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Alexandra Södergran

Die Swinger und acht andere erotische Verführungen

Lust

Die Swinger und acht andere erotische Verführungen Übersetzt von Alina Becker, Saskia Schwörer, Anna Gram

Copyright © 2018, 2019 Alexandra Södergran und LUST

All rights reserved

ISBN: 9788726150117

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von LUST gestattet.

Die Swinger und acht andere erotische Verführungen

Der letzte Wunsch der Ärztin

Clara spürte eine Veränderung. Es war wie ein innerer Weckruf, eine Sehnsucht, so hell und klar, als hätte das Sonnenlicht ihr gesagt, dass sie ein Kind zur Welt bringen sollte.

Sie begann, die Kinderstimmen auf Spielplätzen wahrzunehmen, die mit Geschrei und Gelächter eine Welt erkundeten, zu der Erwachsene keinen Zutritt hatten. Sie bemerkte Kinder im Bus, im Wartesaal des Krankenhauses, in dem sie arbeitete, und auf dem Bürgersteig, über den sie wie kleine Lemminge in gelben Warnwesten marschierten, und das Einzige, was Clara hörte, waren ihre lebhaften Stimmen, während sie miteinander schnatterten. Sie verbreiteten Freude und zeigten ihr auf eine unbekümmerte Art, dass die Welt noch Wunder bereithielt. Clara wollte dabei zusehen, wie ein neuer Mensch entstand, wie Leben erschaffen wurde. Alles aufs Neue. Ein Kind sah alles zum ersten Mal. Ein Kind bedeutete Liebe.

Aber der Gedanke machte Clara auch Angst. Die lebenslange Verantwortung. Die Gefahren. Wollte man wirklich ein Kind in diese Welt setzen? Was, wenn etwas Schlimmes passierte? Ein Unfall? Bei der Vorstellung bekam sie Magenschmerzen. Aber die Angst klang immer wieder ab, und der Drang, der Herzenswunsch, ein Kind zu bekommen, blieb.

Das Schlimmste, wovon sie bisher gehört hatte, waren Menschen, die nur Kinder bekamen, weil ihre Freunde es auch taten. Oder weil ihnen langweilig war. Weil sie sich einsam fühlten. Am liebsten hätte sie solchen Menschen jedes Mal ins Gesicht geschrien, dass ein Kind kein Spielzeug war, kein Zeitvertreib.

Eines Tages erzählte Clara einer Arbeitskollegin davon, wie wichtig dieser Gedanke ihr plötzlich geworden war. Dass sie seit einigen Wochen überall Kinder sah, was ihr noch nie zuvor passiert war. Ihre Kollegin erwiderte, das sei gar nicht so ungewöhnlich, die biologische Uhr ticke eben immer lauter. Es werde langsam Zeit, sagte sie, lächelte spöttisch, tätschelte Claras Bauch und begann, aufgeregt von der neuesten Fernsehserie zu berichten. Clara verlor kein Wort mehr über die Angelegenheit. Sie wollte sich ihren schönen Traum nicht zerstören.

Aber natürlich sprach sie ihren Mann darauf an. Nach dem Mittagessen öffnete sie eine Flasche Wein, bat ihn, sich zu ihr zu setzen, und sagte dann geradeheraus: „Rickard, ich möchte Kinder.“

„Jetzt?!“

Sie lachte, riss sich dann aber zusammen. Es war wichtig, dass er die Sache ernst nahm.

„Ja, es ist mir wirklich wichtig. Ich liebe dich, Rickard, und ich will, dass wir Kinder kriegen ... Das weiß ich. Ich will es so sehr.“

Er rieb sich schweigend das Kinn. „Ich dachte, das hätten wir abgehakt“, sagte er.

„Wie, abgehakt?!“

„Na ja, du bist jetzt sechsunddreißig, und ich bin bald ein alter Mann ...“

„Du bist zweiundvierzig!“

Er wand sich umständlich auf seinem Stuhl und lehrte sein halb volles Glas Wein mit zwei großen Schlucken. „Ich will es nicht“, sagte er dann und schüttelte vehement den Kopf. „Ich will keine Kinder. Ich liebe dich, das weißt du, aber Kinder ... nein.“ Er schüttelte erneut den Kopf. „Familienleben ist nichts für mich ... Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber das ist einfach nicht mein Ding ...“

„Wenn du Angst hast, dann sollst du wissen, dass ich dir vertraue, Rickard. Ich weiß, dass du ein wundervoller Vater sein wirst. Man muss nicht hundertprozentig bereit dafür sein, man wächst da einfach hinein.“

„Ich habe keine Angst.“ Er rieb sich die Hände. „Verstehst du überhaupt, was es bedeutet, Kinder zu haben? Ich meine, unser bisheriges Leben ist dann vorbei. Nicht mehr ausgehen, keine spontanen Reisen ...“

„Das spielt doch alles gar keine Rolle. Das hier ist wichtig. Ich will es wirklich von ganzem Herzen.“ Die Unerschütterlichkeit in Claras Stimme machte am meisten Eindruck auf Rickard. Sie schauten einander in die Augen. Er holte tief Luft und starrte auf die Tischplatte.

„Gib mir ein bisschen Zeit zum Nachdenken“, sagte er.

Mehr wollte Clara gar nicht hören. Sie entspannte sich wieder.

Rickard machte einen langen Spaziergang, und als er am Abend nach Hause kam, setzten sie sich auf die Couch und redeten bis spät in die Nacht. Es war wundervoll. Sie erzählten sich Dinge, über die sie nie zuvor gesprochen hatten. Rickard sagte, dass er die Stimmen alter Menschen wirklich gern mochte, das Raue, Heisere und Müde, und dass er sie Kinderstimmen eindeutig vorzog, die er meistens als schrill und laut empfand.

„Aber Kinder sind immer so fröhlich“, protestierte Clara.

„Das können alte Menschen auch sein“, gab Rickard zurück. Sie redeten darüber, wie sie ihren Tonfall, ja, ihr ganzes Verhalten änderten, wenn sie mit ihren Eltern sprachen.

Clara erzählte davon, wie sie als Kind geschlagen wurde. Rickard hörte zu. Dann wechselte Clara hastig das Thema und sagte, der Löwenzahn sei ihre Lieblingsblume, und Rickard meinte, seine sei die Sonnenblume, und diese beiden seien doch quasi die gleiche Blume, einmal im Riesen- und einmal im Miniformat.

Größer sei nicht automatisch besser, gab Clara zu bedenken. Der Löwenzahn ist stark genug, sich durch Asphalt zu kämpfen, aber die Sonnenblume ist so instabil, dass sie im Wind bricht, wenn sie allein steht. Rickard lächelte. Sie sagte, sie glaube, dass alles auf der Welt eine bestimmte Rolle spiele, und sich die Frage von besser oder schlechter gar nicht stelle.

Sie erzählten sich von ihren geheimen Wünschen und liebten sich mit halb abgestreiften Kleidern auf der Couch. Sie erforschten einander sanft und langsam, ohne eine einzige körperliche Empfindung auszulassen, und sie entkleideten sie gegenseitig, bis sie ganz nackt waren. Clara wand die Hüften unter ihm und bat ihn wortlos, sich einfach fallen zu lassen. Sein Blick war wild und es schien, als hätte er beschlossen, eine Mauer einzureißen, als er ihre Beine auf seine Schultern legte und sie vögelte, bis sie schrie.

Sie verbrachten mehrere solcher Nächte. Manchmal saßen sie am Küchentisch, manchmal auf der Couch, aber Fernseher und Mobiltelefone schalteten sie immer aus. Nach einer Woche verkündete Clara, dass sie die Pille absetzen werde.

Rickard verstummte und hielt inne, als wollte er sich reflexartig vor einer Gefahr schützen. Aber einen Augenblick später schaute er sie an und nickte. „Okay“, sagte er.

In den ersten Jahren ihrer Beziehung war Rickard der Aktive gewesen, der sie verführt hatte, der sie dazu gebracht hatte, die Hosen fallen zu lassen, wo immer sie sich gerade aufhielten. Aber irgendwann schien es, als hätte er das Interesse an ihr verloren, und ihr Selbstvertrauen war geschwunden. Sie fühlte sich immer unattraktiver. Unbrauchbar. Es folgte eine lange, dunkle Zeit, in der sie sich voneinander entfernten. In dieser Zeit beschloss sie, all ihre Energie in die Beziehung zu stecken. Die Situation war, wie sie eben war, aber konnte sie wirklich nichts daran ändern?

