Читать книгу: «Pierre Bourdieu»
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[2][3]Werner Fuchs-Heinritz,
Alexandra König
Pierre Bourdieu
Eine Einführung
3., überarbeitete Auflage
UVK Verlagsgesellschaft mbH · Konstanz
mit UVK/Lucius • München
[4]Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de.
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
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1. Auflage 2005
2. Auflage 2011
3. Auflage: © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Satz und Layout: Claudia Wild, Konstanz
UVK Verlagsgesellschaft mbH
Schützenstr. 24 • D-78462 Konstanz
Tel.: 07531-9053-0 • Fax 07531-9053-98
www.uvk.de UTB-Band Nr. 2649 ebook-ISBN 978-3-8463-4233-6
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
[5]Inhalt
| 1. | Einleitung |
| 2. | Wichtige Forschungsarbeiten |
| 2.1 | Algerien: Die zwei Gesichter der Arbeit |
| 2.2 | Bildung: Die Illusion der Chancengleichheit |
| 2.3 | Klassenstruktur und Lebensstile: Die feinen Unterschiede |
| 2.4 | Wohnen: Der Einzige und sein Eigenheim |
| 2.5 | Gegenwartsanalyse: Das Elend der Welt |
| 3. | Theoreme und Konzepte |
| 3.1 | Habitus |
| 3.2 | Einverleibung |
| 3.3 | Feld |
| 3.4 | Kapital |
| 3.4.1 Ökonomisches Kapital | |
| 3.4.2 Kulturelles Kapital | |
| 3.4.3 Soziales Kapital | |
| 3.4.4 Symbolisches Kapital | |
| 3.5 | Strategie |
| 3.6 | Sozialer Raum und Klassen |
| 3.7 | Sozialer Raum und Lebensstile |
| 3.8 | Distinktion |
| 3.9 | Soziale Laufbahn |
| 3.10 | Doxa |
| 3.11 | Symbolische Gewalt |
| 3.12 | Institutionsritus (Einsetzungsritus bzw. Stiftungsritus) |
| [6]4. | Grundansätze |
| 4.1 | Bindung an die empirische Forschung |
| 4.2 | Nähe zur Ethnologie |
| 4.3 | Denken in Relationen |
| 4.4 | Weder Objektivismus noch Subjektivismus |
| 4.5 | Eigensinn der sozialen Praxis |
| 4.6 | Kritik der »scholastischen Vernunft« |
| 4.7 | Reflexivität der Sozialwissenschaft |
| 5. | Wurzeln und Quellen, Freunde und Feinde |
| 6. | Notizen zur Biografie Bourdieus |
| 7. | Politische Schriften und Aktivitäten |
| 8. | Zur Wirkung von Bourdieu in der sozialwissenschaftlichen Forschung |
| 9. | Schluss |
| 10. | Literaturverzeichnis |
| 10.1 | Schriften von Bourdieu |
| 10.2 | Veröffentlichungen von Bourdieu zusammen mit anderen |
| 10.3 | Interviews und Gespräche mit Bourdieu |
| 10.4 | Weitere Literatur |
| Register | |
[7]Vorbemerkung zur 3. Auflage
Für die vorliegende 3. Auflage haben wir den Gesamttext durchgesehen und stellenweise gestrafft, wichtige Bücher und Aufsätze aus den letzten vier Jahren eingearbeitet und insbesondere das Kapitel 8 über die Wirkung von Bourdieu in den Sozialwissenschaften stark erweitert.
Münster und Wuppertal, August 2014
W. Fuchs-Heinritz, A. König
Vorbemerkung zur 2. Auflage
Nach einigen Informationen hat sich dieses Buch als Überblickstext bewährt. Für die hier vorliegende 2. Auflage haben wir, abgesehen von einer Durchsicht des Gesamttextes, vor allem Bücher und Aufsätze berücksichtigt, die seit 2005 erschienen sind, und ein neues Kapitel über die Wirkungen von Bourdieu in der sozialwissenschaftlichen Forschung eingefügt. Bei den Recherchen hat Franziska Sommer (Hagen) geholfen.
Münster und Wuppertal, Januar 2011 W. Fuchs-Heinritz, A. König
Vorbemerkung zur 1. Auflage
Dieses Buch ist die überarbeitete und ergänzte Fassung eines Studienkurses der Fernuniversität Hagen. Für hilfreiche Ratschläge für die Überarbeitung danken wir Nicole Burzan, Ivonne Küsters (beide Hagen), Karl-Heinz Mamber (Stuttgart) und Manfred Müller (Alarò, Mallorca). Jörg Blasius (Bonn) und Christoph Weischer (Bochum) haben uns geholfen, die Korrespondenzanalyse besser zu verstehen. Bei Hannah Müller von der UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz bedanken wir uns für das gründliche Lektorieren des Textes. Bei den Korrekturarbeiten haben Astrid Canzler und Ilka Weber (beide Hagen) geholfen.
Hagen, Januar 2005 W. Fuchs-Heinritz, A. König
[8][9]1. Einleitung
Manche Autoren, die eine Einführung in das Werk Bourdieus schreiben, tun dies, indem sie seine theoretischen Konzepte nacheinander vorstellen und erörtern – so, als handele es sich um das Gerüst einer allgemein-soziologischen Kategorienlehre. Dabei wird jedoch eine grundlegende Intention von Bourdieu zu wenig berücksichtigt: Dass nämlich die Konzepte und Theoreme Werkzeuge sein sollen für die Erforschung der sozialen Wirklichkeit.
Immer wieder hat sich Bourdieu scharf gegen eine nur am Text orientierte Lektüre seiner Arbeiten gewandt: Das größte Missverständnis bestehe darin, dass die Lektüre
»ihr Ziel in sich selbst hat, daß sie sich für die Texte und für die von ihnen transportierten Theorien, Methoden oder Begriffe nicht etwa interessiert, um sie als brauchbare und zu vervollkommnende Instrumente praktisch zu nutzen, sondern um sie (gelegentlich unter epistemologischen und methodologischen Vorwänden) mit anderen Texten in Zusammenhang zu bringen und zu glossieren.« (Meditationen 1997/2001, 80)
Wissenschaftliche Schriften verstehen
»heißt, daß man von der Denkweise, die in ihnen zum Ausdruck kommt, an einem anderen Gegenstand praktischen Gebrauch macht, sie in einem neuen Produktionsakt reaktiviert, der ebenso intensiv und originär ist wie der ursprüngliche …« (Habitus und Feld 1985/1997, 65)
Zugespitzt:
»›Theorien‹ sind Forschungsprogramme, die nicht zur ›theoretischen Diskussion‹ anregen sollen, sondern zur praktischen Umsetzung, über die sie dann widerlegt oder verallgemeinert werden können.« (Gespräch Inzwischen 1988/1991, 278; ähnlich: Reflexive Anthropologie 1992/1996, 262)
Dieser Grundanspruch beeindruckt wegen seiner handwerklichen Orientierung, wegen seiner auf Produktivität statt auf Rezeptivität gerichteten Absicht. Aber ganz Recht hat Bourdieu damit nicht. Nicht alle sozialwissenschaftliche Arbeit kann aus eigener Forschung bestehen. Essays, Überblicke, Kompendien, kritische Würdigungen, Rezensionen, theoretische Zwischenbilanzen und Theorievergleiche müssen als eigene Genres wichtig bleiben. Und ihnen obliegt es nun einmal, die Denklogik eines großen soziologischen Vorschlags zu beurteilen und in die Überlieferung von ähnlich wichtigen [10]Vorschlägen kritisch einzuordnen.1 Ein Verbot, sich mit den Konzepten an sich zu befassen, wäre ein Denkverbot.
Nun könnte man aus Bourdieus Grundhaltung den Schluss ziehen, dass es nicht angemessen ist, die Arbeiten eines Soziologen als Überblick über sein Werk vorzustellen. Wäre es dem Fortschritt der Soziologie nicht dienlicher, über Forschungsprobleme und Fragen der Theoriebildung sowie über deren Lösungen zu schreiben – ganz unabhängig von großen Namen und unbeeindruckt vom Wunsch manches Autors, der Wissenschaft ein kohärentes Werk zu schenken? Wir werden diese Frage anhand von Bourdieus Haltung zu seinem eigenen Werk später diskutieren.
Die Gliederung dieser Einführung in Bourdieus Werk folgt seinen eigenen grundsätzlichen Überlegungen: Am Anfang steht die Darstellung wichtiger Forschungsarbeiten Bourdieus und erst gegen Ende werden die theoretischen und konzeptuellen Beziehungen zu anderen Autoren skizziert, um eine vorschnelle Einordnung in eine sozialwissenschaftliche Schule oder Strömung zu verhindern. Abgeschlossen wird mit einer Skizze zur Wirkung von Bourdieu in der sozialwissenschaftlichen Forschung.
Wir haben hier keine Werkgeschichte im Sinn, wollen also nicht die Entwicklung der Konzepte und Theoreme in der Lebensgeschichte des Autors nachvollziehen. Das sei den Biografen (und den Hagiografen) überlassen. Aus der Vernachlässigung der Werkgeschichte ergibt sich jedoch die Gefahr, dass die Darstellung zu flächig werden könnte, schlimmer: dass das Gedankengebäude Bourdieus in sich stimmiger erscheinen könnte, dass sich ein Eindruck von Systematisiertheit ergeben könnte, die im Werk selbst zu keinem Zeitpunkt vorhanden war. Dieser Gefahr soll dadurch begegnet werden, dass Bourdieus Forschungsarbeiten in werkgeschichtlicher Linie vorgestellt werden, wodurch sich ganz natürlich Einblicke in die Entwicklung seiner Konzepte und Instrumente ergeben.
Der Verzicht auf werkgeschichtliche Untersuchung hat – gerade bei Bourdieu – noch einen zweiten Nachteil: Sein Werk ist zu einem erheblichen Grad durch Wiederholungen gekennzeichnet. Teile von früheren Schriften werden – wenn auch meist bearbeitet – in spätere aufgenommen. Auch im Einzelnen finden sich immer wieder Argumente, Belege, Absätze, Abschnitte und Sequenzen von mehreren Seiten, die der Leser wortgleich oder in ähnlicher Formulierung schon aus früheren Schriften kennt. Nachzusehen, worin die Bearbeitung der älteren Texte im Hinblick auf spätere Zusammenfügungen bestanden hat, was Bourdieu neu hinzugedacht hat, würde eine langwierige (und langweilige) Arbeit bedeuten, die wir nicht einmal erwogen haben. [11]So bleiben unter Umständen wichtige Entwicklungsprozesse von Bourdieus Denken unbemerkt. Sollte man deshalb nicht doch der Entwicklung von Bourdieus Denken folgen, um es ganz verstehen zu können (so Mahar/Harker/Wilkes 1990, 3)? Für interessanter halten wir die Frage, wie er seine Konzepte verwendet.
Wir berücksichtigen im Folgenden Texte, die Bourdieu allein verfasst hat, gleichwertig mit solchen, die er mit anderen zusammen geschrieben hat. Bei Letzteren vernachlässigen wir die Frage, ob Bourdieu der Hauptautor oder der Initiator war, nehmen aber an, dass er die Texte seiner Koautoren autorisiert hat.
In unserer Darstellung lehnen wir uns nicht an Bourdieus Schreibweise an. Diese ist oft – abgesehen von den frühen Schriften, aber auch vom Buch »Das Elend der Welt« – durch einen überkomplexen, geradezu unübersichtlichen Satzbau (ellenlange Sätze mit mehreren ineinander geschachtelten Nebensätzen und Einschüben) gekennzeichnet. Hier folgen wir Jenkins (1992, 10 und 163), der sich in seiner Einführung in Boudieus Soziologie um eine möglichst klare Schreibweise bemüht und sicher ist, dass dies der Qualität und der Tiefe des dargestellten Werkes keinen Abbruch tut.
1 Eine andere Lösung bei Brubaker 1993, 212 ff.
[12][13]2. Wichtige Forschungsarbeiten
2.1 Algerien: Die zwei Gesichter der Arbeit
Die Grundfragen (wenn auch vielleicht noch nicht die Grundbegriffe) seiner Soziologie hat Bourdieu bereits in seinen frühen Forschungen über Algerien entwickelt (vgl. Krais/Gebauer 2002, 18 ff.; Neckel 2002, 30).
»Wenn Pierre Bourdieu die an ihn gerichtete Frage: ›Steckt in diesen frühen Arbeiten vielleicht schon der ganze Bourdieu?‹, ohne Zögern bejaht, so verweist dies auf die Schlüsselstellung dieser Texte für ein adäquates Verständnis der Grundmotive und Entwicklungsdynamik seines Werkes und dessen so eigentümlicher theoretischer Geschlossenheit.« (Schultheis 2000, 166)
Nach Abschluss der Pariser Elitehochschule kam der junge Philosoph Mitte der 1950er Jahre als Wehrpflichtiger nach Algerien, in ein Land, das sich im Kriegszustand befand, im Kampf gegen das französische Kolonialsystem bzw. gegen die koloniale Situation. Ähnlich einer Initiation (so: Selbstversuch 2002, 67) ergab sich für Bourdieu in diesem Umfeld eine Herausforderung, durch die er, weitab von der akademischen Philosophie, seinen soziologischen Denkansatz entwickelte. In seinen Arbeiten über Algerien, das bis Anfang der 1960er sein zentrales Forschungsthema und auch danach immer wichtig blieb, gewann sein Anspruch an die Soziologie Kontur:
»Ich wollte angesichts der dramatischen Situation in Algerien etwas tun, wollte mich nützlich machen und entschloß mich deshalb, eine Untersuchung über die algerische Gesellschaft in Angriff zu nehmen, um den Menschen zuhause ein wenig besser verständlich zu machen, was in diesem Land geschah. Ich wollte bezeugen, was sich da vor meinen Augen abspielte.« (zit. nach Schultheis 2000, 170f.)
Algerien fehlte in diesem Krieg Bourdieu zufolge (Revolution 1961/2010, 29) ein konkreter Gegner: Der Krieg richtete sich gegen das (koloniale) System schlechterdings, gegen dessen Diskriminierungen und Klassendifferenzierungen; er konnte daher nur unzureichend als Bürgerkrieg bezeichnet werden. Einerseits opponierten die Algerier gegen das System, andererseits imitierten sie die Kolonialherren, indem sie versuchten, den Anforderungen des kapitalistischen Systems zu entsprechen (vgl. Schmeiser 1985, 169).
Bourdieu beschreibt die Situation in Algerien als Zusammenprall einer kapitalistischen mit einer vorkapitalistischen Gesellschaftsordnung; demnach
[14] »sindsoziale, ökonomische und psychologische Auflösungserscheinungen allem Anschein nach als Ergebnisse einer Interaktion zwischen ›äußeren Kräften‹ (Einbruch der westlichen Zivilisation) und ›internen Kräften‹ (ursprünglichen Strukturen der autochtonen Zivilisation) aufzufassen.« (Zusammenstoß 1959/2010, 75)
Die Konstellation im Land glich einem »Experiment«, einer »Laborsituation«. Die durch die militärischen Maßnahmen (z. B. Zwangsumsiedlung großer Bevölkerungsgruppen, Errichtung von Sammellagern) hervorgerufene
»historische Beschleunigung … brachte … zwei Typen von Wirtschaftssystemen mit völlig konträren Anforderungen zur Koexistenz, die gewöhnlich durch einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren voneinander getrennt sind«. (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 7)
Die traditionellen Pfeiler der algerischen Gesellschaft – Kohäsion der Familie, Kohäsion des Stammes – gerieten mit dem Aufkommen des modernen, aufs Individuum zentrierten Denkens ins Wanken. Nicht nur die vorkapitalistische Wirtschaftsordnung wurde durch den Zusammenprall mit einer kapitalistischen umgestoßen, sondern auch die soziale, die moralische, die psychologische, kurz: die Ordnung insgesamt (so: Zusammenstoß 1959/2010, 80). Das vorkapitalistische System, das die einzig mögliche und denkbare Lebensform gewesen war, stand jetzt ganz in Frage; also andere »psychologische Tugenden«, Fähigkeiten und Verhaltensweisen wurden von den Menschen gefordert, wurden jetzt Voraussetzungen für erfolgreiches Handeln (Zusammenstoß 1959/2010, 84). Um diesen Hintergrund des algerischen Befreiungskrieges in Frankreich verständlich zu machen, sah Bourdieu es als unabdingbar an, die Situation, aus der er sich entwickelt hatte und gegen die er sich richtete, zu verstehen, also die Erschütterung der ursprünglichen Sozialordnung und die neuen Anforderungen von Seiten des kapitalistischen Systems. Mit dieser Auffassung wurde auch die Sicht der Kolonialmacht Frankreich kritisierbar, denn dort wurde nicht die koloniale Situation als Auslöser und Adressat des Krieges betrachtet (Revolution 1961/2010159 f.), sondern das Bestreben Algeriens, sich von Frankreich zu lösen.
In diesem frühen Aufsatz (Zusammenstoß 1959/2010) wird somit bereits ein Grundzug aller Arbeiten Bourdieus deutlich: Statt nur Teilbereiche der Gesellschaft (z. B. den Wandel im Wirtschaftssektor) zu betrachten, wollte er die Komplexität der vor sich gehenden Prozesse erfassen und die unterschiedlichen Strategien und Einstellungen (vor allem zur Zeit und zur Zukunft) in den Blick nehmen, die die vorkapitalistisch sozialisierten Algerier hatten bzw. die in dem durch die Kolonialherrschaft übergestülpten kapitalistischen System erforderlich wurden.
[15]Bourdieus erste Monografie »Sociologie de l’Algérie« (1958/1985) ist eine Art Landesstudie (Schultheis 2003, 32).2 Auch wenn die Studie soziologisch nicht sehr tief reicht, bietet sie doch eine Beschreibung der sozialen und ökonomischen Strukturen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Algerien, die unverzichtbar ist, um die Transformation der traditionellen Sozialordnung in Algerien zu verstehen.
Aufschlussreich ist die Beschreibung der Kabylen, die in Bourdieus späteren Studien oft im Zentrum stehen: Dieses bevölkerungsstarke Bergvolk, das traditionell vom Oliven- und Feigenanbau sowie von den durch die Frauen angelegten Gemüsegärten lebt (Sociologie de l’Algérie 1958/1985, 9 ff.), wohnt – trotz Nähe zur Hauptstadt Algier – recht isoliert im Norden des Landes. Der Islam hat hier noch wenig Verbreitung gefunden, die Kabylen haben sich in ihrem Rechtssystem und in ihrem bäuerlichen Verhältnis zu Grund und Boden einen »style de vie originale« erhalten (Sociologie de l’Algérie 1958/1985, 7). Sie kennen kein kodifiziertes Recht, stattdessen leitet ein intuitives Gespür für Gerechtigkeit und Angemessenheit das Handeln. Damit ist ein Handlungsregulativ angesprochen, das Bourdieu später doxa nennen wird, also die ohne Nachdenken und ohne Abstimmung wirksame »Koinzidenz zwischen objektiver Ordnung und subjektiven Organisationsprinzipien«, durch die »die natürliche und soziale Welt schließlich als selbstverständlich vorgegebene« erscheint (Entwurf einer Theorie 1972/1976, 325; vgl. Sociologie de l’Algérie 1958/1985, 25). Diese traditionelle Lebensform wird durch die Kolonialisierung gefährdet, weil ihre fundamentale Idee der Verwandtschaftlichkeit im kapitalistisch geprägten Kolonialsystem nicht mehr trägt: Gefühle von Angemessenheit und Gerechtigkeit, die allen gemeinsam sind, werden zunehmend in formelle Prinzipien und Rechtsverhältnisse umgewandelt.3
Die koloniale Situation war für Bourdieu nicht nur Untersuchungsgegenstand, sie prägte auch die Forschungsarbeit selbst. Denn dem Wissenschaftler aus Frankreich, aus dem Land der Kolonialherren, wurde während der Feldforschung wiederholt Skespis oder auch Feindseligkeit entgegengebracht.4
[16]In einer solch undurchsichtigen, sogar gefährlichen Situation zu forschen, verlangte eine reflektierte Offenheit gegenüber den spezifischen Möglichkeiten und Bedingungen. So arbeitete Bourdieu einerseits bei der Sozialstrukturanalyse der algerischen Kolonialgesellschaft mittels Fragebogenerhebungen eng zusammen mit Mitarbeitern der algerischen Vertretung des INSÉE, des Nationalen Statistischen Instituts Frankreichs, und einer Gruppe algerischer Studenten. Andererseits nutzte er zusätzlich weitere Datenformen und Erhebungsverfahren (von der Sammlung von Sprichwörtern, der Erhebung von offenen Interviews und direkten Beobachtungen bis hin zur Sammlung und Interpretation von Fotografien5). In Begleitung des algerischen Studenten Abdelmalek Sayad (der noch Jahre später in Frankreich mit ihm zusammenarbeitete) bereiste er das Land, um sich durch Begegnungen und Erfahrungen in seinem Denken verunsichern und auf neue Untersuchungsbereiche lenken zu lassen; so auf die Beziehung zwischen Wirtschafts- und Zeitstrukturen, auf die Bedeutung der Gabe und des Tausches (insbesondere auf dem Heiratsmarkt) und auf die Bedeutung der Ehre. Für seinen Zugang zum Forschungsfeld war immer wieder die Hilfe von Algeriern unerlässlich, die ihn als jemanden einführten, dem man vertrauen konnte.
