Читать книгу: «Himmel und Hölle»
Table of Contents
Teil 1 Erste Abteilung. Gott. Der blöde Ehrlich.
I. Die beiden Häuschen
II. Das Häuschen zur Linken
III. Vater Klein und sein Feld
IV. Es wird darin gesagt, wer und was Frau Marie ist, Mariechen, Peter, Ehrlich und Bernhard, auch ein paar Worte von der schwarzen Kuh
V. Bernhard und Peter vervollständigen die Familien, der erstere die des Vaters Kleine, der andere die der Frau Marie und wie diese Witwe wird
VI. Was von 1810 bis 1814 in dem Dorfe Haramont geschah
VII. Was in dem Dorfe Haramont von 1810 bis 1814 weiter geschah
VIII. Was in dem Dorfe Haramont von 1810 bis 1814 weiter geschah
IX. Was von 1810 bis 1914 in Europa vorging
X. Die Blutsteuer
XI. Die Losziehung
XII. Diejenigen, welche den Vater Kleine und Bastian falsch beurteilt haben, werden von ihrem Irrtum zurückkommen
Teil 2
XII. Diejenigen, welche den Vater Kleine und Bastian falsch beurteilt haben, werden von ihrem Irrtum zurückkommen. (Fortsetzung)
XIII. Was Vater Kleine in Villers-Cotterêts zu tun hatte
XIV. Was Bastian in Soissons zu tun hatte
XV. Aufklärung
XVI. Der abgeschnittene Finger
XVII. Die Untersuchung
Zweite Abteilung. Die Verbündeten in Frankreich.
I. Was vom 10. November 1813 bis zum 6. April 1814 in Frankreich geschah
II. Der Brief Ehrlichs
III. Der Brief Mariechens
IV. Was Ehrlich, widerfuhr, als er den Kaiser zum dritten Male sah
V. Der Passierschein
VI. Die Reise
VII. Worin dargetan wird, dass manchmal fünfzehn Schritte schwieriger sind als fünfzehn Stunden Weges
Teil 3
VIII. Wie Mariechen endlich die so schwierigen fünfzehn Schritte tun konnte
IX. Der Blindensaal
X. Die Frau des Oberarztes
XI. Die Wallfahrt
XII. Ehrlichs Traum
XIII. Hoffnung
XIV. Entmutigung
XV. Noch ein Arzt
XVI. Hoffnung
XVII. Der Himmel verdüstert sich
XVIII. Alle verzweifeln, nur Ehrlich nicht
XIX. Der Stempelbogen
XX. Etwas, an das der Advokat in Soissons nicht gedacht hatte
Verordnung
XXI. Der Mann des Schicksals
Alexandre Dumas
Himmel und Hölle
Impressum
Texte: © Copyright by Alexandre Dumas
Umschlag: © Copyright by Gunter Pirntke
Übersetzer: © Copyrigh by Dr. August Diezmann
Verlag:
Das historische Buch, Dresden / Brokatbookverlag
Gunter Pirntke
Mühlsdorfer Weg 25
01257 Dresden
gunter.50@gmx.net
Teil 1
Erste Abteilung. Gott. Der blöde Ehrlich.
I. Die beiden Häuschen
An der Grenze des Departements Aisne, westlich von der kleinen Stadt Villers-Cotterêts, am Saume jenes herrlichen Waldes, der zwanzig Quadratstunden bedeckt, und die schönsten Buchen wie die gewaltigsten Eichen in ganz Frankreich enthält, liegt das Dörfchen Haramont wie ein Nest in Moos und Laub, von dem aus ein sanft abhängender Weg nach dem Schloss des Fossés führt, in welchem ich die zwei ersten Jahre meiner Kindheit verbrachte.
Je weiter man im Leben vorschreitet, und sich von der Wiege entfernt, um sich dem Grabe zu nähern, umso stärker und unzerreißbarer scheinen die unsichtbaren Fäden zu werden, die den Menschen an den Ort seiner Geburt binden. Das Herz, der Geist, der Verstand, das ganze Wesen sträubt sich gegen das Gespenst, welche man die Zeit nennt, und das uns mit immer kräftigerer Hand und immer fühlbarer unaufhörlich vorwärts treibt, als wenn unser Leben einen Abhang hinunter ginge und, den Gesetzen der Schwere zu Folge, gegen das Ende hin um vieles rascher als im Anfange. Da wendet man sich weinend rückwärts, und klammert sich an alles an, was man auf dem Wege finden kann. Da aber Alles, was man ergreift, ebenfalls abwärts getrieben wird, so fühlt man, dass jeder Widerstand nutzlos und vergeblich ist, man breitet die Arme aus nach den entfernten Gegenständen, die am Morgen-Horizont glänzen, wie am entgegengesetzten im letzten Flammenglühen der untergehenden Sonne bisweilen die Mauern eines Häuschens leuchten, oder die Fenster eines stolzen Schlosses brennen.
Das Menschenleben zerfällt in zwei ganz geschiedene Teile: die ersten fünf und dreißig Jahre sind für die Hoffnung, die anderen für die Erinnerung.
Dann erscheint eine andere Luftspiegelung in der Wüste, die man durchwandert hat, und in welcher die Oasen immer seltener werden; die Gegenstände nämlich, welche dass körperliche Auge im Anfange des Weges erblickte, als man noch mit stolz erhobenem Haupte und mit offenen Armen der Göttin Hoffnung nacheilte, — die Gegenstände, welche man überhaupt am Wege ließ, die man als zu unbedeutend gering achtete, wohl gar verachtete, erscheinen von dem Augenblicke an, da man die Scheidelinie überschritt, nicht mehr durch die Hoffnung, sondern durch die Erinnerung lebt, aber noch immer weiter schreitet, weil man im Leben weiter muss, wenn auch mit gesenktem Haupte und schlaff herabhängenden Armen, — jene Gegenstände also erscheinen allmählich von neuem im Leben der Seele, und da die Seele, die Himmelstochter, sie ganz anders würdigt als sie der Stolz würdigte, ein Erdensohn, so wird ihr Dunkel Licht, ihre Unbedeutendheit Größe, und man liebt, was man verachtete, man bewundert, was man verschmähte.
Aus diesem Grunde kehre auch ich bisweilen, statt immer vorwärts zu geben, wenn ich neue Menschen und neue seltsame Ereignisse suche, in Gedanken auf jenen vielbetretenen Pfad meiner Jugend zurück, wo ich die Spuren meiner kleinen Füße, meiner kleinen Schritte neben den geliebten Fußstapfen meiner Mutter finde, von dem Tage an, an welchem meine Augen sich öffneten, biss zu jenem, an welchem die ihrigen sich schlossen, und ich traurig, allein und verlassen zurückblieb, wie der junge Tobias, als der Engel gen Himmel gestiegen war, der ihn bis an jenen wunderbaren Fluss geführt hatte, dessen Namen Moses uns zu sagen vergessen hat.
Heute nun will ich Euch sagen, was ich im Beginne jenes Pfades sehe, etwas jenseits des Dorfes Haramont, am ersten Abhange, über den der Weg immer abwärts nach dem Schlösschen des Fossés führt.
Zwei Häuschen sind es, die neben dem Wege stehen, nur durch diesen Weg getrennt sind, einander mit Tür und Fenster ansehen, im goldenen Sonnenstrahle einander anlächeln, das eine mit einem Weinstock umkränzt, das andere ganz mit Epheu umkleidet, der das Dach wie mit einem Mantel umhüllt, und dann die Wand bedeckt, wie ein grünes Kleid.
Zwei Familien bewohnten diese Häuser.
Eine dieser Familien bestand aus einem siebzigjährigen Manne, einer Frau von acht und dreißig Jahren, seiner Schwiegertochter und einem sechzehnjährigen Burschen, seinem Enkel. Vervollständigt wurde sie durch einen großen Hund von der Race der St. Bernhards-Hunde, durch einen Esel und einen Ochsen.
Sie bewohnte das Haus an der linken Seite des Weges. Die andere Familie, an Personen eben so zahlreich, an Tieren weniger, bestand aus einer Mutter, deren Tochter und Sohn. Die Mutter war sechs und dreißig, die Tochter sechzehn, der Sohn fünf Jahre alt.
Eine einzelne Kuh, die im Stalle vor einer nur mit frischem Grase gefüllten Raufe stand, antwortete mit ausgestrecktem Hals blökend ihrem Nachbar, dem Ochsen, so oft es diesem gefiel sich brüllend nach ihrem Befinden zu erkundigen.
Vielleicht wundert sich der Leser, besonders wenn er ein Städter ist, und das patriarchalische Landleben nicht selbst mitgelebt hat, dass ich einen Hund, einen Esel, einen Ochsen, eine Kuh als Glieder einer christlichen Familie mit aufführe. Da antworte ich: Freund, Sie sind zu streng gegen die Niedrigen der Schöpfung; ich weiß wohl, dass der Segen der Kirche sie nicht erreicht; dass sie als Heiden und Unreine außerhalb des christlichen Gesetzes stehen; dass der Gott-Mensch, der für die Menschen gestorben ist, für sie nicht gestorben ist; aber erinnern Sie sich, dass der Orient den Glauben hegt, das Tier sei eine schlafende oder verzauberte Seele; erinnern Sie sich, wie nach dem Glauben Indiens, jener ernsten, majestätischen Mutter unseres streitsüchtigen Abendlandes, die Poesie dem ersten Dichter offenbart worden ist: er sah gedankenvoll zwei Tauben fliegen, er bewunderte die Anmut ihres Fluges und die Schnelligkeit ihrer Liebesverfolgung, — mit einem Male fliegt ein Pfeil von einer versteckten Hand, pfeift durch die Luft und trifft eine der Tauben; da vergießt er Tränen des Mitleides, sein Wehklagen, das sich nach dem Schlagen seines Herzens, misst, erhält eine rhythmische Bewegung, die Poesie entsteht, und seit diesem Tage fliegen die Verse, melodische Tauben, Paarweise über die ganze Erde. — Denken Sie an Virgil, den zarten, tiefsinnigen Dichter, und hören Sie ihn, wenn er den Bürgerkrieg beweint, welcher die väterlichen Felder entvölkert, wenn er die Hirten beklagt, die ihre lieblichen Wiesen verlassen müssen; — hat er in seinem so viel Unglück umfangenden Mitleiden nicht auch eine Träne für die großen langgehörnten weißen Rinder, deren verschwundene Geschlechter Italien befruchtet haben? Hören Sie ihn, wenn er die Schmerzen des Dichtere Gallus, seines Freundes, beklagt, — zeigt er ihm nicht hinter den Göttern, die er herbei führt um ihn zu trösten, auch seine Schafe, die traurig blöckend um ihn her stehen, und ruft er nicht aus in der melodischen Sprache, um derentwillen er der Schwan von Mantua genannt worden ist: »die demütigen Schafe achten Dich nicht gering, verschmähe Du sie auch nicht, göttlicher Dichter!«
Gehen Sie dann aus dem Altertum in das Mittelalter über, und erinnern Sie sich der reizenden Sage von der Genoveva von Brabant. Die Gattin wird auf die Anklage eines Verräters durch den Gatten verstoßen zugleich mit dem Kinde, das in Schuld geboren sein soll; eine Hirschkuh leiht ihre Höhle der Mutter, und gibt ihre Milch dem Kinde; da8 Tier vergisst, dass es durch den Stolz des Menschen aus der großen Menschenfamilie ausgestoßen worden ist, und nimmt die Familie auf. Eine schuldlose Hirschkuh rettet die schuldlose Mutter mit dem schuldlosen Kinde.
Die Hilfe kommt von dem Niedrigen, die Rettung von dem Kleinen. Denken Sie an jenes Manuskript, das uns lehrt, wie wir die flüchtigen Bienen zurück zu rufen haben, und sagen Sie mir, ob jemals eine führendere, sanftere Bitte an ein verständiges Wesen gerichtet worden ist, als dies Gebet an die Königin des kleinen geflügelten Reiches: »Ich beschwöre Dich, Mutter der Bienen, bei Gott, dem Könige des Himmels und bei dem Erlöser der Erde, Gottes Sohne, ich beschwöre Dich nicht hinweg zu fliegen, und so schnell als möglich zu deinem Baum zurückzukommen; dort wirst Du Dich mit deinen Kindern und Gefährten zusammentun, dort werdet ihr ein von mir bereitetes gutes Gefäß finden, und im Namen des Herrn arbeiten.«
Der Landmann denkt nicht wie Sie Städter. Die Tiere haben in der Familie des Bauern ihren Platz unmittelbar nach dem Jüngstgebornen der Familie, wie in den adeligen sächsischen Häusern die weitläufigen Verwandten unten am Tische. In der Bretagne haben sie heute noch ihren Teil an der Freude wie an der Trauer der Familien: bei der Freude bekränzt man sie mit Blumen, bei der Trauer ums hüllt man sie schwarz.
Betrachten Sie doch das kluge Aussehen Einiger, das sanfte, träumerische Anderer; erkennen Sie nicht, dass ein großes Geheimnis zwischen ihnen und dem Herrn besteht, ein Geheimnis, das das Altertum vielleicht an dem Tage erkannte, als Homer die Fabel von der Circe schrieb? Will nicht der Rabe mit dem melancholischen Gekrächze, der drei Jahrhunderte lebt, d. h. vier Menschenalter, durch diese Stimme von der Vergangenheit sprechen, die traurig und dunkel war wie sein Gefieder? Hat und die Schwalbe, die aus dem Süden kommt, von den großen Wüsten nichts zu verkünden, in welche der Fuß des Menschen nicht zu dringen vermag, und die ihr Flug durchmaß? Wissen der Adler, der in der Sonne fliegt, und die Eule, die im Dunkeln steht, nicht besser als wir, was geschieht, der erste in der Welt des Tages, die zweite in der Welt der Nacht? Könnte endlich der große Stier, welcher unter dem Eichbaume das blass grüne Gras abweidet, so lange sinnend da stehen und klagend jammern, wenn ihm nicht ein Gedanke durch den Kopf ginge, wenn er nicht vielleicht gegen Gott sich über die Undankbarkeit des Menschen beklagte, seines älteren Bruders, der ihn verkennt?
Betrachten Sie einmal neben einander ein junges Tier und ein kleines Kind, hören Sie auf die unartikulierten Laute, die sie bei ihren Spielen und Liebkosungen wechseln, und Sie werden zu glauben versucht werden, das Tier versuche die Sprache des Kindes, das Kind die Sprache des Tieres zu reden. Welche Sprache sie aber auch reden mögen, sie verstehen einander sicherlich, und sie tauschen jene Urgedanken aus, welche vielleicht mehr Wahrheiten über Gott ausdrücken, als Plato und Bossuet jemals ausgesprochen haben.
Nun aber kehren wir zu den beiden Häuschen zurück, und versuchen unsere Leser mit den guten Landleuten bekannt zu machen, die darinnen wohnen.
II. Das Häuschen zur Linken
Das Häuschen zur Linken, das von dem Weinstocke umkränzt war, und von dem siebzigjährigen Alten, der acht und dreißig jährigen Frau und dem sechzehnjährigen Burschen bewohnt wurde, auf dessen Haustürschwelle ein großer Hund der Länge nach ausgestreckt lag, und mit den Augen in der Sonne blinzelte, in dessen Stalle ein Esel schrie und ein Oche brüllte, war im unbeschränkten Besitze des siebzigjährigen Alten, des Schwiegervaters der Frau, des Großvaters des Burschen.
Dieser Alte, welcher keineswegs die Hauptperson in unserer Geschichte ist, hieß Anton Manscourt, da er aber seiner Zeit der zweite Sohn der Familie gewesen, so hatte er von dem Augenblicke an, da er 1740 zur Welt gekommen bis zu dem, in welchem wir ihn finden, um das Jahr 1810, den Namen der Kleine oder der Jüngere geführt, mit dem Unterschiede, dass man ihn von da an, als er sich verheiratete und selbst einen Sohn bekam, nicht mehr kurzweg den Kleinen, sondern Klein-Vater nannte.
Wenige Personen in dem Dorfe erinnerten sich seines eigentlichen Namens, und da er selbst ihn fast vergessen hatte, so war die natürliche Folge, dass man seine Schwiegertochter Frau Kleine und den jungen Burschen dem kleinen Kleinen nannte.
Wenn von dem Letzteren die Rede sein wird, werden wir angeben, wie dieser Name, nach der in den Dörfern bestehenden Sitte, wiederum in einen andern umgewandelt worden war, den man indes nicht wie bei dem Großvater von der Stellung in der Familie, sondern von der niedrigen Stelle hergenommen hatte, die er der Meinung der Bauern nach in der geistigen Ordnung der Natur einnahm.
Vater Kleine war ein echter Bauer, schlau und pfiffig an der Oberfläche, wie es einem Nachbar der Picardie ziemt, ehrlich, brav und treu im Grande, wie es einem Sohn des alten Gebietes gebührt, das man Ile de Francs heißt. Vielleicht wird es Manchem nicht ganz leicht diese Schlauheit und Pfiffigkeit mit der Treue, Ehrlichkeit und Redlichkeit in Einklang zu bringen; sie mögen daran denken, dass ein Schleier ein Gesicht verhüllen und dasselbe doch jedem Blicke sichtbar lassen kann und werden durch diesen Vergleich ein richtiges Bild von dem erhalten, was wir sagen wollen.
Als Sohn und Enkel von Bauern hatte Vater Kleine in der Person seiner Vorfahren alle Umgestaltungen und Revolutionen des Landes durchgemacht, auf dem er geboren worden oder vielmehr gewachsen war. Im Jahre 1792 war dieses Land, dieser Boden frei geworden und er mit ihm. Dann war er als Tagelöhner in den Dienst des Pächters getreten, welcher als Besitzer des Gutes Longpré den Mönchen folgte, den früheren Besitzern des Klosters dieses Namens.
Durch Arbeit und Sparsamkeit hatte er sich eine kleine Summe von zwölfhundert Francs gesammelt und mit derselben 1798 zwei Morgen Feld gekauft. Deshalb hatte man denn auch in dem Dorfe gesagt, Klein-Vater habe einen Schatz versteckt gehabt — mit Recht. Dieser Schatz aber, den er von Gott selbst empfangen, war Arbeit und Mäßigkeit. In dem Herzen des französischen Bauers hat ein Gedanke tiefe Wurzel geschlagen, der Gedanke: seinen Teil, wie klein er auch sein möge, von Frankreichs Erde zu besitzen, ein Stückchen des Vaterlandes sein zu nennen, wäre es auch eben nur groß genug die Wiege seine Kindes darauf zu stellen oder das Grab seines Vaters da zu graben, nicht ein Mietling zu sein, den die Laune heute annimmt und der Zorn morgen fortschickt; weder Sklave, noch Leibeigener, noch Leibeigener, sondern frei zu sein — ein großes, herrliches Wort, welches das Herz dessen erweitert, der es ausgesprochen hat, dass den Menschen moralischer, besser macht.