Im Gegenteil. Sie beschäftigte sich eingehend mit der Kunst des perfekten Blowjobs, um die Erotik neu zu entfachen. Rickard war für jede neue Überraschung zu haben, Claras Selbstvertrauen kehrte zurück, und sie spürte, wie sich etwas in ihr löste. Sie entspannten sich miteinander und rückten wieder näher zusammen. Vor allem begannen sie, über ihre Gefühle zu sprechen.

Während eines kurzen, glühenden Moments der Erkenntnis wurde ihr bewusst, dass die neue Verbundenheit zwischen ihnen nichts mit ihren Fähigkeiten zu tun hatte – sie mussten einfach nur gut zusammenspielen. Und wenn er nicht die Initiative ergriff, dann musste sie es eben tun.

Ihr Sexleben wurde fantastisch.

Auf eine ihrer Lieblingsspielereien waren sie ganz zufällig gekommen. Alles fing damit an, dass sie ihm spontan auf der Couch den Hintern zuwandte und langsam ihr Kleid hochzuschieben begann. Ihn so zu verführen machte sie nervös, aber es war herrlich und wurde noch besser. Gerade, als sie sich auf seinen Schoß hatte sinken lassen, klingelte das Telefon. Es klingelte mehrmals. Clara schaute auf das Display und wusste, dass sie antworten musste, als sie Saras Namen las.

„Ich höre jetzt nicht auf, dich zu ficken“, sagte Rickard.

„Okay, aber sei bitte leise“, sagte Clara und unterdrückte ein Wimmern, während sie den Anruf annahm.

„Hey! Was machst du gerade?“, fragte Sara und im Hintergrund war Stimmgemurmel zu hören, das Klirren von Porzellan und das Kratzen von Stuhlbeinen auf dem Boden. Clara hoffte, dass diese Geräusche laut genug waren, um das Klatschen von Rickards Hüften an ihrem Hinterteil zu übertönen. Nach einem kurzen Moment der Bedenkzeit antwortete sie: „Ich bin im Fitnessstudio.“

„Okay. Weißt du, was am Wochenende passiert ist?“

„Nein“, sagte sie und stöhnte leise.

„Äh, was machst du gerade?“

„Habe ich doch gesagt, ich bin im Fitnessstudio.“ Die Worte drangen stoßweise aus Claras Kehle und sie atmete schwer. „Ich bin auf dem Stepper.“

„Aha, also ich kann dich auch später anrufen ...”

„Nein, rede einfach, ich höre dir zu.“ Clara unterdrückte ein Stöhnen und richtete sich ein Stückchen auf. Sie näherte sich dem Orgasmus. Bei der nächsten Gelegenheit schaltete sie ihr Telefon in den Lautsprechermodus.

Sara erzählte ihr von ihrem Date mit einem Typen, mit dem sie schon lange zusammenkommen wollte. Er war erst vierundzwanzig Jahre alt und schüchtern, aber attraktiv wie ein griechischer Gott.

Clara verhielt sich so leise wie möglich und hörte ihr zu, aber sie war jetzt kurz vorm Höhepunkt. „Hast du ... hmm, ein paar pikante Details?“, fragte sie.

„Ja, weißt du, unter der schüchternen Oberfläche hat er sich als wahrer Teufel im Bett erwiesen.“

„Hm?“

„Er hat mich Kopf voran ins Bett gezerrt, hat mich hart von hinten gevögelt und immer wieder an den Haaren gezogen. Oh, Gott, das war schön.“

Diese Worte waren der Katalysator, der Clara zum Explodieren brachte. Sie drehte das Handy weg, ihr ganzer Körper bebte, und anstatt ihrem Orgasmus laut Ausdruck zu verleihen, unterdrückte sie jeglichen Laut.

„Bist du noch da?“, klang es aus dem Hörer. „Hallo?“

„Ja ... ja, ich bin hier. Ich hatte einen Krampf.“

Sara lachte. „Du machst Witze, oder?“

Clara stieg von Rickard und ging vor ihm auf die Knie. „Nein, äh, ich hatte wirklich einen Krampf. In der Wade“, sagte sie und nahm seinen Schwanz in den Mund.

„Ah, ja, das tut scheißweh“, sagte Sara.

„Hmhm, ist aber nichts Schlimmes. Clara glitt mit der Zunge rund um die Eichel. Ihr Haar fiel ihr ins Gesicht und sie musste kurz von Rickard ablassen, um es festzuhalten. Rickard übernahm und begann, stürmisch zu masturbieren. Alles, was Clara tun musste, war, die Zunge auszustrecken und mit ihrem sehnsuchtsvollsten Blick zu ihm hinaufzuschauen. Er kam wie mit einem Peitschenknall und brummte dabei wie ein Bär.

Das war einer der heißesten Momente gewesen, die sie zusammen hatten, und noch einige Tage danach hatte Rickard Clara wie eine Königin behandelt. Seitdem war der ‚Telefonsex‘ ein regelmäßiger Bestandteil ihres Lebens geworden und Clara war dazu übergegangen, diverse Gespräche mit Behörden zu führen, während er sie fickte. Vor allem die Warteschleifen waren so angenehmer, und es war immer wieder lustig, einen unwissenden Gesprächspartner mit seinem steifen und bürokratischen Redeschwall am Ohr zu haben, während sie bis zur Besinnungslosigkeit gevögelt wurde.

Jetzt sah die Sache anders aus. Natürlich würden sie weiter herumspielen, aber von nun an musste er seine Ladung wie eine Goldreserve behandeln, die den einzig wahren Schatz heben konnte: Kinder zu bekommen. Nicht das kleinste Körnchen Gold durfte verschwendet werden.

Auch wenn die Voraussetzungen für eine Schwangerschaft nur in einem kurzen Zeitraum des Monats ideal waren, und einige Studien behaupteten, es sei gut, wenn der Mann sein Sperma einige Tage lang aufsparte, wusste Clara aus jahrelanger Arbeit im Gesundheitswesen, dass Studien sich ständig als fehlerhaft herausstellten.

Sie entschied sich stattdessen für eine mathematische Herangehensweise. Je öfter sie Sex hatten, desto größer war die Chance, dass sie schwanger wurde. Logischerweise musste sie bei jeder sich ihr bietenden Gelegenheit Sex haben. Und sie tat alles dafür, um das zu ermöglichen.

Sie verführte Rickard mit Worten, ihrem launenhaften Verhalten, sie verführte ihn mit sexy Dessous und verbotenen Fantasien. Manchmal schickte sie ihm E-Mails mit Versprechen und anregenden Worten ins Büro. Aber meistens reichte ihre neu erwachte Leidenschaft dafür aus, dass Rickard sich auf sie stürzte, wann immer es ihm passte – und das war oft der Fall.

Sechs Monate ging das so, aber sie war immer noch nicht schwanger. Allmählich wurde sie unruhig und besorgt. Da sie als Ärztin Zugang zum Labor hatte, überredete sie Rickard, eine Spermaprobe abzugeben, und einen Kollegen, den Test durchzuführen. Es stellte sich heraus, das Rickard schlechtes Sperma hatte. Kinder zu bekommen war nicht ganz unmöglich, aber in Verbindung mit Claras Alter standen die Chancen eher schlecht.

Clara war deprimiert. Langsam lebten sie sich wieder auseinander. Nach einem heftigen Streit zog Rickard aus und sie machten Schluss.

Als Allgemeinärztin hatte Clara viel zu tun, in der Regel arbeitete sie fünfzig Stunden in der Woche, aber jetzt übernahm sie jede Schicht, die sie bekommen konnte. Irgendwann kam es ihr so vor, als wäre sie immer in Bewegung. Sie arbeitete, aß und schlief. Manchmal dachte sie darüber nach, ihn anzurufen, aber irgendetwas war immer zu tun, und so vergaß sie diesen Gedanken schnell wieder.