Das zentrale Werk dieser Algerien-Studien ist »Travail et travailleurs en Algérie« (1963). Darin werden in einem ersten, von den INSÉE-Mitarbeitern Jean-Paul Rivet und Claude Seibel sowie Alain Darbel (dem Leiter des Instituts) erarbeiteten Teil die »Données statistiques« (statistischen Daten) präsentiert, der zweite Teil besteht aus einer »Étude sociologique« von Bourdieu.6 Gegenstand der Studie ist die Erwerbssituation in Algerien. Die Arbeitswelt ist für Bourdieu und seine Mitarbeiter ein Schlüsselthema, weil sie im Schnittpunkt der Konfrontation beider Wirtschaftssysteme liegt und [17]weil die Autoren an ihr die spezifische Situation des Landes deutlich machen können, nämlich den Konflikt zwischen den Anforderungen einer traditionalen Arbeitskultur mit denen der modernen Rationalität (Travail et travailleurs 1963, 266).
Der erste Teil des Buches liefert die Auswertung eines Fragebogens, in dem Algerier, aber auch im Lande ansässige Franzosen zu ihrer Familienstruktur, zur Hauptbeschäftigung, zur Arbeitszeit und zum Arbeitsbereich, zum individuellen und Familieneinkommen sowie zur Arbeitslosigkeit befragt worden waren.
In dem theoriegeleiteten zweiten Teil von Bourdieu geht es um die Frage, was geschieht, wenn der Kapitalismus nicht, wie in der Geschichte West-und Mitteleuropas, Ergebnis einer autonomen Evolution ist, sondern einem Land von einer äußeren Kraft aufgezwungen wird, und wie sich die Akteure, die in ihren Einstellungen und Haltungen nicht zu den ökonomischen Strukturen passen (Travail et travailleurs 1963, 314), zurechtfinden. Es geht darum, welche Fähigkeiten (z. B. rationales Kalkulieren) und Wertvorstellungen die Adaption an die neuen Strukturen fordert, die von den in einer anderen Tradition aufgewachsenen Menschen eine Konversion ihrer (ökonomischen) Einstellungen, »une réinvention créatrice« verlangen (Travail et travailleurs 1963, 313 ff.). Aus der Untersuchung der algerischen Gesellschaft wird so auch eine Überprüfung der Thesen Max Webers über die förderlichen Bedingungen für die Entstehung des Kapitalismus in der sozialen Mentalität.7 Bourdieu erinnert sich später:
»… meine Frage war: ›Was sind die ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Zugangs zur Rationalität …?‹ Es war eine Webersche Frage, die ich allerdings in marxschen Begriffen stellte …« (zit. nach Schultheis 2000, 166)
Zu diesem Zweck lernte Bourdieu Deutsch und übersetzte Ausschnitte aus Webers Protestantismus-Studie (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 112).
Um Antworten auf diese weit gespannten Fragen zu erhalten, entwickelte Bourdieu auf der Basis erster ethnografischer Erfahrungen einen Fragebogen, der auch Fragen nach den Erwartungen an den Beruf und nach dessen Wahrnehmung bzw. Einschätzung enthielt (Travail et travailleurs 1963, 558 ff.).
Kombiniert wurde dieser Fragebogen jeweils mit einem offenen Interview. Zu den nach Zufall ausgewählten Personen wurden zwei Interviewer [18]geschickt: ein Algerier und ein Franzose.8 Weil meist auf Aufnahmegeräte verzichtet wurde, war diese Konstellation nicht nur für eine vertrauenserweckende Atmosphäre und somit für die Qualität der Informationen förderlich, sie war auch praktisch: Der eine schrieb mit und der andere führte das Interview. Der Interviewer ließ sich zunächst auf die Aussagen des Befragten ein, ohne sich strikt am Fragebogen zu orientieren. Die dadurch mögliche »reelle« Verständigung trug dazu bei, eine vertrauensvolle Gesprächssituation zu schaffen (Travail et travailleurs 1963, 261, Fußn. 4), in der es dann auch möglich wurde, politische Fragen zu stellen, die sonst oft Misstrauen erregten. Erst am Ende wurde rekapitulierend der Fragebogen hinzugezogen. So wurden die Vorteile der geschlossenen Befragung mit denen des offenen Interviews kombiniert. Bereichert wurde die Studie durch zusätzliches Datenmaterial (Sprichwörter etc.). Rückblickend meint Bourdieu, dass ihm das quantitative Vorgehen ein Stück weit über seine Verunsicherung in einer emotional aufwühlenden und auch gefährlichen Situation hinweggeholfen und ihn daran gehindert habe, »den Philosophen zu spielen« (zit. nach Schultheis 2000, 175 ff.; auch: Schultheis 2003, 35).
In deutscher Sprache liegt seit dem Jahr 2000 »Die zwei Gesichter der Arbeit« vor, eine ursprünglich für einen Aufsatz gekürzte Version des zweiten Teils von »Travail et Travailleurs« von 1963. Anhand dieser Fassung werden im Folgenden Bourdieus statistische und ethnografische Arbeiten der Jahre 1958 bis 1961 skizziert.
Die quantitative Erhebung erbringt erste wichtige Erkenntnisse, zeigt aber auch die Schwierigkeiten, die in den Vorannahmen einer standardisierten Befragung stecken können. So impliziert der Begriff der Arbeit eine kapitalistische Logik, wenn er in der Dimension produktiv/unproduktiv verstanden wird. In der vorkapitalistischen Gesellschaft wird die Aktivität an sich geschätzt; nicht Unproduktivität, sondern Müßiggang wird verachtet. Weniger eine spezielle Leistung als vielmehr der Einsatz für die Gruppe – und sei es in der Form eines Gesprächs mit den Dorfältesten – erfährt Anerkennung. Jedem Gruppenmitglied wird eine, wenn auch oft nur symbolische Arbeit zugewiesen, so dass es die Möglichkeit hat, seine Pflichten gegenüber der Gruppe zu erfüllen. In einer solchen Ordnung kommt Arbeitslosigkeit nicht vor. Die Frage danach ist also eine, die aus (europäischer) Forschersicht an den Interviewten herangetragen wird, aber keine, die im bäuerlichen Traditionalismus [19]eine Rolle spielt. Insofern ist das Bewusstsein, arbeitslos zu sein, ein Indiz für »eine Konversion in der Haltung gegenüber der Welt« (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 95), aufgrund derer Arbeit nicht mehr eine soziale Funktion beschreibt. Diese veränderte Einstellung taucht vor allem in den vom Kapitalismus stärker durchdrungenen Regionen auf.
»So kommt es, daß sich die Landbewohner der kabylischen Regionen gerne al arbeitslos bezeichnen, sobald sie ihre Beschäftigung als unzureichend erachten, während sich die Landwirte und Hirten im Süden Algeriens bei ähnlich liegenden Beschäftigungsquoten als beschäftigt ansehen.« (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 95)
Um solche für den Forscher scheinbar selbstverständlichen Vorstellungen wie die moderne Idee der Arbeit relativieren zu können, helfen die qualitativen Interviews, die Analyse von Sprichwörtern, allgemein der offene Umgang mit Informationen jeder Art. Sie helfen so auch bei der Interpretation der Daten der quantitativen Erhebung.
Indem der Kapitalismus auf Rationalisierung und Berechenbarkeit setzt, steht er konträr zur traditionellen Lebens- und Arbeitsweise der algerischen Bauern. Als Voraussetzung für eine rationalisierte Arbeitshaltung identifiziert Bourdieu die spezifische Auffassung der Zeitstrukturen, die Vorstellung von der (Machbarkeit der) Zukunft. Er zeigt, wie das Zeitbewusstsein mit den materiellen Existenzbedingungen verbunden ist (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 43). Entsprechend den geringen objektiven Möglichkeiten, die eigenen Existenzbedingungen zu kontrollieren, wird die traditionelle Lebensund Arbeitsweise nicht durch einen vorausschauenden Blick in die Zukunft geleitet. Vielmehr werden, indem man aus der Not eine Tugend macht, jene zukunftsorientierten Dispositionen, die der Kapitalismus voraussetzt, geradezu vermieden, wie Berechnung und Rechenhaftigkeit (es gibt Regeln, die das Zählen und Beziffern verbieten; Travail et travailleurs 2000, 42), die Sorge um Effizienz und Produktivitätssteigerung, Kalkulation – alles Dispositionen, die in eine »unwirkliche Welt des Zukünftigen und Möglichen« (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 41) weisen.
Die Bauern setzen ihre Ausgaben auf der Grundlage der Erträge aus der letzten Saison, und nicht im Hinblick auf den zukünftig erwarteten Ertrag fest. Sie konsumieren einen Überschuss an Weizen oder Gerste, statt ihn zu reinvestieren. Sie sorgen, statt vorausschauend zu kalkulieren, für den Erhalt des Status quo und opfern insofern »die Zukunft der Produktion zugunsten jener des Konsums« (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 33).9
[20]Rationales Kalkulieren ist bei einem überschaubaren, sich wiederholenden Produktionszyklus wie dem landwirtschaftlichen, der dazu an natürliche (mythisch interpretierte) Prozesse gebunden ist, auch weniger erforderlich als beim kapitalistischen, der, zergliedert in Teilprozesse, eine abstrakte Zukunft anvisiert (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 34 f.). Für den Bauern ist das Kommende nicht ein planbares Jenseits der Gegenwart, sondern es ist in der Gegenwart enthalten – wie der Samen in der Erde oder das Kind im Mutterleib.
Das Leben der kabylischen Bauern wird zeitlich geordnet durch einen mythisch-rituellen Kalender, der das Handeln der Individuen in Gleichklang bringt. Dieser einheitliche Lebensrhythmus ermöglicht die Vorhersagbarkeit des Verhaltens der anderen und damit den Zusammenhalt der Gruppe: »Respekt vor den zeitlichen Rhythmen ist tatsächlich eines der grundlegenden Gebote dieser Ethik der Konformität.« (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 58)
Der Zusammenhalt der Gemeinschaft wird auch gewährleistet durch die Besitzgemeinschaft der Verwandten, die jede Berechnung einzelner Konsumausgaben und jede individualistische Aneignung des Bodens ausschließt. Gestützt wird dieses System durch die Moral der Ehre10, die Eigenschaften wie Berechnung, Gier oder die Orientierung an der Uhr verdammt (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 45). Im Rahmen von Treu und Glauben erbittet man beispielsweise einen Kredit von einem Verwandten oder Bekannten. Im Gegensatz zur Kreditaufnahme bei einem Fremden ist hier die Abmachung nicht durch einen kodifizierten Vertrag, der den zukünftigen Verlauf abstrakt regelt, sondern durch die objektive und dauerhafte Bindung der Akteure in der Gegenwart gesichert, die keiner genau kalkulierten Fristsetzungen bedarf (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 40).
Das kalkulierende Denken fehlt bei den Bauern nicht völlig, es wird jedoch zur Wahrung der allgemeinen Vorstellung vom Zusammenleben in den Interaktionen verneint (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 47). Ein Beispiel: Das Ende der gemeinsamen Erntearbeiten und die dabei wirksame [21]Solidarität werden stets mit einem Festmahl gefeiert. Dessen Kosten übersteigen manchmal die gewonnenen Erträge in einem Maße, dass nur ein Mann aus jeder beteiligten Familie eingeladen werden kann – dass also nur unter Rückgriff auf ein Kalkül der kollektive Ritus gewahrt werden kann (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 47). So wird auch die Anekdote über den Frevel eines (zugereisten) Arbeiters verständlich, der, statt dem Mahl beizuwohnen, die Auszahlung der eingesparten Unkosten verlangte. Diese Geschichte über den Auswärtigen, der bei den Kabylen wohl nie wieder eine Arbeit bekam, versinnbildlicht die symbolische Bedeutung des gemeinsamen Mahls, der Besiegelung eines Bündnisses (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 48) unter Verleugnung jeglicher ökonomischen Dimension.
Aus objektivistischer Forschungsperspektive wurde laut Bourdieu diese Grundlage der Gesellschaft (das Prinzip von Treu und Glauben und die mit ihm verbundene Abweisung jeglichen ökonomischen Kalküls) übersehen. Strukturalistische Modelle in der Ethnologie können, so Bourdieu, nur zeigen, wie auf eine Gabe (Geschenk) eine Gegengabe folgt, das heißt, sie unterstellen dem Handeln eine ökonomische Intention, eine Logik des Tauschs – was die Akteure selbst von sich weisen. Um die Handelnden zu verstehen, sei es unerlässlich, das Zeitintervall zu berücksichtigen, das die Gegengabe von der Gabe trennt. Ist dieses, wie in der Praxis üblich, hinreichend (aber auch nicht zu) groß, so muss niemand in dem Tauschvorgang ein ökonomisches Kalkül, eine Interessengeleitetheit sehen, das heißt, die Funktion des Tausches kann also kollektiv und bewusst verkannt werden (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 50; vgl. Hillebrandt 2007, 289; Hillebrandt 2009a).11 Hier wird übrigens auch die Forderung Bourdieus (die sich vor allem gegen Lévi-Strauss als den Protagonisten des Strukturalismus richtet) verständlich, nicht zu versuchen, entzeitlichte Regeln des sozialen Austauschs aufzustellen, sondern historisch und regional spezifische Strategien und deren Bindung an die objektiven Strukturen zu erfassen (Entwurf einer Theorie 1972/1976, 217 ff.).
Offene Kalkulation und systematische Buchführung nahmen in Algerien erst mit der Ausbreitung des Geldverkehrs zu und machten schließlich auch nicht vor den Besitzgemeinschaften Halt. Deren Mitglieder begannen, ihre Anteile an Konsum und Produktion nachzurechnen – womit der Untergang der Besitzgemeinschaften eingeläutet war (Zwei Gesichter der [22]Arbeit 1977/2000, 44). Da Geld im Unterschied zu Gütern auf eine mögliche Befriedigung in der Zukunft verweist, wurde es in der vorkapitalistischen Gesellschaft nur misstrauisch und zögernd aufgenommen; schließlich besitzt man mit »dem Geldäquivalent … die Dinge nicht mehr, sondern nur die Zeichen ihrer Zeichen« (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 36). Der rationale Umgang mit Geld, der eine abstrakte Bestimmung und Berechnung von Bedürfnissen und Ausgaben voraussetzt, war den traditionellen Bauern fremd. Ihre Vorratshaltung folgte einer ganz anderen Logik; so zeigte der Stand des Weizens in den Tongefäßen eindeutig an, wann der Konsum gedrosselt werden musste, nämlich sobald das Niveau unter das mittlere Loch im Fass gefallen war (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 37). Der Geldverkehr verlangte eine regelrechte Konversion dieser Einstellung:
»… an die Stelle der klaren Evidenz auf der Grundlage der Intuition tritt die ›blinde Evidenz‹ auf der Basis des Umgangs mit Symbolen.« (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 38)
Ohne eine ganz neue Auffassung von Zeit, das heißt die Hinwendung zur Zukunft, waren die bisherigen Dispositionen der Menschen nicht kompatibel mit den aufgezwungenen Strukturen.
»Die nach einer anderen ökonomischen Logik sozialisierten wirtschaftlichen Akteure müssen nun – sozusagen auf eigene Kosten – die rationale Verwendung des Geldes als universellen Vermittler aller ökonomischen Beziehungen erlernen. So ist etwa die Versuchung groß, das gerade erst empfangene Geld umgehend in wirkliche Güter umzusetzen …« (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 38)
Das hatte beispielsweise zur Folge, dass viele Landarbeiter in den 1950er Jahren ihren gesamten Monatslohn in nur wenigen Tagen ausgaben, oder dass Bauern ihren Boden übereilt und wenig gewinnträchtig veräußerten, den Erlös schnell verbrauchten und dann in die Stadt flüchteten (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 38 f.).
Auch die Subproletarier und Arbeitslosen in den Städten, obschon fern der sicherheitsstiftenden Tradition, verfügten nicht über die fundamentale Voraussetzung für kalkulierendes Denken, nämlich den Glauben an die Macht über die Gestaltung der eigenen Gegenwart und Zukunft. Ohne diese grundlegende Bedingung wurden solche Menschen auf unrealistische Träume zurückgeworfen: »Die magische Hoffnung ist die Zukunftsperspektive jener, die keine Zukunft haben.« (Zwei Gesichter der Arbeit 1977/2000, 111) Bourdieu zeigt, dass das rationale Denken keine universelle Fähigkeit ist, wie häufig in den Wirtschaftswissenschaften unterstellt wird, sondern [23]dass es an bestimmte Existenzbedingungen gebunden ist, die überhaupt Zukunftsplanung und Berechnung gestatten. Entsprechend stellt er die Behauptung auf, dass sich revolutionäres Denken und Handeln erst ab einer bestimmten Einkommensschwelle (und der damit verbundenen Sicherheit im Leben) entwickeln können. Das impliziert eine Kritik an der Marx’schen Theorie, die verkenne, dass sich unter unsicheren Existenzbedingungen ein revolutionärer Wille nicht entwickeln kann.
Die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen des strukturalistischen Denkmodells wurden Bourdieu hier im Laufe seiner ersten soziologischen bzw. ethnologischen Arbeiten deutlich. Rückblickend stellt er fest, dass seine »letzte Arbeit als unbefangener Strukturalist« (Sozialer Sinn 1980/1999, 23) der 1963 verfasste Aufsatz »La maison kabyle ou le monde renversé« war. In »Die zwei Gesichter der Arbeit« dagegen, wo er die Interdependenz von Zeit-und Wirtschaftsstrukturen aufzeigt, nimmt er bereits nicht nur Strukturen, sondern auch die Praxis der Akteure in den Blick und verbindet Handlungsund Strukturtheorie. Es spricht vieles dafür, dass Bourdieu sein später zentrales Konzept des Habitus bereits mit seinen algerischen Forschungen vorbereitet hat, in denen er die Inkompatibilität von ökonomischen Strukturen und Einstellungen der Menschen thematisiert.12 Den Begriff ›Habitus‹ selbst verwendet er jedoch noch nicht; in »Travail et travailleurs« ist von Ethos, von Einstellungen (attitudes) und von ökonomischer Grundhaltung (conduite économique) die Rede.
Auch Bourdieus Untersuchungen der Verwandtschaftsbeziehungen und des Heiratsmarktes in Algerien erfassen das strategische Handeln der Akteure. Die einschlägige Studie »Die Verwandtschaft als Vorstellung und Wille«13 (1972/1976) beruht auf Forschungen aus den Jahren zwischen 1960 und 1970; rund dreißig Genealogien aus der Kabylei und anderen Regionen Algeriens waren dafür erhoben worden. Diese Genealogien basieren auf Befragungen über die Heiraten und die Verwandtschaftsbeziehungen einer Familiengruppe über mehrere Generationsstufen hinweg, was zusätzlich kompliziert wird durch die Möglichkeit, mehr als eine Ehefrau zu haben, sowie durch Wiederverheiratungen nach Verwitwung (vgl. Entwurf einer Theorie 1972/1976, 409, Anm. 16).
[24]Bourdieu versucht in dieser Studie, die von der Ethnologie angenommenen (und durch Befragungen nach den Heiratsmustern bestätigten) Regeln, die zur Ehegattenwahl führen, in ihrem Status als Regeln zu hinterfragen, indem er nicht vom Ergebnis der Gattenwahl ausgeht, sondern die dorthin führenden Strategien betrachtet. Er entdeckt dabei, dass ganz unterschiedliche Interessen und Pflichten dazu führen können, dass Männer ihre patrilinealen Kreuzkusinen heiraten (Entwurf einer Theorie 1972/1976, 96 ff.). Anders als die bisherige Ethnologie will er nicht so vorgehen, »als wäre das mit Regeln versehene Produkt nach Regeln produziert worden« (Entwurf einer Theorie 1972/1976, 78). Das Regelsystem (der Gattenwahl oder einer anderen sozialen Handlungsproblematik) sei nämlich, gerade wenn es von einheimischen Informanten dargestellt werde, vor allem ein Versuch, die wirklichen Vorgänge in ein Modell der angemessenen, mit den kulturell ausformulierten Vorstellungen von Gruppenehre und Ansehen kompatiblen Praxis einzupassen. Modell und wirkliche Vorgänge stimmten dabei eher selten überein.
Andererseits entstehe durch den Versuch, die tatsächlichen Vorgänge auf ein kulturell akzeptables Modell hin auszurichten, durchaus eine soziale Leistung, nämlich die – teilweise kontrafaktische – Stabilisierung der kulturellen Selbstdeutungen der Gruppe. Typischerweise ließen sich die Ethnologen
»durch die sorgfältig unterhaltene Zweideutigkeit täuschen …, durch die jede Gruppe ihr spiritualistisches Ehrgefühl behauptet und auf die sie ihre Einheit ideologisch begründet, indem sie sich selber und den anderen die tatsächlich ihre Praxis beherrschenden Faktoren zu verschleiern sucht, oder besser gesagt, indem sie zu verschleiern sucht, daß ihre Praxis von Determinismen und besonders von materiellen und symbolischen Interessen bestimmt wird.« (Entwurf einer Theorie 1972/1976, 89f.)
