplatz an der Autobahn, etwa auf halbem Weg zwischen Berlin und Hamburg.

Maybaum stoppte den Wagen.

Ein weiteres Fahrzeug befand sich etwa zwanzig Meter entfernt. Der Motor war abgeschaltet, aber die Scheinwerfer nicht. Eine Gestalt hob sich gegen das grelle Licht dieser Scheinwerfer wie ein Schattenriss ab.

Maybaum schaltete den Motor seines Porsches aus, öffnete die Tür und ging ins Freie. Ein kühler Wind wehte.

„Was soll das Theater?“, rief Maybaum aufgebracht.

Die Gestalt trat dem Kommissar entgegen.

Maybaum stutzte und erstarrte augenblicklich wie eine Salzsäule, als er die Waffe in der Hand seines Gegenübers sah.

Einen Augenblick lang dachte er daran, zu seiner Dienstpistole zu greifen. Sie steckte in einem Gürtelholster auf der linken Seite. Der Griff der SIG Sauer P 226 zeigte nach vorn.

Aber Maybaum wusste, dass er nicht schnell genug sein würde.

In dem Augenblick, in dem er gerade die Waffe gezogen hatte, würde ihm sein Gegenüber bereits die zweite Kugel in den Schädel jagen. Auf die geringe Distanz konnte Maybaum kaum damit rechnen, dass die Schüsse danebengingen.

Der Bewaffnete trug in der Linken eine Flasche Schnaps. Die warf er Maybaum zu.

„Trinken Sie!“, lautete der knappe Befehl.

„Wieso?“

Der Lauf der Waffe hob sich und zeigte nun direkt auf Maybaums Stirn.

„Trinken Sie so viel Sie können. Hören Sie nicht auf, Sie bekommen sonst eine Kugel in den Kopf.“

„Was haben Sie vor, verdammt noch mal?“

„Warten Sie es ab!“







30



„Wir haben genau 4.30 Uhr und hier ist Boris Schmitt mit der Sendung ‚Night Talk’ – und wenn Sie mich jetzt hören, dann sind auch einer von den Nachteulen, die einfach keinen Schlaf finden...“

Die Stimme des Radiomoderators drang wie von Ferne in Jörn Peters' Bewusstsein.

Peters saß hinter dem Steuer seines Zwanzigtonners.

Er unterdrückte ein Gähnen und stellte das Radio lauter.

Nicht viel hätte gefehlt und er wäre eingeschlafen.

Es wird Zeit, dass ich nach Hause komme!, dachte er. Aber zuerst musste die Ladung ans Ziel gebracht werden. Das Geschäft war hart und Jörn Peters wusste nur zu gut, wie schnell man draußen war, wenn man die Termine nicht halten konnte.

Peters war ein selbständiger Trucker, der auf eigene Rechnung fuhr. Der Truck war sein ganzes Kapital.

Erneut musste er gähnen. Im Radio wurde eine flotte Rock’n'Roll-Nummer gespielt. Peters ließ das Seitenfenster hinunter. Die kühle Nachtluft sorgte dafür, dass er wieder etwas wacher wurde. Ich schaffe es noch!, nahm er sich vor.

Mehr Wunsch als realistische Einschätzung.

Dann tauchte im Kegel der Scheinwerfer plötzlich etwas auf, das wie ein menschlicher Körper aussah.

Jörn Peters trat reflexartig auf die Bremse. Der Truck rutschte über den Asphalt und zermalmte den Körper unter sich. Erst ein ganzes Stück später kam das Gefährt endlich zum Stehen. Mitten auf der Autobahn – das war selbst zu dieser nachtschlafenden Zeit gefährlich. Peters war immerhin noch geistesgegenwärtig genug und schaltete die Warnblinkanlage an. Er schaute aus dem Seitenfenster.

Ein Wagen brauste heran, wich dem Truck in letzter Sekunde aus und fuhr anschließend weiter.

„So ein verfluchter Mist!“, rief Jörn Peters laut aus. Er kletterte aus der Fahrerkabine und lief auf den Toten zu.

Die Räder des Trucks hatten vor allem Kopf und Oberkörper zerquetscht. Der Tote war in einem furchtbaren Zustand.

Peters’ Blick fiel auf das Gürtelholster mit der Waffe. Daneben hing die Polizeimarke am Gürtel.

„Nein“, flüsterte Peters und sank dabei auf die Knie. „Das darf nicht wahr sein!“







31



Am nächsten Morgen warteten wir in dem verabredeten Lokal auf Sebastian Maybaum. Wir leisteten uns ein Frühstück und Rudi rief zwischendurch Maybaums neue Dienstelle an. Er hatte sich tatsächlich Urlaub genommen. Sein privates Festnetztelefon wurde nicht abgenommen, sein Handy verwies uns an eine Mailbox.

Schließlich erreichte uns ein Anruf aus der Zentrale. Max Herter war am Apparat und informierte uns darüber, dass Sebastian Maybaum auf der A24 von einem Truck überfahren worden war.

„Das darf nicht wahr sein!“, stieß ich hervor.

„Ist es aber leider“, gab Max zurück. „Die Leiche ist schon in der Gerichtsmedizin. Da wir für den Fall zuständig sind, werden die Kollegen der Ermittlungsgruppe Erkennungsdienst die Sektion vornehmen und in drei oder vier Stunden wissen wir vielleicht näheres.“

Wir ließen uns die genaue Position des Tatorts angeben und machten uns sofort auf, um aus erster Hand zu erfahren, was es mit dem Unfall auf sich hatte.

„Das kann einfach kein Zufall sein!“, meinte ich.

„Du denkst an einen Mordanschlag, der wie ein Unfall aussehen sollte“, schloss Rudi.

„Auf jeden Fall werden wir uns die Umstände genau ansehen. Aber wenn du mich fragst, passt das doch alles zusammen. Maybaum stirbt, bevor er reden kann!“

„Wer sagt dir denn, dass er uns gegenüber wirklich den Mund aufgemacht hätte?“, fragte Rudi.

Ich zuckte mit den Schultern. „So etwas hängt immer davon ab, wie hoch dem Betreffenden das Wasser steht!“

„Bei Maybaum war es offenbar noch nicht hoch genug. Aber nehmen wir mal an, dass Rademacher und Maybaum ihre krummen Geschäfte auch nach ihrer Versetzung einfach weiterbetrieben, wofür zumindest Rademachers finanzielle Verhältnisse ein Beleg sein könnten und dieser Gerighauser wollte sich an den beiden rächen, dann müsste Maybaum doch spätestens nach Rademachers Tod gewusst haben, dass er selbst auch in Gefahr ist!“

„Vielleicht hat er das auch, aber er konnte sich niemandem offenbaren. Schließlich wäre er dann selbst an der Reihe gewesen, Rudi.“

„Könnte dieser Tim Subotitsch noch in der Sache mit drinhängen?“

„Wir werden ihn noch befragen. Heute ist er ja von seinem Lehrgang zurück, wenn ich das richtig verstanden habe.“







32



Wir waren mit dem Kollegen Maskoviak von der Autobahnpolizei auf einem Parkplatz an der A24 verabredet. Spurensicherer waren damit beschäftigt, die Umgebung abzusuchen und Kriminaldirektor Bock hatte unsere Kollegen Sami Oldenburger und Pascal Horster hier her beordert, um die Kollegen zu unterstützen und insbesondere darauf zu achten, ob es irgendwelche Zusammenhänge zum Fall Rademacher gab.

Wir stellten den Dienst-Porsche auf einen der Stellplätze und stiegen aus. Ein Abschleppwagen zog gerade einen Porsche die Böschung hinauf.

Herr Maskoviak begrüßte uns freundlich.

„Sie müssen Kubinke und Meier vom BKA sein.“

„Das ist richtig“, bestätigte ich.

„Hat der Porsche etwas mit dem Fall zu tun?“, fragte Rudi.

„Das hat er“, nickte Maskoviak und schob sich seine Polizeimütze ein Stück weiter in den Nacken. „Der Tote heißt Sebastian Wilhelm Maybaum und ist Polizist in Berlin – aber das wissen Sie sicher. Heute Nacht meldete ein Trucker, dass er einen Mann überfahren hätte. Seiner Aussage nach lag Maybaum einfach auf der Fahrbahn. Der Fahrer gab an, keine Chance zum Ausweichen oder Bremsen gehabt zu haben. Der Mann hätte reglos auf der Straße gelegen. Ob das eine Schutzbehauptung ist, wird sich hoffentlich durch die Obduktion zweifelsfrei ergeben.“

„Die Frage ist doch, was Maybaum mitten in der Nacht zu Fuß auf der Autobahn zu suchen hat“, gab ich zu bedenken.

„Allerdings“, gestand Maskoviak zu. „Der Tote roch stark nach Alkohol. Er scheint betrunken gewesen zu sein.“ Maskoviak deutete auf den verunglückten Porsche, der jetzt wieder mit allen vier Rädern auf dem Parkplatz stand und vom Haken des Abschleppwagens genommen wurde. „Das ist Maybaums Wagen. Für uns stellt sich das Ganze folgendermaßen dar: Maybaum war auf der Autobahn unterwegs und muss schon ziemlich angetrunken gewesen sein. Er hat hier eine Pause eingelegt und wollte schließlich wieder fahren. Aber da er das Fahrzeug nicht mehr so richtig beherrschte, hat er die Abfahrt verpasst und ist die Böschung hinuntergerutscht.“

„Und Sie meinen, anschließend hat er versucht zu Fuß weiterzukommen“, schloss ich.

„Ja, genau.“

„Warum hat er nicht sein Handy genommen und jemanden angerufen, der ihn abholt? Ein Taxi zum Beispiel.“

„Wir haben kein Handy gefunden“, berichtete Maskoviak.

Ich wechselte mit Rudi einen ziemlich verdutzten Blick. „Hören Sie, Maybaum war Polizist, da hat man das Handy immer dabei!“

„Wie gesagt, weder im Wagen noch bei der Leiche war ein Handy.“

„Seltsam.“

„Später ist er dann vom Truck überrollt worden. Ob er da bereits auf dem Boden lag oder nicht, weiß ich nicht. Ich persönlich tippe auf eine Schutzbehauptung des Fahrers.“

„Welche Verletzungen wies die Leiche auf?“

„Der Gerichtsmediziner, der die Erstuntersuchung durchgeführt hat, meinte, er sei wahrscheinlich an den enormen Quetschungen des Oberkörpers gestorben, die durch das linke Vorderrad des Trucks verursacht wurden.“

„Wir möchten uns gerne den Wagen mal ansehen“, kündigte ich an.

„Nichts dagegen einzuwenden.“

Wir zogen uns Latexhandschuhe über und öffneten die Tür. Rudi durchsuchte das Handschuhfach, fand aber nichts Besonderes.

Ich nahm mir den Kofferraum vor. Ein Parka war dort zu finden. Ich nahm mir die Jacke heraus und durchsuchte die Taschen. Ein Zettel fiel mir auf, auf dem notiert war, wie man zu dem Parkplatz gelangte, auf dem wir uns befanden.

Ich zeigte ihn Rudi.

„Er scheint sich hier mit jemandem verabredet zu haben.“

„Mit Gerighauser?“

„Das wird er uns leider nicht mehr sagen können.“

„Es war gestern ziemlich spät, als wir mit dem Mann sprachen, der im Lagerhaus bei Udo’s Imbiss übernachtete... Aber war der sich nicht hundertprozentig sicher, einen Porsche gehört zu haben?“

„Du meinst, Maybaum war auch am Tatort?“ Rudi überlegte. „Ich weiß nicht.

„Angenommen, nicht Gerighauser war der Mörder, sondern jemand anders.“

„Und Gerighausers Aufgabe war es nur, das Opfer an den Tatort zu bestellen?“

„Ich habe keine Ahnung.“

„Rademacher, Maybaum, Gerighauser – zwei Polizisten und ein Informant. Alle drei in dubiose Machenschaften verstrickt...“

„Da gibt es doch noch einen, der dazu passt.“

„Du meinst, den Kollegen Subotitsch?“

„Ja.“

„Fahren wir zu seiner Dienststelle?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, wir sollten uns erst in Maybaums Wohnung umsehen. Dann wissen wir vielleicht etwas besser, wo wir bei Subotitsch ansetzen müssen!“







33



Maybaum bewohnte eine luxuriöse Wohnung in einer Wohnanlage. Die Wohnung war vermutlich so teuer, dass wahrscheinlich zwei Drittel des Polizistengehalts monatlich für die Miete draufgingen.

Die Wohnanlage wurde von einem Sicherheitsdienst bewacht. Einer der Uniformierten öffnete uns die Wohnung mit einer Chip Card, die als elektronischer Generalschlüssel fungierte.

Wir sahen uns um.

„Das Wohnzimmer ist allein schon größer als die Wohnungen von uns beiden zusammen“, meinte Rudi.

„Neidisch?“

„Nein. Ich bin ohnehin kaum dort. Und wenn ich daran denke, dass das alles hier wahrscheinlich mit schmutzigem Geld finanziert wurde...“

Auf dem Wohnzimmertisch lag ein Handy. Es war auf stumm geschaltet. Ich zog mir Latex-Handschuhe über und nahm es an mich.

„Warum hat er es hier liegen lassen?“, fragte Rudi. „Vergessen?“

„Ein Cop vergisst so etwas nicht“, sagte ich. „Oder hast du schon mal dein Handy vergessen?“

„Genauso wenig wie meine Waffe.“

„Er wollte, dass das Gerät hier bleibt, Rudi.“

„Wieso das denn?“

„Nehmen wir an, jemand hat Maybaum zu dem Parkplatz an der A24 bestellt.“

„Gerighauser?“

„Vielleicht. Jedenfalls war es vielleicht jemand, mit dem er nicht gesehen werden wollte. Er lässt also sein Handy hier zurück. Wenn jemand anruft, lässt sich nachher noch feststellen, über welchen Funkmast das Gespräch ging. Er hat dadurch ein Alibi. Sein Handy war nachweislich hier – und nicht am Tatort.“

„Oder er hat damit gerechnet, dass es angepeilt wird.“

„Auch möglich.“

„Einen Beweis nenne ich so etwas aber nicht. Wir wissen noch nicht einmal, ob Maybaum nicht doch betrunken war und versucht hat, bei Nacht auf einer Autobahn spazieren zu gehen.“

Ich untersuchte das Menue und sah mir die Anruflisten an. Dann rief ich Max Herter in unserem Präsidium an, damit er einige Nummern überprüfen konnte. Die meisten gehörten zu Prepaid Handys und waren nicht ohne Weiteres zu identifizieren. Es gab fünf Anrufe in Abwesenheit, darunter auch einer, der von meinem eigenen Handy ausging, als ich versucht hatte ihn anzurufen.

Aber der letzte Anruf, den Maybaum entgegen genommen hatte, war nicht von einem Prepaid Handy aus geführt worden, sondern erstaunlicher Weise von einem Festnetzanschluss.

„Der Anschluss gehört zur Adresse eines gewissen Ronny Vincente“, gab Max Herter den Namen des Teilnehmers an. „Ronny steht übrigens nicht für Ronald oder so.“

„Wofür dann?“, fragte ich.

„Ronny steht einfach für Ronny. Das ist der reguläre Vorname, keine Abkürzung. Das habe ich schon gecheckt.“

„Ist Ronny Vincente ein einschlägig bekannter Name?“, fragte ich. „Kriminalistisch gesehen, meine ich natürlich.“

„Die Schnellabfrage war negativ. Unser Mann scheint sauber zu sein“, sagte Max.

Ich antwortete: „Ich hatte gehofft, dass es sich um einen von Maybaums Informanten handelt.“

„Sieht nicht so aus. Keine Vorstrafen, nichts mit Drogen. Es könnte natürlich sein, dass eine Verurteilung als Jugendlicher vorliegt, die inzwischen gelöscht wurde.“

„Vielleicht kannst du mal nachhaken. Irgendeine Zusammenhang zu Maybaum muss es geben.“

„Und vielleicht auch zu Gerighauser!“, sagte Max.

Ich war perplex. „Wie kommst du darauf, Max?“

„Eine der Nummern, die du mir angegeben hast, gehört Ludmilla Gerighauser. Nicht wiedererkannt?“

„Jedenfalls hat Gerighauser Maybaum vom Anschluss seiner Tante aus angerufen, als er dort gewohnt hat“, stellte ich fest.

„Ich habe hier auch etwas!“, sagte Rudi und hielt einen Ordner mit Kontoauszügen hoch. „Lag ganz offen auf dem Schreibtisch. Maybaum scheint, was seine Finanzen betraf, sehr viel weniger vorsichtig gewesen zu sein als Rademacher.“

Rudi blätterte die Auszüge kurz durch. „Es fällt sofort auf, dass zahlreiche Bareinzahlungen in erheblicher Höhe durchgeführt wurden – aber immer knapp unter der Grenze, die diese Bareinzahlungen meldepflichtig gemacht hätte.“

„Das bedeutet, Maybaum hatte ein Geschäft laufen, das ihm regelmäßig zusätzliche Einnahmen verschaffte“, sagte Max.

„So ist es.“

„Wann war die letzte Einzahlung?“, fragte ich.

Rudi schaute nach. „Vor einer Woche“, lautete die überraschende Antwort. „Ich nehme den Ordner mit. Soll unser Kollege Detlef sich darum kümmern. Der sieht bestimmt noch ganz andere Sachen aus diesen Zahlen!“

Kommissar Detlef Reichert war bei uns im Moment der Spezialist für Betriebswirtschaft und wann immer es um Konten, Geldströme oder verdeckte Zahlungen ging, dann trat er in Aktion.

Aber das Wichtigste wussten wir jetzt.

Maybaum und Rademacher hatten vermutlich bis vor kurzem noch von Verdächtigen Geld erpresst.







34



Wir fuhren los, um Tom Subotitsch zu treffen. Subotitsch bewohnte einen Bungalow in einem schmucken Wohngebiet, etwa zwei Kilometer von der Berliner Stadtgrenze entfernt.

Wir stellten den Wagen bei der Einfahrt zu seiner Garage ab, stiegen aus und betraten das Grundstück. Ein Geländewagen vom Typ Ford Maverick stand mit offenen Türen in der Einfahrt. Ich sah Angelzeug, Proviant, einen zusammengerollten Schlafsack und eine Anglerhose aus Gummi.

Von Subotitsch’ Dienstvorgesetzten Herrn Kassavetes wussten wir, dass Subotitsch zwei Wochen frei genommen hatte.

Ein Mann von Anfang vierzig kam aus der offen stehenden Haustür und trug in jeder Hand eine Kiste mit Mineralwasserflaschen.

„Herr Subotitsch?“, fragte Rudi.

Der Mann erstarrte.

Ich zog meine ID-Card. „Harry Kubinke, BKA. Dies ist mein Kollege Rudi Meier. Wir haben ein paar Fragen an Sie, die den Mord an Ihrem Kollegen Thorben Rademacher betreffen und den bisher ungeklärten Tod von Kommissar Sebastian Maybaum betreffen.“

Subotitsch runzelte die Stirn.

Er stand einen Augenblick ziemlich unschlüssig da, dann kam er zögernd näher und packte die beiden Mineralwasserkisten in den Maverick.

„Sebastian ist tot?“, fragte er.

„Ja. Das mit Rademacher hat man Ihnen gesagt?“

„Herr Kassavetes hat mich in Kenntnis gesetzt und mir auch angekündigt, dass Sie mir noch einen Besuch abstatten würden. Allerdings kann ich Ihnen zur Sache nicht viel sagen.“

„Das glaube ich schon“, erwiderte ich.

„In wie fern?“

„Vielleicht gehen wir besser ins Haus“, schlug ich vor. Ich deutete auf die gepackten Sachen in seinem Maverick. „Im Übrigen hätten wir auch gerne, wenn Sie sich für die Ermittlungen zur Verfügung halten könnten.“

„Bin ich ein Verdächtiger? Haben Sie irgendeinen richterlichen Beschluss, der es mir untersagt, die Grenzen meiner Gemeinde zu verlassen?“

„Nein, das nicht.“

„Na also. Im Übrigen habe ich auch keineswegs eine Weltreise vor, Kommissar Kubinke.“

„Wohin geht es denn?“

„Ich besitze ein Ferienhaus an einem See in Mecklenburg. Und falls Sie Fragen haben und nicht so viel Krach machen, dass Sie die Fische vertreiben, können Sie mich dort gerne besuchen!“

„Sehen wir erst mal zu, was wir hier und jetzt klären können“, schlug ich vor.







35



Wir folgten Tom Subotitsch ins Haus. „Einen Platz kann ich Ihnen anbieten, aber keinen Kaffee und kein Bier. Es ist nichts im Haus. Aber, so wie ich Sie einschätze würden Sie ohnehin während der Dienstzeit keinen Schluck zu sich nehmen.“

„Richtig“, nickte ich. „Jedenfalls kein Bier.“

„Also fragen Sie! Was wollen Sie wissen?“

„Zum Beispiel, ob Ihr Kollege Maybaum ein Trinker war?“

„Er war trockener Alkoholiker.“

„Er wurde auf der A24 von einem Lastwagen erfasst und roch nach Alkohol. Wieviel er tatsächlich getrunken hatte, versucht die Gerichtsmedizin noch herauszufinden. Aber wenn er trockener Alkoholiker war...“

„...dann wurde er wohl rückfällig“, vollendete Subotitsch den Satz und verschränkte dabei die Arme vor der Brust. „Da wäre er nun wirklich nicht der Erste!“

„Haben Sie eine Idee, was der Anlass dafür sein könnte? Hatte er Sorgen?“

„Keine Ahnung, so gut kannte ich ihn nun auch wieder nicht.“

Jetzt mischte sich Rudi ein. „Sollen wir Captain Kassavetes hinzuziehen und die Befragung in seinem Büro fortsetzen? Sie standen sich sehr nahe und waren das Dream-Team Ihres Vorgesetzten.“

„Ja, wir hatten einige Erfolge“, gab er zu.

„Erfolge, die vielleicht nicht alle auf saubere Weise entstanden sind.“

„Sie spielen auf die Anschuldigungen gegen Sebastian und Thorben an, nicht wahr? Die Sache ist geklärt und ich werde dazu nicht einen Ton sagen! So wie die Dinge nun einmal liegen, können Sie mich dazu auch nicht zwingen!“

„Wann haben Sie Ede Gerighauser das letzte Mal gesehen?“, fragte ich.

„Gerighauser? Keine Ahnung, worauf Sie hinauswollen.“

„Aber Sie wollen mir nicht erzählen, dass Sie Ede Gerighauser gar nicht kennen?“, fragte ich.

„Ich habe jedenfalls keine Ahnung von was Sie sprechen. Und genauso wenig wüsste ich, was es mit diesem Namen auf sich hat, den Sie dauernd erwähnen.“

„Herr Subotitsch...“

„Ja, tut mir Leid! Soll ich vielleicht die Unwahrheit sagen?“

„Jetzt hören Sie auf mit dem Versteckspiel. Gerighauser war Ihr Informant. Er war nachweislich beim Mord an Rademacher am Tatort, dafür gibt es einen Zeugen. Und...“

Subotitsch fuchtelte mit den Armen herum.

„Dann suchen Sie ihn doch!“

„Wir dachten eigentlich, Sie könnten uns helfen, ihn zu finden“, sagte Rudi.

„Tut mir leid, ich habe keine Ahnung, wo er sich befindet.“

„Seine Eltern und seine Schwester wurden umgebracht. Man vermutet, dass die ‚Killer Bandoleros’ dahinter stecken.“

„Leider ist unsere Dienststelle bei den Ermittlungen nicht sehr weit gekommen“, gab Subotitsch zu.

„Hat Gerighauser Ihnen danach weiterhin Tipps gegeben?“

„Gelegentlich ja. Aber es war immer weniger Verlass auf ihn. Ich glaube, er hängt jetzt an der Nadel.“

„Hören Sie, zwei der drei Mitglieder Ihres Dream-Teams sind tot“, versucht ich ihm klarzumachen. „Ehrlich gesagt, glaube ich da nicht an Zufälle.“

Er verzog das Gesicht. „Glauben Sie doch, was Sie wollen!“

„Eine unserer Theorien sagt, dass Gerighauser vielleicht Ihr Trio für den Tod seiner Familie verantwortlichen machen könnte!“

Subotitsch ließ sich in einen der Sessel fallen. „Ist das wirklich Ihr Ernst? Glauben Sie, Thorben und Sebastian sind einem Racheakt von Gerighauser zum Opfer gefallen?“

„Es spricht einiges dafür“, gab Rudi zu bedenken.

„Das ist doch Unsinn! Verantwortlich für den Tod seiner Eltern und der Schwester ist dieses Gang-Gesindel!“

„Aber sie wären vielleicht noch am Leben, wenn Gerighauser nicht zu seinen Spitzeldiensten erpresst worden wäre, die schließlich zur Verhaftung der wichtigsten Gang-Mitglieder führte!“

Subotitsch atmete tief durch. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie haben nicht einen Beweis!“, fauchte er schließlich.

„Bis morgen haben wir den Staatsanwalt überredet Einsicht in Ihre Konten zuzustimmen, Herr Subotitsch“, war ich überzeugt.

„Sie bluffen, Kubinke. So einfach geht das nicht! Davon abgesehen, habe ich nichts zu verbergen! Und jetzt möchte ich Sie bitten zu gehen. Es sei denn, Sie wollen mich verhaften. Aber dazu gibt es keinen Anlass! Kommen Sie wieder, wenn Sie Beweise haben, die irgendetwas von den Behauptungen, die Sie da aufgestellt haben, belegen können!“

Subotitsch brachte uns zur Tür.

Bevor wir gingen fragte ich ihn noch: „Es gibt da eine Frau, die behauptet die Freundin Ihres Kollegen Rademacher gewesen zu sein. Ihr Name ist Christine Wistanow. Da sie, soweit ich weiß, bis zuletzt den Kontakt zu Rademacher gehalten hat, wissen Sie vielleicht mehr über dieses Verhältnis.“

„Ein Edel-Nutte. Sie gehört Reza Tannous. Kennen Sie den?“

„Der Mann fürs Grobe von Benny Farkas“, fasste ich Tannous’ Rolle zusammen.

„Genau. Sie tut, was er sagt. Für den wäre sie wahrscheinlich zu allem bereit.“

„Sie meinen, er ist ihr Zuhälter?“

„Ja.“

„Haben Sie das Thorben Rademacher nicht gesagt? Er war doch Ihr Freund.“

„Hundertmal habe ich ihm das gesagt. Aber er wollte nicht hören. Christine war wohl sein blinder Fleck.“

„Können Sie sich vorstellen, was sie in seinem Haus gesucht hat?“

„Nein, kann ich mir nicht vorstellen!“ Seine Stimme klang ziemlich gereizt. Ich hatte das Gefühl, dass er vielleicht doch mehr wusste. Aber eine Ahnung begründet keine Vorladung.

„Was immer es auch gewesen sein mag – es war ihr wichtig genug, um ein Polizeisiegel zu brechen“, stellte Rudi fest.







36



„Was hältst du von ihm?“, fragte Rudi, als wir schon wieder auf dem Weg waren.

„Er hängt mit drin.“

„Wenn wir seine finanziellen Verhältnisse durchleuchten könnten, wären wir vielleicht schlauer.“

„Glaubst du wirklich, Rudi? Ich nehme an, dass er zu clever ist, um so unvorsichtig wie Maybaum zu sein. Schließlich ist die ganze Affäre um die erpressten Informanten an ihm vorbeigegangen, als wäre nichts gewesen. Er hat hier als einziger der Beteiligten seinen alten Posten behalten.“







37



Wir statteten Dr. Bernd Claus einen Besuch ab. Er hatte auch im Fall von Sebastian Maybaum die Obduktion übernommen und war damit vor etwa einer Stunde fertig geworden.

„Den schriftlichen Bericht werde ich größtenteils noch heute diktieren, sodass Ihr Präsidium ihn wahrscheinlich irgendwann im Verlauf des Tages auf dem Schreibtisch hat. Aber die wesentlichen Daten kann ich Ihnen ja jetzt mündlich zusammenfassen.“

„Wir sind ganz Ohr“, versprach ich.

„Wollen Sie, dass ich Ihnen an der Leiche demonstriere, was ich herausgefunden habe oder reicht es Ihnen, wenn wir das in meinem Arbeitszimmer besprechen.“

„Letzteres reicht vollkommen“, versicherte Rudi.

„Wie Sie wollen.“

Er führte uns in sein Arbeitszimmer und holte aus dem Nachbarraum einen Bürostuhl, damit wir uns alle setzen könnten. „Ich habe ein toxikologisches Gutachten und eine Blutuntersuchung in Auftrag gegeben, die wahrscheinlich ein, zwei Tage brauchen, bis die Kollegen damit fertig sind. Aber ich gehe davon aus, dass diese Gutachten meine Hypothesen nur bestätigen“, begann der Gerichtsmediziner.

„Welche Hypothesen?“, hakte Rudi nach.

„Der Reihe nach“, lächelte Dr. Claus. „Zunächst einmal geht es um den Alkohol. Maybaum hatte eine Alkoholmenge in seinem Körper, die für eine akute Alkoholvergiftung ausgereicht hätte. Sie oder ich wären sofort ins Koma gefallen.“

„Wir haben erfahren, dass Maybaum trockener Alkoholiker war“, gab ich zu bedenken.

„Das wird bei der Bewertung der von mir in Auftrag gegebenen Gutachten vielleicht ein interessanter Aspekt werden, aber der Punkt, auf den ich hinaus will, ist ein anderer. Maybaum hatte zwar jede Menge Alkohol in seinem Körper, aber an der falschen Stelle – nämlich im Magen. Er muss eine ganze Flasche hochprozentigen Whisky oder etwas Vergleichbares geschluckt haben. Das würde niemand auf diese Weise tun – weder ein trockener noch ein aktiver Alkoholiker.“

„Meinen Sie, dass ihm das Zeug eingeflößt wurde?“, fragte ich.

„Beinahe. Man zwang ihn dazu, es zu trinken. Wenn es ihm eingeflößt worden wäre, hätten wir entsprechende Druckspuren vorliegen. Die sind aber nicht vorhanden. Unmittelbar nachdem er den Whisky geleert hatte, ist er gestorben.“

„Durch die Räder des Trucks?“

„Nein, als er überrollt wurde, war er längst tot. Die damit einhergehenden Verletzungen waren post mortem und sollten uns über die Todesursache in die Irre führen. Ich gebe zu, beinahe hätte ich sie auch übersehen, unter all den Brüchen, Quetschungen und so weiter.“

„Wodurch starb er?“

„Durch einen Schlag gegen die Kehle, wie er in verschiedenen Kampfsportarten trainiert wird. Er könnte mit der Handkante, aber auch mit einem Gegenstand durchgeführt worden sein, der nicht breiter als zweieinhalb Zentimeter ist, aber keinerlei Ecken oder Kanten besitzt. Danach wurde der Tote weggeschleift.“

„Auf dem Parkplatz wurden keine entsprechenden Spuren gefunden.“

„Ein Täter, der so planvoll vorgeht, denkt vielleicht auch daran, solche Spuren zu beseitigen. Jedenfalls trifft den Truck-Fahrer überhaupt keine Schuld. Er hat eine Leiche überfahren.“

„Dann wurde der Wagen wohl auch nur die Böschung hinunter gestoßen, um einen falschen Eindruck zu erwecken!“, glaubte Rudi.

„Ein Profi“, schloss ich.

„Zumindest jemand, der sich sehr viele Gedanken über seine Vorgehensweise gemacht hat“, nickte Dr. Claus.

Ich erhob mich von meinem Platz und sagte: „Danke, jetzt wissen wir auf jeden Fall mit Sicherheit, dass Maybaum auch Opfer eines Verbrechens wurde.“

„Gibt es irgendetwas, was diesen Fall mit dem Mord an Rademacher verbindet – aus gerichtsmedizinischer Sicht meine ich.“

Dr. Claus schüttelte den Kopf. „Leider nein. Aber vielleicht wollte der Täter auch genau das vermeiden. Ich möchte annehmen, dass er eine Waffe in der Hand hielt, als er Maybaum dazu zwang, den Alkohol zu trinken.“

„Aber er wollte nicht, dass man ihn anhand dieser Waffe identifiziert. Deswegen hat er sie nicht benutzt“, schloss ich.

„Exakt“, bestätigte Dr. Claus. „Ich habe übrigens noch einen Toten hier im Institut, der im Zusammenhang mit Ihrem Fall in der Fahndung ist. Meine Kollegin Dr. Sandhurst ist gerade dabei, die Obduktion durchzuführen. Aber der Fall liegt relativ klar auf der Hand...“

„Um wen geht es?“

„Um einen gewissen Kurt Heinrichs. Er bekam eine Kugel in den Kopf und wurde auf einer Müllkippe in Brandenburg gefunden.“

„Welches Kaliber?“, fragte ich.

„Er wurde mit einer .45er getötet. Das Projektil ist bei den Ballistikern.“

„Ich hatte es befürchtet“, meinte Rudi.

„In diesem Fall steht übrigens fest, dass der Tote schon mindestens eine Woche auf der Müllkippe lag. Man hatte ihn ziemlich sorgfältig eingepackt, aber Ratten fressen sich schließlich überall durch, wie die Erfahrung zeigt.“







38



Wir kehrten zunächst zum Präsidium zurück und versuchten, uns einen Reim auf das zu machen, was an neuen Erkenntnissen vorlag.

Max Herter hatte inzwischen alles, was es über Ronny Vincente herauszufinden gab zusammengetragen.

„Der hat einen Lebenslauf wie Aschenputtel“ meinte Max, als wir in unserem Dienstzimmer darüber sprachen. „Als Jugendlicher wurde er mit einer großen Portion Drogen erwischt, was ihn wohl davor rettete eine Karriere bei Gangs wie den ‚Killer Bandoleros’ zu machen.“

„Und womit verdient er jetzt sein Geld?“, fragte Rudi skeptisch.

„Er wird auf der Homepage einer großen Bank als Ansprechpartner im Kreditwesen angegeben. Die Seite ist mit Foto und dieses Foto wiederum passt zu den Aufnahmen, die bei seiner ersten Verhaftung gemacht worden waren.“

„Wird das Strafregister bei Jugendlichen nicht nach ein paar Jahren gelöscht?“, fragte Rudi.

„Ja, aber es gab einen Prozess und deswegen auch eine Akte. Diese Unterlagen habe ich mir besorgt. Der Mann scheint wirklich sauber zu sein.“

„Der Grund, weshalb er telefonischen Kontakt mit Sebastian Maybaum hatte, könnte also auch ganz harmlos sein“, schloss ich.

„Wir werden ihn einfach mal selbst fragen“, schlug Rudi vor.

„Ganz so harmlos ist er vielleicht doch nicht, auch wenn ich zugebe, dass die Verbindung zu Gerighauser sehr vage ist“, schränkte Max ein.

„Was für eine Verbindung?“, hakte ich nach.

„Gerighauser und Vincente sind im selben Straßenzug groß geworden. Ob in der Schule oder in einer Gangs – bei dem geringen Altersunterschied müssen sie sich eigentlich irgendwann mal über den Weg gelaufen sein.“

Vor Dienstschluss machten wir uns noch auf den Weg, um Ronny Vincente zu befragen – den Mann, der als letzter mit Sebastian Maybaum telefoniert hatte.

Er öffnete uns, nachdem wir an seiner Wohnungstür geklingelt hatten. Er trug Anzug und Krawatte. Letztere war leicht gelockert.

„Was wollen Sie?“, fragte er etwa ungehalten.

„Rudi Meier, BKA“, stellte sich Rudi vor. Er zeigte Vincente seinen Ausweis und deutete anschließend auf mich. „Dies ist mein Kollege Harry Kubinke. Können wir einen Moment hereinkommen, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen?“

„Fragen? Wieso?“

„Es geht um den Mord an einem Polizisten und Sie könnten ein wichtiger Zeuge sein.“

„Ich habe nichts gesehen und nichts gehört. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wovon Sie sprechen. Aber kommen Sie herein.“

Wir folgten ihm ins Wohnzimmer.

Auf dem Tisch standen Papiertüten mit dem Emblem der Restaurantkette Beijing Food, die im gesamten Großraum Berlin ein Netz von gut zwanzig Filialen eines asiatischen Schnellimbiss unterhielt.

„Ich komme gerade aus dem Büro und ich hoffe Sie haben nichts dagegen, dass ich die Sachen hier esse bevor sie kalt sind“, sagte Vincente.

„Nichts dagegen.“

Wir setzten uns, während Vincente die Jacke auszog, sorgfältig über einen Stuhl hängte, die Hemdsärmel hochkrempelte und dann damit begann die Tüten von Beijing Food auszupacken.

Mir fiel auf, dass es zwei Portionen waren.

„Leben Sie allein hier?“

„Ja. Warum fragen Sie, Herr Kubinke?“

„Auf Grund Ihrer Bestellung bei Beijing Food.“

„Was sind Ihre Fragen?“

Rudi mischte sich jetzt ein. „Kennen Sie einen Mann namens Sebastian Maybaum?“

„Nein. Nie gehört. Tut mir Leid.“

„Er ist Polizist gewesen. Letzte Nacht wurde er umgebracht und von Ihrem Festnetzanschluss aus ist nachweislich gegen sechs Uhr abends ein Gespräch über Maybaums Handy geführt worden.“

„Aber...“

„Sie sind einer der Letzten, der mit Maybaum gesprochen hat.“

Vincente schluckte.

Er schien plötzlich aus einem unerfindlichen Grund unter Druck zu stehen.

Mir fiel eine Sporttasche auf, die in eine Ecke geworfen worden war.

Der Ärmel eines Sweatshirts rage aus dem geöffneten Reißverschluss.

„Wem gehört die Tasche dort?“, fragte ich.

„Mir“, versicherte Vincente.

„Jemand, der sein Jackett aufhängt, damit es beim Essen nicht dreckig wird und ansonsten eine so penible Ordnung einhält, würde seine Sachen nicht so herumliegen lassen.“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Sie haben für zwei Personen Beijing Food mitgebracht.“

„Hören Sie, ich habe nicht ungesetzliches getan! Das letzte Mal...“

„Das letzte und einzige Mal, dass Sie verhaftet wurden war als Jugendlicher, das weiß ich“, schnitt ich ihm das Wort ab. „Das hält Ihnen niemand vor. Aber vielleicht hat sich ein Freund aus alten Zeiten kürzlich gemeldet...“

„Was reden Sie da?“

Ich zeigte ihm ein Foto von Gerighauser. „Wir suchen diesen Mann. Er heißt Ede Gerighauser.“

Vincente schwitzte plötzlich. „Nie gesehen.“

„Seit Sie beide Jugendliche waren, hat er sich vermutlich verändert. Aber der Name müsste Ihnen was sagen. Er sucht im Moment jemanden, bei dem er untertauchen kann. Einerseits sucht ihn die Polizei und...“

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen.“

„Dann lassen Sie uns einfach in der Tasche da vorne nachsehen“, meinte Rudi. „Vielleicht beruhigt uns das ja.“

Einen Augenblick lang herrschte absolute Stille.