Rickard war der Erste, der sich meldete. Er schrieb ihr einen langen Brief, in dem er sich entschuldigte, ihr aus seinem Leben erzählte und hoffte, dass es ihr gut ging, aber alle Hoffnung versickerte angesichts der vernichtenden Tatsache, dass er nach Frankreich gezogen war und nicht die Absicht hegte, wieder zurückzukehren. Er war aus Claras Leben verschwunden.

Es geschah eines frühen Morgens, als sie eigentlich zu müde war, um über die ganze Sache nachzudenken. Der Mann, der für eine Routineuntersuchung ihr Sprechzimmer betrat, strahlte eine solche Autorität aus, dass sie davon ausging, er habe irgendwo eine wichtige Position inne. Sie war ungewöhnlich wuschig für die frühe Uhrzeit, und sein männlicher Duft löste irgendetwas in ihr aus. Clara konnte sich nicht zurückhalten. Sie glitt mit der Hand über seinen Oberkörper und unter das aufgeknöpfte Hemd.

Sie wusste, dass er in der gleichen Stimmung war wie sie. Er brach das Schweigen, als er ihr mit dunkler, rauer Stimme sagte, wie schön sie sei. Sie schliefen miteinander. Sie war schon einmal gekommen, als er das Tempo erhöhte und sie erkannte, dass es auch bei ihm bald so weit war. Sie schlang die Beine um seine Hüfte.

„Oh Gott, ich komme, ich komme“, murmelte er keuchend. Er versuchte, sich aus ihr herauszuziehen, aber sie hielt ihn zwischen ihren starken Schenkeln fest.

„Was zur Hölle machst du da? Ich habe nichts übergezogen“, rief er, als sie ihn endlich losließ. Er trat einen Schritt zurück und starrte sie an, als versuchte er, ihre geistige Verfassung einzuschätzen. Einen Moment lang fragte Clara sich selbst, ob sie verrückt geworden war, aber dann antwortete sie ruhig:

„Keine Sorge, ich nehme die Pille.“

Sie fand, dass sie sehr glaubwürdig klang, und war zufrieden mit sich. Als er sich anzog, hatte sie ihn schon fast wieder vergessen.

In ihrem Kopf nahm ein Plan Gestalt an. Ein großartiger Plan, eine brillante Idee. Eine fantastische Lösung, vielleicht die beste. Sie würde schwanger werden und sich dafür den geeignetsten Vaterschaftskandidaten wählen. Sie hatte die Krankenakten! In denen war alles zu eventuellen Erkrankungen oder Erbrisiken vermerkt. Sie würde wissen, ob es in der Familie eine Krebsgeschichte gab oder nicht, und sie konnte sich im Voraus einen Eindruck von Lebensstil und Gewohnheiten des zukünftigen Vaters ihres Kindes machen. Und alles, das nicht in den Akten stand, konnte sie selbst erfragen. Die Menschen waren es gewohnt, auf Fragen von Ärzten zu antworten.

Endlich saß sie am längeren Hebel.

Am Anfang experimentierte sie viel herum und war darauf bedacht, keine Risiken einzugehen. Wenn sie gemeldet würde, wäre alles für die Katz.

Im Laufe der Zeit wurde sie immer besser darin, die Zeichen zu deuten. Ihre Strategie wurde immer ausgefeilter. Sie wählte für gewöhnlich die jungen Männer zwischen zwanzig und dreißig. Am Anfang gab sie sich mütterlich und legte mit ihrer warmen, weichen Stimme und ausgiebigem Körperkontakt den Grundstock. Sie empfand für die jungen Männer wie eine normale Ärztin für ihre Patienten, aber sie hielt ihre Hände ein bisschen länger in den ihren, lehnte sich etwas näher an sie heran, als es nötig gewesen wäre und streichelte sie.

Sie vermutete, dass viele junge Männer von so einer Situation fantasierten, aber nur wenige darauf vorbereitet waren, wenn es tatsächlich geschah. Nicht immer funktionierte es. Aber wenn sie bekam, was sie wollte, ging sie immer auf die gleiche Weise vor. Sie setzte sich auf die Pritsche und spreizte die Beine. Das war am praktischsten, denn wenn die Männer sich vorm Abspritzen drücken wollten, konnte sie sie einfach mit den Schenkeln festhalten.

Clara ließ sich von mehr Männern besamen, als sie zählen konnte, aber sie sah jede weitere Eroberung als eine neue Chance, schwanger zu werden.

Mittlerweile hörte sie die Kinder auf dem Spielplatz nicht mehr, bemerkte weder ihr Lachen noch ihr Spiel, und hatte längst vergessen, warum sie Kinder bekommen wollte. Das Einzige, was sie wusste, war, dass es passieren musste.

Manchmal, wenn sie an Rickard dachte, fühlte sie sich innerlich umarmt, aber sie versuchte, dieses Gefühl der Geborgenheit zu ignorieren. Sie war damit beschäftigt, Männer zu beobachten, wann immer es ihr möglich war, sie zu bewerten, sich zu fragen, ob sie über eine gute Erbmasse und geeignete Spermien verfügten. Unbewusst erkannte sie, dass das alles nichts mit Liebe zu tun hatte – aber spielte das eine Rolle, wenn es zu dem Zweck geschah, ein Kind mit all ihrer Liebe großzuziehen?

Sie trug einen Ordner mit sich herum und blätterte konzentriert durch die Krankenblätter. Nein, sagte sie sich bestimmt. Nein, es spielte keine Rolle.

Die Zeit verging und der Geschlechtsverkehr wurde weniger. Das Problem ihrer Herangehensweise war, dass es sich bei vielen ihrer Patienten um Frauen handelte, sich viele der Männer nicht verführen ließen und andere zu alt oder einfach nicht geeignet waren. Schließlich begegnete sie ihnen immer noch in der Rolle der Ärztin.

Sie wusste nicht, was sie tun sollte, und ihre Laune wurde immer schlechter. Als sie auf den Krankenhausflur trat, wurde sie beinahe von einem jungen Mann in Krankenpflegeruniform umgesprungen. Er entschuldigte sich mit einem charmanten Lächeln und sie lachte, als sie erkannte, dass sie das Naheliegendste überhaupt nicht in Erwägung gezogen hatte.

Sie schaute sich unter ihren Kollegen um, den Krankenpflegern und allen jungen, gut aussehenden Praktikanten. Ihr Problem hielt gleichzeitig die Lösung bereit. Das Krankenhaus war voll von geeigneten Kandidaten. Mit erwartungsvollem Lächeln begann Clara, neue Pläne zu schmieden.

Eines Morgens kam er, die glatte Zehn auf einer eigentlich nicht mehr ausreichenden Skala. Er war mindestens eine Zwölf. Ein Mann mittleren Alters mit dichtem, dunklem Haar und grauen Strähnen an den Schläfen. Er hatte helle Augen und auffällige Lachfältchen. Oberarzt und Chirurg. Aber heute hatte Clara sich selbst für seine Prostatauntersuchung eingeteilt. Immerhin wurde diese Routineuntersuchung mit dem Alter immer wichtiger.

„Würden Sie sich bitte auf diese Liege legen und die Hose herunterziehen – bis knapp unter das Gesäß“, sagte sie in gleichgültigem, förmlichem Tonfall.

Er räusperte sich. Während Clara vorgab, sich seiner Krankenakte zu widmen – aber kein einziges Wort aus der Akte registrierte – hörte sie das Klirren seiner Gürtelschnalle und ein rutschendes Geräusch, als seine Hose zu Boden glitt. Sie zog einen Gummihandschuh über, drehte sich um und musterte sein Gesäß. Kaum ein Haar, glatt und wohlgeformt. Sie drückte ein wenig Gleitmittel auf ihren Finger und deutete auf seine Pobacken.

„Ich führe jetzt meinen Finger ein.“ Jetzt klang sie nicht mehr so förmlich. Sie wählte einen Tonfall, der sich bei einer Telefonsexhotline gut machen würde. „Sie sagen mir einfach, wenn es unangenehm wird – fühlt sich das gut an?“

„Äääähm ... Das ist schon okay.“

Vorsichtig betastete Clara die kastanienförmige Prostata. Natürlich wusste sie, dass die Prostata gleichzeitig der männliche G-Punkt war. Sie massierte sanft und er begann zu zittern. Leise Geräusche entwichen seiner Kehle, die er trotz seiner zusammengebissenen Zähne nicht zurückhalten konnte.