Diese Einsicht ist für den Kulturbegriff relevant: Die Regelsysteme einer Sozialgruppe für angemessenes Handeln, die kulturell verankert sind und tradiert werden, bilden keine letzte Instanz. Eher im Gegenteil: Diese überlieferten und allseits bekannten Vorschriften werden von den Mitgliedern der Sozialgruppe benutzt, um Handeln »passend« und öffentlich darstellbar zu machen, um die wirkliche soziale Praxis mit dem Selbstverständnis der Gruppe in Einklang zu bringen. Teilweise wenigstens, so Bourdieu, handele es sich bei der Verwendung von Termini des kulturellen Regelsystems um einen Selbsttäuschungs- und gegenüber anderen um einen Verschleierungsversuch. Die in der Praxis häufig an materiellen und symbolischen Interessen orientierten Handlungen werden im Nachhinein auf das kulturelle Regelwerk hin geordnet, um die Mitwirkung von Interessen zu verdecken. Allgemein nennt Bourdieu solche Vorgehensweisen
[25]»Offizialisierungsstrategien, deren Ziel es ist, ›egoistische‹, private, individuelle Beweggründe und Interessen … in uneigennützige, kollektive, öffentlich vertretbare, kurzum legitime Beweggründe und Interessen zu verwandeln.« (Entwurf einer Theorie 1972/1976, 90)
Diese Perspektivenverschiebung weg vom kulturellen Regelsystem verlangt, dass bei der Analyse der Heiratsstrategien die Geschichte und der aktuelle Stand der Transaktionen und Relationen zwischen den beiden Heiratsgruppen berücksichtigt werden. Beachtet werden müssen also die unterschiedlichen praktischen Gebrauchsformen, die »usuellen« bzw. »Gebrauchsbeziehungen« (Entwurf einer Theorie 1972/1976, 82), die zu ein und demselben Muster des Heiratsverhaltens führen können. Die vom Ethnologen
»konstruierten logischen Beziehungen verhalten sich zu den ›praktischen‹, d h. zu den ständig praktizierten, unterhaltenen und gepflegten Verwandtschaftsbeziehungen wie der geometrische Raum einer Landkarte als Darstellung aller für alle denkbaren Individuen möglichen Wege zum unterhaltenen, begangenen, ausgetretenen und damit für einen bestimmten Handelnden wirklich begehbaren Wegenetz.« (Sozialer Sinn 1980/1999, 66)
Damit formuliert Bourdieu eine generelle Kritik am Strukturalismus, der den
»logischen Verwandtschaftsbeziehungen … eine fast vollständige Unabhängigkeit von wirtschaftlichen Faktoren und, korrelativ dazu, eine fast vollkommene innere Kohärenz zuschreibt.« (Entwurf einer Theorie 1972/1976, 82)
Als nützlich erwies sich für Bourdieus Analyse der Heiratsbeziehungen in Algerien der gedankenexperimentelle Vergleich mit den Bauern in Béarn, seiner Herkunftsgegend in Südfrankreich. Zurück in Frankreich drehte er die Vergleichsfolie um und analysierte nun den Heiratsmarkt in den Pyrenäen (wieder in Begleitung seines algerischen Freundes und Kollegen Abdelmalek Sayad, der diesmal die Rolle des »Fremden« übernahm). In den Jahren 1959 und 1960 führte Bourdieu in Lesquire, einem Dorf in Béarn, eine Untersuchung über das bäuerliche Leben, den Heiratsmarkt und die Ehelosigkeit durch (Célibat 1962; Les relations 1962; Junggesellenball 1962/2008).
Die Ergebnisse dieser Forschungen in den Pyrenäen zeigen, dass die bäuerlichen Familien unter modernen Verhältnissen von zwei widersprüchlichen Zielen bestimmt werden: Einerseits geht es um die (traditionelle) Wahrung des Familienbesitzes durch Vererbung an nur ein Kind, vorzugsweise den ältesten Sohn, und andererseits um den (modernen) Respekt gegenüber dem gleichen Rechtsanspruch aller Kinder (Les relations 1962, 307). Männer vom Land haben aufgrund der Vererbungstraditionen geringere Heiratschancen als Männer aus der Stadt (Les relations 1962, 309); insbesondere der [26]jüngste Sohn bleibt, nach traditionellem Brauch, im Interesse des Schutzes des Familienbesitzes unverheiratet und steht als »freier Knecht« seinem älteren Bruder, dem Erben des Besitzes, zur Verfügung (Sozialer Sinn 1980/1999, 336). Damit wird ein Interessenkonflikt durch das Verwandtschaftsverhältnis verdeckt. Es geht nicht vorrangig um die Wahrung der Erbfolge oder des Rechts des Erstgeborenen, sondern um die Sicherung des Erbes, weshalb grundsätzlich auch ein anderer Erbe oder sogar eine Erbin das Land übernehmen dürfte. Anhand der Studien in Béarn ebenso wie der in Algerien gelingt es Bourdieu, die Verkennung des ökonomischen Kalküls durch die Akteure der kulturellen Praktiken selbst darzulegen.
Ob in Algerien oder in Béarn – ein rein ökonomischer Kapitalbegriff schien unzureichend, um die Praxis der Akteure, die ja das ökonomische Kalkül ihrer Praktiken verleugnen, zu verstehen. Deshalb entwickelte Bourdieu, um der Logik der ›Ökonomie der Ehre‹ gerecht zu werden, den Begriff des symbolischen Kapitals. Diese Kapitalart fungiert als eine Art Kredit.
»In einer Wirtschaftsform, die dadurch definiert ist, daß sie sich weigert, die ›objektive‹ Wahrheit der ›ökonomischen‹ Praktiken anzuerkennen … kann das ›ökonomische‹ Kapital selbst nur wirken, wenn es auch um den Preis einer Rückverwandlung, die sein wahres Wirkungsprinzip unkenntlich zu machen geeignet ist, Anerkennung findet: das symbolische Kapital ist jenes verneinte, als legitim anerkannte, also als solches verkannte Kapital …« (Sozialer Sinn 1980/1999, 215)
Ein Beispiel aus Algerien: Wenn nach der Ernte ein zweites Ochsengespann gekauft wird, obwohl nicht ausreichend Futter vorhanden ist, um es bis zum nächsten Herbst, wenn man es bräuchte, durchzufüttern, so ist dies keine »ökonomische Verirrung«. Vielmehr steigert dieses »Symbol einer reichen Ernte« das symbolische Kapital genau in der Zeit, in der die Heiratsverhandlungen beginnen.
»Dieser strategische Bluff ist insofern vollkommen rational, als die Heirat eine Gelegenheit zur (im weiteren Sinne) ökonomischen Zirkulation bietet, von der sich eine unvollständige Vorstellung macht, wer nur die materiellen Güter in Rechnung stellt…« (Entwurf einer Theorie 1972/1976, 352)
Ob bei den Algerien-Studien oder den Forschungen in seiner Heimatregion – immer geht es um alte Werte und Dispositionen, die in einer neuen Welt keinen Sinn mehr haben.14 Die Aufgabe des Ethnologen bzw. Soziologen [27]sieht Bourdieu (Travail et travailleurs 1963, 259) darin, den Sinn der Handlungen, den das koloniale System den Algeriern bzw. der Niedergang der bäuerlichen Gesellschaft den Bauern Frankreichs genommen hat, zu rekonstruieren und ihr Handeln verständlich zu machen – nicht zuletzt für die Betroffenen selbst.
2.2 Bildung: Die Illusion der Chancengleichheit
Bourdieu begann seine empirischen Arbeiten zur Bildungssoziologie 1961. Damals führte er zusammen mit J.-C. Passeron eine schriftliche Befragung von Soziologie-Studierenden an mehreren französischen Universitäten durch (Les étudiants 1964). Die zentrale Studie von Bourdieu und Passeron zum Bildungswesen, »Die Illusion der Chancengleichheit« (deren erster Teil »Bildungsprivileg und Bildungschancen« in Frankreich 1964 veröffentlicht wurde), erschien 1971 (ergänzt um einen zweiten Teil »Die Aufrechterhaltung der Ordnung«) erstmals auf Deutsch.15 Damit fiel die Publikation der Übersetzung in eine Zeit, die in Westdeutschland von den bildungspolitischen Forderungen der 68er und von den mit der Bildungsexpansion verbundenen Hoffnungen und Versprechungen geprägt war. Der Glaube an die emanzipatorische Kraft eines Bildungswesens, das allen Lernenden gleiche Chancen einräumt und nur nach Begabung ausliest, war (und ist) eine verlockende Vorstellung. Bourdieu und Passeron wiesen die Vorstellung, das Bildungssystem stünde in einem neutralen Verhältnis zum Klassensystem, klar zurück (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 16).
In ihrer Studie von 1961/1962 erforschen Bourdieu und Passeron die Auslesemechanismen im Bildungswesen anhand von Merkmalen wie der Sprache, der Fächerverteilung, der Einstellung zur Bildung; sie berücksichtigen auch scheinbar banale Phänomene wie z. B., ob sich der Student im Hörsaal in die vorderen oder die hinteren Reihen setzt. Statt sich, wie es die Logik des Bildungswesens nahe legt, auf das Examen als zentrale Ausleseinstanz zu beschränken, richten sie ihr Forschungsinteresse auf den gesamten Ausleseprozess.
Entsprechend werden zuerst Wahrscheinlichkeiten für den Besuch einer Hochschule in Abhängigkeit vom Beruf der Eltern (des Vaters; Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 249) bestimmt, anhand der Zahlen des Bureau Universitaire de Statistiques von 1961/62. Ermittelt wird wie viel Prozent [28]aus einer Berufsgruppe das Studium aufnehmen. (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 249). Berechnungsgrundlage ist die Zahl der neu immatrikulierten und nicht die Gesamtzahl der studierenden Landarbeiterkinder. Dies begründen die Autoren mit der längeren Verweildauer von Studierenden aus unterprivilegierten Klassen an der Hochschule, was diesen Studierenden in einer Gesamtstatistik ein größeres Gewicht verleihen und somit ihre geringeren objektiven Chancen verschleiern würde (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 258).
Die in Abbildung 1 dargestellten Ergebnisse zeigen das Produkt einer klassenspezifischen Auslese, nach der die
»Aussichten auf Hochschulbesuch … für den Sohn eines Führungskaders acht zigmal größer [sind] als für den eines Landarbeiters und vierzigmal größer als für den eines Arbeiters …« (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 20)
Zusammenfassend halten Bourdieu und Passeron fest:
»Für die Kinder der unterprivilegierten Klassen besteht heute nur eine symbolische Chance zum Hochschulbesuch (weniger als 5 Prozent); die Chancen für bestimmte mittlere Schichten (Angestellte, Handwerker, Kaufleute), deren Anteil in den letzten Jahren gestiegen ist, betragen 10 bis 15 Prozent; für die mittleren Kader haben sich die Chancen demgegenüber verdoppelt (etwa 30 Prozent), für die Führungskader und freien Berufe liegen sie wiederum doppelt so hoch (bis zu 60 Prozent).« (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 20)
Nicht nur der klassenspezifische Zugang zur Hochschule ist ein Indikator für die Ungleichheit der Bildungschancen. Im Hinblick darauf, dass die verschiedenen Fachrichtungen und Bildungsinstitutionen unterschiedliches Prestige genießen, wird der Frage nachgegangen, wie die
»Chancen für einen neuimmatrikulierten Studenten (eine Studentin) einer gegebenen sozialen Gruppe [sind], das eine oder andere Studienfach zu wählen; es geht dabei um bedingte Wahrscheinlichkeit, die den Eintritt in die Hochschule bereits voraussetzt. Sie ist ausgedrückt in der Beziehung:
neu für ein gegebenes Studienfach immatrikulierte Studenten aus einer gegebenen Berufsgruppe
neuimmatrikulierte Studenten aus derselben Berufsgruppe«.
(Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 249)
Es zeigt sich (s. Abb. 1), dass Kinder aus unterprivilegierten Klassen, wenn sie studieren, Restriktionen in Bezug auf die Wahl des Studienfaches unterliegen und auf jene Bildungsinstitutionen abgedrängt werden, die ein geringeres [29][30]Prestige haben. So studieren nur 3,6 Prozent der neu immatrikulierten Landarbeitersöhne Medizin gegenüber 14,7 Prozent der neu immatrikulierten Söhne von Freiberuflern und Führungskadern.

Abb. 1: Bildungschancen nach sozialer Herkunft. Quelle: Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, Tab. 1, 21
Der gleiche Verdrängungsprozess ist bei Studentinnen, vor allem aus der unteren Klasse, erkennbar. Berücksichtigt werden muss dabei, dass dieser Prozess wiederum umgekehrt Einfluss auf das Prestige der Bildungsinstitution und den ökonomischen und sozialen Wert der dort zu erzielenden Abschlüsse hat. Man müsse, so die Argumentation von Bourdieu und Passeron,
»in Rechnung stellen, daß ein Beruf (wie der der Lehrer an Volksschulen und höheren Schulen in Frankreich) an ›Wert‹ verliert, je mehr sein Frauenanteil steigt.« (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 197)
Aus den Untersuchungen des Centre de Sociologie Européenne zur Entwicklung der Bildungschancen geht schließlich hervor, dass zwischen 1961/62 und 1965/66 zwar ein leichter Anstieg der objektiven Chancen von Kindern aus den unteren Klassen feststellbar ist, dass dieser jedoch von der Abdrängung in bestimmte Fakultäten und Studiengänge begleitet wird. So erhöhten sich in diesem Zeitraum – trotz Bildungsreformen – die Zugangschancen für Kinder aus den unteren Klassen zu einem Medizinstudium nicht, während sie für Kinder der oberen Klassen um 5,6 Prozent stiegen (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 287).
Die objektiven Chancen für den Hochschulbesuch allgemein und für den Besuch einer prestigeträchtigen Bildungseinrichtung sind eng verbunden mit den subjektiven Chancen in dem Sinne, dass z. B. für das Kind einer Landarbeiterfamilie das Studium (insbesondere eines prestigereichen Faches) keine selbstverständliche Möglichkeit darstellt. Wächst das Kind hingegen in einer Akademiker-Familie auf, sind ihm dieser Bildungs- und Lebensweg und die damit verbundene Einstellung zur Bildung vertraut, wird die Wahrscheinlichkeit des Hochschulbesuchs durch die Weitergabe vielfältiger Informationen vergrößert.
Die Entscheidung für oder gegen das Studium ist somit nicht einfach eine persönliche, sondern resultiert aus
»der Gesamtheit der objektiven Relationen zwischen sozialer Klasse und Bildungssystem …, da für das Individuum eine Bildungszukunft nur in dem Maße wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ist, wie sie der objektiven und kollektiven Zukunft seiner Klasse entspricht.« (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 178)
Die damit einhergehende Selbsteliminierung der unteren Klassen aus dem Bildungswesen reproduziert wiederum die geringen objektiven Erfolgschancen [31]der eigenen Klasse, die (unbewusst) als Orientierungspunkte für die subjektive Erwartung und schließlich die Entscheidung dienen: es handelt sich um eine self-fulfilling prophecy (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 179).
So wie die soziale Herkunft die objektiven und subjektiven Chancen, eine (und welche) Hochschule zu besuchen, bestimmt, so hat sie entscheidenden Einfluss auf das studentische Leben. Um dieses empirisch zu erfassen, griffen Bourdieu und Passeron auf unterschiedliche Indikatoren zurück, die einzelne Teilbereiche fokussieren. Als Indikator für das Gefühl von Sicherheit/Unsicherheit – Unsicherheit erwächst aus bzw. zeigt sich auch in einer längeren Studienzeit – nehmen sie die Dauer der Studienzeit (längere Studienzeiten kommen vor allem bei Unterprivilegierten vor). Für den Grad der Integration ins studentische Milieu dienen die Platzwahl im Hörsaal und die Größe des Bekanntenkreises der Studierenden. Letzterer nimmt, wie eine an der Universität Lille durchgeführte Befragung zeigt, mit steigender sozialer Herkunft zu (s. Tab. 2.12, Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 260). Das stützt die Annahme, dass die in privilegierten Familien erworbenen Fähigkeiten zur Kontaktaufnahme auch in der studentischen Umgebung integrierend wirken – eine wichtige Voraussetzung für den Zugang zu Informationen und Anregungen im studentischen Umfeld (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 51). Die Entscheidung, sich im Hörsaal auf einen Platz in vorderster Reihe zu setzen, kann als Indikator für sicheres Benehmen und Ungezwungenheit gelten; in der Tat sitzen dort diejenigen, die auch die meisten sozialen Kontakte haben (s. Tab. 2.13, Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 261).
Solche klassenspezifischen Unterschiede, die im Zusammenhang mit Chancenungleichheit selten reflektiert werden, zeigen, dass sich die Studierenden aus den oberen Klassen auf ein familiäres Erbe stützen, das sie im Studium privilegiert. Und dieses ist eben nicht bloß ein ökonomisches Erbe. So entdeckt die Analyse stillschweigende kulturelle Voraussetzungen des Bildungssystems, die von den Studierenden aus den unteren Klassen immer eine Akkulturationsleistung fordern, und weist somit Chancengleichheit als nur formal gegeben auf (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 38 ff.).
Solche verdeckten Voraussetzungen und (Eliminierungs-)Mechanismen sind auch für den Forscher nicht direkt ersichtlich. Aus heuristischen Gründen bedienen sich Bourdieu und Passeron bei ihrer Analyse der pädagogischen Kommunikation an den Hochschulen daher einer idealtypischen Konstruktion:
»Konstruiert man als abstrakte Fiktion und ohne Rücksicht auf Verwirklichungsmöglichkeiten zu methodischen Zwecken ein System, in dem die technischen [32]Bedingungen der intellektuellen Ausbildung explizit und vollkommen realisiert sind, ergibt sich ein Idealtypus der ›rationalen‹ Ausbildung. Er zeigt im Vergleich, daß die möglichen Ziele eines Bildungssystems den expliziten und impliziten Bildungswünschen und Interessen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen in sehr ungleichem Maße entsprechen.« (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 81)
Nach rationalen Kritierien müsste die pädagogische Kommunikation so gestaltet sein, dass die Empfänger (die Studierenden) verstehen, was der Sender (der Professor) mitteilt, dass sie also die Nachrichten entschlüsseln können. Um entsprechend dem Ziel einer rationalen Pädagogik ein minimales Gefälle zwischen Emissions- und Rezeptionsniveau bei möglichst hohem bzw. zu steigerndem Emissionsniveau zu erreichen, dürfte der Code der Wissensvermittlung nicht stillschweigend vorausgesetzt, sondern müsste selbst gelehrt werden (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 93 ff.).
Wie sieht nun die tatsächliche pädagogische Kommunikation von Seiten des Professors aus? Vor dem Hintergrund des Idealtypus wird eine professorale Sprache erkennbar, die von Anspielungen und Doppelsinnigkeiten durchdrungen ist und die Klarheit der Darstellung zugunsten einer Virtuosität des »Meisters« (dank der durch die Institution zugesprochenen Autorität) vernachlässigt (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 98 ff.). So wird beispielsweise der Begriff ›Epistemologie‹ von Professoren mit selbstverständlicher Leichtigkeit verwendet, obwohl »mit großer Wahrscheinlichkeit 45 Prozent der Studenten für diesen Begriff entweder gar nichts oder nur abwegige Bedeutungen einzusetzen wagen …« (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 104, Fußn. 11).
Die Vermittlung von Techniken intellektueller Arbeit durch Übungen, Wiederholungen und Tipps (zur Anfertigung von Karteikästen usw.) wird von den Professoren als »schulmäßig« abgewertet. Legitimation verschafft sich diese Haltung durch eine Ideologie, die die intellektuelle Arbeit zu einem freien schöpferischen Akt verklärt und sich auf die Idee der natürlichen Begabung stützt (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 85 f.). Insbesondere Professoren, die der mittleren Klasse entstammen, neigen zu dieser charismatischen Ideologie, weil sie nur zum Teil an den Privilegien der Bourgeoisie partizipieren. Weiter stellen Bourdieu und Passeron fest, dass wegen der steigenden Studentenzahlen nach 1965 mehr Lehrkräfte als zuvor – aus einer schwachen Altersklasse – rekrutiert werden mussten. Insbesondere diesen unterausgelesenen Neulingen attestieren Bourdieu und Passeron eine Betonung der eigenen Virtuosität bei Vernachlässigung der Fähigkeiten und Kenntnisse der Studierenden (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 156).
[33]Auch die Studierenden sind in dieser charismatischen Ideologie befangen, wenn sie ihre Leistungen auf ihre Begabungen zurückführen und eine Vermittlung von Techniken der intellektuellen Arbeit ablehnen (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 79). Es tun dies auch jene, die nicht über die geforderte Leichtigkeit im Umgang mit der akademischen Sprache verfügen, denn in der Anonymität des Hörsaals »muß sich jeder an diesem Sein-Sollen messen, ohne zu verraten, daß er es nicht verwirklicht« (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 107). Sie flüchten sich in eine verzweifelte Nachahmung der professoralen Sprache, in Zitate und vage Aussagen, die bloß eine »Karikatur der Virtuosität« darstellen (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 99). Sie schützen sich beispielsweise hinter einem vorgespiegelten Verständnis des Begriffs Epistemologie, indem sie ihn in ihre Aufsätze einstreuen (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 104). Damit verdecken – und nutzen – sie das strukturelle Missverständnis der pädagogischen Kommunikation.
Studierende und Professoren werden so zu Komplizen im Missverständnis. Beide übersehen, dass die Vermittlung intellektueller Techniken so der Herkunftsfamilie überlassen bleibt. Die klassenspezifischen Ungleichheiten in der Ausstattung mit kulturellem Kapital werden durch die Ideologie der Begabung und der Virtuosität verschleiert. Bourdieu und Passeron führen als Beispiel eine Mutter an, die ihren Sohn als »schlecht in Französisch« bezeichnet. Dadurch individualisiert sie das Problem, verschleiert sie die Abhängigkeit vom kulturellen Kapital der Familie und leitet, die Autorität des Lehrers akzeptierend, verfrühte Schlüsse aus einer Note ab (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 86 f.).