Vincente schluckte und es war für uns offensichtlich, dass er mehr wusste und wir genau richtig lagen mit unseren Vermutungen.

Ich erhob sich und hatte die Hand an der Dienstwaffe. Angesichts von Vincentes Reaktion war Gerighauser vielleicht sogar noch in der Wohnung.

Ich ging vorsichtig zu der halb angelehnten Tür zum Nebenraum heran.

„Was haben Sie vor?“, fragte Vincente.

Aus dem Nebenraum war ein Geräusch zu hören, das entstand, wenn man eine Balkontür öffnete.

Statt einer Antwort stieß ich die Tür auf und platzte mit der Waffe in der Hand hinein.

Dieser zweite Raum diente als Schlafzimmer. Die Balkontür stand offen. Ein Luftzug bewegte die Gardine.

Draußen sah ich einen Schatten.

Ein Schuss krachte, ließ das neben der Balkontür befindliche Fenster zerspringen und fuhr dicht über mich hinweg. Das Projektil blieb im Türrahmen stecken.

Dann war der Schatten weg.

Ich stürzte hinterher, rannte hinaus und blickte über die Brüstung.

Ein Mann mit gelockten schwarzen Haaren befand sich auf dem Balkon der Nachbarwohnung. Es war Gerighauser. Er feuert mit einer Automatik ungezielt in meine Richtung. Der Schuss ging daneben. Gerighauser warf sich gegen die Fensterscheibe der Nachbarwohnung. Die Scheibe brach. Das Glas splitterte. Gerighauser landete im Inneren.

„Rudi, er ist gleich auf dem Flur!“, rief ich, überkletterte die Balkonbrüstung und landete ebenfalls auf dem Nachbarbalkon.

Ich stieg durch das zerstörte Fenster ein. Eine Tür schlug zu.

Ich schnellte durch die Wohnung.

Der Täter musste bereits im Flur sein.

Von dort waren Schüsse zu hören. Ich hatte die Wohnungstür fast erreicht, als ich aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung wahrnahm.

„Waffe weg!“

Ich drehte mich um. Ein grauhaariger Mann war aus der Tür zur Küche herausgeschnellt und hielt mir einen Revolver entgegen.

„Harry Kubinke, BKA. Sie behindern eine Festnahme!“

„Hören Sie, ich weiß nicht, was Ihr Freund gerade hier wollte, aber das werden wir alles in Ruhe klären und zwar mit der echten Polizei!“

Ich wollte nach meiner ID-Card greifen, erstarrte aber, als mein Gegenüber den Hahn des Revolvers spannte. „Ich sagte: Keine Bewegung!“

„Dann sehen Sie selber nach!“

Der Grauhaarige näherte sich, hielt die ganze Zeit die Waffe auf mich gerichtet und holte schließlich meine ID-Card aus der rechten Innentasche.

Er warf einen Blick darauf.

Ich bekam sie wieder.

„Nichts für ungut“, stammelte er. „Aber...“

„Schon gut!“, sagte ich und rannte auf den Flur.

Rudi sah ich in Richtung Treppenhaus rennen.

„Wo bleibst du, Harry? Der Kerl ist mit dem Aufzug auf dem Weg nach unten!“

Ich folgte Rudi. Der Zugang zum Treppenhaus war abgeschlossen. Rudi öffnete sie mit einem wuchtigen Tritt.

Wir hetzten die Stufen hinunter und erreichten schließlich den Ausgang und befanden uns Augenblicke später auf der Hauptstraße. Ein Ford brach aus der Phalanx der am Straßenrand parkenden Fahrzeuge aus und fädelte sich auf rücksichtslose Weise in den Verkehr ein. Der Mann am Steuer war Gerighauser. Ich sah ihn für einen kurzen Moment. Mit der Dienstwaffe zielte ich auf die Hinterreifen und feuerte einmal. Die Kugel ging knapp daneben und drang durch den Kotflügel des Fords.

Gerighauser riss das Steuer herum und bog in eine Seitenstraße ein. Rudi hatte bereits das Handy am Ihr, um das Kennzeichen in die Fahndung zu geben und Verstärkung anzufordern.

Inzwischen war auf Grund der rücksichtslosen Fahrweise, die Gerighauser an den Tag gelegt hatte, ein Stau entstanden. Es würde einige Zeit dauern, bis der Dienst-Porsche aus seiner Parklücke herauskam.

„Der ist weg!“, stellte Rudi fest.

„Abwarteten. Vielleicht weiß Vincente mehr.“

„Er schien nicht sehr gesprächig zu sein.“

„Da ist diplomatisches Geschick gefragt, Rudi.“

„Was du ja im Übermaß besitzt oder habe ich das jetzt falsch verstanden!“

„Ich glaube nicht, dass dieser Vincente wirklich weiß, worum es hier geht. Er wollte vielleicht einem alten Kumpel helfen, aber er ist kein Krimineller.“

Rudi zuckte die Schultern. „Versuchen wir unser Glück.“







39



Wir kehrten zu Ronny Vincente zurück.

„Ich sollte Ihnen vielleicht einiges erklären“, sagte er.

„Ja, das sollten Sie“, stellte Rudi fest. „Sonst sitzen Sie ziemlich tief in der Tinte!“

„Ich kenne Ede. Wir waren Freunde, bis sich unsere Wege trennten, nachdem ich wegen Drogenhandels festgenommen wurde und eine zweite Chance erhielt, sodass mein Leben eine ganz andere Bahn genommen hat.“

„Aber eines Tages tauchte Ede Gerighauser hier auf, um Sie um einen Gefallen zu bitten!“, stellte ich fest.

Vincente nickte.

„Ja, genau so war es. Er hat kurz gesagt, dass er Schwierigkeiten mit ein paar Leuten aus dem Kiez hätte.“

„Das hat er vielleicht auch – aber außerdem wird er im Zusammenhang mit den Morden an zwei Polizisten gesucht“, gab ich ihm zu bedenken.

„Davon hat er mir nichts gesagt“, erwiderte Vincente.

„Haben Sie eine Ahnung, wo wir Ede Gerighauser finden können?“

„Nein.“

„Gibt es noch irgendwelche Verwandte, bei denen er vielleicht untertauchen könnte – so wie bei der Tante Ludmilla?“

„Es gibt einen Onkel, von dem er gesprochen hat.“

„Wie heißt dieser Onkel?“

„Ferdinand Gerighauser. Er besitzt eine Autoverleihfirma. Mit einer Adresse kann ich Ihnen leider nicht dienen, aber ich nehme an, dass Sie die auch so herausbekommen.“







40



Die Adresse von Ferdinand Gerighauser war durch unsere Innendienstler schnell ermittelt. Wir rückten mit großem Aufgebot an. Das Reihenhaus, in dem Ferdinand Gerighauser wohnte, wurde durch Kollegen der Schutzpolizei umstellt. Wir trafen etwas später ein. Ich parkte den Dienst-Porsche in einer Seitenstraße und wir stiegen in einen Transporter mit dem Schriftzug eines Pizza Service, der auf der Seite schräg gegenüber der Garageneinfahrt des Reihenhauses am Straßenrand parkte. Dort befand sich die Einsatzzentrale.

Unser Kollege Kommissar Pulaski begrüßte uns. Er war der Einsatzleiter dieser Operation.

„Unsere Leute sind auf den Nachbargrundstücken oder befinden sich in parkenden Fahrzeugen“, erklärte Pulaski. „Sollte er im Haus sein, kann er uns nicht entkommen. Allerdings können wir nicht einfach das Gebäude stürmen.“

„Warum nicht?“, fragte Rudi.

„Das Risiko ist zu groß. Ferdinand Gerighauser hat eine Frau und drei Kinder. Es ist vermutlich ein Säugling im Haus.“

„Dann warten wir ab, was sich tut“, schlug ich vor.

Pulaski nickte. „Genau. Sicherheitshalber haben war eine Thermoskanne voll Kaffee dabei.“

Über Funk meldete sich einer der Kommissaren, die die Rückseite des Hauses überwachten.

Er berichtete, dass sich Gerighauser kurz im Freien auf der Terrasse gezeigt hatte.

„Ein Zugriff war leider nicht möglich. Er ist jetzt wieder im Haus“, meldete der Kommissar.

„War die Identifizierung eindeutig?“, fragte Pulaski.

„Ja. Der Mann entspricht dem Bild in den Archiven.“

„Dann wissen wir jedenfalls, dass wir hier nicht umsonst warten“, meinte Rudi.







41



Die Dämmerung brach bereits herein, als endlich etwas geschah. Gerighauser ging ins Freie. In der Garageneinfahrt stand ein Chrysler, der auf Ferdinand Gerighauser zugelassen war, wie die Kollegen inzwischen längst überprüft hatten.

Ede Gerighauser öffnete per Fernbedienung das Garagentor. Automatisch ging das Licht an. Wir erkannten den Ford wieder, mit dem er geflüchtet war. Das Nummernschild wurde zwar durch den Chrysler verdeckt, aber ich war überzeugt davon, dass es übereinstimmte.

Gerighauser öffnete den Kofferraum. Er wollte irgendetwas aus dem Wagen herausnehmen.

„Zugriff!“, befahl Pulaski.

Im nächsten Moment stürzten wir mit der Dienstwaffe in der Hand ins Freie. Auch die anderen an diesem Einsatz beteiligten Kommissaren verließen ihre Verstecke.

Ede Gerighauser merkte, dass etwas nicht stimmte, drehte sich um und riss dabei seine Automatik aus dem Hosenbund.

„BKA! Waffe weg!“, rief ich.

Gerighauser zögerte eine Sekunde. Er blickte sich um, sah die in Stellung gegangenen BKA-Kommissare und ahnte wohl, dass er keine Chance mehr hatte.

Das Spiel war aus.

Er ließ die Waffe sinken. Rudi schnellte auf ihn zu, nahm ihm die Waffe ab. Im nächsten Moment ließ einer der anderen Kollegen die Handschellen klicken.

„Sie sind verhaftet, Herr Gerighauser. Es besteht der Verdacht, dass Sie Sebastian Maybaum und Thorben Rademacher getötet haben. Von nun an kann alles, was Sie sagen vor Gericht gegen Sie verwendet werden...“ Ich klärte ihn über seine Rechte auf.

„Ich habe niemanden getötet!“, rief er.

„Wir nehmen ihn mit zu unserem Präsidium“, bestimmte Rudi. „Ich nehme an, dass wir uns länger mit ihm unterhalten müssen...“







42



Gerighauser saß gefesselt auf der ziemlich engen Rückbank des Dienst-Porsches, während wir uns auf den Weg zum Präsidium machten.

„Ich habe niemanden umgebracht!“, behauptete er während der Fahrt.

„Vielleicht beraten Sie sich besser mit einem Anwalt, bevor Sie irgendeine Aussage machen“, sagte ich ihm. „Zumindest in einem der Fälle gibt es jemanden, der Sie gesehen hat.“

„Und wo soll das bitteschön gewesen sein?“

„Bei Udo’s Imbiss. Sie hatten eine Waffe dabei und standen unter einer Laterne. Wahrscheinlich haben Sie Rademacher angerufen, damit er mit Ihnen zur Kaimauer geht. Dort haben Sie ihn erschossen.“

Er schwieg.

„Und was Maybaum angeht...“, begann Rudi, aber Gerighauser unterbrach ihn.

„Ich habe niemanden umgebracht! Untersuchen Sie meine Waffe!“

„Das werden die Kollegen vom Labor mit Sicherheit sehr gründlich tun“, versprach ich. „Sie wollten Rache, nehme ich an. Rademacher, Maybaum und Subotitsch hatten irgendetwas gegen Sie in der Hand, womit man Sie dazu erpresste, Ihre Gang zu verraten, die ‚Killer Bandoleros’. Ihre Eltern und Ihre Schwester sind der Rache dieser Gang zum Opfer gefallen. Aber Sie haben sich die Schuld gegeben. Subotitsch wäre wahrscheinlich der dritte Tote gewesen.“

„Subotitsch wird der dritte Tote sein“, murmelte Gerighauser. „Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“

„Vielleicht reden Sie jetzt und packen alles aus, Gerighauser. Sie können nichts mehr verlieren. Eine Mordanklage ist Ihnen sicher.“

Im Rückspiegel konnte ich sehen, wie er mit sich kämpfte.

Ich konnte nur hoffen, dass er sich für das richtige entschied.

„Betreiben Sie eigentlich Kampfsport?“, fragte ich.

„Nein.“

Ich ließ ihn eine Weile in Ruhe. Wenig später hatte er sich entschieden.

„Ich packe aus“, sagte er. „Jetzt hat alles sowieso keinen Sinn mehr.“

„Wir sind ganz Ohr, Herr Gerighauser“, erwiderte Rudi.

„Wie ich schon sagte, ich habe niemanden umgebracht. Ich kannte Rademacher und Maybaum, weil ich ihnen als Informant gedient hatte. Normalerweise wäre ich nie dazu bereit gewesen. Man verrät seine Gangbrüder nicht. Das ist verachtenswert. Aber Rademacher und die anderen hatten mich in der Hand. Ich war ihnen mit etwas Rauschgift ins Netz gegangen und sie drohten, die Beweise so zu manipulieren, dass ich als Großhändler für viele Jahre in den Bau gegangen wäre. Keine Ahnung, woher sie den nötigen Stoff dafür hatten. Aber sie besaßen ihn! Kokain, Heroin – und das in Mengen, die für so eine Intrige ausreichten. Wahrscheinlich haben sie den Stoff bei anderen Operationen abgezweigt. Oder sie besaßen sehr gute Beziehungen zu anderen Drogenhändlern, bei denen Sie auch ein Auge zugedrückt hatten und die ihnen nun etwas schuldig waren. Ich glaube, die beiden machten ein richtiges Geschäft aus der Sache.“

„Die Sache mit den ‚Killer Bandoleros’ gilt als ein großer Erfolg ihrer Polizeiarbeit!“, gab ich zu bedenken.

„Es war mein Erfolg. Die Verhaftungen der gesamten Führungsriege der Gang wären nicht möglich gewesen, wenn ich ihnen nicht Ort und Zeit eines Großdeals verraten hätte. Seitdem ist ‚der King’ hinter mir her. Das ist der Spitzname von Lionel Bentz. Sein Bruder Manuel hat natürlich gleich zwei und zwei zusammengezählt und geahnt, dass er mir seinen Aufenthalt in der JVA verdankte. Und ‚der King’ hat dann erbarmungslos zugeschlagen.“ Er schluckte. Es sprudelte aus ihm heraus. Offenbar war es ihm schon lange ein Bedürfnis gewesen, diese Dinge jemandem zu erzählen. „Sie haben meine Schwester und mich gefangen genommen und in eine leere, abgelegene Lagerhalle verschleppt. Dort wurde sie vor meinen Augen erschossen und außerdem hat mir ‚Der King’ angekündigt, dass ich meine Eltern in ihrem Blut finden würde. So kam es dann auch.“

„Dieser sogenannte 'King' hat Sie offenbar am Leben gelassen“, stellte ich verwundert fest. „Warum hat er die Rache nicht an Ihnen vollzogen?“

„Weil er mich leiden lassen wollte. Ich sollte daran denken, dass es meine Schuld gewesen sei, was geschehen war. Und eines Tages, so kündigte er mir an, würde er zuschlagen und mich auch auslöschen. Ganz gleich, wo ich auch hinflüchten würde, ich könnte nie sicher sein, ob nicht hinter der nächsten Ecke jemand lauert, der das Urteil, das er über mich gesprochen hatte, vollstreckt. Aber das passt zum 'King'. Ich kenne ihn ja schon seit wir Teenager waren. Er ist ein Sadist.“

„Sie haben seinerzeit geschwiegen und die Ermittlungen der Polizei nicht gerade unterstützt“, stellte Rudi fest. „Zumindest geht das aus den Unterlagen hervor, die uns vorliegen.“

„Ich hätte mich selbst ans Messer geliefert. Schließlich hatte ich genug auf dem Kerbholz, um in den Knast zu wandern.“ Sein Gesicht verzog sich.

„Warum haben Sie sich nicht an Ihre Polizistenfreunde gewandt?“, fragte ich.

„Für die war ich uninteressant geworden, nachdem ich bei den Killer Bandoleros zu einem Ausgestoßenen geworden war. Diese Bastarde! Die haben mich fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Jetzt erpressen sie andere, denen sie falsche Beweismittel untergeschoben haben, um sie auspressen zu können wie eine Zitrone. Was aus mir wurde, war ihnen gleichgültig.“

„Ein Staatsanwalt könnte das als Mordmotiv ansehen“, sagte Rudi.

„Aber so war es nicht.“

„Bislang haben Sie uns nichts geboten, was Sie aus der Schusslinie nimmt!“

„Meine Aufgabe war es nur, Rademacher und Maybaum zum Tatort zu locken. Ich sollte ihnen damit drohen, alles auszupacken und ihre Machenschaften ans Licht zu bringen. Sie hatten doch gerade ihre Versetzung hinter sich und mit Mühe und Not verhindert, dass das wahre Ausmaß ihrer Geschäfte ans Licht kam. Wenn ich mich damit an die Staatsanwaltschaft gewandt hätte, hätte sie das in einem Moment erwischt, in dem sie schon ohnehin ziemlich schwach dastanden.“

„Das klingt so, als hätte Sie jemand beauftragt“, stellte ich fest.

„Ja.“

„Wen?“

„Den Namen werde ich erst nennen, wenn ich juristische Garantien habe und die Staatsanwaltschaft einen Deal mit mir macht.“

„Wenn das, was Sie sagen der Wahrheit entspricht, müssen Sie trotzdem eine Anklage wegen Beihilfe zum Mord befürchten.“

„Ich weiß“, murmelte Gerighauser. „Aber ich setze darauf, dass man mir entgegenkommt.

„Sie sollten sich nicht zuviel versprechen“, sagte Rudi.







43



Wir lieferten Gerighauser im Präsidium ab. Er wurde unseren Verhörspezialisten Pascal Horster und Meinert Schneider vorgeführt. Sie baten uns darum, bei der Vernehmung dabei zu sein, schließlich hatten wir den Großteil der Fakten ermittelt, die mit Gerighauser und den Morden an Maybaum und Rademacher in Zusammenhang standen.

Ein Pflichtverteidiger wurde herbeigerufen. Außerdem ein Vertreter der Staatsanwaltschaft.

„Ich sage kein Wort, ehe das hier nicht in einem offizielle Deal mündet“, sagte er großspurig.

„Was ist mit Tom Subotitsch?“, fragte ich ihn trotzdem. „Er war doch an den Machenschaften von Rademacher und Maybaum beteiligt.“

„Das war er.“

„Wäre er der nächste auf der Mordliste gewesen?“

„Mit einem Deal kann die Staatsanwaltschaft vielleicht auch das Leben von Tom Subotitsch retten!“ Er grinste. „Natürlich ist er der Nächste. Und die Hintermänner sind dazu gezwungen schnell zu handeln. Das erhöht die Gefahr für Subotitsch. Und glauben Sie mir, ich war vielleicht ein Helfershelfer – aber die Leute von denen ich spreche sind durchaus in der Lage, völlig auf sich allein gestellt zu töten!“

„Wir sollten Subotitsch warnen!“, meinte Rudi.

„Das können Sie tun – nur wird es nichts nützen“, sagte Gerighauser. „Irgendwann wird irgendwer zuschlagen und Subotitschs Leben beenden. Selbst wenn Sie ihn jetzt warnen, wird ihn das nicht auf Dauer schützen.“

Staatsanwalt Robert Horner traf ein. Wenig später stieß auch der bestellte Pflichtverteidiger zu uns. Er hieß Jörn Gallinger und wollte sich zunächst mit seinem Mandanten unter vier Augen besprechen.

Inzwischen versuchte unser Innendienstler Max Herter den Kollegen Subotitsch telefonisch zu erreichen. Ich hatte ihm den Hinweis gegeben, dass Subotitsch uns gegenüber angegeben hatte, Urlaub in seinem Ferienhaus in Mecklenburg machen zu wollen. Die Adresse ließ sich herausfinden.

„Dort gibt es aber keinen Festnetzanschluss“, erklärte Max allerdings.

Kriminaldirektor Bock schaltete sich persönlich in den Fall ein und gab uns schließlich die Anweisung, nach Mecklenburg zu fahren.

„Suchen Sie Subotitsch auf und überzeugen Sie ihn, dass er aussagen muss. Wie viel an den Aussagen von Herr Gerighauser der Wahrheit entspricht, muss sich noch zeigen, aber fest steht, dass er uns einiges erklären muss.“

„Sobald sich Gerighauser dazu entschließt, endlich seinen Auftraggeber zu nennen, würde ich gerne telefonisch verständigt“, bat ich.

„Sie werden auf dem Laufenden gehalten“, versprach unser Chef.







44



Als wir Richtung Norden fuhren, wurde es bereits dunkel.

Das letzte Stück bis zum See, an dem das Ferienhaus lag, mussten wir über ziemlich kleine Straßen zurücklegen. Rudi versuchte zwischendurch immer wieder, Subotitsch auf seinem Handy zu erreichen, aber wir wurden an die Mailbox verwiesen.

„Was glaubst du, macht dieser Gerighauser nur eine große Show, um seinen Hals zu retten, juristisch etwas herauszuschlagen?“

„Wenn ja, dann brauchen wir uns keine Sorge um Subotitsch machen, Harry.“

„Höchstens, dass er sich davonmacht, um der drohenden Strafverfolgung zu entgehen.“

„Das glaube ich nicht.“

„Er wirkte auf mich wie jemand, der das Ganze einfach aussitzt und sich am Ende darauf verlässt, dass er hervorragende Beziehungen hat. Und zwar sowohl zur Justiz als auch zur Unterwelt.“

„Stimmt.“

„Aber mal angenommen, Gerighauser sagt die Wahrheit. Es gab einen Auftraggeber. Wer käme da in Frage?“

„Jemand, der sich durch das Dream-Team der Drogenabteilung nicht länger abzocken lassen wollte“, zog Rudi messerscharf den nahe liegenden Schluss. „Harry, die Drei haben einen Riesenfisch an der Angel gehabt. Zumindest, wenn man nach Maybaums Kontoauszügen geht!“

„Was für ein passender Vergleich, wenn man bedenkt, dass Subotitsch zum Angeln gefahren ist“, gab ich zurück.

Eine Weile schwiegen wir. Ich hatte das Gefühl, etwas übersehen zu haben. Ein entscheidendes Detail, das den ganzen Fall auflöste.

Das Navigationssystem führte uns schließlich ziemlich sicher zu Subotitschs direkt am Ufer des Sees gelegenen Ferienhauses.

Es war ziemlich dunkel hier.

In der Zufahrt standen ein Porsche und der Geländewagen, den wir bei Subotitsch auf dem Hof gesehen hatten.

Ich zog meine Waffe.

Rudi folgte aber meinem Beispiel.

„Erinnerst du dich an die Aussage von Martin Thorn, dem Obdachlosen, der im Lagerhaus bei Udo’s Imbiss übernachtete, Rudi?“

„Er wollte gehört haben, wie ein Porsche davonfuhr...“

„Gerighauser war dort, das steht fest. Aber vielleicht auch noch jemand...“

Das Haus lag zwischen hohen Bäumen. Der Mond stand hell über dem See. Ein Bootssteg ragte etwa zwanzig Meter ins Wasser hinein. Mehrere Boote waren dort befestigt.

Wir pirschten uns zunächst ans Haus. Alles schien ruhig. Kein Laut war zu hören. Im Haus brannte Licht. Die Tür stand offen.

Rudi stieß sie zur Seite, um sich innen umzusehen. Ich blieb draußen und behielt die Umgebung im Blick. An einem der Boote sah ich einen Schatten sich erheben. Jemand machte sich dort zu schaffen.

„Es ist niemand im Haus!“, sagte Rudi.

Ich deutete zu den Booten.

Rudi sah es auch. Der Schatten stieg an Land und wollte offenbar die Vertäuung lösen.

Wir näherten uns. Für den Mann auf dem Steg waren wir lange Zeit in eine Schattenzone unter den großen Bäumen verborgen. Wir hingegen hatten ihn im Licht deutlich sehen können.

Jetzt bemerkte er uns.

„Keine Bewegung! Polizei!“, rief ich.

Er griff unter seine Jacke, riss eine Waffe hervor. Ein Schuss krachte und pfiff über uns hinweg. Ich schoss zurück und erwischte ihn an der Schulter. Die Wucht des Geschosses riss ihn nach hinten und ließ ihn auf dem rutschigen Steg der Länge nach zu Boden fliegen.

„Waffe weg!“, rief ich und stürmte den Steg entlang, die Dienstwaffe dabei im beidhändigen Anschlag.

Das Mondlicht sorgte dafür, dass man unseren Gegner sehr gut sehen konnte. Er rappelte sich auf, hob noch einmal die Waffe und richtet sie auf mich.

Sekundenbruchteile blieben mir, um mich zu entscheiden.

Aber mir war instinktiv klar, dass dieser Mann schießen würde.

Der Mündungsblitz seiner Waffe leuchtete auf. Ich schoss annähernd im selben Moment. Sein Schuss ging daneben, während meine Kugel ihn in den Oberkörper traf.

Er hatte mir keine andere Wahl gelassen.

Ich ging auf den regungslos daliegenden Mann zu.

Schließlich stand ich zu seinen Füßen. Seine Augen blickten starr in Nichts. Das Mondlicht spiegelte sich in ihnen. Ich senkte die Waffe.

Rudi war mir gefolgt.

„Das ist der Mann, den wir suchen“, stellte ich fest. „Jemand, der Kampfsport betreibt, wie er uns selbst erzählt hat, und einen Porsche fährt.“

„Reza Tannous!“, stieß Rudi hervor.

„Die Waffe war von Anfang an die richtige Spur.“

„Er wird sie zwischenzeitlich irgendwo deponiert haben. Wie hätten wir das herausfinden können?“

Ich deutete auf das Boot, dessen Vertäuung beinahe gelöst worden war. Es handelte sich um ein einfaches Ruderboot, mit dem Angler hinauszufahren pflegten. Besonders nachts, wenn die Fische zur Ruhe kamen und besonders leicht anbissen.

Ein Mann lag regungslos darin – der Länge nach hingestreckt auf der Seite. Er trug nur eine Badehose. Das Gesicht war nicht zu sehen.

Rudi steckte seine Waffe ein und stieg auf das Boot. Er beugte sich über den Körper und drehte ihn herum.

„Es ist Subotitsch“, stellte er fest. „Hier ist ein Tuch mit...“ Rudi schnupperte kurz daran. „...Chloroform!“

Ich atmete tief durch. „Subotitsch sollte also hinaus auf den See geschafft werden und betäubt in den See geworfen werden“, stellte ich fest.

Rudi nickte. „Alles sollte wie ein Badeunfall aussehen.“

„Reza Tannous ist – war! - der Mann fürs Grobe bei Benny Farkas. Wenn Gerighauser Aussage stimmt, dann muss Farkas der Auftraggeber sein, Rudi!“

„So hat das sogenannte Dream-Team sich vielleicht mit Farkas eine ganz große Nummer als Opfer Ihrer Erpressungen ausgesucht!“

„Aber jemand wie Farkas lässt sich das nicht gefallen und schickt seinen Bluthund.“

„Nur können wir Farkas kaum etwas beweisen, jetzt da ihn sein Bluthund Reza Tannous nicht mehr belasten kann!“

„Warten wir ab, Rudi“, sagte ich. „Vielleicht siegt bei Subotitsch jetzt vielleicht endlich die Vernunft!“

„Oder der Überlebenswille!“, erwiderte Rudi. „Schließlich muss Subotitsch doch klar sein, dass Farkas sofort einen weiteren Killer auf ihn ansetzen wird – schon um die eigene Haut zu retten.“







45



Wir schafften den bewusstlosen Subotitsch zurück ins Haus und meldeten uns im Präsidium. Dabei erfuhren wir, dass Ede Gerighauser inzwischen ausgesagt hatte.

Seine Aussage bestätigte das, was wir bereits vermuteten. Kriminaldirektor Bock beorderte unsere Spurensicherer Sami Oldenburger und Pascal Horster zu dem Haus am See in Mecklenburg. Außerdem wurde die zuständige Gerichtsmedizin alarmiert, um Reza Tannous’ Leiche zu bergen, sowie ein Arzt, der sich um Tom Subotitsch kümmern sollte.

Wir hatten Subotitsch in sein Bett gelegt und bemühten uns darum, ihn aufzuwecken. Aber erst, als bereits der Gerichtsmediziner eintraf, erwachte er aus seiner Betäubung. Er wirkte verstört und wunderte sich darüber, dass er unter der Decke nur eine Badehose trug.

Wir erklären ihm, was geschehen war. Er nahm es ruhig zur Kenntnis.

„Sie wissen, dass Farkas bei nächster Gelegenheit einen anderen Killer schicken wird“, versuchte ich ihm klarzumachen. „Wir haben die Aussage eines Junkies und Ex-Mitgliedes der Killer Bandoleros, den Sie, Maybaum und Rademacher zu Spitzeldiensten gegen Farkas gepresst haben. Aber es ist zweifelhaft, ob dass reichen wird, um ihn festzunageln. Er wird davonkommen, Herr Subotitsch. Und er wird sich in aller Ruhe einen Profi anheuern können, der Sie umbringt.“

„Es ist Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen“, ergänzte Rudi. „Ein Verfahren kommt ohnehin auf Sie zu und Ihr Dienst in der Polizei dürfte so oder so beendet sein. Es ist nur die Frage, ob Sie überleben wollen?“

Subotitsch überlegte einen Moment. Er richtete sich auf und fuhr sich mit der flachen Hand über sein Gesicht.

„Okay“, sagte er. „Das Spiel ist aus.“

„Es freut mich, dass Sie realistisch genug sind, das zu erkennen. Dann helfen Sie uns, Farkas vor den Richter zu stellen.“

„Das ist nicht so einfach, Herr Kubinke. Farkas ist paranoid. Er hat mindestens ein halbes Dutzend Wohnungen unter den Namen von Strohmännern gekauft, wo er sich notfalls verkriechen kann, wenn mal ein Haftbefehl auf seinen Namen ausgestellt werden sollte. Er schläft alle paar Nächte woanders. Manchmal jettet er einfach nach Miami oder Los Angeles, wo er auch Residenzen besitzt.“

„Dann muss man ihn eben aus seinem Versteck locken“, erwiderte ich. „Wie sind Sie mit Farkas in Kontakt getreten – um ihn zu erpressen?“

„Wir haben uns in einer konspirativen Wohnung getroffen. Er kam natürlich nie persönlich. Wir hatten einen Mittelsmann.“

„Ede Gerighauser?“

„Ja.“

„Davon hat Gerighauser uns noch gar nichts erzählt“, ergänzte Rudi. „Seiner Darstellung nach hat Ihr ehrenwertes Polizisten-Trio ihn gnadenlos fallengelassen, nachdem die Verhaftung der ‚Killer Bandoleros’ über die Bühne gegangen war.“

„Haben wir auch. Er hat das nervlich nicht durchgestanden und ist zum Junkie geworden.“

„Wundert Sie das – nach dem, was mit seiner Schwester und seinen Eltern geschehen ist?“

„Farkas muss gewusst haben, dass Ede Gerighauser unser Informant war. Er hat ihn umgedreht und zu seinem Geschöpf gemacht, indem er ihn mit Heroin versorgte. Gerighauser hätte alles für Farkas getan. Wir hatten Beweise gegen Farkas gesammelt und sie gegen eine gewisse Gebühr zurückgehalten.“

„Wo sind diese Beweise? In Rademachers Wohnung?“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Wir haben Christine Wistanow dort kurz nach Rademachers Ermordung angetroffen! Sie hatte das Polizeisiegel gebrochen.“

„Thorben war wohl leider zu hormongesteuert, um zu merken, dass diese Christine es von Anfang an nur auf eines abgesehen hatte: Den Schlüssel zu dem Schließfach in dem sich die Videomitschnitte einiger Großdeals befinden, an denen Farkas beteiligt war.“

„Einen Schlüssel hätte sie herausschmuggeln können“, meinte Rudi. „Ihr Schlüsselbund wurde nicht überprüft. Warum auch?“

„Haben Sie auch einen Schlüssel?“, fragte ich.

Subotitsch nickte. „Ja, aber dort ist nichts mehr!“

„Wie wollen Sie das wissen?“

„Maybaum rief mich sofort nach Rademachers Tod an. Er hatte das bereits überprüft, war aber wohl zu spät. Christine Wistanow hat ganze Arbeit geleistet.“

„Ein fast perfekter Plan, an dessen Ende Farkas Sie und Ihr beiden ermordeten Kollegen losgeworden wäre!“

„Sie sagten, ich soll Ihnen helfen...“, murmelte Subotitsch. „Wie sähe das aus?“

„Mein Plan ist nicht ganz risikolos“, gestand ich. „Aber wenn Farkas jetzt davonkommt, sind Sie früher oder später ein toter Mann.“

„Ich weiß“, nickte er.







46



Gegen Mittag des nächsten Tages bereiteten wir im Präsidium alles vor, um Farkas eine Falle zu stellen. Wir waren dabei sowohl auf die Mithilfe von Ede Gerighauser, als auch auf die Unterstützung von Subotitsch angewiesen. Beide ließen sich das natürlich durch ein Entgegenkommen der Staatsanwaltschaft honorieren.

Kronzeugenregelung nennt man das.

Und man kann davon halten, was man will.

Wenn dadurch jemand wie Farkas aus dem Verkehr gezogen wurde, konnte man das allerdings rechtfertigen.

Gerighauser schlug vor, dass er Farkas auf seinem speziellen Prepaid Handy kontaktierte, um ihm zu berichten, dass der Anschlag auf Subotitsch fehlgeschlagen war und Subotitsch sich jetzt mit Farkas persönlich treffen wollte, um die Sache zu bereinigen.

Als Treffpunkt wurde die konspirative Wohnung in Berlin vorgeschlagen.

Farkas ging darauf ein.

Es blieb ihm auch keine andere Wahl.

Das Treffen wurde für den späten Nachmittag verabredet und dabei waren wir auf die Hilfe von Tom Subotitsch angewiesen.







47



Wir fuhren mit einem Dutzend Kommissaren los. Die Wohnung lag in einem Wohnblock, der eher zur unteren Kategorie gehörte. Es gab keine Sicherheitsvorkehrungen. Weder Kameras noch private Security Guards sorgten für den Schutz vor Kriminellen. Die Hälfte der Wohnungen des zwölfstöckigen Gebäudes standen leer.

Für uns war das ein Vorteil. Das Treffen zwischen Subotitsch und Farkas musste eingehend dokumentiert werden. Minikameras und Mikrofone mussten in der Wohnung installiert und über Kontrollmonitore in einer leer stehenden Nachbarwohnung aus überwacht werden.

Wir warteten dort auf unseren Einsatz. Schließlich mussten wir unter Umständen sehr schnell eingreifen, wenn Subotitsch in Gefahr geriet.

Farkas war pünktlich. Zusammen mit einem Gefolge von vier Mann tauchte er auf. Einer wurde abgestellt, um den Eingang zu sichern, die anderen betraten mit ihm zusammen die Wohnung. Sie durchsuchten zunächst einmal alles, fanden aber nichts Verdächtiges.

Einer durchsuchte Subotitsch nach Waffen und Mikrofonen. Aber letztere waren nicht an seinem Körper installiert.

„Sie sehen, dass ich davongekommen bin, Herr Farkas“, sagte Subotitsch. „Ich hoffe, Ede hat Ihnen die Dringlichkeit der Sache klar gemacht.“

„Das hat er. Keine Sorge“, knurrte Farkas zwischen den Zähnen hindurch. Er steckte sich eine Zigarre in den Mund. „Jetzt erzählen Sie mir nicht, Sie wollen das Geschäft, das Sie bisher mit Ihren Kollegen Rademacher und Maybaum durchgezogen haben, jetzt im Alleingang weiter betreiben wollen?“

Er hob die Augenbrauen. „Warum nicht? Was wollen Sie dagegen tun? Noch einmal versuchen mich umbringen zu lassen?“

„Sie sind ein Narr, Subotitsch! Die Beweismittel sind längst in meiner Hand.“

„Meinen Sie die Aufzeichnungen, die Christine Wistanow gestohlen hat? Es gibt Kopien. Und zusätzlich kommen jetzt noch die Morde an meinen Kollegen hinzu. Und das nehme ich persönlich!“

„Seien Sie froh, dass Sie noch am Leben sind!“, zischte Farkas.

„Warum haben Sie sich nicht mit uns an den Tisch gesetzt, wenn Sie der Meinung waren, dass unsere Provision zu hoch ist?“, fragte Subotitsch. „Warum mussten Sie einen Killer wie Reza Tannous auf uns ansetzen?“

„Weil ich keine Lust mehr hatte, solche Blutsauger weiter mit dem zu ernähren, was ich mit meiner Hände Arbeit erwirtschaftet habe!“ Farkas schnippste mit den Fingern. „Nehmt ihn mit und macht mit ihm eine Spazierfahrt. Es gibt sicherlich irgendwo im Umland Berlins einen Tümpel oder eine Müllhalde, wo man diese erbärmliche Witzfigur eines Bullen leicht verschwinden lassen kann...“

In diesem Augenblick kam das Signal zum Zugriff.

Diesmal war es Kommissar Fred LaRocca, der es gab, da diese Aktion unter seiner Einsatzleitung stand.

Wir stürmten aus unseren Verstecken, traten die Tür ein und waren wenig später im Inneren der Wohnung.

Die Bodyguards ergaben sich sofort.

Farkas wirkte im ersten Moment orientierungslos.

„Herr Farkas! Sie sind verhaftet“, stellte Rudi fest. „Wegen Anstiftung zum Mord in mindestens zwei Fällen sowie einem Versuch.“ Rudi klärte ihn anschließend über seine Rechte auf, aber Farkas hörte gar nicht zu.

„Wer weiß? Vielleicht kommt ja noch der eine oder andere Fall dazu“, meinte ich. „Es gibt da zum Beispiel einen Händler von illegalen Waffen namens Kurt Heinrichs, der unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden wurde... Und wer weiß, was wir noch über die Schießerei herausfinden, die vor ein paar Jahren im ‚Abraxas’ für Angst und Schrecken sorgte...“







48



Der Prozess gegen Farkas machte Schlagzeilen. Auch die besten Anwälte bewahrten ihn nicht vor einer Verurteilung, die darauf hinauslief, dass er für viele Jahre weggesperrt wurde. Da Gerighauser nun auch umfassend zur Ermordung seiner Eltern und seiner Schwester aussagte, konnten im Anschluss auch Lionel ‚der King’ Bentz und seine Getreuen festgenommen und vor Gericht gestellt werden. Ein Schlag, von dem sich die ‚Killer Bandoleros’ wohl nicht mehr erholen würden.

„Das sind die Augenblicke, in denen ich an die Gerechtigkeit unserer Justiz glaube“, sagte Rudi dazu in unserem Dienstzimmer.