„Fühlt sich das noch gut an?“

Er gab keine Antwort.

„Sagen Sie mir einfach, wenn ich aufhören soll.“

Ihre Stimme war sanft wie Seide, während er gar nichts sagte.

„Jetzt werde ich den Hodensack abtasten – nur um sicherzugehen, dass auch dort alles in Ordnung ist.“

Als sie sich vorbeugte, presste Clara ihre Brust gegen seinen Rücken und hauchte ihm ihren Atem in den Nacken, schlang den Arm um seine Hüfte und griff nach seinem Hodensack. Er war nicht weich. Die Hoden hatten sich zusammengezogen und sein Schwanz stand wie eine Eins. Clara spürte, wie es in seinem Brustkorb brodelte. Ein Lächeln breitete sich über ihr Gesicht aus, und sie musste alle Konzentration aufbringen, damit sich das nicht in ihrer Stimme niederschlug. So sexy wie möglich sagte sie: „Sehr gut, völlig gesund.“ Sie strich mit der Hand über sein überraschend großes Glied. Heute war ihr Tag. Eigentlich sollte jetzt alles in trockenen Tüchern sein.

„Ich würde mir jetzt gern Ihren Penis anschauen.“

Sie bewegte sich um ihn herum. Was für ein Anblick! Er blinzelte sie mit glasigem Blick an. Sie griff nach seinem Schwanz und setzte sich vor ihm auf die Pritsche. Langsam spreizte sie die Beine. Ihr Arztkittel rutschte hoch und entblößte ihre nackten Schenkel, und kurz darauf konnte er sehen, dass sie keine Unterwäsche trug. Während sie seinen Schwanz massierte, knöpfte sie ihren Kittel auf. Immer tiefer wurde ihr Dekolleté.

„Was soll das – was machen Sie da?“

„Sie können mich haben.“

„A-a-aber was soll das? Sie sind eine Ärztin ...“

Er unternahm halbherzige Versuche, Widerstand zu leisten, aber ihr Griff an seinem Schwanz, abwechselnd locker und fest, machte es ihm unmöglich, sich einfach anzuziehen und zu gehen. Sie ließ seine Eichel über ihren Oberschenkel gleiten, und sein Lusttropfen hinterließ eine schleimige Spur auf ihrer Haut. Er stöhnte jetzt laut auf und sie lockerte noch einen Knopf ihres Kittels.

„Ich will, dass du ihn hineinsteckst.“ Sie schaute ihm in die Augen, öffnete den Mund und leckte sich die Lippen. „Steck mir deinen Schwanz in die Möse. Machst du das? Willst du mich ficken?“

„Ich – ich habe eine Frau ...“

Clara knöpfte den Kittel vollends auf und lehnte sich zurück. Ihre Brüste hoben sich ihm entgegen und ihre Brustwarzen drängten sich vorwitzig über den Rand ihres BHs. Sie streichelte sich selbst und schaute ihn an. Dann schloss sie die Augen und stöhnte.

Und dann machte er es. Er stieß seinen Schwanz grob in sie hinein. Clara hielt den Atem an. Er drängte noch tiefer. Mit schweißnasser Stirn legte er sich auf sie, drückte sie gegen die Pritsche, die knarrte und klapperte. Er knurrte und stöhnte. Sie schlang die Beine um ihn und ermutigte ihn zu jedem weiteren Stoß, indem sie die Fersen in sein Gesäß bohrte. Sie würde ihn nicht gehen lassen. Der Ausgang war gewiss und sie hatte keine Eile. Ihre Lust steigerte sich ins Unermessliche und sie zitterte am ganzen Körper. Sein Schwanz pflügte durch sie hindurch und stieß tief in sie hinein, bis sie so heftig kam, dass sich ihr ganzer Körper aufbäumte.

Er hielt ihren Oberschenkel fest, strich über ihren Bauch und ein weiterer Orgasmus nahm Form an. Sie schloss die Augen und vergaß alles um sie herum.

Als auch er gekommen war und langsam wieder Herr seiner Sinne wurde, legte er eine Hand auf ihre Wange, aber sie wischte sie beiseite. Er sagte etwas Freundliches, aber sie dachte gar nicht darüber nach, dass diese Worte an sie gerichtet waren – der einzige Gedanke, der in ihrem Kopf Platz fand, war der Wunsch nach einer erfolgreichen Befruchtung. Alles passte. Sie war in ihren fruchtbaren Tagen, war gleichzeitig mit ihm zum Höhepunkt gekommen und er schien beste Voraussetzungen zu haben. Hoffte sie. Er fummelte an seinen Kleidern herum, blieb aber auf dem Weg nach draußen kurz stehen und drehte sich um. Ob sie sich einmal außerhalb des Krankenhauses sehen könnten. Er kenne ein gutes Restaurant.

Oh, bitte lass ein Kind entstehen, bitte, bitte. Vielleicht ist es ja das Beste, wenn der Mann gar nichts davon weiß? Er braucht es schließlich nicht. Trotz alledem ist es mein Kind, mein ganz und gar eigenes Kind.

Als keine Antwort von ihr kam, öffnete er die Tür und drehte sich ein letztes Mal auf der Schwelle um. Ihr Blick war nach innen gekehrt und ein Schatten lag auf ihrem Gesicht. Er wollte etwas sagen, ahnte aber, dass Worte nicht reichen würden. Und so schloss er leise die Tür hinter sich und wünschte ihr alles Gute. Er hoffte, dass sie bekam, was sie sich wünschte – was immer das sein mochte.

Filmabend

Es war eine dieser Sommernächte, in denen es noch lange nach Sonnenuntergang hell blieb, aber als sie mit dem zweiten Film begannen, wurde es dunkel. Alle Lampen in der Wohnung waren ausgeschaltet und im flimmernden Licht des Fernsehbildschirms waren nicht mehr als die Konturen des Sofas und des Couchtischs zu erkennen, der beiseite geschoben worden war, um Platz für die Matratze zu schaffen. Zwei der drei jungen Leute im Raum saßen auf dem Sofa, während die dritte auf der Matratze lag, den Kopf auf einen Kissenstapel gestützt, um besser sehen zu können.

„Wann kommt deine Mutter nach Hause, Julia?“, fragte Emma. Sie saß auf dem Sofa, gleich neben einem jungen Mann, der etwa im gleichen Alter sein musste, sie aber um eine Kopflänge überragte und mit seinen breiten Schultern und dem ausladenden Körperumfang einen umso größeren Eindruck erweckte. Die beiden hielten Händchen.

„Keine Ahnung“, sagte Julia desinteressiert, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden.

„Aber noch nicht so schnell, oder?“

„Nee. Sie hat Nachtschicht. Vor morgen früh kommt sie nicht nach Hause.“ Julia bereute ihre Worte sofort. Jetzt konnte sie nicht weiter vorgeben, völlig in die Handlung des Films vertieft zu sein. Sie rechnete mit Beschwerden von Emmas Seite, warum sie die Gelegenheit nicht besser ausnutzten, und wappnete sich gegen Emmas Argumente und Überzeugungsstrategien.

Aber es blieb still im Raum.

Julia wollte sich eigentlich erstaunt umdrehen, aber dafür lag sie zu bequem – die Kissen waren gerade perfekt. Irgendwann klang ihre Verwunderung ab und wich Erleichterung. Das war noch mal gut gegangen.

Was sie nicht wusste, war, dass Emma damit beschäftigt war, Anton in freudiger Erwartung eines Blowjobs vorsichtig die Shorts herunterzuziehen.

Julia stockte der Atem, als sie zum ersten Mal Antons unterdrücktes Stöhnen direkt hinter sich hörte, und gleich darauf ein anderes Geräusch. Sie verstand sofort. Ihr wurde warm und sie merkte, wie sich ihr Körper anspannte, das Herz wild pochte und sich ihr Gehör schärfte, um nichts zu verpassen. Wie sollte sie reagieren? Sollte sie etwas tun? Und wenn ja – was dann? Ihr gefiel, was sie da hörte, aber zunächst tat sie einfach nichts, lag nur still da, wie gefangen in ihrem Körper. Im Adrenalinrausch stieg das Kribbeln zu seinem intensiven Gefühl der Begierde an. Für einen kurzen Augenblick wurde der Fernsehbildschirm schwarz und das Spiegelbild ihrer Freunde bestätigte Julias Vermutung. Anton hielt Emmas Hinterkopf fest und ein kleines Stück seines Schwanzes, der aus seinen Shorts herausschaute, war zu erkennen.