Klassenspezifische Unterschiede in der Einstellung zur Sprache ermitteln Bourdieu und Passeron beispielsweise durch einen Vokabeltest, in dem u. a. nach der Definition eines nicht existierenden Begriffes (»Gerophagie«) gefragt wird. Ergebnis ist, dass privilegierte Sorbonne-Studenten häufiger Antworten geben (»Wenn gero von geras der Greis kommt, bezeichnet Gerophagie eine Form der Menschenfresserei, die sich mit Vorliebe auf die älteren Elemente einer Population X richtet.«) als unterprivilegierte Provinzstudenten (»Ich weiß keine Definition«; Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 114, Fußn. 21). Bourdieu und Passeron interpretieren dieses Ergebnis als Zeichen einer größeren Leichtigkeit, ja Arroganz und Frechheit der Privilegierten im Umgang mit der Sprache. Die in den Familien der oberen Klassen vermittelte ungezwungene Selbstsicherheit und Kompetenz im Umgang mit der Sprache (sie ist im Gegensatz zur Vulgärsprache abstrakter, formaler, euphemisch gedämpfter und drückt eine vornehme Distanziertheit zum Gegenüber aus; Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 111) weisen eine starke Nähe zu den stillschweigend vorausgesetzten Anforderungen des Bildungssystems auf. So
[34]»bildet die ungleiche Verteilung des bildungstechnisch rentablen sprachlichen Kapitals auf die verschiedenen sozialen Klassen eine der verborgensten Vermittlungen für die (statistisch greifbare) Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg, auch dann, wenn dieser Faktor je nach der Konstellation, in der er steht, und infolgedessen je nach den verschiedenen Schultypen und Stufen des Studienganges, ein unterschiedliches Gewicht hat.« (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 110)
Am Beispiel der (Einstellung zur) Sprache wird deutlich, warum die Relationen zwischen Bildungssystem und Klassensystem und nicht allein das Kommunikationsverhältnis Grundlage der Analyse sein müssen: Nur so kann die Annahme, der gebildete Habitus sei das Produkt des Bildungswesen, als Ideologie aufgewiesen, nur so kann gezeigt werden, dass das Bildungssystem
»im Extremfall nur einen Klassenhabitus, der außerhalb des Bildungswesens entstanden ist und die Grundlage alles schulischen Lernens bildet, benutzt und sanktioniert.« (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 222)
Zur Sprache, aber auch zu Geschmack und Kennerschaft im Bereich der Kunst legt Bourdieu die sachliche und zeitliche Nachrangigkeit der Schule im Verhältnis zum Erwerb kulturellen Kapitals in der Herkunftsfamilie dar. Der selbstverständliche Umgang und die allmählich wachsende Vertrautheit mit Kunstwerken im Herkunftsmilieu ähnele dem Meister-Schüler-Verhältnis des Lernens: Es entsteht dabei eine Kennerschaft, die ihre eigenen prinzipiellen Grundlagen nicht explizit machen kann und auch nicht muss, weil sie durch lange Jahre der Vertrautheit zur Selbstverständlichkeit gewachsen ist. Der Erwerb von entsprechender Kompetenz in der Schule jedoch geschieht, wenn die Herkunftsfamilie ein quasi-natürliches Hinweinwachsen nicht ermöglicht hat, nachträglich, in der Absicht, den Zeitverlust (im Verhältnis zur Familienerziehung) aufzuholen, sowie mittels einer gewissen »Rationalisierung«: Die Schule muss Kenntnisse im Bereich der Kunst auf Regeln und Rezepte, Taxonomien und Prinzipien stützen, muss die langsam aus unmittelbarer Erfahrung und unmittelbarem Umgang stammende Vertrautheit durch eine auch theoretisch fundierte Ästhetiklehre ersetzen (Feine Unterschiede 1979/1999, 121 ff.). Insofern ist der Erwerb des einschlägigen kulturellen Kapitals für jene Kinder, die eine Vertrautheit nicht aus der Herkunftsfamilie mitbringen, in doppelter Weise kompensatorisch: Erstens wegen des Versuchs, »die verlorene Zeit noch aufzuholen« (Feine Unterschiede 1979/1999, 123), und zweitens wegen des »Erwerbsstils«, nämlich nicht durch langsam wachsende Vertrautheit, sondern mittels pädagogisch und theoretisch durchdachter Regeln und Rezepte.
[35]Entgegen vorherrschenden Vorstellungen ist somit nicht das Examen die zentrale Ausleseinstanz, die Auslese findet viel früher statt (vgl. Interview Wie die Kultur 1966/2001, 21).
Im Vergleich zum Idealtypus einer rationalen Ausbildung wird ersichtlich, wessen »expliziten und impliziten Bildungswünschen und Interessen« (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 81) das Bildungssystem dient. Die charismatische Ideologie (Virtuosität der Dozenten, wissenschaftliche Arbeit als freies Schöpfertum) und die Annahme von der Gleichheit der Studierenden in einem vom Klassensystem unabhängigen Bildungssystem verdecken die ungleichen Bildungschancen und legen die Verantwortung in jeden Einzelnen bzw. in die Natur der Menschen, in ihre Begabung. So wird deutlich, dass die Auslesemechanismen die privilegierten Studenten gewissermaßen ein zweites Mal bevorteilen, indem ihre sozialen Privilegien, die das Bildungssystem ignoriert, in einen Bildungsvorteil, indem soziale Zugangschancen in Bildungsqualifikationen umgewandelt werden (Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 190).
Das Ergebnis, das Bourdieu immer wieder zu belegen sucht: Die Behauptung der Chancengleichheit im Bildungssystem bemäntelt nur, dass der Schulerfolg entscheidend von dem aus dem Elternhaus mitgebrachten kulturellen Kapital abhängt. Das Bildungssystem erfüllt vielmehr eine konservative Funktion, indem es, statt Chancen zu eröffnen, das kulturelle Privileg bewahrt und legitimiert und dadurch zur Perpetuierung der Sozialordnung beiträgt. Die Schule hat eine herrschaftssichernde Funktion: Sie bringt den Kindern der beherrschten Klassen den Respekt vor der herrschenden Kultur bei, ohne ihnen den Zugang dazu zu ermöglichen (Feine Unterschiede 1979/1999, 619; auch: Symbolische Gewalt 1970/1973, 57)
Jenseits dieser heimlichen bzw. paradoxen Funktionen des Bildungssystems übersieht Bourdieu jedoch nicht
»den immer wichtigeren Beitrag des Bildungssystems zur sozialen Reproduktion, was dieses zu einem immer heißer umkämpften Gegenstand in den sozialen Auseinandersetzungen geraten läßt.« (Homo academicus 1984/1998, 257)
Denn das Bildungssystem ist dabei,
»zum offiziellen Instrument der Verteilung des Rechts auf Besetzung einer ständig wachsenden Zahl an Positionen und zu einem Hauptmittel der Erhaltung beziehungsweise Veränderung der Struktur der Klassenverhältnisse durch Wahrung beziehungsweise Änderung der Quantität und (sozialen) Qualität der Positionsinhaber innerhalb dieser Struktur zu werden …« (Homo academicus 1984/1998, 257, Fußn. 3)
[36]Das Bildungssystem ist für demokratische Gesellschaften das am besten geeignete Instrument, um die bestehenden Sozialstrukturen zu reproduzieren, weil es ohne die Brutalität von Hierarchiebezügen auszukommen scheint:
»… unter all den Lösungen, die im Laufe der Geschichte für das Problem der Übermittlung der Macht und der Privilegien gefunden worden sind, gibt es zweifellos keine einzige, die besser verschleiert ist und daher solchen Gesellschaften, die dazu neigen, die offenkundigsten Formen der traditionellen Übermittlung der Macht und der Privilegien zu verweigern, gerechter wird als diejenige, die das Unterrichtssystem garantiert, indem es dazu beiträgt, die Struktur der Klassenverhältnisse zu reproduzieren, und indem es hinter dem Mantel der Neutralität verbirgt, daß es diese Funktion erfüllt.« (Kulturelle Reproduktion 1972/1973, 93, auch 108; ähnlich: Illusion der Chancengleichheit 1964/1971, 190)
Dieses Ergebnis, welches der Idee von der befreienden Kraft des Bildungswesens radikal widerspricht, führte übrigens dazu, dass Bourdieus Arbeiten in den 1970er Jahren als anti-revolutionär und konservativ eingestuft wurden. Bourdieu meint dazu in einem Interview: »Wenn Sie sagen, ›die Dinge sind so‹, dann denkt man, dass Sie sagen, ›sie sollen so sein‹ …« (Interview Politik zum Intellektuellen 1999/2001, 174)
Die pädagogischen Konsequenzen aus diesen Befunden formuliert Bourdieu verhalten und arbeitet sie nicht zu einem eigenen Bildungskonzept aus. Jedoch steht fest:
»Die Soziologie der kulturellen Ungleichheiten ist die einzig mögliche Grundlage einer Pädagogik, die sich nicht auf psychologische Abstraktionen stützen will.« (Les étudiants 1964, 123; ins Deutsche übersetzt von den Autoren)
Von hier aus arbeitet Bourdieu verschiedentlich an Ansatzpunkten für eine »rationale Pädagogik«, z. B. auch als Vorsitzender (neben François Gros) einer vom Minister für das nationale Erziehungswesen 1988 einberufenen »Kommission zur Neubestimmung der Unterrichtsinhalte« (vgl. Unterrichtsinhalte 1989/2001, 153 ff.). Aus diesen Vorschlägen ergibt sich, dass für Bourdieu aus der Analyse des Bildungssystems keineswegs Defaitismus folgen muss (etwa im Sinne einer deprimierten Abwertung der Anforderungen, die Universität und Wissenschaft an alle Studierenden stellen, nachdem deren heimliche Funktion »entlarvt« ist). Als wichtigstes Hilfsmittel nennt er: Die akademischen Dozenten müssten sich dazu verstehen, insbesondere den Studierenden aus Familien mit geringem kulturellen Kapital zunächst die Techniken des Studierens und des wissenschaftlichen Arbeitens zu lehren. Auch den Lehrern an den Schulen macht Bourdieu entsprechende Vorschläge.
[37]Den beachtlichen Publikumserfolg der bildungssoziologischen Studien von Bourdieu und Passeron in den 1960er und 1970er Jahren sieht Pollak (1978, 61 f.) darin begründet, dass sich viele Studierende und Intellektuelle jener Jahre darin wiedererkennen konnten: Gerade diejenigen, die mit dem Studium die Hoffnung auf sozialen Aufstieg verbunden hatten, sahen sich auf dem Arbeitsmarkt um ihre Chancen gebracht. In Westdeutschland dürfte die breite Durchsetzung des Grundgedankens auch darauf zurückgehen, dass er es der Linken ermöglichte, eine selbstständig-kritische Haltung zu den sozialdemokratisch und bürgerlich-liberal getragenen Bildungsreformen einzunehmen und auf deren Paradoxien hinzuweisen. Das Argument, dass Bildungsreform keine Gesellschaftsreform erreichen könne, gestattete es den Linken, auf der Notwendigkeit einer revolutionären Gesellschaftsveränderung zu bestehen. Andere könnten seine Analysen als Rechtfertigung für ihre hilflos-defaitistische Ablehnung jeglicher Anforderungen des Bildungssystems missverstanden haben.
2.3 Klassenstruktur und Lebensstile: Die feinen Unterschiede
Kann die Frage nach der Bevorzugung von kräftigem Schweinefleisch und aufwändigen Topfgerichten wie dem pot-au-feu (basierend auf preisgünstigem Suppenfleisch) gegenüber Fisch und kalorienarmer Nahrung (Feine Unterschiede 1979/1999, 301 ff.), die Frage nach der Ausübung von Hobbys wie Tennis, Angeln, Wasserski, oder die nach der Auffassung, dass sich ein Kohlkopf als Motiv für ein schönes Foto eigne (Feine Unterschiede 1979/1999, 74); können solche Fragen nach Geschmack und alltagsästhetischen Einstellungen im Interessenfeld der Soziologie liegen? Bourdieu wendet sich in der 1982 erstmals auf Deutsch erschienenen und mit großem Interesse aufgenommenen Studie »Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft« (orig. 1979) solchen scheinbar banalen Fragen zu, um an ihnen die Logik kultureller Praktiken sowie deren Gebundenheit an die Struktur der (Klassen-)Gesellschaft zu erläutern.
Das vorherrschende Alltagsverständnis spricht den (hoch-)kulturellen Gütern und Praktiken eine soziale Dimension ab. Danach ist der Geschmack eine persönliche Eigenschaft. Dass man die »Kunst der Fuge« der »Schönen blauen Donau« vorzieht, wird als eine persönliche Neigung verstanden, die auf die Kultiviertheit eines Musikkenners und -genießers verweist. Auch in der Soziologie wirkt die Idee vom »natürlichen Geschmack« so selbstverständlich, dass sich dieser Phänomenbereich der soziologischen Betrachtung lange Zeit weitgehend entzogen hat; insbesondere der Umgang mit den [38]hohen Künsten, mit der Musik und der Malerei, ist selten Gegenstand einer soziologischen Analyse geworden.16
Diese Naturalisierung des Geschmacks stellt Bourdieu in Frage, indem er die Verteilung der verschiedenen Lebensstile erfasst, typische Kombinationen von Lebensstilen entdeckt und fragt, warum gerade sie zusammen auftreten bzw. klassenspezifisch verteilt sind. Wie erklärt sich zum Beispiel der enge Zusammenhang zwischen der Vorliebe für Tennis, fürs Boulevardtheater und für Whisky bei den Führungskräften in der Privatwirtschaft, während Landwirte Fußball und Rugby als Sportarten präferieren sowie bevorzugt Landwein, Brot und Kartoffeln konsumieren? Wie erklärt sich, dass Praktiken aus so verschiedenen Bereichen wie Sport und Getränkewahl miteinander korrelieren und dass sie mit der Klassenstruktur zusammenhängen?
Ziel von Bourdieus Analyse ist es,
»in der Struktur der sozialen Klassen das Fundament der Klassifikationssysteme auszumachen, welche die Wahrnehmung der sozialen Welt strukturieren und die Gegenstände des ästhetischen ›Wohlgefallens‹ bezeichnen.« (Feine Unterschiede 1979/1999, 14)
Der Geschmack wird somit zu einem zentralen Merkmal von Klasse – »Klasse« im doppelten Sinne von »sozialer Klasse« und von »Klasse haben« (Feine Unterschiede 1979/1999, 18). Aus der Verteilung der Wahrnehmungsmuster und Lebensstile ergibt sich die Frage nach der sozialen Anerkennung der diversen kulturellen Praktiken, also z. B. nach dem unterschiedlichen Legitimitätsanspruch der »Kunst der Fuge« oder der »Schönen blauen Donau«, von kräftigem Schweinefleisch oder von Fisch. Soziologisch interessant ist, wie sich in der sozialen Wertschätzung der Gegenstände bzw. der kulturellen Praktiken die soziale Hierarchie der Konsumenten spiegelt, wie die herrschende Klasse ihre Praktiken als die legitimen und »hohen« definiert und durchsetzt.
Bourdieu weiß, dass er mit seinem Vorhaben, neben Bereichen wie Kleidung, Getränke oder Sport auch die Kunst in Hinblick auf die sozialen Bedingungen zu hinterfragen und sie aus ihrer scheinbar separaten Sphäre in die alltägliche Konsumwelt zu überführen, für die Vertreter der Idee des legitimen Geschmacks einen »barbarischen« Akt an einem sakralen Gegenstand [39]begeht (Feine Unterschiede 1979/1999, 26 f.). Denn mit der Aufdeckung ihrer sozialen Dimension bestimmt sich der Wert der hohen Künste nicht mehr durch ihr Wesen, sondern durch die soziale Hierarchie ihrer Vertreter, wird also die »gesellschaftlich anerkannte Hierarchie der Künste« in ihrer Selbstverständlichkeit in Zweifel gezogen.
Bourdieu verwendet in der Studie, wie er selbst sagt, einen weit gefassten, der Ethnologie entlehnten Begriff von Kultur (Feine Unterschiede 1979/1999, 171). Dadurch sei es möglich, Geschmack in Hinblick auf Speisen, auf die Besichtigung einer Kunstausstellung, auf Kleidungsstücke und auf das Hören von klassischer Musik gemeinsam zu erforschen und in ein und derselben Dimension zu analysieren.
Wie der Geschmack zur Reproduktion der Klassenstruktur beiträgt, indem er Menschen ähnlicher Klassen zusammenführt und sie zur Ablehnung anderer Lebensstile und damit zur Ablehnung von Menschen aus anderen, insbesondere unteren Klassen bringt, gar diesen gegenüber Ekel auslöst, untersucht Bourdieu an verschiedensten Aspekten. Selbst Liebe und Freundschaft werden durch den Geschmack bestimmt; wenn zwei Menschen am jeweils anderen einen ähnlichen Habitus erkennen, so ist die Chance groß, dass sie sich zusammentun. Dies erklärt für Bourdieu auch die Tatsache, dass es auch heute noch voneinander abgegrenzte Heiratskreise gibt (Feine Unterschiede 1979/1999, 373 ff.).
Grundlage der Untersuchung sind, nach vorausgehenden Intensivinterviews und ethnografischen Beobachtungen, 692 in Paris, Lille und in einer französischen Kleinstadt durchgeführte Interviews aus dem Jahre 1963, die 1967/68 durch 525 weitere Interviews ergänzt wurden. Zusätzlich nutzt Bourdieu vorliegendes Datenmaterial aus anderen Forschungsinstituten (Feine Unterschiede 1979/1999, 811 ff.). Diese Pluralität von Methoden und Datenquellen wirft zwar die Schwierigkeit auf, dass die verwendeten Begriffe je nach Operationalisierung nicht immer einheitlich verwendet werden (z. B. »soziale Position«), hat aber den Vorteil, dass ein differenziertes Bild vom Zusammenhang zwischen sozialer Position und Lebensstil entstehen kann.17
[40]Der 1967/68 verwendete Fragebogen (Feine Unterschiede 1979/1999, 800 ff.)18 umfasst neben sozialstatistischen Angaben zum Bildungsabschluss, zur Herkunft des Vaters, zum Einkommen etc. Fragen
• zu verschiedenen Wissensgebieten, so nach der Kenntnis von Filmregisseuren oder Musikwerken: »Welche Musikstücke aus der folgenden Liste kennen Sie? Können Sie jeweils den Namen der Komponisten nennen?« (vorgegeben wurden z. B. »Rhapsody in blue«, »Die schöne blaue Donau« und »Die Kunst der Fuge«);
• zu diversen kulturellen Praktiken wie der Häufigkeit verschiedener Freizeitaktivitäten (Basteln, Fernsehen, ob und welches Musikinstrument man spielt etc.), zur Bewirtung von Gästen (»Wenn Sie Gäste haben, welche Speisen servieren Sie dann am liebsten?«: – »einfach aber hübsch angerichtet«, »feine und erlesene«, »reichhaltige und gute« etc.), zu Museumsbesuchen oder Radiosendungen, die bevorzugt gehört werden, zur eigenen Alltags- und Festtagskleidung;
• zu ästhetischen Einstellungen, z. B. zu Lieblingsmalern und Filmen, zu schönen und interessanten Fotomotiven, Aussagen über die Malerei (Zustimmung/Ablehnung von Aussagen wie »Die moderne Malerei ist einfach so dahingemalt, das könnte jedes Kind genausogut« oder »Name und Stil eines Malers sind mir gleichgültig«).
Die drei Bereiche sind im Fragekatalog miteinander verflochten. So wird zum Thema Mobiliar nicht nur der tatsächliche Stil, sondern auch der gewünschte erfragt. Vorgegeben wurde eine Liste von Eigenschaftswörtern (»sauber«, »komfortabel«, »stilvoll«, »nüchtern«, »warm«, »pflegeleicht« etc.), aus der jeweils die wichtigsten und unwichtigsten genannt werden sollten.
[41]Bemerkenswert ist, wie Bourdieu (entsprechend seiner Abneigung gegen Bindestrich-Soziologien) ein breites Spektrum von Geschmacksbereichen – von Fotomotiven über Musikpräferenzen bis zu Nahrungsvorlieben – in ein und demselben Fragebogen erfasst, um aufzeigen zu können, dass diese Bereiche der gleichen Logik folgen (Feine Unterschiede 1979/1999, Kapitel 4.1). Der Vielfalt der Indikatoren für Lebensstile wurde so bei der Konstruktion des Fragebogens der Vorzug gegeben gegenüber einer genaueren Erhebung einzelner Bereiche. Wenn auf diese Weise pro Bereich (etwa zum Museumsbesuch) nur wenige Fragen gestellt wurden, wird die Auswahl der als relevant erachteten – teilweise im Pretest ermittelten – Merkmale eines jeden Indikators umso wichtiger. Dabei beruhen die als signifikant erachteten Merkmale auf einer Reihe von Prämissen (Feine Unterschiede 1979/1999, 790), so beispielsweise auf der Annahme, dass bei Museumsbesuchen nicht nur die Angabe der Häufigkeit, sondern vor allem auch die Frage, für welche Museen man sich entscheidet, sowie der soziale Rahmen dieser Aktivität (mit der Schulklasse oder allein) für die Differenzierung der Klassen(fraktionen) von Bedeutung sind.19
Fragen, die die quantitative Erhebung – den Fragebogen bezeichnet Bourdieu als unvollkommenes, aber doch aussagekräftiges Messinstrument (Feine Unterschiede 1979/1999, 790 f.) – offen ließ bzw. neu aufwarf, wurden auf anderem Wege weiterverfolgt. Teile der aus diesem wenig systematischen Vorgehen resultierenden Befunde sind im Buch in Form von Bildern oder Originalaussagen zu finden. Über ihren illustrativen Charakter hinaus können diese Originalaussagen etwas zeigen, was die standardisierte Erhebung verdeckt: Mittels des Fragebogens kann zwar eingefangen werden, ob die Befragten »Das wohltemperierte Klavier« und dessen Komponisten kennen; doch bleibt die Frage, ob ein Gespräch darüber gelassen und selbstsicher geführt werden könnte, offen. Der ethnografische Zugang ermöglicht es, Eindrücke von den (klassenspezifischen) Wahrnehmungs- und Handlungsschemata, z. B. der Art und Weise, über ein Kunstwerk zu sprechen, und von [42]verschiedenen »Arten« des Sehens zu gewinnen. Zudem könnten bei einigen Probanden, die der hohen Kultur fern stehen, die Wissensfragen in der standardisierten Erhebung Entmutigung und Frustration auslösen – diese Gefahr wird durch den ethnografischen Zugang vermieden.