Ich nippte an meinem Kaffee.

„Dafür sind Gerighauser und Subotitsch relativ glimpflich davongekommen.“

„So läuft das eben“, meinte Rudi. „Ein Sieg für das Recht ist es allemal!“

ENDE







Der Legionär



Thriller von Alfred Bekker







ERSTER TEIL



1993

"Haben Sie schon mal jemanden getötet?"

Der Mann, der mich das fragte, hatte mir zuvor gesagt, dass er einen Job für mich hätte. Es musste ein ziemlich mieser Job sein. Also genau von der Sorte, die man Leuten wie mir für gewöhnlich anbietet. Aber daran war ich gewöhnt und es wunderte mich schon lange nicht mehr. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass der Job so mies war.

Ich saß in dem preiswerten und etwas heruntergekommenen Cafe vor meinem Frühstück und sah den blassen, grauhaarigen Mann mit der dicken Brille an, als wäre er ein Außerirdischer. Sein Gesicht blieb völlig unbewegt. Er setzte sich zu mir, ohne dass ich ihn dazu aufgefordert hätte. "Was ist?", fragte er kühl. "Hat Sie meine Frage derart aus der Fassung gebracht?"

"Nein."

"Das hätte mich bei einem ehemaligen Fremdenlegionär auch gewundert."

Ich hob die Augenbrauen. "Ach, ja?"

Er musterte mich kritisch. "Sie sehen nicht gut aus. Etwas heruntergekommen, würde ich sagen."

"Was geht Sie das an?"

"Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet."

"Woher wissen Sie, dass ich bei der Legion war? Woher wissen Sie überhaupt, dass ich hier sitze und frühstücke?"

Er lächelte. Es war ein stilles, kaltes Lächeln.

Und dann sah er mich mit einem undeutbaren Blick durch die flaschendicken Gläser an, die er auf der Nase trug.

"Ich weiß es eben", sagte er. "Ich weiß alles über Sie. Ich weiß Ihren Namen. Den, der in Ihrem Pass steht. Und ich weiß auch den, mit dem Sie geboren wurden. Gegenwärtig leben Sie in der Wohnung einer gewissen Tina Jörgensen. Hübsches Mädchen. Die Kleine ist Serviererin, nicht wahr? Fast ein bisschen über Ihrem Niveau."

Ich kniff die Augen zusammen. Der Bissen, den ich gerade im Mund hatte, blieb mir um ein Haar im Hals stecken. Ich entschied, das der Spaß jetzt vorbei war.

"Wer sind Sie?", fragte ich.

"Stellen Sie mir so eine Frage nie wieder", erklärte der Graue schnell. "Es hat einfach keinen Sinn. Ich werde nicht antworten." Ich sah auf seine Lippen. Sie bewegten sich kaum. Er hätte Bauchredner werden sollen!, dachte ich. Talent hätte er jedenfalls gehabt. Ich trank meinen Kaffee aus, nahm die Papierserviette und wischte mir den Mund ab.

"Was wollen Sie?"

Er antwortete mir nicht direkt. Das schien so zu seinen Eigenarten zu hören, soviel hatte ich schon mitgekriegt.

"Ich hatte Sie gefragt, ob Sie schon einmal jemanden getötet haben."

"Sie wissen doch sonst alles von mir. Warum nicht auch das?"

"Sie sollten mir vertrauen."

"Ach, wirklich?"

"Sie haben die Chance, eine Menge Geld zu verdienen oder dazustehen wie ein Idiot", erwiderte er mir. "Die Wahl liegt ganz bei Ihnen.“

Ich atmete tief durch und beschloss, das Spiel erst einmal mitzuspielen. Es war einfach zu interessant, um es nicht zu tun. Wie ein Idiot stand ich nämlich jetzt schon da. Wer sich von einer Serviererin aushalten lässt, ist bestenfalls ein Idiot, vermutlich etwas viel Schlimmeres. Oder die Serviererin ist eine Idiotin. Kommt ganz auf den Standpunkt an. Jedenfalls war ich abgebrannt genug, um die Ohren zu spitzen.

"Okay", sagte ich also. "Ich habe bereits einen Menschen getötet. Zufrieden?"

Sein Gesicht blieb regungslos.

"Ich nehme an, es hat Ihnen nicht allzuviel ausgemacht."

"Es war im Tschad. Gewissermaßen Notwehr."

"Bei der Sache, die ich mit Ihnen vorhabe, geht es gewissermaßen auch um Notwehr."

"Ach..."

"Haben Sie eine Waffe?"

"Brauchen Sie einen Killer? Ich bin keiner."

Er war nicht der erste, der mir so ein Angebot machte. Bis jetzt hatte ich solche Sachen immer abgelehnt. Manchmal fragte ich mich, warum eigentlich. Es gibt Leute, die leben ganz gut davon, obwohl die Billiglohn-Konkurrenz aus dem ehemaligen Ostblock in dieser Branche angeblich schon die Preise verdorben haben soll. Und so mancher, der sich darauf eingelassen hatte, fand sich am Ende selbst als Fischfutter in irgendeinem Kanal wieder. "Ich nehme an, unsere Unterhaltung ist damit zu Ende", meinte ich. "Ich bin kein Killer." Ich grinste. "Nehmen Sie sich einen Profi. Schnell, effektiv und neuerdings auch recht erschwinglich, sofern Sie keine besonderen Ansprüche stellen."

Er schüttelte den Kopf.

"Die Sache von der ich spreche, ist was ganz anderes", behauptete er. Aber das wirkte auf mich wenig überzeugend.

Ich lachte heiser. "Was soll schon anders daran sein? Soviel habe ich begriffen: Am Ende ist jemand tot." Ich schüttelte den Kopf. "Das ist nichts für mich!"

"Aber Sie könnten es!"

"Ich habe das Töten gelernt. Leider so ziemlich das einzige, was ich gut kann." Ich zuckte die Schultern und verzog das Gesicht zu einem sehr dünnen Lächeln. "Im Zivilleben nicht sehr gefragt, würde ich sagen."

"Haben Sie eine Ahnung!"

"Aber Sie wissen Bescheid, ja?"

Er lächelte seltsam. Ganz kurz nur. Es war das erste Mal, dass so etwas wie eine Regung auf seinem Gesicht erschien.

"Für jeden ist es irgendwann das erste Mal, oder irre ich mich?"

Ich fragte kühl zurück: "Halten Sie mich für so verkommen?"

"Ja." Er war sich seiner Sache sehr sicher und schien nicht den geringsten Zweifel daran zu haben, dass ich genau der richtige Mann für ihn war.

"Tut mir leid", sagte ich. "Ich schätze, Sie müssen sich jemand anderen suchen, um die Schweinerei auszuführen, die Sie durchziehen wollen." Seine blassblauen Augen musterten mich kühl. Er dachte nicht im Traum daran, mich von der Angel zu lassen. So einfach nicht.

"Sie sind ziemlich abgebrannt, nicht wahr?", stellte er fest. "Finanziell meine ich."

"Um das Frühstück hier zu bezahlen reicht es gerade noch!", gab ich gallig zurück. Ich fragte mich, woher er soviel über mich wusste. Er war wirklich gut informiert, das musste der Neid ihm lassen. Er griff in die Innentasche seines dunkelblauen Jacketts und nahm einen offenbar vorbereiteten Umschlag hervor. Dann schob er ihn mir über den Tisch.

"Bitte, nehmen Sie es."

"Was ist das?", fragte ich.

"Das sind fünftausend Mark."

Die Sache wurde immer verrückter.

"Wofür?", fragte ich. "Glauben Sie, Sie können sich für fünftausend Mark einen Killer kaufen? Ich glaube, bei Ihnen tickt es nicht richtig!"

"Das bekommen Sie dafür, dass Sie sich etwas durch den Kopf gehen lassen."

"Wäre das erste Mal, dass mich jemand fürs Denken bezahlt!"

"Dann strengen Sie sich mal schön an und stellen Sie sich eine halbe Million vor."

"D-Mark oder Lire?"

"Schweizer Franken."

Ich brauchte eine Sekunde, um das zu verdauen. Dann fragte ich: "Und dafür soll ich einen Mann umbringen?"

"Einen, der es verdient hat."

"Fragt sich nur, ob er das auch so sieht."

"Wer?"

"Der Mann."

Der Graue erhob sich. "Überlegen Sie es sich einfach. Ich werde wieder Kontakt mit Ihnen aufnehmen."

Er wollte gehen.

Ich rief: "Warten Sie!"

Er blieb stehen, kam zwei Schritte zurück. "Was ist noch?"

"Es ist eine wirklich große Sache, nicht wahr?"

"Das wissen Sie selber. Bei dem Preis."

"Warum nehmen Sie keinen Profi?"

"Ich will Sie!"

"Und warum keinen aus der Szene? Einen Erfahrenen. Wenn ich Sie wäre, würde ich das tun. Das Risiko ist doch viel geringer. Ich meine, ich bin sozusagen Anfänger. Ich könnte es verbocken."

"Das glaube ich nicht."

"Eine Antwort auf meine Frage ist das aber trotzdem nicht."

"Gewöhnen Sie sich die Fragerei ab. Hat man Ihnen das bei der Legion nicht beigebracht?"

Damit drehte er sich um und war weg. Ich stand ebenfalls auf und ging zum Fenster. In der Hand hielt ich noch den Umschlag mit den fünftausend Mäusen. Draußen sah ich den Kerl indessen in ein Taxi steigen.

Ich muss mir ins Ohr kneifen, dachte ich. Ich kniff. Aber geträumt hatte ich nicht.







1



Später, in Tinas Wohnung, saß ich eine ganze Weile einfach da und dachte über diesen grauen Mann mit der dicken Brille nach. Aber so sehr ich meine Gehirnzellen auch anstrengte, es war ziemlich aussichtslos, dass ich darauf kam, wer er war. Ein Gangsterboss? Der Abgesandte eines Bosses? Der Abgesandte eines Abgesandten?

Nein, dachte ich. Die Sache war größer. Vorausgesetzt, er hatte es wirklich ernst gemeint, was er da von einer halben Million Franken gesagt hatte. Aber er schien es ernst zu meinen. Ich fühlte unwillkürlich an die Brust, wo ich den verdammten Umschlag mit den fünftausend Mäusen trug. Meine Gedanken bewegten sich im Kreis. Und im Zentrum dieses verfluchten Kreises war die halbe Million. Hier wollte nicht irgendein mittelschwerer Drogenbaron die Konkurrenz beseitigen. Also kam der Graue wahrscheinlich auch aus einem ganz anderen Milieu. Ich hatte es schon von Anfang an vermutet.

Instinktiv, sozusagen. Der Graue hatte etwas sehr Korrektes.

Etwas Beamtenhaftes, sozusagen. Und vielleicht war er das ja auch. Ein Beamter. Ein Geheimdienstler, der jemanden brauchte, der ihm die heißen Kartoffeln aus dem Feuer holte.

Und warum ich? Die Frage hämmerte mindestens zum fünfhundertsten Mal in meinem Schädel. Warum ich und nicht ein ausgekochter Spitzenprofi? Der Graue musste noch Gesichtspunkte in seiner Rechnung haben, die ich nicht kannte.

Ich fühlte wieder den Umschlag.

Die fünftausend Mäuse verpflichten dich zu nichts, dachte ich. Also nimm sie und brauch' sie auf. Nachgedacht hast du ja. Damit ist dein Teil des Jobs erledigt. Dachte ich.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Sache so einfach gewesen wäre, aber natürlich wusste ich, dass dem nicht so war. Es hing ganz davon ab, mit wem ich es da zu tun hatte.

Vielleicht würden sie mir ebenfalls einen Todesengel vorbeischicken, wenn meine Antwort endgültig negativ ausfiel. Das konnte niemand ausschließen. Und die andere Sache waren die fünfhunderttausend Franken. Das war schon was. Damit konnte man neu anfangen. Andererseits musste derjenige, der diesen Job machte, das sicher auch. Aber ich hätte nichts dagegen gehabt. Nichts gegen die halbe Million und nichts gegen das Neu-Anfangen. Wäre mir auch ziemlich egal gewesen wo. Australien oder Südamerika, es hätte alles keine Rolle gespielt.

Später, als Tina nach Hause kam, saß ich noch immer ziemlich gedankenverloren da.

"Was ist denn mit dir los?", fragte Tina.

"Nichts."

"Ach komm schon, irgendetwas ist los. Das sehe ich dir doch an."

Wir waren immerhin schon lange genug zusammen, um uns gegenseitig solche Dinge an den Nasenspitzen ablesen zu können. Tina war Anfang zwanzig und ziemlich hübsch, wie ich fand. Ihre schulterlangen Haare hatte sie immer irgendwie zusammengesteckt, das gab ihr etwas Praktisches, Patentes.

Und genau so war sie auch. Sie wusste immer, was zu tun war.

Ihre Augen waren grün-grau.

Ein Paar Augen, das mir etwas bedeutete.

"So geht das nicht weiter mit dir", meinte sie. "Du hängst den ganzen Tag nur 'rum."

Ich atmete erst einmal tief durch und sagte gar nichts.

Meine Gedanken waren noch immer meilenweit entfernt. Ich überlegte, was ich mit dem Angebot machen sollte, das der graue Mann mir gemacht hatte. Eine halbe Million... Mir ging das einfach nicht aus dem Kopf. Jeder Mensch hat seinen Preis, ich bin überzeugt davon. Und vielleicht war das meiner. Ich dachte an die Abfindung, die ich vom französischen Staat für meine Dienste in der Legion bekommen hatte. Fast verbraucht. Irgendwie hatte ich nie eine besonders glückliche Hand gehabt, was Geld anging. Wie lange es wohl dauern würde, eine halbe Million Franken durchzubringen? Aber das war schon eine Summe, die selbst mich eine Weile über Wasser halten würde. Vermutlich sogar mehr als das.

"Was hältst du von etwas ganz Bürgerlichem?", meinte Tina.

"Häh?", machte ich. Ich schaute sie an, sie schaute zurück.

Ihre grauen Augen musterten mich. "Wovon sprichst du?", fragte ich.

"Von Arbeit. Einem Job. Ich meine damit allerdings nicht diese zwielichtigen Angelegenheiten, die du Geschäfte nennst."

"Lassen wir das Thema", winkte ich ab.

"Lassen wir das Thema", machte sie mich nach. "Das sagst du jedes Mal." Sie verschränkte die Arme unter ihrer Brust.

"Nächsten Monat wird die Miete steigen."

Ich hob die Augenbrauen.

"Davon hast du mir ja noch gar nichts erzählt."

"Na, dann erzähle ich es dir eben jetzt." Sie seufzte. "Ich erzähle es dir deshalb, weil ich finde, dass du langsam auch etwas beitragen könntest. Wir wohnen hier schließlich zusammen. Und soviel verdiene ich auch nicht, dass ich damit Bäume ausreißen könnte."

"Na gut", sagte ich. "Wie viel brauchst du?"

"So war das nicht gemeint."

Es war schon ziemlich lange her, dass sie mich um Geld gefragt hatte. Sie hasste so etwas, das wusste ich. Also war es wirklich dringend.

"Okay", sagte ich. "Tausend?"

"Hör mal..."

"Zweitausend?"

Ich langte in die Jackettinnentasche, holte zwei Scheine aus dem Umschlag und legte sie auf den Tisch. "Es ist in Ordnung", meinte ich dazu. "Das Geld steht dir zu." Sie starrte auf die beiden Tausender, als hätte sie noch nie so einen Schein gesehen. Dann schaute sie mich auf dieselbe Weise an.

"Woher hast du das?", fragte sie.

"Ist doch gleichgültig, oder?"

"Ich will's aber wissen."

"Frage ich dich vielleicht, woher dein Geld kommt?"

"Das ist kein Geheimnis."

"Ich frage dich aber nicht. Also frag' du mich auch nicht!"

Das war vielleicht ein bisschen schroff. Schroffer, als ich beabsichtigt hatte. Aber was hätte ich tun sollen? Ihr sagen, dass es sich um die Anzahlung für einen Mordauftrag handelte? Dann wäre es mit ziemlicher Sicherheit aus zwischen uns gewesen. Dafür hätte sie kein Verständnis gehabt.

Sollte sie also ruhig denken, dass ich irgendeine kleine Gaunerei durchgezogen hatte. Das war besser als die Wahrheit.

Sie nahm schließlich das Geld und steckte es weg. Dann lächelte sie ein wenig verlegen, aber auf ihre ganz besondere, unnachahmliche Weise. Vermutlich war es dieses Lächeln, wofür ich sie liebte. Ich erwiderte es.







2



Drei Tage später traf ich den grauen Mann mit der dicken Brille wieder. Es war morgens, so gegen neun, als er vor der Tür stand. Tina war schon weg. Zum Glück. Sie arbeitete in einem Cafe mit Konditorei und hatte heute Frühschicht. Ich sah wohl ziemlich verschlafen aus, als ich dem Grauen öffnete. Er lächelte flüchtig.

"Ich hatte schon befürchtet, es wären die Zeugen Jehovas", meinte ich flapsig.

Er fand das offenbar nicht sehr witzig.

"Haben Sie sich die Sache überlegt?", fragte er, ohne auf meine Bemerkung einzugehen.

Ich nickte knapp.

"Ja."

"Und?"

"Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich noch nicht genug über die Sache weiß.

"Natürlich nicht." Er machte eine unbestimmte Geste. "Kann ich hereinkommen?"

"Sicher."

Wir gingen den schmalen Flur entlang ins Wohnzimmer. Er setzte sich in einen der viel zu klobigen Sessel.

"Sie werden einen Vorschuss bekommen", erklärte er, so als hätte ich schon zugesagt. Er schien ein guter Menschenkenner zu sein. Jedenfalls wusste er, dass ich angebissen hatte und an seiner Angel hing. Ich hatte seinen Köder gefressen und es hatte wahrscheinlich wenig Sinn, das weiter leugnen zu wollen. Ich beschloss, es zu akzeptieren. Als Tatsache.

"Wie viel?", fragte ich.

"Hunderttausend. Richten Sie sich ein Schweizer Bankkonto ein. Wir überweisen dann."

"Ich will zweihunderttausend."

Der Graue verzog ein wenig den dünnlippigen, blutleer wirkenden Mund.

"Zum Handeln besteht keinerlei Spielraum. Merken Sie sich das." Er hob die Hände. "Ich finde mein Angebot außerdem sehr großzügig."

"Also gut", sagte ich. Eigentlich sollte man bei großzügigen Angeboten ja immer besonders misstrauisch sein. Ich war es leider nicht. Aber wahrscheinlich hätte es auch nichts genutzt, wenn ich es gewesen wäre.

"Wer sagt Ihnen eigentlich, dass ich nicht die hunderttausend nehme und damit verschwinde - ohne dafür etwas zu leisten?"

"Das werden Sie nicht tun. Ich würde es Ihnen jedenfalls nicht empfehlen. Glauben Sie mir, wir würden Sie überall aufstöbern. Sie wären nirgends vor uns sicher. Also vergessen Sie diesen Gedanken besser ganz schnell."

Ich hatte das Gefühl, dass er recht hatte.

"Es war auch nur eine Frage", meinte ich.

Er nickte und schien mir sogar verständnisvoll.

"Ich weiß."

Ich atmete tief durch. "Um wen geht es?"

"Um einen Russen."

"Davon gibt es 150 Millionen. Etwas genauer hätte ich es schon ganz gerne."

"Natürlich." Der Graue beugte sich vor. "Es handelt sich um einen Nuklear-Wissenschaftler. Eine große Nummer der ehemaligen Sowjetunion, die jetzt die Chance sieht, sich eine goldene Nase zu verdienen."

"Ich habe von solchen Dingen gehört. Aber mehr als Gerüchte dringen ja kaum an die Öffentlichkeit."

"Gehen Sie mal auf einen wissenschaftlichen Kongress, sagen wir für Raketentechniker oder Atomphysiker. Da geht es zu wie in einem Kontakthof."

"Und dieser Mann ist so wichtig?"

"Ja."

"In welchem Land will er denn zukünftig Geld sein Geld verdienen?"

"Spielt für Sie keine Rolle. Jedenfalls werden Sie und ich besser schlafen können, wenn er dort nie ankommt."

"Verstehe..."

Es gab sicher genug potentielle Interessenten, die sich aus der Konkursmasse des roten Riesenreichs das eine oder andere Filetstück herauskaufen wollten. Angefangen vom nahen Osten über den Maghreb bis nach Südamerika.

"Was Sie tun werden, wird in unser aller Interesse sein", erklärte der Graue, als müsste er bei mir irgendwelche Skrupel beseitigen. Er selbst schien davon ohnehin nicht geplagt zu werden, so eiskalt, wie er sich mir präsentierte.

"Jetzt begreife ich den hohen Preis, den Sie zahlen", erwiderte ich.

Sein Gesicht blieb unbewegt.

"So?"

"Der, der diesen Job erledigt, wird anschließend von irgendeinem Geheimdienst über den ganzen Globus gejagt."

"Nicht, wenn es keine Verbindung zwischen denen gibt, die an der Sache beteiligt sind. Sie sind ein unbeschriebenes Blatt. Sie haben eine Chance."

Langsam glaubte ich, in Umrissen zu begreifen, was für ein Spiel hier gespielt wurde. Andererseits - mit einer halben Million in der Tasche konnte man eine ganze Weile lang toter Mann spielen und irgendwo untertauchen, bis die Luft rein war.

Doch das war eine Sache, die genau geplant sein wollte.

Er hob ein wenig seine dünnen Augenbrauen und sagte dann: "Ich hatte Sie schon mal gefragt, ob Sie eine Waffe haben."

"Ich habe keine."

"Dann werde ich Ihnen eine besorgen."

"Gut."

Ich hatte mich entschieden, die Sache durchzuziehen. Ich weiß nicht, was gewesen wäre, wenn ich abgelehnt hätte. Ich habe wirklich nicht die geringste Ahnung...

"Haben Sie ein Foto von dem Kerl?", fragte ich.

"Bekommen Sie alles."

"Wann?"

"Zusammen mit der Waffe."

Der Graue erhob sich.

Ich fragte mich erneut, mit wem ich es eigentlich zu tun hatte, wer hinter dem Mann mit den Flaschengläsern auf der Nase stand. Da kamen viele in Frage. Der israelische Geheimdienst Mossad vielleicht, sofern es ein arabisches Land war, in das es den Russen zog. Aber soweit ich darüber Bescheid wusste, machten der Mossad seine Liquidationen selbst.

Und die CIA?

Es gab sicher eine Reihe interessierter Parteien, die den Transfer eines russischen Atom-Cracks um jeden Preis zu verhindern beabsichtigten. Und wenn ich das Land gewusst hätte, in dessen Dienste dieser Mann treten wollte, dann wäre ich vermutlich um einiges schlauer gewesen.

Aber das wusste auch der Graue und deshalb verriet er mir kein Sterbenswörtchen.

Ich brachte ihn zur Tür.

"Es war nicht besonders geschickt von Ihnen, mich hier, in dieser Wohnung aufzusuchen", tadelte ich ihn.

Er hob die Augenbrauen und sah mich durch seine Flaschenglasbrille an.

"Warum nicht?"

"Ich möchte Tina nicht in die Sache hineinziehen."

"Warum sollte das passieren?"

"Spielen Sie nicht den Dummen. Das wissen Sie so gut wie ich."

"Halten Sie mich für einen Idioten? Dann verstehe ich nicht, weshalb Sie für mich arbeiten wollen!"

"Jedenfalls möchte ich nicht, dass es noch einmal vorkommt", erklärte ich bestimmt.

"Keine Sorge, wir haben uns heute zum letzten Mal gesehen", eröffnete er mir.

"Und wie geht die Sache jetzt weiter?"

"Richten Sie innerhalb der nächsten vierzehn Tage in Zürich ein Konto ein. Ich werde Sie dann anrufen."

"Und die Waffe?"

"Werden Sie bekommen."

Er verließ die Wohnung. Ich lief zum Fenster und wartete darauf, ihn unten auf der Straße irgendwo auftauchen zu sehen. Fast wollte ich schon aufgeben, da sah ich ihn doch noch. Er blickte sich mehrfach um. Ein Taxi kam heran, hielt und er stieg ein. Ich merkte mir die Nummer - sowohl die Autonummer, als auch die Rufnummer des Taxiunternehmens, die übergroß auf den Seitentüren stand.

Ich ging zum Telefon und rief an.

Die Firma hieß Rentdorff. Anschließend die Adresse herauszufinden war kein Problem und so stieg ich wenig später in meinen angerosteten Volvo, um dieser Taxi-Firma einen kleinen Besuch abzustatten.

Ich kam schließlich auf einen schlichten Asphalthof, auf dem ich meinen Wagen abstellte. Eines der Taxis stand mit geöffneter Motorhaube da. Ich sah die untere Hälfte eines Rückens und zwei Beine. Der Rest beugte sich über den Motor und schien ziemlich intensiv beschäftigt zu sein. Ich trat etwas näher.

"Ich suche die Firma Rentdorff", eröffnete ich.

"Gehen Sie ins Haus", knurrte es unter der Motorhaube hervor. Ich zuckte die Achseln und ging an ihm und seinem Taxi vorbei.

Das Haus war ein grauer, schmuckloser Bau, dessen Außenputz an mehreren Stellen Risse hatte. Die Tür stand halb offen.

Ich klopfte an.

"Ja, was ist denn?"

Es war eine energische, befehlsgewohnte Frauenstimme, die mich da anbellte. Der Drachen der Kompanie oder etwas in der der Art.

Mit zwei Schritten war ich in einer Art Büro und stand einer ziemlich drallen Mitvierzigerin gegenüber, die auf einem rollbaren Drehstuhl saß und zu mir herumwirbelte.

"Wer sind Sie?", fragte sie, nahm dann einen Funkspruch entgegen und musterte mich dabei ziemlich kritisch.

Ich wartete, bis sie fertig war.

Schließlich sollte die Nummer, die ich hier abziehen wollte, die größtmögliche Wirkung erzielen.

Ich zog meine Polizeimarke aus der Tasche und hielt sie ihr unter die Nase. Vor ein paar Wochen hatte ich sie beim Trödler gekauft. Es war wohl das Beutestück irgendeines Autonomen.

Jedenfalls war sie echt.

Und immer dann, wenn man irgend etwas wissen wollte, hatte dieses Blechstück die tolle Eigenschaft, den Leuten den Mund zu öffnen.

"Kriminalpolizei", sagte ich also mit der größten Portion Selbstbewusstsein, die ich auf die Schnelle zusammenkratzen konnte und sah dem drallen Drachen dabei direkt in die wässrig-blauen und alles in allem ziemlich kritischen Augen.

Die Mitvierzigerin lehnte sich etwas zurück. Es dauerte fast zwei volle Sekunden, ehe sich in ihrem Gesicht etwas veränderte.

Aber als es dann doch noch geschah, wusste ich, dass ich schon halb gewonnen hatte.

Ich ließ sie ruhig einen zweiten und dritten Blick auf die Marke werfen. "Schauen Sie nur ausführlich hin", meinte ich. "Ich verstehe, dass Sie vorsichtig sind, aber die Marke ist echt!"

Insgeheim betete ich dafür, dass sie mich nicht auch noch nach meinem Dienstausweis mit Passbild fragte. So etwas hätte ich jetzt nämlich nicht aus dem Ärmel schütteln können. Die Skepsis war noch nicht aus ihrem Gesicht gewichen, da entschied ich, dass Angriff jetzt die beste Verteidigung war. "Ich habe ein paar Fragen an Sie. Es geht um einen Mann, den einer Ihrer Wagen vor gut einer Stunde befördert hat."

Sie schien die Pille zu schlucken, die ich ihr untergejubelt hatte.

"Welcher Wagen?", fragte sie.

"Ich habe das Kennzeichen aufgeschrieben."

Ich gab ihr einen Zettel.

"Und was wollen Sie über den Fahrgast wissen?"

"Wo er hingefahren ist."

Sie zögerte.

Mit einer Hand war sie schon an ihrem Funkgerät, vermutlich um den Fahrer zu rufen. Aber dann hielt sie inne.

"Wie sah der Mann aus?"

"Graue Haare und eine sehr dicke Brille. Mitte fünfzig, würde ich sagen."

"Und Sie sind wirklich von der Polizei?"

Vielleicht wäre meine Polizisten-Nummer überzeugender gewesen, wenn ich mich vorher rasiert hätte. Ich spielte den Genervten und machte erst einmal große Geste.

"Glauben Sie, ich habe ewig Zeit? Der Kerl ist längst über alle Berge, ehe Sie begriffen haben, was hier gespielt wird!"

"Ach, ja?"

"Also gut!", grunzte ich und zog meinen letzten Trumpf aus dem Ärmel. Meinen allerletzten. Ich nannte ihr ein Polizeirevier, bei dem sie anrufen sollte. "Fragen Sie nach Borowski", sagte ich ihr. "Das bin nämlich ich."

Sie dachte nach.

Es war ein simpler Trick. Borowski existierte wirklich. Er war Streifenpolizist und hatte vor ein paar Wochen einen Unfall aufgenommen, in den ich verwickelt gewesen war. Ich hatte mir einfach seinen Namen und sein Revier gemerkt. Und wenn der dicke Drachen jetzt tatsächlich auf Nummer Sicher gehen wollte und dort anrief, dann konnte ich mit einiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sie gesagt bekam, Borowski sei nicht zu sprechen, weil er unterwegs sei, was den Drachen wiederum denken lassen würde, dass meine Märchen-Story der Wahrheit entsprach. Aber sie nahm den Hörer nicht ab, sondern rief statt dessen ihren Fahrer. Und eine Minute später wusste ich, dass der graue Mann mit den Flaschengläsern vor dem Hotel Maritim ausgestiegen war.

"Besten Dank", zischte ich dem Drachen zu.

"Was hat er denn verbrochen, der Kerl, dem Sie hinterherjagen?"

"Unterliegt alles dem Datenschutz", gab ich ihr zurück. "Angenommen, Sie wären in einen Mordfall verwickelt, dann wollten Sie doch auch nicht, dass das überall herumerzählt wird, oder?"

"Mord?"

Es war das erste Mal, dass ich so etwas wie Erstaunen in dem aufgeschwemmten Gesicht der Mitvierzigerin sah.







3



Eine Minute später saß ich wieder hinter dem Steuer des Volvo und dachte: Volltreffer! Wenn der Graue sich vor dem Hotel Maritim hatte absetzen lassen, dann wohnte er vielleicht dort. Und das hieß, dass ich eine reelle Chance hatte, mehr über ihn zu erfahren. Ich fuhr also zum Maritim, parkte den Wagen irgendwo in der Umgebung und beobachtete dann eine Weile den Eingang. Leute kamen und gingen. Meistens Herren ohne Begleitung. Geschäftsreisende. Eine Gruppe von Japanern war auch dabei. Das Personal hatte seine liebe Not mit ihnen, weil unter den Japanern niemand zu sein schien, der etwas anderes, als seine Muttersprache so beherrschte, dass es für eine Verständigung ausreichte.

Aber von dem Grauen sah ich keine Spur.

Vielleicht war er auch schon längst wieder unterwegs. Auch war es möglich, dass er hier nur in ein anderes Taxi oder die U-Bahn umgestiegen war, um eventuelle Verfolger abzuschütteln. Ich wagte mich schließlich ins Foyer. An der Rezeption stand ein schwitzender Portier, ziemlich dick und mit dunklem Schnauzbart. Er durfte auf keinen Fall zu heftig Luft holen, wenn er vermeiden wollte, dass ihm die Knöpfe von der viel zu engen Jacke sprangen.

Ich sah mich um. Aus einem Zeitungsständer nahm ich mir ein Hoteljournal, das hier gratis verteilt wurde und einen in drei Sprachen auf die Sehenswürdigkeiten der Umgebung aufmerksam machte. Im Notfall konnte ich so tun, als würde ich darin lesen. Notfall, das war, wenn der graue Mann mir hier plötzlich über den Weg laufen sollte. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie er reagieren würde, aber es war sicher besser, wenn er nichts davon erfuhr, dass ich ihm nachspionierte. Ich wandte mich an den Portier und zog noch einmal meine Polizistennummer ab. Es klappte hervorragend.

"Ich möchte Sie bitten, keinerlei Aufsehen zu erregen", raunte ich ihm zu und steckte die Marke schnell wieder weg.

Er nickte. "In Ordnung", meinte er. Er machte ganz auf seriös. Um so besser. Ich gab ihm eine Kurzbeschreibung des grauen Mannes. "Hat sich bei Ihnen jemand einquartiert, der so aussieht?"

"Ein Foto haben Sie nicht zufällig?", fragte er.

"Nein, tut mir leid. Aber so dicke Brillengläser sind wirklich selten."

Er hob bedauernd die Hände.

"Ich glaube nicht, dass ich Ihnen da weiterhelfen kann", meinte er.

"Der Mann hat sich vor diesem Hotel mit einem Taxi absetzen lassen."

"Wann?"

"Vor einer guten Stunde."

"Ich mache seit heute Morgen hier Dienst. Und in dieser Zeit hat sich hier niemand einquartiert, auf den Ihre Beschreibung zutrifft, Herr Kommissar."

Herr Kommissar! Meine Güte, dachte ich. Wie schnell, man doch befördert werden konnte, wenn man es richtig anstellte.

Ich machte eine strenge Miene.

"Sie würden doch sicher nicht unsere Ermittlungen behindern, oder?"

"Nein, sicher nicht."

"Das würde ich Ihnen auch nicht geraten haben. Strafvereitlung nennt man so etwas. Schon mal davon gehört?"

"Also, hören Sie, ich sage Ihnen die Wahrheit."

"Hier geht es um eine große Sache, wenn Sie die vermasseln, dann bekommen Sie Ärger." Ich machte eine bedeutungsvolle Pause und deutete dann mit der Linken zum Lift. "Sehen Sie die Frau da vorne?"

"Die..."

"Ja, die mit kurzen Rock. Die ist auch von uns."

"Hätte ich nicht gedacht!"

Er schien sehr beeindruckt und schwitzte jetzt noch mehr.

Ich hatte Mitleid mit ihm.

"Also gut", murmelte ich und wandte mich um. Und traf es mich wie ein Fausthieb in die Magengrube. Ich sah den Grauen aus einem der Flure kommen.

Er war nicht allein. Neben ihm ging ein hochgewachsener Mann mit schütterem blonden Haar. Er war vielleicht Mitte vierzig und recht hager.

Ich ließ augenblicklich das Hoteljournal hochschnellen.

Sie kamen näher und gingen an mir vorbei in Richtung Ausgang, wo sie einen Augenblick stehenblieben und ein paar erregte Worte miteinander wechselten. Ich sah nur, wie ihre Münder sich öffneten und wieder schlossen und wandte mich wieder an den Portier.

"Sehen Sie sich den Grauhaarigen am Ausgang mal an, mein Guter!"

Er sah ziemlich belämmert aus und beugte sich dann zu mir herüber. "Das ist kein Gast", versicherte er mir.

Ich verzog das Gesicht.

"Ach, nein?"

"Wirklich nicht! Glauben Sie mir, ich habe einen Blick für Gesichter."

"Und das Gesicht hätten Sie behalten?"

"Mit Sicherheit."

"Und der Mann daneben?"

"Der wohnt hier."

Der Graue und sein Begleiter gingen jetzt hinaus ins Freie. "Wie heißt er?" fragte ich.

"Also..."

"Nun schauen Sie schon in Ihrem verdammten Gästebuch nach!"

Er schaute nach. Der Blonde nannte sich Bo Erikson und war Schwede. Und das Beste: Er hatte sogar die Nummer seines Reisepasses hinterlassen. Ich notierte sie mir.

"Wie lange bleibt er?"

"Darüber hat er nichts gesagt."

"Welche Zimmernummer hat er?"

"Vierunddreißig."

"Sagen Sie ihm nichts von mir."

"Natürlich nicht."

Ich bewegte mich jetzt auch auf den Ausgang zu. Mir war klar, dass ich vorsichtig sein musste. Ich ließ den Blick ein wenig schweifen und dann sah ich die beiden in einem schwarzen Mazda sitzen.

Sie schienen sich zu unterhalten.

Ein Königreich für eine Wanze!, dachte ich. Dann stieg der blonde Erikson aus und schlug die Tür hinter sich zu. Der Mazda brauste augenblicklich davon und fädelte sich auf ziemlich brutale Weise in den Verkehr ein. Irgendjemand hupte und ich schätzte die Anzahl der Vögel, die in dieser Sekunde gezeigt wurden, auf ein halbes Dutzend.

Ich konnte mir gerade noch die Wagennummer merken, sah aber auch das Emblem einer bekannten Leihwagenfirma und konnte mir daher ausrechnen, dass auch diese Spur nicht sonderlich weit führen würde.

Erikson kam indessen direkt auf mich zu.

Er kannte mich nicht. Jedenfalls nahm ich das an. Als er mich erreicht hatte, hob er kurz den Blick und musterte mich für eine volle Sekunde mit seinen leuchtend blauen Augen, bevor er an mir vorbeiging.

Ich sah mich nicht um und überlegte, welche Rolle der Schwede in dieser ganzen Sache spielte.

Was mochte hinter diesem ganzen Theater stecken?

Ich atmete tief durch.

Spielt das denn wirklich eine Rolle?

Eine unbequeme Frage, vor deren Beantwortung ich mich bisher ein bisschen gedrückt hatte.

Nein, es spielte keine Rolle. Nicht die geringste. Ich wollte die halbe Million und wenn der Kerl, den ich dafür erledigen sollte ein Schweinehund war, um so besser.







4



"Was würdest du davon halten, in Rio zu leben?"

"Häh?"

"Rio. Rio de Janeiro, Brasilien."

"Was spricht man denn da?"

"Portugiesisch."

"Kannst du Portugiesisch?"

Ich grinste.

"Muito bem."

Tina lachte. Ihre Zähne blitzten dabei. "Na, dann kann ja nichts passieren!"

Ich langte über den Tisch und nahm ihr Handgelenk. Sie war am Essen und hatte eine Gabel zwischen den Fingern. Ich sah ihr in die Augen.

"Was ist?"

"Ich meine es ernst", sagte ich.

"Wenn ich genug Geld hätte, dann... Warum nicht? Dann kann man überall leben, oder?"

Ich nickte.

"So sehe ich das auch."

"Ich wollte immer schon mal nach Afrika."

"So?"

"Zum Kilimandscharo. Muss toll sein." Sie zuckte mit den Schultern. "Leider ist das nötige Kleingeld nicht vorhanden."

"Nimm mal an, wir hätten genug."

"Ach, hör auf!"

"Warum? Stell's dir doch mal vor!"

Sie seufzte und lehnte sich zurück. Ich ließ ihr Handgelenk los. "Das ist doch bestimmt wieder irgend so eine Spinnerei von dir! Ich kann dir nur sagen, lass die Finger davon!"

Ich zuckte die Schultern.

"Ich glaube, du hast mich missverstanden."

"Nein, das glaube ich nicht."