Vater Kleine kaufte also um 1798 zwei Morgen Feld für die zwölfhundert Francs, die er in den ersten dreißig Jahren seines Lebens erspart hatte. Vom besten Boden freilich waren die Felder nicht, denn der beste bedeckte sich regelmäßig jedes Jahr mit goldenem Weizen ober grünem Klee, während das von ihm erkaufte Feld, das am Abhange eines Berges lag, reich mit Steinen übersäet war und nur Disteln trug.
Aber nun begann der Kampf der Menschenarbeit mit der Bodenunfruchtbarkeit. Von vier Uhr des Morgens bis sechs Uhr des Abende sah man den Vater Kleine gebückt auf diesem Felde, wie er die Disteln ausraufte und die Steine auflas, die er nicht auf die Felder der Nachbarn zu werfen wagte, da sie ja einmal auch die seinigen werden konnten, werden sollten.
Die Leser erinnern sich der schönen Sage von der Undine, von der Anziehung des Wassers für den Fischer, der durch den klaren Spiegel hindurch das blonde Köpfchen einer Nymphe sieht, die ihm zulächelt und ihm die Arme entgegen breitet. Der Zauber wird mächtiger und mächtiger; auch der Fischer: lächelt und breitet die Arme aus; die Undine kommt näher und näher an die Oberfläche des Sees, ihr blaues Auge bedeckt nur noch ein Schleier so durchsichtig wie Gaze, — ihr blondes Haar schwimmt auf dem Wasser, ihre Korallenlippe atmet bereits die Luft ein, — halb seufzend, halb küssend taucht der Unvorsichtige hinein und glaubt die Nymphe an sich zu ziehen, aber sie zieht ihn auf ihr Bett von Wassergras, in ihre Muschelgrotte, aus der er nie wieder herauskommt, um seine alte Mutter zu sehen, die betet und sein Kind, das weint.
Ach, der Bodenzauber wirkt auf den Bauer noch weit mächtiger als der Wasserzauber auf den Fischer. Das Land, das der Bauer kauft; ist rund, er muss den andern Teil kaufen, um es vierseitig zu machen; ist es endlich das geworden, so muss er noch ein Stück kaufen, um es rund zu machen Ach gar Mancher erliegt diesem Ehrgeize; er kauft und um kaufen zu können, leiht er zu sechs, acht, zehn Prozent auf das unselige Feld, das nur zwei Prozent einbringt. Da beginnt denn der Kampf zwischen dem Wucher und der Arbeit und der Wucher, eine hässliche Hexe mit langen krummen Nägeln an den Fingern, zieht gar oft genug den Bauer, nicht auf ein Bett von Gras und Muscheln, sondern auf das Lager der Armut und der Not, in das Grab des Armen.
Zum Glück war Vater Kleine dazu zu klug, denn sein Spruch; lautete: Sammle, aber Borge nicht.
Als die Disteln und die Steine beseitigt waren, als die Bestellungszeit kam, nahmen er und seine Schwiegertochter einen Spaten und Frühstück und Mittagsbrot in einem Korbe mit sich Frühstück und Mittagsbrot von Brot, Käse und Obst. Die Quelle, die den Durst löschen sollte, sprudelte an der Seite des Berges rein und frisch hervor und schlängelte sich herab wie einer der seltenen Herbstfäden, die am Grase hängen bleiben. Warum etwas Anderes? Wenn man Sonntage mittags eine halbe Flasche zu Dreien trank, so reichte das hin, um die Erinnerung an den Geschmack des Weines die ganze Woche zu erhalten.
Die Säzeit war die Ruhezeit für die arme Madelaine, die Schwiegertochter des Alten; sie konnte zu ihrem Kinde zurückkehren, das sie während der Arbeit bei der Nachbarin gegenüber gelassen hatte. Die Arbeit ermüdete sie sehr, aber sie wagte nicht zu klagen; die Arme besaß ja nichts als ihre Frömmigkeit und ihre Geduld und da der Schwiegervater sie und ihr Kind ernährte, so musste sie wohl das Brot für sie Beide verdienen. Bei dem Säen aber konnte sie nicht helfen; Vater Kleine tat das selbst und was er selbst verrichten konnte, tat er.
Darauf musste das Feld geeggt werden. Klein-Vater verstand von Allem etwas, wie jeder rechte fleißige Bauer, also auch von der Wagnerarbeit. Er kaufte Holz, machte eine Egge und als sie abends fertig geworden war, sagte er zu seiner Schwiegertochter, am andern Tage musste geeggt werden, damit das ausgesäte Getreide unter die Erde komme.
Das war eine noch beschwerlichere Arbeit als das Graben; sie mussten sich wie Ackerstiere an die Egge anspannen, die durch einen großen Stein noch beschwert war. Für Vater Kleine war das eine Kleinigkeit, aber für die Kräfte Madelainens zu viel. Ein Nachbar, der mit einem Esel und einem Ochsen eggte, erbarmte sich ihrer und eggte ihr Feld unentgeltlich mit.
»Ich danke, Mathieu,« sagte Klein-Vater; »Du hast der armen Madelaine einen großen Gefallen getan.«
»Nicht Ursache,« antwortete der gefällige Nachbar; »aber wenn Ihr einen Rat von mir annehmen wollt, kauft Euch für das nächste Jahr einen Esel. Seht, der meinige da macht sich ganz gut. Ich habe eine kleine Erbschaft getan und werde mir noch einen Ochsen kaufen; da lasse ich Euch den Esel gern ab.«
Vater Kleine schüttelte den Kopf und antwortete:
»Das geht über meine Mittel.«
Dann drehte er sich aber zu Madelainen um, die ganz blass aussah und ihn betrübt betrachtete. Er seufzte.
»Es geht über die Mittel?« wiederholte Mathieu lächelnd. »Es ist also nicht wahr, dass Ihr einen Schatz vergraben habt?«
»Ach,« antwortete Vater Kleine, »wenn ich einen Schatz vergraben hätte, würde ich denn meine Schwiegertochter, die Witwe meines Wilhelm, an eine Egge spannen?«
»Freilich,« meinte Mathieu, der wohl einsah, dass er die bittere Wahrheit gehört hatte; es ist wahr und Ihr sollt meinen Esel wohlfeil haben.«
Vater Kleine sah den Grauen an; er war ein schöner Esel mit glänzendem Fell, langen geraden Ohren und einem prächtigen schwarzen Streifen auf dem Rüden hin. Er wagte endlich nach dem Preise zu fragen.
Nachbar Mathieu sah, was in den Fragenden Gedankten vorging und beruhigte ihn mit den Worten:
»Er ist nicht teuer und Ihr werdet keine solche Gelegenheit wiederfinden. Ich lasse Euch meinen Grauen für sechzig Francs, die Ihr mir in drei Jahren bezahlen könnt, zwanzig Francs jedes zu Martini. Das ist doch halb geschenkt, nicht wahr?«
Es war wahr und Vater Kleine hatte also nicht den Mut, wenn auch die Lust zu handeln. Er sah Madelainen an, welche die Augen abwendete, da sie ihren Schwiegervater zu einer solchen Ausgabe nicht veranlassen wollte.
»Wir wollen sehen,« sagte er.
»So seht zu,« antwortete Nachbar Mathieu. »Für Jeden kostet er achtzig, Euch lasse ich ihn für sechzig und ich verkaufe ihn nicht ohne es Euch zu melden.«
»Ich danke.«
»Ihr seid ja auch brave Leute und verdient's, dass der liebe Gott Euch segnet. Also wenn Ihr wollt, gehört der Graue Euch!«
Darauf schwang sich Mathieu auf seinen Esel und kehrte nach seinem Hause zurück, wohin der Ochs ihm folgte, der wusste, dass frisches Gras seiner im Stalle warte.
Vater Kleine hatte geantwortet; wir wollen sehen, nicht weil er nicht eingesehen, welchen Vorteil ihm ein solcher Handel bringe, sondern weil er den Esel erst bei der nächsten Bestellung brauchte und ihn bis dahin nicht nutzlos füttern wollte. Auch musste noch etwas anderes getan werden, ehe er den Grauen kaufen konnte, er musste einen Stall bauen und wie er eine Egge gefertigt hatte, so machte er nun den Maurer und baute einen Stall. Zum Glück gab es noch Platz hinter dem Hause und Steine auf dem Felde, er brauchte also nur einige Scheffel Kalk zu kaufen.
Ohne einem Menschen etwas zu sagen, ging Vater Kleine an die Arbeit. Freilich musste der Stall den Grauen sofort teurer machen. Zwar war Nachbar Mathieu ein braver Mann, aber so brav ein Mensch auch ist, der Teufel führt ihn des Tages mindestens siebenmal in Versuchung.
Merkwürdiger Weise baute er den Stall so groß, dass zwei Tiere darin Platz hätten finden können, aber er tat es gewiss nur in Folge eines geheimen Gedankens. Ein Gespann von einem Ochsen und einem Esel war die äußerste Grenze seiner Wünsche.
Am Tage nach der Vollendung des Stalles glaubte er einen Esel in demselben schreien zu hören. Er stand erstaunt auf, um nachzusehen.
Der Graue befand sich wirklich in seiner neuen Behausung und fraß von einem Bündel frischen Grases.
Klein-Vater fragte sich hinter dem Ohre und ging wieder in das Haus. Da traf er den Nachbar Mathieu, der unterdes eingetreten war, auf ihn wartete und ihn grüßte.
»Hast Du denn den Hans zu mir gebracht?« fragte Vater Klein.
»Nun freilich,« antwortete der Nachbar.
»Ich habe ihn ja nicht verlangt.«
»Das ist freilich wahr, aber ich sah doch, dass Ihr den Stall bautet und da dachte ich so bei mir: Klein-Vater scheint doch dein Grauchen kaufen zu wollen. Weil ich vorgestern einen zweiten Ochsen gekauft und in dem Stalle keinen Platz für drei Stück Vieh habe, sagte ich zu mir selber: jetzt ist die rechte Zeit, den Grauen unterzubringen, und so führte ich ihn in euren Stall.«
»Bei dem Preise bist Du geblieben?« fragte Vater Kleine mit einiger Besorgnis.
»Ein ehrlicher Mann hält sein Wort, und ich habe also von Euch sechzig Francs zu fordern, zwanzig nächste Martini, zwanzig übers Jahr und so fort.«
Vater Kleine dachte einen Augenblick nach und man sah es ihm recht leicht an, dass er sich mit einem großen Gedanken trug. Nach einigen Sekunden hatte er seinen Entschluss gefasst und er fragte:
»Etwas ließest Du doch wohl ab, wenn der Esel bar bezahlt würde?«
»Spaßvogel,« antwortete der Nachbar; »ich wusste es doch, dass Ihr einen Schatz irgendwo vergraben habt.«
»Davon reden wir nicht; ich frage bloß und Du hast mir eine Antwort darauf zu geben. Würdest Du etwas nachlassen oder nicht?«
»Sechs Francs lasse ich ab und bezahle eine Flasche Wein.«
»Ein Nachlass von zehn Francs ohne Wein wäre mir lieber,«
»Ah so!« antwortete der Nachbar Mathieu lachend, »ich habe ganz vergessen, dass Ihr ein Wassertrinker seid.«
»Der Wein bekommt mir nicht.«
»Nun, so gebt fünfzig Francs,« fuhr der Nachbar fort, »und da ich kein Geizhals bin wie Ihr, bezahle ich doch noch eine Flasche.«
»Gut. Ich komme zu Dir und bringe Dir das Geld.«
»Da,« meinte der Nachbar, »damit ich nicht sehe, wo Ihr es versteckt habt. Vater Kleine, Ihr seid ein Pfiffikus.«
Der Nachbar war aber auch ein Pfiffikus, denn er hatte recht geraten. Vater Kleine leugnete zwar, dass er aus diesem Grunde nicht auf der Stelle zahle, aber seine Beteuerungen überzeugten den Nachbar nicht, der Kopfschüttelnd fortging und vor sich hin brummte: »er ist ein alter Pfiffikus.«
Kaum hatte er sich aus dem Hause entfernt, so machte Vater Kleine die Tür zu, horchte auf der ersten Treppenstufe, ob Madelaine, die oben war, nicht etwa gerade herunter kommen wolle, schlich dann an sein Bett, sah sich ängstlich um und nahm aus einem Verstecke in der Wand ein eisernes Kästchen, das er mit einem Schlüsselchen öffnete, welches an einem Riemchen im Knopfloche seiner Lederbeinkleider hing. Dann hob er leise mit einer Hand den Deckel auf, als fürchte er, die fünfzehn Louisdor, welche darin lagen, könnten Flügel erhalten haben und fortfliegen wollen, griff mit dem Daumen und Zeigefinger der andern Hand hinein, nahm zwei schöne Louisd'or heraus, schloß das Kästchen wieder zu, stellte es an seinen Ort, vervollständigte die fünfzig Francs mit dem fehlenden einzelnen Gelde, dass er theils aus einem Leberbeutelchen nahm, theils aus allen Taschen zusammen suchte und betrachtete dabei mehrmals seine beiden armen Goldstücke, die ihren Herrn wechseln sollten, mit tiefem Seufzer. Endlich ging er hinaus, um das Geld fortzutragen, schritt aber an dem Stalle vorbei, um sich für das Opfer, das er brachte, an dem Anblicke des Grauen wenigstens in etwa zu trösten.
III. Vater Klein und sein Feld
Der Handel war abgeschlossen und endigte nach dem Versprechen Mathieu’s in der Schenke der Mutter Boulanger.
Im nächsten Jahre brauchte Madelaine nur zu graben; indes auch dies war für die arme Schwächliche schon viel, so dass Nachbar Mathieu, der auf seinem Felde pflügte, wiederum Mitleid mit ihr hatte, als er sie erschöpft und matt auf den Spaten gestützt ausruhen sah.
»Klein-Vater,« rief er, »ich habe Euch noch einen Vorschlag zu machen.«
Vater Kleine sah den Nachbar von der Seite an.
»Ich weiß,« fuhr der Nachbar fort, »von Herrn Niguet, der mein Notar und der Eurige auch ist, dass Ihr ein dreiviertel Stück Feld neben mir gekauft und bar mit siebenhundert Francs in schönen Louisdor bezahlt habt. Für dieses Feld, das mit dem Eurigen hier nicht zusammenhängt, gebe ich Euch von dem da angrenzenden anderthalb Morgen. So gut ist hier freilich der Boden nicht, dass weiß ich wohl, aber Anderthalb ist auch noch einmal so viel als Dreiviertel.
Vater Kleine kratzte sich hinter dem Ohre, denn der Vorschlag schien wohl annehmbar zu sein.
Wir wollen sehen,« antwortete er wie gewöhnlich,
»Greift geschwind zu, Klein-Vater,« fuhr Mathieu fort; »es passt mir gerade jetzt, und um Euch zu beweisen, dass mir die Sache Ernst ist, will ich Euch noch zwei Vorschläge machen, mit denen gewiss auch Madelaine einverstanden ist.«
»Ich habe dem Vater feine Vorschriften zu machen«, antwortete diese,
»Sag es immer, was Du meinst,« erwiderte Vater Kleine dem Nachbar.
»Nun, Ihr schafft die Disteln und die Steine fort; unterdes pflüge ich nicht nur eure zwei Morgen, sondern auch die anderthalb, die ich Euch als Tausch gebe, überdies füge ich, da der Boden nicht der beste ist, ein Fuder Dünger, gut gemessen, dazu. Was meint Ihr dazu?«
»Etwas müsstest Du doch noch dazu geben,« meinte Vater Kleine.
»Ihr seid ein alter Geizdrache«, antwortete der Nachbar Mathieu, »es schadet aber nichts, denn mich dauert die arme Madelaine, die eine Freundin meiner Seligen war, wenn ich sie so arbeiten sehe. Ihr, wohlverstanden ihr und erst zum nächsten Pflügen schenke ich den Faulen, meinen Ochsen da, der zu klein für den andern und für die Arbeit nicht stark genug ist.«
»Der Faule ist alt,« sagte Vater Kleine, der aber nur auf den Busch schlug.
»Ach geht, alt! Fünf Jahre hat er. Wenn ich ihn schlachten lassen wollte, gäbe mir der Metzger 180 Francs, aber ich kenne das arme Tier nun drei Jahre und möchte ihm nichts Schlechte widerfahren lassen. Deshalb gebe ich ihn Madelainen, weil ich weiß, dass sie ihn niemals schlachten lassen wird.«
»Nein, gewiss nicht,« antwortete Madelaine.
»Du spricht ja als wäre der Handel schon abgeschlossen,« fiel Vater Kleine ein.
»Ja, da habe ich gefehlt; nehmt nicht übel, Vater,« sagte die demütige Frau.
»Übel soll ich's nicht nehmen? Hast gar nicht Ursache, so zu bitten. Übrigens hat Nachbar Mathieu Recht und der Handel könnte wohl zu Stande kommen, ja.«
»Er wird zu Stande kommen; er ist zu vorteilhaft, als dass ihr ihn von der Hand weisen könntet.«
»Hm!« fiel Klein-Vater ein. Warum machst Du mir denn den Antrag, wenn er für mich so sehr vorteilhaft wäre?«
»Warum ich ihn Euch mache? Das begreift Ihr freilich nicht. Ich mache ihn Euch, weil ich Euch nützlich sein will, weil ich die Madelaine lieb habe, hört Ihr wohl? Weil ich sie von Herzen lieb habe und weil sie — hat sie Euch nichts davon gesagt? Schon vor drei Jahren Frau Mathieu geworden wäre, wenn sie gewollt hätte. Aber sie wollte nicht, — sie will dem Wilhelm treu bleiben. Und dagegen kann man nichts sagen, wie Ihr einsehen werdet, weil sie eine brave Frau ist; aber behilflich und nützlich darf man ihr doch sein und darum mache ich Euch einen Antrag, der für Euch so vorteilhaft ist, wie Ihr wohl wisst, alter Geizdrache, denn Ihr henktet Euch auf, wenn ich mein Wort zurücknähme.«
»Ja,« fiel Klein-Vater ein, ohne auf die Rede Des Nachbars geradezu zu antworten, wer bezahlt denn aber die Kosten bei dem Handel?«
»Ah, da drückt Euch der Schuh?«
»Es ist das immer eine Sache von fünfunddreißig bis vierzig Francs.«
»Nun, dass wird sich auch machen lassen. Ihr habt gestern bei dem Herrn Notar Niguet einen Kontrakt machen lassen; ausgefertigt ist er noch nicht; es kann also mein Name statt des Eurigen hineingesetzt und beigefügt werden, dass ich Euch dies Stück Feld da überlasse. Die Kosten teilen wir dann, wie es sich gebührt.«
»Hm! hm!« brummte Vater Kleine und schielte nach dem Felde, das ihm als Tausch angeboten wurde, gleichsam als wolle er zusehen, wie es sich ausnehmen werde, wenn es dem seinigen beigefügt sei. »Hm! Hm!«
»Nun?«
»Wenn nun aber,« antwortete Vater Kleine, »zwischen hier und der Zeit, wo Du mir deinen Ochsen da übergeben sollst, das Tier stirbt?«
»Wenn e stirbt? Ist das wahrscheinlich?«
»Möglich ist's. Im Kalender steht, im nächsten Jahre käme eine Seuche unter das Rindvieh.«
»Ja, Klein-Vater, vorsichtig seid Ihr, das muss wahr sein.«
»Es liegt in meinem Charakter.«
»Nun,« antwortete Nachbar Mathieu, »der Ochse ist 180 Francs wert, habe ich gesagt. Wenn er stirbt, gebe ich Euch so viel Geld. Habt Ihr nun noch etwas zu bemerken?«
»Hast Du nicht vielleicht eine alte Pflugschar, die Du nicht mehr braucht, he?«
»Die ließe sich wohl finden.«
»Und noch etwas. Könntest Du mir deinen kleinen Ochsen nicht zum Eggen borgen, wenn Du ihn nicht gerade selbst brauchst?«
»Ihr sollt ihn haben.«
»Mehr verlange ich nicht. Ich mache bei Geschäften nie viele Umstände. Topp!« sagte er und reichte dem Nachbar Mathieu die Hand.