Um anhand der quantitativen Daten den Zusammenhang zwischen den Lebensstilen und den sozialen Positionen zu erfassen bzw. die Klassen(fraktionen) anhand der Ausprägungen der unterschiedlichen Lebensstile zu beschreiben, bedarf es eines multivariaten Analyseverfahrens, das mit den unterschiedlichen Messniveaus (z. T. nur nominal) operieren kann. Bourdieu verwendet hier ein Auswertungsverfahren, das in Deutschland bis dahin wenig bekannt war: die Korrespondenzanalyse (vgl. Blasius 1987; Blasius 2001; Fricke 1990; Blasius/Schmitz 2013).
Exkurs:
Die Korrespondenzanalyse ist ein multivariates statistisches Auswertungsverfahren, welches seit den 1960er Jahren in Frankreich vor allem von Jean-Paul Benzécri ausgearbeitet wurde. Sie kann eine Mehrzahl von Variablen (deshalb: multivariat) auf Gemeinsamkeit bzw. Verschiedenheit, d. h. auf »Korrespondenzen« hin analysieren. Geeignet ist die Korrespondenzanalyse besonders zur Analyse von Kontingenztabellen (Kreuztabellen), aber auch von Indikatortafeln (die durch 1 oder 0 angeben, ob eine Variable einen Wert aufweist oder nicht).
Der Vorteil der Korrespondenzanalyse gegenüber verwandten multivariaten Analyseverfahren (Faktorenanalyse, Clusteranalyse) besteht erstens darin, dass die Daten, mit denen sie arbeitet, auf niedrigem Niveau gemessen sein können (auf nominalem Meßniveau, wie z. B. die Variable Geschlecht).20 Die wichtigste Voraussetzung ist, dass keine negativen Werte vorkommen. Zweitens bietet die Korrespondenzanalyse neben numerischen Ergebnissen21 eine Visualisierung ihrer Ergebnisse in einem normalerweise zweidimensionalen Raum (gebildet durch ein Achsenkreuz; vgl. Abb. 3)
Nehmen wir als beispielhaften Ausgangspunkt für die einfache oder binäre Korrespondenzanalyse eine Tabelle (vgl. Abb. 2) von Ausprägungshäufigkeiten, die in den Spalten Berufsgruppen unterscheidet, in den Zeilen das Lebensstilmerkmal Möbelkauf (im Kaufhaus, auf dem Flohmarkt usw.) angibt.
[43]
Abb. 2: Kontingenztabelle
So sind die Ausprägungshäufigkeiten des Lebensstilmerkmals
»bestimmt durch ihr empirisches Vorkommen in den korrespondierenden Variablen – entsprechend Bourdieus feinen Unterschieden‹ sind dies die ›sozialen Positionen‹, also die ›Berufspositionen‹. D. h., die Dimension (das Zeilenprofil) ›Möbelkauf im Kaufhaus‹ hat Elemente in den Ausprägungen der Variable ›Berufsposition‹, also z. B. in ›Kunstproduzent‹ oder ›Hochschullehrer‹.«
Und umgekehrt:
»Die Dimensionen des ›Raums sozialer Positionen‹ entsprechen den unterschiedlichen Berufspositionen, die ihre Ausprägungshäufigkeiten u. a. in den Merkmalen der Lebensstile haben. So hat die Dimension (das Spaltenprofil) ›Hochschullehrer‹ u. a. ein Element beim ›Möbelkauf im Kaufhaus‹.« (Blasius 2000, 89)
Um nun die Kovarianz zu untersuchen, wird diese Tabelle von Ausprägungshäufigkeiten zunächst rechnerisch transformiert (im Hinblick auf Zeilen-und Spaltensummen), ohne dass sich an den Proportionen etwas ändert. Die transformierte Tabelle bildet nun den Ausgangspunkt der Korrespondenzanalyse.
Die Korrespondenzanalyse sucht nach einer möglichst sparsamen Beschreibung beider Verteilungsprofile, also sowohl der Berufsgruppenkorrespondenzen des Merkmals Möbelkauf im Kaufhaus wie der Möbelkaufkorrespondenzen der Berufsgruppen, berücksichtigt somit Zeilen wie Spalten der Tabelle. Zeilen und Spalten der Kontingenztabelle werden als Vektoren (Vektoren der Zeilen- und Spaltenprozente) in einem mehrdimensionalen Raum [44]aufgefasst und nach Möglichkeit so in einen gemeinsamen Unterraum projiziert, dass eine anschauliche Darstellung möglich wird. Dies geschieht dadurch, dass die Häufigkeiten in der Kontingenztabelle auf zugrunde liegende Faktoren hin geordnet werden.
»Die Faktoren werden als latente Variablen interpretiert, deren Korrelation mit den manifesten Variablen bzw. mit den Variablenausprägungen [hier: Berufsgruppen und Möbelkauf] als Faktorenladungen bezeichnet werden.« (Blasius 2000, 85)
Die beiden Faktoren, die die meiste Varianz erklären, bilden die Achsen des Koordinatensystems eines zweidimensionalen Raums, in den die Variablenausprägungen projiziert werden. Die durch die erste Achse (hier: die Kapitalstruktur) erklärte Varianz ist größer als die der zweiten.
Ergebnis ist also ein zweidimensionaler Raum mit Koordinatenkreuz (Achsenkreuz), in dem sowohl die Berufsgruppen wie das mit ihnen variierende Merkmal (Möbelkauf im Kaufhaus) eine bestimmte Lage erhalten. Nähe und Distanz von Variablen in diesem Raum zeigen deren Wahlverwandtschaft bzw. inhaltliche Ferne auf.
Die Variablenausprägungen im Raum des kleinbürgerlichen Geschmacks (siehe Abb. 3), die nahe am Koordinatenursprung liegen (z. B. «3 bis 6 Komponisten kennen«), entsprechen den durchschnittlichen Werten innerhalb des Raums und werden kaum von den latenten Variablen erklärt, wohingegen die Variablenausprägungen, die am Rand einer Achse liegen (z. B. »mehr als 11 Komponisten kennen«), hoch auf der Achse laden, also mit dieser latenten Variable stark korrelieren.
Weiter beschreibt die relative Nähe von zwei Ausprägungen der Lebensstilvariablen in Abb. 3 (z. B. von »mehr als 11 Komponisten kennen« und »Vorliebe für Flohmärkte zum Möbelkauf« bei Menschen, die mehr kulturelles als ökonomisches Kapital haben) eine Assoziation zwischen den Ausprägungen.22 Einzelergebnisse (also etwa die Lage eines Merkmals) werden also nicht für sich, sondern im Hinblick auf ihre Beziehungen zueinander, auf ihre Konstellation hin interpretiert.
Die Abbildung in einem zweidimensionalen Raum ist nicht vertretbar, wenn dadurch die Gesamtvarianz in zu kleinem Anteil abgebildet würde. Anders gesagt: Die Visualisierung in einem zweidimensionalen Raum geht gewöhnlich mit einem mehr oder weniger großen Informationsverlust einher. [45]In den meisten Fällen ist der Informationsverlust jedoch vertretbar (Fricke 1990, 32; ähnlich Schnell 1994, 189).
Gegebenenfalls wird das erste Ergebnis einer Korrespondenzanalyse (in Gestalt eines Achsenkreuzes) so rotiert, dass die Korrespondenzen zu bestimmten grundlegenden Merkmalen (etwa Alter, Geschlecht, Bildungsniveau) eindeutiger sichtbar werden. Die Rotation der Achsen ändert nicht die Ergebnisse, sondern nur ihre Darstellungsform.
Im Unterschied zu dieser einfachen kann die multiple Korrespondenzanalyse Tabellen von mehr als zwei Variablen analysieren. Hierzu ist zu Beginn eine Transformation der Ausgangsdaten in eine Indikatortafel nötig, die das Auftreten/Nichtauftreten der einzelnen Ausprägungen von mehr als zwei Variablen durch 1 und 0 angibt (vgl. Fricke 1990, 105 ff.; Jambu 1992, 213 ff.; Schnell 1994, 198).
In »Die feinen Unterschiede« verwendet Bourdieu die einfache Korrespondenzanalyse, in »Homo academicus« hingegen die multiple (dazu: Blasius 2000).23 Einfache und multiple Korrespondenzanalyse sind nicht unterschiedliche Methoden, sondern unterschiedliche Anwendungsformen ein und derselben Methode (Jambu 1992, 149).
Die grafische Ergebnisstruktur von Korrespondenzanalysen könnte zu subjektiven Interpretationen verleiten (u. a. weil Zeilen- und Spaltenprofile nicht direkt miteinander vergleichbar sind)24 und sollte deshalb mit Vorsicht ausgewertet werden.
Um zunächst den Raum der sozialen Positionen zu erfassen, wertet Bourdieu die Daten von mehreren INSÉE-Erhebungen aus. Anhand der synchronen und diachronen Verteilung von Kapitalumfang und Kapitalstruktur (d. h. der Relation von ökonomischem und kulturellem Kapital) lassen sich drei Klassen und ihre Fraktionen beschreiben:
• die »herrschende Klasse«, aufgeteilt in die Fraktionen der »herrschenden Herrschenden« (mit hohem ökonomischen und geringerem kulturellen Kapital, z. B. Leiter von Handels- und Industrieunternehmen) und der »beherrschten [46][47][48]Herrschenden« (mit hohem kulturellen und geringerem ökonomischen Kapital, z. B. Hochschullehrer und Kunstschaffende); eine Zwischenstellung nehmen die Freiberufler wie Architekten und Ingenieure ein;
• das Kleinbürgertum, wobei unterschieden wird zwischen dem aufsteigenden, dem exekutiven und dem neuen Kleinbürgertum (dazu unten mehr);
• die Klasse der Beherrschten, die über wenig ökonomisches und wenig kulturelles Kapital verfügt (wobei zufolge der empirischen Analyse keine Differenzierung in Fraktionen erforderlich ist).

Abb. 3: Varianten des kleinbürgerlichen Geschmacks. Quelle: Feine Unterschiede 1979/1999, Diagramm 15, 533 (überarbeitet)
Klasse sei dabei, so betont Bourdieu, nicht gleichzusetzen mit Beruf, sondern umfasse auch solche Merkmale wie klassenspezifische Habitusformen, geografische, geschlechtliche Verteilung etc. (Feine Unterschiede 1979/1999, 176). Auf dem Lande aufgewachsen zu sein oder ein bestimmtes Alter überschritten zu haben, kann demnach zu einem realen Ausleseprinzip werden und schlägt sich in der »Klassenposition« nieder – Wirkungen, die in den meisten Untersuchungen vernachlässigt würden. Klassen(fraktionen) werden demnach nicht a priori definiert, sondern sind Ergebnis der Datenanalyse, stellen homologe Positionen verschiedener Merkmalsausprägungen im sozialen Raum dar. In Darstellung und Analyse nutzt Bourdieu allerdings meist nur das ökonomische und das kulturelle Kapital und deren Konstellation. Nur bei Teilargumenten werden andere Dimensionen von Klasse (Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit) hinzugenommen.
Wie unterscheiden sich nun die Geschmäcker? Über die verschiedenen Themenbereiche hinweg sind klare Muster der Assoziation von kulturellen Praktiken und ästhetischen Einstellungen erkennbar, die drei Klassen des Geschmacks bilden: den legitimen, den mittleren bzw. prätentiösen und den populären Geschmack.
»Legitimer« Geschmack ist nicht als normative Setzung von Bourdieu misszuverstehen. Vielmehr fußt diese Bezeichnung auf einer sozial geteilten Beurteilung, die sich bei den Kleinbürgern beispielsweise im angestrengten Nacheifern des Geschmacks der herrschenden Klasse dokumentiert oder darin, dass auch jene Kleinbürger, die keine Gelegenheit zu einem Theaterbesuch haben (weil sie beispielsweise fern von Paris wohnen oder älter sind), der Aussage, dass das »Theater geistig erbaut«, häufig zustimmen.
Der legitime Geschmack bzw. die ästhetische Einstellung zeichnen sich durch die Betonung der Form gegenüber dem Inhalt von kulturellen Gütern bzw. Praktiken jeglicher Art aus. Demnach wird Kunst nicht nach ihrer sozialen oder persönlichen Funktion (Erbauung, Belehrung o. Ä.) beurteilt und die Speise nicht vorrangig danach, ob sie sättigt. Vielmehr gelten die Stilisierung des Essens und der Stil eines Kunstwerkes als primär gegenüber ihren möglichen Funktionen. Damit einher geht eine (ästhetische) Distanzierung, [49]die jegliche Involviertheit des Kunstwerks ins Leben und damit auch jegliches affektive oder ethische Interesse am Dargestellten vermeidet (Feine Unterschiede 1979/1999, 85 f.).
Die Bedeutung eines Kunstwerks erscheint rätselhaft, unverständlich und erweckt den Eindruck, »nicht für einen gemacht zu sein«, solange man nicht über die Codes (z. B. zur Entschlüsselung der Stilrichtung, der Epochenzuordnung durch den Vergleich mit anderen Kunstwerken) verfügt, die der Primat der Form voraussetzt. Bourdieu illustriert diesen Zusammenhang anhand der Frage, ob ein Motiv als geeignet für ein Foto erachtet wird. Der Ästhet, bei dem die Darstellung Vorrang vor dem Dargestellten hat, kann sich einen Kohlkopf oder ein Stahlgerüst als ästhetisch bemerkenswertes Motiv vorstellen, wohingegen die populäre Ästhetik nur Motive, die »schöne« oder »wichtige« Erfahrungen und Ereignisse zeigen (etwa eine Erstkommunion oder einen Sonnenuntergang), als interessante Gegenstände ansieht. Menschen mit einem »reinen« Geschmack lehnen hingegen solche »oberflächlichen« Werke, die der Entschlüsselung nicht bedürfen und sich zum Genuss aufdrängen (Feine Unterschiede 1979/1999, 761), ab und fühlen sich von ihrer Leichtigkeit abgestoßen (Feine Unterschiede 1979/1999, 757 f.). Insbesondere im Bereich des musikalischen Geschmacks wird dieser Zusammenhang offenkundig, weil die Musik die »am meisten vergeistigte aller Geisteskünste« (Feine Unterschiede 1979/1999, 41 f.) ist. Sie kommt ohne Botschaft, ohne soziale oder persönliche Funktion aus; ihr Genuss erfordert eine distanzierte Haltung zur Welt, wie sie nur im Bürgertum vorkommt (Feine Unterschiede 1979/1999, 102).
Bourdieus Untersuchung belegt empirisch, dass Geschmack nicht zufällig, sondern klassenspezifisch verteilt ist, und dass die legitimen Künste der herrschenden Klasse vorbehalten sind, während der mittlere Geschmack dem Kleinbürgertum und der populäre Geschmack der beherrschten Klasse zugehört. Kurz: Der Geschmack (die ästhetische Einstellung) indiziert die Klassenzugehörigkeit.
»Der Geschmack: als Natur gewordene, d. h. inkorporierte Kultur, Körper gewordene Klasse, trägt er bei zur Erstellung des ›Klassenkörpers‹.« (Feine Unterschiede 1979/1999, 307)
Der Konsum legitimer Kulturgüter, wie beispielsweise der »Kunst der Fuge«, verschafft entsprechend der Hierarchie der Kulturgüter einen Distinktionsgewinn, der eine akzeptierte »Hierarchie der Konsumenten« (re-)produziert. »Die Geschmacksäußerungen und Neigungen (d. h. die zum Ausdruck gebrachten Vorlieben) sind die praktische Bestätigung einer unabwendbaren Differenz« (Feine Unterschiede 1979/1999, 105), indem diese zur Basis der Selbst- und Fremdeinordnung im sozialen Raum werden und soziale Unterschiede [50]manifestieren. Die Menschen und die Gruppen grenzen sich vor allem von der jeweils sozial benachbarten Klasse ab (Feine Unterschiede 1979/1999, 111), wobei die unteren Klassen nur als eine negative Kontrastfolie wahrgenommen werden. Der distinktive Ausdruck führt Vertreter einer Klassenfraktion zusammen. Durch die Betonung der Distinktion unterscheidet sich Bourdieu übrigens von vielen anderen Autoren, die nach Zusammenhängen von sozialer Position und Lebensstil suchen.
Bourdieu weist einen engen Zusammenhang der kulturellen Wahrnehmungs- und Handlungsschemata (und damit auch der Kompetenz zur Dechiffrierung eines Kunstwerkes) mit primär dem Ausbildungsgrad und sekundär der sozialen Herkunft nach. Selbst bei »schulfernen« Kenntnissen und Praktiken (wie in den Bereichen Jazz, Filmregisseure und Mode) besteht ein enger Zusammenhang zwischen Bildungskapital und kulturellen Kompetenzen (Feine Unterschiede 1979/1999, 39 ff.). Denn neben speziellen Codes zur Interpretation kultureller Güter (Autoren, Epochen etc.) vermittelt die Schule eine allgemeine Haltung und Kompetenz, legitime Werke als solche überhaupt zu erkennen und anzuerkennen, ohne sich durch einen fehlenden Bezug zum eigenen Leben und durch eine geringe Ausdrucksfunktion irritieren zu lassen (Feine Unterschiede 1979/1999, 53, und Kap. 4.4). Die höheren Bildungswege flößen
»eine bestimmte Vertrautheit mit der Welt der Kunst ein (die konstitutiv ist für das Gefühl, zur gebildeten Klasse zu gehören), so daß man sich in ihr zu Hause und unter sich fühlt, als sei man der prädestinierte Adressat von Werken, die sich nicht dem ersten besten aus liefern« (Symbolische Formen 1970/1994, 185f.).
Des Weiteren fördert die Schule den »Anlage-Sinn«, d. h. ein Gefühl »für das richtige Anlegen kultureller Investitionen« (Feine Unterschiede 1979/1999, 151). So weiß eine Germanistin, wie sie einem Lektor gegenüber passend aufzutreten hat; sie wendet sich scheinbar instinktiv den Werken zu, die dem gehobenen Zeitgeschmack entsprechen und die sie als Kennerin auszeichnen. Dieser Effekt muss ihr nicht bewusst sein. Und eine erkennbar gezielte Distinktionsabsicht könnte sie geradezu disqualifizieren oder der Lächerlichkeit preisgeben, weil eine solche Absicht verrät, dass der »ungezwungene, interesselose Geschmack« nur vorgespiegelt wird. Als ein Aspekt der kulturellen (schulischen) Kompetenz stärkt dieser Sinn die Selbstsicherheit der Träger, die aus ihrer Position in der Hierarchie der Konsumenten heraus wiederum definieren, was legitime Kulturgüter sind, und somit ihr Anlage-Gespür selbst bekräftigen.
Zusätzlich fungiert ein erworbener Bildungstitel als Vorab-Beweis für kulturelle Kompetenz, die dem Träger nicht nur in Hinblick auf den erlernten [51]Bereich zugeschrieben wird – Statusattribute, die dem Autodidakten, der seine Kompetenz immer wieder mühsam neu beweisen muss, fehlen (Feine Unterschiede 1979/1999, 47 ff.).25
Bourdieus Untersuchung zeigt weiter, dass bei gleichem Bildungsabschluss der Einfluss der sozialen Herkunft erkennbar wird, insbesondere in Bereichen, in denen kein Schulwissen, sondern eine »ursprüngliche Vertrautheit« mit kulturellen Gütern und Praktiken gefordert ist. Das Aufwachsen in einem »geschmackvoll« eingerichteten Zuhause (Parkett statt Linoleum), der seit der Kindheit selbstverständliche Umgang mit legitimer Kunst, das Erlernen von (legitimen) Musikinstrumenten, all dies schafft einen »natürlichen« Vorsprung, der durch in der Schule erworbenes Wissen, das rationell vermittelt wird und als wenig spontan gilt, gerade im Bereich der »freien, avantgardistischen Bildung« kaum aufgeholt werden kann (Feine Unterschiede 1979/1999, 57). Der Erwerbsmodus von kultureller Kompetenz – durch frühe »automatische« Sozialisation oder durch schulmäßiges Erlernen – begründet den Unterschied zwischen dem »Mann von Welt«, der einen »reinen Geschmack« hat, und dem »pedantischen Gelehrten«. Auch das zeigt sich im Bereich der Musik besonders deutlich, deren Genuss statt erlerntem (Schul-)Wissen ein tiefes Gefühl verlangt, erworben durch das selbstverständliche Musizieren im Familienkreis mit legitimen Instrumenten (dem Stand des symbolischen Klassenkampfes entsprechend ist das eher die Geige als die Blockflöte).
Der ästhetische Sinn, der aufgrund der Ideologie vom natürlichen Geschmack nicht als Produkt bestimmter sozio-ökonomischer Bedingungen erkannt wird, stellt demnach einen »distinktiven Ausdruck einer privilegierten Stellung innerhalb des Sozialraumes dar« (Feine Unterschiede 1979/1999, 104).
»Von höchstem Distinktionsvermögen ist das, was am besten auf die Qualität der Aneignung, also auf die des Besitzers schließen läßt, weil seine Aneignung Zeit und persönliche Fähigkeit voraussetzt, da es – wie Vertrautheit mit Bildender Kunst oder Musik – nur durch anhaltende Investition von Zeit und nicht rasch oder auf fremde Rechnung erworben werden kann, und daher al sicherstes Zeugnis für die innere Qualität der Person erscheint« (Feine Unterschiede 1979/1999, 440).
Die verborgene Voraussetzung dafür, eine interessenlose Einstellung einnehmen, d. h. die Form über die Funktion setzen zu können, ist also die Freisetzung [52]aus ökonomischen Zwängen, aus den Nöten und Dringlichkeiten der Praxis, wie sie die Lebensführung der Oberschicht kennzeichnet (Feine Unterschiede 1979/1999, 103).