Keiner von ihnen hörte das rasselnde Geräusch an der Haustür über das explodierende Auto im Fernsehen hinweg. Der Film nahm an Tempo auf und die Hintergrundgeräusche ebenfalls.

Und keiner hörte, wie sich die Tür öffnete.

Julia, die sich nur ein paar Minuten zuvor von Emmas Gequassel gestört gefühlt hatte, wünschte sich jetzt, die Geräuschkulisse des Films wäre etwas dezenter, um mehr von dem Akt hinter ihr und von Antons Stöhnen hören zu können. Unbewusst tastete sie nach der Fernbedienung, in der Hoffnung, die Lautstärke etwas mindern zu können, ohne dass die anderen beiden es bemerkten.

„Hallo?“ Das war die Stimme ihrer Mutter aus dem Flur – und sie kam immer näher! „Warum sitzt ihr hier im Dunkeln?“

So geschmeidig wie ein Raubtier setzte sich Emma kerzengerade hin und fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. Anton griff nach einem Kissen aus der Sofaecke und legte es auf seinen Schritt. Das Licht ging an, blendend hell, nach einer so langen Zeit im Stockdunkeln.

„Mama!“

„Was ist los?“

„Machst du das wieder aus? Sonst kriegen wir nichts vom Film mit!“

„Herrje, Schatz, ich will doch nur deinen Freunden Hallo sagen.“ Sie machte ein paar Schritte auf das Sofa zu. Ihre Absätze klapperten auf dem Parkettfußboden. „Hallo zusammen. Ich bin Gunilla, Julias Mutter.“

Emma erhob sich rasch und streckte die Hand aus. Ein schwacher Geruch nach Schweiß und Schwanz umwehte sie. „Hallo – Emma“, sagte sie stockend. Ihre Wangen glühten feuerrot. Anton starrte sie an.

„Anton“, sagte er, und weil er keine Anstalten machte, ebenfalls aufzustehen, streckte Gunilla ihm die Hand entgegen. Sie nickte knapp und runzelte die Stirn. Nicht aufzustehen, wenn man jemanden begrüßte, war unhöflich, und sie machte ihn für die frostige Stimmung im Raum verantwortlich – auch wenn sie den Grund dafür nicht kannte. So etwas ärgerte und irritierte Gunilla.

„Ich dachte, du hättest Nachtschicht?“

„Nein, heute nicht. Ich habe die Schicht getauscht. Ihr schaut also einen Film?“

„Ja. Wir schauen einen Film.“

„Welchen denn?“

„Man, ich habe vergessen, wie er heißt – okay?“

„Julia! Kein Grund, gleich zickig zu werden.“

„Doch! Wir wollen einfach nur unsere Ruhe. Kannst du das Licht wieder ausmachen?“

„Das ist nicht gut für die Augen, man sollte immer eine zusätzliche Lichtquelle haben, wenn man fernsieht.“

Julia stöhnte und verdrehte die Augen.

„Ich war einkaufen. Wollt ihr irgendwas? Eine Cola vielleicht? Dürft ihr Cola trinken?“

„Nein, danke“, antwortete Emma.

Gunilla stellte Julias Zuneigung auf eine harte Probe. Julia konnte kaum glauben, welchen peinlichen Satz ihre Mutter eben von sich gegeben hatte: Dürft ihr Cola trinken.

„Wollt ihr vielleicht ein Sandwich?“

„Nein, danke, alles gut. Wir hatten Popcorn“, sagte Emma.

„Mama, wir wollen nichts!“

„Na, ist ja gut. Ich störe euch nicht mehr.“

Julia verspürte einen Hauch schlechten Gewissens, aber sie verdrängte es mit wütenden Gedanken. Kaum hatte Gunilla den Raum verlassen, erklang das Klackern einer Gürtelschnalle, als Anton seine Hose hochzog. Emma hielt sich die Hand vor den Mund und lachte. Anton stimmte ein, offenbar erleichtert, der unerwarteten Gefahr noch einmal entronnen zu sein. Julia brachte ein Lächeln zustande.

An den Film dachte niemand mehr, der war schon längst uninteressant geworden. Emma rutschte vom Sofa, legte sich neben Julia und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Beide grinsten breit. Anton konnte nur raten, was die zwei Mädchen wispernd besprachen. Gemeinsam verschwanden Emma und Julia im Badezimmer, kicherten und redeten über drei, vier Themen gleichzeitig. Emma machte einen Vorschlag, der Julia gefiel.

Unter keinen Umständen durfte es auf ein Nein hinauslaufen. Als Julia in die Küche trat, stand Gunilla mit einer Zigarette in der Hand unter der Dunstabzugshaube, eine Tasse Tee auf der Sitzbank neben sich.

„Mama, können Emma und Anton hier übernachten?“

„Nein.“

„Warum nicht?!“

„Weil ich das sage.“

„Aber sie müssen. Der letzte Bus ist schon weg.“

„Daran hättet ihr doch früher denken können.“

„Ja, haben wir aber nun mal nicht. Wo ist denn das Problem? Emma hat schon so oft woanders übernachtet.“

Mit zusammengepressten Lippen überdachte Gunilla die Situation. Ohne ihrer Tochter zu antworten, griff sie nach der Teetasse und ging ins Wohnzimmer. Sie schaute Anton durchdringend an und wandte sich dann mit einem freundlicheren Blick an Emma. „Wissen Christina und Åke, dass du hier bist?

„Klar.“

„Und sie wissen auch, dass du mit einem Jungen hier bist?“

„Ja, sie kennen Anton schon.“

„Gut. Und wissen deine Eltern, wo du bist?“ Jetzt nahm Gunilla Anton unter die Lupe.

„Nee. Aber ich wohne auch gar nicht mehr daheim.“

„Ach so. Wie alt bist du denn?“

„Zwanzig.“

„Sind die beiden Mädchen dann nicht ein bisschen zu jung für dich?“

„Mama!“, quiekte Julia aus der Küche. „Was zum Teufel stimmt nicht mit dir?“

„Ich darf ja wohl sagen, was ich denke. Ihr seid noch Kinder und er ist ein erwachsener Mann.“

„Wovon redest du da? Emma ist schon siebzehn, und ich bald auch.“

„Erst in acht Monaten“, sagte Gunilla, trank einen Schluck Tee und schaute ihre Tochter triumphierend an. Julia hielt dem Blick stand.

„Und wo habt ihr vor zu schlafen? Soll Anton aufs Sofa?“, fragte Gunilla, etwas beruhigt angesichts der Tatsache, dass sie immer noch das Sagen hatte.

„Nein – wir haben doch das Klappbett.“

„Das liegt auf dem Dachboden.“

„Ja. Und wir müssen es einfach nur von dort herunterholen“, sagte Julia, und trotz ihrer Frustration war ihr bewusst, auf welch dünnem Eis sie sich bewegte. „Ich hole es. Ich mache das Bett, du musst dich um gar nichts kümmern.“ Dem Gesichtsausdruck ihrer Mutter war zu entnehmen, dass der Widerstand noch immer nicht gebrochen war. Julia wusste genau, was in Gunillas Kopf vorging – ihr war, als könnte sie ihre Gedanken lesen. Instinktiv wurde ihr klar, dass sie nur gewinnen konnten, wenn sie ihrer Mutter genau das sagte, was sie hören wollte.

„Emma und ich teilen uns mein Bett. Und ich leihe ihr einen Schlafanzug. Das Klappbett stellen wir neben meinen Schreibtisch, dann muss ich nur den Stuhl an die Seite schieben.“

Gunilla hatte den Mund geöffnet, machte ihn jetzt aber wieder zu und nickte stumm. Julia jauchzte innerlich. Richtige Wortwahl – perfektes Timing. Besonders stolz war sie auf die Geschichte mit dem Schlafanzug. Wann hatte sie selbst eigentlich zuletzt einen Schlafanzug getragen? In der Grundschule? Aber sie hatte ihrer Mutter die Argumente genommen, bevor diese sich darüber überhaupt hatte Gedanken machen können – und nur deswegen konnten sie sich jetzt zu dritt ein Zimmer teilen.