Das ist einer der Nachteile einer längeren Beziehungskiste. Man kennt sich einfach zu gut.

"Ich muss nachher noch weg", sagte ich ihr.

"Wohin denn?"

"Weg."

"Du warst schon mal auskunftsfreudiger!"

"Ich sag's dir ja auch bloß."







5



Am späteren Nachmittag machte ich mich richtig fein.

Krawatte, Jackett, sogar eine leidlich gebügelte Hose. Und der Drei-Tage-Bart war auch ab. Ich wollte ungefähr so aussehen, wie die Typen, die im Maritim aus und ein gingen, Marke Handelsreisender mit aufdringlichem Rasierwasser. Mit letzterem konnte ich zwar nicht dienen, aber in dem Hotel hing schon soviel davon in der Luft, dass das auch gar nicht nötig war. Natürlich wurde Tina neugierig.

"Wie kommt es, dass du dich so in Schale schmeißt?"

"Ich muss jemanden beobachten", sagte ich. Und damit log ich noch nicht einmal. "Eine Art Detektiv-Job."

"Und dafür gibt's Geld?"

"Ja."

"Und du findest nicht, dass das alles ziemlich weit hergeholt klingt?"

"Nein, so ist es nun mal. Du kannst es glauben oder nicht."

"Warum nimmst du mich nicht mit?"

"Nein. Das geht nicht."

"Entweder die Sache ist nicht so sauber, wie du mir weiszumachen versuchst, oder..."

"Oder was?"

"Oder die Person, die beobachten sollst ist weiblich und hat sich zu dieser Beobachtung vorher mit dir verabredet."

"Ha, ha!"

"Ich finde das nicht witzig."

"Wie wär's, wenn du mir einfach ein bisschen mehr vertrauen würdest?"

Sie hob die Augenbrauen.







6



Ich hing eine ganze Weile in der Eingangshalle des Maritim herum und wartete darauf, Erikson zu begegnen. Ich war zwar bereits entschlossen, die Sache durchzuziehen, wollte aber das Risiko abschätzen können. Und ich wollte zumindest in Umrissen wissen, mit wem ich es zu tun hatte. Andererseits bei einer halben Million wurde meine Risikoempfindlichkeit natürlich um einiges gedämpft.

Ich musste eine ganze Weile auf Erikson warten. Leider war inzwischen ein neuer Portier an der Rezeption, sonst hätte ich ihn gefragt, ob der Mann von Nummer vierunddreißig zur Zeit in seinem Zimmer war. Wenn nicht, dann hätte mich dort mal ein bisschen umschauen können. Aber meine Polizeimasche wollte ich nicht noch einmal abziehen. Am Ende fiel die Sache auf und dann war ich der Gelackmeierte.

Und einfach so bei Nummer vierunddreißig vorbeischauen?

Auf gut Glück sozusagen? Aber das konnte in die Hose gehen.

Schließlich kam Erikson doch noch. Sein Jackett wirkte ziemlich zerknittert - und zwar auf eine Art und Weise, die nicht klar erkennen ließ, ob es modische Absicht oder Nachlässigkeit war. Er ging in Richtung Hotelbar an mir vorbei, ohne mich überhaupt zu bemerken. Ich folgte ihm und sah ihn wenig später vor einem Drink sitzen. Er wirkte ziemlich nachdenklich. Was hätte ich dafür gegeben, jetzt zu wissen, was hinter seiner hohen, sonnengebräunten Stirn vor sich ging? Ich drückte mich irgendwo in die Ecke, um ihn besser beobachten zu können und dabei nicht allzusehr aufzufallen.

Vielleicht traf Erikson sich ja mit jemanden. Jedenfalls, wenn ich Glück hatte. Aber ich hatte keins.

Ein dickbäuchiger Rothaariger quatschte Erikson mehrmals an. Der Schwede reagierte erst nicht, ließ sich dann aber schließlich doch auf einen Small Talk ein.

Der Dicke erzählte eine Menge über sich. Er war Vertreter für Dessous-Mode, tingelte von Kaufhaus zu Kaufhaus und hatte sich jetzt ein Ferienhaus an der Ostsee gekauft. Und seine Tochter würde in drei Monaten Abitur machen und dann studieren. Beides sei ziemlich teuer, die Tochter und das Ferienhaus.

Der Schwede sagte nicht viel dazu. Das Wenige, was er über die Lippen brachte, war jedenfalls kein bisschen Akzentbeladen. Schließlich machte der Dicke den Vorschlag, dass sie beide zusammen noch ein wenig herumziehen könnten.

"Ich bin öfter hier", meinte er. "Ich kenne mich hier aus, glauben Sie mir. Auch was das Nachtleben angeht und so." Er grinste dreckig. "Ich weiß, wo was los ist."

Anfangs zögerte der Schwede. Dann leerte er seinen Drink und nickte. "Gut", meinte er. "Warum eigentlich nicht?" Erikson lächelte müde. "Ein bisschen Abwechselung könnte ich vertragen!"

"Nicht wahr?", meinte der Dicke. "So was braucht man einfach ab und zu!"

"Schon möglich."

Der Dicke strich sich über seine roten Haare, die ziemlich kurzgeschoren waren und sich wie die Stoppeln eines abgeernteten Kornfeldes in die Höhe reckten. "Ich muss nur vorher mal für kleine Jungs", meinte er.

Erikson nickte nur. Und der Dicke verschwand für ein paar Minuten. Ich verschwendete indessen ein paar Gedanken auf die Frage, ob dies wirklich eine zufällige Begegnung war oder ein geschickt inszenierter konspirativer Treff. In dem Milieu, in das meinen Fuß gesetzt hatte, musste man in dieser Hinsicht schließlich mit allem rechnen. Trotzdem entschied ich mich für die erste Möglichkeit.

"Nehmen wir meinen Wagen oder Ihren?", fragte der Dicke, als er zurückkam.

Der Schwede grinste.

"Wenn wir überhaupt einen nehmen, dann Ihren!"

"Wieso?"

"Ich habe keinen hier."

"Ach so."

Sie verließen die Bar und ich folgte ihnen so unauffällig wie möglich, um mich zu vergewissern, dass sie das Hotel auch wirklich verließen. Dann machte ich mich auf den Weg zu Zimmer Nummer vierunddreißig. Einer der Hotelangestellten war so freundlich, mir den Weg zu zeigen. Vermutlich hätte ich mich sonst auch erst einmal verlaufen. Der Kerl schöpfte überhaupt keinen Verdacht. Nicht den Geringsten. Wahrscheinlich war es bei ihm wie bei den meisten Leuten: Sie können einfach nicht glauben, dass ein Gauner sich rasiert und einen Schlips trägt. So stand ich schließlich vor Nummer vierunddreißig und musste nur noch ein paar Augenblicke abwarten, bis ich allein auf dem Flur war.

In der Tür steckte ein ganz gewöhnliches Schloss. Also keine Schwierigkeit für mich. Ich hatte extra ein Stück Draht für diesen Teil des Dramas mitgebracht. Ein paar Sekunden brauchte ich, dann hatte ich es geschafft. Ich trat ein und schloss die Tür hinter mir, während ich mit einem flüchtigen Blick die Lage sondierte. Es war ein ganz gewöhnliches Hotelzimmer. Nichts besonderes. Ein Einzelzimmer. Und es schien von einem Mann bewohnt zu sein, der penibel darauf achtete, dass alles an seinem Ort stand.

Auf dem Nachttisch befand sich ein kleiner elektronischer Wecker mit Leuchtanzeige. Daneben eine Zeitschrift. Ich sah mir den Wecker genau an. Made in Hongkong. Soweit man sehen konnte, schien es wirklich nur ein Wecker zu sein.

Die Nachttischschublade war leer.

Ich ging zum Kleiderschrank, öffnete ihn, sah ein paar Jacketts, eine Hose, ein Hemd und unten drunter einen Koffer. Ich schaute mir die Jacketts an. Sie hatten keinerlei Etiketten, waren aber von offensichtlich guter Stoffqualität. Schurwolle oder Kaschmir oder etwas anderes in der Preisklasse. Es sah ganz so aus, als legte Erikson keinen Wert darauf, dass irgend jemand die Herkunft dieser Kleidungsstücke zurückverfolgen konnte - wer auch immer das sein mochte. Ich durchsuchte die Jacketttaschen und die Taschen der Hosen. Es war nichts darin, außer einer Packung Tempo-Taschentücher. Danach nahm ich mir den Koffer vor und bemühte mich, dabei nicht die Unterwäsche in Unordnung zu bringen, die der Schwede so sorgfältig gefaltet hatte. Für sie galt dasselbe, wie für seine restlichen Sachen. Gute Qualität und keinerlei Etiketten. Ich ließ den Blick noch einmal sorgfältig durch das ganze Zimmer kreisen. Aber es schien, als sollte heute nicht mein Tag sein. Hier war nichts zu finden. Kein Krümel. Nicht einmal im Aschenbecher war etwas. Dann blieb mein Blick noch einmal bei der Zeitschrift auf dem Nachttisch hängen.

Ich ging hin, nahm das Blatt an mich und blätterte etwas darin herum. Ich weiß auch nicht genau, warum ich das eigentlich machte. Vielleicht Instinkt oder etwas in der Art. Jedenfalls war dieses bunte Blatt das einzige in diesem Raum, das sozusagen eine persönliche Note hatte.

Es war ein Magazin über Segelyachten.

Immerhin, dachte ich. Jetzt weiß ich, dass Erikson möglicherweise Segler ist. Oder es werden will und sich dafür interessiert. Viel war das auch nicht.

Und dann sah ich die Nummer, die mit einem Filzstift dahingekritzelt war. Vermutlich eine Telefonnummer. Und vermutlich eine Ausländische. Ich notierte sie mir auf die Hand, weil ich nur einen altersschwachen Kugelschreiber, aber kein Papier bei mir hatte. Dann machte ich, dass ich endlich aus dem Zimmer herauskam. Es gelang mir auch, ohne irgend jemanden auf mich aufmerksam zu machen.

Vielleicht sollte ich Hoteldieb werden!, dachte ich dabei.

War das nicht eine Alternative zu dem, worauf ich im Begriff war, mich einzulassen?

Aber als Mörder hatte ich einfach den besseren Tarif.







7



Wir lagen zusammen in Tinas ausgeleiertem Bett. Sie hatte den Kopf auf meine Schulter gelegt und schnurrte vor sich hin. Meine Hand glitt durch das dichte Haar. Sie würde Mühe haben, es zu kämen. Ich hatte es ihr ziemlich gründlich zerzaust.

"Wie wär's, wenn du dir nächste Woche ein paar Tage frei nimmst", meinte ich.

"Hm."

Sie schwebte wohl noch auf Wolke sieben oder acht. Sex beeindruckte sie immer ziemlich nachhaltig. Aber die Sache, die ich mit ihr besprechen wollte, war wichtig. Und allzu lange vor mir herschieben konnte ich sie auch nicht mehr.

Ich fragte: "Hast du überhaupt gehört, was ich gesagt habe?"

"Hm."

"Ich mache nächste Woche 'ne kleine Reise."

Jetzt wurde sie wacher. "Wohin?"

"Zürich, Switzerland. Ich dachte mir, du hast vielleicht Lust, mitzukommen. Ein paar schöne Tage in einer schönen Stadt. Mal was anderes, als deine Scheißkonditorei."

"Gut, ich frage mal meinen Chef."

"Mach das."

Der einzige Urlaub, den wir bis jetzt zusammen gemacht hatten, war ein Billig-Trip in der Nachsaison an die Costa Brava gewesen. Sie hob den Kopf und sah mich an. Und dann wurde sie plötzlich misstrauisch.

"Was willst du in Zürich?"

"Wieso?"

"Nicht wieso! Du fährst doch nicht einfach so nach Zürich."

"Ich will ein Konto einrichten."

"Wo du die Millionen lassen kannst, von denen du immer träumst, was?"

"Ja, genau."

"Spinner!"

"Weißt du was, du kümmerst dich darum, dass du Urlaub kriegst - und ich mich um den Rest. Klar?"

Sie lachte.

"Aye,aye, Sir!"







8



Ich rief die Nummer, die sich Erikson notiert hatte, zweimal an. Das erste Mal noch am Abend. Aber es nahm niemand ab. Das nächste Mal am nächsten Morgen und diesmal mit mehr Glück.

"Firma Kreuzpaintner, Wien", sagte eine Stimme in schauerlichem Wiener Schmäh Marke Arnold Schwarzenegger.

"Ja, guten Tag", sagte ich. "Ich wollte fragen, ob noch Plätze frei sind."

"Verzeihung?" Er sprach es so aus, dass es wie Verzeeääihung klang.

"Na Sitzplätze. Für die Busreise nach Rimini."

"Wir sind ein Import/Export-Kontor, kein Reisebüro", kam es jetzt etwas hochdeutscher, dafür aber auch schon merklich unfreundlicher durch die Leitung. "Ich glaube, Sie sind falsch verbunden."

"Nein. Mir hat jemand Ihre Nummer gegeben. Und Kreuzpaintner stimmt auch."

"Ein seltener Name ist das ja auch nicht gerade!"

"Kann schon sein, aber..."

"Hören Sie, mein Herr." Er sagte Heeäär. "Es tut mit leid, ich kann Ihnen nicht helfen." Damit legte er auf. Und mir tat es auch leid. Schließlich hätte ich gerne noch ein bisschen mehr erfahren.

Wien, dachte ich. Warum nicht einen kleinen Abstecher nach Wien machen? Wien, Zürich... Lag ja fast aus dem Weg, oder?

Naja, fast.







9



In der nächsten Woche machten wir unseren Trip nach Zürich. Tina hatte tatsächlich die ganze Woche freibekommen, womit ich nicht im Traum gerechnet hatte. Aber so konnten wir uns ein bisschen Zeit lassen.

Wir fuhren per Intercity. Einmal quer durch durch Deutschland und dann in die Berge. Es ist eine schöne Art zu reisen. Mein Volvo hätte so eine Strecke wahrscheinlich auch gar nicht überlebt.

Wir stiegen in einem guten Hotel ab. Es war so gut, dass Tina ganz von den Socken war. Ich sagte ihr, sie solle ihr Erstaunen etwas weniger deutlich zeigen. Es fiel nämlich schon auf. Auf jeden Fall hatten wir ein paar schöne Tage.

Ich richtete mein Konto ein und Tina bohrte noch etwas deswegen herum. Hartnäckig war sie ja. Warum ich denn hier ein Konto haben wollte, wo ich doch gar keine Steuern zahlen würde, die ich hinterziehen könnte und so weiter. Sie war halt ziemlich neugierig. Einer ihrer ganz wenigen unangenehmen Seiten. Aber damit konnte ich leben.

"Was hältst du davon, wenn wir noch 'nen kleinen Abstecher nach Wien machen?", meinte ich.

"Wien?"

"Ja."

"Einen kleinen Abstecher nennst du das?"

"Wien ist ist doch toll."

"Sicher."

"Stell dir vor: Wir fahren mit dem Vieracker durch die Stadt und..."

"Meinetwegen."

"Also einverstanden?"

"Ja. Ich frage mich nur, ob das alles nicht zu teuer wird."

Ich lächelte. "Ist es dein Geld?"

"Nein."

"Dann lass es mich doch verplempern, wie ich es will."

"Na, gut."

"Wenn's alle ist, können wir uns ja immer noch an die Bahnhofsmission wenden."

"Ach, hör auf!" Sie lachte.

"Ich weiß gar nicht was du hast! Ich habe das schon einmal gemacht!"

"Ja, du."

Es war nur ein paar Minuten später, da las ich in der Zeitung eine Meldung. Keine Schlagzeile, sondern eine kleinen Kurzmeldungen auf der letzten Seite.

Der russische Wissenschaftler Prof. Dr. Jurij Sergejewitsch Snegow ist gestern in Bern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ein Personenwagen erfasste den 52jährigen in einer unübersichtlichen Nebenstraße. Der Fahrer ist flüchtig. Nach ihm wird gefahndet. Snegow, der in der ehemaligen Sowjetunion an der Entwicklung von Trägersystemen für Nuklearsprengköpfe gearbeitet hatte, hielt sich zu einem Privatbesuch in der Schweiz auf.







10



Auf der ganzen Fahrt nach Wien ging mir der verdammte Russe nicht aus dem Kopf. War dieser Snegow wirklich an einem Unfall gestorben? Es sah so aus. Es konnte aber auch etwas ganz anderes dahinterstecken. Schließlich war es ja auch möglich, dass die Leute, in deren Auftrag der graue Mann mich angeworben hatte, noch eine ganze Reihe weiterer Geheimnisträger der ehemaligen UdSSR auf ihrer Todesliste hatten, um zu verhindern, dass Libyen, der Iran oder wer auch immer eine Art Ex-Sowjet Brain Trust zusammenstellten. Die Gelegenheit war ja schließlich auch ziemlich einmalig. Preise wie im Ausverkauf auf dem Grabbeltisch.

Später, als wir in Wien waren, versuchte ich, etwas über diesen Snegow in anderen Zeitungen zu finden. Tina war schon ganz kribbelig, weil ich einen Stapel Papier am Bahnhof kaufte und dann mit ins Hotel nahm.

"Was willst du damit?"

"Lesen."

"Steht doch überall dasselbe drin!"

"Manchmal nicht."

Am Abend gingen wir aus. Ins Burgtheater. Tina wollte unbedingt dorthin. Irgendein schwieriges Stück wurde da gespielt, deshalb gab es auch noch mehr als genug freie Plätze. Ich sah auf mein Programm. Glückliche Tage von Beckett. Eine Frau sitzt in einem Sandhaufen und redet und redet und redet, während ihr Mann sich irgendwo auf der Bühne herumflezt und ab und zu mal eine knappe Erwiderung hervorgrunzt. Hinterher gingen wir noch essen.

Als wir ins Hotel zurückkamen, war Tina ziemlich müde und fiel wie ein Stein ins Bett.

Ich blätterte noch die Zeitungen durch. Eine nach der anderen durchforstete ich nach dem Namen Snegow. Ich fand ihn nicht. Nur im Kurier stand eine kleine Meldung, aber ohne Namensnennung. Es war einfach nur von einem russischen Wissenschaftler die Rede.

Schlauer war ich jetzt auch nicht.

Ich sah zu Tina hinüber.

Sie schlief schon richtig tief und fest. Eigentlich war ich müde, aber ich hatte das Gefühl, jetzt unmöglich schlafen zu können. Da war einfach zu viel, was sich mir im Kopf herumdrehte.

Ich stand auf, öffnete die Hebetür und trat auf den kleinen Balkon hinaus, der zu unserem Zimmer gehörte. Es war eine laue Nacht. Eine der ersten lauen Nächte dieses Jahres.

Unser Zimmer war im siebten oder achten Stock. Ich sah hinab auf das Gewimmel. Von der Straße kam ein beständiges Rauschen, fast wie bei einer Meeresbrandung. Mein Blick glitt über die Lichtergalaxie der Stadt und ich dachte an alles Mögliche. Es herrschte ein großes Durcheinander in meinem Kopf. Ich dachte an den grauen Mann, an das Bankkonto in Zürich, auf das in nächster Zeit hunderttausend eingezahlt würden, ich dachte eine Sekunde lang an Erikson und an die Firma Kreuzpaintner, derentwegen ich in Wien war.

Und ich dachte an Tina.

Was wurde mit ihr, wenn ich den Job erledigt hatte?

Ich hatte noch noch nicht genügend darüber nachgedacht, wurde mir klar.

Was sollte ich ihr dann sagen?

Einfach von der Bildfläche verschwinden? Auf Nimmerwiedersehen? Es wäre das Einfachste gewesen. Und vermutlich auch das Sicherste. Aber ich wollte das eigentlich nicht, nicht wenn es sich vermeiden ließ jedenfalls. Ich wollte sie mit mir nehmen, so fern das möglich war. Und das hing von ihr ab. Und ein bisschen auch von mir. Von meinem Geschick, sie zu belügen, um genau zu sein, denn die Wahrheit konnte ich ihr nicht zumuten. Sie hätte sie nicht verstanden.

Aber im Lügen hatte ich ja ein bisschen Übung, warum sollte ich mir da also Sorgen machen?







11



Der Kerl, der uns am nächsten Morgen das Frühstück servierte, war fast zwei Meter groß, dafür aber ziemlich schmal. Er sah aus wie eine Vogelscheuche und schien noch nicht lange in seinem Job zu arbeiten, denn er brauchte insgesamt fünf Wege, um uns das Frühstück vollständig an den Tisch zu bringen. Schließlich hatten wir dann aber doch alles. Der Kaffee war allerdings nur noch lauwarm, als wir unser Drei-Minuten-Ei bekamen.

"Schade", meinte Tina irgendwann, während des Frühstücks. "Wenn in Jugoslawien jetzt nicht gekämpft würde, könnten wir noch ein bisschen weiter südlich fahren und uns an der Adria ein paar Tage in die Sonne legen. Müsste eigentlich schon warm genug sein."

"Ja", meinte ich abwesend. "Scheiß Bürgerkrieg." Es gab auch Leute, die fuhren extra deswegen hin, um mal ein bisschen Krieg zu erleben. Ich gehörte nicht dazu. In dieser Hinsicht hatte ich meine Portion Abenteuer intus und war für die nächsten hundert Jahre gesättigt.

"Aber wir könnten noch nach Italien runter!", schlug sie dann vor.

"Wir sind doch gerade erst in Wien!"

"Venedig. Was hältst du davon? Ich rufe zu Hause bei meinem Chef und frage ihn, ob das in Ordnung geht."

Ich schüttelte den Kopf.

"Tut mir leid, aber das geht nicht."

"Warum nicht?"

"Hab zu tun!"

"Was denn?"

"Ich habe zu tun, das reicht doch wohl, oder? Ein andernmal können wir gerne nach Venedig fahren. Wirklich. Aber nicht jetzt."

Sie zuckte die Achseln.

"War ja nur ein Vorschlag."

"Ich weiß."

Ich versuchte zu lächeln, aber das Ergebnis war wohl nicht so besonders.

Sie sah mich an. Und zwar auf ganz besondere Weise, wie sie es nur sehr selten tat. "Ich weiß eigentlich sehr wenig über dich", meinte sie dann in einem ziemlich nachdenklichen Tonfall.

"Wirklich?"

"Ich meine, über deine Vergangenheit. Über das, was du gewesen bist, bevor wir uns kennengelernt haben."

"Ich bin immer derselbe gewesen."

"Du gibst darüber nicht gerne Auskunft, nicht wahr?"

"Wie kommst du darauf?"

"Weil du mir bei solchen Fragen bislang immer geschickt ausgewichen bist." Sie hob etwas die Schultern. Dann strich sie sich mit einer unnachahmlichen Bewegung eine Strähne aus der Stirn, die sich aus ihrer Frisur herausgemogelt hatte. "Ist doch wahr, oder?"

Ich zuckte die Achseln.

"So interessant ist mein Leben nun auch wieder nicht."

"Ich finde schon."

"So?"

"Ich liebe dich. Deshalb interessiert es mich."

Ich blickte auf, ihr direkt in die grüngrauen Augen. "Was zählt, ist die Gegenwart", sagte ich dann ohne besonders große Überzeugungskraft.

"Findest du?"

"Finde ich."

Sie ließ nicht locker. Heute nicht. Sie machte einen weiteren Anlauf.

"Du warst bei der Fremdenlegion."

"Richtig."

"Warum?"

"Aus Dummheit."

"Das kann doch nicht alles gewesen sein!"

"Enttäuscht?"

"Nein."

"Nein?"

"Ich glaube dir nämlich kein Wort."

Ich trank meinen lauwarmen Kaffee aus, ehe er ganz kalt war und köpfte dann mein Ei.

"Warst du auch im Golfkrieg dabei?", fragte Tina dann.

Ich lachte heiser.

"Nein."

"Warum nicht?"

"Die Alliierten haben zu lange mit dem Angriff gewartet. Meine Zeit war da schon um." Ich zuckte die Achseln.

"Eigentlich schade."

"Warum?"

Ich sah Tinas Stirnrunzeln.

"Die Siegesparade in New York hätte ich gerne mitgemacht."

"Manchmal denke ich wirklich, du spinnst."

Sie schwieg eine Weile und ich dachte schon, sie würde nicht mehr darauf zurückkommen. Aber da hatte ich mich verrechnet.

"Was war vorher?", fragte sie. "Bevor du in der Legion warst?"

"Nichts besonderes."

Ich hätte auch sagen können: Nichts, was dir gefallen würde. Aber ich wollte ihre Neugier dämpfen und nicht anheizen.

"Dann kannst du es, mir ja auch erzählen."

"Lassen wir alles, wie es ist", meinte ich. "Das halte ich für besser."

"Hast du irgendwie Dreck am Stecken? Hast du etwas ausgefressen, oder was?"

"Tina..."

"Du traust mir nicht."

Was gewisse Dinge anging, traute ich niemandem. Auch Tina nicht, das war richtig. Ich wollte mich einfach niemandem ausliefern. Auch nicht der Frau, die ich liebte.

"Okay", sagte sie schließlich, nach einen Augenblicken des Schweigens. "Das muss ich wohl akzeptieren."

Nein, korrigierte ich sie in Gedanken. Das musst du nicht.

Aber offenbar wollte sie es.







12



Den Morgen verbrachten wir mit einer Vieracker-Fahrt durch die Wiener Innenstadt. Das touristische Pflichtprogramm sozusagen. Dann verbrachten wir einige Zeit in einem Straßencafé. Am Nachmittag wollte Tina ein bisschen durch die Geschäfte ziehen. Sollte sie ruhig. So konnte ich mich um Kreuzpaintner kümmern.

"Hast du genug Geld?", fragte ich.

"Sicher."

So sicher war das eigentlich nicht. Ich gab ihr trotzdem noch etwas dazu und erzählte ihr ein kleines Märchen, das sie mir ausnahmsweise anstandslos abkaufte. Am frühen Abend wollten wir uns im Hotel treffen.

Ich machte mich dann zur nächsten Telefonzelle auf und schlug im Telefonbuch nach. Kreuzpaintners gab es ziemlich viele. Aber nur eine Firma dieses Namens, die sich mit Im- und Export beschäftigte. Und die Telefonnummer stimmte auch.

Ich merkte mir die Adresse und ließ mich dann per Taxi dorthin bringen.

Als ich aus dem Wagen stieg, staunte ich schon ein wenig.

Der Taxifahrer hatte mich vor einer Villa abgesetzt, die von einer Mauer mit aufgesetztem gusseisernem Gitter umgeben wurde.

Ein kleines Schild am Tor sagte mir, dass ich hier richtig sein musste. Kreuzpaintner & Co. KG, Im-und Export.

Offenbar war hier nur das Büro.

Ich ging also an das gusseiserne Tor und sah dann die Klingel. Ich drückte zweimal, aber ohne Erfolg. Auf der anderen Seite rührte sich nicht das Geringste. Dann umfasste ich einen der Gitterstäbe und merkte, dass das Tor nur angelehnt war. Ich öffnete es und ging hindurch. Ein paar Sekunden später war ich vor der Haustür. Kein Schild, keine Klingel. Aber in der Einfahrt parkten zwei Personenwagen, ein Mitsubishi und ein Ford. Und die Reifenspuren waren ziemlich frisch. Es war also aller Wahrscheinlichkeit nach jemand zu Hause. Ich klopfte. Ich klopfte noch einmal. Dann hörte ich Stimmen und schließlich machte mir ein dunkelhaariger Mann auf. Ich bin nicht besonders groß, aber der Kerl ging mir gerade bis zur Schulter. Sein Teint war ziemlich dunkel. Ich nickte ihm zu.

"Guten Tag", sagte ich und wollte ihm schon die Lügenstory aufbinden, die ich mir zurechtgelegt hatte. Entschuldigen Sie bitte, aber ich bin von der Stadt. Wir renovieren hier das Gasnetz und deshalb müsste ich mal kurz bei Ihnen nachsehen und so weiter. Aber ich brauchte meine Story nicht. Mein Gegenüber hätte sie vermutlich kaum verstanden. Anstatt mich zu begrüßen, rief er etwas in furchtbar schlechtem Englisch in das Haus hinein. Offenbar brauchte er sprachgewandte Verstärkung. Als ich seinen Akzent hörte, versetzte es mir einen Stich. Ich hatte diesen Akzent oft genug gehört, um ihn zweifelsfrei wiedererkennen zu können.

Wenn mich nicht alles täuschte, war dieser Mann Araber.

Also doch!, ging es mir durch den Kopf. Die Spur führte nach Nahost. Ich hatte es schon fast befürchtet. Nun schien es mir Gewissheit.

Dann kam einer, der erstens anderthalb Köpfe größer war und mit seinen sehr schütteren blonden Haaren lieferte er zumindest eine optische Verbindung zu Erikson. Sein Schnurrbart war ziemlich ungepflegt und so lang, dass er immer ein paar Haare im Mund hatte und darauf herumkaute.

"Moin", sagte er. Und damit war für mich schonmal klar, dass er nicht der Kerl mit dem Wiener Dialekt sein konnte, denn ich am Telefon gehabt hatte. Dann wechselte er noch ein paar Worte mit dem Dunkelhaarigen, den ich für einen Araber hielt, und der daraufhin verschwand, nachdem er mir noch einen eher misstrauischen Blick zu geworfen hatte. Unterdessen bekam ich von dem großen Blonden einen kräftigen Händedruck.

"Sind Sie Kreuzpaintner?", fragte ich. Meine Gas-Story konnte ich immer noch aus der Reserve holen, aber wollte nicht zu sehr vorpreschen. So wenig wie möglich preisgeben und soviel Informationen dafür bekommen, wie es die Situation und mein Gesprächs, das war im Augenblick meine Devise.

"Tut mir Leid", meinte der Blonde. Er sprach einen eindeutig norddeutschen Dialekt. Hamburg, tippte ich.

"Ja, aber ich muss Herrn Kreuzpaintner..."

"Hier gibt es keinen Kreuzpaintner."

"Aber..."

"Sie sind nicht der erste, der nach ihm und seiner Firma fragt." Der Blonde grinste. "Hat er Ihnen auch Geld geschuldet?"

"Nun..."

"Na, Sie brauchen ja nicht drüber reden."

"Und wer sind Sie?"

"Mein Name ist Trautmann. Professor Dr. Trautmann."

"Und was machen Sie in diesem Haus? Haben Sie es gekauft?"

Trautmann atmete tief durch. Er schien ein klein wenig genervt zu sein, das spürte ich.

"Hören Sie, wenn Sie irgendwelche Ansprüche haben sollten, dann wenden sie sich doch bitte an die Universität."

"Warum das?"

"Die hat dieses Haus angemietet."

"Ach!"

"Ja, so ist es."

"Von wem?"

"Vom Käufer. Ich weiß nicht, wer das ist."

"Und Kreuzpaintner?"

"Ist pleite. Nach allem, was man so hört."

"Ich habe letzte Woche noch mit ihm telefoniert. Und zwar mit einer Nummer, die einem Anschluss gehört, der..."

"Wir sind erst seit dem Wochenende hier", meinte Trautmann.

Indessen tauchte der Araber kurz auf dem Flur auf. Er schleppte sich mit einer ziemlich großen Holzkiste ab und verschwand in einer der Nebentüren.

"Hm", meinte ich.

"Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann."

"Schon gut." Ich versuchte entspannt zu wirken, obwohl ich in der Nähe meiner Mundwinkel einen deutlichen Zug nach unten spürte. "Sagen Sie... Sie werden mir meine Neugier sicher verzeihen."

"Ja?"

Trautmann hob seine Augenbrauen, die so hellblond waren, dass man sie kaum sehen konnte.

"Womit beschäftigen Sie sich."

Er runzelte die Stirn.

"Jetzt im Moment?"

"Nein. Ich meine wissenschaftlich."

"Ach so. Ich bin Archäologe."

"Sie kommen aus Hamburg?"

Er lächelte. "Hört man das noch?"

"Ein bisschen."

"Ich lehre seit drei Jahren an der Uni Mainz."

"Und jetzt in Wien?"

"Ja. Ab dem nächsten Semester. Ich habe hier die Möglichkeit ein Institut für palästinische Archäologie einzurichten. Dem konnte ich einfach nicht widerstehen."

"Verstehe", murmelte ich. "Der Herr, mit dem ich gerade gesprochen habe."

"Ein Kollege."

"Ah, ja."

"Er kommt von der Universität Kairo und nimmt an einem Austauschprogramm teil. Leider spricht er weder vernünftig Englisch noch sonst irgend eine Fremdsprache - und mein Arabisch ist nicht so toll, dass das eine besonders flüssige Unterhaltung ergeben würde."

"Sie haben keine Ahnung, wo Kreuzpaintner jetzt ist?"

"Nein."

"Zu dumm."

"Tja, so ist das nun einmal. Ich hoffe für Sie, dass er nicht schon auf den Cayman-Inseln ist. Sie glauben gar nicht, wie viele bitterböse Anrufe hier täglich ankommen."

"Was Sie nicht sagen!"

"Seit gestern nehme ich schon gar nicht mehr ab."

"Was sagen die denn so?"

"Ach, vergessen wir's! Beschimpfungen!"

"Haben Sie Kreuzpaintner mal gesehen?"

"Nein. Ich bin ihm nie begegnet."

"Schade."

Ich wandte mich zum Gehen. Da kam der Araber und sagte etwas, was ich nicht verstand.

"Wären Sie so freundlich, eben mal mit anzupacken?", fragte Trautmann. "Es handelt sich um einen Büroschrank samt Inhalt. Und der ist einfach zu schwer für zwei."

Ich wandte mich halb herum.

"Sicher."

"Kommen Sie!"







13



Der Abstecher nach Wien schien ein Schlag ins Wasser zu werden. Jedenfalls war ich kein bisschen schlauer als zuvor.

Alles verlor sich im Nichts, so wie dieser seltsame Heeäär Kreuzpaintner.

"Gefällt dir das?", hörte ich Tina sagen.

Ich war pünktlich zurück im Hotel gewesen und nun musste ich mir ansehen, was sie eingekauft hatte.

"Ganz nett", meinte ich abwesend und fragte mich, ob es es mit einem echten Professor zu tun gehabt hatte, oder ob mich da einer zum Narren hielt. Ich würde auf jeden Fall versuchen, es nachzuprüfen.

"Was heißt hier ganz nett?", hörte ich Tinas empörte Stimme.

"Ganz nett heißt: Prima."

"Dann hättest du prima gesagt und nicht ganz nett. Gefällt es dir nun oder gefällt es dir nicht?"

"Es gefällt mir."

"Wirklich?"

"Wirklich. Steht dir super."

Ich dachte an den Araber. Institut für palästinische Archäologie - konnte es eine bessere Tarnung geheimdienstlicher Tätigkeiten geben?







14



Ein paar Tage später waren wir wieder zu Hause. Wien hatte nicht viel gebracht, jedenfalls nicht, was mein spezielles Problem anging. Immerhin hatten Tina und ich ein paar schöne Tage dort gehabt. Und das war ja auch etwas.

Ich verbrachte die Zeit mehr oder weniger mit Nichtstun und wartete darauf, dass der graue Mann mit der dicken Brille sich bei mir meldete.

"Haben Sie schon mal jemanden getötet?"

Ich hatte seine Frage noch gut im Ohr. Und ich hätte in jenem Augenblick nicht im Traum daran gedacht, dass ich ein paar Wochen später ungeduldig darauf warten würde, dass er mich anrief.

Die fünftausend, die er mir fürs Nachdenken gegeben hatte, waren schon so gut wie aufgebraucht. Anfangs hatte ich ihn für einen Spinner gehalten. Jetzt war mir klar, dass er genau gewusst hatte, was er tat. Verdammt genau. Ich wollte jetzt auch die halbe Million. Und es war mir fast schon egal, was ich dafür zu tun hatte. Ich war tief gesunken und wartete noch immer vergebens darauf, dass es anfing mich zu stören.

Als der graue Mann anrief, war es kurz nach drei am Nachmittag. Ich nahm den Hörer ab.

"Ja?"

Er sagte keinen Namen und keine Begrüßung, sondern kam unmittelbar zur Sache. Aber ich erkannte seine Stimme sofort und wusste, mit wem ich sprach. Mit ihm.

"Haben Sie es sich überlegt?"

"Ja."

"Interessiert?"

"Ja."

"Gut."

Er legte auf.

Ich saß da wie bestellt und nicht abgeholt. Ich hatte keine Ahnung, wen ich ins Jenseits befördern sollte, wo ich ihn finden konnte und so weiter. Ich hatte nicht einmal eine Waffe. Aber der graue Mann war keiner, der irgend etwas dem Zufall überließ, so gut glaubte ich ihn inzwischen schon zu kennen. Er würde schon dafür sorgen, dass alles über die Bühne ging.

Ich ging zum Fenster und blickte hinaus. Es war regnerisch heute. Ein trüber Tag, den man am besten aus dem Kalender strich. Erst nach und nach wurde mir klar, was ich vor wenigen Sekunden getan hatte. Ich hatte den Auftrag angenommen und ich wusste nur zu gut, dass es jetzt kein Zurück mehr gab auf diesem Weg, an dessen Ende ich ein Mörder sein würde. Es war jetzt keine reine Gedankenspielerei mehr, sondern tödlicher Ernst. Ich dachte an die halbe Million.







15



Jeden zweiten Tag rief ich in Zürich an, um mich nach meinem Kontostand zu erkundigen. Tina würde sich über die Telefonrechnung freuen. Ende der Woche kam dann die Überweisung. Hunderttausend Franken. Das war mehr Geld, als ich je besessen hatte. Ein merkwürdiger Schauer überlief mich, als mir die Stimme auf der anderen Seite der Strippe bestätigte, dass das Geld tatsächlich eingezahlt worden sei. Der graue Mann hatte Wort gehalten. Und ich würde es auch tun.

Vermutlich blieb mir auch gar nichts anderes übrig, wenn ich noch eine Weile leben wollte. Und auf einmal bekam die ganze Sache einen üblen Beigeschmack. Man hat dich gekauft, sagte irgend etwas in mir.

Der graue Mann rief nicht mehr an. Mit wachsender Ungeduld schaute ich jeden Tag in den Briefkasten. Konnte ja sein, dass man mir das Material zuschickte. Die Waffe, ein Foto des armen Schweinehunds, den ich allemachen sollte und so weiter. Aber noch war nichts gekommen.

"Was ist eigentlich los mit dir?", fragte mich Tina irgendwann mal während dieser Zeit.

"Was soll denn los sein?", grunzte ich zurück.

"Du bist so... in dich gekehrt."

"Ich bin eben ein introvertierter Mensch. Vielleicht wäre ich unter anderen Umständen Mönch in einem buddhistischen Bergkloster geworden."

Es sollte witzig klingen.

Es klang aber nur irgendwie bescheuert.

"Du willst mich verarschen!", stellte Tina zielsicher fest.

"Würde ich nie tun!"

"Tust du dauernd."

"Ach, komm!"

"Na, ist doch wahr!"