»Topp!« entgegnete dieser, indem er einschlug.
»Abgemacht!« setzte Vater Kleine hinzu. »Wenn ich einmal mein Wort gegeben habe, nehme ich es nicht zurück.«
»Das glaube ich wohl,« antwortete Nachbar Mathieu mit schlauem Blick.
Madelaine aber dankte ihm mit einem Blick, denn sie hatte wohl erkannt, dass er alles ihretwegen getan.
Von diesem Augenblicke an brauchte Madelaine nicht mehr zu graben und zu eggen und konnte sich ganz dem Hause und ihrem Kinde widmen.
Vater Kleine aber war nun wirklich Haus- und Gutsbesitzer, denn er hatte sein Häuschen mit dem Stalle, er hatte Feld, einen Esel und einen Ochsen, eine Egge und einen Pflug. Das Feld war fruchtbar und Vater Kleine ging so stolz umher wie ein großer Gutsbesitzer. Einige Ursache dazu hatte er auch, denn fast jedes Jahr kaufte er noch Feld an, bis er endlich acht Morgen besaß.
Dieses Feld liebte er über alles, mehr als er seine Frau geliebt hatte, mehr als er seine Schwiegertochter liebte — da er Madelaine ja dem Felde fast aufgeopfert hätte — und doch liebt er Madelainen sehr.
Alle Lage war er auf seinem Felde, denn das Feld ist dankbar; je mehr man sich mit ihm beschäftigt, um so reichlicher trägt es; alle Lage war er da, von früh bis zum Abend, in der Nacht wenigstens in Gedanken, denn er träumte davon, er sah mit geschlossenen Augen, wo die schönsten Ähren waren, wo der Klee am dichtesten stand. Bemerkte er im Winter einen übersehenen Stein, ein Büschel Unkraut, so nahm er sich vor: morgen will ich den Stein und das Unkraut fortschaffen. Und so ging es alle Tage, alle Nächte.
Kam der Sonntag, auf den die armen Arbeiter in den Städten so sehnlich warten, der Tag, an welchem selbst Gott, die Quelle aller Kraft wie aller Güte, ausruhte, damit die Menschen einen Ruhetag hätten, so sagte Vater Kleine Abende nach dem Essen:
»Na, Madelaine, morgen will ich einmal recht ausruhen.«
»Daran tut Ihr wohl, Vater, antwortete Madelaine lächelnd.
Der andere Tag, der Sonntag kam, die Glocken läuteten und sprachen: Heute ist der Ruhetag, der Tag Gottes, der Tag des Herrn. Freut Euch, Ihr Armen und Vernachlässigten, vergesst die Mühsal, die Ihr gestern gehabt habt, vergesst die, welche Ihr morgen haben werdet; legt Eure besten Kleider an und ruht aus zwischen der verrichteten und der kommenden Arbeit.«
Während Madelaine auf den Glockenruf mit dem Gebetbuche in der Hand in die Kirche ging, in welcher ihr Sohn bei der Messe diente, zog der Vater Kleine allerdings seinen besten Rock, den braunen, den Traurock an, die kurzen Hosen und die blauwollenen Strümpfe im Sommer, die grauen wollenen im Winter. Dann stand er einige Augenblicke auf der Schwelle seines Hauses, als sei er unentschlossen, was er tue. Viele, die vorübergingen, redeten ihn an und sagten:
»Vater Kleine, wollt Ihr mit Regel schieben? Wollen wir einen Schoppen trinken?«
Aber auf alle solche verführerische Aufforderungen antwortete er kopfschüttelnd:
»Ich habe keine Zeit.«
»Und warum hatte er keine Zeit?
Es ist Sonntag, Ruhetag; er musste einen Spaziergang machen, bloß einen Spaziergang, einen kleiner Besuch? Wem? — Seinem lieben Felde.
Allerdings ging er an diesem Tage nicht den geraden Weg wie an den Wochentagen; er ging bisweilen sogar am entgegengesetzten Ende durch das Dorf hinaus, und machte wohl einen Umweg von einer Viertelstunde. Das wirkliche Ziel seines Ganges aber war immer sein Feld. Wenn er auch sagte: »Wahrhaftig, heute gebe ich nicht auf das Feld, ich bin ja alle Tage dort,« Jeder hätte ihm antworten können: »Ja, Klein-Vater, eben weil ihr alle Tage auf das Feld geht, werdet Ihr auch heute dahin wandern.«
Aber am Sonntage arbeitet er doch nicht auf dem Felde? Gewiss geht er nur hin, um es zu sehen, um es wenigsten mit den Füßen zu berühren. Da liegt leider ein Stein. Der verdammte Stein! Er bückt sich, hebt ihn auf und wirft ihn hinweg. Und da ist ein ganzer Busch Unkraut gewachsen; das kann er unmöglich stehen lassen. Er bückt sich und reißt es heraus. Eine Stunde, zwei, drei Stunden sieht und sucht er umher, dann hört er Mittag schlagen, und ein Uhr ist Essenszeit. Nun muss er das Feld verlassen, um nicht Madelaine warten zu lassen. Er hat fast eine halbe Stunde weit zu gehen und er bringt eine ganze zu. Es wird ihm so schwer, sich von seinem Felde zu trennen. Kaum ist er zehn Schritte weit gegangen, so bleibt er stehen, dreht sich um und schlägt die Arme übereinander. Er blickt anfangs lächelnd umher, dann ernst, endlich betrübt; lange schaut er dies Fleckchen Erde an, dass so klein ist im Vergleich mit den umher liegenden großen Flächen und doch sein ganzes Leben in Anspruch nimmt.
Es schlägt halb auf dem spitzen Kirchturm, er muss nun nach Hause gehen. Er macht sich auf, aber nach dreißig Schritten bleibt er wiederum stehen und blickt sein Feld mit einem innigeren, leidenschaftlicheren Blicke an, als je seine Braut von ihm erhielt. Seufzend schreitet er weiter, als wisse er nicht, ob er wohl sein geliebtes Feld am andern Tage da wieder finde, wo er es gelassen.
Eifersüchtige Erde, Du, eifersüchtiger als irgendein Weib oder eine Geliebte, so willst Du geliebt sein und nur für die bist Du fruchtbar, die sich Dir ganz und stets hingeben!
So war es fast stets ein Uhr, auch wohl drüber, wenn Vater Kleine vor den beiden Häuschen am Wege ankam. Aber nicht auf das zur Linken richtete sich sein Blick, wie man doch hätte vermuten sollen. Und auf der Türschwelle zur Rechten standen denn auch fast jedes Mal, auf ihn wartend, zwei Frauen, ein Mädchen und ein Knabe, ein Kind und ein Hund. Ja, den Vater Kleine erwartete diese ganze Gruppe, denn sobald er herankam, riefen Alle: Da ist er!« Die beiden Frauen blieben auf der Schwelle stehen, die drei Kinder stiegen auf die Bank, der Hund setzte sich hin und wedelte mit dem Schweife, der einem Löwenschweife glich.
Kam Vater Kleine vor das Haus, das oben an der Böschung des Weges stand, so ging er nicht hinauf, sondern blieb stehen, nahm den Hut ab und sagte:
»Gott grüß' Euch miteinander, Frau Marie, kleine Marie und Peter! Komm, Madelaine.«
Er nickte darauf nochmals, bedeckte seinen kahlen Scheitel mit dem dreieckigen Hute und ging nach dem Häuschen gegenüber.
»Kommt!« sagte ihrerseits Madelaine zu dem Knaben und der Knabe wiederum rief dem Hunde zu: »Komm, Bernhard!«
Waren sie alle drüben an der Tür des anderen Häuschens angekommen, so drehten sie sich noch einmal um, der Frau, den Mädchen und dem Kinde in der Tür des andern Häuschens zuzulächeln, und alle, die sprechen konnten, riefen: »Abends!«
Man kennt nun den Vater Kleine so ziemlich, auch Madelaine etwas; nun müssen wir den Leser mit der Frau Marie, der kleinen Marie, Peter, dem Blöden, und dem Hunde bekannt machen.
IV. Es wird darin gesagt, wer und was Frau Marie ist, Mariechen, Peter, Ehrlich und Bernhard, auch ein paar Worte von der schwarzen Kuh
Frau Marie war die Frau des Schulmeisters und wohnte, wie man bereits weiß, dem Vater Kleine gerade gegenüber.
Eines Tages kam sie mit ihrem kleinen Mädchen von drei Monaten in das Häuschen Madelainens, die sie in Trauerkleidung weinend an der Wiege eines kleinen Knaben von fünf Monaten fand.
»Meine gute arme Nachbarin,« sagte sie, »eben habe ich erfahren, dass Dir plötzlich die Milch vergangen ist. Ist das wahr?«
»Ach Gott ja, liebe Frau Marie,« antwortete Madelaine, »und mein armes Hänschen da weint, weil es Hunger hat.«
»Mach Dir darüber keine Sorgen, Madelaine,« fuhr Frau Marie fort, »der liebe Gott hat mir zum Glück Milch für zwei gegeben und mein Mariechen da wird gern mit deinem Hänschen teilen.«
Ohne weiter auf das zu hören, was Madelaine sagte, nahm sie den kleinen Johann auf der Wiege, setzte sich mit einem Kinde auf jedem Knie nieder, entblößte mit der erhabenen Schamlosigkeit der Mütter, welche wohl wissen, dass die allgemeine Verehrung sie schützt, die beiden Halbkugeln ihrer Brust und reichte jedem Kinde eine.
Da sank Madelaine vor ihr auf die Knie, faltete die Hände und weinte.
»Was tust Du, Madelaine?« fragte Marie erstaunt.
»Ich bete an vor einer der drei großen christlichen Tugenden, antwortete die arme Mutter, »vor der Liebe.«
Ihr kleiner Sohn aber trank nach Herzenslust aus diesem ersten Becher des Lebens, dem einzigen, der Honig am Rande und keine Neige hat. Als er getrunken und sich gesättigt hatte, sagte Frau Marie:
»Da! Ich werde täglich dreimal kommen, um ihm zu schenken und wenn er dazwischen einmal weint, so rufe mich nur. Ich bin nicht weit und die Flasche ist auch immer gefüllt.
Sie legte das Kind wieder in die Arme der Mutter, die es an ihr Herz drückte und weinend in die Wiege legte. Es war ja der armen Madelaine als sei sie nun weniger die Mutter ihres Kindes, da eine andere Mutter dasselbe nährte.
Warum aber weinte die arme Frau in Trauerkleidung, warum war der armen trostlosen Mutter so plötzlich die Milch vergangen?
Wilhelm, ihr Mann, Soldat von 1792, war nach dem er auf dem Wege von der Vendée nach Italien vierzehn Tage bei ihr geblieben, bei Montenotte im ruhmvollen Kampfe gefallen.
Vor drei Tagen hatte sie die Nachricht von diesem Todesfalle durch einen Brief erhalten, welchen der sterbende Wilhelm durch einen Kameraden an sie hatte schreiben lassen, und der Schlag war so gewaltig gewesen, dass ihre Milch darunter versiegte.
Seit dem vorigen Abende hatte sie das bemerkt; anfangs konnte sie an dieses neue Unglück gar nicht glauben; sie vermochte sich nicht zu denken, dass die Muttermilch vertrocknen können so lange noch Blut in den Adern der Mutter fließe, aber das Weinen ihres Kleinen überzeugte sie nur zu wohl, dass es wahr sei.
Sie weinte darum vor Kummer und ihr Kind weinte vor Hunger, als Frau Marie mit ihrem Mariechen eintrat und den Hunger und Durst des Kindes stillte.
Warum aber hieß Madelaine kurzweg Madelaine, Marie aber Frau Marie?
Ach, keineswegs weil sie stolz oder reich war. Sie war im Gegenteil fast so arm wie die Ärmste im Dorfe, aber sie war die Frau des Schulmeisters und da dieser in den Augen der Kinder eine gar wichtige Person ist, so nannte man den Schulmeister »Herr« Peter, und seine Frau »Frau« Marie.
Beide, Mann und Frau, hatten sich eine kurze Zeit für reich gehalten, nämlich als Frankreich durch die Stimme des Convents erklärte, der Schulmeister stehe mit dem Geistlichen ganz gleich, und auf den Bericht Lacanal's vierundfünfzig Millionen für den Elementar-Unterricht bewilligte. Leider folgte auf den Convent das Direktorium und was kümmerte sich dieses darum, ob die Schulmeister hungerten, ob die, welche das Meiste für das Volk tun, am allerschlechtesten bezahlt wären.
Frau Marie wurde also die zweite Mutter des kleinen Hans, der halb auf ihren, halb auf Madelainens Knien heranwuchs. Auf der anderen Seite liebte aber auch Madelaine die kleine Marie wie ihr eigenes Kind und gar oft, wenn Frau Marie den kleinen Hans trug, hatte Madelaine die kleine Marie auf den Armen. Ja bisweilen trug eine Mutter beide Kinder und die zwei Frauen tauschten gegenseitig ihre Liebe aus, ohne dass eine nachrechnete, ob sie gegen die andere etwas voraus oder zurück sei.
Die kleine Marie wuchs wie eine Blume auf dem Felde, wie ein Veilchen im Grase, wie eine Kornblume unter den Lehren. Sie nannte den kleinen Hans ihren Bruder und der kleine Hans nannte sie Schwester.
Aber sie wuchsen nicht Beide in einer Art, Hans sprach nicht wie die kleine Marie, Hans schien nicht so zu leben, wie Mariechen. Hänschen führte ein mehr innerliches, seltsameres, fast pflanzenartiges Leben; er war gar nicht wie ein Kind dieser Welt, denn was die anderen Kinder erfreute, unterhielt und ergötzte, erfreute, unterhielt und ergötzte ihn nicht.
Die arme Mutter, die ihn oftmals kopfschüttelnd, wohl auch weinend ansah, schrieb dies ungewöhnliche Wesen einem besonderen Umstande zu.
Als Wilhelm sie nach einem Aufenthalte von vierzehn Lagen verlassen hatte, um zu seinem Regimente zurückzukehren, zog tiefe Trauer in dem Herzen der armen Madelaine ein, gleich als ahne sie, dass sie ihren Mann zum letzten Male gesehen und Wilhelm sie für immer verlassen habe. In reinen Herzen ist nun die Trauer stets die Schwester der Frömmigkeit. Madelaine, die immer fromm gewesen war, wurde es noch mehr und alle Augenblicke, welche ihr die Arbeit frei ließ, wendete sie dem Gebet zu, verbrachte sie in der Kirche.
In der Kirche nun befand sich ein großes Gemälde, welches ein reicher Geistlicher dahin geschenkt hatte. Es stellte Jesus dar, umgeben von kleinen Kindern, das heißt eine der rührendsten Parabeln des Evangeliums.
Alle Kleinen drängten sich hinzu, um die Knie des Erlösers zu drücken und ihn die Hände zu küssen. Nur eines, das mit einem großen Hunde spielte, war zurückgeblieben. Dies stellte eine nicht minder rührende Parabel dar. Nach diesem Kinde streckte Jesus die Hand noch liebevoller aus als nach den andern. Er schien ihm zu winken, heranzukommen wie die Andern, aber eine neidische Mutter sagte zu ihm:
»Lasst es, Herr, es ist einfältig, blödsinnig, arm an Geist.«
Jesus aber antwortete:
»Selig sind die Einfältigen, denn ihrer ist das Himmelreich.«
Diese Kind, das ganz allein mit einem Hunde spielte, das einfältige, geistesarme, das eine neidische Frau von der Gemeinsamkeit allgemeiner Liebe fern halten wollte, welche Jesus predigte, hatte die gute Marie immer vorzugsweise beschäftigt; sie fühlte das innigste Mitleid mit dem armen Verlassenen und wenn sie kniend vor diesem Bilde betete, blickte sie immer hin, ob das Kind, das der Herr rief, seinen Platz und den großen Hund, mit dem es spielte, nicht verlasse, um unter den andern Kindern auch den Segen des Gott-Menschen zu empfangen.
Jeden Abend, wenn sie es so fern von dem Herrn verließ, dachte sie bei sich:
»Morgen werde ich es bei ihm finden.«
Aber am andern Tage fand sie das Kind noch an derselben Stelle und sie sprach leise vor sich hin:
»Zum Glücke, liebes Kind, hat der Herr gesagt: »selig sind die Einfältigen, denn ihrer ist das Himmelreich.«
Möge die Wissenschaft so gut sie kann die durch den Glauben so vollständig erklärte Erscheinung erklären; als Madelaine von ihrem Kinde entbunden wurde und sie dasselbe ansah, sagte sie:
»Herr, mein Gott, hast Du mich gesegnet oder gestraft? Mein Kind ist das Ebenbild des armen Kinder auf dem Bilde, das Du zu Dir winkst.«
Und mit dem heiligen Glauben der Mütter setzte sie hinzu:
»Das meinige wird zu Dir kommen, Herr es wird kommen, ich selbst führe es Dir zu.«
Der kleine Johann oder Hans und Hänschen, wie man ihn nannte, war wirklich der kleine Einfältige aus dem Bilde, Das blonde Köpfchen und die großen blauen Augen, die nichts von dem zu sehen schienen, was um ihn her vorging, als ob ein Schleier zwischen der Welt und seinem Geiste ausgespannt sei.