„Ich kann mich nur für meine Mutter entschuldigen“, sagte Julia, als die drei sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatten, das Klappbett aufgestellt und die Tür verschlossen war, und die Geräusche des Fernsehers nur noch gedämpft zu ihnen durchdrangen.

„Macht doch nichts“, sagte Anton, der sich anscheinend pudelwohl fühlte.

„Eigentlich ist sie doch echt nett“, stellte Emma fest, während sie sich auszog.

„Ich glaube, sie mag mich nicht“, sagte Anton. Die Mädchen lachten. Emma hob die Augenbrauen. Ach, was?, sagte ihr Gesichtsausdruck. Dann hakte sie ihren BH auf. Julia empfand einen Anflug von Eifersucht, aber die Bewunderung überwog. Emma war so mutig. Alles, was Julia selbst so kompliziert vorkam, wirkte einfach, wenn Emma es tat.

„Kann ich mir deine Bürste leihen?“, fragte Emma.

„Ähm ...“ Julia wandte den Blick von Emmas Brust ab und warf einen Blick über die Schulter.

„Warte, ich habe sie!“, rief Emma und reckte sich nach der Haarbürste, die auf dem Schreibtisch lag, halb verdeckt unter einem Stapel Papier. Anton legte die Hand auf die Hälfte ihrer Brust, die für ihn in Reichweite war. Emma schenkte ihm keine Beachtung, sondern lehnte sich wieder zurück und bürstete sich mit zur Seite geneigtem Kopf die Haare. Julia beobachtete sie. Emmas Brüste waren perfekt – nicht so wie ihre eigenen, die etwas unförmig waren und nach außen standen. Nie hätte sie sich so offen zeigen können, wie Emma es tat. Stattdessen zog sie ein Nachthemd an und streifte umständlich ihren BH darunter ab. Nachdem sie ihre Jeans ausgezogen und sich kurz in Unterhosen gezeigt hatte, fühlte sie sich bereits nackt genug und kroch schnell unter die Decke.

„Ich will innen liegen!“, rief Emma und warf sich bäuchlings aufs Bett, ohne sich bewusst zu sein, wie sexy und verführerisch sie sich gab. Julia hatte genug damit zu tun, irgendwohin zu schauen, denn sie wusste nicht, wohin sie ihren Blick wenden sollte. Anton trug nur noch Boxershorts. Er hatte definierte Bauchmuskeln und seine weißen Shorts bildeten einen starken Kontrast zu seiner sonnengebräunten Haut.

„Anton, machst du das Licht aus?“, fragte Emma.

Sie redeten noch eine Weile im Dunkeln und verfielen dann für eine Weile in Schweigen. Irgendwann drehte Julia sich auf die Seite, um zu schlafen. Sie warf einen letzten Blick hinüber zu Anton, der sich wegen der schwülen Sommerhitze nur bis zur Taille zugedeckt hatte. Dann schloss sie die Augen. Sie war glücklich.

Das Bett knarrte, als Emma sich neben ihr umdrehte. Plötzlich legte Emma den Arm um Julia und kroch näher zu ihr heran. Julia spürte Emmas Knie in ihren Kniekehlen und ihre Nippel an ihrem Rücken, als wäre das dünne Nachthemd, das sie trug, gar nicht da.

„Gute Nacht“, sagte Emma.

„Gute Nacht“, antwortete Anton.

Julia brachte kein Wort heraus. Sie lag steif da, und atmete unregelmäßig und stoßweise. Wenn die beiden nur nicht hören konnten, wie laut ihr Herz pochte! So würde sie nie schlafen können ...

Aber irgendwann musste sie doch eingeschlafen sein, denn sie wachte auf, als Anton auf das Fußende des Bettes kletterte und Emma noch näher an Julia heranrutschte, damit Anton sich neben sie legen konnte. Nach kurzem Chaos lagen sie alle drei nebeneinander.

Obwohl es unverkennbar war, was gleich geschehen würde, passierte eine schier endlose Weile gar nichts. Dann zog Anton Emma die Unterhose aus und sie half ihm dabei. Das Bett knarrte und begann, unter seinen vorsichtigen, rhythmischen Stößen zu schwanken. Julia hielt es kaum noch aus. Das war unerträglich. Sie wollte, nein, sie musste sich umdrehen, aber sie traute sich nicht. Dann nahm sie ihren Mut zusammen und rollte sich auf die andere Seite.

Emma hatte die Augen halb geöffnet und blickte ins Leere, ihr Mund stand offen, als wollte sie stumm schreien. Sie legte die Hand auf Julias Wange. Die war sich nicht bewusst, dass sie den Atem anhielt. Julia beobachtete, wie sich Emmas Brustwarze durch Antons Finger presste. Auf seiner Hand traten die Adern hervor. Emma wimmerte. Julia wusste nicht, woher sie den Mut nahm, die Decke zurückzuziehen. Sie tat es einfach. Jetzt, da sie Platz dafür hatte, spreizte Emma die Beine, wie ein Vogel, der die Flügel ausbreitete. Julia konnte alles sehen.

Sie schämte sich ein wenig, weil sie so erregt war, dass sie das Gefühl hatte, gleich zu explodieren. Sie wollte sich selbst berühren, sich dort anfassen, wo es schmerzte, das Gefühl einfach herauslassen. Aber das war nicht nötig. Emma legte die Hand auf die Vorderseite ihres Höschens, wo es feucht wurde. Mit zitternden Fingern, langsam, als würde sie bei jedem Zentimeter neu um Erlaubnis bitten, schob Emma die Hand unter den Bund. Julia keuchte auf. Ihr Becken hob sich wild zuckend. Emma fuhr beharrlich fort, im selben Rhythmus, in dem sie gevögelt wurde. Julia streifte ihr Höschen ab, und zum ersten Mal in ihrem Leben wurde sie von einer anderen Hand als ihrer eigenen zum Höhepunkt gebracht. Nie hätte sie gedacht, dass es mit Emma passieren würde. Und ebenso wenig hätte erwartet, dass es ein anderes Mädchen sein würde. Aber Emma machte das, woran bereits zwei Jungen gescheitert waren, viel besser, als sogar Julia selbst es konnte. Sie empfand so viel mehr Selbstachtung als zuvor, fühlte sich stark und erfüllt.

Als sie aufwachte, war es still im Zimmer. Nur von draußen war Vogelgezwitscher zu hören. In den grünen Baumkronen glitzerte das Sonnenlicht und Julias Gedanken rasten, nahmen aber keine konkrete Form an. Dann dachte sie sich, dass das Leben so einfach sein konnte, dass man Sex haben konnte, mit Menschen, die man liebte, und dass Dinge passierten, ohne dass jemand erst darüber bestimmte. Und auf jeden Tag folgte ein neuer, der einem die gleichen Möglichkeiten bot.

Als Emma und Anton gegangen waren und sie mit ihrer zeitungslesenden Mutter auf ihren üblichen Plätzen am Küchentisch saß, sagte Julia genau das, was sie sagen wollte, einfach, weil es schön war, die Worte laut ausgesprochen zu hören:

„Mama? Ich bin bisexuell.“

Wie man sich bettet, so liegt man

Die Sonne war noch nicht über den Horizont gestiegen, aber es war schon hell. Obwohl August war, wurde es morgens schon recht kühl, und Gustav knöpfte seine dünne Arbeitsjacke wieder zu. Er war ganz in Blau gekleidet, wie seine Firma es vorschrieb. Die Arbeitsbekleidung sah noch neu aus. Nervös tastete er die Taschen nach seinen Werkzeugen ab. Er hatte es selbst gekauft.

Dann überquerte er den verlassenen Parkplatz. Ein einzelnes Auto fuhr auf der Straße vorbei und über sich hörte er das Geschrei der Möwen. So konnte man seinen ersten Arbeitstag gut beginnen.

„Du, Pelle, halt mal kurz die Schnauze“, sagte einer der drei älteren Männer, die vor dem Baucontainer standen. „Sieht aus, als wäre das da am Eingang der Neue.“

Die drei verstummten und drehten sich um, um zu gucken. Sie alle trugen Blau und jeder hielt eine dampfende Kaffeetasse in der Hand. Drei dünne Dampffäden stiegen in die Luft.