Am nächsten Tag bekam ich Post. Ein weißer Umschlag, mit einem Computer-Etikett beklebt, auf das mein Name und Tinas Adresse aufgedruckt waren. Ich machte auf und schaute mir den Inhalt an. Es war ein Schlüssel. Ich kannte diese Art von Schlüssel. Sie gehörte zu den Gepäckfächern im Bahnhof.

Dabei war ein Zettel. Auf dem Stand: Bis 18 Uhr. Ich fuhr erst hin, als Tina nicht mehr in der Wohnung war. Vor dem Bahnhof stellte ich den Volvo im Parkverbot ab und hoffte, dass die alte Kiste noch da war, wenn ich zurückkam. Aber ich hatte keine Wahl. Alle regulären Plätze waren belegt.

Als ich die Bahnhofshalle betrat, hatte ich ein flaues Gefühl in der Magengegend. Ich konnte noch nicht einmal genau sagen, warum eigentlich. Ich konnte mich nicht erinnern, ein solches Gefühl gehabt zu haben, als man uns in den Tschad geflogen hat.

Und damals war ich in Gefahr gewesen.

Jetzt war es jemand anderes.

Und wenn man dem glauben konnte, was der graue Mann mir erzählt hatte, dann waren wir alle in Gefahr und ich trug ein bisschen dazu bei, sie zu verringern. Wie auch immer.

Wahrscheinlich war es nur die halbe Wahrheit.

Ich ging zu den Gepäckfächern und öffnete schließlich dasjenige, dessen Nummer mit der auf meinem Schlüssel übereinstimmte.

Im Innern war ein kleines Diplomatenköfferchen. Ich nahm es an mich, drehte mich ein wenig zur Seite und ging dann mit schnellen Schritten davon.

Dabei fragte ich mich, ob sie mich wohl beobachteten. Ich hatte zwar nichts bemerkt, aber da ich es mit Profis zu tun hatte, musste das nichts heißen.

Als ich wieder hinter dem Steuer des Volvos saß, fühlte ich mich schon bedeutend wohler. An der Scheibe klebte ein Zettel. Glück gehabt!, dachte ich. Ein paar Mark fürs Falschparken waren nicht so unangenehm, als wenn einem die Karre abgeschleppt wurde.

Ich startete.

Und aus den Augenwinkeln sah ich den Koffer neben mir auf dem Beifahrersitz liegen. Ich öffnete ihn erst zu Hause.

Tina war bei der Arbeit. Ich konnte das in aller Ruhe machen, ohne dumme Fragen gestellt zu bekommen.

Da war einmal ein Futteral, das aussah wie die Umhüllung meines Rasierapparats.

Aber ich wusste nur zu gut, was darin war.

Ich öffnete und sah eine automatische Pistole samt Munition und Schalldämpfer. Ich nahm die Waffe heraus und lud sie durch. Dann nahm ich sie etwas genauer unter die Lupe. Die Seriennummer war abgefeilt. Die Leute, in deren Auftrag ich den Todesengel spielen sollte, hatten auch wirklich an alles gedacht.

Ich packte die Waffe wieder bei Seite und nahm dann den braunen Umschlag, Format Din A5. Als ich ihn öffnete, mit den Fingern hineinlangte und das Fotopapier spürte, hatte ich wieder das flaue Gefühl.

Ich nahm die Fotos heraus und sah in die trüben blauen Augen eines Mannes in den späten Fünfzigern. Er hatte nicht mehr viele Haare auf dem Kopf, aber die wenigen, die noch vorhanden waren, hatte er dafür wachsen lassen und sorgfältig auf der glatten Schädelfläche verteilt. Ich fragte mich, wie viel Pomade man wohl brauchte, um sie da oben auf der Halbkugel einigermaßen stabil kleben zu lassen.

Es war eine ganze Serie von Bildern.

Auf einem hatte er einen Bart, der ziemlich grau war. Und ein weiteres zeigte ihn zusammen mit Breschnew bei irgend einem offiziellen Anlass.

Der Untergang des roten Reiches hatte jemandem wie ihm nur Nachteile bringen können.

Ich ging die anderen Bilder durch.

Eines zeigte ihn zusammen mit seiner Familie, das sah ich mir etwas länger an.

Er hatte einen Sohn und eine Tochter, beide Anfang 30, so schätzte ich. Seine Frau war zierlich und hatte feine, sympathisch wirkende Gesichtszüge.

Ich hoffte, dass der Kerl allein reiste. Und wenn nicht, dann würde ich mir trotzdem Mühe geben, die Sache so zu drehen, dass ich keinen von ihnen erledigen musste. Das sollte eigentlich zu machen sein. Schließlich war ich ja kein Terrorist, der es in Kauf nimmt, hundert Menschen und vielleicht sogar noch sich selbst in die Luft zu sprengen, nur um vielleicht einen Politiker zu treffen.

Zwischen den Bildern war noch ein kleiner Zettel.

Andrej Andrejewitsch Krylenko Frankfurt am Main /Flughafen ab 15.4. aus Moskau

Besonders präzise war das nun wirklich nicht, aber wenigstens hatte ich noch einige Tage Zeit. Ich fluchte innerlich. Etwas mehr Vorbereitung hätte ich mir schon gewünscht. Es war schon ein teuflisches Spiel, auf das ich mich da eingelassen hatte. Da würde in gut einer Woche ein Mann den Flieger von Moskau nach Frankfurt besteigen und sein Tod war schon beschlossene Sache. Sogar schon angezahlt. Er würde ahnungslos in den Tod fliegen. Es war eigentlich nicht so sehr Mitleid mit Krylenko, das mich plötzlich zu plagen begann, sondern die plötzliche Erkenntnis, dass mir niemand garantieren konnte, dass ich nicht selbst drauf und dran war, etwas ähnliches zu tun, wie dieser Russe.







16



Irgendwann in den nächsten Tagen fuhr ich hinaus aufs Land und übte auf einer einsamen Wiese ein bisschen mit der Automatik. Genug Munition hatte der graue Mann mir ja vorsorglich mitgeliefert.

Nicht, dass ich im Umgang mit einer solchen Waffe völlig ungeübt gewesen wäre, aber erstens war ich ein bisschen aus dem Training und zweitens war es immer ein Vorteil, sich mit seinem Gerät gut auszukennen.

Meine Schießergebnisse waren nicht schlecht. Jedenfalls ausreichend um den Schädel dieses Krylenko auf eine Entfernung von wenigen Metern zu treffen.

Ich hatte mir die Sache schon so in Umrissen überlegt. Ich würde den Russen am Flughafen ins Visier nehmen und in sein Hotel verfolgen.

Dann würde ich auf eine Gelegenheit warten, hinauf zu seinem Zimmer gehen, die Tür eintreten und zack. Der Schalldämpfer hielt immerhin, was er versprach. Das war schon mal eine gute Voraussetzung.

Schließlich packte ich die Waffe wieder ein und fuhr zurück. Für die Strecke nach Frankfurt werde ich mir einen Leihwagen nehmen, dachte ich mir.

Es musste ja nicht gleich die erste beste Spur in meine Richtung führen.

Oder noch besser: Ich konnte einen Wagen knacken. Ich hatte das eine Weile lang gewissermaßen berufsmäßig gemacht.

Seit dem Fall des eisernen Vorhangs gab es in Osteuropa ja einen fast unbegrenzten Markt für Nobelkarossen aus deutscher Wertarbeit. Vor allem, wenn man sie als Sonderangebote auf den Markt brachte. Und das Risiko, erwischt zu werden, war ziemlich gering.

Aber leider hatten das auch andere gemerkt und so war der Handel längst in den Händen organisierter Banden, die entsprechend kompromisslos gegen die Konkurrenz vorgingen.

Und ich hatte wenig Lust, mich so zurichten zu lassen, dass ich den Rest meines Lebens ein Fall fürs Pflegeheim war.

Während ich nach Hause fuhr, dachte ich an Tina.

Als ich von Rio angefangen hatte, hatte sie gedacht, es wäre eine Spinnerei. Und dann hatte ich nicht mehr den Mut gehabt, noch einmal von der Sache zu reden. Es war ja auch nicht ganz einfach, über etwas zu reden und gleichzeitig nichts zu sagen, was mit mit diesem Krylenko oder dem grauen Mann zu tun hatte.

Sie durfte nichts wissen. Und wenn ich ihr sagte, pack schon mal deine Sachen, nächste Woche geht's in den Süden?

Dann würde sie mir Löcher in Bauch fragen. Löcher von der Größe eines Gullideckels.

Nein, es war besser, die Sache durchzuziehen und ihr dann zu sagen, was Sache war.

Dann musste sie sich entscheiden.

Entweder sie kam mit mir oder unsere Wege würden sich für lange Zeit trennen.

Ich ahnte in dieser Sekunde nicht, dass es da noch jemanden gab, den ich nicht auf meiner Rechnung hatte und der für uns beide längst entschieden hatte.

Auf seine Weise.







17



Es war etwas später geworden, als ich zu Hause ankam.

Tina musste schon da sein. Jedenfalls sah ich ihren Wagen.

Ich nahm den Koffer mit der Waffe und ging dann die Treppe hinauf zu Tinas Wohnung. Ich schloss auf und trat ein.

"Tina?" Ich hatte ein schlechtes Gefühl. In der Wohnung war es völlig still. Ich blickte den Flur entlang und lauschte. Kein Laut. "Tina?"

Schon dieses zweite Tina? war im Grunde überflüssig. Es war mir instinktiv klar, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Und dann fiel mein Blick auf die kleine Lampe, die von der Kommode gefallen war und nun auf dem Boden lag. Tina hätte sie sofort aufgehoben. So war sie nun mal. Ich machte ein paar Schritte vorwärts und hatte das untrügliche Gefühl, direkt in eine Art Falle hineinzutappen. Dann kam ich an die Wohnzimmertür. Ich stand halb im Rahmen und sah einen Mann im Drehsessel sitzen und offenbar auf mich warten.

Zu seinen Füßen lag Tina, die mit starren toten Augen ins Nichts blickte.

Blitzartig ließ ich mich zur Seite fallen, während es mehrfach plop! machte. Ein Geräusch wie ein kräftiges Niesen. Ich wusste nur zu gut, dass es durch eine Schalldämpferwaffe verursacht wurde. Der Kerl im Sessel hatte ohne eine Sekunde zu zögern angefangen, wild draufloszufeuern. Ich sah die Projektile die Tapete im Flur zerfetzen und fragte mich, was ich tun konnte, um mein Leben zu retten.

Der Weg aus der Wohnung war abgeschnitten. Ich rannte in die einzige Richtung, die übrig blieb. In die Küche. Den Koffer mit der Pistole ließ ich dabei zurück. Die Waffe konnte mir jetzt ohnehin nichts nützen. Sie war nicht geladen und mein Gegner würde mir sicherlich nicht die Zeit geben, das nachzuholen.

Ich hörte seine Schritte.

Er kam näher, während mein Blick über die glatten, blitzblanken Küchenmöbel glitt.

Das war's dann!, sagte eine Stimme in mir. Ich stand mit leeren Händen da und der Killer, der mir ans Leder wollte hielt eine Pistole in der Rechten.

Ich griff nach einer Schublade, zog sie heraus und sah das große Tranchiermesser. Ich überlegte nicht lange, sondern nahm es in die Rechte.

In der nächsten Sekunde stand er mir gegenüber. Er hatte ein ausdrucksstarkes, kantiges Gesicht und war mindestens zehn Jahre älter als ich. Vielleicht war sein Mordsjob auch derart stressig, dass seine Haare vorzeitig ergraut waren.

Seine Automatik hielt er beidhändig.

Er kniff ein Auge zu beim Zielen. Offenbar wollte er jetzt auf Nummer sicher gehen.

Alles in allem war es nämlich ein mittelgroßes Wunder, dass er mich nicht erwischt hatte.

Ich zögerte nicht den Bruchteil eines Augenblicks, sondern stürzte sofort auf ihn. Schließlich hatte ich nichts mehr zu verlieren.

Mit der Linken umfasste ich sein Handgelenk und bog den Pistolenlauf in Richtung Decke.

Es machte plop! und ein bisschen Putz rieselte herab. In derselben Sekunde schlitzte ich ihn mit dem Tranchiermesser fachgerecht auf.

Ich hatte gelernt, wie man mit einem Messer einigermaßen schnell tötet, ohne sich dabei allzu dreckig zu machen.

Es ging blitzschnell.

Ritsch ratsch und aus.

In seinem gefrorenen Blick stand eine unausgesprochene Frage. Er war offenbar überrascht. Einen Augenblick lang noch schwankte er, dann schlug er der Länge nach auf den Boden. Er war tot.

Ich legte das blutige Tranchiermesser auf den Küchentisch und stieg dann über den Toten, um ins Wohnzimmer zu gelangen, wo ich Tina gesehen hatte. Ich fühlte den Puls bis zum Hals schlagen und fühlte mich scheußlich. Als durch die Tür trat, musste ich schlucken. Ich beugte mich über ihren leblosen Körper und schloss ihr die Augen. Zwei Schüsse hatte der Killer ihr verpasst, einen in den Hals, den anderen ziemlich genau ins Herz.

Ich fluchte irgend etwas vor mich hin.

Man konnte darauf wetten, dass der Killer meinetwegen gekommen war. Wahrscheinlich hing es mit der Sache zusammen, auf die ich mich eingelassen hatte. Ich verwünschte mich dafür, aber es ließ sich nicht rückgängig machen. Noch hatte ich keine Ahnung, wie das alles zusammenhing, aber ich würde es herauskriegen.

Ich stellte mir vor, wie es geschehen war.

Der Killer hatte an der Tür geklingelt, Tina hatte geöffnet. Vielleicht hatte der Kerl gleich kurzen Prozess gemacht und dann Tinas Leiche ins Wohnzimmer geschleift, um dort in Ruhe auf mich zu warten.

Er hatte sie nicht am leben lassen können, das war mir schon klar. Aber dafür war es sein letzter Job gewesen.

Ich nahm Tina in den Arm.

Und weinte.







ZWEITER TEIL



Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, ehe ich wieder zu mir kam. Alles erschien mir seltsam unwirklich. Wie ein Alptraum, von dem man dumpf ahnt, dass er nicht real ist. Aber dieser Alptraum war real. Leider. So schwer es mir in diesem Moment auch fiel, aber ich musste jetzt meine fünf Sinne beisammenhalten. Für Tina konnte ich nichts mehr tun, aber wenn ich etwas Glück hatte, konnte ich vielleicht noch meine eigene Haut retten.

Ich legte Tina zurück auf den Boden und erhob mich. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, sie mir nicht noch einmal anzusehen, aber dann tat ich es doch.

Mit ihren geschlossenen Augen wirkte sie fast wie schlafend. Ich konnte noch immer kaum fassen, dass sie nicht mehr aufwachen würde. Nie mehr.

Ich ging hinaus in den Flur. In der Küchentür lag der Killer. Ich sah ihn mir zum ersten Mal wirklich an. Er sah aus, als könnte er immer noch nicht wirklich begreifen, dass er tot war.

Ich beugte mich über ihn und schlug sein Jackett zur Seite und durchsuchte die Innentaschen. Ich fand eine Brieftasche samt Führerschein, ausgestellt auf den Namen Hellmut Deschner. Das Foto stimmte überein, aber trotzdem hatte ich bei dem Führerschein den Verdacht, dass er falsch war.

Ich nahm das Kleingeld aus der Brieftasche und steckte es ein. Dreitausend D-Mark, der größte Teil in Fünfhundertern und Zweihundertern.

Der Leiche, die sich Deschner genannt hatte, konnte es nichts mehr nützen, aber mir ersparte es einen Gang zur Bank. Ich hatte jetzt ein paar Dinge zu tun, die wichtiger waren. Und zwar sehr schnell.

In Deschners Hosentaschen fand ich neben einem benutzten Taschentuch noch einen Wagenschlüssel mit dem BMW-Emblem als Anhänger. Ich würde mir den Wagen noch genau unter die Lupe nehmen, falls ich ihn fand.

Dann ging ich ich und packte meine Sachen. Es war nicht viel. Nicht viel mehr als das, womit ich eingezogen war. Es passte in einen Koffer.

Schade, dachte ich, als ich wieder im Flur stand. Ich hatte mich hier zu Hause gefühlt. Aber es gab keinen anderen Weg für mich. Wie sollte ich einem Polizisten zum Beispiel die beiden Leichen in der Wohnung erklären? Ich konnte ja schlecht sagen, dass ich einen Mordauftrag angenommen hatte und irgend jemand offenbar etwas dagegen hatte, dass ich ihn auch ausführte und deswegen versuchte, mich vorher auszuschalten.

Außerdem würde derjenige, der diesen Bluthund namens Deschner auf mich gehetzt hatte, sicher nicht so schnell aufgeben. Sobald dieser Jemand davon erfahren hatte, dass ich seinem Todesengel das Licht ausgeblasen hatte, würde er den nächsten beauftragen.

Das Schlimme war, dass ich keine Ahnung hatte, wer mein Feind war. Ich war wie ein Blinder, der versucht, einen Boxkampf zu gewinnen; einer, der die Schläge seines Gegners immer erst bemerken kann, wenn sie seinen Schädel schon getroffen haben.







1



Ich stand schon mit gepacktem Koffer im Flur, da fiel mir ein, dass ich noch einmal ins Wohnzimmer musste. Ich setzte den Koffer ab, nahm mir vor, nicht zu ihr hinzuschauen, aber tat es dann doch.

Innerlich verfluchte ich ihren Mörder.

Damit meinte ich nicht so sehr dieses willige Mordwerkzeug namens Deschner, sondern denjenigen, der ihn auf den Weg gebracht hatte. Das war der eigentliche Schweinehund.

Jedenfalls sagte ich mir das. Immer wieder, bis ich fast daran glaubte.

Fast.

Wenn ich ganz ehrlich gewesen wäre, hätte ich auch mir selbst Vorwürfe machen müssen. Aber wer ist in einem solchen Augenblick schon ganz ehrlich?

Ich ging an ihr vorbei zum Wohnzimmerschrank und räumte die Fotoalben heraus, die Tina mit großer Akribie angelegt hatte.

Ich wusste, dass sie chronologisch geordnet waren, schließlich hatte ich sie mir oft genug ansehen müssen. Es war eine von Tinas Lieblingsbeschäftigungen gewesen, in alten Alben herumzublättern.

Im ersten Dutzend spielte ich keine Rolle, aber in den letzten beiden waren fast fünfzig Fotos, auf denen ich zu sehen war. Ich fing an, sie einzeln herauszuknibbeln, aber das war mir dann zu langwierig. So nahm ich die Alben an mich und stopfte sie einen Augenblick später zu der Pistole in den Diplomatenkoffer.

Ich schloss die Wohnung sorgfältig ab. Eine Weile würde es schon dauern, bis irgend jemand darauf kam, was hier los war. So hatte ich zumindest einen gewissen Vorsprung - und den hatte ich auch bitter nötig.

Ich brachte meine Sachen in den Volvo. Dann blickte ich mich nach einem BMW um, sah aber keinen. Ich überlegte, ob ich nicht vielleicht besser zusah, dass ich ich endlich wegkam.

Aber wohin?

Kopflos davonzulaufen hatte wenig Sinn. Es würde mich nur zu einer leichten Beute für meine Jäger machen.

Und was dann?

Ich musste mir gut überlegen, was ich tat. Jemand hatte mich töten wollen und dabei den einzigen Menschen erwischt, der mir wirklich etwas bedeutete. Ich wollte wissen, wer dahintersteckte.

Und dann? Wenn ich es wusste?

Ich hatte keine Ahnung, was dann war. Da war ein diffuses Gemisch aus Hass und dem Bedürfnis nach Rache in mir. Jemand hatte mein Leben zerstört und sollte dafür bezahlen! Aber ich wusste nicht, ob es gut war, diesem explosiven Gefühlsgemisch nachzugeben. Gut für mich.

Aber das war eine Stimme, die ich in diesem Moment einfach überhörte.

Ich setzte mich ans Steuer des Volvo, drehte den Zündschlüssel herum und brauchte zwei Versuche, ehe ich den alten Schrottkasten gestartet hatte.

Dann fuhr ich einmal um den Pudding und suchte die Nebenstraßen nach einem BMW ab.

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass dieser Deschner es unbedingt darauf abgesehen hatte, lange zu laufen, zumal sowohl die nächste Bushaltestelle, als auch die nächste U-Bahn-Station einen Fußmarsch von einer guten Viertelstunde bedeutet hätten. Und für einen Killer war das zu lang. Unterwegs gab es zu viele Leute, die ihn nachher vielleicht identifizieren konnten, so sagte ich mir in meiner trivialen Phantasie.

Ich hoffte es, dass es so war.

Beinahe wollte ich schon aufgeben, da wurde ich doch noch fündig. Ein blauer BMW war ziemlich rücksichtslos auf den Bürgersteig geparkt worden. Ich stellte den Volvo ins Halteverbot und stieg aus. Als ich den BMW erreicht hatte, drehte ich mich kurz um. Aber in dieser Seitenstraße war im Moment so gut wie nichts los. Um so besser. Ich ließ den Schlüssel in die Tür gleiten und drehte ihn herum. Er passte.

Es war ein wirklich schöner BMW. Sicher nicht älter als zwei Jahre und in einem äußerst gepflegten Zustand. Und der Tank war voll.

Im Handschuhfach fand ich die Papiere, ausgestellt auf Deschners Namen.

Und dann fand ich noch etwas. Eine Karte.

Ich faltete sie auf.

Es waren zwei Kreuze darauf. Eines bezeichnete offensichtlich meine, beziehungsweise Tinas, Adresse. Das andere lag an einem See. Daneben war eine Zahl angegeben. Ich sah genauer hin. Ja, ich kannte die Gegend, war sogar schon einmal dortgewesen.

Es gab da eine Ferienhaussiedlung. Alles Nur-Dach-Häuser von denen eins wie das andere aussah. Selbst die Richtung, in die ihre Giebel zeigten war dieselbe. Die Giebel zeigten allesamt zum See hin. Ich erinnerte mich. Tina und ich waren ein paar Mal im nahen See baden gewesen. Die Zahl stand vermutlich für die Hausnummer.

Ich packte die Karte wieder zusammen und fragte mich, was Deschner dort wohl verloren gehabt hatte.

Er war wohl kaum in diese Gegend gekommen, um hier Ferien zu machen, sondern um einen Job zu erledigen.

Oder auch zwei.

Zwei Kreuze, zwei Jobs. Ich fand das logisch.

Ich entschied mich kurzerhand dafür, den alten Volvo gegen den BMW einzutauschen. Der BMW hatte jedenfalls die entschieden längere Lebenserwartung. Außerdem brauchte ich jetzt ein Fahrzeug, auf das ich mich absolut verlassen konnte. Ich ging zu meinem Volvo, schraubte die Nummernschilder ab und nahm meine Sachen, die ich dann auf den Rücksitz des BMW packte. Dann fuhr ich los. Ich dachte daran, dass ich noch einen Auftrag zu erfüllen hatte und fragte mich, ob ich ihn wirklich ausführen sollte. Wenn nicht, hatte ich zwei Parteien, die mich jagten. Wenn doch, dann würde zumindest Deschners Auftraggeber alles daran setzen, mich doch noch zur Strecke zu bringen. Vermutlich würde er das so oder so tun.

Eigentlich hatte ich ja auch noch etwas Zeit, um diese Sache endgültig zu entscheiden. Und ganz gleich, was auch geschah: Hunderttausend hatte ich auf meinem Konto in Zürich. Und das war schon einmal eine einigermaßen gute Voraussetzung, um doch noch lebend aus dieser Sache herauszukommen.

Ich beschloss, mir als erstes einmal dieses Ferienhaus anzusehen, bei dem Deschner ein Kreuz gemacht hatte.

Ein Kreuz...

Eine makabere, unfreiwillige Symbolik.

Ich hoffte, dass es nicht dasselbe bedeutete, wie jenes Kreuz, das Tinas Adresse bezeichnete!

Mit dem BMW dauerte es eine knappe halbe Stunde, bis ich den Ferienpark erreicht hatte.

Ich stellte an einer etwas einsameren Stelle den Wagen für einen Moment an den Straßenrand, griff mir den Koffer mit der Pistole und nahm die Waffe heraus. Ich lud sie und steckte sie seitlich in Jackett-Tasche. Den Schalldämpfer ließ ich im Koffer. Der machte die Waffe zu lang und unförmig. Und im Moment hatte ich ja auch keineswegs die Absicht jemanden zu erschießen. Jedenfalls nicht, wenn es sich vermeiden ließ.

Schließlich fuhr ich weiter und suchte nach der Hausnummer, die auf der Karte angegeben gewesen war.

Schließlich fand ich sie. Sie gehörte zu einem schmucken Holzhaus mit Balkon und einer Grundstücksparzelle von vielleicht fünfhundert Quadratmetern. Ein Wagen stand in der Einfahrt, daher war anzunehmen, dass der Besitzer zu Hause war. Ich ließ den BMW ein paar Meter weiter stehen und näherte mich dann dem Haus. Ein Mann schob sein Surfbrett auf einem kleinen Handwagen an mir vorbei und wollte offenbar in Richtung See damit. Er sah mich kurz an, aber durch die superdunkle Sonnenbrille, die er trug, konnte er vermutlich ohnehin nicht allzuviel erkennen.

Ich wartete, bis er weg war.

Mein Blick ging die Fenster des Holzhauses entlang. In einem der Räume brannte Licht, obwohl es jetzt heller Tag war. Ich überprüfte den Sitz meiner Automatik und entschied mich dann, es erst einmal mit dem geraden und direkten Weg zu versuchen.

An der Haustür gab es sogar eine Klingel. Ich drückte auf den Knopf. Zweimal, kurz hintereinander. Aber es reagierte niemand. Ich hatte die Rechte in der Jackentasche und umklammerte den Pistolengriff. Noch einmal wollte ich nicht unvorbereitet in die Falle gehen. Man soll das Glück schließlich nicht herausforden.

Ich versuchte es noch einmal mit der Klingel und wieder ohne Erfolg. Aber ich war überzeugt davon, dass jemand im Haus war. Möglich, dass dieser Jemand mich gar nicht sehen wollte. Ich umrundete das kleine Haus. Nach hinten hinaus war eine Terrasse. Die gläserne Hebetür stand offen.

Ich zog die Automatik. Sicher war sicher. Und dann tastete ich mich vorsichtig in dieses Nur-Dach-Haus, von dem ich mir unter anderen Umständen gewünscht hätte, es würde mir gehören.

Nachdem ich die Gardinen zur Seite geschlagen hatte, hatte ich freie Aussicht auf ein ziemlich derangiertes Wohnzimmer.

Zwei der drei Korbsessel waren umgestoßen, der niedrige Glastisch hatte einen Sprung.

Ich sah etwas Rotes auf dem Teppichboden.

Blut.

Ich dachte an das Kreuz und lauschte. Aber da war nichts zu hören. Langsam ahnte ich, dass ich hier auf niemanden mehr stoßen würde. Zumindest auf niemanden, der noch lebte. Es war so, wie ich anfangs vermutet hatte. Deschner hatte hier einen Job auszuführen gehabt und ihn ganz offensichtlich auch erledigt.

Das Wohnzimmer sah aus, wie nach einem Kampf und ich fragte mich, ob Deschner wirklich so ein Stümper gewesen war, dass er eine solche Arbeit nicht einigermaßen sauber über die Bühne bringen konnte.

Vielleicht hatte es ja auch am Gegner gelegen.

Als ich in den Flur trat, sah ich erneut einen Blutfleck und noch etwas anderes. Etwas, das mir einen Stich versetzte.

Eine Brille.

Eine Brille deren Gläser so dick waren, dass sie den Sturz aus Gesichtshöhe besser überstanden hatten, als die Fassung.

Langsam brachte ich zwei und zwei zusammen. Ich lief die Treppe hinauf. Davon abgesehen, dass ich immer noch die Automatik in der rechten hielt, war nicht mehr besonders vorsichtig. Ich warf in jeden der vier Räume, die sich im Obergeschoss befanden einen kurzen Blick. Im Bad wurde ich dann fündig.

Ich sah einen Mann, dessen Hände und Füße mit Klebeband gefesselt waren. Er hing halb in der Badewanne, die bis über den Rand gefüllt war. Ein roter Strom von Blut war aus einer Platzwunde an der Stirn gekommen und hatte sich mit dem Wasser in der Wanne vermischt. Ich steckte die Automatik weg und zog den Kopf etwas in die Höhe, damit ich das Gesicht sehen konnte. Es wunderte mich kaum noch, als ich in die verzerrten Züge des grauen Mannes blickte.

Jemanden immer wieder bis kurz vor dem Ertrinken unter Wasser zu tauchen war eine der ältesten Foltermethoden und erfreute sich zumindest seit dem Mittelalter einer gleichbleibend hohen Beliebtheit. Und genau das hatte man man mit dem hier gemacht.

Letztlich war er aber wohl nicht durch Ertrinken gestorben, sondern durch Genickbruch. Sein Mörder - ich nahm an, das es Deschner war - hatte offenbar auf Nummer sicher gehen wollen. Oder das Ertränken war ihm schlicht zu zeitraubend gewesen, nachdem er alle Antworten bekommen hatte, die er brauchte.

Zum Beispiel meine Adresse.

Tinas Adresse.

Verdammt.







2



Ich ließ den Kopf des grauen Mannes zurück in das Gemisch aus Blut und Wasser sinken, wandte mich halb herum und blickte dann direkt in eine Revolvermündung.

Dahinter sah ich ein braungebranntes Gesicht, das jetzt angewidert verzogen war.

Blonde Haare umrahmten eine hohe Stirn. Und dann war da dieses geschmacklose Knitterjackett...

Es war der Mann, den ich als Erikson kennengelernt hatte.

Er hatte sich äußerst geschickt angeschlichen. Jedenfalls hatte ich nichts von ihm gehört.

Er hatte vermutlich genau wie ich das Ferienhaus in diesem Zustand vorgefunden, wahrscheinlich schon bei der Treppe gehört, dass oben jemand war. Ich. Aber jetzt war er doch überrascht, wenigstens für den Bruchteil einer Sekunde - und den nutzte ich.

Ich wirbelte herum und ließ den Fuß hochschnellen. Es war nicht ganz ohne Risiko, aber ich traf seine Waffe so gut, dass sie im nächsten Moment durch den Raum segelte und dann krachend einen der Spiegelschränke blind machte, bevor sie zu Boden fiel. Ehe er seine Sinne wieder geordnet hatte, hatte ich bereits den zweiten Tritt angesetzt, diesmal mit dem anderen Fuß. Ich erwischte ihn genau am Solar Plexus und sah seine Augen aus ihren Höhlen heraustreten. Ihm blieb die Luft weg, während die Wucht des Fußtritts ihn durch die halboffene Badezimmertür hinausbeförderte. Er stolperte rückwärts und knallte ächzend gegen das Treppengeländer. Ich hatte Zeit, in aller Ruhe aus dem Bad herauszukommen und die Automatik aus der Jackett-Tasche herauszuziehen und zu entsichern. Ich hielt die Waffe auf seinen Kopf gerichtet und das schien einigen Eindruck auf ihn zu machen. Er atmete tief durch und sah mich an, als wäre ich ein Gespenst.

"Sie nennen sich Erikson", stellte ich fest. Es war keine Frage. Er antwortete mir trotzdem.

"Ja", nickte er.

"Wer sind Sie wirklich?"

"Was?"

Ich hob den Lauf der Automatik ein ein oder zwei Grad an.

"Sie sollten nicht versuchen, mit mir zu spielen", sagte ich ruhig. "Es könnte Ihnen schlecht bekommen."

"Ich bin Erikson. Das ist alles, was ich dazu sagen kann!"

"Lassen wir das."

Er schluckte und deutete dann mit der rechten in Richtung Bad.

"Waren Sie das?"

Es gefiel mir nicht, dass er anfing die Fragen zu stellen, gab ihm trotzdem Antwort.

Ich schüttelte den Kopf und sagte: "Nein."

"Ich glaube Ihnen nicht."

"Ich kenne nicht einmal den Namen des Mannes, der da den Kopf nicht ganz freiwillig in die Wanne gesteckt hat."

Erikson zuckte die Achseln und saß jetzt relativ entspannt auf dem Fußboden. "Kein Grund, ihn nicht umzubringen."

Ich zuckte die Achseln.

"Aber Sie kennen ihn", stellte ich fest. "Sie haben sich mit ihm getroffen."

Er sah auf und war eine flüchtige Sekunde lang erstaunt.

Aber keineswegs länger. Er machte plötzlich Anstalten, sich über jenes Maß hinaus bewegen, das ich ihm gestatten wollte, aber ein Wink mit der Automatik ließ ihn schnell wieder zu einem reglosen Stein werden.

Er hob die Hände.

"Schon gut, schon gut!"

"Ich werde Sie erschießen, wenn Sie mich dazu zwingen, Erikson."

"Ich weiß. Wahrscheinlich werden Sie mich so oder so erschießen. Oder was auch immer."

"Sie sind im Irrtum", erwiderte ich sachlich.

Er grinste matt und deutete flüchtig in Richtung Bad.

"Haben Sie das dem da auch erzählt."

"Ich habe ihm gar nichts erzählt. Das war leider nicht mehr möglich. Ich habe ihn so gefunden, wie er da jetzt liegt."

Er zog ungläubig die Augenbrauen hoch.

"Und wer war es dann?"

"Ein Mann namens Deschner. Sagt Ihnen der Name etwas?"

"Nein."

"Ein Killer, der mich umbringen sollte."

"Sie?"

"Ja."

Erikson lachte heiser.

"Warum das?"

"Vermutlich, um zu verhindern, dass ich einen Russen namens Krylenko umbringe."

"Krylenko?"

"Haben Sie es mit den Ohren, Erikson?"

"Ich frag' ja nur."

"Der Name sagt Ihnen also etwas."

"Ich wusste nicht, dass Sie derjenige sind, der von Harry angeheuert wurde."

"Harry?", fragte ich.

"Die Leiche im Bad."

"Wie ist sein vollständiger Name?"

"Ich habe keine Ahnung."

"Sie spielen mir ein bisschen oft den Ahnungslosen!"

"Es ist so, wie ich gesagt habe! Ich weiß es nicht! Ich kannte ihn nur als Harry. So hat er sich auch immer am Telefon gemeldet." Er seufzte und begann, nervös mit den Fingern auf dem angewinkelten Knie herumzuspielen. "In Wahrheit wird er ganz anders heißen."

"Was ist das für ein Verein, zu dem Sie beide gehören?"

Seine Augen wurden schmaler.

"Mir scheint, Sie wissen schon mehr, als für Ihre Gesundheit gut ist!", meinte er ziemlich großspurig.

Ich verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

"Und mir scheint, dass Sie vergessen haben, wer von uns beiden im Moment eine Pistole hat."

Er sah mir direkt in die Augen. Ich hatte das Gefühl abtaxiert zu werden.

"Hören Sie", begann er dann und er machte ein Gesicht, als wollte er jetzt etwas wirklich Wichtiges sagen. "Wenn Sie vernünftig sind, dann..."

"Ich möchte wissen, was gespielt wird", erwiderte ich. "Bei dem Anschlag auf mich ist eine Frau umgekommen, die mir sehr nahe stand."

"Seien Sie froh, dass Sie noch leben!"

"Für wen arbeiten Sie?"

"Das spielt keine Rolle."

Ich kam etwas näher und beugte mich zu ihm herab. Dann setzte ich ihm die Pistole direkt zwischen die Augen.

Er blieb bemerkenswert ruhig. Vielleicht hatte ich noch nicht den richtig Dreh gefunden, um mit ihm umzugehen. Aber um lange herumzuprobieren hatte ich keine Zeit.

"Ich dachte, Sie seien neugierig darauf, zu erfahren, wer den Todesengel geschickt hat!", meinte er.

Ich nickte.

"Das auch."

"Wer sagt mir, dass Sie mich nicht erschießen, wenn ich Ihnen alles sage?"

"Niemand. Vertrauen Sie mir einfach."

Er begann etwas zu schwitzen.

Ein gutes Zeichen, fand ich. Aber nicht gut genug.

"So wie Harry?", murmelte er.

"So wie Harry", bestätigte ich. "Aber Harry hatte es mit jemand anderem zu tun."

"Sie meinen, ich habe Glück, dass ich an Sie geraten bin und nicht an diesen..."

"...Deschner." Ich zuckte die Achseln. "Aber das wird sich wohl noch herausstellen."

"Wir könnten uns einigen", schlug Erikson dann vor. "Ein Kompromiss."

"Der muss schon verdammt gut sein, damit ich mich darauf einlasse."

Erikson atmete tief durch.

"Ich werde Ihnen verraten, wer Sie umbringen will. Das wird Ihre Lebenserwartung ein bisschen erhöhen, würde ich sagen. Vorausgesetzt Sie machen sich augenblicklich aus dem Staub und verkrümeln sich im einsamsten Andental, das Sie finden können!"

"Was ist mit meinem Auftrag?"

"Vergessen Sie den Auftrag. Sie sind verbrannt. Sie scheiden aus."

"Das heißt, es sind mehrere für denselben Auftrag engagiert worden."

"Das weiß ich nicht."

"Ach!"

"Das zu organisieren war Harrys Job."

Ich sah ihn an.

"Wer ist es, der Deschner geschickt hat?", fragte ich dann.

Er schluckte. "Ich kann natürlich nicht garantieren, dass er wirklich dahintersteckt..."

"Ihr Gerede geht mir auf die Nerven, Erikson. Kommen Sie auf den Punkt."

Seine Pupillen waren ganz von weiß umgeben, als er mich mit offenem Mund anstarrte.

"Er heißt Michel Khalil", murmelte er schließlich.

Klang für mich wie eine Mischung aus Französisch und Arabisch. Ich tippte auf einen christlichen Libanesen. Also doch Naher Osten. Ich musste an diesen merkwürdigen Professor denken, den ich in Wien getroffen hatte.

"Für wen arbeitet Khalil?"

"Khalil arbeitet für sich selbst."

"Das glaube ich nicht."

"Sie sollten mir etwas mehr Vertrauen entgegen bringen", meinte er allen Ernstes.

"Und warum?"

"Weil Ihre Feinde auch meine sind."

Wenn man es genau nahm, dann war es genau umgekehrt. Aber wer wollte jetzt spitzfindig sein?

"Kann ich eine Zigarette rauchen?", fragte er.

"Wir gehen nach unten", meinte ich und nahm die Knarre von seinem Schädel. Ich konnte ihn immer noch umlegen, wenn er es herausforderte. Aber vielleicht hatte ich wirklich mehr von ihm, wenn ich mich mit ihm zusammentat.

Er steckte sich seine Zigarette in den Mund und zündete sie sich an. Ich war die ganze Zeit über auf der Hut. Vorhin hatte ich ihn auf ziemlich einfache, aber wirkungsvolle Art überrumpelt. Ich wollte unbedingt vermeiden, dass er auch nur einen Gedanken daran verschwendete, mit mir dasselbe zu versuchen.