Bourdieu betrachtet im dritten Teil der Studie die drei Klassen getrennt voneinander, innerhalb derer die Struktur des Kapitals zwischen Fraktionen divergiert (Feine Unterschiede 1979/1999, 411). Entscheidend ist des Weiteren die soziale Herkunft bzw. die soziale Laufbahn, die den Umfang des ererbten Kapitals, den Aneignungsmodus von kultureller Kompetenz und damit den Möglichkeitsraum eines Akteurs sowie seine Auf- oder Abstiegserfahrungen erkennen lassen (Feine Unterschiede 1979/1999, 187 f.). Die Hinzunahme des Konzepts der Laufbahn dynamisiert das Modell, ohne auf eine Längsschnittuntersuchung angewiesen zu sein, um so die Unterschiede innerhalb einer Klasse, also vor allem Aufstiegs- und Abstiegsbewegungen zu kennzeichnen.
Für die herrschende Klasse sieht die Grafik der Korrespondenzanalyse wie folgt aus (Abb. 4):26
Innerhalb der herrschenden Klasse lassen sich zwei Varianten des legitimen Geschmacks unterscheiden, die Bourdieu durch den Unterschied zwischen dem »asketischen Aristokratismus« der Lehrer (deren Ausgaben im Kulturbereich relativ hoch sind; Feine Unterschiede 1979/1999, 299) und dem Luxus der Freiberufler (deren hohe Ausgaben vor allem in die Selbstdarstellung fließen) charakterisiert.
So steht der antibürgerlich-pessimistischen Weltsicht der aufgestiegenen Intellektuellen, die ihr akkumuliertes Bildungskapital nicht ausreichend in ökonomisches transformieren konnten, ein auf Tradition gegründetes optimistisches Gesellschaftsmodell derer gegenüber, die durch die Akkumulation ökonomischen Kapitals Kompetenz und Ansehen zugesprochen bekommen (Feine Unterschiede 1979/1999, 449 ff.).27 An diesem Gegensatz zeigt sich, [53]dass der Kampf um die Legitimität eines Lebensstils auch immer eine Frage der Konvertibilität des Kapitals, kurz: der Herrschaftsdurchsetzung ist (Feine Unterschiede 1979/1999, 498). Insofern ist zu beachten, dass sich aufgrund der Auseinandersetzungen zwischen den Klassenfraktionen um die Definitionsmacht die Bedeutung der Kapitalarten als Machtinstrument je nach Feld und Zeit ändert.
Als letztes in dem Diagramm ablesbares Beispiel innerhalb einer Klasse soll ein Vergleich der Hochschullehrer mit den Industriellen gezogen werden, der die Bedeutung der unterschiedlichen Kapitalstrukturen und Aneignungsmodi von kultureller Kompetenz zeigt: Während Erstere mehr Komponisten kennen, häufiger Museen und Theater besuchen und dabei das avantgardistische Theater bevorzugen, gehen Letztere, die mehr ökonomisches als kulturelles Kapital haben, in passender Garderobe eher in das kostspielige Boulevardtheater, in dem sie ihre Selbstgewissheit bestätigt finden (Feine Unterschiede 1979/1999, 458 f.). Den dabei demonstrierten bürgerlichen Protz lehnen die Intellektuellen ab, sie wenden sich stärker riskanteren Distinktionsstrategien zu, z. B. der Ästhetisierung unbedeutender Objekte (Feine Unterschiede 1979/1999, 441).
Bourdieu richtet sein Hauptaugenmerk auf das Kleinbürgertum, von dem er ein weniger sympathisches Bild zeichnet als etwa von den unteren Klassen (fast so, als folge er selbst der Ideologie des legitimen Geschmacks). Er beschreibt ausführlich das erfolglose Bestreben der Kleinbürger, der oberen Klasse nachzueifern, indem sie sich an den legitimen Objekten der herrschenden Klasse orientieren, sie damit in ihrem Legitimitätsanspruch bestätigen und sich diese eifrig anzueignen versuchen: »Der Kleinbürger ist ein Proletarier, der sich klein macht, um Bürger zu werden.« (Feine Unterschiede 1979/1999, 530)
Ihre Bildungsbeflissenheit stößt die Kleinbürger immer wieder an Grenzen. Kaum ist ein Kulturgut in ihren Händen, sinkt sein Wert und Distinktionsgewinn, da sich die herrschende Klasse von derart popularisierten Gegenständen und Praktiken rasch abwendet. So sind Ravels »Bolero«, der in der Werbung eingesetzt wird, und van Goghs »Sonnenblumen«, deren Reproduktionen in jedem Kaufhaus erhältlich sind, entwertet und dem Bereich der legitimen Kunst enthoben.28 Da die mittlere Klasse mehr von »Schein als Sein« geprägt ist, spricht Bourdieu ihr im Grunde jede eigene Kultur ab:
[54][55]
Abb. 4: Varianten des herrschenden Geschmacks. Quelle: Feine Unterschiede 1979/1999, Diagramm 11, 409
[56]»Mittlere Kultur, das ist nichts als die kleinbürgerliche Beziehung zur Kultur: falsche Objektwahl, Mißdeutung, fehlinvestierter Glaube, Allodoxia … es ist ganz einfach die Tatsache, daß die legitime Kultur nicht für ihn geschaffen ist, wenn nicht sogar gegen ihn, und er also auch nicht für sie geschaffen ist, und daß sie aufhört zu sein, was sie ist, wenn er sie sich aneignet…« (Feine Unterschiede 1979/1999, 513)
Das Kleinbürgertum stellt die am wenigsten homogene, die in größter Bewegung befindliche Klasse dar. Drei Fraktionen sind erkennbar, die unterschiedliche soziale Laufbahnen haben. Die soziale Laufbahn beschreibt dabei den gesellschaftlichen Auf- bzw. Abstieg und die daran gebundene Vorstellung von der Zukunft, die, neben dem Kapitalumfang und dessen Struktur, die mögliche Reproduktion des Kapitalbestandes beeinflussen:
1. Das absteigende Kleinbürgertum bilden vor allem ältere Kleinhändler und Handwerker, für die weder die Möglichkeit zur Wahrung der Position noch zum Wechsel in eine andere Klassenfraktion besteht (Feine Unterschiede 1979/1999, 711 f.). Dementsprechend wenden sie sich der Vergangenheit zu und schrauben ihre Ansprüche zurück. Ihre bescheidene Grundhaltung drückt sich in ihrer Präferenz für eine gepflegte Wohnung aus, für einen gewissenhaften Freund, für die traditionelle Küche und für kanonisierte Maler (z. B. da Vinci). Genießerische Lebensfreude und moderne Moral, die nicht auf Strenge, Arbeit, Ordnung gründet, lehnen sie ab (Feine Unterschiede 1979/1999, 548 f.).
2. Das exekutive, d. h. im Angestelltenbereich ausführenden Tätigkeiten nachgehende Kleinbürgertum investiert viel Zeit und Hoffnung in sein Bildungsstreben, ohne dass seine autodidaktischen kulturellen Leistungen (im Vergleich zu den Bildungsaristokraten) volle Anerkennung erhalten. Während sich die Älteren in dieser Lage eher bedroht fühlen und Sicherheit in einer konservativen, tugendhaften Haltung suchen, haben die jüngeren Aufsteiger, die eine längere Schulbildung genossen haben, ein optimistisches Weltbild und einen Fortschrittsglauben, der die damit verbundenen »asketische[n] Einstellungen mit einer devoten Haltung gegenüber der Kultur und dem Ehrgeiz« (Feine Unterschiede 1979/1999, 550) verbindet.
3. Das neue, genussorientierte Kleinbürgertum ist vor allem in den vom absteigenden Kleinbürger eher abgelehnten neuen Berufen zu finden, die zwar keine Bildungstitel voraussetzen und Berufserfolg auch bei einer unterbrochenen Laufbahn ermöglichen, aber wenig Sicherheiten bieten. Dazu zählen Berufe in der medizinisch-sozialen Betreuung, Eheberater oder Kinderpfleger, Kulturproduzenten, Animateure, Journalisten, die Verkaufs- und Vertreterberufe. Diejenigen, die zum Kleinbürgertum hierhin [57]abgestiegen sind, weisen den größten Umfang an kulturellem Kapital (Präferenz z. B. für die »Kunst der Fuge«) auf und gleichzeitig ein etwas gezwungenes Streben nach Abgrenzung vom etablierten Kleinbürgertum und damit nach Rehabilitation (Feine Unterschiede 1979/1999, 568).
Die Beschreibung der Klasse der Beherrschten nimmt nur einen kleinen Raum im Buch ein, weil der Fragebogen ihre Dispositionen nicht valide erfassen konnte und so auf andere Studien und die ethnografischen Daten zurückgegriffen werden musste.29 Diese Klasse gilt im kulturellen Spiel vor allem als Kontrastfolie, als »Natur« (Feine Unterschiede 1979/1999, 72 f.). Ihre Lebensführung ist geprägt durch zeitliche und materielle Zwänge (Feine Unterschiede 1979/1999, 585). Der eingeschränkte Raum von Möglichkeiten begründet einen bescheidenen Geschmack mit Fokussierung auf das Notwendige. In den Augen der Angehörigen oberer Klassen zeugen die Präferenz der Unterklassen für fettreiches Essen, ihre Freude an massenhaften Freizeitaktivitäten und die geringe Aufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Äußeren davon, dass sie nicht zu leben wissen. Dieser Stigmatisierung stellt die untere Klasse, aus der Not eine Tugend machend, eine »Moral des guten Lebens« entgegen, die sich z. B. in ungezwungenem gemeinschaftlichen Essen und Trinken ohne formvollendete Servierregeln und Speiseabfolgen ausdrückt, und die sich auf ein Orientierungsmuster stützt, das der Gegenwart zugewandt ist und einen alltäglichen Hedonismus preist (Feine Unterschiede 1979/1999, 290 ff.). Symbolische Gewinne durch besondere Kleidung oder exotische Mahlzeiten werden – entsprechend den objektiven Möglichkeiten – nicht erhofft. Weder strebt man selbst nach distinktionsträchtigen Kulturgütern und -praktiken, noch akzeptiert man bei anderen Angehörigen der eigenen Klasse ein Streben danach; man erwartet Konformität innerhalb der eigenen Klasse. Hingegen wird die Extravaganz der Bourgeoisie als ein natürlicher Unterschied angesehen und als solcher akzeptiert, schließlich ist die Frau des Arztes »›geschaffen dafür, elegante Kleider zu tragen‹« (Feine Unterschiede 1979/1999, 597).
[58]Jedoch nicht nur beschränkte ökonomische Ressourcen oder fehlende Zeit begründen die Praktiken der unteren Klassen. Die Entscheidung für das Notwendige basiert vor allem auf der Vorstellung von dem, »was zu einem paßt«. Sie gründen im Klassenhabitus, demzufolge z. B. die Wahl für ein Kleidungsstück oder für einen Haushaltsgegenstand vor allem funktionalen Überlegungen folgt und kaum formal-ästhetischen Kriterien. Eindrücklich zeigt sich dies am Beispiel eines aufgestiegenen Facharbeiters, der trotz höherer ökonomischer Ressourcen dem eigenen Klassenhabitus verbunden bleibt, indem er oft Jahrmärkte und Sportveranstaltungen besucht und weniger Geld für repräsentative und Selbstdarstellungszwecke ausgibt als ein Angestellter mit ungefähr gleichem Umfang an ökonomischen Kapital. Während Ersterer etwa (Kunst-) Lederjacken präferiert, die für die Mofa-Fahrt zur Arbeit praktisch sind, wählt Letzterer einen bürgerlichen Mantel (Feine Unterschiede 1979/1999, 609).
Typisch für die Angehörigen der unteren Klasse ist, dass sie das bevorzugen, »wozu sie ohnehin verdammt sind« (Feine Unterschiede 1979/1999, 290), oder – wie im Falle des aufgestiegenen Facharbeiters – zumindest waren.
»Der Geschmack bewirkt, daß man hat, was man mag, weil man mag, was man hat, nämlich die Eigenschaften und Merkmale, die einem de facto zugeteilt und durch Klassifikation de jure zugewiesen werden« (Feine Unterschiede 1979/1999, 285f.).
Die materiellen Möglichkeiten und das Denken unterliegen denselben Beschränkungen (Feine Unterschiede 1979/1999, 378), vermittelt durch den Habitus. So spielen Angehörige der unteren Klasse selten Golf; nicht nur aus Kostengründen, sondern auch deshalb, weil dieser Sport ihrem Verhältnis zum eigenen Körper widerspricht, weil er bestimmte Geselligkeitsformen verlangt und ein frühzeitiges Wissen darum, wie man sich auf dem Golfplatz bewegt – also kulturelle Kompetenzen, die der oberen Klasse vorbehalten sind (Feine Unterschiede 1979/1999, 345; vgl. Moderner Sport 1985, 581).
Die Beispiele und Sachverhalte, an denen der enge Zusammenhang zwischen dem Raum der Lebensstile und dem der sozialen Positionen aufgezeigt wird, ergeben ein facettenreiches Bild. Doch geht dies teilweise auf Kosten der Übersichtlichkeit des Textes und der Nachvollziehbarkeit der einzelnen Forschungsschritte. Auch die eigentümliche Forschungslogik, nämlich die durchgehende gegenseitige Durchdringung von Theorie und Empirie, mindert die Transparenz und schränkt damit ein wichtiges Gütekriterium einer jeden empirischen Studie ein (vgl. Winkler 1989, 14).
Zu prüfen bleibt, ob die Klassenzugehörigkeit in den unterschiedlichen Bereichen die entscheidende unabhängige Variable ist (vgl. Winkler 1989, [59]15; Lüdtke 1989, 95). Kann die Kleidungswahl als eine allein klassenspezifische Geschmacksfrage verstanden werden, oder muss man etwa einen jugendlichen Habitus mit berücksichtigen? An einigen Stellen weist Bourdieu auf die Variable Geschlecht hin – Männer-Kleidung sei »hinsichtlich ihrer statistischen Erfassung markanter … als Frauen-Kleidung« (Feine Unterschiede 1979/1999, 323). Das bringt Bourdieu jedoch nicht dazu, die Unterschiede zwischen Frauen und Männern genauer zu erforschen, sein Blick bleibt auf die klassenspezifischen Unterschiede gerichtet (so auch Lüdtke 1989, 153).
Zur Verteidigung seines Buches bringt Bourdieu vor, viele Missverständnisse auf Seiten seiner Kritiker rührten daher,
»daß Die feinen Unterschiede als eines jener theoretischen Bücher gelesen wird, die mit dem Anspruch auftreten, alles über alles und zudem noch in der richtigen Ordnung zu sagen – während es sich dabei doch um nichts anderes als einen zusammenfassenden Bericht über eine Reihe von Forschungen mit genauer Zielsetzung … handelt.« (Antworten 1989, 410)
Überzeugend ist, wie Bourdieu den Zusammenhang von Struktur und Praxis mit dem Habituskonzept erklärt. Der (Klassen-)Habitus nimmt eine Vermittlerfunktion ein und
»bewirkt, daß die Gesamtheit der Praxisformen eines Akteurs (oder einer Gruppe von aus ähnlichen Soziallagen hervorgegangenen Akteuren) als Produkt der Anwendung identischer (oder wechselseitig austauschbarer) Schemata zugleich systematischen Charakter tragen und systematisch unterschieden sind von den konstitutiven Praxisformen eines anderen Lebensstils« (Feine Unterschiede 1979/1999, 278).
Obwohl die »Kunst der Fuge« und der Einkauf auf dem Flohmarkt auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben, verbindet sie das Wahrnehmungsschema von Hochschullehrern zu einem Lebensstil, der in großer Distanz zum Lebensstil der Handelsunternehmer (und deren Vorliebe für die »Schöne blaue Donau« und für erlesene Speisen sowie deren geringem Verständnis für Malerei) steht. Die Präferenzen für eine bestimmte Musik, für Arten von Freunden und von Wohnungseinrichtungen sind nicht unabhängig voneinander, sondern sind durch den Habitus zu typischen Lebensstilmustern verbunden. Indem Bourdieu die
»generative Formel des Habitus …, die die für eine jeweilige Klasse (relativ homogener) Lebensbedingungen charakteristischen Zwänge und Freiheitsräume in einen spezifischen Lebensstil umsetzt« (Feine Unterschiede 1979/1999, 332),
[60]für jede Klassenfraktion ermittelt, kann er den Raum der Lebensstile detailliert rekonstruieren und die Muster der symbolischen Herrschaft aufzeigen.
Damit zeigt die Studie, dass Geschmack nicht, wie gewöhnlich unterstellt, rein persönlich ist, sondern von der Position im sozialen Raum und von der sozialen Laufbahn abhängt. Das macht die Lektüre der Studie schwierig, weil sie den Leser immer wieder an die Grenzen seiner eigenen »freien« Geschmackswahl führt. Vor allem vor der Analyse der kleinbürgerlichen Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen, die sich ehrgeizig an den legitimen Kulturgütern orientieren, ohne einen wirklichen Zugang zu ihnen zu finden, und die sich stets von der Vulgarität der unteren Klassen abzugrenzen suchen, kann sich der eventuell selbst kleinbürgerliche Leser nicht verschließen. Bourdieu warnt: »De te fabula narratur«30 (Feine Unterschiede 1979/1999, 32). Jedoch: Das Buch nimmt eine heuristische Zuspitzung vor (Relationierung von Kunstwerken und kulturellen Praktiken bzw. Gütern zu sozialen Großgruppen), die nicht das letzte Wort über den Wert von Kunstwerken und über die Kultiviertheit des Umgangs mit ihnen sprechen will. Die Folgerung, die hohe Kunst sei nur um der Distinktion willen da (die auch dadurch nahe gelegt wird, dass Bourdieu keine Methodik der Werkanalyse vorlegt, so Wagner 2003, 225 f.), man brauche sich deshalb nicht um sie zu kümmern, wäre falsch und würde mindestens die geschichtliche Autonomisierung der Felder von Kunst und Literatur übersehen (Jurt 2003). Und der kleinbürgerliche Leser muss sich durch Bourdieus Analyse nicht bloßgestellt fühlen. Er kann sich auch entlastet sehen von der eifrigen Nachahmung des legitimen Geschmacks, er kann sich stattdessen neugieriglernend der hohen Kultur zuwenden, ohne dabei auf Distinktionsgewinne zu schielen.
An diesem Punkt stellt sich freilich die Frage: Gelten ähnliche Muster, wie sie Bourdieu für Frankreich herausgearbeitet hat, auch in Deutschland? Bourdieu vermerkt in seiner Einleitung, dass die Zusammenhänge zwischen ökonomisch-sozialen Bedingungen und Lebensstilen zwar für Frankreich mit der diesem Land eigenen Tradition erhoben worden sind, dass sie aber auch in anderen geschichteten Gesellschaften, wenn auch mit je eigenen Spezifika, wirksam sind. So ist etwa der legitime Geschmack in Deutschland weniger an die aristokratische Tradition gebunden als in Frankreich, da hier »die Intellektuellen nicht nur in Opposition zur Aristokratie, sondern auch zum Besitzbürgertum standen …« (Burkart 1984, 14).
[61]2.4 Wohnen: Der Einzige und sein Eigenheim
Der in Frankreich zu beobachtende Trend zum Eigenheim motiviert Bourdieu und seine Mitarbeiter Mitte der 1980er Jahre zu einschlägigen Forschungen über dieses Phänomen. Gestiegen war vor allem der Anteil derer, die »ihr« Heim nicht mit Hilfe einer Erbschaft o. Ä., sondern durch Kredite erwarben. Für die Kleinbürger, die scheinbaren Nutznießer dieser »Verbürgerlichung« im Wohnungssektor, erfüllten sich die Wünsche und Sehnsüchte nach dem privaten Glück jedoch nicht; vielmehr waren sie nun an ihren neu erworbenen Besitz und an den dafür aufgenommenen Kredit gebunden. Zudem glich der neu erworbene Besitz kaum der Idylle auf Werbebildern, er stand vielmehr für das Elend und für die Desillusionierung der Kleinbürger (Zeichen der Zeit 1990/2002, 40 f.): Sie erlebten Enttäuschungen mit Häusern, die nicht den Wunschvorstellungen entsprachen, die zu klein, zu groß, zu teuer waren und die oft an einem wenig präferierten Ort lagen, also in einer wenig gemeinschaftlichen, einer sozial inhomogenen Nachbarschaft, woraus sich oft Ärgernisse ergaben.
Wie kommt die »Wahl« für ein Eigenheim zustande? Der Erwerb eines Eigenheims wird in der Wissenschaft meist aus einem ökonomischen Blickwinkel betrachtet. Gestützt auf das Modell des homo oeconomicus wird der Käufer als ein Akteur vorgestellt, der zwischen den zur Verfügung stehenden Optionen rational abwägt und kalkulierend seine Entscheidung trifft. Bourdieu kritisiert mit seinen Studien basale Annahmen der Ökonomie, z. B. die, dass die Wirtschaft eine separate Sphäre sei, die universellen und natürlichen Gesetzen folge, und dass der Markt das effizienteste und gerechteste Mittel einer Demokratie sei – Annahmen, die den Rückzug des Staates auch aus dem Wohnungsmarkt fordern und legitimieren.31 Bourdieu versucht hier, wie auch in seinen anderen Studien, einen mehrdimensionalen Zugang zu erreichen, weil »die gesamte gesellschaftliche Welt in jeder ›ökonomischen‹ Handlung zugegen ist« (Einleitung Eigenheim 2000/2002, 21 f.).
Um die Mehrdimensionalität und Mehrfunktionalität einer Praktik wie den Kauf eines Eigenheimes zu erfassen, müssen unterschiedliche Fragestellungen und Herangehensweisen kombiniert werden; das dokumentiert der [62]Sammelband »Der Einzige und sein Eigenheim«.32 Die von Margareta Steinrücke herausgegebene erweiterte deutsche Neuausgabe (2002) stellt Aufsätze zum Thema Eigenheim zusammen, die 1990 in der Zeitschrift Actes de la recherche en sciences sociales veröffentlicht worden sind, eingeführt durch eine Einleitung von Bourdieu zu seiner Theorie der (ökonomischen) Praxis und ergänzt durch einen Aufsatz zu seinen Überlegungen zum ökonomischen Feld von 1997.