Die Sache war so wahr, die Ähnlichkeit so auffallend, dass Jedermann den kleinen Hans auf den Armen der Mutter wieder erkannte und die Weiber im Dorfe in jener falschen Frömmigkeit, die oft noch schmerzlicher ist als die Gleichgültigkeit, so oft sie ihn sahen, ausriefen:
»Herr Jesus, das arme Kleine ist doch ganz das Ebenbild des Einfältigen auf dem Bilde in der Kirche.«
Madelaine lächelte; in ihren Augen war Johann das schönste von allen Kindern und nur die kleine Marie allenfalls ließ sie gleich schön sein.
Ihre Besorgnis aber war groß. Hänschen war ein Jahr alt geworden und hatte noch nicht ein Wort gesprochen. Sie fürchtete, dass das Kind stumm sei. Eines Tages endlich wurde sie sehr und angenehm überrascht. Da sie sehr oft sagte: »lieber Gott, lass mein Kind sprechen! Lieber Gott, lass mein Kind nicht stumm sein!« so merkte sich das Kind das Wort, das es so oft hörte, lächelte seine Mutter an und sprach ihr nach:
»Gott!«
Madelaine sank auf ihre Knie und rief:
»Herr, ich danke Dir nicht bloß, dass Du mich erhört hast, sondern auch, dass dein heiliger Name der erste ist, der über die Lippen des Kindes ging.«
Von dieser Stunde an begann der kleine Hans zu sprechen, aber er sprach nicht wie die andern Kinder. Die andern Kinder haben gleichsam zwei Sprachen, die Kindersprache und die wirkliche, ernste Sprache. Hänschen ging sogleich in die ernste Sprache über; aber er sprach nur wenig, er sagte ein, zwei Worte, höchstens drei und vervollständigte seinen Gedanken durch ein Lächeln, durch eine Gebärde, durch einen Blick.
Die kleine Marie war seine einzige Gespielin, nie sah man ihn mit andern Kindern spielen. Auch spielte er eigentlich nicht, er — träumte. Marie und seine Mutter liebte er ungefähr mit gleicher Liebe; er liebte auch den Vater Kleine von ganzem Herzen und den kleinen Peter, als dieser zur Welt kam, die Übrigen aber schienen ihm, ich will nicht sagen fremd, aber unbekannt zu sein. Er liebte die Tiere und die Tiere liebten ihn. Was lag in dem Kinde, dass die Tiere es liebten, und ihm folgten? Der störische Graue, der sich bisweilen gegen Vater Kleine hartnäckig weigerte über einen Graben oder einen Bach zu gehen, wurde folgsam wie ein Lamm, gehorsam wie ein Hund, sobald der kleine Hans ihn am Zügel führte oder auf ihm ritt.
Der Faule; wie der Ochs hieß, der seinen Namen bisweilen auch verdiente, merkte das Kind von weitem und brüllte ihm entgegen. Allerdings kam Hans nie in den Stall, ohne einen ganzen Arm voll frisches Gras und Blumen mitzubringen, und der Faule kaute dies Futter mit so großem Behagen, als ob Hänschen das Geheimnis verstehe, gerade die Kräuter und Blumen auszuwählen, welche der Ochse am liebsten hatte.
Die schwarze Kuh brachte der Frau Marie doppelten Ertrag, denn alle Jahre verkaufte sie ein Kalb und alle Tage Milch. Weil nun der kleine Hans dem Mariechen die besten Kräuter gezeigt hatte, war die Milch der schwarzen Kuh weit und breit berühmt. Oftmals aber, wenn man das Kalb verkauft hatte, verweigerte die trauernde Kuhmutter ihre Milch denen, welche ihr das Kalb genommen hatten, um die Milch ganz für sich zu bekommen; dann ging der kleine Hans in den Stall, nahm das Maul der Kuh in seine Hände, richtete ihr den Kopf empor, heftete die Augen auf die traurigen Augen des Tieres und sprach mit ihm — welche Sprache; das weiß Gott. Die Kuh brüllte darauf ein paarmal betrübt, Hans rief die Frau Marie, ließ seine Hand am Halse der Kuh ruhen und gehorsam, wenn nicht getröstet, gab sie die weiße schaumige Milch her, die sie manchmal drei Tage lang verhielt.
Noch anders war es mit den wilden Tieren. Da Hänschen niemals einen lebenden Wesen etwas zu Leide getan Hatte, so liebten ihn alle Geschöpfe, mit Ausnahme derer, welche die Bestimmung haben zu schaden. Sie hielten das Kind gleichsam für einen kleinen Engel, der über die Erbe schreite mit einer lieblichen Stimme und im Namen des Herrn alle Sprachen rede. Nach der träumerisch-sinnenden Weise, wie der kleine Hans im Moose lag oder sich an einen Baum lehnte und auf die singenden Vögel hörte, hätte man allerdings glauben können, er verstehe den Gesang und könne ihn überlegen und erklären.
Die kleine Marie, welche von dieser Sprache nichts verstand, fragte denn auch manchmal Hänschen:
»Welcher Vogel singt jetzt?«
Johann antwortete dann: »Es ist eine Nachtigall, ein Finke, ein Rotkehlchen, denn er brauchte den Vogel, der sang, nicht zu sehen, um zu wissen, welcher es sei.
Wenn er noch immer zuhörte, fragte Mariechen wohl auch:
»Hänschen, was singt der Vogel?«
Johann antwortete:
»Er dankt dem lieben Gott, der einen Tautropfen in ein zusammengerolltes Blatt fallen ließ, um ihm den weiten Weg nach dem Fluss zu ersparen.«
Oder auch:
»Er dankt dem lieben Gott, der zugab, dass ein Dorn am Wege den vorübergehenden Schafen ein wenig Wolle abriss, denn die Zeit ist gekommen, dass das Weibchen ihre Eier legen soll und aus jener Wolle will er sein Nest bauen.«
Oder auch:
»Er klagt, dass ein Kind aus dem Dorfe ihm seine Jungen genommen hat und doch nicht weiß, wie es dieselben füttern müsse, so dass die Kleinen verhungern werden.«
Ebenso war es mit den Pflanzen, dem Grase und den Blumen. Niemals hätte Johann unnötiger Weise auf eine Pflanze getreten, Gras abgeschnitten oder eine Blume gepflückt. Hatte er ja einmal unversehens auf einen Stängel getreten, oder sah er einen, den Andere niedergetreten hatten, so richtete er das arme Pflänzchen empor, und sagte, wenn er es gewesen war: »Ich hatte Dich nicht gesehen, nimm es nicht übel,« und wenn es ein Anderer gewesen: »Zürne dem nicht, der Dich so geknickt hat, denn er wusste nicht, dass Du lebst, leidest und weinst wie wir; er hat zwar deinen Stengel geknickt, aber deine Wurzel ist Dir geblieben; aus deiner Wurzel wird ein neuer Stengel herauswachsen, er wird groß werden, blühen und seinen Samen umherstreuen, so dass Du im nächsten Jahre nicht mehr allein und einsam bist wie jetzt, sondern eine ganze Familie um Dich her hast.«
Ebenso war es, wenn er Gras für den Faulen oder die schwarze Kuh ab sichelte oder wenn er eine Blume pflügte, um sie in den Gürtel oder in das Haar der kleinen Marie zu stecken. Ehe er die Sichel an das Gras ansetzte, sagte er zu demselben:
»Es ist bekannt, warum ich Dich abschneide, armes Gras; es geschieht nicht, um Dir nutzlos Schmerz zu machen oder Dich gar zu vernichten, sondern weil der Faule, der Ochse des Vaters Kleine, und die schwarze Kuh der Frau Marie Hunger haben; weil der liebe Gott Dich wachsen ließ, um sie zu sättigen und ihnen die Kraft zu geben, dass der Ochse das Feld des Vaters Kleine pflügen kann, das uns nährt, und dass die schwarze Ruh Milch bekommt.«
Pflückte er eine Blume, so sagte er zu ihr:
»Du weißt es, dass ich Dich für deine Schwester Marie von dem Stängel breche; Du weißt, dass der liebe Gott Dich nicht darum schön und wohlriechend erschaffen hat, das mir Du einsam auf der Wiese ober im Walde sterbest, sondern damit Du von seiner Größe unter den Menschen zeugst, deren Augen und Herz Du erfreust.«
In Folge dieser ihm von Gott verliehenen Fähigkeit, die ganze Schöpfung zu verstehen und zu begreifen, war der kleine Hans glücklicher im Umgange mit den Bäumen, den Pflanzen, den Vögeln, der freien Himmelsluft, dem Regen und Sonnenscheine, als in dem Verkehre mit den Menschen. Während die Bäume, die Blumen, die Vögel, die Himmelsluft, her Regen, der Sonnenschein in ihrer Sprache sagten: »er ist ein kleiner Engel, und zwar die Bäume, indem sie ihn mit ihrem Schatten bedeckten, die Blumen, indem sie seinen Weg schmückten, die Vögel, indem sie ihn durch ihren Gesang erheiterten, die Himmelsluft, indem sie seine Wangen liebkoste, der Regen, indem er ihn verschonte, und der Sonnenschein, indem er ihn wärmte, zuckten die Leute aus dem Dorfe, wenn sie ihn ernst und schweigsam in dem Alter hingehen sahen, in welchem die Kinder lärmen und spielen, mit den Achseln und sagten im Tone des Bedauerns oder des Spottes: »er ist einfältig.«
Da er indes auf alle Fragen, die sie an ihn richteten, verständig antwortete, da er niemals gelogen hatte und allen die Wahrheit sagte, sie mochte denselben angenehm sein oder nicht, so nannten sie ihn nicht Hans oder Johann oder den kleinen Kleine, sondern Ehrlich.
Nach einer gewissen Zeit nahmen selbst die kleine Marie, Frau Marie, der Vater Kleine, sogar Madelaine den Namen auf, unter welchem Johann im Dorfe allgemein bekannt war, und nannten ihn Ehrlich wie die Andern. Johann sah wohl ein, dass dies ein schöner Name sei, ein Name nach dem Herzen Gottes; er entwöhnte sich seines Namens Johann und gewöhnte sich daran, Ehrlich genannt zu werden.
V. Bernhard und Peter vervollständigen die Familien, der erstere die des Vaters Kleine, der andere die der Frau Marie und wie diese Witwe wird
Im Jahre 1805 war Ehrlich zehn ich aber kaum drei Jahre alt, da verließ mein Vater das Schloss des Fossés, das etwa ein Viertelstündchen von dem Hause des Vaters Kleine stand, um ein drei Stunden entferntes anderes Schloss, Antilley, zu beziehen.
Mein Vater hatte aus dem Feldzuge in den Alpen von dem St. Bernhardskloster ein Paar jener prächtigen Kunde mitgebracht, deren wertvolle Race die Mönche so sorgsam erhalten. Sie sehen aus wie zweijährige Löwen. Eben als wir nach Antillen ziehen wollten, warf die Hündin fünf Junge; zwei davon wurden verschenkt, zwei behielt die Alte und das fünfte hatte ein roher Mensch grausam vor die Tür geworfen.
Der immer im Freien umher wandernde Ehrlich ging zufällig vorüber, Hörte Das Winseln des armen kleiner Hundes, hob ihn auf und trug ihn nicht in das Häuschen seines Großvaters — an dessen Edelmut er zweifelte, da er bereite den Esel und den Ochsen zu füttern hatte — sondern in den Stall der Frau Marie.
So lange Bernhard — Ehrlich hatte den Hund kurze weg so genannt — Milch bedurfte, brauchte er sich nicht eben sehr zu sorgen. Die schwarze Kuh war ja da und den vereinten Bitten der beiden Kinder wurde es nicht schwer, von der mitleidigen und gefühlvollen Frau Marie die ihm nötige Portion Milch zu erhalten. Da der Hund aber heranwuchs, musste er mit seinem gewaltigen Appetit eine schwere Last für das Haus werden.
Trotzdem entschloss sich Ehrlich, den Bernhard in das väterliche Haus einzuführen. Er benutzte einen Augenblick, in welchem dasselbe leer war, ließ Bernhard eintreten und stellte sich vor denselben, um ihn gegen den ersten Zorn des Großvaters zu schützen. Aber nicht dieser kam zuerst, sondern Mutter Madelaine, die laut aufschrie, als sie ihren Ehrlich so neben dem Kunden stehen sah.
Es war ja treffend das Bild des Einfältigen auf dem Gemälde in der Kirche, es fehlte nun zur Ähnlichkeit gar nichts mehr, nicht einmal der Hund. Madelaine war eine gläubige Seele, die in allem die Band der Vorsehung erblickte. So glaubte sie denn auch jetzt, dass der Hund sich nicht nutzlos auf dem Wege des Knaben gefunden habe und dass es fast eine Sünde sei, Beide zu trennen, da sie ja und auf dem Bilde in der Kirche beisammen wären.
So blieb denn nur Vater Kleine zu fürchten, und diesem den Bernhard annehmlich zu machen war keine leichte Aufgabe. Vater Kleine hasste alles Nutzlose, und so fürchtete man denn sehr, er werde den Bernhard abweisen.
Glücklicher Weise indes wurde seit einiger Zeit sehr viel von Diebstählen in der Gegend gesprochen, glücklicher Weise war es sogar dem Vater Kleine vor etwa zwei Nächten gewesen, als höre er in dem Hofe gehen. So stellte man ihm denn Bernhard als Wächter und Schutz vor, und nach dem er sich eine Zeitlang hatte bitten lassen, willigte er wirklich ein, den Hund zu behalten zur großen Freude Ehrlichs und der kleinen Marie.
Es wäre auch wirklich schade gewesen, den Hund von dem Knaben zu trennen, denn sie hingen mit wunderbarer Freundschaft an einander. Bernhard namentlich hatte eine Anhänglichkeit an Ehrlich, dass man fast hätte glauben sollen, er besitze, wie die Tiere überhaupt, eine Seele. Die Seele Bernhards war seine Dankbarkeit gegen den, welcher ihm das Leben gerettet hatte, und diese Dankbarkeit sprach sich in einem fast fabelhaften Gehorsam aus. Auf den leisesten Wink Ehrlichs sprang Bernhard in das Wasser oder durch das Feuer; wo er sich auch befand, seine Augen wendeten sich von denen des Knaben nicht ab; schlossen sie sich eine kurze Zeit zum Schlafe, so öffneten sie sich immer nach der Richtung hin, in welcher sich Ehrlich eben befand. Immer sah man sie beisammen, neben einander, und Ehrlich ließ die Hand an der Seite herabhängen, an welcher sich der Hund befand, der sie im Laufen leckte.
Und ein Glück war es, dass Bernhard so sanft war und dem Knaben so sehr gehorchte, denn er besaß Riesenkraft, und er wäre recht gefährlich gewesen, wenn ihn nicht ein Wink, ein Wort harmloser und unschädlicher gemacht hätte, als es der festeste Beißkorb nur immer vermocht haben würde.
Nach Ehrlich liebte Bernhard am meisten die kleine Marie, dann Madelaine, dann Frau Marie; gegen die beiden Familienhäupter, Vater Kleine und den Schulmeister, empfand der Hund die allervollständigste Gleichgültigkeit.
Der Schulmeister hatte, wie bereits erwähnt, einen Augenblick gehofft, er werde durch den Convent etwas zu den dreihundert Francs hinzu bekommen, die er als Kinderlehrer und Vorsänger in der Kirche von der Gemeinde erhielt, diese Hoffnung aber aufgeben müssen, was für ihn eine umso schmerzlichere Enttäuschung war, da sich seine Familie durch einen Sohn vermehrt hatte. Diesen Sohn empfahl er ganz besonders dem Apostel Petrus und nannte ihn nach demselben Peter, wie auch er selbst, der Schulmeister, hieß. Um den Einen von dem Andern zu unterscheiden, nannte man das Kind den kleinen Peter.
Um das Unglück voll zu machen, erkrankte bald nach der Geburt des kleinen Peters der Vater und starb, so dass die Witwe mit ihren beiden Kindern auf die Pension von hundert Francs, welche ihr die Gemeinde gab, und auf ihre Händearbeit angewiesen war.
Dies geschah etwa um das Jahr 1810. Die kleine Marie stand im fünfzehnten Jahre und konnte also den unersetzlichen Verlust ermessen, den sie erlitten hatte. Wie bei allen wichtigen Begebenheiten verschmolzen sich auch bei diesem Trauerfalle die beiden Familie in eine einzige, und Madelaine wie Ehrlich übernahmen ihren Teil von dem Schmerze der Nachbarin, damit er dieser minder schwer werde.
Obgleich nun Ehrlich mit der kleinen Marie weinte, fand er doch so wunderbar tröstende Worte für das Mädchen und für die Frau, dass sie beide, die neben einander weinten, die in Tränen schwimmenden Augen aufschlugen und hinsahen, ob denn wirklich Ehrlich, der Geistesarme, also gesprochen habe.
In Folge dieser Stimme, die von oben herab zu kommen schien, verlor ihr Schmerz, wenn er auch nicht ganz schwand, viel von seiner Bitterkeit und nach einem halben Jahre hatten bereits die Herzen wie die Anzüge, ohne gerade die Trauerfarbe ganz verloren zu haben, doch nicht mehr das schauerlich Düstere.
Es gibt eine himmlische Barmherzigkeit für die Armen. In dem Augenblicke, da das Unglück uns trifft, glaubt man nicht nur dasselbe nicht ertragen zu können, man hält es auch überhaupt für unerträglich. Man überschaut die Hilfsmittel, die geblieben sind, zählt sie zusammen, schaudert und fragt sich, wie weit sie reichen werden. Das Leben scheint zu uns möglichen Bedingungen gebracht zu sein; man tritt schaudernd in das neue Dasein ein, das sich immer enger und enger zusammenziehen und uns endlich ersticken zu müssen scheint. Aber ein Tag nach dem andern vergeht, ein Monat folgt dem andern; aus der Armut selbst scheinen wohltätige Gedanken aufzusteigen und man blickt so oft nach dem Himmel hinauf, dass man endlich Gott selbst zu sehen glaubt. Dann gleicht der Arme, so verzweiflungsvoll er auch sein mag, dem Verurteilten, den man zum Blutgerüste führt und der einem König auf seinem Wege begegnet. Er erkennt, dass er nun nicht mehr sterben wird.