Im Wohnzimmer wies ich ihn an, sich in einen Sessel zu setzen. Er machte das auch, ohne zu murren.

"Wir sollten sehen, dass wir hier wegkommen", meinte Erikson verhältnismäßig sachlich.

Ich hob die Augenbrauen.

"So?"

"Was glauben Sie, was Ihr und mein Leben wert ist, wenn Khalils Leute uns hier aufstöbern?"

Ich zuckte die Achseln.

"Ich schätze, das wird noch eine Weile dauern."

"Ich hoffe, Sie haben recht. In der Küche ist ein Kühlschrank, da müsste noch Bier drin sein."

"Na und?"

"Kann ich mir eins holen?"

"Sie können auf Ihren vier Buchstaben sitzen bleiben, wenn Sie nicht wollen, dass ich Ihnen ein Loch hineinbrenne."

Er atmete tief durch und fuhr sich dann mit einer flüchtigen Geste durch das nicht ganz so volle Haar.

"Was haben Sie eigentlich mit diesem Killer gemacht?",

erkundigte er sich beiläufig.

"Deschner?"

"Ja."

"Ich habe ihm den Bauch aufgeschlitzt."

"Alle Achtung."

"Das, was er mit mir vorhatte, war nicht sehr nett."

Erikson lächelte gequält.

"Wenn Sie meinen..."

"Erzählen Sie etwas über Khalil."

Ich hörte meine eigene Stimme diesen Namen aussprechen und hatte gleichzeitig das Gefühl, in dieser Sekunde neben mir selbst zu stehen. Verdammt! Ich hatte Eriksons Köder geschluckt.

Er hatte einen Namen fallenlassen und jetzt war ich neugierig und hing an seiner Angel.

"Khalil ist Libanese. Er vermittelt alles, womit sich Geld zu machen verspricht."

"Auch Killer?"

"Das nur in diesem speziellen Fall. Eigentlich ist er im Waffen-und Drogengeschäft einschlägig bekannt. Aber es gibt Dinge, die sind noch wertvoller."

"Und was zum Beispiel?"

"Ein menschliches Gehirn - vorausgesetzt, es handelt sich um ein überdurchschnittliches Exemplar."

"Was hat Khalil mit Krylenko zu tun?"

Erikson zögerte etwas. Indessen stellte ich den zweiten Korbsessel wieder hin und setzt mich.

"Khalil hat den Auftrag bekommen, dafür zu sorgen, dass Krylenko sicher an seinen Bestimmungsort gelangt."

"Und der wäre?"

"Tja, was glauben Sie wer alles wie viel dafür zahlen würde, um das herauszubekommen!" Der Schwede zuckte die Achseln. "Ich weiß es nicht."

Ich musterte ihn.

"Sie lügen."

"Nein, ich lüge nicht. Was glauben Sie, weshalb Krylenko erst nach Frankfurt kommt und nicht direkt dorthin fliegt, wo man ihn sehnsüchtig erwartet?"

"Seine eigenen Leute würden ihn abfangen", riet ich.

"Falsch", erwiderte er ächzend."Man will verhindern, dass jemand weiß, wohin seine Reise geht. Er muss sozusagen im Nichts verschwinden. Krylenko wird auch von Frankfurt aus nicht direkt zu seinem Ziel gelangen - oder glauben Sie, die Staaten, die Interesse an ihm haben, wollen sich eine Woche später am internationalen Pranger wiederfinden, wenn sich das vermeiden lässt?"

"Und für diese Vernebelung ist Khalil zuständig?"

"Ja", nickte er.

Vielleicht stimmte es, was er sagte.

"Mit anderen Worten: Khalil ist auch nichts weiter als ein Handlanger."

Erikson hob mit einer hilflos wirkenden Geste beide Hände.

"Ja, so ist es", gab er dann zu.

"Und für wen?"

"Ich sagte schon, dass ich es nicht weiß."

"Ach kommen Sie schon! Sie haben sicher eine Vermutung!"

"Es gibt mehrere Kandidaten, aber bei keinem von ihnen können wir uns wünschen, das ihm das Wissen von Herrn Krylenko zur Verfügung steht."

"Wer ist wir?"

Er zeigte die Zähne, während er lächelte.

"Sie und ich. Und der Rest der Menschheit - von ein paar Ausnahmen abgesehen."

"Ein bisschen genauer, bitte!", forderte er.

Aber er sagte keinen Ton mehr.







3



Ein dumpfes Geräusch ließ mich herumfahren. Für Erikson war es schon zu spät. Ein Projektil hatte ihm die Stirn zertrümmert und sein Gehirn in den Sessel genagelt, in dem er saß. Ich warf mich zu Boden, während die Kugel, die für mich bestimmt gewesen war, meine Sessellehne zerfledderte und dahinter das Holz der Wandvertäfelung splittern ließ.

Ich rollte mich am Boden ab und feuerte augenblicklich zurück in Richtung der offenen Terrassentür. Eine Scheibe ging zu Bruch. Für einen Sekundenbruchteil sah ich ein Gesicht. Dunkler Bart, dunkler Teint und sehr feingeschnittene Züge. Dann war es weg.

Ich war schnell wieder auf den Beinen und tastete mich zur Tür vor. Als ich den Kopf etwas vorstreckte, schoss der Kerl zweimal kurz hintereinander in meine Richtung. Ich konnte nicht sehen, wo er auf der Lauer lag. Aber eins stand fest: Allzu lange konnte diese Sache nicht mehr dauern. Die Schüsse meines Gegners waren stumm, aber den einen, den ich abgefeuert hatte, würde man ziemlich weit hören.

Ich überlegte, mit wem ich es wohl zu tun hatte und kam zu dem Schluss, dass es sich wahrscheinlich um Deschners Partner handelte.

Sie waren zu zweit gewesen und hatten sich die Arbeit an-scheinend schön brüderlich geteilt. Deschner hatte sich Harry, den grauen Mann, vorgenommen und war dann zu Tinas Wohnung gefahren. Und der zweite hatte es auf Erikson abgesehen gehabt, ihn offenbar nicht angetroffen und irgendwie heraus-gekriegt, wohin er unterwegs gewesen war.

Ich tastete mich an der Wand entlang, um nicht durch die Terrassentür und die benachbarten Fenster abgeschossen werden zu können.

Dann gelangte ich in den Flur und war einen Moment später vorne, an der Haustür. Ich packte meine Automatik und drückte dann die Klinke herunter. Dann blinzelte ich durch den Spalt.

Nichts zu sehen.

Nichts Gefährliches jedenfalls.

Ein paar Knirpse schleppten sich mit einem Schlauchboot ab und bewegten sich wie ein überdimensionaler Tausendfüßler in Richtung See. Ich ging ins Freie und ließ die Pistole in der Jacketttasche verschwinden, hielt sie aber nach wie vor fest in der Hand, entsichert und mit dem Finger am Abzug. So ging ich dann auf die Straße, um so schnell wie möglich zu meinem BMW zu kommen. Ich musste hier weg, und zwar so schnell wie möglich. Die Gefahr, mit den Toten im Haus in Verbindung gebracht zu werden, war schon mehr als groß genug. Ich blickte die Straße hinunter und sah in einer Entfernung von vielleicht zwanzig Metern einen Kerl davonhumpeln, dessen Hemd auf einer Seite ganz rot war. Die Passanten wichen ihm aus. Er drehte sich herum und ich sah seinen Bart und ein schmerzverzerrtes Gesicht. Offenbar hatte ich ihn mit meinem Schuss erwischt.

Der Bärtige riss seine Waffe hoch und ließ mir keine andere Wahl. Ich feuerte durch das Jackettfutter hindurch und sah ihn eine Sekunde später wie ein Taschenmesser zusammenklappen.

Vier, höchsten fünf Schritte hatten ihm gefehlt, um in den Leihwagen zu kommen, mit dem er höchstwahrscheinlich gekommen war.

"Ich rufe die Polizei!", hörte ich irgend jemanden sagen.

Einige der umherstehenden Leute waren wie angewurzelt und standen schreckensbleich da, unfähig etwas zu tun oder zu sagen. Andere liefen in heller Panik davon oder scheuchten ihre Kinder weg.

"Was haben Sie getan?", rief ein dickbäuchiger Glatzkopf fassungslos und schüttelte dabei den Kopf.

Ich musste Zeit gewinnen. Ich hatte die Möglichkeit, so schnell wie möglich die Flucht zu ergreifen und mit einem kleinen Spurt zum BMW zu gelangen. Niemand würde so dumm sein und versuchen, mich aufzuhalten, schließlich hatte ich ja eine Automatik.

Die andere Seite war, dass ich einen Mann umgebracht hatte und es dabei mindestens ein halbes Dutzend Zeugen gab - die an den Fenstern der Nachbarhäuser gar nicht mitgerechnet.

Ich brauchte etwas mehr Vorsprung, als der BMW mir garantieren konnte, denn ich war mir sicher, dass mein Phantom-Bild bald in der Zeitung sein würde. Außerdem wollte ich mir den Toten ansehen. Also ging ich in die Offensive und holte meine Polizeimarke heraus. "Sie brauchen die Polizei nicht rufen!", meinte ich ruhig. "Die ist nämlich schon da!"

Ich machte einige Schritte vorwärts und hielt dem Glatzkopf die Marke so hin, dass er sie sehen konnte.

"In Ordnung?"

Er nickte.

"In Ordnung", meinte er.

Die anderen schienen jetzt auch etwas entspannter dazustehen. Es ist immer dasselbe: Die Menschen glauben am ehesten das, was sie glauben wollen. Es ist einfach angenehmer, es mit einem Polizisten zu tun zu haben, anstatt mit einem Killer.

"Was war das für ein Kerl?", fragte der Glatzkopf und deutete dabei auf den Toten.

"Er ist ausgebrochen und hat dabei einen Wärter umgebracht", phantasierte ich.

"Oh." Er schlug nach einem Tier, das sich auf seinen blanken, braungebrannten Schädel gesetzt hatte. Es klatschte, aber er war zu langsam.

Ich ging zu dem Toten und beugte mich über ihn. Er hatte weder Führerschein noch Pass. Mit einiger Mühe fingerte ich den Autoschlüssel aus seiner Jeans heraus und ging dann zu dem Wagen, den ich dem Toten stillschweigend zugeordnet hatte.

Bingo. Der Schlüssel passte.

Aber auch dort fand ich nichts, was mich irgendwie weiterbringen konnte. Im Handschuhfach lag ein Prospekt der Verleihfirma und die Papiere. Den Prospekt nahm ich an mich, weil die Adresse daraufstand.

Dann schlug ich die Tür zu, während ich gleichzeitig registrierte, dass sich immer mehr Leute ansammelten.

Ich wandte mich an den Glatzkopf, der immer noch dastand und jede meiner Bewegungen haargenau beobachtete.

"Achten Sie darauf, dass hier nichts verändert wird!", sagte ich. "Die Kollegen werden sicher gleich kommen."

"Aber der Tote..."

"Alles bleibt wie es ist, okay?"

"Sicher."

Dann ging ich in Richtung BMW. Ich sah mich nicht um, stieg ein und fuhr los.







4



Die Autoverleihfirma war nur eine knappe Viertelstunde entfernt. Ich beeilte mich, denn mir war klar, dass ich schlechte Karten hatte, wenn die Polizei schon dort gewesen war.

Und sie würde kommen, das stand fest. Wenn ich Pech hatte, zeigten sie als erstes ein mehr oder weniger gelungenes Portrait von mir - je nach dem, wie weit sie in ihren Ermittlungen dann schon waren.

Die Firma hieß Branstner und war eine GmbH, wie das Firmenschild verriet.

Der Fahrzeugpark war mittelgroß, aber auf der Höhe der Zeit. Vom Transporter bis zur Luxuskarosse für die Hochzeit konnte man hier alles kriegen.

Ich parkte den BMW irgendwo und zog dann erst einmal mein ramponiertes Jackett aus. Das war nicht mehr zu retten, aber wegwerfen konnte ich es nicht. In den falschen Händen war es eine Spur, die zu mir führte.

Sondermüll gewissermaßen.

Ich langte auf den Rücksitz zum Koffer, um mir eine andere Jacke zu holen. Ich nahm die oberste. Braun und aus Schurwolle. Eigentlich fast ein bisschen zu warm für die Witterung, aber erstens hatte ich jetzt für eine lange Modenschau keine Zeit und zweitens konnte ich nicht ohne Jacke gehen, weil ich irgendwo die Automatik lassen musste.

Ich ging schnurstracks ins Büro, wo eine Blondine mit Augenringen und Frustfalten um die Mundwinkel ziemlich müde ihre nachgezogen Augenbrauen in die Höhe gehen ließ.

"Was kann ich für Sie tun?"

Der Tonfall, den sie draufhatte, hätte besser zu der Frage Muss es denn unbedingt jetzt sein? gepasst.

Ich legte meine Polizeimarke auf den Tisch. Sie wurde gleich sehr viel wacher. Ihre Augen gingen zumindest soweit auf, dass man ihre Augenfarbe sehen konnte. Blau. Und zwar ein Blau, das sich irgendwie mit ihrem Make-up biss. Ob Absicht oder Ungeschick war nicht so genau zu sagen.

"Was ist passiert?", fragte sie.

"Warum denken Sie, dass was passiert ist?", erwiderte ich.

"Na, Kriminalpolizei - die kommt doch eigentlich immer nur, wenn was passiert ist."

Wo sie recht hatte, hatte sie recht.

"Es geht um einen Ihrer Wagen." Ich nannte ihr die Nummer.

"Ist im Moment verliehen?"

"Ja", bestätigte ich.

"Was ist passiert?", fragte sie, während ihre langen Finger in der Kartei herumsuchten. Elektronik gab's hier offenbar nur in den Wagen, nicht im Büro. "Ein Unfall? Die Leute können aber auch nicht aufpassen. Weil die Karossen Vollkasko versichert sind, glauben sie, sich auf der Landstraße wie Rennfahrer benehmen zu können."

Ich ließ sie reden und enthielt mich jeden Kommentars. Der konnte nur Misstrauen erregen, wenn er nicht haargenau in das Bild passte, das sie sich selbst von der Sache zurechtgezimmert hatte. Außerdem wollte ich nicht, dass sie bei ihrer Kartensuche abgelenkt wurde.

Endlich hatte sie es geschafft.

"Geben Sie mal her!", sagte ich und streckte meine Linke aus.

"Was wollen Sie denn wissen?"

"Geben Sie einfach her und lassen Sie mich sehen!"

"Ich weiß nicht, ob ich..."

"Jetzt machen Sie kein Theater!"

"Der Chef ist heute nicht da. Eigentlich sollte ich ihn vorher fragen."

Ich seufzte.

"Wo ist denn der Chef?"

"Zu Hause."

"Können Sie ihn anrufen?“

"Kann ich. Aber er mag das nicht, wenn er gestört wird."

"Entweder Sie stören ihn, oder Sie geben mir die Karte."

Sie überlegte. Ziemlich angestrengt sogar, wenn man nach ihrem Gesichtsausdruck ging.

"Hören Sie", sagte sie dann zögernd. "Ich mach den Job hier noch nicht sehr lange und bin auf das Geld angewiesen..."

"Es gibt auch noch eine dritte Möglichkeit", erklärte ich ihr ungerührt. "Die dürfte ihrem Chef auch nicht gefallen."

"Was meinen Sie damit?"

Auf ihrer glatten Stirn bildeten sich jetzt ein paar Falten.

Ich beugte mich ein Stück über den Tresen, der zwischen uns stand. "Ich könnte zum Beispiel mit einem Durchsuchungsbefehl und einem halben Dutzend Leuten zurückkommen und mir holen, was ich brauche. Aber dann bleibt hier keine Karteikarte neben der anderen, das verspreche ich Ihnen!"

Das machte Eindruck auf sie.

"Kann ich Ihre Marke nochmal sehen?", fragte sie zaghaft.

Ich zeigte sie ihr.

Sie nickte schließlich und gab mir die Karte.

Nach den Angaben war der Wagen vor drei Tagen von einer Frau ausgeliehen worden.

Andrea Hofmann. Kam aus der Schweiz.

Ich nahm mir einen Zettel von ihrem Block und notierte mir alles. Auch die Nummer ihres Personalausweises. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, ob mich das Tinas Mördern auch nur einen Zentimeter näher brachte. Aber irgendwann, das hatte ich mir vorgenommen, irgendwann würde ich alle unverbundenen Enden zusammenbringen.

Was ich mit dem Knoten dann anstellen würde, war eine ganz andere Frage.

Ich hatte keine Ahnung.

"Wie sah die Frau aus?", fragte ich.

Sie zuckte die Schultern.

"Was weiß ich!"

"Wer hat sie denn bedient?"

"Keine Ahnung."

"Sie könnten ja mal nachsehen, wer vor drei Tagen Dienst hatte."

Sie seufzte.

Dann schaute sie nach und bewegte sich dabei wie in Zeitlupe.

Ich warf indessen einen verstohlenen Blick auf die Uhr.

Langsam wurde ich nervös. Ich hatte nicht die geringste Lust, mit meinen Kollegen von der echten Kripo zusammenzutreffen.

"Morgens hatte Toni hier im Büro Dienst. Und wer einen Wagen ausleiht, der muss hier hin. Da geht kein Weg dran vorbei."

"Toni?"

"Toni Günzler. Oh, ich sehe gerade, dass der seit heute im Urlaub ist. Ich erinnere mich. Ein Flug nach Madeira. Hat er lange für sparen müssen..." Sie zuckte die Achseln und verzog dann das Gesicht zu einem ziemlich angesäuerten Lächeln. "Den werden Sie wohl erst wieder sprechen können, wenn er wieder zurück ist. In drei Wochen."

"Wurde der Wagen morgens ausgeliehen?"

"Das steht hier nicht."

"Wer hatte denn am Nachmittag Bürodienst?"

Sie atmete tief durch. Sehr tief.

"Ich."

"Ach, nee!"

"Ja!" Sie hob die Schultern. "Aber ich erinnere mich nicht an diese Frau."

"Denken Sie genau nach."

"Tu ich ja."

"War sie blond oder dunkel?"

"Sie muss dagewesen sein, als Toni hier den Laden gemanagt hat."

Okay, dachte ich. Sie schien es wirklich nicht zu wissen.

Ich nickte ihr zu und wandte mich zum Gehen.

"Ist die Sache damit ausgestanden?", fragte sie.

Ich zuckte die Achseln.

"Wahrscheinlich werden in Kürze noch ein paar Kollegen von mir auftauchen und noch die eine oder andere Frage stellen."

"Und was ist mit dem Wagen?"

Daher wehte also der Wind. Sie hatte Angst um den Wagen.

"Der ist in Ordnung", meinte ich.

"Wirklich? Aber Sie..."

"Hören Sie, ich kann Ihnen dazu nicht mehr sagen. Jedenfalls nicht im Moment." Ich zuckte die Achseln. "Fahndungstechnische Gründe. Sie haben sicher Verständnis, nehme ich an."

Sie hatte kein Verständnis dafür, wenn ich nach dem Gesicht ging, das sie plötzlich aufgesetzt hatte. Aber bevor sie nochmal nachhaken konnte, war ich schon weg.







5



Ich fuhr Richtung Frankfurt. Vielleicht schaffte ich es, mit einem Flieger wegzukommen, obwohl ich nicht so recht daran glaubte. Wie sich herausstellte, hatte ich auch allen Grund zur Skepsis, denn ich war kaum drei Stunden auf der Piste, da hörte ich im Autoradio bereits eine Fahndungsmeldung der Polizei.

Gesucht wurde ein Mann Ende zwanzig, der sich als Angehöriger der Kriminalpolizei ausgab und mit einem BMW unterwegs war. Sogar die ersten drei Buchstaben des Kennzeichens hatten sie. Und die Täterbeschreibung passte auf mich. Gute Arbeit. Ich konnte nur zähneknirschend gratulieren und mir überlegen, wie ich an einen anderen Wagen kam, der weniger verdächtig war.

Ich fuhr bei nächster Gelegenheit auf einen Parkplatz und tauschte die Nummernschilder des BMW gegen diejenigen aus, die ich von meinem Volvo entfernt hatte. Perfekt war das nicht, aber fürs erste würde es vielleicht reichen. Es wurde dunkel, was mir im Moment ganz recht war. Nicht mehr lange, und man würde von dem BMW nur noch vier Lichter sehen. Und von mir gar nichts mehr. Ich steckte bis zum Hals im Sumpf, das wurde mir mehr und mehr bewusst.

Wenn ich jetzt bei irgend einem Flughafen anrief, um mir einen Platz auf einer Maschine - egal wohin - reservieren zu lassen, konnte ich das unmöglich unter meinem derzeitigen Namen tun. Aber mir einen neuen - samt Papieren und dergleichen zuzulegen, das würde etwas Zeit brauchen. Anders ging es nicht. Egal, wohin ich mich auch verdrücken würde, nicht lange und die Interpol-Fahndung nach mir würde mich in nahezu der ganzen Welt zum Freiwild machen.

Nein, kopflose Flucht hatte keinen Sinn. Das führte mich nur geradewegs in eine Gefängniszelle. Und das vermutlich lebenslänglich, so wie ich die Lage einschätzte. Alles musste sorgfältig geplant werden.

Als erstes brauchte ich eine neue Identität. Nicht nur einen neuen Namen und einen Pass, mit dem ich durch die Kontrollen am Flughafen oder sonst irgendwo kam. Ich musste jemand anderes werden, mir eine Identität schaffen, die vielleicht sogar ein paar Jahre verwendbar blieb.

Zum Glück hatte ich auf diesem Gebiet etwas Erfahrung. Es war nicht der erste Identitätswechsel, den ich hinter mir hatte und ich hoffte, zumindest die Fehler, die ich das letzte Mal gemacht hatte, zu vermeiden.

Gegen Morgen stellte ich mich auf den Parkplatz einer Autobahnraststätte, klappte den Sitz zurück und schlief ein oder zwei Stunden. Besonders bequem war das nicht, aber unter diesen Umständen das Sicherste.

Es war kurz vor Sonnenaufgang, als ich in die rund um die Uhr geöffnete Cafeteria ging, um zu frühstücken. An der Registrierkasse saß eine Philippina, die wie ein stummer Fisch wirkte. Der Kaffee, der aus dem Automaten kam, war ziemlich dünn. Und die belegten Brötchen schon recht dröge. Frische gab es erst in zwei Stunden. Ich setzte mich ans Fenster und nippte an der braunen Instant-Brühe. Im Hintergrund dudelte das Radio. Um diese Zeit war hier kaum etwas los.

Gut fünf Minuten lang blieb ich sogar der einzige Gast, bis ein dickbäuchiger Trucker auftauchte.

Er versuchte mit dem stummen philippinischen Fisch ein Gespräch anzufangen, aber ohne viel Erfolg. Sie verstand offenbar nicht einmal zehn Prozent von dem, was er sagte und lächelte nur verlegen.

Unglücklicherweise versuchte er es danach bei mir.

"Hier ist doch noch frei, oder?"

Was sollte ich dazu sagen? Er saß schon mit einer Backe auf dem blanken Kunststoffsitz, der am Boden fixiert war, so dass man ihn nicht einen Zentimeter bewegen konnte. So etwas hat mir noch gefehlt, dachte ich. Der Kerl hatte Langweile und hoffte, dass ich sie ihm vertrieb. Ich gab mir einigermaßen Mühe.

"Ganz schön früh, was?", meinte er, während er an seiner Tasse nippte. Er trank keinen Kaffee, sondern Tee. Vielleicht war er öfter hier und wusste daher, wie dünn der Kaffee war. Ich nickte leicht, während ich mein dröges Brötchen herunterwürgte.

"Ja, ganz schön früh."

"Fährst du den Fünfzehntonner, den ich da draußen gesehen habe?"

"Nein."

Er zuckte die Schultern.

"Ich dachte..."

"Tut mir leid"

"Hätte ja sein können."

Ich wollte vermeiden, dass er mich auszufragen versuchte.

Also fragte ich ihn etwas.

"Was fährst du denn?", erkundigte ich mich.

Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Fahrräder", meinte er. "Ein ganzer Sattelschlepper voll."

"Klingt nicht sehr aufregend."

"Ist es auch nicht."

Und dann erzählte er mir von seinem Job. Es war wirklich nicht sehr interessant. Normalerweise hätte es mir nichts ausgemacht, seinem Gerede zuzuhören oder zumindest so zu tun, aber genau in diesem Moment kamen Nachrichten. Aber der Kerl, der mir gegenüber saß hatte leider ein ziemlich lautes Organ.

Ich verstand nichts.

Oder jedenfalls fast nichts. Die Fahndungsmeldung wurde noch einmal gebracht, aber es hätte mich in diesem Moment interessiert, ob sie vielleicht schon mehr wussten, als beim letzten Mal. Ein paar Minuten hörte ich noch dem Trucker-Geschwätz zu, dann trank ich meinen Kaffee leer - so dünn er auch war - und sah zu, dass ich wegkam.

Mit den ersten Pendlern kam ich nach Frankfurt.

Mein Weg führte mich auf direktem Weg ins Bahnhofsviertel.

Um diese Zeit fand ich sogar noch einen Parkplatz.

Gebührenpflichtig zwar, aber immerhin ein Parkplatz.

Ich wollte zu einem Mann namens Bernd Dietrich, der mir vor Jahren mal aus der Patsche geholfen hatte. Nicht aus Freundschaft, sondern für Geld. Aber das machte ihn in meinen Augen nicht weniger zuverlässig. Und im Moment war Geld kein Problem für mich. Deshalb und weil Dietrich hervorragende Connections hatte, was Dokumente jeglicher Art anging, schien er mir die richtige Adresse zu sein.

Ihm gehörte eine schmuddelige, aber gutbesuchte Bar, wo ich ihn aufsuchen wollte, sobald sich dort irgend etwas regte. Da der Betrieb dort aber erst vor kurzem zu Ende gegangen war, dauerte das noch etwas. Bis ich Dietrich sprechen konnte, würden also noch ein paar Stunden vergehen.

Mindestens. Doch die würde ich schon sinnvoll herumkriegen können. Seine Privatadresse kannte ich zwar nicht, aber ich hätte sie leicht herausfinden können. Allerdings wusste ich, dass er es nicht mochte, dort aufgesucht zu werden. Und ich hatte nicht vor, so dumm zu sein, jemanden zu verärgern, von dem ich noch etwas wollte. Und Tatsache war nun einmal, dass Dietrich auf mein Geld gut verzichten konnte, ich auf seine Hilfe aber nicht. An einem Kiosk kaufte ich mir einen Packen Zeitungen und setzte mich damit in den Wagen. In dreien fand ich mein Phantombild. Dazu eine wilde Sensationsstory, das meiste davon Spekulationen. Offenbar wusste die Polizei noch nicht sonderlich viel und die armen Schreiber mussten das irgendwie ausgleichen.

An einem Stehcafé nahm ich eine Tasse, damit ich nicht einschlief. Ich wartete ungeduldig bis es neun Uhr wurde.

Die Geschäfte machten auf. Ich fragte mich bis zu einem Laden mit Scherzartikeln durch und besorgte mir ein paar Utensilien, um mein Äußeres zu verändern. Spray, das die Haare färbte und leicht auswaschbar war. Grau und blond hatte ich genommen. Im Bahnhof gab es einen Passbild-Automaten. Ich setzte mich hinein und ließ einen Satz Bilder machen, die mich in meiner Original-Version zeigten.

Dann ging ich auf die Herren-Toilette, um aus mir einen Vorruheständler Ende fünfzig zu machen. Kein Problem. Es ging vor allem einigermaßen schnell. Ich ließ auch von dieser Version Bilder schießen. Zum Schluss machte ich aus mir noch einen Blondschopf. Ich kam mir vor wie ein Wikinger, als ich in der Passbild-Kabine saß und das Geld in den Schlitz steckte. Mit dem Ergebnis war ich einigermaßen zufrieden. Einzig und allein das Entfernen der Haarfarbe war nicht ganz so einfach, wie es auf der Packung behauptet wurde.







6



Es war schon fast Mittag, als ich Bernd Dietrichs Bar einen Besuch abstattete. Ich trug dabei mein neues Rentner-Kostüm. Glamour hieß der Laden und ich hatte mich schon bei meinem ersten Besuch hier gefragt, wie Dietrich auf einen so unpassenden Namen gekommen war.

Als ich die Tür passiert hatte, sah ich, dass Dietrich in den letzten Jahren eine Menge investiert haben musste. Der Laden schien zu laufen, denn die Laser-Lichter, die ich sah, waren sicher alles andere als billig. Im Moment war hier natürlich noch nichts los. Eine Putzkolonne wienerte gerade den Fußboden und Lieferanten gingen aus und ein. Ich hoffte nur, dass ich Dietrich hier auch antraf.

"Hey, Sie!"

Ich drehte mich um.

Der Kerl, der mich da von hinten anquatschte, war mindestens zwei Köpfe größer als ich und schien mir gut trainiert zu sein. Täglich zwei bis drei Stunden im Fitness-Raum, so schätzte ich. Sein Gehirn hatte er vermutlich wesentlich weniger Trainingseifer angedeihen lassen, sonst hätte er einen anderen Job gehabt.

Er war Rausschmeißer. Dafür hätte ich die Hälfte der hunderttausend verwettet, die auf meinem Züricher Nummernkonto lagen. Man konnte es ihm buchstäblich schon an der Nasenspitze ablesen. Ich schätzte, dass seine Nase mal gebrochen gewesen war, so wie sie aussah.

Er kam etwas näher.

"Was ist?", fragte ich.

Er atmete tief durch und blies sich dann auf wie ein Heißluftballon.

"Was machen Sie hier?", knurrte er mit wichtiger Miene. "Ich kann mich nicht erinnern, dass ich Sie..."

Ich schnitt ihm einfach das Wort ab.

"Ich muss mit Dietrich sprechen."

Er verschränkte die Arme vor der Brust und verzog das Gesicht. "Was wollen Sie von Dietrich?"

"Das werde ich ihm selbst sagen!"

Er schüttelte den Kopf und lachte heiser. "Es ist doch nicht zu fassen", meinte er. "Sie kommen einfach so daher und spielen hier den großen Mann." Er trat ganz dicht an mich heran und hatte seine Hand an meinem Jackettkragen.

"Ich sollte Sie achtkantig rausschmeißen!"

"Sie werden doch keinen alten Mann schlagen."

Er grinste breit.

"So alt sind Sie nun auch wieder nicht."

Ich registrierte, wie sich seine Muskeln und Sehnen anspannten. Vielleicht kam ich ihm als leicht zu verprügelnder Sparringpartner ganz recht. Allerdings wusste er weder etwas von der Automatik in meiner Jackentasche, noch davon, dass ich eine Nahkampf-Ausbildung hinter mir hatte.

"Was ist los?"

Eine klare, befehlsgewohnte Stimme zerschnitt die schlechte Luft im Glamour und rettete mich. Oder ihn.

"Ihr neuer Wachhund nimmt seine Aufgabe ein bisschen zu ernst", meinte ich und ging an dem Gorilla vorbei. Er versuchte nicht, mich aufzuhalten.

Dietrich war in den letzten Jahren ein wenig älter geworden, was ihm deutlich anzusehen war. Sein Haar war lichter geworden, die schwarze Farbe wohl nicht mehr echt.

Er sah mich mit gerunzelter Stirn an.

"Was wollen Sie?"

Dass er mich nicht erkannte, wunderte mich kaum.

"Papiere", sagte ich. Ich zog meinen Personalausweis aus der Tasche und hielt ihm das angeblich fälschungssichere Plastikding hin. "Sie haben das schon einmal für mich gemacht."

"Ich erinnere mich aber nicht an Sie."

"Es liegt Jahre zurück."

Dietrich nahm die Plastikkarte.

"Aber dies Ding hier kommt nicht von mir!"

"Nein, der Ausweis, den Sie mir damals vermittelt haben, lief ab und musste dann gegen diese neuen Karten eingetauscht werden."

Er grinste.

"So sind Sie doch noch an echte Dokumente gekommen."

"Ja."

"Warum wollen Sie dann neue?"

"Meine Sache."

Er zuckte die Achseln. "Sicher." Dietrich sah sich einen Augenblick lang das Lichtbild auf der Plastikkarte an. Dann sah er auf und grinste.

"Was soll ich mit ihm machen?", fragte der Muskelprotz in meinem Rücken.

Dietrich grinste mich an.

"Ich erinnere mich an Sie."

"Na, wunderbar."

"Sie sehen nicht gut aus."

"Man wird älter."

"Was haben Sie angestellt, dass Sie so eine Schmierenkomödie aufführen müssen?"

"Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten? Dann kann ich ihnen sagen, was ich will und Sie sagen mir, was das kostet."

Dietrich musterte mich eine Weile mit seinen wachen hellbraunen Augen.

"Die Preise sind in den letzten Jahren gestiegen", meinte er.

"Ich erwarte nicht, dass Sie mir Geschenke machen", erwiderte ich kühl.

Dietrich lachte heiser.

"Das sollten Sie auch nicht", murmelte er dann.

"Also gehen wir."

"Und sollten Sie auf die Idee kommen, mir Geld anzudrehen, das irgendwie nicht ganz in Ordnung ist, dann..."

"Ich werde mich an die Spielregeln halten", versicherte ich ihm.

Er nickte, dann wies er mich an, ihm zu folgen. Es ging durch einen engen, halbdunklen Korridor. Dietrich hatte einen ziemlich schnellen Schritt drauf, während ich in meinem Rücken den Atem des Gorillas hörte.

Dann öffnete Dietrich eine Tür, offenbar zu seinem Büro und blieb stehen. Er nickte dem Gorilla knapp zu und ich begriff erst einen Sekundenbruchteil zu spät, was das bedeutete. Der Kerl packte mich, drehte mir den Arm nach hinten und drückte mich ziemlich roh gegen die Wand. Er brach mir fast den Arm, als er mich filzte. Nach wenigen Sekunden zog er triumphierend meine Automatik aus der Jackentasche und schleuderte mich zu Boden. Dietrich fing die Waffe auf und schüttelte mit dem Kopf.

"So etwas mag ich nicht", meinte er.

"Tut mir leid."

"Es gibt eine Menge Leute, die etwas gegen mich haben. Und da muss ich vorsichtig sein."

Er fingerte am Magazin der Automatik herum und ließ die Patronen in seine Hand rieseln.

Dann sagte er: "Stehen Sie auf."

Ich gehorchte.

Dietrich drückte mir die Automatik in die Rechte und steckte mir dann die Patronen in die obere Jackett-Tasche.

"So fühle ich mich entschieden sicherer", grinste er.

Wir gingen ins Büro. Auch der Gorilla.

"Nun legen Sie schon die Karten auf den Tisch", verlangte Dietrich.

"Unter vier Augen", gab ich zurück.

Dietrich seufzte.

"Wie viel können Sie zahlen?"

Eine Antwort auf diese Frage war nicht ganz ungefährlich.

Dietrich kannte sich in der Branche aus, er wusste, wie im Moment die Preise waren. Wenn ich Pech hatte, nahm er mich aus wie eine Weihnachtsgans. Ich nannte ihm einen Betrag, der deutlich höher war, als das, was ich ihm damals gezahlt hatte.

Er nickte.

"Haben Sie eine Bank ausgeraubt?", lachte er und machte dem dem Gorilla ein Zeichen, den Raum zu verlassen, was dieser nach einigem Zögern auch machte.

"Nein. Mein Geld ist in Ordnung. Es liegt auf der Bank."

"Seriös geworden?"

"In dieser Hinsicht ja. Außerdem bemühe ich mich, einen Fehler immer nur einmal zu machen."

Er deutete auf einen der Ledersessel, die bei ihm im Büro herumstanden.

"Setzen Sie sich."

Ich nahm Platz und sagte ihm, was ich wollte. Drei Dokumentensätze, Pass, Führerschein und so weiter. Einen Deutschen, einen Französischen und einen Kanadischen. Ich legte ihm die Fotos auf den Tisch, dazu alle Daten, die ich sorgfältig auf verschiedene Zettel geschrieben hatte.

"Hm", brummte Dietrich und lehnte sich zurück. "Sie sind gut vorbereitet."

"Ist es machbar?"

"Alles ist machbar. Wann brauchen Sie die Sachen?"

"Gestern."

Er lachte kurz auf.

"Sie stecken in der Scheiße und haben immer noch Humor. Das hat mir schon damals an Ihnen gefallen."

Für seine Blumen konnte ich mir nichts kaufen. Ich wollte wissen, was Sache war. "Wie lange wird es dauern?", fragte ich also sachlich.

Er hob die Schultern. "Wenn Sie alles wirklich wasserdicht haben wollen, dann können wir das nicht übers Knie brechen."

Er beugte sich vor. "Ich habe Verbindungen zu einem korrupten KGB-Offizier. Der KGB hat seinerzeit massenweise Original-Ausweise der Bundesrepublik Deutschland gehortet. Man braucht nur noch Name und alles andere eintragen. Die Stempel sind auch Originale."

"Diese grauen Heftchen sind doch alle bald abgelaufen und werden nicht mehr verlängert."

"Sie gehen zum Ordnungsamt und lassen sich eine Plastikkarte dafür geben. Sie geben einfach an, dass Sie umgezogen seien und ansonsten..."

"Nein", sagte ich. "Der zweite Teil dauert mir zu lange."

"Schade."

"Haben Sie eine andere Lösung?"

"Sie könnten sich gegen das abgelaufene graue Ding in jedem deutschen Konsulat einen vorläufigen Personalausweis geben lassen."

"Vergessen Sie's."

Dietrich seufzte.

"Es soll also schneller und besser sein, ja? Eine Plastikkarte?"

"Richtig."

"Dann wird es teurer. Das mit dem KGB-Offizier wäre ein Sonderangebot gewesen. Sommerschlussverkauf aus Geheimdienstbeständen sozusagen."

Ich zuckte die Achseln und winkte ab.

Aber Dietrich ließ nicht locker.

"Außerdem ist das Resultat bei weitem nicht vergleichbar. Wenn Sie meine Lösung akzeptieren würden, hätten sie einen echten Ausweis. Keine Fälschung."

"Es dauert leider zu lange."

Er machte eine bedauernde Geste und versuchte ein geschäftsmäßiges Lächeln.

"Na gut, wie Sie meinen. Ein bis zwei Wochen wird es trotzdem dauern. Sie wollen ja schließlich nicht bei der ersten Flughafenkontrolle, die Sie passieren, wie schlechtes Obst aussortiert werden."

"Ich schreibe ihnen einen Barscheck aus."

Er sah mich seltsam an.

"Also..."

"Wenn keine Deckung da ist, dann werden Sie es vor Ablauf einer Woche zweimal gemerkt haben."

Er schüttelte den Kopf.

"Lösen Sie Ihren Scheck selbst ein", meinte er. "Ich will Bargeld." Er gab mir eine Karte, die er ziemlich umständlich aus seiner Jackentasche herauspulte.

"Was soll ich damit?", fragte ich.

"Das ist meine Privatadresse. Werfen Sie das Geld einfach in den Briefkasten."