Die zuerst 1990 publizierten Artikel befassen sich zum einen mit dem Käufer, d. h. mit der Entstehung und der Verteilungsstruktur der ökonomischen Dispositionen, mit den geschmacklichen Orientierungen bezüglich der Wohnmöglichkeiten, zum anderen mit den kommerziellen Eigenheimproduzenten, d. h. mit dem Feld des Eigenheimmarktes, dessen Geschichte, der Werbestrategien der einzelnen Produzenten. Beeinflusst werden die Dispositionen der Käufer und das (Kräfteverhältnis im) Feld der Eigenheimproduzenten auch von administrativen Maßnahmen. Deshalb zeichnen Bourdieu und seine Mitarbeiter die neoliberale Wohnungspolitik seit Mitte der 1970er Jahren nach, die bei der Entwicklung des Angebots wie auch der Nachfrage mitwirkte. Vor diesem Hintergrund stellt sich weiter die Frage, wie zwischen Käufer und Produzenten vermittelt wird.
Das methodische Vorgehen ist dementsprechend vielfältig; je nach Erkenntnisinteresse werden Tiefeninterviews mit Eigentümern geführt, werden Daten aus standardisierten Befragungen zum Wohnen oder zur Beschäftigungsstruktur in Unternehmen verwendet, werden Leitungskräfte interviewt, Informationen aus der Presse gesammelt, Werbematerialien interpretiert, Verkaufsgespräche beobachtet, sprechen die Forscher mit Verkäufern.
Beim Kauf eines Eigenheims muss zunächst beachtet werden, dass es sich dabei nicht nur um eine ökonomische Anlage, nicht nur um ein finanzielles Kalkül handelt. Nicht zu unterschätzen ist zum einen der Symbolwert eines eigenen Hauses, das Auskunft über die Besitzer gibt, über ihren Geschmack und ihre Stellung im sozialen Raum. Zum anderen darf die Bedeutung eines eigenen Hauses als einer dauerhaften und übertragbaren »Anlage«, die an die Kinder weitergegeben werden soll, nicht übersehen werden. Das eigene Haus meint immer auch eine Hausgemeinschaft, eine Familie, die sich darin ein Versprechen auf eine beständige gemeinsame Zukunft gibt.
Diese machtvolle Vorstellung lässt den Hauskauf, wie die Hausbesitzerin Beatrice rückblickend berichtet,
[63] »in einem rosigen Licht [erscheinen]. Auf vieles, was wichtig ist, achtet man einfach nicht. Man sieht das Haus, man sieht die Kinder darin und sagt sich, es wird schon alles gut gehen.« (Zeichen der Zeit 1990/2002, 42)
Die Investition ist also nicht nur eine ökonomische Strategie, sondern vor allem eine Reproduktionsstrategie, die auf dem affektiven Zusammenhalt der Familie beruht und diesen verstärkt (Zeichen der Zeit 1990/2002, 49 ff.). So erklärt Frau R., die mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in einem Eigenheim wohnt, das ihr Mann, dank seines technischen Könnens und dank der asketischen Disposition der Familie, zum größten Teil selbst entworfen und gebaut hat:
»Unsere Kinder sind ein Teil von uns und wir ein Teil von unseren Kindern und von dem Haus, und alles ist eins«. (Eigentumssinn 1990/2002, 175)33
Die zentrale Vorstellung vom eigenen Haus als ständigem Heim manifestiert sich in einer Präferenz für solche Häuser, die in solider »Handarbeit« gefertigt werden, und in einer Abneigung gegenüber Fertighäusern, die wenig »symbolische Echtheit verbürgen« (Einfamilienhaus 1990/2002, 53). Dies wird bei Herrn R. deutlich:
»Es steht fest, dass unser Haus eine Geschichte hat … während bei den Leuten, die ein Haus einfach so kaufen, ›schlüsselfertig‹, wie es heißt…« (Eigentumssinn 1990/2002, 173)
Diese ästhetischen und ethischen Vorstellungen vom eigenen Heim – besonders prägnant in Familien, die ihre Fortdauer an eine stabile Erbfolgetradition knüpfen – bestimmen die allgemeine Präferenz für traditionelle Produktionstechnologien. Will man also den Wohnungsbedarf erklären, muss auch der »Wandel der Traditionen bezüglich der Bildung und Auflösung des Hausstands« berücksichtigt werden.
Auf diese (unbewussten) Vorstellungen vom Haus muss sich das Feld der Eigenheimproduzenten einstellen.
Die Ermittlung der Feldstruktur des Eigenheimmarktes durch Sekundäranalyse war schwierig, weil Daten über Eigenheimproduzenten nur unzureichend und kaum vergleichbar erhoben worden waren. Nach wenig fruchtbaren Versuchen einer eigenen Datenerhebung wurde schließlich auf die Daten [64]von INSÉE zur Belegschaftsstruktur von Bauunternehmern aus dem Jahre 1987 zurückgegriffen, wobei unter den 44 Gesellschaften der Stichprobe die umsatzstärksten und einige kleinere als Vergleichsgruppe erfasst waren. Hier lagen Daten zur Gesamtzahl der Beschäftigten und deren Verteilung auf die unterschiedlichen Positionen in der arbeitsteiligen Struktur und im geografischen Raum vor (Einfamilienhaus 1990/2002, 64). Bourdieus Sekundäranalyse führt zur Unterscheidung von drei Arten von Hausbauunternehmen, die mit je unterschiedlichen Trümpfen ausgestattet sind (Einfamilienhaus 1990/2002, 68 f.):
1. Die dominierenden Unternehmen: Ihre Beschäftigungsstruktur zeigt eine Überzahl von Angestellten und Führungskräften, was den Vorrang des Vertriebs, der Forschung und der Werbung gegenüber den anderen Arbeitsbereichen anzeigt. Der Rückgriff auf Subunternehmen ermöglicht es ihnen, mit der Illusion vom Haus als symbolisch »echtem« Heim zu spielen: »Mit der Glanzleistung, ohne eigene Maurer ›gemauerte Häuser‹ zu produzieren, können sie traditionelle Produkte industriell fertigen.« (Einfamilienhaus 1990/2002, 68) Beispiel: Die Firma Maison Bouygues.
2. Die integrierten Unternehmen: Ihre Beschäftigungsstruktur weist ein Stammpersonal auf, das auf die industriellen Fertigungsverfahren spezialisiert ist. Ihr Handlungsspielraum ist vor allem in Krisenzeiten stark eingeschränkt, oftmals mit der Folge, dass die Kleineren unter ihnen zu Tochterfirmen degradiert werden. Beispiel: Der zeitweilige Marktführer Phénix.
3. Die kleinen und mittleren Familienunternehmen: Sie überwiegen der Zahl nach im Feld der Eigenheimproduzenten. Ihre traditionelle Produktionsweise, die »Echtheit« ihrer bewährten Produkte befriedigt die traditionellen Erwartungen der potenziellen Käufer am deutlichsten. Beispiel: Die Firma Sergeco.
Damit übernehmen die Kleinunternehmen im Feld der Eigenheimproduktion eine Rolle, die unentbehrlich ist
»für das Funktionieren des Gesamtsystems, dem sie die symbolische Rechtfertigung liefern: Mit den ›gutbürgerlichen Häusern‹ … erhalten die handwerklichen Kleinunternehmen das Idealmodell des traditionellen Hauses am Leben und verleihen diesem Modell konkrete Gestalt, das im Unbewußten so vieler Käufer wirkt, und zwar weit über die Grenzen derjenigen Kundschaft hinaus, die es sich leisten kann.« (Einfamilienhaus 1990/2002, 69)
Jene finden sich dann bei den billigeren Angeboten aus industrieller Fertigung, die den Schein des Traditionellen wahren, wieder.
Da die Produktionsweise der kleineren Familienunternehmen mit den Dispositionen der Käufer harmoniert, können sie in der Werbung ihre Produkte [65]dukte widerspruchslos als »Heim« anpreisen. Werbung funktioniert dann besonderes gut, wenn
»sie — wie jegliche Demagogie — den bereits bestehenden Dispositionen schmeichelt, um sie besser ausbeuten zu können; sie zwingt den Konsumenten unter das Joch seiner eigenen Erwartungen und Ansprüche, indem sie vorgibt, sie zu bedienen.« (Einfamilienhaus 1990/2002, 54)
Wie eine Analyse ausgewählter Werbeplakate – vor dem Hintergrund der Kenntnis der Position des Werbenden im Feld – zeigt,34 erfüllt die Werbung der kleineren Unternehmen ihre Aufgabe besonders glaubwürdig. Aber auch die Hersteller von industriellen Fertighäusern weichen kaum von den traditionellen Vorstellungen ab, sie schöpfen aus dem gleichen Themenfundus; statt ihre Modernität und ihre günstigen Verfahren zu preisen, verschleiern sie weitgehend ihre industrielle Anfertigung (Einfamilienhaus 1990/2002, 77) oder schwanken zwischen Assoziationen zum traditionellen Handwerk und zur industriellen Fertigung (Einfamilienhaus 1990/2002, 82). So die Firma Maison Bouygues:
»Ihr Bouygues-Haus wird kein Fertighaus [zu verstehen: wie die Phénix- Häuser], sondern ein von den besten Arbeitern Ihrer Region gebautes Massivhaus.« (Einfamilienhaus 1990/2002, 77)
Hinzu kommt die Verschleierung in den Produkten selbst, z. B. durch Fassaden, die Mauerwerk imitieren (Einfamilienhaus 1990/2002, 78). Die Art der Werbestrategien ist, wie diese Beispiele zeigen, eng mit der Position im Feld der Produzenten verbunden und abhängig von den Trümpfen, die die jeweiligen Akteure in der Hand haben.
Neben der Werbung werden die Dispositionen der potenziellen Käufer noch von einer anderen Seite determiniert, nämlich von den staatlich-administrativen Maßnahmen zum Wohnungs- und Kreditwesen. Diese Maßnahmen bleiben wiederum nicht unberührt von den Forderungen der Hersteller bzw. der von Eigenheimproduzenten gebildeten Syndikate (wie dem von Phénix gegründeten Syndikat der Hersteller von Eigenheimen SMI von 1961, das die Bürgermeister zur staatlichen Förderung von Eigenheimen statt von Großsiedlungen drängte). Wie stark auch immer der Druck der Hersteller im Einzelnen gewesen sein mag, festzuhalten bleibt, dass die in den 1960er Jahren Oberhand gewinnende sozialliberale Wohnungspolitik und der 1966 eingeführte Hypothekenmarkt, der es den Banken ermöglichte, »langfristige Kredite anzubieten und den Eigenbeitrag der Einsteiger zu reduzieren« (Einfamilienhaus 1990/2002, 86), das Feld der Eigenheimhersteller [66](und die Dispositionen der Käufer) veränderte. Der Rückzug des Staates aus dem Wohnungswesen und dessen Übergabe an die Logik des Marktes war eingeläutet, die Finanzierung der Bautätigkeiten durch die Banken nahm rapide zu: 1962 vergaben sie 21,7 Prozent der Kredite für das Wohnungswesen, 1972 bereits 65,1 Prozent, während sich der öffentliche Sektor aus der Finanzierung des Wohnungsbaus weiter zurückzog.
Die staatlichen Maßnahmen in den 1970er Jahren, die den Erwerb von Eigenheimen (auf Kosten von Mietwohnungen) förderten und die als Verwirklichung des »individuellen Rechts auf Erlangung eines Mindesteigentums« (Giscard d’Estaing) gefeiert wurden (Einfamilienhaus 1990/2002, 86), hatten zum einen eine veränderte Verteilung der Eigentumsbesitzer zur Folge, zum anderen eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses im Feld der Eigenheimproduzenten. So sprossen beispielsweise Bauunternehmer aus dem Boden, die »Typenhäuser nach Katalog« (Einfamilienhaus 1990/2002, 87) anboten und nur eine geringe Anzahlung forderten.
Eine weitere Verschiebung im Kräfteverhältnis trat mit der Krise auf dem Eigenheimmarkt Mitte der 1980er Jahre ein. Die kleineren Unternehmen mit ihrer traditionellen Produktionsweise und ihrer Kundennähe hatten zuvor Konkurrenzvorteile und wurden vom Rückgang der Nachfrage, die bei den weniger Wohlhabenden, also den potenziellen Kunden der größeren Unternehmen, zu spüren war, zuerst weniger betroffen. Nun reorganisierten sich die Großen in Anlehnung an Strukturen und Strategien der Kleinunternehmer. Eine mögliche Strategie von Großunternehmen war der Rückgriff auf Subunternehmer und auf scheinbar traditionelle Fertigungsverfahren, eine andere die Reorganisation des Vertriebssystems. So berichtet ein Mitarbeiter von Phénix, dass die Häuser von nun an nicht mehr mittels Katalog angepriesen wurden. Um den Eindruck eines individuellen Hauses zu erwecken, entfiel die Bezeichnung der Modelle mit Namen (Einfamilienhaus 1990/2002, 91).
Wie bedeutsam dies sein kann, zeigt das Interview mit einem Ehepaar, das, aufgrund seiner begrenzten finanziellen Möglichkeiten, durch Kredite ein Phénix-Haus erwarb. Die Eheleute sind unglücklich über den geringen Schallschutz, den die Wände bieten, über die ungünstige Verkehrsanbindung, den schlechten Boden, über viele Punkte, die ihnen das Leben in dem Haus schwer machen. Doch bringen sie befriedigt vor, dass ihr Haus kein Kataloghaus sei, sondern von einem Architekten speziell entworfen wurde (Eigentumssinn 1990/2002, 159 ff.).
Festzuhalten bleibt, dass die lange Zeit bestehende Balance zwischen Unternehmen mit den technischen Trümpfen der industriellen Fertigung und handwerklichen Unternehmen mit den symbolischen Trümpfen der traditionellen Produktionsweise zunehmend ins Wanken gerät. Mit den organisatorischen [67]Innovationen der Gesellschaften, die immer mehr auf Subunternehmen zurückgreifen, schließen sich die beiden Trümpfe nicht mehr aus, das Unvereinbare wird vereint, »nämlich die technischen Vorteile der Serienproduktion und die symbolischen Vorteile der handwerklichen Fertigung.« (Einfamilienhaus 1990/2002, 78)
Um die Strategien der einzelnen Unternehmen zu verstehen, bedarf es auch einer Untersuchung der Struktur innerhalb eines Unternehmens. Dabei wird das Unternehmen selbst als ein autonomes Feld angesehen, in dem Konkurrenzkämpfe stattfinden, verschiedene Interessen verfolgt werden etc. Nur durch eine Analyse der Geschichte des Unternehmens, der Verteilung und Struktur der Kapitalien der verschiedenen Akteure und der derzeitigen Feldstruktur werden seine Praktiken verständlich.
Lenkt man von hier aus den Blick wieder auf die Feldstruktur der Eigenheimproduzenten, so wird sichtbar, dass Produzenten, die benachbarte Positionen im Feld einnehmen, ähnliche Produkte anbieten. Das ist unter anderem damit zu erklären, dass sich die Unternehmen gegenseitig Verkäufer und das in diesen inkorporierte technische Kapital abwerben, oder dass Kunden die Unternehmen in Konkurrenz zu bringen versuchen, indem sie Informationen vom einen Unternehmen zum anderen tragen (Einfamilienhaus 1990/2002, 92). Weil im Feld benachbarte Unternehmen einen ähnlichen Kundenkreis ansprechen, ist solch ein Informationsaustausch zwischen den Unternehmen insbesondere auf den großen Eigenheim-Ausstellungen, wenn auch ungewollt, gewährleistet.
Ergebnisse und Überlegungen zum Feld der Eigenheimproduktion, zu den Dispositionen der Käufer sowie zu den objektiven Strukturen der Wohnungspolitik bieten den Hintergrund, um Verkaufsgespräche auf großen Eigenheim-Ausstellungen analysieren zu können. Sind doch die administrativen Maßnahmen sowie das Kräfteverhältnis im Feld der Eigenheimproduzenten immer Bestandteil der einschlägigen Gespräche.
Das empirische Vorgehen hierzu war zunächst eine systematische Beobachtung von Verkaufsgesprächen auf Ausstellungen für Eigenheime, die teilweise auf Tonband aufgenommen wurden. In einem weiteren Schritt ging ein Forscher, der sich mit dem typischen Gesprächsablauf vertraut gemacht hatte, zu verschiedenen Verkäufern und initiierte fiktive Verkaufsgespräche. Ergänzend wurden Interviews mit Verkäufern, Sekretärinnen, Verantwortlichen für Verkaufslehrgänge sowie mit Herstellern geführt (Vertrag unter Zwang 1990/2002, 108, insb. Fußn. 2).
Die Beobachtungen der Verkaufsgespräche ließen im Gesprächsverlauf ein Muster aus drei Schritten erkennen: Dem ersten Kennenlernen, bei dem der potenzielle Käufer noch die Oberhand behält und seine Informationen von anderen Herstellern auszuspielen versucht, folgt eine zweite Stufe, in [68]welcher der Verkäufer den Gesprächsverlauf bestimmt, den Käufer gar in eine einem Verhör ähnelnde Situation drängt. Der Verkäufer sucht Informationen über die gebotenen Sicherheiten seines Gegenübers zu bekommen, um rasch die interessanten Kunden von denen unterscheiden zu können, die für einen Vertrag nicht in Frage kommen dürften. Ein Verkaufsverantwortlicher für Bourgues-Häuser beschreibt das Gespräch so:
»Sie [die Käufer] kommen, sie, mit ihren Fragen, die sie zu stellen haben, weil sie sich erkundigen wollen. Der Verkäufer dreht alles völlig um. Er ist es, der ihnen sagt: ›Setzen Sie sich, wieviel verdienst Du, wieviele Kinder hast Du‹. Zack, um sofort in zwei Minuten 30 Sekunden zu sehen, ob Sie die Mittel haben oder nicht« (Vertrag unter Zwang 1990/2002, 112).
»Die Mittel zu haben« meint dabei keineswegs, über ein großes Eigenkapital zu verfügen. Denn der ideale Kunde ist der kleine Beamte, der über wenig Startkapital verfügt, dessen Zukunft aber sicher ist und von dem eine rationale Lebensführung erwartet werden kann, »die eines kalkulierbaren und zum Kalkül fähigen Wesens« (Vertrag unter Zwang 1990/2002, 140). Gerade diese Figur ist der ideale Abnehmer nicht nur für ein Haus, sondern insbesondere für den damit verbundenen Kredit: Mit wenigen finanziellen Ressourcen ausgestattet, aber fähig und willig, sich dem mit dem Haus- bzw. Kreditkauf implizit verbundenen Lebensplan und -stil zu verpflichten.
Mit der Übernahme der Gesprächsleitung verschiebt sich also das Thema des Gesprächs auf Betreiben des Verkäufers vom Haus zum Kredit: Der Hausverkäufer wird zusehends zum Kreditverkäufer, der den Auftrag hat, die Kreditwürdigkeit des Käufers zu prüfen und schließlich die Erwartungen des Käufers in den passenden Rahmen zu drücken. Das Verkaufsgespräch wird damit nach der Sondierung geeigneter Kunden in einem dritten Schritt zu einer
»Art Lektion über ökonomischen Realismus, in deren Verlauf der Kunde, unterstützt und ermutigt durch den Verkäufer, daran geht, das Niveau seiner Erwartungen dem Niveau seiner Möglichkeiten anzunähern, um sich so dazu zu bringen, das Tribunal der Ökonomie zu akzeptieren, d. h. das wirkliche, oft weit vom erträumten entfernte Haus, das ihm gemäß guter ökonomischer Logik zusteht.« (Vertrag unter Zwang 1990/2002, 110)
In den Worten einer Käuferin, die in Ermangelung finanzieller Mittel mit ihrem Mann ein Fertighaus »wählte«, lautet das:
»Sonst hätten wir gewiss beide, glaube ich, etwas vorgezogen, das mehr Seele hat als dieses Haus in einer Neubausiedlung, wo alle Leute gleichaltrig sind und fast dasselbe Niveau haben … Das ist zu eintönig.« (Zeichen der Zeit 1990/2002, 46)
[69]Zerstreuungsmöglichkeiten gibt es in dieser Wohngegend, abseits von Paris, kaum, es bleiben nur die sonntäglichen lokalen Verkaufsveranstaltungen, die sie mit ihrem Mann besucht.
Die mindere »Wahl« muss der Verkäufer gleichzeitig so präsentieren, als ob sie mit den Versprechungen des privaten Glücks im eigenen Heim harmonierte. Ihm kommt die Aufgabe zu, das »Lustprinzip« (als Vitalisierung der Sehnsüchte nach dem eigenen Heim) und das »Realitätsprinzip« (als Anmahnung der finanziellen Möglichkeiten und Zwänge) miteinander zu verbinden (Vertrag unter Zwang 1990/2002, 136). Um das erreichen zu können, muss der Verkäufer bei der »Entsagungsarbeit« unterstützend helfen, das kleinere Haus empfehlen oder den Vorort, auch wenn dieser nicht den gewünschten Vorstellungen entspricht.