Nachdem Ehrlich so gut er es vermocht und ohne zu ahnen, wie sehr es ihm gelungen, Mutter und Tochter getröstet hatte, sah er ein, dass er ihnen beistehen müsse. Da ihn selbst Vater Kleine für ein Wesen ganz besonderer Art hielt, durfte Ehrlich frei und ungehindert über seine Zeit verfügen. Er konnte sie also auch im Dienste der Witwe verwenden. Zuerst brachte er die kleine Marie auf den Gedanken, nicht bloß die Milch der schwarzen Kuh, sondern auch die der Kühe des Gutes Longpré in die Stadt zu schaffen und da zu verkaufen. Die Besitzerin, eine junge Witwe mit einem Kinde von fünf oder sechs Monaten, die sich um alle solche Einzelheiten ihrer Wirtschaft nicht bekümmern konnte, wollte der kleinen Marie von jeder Maß Milch, die sie verkaufe, ein Viertel als Lohn überlassen. Da aber Marie, selbst mit Ehrliche Hilfe, die Milch nicht in die Stadt auf einmal tragen konnte, Vater Kleine den Esel auf dem Felde brauchte und auch der Ameise glich, die nicht borgte, so fing Ehrlich an einen kleinen Wagen zu bauen, zu dem er die alten Räder zweier Karren nahm und spannte den großen Bernhard daran, der sich gern fügte und in Begleitung der beiden Kinder seine flüssige Ladung nach der Stadt zog. Dort ging Marie in die Häuser der angesehensten Leute, bot ihre Dienste an und sagte, sie werde alle Tage so viel Milch bringen als sie bedürften, wenn sie dies selbe gut fänden. Marie war nun zum Entzücken schön und sprach ganz besonders lieblich; die Trauerkleidung machte sie interessant und so regte sie gleich bei dem ersten Versuche die Milch vollständig ab.
Da sie von der Gutsbesitzerin acht Maß erhalten hatte, die Maß acht Sous kostete und ihr ein Viertel für ihre Mühe zufiel, so erhielt sie sechzehn Sous. Außerdem lieferte die schwarze Kuh zwei Maß, deren Ertrag Marien und deren Mutter ganz angehörte; sie brachte also zweimal sechzehn Sous mit nach Hause, monatlich etwa acht und vierzig Francs.
Das gab mit den hundert Francs, welche die Gemeinde der Frau Marie zahlte, sicher eine Summe von mehr als sechs hundert Francs des Jahres, das Doppelte also wenigstens von dem, was der Schulmeister bei Lebzeiten verdient hatte.
Alle Morgen um sechs Uhr brachen Marie, Ehrlich, Bernhard mit dem kleinen Wagen von Haramont auf und gelangten nach etwa dreiviertel Stunde in die Stadt. Marie ging da zu allen ihren Abnehmern, während Ehrlich und Bernhard vor jedem Hause warteten, der Hund den Knaben ansah, gleich als wollte er fragen, ob er mit ihm zufrieden sei und Ehrlich dem Hunde freundlich zulächelte.
Mariechen maß die Milch so zierlich ab, empfing das Geld dafür mit so freundlich dankbarem Lächeln; der große Hund und der arme blödsinnige Knabe, die an der Tür auf sie warteten — denn für blödsinnig galt er auch in der Stadt — hatten etwas so Originelles, dass der kleine Wagen viermal so groß hätte sein und viermal soviel Milch enthalten können, Marie würde keinen Tropfen wieder mit nach Hause gebracht haben.
Auf dem Rückwege stellte Marie die Krüge so zusammen, dass ein Plätzchen für sie selbst frei wurde; dahin setzte sie sich auf dem Wägelchen und Bernhard zog sie ohne Anstrengung, während der blöde Ehrlich nebenher ging.
Um neun Uhr waren die Kinder gewöhnlich wieder zu Hause und Marie hatte also fast den ganzen Tag noch frei, um mit ihrer Mutter nähen oder ihren kleinen Bruder warten zu können.
Wenn die Ernte der Buchnüsse kam, jener Hilfe, welche Gott selbst den Armen im Walde gibt, wie er sonst den Israelisten in der Wüste Manna gab, war Ehrlich wiederum Marien behilflich bei der Einsammlung; aber er ließ sie keineswegs die Buchnüsse kniend einzeln auslesen, wie es die Andern thaten, er las sie auch selbst nicht so auf, sondern spannte Bernhard an den Wagen, nahm auf diesem einen Besen und einen Wedel mit und fuhr in den tiefsten Wald hinein.
Hier suchte er sich einen schönen fruchtbeladenen Baum aus, stieg gewandt, fast so rasch wie ein Eichhörnchen hinauf, schüttelte die Äste, damit die Nüsse herunterfielen, stieg dann wieder hinunter, kehrte sie mit seinem Besen zusammen und binnen einer halben Stunde hatte er die Hülsen, Blätter und Holzstückchen mit dem Wedel entfernt und die gereinigten Nüsse auf den Wagen geladen.
In dem ersten Jahre, in welchem Ehrlich in solcher Weise die Buchnüsse einsammelte, verkaufte Frau Marie für hundert und fünfzig Francs Nussöl, so dass in diesem Jahre die Einnahmen der Familie auf siebenhundert und fünfzig Francs stiegen, höher als selbst die des Vaters Kleine, obwohl dieser damals zehn Morgen Feld besaß, die er durch den Dünger von dem Grauen, dem Faulen und der Schwarzen, welcher letztere ihm für die Arbeit Ehrliche für die Frau Marie überlassen wurde, sehr ergiebig gemacht hatte.
Ehrlich hatte aber auch an noch etwas anderes gedacht. Er wollte dem Häuschen, in welchem mit ihm der Segen des Herrn eingezogen zu sein schien, einen Bienenstock verschaffen und zwar seit er in einem hohlen Baume eine arbeitsame Familie dieser Tierchen entdeckt hatte. Er flocht einen Bienenkorb und wartete bis die Bienen im Walde schwärmten.
Er folgte ihnen dann zu dem Baume, an welchem sie sich anhingen und da er sie schon längst kannte und mit ihnen sprach wie mit den andern Tieren, so scheute er sich nicht, als die rechte Zeit gekommen war, seine Brust zu entblößen, weil er gar nicht daran dachte, dass ihm eine Biene etwas zu Leide tun könnte, nahm einige mit der Königin in sein offenes Hemd, ging so, während die andern ihm folgten und um ihn herflogen, durch das ganze Dorf, das sich gar sehr verwunderte, und gelangte zu dem neuen Bienenkorbe, in den sich die Königin sogleich mit allen ihren Untertanen begab wie in einen ihrer würdigen Palast.
Schon im nächsten Jahre hatte Frau Marie den schönsten Honig im ganzen Dorfe.
Am meisten wunderte man sich darüber — denn der Mensch wundert sich eben über Alles, was er nicht begreift, — dass sobald Ehrlich im Garten erschien, der ganze Schwarm Bienen zu ihm flog, sich auf seinen Hals und sein Gesicht setzte und an den Blumen sog, die er in der Hand hielt und der Königin brachte wie ein Verehrer einer Majestät.
Die Königin spazierte sogar gravitätisch auf seinem Finger hin und her, schüttelte ihre durchsichtigen Flügel und rieb die Beinchen an einander.
VI. Was von 1810 bis 1814 in dem Dorfe Haramont geschah
In den ersten Tagen des Jahres 1810 ereignete sich ein gar wichtiger Vorfall: es kam ein Sohn des Dorfes mit dem Ehrenkreuze auf seiner Brust und mit dem Verluste von zwei Fingern an einer rechten Hand zurück.
Er war jung, d. h. er zählte kaum fünf und zwanzig Jahre. Er hatte seinen Abschied, zweihundert und fünfzig Francs für das Ehrenkreuz und drei hundert Francs Pension. Auch ein schöner Mann war er, mit frischem Gesicht, rotem Haar und rotem Schnurrbart, der immer sorgfältig gewichst und an der Seite emporgedreht war.
Er hatte unter den Husaren gedient und als er mit seiner roten Jacke mit den gelben Schnüren, mit dem blauen Dolman auf der Achsel, dem Pelz-Kalbak mit dem blauen herabhängenden Tuch daran und den Reithosen mit den goldenen Knöpfen in dem Dorfe erschien, machte er doppeltes Aufsehen, einmal als Kind des Dorfes, das die Väter und Mütter mit Freuden wieder sahen und dann als schöner Bursch, den die Mädchen gern ansahen.
Er war mit seinem siebzehnten Jahre in die Armee getreten, um 1803, hatte die Schlacht von Austerlitz, die Schlacht von Jena und den letzten glänzenden Feldzug mitgemacht, der mit den Schlachten von Esslingen und Wagram endigte.
In dieser letzten Schlacht, als er mit seiner Eskadron gegen ein Infanterie-Regiment angesprengt, hatte ihm eine Kugel den Daumen und Mittelfinger der rechten Hand zerschmettert, so dass man sie ihn hatte abnehmen müssen. Da er nun den Säbel nicht mehr halten konnte, so hatte sein Oberst, der ihn schon mehrmals im Kampfe beobachtet, dreierlei für ihn erbeten und erhalten, was der tapfere Reiter auch gar wohl verdiente: das Kreuz, eine Pension und den Abschied. Als tapferen Soldaten in der Schlacht sahen ihn die Subaltern-Offiziere sehr ungern scheiden, weit weniger aber als Kameraden. Sebastian ober Bastian, wie er hieß, hatte eine unüberwindliche Zuneigung für das Wirtshaus und kaum hatte er zwei Gläser getrunken, so wurde er streit- und händelsüchtig. Es war gar nichts Seltenes, das er Arm in Arm mit einem Kameraden in das Wirtshaus ging und sehr bald herauskam, um hinter einer Hecke oder einer Mauer sich mit ihm zu schlagen.
Bastian kannte seinen unglückseligen Charakter selbst recht gut, da es aber seiner Meinung nach zu schwierig gewesen wäre sich zu ändern, so zog er es lieber vor, sich so viel als möglich im Gebrauche der Waffen zu üben und war in dieser Weise ein ausgezeichneter Fechter geworden. Die Folge davon war, dass sich Hiebe über die Hand und Narben im Gesicht, die zahlreich in allen Regimentern zu sein pflegen, deren Waffe der krumme Säbel ist, noch viel zahlreicher in dem Regimente fanden, in welchem Bastian diente, als in einem andern.
Es versteht sich von selbst, dass die meisten dieser Narben dem Säbel Bastians Herrührten. Darum sah man ihn als Soldaten ungern ziehen, sehr gern dagegen als Kameraden. Das hinderte indes nicht, dass ihm die Kameraden ein großes Abschiedsfest gaben, welches vielleicht nur so glänzend und herzlich war, weil er eben Abschied nahm.
Bei dem Scheiden auf immer vergisst man gewöhnlich Mancherlei und so konnte man denn auch bei dem Abschiedsfeste die Bemerkung machen, dass gerade die Benarbtesten die zärtlichsten gegen Bastian waren.
Bastian hatte also Wien verlassen, wo man ihm dies Abschiedsfest gegeben, war durch einen Teil Tyrols und der Schweiz gereist, nach Frankreich zurückgekommen und endlich wie der Kriegsgott selbst im Dorfe Haramont erschienen. Leider suchte Bastian in der allgemeinen Freude vergeblich jene süßen Liebkosungen, ohne welche es kein wahres Glück in dieser Welt gibt, die Umarmung und die Küsse eines Vaters und einer Mutter.
Bastian war Waise seit seiner Geburt, hatte nie jenes höchste Glück gekannt und wahrscheinlich seines Alleinstehens wegen Dienst in der Armee genommen.
Übrigens war dies, wie man schon gesehen hat, sehr wohl von ihm getan, denn er kehrte verhältnismäßig reich zurück, weil er ja lebenslänglich ein jährliches Einkommen von fünfhundert und fünfzig Francs hatte. Damit konnte er, je nach seiner Wahl, leben ohne irgendetwas zu tun oder seine Lage durch Arbeit noch weiter verbessern.
Arbeiten hatte Bastian freilich nicht gelernt und so trat er auch bei dem Nachbar Mathieu, der allmählich ein großer Gutsbesitzer geworden war, nur ein, um die Pferde zu pflegen. Diese Beschäftigung sagte dem Husaren, wie man Bastian nannte, zu; sie erinnerte ihn an seine Schwadron und wenn er, den Unterkiefer vorschiebend, sagte: »Ach, bei dem Regimente war's eine Luft!« hatte er alles gesagt.
Die Worte hatten in den Augen der Anderen nicht eben viel Sinn, sehr große Bedeutung aber für Bastian, den sie an eine ganze Reihe von Liebschaften, Zweikämpfen, guten Mahlzeiten, großen Schlachten und selbst von jenen schlimmen Stunden erinnerten, an die man gar gern zurück denkt, wenn sie vorüber sind.
Wenn die, welche ihr jene Worte aussprechen hörten, fragend und verwundert ihn ansahen, fuhr er fort:
»Das versteht Ihr Philister nicht.«
Und die »Philister« würden es allerdings nicht verstanden haben, auch wenn Bastian geruht hätte es ihnen zu erklären, was er indes nie tat, so dass man in Haramont heute noch nicht weiß, von welcher Luft Bastian eigentlich so warm und sehnsüchtig sprach.
Er hatte, wie bereits erwähnt, großen Eindruck auf die Haramonterinnen gemacht, denn er war jung, er war reich, er war hübsch und besaß überdies das Ehrenkreuz, das in jener Zeit nicht verschwendet wurde. Mehr war nicht nötig, um vielen Mädchen den Kopf zu verdrehen.
Und doch hatte Bastian seine Vorzüge und Reize noch nicht alle entwickelt, er hatte sich noch nicht als Tänzer gezeigt. Erst an dem Sonntage nach seiner Ankunft sollte er seine Tanzgeschicklichkeit bewundern lassen. Die Künste grenzen aneinander, reichen einander die Hand. So war denn auch Bastian ein vollendeter Tänzer, wie er ein vollendeter Fechter war.
Man tanzte fünfhundert Schritte vom Dorfe unter den ersten Bäumen des Waldes, in einem natürlichen Kreise, den einige riesige Buchen bildeten, auf einem sorgsam von dem Dorfgeiger fest und glatt geschlagenen Boden. Für diese Arbeit erhob der Geiger von jedem Tänzer und jedem Contretanze einen Sou.
Als man Bastian am Sonntage nach seiner Rückkehr von weitem nach dem Tanzplatze in seinem glänzenden Anzuge, mit den Sporen an den mit Firnis gewichsten Stiefeln, kerzengerade, die Arme eingestemmt, kommen sah, wendeten sich alle Blicke erwartungsvoll nach ihm.
Die Mädchen hatten ihr Endurteil über Bastian noch nicht ausgesprochen. Sie mussten erst sehen, wie er, der alles, was er tat, gut machte, beim Tanz sich anstellte. Darum war auch eine jede neugierig, welche er zuerst aufziehen werde.
Bastian trat zu einem schönen Mädchen, die Katharina hieß, einer Brünetten mit schwarzen Augen, schön geschwungenem braunen und schlanken Wuchs, die in der großen Stadt, wie man sich ausdrückt, gewesen war.
Katharina, welche bei einer adeligen Dame in der Umgegend in Dienst getreten, war derselben wirklich nach Paris gefolgt, nach einem Jahre aber etwas blass, etwas abgefallen, freilich auch mit hundert Louisdor zurückgekommen, die sie bei dem Herrn Niguet auf erste Hypothek angelegt hatte und die ihr hundert und fünfzig Francs jährlich Zinsen trugen.
Woher diese hundert Louisdor?
Katharina hatte eine Erklärung gegeben: ihre Herrin sei sehr gefährlich krank gewesen und sie habe dieselbe so aufopfernd gepflegt, dass die Dame nach ihrer Genesung ihr aus Dankbarkeit diese hundert Louisdor geschenkt.
Leider glaubten nicht alle an diese Geschichte, wie sinnreich sie auch erfunden war und allerdings konnte dieselbe auch einem einzigen Einwurfe nicht widerstehen.
Man fragte Katharina, woher es komme, dass sie eine so dankbare und freigebige Herrin verlassen habe?
Darauf hatte Katharina nie etwas anders antworten können, als dass sie sich nach ihrer Heimat gesehnt und deshalb zurückgekommen sei und gar Viele zweifelten, dass Katharina ihr kleines Vermögen in solcher Weise erhalten habe. Ja noch mehr, Einige zweifelten nicht nur daran, sondern gaben sogar eine ganz andere Quelle an. Sie sagten, nicht die Herrin sei sehr krank gewesen, sondern Katharina selbst, das habe man an ihrer Blässe und Hagerkeit gesehen als sie zurückgekommen. Sie setzten ferner hinzu, Katharina verdanke die bei Herrn Niguet angelegten hundert Louisdor nicht der Dankbarkeit der Baronin, sondern der Freigebigkeit des Barons.
Da diese Angabe, so böswillig sie auch war, die Rückkunft und das Vermögen Katharinens besser erklärte als die andere, so fand sie auch allgemeinen Glauben und trotz der lockenden Schönheit Katharinens, trotz den auf erste Hypothek ausgeliehenen hundert Louisdor hatte sich kein junger Bursch entschließen können Katharinen zu heiraten. Dagegen wollten viele ihr den Hof machen. Sie erklärte aber mit aller Bestimmtheit, sie sei ein ordentliches Mädchen und werde auf keinen hören, wenn er nicht mit der Feder zur Unterzeichnung des Ehekontrakts erscheine, so dass der Müller von Wuala, eine böse Zunge, äußerte, das Ei zu der Gans, welche jene Feder liefern solle, sei noch nicht gelegt.
Bastian trat also, den einen Arm eingestemmt, den einen Fuß vorgestreckt, zu Katharinen und bot ihr die behandschuhte Hand.
Katharina nahm die Hand mit triumphierendem Lächeln an und trat mit Bastian in den Kreis.
Der Husar schnallte seinen Gurt ab und übergab Säbel und Säbeltasche dem Sohne des Geigers, welcher in der Pause zwischen zwei Tänzen die Sous einzusammeln hatte, und er that dies mit solcher Anmut und Würde, wie etwa Mars, wenn er mit Venus hätte tanzen wollen, sein Schild und sein Schwert den Händen Amors übergeben haben würde.
Man erwartete viel von Bastian; aber, das muss man gestehen, er übertraf alle Erwartungen. Bastian hatte ein besonderes Pass für jede der vier Figuren, aus denen ein vollständiger Contretanz besteht und er führte sie aus, wie sie die Leute im Dorfe nicht nur nicht gesehen, sondern auch wie sie dieselbe gar nicht für möglich gehalten hatten. Deshalb drängte man sich auch so nahe herbei, um Bastian tanzen zu sehen, dass er trotz seinem Stolze auf diesen Sieg seine Landsleute selbst bitten, musste, ihm ein wenig Platz zu machen, wenn sie ihn weiter tanzen sehen wollten.