"Gut."

"Aber unterstehen Sie sich, mich mit einem Besuch zu belästigen."

"Kein Gedanke."

"Wo kann ich Sie erreichen, wenn es soweit ist?"

"Nirgends", erwiderte ich. "Ich werde mich bei Ihnen melden."

Er steckte sich eine Zigarette in den Mund und zuckte die Achseln. "Meinetwegen", grunzte er, während er sie sich anzündete. "Sie trauen niemandem, was?"

"Damit hat das nichts zu tun", meinte ich. "Ich weiß schlicht und einfach noch nicht, wo und ob ich zu erreichen sein werde."

Er grinste.

"Ich würde zu gerne wissen, was Sie diesmal angestellt haben", murmelte er dann glucksend.

Ich musste auf ihn aufpassen. Er war neugierig. Und das Hemd war ihm mit Sicherheit näher als die Hose. Wenn er kalte Füße bekam oder jemand mit genügend großen Geldbündeln wedelte, würde er mich an jeden ausliefern, der mich haben wollte. Inklusive die Polizei.

Ich erhob mich und wandte mich zum Gehen.

Dietrich blieb sitzen.

Bevor ich hinausging, drehte ich mich noch einmal halb herum und fragte: "Sind Sie eigentlich immer noch im Drogengeschäft aktiv?"

Ich sah das nervöse Zucken in Dietrichs Gesicht. Das schien ein Punkt zu sein, auf den er nicht angesprochen werden wollte.

Er runzelte die Stirn.

"Was soll das?" knurrte er.

"Nur so. Als wir uns das letzte Mal sahen, waren sie noch drin in der Szene."

"Woher..."

"Spielt doch keine Rolle. Ich wusste es. Damals schon. Nennen wir es Gerüchte mit ziemlich hohem Wahrheitsgehalt. Aber darum geht es nicht."

"Worum dann?"

"Sagt Ihnen der Name Khalil etwas?"

"Klingt türkisch oder so."

"Mehr nach oder so. Michel Khalil, Libanese."

Er zog an seiner Zigarette und schien nachzudenken.

Ziemlich lange, wenn man bedachte, dass er nur entscheiden musste, ob er von Khalil gehört hatte oder nicht. Aber statt mir zu antworten, stellte er mir eine Gegenfrage.

"Wie kommen Sie auf die Idee, dass ich etwas über diesen Khalil weiß?"

"Weil ich ihn zumindest als eine so große Nummer einschätze, dass er jemandem wie Ihnen ein Begriff sein könnte!"

Dietrich stand auf und trat nahe an mich heran. Er packte seine Zigarette mit zwei Fingern und blies mir den Rauch ins Gesicht.

"Tut mir leid", sagte er dann gedehnt. "Ich bin schon eine ganze Weile nicht mehr im Geschäft."

Er ließ die Zigarette zurück zwischen die Lippen gleiten und steckte seine Hände dann in die weiten Taschen seiner dunklen Hose.

"Was Sie nicht sagen", murmelte ich. Ich glaubte ihm kein Wort.

Er hob die Schultern und schien wohl auch zu finden, dass das nicht sehr überzeugend geklungen hatte. Also schob er noch etwas nach. "Zu gefährlich", meinte er. "Türkische Banden und die Kolumbianer haben hier viel an Terrain gewonnen. Glauben Sie, ich versuche, mich mit aller Gewalt dazwischen zu drängen? Ich bin ja nicht lebensmüde. Außerdem habe ich das auch nicht mehr nötig. Es gibt auch andere profitable Geschäfte."

Ich nickte leicht.

"Und den Namen Khalil haben Sie noch nie gehört?", fragte ich dann mit einer unüberhörbaren Spur Sarkasmus in der Stimme.

"So ist es", erwiderte er.







7



Am Nachmittag fuhr ich bei seiner Privatadresse vorbei, die in einem Frankfurter Vorort gelegen war und warf einen Umschlag mit Geldscheinen in den Briefschlitz.

Auf dem Rückweg in die Stadt kaufte ich mir dann in einem Elektro-Markt ein kleines Radio. Die nächsten Tage würde ich zum Großteil zwischen irgendwelchen Hotelwänden verbringen, wollte aber dennoch auf dem Laufenden bleiben. Ich musste wissen, wie weit meine Verfolger waren. Später besorgte ich mir dann ein Zimmer in einer anonymen Absteige am Bahnhof.

Der Pakistani, der hier den Portier spielte, sah sich zwar jeden Geldschein, den ich ihm vorstreckte, sehr genau unter einem Sichtgerät an, aber für meinen Pass hatte er nur einen flüchtigen Blick. Er notierte sich die Nummer in so ungelenken Buchstaben, dass ich bezweifelte, ob diese Hieroglyphen je wieder zu entziffern sein würden.

"Frühstück?", fragte er akzentbeladen.

Ich schüttelte den Kopf. "Nein."

Das Zimmer war sein Geld nicht wert. An der Decke war Schimmel, der nur notdürftig mit weißer Farbe übertüncht worden war. Am Waschbecken tropfte der Wasserhahn und das Bett machte auch nicht den Eindruck, als könnte man sich dort allzu heftig im Schlaf drehen. Die Federn waren so gut wie ausgeleiert. Es war nicht schwer zu erraten wovon. Ich fragte mich, ob im Preis wenigsten frische Bettwäsche enthalten war. Ich breitete meine Sachen aus. Den Koffer, die Alben von Tina, meine Jacke, die Knarre.

Ich nahm das Magazin aus dem Griff der Automatik und steckte die Patronen wieder hinein. Dann wandte ich mich den Alben zu. Eigentlich hatte ich das vermeiden wollen, aber ich konnte nicht anders. Ich blätterte in den Folianten herum und sah dabei wieder ihr Gesicht. Ich fragte mich, ob man sie wohl schon gefunden hatte. Sie war nicht zur Arbeit gekommen, vielleicht würde jemand versuchen, bei ihr anzurufen oder sogar vor ihrer Wohnungstür auftauchen. Es kam darauf an, wie hartnäckig der Betreffende war. Wenn ich Glück hatte, würde sie noch eine ganze Weile in ihrer Wohnung liegen. Es war kein schöner Gedanke, aber die ganze Geschichte war nicht besonders schön und dies war nur eines von vielen weiteren hässlichen Details.

Mir war klar, dass ich mich irgendwann von diesen Alben würde trennen müssen, denn wenn ich Pech hatte, konnten sie der Strick sein, an dem man mich aufhängte. Ich musste sie verschwinden lassen, vernichten...

Aber noch nicht jetzt, dachte ich.

Ich hätte es gleich tun sollen. Sofort, ohne zu zögern.

Jetzt würde ich es sicher vor mir herschieben, bis ich keine andere Wahl mehr hatte und ich konnte nur hoffen, dass es dann zu nicht zu spät war.

In den nächsten zwei Tagen verpasste ich keine einzige Nachrichtensendung und versorgte mich morgens am Kiosk mit einem Stapel Zeitungen. Aber über die Sache in dem Haus am See brachten sie nichts mehr. Nachrichtensperre, so schätzte ich. Aus fahndungstaktischen Gründen. Sie wollten nicht, dass ich wusste, wie viel sie schon wussten. Auch über Tina fand ich nichts. Dafür las ich eine andere Meldung, die mich aufmerken ließ. Die Polizei hatte die Identität eines Mannes ermittelt, der vor zwei Wochen aus dem Main gefischt worden war: E. L. Nuredinov, Nuklearforscher aus Kasachstan. Ein Spezialgeschoss hatte ihm den Schädel zerfetzt, was die Identifizierung erschwert hatte.

Das war nun schon die Nummer zwei.

Und nächsten Donnerstag kam ein Mann namens Krylenko nach Frankfurt und auch sein Tod war schon beschlossene Sache, wenn nicht durch mich, dann durch jemand anderen. Als Mörder kam ich nicht mehr in Frage und wenn ich Erikson nicht völlig falsch verstanden hatte, erwarteten meine Auftraggeber auch gar nicht mehr, dass ich mich einschaltete. Ein Grund mehr für mich, es doch zu tun. Vielleicht hatte ich so eine Chance, an den oder die heranzukommen, die Tina auf dem Gewissen hatten. Vielleicht war es dieser Libanese namens Khalil, vielleicht war auch er nur eine Marionette. Aber ganz gleich, wer die Fäden zog, er sollte nicht ungeschoren davonkommen.

Ich stand stundenlang an dem kleinen Fenster meines Hotelzimmers und blickte hinaus auf die Straße und grübelte vor mich hin. Wenn ich ehrlich war, dann wusste ich selbst nicht so recht, worauf das ganze eigentlich hinauslaufen sollte, was ich wollte und was nicht. Von einer Sache abgesehen. Ich wollte am Ende noch leben.

Irgendwann rief ich dann zwischendurch bei Dietrich an, um zu sehen, wie weit er schon war. Erst hatte ich Schwierigkeiten, überhaupt zu ihm durchgestellt zu werden. Ich musste es zweimal versuchen, aber Hartnäckigkeit zahlt sich meistens irgendwann auch aus. Jedenfalls hatte ich ihn schließlich doch an der Strippe.

"Was wollen Sie?", grunzte er. "Glauben sie, ich kann hexen?"

"Ich wollte nur wissen, ob Sie auch voran kommen."

"Sicher."

"Wissen Sie schon genauer, wann die Papiere fertig sein werden?"

"Nein."

"Das wundert mich."

"Wieso?"

"Wenn Sie den Auftrag schon vermittelt hätten, hätte man Ihnen sicher gesagt, wie lange die Angelegenheit dauern wird."

"Lassen Sie mich meinen Job machen und tun Sie Ihren - sofern Sie im Augenblick einen haben. Jedenfalls gehen Sie mir besser nicht weiter auf die Nerven. Sie bekommen Ihre Papiere. Mein Wort darauf!"

Ich fragte mich, was sein Wort wert sein würde. Ich hoffte genauso viel wie beim letzten Mal. Aber leider unterliegt ja so gut wie alles der Inflation.

Plötzlich fragte er: "Von wo aus rufen Sie an?"

"Warum interessiert Sie das?"

Er schwieg zunächst und ich fragte mich, was das werden sollte. Dann sagte er: "Sie wollten doch Informationen über einen Mann namens Khalil. Libanese, wenn ich mich recht erinnere."

"Sicher", bestätigte ich.

"Wie viel wäre Ihnen das wert?"

"Mindestens so viel wie die Papiere. Wenn es sich um brauchbare Informationen handelt."

"Können wir uns treffen?"

"Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, können Sie das auch am Telefon. Außerdem sehen wir uns ja, wenn ich die Papiere kriege."

Ich hatte keine Lust, mich mit ihm zu treffen, das war die schlichte Wahrheit. Und ich glaubte auch nicht, dass er schon etwas haben konnte, das mich interessierte. Nicht nach den paar Tagen. Ich nahm an, dass er nur etwas heiße Luft produzieren und mich dafür abkassieren wollte. Seine Reaktion gab mir recht.

"Gut", meinte er. "Dieses Geschäft läuft uns ja nicht weg!"

"Nein, das tut es nicht."

Ich legte auf.







Dritter Teil



Am Donnerstag war ich pünktlich am Flughafen, um Krylenko abzupassen, aber er kam nicht. Vier Tage lang nahm ich mir jede Maschine vor, die aus Moskau kam. Nichts. Erst am Montag tauchte er dann auf. Er hatte einiges getan, um sein Äußeres zu verändern, sich rasiert, sich die Haare dunkel gefärbt und eine dunkle Brille auf der Nase. Aber ich erkannte ihn trotzdem sofort. Er war so dämlich, eine russische Illustrierte aus der Manteltasche herausragen zu lassen. Und da wusste ich gleich, dass er es war. Wenn du länger leben willst, musst du cleverer werden, Krylenko!, dachte ich bei mir und ich fragte mich, ob er noch Zeit genug haben würde, um in diesem Punkt dazuzulernen. Krylenko kam natürlich nicht allein. Zwei Männer begleiteten ihn. Beide mit Schnurrbärten, beide dunkelhaarig, der eine vielleicht Mitte zwanzig, den anderen schätzte ich auf fünfundfünfzig.

Der Jüngere war sehr schlank, fast zierlich, der Ältere hatte einen Bauch und sah im Ganzen wie ein etwas zu blass geratenes Abziehbild von Saddam Hussein aus. Die beiden machten einen nervösen Eindruck und blickten sich immer wieder nach allen Seiten um. Seine Frau hatte Krylenko offenbar noch zu Hause in Moskau gelassen. Vermutlich wollte er sie später nachholen. Die Dreier-Gruppe kam ohne Schwierigkeiten durch die Kontrollen. Mit dem Gepäck brauchte Krylenko sich nicht herumzuärgern. Das holte einer der beiden schnauzbärtigen Wachhunde ab, und zwar der Jüngere, während der Ältere unruhig den Blick umherschweifen ließ.

Ich hielt mich im Hintergrund. Schließlich war ich nun wirklich nicht daran interessiert, irgendwie auf mich aufmerksam zu machen. Stattdessen sah ich mich nach Leuten um, die sich eventuell ebenfalls für Krylenko und sein Gefolge interessierten. Vielleicht jemand, der einen ähnlichen Zettel wie ich bekommen hatte, mit einem Datum und einer Uhrzeit, und der nun gekommen war, um den Russen in Empfang zu nehmen.

Mir fiel tatsächlich jemand auf. Eine Frau.

Aber sie war ganz gewiss keiner der Killer, die der graue Mann, der auch unter dem Namen Harry aufgetreten war, auf Krylenko angesetzt hatte.

Ich erkannte sie von den Fotos wieder, die der Graue mir in das Gepäckfach am Bahnhof gelegt hatte. Sie war zwar etwas älter geworden, vielleicht auch eine Spur fülliger und außerdem machte die Lockenfrisur, die sie jetzt trug, einen völlig anderen Typ aus ihr - aber sie war es. Sie war Krylenkos Tochter.

Die Begrüßung war kurz, aber herzlich. Dann hakte sich die junge Frau bei Krylenko unter.

Ich folgte der Gruppe vor die Tür. Dort wartete ein dunkelblauer Mercedes. Der Fahrer deutete auf die Uhr und schien damit zur Eile aufzufordern.

Krylenko stieg hinten ein und wurde von seinen beiden Bewachern in die Mitte genommen. Seine Tochter nahm vorne auf dem Beifahrersitz Platz. Der Wagen fuhr sofort los und ich hatte Mühe, schnell genug zu meinem eigenen zu gelangen, einzusteigen und hinterherzukommen. Am Scheibenwischer sah ich das Knöllchen. Ich hatte die vorgeschriebene Höchstparkdauer überschritten. Mein Versuch, in den laufenden Verkehr einzufädeln, war ziemlich riskant und entsprach auch nicht gerade dem, was man in der Fahrschule so beigebracht bekommt. Irgend jemand hupte und zeigte mir den Vogel. Aber ich kam dennoch durch.

Wenn ich den blauen Mercedes verlor, würde ich einer meiner letzten, einigermaßen vielversprechenden Spuren verlieren. Also setzte ich alles daran, ihm auf den Fersen zu bleiben und das möglichst so, dass Krylenko und sein Anhang nichts davon mitbekamen.

Ich fragte mich was wohl geschehen würde, wenn ich meinen Auftrag jetzt doch noch ausführte. Ich dachte an die halbe Million, von der nur hunderttausend auf meinem Konto waren.

Aber dann schob ich den Gedanken ziemlich rasch wieder bei Seite. Sollten sich andere die Finger daran verbrennen.

Meine Probleme waren schon groß genug.

Es ging hinaus auf die Autobahn. Der Mercedes legte ein ziemlich hohes Tempo vor und fuhr fast auf ausschließlich der linken Fahrbahnseite.

In sicherer Entfernung folgte ich ihm. Das ging vielleicht vierzig, fünfzig Kilometer so, dann nahm er eine Ausfahrt, was ich erst im letzten Moment mitbekam, weil ein Sattelschlepper mir die Sicht verdeckte.

Ich musste stark abbremsen.

Mein Hintermann fuhr mir fast in den Kofferraum. Ich sah ihn im Rückspiegel wild gestikulieren und war froh, dass ich mir nicht anhören musste, was er gerade so vor sich hin schimpfte. Aber die Krylenko-Leute hatten von diesem Bremsmanöver nichts mitbekommen.

Ich fuhr ihnen im Sichtschatten des Sattelschleppers nach.

Es ging auf eine Landstraße, dann auf eine kleinere Landstraße, durch ein Dorf und durch noch eins und dann auf eine hundertfach geflickte Asphaltpiste, die sich in Serpentinen durch ein Waldgebiet schlängelte.

Irgendwann bog der Mercedes dann seitwärts ein. Ich wartete eine Weile, bis ich ihm folgte. Es war kaum mehr, als ein Waldweg, dem sich der Mercedes da anvertraut hatte. Die Reifenspuren hatten sich tief in den weichen Boden gegraben. Nach einiger Zeit kam Sand und dann schließlich Schotter.

Der Weg teilte sich. Ich hielt den BMW an und und stieg aus. Von dem Mercedes war nirgends mehr etwas zu sehen. Und aussagekräftige Spuren gab es auch keine mehr auf dem hartgepressten Schotter.

Ich fluchte innerlich. Mir blieb kaum etwas anderes übrig, als mich für eine der beiden Wege zu entscheiden und zu hoffen, dass es nicht der falsche war. Also setzte ich mich wieder hinters Steuer und brauste die Piste entlang, soweit die Schlaglöcher das zuließen. Der Wald lichtete sich. Es kamen einige Felder und Wiesen. Und schließlich hatte ich auch wieder Asphalt unter den Reifen.

Ein Trecker mit dahintergehängtem Güllewagen kam mir entgegen. Die Straße war so schmal, dass einer von uns zur Seite ausweichen musste, wenn wir aneinander vorbei wollten.

Ich hielt den BMW mitten auf der Straße und stieg aus. Dem Güllemann blieb nichts anderes übrig als anzuhalten. Ich sah die Falten auf seiner Stirn. Er war sauer, das lag auf der Hand. Ich machte eine beschwichtigende Geste und kam etwas näher.

"Hey!", rief ich. "Haben Sie einen Mercedes hier herfahren sehen?"

"Was?"

Sein Trecker tuckerte auch im Leerlauf noch ziemlich laut. Der Mann oben auf dem Bock beugte sich gnädigerweise etwas herab und bog mit der Linken eine Ohrmuschel nach vorne, so als ob das seine Hörleistung maßgeblich verbessern konnte.

Ich holte also tief Luft und und schrie ihm meine Frage noch einmal hinauf.

Er ließ den Motor etwas weniger hochtourig laufen, offenbar, weil er selbst keine Lust hatte, so zu schreien.

"Nee", meinte er und schüttelte den Kopf. "Mercedes, sagen Sie?"

"Ja, dunkelblau. Mit fünf Leuten drin. Vier Männern und einer Frau.

Er lüftete seine Mütze und kratzte sich mitten auf seiner verschwitzten Halbglatze. Dann schüttelte er abermals den Kopf.

"Nein", behauptete er. "Ich habe keinen Mercedes gesehen. Das wäre mir aufgefallen."

"Wirklich nicht? Denken Sie nochmal nach. Sie kommen doch aus der Richtung hier!" Ich deutete dorthin, woher ich gekommen war.

Der Güllefahrer verzog jetzt ärgerlich das Gesicht.

"Ganz bestimmt nicht", grunzte er.

"Gibt es hier in der Nähe vielleicht ein Wohnhaus oder so etwas."

"Bauernhöfe, ja."

"Irgendetwas, wo man Zimmer mieten kann oder dergleichen."

"Nein. Fremdenverkehr ist hier gleich null."

"Oder vielleicht..."

"Hören Sie, ich habe Ihre Frage beantwortet. Und jetzt wäre es wirklich sehr nett, wenn Sie endlich die Straße freimachen würden."

"Okay, okay..."

"Ein bisschen plötzlich, wenn ich bitten..." Der Rest ging im Aufheulen seines Traktormotors unter. Ich glaubte nicht, dass ich da viel verpasst hatte.

Der Güllegeruch war mir inzwischen schon ziemlich heftig in die Nase gestiegen.

Ich sah zu, dass ich wieder hinters Steuer kam. Dann lenkte ich den BMW zur Seite und ließ den Güllewagen vorbei.

Bei der nächsten Gelegenheit zum Wenden fuhr ich dann zurück, hing dann für fast zehn Minuten hinter dem lahmen Trecker, ehe der endlich seitlich in einen Feldweg einbog.

Schließlich erreichte ich die Abzweigung und raste mit der Gewissheit durch die Schlaglöcher, endlich auf dem richtigen Weg zu sein.

Das Erwachen kam, als ich schließlich wieder auf eine Hauptstraße stieß, ohne unterwegs etwas gesehen zu haben, wo man einen Mann wie Krylenko samt seiner Tochter eine Weile verstecken konnte. Ich schlug wütend die Handballen gegen das Lenkrad.

Ich hatte vielleicht insgeheim den Fehler gemacht, die Leute zu unterschätzen, die Krylenko unter ihre Fittiche genommen hatten. Vielleicht waren sie nur durch diese Walachei gefahren, um einen eventuellen Verfolger abzuschütteln, was ihnen ohne Zweifel gelungen war. Und wenn das Versteck doch hier in der Gegend lag, dann war es ein sehr Gutes.

Eines, wie ich es mir für mich gewünscht hätte. Ich blickte die Hauptstraße erst rechts, dann links entlang. Rechts sah ich einen einsamen Wagen herankommen. Es war ein ziemlich rostiger VW-Bus, der einen Hang hinaufkroch, hinter dem die Straße verschwand. Links sah ich in einiger Entfernung eine Tankstelle. Im Grunde war es gleichgültig, für welche Richtung ich mich entschied. Den Mercedes würde ich wahrscheinlich ohnehin nicht mehr einholen.

So nahm ich die Seite mit der Tankstelle. Vielleicht wussten die Leute dort etwas. Außerdem sagte mir der Tankanzeiger, dass es ohnehin langsam Zeit zum Nachfüllen wurde.

Ich fuhr also vor die Zapfzäule und füllte nach, bis nichts mehr hineinging.

Dann ging ich in das kleine Häuschen, in dem außerdem noch Zeitschriften, Lebensmittel, Autozubehör und allerhand unnützen Kleinkram zu kaufen gab. Ein ziemlich beleibter Mann saß hinter dem Tresen und wischte sich gerade den Schweiß von der Stirn. Mich konnte das nicht im mindesten wundern und es hatte auch nichts mit seiner Körperfülle zu tun. Jedenfalls nicht nur. In seinem Laden herrschte nämlich ein furchtbares Tropenklima und ich fragte mich unwillkürlich, wie viele von seinen bunten Schokoladenriegeln dem wohl schon zum Opfer gefallen und schlecht geworden waren.

Mir konnte es egal sein. Ich war nicht hungrig.

Zum Glück.

Ich bezahlte meine Tankfüllung und fragte nach dem Mercedes. Er schüttelte schon den Kopf, bevor ich zu Ende war. Also hakte ich noch einmal nach.

"Könnte doch sein, dass er hier vorbeigekommen ist." Ich deutete aus dem Fenster. "Sitzen Sie immer hier?"

"Sicher."

"Die ganze Zeit über?"

"Klar. Die Zapfsäulen sind ja SB."

"Häh?"

"Selbstbedienung. Und hier kann ich die Kasse nicht alleine lassen." Er hob seine speckigen Schultern. "Letztes Jahr hat mich mal so'n Hund rausgelockt, weil er angeblich Hilfe brauchte. Ich war nur nur 'ne Minute draußen, aber Sie glauben gar nicht, was hinterher alles fehlte..."

"Ja,ja...", nickte ich.

"Also..."

"Von hier aus blicken Sie doch direkt auf die Straße. Sie müssten den Mercedes gesehen haben."

"Kann mich nicht erinnern. Ich habe allerdings auch nicht darauf geachtet. Warum wollen Sie das so genau wissen?"

"Wenn sich jemand hier in der Gegend für ein paar Tage oder so verstecken wollte, wo würden Sie das machen?"

"Sie stellen aber ganz schön seltsame Fragen", meinte er. "Vor wem wollen Sie sich denn verstecken? Haben Sie 'ne Bank ausgeraubt oder so?"

Hatte ich mal versucht, aber das war eine andere Geschichte. Eine, die ich jetzt wirklich nicht aufwärmen wollte.

"Haben Sie eine Karte von der Gegend?"

"Sicher."

"Mit großem Maßstab? So ähnlich wie Messtischblätter."

Er zeigte mir sein Sortiment.

Es war ziemlich bescheiden und ich konnte nur hoffen, dass etwas brauchbares dabei war.

"Diese Karte hier hat den größten Maßstab. Was Besseres kann ich Ihnen leider nicht anbieten."

Ich nahm die Karte und begann, sie auseinander zu klappen.

"Macht zehn Mark fünfzig!", hörte ich den penetranten Einwurf des Dicken.

Ich zeigte ihm indessen die Gegend, durch die ich gerade gefahren war. Aber er hatte für mein Problem im Augenblick keine Antenne.

"So was gibt's bei mir nicht", knurrte er.

"Was?"

"Nur gucken und dann nicht kaufen."

"Ich kaufe es ja!"

"Hm."

Ich fuhr mit dem Finger auf der Karte herum und fragte: "Gibt's hier in der Gegend etwas? Ein Haus oder so?"

Er schüttelte den Kopf und sagte: "Da ist doch nur Wald."

"Ja, das sehe ich auch!"

"Warum fragen Sie dann?"

Wie beiläufig ließ ich die Polizeimarke aus meiner Tasche herausgleiten und legte sie ihm sichtbar auf den Tresen.

"Ich würde Sie nicht fragen, wenn's nicht wichtig wäre!"

Seine Glupschaugen traten etwas hervor und man konnte ihm richtig ansehen, wie es in seinem Kopf plötzlich zu arbeiten begann. "Also es gibt da ein paar Bauernhöfe, aber die sind mehr hier unten." Er deutete mit seinem fleischigen Finger auf ein südlich gelegenes Gebiet.

"Und hier oben?"

Er schien einen Moment lang nachzudenken, dann nickte er leicht.

"Es gibt da ein Haus. Ungefähr hier."

"Mitten im Wald?"

"Ja. Ein ehemaliges Heuerhaus, das sich ein Architekt ausgebaut hat." Er zuckte mit den Achseln. "Der Architekt lebt allerdings nicht mehr." Der Dicke tickte sich mit dem Zeigefinger der Rechten an die Stirn. "Der Mann war nicht ganz richtig hier oben, hatte Depressionen und so. Am Ende hat er Selbstmord begangen."

"Wem gehört das Haus heute?"

"Keine Ahnung." Er zuckte die Achseln. "Würde mich nicht wundern, wenn es leerstünde."

"Warum das?"

"Weil es einerseits fast unbezahlbar ist, jedenfalls für Otto Normalverbraucher. Und weil es andererseits ziemlich ungünstig liegt. Wer zieht schon so in die Einsamkeit? Niemand der jeden Tag zur Arbeit muss."

"Waren Sie schon mal dort?"

"Ja, ist aber schon ein paar Jahre her."

"Vielleicht sagen Sie mir, wie man dort hinkommt."

"Sicher."

Ich langte zu der Polizeimarke auf dem Tresen und wollte sie wieder in der Hosentasche verschwinden lassen.

"Kann ich die nochmal sehen?", fragte der Glatzkopf.

Ich nickte.

"Sie können sogar draufbeißen, wenn Sie wollen!"

So genau wollte er es dann aber doch nicht wissen. Er nahm die Marke, sah sie sich an und gab sie mir dann zurück. "Auf Verbrecherjagd?"

Ich seufzte.

"Ach, jetzt fällt's mir ein", meinte er dann plötzlich.

"Was?"

"Es hat schon mal jemand nach diesem Haus gefragt."

"Ach, ja?"

"Ja. Eine Frau."

"Was wollte sie dort?"

"Ich habe nicht gefragt. Aber es wäre möglich, dass sie es kaufen oder mieten wollte."

Ich gab eine ungefähre Beschreibung von Krylkenkos Tochter und fragte ihn, ob die Frau so ausgesehen habe. Er konnte sich nicht exakt erinnern. "Könnte sein, könnte auch nicht sein."

"Es wäre schön, wenn Sie sich etwas eindeutiger festlegen könnten."

"Ist das denn wichtig?"

Ich zuckte die Schultern.

"Weiß man vorher nie."

"Tut mir leid."

"Wann war das denn?"

"Dass die Frau hier nachgefragt hat? Oh, das ist schon länger her."

"Wie lange?"

"Vielleicht zwei Wochen. Ja, mindestens zwei Wochen. Wissen Sie, die Leute kommen und gehen und die meisten wollen irgend etwas wissen. Wo ist der nächste Campingplatz? Wie komme ich zur Autobahn? Und so weiter. Das geht bei mir zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus."

"Verstehe."

"Ich würde Ihnen gerne helfen."

"Hat sich noch jemand nach dem Haus erkundigt?"

"Nein. Vielleicht bei Willi."

"Wer ist das?"

"Willi ist hier, wenn ich nicht hier bin."

Ich nickte.

"Schon gut", murmelte ich. "Wie komme ich zu dem Haus?"

"Fahren Sie so zurück, wie Sie gekommen sind", begann der Glatzkopf dann. "Sie kommen dann irgendwann an ein Kruzifix."

"Mir ist keins aufgefallen."

"Kann sein, dass es durch Gestrüpp überwuchert und Ihnen deswegen nicht aufgefallen ist. Wenn Sie jetzt zurückfahren, haben Sie es auf der linken Seite. Sie müssen halt die Augen aufmachen."

"Gut. Und dann?"

Er kratzte sich hinter dem linken Ohr und meinte schließlich : "Sie fahren in den Wald hinein. Sie werden denken, dass dort gar kein Weg herführt, geschweige denn eine Straße. Lassen Sie sich nicht beirren. Einfach weiterfahren. Sie kommen dann auf einen Schotterweg. Bei der nächsten Abzweigung rechts ab. Und dann links."

"Okay", nickte ich.

"Wenn Ihre Stoßdämpfer hinterher ruiniert sind..."

"...dann haben Sie hier sicher ein paar Neue, nicht wahr?"

Er grinste.

"So ist es."

Ich hoffte, dass ich auf sein Angebot nicht zurückzukommen brauchte.







1



Die Wegbeschreibung des Glatzkopfs war immerhin einigermaßen präzise. Präzise genug, so hoffte ich, um dieses Haus zu finden. Und wenn ich Glück hatte, dann fand ich dort Krylenko. Ich fuhr also zurück und fand schließlich auch das Kruzifix. Es war durch einen überhängenden Baum zu zwei Dritteln verdeckt. Dann quälte ich den BMW über den weichen Waldboden und sah, dass ich offenbar nicht der Erste war, der diesen Weg genommen hatte. Ich stieg kurz aus. Abdrücke mehrerer Reifen waren unterscheidbar. Einige davon schienen mir frisch. Vielleicht war ich also auf der richtigen Spur.

Ich folgte dem Weg, den der Glatzkopf mir beschrieben hatte. Unterwegs hatte ich zwischendurch schon den Verdacht, mich hoffnungslos verfahren zu haben, aber dann sah ich irgendwann zwischen all den dichten Unterholz einen Schornstein herausragen.

Ich fuhr den Wagen ein Stück zurück und fuhr ihn seitwärts ins Gebüsch, so dass man ihn nicht sofort sehen konnte. Dann stieg ich aus, nahm die Automatik heraus und entsicherte sie. Ich musste auf der Hut sein. Wenn Krylenko und sein Anhang, sich hier tatsächlich aufhielten, würde die Schnurrbart-Gang das Feuer sofort auf alles eröffnen, was sich bewegte und auch nur entfernt wie ein Killer aussah.

Der Wind blies kräftig durch die Kronen der Bäume und ließ sie hin und her wogen. Der Wind war mein Verbündeter, denn er sorgte dafür, dass der Krach, den ich machte, nicht so sehr auffiel. Hoffte ich jedenfalls.

Ich arbeitete mich Stück für Stück durch das Unterholz und schlug dabei einen kleinen Bogen.

Schließlich kam ich an eine kleine Lichtung, in deren Mitte das Haus lag. Es war wirklich hübsch. Hätte mir gefallen. Mochte der Architekt, der sich das aufgebaut hatte, auch eine Schraube locker haben, von seinem Fach verstand er etwas. Die Substanz des alten Heuerhauses war noch zu erkennen, aber er hatte etwas Neues daraus gemacht.

Ich packte die Automatik beidhändig und entsicherte sie.

Dann sah ich den blauen Mercedes. Oder besser: Sein Hinterteil. Der größte Teil des Wagens war hinter einem Stapel von Holzscheiten verborgen. Einen Kamin gab es hier also auch.

Eigentlich hatte ich erwartet, langsam auf einen der Schnurrbart-Gorillas zu treffen. Aber ich sah keinen von ihnen. Vielleicht fühlten sie sich so sicher, auf einen Wachtposten verzichten zu können, obwohl ich mir das kaum vorstellen konnte. Diese Leute hatten versucht mich umzubringen. Sie hatten den grauen Harry umgebracht und Erikson.

Sie wussten also, dass jemand auf Krylenko angesetzt war und wenn der graue Mann wirklich außer mir noch weitere Killer angeheuert hatte, dann dann wussten sie vermutlich auch das oder konnten es sich denken. Nein, anzunehmen, dass sie sich sicher wähnten, war absurd. Mir war nicht wirklich klar, mit wem ich es zu tun hatte. Aber Stümper waren es sicher nicht.

Ich schlich mich seitwärts ins Gebüsch und umrundete das Haus halb, so dass ich zur Vorderfront kam. Ein Weg endete dort. Die Reifenspuren verrieten mir, dass von dort der Mercedes gekommen war.

Und dann sah ich den Posten, den ich erwartet hatte.

Er lag mit dem Gesicht im Dreck. Es war der Ältere von den beiden Schnurrbärten. Er lag in einer seltsam verrenkten Körperhaltung da und blutete aus dem Kopf und dem Rücken. Er war tot.

Es war wie ein Schlag vor den Kopf.

Ich war zu spät gekommen.

An der Hauswand sah ich die Einschläge von mindestens zwei Dutzend Projektilen. Wahrscheinlich hatte jemand eine MPi-Salve verfeuert, um den Wächter niederzustrecken.

Wer auch immer mein Ersatzmann war, er musste gut sein.

Mochte der Teufel wissen, wie es ihm gelungen war, herauszufinden, in welchem Loch Krylenko sich verkriechen wollte.

Plötzlich ging die Tür auf. Ich sah einen hochgewachsenen Mann mit kurzgeschorenen roten Haaren, der mit schnellen Schritten die Stufen der kleinen Holztreppe hinabzusteigen begann. Nach der zweiten Stufe sah er mich. Mit einer blitzartigen Bewegung riss er den Arm hoch und ich sah die zierliche MPi in seiner Linken. Ich ließ ihn jedoch nicht zum Schuss kommen. Eine Kugel traf ihn mitten durch den Hals, die andere steckte irgendwo im Oberkörper. Er wurde nach hinten gerissen und rutschte die Treppe hinunter. Als er unten angekommen war, rührte er sich nicht mehr.

Im Haus hörte ich ein Geräusch. Schritte vielleicht. Etwas wurde umgestoßen und fiel hin. Dann ein Scheppern. Ich setzte einem kleinen Spurt an und war wenige Sekunden später an der Haustür. Drinnen herrschte eine Art Halbdunkel, an das ich mich erst gewöhnen musste. Ich sah eine Bewegung, dann einen Mündungsblitz und schnellte zurück. Ein Schuss krachte dicht an mir vorbei und ließ den hölzernen Türrahmen splittern. Jemand rannte davon. Ich wagte einen zweiten Blick und sah niemanden mehr. Mit der Automatik im Anschlag tastete ich mich vor und hörte dann wenig später, wie eine Tür geöffnet wurde. Der zweite Killer rannte nach draußen und versuchte davonzukommen. Ich durchquerte einen Flur und ein weitläufiges Wohnzimmer mit Kamin, das aussah, als hätte eine Horde Vandalen dort gewütet.

Als ich durch das Fenster blickte, sah ich eine Gestalt davonlaufen. Es war ein Mann, vielleicht fünfundzwanzig und eher zierlich gebaut. Er drehte sich herum, sah mich am Fenster und riss seine Waffe hoch - eine automatische Pistole.

Die Fensterscheibe zersprang. Ich feuerte zurück und erwischte ihn am Arm. Und zwar an dem, mit er seine Waffe hielt. Ich konnte ihn fluchen und schreien hören. Er rannte weiter, direkt ins Unterholz hinein. Er musste denken, dass ich einer von Khalils Leuten war, damit beauftragt, Krylenko sicher ans Ziel zu bringen, wo immer das auch sein mochte.

Er hatte also Grund zur Panik, denn er brauchte nicht viel nachzudenken, um sich ausrechnen zu können, dass sein Leben keinen Pfifferling mehr wert war, wenn er denen in die Hände fiel. Ich folgte ihm durch die Hintertür. Ich sah, wie er sich mühsam durch das Gestrüpp ruderte. Zweimal feuerte er noch in meine Richtung, aber das war kaum mehr als ungezieltes Geballere. Ich hatte ihn so am Arm erwischt, dass er ihm nicht mehr richtig gehorchte.

"Stehenbleiben!", rief ich.

Er blieb aber nicht stehen, sondern duckte sich statt dessen. Ich feuerte einmal in seine Richtung, ohne ihn zu treffen. Gleichzeitig spukte in meinem Hirn die Frage herum, was ich eigentlich mit ihm anfangen sollte, wenn ich ihn hatte. Er gehörte zu Harrys Leuten, während diejenigen, die ich für Tinas Ermordung verantwortlich machte, auf der anderen Seite zu finden waren. Was konnte es mir also nützen, ihn auszuquetschen? Ich hatte es bei Erikson versucht und dieser Killer wusste vermutlich viel weniger.

Wahrscheinlich nicht mehr als ich.

Aber wenn ich ihn am Leben ließ, hatte ich nicht nur Khalils Leute und die Polizei auf den Fersen, sondern auch noch diejenigen, in deren Auftrag ich eigentlich Krylenko hatte umbringen sollen.

Stattdessen streckte ich jetzt seine Mörder nieder.

Es war reine Ironie.

Ich entschied, dass es besser war, wenn der Kerl hier und jetzt ein Ende fand und hetzte ihm hinterher. Ich holte schnell auf. Die Verletzung schien ihm zu schaffen zu machen, was niemanden wundern konnte.

Dann sah ich ihn hinter einem Hang verschwinden. Ein Wagen wurde angelassen, der offenbar dort auf ihn gewartet hatte und raste mit aufheulendem Motor davon. Als ich oben auf dem Hang anlangte, sah ich gerade noch einen Mazda die Schotterpiste entlangrasen. Ohne Kennzeichen.