„Und, glaubst du, der hält durch?“

„Sieht schon mal stark aus, aber das könnten auch aufgepumpte Muckibudenmuskeln sein.“

„Wir werden’s sehen.“

„Aber oh là là, der wird sich freuen, wenn er das leicht bekleidete Fräulein im dritten Stock zu Gesicht bekommt.“

Die drei lachten laut. Gustav trottete zu ihnen hinüber. Der hellblaue Container stand auf einer Kiesfläche vor dem Wohngebäude. Direkt an der Wand stand eine große Hebebühne. Im derben Profil der riesigen Reifen klebten Gras und eingetrockneter Lehm – der Rasen hatte dem schweren Gefährt nicht standgehalten.

In Höhe der Fenster war rund um die Fassade herum ein Gerüst mit Holzbrettern angebracht und fast überall hing Kunststoff herum.

„Hey“, sagte Gustav und schüttelte seinen neuen Kollegen die Hände.

„Also, du bist der Neue“, sagte der größte von ihnen. Er hatte sich als Ronny vorgestellt. Anerkennend bemerkte er Gustavs kräftigen Händedruck und musterte sein Gesicht, um ihn einzuschätzen.

„Ja, das ist mein erster Tag hier. Ich hatte erst am Freitag mein Vorstellungsgespräch“, erklärte Gustav.

„Dann weißt du ja, was Sache ist“, sagte Ronny.

„Ja, wir sollen die Fenster auswechseln und die Wände sanieren – aber ich habe das noch nie gemacht.“

„Du hast also noch nie auf dem Bau gearbeitet?“

„Nein, das ist mein erster Job.“

„Hast du denn eine Ausbildung?“

„Ich habe an der Södervärn Bauwesen studiert.“

„Naja, aber du siehst kräftig aus, das ist die Hauptsache. Die Fensterscheiben wiegen 55 Kilo, da muss man zu zweit ran. Geh in den Container und hol dir einen Kaffee, wenn du magst. Die Kanne steht auf der Bank. In einer Viertelstunde fangen wir an.“

Den Rest der Zeit sprach niemand mit Gustav. Die drei Kollegen pflegten einen Slang, von dem er nur sehr wenig verstand. Aber was bei ihm ankam, waren Witze über ein Mädchen, das im obersten Stock wohnte. Anscheinend stand sie früh auf und den Kollegen zufolge gefiel es ihr, sich zu präsentieren.

Nadja wachte von einem mechanischen, an den Motor eines Traktors erinnernden Brummen vor dem Haus auf. Langsam kehrte die Erinnerung an den Kranwagen und die Arbeiter zurück. Dann war das Wochenende anscheinend vorbei, aber sie vergrub sich unter ihrer Decke, weigerte sich trotzig, den neuen Tag zu beginnen. Die Hebebühne war auf Höhe des Stockwerks unter ihr stehen geblieben und das Brummen verstummte. Nadja zog sich die Decke bis zur Nase, aber kurz darauf schlug sie sie zurück und lächelte.

Barfuß tappte sie in die Küche. Der Boden war ein wenig kühl, aber trotzdem angenehm. Sie setzte Kaffee auf und bückte sich hinunter zu den unteren Küchenschränken. Weich glitt ihr Nachthemd über ihre schlanken, goldbraunen Schenkel. Dann streckte sie sich nach der Gießkanne und ihr Höschen spannte sich straff um ihr Gesäß.

Vor dem Haus wurde der Motor der Hebebühne wieder angeschaltet und die Lautstärke stieg an. Nadja trat ans Waschbecken und füllte die Kanne. Dabei lächelte sie verschlagen. Als sie sich umdrehte, sah sie die Köpfe zweier Männer, die langsam am unteren Rand ihres Fensters auftauchten. Den älteren hatte sie bereits in der vergangenen Woche gesehen, aber der andere überraschte sie, so jung, wie er aussah. Neugierig schaute sie ihn an, und als er merkte, dass sie seinen Blick erwiderte, geriet er plötzlich ins Schwanken. Er hatte sehr schöne, dunkelblaue Augen und einen stechenden Blick. Die Haare waren ein bisschen zu struppig, seine Haut war gebräunt und er sah so gut aus, dass Nadja sich unwillkürlich die Lippen leckte.

Sie riss sich zusammen und trat wieder ans Fenster. Die Hebebühne hielt an und es wurde still. Es fühlte sich so intim an, als stünden die Handwerker mit ihr in der Küche. Wäre da nicht die Glasscheibe gewesen, die sie voneinander trennte, hätten sie sich berühren können.

Auf dem Fensterbrett stand eine Chilipflanze in einem kleinen Topf. Die Blätter waren bereits gelb geworden und ließen den Kopf hängen, aber einige Schoten hatten eine kräftig rote Farbe angenommen. Sie betastete eine Chilischote und presste sie vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger zusammen, um zu sehen, ob sie immer noch hart war. Dann beugte sie sich hinunter, um genauer nachzusehen. Der Träger ihres dünnen Nachthemds glitt ihr von der Schulter. Das ganze Kleidungsstück rutschte etwas tiefer und ihre Brüste wurden vom tiefen Dekolleté aneinander gepresst. Sie beugte sich noch ein bisschen weiter. Der Träger rutschte ihr bis zum Ellbogen.

Sie genoss es, das Wissen um die Tatsache, dass die Arbeiter sie anstarrten, auch wenn sie ihre Blicke nicht gesehen hatte. Die Stille draußen sprach für sich. Das Einzige, was das Nachthemd daran hinderte, ganz herunterzurutschen, waren ihre steifen Brustwarzen, an denen es sich verfangen hatte.

Nadja hob den Blick. Der gutaussehende Bursche starrte sie mit halb offenem Mund an, die Arme angehoben, als wäre er dabei erstarrt, als er von einem unsichtbaren Sandwich abbeißen wollte. Sie genoss das Gefühl freudiger Dankbarkeit, das sie überkam. Es kitzelte im Schritt und kribbelte in den Beinen. Ihre Brustwarzen standen hervor wie Glasschneider. Ganz langsam glitt der Stoff an ihrem Körper hinab. Die nackten Warzenhöfe zeigten sich flüchtig, dunkelbraun, vorgewölbt und wunderschön. Und dann fiel das Nachthemd zu Boden.

Sie schaute auf ihre Brüste hinunter und dann zu den Handwerkern, lächelte entschuldigend und formte mit großen Augen und rundem Mund ein stilles Hoppla! Gleichzeitig hielt sie Augenkontakt mit dem jüngsten Kollegen. Er machte einen fast seligen Eindruck. Ihre Wangen glühten heiß und instinktiv verdeckte sie ihren Schritt mit der Hand – als könnte sie ein Feuer durch bloßes Abdecken löschen. Dann zog sie das Nachthemd wieder hoch, die Träger über ihre Schultern und bedeckte sich wieder. Die Hitze in den Wangen wurde zu einem leichten Rotton und es kribbelte ihr am ganzen Körper. Gelächter stieg in ihr auf wie Luftblasen an die Wasseroberfläche.

Gustav und Ronny lächelten. Was für ein herrlicher Tag.

Am nächsten Morgen war Gustav etwas früher da und trank mit den Kollegen zusammen Kaffee. Es war dunkler als am Tag zuvor. Eine weiße Wolkendecke hatte sich zwischen Erde und Sonne geschoben. Während Ronny redete, sprach er manchmal auch Gustav mit an, der langsam zu einem Teil der Gruppe wurde.

„So etwas wie gestern, so etwas Schönes, meine ich, das passiert ab und zu.“ Die anderen glucksten. Gustav hob neugierig die Augenbrauen.

„Oh, ja. Weißt du, diese Single-Hausfrauen, die sind spitz wie sonst was. Und dann kann man zuschlagen. Einmal, da bin ich einfach zu einer hingegangen, habe nach der Arbeit geklopft und gesagt: ‚Hör mal, hast du ein Glas Wasser für mich?' Sie hatte kaum etwas an, nur einen extrem kurzen Rock, der hier endete ...“, er zeigte mit der Hand an der Hüfte die knappen Ausmaße des Rocks an, während er weitererzählte, „und dann sagt sie so: ‚Entschuldigung, aber ich habe hier eine undichte Stelle unterm Waschbecken, können Sie sich das mal ansehen?' Und ich sage so: ‚Das ist nicht mein Job, dafür brauchen Sie einen Klempner.' Sie ist total enttäuscht und mir wird klar, dass sie noch was ganz anderes will, also sage ich: ‚Okay, ich seh’s mir mal an.' Und krieche unter die Spüle. Und was glaubt ihr, ist dann passiert? Jawohl. Sie fängt sofort an, über mir herumzustolzieren, schwingt die Hüften so herrlich, und als ich nach oben gucke ...“ Ronny hatte einen schwärmerischen Blick aufgesetzt und formte mit Daumen und Zeigefingern ein Dreieck vor seinem Gesicht. Dann wandte er sich an Gustav.