Man kam dieser Bitte nach, die man für vollkommen gerechtfertigt hielt und Bastian schloss die legte Figur mit einigen Entrechats von solcher Vollendung, dass die Umstehenden allgemein applaudierten.
Bastian führte seine Tänzerin stolz an ihren Platz zurück und sah sich eben in dem Kreise um, welche er wohl für einen zweiten Contretanz mit seiner Hand beehre.
Etwas in der Ferne, nicht unter den Tänzerinnen, waren Frau Marie und Mariechen stehen geblieben. Bastian erblickte das liebliche Gesicht und ging auf sie zu, ohne auf ihre Trauerkleidung zu achten und sprach in seinem süß-schmachtendsten Tone:
»Könnte ich die Ehre haben zum nächsten Contre?«
Mariechen errötete, denn alle Blicke, die dem Husaren gefolgt waren, wendeten sich auf sie.
»Ich danke, Herr Bastian,« sagte Sie, »aber wie Sie sehen, trauere ich um meinen guten Vater.«
»Nun ich dachte mir, sehen Sie, weil Sie zum Tanzplatze gekommen wären,« antwortete Bastian, indem er sich hin und her wiegte und verliebte Augen machte.
»Sie haben Recht, Herr Husar,« entgegnete darauf Mariechen; »es war nicht recht von mir, dass ich mit Trauer außen und innen an den Ort der Freude kam. Wir wollen gehen, Mutter.«
Und sie zog Frau Marien mit sich fort auf den Weg hin, der nach dem Walde führte.
»Oh! oh!« sagte der Husar. »Hat denn das Mariechen in meiner Abwesenheit sogar den Namen geändert? Sie scheint jetzt Jungfer Zimperlich zu heißen.«
Mariechen hörte nicht, was Bastian sagte, aber einige Andere hörten es, auch Ehrlich.
So wenig Ehrlich sich aus dem Tanze machte, hatte er sich doch an den Hang gelegt nicht weit von Mariechen. Sein großer Hund lag neben ihm wie gewöhnlich. Er sah weniger auf die Tänzer und Tänzerinnen als auf Mariechen und wenn sein Auge auf ihr ruhte, vergaß er die Bursche und Mädchen, die im Takte — oder doch beinahe Hüpften, den Geiger, der mit dem Fuße stampfte und die Geige, die so gut als möglich sang.
Einen Augenblick hatte er gleich den Andern Bastian zugesehen, und ihn aus Herzensgrunde beklagt, dass er so anstrengend tanzen müsste, denn er sah nicht ein, wie Jemand sich so abmühe und die Beine so lächerlich um sich werfe, ohne durch irgend ein Gesetz, eine Notwendigkeit dazu gezwungen zu sein.
Als er Bastian den Tanzplatz verlassen und nach Mariechen hingehen sah, richtete er sich auf, um ihm mit einer gewissen Besorgnis nachzublicken. Er ahnte die Absicht des Husaren und es würde ihn tief betrübt haben, wenn Mariechen mit einem Manne getanzt hatte, der so ganz anders tanzte, wie die Burschen im Dorfe.
Obgleich er nicht ganz nahe bei der Gruppe war, so verstand er doch in Folge seiner Fähigkeit die entferntesten Töne zu vernehmen, sowohl die Frage als die Antwort. Seiner Meinung nach hatte Mariechen ganz gut geantwortet, Bastian aber hielt er für einen Grobian, was ihm freilich bei einem Manne nicht auffiel, der nach einem so ganz außergewöhnlichen und übertriebenen Lange nicht recht bei Besinnung sein konnte.
Er beklagte ihn also statt ihn zu tadeln, stand dann auf und ging mit Bernhard Mariechen nach.
VII. Was in dem Dorfe Haramont von 1810 bis 1814 weiter geschah
Von diesem Augenblick an stand der Ruf des Husaren in dem Dorfe fest: den Frauen galt er als das Muster der Eleganz und guten Sitten, den Männern dagegen als der widerwärtigste, unausstehlichste Mensch, der ihnen noch vorgekommen.
Nur Mariechen und Ehrlich machten eine Ausnahme. Der ersteren war er vollkommen gleichgültig, der letztere beklagte ihn. Er war ganz und gar der Meinung des Dey von Algier, welcher einmal einem prächtigen Balle beiwohnte und, als der Herr vom Hause dabei gleich dem geringsten seiner Gäste tanzte, diesen Hausherrn zu sich rufen ließ, um ihn mit gutmütiger Neugierde zu fragen:
»Da Sie so reich sind, Herr, wie Sie zu sein scheinen, warum machen Sie sich die Mühe selbst zu tanzen?«
Aber der gewöhnliche französische Contretanz genügte Bastian bald nicht mehr. Alle französischen Soldaten hatten in Deutschland eine große Vorliebe für den Walzer erlangt und Bastian führte den Walzer unter den Mädchen von Haramont ein.
Um dies zu können, machte er sich zum Tanzmeister, zum Walzertanzmeister, aber wohl verstanden nur für die Mädchen.
Die Folge davon war, dass die Bursche, denen Bastian nicht die geringste Anweisung gab, wie man sich in drei Tempos um sich selbst drehen müsse, bei dem Walzer Bastian ganz freies Feld ließen, und dieser wie ein orientalischer Pascha nur zu winken brauchte, ohne einen Nebenbuhler zu fürchten zu haben.
Die Bursche wollten wohl Einwendungen machen, aber Bastian wendete bei dem ersten Murren sich um, drehte den Schnurrbart wie einen Korkzieher, fragte so artig wie es nur die Husaren verstehen: »was beliebt?« und alles war still.
Und nicht bloß als Tänzer hatte Bastian die Bewunderung aller Haramonterinnen sich erworben, sondern auch als Reiter. Er saß zu Pferd wie ein Gardehusar d. h. mit seltener Vollkommenheit und da er die Pferde des Nachbars Mathieu pflegte, so ritt er dieselben auch, ja er machte ohne Sattel Spazierritte in der Umgegend und zwar so, dass er hin und her durch, das ganze Dorf reiten musste.
Merkwürdig war es aber, dass ihm, obgleich alle Schönen ihn vorzogen, obgleich Katharina ihn besser aufnahm als alle andern, ja gegen ihn von ihren Ansprüchen wegen des Heiratens merklich nachzulassen schien, alles dies gleichgültig blieb, solange er nicht erkannte, dass Marie ihn ansah.
Je störrischer das Pferd war, dass er ritt, umso eifriger drängte er es nach dem Häuschen der Frau Marie hin, damit Mariechen seine Kraft und Gewandtheit im Bändigen der Tiere zu Gesicht bekomme.
Bisweilen ging sein Wunsch wenigstens zur Hälfte in Erfüllung; Mariechen blickte aus Neugierde hin und Ehrlich, der ihn auch ansah, weil er den Blicken Mariechens folgte, fragte sich stets, warum doch der Husar, statt die Spornen und das Gebiss zum Bändigen des störrigen Pferdes anzuwenden, die so einfache Hilfe des Wortes nicht brauche, des Wortes, des Zuredens, womit er, Ehrlich, die verstocktesten Tiere in wenigen Augenblicken zu allem brachte.
Bastian seinerseits liebte den Ehrlich gar nicht, vielleicht weil er ahnte, dass derselbe große Liebe zu Mariechen im Herzen trage, und dass diese die innigste Zuneigung für Ehrlich empfinde: er liebte ihn nicht, sage ich, denn bis zum Hasse ging sein Mangel an Neigung nicht. Ehrlich war so sanft, so gutmütig, so harmlos, dass Niemand ihn hasste, aber er missfiel dem Husaren, wie und irgendetwas missfällt, das uns auf dem Wege aufstößt, ein Hindernis, das uns hemmt.
Auch ließ Bastian keine Gelegenheit vorbeigehen, Ehrlich zu verspotten, namentlich die Engelssanftmut desselben, die sich dem Husaren als Feigheit darstellte. Dann war Ehrlich auch kein Tänzer, kein Reiter, kein Fechter, während Bastian als solcher sich auszeichnete. Er verspottete deshalb Ehrlich nicht nur um das, was er war, sondern auch um das, was er nicht war.
Dass Ehrlich alle diese Spöttereien mit unveränderlicher Ruhe anhörte, versteht sich von selbst.
Aber es kam eines Tages ein Vorfall, der Bastian nachdenklich machte.
Da er in der ganzen Umgegend für einen großen Pferdebändiger galt, so ließen ihn die Pächter und Gutsbesitzer holen, welche unfügsame Füllen oder störrige Pferde hatten und Bastian wusste die Widerspenstigsten gewöhnlich in ganz kurzer Zeit durchaus gehorsam und demütig zu machen.
Eines Tages hatte man Bastian ersucht ein Pferd zu reiten, das ein Pächter in der Gegend, Herr Destournelles; gekauft hatte. Es war Sonntag und Bastian, der aus Stolz seine überlegene Reitkunst allgemein zeigen wollte, wählte zur Reitbahn den großen Platz im Dorfe und zwar zu der Zeit als die Leute aus der Kirche kamen.
In dem Augenblicke, als die ersten Mädchen, die welche sich am eifrigsten nach dem Sonnenlichte der Freiheit und dem Plaudern sehnen, in der Kirchentür erschienen, stellte sich seinerseits Bastian mit dem wilden Pferde ein.
Das Pferd hatte von dem Pächter bis zum Platze vor der Kirche, eine halbe Stunde Weges, eine ganze Stunde zugebracht, weil es der Reiter zurückgehalten hatte, der weder zu früh, noch zu spät, sondern eben zur rechten Zeit kommen wollte.
Das Pferd war in Folge davon von Schaum bedeckt, hatte mit Blut unterlaufene Augen und blies glühend heißen Atem aus den Nüstern.
Auf dem Platze begannen dann die Übungen.
Der Sieg schien sich anfänglich für den Reiter zu erklären; als aber das Pferd die Türstufen vor der Kirche und die Fenster derselben wie die Logen eines Theaters von Zuschauern besetzt sah, fing es an, entweder weil es instinktmäßig die Würde fühlte, von welcher Buffon spricht, oder weil es alle Schmach, die ihm Bastian seit einer Stunde angetan, nur ertragen hatte, um sich um so glänzender zu rächen, kurz es fing an allerlei Seitensprünge zu machen, auszuschlagen und sich zu bäumen, dass Bastian, ein so guter Reiter er auch war, aus dem Sattel gehoben und zehn Schritte weit hin auf den Boden geschleudert wurde.
Sobald das Pferd seinen Reiters sich entledigt hatte, drehte es sich um und schlug im Galopp den Rückweg nach seinem Stalle ein.
Dieser Sturz des Reiters gab allen jungen Burschen gar viel zu lachen, da sie den Husaren nicht leiden konnten, der sie in allem ausstach, verdrängte und verhöhnte; als sie indes sahen, dass Bastian, statt schnell aufzuspringen, wie man es bei einer solchen Gelegenheit meist thut, unbeweglich da liegen blieb, wo er aufgefallen war, meinten sie, er sei wohl mit dem Kopfe aufgeschlagen und habe das Bewusstsein verloren, und eilten ihn zu Hilfe.
Sie irrten sich auch nicht. Bastian war zwar nicht ohnmächtig, aber betäubt.
Man hob ihn auf, goss ihm ein Glas Branntwein ein und blies ihm in das Gesicht, so dass Bastian die Augen und den Mund gleichzeitig aufriss; die Augen, um sie wild umher zu rollen und das Pferd zu suchen, den Mund, um zu fluchen und zu schwören, bei welcher Gelegenheit denn die Bauern von Haramont erfuhren, um wie viel reicher die Lagersprache als die Dorfsprache ist.
Mit einem Male standen seine Augen still und sein Mund schloss sich, als hätte er den Kopf der Meduse vor sich gesehen. Es war etwas noch Schlimmeres.
Ehrlich nämlich brachte das Pferd zurück. Er saß auf dem Tiere, das so sanft und fromm geworden war wie der friedliche Esel, auf welchem unser Herr seinen königlichen Einzug in Jerusalem hielt. Da er nun auch einen grünen Zweig in der Hand hielt, welcher an den Palmenzweig erinnerte, da seine Füße neben den Steigbügeln herabhingen, da sein Blick wohlwollend, sein Lächeln sanft war und Alle bei Seite traten, um ihm Platz zu machen, so glich er dem göttlichen Muster so weit als ein armer Sterblicher einem Gott gleichen kann.
Bastian seinerseits glaubte einen Augenblick zu träumen; er rieb sich die Augen, sprach einige unverständliche Worte und sah diese ruhige lebende Wirklichkeit an sich herankommen als wäre sie eine entsetzliche gespenstige Erscheinung.
»Herr Husar,« sagte Ehrlich ganz gelassen, »ich war auf dem Wege nach Longpré, sah Ihr Pferd davon laufen und glaubte, Sie würden besorgt sein. Deswegen habe ich es mitgebracht.«
Alle lachten, nur Bastian nicht. Ehrlich aber sah die Leute verwundert an und begriff nicht, warum sie lachten.
Er wurde rot, stieg von dem Pferde herunter, übers gab den Zügel dem Husaren und stellte sich, die Hand auf den Kopf seines großen Hundes gestützt, einige Schritte hinter Mariechen, die mit ihrer Mutter zuletzt aus der Kirche gekommen war und von dem, was geschehen, nichts wusste.
Bastian vergaß dem Ehrlich zu danken, denn er wollte so schnell als möglich die Scharte wieder auswetzen und schwang sich von neuem auf das Pferd. Der Teufel, den das Pferd eine Viertelstunde vorher im Leibe gehabt hatte, schien durch Ehrlich vollständig ausgetrieben worden zu sein. Es gehorchte seinem Reiter, ohne sich auch nur einen falschen Tritt zu erlauben und Bastian brachte es dem Herrn Degtournelles ganz gezähmt zurück. Wie sich von selbst versteht, erzählte er nicht alle Einzelheiten, wie er es dahin gebracht hatte. Aber er selbst konnte sich auch nicht erklären, was Ehrlich wohl getan habe, um ein Pferd zu bändigen, das ihn, Bastian, aus dem Sattel gebracht und da er zu stolz war, um Ehrlich nach dem Geheimnisse zu fragen, da Ehrlich, wenn er gefragt worden wäre, nicht gewusst haben würde was er antworten sollte, so blieb die Ursache der offen daliegenden Folge im Dunkel.
Es trat noch etwas ein, zum großen Nachteile Bastians, der dem blöden Ehrlich fluchte.
Außer mit Tanzen, Fechten und Reiten beschäftigte sich Bastian auch mit der Jagd. Ehe er Soldat geworden, war er einer der geschicktesten Wilddiebe gewesen; nach seiner Rückkehr jagte er wegen seines Ehrenkreuzes, das damals sehr hoch geachtet war, so ziemlich überall wo es ihm beliebte, auf den Feldern von Haramont, von Longpré und Largny.
Im Anfange zeigte sich eine Schwierigkeit; da er den Daumen und den Mittelfinger der rechten Hand verloren hatte, so konnte er das Gewehr nicht handhaben; aber Bastian lernte bald links schießen. Erst fehlte er Alles, nach dem er schoss, dann fehlte er mit drei Vierteilen, darauf mit der Hälfte seiner Schüsse und endlich schoss er links so gut wie früher rechts, d. h. er wurde wieder einer der besten Schützen in der ganzen Umgegend.
Am liebsten jagte er im Sumpf, weil es da am meisten zu schießen gab. Dieser Sumpf war der von Wuala, eine viertel Stunde von Haramont und von Longpré.
Da wohnte ein zweiter berühmter Schütze, der Müller mit der bösen Zunge, welcher sich den Witz von dem Gänseei über die schöne Katharina erlaubt hatte. Bastian kannte diesen Witz, statt darüber sich aber zu ärgern, hatte er mehr als einmal darüber gelacht und zwar mit dem, von welchem er ausgegangen war, woraus sich abnehmen ließ, dass er für seine Person der schönen Katharina die Feder nicht reichen werde, auf welche sie so ungeduldig zu warten schien.
Der Müller und Bastian waren also die besten Freunde von der Welt und sobald die Jagd anging, jagten sie wöchentlich an drei oder vier Tagen, bald miteinander, bald allein.
Eines Tages als Bastian allein in dem Rohr eines sehr großen Teiches jagte, der sich von Norden nach Süden in dem Thale hinzieht und an dem ein Damm hinläuft, an welchem eine Mühle angelegt worden ist, flog eine Becassine vor ihm auf, die er mit seiner gewöhnlichen Geschicklichkeit schoss.
Die Becassine fiel, aber sie fiel in den Teich.
Nun kennt man die Abneigung eines jeden Jägers, etwas, das er geschossen hat, im Stiche zu lassen. Diese Abneigung war bei dem eitlen Bastian vielleicht noch größer als bei irgendeinem andern und so nahm er sich denn vor seine Becassine zu bekommen, es möge kosten was es wolle.
Er legte darum sein Gewehr hin, um seine beiden Hände brauchen zu können und fing an, auf dem weichen nachgebenden Boden am Teiche vorsichtig vorzugehen.
Als er nicht weiter konnte, war er noch immer acht bis zehn Fuß von der Becassine entfernt.
Bastian, der ein so guter Jäger, so guter Reiter, so guter Fechter und Tänzer war, hatte eine schwache Seite, — er konnte nicht schwimmen. Mit dem Schwimmen war es also nichts, was er unbedingt versucht haben würde, wenn er es nur einiger Maßen verstanden hätte, um seine Beute zu erlangen.
In diesem Augenblicke hätte er gewiss irgendeine andere seiner Fertigkeiten für die Schwimmfertigkeit hingegeben.
Die Becassine musste trotz dem herbeigeschafft werden.
Zum Glück hat der Teich von Wuala keine Strömung, so dass der Vogel an Ort und. Stelle liegen blieb.
Bastian sah sich um und erblickte eine Weide; zu dieser ging er, brach von ihr den längsten Zweig ab und kehrte damit an das äußerste Ende seines beweglichen Vorgebirges zurück.
Hier setzte er der Länge seines Armes die Länge der Weidenrute hinzu und erreichte so beinahe die Becassine. Er erreichte sie sogar wirklich. Nur war das Ende der Rute so biegsam, dass er den Vogel damit nicht an sich ziehen konnte.
Er musste durch ein Wunder von Balancieren, durch Sich-Vorbeugen noch sechs oder acht Zoll weiter zu reichen suchen.