Ich ging zurück zu dem Waldhaus, um mich ein bisschen umzusehen. Den toten Krylenko fand ich im Schlafzimmer, zusammen mit einem seiner Wachhunde. Es war der, den ich als Fahrer des blauen Mercedes gesehen hatte. Beide waren förmlich durchsiebt worden. Unter Krylenkos zerfetztem Oberhemd schimmerte eine kugelsichere Weste hindurch, aber auch die hatte ihm nichts genutzt. Mindestens zwei Schüsse hatten ihm Kopf und Hals zertrümmert.

Den dritten Bewacher fand ich dann in der kleinen Küche.

Er musste wohl am Fenster gestanden haben, als ihn ein Kopfschuss getroffen hatte.

Die beiden Leichen im Schlafzimmer hatte ich nicht angerührt und das hatte vor allem hygienische Gründe. Sie waren derart zersiebt worden, dass sie über und über mit Blut besudelt waren. Bei dem Kerl in der Küche war es nicht so schlimm. Sein Oberkörper zum Beispiel hatte überhaupt nichts mitbekommen. Ich schlug sein Jackett zur Seite und nahm ihm einen Ausweis, einen Führerschein und eine Brieftasche heraus.

Er war Libanese, sein Führerschein hingegen war in Frankreich ausgestellt worden, aber auf denselben Namen.

Ich ließ die Dokumente in meine Jackentasche gleiten und erhob mich wieder. Und plötzlich spürte ich, dass sich jemand hinter mir befand.

Es war ein Gefühl, als würde sich mir eine kalte Hand auf die Schulter legen. In der Rechten hielt ich noch immer die Automatik und ich spielte sogar für einen Sekundenbruchteil mit dem Gedanken, die Waffe herumzureißen und abzufeuern. Es war mein Glück, dass ich das gar nicht erst versuchte.

"Bewegen Sie sich nicht!", sagte eine Stimme hinter mir. "Bleiben Sie, wo sie sind, drehen Sie sich nicht um und heben Sie langsam die Hände!"







2



Ich wandte den Kopf ein wenig zur Seite und sah aus den Augenwinkeln heraus gerade noch einen schlanken Frauenarm und eine zierliche, langfingerige Hand mit lackierten Fingernägeln.

Diese Hand umfasste allerdings den Griff einer Waffe und deshalb zog ich es vor, ihr zu gehorchen.

"Was nun?", fragte ich, als meine Hände schließlich oben waren.

"Pistole fallenlassen!"

"Ich sollte sie vorher sichern."

"Tun Sie, was ich sage!"

"Manchmal löst sich ein Schuss, wenn..."

"Nun machen Sie schon, verdammt nochmal, oder ich durchsiebe Sie!"

"Auf Ihre Verantwortung."

Ich ließ die Automatik fallen. Es machte ziemlich viel Krach, als das Ding auf den Kachelboden plumpste. Aber es löste sich kein Schuss.

"Wer sind Sie?", fragte sie. Sie rollte das R und hatte einen starken Akzent. Aber sie sprach sehr korrekt. Viel korrekter, als jemand, der Deutsch als Muttersprache gelernt hat. In ihrer Stimme war ein leichtes Zittern. In ihrer Hand auch, was mich beunruhigte. Die kleine israelische MPi mit der sie da herumwedelte, konnte auch dann noch großen Schaden anrichten, wenn sie von jemandem bedient wurde, der nichts vom Schießen verstand. Ein Blinder konnte damit einen Menschen treffen, vorausgesetzt, er betätigte lange genug den Abzug.

Ich drehte mich herum.

Ich machte es einfach, obwohl Sie es mir verboten hatte.

"Ich habe Sie etwas gefragt!", zischte sie.

"Mein Ausweis ist in der linken Jackett-Innentasche."

"Verkaufen Sie mich nicht für dumm!"

"Würde ich nie wagen. Nicht, solange Sie das Ding in der Hand halten. Aber Sie werden mir doch ohnehin nichts glauben, was sie nicht schwarz auf weiß sehen."

Sie atmete tief durch.

Wenigstens in einem war ich ihr voraus. Ich wusste nämlich, wer sie war: Krylenkos Tochter.

Ich sagte ihr den Namen, der gegenwärtig in meinem Pass stand und den ich bald schon abzulegen gedachte. Der Name sagte ihr natürlich nichts. "Ich mache Ihnen einen Vorschlag", sagte ich dann. "Legen Sie das Ding da weg, dann können wir uns wesentlich angenehmer unterhalten."

"Könnte Ihnen so passen!"

"So eine Waffe kann leicht mal losgehen."

"Das ist schon das zweite Mal, dass Sie mich darauf hinweisen!"

"Sie sollten mir vertrauen."

Sie zog ihre dünnen Augenbrauen in die Höhe.

"Ach, wirklich? Und warum?"

"Weil ich einen der Leute erschossen habe, die Ihren Vater auf dem Gewissen haben."

Sie schien unschlüssig. Ich nutzte das für einen Schritt nach vorn, aber sie hob gleich wieder die Waffe um zwei Zoll und packte den Griff der MPi mit beiden Händen. "Schön ruhig...", murmelte sie.

"Wie haben Sie es geschafft, das zu überleben?", fragte ich sie ungerührt. Einerseits interessierte es mich. Andererseits dachte ich, dass es gut wäre, sie etwas zu fragen. Irgend etwas. Damit ihr Kopf etwas Beschäftigung hatte.

"Diese Kerle waren Profis, die drei Wachhunde, die Ihren Vater hier her begleitet haben wahrscheinlich auch, aber die sind jetzt tot. Warum leben Sie?"

"Ich hörte sie kommen", murmelte sie. "Die Schüsse... Es ging alles so schnell. Ich war im Obergeschoss und habe mich in einem Kleiderschrank versteckt."

"Und dann?"

"Ich hatte Glück, das war alles."

"Haben die Kerle nicht überall nachgesehen?"

"Ich sagte doch, ich hatte Glück."

"Und dann sind Sie heruntergekommen und rausgelaufen. Draußen haben Sie dem toten Gorilla die MPi abgenommen."

"Sie haben ihn erschossen?"

"Ja", nickte ich.

"Und der andere? Ich dachte, es waren zwei."

"Es waren sogar drei. Einer wartete im Wagen. Nummer zwei ist davongelaufen. Ich habe ihn am Arm erwischt."

Ihre Augen wurden schmal.

"Dann gehören Sie auch zu Khalils Leuten!"

"Sie denken schnell!"

Sie kaute auf ihrer Lippe herum. Tränen liefen ihr über das Gesicht. "Warum sind Sie nicht hier gewesen, als es noch etwas genützt hätte?", murmelte sie tonlos.

"Ich war eben zu spät."

Diesmal sagte ich sogar die Wahrheit.

"Und warum haben Sie dem Toten dort die Papiere abgenommen?"

"Alle Achtung! Sie passen auf!"

"Ich habe Augen im Kopf."

"Ich wollte nicht, dass jemand anderes die Papiere nimmt. Irgendwann wird ja mal jemand hier auftauchen und dann wird bald die Polizei kommen und alles untersuchen."

Sie nickte. Was ich sagte, schien in ihren Ohren plausibel zu klingen. Mit Erleichterung sah ich, wie sie die MPi dann endlich sinken ließ.

"Ich werde mich jetzt bücken, um meine Knarre wieder einzustecken", kündigte ich ihr an. "Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen!"

Sie schüttelte den Kopf.

"Habe ich nicht."

Na wunderbar! Sie schien vernünftig zu werden. Aber sie hatte innerhalb der letzten Stunde ja auch einiges mitgemacht - und wessen Verstand wäre da nicht kurzfristig in Urlaub gegangen?

Ich nahm also die Kanone auf und versuchte mich dabei so zu bewegen, dass ich die junge Frau nicht unnötig nervös machte. Als ich dann wieder aufblickte stand sie fast apathisch da. Die Maschinenpistole hatte sie auf der Küchenanrichte abgelegt. Ihre Hand befand sich allerdings noch ganz in der Nähe des Griffs.

Ich hätte sie gerne das eine oder andere gefragt, aber im Moment war wohl nicht der richtige Zeitpunkt. Sie schien nachzudenken. Dann rollten ihr wieder ein paar Tränen über die Wangen. Ihr dezentes Make-up war nur noch eine Art Aquarell. Ich gab ihr ein Taschentuch und sie nahm es stumm.

Dann ging ich an ihr vorbei. Hinaus in den Flur und dann ins Wohnzimmer.

Ich sah mich etwas um. Hinter einem umgestürzten und von einer MPi-Garbe durchlöcherten Sessel fand ich das Telefon.

Der Hörer hing nicht in der Gabel, aber das Freizeichen verhieß, das das Ding noch funktionierte.

Ich drückte auf die Wiederholungstaste und der Apparat wählte selbstständig die zuletzt gewählte Nummer.

Es war die syrische Botschaft in Bonn.







3



Ich bemerkte sie erst gar nicht. Sie stand plötzlich in der Tür und beobachtete mich.

"Wie heißen Sie?", fragte ich, ohne mich dabei vollständig herumzudrehen.

"Ich dachte, Sie wüssten, wer ich bin."

"Ich weiß nur, dass Sie Krylenkos Tochter sind!"

Sie nickte.

"Ich heiße Jelena."

"Sie sprechen gut Deutsch."

"Ich war lange im Außenhandel tätig."

"Und was machen Sie im Augenblick?"

"Weiß noch nicht..."

"Wollten Sie mit ihrem Vater nach Syrien?"

Sie stutzte und schaute etwas verwundert drein. Dann kaute sie auf ihren vollen Lippen herum. "Nein", sagte sie dann. "Ich habe nur für ihn hier die Dinge vorbereitet. Weil ich mich hier auskenne. Und weil mein Vater mir vertraut hat."

"Wie viel hätte man ihm in Syrien für seine Fähigkeiten gezahlt?"

"Viel. Sehr viel."

Ich nickte leicht.

Vielleicht war es ganz gut, dass er nicht mehr lebte. Aber es konnte genauso gut sein, dass es nicht das geringste bedeutete, ob Krylenko Syrien erreichte oder nicht. Es gab zu viele Krylenkos und Harrys Killer konnten unmöglich alle abfangen, bevor sie ihre Bestimmungsorte erreichten. Von vielen würden sie nicht einmal wissen.

"Was wissen Sie über die Leute, die Ihren Vater umgebracht haben?", fragte ich sie. "Wer könnte die geschickt haben.“

"CIA."

"Warum sind Sie sich so sicher?"

"Ich bin nicht sicher. Könnte auch der Mossad sein. Oder wer auch immer. Jemand, der nicht wollte, dass mein Vater ans Ziel kam. Außerdem - was spielt es für eine Rolle?"

"Vielleicht sind Sie in Gefahr. Ich bin es jedenfalls. Ich stehe jetzt auf ihrer Liste, schließlich habe ich einen von ihnen umgebracht."

Sie zuckte die Achseln. Sie schien wirklich ratlos.

Vielleicht konnte ich doch noch etwas aus ihr herausbekommen, was mir dabei helfen konnte, am Leben zu bleiben.

"Es war weder die CIA noch der Mossad", eröffnete ich ihr, denn meiner Ansicht nach hatten der graue Mann, der sich Harry genannt hatte, und der blonde Erikson weder der einen noch der anderen Organisation angehört.

"Aber - wer hat sie dann geschickt?"

"Ich weiß es nicht. Ich dachte, Sie wüssten etwas."

Sie schüttelte den Kopf.

"Nein", murmelte sie tonlos.

"Gehört Ihnen dieses Haus hier?"

"Nein."

"Haben Sie es gemietet?"

"Nein, aber warum fragen Sie mich das alles?"

"Wenn dies hier ein Versteck sein sollte, dann wundert es mich, dass es bei Ihren Feinden offenbar gut bekannt war."

Sie zuckte mit den Schultern.

"Die Kerle müssen uns schon am Flughafen aufgelauert haben und uns dann gefolgt sein."

"Das halte ich für ausgeschlossen."

"Warum?"

"Weil ich Ihnen gefolgt bin."

Das schien sie zu erstaunen. Sie atmete tief durch und überlegte eine Weile schweigend. Dann meinte sie plötzlich: "Also gut", sagte sie. "Dieses Haus gehört über ein paar Strohmänner der russischen Regierung. "

"Ein KGB-Quartier?"

"Ja." Sie nickte. "Ich habe ganz gute Beziehungen und..."

Sie sprach nicht weiter, aber ich verstand, was sie meinte.

"Ist der KGB nicht inzwischen längst zerschlagen worden?"

"Man hat es versucht, aber wohl eher halbherzig", meinte sie. "Seit dem Ende der Sowjetunion hat diese Organisation fünf-oder sechsmal den Namen geändert, aber sie existiert immer noch. Vor allem die Auslandsabteilungen sind noch sehr gut in Schuss."

"Vielleicht hat einer Ihrer feinen Freunde Ihren Vater verraten", vermutete ich. "Oder was haben Sie für eine Erklärung, Jelena?"

"Ich habe keine." Sie zuckte die Achseln. Der Gedanke schien ihr nicht zu gefallen, aber sie würde sich damit auseinandersetzen müssen, ganz gleich, ob es ihr nun passte oder nicht. Aber das war ihre Sache.







4



Ich sah mich noch ein bisschen um, allerdings erfolglos. Als ich dann hinausging, hörte ich wie jemand auf Russisch fluchte und die Türen des blauen Mercedes ziemlich unsanft zuschlug. Es war Jelena. Und sie hatte wirklich allen Grund, sauer zu sein. Von den vier Reifen waren drei platt. Zerschossen bei der Ballerei, die hier stattgefunden hatte.

Als sie mich ansah, zuckte ich die Schultern.

Ich fragte: "Wohin wollen Sie?"

"Nach Hause. Oder würden Sie mir vielleicht raten, hierzubleiben?"

"Nein."

"Der Wagen ist im Eimer. Und mit dem einen Ersatzreifen kann ich wohl auch kaum etwas anfangen."

"Das ist wahr." Ich atmete tief durch. Sie kam etwas näher. "Ich bringe Sie nach Hause."

"Wo ist Ihr Wagen?"

"Nicht weit von hier."

"Ich möchte meinen Vater hier nicht so liegen lassen."

"Das sollten sie aber!"

Sie stand jetzt dicht vor mir, keinen halben Meter entfernt. Und in ihren blitzenden dunkelblauen Augen war der Protest deutlich abzulesen. Sie hielt mich in dieser Sekunde wahrscheinlich für einen gefühllosen, rohen Klotz und vermutlich hätte ich an ihrer Stelle genau dasselbe gedacht.

Wie auch immer. Sie wollte an mir vorbei, aber ich hielt sie am Arm. Sie sah mich ziemlich böse an. Ich ließ sie jedoch nicht los.

"Denken Sie mal einen Moment klar nach", sagte ich. "Wo wollen Sie mit der Leiche hin? Einer Leiche, die förmlich durchsiebt wurde? Wollen sie sie vielleicht zum nächsten Bestattungsunternehmer bringen? Glauben Sie, dem fällt nicht auf, was mit Ihrem Vater passiert ist? Ehe Sie sich versehen, werden Sie eine Menge Fragen zu beantworten haben. Ich schüttelte den Kopf. "Lassen Sie alles, wie es ist. Die Polizei wird das Chaos hier irgendwann mal finden, alles untersuchen, die Identität Ihres Vaters herausfinden und in dann nach Russland schicken..."

"Und irgendwann eine Akte schließen, was?"

"Sicher. Was wollen Sie mehr? Einen der Killer hat's erwischt."

"Und die anderen?"

"Alt werden die sicher nicht."

Sie verzog das Gesicht. Schmerz lag darin, aber auch Verachtung. "So kann nur jemand wie Sie reden", meinte sie.

"Wenn Sie mit mir fahren wollen, dann kommen Sie jetzt. Ich habe keine Lust, noch länger hierzubleiben."

Ich ließ sie los.

Einen Moment noch schien sie im Zweifel zu sein. Dann nickte sie. "Ich hole nur noch meine Handtasche. Da ist mein Pass drin. Das wäre nun wirklich nicht sehr klug, wenn..."

"Gehen Sie schon!"

Sie ging. Etwas unsicher, aber sie ging. An der Tür drehte sie sich zu mir herum und bedachte mich mit einem nachdenklichen Blick.

Ein paar Minuten später saßen wir beide in dem BMW, mit dem ich unterwegs war.

"Wo geht's hin?"

"Ich sag's Ihnen."

"Na, gut."

Jelena wohnte in einem tristen Apartment-Haus. Siebter Stock. Man musste sich den Kasten schon genau merken, um ihn eventuell wiederzuerkennen, denn er stand neben einem halben Dutzend Artgenossen, die sich eigentlich nur durch die unterschiedlichen Wandschmierereien unterschieden.

"Hier wohnen Sie?", fragte ich überflüssigerweise.

"Ja. Nicht besonders fein - wollen Sie das sagen?"

"Ich will überhaupt nichts sagen."

Sie sah mich auf seltsame Weise an.

"Sie sind keiner von Khalils Leuten, nicht wahr?"

"Scheinbar habe ich Sie unterschätzt."

"Ganz sicher."

"Aber Sie sollten umgekehrt nicht den Fehler machen und mich unterschätzen."

"Was soll das?"

"Wenn Sie Ihre Hand noch näher an der Verschluss der Handtasche legen, muss ich Sie außer Gefecht setzen."

Mir war gleich, als sie mit der Handtasche aus dem Haus gekommen war die verdächtige Ausbuchtung aufgefallen.

Außerdem trug sie sie auch anders. Als ob sie schwerer geworden war. Ich hätte den BMW dafür verwettet, dass sie eins der Schießeisen im Haus aufgesammelt hatte.

Sie erstarrte und sah mich dann an, als wäre ich ein Gespenst. Ihre Gesicht hatte dabei jegliche Farbe verloren.

"Ich wollte nicht..." Sie sprach nicht weiter. "Wer schickt Sie?"

Ich hob die Schultern. "Können wir das nicht an einem gemütlicheren Ort besprechen?"

"Wenn Sie mich nicht außer Gefecht setzen..."

"Nur wenn ich muss."

"Sie müssen nicht."

"Sie sollten mir trauen, Jelena. Ich bin auf Ihrer Seite."

"Ich glaube nicht, dass Sie wirklich wissen, was meine Seite ist."

"Kann man ja herausfinden, oder?"

"Woher wussten Sie, dass ich eine Kanone in der Handtasche habe?"

"Und warum denken Sie, dass ich nicht zu Khalils Meute gehöre?", antwortete ich ihr mit einer Gegenfrage.

Sie zuckte die Achseln.

"Ich habe den sechsten Sinn."

"Sicher ganz praktisch."

Sie öffnete die Tür, um auszusteigen.

"Warten Sie", sagte ich.

"Was ist noch?"

Ich griff ins Handschuhfach und fand tatsächlich so etwas wie einen Zettel.

"Haben Sie was zu schreiben?"

"Wozu?"

"Ich gebe Ihnen eine Telefonnummer."

"Ihre?"

"Welche sonst?"

Sie verdrehte die Augen.

"Was soll das Ganze?"

"Sie sollten darüber nachdenken, wer Sie verraten haben könnte."

Sie hob kurz die Augenbrauen, bevor sie mir entgegnete: "Was glauben Sie, tue ich die ganze Zeit?"

Ich fand tatsächlich noch einen Kugelschreiber und schrieb ihr die Nummer meines Direktanschlusses im Hotelzimmer auf.

Es war ein Risiko, das war mir schon klar. Andererseits konnte ich über Jelena vielleicht mehr herausfinden. Mehr über Khalil.







5



In den nächsten Tagen besorgte ich mir etwas Bargeld, denn wenn Dietrich meine Papiere fertig hatte, dann musste ich ihm etwas vorweisen können.

Ich erwartete nicht, dass Jelana mich anrief.

Nicht ernsthaft jedenfalls.

Stattdessen blieb ich in ihrer Nähe, saß in dem BMW und wartete darauf, dass sie die Wohnung verließ. Sie verließ sie auch. Sie stand unten vor dem Hauseingang und machte ein paar nervöse Schritte hin und her. Dann blickte sie auf die Uhr. Sie wartete. Ich sackte ganz in mich zusammen und machte mich so klein wie möglich.

Als dann das Taxi kam, war dieser kleine Tagalptraum zu Ende; sie stieg ein und ließ sich wegfahren. Der Taxifahrer hatte einen ziemlichen Zahn drauf. Die Reifen quietschten sogar ein wenig, als es um die Ecke ging.

Ich hatte zwei Möglichkeiten. Ich konnte mich dranhängen, um dann vielleicht festzustellen, dass sie am Ende gar tatsächlich nur zum Frisör fuhr. Oder ich konnte mir ihre Wohnung vornehmen. Ich entschied mich für die Wohnung.

In das Haus zu kommen, war kein Problem. Die Tür war offen. Ich hatte den Verdacht, dass das Schloss auch gar nicht mehr funktionierte.

Im siebten Stock gab es drei Wohnungen. In einer hörte ich einen Besoffenen das deutsche Liedgut pflegen. Ich schaute mir die Schilder der beiden anderen Wohnungen an. Friedl Meyer und Ahmed Tasdelenoglu. Jelena benutzte vielleicht einen falschen Namen, in dem Fall war es sicher der erste.

Friedl konnte für einen Mann oder eine Frau stehen, Ahmed nur für einen Mann. Außerdem hatte sie strohblonde Haare und das in Verbindung mit einem türkischen Namen wäre einfach zu auffällig gewesen. Die andere Möglichkeit war, dass das Namensschild noch dem Vorgänger gehörte. Oder dem Vor-vorgänger. Oder wem auch immer.

Ich wollte schon anfangen, mich an der Friedl-Meyer-Tür zu schaffen zu machen, da ging sie plötzlich von alleine auf.

Die Frau, die mich dann in der nächsten Sekunde durch dicke Brillengläser anstierte, war ziemlich alt und ziemlich krumm.

Ich hob die Hände. "Erschrecken Sie nicht!"

"Was... Was wollen Sie?"

"Ich habe mich wohl vertan."

Ich machte zwei Schritt rückwärts und die alte Dame kam aus ihrer Wohnung, warf mir einen misstrauischen Blick zu.

Sie schloss hinter sich ab und ging dann bedächtig in Richtung Treppenhaus. Ich wartete, bis sie weg war und nahm mir dann die Tasdelenoglu-Wohnung vor. Die Tür zu öffnen war kein Problem. Mit einem kleinen Drahtstück kriegte ich das in angemessener Zeit hin.

Die Wohnung war wirklich nicht besonders toll. Von den drei Zimmern war nur eins richtig möbliert. An den Wänden war Schimmel. Immerhin fand ich Jelenas Sachen. Ich war also an der richtigen Adresse. Meine Wühlarbeit war systematisch und gründlich. Dabei versuchte ich so wenig wie möglich Unordnung zu machen. Aber ich fand nichts. Nichts, was mich weiterbrachte. Ein paar russische Zeitschriften. Ein paar Notizen auf einem Zettel, die ich nicht lesen konnte, weil sie in kyrillischen Buchstaben geschrieben worden waren, ebenso wie die Adressen in dem kleinen Telefonregister, das neben dem nicht mehr ganz dem Standard entsprechenden Apparat lag. Ich ging die Nummern durch.

Es war eine ziemlich lange dabei, die offenbar ins Ausland ging. Frankreich, wettete ich. Khalil. Immerhin. Ich wollte zum Hörer greifen und die Nummer auf Jelenas Rechnung ausprobieren, aber genau in dem Moment klingelte der Apparat.

Ich ließ es zweimal läuten. Dann nahm ich ab. Die Versuchung war einfach zu groß. Ich sagte nichts, sondern wartete einfach ein oder zwei volle Sekunden lang. Auf der anderen Seite der Leitung schien ebenfalls jemand zu sein, der nicht sonderlich gesprächig war. Nichts weiter als ein Atmen war zu hören.

Dann machte es klick.

Aufgelegt.

Ich begriff - oder glaubte es zumindest. Ich legte den Hörer auf die Gabel langte dann in meine rechte Jacketttasche und holte die Automatik heraus. Den Schalldämpfer trug ich in der Innentasche. Ich nahm ihn heraus und schraubte ihn sorgfältig auf die Pistolenmündung.

Sehr sorgfältig.







6



Es überraschte mich nicht, als sich die Tür endlich öffnete

- oder höchsten in so fern, als ich schon fast geglaubt, dass das Türschloss Sieger bleiben würde.

Aber schließlich schaffte es der Kerl mit den strähnigen Haaren und dem unübersehbaren Bauchansatz doch noch. Seine Augen waren wach und wirkten intelligent, hatten aber gleichzeitig etwas Gehetztes an sich. Sie flackerten unruhig. In der Linken trug er eine Pistole mit Schalldämpfer.

Er war wohl kaum hier, um nur mal guten Tag zu sagen.

Ich stand an der Tür zum Bad und konnte ihn durch den Türspalt hervorragend beobachten. Vorsichtig blickte er sich um und ich fragte mich, weshalb er Jelena wohl umlegen wollte.

"Jelena?"

Er atmete tief durch, blickte sogar in meine Richtung, aber er konnte mich unmöglich sehen. Das Licht im Bad hatte ich ausgeschaltet. Und da es kein Fenster hatte, stand ich völlig im Dunkeln.

"Jelena, wo bist du?"

Ich hatte die Stimme schon einmal gehört, da war ich mir plötzlich hundertprozentig sicher. Ich hörte seine schnellen Schritte, während er ein Zimmer nach dem anderen durchsuchte. Er fluchte leise vor sich hin. Zuletzt kam er ins Bad. Er tastete ungeschickt nach dem Lichtschalter, während ich ihn mit der Automatik im Anschlag erwartete. Seine Augen wurden ziemlich groß, als er mich auf dem Wannenrand sitzen sah.

Sein Schuss kam ansatzlos und ging daneben. Nicht, weil er schlecht gezielt hatte, sondern weil es ihn zuerst erwischte. Ich feuerte zweimal kurz hintereinander und erwischte ihn erst am Arm und dann am Oberkörper. Er wurde nach hinten gerissen und knallte gegen den Türrahmen, an dem er dann ächzend hinabrutschte. Seine Jacke und sein Hemd wurden rot, aber mit der Linken hielt er immer noch die Waffe fest umklammert.

Das Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, als er versuchte, seine Kanone noch einmal hochzureißen und abzudrücken. Es gelang ihm nicht.

Ich ging zu ihm hin, die Automatik im Anschlag, beugte mich nieder und nahm ihm die Waffe ab. Er sah zu mir hinauf, in der Erwartung, eine Kugel in den Kopf zu bekommen.

"Sie sind Kreuzpaintner, nicht wahr?"

Er verengte etwas die Augen. Die Überraschung stand ihm überdeutlich im Gesicht. Und da war mein letzter Zweifel beseitigt. "Heeäär Kreuzpaintner - so ist es doch!" Ich fragte ihn nicht. Ich war mir sicher.

"Woher...?"

Es war ein schwaches Ächzen, mehr nicht. Er schloss kurz die Augen und holte tief Luft. "Worauf warten Sie noch?", flüsterte er dann. "Warum geben Sie mir nicht den Rest? Das werden Sie doch sowieso tun..."

"Sie haben Wien sehr plötzlich verlassen, nicht wahr?"

Er schluckte. Dann zuckte er die Schultern, oder besser: Er deutete es an. Mehr war es nicht. Sein Lächeln war matt.

Erschreckend matt. "Ah, verstehe...", murmelte er.

"Was?"

"Jetzt kommt erstmal eine Art Quiz, nicht wahr?"

Ich gab ihm eine Papierrolle, um den Blutfluss etwas zu stillen. "Nennen Sie es wie Sie wollen."

Er lachte heiser.

"Ich wette, der Hauptpreis ist eine Kugel aus Ihrer Automatik direkt zwischen die Augen." Er bewegte ein wenig den Kopf zur Seite und lehnte ihn am Türrahmen an. Zwei tiefe Atemzüge folgten, dann sprach er weiter. "Kein sehr attraktiver Preis, finden Sie nicht auch? Sie verschwenden Ihre Zeit. Ich werde Ihnen nichts sagen." Er keuchte. "Und zu verlieren habe ich ja nichts mehr..."

Ich drehte mich um und entfernte mich ein paar Schritte von ihm, bis ich das Klo erreicht hatte. Dann klappte ich den Deckel herunter und setzte mich drauf. "Sie irren sich", behauptete ich.

"In wie fern?"

"Was den Hauptpreis angeht."

"Ach, wirklich?"

"Vielleicht besteht er darin, dass ich den Notarzt rufe."

Ich sah sofort, dass er mir nicht glaubte. Ich hätte mir an seiner Stelle wohl auch nicht geglaubt.

"Hören Sie auf", zischte er.

"Es ist mein Ernst!"

"Es ist doch immer dasselbe Spiel."

"Es ist überhaupt kein Spiel, Kreuzpaintner - oder welchen Namen Sie im Moment auch immer tragen mögen!"

Seine Augen wurden schmal. Ein oder zwei Sekunden lang schien er nachzudenken.

"Sie wollen mir weismachen, dass ich eine Chance habe, nicht wahr? Aber am Ende werden Sie mich doch allemachen. Das ist doch immer so."

"Probieren Sie's doch einfach aus!"

"Ich glaube Sie sind ein Arsch."

"Und Sie vielleicht ein Dummkopf."

Er versuchte, sich etwas weiter aufzurichten, hatte aber nicht viel Erfolg dabei.

Ich fragte: "Warum wollten Sie Jelena töten?"

Er verzog zynisch das Gesicht.

"Wollte ich das?"

"Ja."

"Wer sind Sie eigentlich? Ihr Schutzengel?"

"Ich hatte den Auftrag, ihren Vater umzubringen."

"Dann sind Sie dieser wildgewordene Idiot, der nicht mit hunderttausend zufrieden ist, sondern sich unbedingt in die Nesseln setzen will."

"Ich bin schon zufrieden, wenn ich am Leben bleibe."

"Dann wären sie längst nicht mehr hier! Ich glaube Sie wollen etwas ganz anderes."

Ich atmete tief durch und lehnte mich hinten an Spülkasten an. Der Kerl hatte recht. Ich wollte etwas anderes. Ich wollte, dass die Verantwortlichen für Tinas Tod zur Rechenschaft gezogen wurden. Ob das allerdings eine gute Idee war, hatte ich mich bis jetzt nicht zu fragen getraut. Ich beschloss, das Heft wieder in die Hand zu nehmen und Fragen zu stellen, anstatt sie zu beantworten.

"Sie verlieren viel Blut", stellte ich fest. "Wenn ich Sie wäre, würde ich mich ein bisschen mit dem Auspacken beeilen, sonst kann Ihnen auch kein Arzt mehr helfen!"

Kreuzpaintner blickte an sich herab und sah es rot zwischen seinen Fingern hindurchrinnen. Er schien zu ahnen, dass ich recht hatte.

Ich fragte: "Für wen arbeiten Sie?"

"Was nützt es Ihnen, das zu wissen?"

"Ich weiß dann, mit wem ich es zu tun habe. Denn nach den Ereignissen da draußen im Wald werde ich wohl auch bei Ihren Leuten auf der Liste stehen."

Er lächelte matt.

"Das war eine Dummheit von Ihnen. Ich nehme an, Sie haben auch Erikson auf dem Gewissen."

"Nein, das war jemand anderes."

"Wer hat mit Ihnen Kontakt aufgenommen? Harry?"

"Ja", nickte ich.

Er nickte ebenfalls, wenn auch nur ganz leicht.

"Hat er Ihnen nicht gesagt, worum es geht?"

"Ansatzweise."

"Im Augenblick kämpfen Sie auf der falschen Seite."

"Ach, ja?"

"Krylenko ist tot. Aber glauben Sie, er ist der einzige seiner Art?" Er sah mich an, als wäre ich ein Idiot.

Vielleicht war ich im Augenblick sogar einer. "Nie war ein Atomwissenschaftler, ein Raketentechniker oder was man sonst noch militärisch nutzen kann, so preisgünstig wie heute."

"Ich weiß. Und nie war ihre Lebenserwartung so gering, nicht wahr?"

Er hob den Blick um ein paar Grad und schien für den Bruchteil eines Augenblicks erstaunt.

Dann behauptete er: "Irgend jemand muss es tun. Der Kommunismus ist tot und es sieht so aus, als würde er sich auf absehbare Zeit nicht wieder erholen. Die Konfrontation zwischen Ost und West ist vorbei, aber ist jetzt bereits abzusehen, was an die Stelle dieses kalten Krieges treten wird."

"Ich bin gespannt."

"Die gefährlichste Ideologie des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird der militante, fundamentalistische Islam sein. Haben Sie darüber schon einmal nachgedacht?"

"Ich werde es sicher mal nachholen."

"Der Golfkrieg war ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns noch bevorstehen kann."

"Uns?"

"Der Norden. Europa, Nordamerika, Russland, Japan. Leider wird die Tragweite dieser Entwicklungen nicht erkannt. Die Karten der Auseinandersetzung, von der ich gesprochen habe, werden jetzt gemischt, verstehen Sie?"

"Ich gebe mir Mühe. Aber Krylenko wollte nach Syrien und soweit ich weiß werden die Fundamentalisten dort brutal unterdrückt."

"Noch."

"Was heißt noch?"

"Die laizistischen Regime im Nahen Osten und in Nordafrika stehen doch alle auf tönernen Füßen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie in sich zusammenstürzen und islamischen Gottesstaaten iranischer Prägung Platz machen."

"Sie arbeiten für den russischen Geheimdienst", stellte ich fest. Er stutzte.

"Wie kommen Sie darauf?"

"Sagen Sie einfach ja."

"Hören Sie..."

Auf seine Nebelwerfer legte ich keinen Wert. Also unterbrach ich ihn: "Jelena hat mit dem Geheimdienst zu tun. Krylenko auch. Das Haus im Wald gehört den Russen. Und Sie wollten Jelena jetzt umbringen. Dafür gibt es nur eine logische Erklärung..."

"So?", ächzte er.

"Sie waren der Verräter."

"Helfen Sie mir!", murmelte er.

"Antworten Sie!", forderte ich.

Er blickte mich einen Moment lang nachdenklich an und nickte. "Ja", murmelte er dann, "ich habe unter anderem auch für den KGB gearbeitet."

"Hatte Ihre..." - ich suchte nach dem passenden Wort "Flucht aus Wien damit zu tun?"

"Mein Umzug?" Er nickte. "Ja."

"Der russische Geheimdienst räumt also Wissenschaftler aus dem Weg, die in feindliche Staaten abtauchen wollen?"

"Ja."

"Sie lügen. Dann bräuchten Sie Jelena nicht umzubringen. Sie muss doch sterben, weil Sie sich nach und nach alles zusammenreimen und an die entsprechenden Leute weitergeben wird! Wenn die Russen dahinterstecken würden, bräuchten Sie davor keine Angst zu haben." Ich schüttelte energisch den Kopf. "Sie haben Jelena und die Russen verraten. Und dazu die Syrer mitsamt ihrem Lakaien, diesem Khalil."

Er sah mich auf eine Art und Weise an, die mir sagte, dass ich recht hatte. Kreuzpaintner hatte die Hosen gestrichen voll. Wenn es ihm nicht gelang, zu verhindern, dass Jelena redete, dann würde er sich in einer ähnlichen Situation wiederfinden, in der ich bereits war.

Er sackte zur Seite.

Lange hatte er nicht mehr. Die Blutlache auf dem gefliesten Boden wurde immer größer. Ich fragte mich unwillkürlich, mit wie wenig Blut ein Mensch wohl notfalls auskam.

"Die Organisation, für die ich arbeite, hat ihre Leute überall", berichtete er dann. "In den Geheimdiensten, in den Behörden. Bei der CIA und anderen westlichen Geheimdiensten genauso wie inzwischen auch bei den Russen."

Ich hob die Augenbrauen.

"Eine Art OAS im Großformat?"

"Wenn Sie so wollen... Jedenfalls warten wir nicht, bis sich die Politiker endlich zum Handeln entschließen."

Ich zuckte die Achseln.

"Ich glaube nicht, dass Sie die islamische Bombe verhindern können. Es gibt sie doch schon. Mit Sicherheit in Kasachstan und wahrscheinlich auch in Pakistan. Der Irak war nahe dran, von Algerien liest man auch ab und zu in der Presse..."

"Sollen wir deshalb die Hände in den Schoß legen? Und auf Verträge hoffen?" Er schüttelte den Kopf. "Die Welt schläft noch und befasst sich mit so wahnsinnig wichtigen Problemen wie der Frage, auf welche Weise man die Neuen Bundesländer sanieren kann. Aber im Hintergrund herrscht bereits Krieg. Vielleicht hat er auch einfach nur nie aufgehört..."

Eine Organisation politischer Extremisten, die Bürokratien und Geheimdienste infiltriert hatte oder es zumindest versuchte - das hatte mir noch gefehlt. Mit Leuten, die an etwas glaubten, konnte man schlecht diskutieren. Mit Verbrechern, die letztlich an ihrem Profit interessiert waren, gab es zumindest diese Verständigungsbasis.

"Haben Sie schonmal darüber nachgedacht, dass Sie mit Ihren Aktivitäten eventuell genau die Entwicklungen unterstützen, die verhindern wollen?"

"Wir tun das Richtige", behauptete er.

Er stöhnte und krümmte sich.

"Erzählen Sie mir etwas über Khalil", forderte ich.

"Wenn es noch Sinn haben soll, dass Sie mir einen Arzt rufen, dann müssten Sie es jetzt tun!", zischte er.

"Und wenn Sie wollen, dass der Arzt noch rechtzeitig kommt, dann beeilen Sie sich mit der Beantwortung meiner Frage!"

"Ich weiß nicht viel über ihn."

"Versuchen Sie nicht, mich abzuspeisen."

"Hören Sie, ich..."

Er ächzte.

"Sie sollten sich Ihre Kräfte besser einteilen, Kreuzpaintner!"

"Wenn wir mehr über ihn wüssten, wäre er nicht mehr am Leben."

"Hat er Kontakte hier in Frankfurt?"

"Einer wie er hat überall Kontakte. Ob nun in Damaskus oder New York. Oder hier. Er soll mehrere Häuser über die ganze Welt verstreut besitzen. Niemand weiß, wann er sich wo aufhält. Das gehört zu seinen Überlebenstricks." Er hob den Blick ein wenig und murmelte dann: "Sie sind ein toter Mann. Wenn Sie die eine Seite nicht schnappt, dann die andere..." Er hörte plötzlich auf zu reden. Ein schwaches, röchelndes Geräusch kam über seine Lippen. Sein Gesicht wurde bleich. Über Khalil schien er mir tatsächlich nicht viel mehr sagen zu können. Ich erhob mich vom Klo, stieg über ihn rüber und wollte zum Telefon gehen.

Ich war kaum an der Tür zum Wohnzimmer, da sah ich noch einmal zu ihm hinunter. Er war vollkommen in sich zusammengesackt und rührte sich auch nicht mehr. Ich ging zu ihm zurück und schloss ihm die Augen.




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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
Объем:
1180 стр. 18 иллюстраций
ISBN:
9783956178306
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