„Was glaubst du, was ich sehe?“

Gustav lachte. „Sag’s mir.“

„Ich konnte ihre Erdbeergrotte sehen, weißt du! Sie war komplett nackt unter dem kurzen Rock und sie wollte, dass ich alles sehe. Also tauche ich darein, als hätte ich drei Wochen nichts zu essen bekommen, genau, wie sie es haben will. Und dann nehme ich sie mit meiner Fünf-Kilo-Kobra direkt auf dem Küchentisch – bis sie um Gnade winselt.“

Ronny nahm einen großen Schluck Kaffee, was die anderen veranlasste, jetzt ihre Geschichten zu erzählen, und mit jeder Anekdote versuchten sie, die vorherige zu übertrumpfen. So ging die Zeit bis zum Schichtbeginn schnell rum. Schließlich wandte Ronny sich an Gustav.

„Wieso bist du eigentlich so still? Hast du eine Kleine zu Hause?“

„Nee ...“, sagte Gustav und suchte nach den richtigen Worten. „Ich hatte eine Freundin. Wir waren drei Jahre zusammen, aber seit diesem Sommer ist Schluss.“

„Oje. Das ist traurig.“

Gustav sagte nichts.

„Aber wie man so schön sagt: Andere Mütter haben auch schöne Töchter“, sagte Ronny zwinkernd. „Du musst nur bei der Zuckerschnute da oben an die Tür klopfen und um ein Glas Wasser bitten. Nicht wahr?“ Er gluckste und klopfte Gustav väterlich auf die Schulter. „Nein, hört mal, jetzt nehmen wir das hier in Angriff“, sagte er dann und leerte den letzten Schluck schalen Kaffee auf dem schlammigen Rasen aus.

Gustav versuchte seine plötzlichen Bauchschmerzen zu ignorieren. Er dachte an seine Freundin. Sie war die Erste und Einzige, mit der er zusammen gewesen war. Sie hatte ihm mit sechzehn die Unschuld geraubt. Und nach drei Jahren hatte sie dann ohne Vorwarnung angerufen und gesagt, es sei vorbei. Sie hätten keine Zukunft. Und das war es dann.

Das Brummen der Hebebühne unterbrach die unangenehmen Erinnerungen, und ihn überkam das angenehme Gefühl, etwas Neues anzufangen, die Aufregung eines neuen Arbeitsplatzes.

Weil sie Asbest aus den Wänden entfernen mussten, trugen sie Schutzkleidung und Atemmasken. Die Arbeit verlangte seine volle Aufmerksamkeit, aber im dritten Stock konnte er nicht anders, als in die Wohnung zu spähen.

Sie war nicht da. Der Kapselgehörschutz erzeugte einen schönen Vakuumdruck und das starke Saugen des Asbestsaugers klang nicht lauter als ein Windhauch in den Bäumen. Etwas anderes drang nicht zu ihm durch. Gustav schaute noch einmal in die Wohnung. Gerade öffnete sich eine Tür. Die Badezimmertür. Er sah, wie der Dampf herausquoll und aus dem Dampf heraus trat sie. Ihr nasses Haar klebte an ihrer Haut. Ohne ihn zu bemerken, trat sie vor den Spiegel im Flur und begann, ihr Haar zu bürsten. Er konnte sie im Spiegel sehen. Das Handtuch um ihren Körper glitt langsam nach unten. Gustavs Blick folgte der Linie ihres schön geschwungenen Rückens, bis hin zu dem Punkt, an dem sich ihr Gesäß wölbte. Ein kleines Stückchen Haut gleich über dem Po war nicht so stark gebräunt wie der Rest ihres Körpers.

Sie ließ das Handtuch zu Boden fallen. Gustav vergaß augenblicklich seine Aufgabe.

Ihre Haut war rau und immer noch feucht. Die Schatten im Flur verbargen viel, aber als sie sich vorbeugte, konnte er wieder einen Blick auf ihre betörenden Brüste erhaschen. Sie hatte ein großes Muttermal auf dem Bauch. Ihr Körper machte einen weichen, einnehmenden Eindruck.

Ihre starke Anziehungskraft brachte Gustav dazu wieder aufzuschauen. Im Spiegel kreuzten sich ihre Blicke. Sie schaute ihn an. Sah, dass er sie sah. In diesem Augenblick verschwand die Welt um ihn herum und nur noch ihre Augen zählten.

Dann wandte er sich wieder der Wand zu. Er fühlte, wie es ihn erregte. Stark erregte. In seinem Brustkorb hämmerte es. Aus dem Augenwinkel sah er, dass sie immer noch nackt war und ihre Haare hochsteckte, aber er schaute nicht mehr hin.

Am Mittwochmorgen tauchte Nadja nicht auf.

Im Großen und Ganzen hatte Gustav sich im Arbeitsalltag eingelebt. Er hatte außerdem begonnen, ständig an sie zu denken. Er hatte die Nacht zuvor im Bett gelegen und in seiner Vorstellung war er mit ihr zusammen, und sie hatten überall gevögelt – auf dem Tisch, dem Sofa, dem Boden, überall. Er war knüppelhart gewesen und hatte durch zusammengebissene Zähne geknurrt. Danach hatte er sich mit der Decke abgetrocknet und tief geschlafen.

Während der letzten Pause an diesem Nachmittag standen sie vor dem Schlafzimmerfenster, als sie schnell hereinstürmte und nichts weiter als sexy rote Unterwäsche trug. Sie nahm eine schwarze Strumpfhose aus dem Schrankregal und ein Bein nach dem anderen – immer einen Fuß auf dem Bett – rollte sie sie langsam zu ihren kräftigen Oberschenkeln hinauf. Dann zog ein Kleid an und verschwand ebenso schnell wieder, wie sie aufgetaucht war.

Nadja ging alleine aus und hoffte, jemanden zu treffen, den sie mit nach Hause nehmen konnte. Zuerst machte sie einen langen Spaziergang durch die Stadt. Dann setzte sie sich in ihrem Lieblingslokal an einen eigenen Tisch und zog einen kleinen Schreibblock und einen Stift aus ihrer Handtasche. Manchmal, wenn sie so ein paar Gläser Wein trank, kritzelte sie ein Gedicht nieder und fertigte auf der nächsten Seite eine einfache Skizze der Bar und der Leute an, die dort saßen. Sie war weder mit dem Gedicht noch mit der Zeichnung wirklich zufrieden und wünschte, dass irgendeine interessante Person kommen und ihr Leben verändern würde. Sie mitnahm an einen anderen Ort.

Ein lautes Lachen hallte durch den Raum. Vorm Tresen war es voll. Als die Tür aufging, sah Nadja, wie zwei junge Mädchen hineinkamen. Sie betrachtete besonders eines von ihnen, das Mädchen, dessen Kopf auf einer Seite kurz geschoren war, schwarzes Haar auf der anderen und darunter ein schmales, spitzes Gesicht. Lippen und Augenbrauen waren mehrfach gepierct. Und hoffentlich auch die Zunge, dachte Nadja. Als ihre kastanienbraunen Augen in Nadjas Richtung schauten und sie den Blick mit einem kleinen Lächeln erwiderte, beschloss Nadja, dass diese Frau die Richtige war.

Sie benutzte all ihren Charme und nach zwei Stunden und ein paar Drinks gingen sie Arm in Arm davon. Zu Hause in der Wohnung bemerkte Nadja, dass dieses kleine Mädchen einen fantastisch schlanken Körper und kleine, aber feste Brüste hatte, die wie Kirschen schmeckten. Auch nackt war sie in jeder Hinsicht schön und sie verstand sich wirklich aufs Lecken.

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