Bastian bog, krümmte sich, beschrieb einen Halbkreis, er strengte sich so sehr an, dass der Kopf das Übergewicht erhielt und Bastian mit dem Kopfe voraus ins Wasser fiel. Die Folgen dieses Falles sah er sofort ein und ermaß sie. Es war zehn gegen eine zu wetten, dass er da ertrinke. Deshalb stieß er denn, so kurz auch die Zeit dazu ihm zugemessen war, einen Not- und Hilfeschrei aus, den die Lage, in welcher er sich befand, allerdings sehr kläglich machte.
Zum Glück ging aber Ehrlich, der von Vauriennes kam, mit seinem treuen Bernhard auf dem Teichdamme hin; er hörte den Schrei und eilte fort nach der Stelle bin, von welcher derselbe gekommen zu sein schien.
Es war ihm in dem Geröhricht bereits ein Weg gebahnt und so gelangte er bald an das Ende des Vorgebirges, von dem aus der Husar ins Wasser gefallen war.
Er sah eine große Bewegung in dem durch Schlamm getrübten Wasser. Dann streckten sich an derselben Stelle ein Paar Hände heraus, die krampfhaft in der Luft umhergriffen.
Mehr bedurfte es nicht; er erkannte, dass Jemand dem Ertrinken nahe sei und ohne zu wissen, wer der Gefährdete sei, winkte er Bernhard, der in den Teich sprang und in dem Wasser verschwand.
Fünf Sekunden darauf erschien er wieder, hielt Bastian am Kragen gepackt und schwamm mit ihm nach dem Ufer, wo Ehrlich ihn empfing und halbtot herauszog.
Da erst erkannten die Beiden einander, Ehrlich mit geheuchelter Freude, dass er Bastian aus so großer Gefahr befreit, Bastian mit einiger Scham, von Ehrlich einen so wichtigen Dienst erhalten zu haben.
Da indes Bastian am Ende doch ein braver Bursch war und er an der Furcht das Leben zu verlieren die Größe des Wunsches ermessen hatte dasselbe zu behalten, so dankte er vor Allem Ehrlich aus Herzensgrunde; da aber auch Bernhard sehr viel zu seiner Rettung beigetragen hatte und er noch lieber einem Hunde Dank schuldig war als einem Menschen, suchte er es so einzurichten, dass das größte Verdienst dem Bernhard zufalle.
So oft Bastian den Hund traf, streichelte er ihn mit übertriebener oder doch erheuchelter Dankbarkeit, in welcher etwas von Undank gegen Ehrlich lag.
Ehrlich aber bemerkte dies nicht, was für jedes andere minder christliche Herz tief schmerzlich gewesen sein würde, und so oft das Gespräch auf jenen für Bastian höchst unangenehmen Vorfall kam, sagte derselbe mit gemachter Heiterkeit:
»Ja, wahrhaftig, ich war schon weit hinunter und ohne den Bernhard hätten mich jetzt wahrscheinlich die Hechte des Vaters Charpentier bereits verzehrt, nicht wahr, Ehrlich?«
Und Ehrlich antwortete einfach:
»Ja, Bernhard ist ein guter Hund.«
Die Lage, die Monate, die Jahre vergingen unter diesen einfachen Vorfällen, die mit Ausnahme des eben Erzählten einander so ähnlich sahen, dass ein Tag das Spiegelbild des andern war,
Die letzten Lage des Monats Oktober 1813 waren herangekommen und um die Mitte eines dieser Lage hatte Vater Kleine, als er von einem Besuche von seinem Felde zurückkam, Frau Marie, Mariechen, den kleinen Peter, Madelaine, Ehrlich und Bernhard in der Tür des Häuschens rechts beisammen gefunden und in der bereits früher angegebenen Ordnung Mutter, Kind und Hund in das Häuschen links mit sich genommen.
An diesem Abend begannen die Spinnstubenzusammenkünfte. Früh hatte Ehrlich auf dem Rückwege von dem Milchverkaufe in der Stadt mit Mariechen aus dem Walde einen ganzen Sack voll Kastanien mitgebracht. Diese Maronen sollten nebst einigen Flaschen Apfelweines bei dem Dorf-Raout die Stelle des Abendessens und der Erfrischungen vertreten.
Die Zusammenkunft fand in einem großen Keller statt, in welchen jedes Mädchen ihr Spinnzeug mitbrachte. Eine an der Decke hängende Lampe beleuchtete alle diese frischen Gesichter mit flackerndem Lichte; man konnte allerdings nicht wohl dabei sehen, aber zum Spinnen braucht man auch kein Gas; in dem Halbdunkel ging der Arbeit nichts ab, aber die Liebelei gewann viel.
Wie man sich wohl denken kann, machte Bastian von dem Augenblicke an, in welchem die jungen Burschen eintreten durften, den Hauptschmuck der Gesellschaft aus. Er ersann für die Sonntagabende eine Menge Spiele, die freilich nicht alle das Glück hatten angenommen zu werden. Einige derselben erschienen dem Prüfungsrate der Mütter oder selbst den verständigsten Mädchen etwas zu husarenhaft.
Wie alle Mädchen des Dorfes besuchte auch Mariechen diese Spinnstube; das Mädchen, welches in dem Alter Mariechens aus dem Kreise der Andern hätte wegbleiben wollen, würde sich in unangenehmer Weise bemerklich gemacht, würde Verachtung gegen die Andern ausgedrückt haben.
Aber Mariechen sang selten Lieder, tanzte selten mit und spielte ebenso selten die Spiele mit. Sie blieb gewöhnlich in einer Ecke sitzen, in der sie so wenig Raum als möglich einzunehmen suchte und in der Ecke gegenüber lag ober stand dann immer Ehrlich mit Bernhard und sah das liebliche Gesichtchen des Mädchens nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen Herzen an.
Gewöhnlich machte man den Platz streitig, nicht dem Ehrlich, denn wenn Jemand diesen hätte kränken wollen, welchen das ganze Dorf lieb hatte, würden sich alle wie ein Mann gegen den Beleidiger erhoben haben, nicht dem Ehrlich, also, wohl aber dem Hunde Bernhard, der als solcher an dem Gesange, dem Tanz und den Spielen nur sehr geringes Interesse nahm, dagegen auf viel Platz Anspruch machte und somit der Gesellschaft hinderlich war.
Der Abend ließ sich gut an. Das Weiter draußen war kalt, düster, stürmisch und so hörten die jungen Leute in dem warmgebeizten Keller mit allem Behagen den Wind in den Bäumen rauschen und pfeifen, von denen er die vergilbten Blätter abriss und in der Luft umherstreute, so dass sie aussahen wie ein Flug von Nachtvögeln.
Ein jedes hatte seinen vorjährigen Platz wieder eingenommen. Diejenigen Mädchen, welche wie Mariechen nur zusehen wollten — es waren deren aber nur noch zwei oder drei — hatten glücklicher Weise das Spinnrad mitgebracht und spannen.
Diese Abendgesellschaften begannen stets mit Liedern, die nicht selten in ihrer naiven Weise ziemlich leichtfertig waren, aber man weiß, es ja, die Züchtigkeit der Mädchen auf dem Lande ist nicht so schreckhaft als die der Stadtmädchen und das, was den letzteren die Schamröte ins Gesicht treiben würde, erregt bei den ersteren meist nur ein helles Herzliches Lacher.
Es wurde gelost, welche das erste Lied singen sollte; da man aber wusste, dass Marie nie tätigen Anteil an der Unterhaltung nahm, ließ man sie natürlich auch nicht mit das Loos ziehen.
Alle Namen wurden in einen Hut getan und diesen Hut hielt man Ehrlich hin, dem Blödsinnigen, der hineingriff und den Namen der Katharina herausholte.
Alle hörten die Katherina sehr gern singen, denn sie kannte nicht nur die schönsten Lieder, sondern sang dieselben auch mit einem Ausdrucke, den sie im Theater in Paris gelernt haben sollte, wohin sie ihre Herrin begleitet hatte, die ja so gütig gegen sie gewesen war.
Katharina ließ sich denn auch nicht lange bitten. Sie rief neun ihrer Freundinnen zu sich; die zehn Mädchen fassten einander an der Hand; jede erhielt den Namen, welcher ihr in dem Reigen zukam; sie wiegten die Arme auf und ab, drehten sich langsam im Kreise und die wohlklingende Stimme Katharinens begann das nachstehende Liebchen mit reizender Melodie, die wir leider nicht auch mitteilen können:
Wir waren zehn Mädchen auf einem Plan
Und jede konnt nehmen wohl einen Mann.
Es war Christine
und die Carline,
Es waren Susanne und Martha,
Ah! Ah!
Kathrinchen auch und Katharine,
Es war dabei die Lison,
Die Gräfin von Montbazon,
Es war da Madelaine,
Wie auch noch die du Maine.
Der Königssohn zu uns gekommen ist,
Der hat uns gar freundlich gewinkt, gegrüßt,
Gegrüßt Christine,
Gegrüßt Carline,
Gegrüßt auch Susanne und Martha,
Ah! Ah!'
Kathrinchen auch und Katharine,
Gegrüßt hat er die Lison,
Die Gräfin von Montbazon,
Gegrüßt die Madelaine,
Geküßt nur die du Maine.
Und wie er so freundlich den Hut geschwenkt,
Da hat er auch jeder 'n Ring geschenkt,
Einen Christinen,
Einen Carlinen,
'n Ring der Susanne und Martha,
Ah! Ah!
Kathrinchen auch und Katharinen,
’n Ring gab er der Lison,
Der Gräfin von Montbazon,
Einen der Madelaine,
Demanten der du Maine.
Er schenkte die Ringe und lud dann fein
Zum Essen uns Alle im Schlosse ein.
Birn' für Christine,
Birn' für Carline,
Wie auch für Susanne und Martha,
Ah! Ah!
Kathrinchen auch und Katharine,
Nur Birnen für die Lison,
Die Gräfin von Montbazon.
Und für die Madelaine,
Pfirsich für die du Maine.
Und als wir gegessen, wie sich's gebührt,
Da hat er uns alle zum Schlafen geführt,
Auf Stroh Christine,
Auf Stroh Carline,
Auf Stroh die Susanne und Martha,
Ah! Ah!
Kathrinchen auch und Katharine,
Auf Stroh führt er die Lison,
Die Gräfin von Montbazon,
Auf Stroh die Madelaine,
Ins Bettchen die du Maine.
Zum Schlafen? Hat jede von uns gedacht,
Er hat aber alle davon gejagt,
Fort mit Christine,
Fort mit Carline,
Fort mit der Susanne und Martha,
Ah! Ah!
Kathrinchen auch und Katharine,
Fort jagt er auch die Lison,
Die Gräfin von Montbazon,
Fort, fort die Madelaine,
Behielt nur die du Maine.
Der Rundgesang gefiel den jungen Burschen und Mädchen ganz außerordentlich, viel weniger dem Bernhard, der, gleichsam als wolle er gegen die Leichtfertigkeit der beiden legten Strophen protestieren, den Kopf empor richtete, besorgt nach der Tür hinsah und ein lang gedehnte Geheul ausstieß.
Wie sich von selbst versteht, wurde diese Art Protestation von der heitern Gesellschaft sehr übel aufgenommen, die dem Hunde Schweigen gebot und einmütig ein zweites Lied verlangt.
Man legte also zum zweiten Male die Namen aller Anwesenden in einen Hut, in welchen Ehrlich griff, auf den das Geheul Bernharde einen ganz besonderen Eindruck gemacht zu haben schien.
Er zog diesmal den Namen Bastian heraus.
Bastian scheute sich nun nicht im mindesten ein Lied zu singen; er kannte sehr viele aufwendig, freilich ganz eigentümliche und selbst die Mädchen, welche nicht so leicht durch ein Lied zu erschrecken waren, sahen mit einiger Ängstlichkeit dem entgegen, welches der Husar singen werde.
»Ich soll also ein Lied singen?« sagte dieser, indem er sich den Schnurrbart strich.
»Ja,« fielen die Mädchen ein, »aber ein schönes, nicht wahr?«
»Wie so ein schönes?« fragte Bastian. »Ich kenne nur schöne.«
Es lief ein ungläubiges Lächeln durch die Gesellschaft und gleich darauf stimmte Bastian, um die Anwesenden zu beruhigen, laut das Lied an:
Im Felde die Husaren stehn,
Schnetterdeng!
Im Felde die Husaren stehn,
Schnetterdeng!
Husar, Husar, Du armer Mann,
Hast ja nur einen Stiefel an!
Schnetterdeng!
Aber in diesem Augenblicke brach die Opposition aus, die sich gleich nach den ersten Versen kundgegeben hatte.
»Ach, Herr Bastian,« baten die Mädchen mit gefalteten Händen. »ein anderes!«
»Warum ein anderes?«
»Ach ja, ein anderes. Wir bitten schön.«
»Warum denn aber ein anderes?« fragte Bastian.
»Weil wir das schon kennen,« sagten die jungen Bursche; »Du hast es uns schon zehnmal vorgesungen.«
Bastian drehte sich stirnrunzelnd zu ihnen um und antwortete:
»Wenn es mir nun aber beliebt, Euch das Lied nochmals zu singen?«
»Das steht Dir frei, Bastian, uns steht es aber auch frei fortzugehen, um es nicht zu hören.«
Einige stellten sich als wollten sie wirklich gehen.
Bernhard schien der Ansicht derer zu sein, welche protestierten, denn er hob zum zweitenmale den Kopf empor und er heulte nochmals, aber noch länger und schauerlicher als das erste mal.
Alle überlief es eiskalt.
»Mein Gott,« sagte Mariechen, »stirbt denn jemand in der Nähe?«
VIII. Was in dem Dorfe Haramont von 1810 bis 1814 weiter geschah
Nach diesem zweiten schauerlichen Heulen Bernhards sagte Bastian zu Ehrlich:
»Wirst Du deinen Hund schweigen lassen?«
»Ich kann wohl zu Bernhard sagen, wenn Bastian im Wasser liegt: »geh Bernhard und hole Bastian heraus,« ich kann aber nicht zu ihm sagen, wenn Bastian sprechen will: »schweig, Bernhard.«
»Du kannst ihn also nicht zur Ruhe bringen?« entgegnete Bastian. »So werde ich es übernehmen, wenn er noch einmal heult.«
»Bastian,« sagte darauf Ehrlich mit seiner überreden: den Stimme, »reibe Dich nicht an Bernhard, ich rate es Dir.«
»Warum?« fragte Bastian.
»Warum? Weil er Dich nicht leiden kann.«
»Der Hund kann mich nicht leiden? Ha! Ha! Und warum denn nicht?
Ehrlich richtete seine so klaren und so sanften, großen blauen Augen auf Bastian und antwortete:
»Weil Du mich nicht lieb hast, Bastian, und Bernhard, der mich liebt, alle die nicht leiden kann, welche mich hassen.«
Niemand sagte etwas auf diese melancholische Antwort und erst nach einiger Zeit murmelte Bastian:
»Dummheit! Ich hasse Dich nicht, im Gegenteil.«
Und er reichte Ehrlich die Hand, der sie lächelnd nahm. Bernhard aber richtete den Kopf empor, streckte die Zunge heraus und leckte die beiden Hände Ehrlichs und Bastians.
»Da siehst Du, dass er mich nicht hasst?« fuhr Bastian fort, der das Wort »hassen« in seiner Art aussprach.
»Weil Du im Grunde doch gut bist, entgegnete Ehrlich, »und manchmal Dir selber sagst, dein Übelwollen gegen mich sei ungerecht.«
Die Meinung, welche Ehrlich mit diesen Worten aussprach, bezeichnete das, was in dem Herzen Bastians vorging, so bestimmt und richtig, dass der Husar nichts darauf zu antworten vermochte und das Gespräch lieber auf etwas Anderes brachte.
»Nun,« sagte er, »Ihr wollt durchaus ein anderes Lied haben?
»Ja, ja,« antworteten Alle.
»So will ich Euch eine fingen und noch dazu ganz so wie es dort gesungen wird, wo das Lied zu Hause ist. Aber dazu muss ich mich erst verkleiden.«
»Wieso verkleiden?« fragte der Bursche.
»Ja, die Mädchen werden mich mit ihren weißen Händchen als altes Mütterchen kleiden, sonst, gute Nacht! Singe ich nicht.«
»Darauf soll es uns nicht ankommen,« meinten die Mädchen. »Was brauchen wir?«
Weiter nichts als eine Haube, ein Brusttuch und eine Schürze, auch ein Spinnrad; vielleicht verwirre ich den Faden etwas, aber — wenn man Eierkuchen backen will, muss man Eier zerschlagen, wie man beim Regimente sagt.«
Und nach seiner uns schon bekannten Gewohnheit setzte er schnarrend hinzu:
»Ach, beim Regimente war's eine Luft!«
Da nun alle Gegenstände, welche Bastian verlangte, nicht schwer herbeizuschaffen waren, so hatte er sich bald in ein spinnendes altes Mütterchen verwandelt, und um der Wahrheit die Ehre zu geben, müssen wir gestehen, dass als Bastian mit dem langen Schnurrbarte, eine Weiberhaube auf dem Kopfe, ein Busentuch züchtig auf der Brust zusammengesteckt, eine Schürze. vorgebunden, eine Brille auf der Nase, mitten in dem Keller vor das Spinnrad sich setzte, das Rad mit dem linken Fuße drehte und mit der rechten Hand den Faden auszog und befeuchtete, der Triumph, nach dem er strebte, vollständig war, und Alle, selbst Mariechen, laut lachten und in die Hände klatschten.
Nur Bernhard schien noch immer unruhig zu sein, aber diese Unruhe beschäftigte nur Ehrlich, der einzusehen anfing, dass derselben irgendetwas zu Grunde liegen müsse. Bastian aber begann in näselndem Tone und spinnend sein Lied:
Wie ist's doch so schön,
Wie ist's doch schön
Zu zweien im Wald,
Im grünen Wald,
Spazieren zu gehn!
Zu Vieren wird's langweilig gar bald,
Doch schön ist's, schön,
zu Zweien gehn.
Schnurr! Schnurr! Schnurr!
Es versteht sich von selbst, dass das »Schnurr« den Ton des sich drehenden Spinnrades bezeichnen sollte. Leider können wir auf dem Papiere den Ton, mit dem Bastian sang, und die Gesichter, die er dabei schnitt, nicht wiedergeben, sonst würden wir gewiss auch auf die Leser denselben Eindruck hervorbringen, wie der Husar auf die Gesellschaft, nämlich lautes Lachen erregen.«
Der Anfang machte ihm Mut und so fuhr Bastian fort:
Es guckt da, mein Schatz,
Dein Mädchen rund
Am Röckchen bunt,
Und ziehst Du auch hoch hin den Latz
Bis an den Mund,
Die Brust bleibt rund.
Schnurr! Schnurr! Schnurr!
Ich fass' Dich am Kinn,
Nicht sträube Dich,
Lass küssen Dich,
Du weißt nicht, wie gut ich Dir bin.
Wie Lieb’, erfreut,
Erfahre heut!
Schnurr! Schnurr! Schnurr!
Wie ist's doch so schön,
Wie ist's so schön
Zu Zweien im Wald,
Im grünen Wald,
Spazieren zu gehn!
Zu Vieren wird's langweilig gar bald;
Doch schön ist's, schön,
Zu Zweien gehn!
Schnurr! Schnurr! Schnurr!
Kaum war Bastian mit seinem Refrain zu Ende gekommen, als Bernhard unter den lauten Beifalle der Bursche und Mädchen, als habe er nur auf den Augenblick des Schlusses gewartet, den Gesang fortsetzte, aus den tiefen Tönen in die höchsten hinaufstieg und den Keller mit dem schauerlichsten Geheul erfüllte, dass menschliche Ohren jemals gehört hatten.
Selbst Bastian hatte diesmal den Mut nicht, dem Hunde zu drohen.
Es folgte demnach dem Geheul eine noch schauerlichere Stille. Plötzlich aber, mitten in dieser Stille, sprang Ehrlich auf und rief die schrecklichen Worte aus:
»Feuer!«
Gleichzeitig hörte man auf dem Kirchturm mit allen Glocken stürmen, während die Dorfbewohner draußen entsetzt riefen: »Feuer! Feuer!« Der entsetzlichste Ruf, den die menschliche Angst ausstoßen kann, ist gewiss der Ruf: »Feuer!« besonders wenn er in einer finstern Sturmnacht unter schauerlichen Glockentönen erschallt.
Auch stürzten auf diesen Ruf die Bursche und Mädchen sogleich aus dem Keller hinaus, eilten auf die Gasse und folgten dem Menschenstrome, der nach Nordwesten zog.
Über den Häusern des Dorfes leuchtete am Himmel greller Schein, der mit jedem Augenblicke stärker wurde, und in den sich Funken mischten, welche der Wind mit den schwarzen dicken Rauchwolken dahin trieb.
Kaum waren die Bursche und Mädchen an den letzten Häusern des Dorfes angekommen, wo die Aussicht nicht mehr hemmte, als sie den Umfang des Unglücks in seiner ganzen Ausdehnung ermessen konnten.
Das Gut Longpré stand in Flammen.
Mariechen erblickte den Vater Kleine, der mit übereinander geschlagenen Armen auf einem Steine stand, dem Brande zusah und nicht zu Hilfe eilte, wahrscheinlich weil er recht wohl wusste, dass der Beistand, den ein alter Mann unter solchen Umständen leisten kann, ganz nutzlos ist.
»Mein Gott, Vater Kleine, sagte Mariechen, was ist's denn?«
»Du siehst's ja,« antwortete der Alte.
»Aber . . .«
»Die eigensinnige Julie hat das Heu noch feucht eingefahren, ob ich es ihr gleich gesagt habe, und nun wird es sich von selbst entzündet haben.«
»Die arme Julie! die arme Julie!« klagte Mariechen.
Julie war die Frau, welche Mariechen alle Tage acht Maß Milch zum Verkaufen gab.
Da die Leute aus dem Dorfe wie versteinert stehen geblieben waren und dem Feuer zusahen, wendete sich das Mädchen zu Bastian, Ehrlich und den andern jungen Burschen und sagte:
»Ihr Mannsleute, lauft doch und helft, helft!«
Ihre Worte hatten eine elektrische Wirkung, denn bis auf Vater Kleine und ein Paar alte Männer, die unbeweglich und starr am Ende des Dorfes stehen blieben, eilten alle dem Schauplatze des Unglücks zu.
Feuer ist im Allgemeinen das Unglück, bei dem man am wenigsten das allgemeine Mitleid anzuregen braucht. Jeder fürchtet, wenn er die entsetzlichen Wirkungen sieht, für sich selbst Feuerschaden und beeilt sich, gewissermaßen sogar aus Selbstsucht und selbst mit Gefahr die Flammen auszulöschen.
Das brennende kleine Gut stand an der andern Seite der Schlucht und war in gerader Linie kaum fünfhundert Schritte entfernt, aber man musste den Berg hinunter und wieder hinauf, was die Entfernung verdoppelte.
Je näher man kam, umso deutlicher erkannte man in dem hellen Schein des Feuers die, welche zuerst angekommen waren, erschrocken um den Glutherd herum liefen oder in nutzloser Weise zu helfen suchten.
Wie es Vater Kleine gesagt hatte, so war es: die Scheuer brannte, aber von ihr aus verbreitete sich die Flamme bald zu den andern Gebäuden.
Mariechen, Ehrlich und Bastian kamen nach wenigen Minuten an und ihnen folgten die Andern.
Die zuerst angekommen waren, hatten die Tür aufschlagen müssen. Julie war wahrscheinlich zum Besuch in der Nachbarschaft gewesen, der Knecht in der Schenke und die Magd bei dem Schatze.
Als man in den Hof trat, hörte man das Vieh brüllen. Man weiß, welchen seltsamen Eindruck das Feuer auf die Haustiere macht; gewöhnlich kann man sie da nicht fortbringen, wo sie sind, und sie bleiben im Stalle, Pferde, Rinder, Schafe, bis der Tod sie erfasst.
Die zuerst Angekommenen hatten Alles versucht, um die Pferde, Kinder und Schafe zu retten, aber das gewöhnliche Widerstreben gefunden, und so war die arme Julie der Gefahr ausgesetzt, nicht nur die Gebäude niederbrennen zu sehen, sondern auch dabei all ihr Vieh zu riskieren, was sie in gänzliche Armut stürzen musste.
Hier zeigte sich indes recht auffallend die eigentümliche Macht, welche Ehrlich über die Tiere besaß. Er ging in den Stall hinein und redete zu den zitternden Pferden, die in ihrem Entsetzen sich losgerissen, sich zusammengestellt hatten und nach Jedem schlugen, der ihnen nahen wollte; auf die Stimme Ehrlichs aber richteten sie den Kopf empor und wieherten, dann trat Ehrlich hinzu trotz dem Rauche, setzte sich auf eines der Pferde und brachte es leicht durch die Tür in den Hof, wohin das andere folgte.
Er pfiff in eigentümlicher Weise, brachte sie so an einen sicheren Ort und befahl dem Bernhard, sie da zu bewachen, was der Hund auch sofort übernahm.
Darauf ging Ehrlich in den Kuhstall, wie er früher in den Pferdestall gegangen war und zwar gerade auf den Stier zu, der brüllend mit den Hörnern das Stroh umher warf. Er fasste ihn an den dampfenden Nüstern und zog ihn nach sich. Er war ganz demütig und folgsam geworden. Sobald die Kühe den Stier gehen sahen, folgten sie ihm, und nach wenigen Augenblicken befanden sich alle bei den Pferden, unter der Obhut Bernhards.
Es blieben nun die Schafe noch übrig. In deren Stall, der bereits brannte, brauchte Ehrlich gar nicht hineinzugehen; er rief an der Tür so wie die Schäfer rufen und sofort stürzten sie sich wie eine Lawine heraus unter Sprüngen und Blöcken, womit sie sowohl das Entsetzen, das sie empfunden hatten, als die Freude über die Rettung ausdrückten.
Die Bauern hatten Ehrlich diese dreifache Arbeit, die man für unmöglich gehalten, mit Staunen und einer Art Verehrung verrichten sehen. Bastian namentlich, den die Pferde geschlagen, die Kühe gestoßen hatten, und der, um ein Schaf herauszubringen, dasselbe hatte herauftragen müssen, war gar nicht abgeneigt, Ehrlich für einen Hexenmeister zu halten, denn auf dem Lande glaubt man noch an Hexenmeister und schreibt ihnen die außerordentlichsten Wunder zu. Nur sieht diese Wunder Niemand, während Ehrlich vor Aller Augen und als verstehe sich das so von selbst, Dreierlei getan hatte, was alle Andern für unmöglich gehalten.
Die Bauern standen um ihn herum, als ob ihnen von dem so »blöden« Jünglinge irgend eine Inspiration kommen müsse, vor welcher das Feuer zurück weiche oder erlösche, als man plötzlich ein grässliches Schreien hörte, anfangs in der Ferne, nach dem Turme von Vez zu, aber es kam von Sekunde zu Sekunde näher. Es war herzzerreißendes Frauenschreien, das gar nichts Menschliches an sich hatte, und in dem man nur die Worte verstand, welche freilich alles erklärten: »Mein Kind! mein Kind! Rettet mein Kind!«
Julie war es, die atemlos herbei lief, mit fliegendem Haare, mit ausgestreckten Armen. Sie hatte ihr kaum dreijähriges Kind der Magd überlassen, die es eingeschlossen hatte, und in das Dorf Bonneuil gegangen war, weil sie wusste, dass Julie bei ihrem Vater in Vez war, und die Nacht dort bleiben wollte.
Von Vez aus hatte aber Julie das Feuer gesehen, sie hatte erkannt, dass ihr eigenes Gut brenne, war fortgelaufen, und auf dem Wege mit einem Mädchen zusammengetroffen, das ebenfalls so schnell als möglich nach dem Feuer lief. Dieses Mädchen war die unglückselige Magd, welche die Folgen ahnte, die ihre Unvorsichtigkeit haben konnte, und so rasch als möglich lief, um wenigstens das Kind noch zu retten.
Sobald die arme Mutter das Mädchen erblickte, erriet sie alles, und begann mit der Kraft, dem Mute, der Wut einer Mutter, mit dem herzzerreißenden Geschrei, das man von Weitem gehört hatte, von Neuem ihren atemlosen Lauf. Alle schauerten, als sie den Ruf hörten: »mein Kind, mein Kind! Rettet mein Kind!«
Man hatte die Pferde, die Kühe, die Schafe gerettet, dabei aber die Flammen das Wohnhaus ergreifen lassen, dass man für ganz menschenleer hielt, da man Niemanden von der Familie sah; man hatte das Vermögen der Witwe gerettet, das Feuer aber das Leben verzehren lassen.
Alle traten bei Seite vor dieser Frau, die mit solcher Gewalt an die Tür schlug, dass sie aufsprang, aber mit der einbringenden Zugluft schienen auch von allen Seiten die Flammen hervorzubringen.
Die Treppe brannte.
Julie wagte sich in das Innere hinein, aber man eilte ihr nach, man hielt und zog sie zurück.
Da verdoppelte sie ihr Jammergeschrei, die Arme emporgestreckt nach den Fenstern, die von den Flammen hell erleuchtet waren, und in der Glut zersprangen, hatte sie nur den einen, den schrecklichen Ruf, das Jammern der Mutter:
»Mein Kind! mein Kind! mein Kind!«
Mariechen sah um sich und erkannte, dass alle Männer bestürzt und mutlos da standen. Man suchte nach Ehrlich, aber er war verschwunden.
»Bastian!« rief sie, Bastian, sehen Sie die arme Mutter nicht?
Ach, Herr Bastian,« fiel auch Julie ein, »Sie sind Soldat, Sie fürchten nichts.«
»Ja,« entgegnete Bastian, »das ist gerade so als sagten Sie zu mir, Bastian, springe einmal von dem Kirchturm herunter. Ich werde nicht zurück kommen können, aber gleichviel, ich will's versuchen.«
»Und er sprang in das Haus hinein unter dem Zurufe: »Mut, Bastian, Mut!« Diese Rufe kamen von allen Lippen, oder vielmehr aus allen Herzen; aber trotz der ermutigenden Zusprache gelangte der Husar kaum bis zur Hälfte der Treppe; da musste er zurück weichen vor den mächtig andrängenden Flammen.
Das Haar und der Bart war ihm verbrannt.
»Ach, Bastian, Bastian, mein Retter!« rief Julie, »noch einen Versuch!«
Bastian machte den Versuch noch einmal, und verschwand im Rauche, aber unter seinen Füßen brach die brennende Treppe zusammen, und er stürzte in glühende Trümmer hinein.
Die Hoffnung zu dem Kinde zu gelangen, musste also aufgegeben werden, da die Treppe zusammen gebrochen war.
Aber wenn auch alle die Hoffnung aufgeben, eine Mutter gibt sie nie auf.
»Durch das Fenster!« rief Julie. »Durch das Fenster! Es ist eine Leiter da, es muss eine Leiter da sein. Mein Gott, wenn ich die Leiter hätte, holte ich selbst mein Kind.«
»Dreitausend Schock Donnerwetter!« rief Bastian. »Die Leiter, die Leiter! Niemand außer mir darf das Kind holen.«
Aber man suchte die Leiter vergebens, und die arme Mutter rang in verzweiflungsvollem Wehklagen die Hände.
In diesem Augenblicke ließ sich eine sanfte Stimme über Alle hören, als käme sie vom Himmel herab.
»Platz, Platz!« rief die Stimme. »Da ist das Kind.«.
Man blickte empor, und bemerkte mitten in den Flammen und dem Rauche Ehrlich, der mit dem Kinde auf den Armen an das Fenster trat.
Er hatte die Leiter genommen, war damit durch den Garten gegangen, da durch ein Fenster in das Haus gestiegen, und bis zu dem Bettchen des bereits fast erstickten Kindes gelangt.
Dann wollte er auf dem Wege zurückkehren, auf dem er gekommen, aber nach dem Einsturz der Treppe waren die Flammen mächtiger aufgeschlagen, und der Weg nach jenem Fenster war ihm abgeschnitten.
Deshalb erschien er mit dem Kinde auf dem Arme am Fenster nach dem Hofe.
»Ein Tuch, eine Decke, in das ich das Kind werfen kann!« rief Ehrlich.
Ein paar Personen drangen in das Haus, die arme Mutter aber stand unbeweglich da, die Arme nach ihrem Kinde ausgestreckt.
Die, welche in das Haus sich gewagt hatten, kamen mit einer großen Decke zurück. Diese hielt man unter dem Fenster auf, und fasste die vier Zipfel recht fest.
Es die höchste Zeit; die Flammen drangen, wie wütend darüber, dass ihnen ihre Beute entrissen werde, heran, und umhüllten Ehrlich mit ihrem Feuer- und Rauchkreise.
Darum ließ er das Kind hinabfallen, sobald die Decke unten zum Empfange bereit war, und es kam wohlbehalten da an.
Die Mutter stürzte sich auf dasselbe, nahm es auf ihre Arme, und lief mit ihm wie eine Wahnsinnige davon.
Etwa dreihundert Schritte weiter sank sie mit ihm an einem Frimen (Getreidehaufen) nieder.
Was lag ihr an der Ernte, welche von den Flammen verzehrt wurde, was an dem einstürzenden Hause? Hatte sie aus diesem Unglücke nicht das Einzige gerettet, was das Leben einer Mutter ausmacht, ihr Kind?
In ihrer erhabenen Undankbarkeit hatte sie sogar Ehrlich vergessen.
Das Fenster war etwa zwanzig Fuß hoch.
Nachdem Ehrlich das Kind hinabgeworfen hatte, erhob er seine sanften Augen gen Himmel, schlug die Arme auf der Brust über einander, flüsterte einige Worte, und sprang hinab.
Er kam zwar auf die Füße, aber der Gegenstoß war doch so heftig, dass er wankte, einen Seufzer ausstieß und ohnmächtig niedersank.
Als er wieder zu sich kam, lag er im Hofe auf frischem Stroh; neben ihm kniete weinend Mariechen, und hielt seine linke Hand.
Bernhard leckte ihm winselnd die rechte, und beschnupperte von Zeit zu Zeit sein Gesicht, gleich als wolle er sich überzeugen, dass er nicht tot sei.
Zum Glück wussten die beiden Mütter, Frau Marie und Madelaine, von allem dem nichts, und als Ehrlich die Augen wieder aufschlug, begegnete er nur denen Mariens.
Er lächelte, und machte eine Bewegung, als wolle er ihr Gesicht den seinigen nähern.
In ihrer Freude vergaß Mariechen alles, sie schrie laut auf, und drückte ihre Lippen auf die Lippen des Jünglings. —
Mit Ausnahme ihrer Liebkosungen als Kinder, war es das erste Mal, dass die beiden Gesichter einander berührten. —
Da erkannten aber auch die beiden keuschen Kinder Etwas, das sie selbst bisher nicht geahnt hatten.
Sie hatten nicht aufgehört einander als Bruder und Schwester zu lieben, und fingen nun an einander als Liebende zu lieben.
Sie standen Hand in Hand auf, und traten mit Bernhard schweigend den Rückzug nach den beiden Häuschen an.
In der Mitte des Weges etwa begegneten sie den beiden Müttern, die ihnen entgegen kamen.
Sie hatten bereits gehört, welch großen Dienst Ehrlich der armen Julie geleistet, und wie diese dachten sie keinen Augenblick an die Pferde, die Kühe und Schafe, sondern sie riefen:
»Ach, mein Sohn, Du hast ihr also das Kind gerettet?«
Ehrlich lächelte, und antwortete nicht, Mariechen aber erzählte, was er in der schrecklichen Nacht getan. Diese Erzählung, die rein aus ihrem Herzen floss, und von Tränen der Liebe begleitet war, ging in alle Einzelheiten ein, und stellte Ehrlich als das dar, was er wirklich gewesen war, als den Vermittler zwischen der Vorsehung und dem Unglücke.
Die beiden Mütter hörten erstaunt die Erzählung Mariechens an, denn sie hatten das Mädchen noch nie so begeistert, sie hatten Ehrlich noch nie so seelenheiter gesehen.
Ohne dass es ihnen gesagt zu werden brauchte, errieten sie, dass der stille Wunsch ihrer Herzen in Erfüllung gegangen sei. Frau Marie führte Mariechen in die Arme Madelaine's, Madelaine führte Frau Marien Ehrlich zu.
Da gingen über die Lippen der beiden Kinder die leisen Worte:
»Frau Marie, ich liebe Mariechen.«
»Frau Madelaine, ich liebe Ehrlich.«
»Nun,« sagten darauf mit freudigen Seufzern die beiden Mütter: »das ist nichts Böses, Kinder; wir wollen mit dem Vater Kleine darüber reden.«
Vater Kleine war, wie man es sich wohl denken kann, der Lenker und Leiter des Geschickes in beiden Häuschen.
Gleich am nächsten Tage wurden ihm denn durch Madelaine die nötigen Mitteilungen gemacht.
Er hörte ernsthaft zu, und als Madelaine alles gesagt, was sie zu sagen hatte, antwortete er:
»Hm! wir wollen sehen.«
Da dies die gewöhnliche Antwort des Vaters Kleine war, wenn er in etwas willigen, in etwas nachgeben wollte, so hielten die beiden Familien dieselbe für eine Zustimmung, und die Freude, der Segen des Himmels, ließ sich zu den beiden Familien nieder.
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