Eine zentrale Strategie des Verkäufers zur Verminderung des Misstrauens und zur Verlockung des Käufers, sein Schicksal in dessen Hand zu legen, ist die »Verzweideutigung«. Rhetorisch wird versucht, mit der Distanz zum Gesprächspartner zu spielen und das Verhör als umfassende Sorge für den Kunden zu tarnen — der Schutz der Bank erscheint als Schutz des Kunden. Die Zweideutigkeit der Situation wird in der Sprache der Verkäufer transportiert, die — im Gegensatz zum Kunden — zwischen zwei Ebenen wählen können: Zwischen einer neutral technizistischen und einer persönlichen, familiären Sprache. So erlaubt die bürokratische, scheinbar neutrale Sprache, »persönliche« Fragen zu stellen, ohne dass diese als solche bemerkt werden (Vertrag unter Zwang 1990/2002, 120 ff.), oder den Skeptiker mit technischen Ausdrücken und unklaren Rechenbeispielen zu konfrontieren, um den Expertenstatus zu zementieren (Vertrag unter Zwang 1990/2002, 126). Käufer, die fügsam auf die Kreditvorschläge reagieren, können dagegen in familiärer Sprache bestärkt werden (»Ich selbst habe ein G-Haus«; Vertrag unter Zwang 1990/2002, 125).
Neben dem Spiel mit den zwei Sprachen, das nur dem Verkäufer zusteht, stärkt auch die Standardisierung der Mittel und Situationen die Machtposition des Verkäufers, beispielsweise durch Rückgriff auf Formulare und Vorschriften. Aber nicht nur standardisierte Argumentationshilfen, wie sie in einschlägigen Lehrbüchern stehen, und ausformulierte Sätze, die, vom Unternehmen vorgegeben, bei telefonischen Nachfragen der Kunden verwendet werden sollen, leiten das Gespräch. Vielmehr schafft die soziale Nähe zwischen Verkäufer und Käufer die Möglichkeit zu spontanen persönlichen Einschüben und führt letztendlich zu einer gegenseitigen Identifikation. So zeigen Daten einer Umfrage des Institut français de démoscopie von 1981, dass das soziale Niveau der Verkäufer in den Großunternehmen relativ niedrig ist, also bei den Unternehmen, die mit ihren industriellen Angeboten minderer ästhetischer und technischer Qualität Kunden mit wenig kulturellem [70]bzw. ökonomischem Kapital ansprechen (45,3 Prozent der Phénix-Haus-Besitzer sind Arbeiter, nur 3,5 Prozent sind höhere Führungskräfte oder Freiberufler; von den Verkäufern haben nur 5 Prozent studiert (Vertrag unter Zwang 1990/2002, 132).
Dieser Zusammenhang zeigt die strategisch wichtige Stellung der Verkäufer im Verkaufsprozess,
»weil sich größtenteils über sie die Angleichung zwischen dem Produkt und dem Käufer, also zwischen dem Unternehmen und einer bestimmten Kundschaft, herstellen muss.« (Vertrag unter Zwang 1990/2002, 132).
Wer sind nun die neuen Hauseigentümer? Der Erwerb von Eigenheim geschieht nicht mehr vorrangig mit den Mitteln aus einer Erbschaft, sondern es dominiert – dank der staatlichen Maßnahmen – der kreditgebundene Erwerb. Das hat zur Folge, dass das durchschnittliche Alter der Eigentümer, die nicht mehr auf eine Erbschaft warten müssen, gesunken ist; 1984 sind nur 9 Prozent aller Neueigentümer Erben bzw. Empfänger einer Schenkung (Eigentumssinn 1990/2002, 153). Allerdings nimmt die Chance, ein Eigenheim zu haben, mit dem Alter zu. Eng verbunden ist dieser Faktor mit dem Lebenszyklus: Unter den Wohneigentümern sind 90 Prozent verheiratete Paare (Eigentumssinn 1990/2002, 174) – der Idee von einer gemeinsamen Zukunft folgend. Verstärkt wird die »Wahl« für ein Eigenheim in den mittleren und höheren Klassen durch die Zahl der Kinder. Bei den unteren Klassen ist dieser Zusammenhang nicht gegeben, weil hier das Streben nach sozialem Aufstieg mit einer Einschränkung der Kinderzahl einhergeht (Eigentumssinn 1990/2002, 176). Der größte Anstieg an Eigentümern liegt bei jenen Gruppen vor, die über mehr kulturelles als ökonomisches Kapital verfügen, also bei den höheren und mittleren Beschäftigten des (halb-)öffentlichen Sektors und bei den Vor- und Facharbeitern (Eigentumssinn 1990/2002, 154).
Beachtet man, dass jene Gruppen, die mit relativ viel ökonomischem Kapital ausgestattet sind, zunehmend gezwungen sind, sich zur Reproduktion ihrer sozialen Position auch auf das Bildungssystem zu stützen, wird eine Verschiebung im sozialen Raum erkennbar: Die horizontale Polarisierung im sozialen Raum wird schwächer, die Distanz zwischen den Gruppen, die sich in Hinblick auf die Struktur ihres Kapitals unterscheiden, verringert sich. Weiter gefasst:
»Diese beiden komplementären und konvergierenden Bewegungen haben wahrscheinlich mehr als alles andere dazu beigetragen, die Distanz und die Gegnerschaft zwischen der ›Rechten‹ und der ›Linken‹ im sozialen Raum und, von da aus, im politischen Feld abzuschwächen. Die verschiedenen Gegensätze in der Wirklichkeit und der Wahrnehmung der sozialen Welt, [71]Eigentum und Miete, Liberalismus und Etatismus, privat und öffentlich, werden durch abgemilderte Gegensätze zwischen Mischformen wie dem Miteigentum und dem Eigentum für bestimmte Zeiten ersetzt.« (Eigentumssinn 1990/2002, 156)35
Auf der Grundlage einer INSÉE-Erhebung von 1984 zum Wohnen in Miet- und Eigentumswohnungen, die auch auf 45 Tiefeninterviews mit Eigentümern von Einfamilienhäusern in der Pariser Region und in Südfrankreich beruht (Eigentumssinn 1990/2002, 164), will Bourdieu das Erklärungsmodell für die »Wahl« von Eigentum oder Miete präzisieren.
Das Kapitalvolumen, insbesondere aber die Struktur des Kapitals spielt bei der Frage des Eigenheimerwerbs eine entscheidende Rolle. Die Analyse der INSÉE-Daten von 1984 zum »Anteil von Eigentümern und Mietern eines Hauses oder einer Wohnung nach Berufsgruppenzugehörigkeit des Haushaltsvorstands« zeigt, dass trotz des Aufholens der an kulturellem Kapital Reicheren die an ökonomischem Kapital Reicheren häufiger Eigentümer sind. So stehen innerhalb der herrschenden Klasse die Professoren (von ihnen sind 49,7 Prozent Wohnungs- oder Hauseigentümer) und Künstler (37,2 Prozent) den an ökonomischem Kapital reicheren Unternehmern (76,8 Prozent) gegenüber, in der mittleren Klasse die Volksschullehrer (53,6 Prozent) den Handwerkern (66 Prozent) (Eigentumssinn 1990/2002, 166 ff. und Tabelle 2, 184).
»Die Zusammensetzung des Kapitals ist, vermittelt über die strukturierende Wirkung, die sie auf die grundlegenden Dispositionen der Habitus, oder, wenn man das vorzieht, auf die Systeme der Vorlieben ausübt, ein die Wirkung der anderen Faktoren strukturierender Faktor. So ist die Eigentümerquote in den Fraktionen, die wesentlich reicher an ökonomischem als an kulturellem Kapital sind, vom Einkommen nahezu unabhängig, wohingegen sie bei jenen Fraktionen eng daran gebunden ist, die reicher an kulturellem als an ökonomischem Kapital sind Diese greifen mehr als andere auf den Kredit zurück, um ihren Zugang zum Eigentum zu finanzieren.« (Eigentumssinn 1990/2002, 168)
So sind 56,5 Prozent der Handwerker mit niedrigem Einkommen Eigentümer, 54 Prozent der Handwerker mit mittlerem Einkommen und 54,5 Prozent mit höchstem Einkommen.
[72]Leider wird in dem Aufsatz von Bourdieu und Saint Martin »Der Eigentumssinn« in Zusammenhang mit der Kapitalstruktur nur das kulturelle und das ökonomische Kapital berücksichtigt, während die Bedeutung des technischen Kapitals (also der Fähigkeiten und Fertigkeiten, selbst am Hausbau mitzuarbeiten, zu renovieren und zu reparieren) nicht in den Argumentationszusammenhang eingebettet wird. Gerade bei der Entscheidung für eine Wohnform dürfte das aber eine wichtige Rolle spielen (erinnert sei an die oben genannte Familie R.).
Anknüpfungspunkte dieser Studien an frühere Arbeiten von Bourdieu lassen sich unschwer erkennen: Die Arbeiten über Algerien hatten die selbstverständlichen Vorannahmen der ökonomischen Theorie in Zweifel gezogen und hatten auf die für eine Kreditaufnahme notwendigen Dispositionen aufmerksam gemacht. Die in »Die feinen Unterschiede« untersuchte Homologie des Raums der Lebensstile und desjenigen der sozialen Positionen taucht auch hier wieder auf. Doch während dort auf einzelne Details eingegangen wurde, erweitert sich in der Studie übers Eigenheim der Blickwinkel. Hier geht es jetzt auch um das Feld der Produzenten eines Lebensstils und, auf einer noch höheren Ebene, um die politischen Maßnahmen, die den Wohnungsmarkt steuern und verändern. Folge ist, dass, um der Komplexität des Themas gerecht zu werden, vielfältige Daten erhoben, gesammelt und analysiert werden. Dies geht stellenweise auf Kosten der Nachvollziehbarkeit des methodischen Vorgehens. So ist etwa die Analyse der Feldstruktur der Eigenheimproduzenten nicht so transparent, wie man es von den Korrespondenzanalysen in »Die feinen Unterschiede« kennt.
Deutlich wird hier auch, wie Bourdieu seine theoretischen Konzepte ständig erweitert und modifiziert (z. B. durch eine Präzisierung des Feld-Begriffs und der verschiedenen Kapital-Formen: technisches, juristisches, technologisches etc.), was u. a. dazu führt, dass bisherige Verfahren (wie die Konstruktion des sozialen Raumes anhand des ökonomischen und kulturellen Kapitals) überwunden werden und dass neue Themen – z. B. der Rückzug des Staates – in den Blick gelangen.
Sichtbar ist Bourdieus Bemühen, das Modell des homo oeconomicus durch Erweiterung zu überwinden. So hat das Konzept des Feldes im Vergleich zum Markt-Konzept den Vorteil, die Positionen der Hersteller im Raum ermitteln und damit die objektive Beziehung zwischen ihnen erfassen zu können. In Verbindung mit der Beschreibung der Genese der Feldstruktur und des aktuellen Standes des Kräfteverhältnisses ermöglicht das, die an die Positionen im Feld jeweils gebundenen Vorteile und Trümpfe, die Grundlage des strategischen Handelns sind, zu erklären (Einfamilienhaus 1990/2002, 56).
[73]Die Studie zeigt auf, dass die vielbeschworene Demokratisierung auf dem Wohnungsmarkt nur oberflächlich gesehen eintritt, dass vielmehr das Eigenheim zu einer »Falle« wird, die das gesellschaftliche Gefüge verändert:
»In gewissem Sinn war diese Politik, die darauf abzielte, den Herstellern von Häusern einen Markt zu eröffnen und dabei an ihren Besitz gekettete Eigentümer zu produzieren, auch erfolgreich. Aber die Kleinbürger, die sich nun als kleine Eigentümer kleiner Häuser in den Vororten wiederfanden, mussten in den meisten Fällen für diese Befriedigung ihrer Bedürfnisse einen solch hohen Preis zahlen, dass die liberale Politik ihren Verfechtern den politischen Nutzen, den sie sich von ihr versprochen hatten, wahrscheinlich nicht liefern konnte, auch wenn sie die Vollendung einer tiefgehenden Änderung der gesellschaftlichen Ordnung begünstigt hat.« (Eigentumssinn 1990/2002, 181)
Indem sich alle Investitionen und Gedanken auf das Eigenheim richten, auf das Gegenmodell zu den gemeinschaftlichen Mietwohnungen, die mit Kollektivismus assoziiert werden, wird der Rückzug ins Private forciert. Der Besitz hat
»eine Art von Domestizierung der Wünsche und Vorhaben zur Folge …, so dass diese fortan nicht mehr über die Türschwelle hinausreichen, auf die Privatsphäre beschränkt bleiben und damit im Gegensatz stehen zu den kollektiven Projekten etwa des politischen Kampfes, die stets gegen die Versuchung des Rückzuges ins Private durchgesetzt werden mussten.« (Eigentumssinn 1990/2002, 45)
Selbst das gemeinsame Bier mit Arbeitskollegen in der Eckkneipe gehört mit zunehmender Entfernung der Arbeits- von der Wohnstätte vergangenen Zeiten an (vgl. Steinrücke/Schultheis 2002, 10).
Die Häuser und Eigentumswohnungen der Kleinbürger symbolisieren gewiss nicht »die Solidarität der alten Arbeiterviertel«, aber auch nicht »die Abgeschiedenheit der exclusiven Wohngegenden« (Zeichen der Zeit 1990/2002, 44). Die Varianz in der Qualität der Wohnorte gibt auch einen Eindruck davon, wie wenig der Zuwachs an Wohneigentümern einer Demokratisierung gleichkommt: Die verschiedenen (finanziellen und zeitlichen) Kosten, die der Wohnort verursachen kann (aufgrund schlechter Bodenqualitäten, weiter Arbeitswege etc.), die Unzufriedenheit, die mit dem Umzug stadtauswärts verbunden ist, der unterschiedliche technische und ästhetische Wert des Eigentums (und damit die ungleiche Möglichkeit der Kommerzialisierung) sind einige der hier relevanten Faktoren.
Im Buch »Das Elend der Welt« weist Bourdieu darauf hin, dass der Sozialraum auch in die (physisch) räumlichen Strukturen eingeschrieben ist, in die räumlichen Distanzen zwischen Menschen bzw. deren Wohnorten.
[74] »Der Raum, oder besser, die Orte und Plätze des verdinglichten Sozialraums und die von ihnen vermittelten Profite sind selbst Gegenstand von Kämpfen.« (Elend der Welt 1993/1998, 163)
Das ist zu bedenken, wenn man die Verteilung der Eigenheime untersucht. So mag der wachsende Anteil von Personen mit kulturellem Kapital unter den Eigenheimbesitzern (bei Abwendung von den ›kollektivistischen‹ Gütern) zwar zur Angleichung von mehr kulturell und mehr ökonomisch Reichen führen; doch bleibt die Frage, wie sie sich im physischen Raum verteilen. So zeigt die Analyse der Daten der INSÉE-Erhebung von 1984, dass die Arbeiter in die ländlichen Gebiete verbannt werden, während die Vorarbeiter im Ballungsraum von Paris zu finden sind (Eigentumssinn 1990/2002, 174). In den Vororten erfahren nun beispielsweise die Kleinbürger keine »symbolische Weihe« durch ihren Hausbesitz, sondern werden häufig mit den Nöten der Vororte konfrontiert. Und jene, die zwar die ökonomischen Mittel haben, um in eine privilegiertere Wohngegend zu ziehen, verfügen oft nicht über den notwendigen Habitus, um diesen Raum auch zu bewohnen, weil ihnen der passende Lebensstil dazu fehlt, das Wissen, welche Gardinen im Viertel erwartet werden und wie der Garten aussehen sollte (Raum 1991, 31).
Während es in »Der Einzige und sein Eigenheim« um die »Wahl« (zwischen Mietwohnung und Eigenheim) und um die sie determinierenden Faktoren geht, wendet sich Bourdieu in »Das Elend der Welt« dem daraus resultierenden kleinbürgerlichen Elend, den Problemen und Nöten an den verschiedenen Orten zu. In Tiefeninterviews lässt er unter anderem diejenigen zu Wort kommen, die an den »Orten gesellschaftlichen Abstiegs leben, wo sich unter den Auswirkungen der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit die mittellosesten Bevölkerungsgruppen zusammenballen« (Elend der Welt 1993/1998, 208); nämlich Eigentümer, aber auch Mieter: Hier wie dort geht es um die Auswirkungen des Rückzugs des Staates, seiner neoliberalen Politik.
In der Eigenheim-Studie ist implizit bereits eine politisch-aufklärerische Leistung enthalten: Ihre Ergebnisse bieten Werkzeuge für eine Kritik an der neoliberalen Politik. Auch in seinen politischen Schriften greift Bourdieu das Thema der Wohnungspolitik immer wieder auf, etwa in der Streitschrift »Gegenfeuer« (1998), indem er dem Staat die Verantwortung für die Probleme der banlieus (Vorstädte) zuschreibt und diese als Folge einer in den 1970er Jahren durchgesetzten Politik darstellt, die personenbezogene Eigentumsförderung auf Kosten der öffentlichen Bauförderung bevorzugt:
»… zehn Jahre sozialistischer Macht haben es fertiggebracht, den Glauben an den Staat zu vernichten und die Zerschlagung des Wohlfahrtsstaates zu vollenden, [75]die in den siebziger Jahren im Namen des Liberalismus eingeleitet wurde. Ich denke hier vor allem an die Wohnungspolitik. Ihr erklärtes Ziel war es, das Kleinbürgertum aus dem gemeineigenen Wohnraum (und damit aus dem ›Kollektivismus‹) herauszulösen und es an den Privatbesitz von Einfamilienhäusern oder Eigentumswohnungen zu binden. Diese Politik ist in einer Hinsicht nur allzu gut gelungen. Ihre Vollendung veranschaulicht … die sozialen Folgekosten bestimmter Wirtschaftsformen …, denn sie ist zweifelsohne die Hauptursache für die räumliche Segregation und damit die sogenannten Probleme der ›banlieus‹« (Gegenfeuer 1998, 17),
ohne dass dieser Zusammenhang dreißig Jahre später noch gesehen wird.
2.5 Gegenwartsanalyse: Das Elend der Welt
Als Ende der 1980er Jahre in Frankreich »malaise social« ein Schlagwort wurde, in den Medienberichten über die Streikbewegungen (z. B. bei Peugeot im September 1989) oder über die Vorfälle in den Pariser banlieus,36 wurde Bourdieu von der Caisse des dépôts gefragt, ob er zu diesem Thema empirisch forschen wolle. Skeptisch gegenüber Auftragsarbeiten zu vorgegebenen sozialen Problemen, aber interessiert an dem Thema lehnte Bourdieu den vorgeschlagenen Einsatz herkömmlicher Befragungstechniken ab und wandte sich (zusammen mit mehreren Mitarbeitern37) mit einem eigenen methodischen Ansatz den Formen und Ursachen des Leidens an der Gesellschaft und in der Gesellschaft zu (vgl. Schultheis 1998, 836).
In dem daraus entstandenen Werk »Das Elend der Welt« (orig. La misère du monde 1993) kritisierte er die typisch staatlich-bürokratischen Meinungsumfragen als Forschungsinstrument scharf: Sie ähnelten eher Verhören als dass sie eine »gewaltfreie Kommunikation« anstrebten, sie drängten den Befragten Problematiken auf anstatt die Vielfalt der individuellen Situationen [76]zu erfassen; kurz: sie seien normativ gefärbt, und so bekämen die Meinungsforscher letztendlich nur das zu hören, was sie hören wollten (Elend der Welt 1993/1998, 804 ff.).
Auch die Medien erfassten Bourdieu zufolge die Sorgen und die Not der Menschen nur unzureichend, weil sie bevorzugt über spektakuläre Ereignisse und Ausnahmesituationen berichteten, die die Journalisten an die Schauplätze lockten und vom alltäglichen Leid ablenkten. Welche »Miseren« und wie sie in die Schlagzeilen gelangen, sage also ebenso viel über das journalistische Feld aus wie über die Ereignisse selbst (vgl. Volkmann 2002a, 99 ff.).
Bourdieu will zur Erfassung der »Miseren« einen anderen Weg einschlagen, will ein Gegengewicht zu den journalistischen Berichten und den Ergebnissen der Meinungsforscher, der »Doxosophen« (so viel wie: Fachleuten für Denkgrenzen), schaffen. Rückblickend charakterisiert er die Methodik dieser Studie als durch die Absicht bestimmt, den »scholastischen Epistemozentrismus« zu vermeiden:
»Wir bemühten uns hier, den Anschein zu vermeiden, als sei die Fähigkeit, die eigene Erfahrung und das eigene Handeln als Gegenstand eines Wissens zu betrachten, über das man nachdenken und sprechen kann, universell gegeben, und stellten uns die Aufgabe, Erfahrungen von Menschen, die zu den Bedingungen, unter denen die scholastische Disposition erworben wird, keinen Zugang haben, in den Bereich des Diskurses, das heißt auf einen fast theoretischen Status zu heben; und dies nicht nur, indem wir darauf achteten, nicht durch epistemozentrische Fragen, die die scholastische Disposition voraussetzen, einen scholastischen Bias einzuführen, sondern auch, indem wir die Befragten, die ihr am fernsten standen, beim Verstehen und Erforschen ihrer selbst unterstützten – eine Arbeit, die … gewöhnlich der Welt der scholé vorbehalten ist.« (Meditationen 1997/2001, 77f.)
Um die Sicht der Befragten erfassen zu können, wurde das Thema im Interview nicht allgemein vorgegeben, sondern es wurde an den jeweiligen Interviewpartner bzw. an seine gesellschaftlichen Merkmale angepasst. In einem Interview mit zwei Hausmeistern einer Sozialsiedlung sind Themen das Wohnumfeld, die Schwierigkeiten insbesondere mit den jungen Mietern und die Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation durch die Rechtspartei von LePen (Elend der Welt 1993/1998, 141 ff.). Schülerinnen berichten über ihr Scheitern in der Schule und ihre Ängste beim Übergang ins Gymnasium (Elend der Welt 1993/1998, 557 ff.). Peugeot-Arbeiter sprechen über ihre Streikerfahrungen und die Veränderungen von Arbeit und Arbeitsatmosphäre (Elend der Welt 1993/1998, 375 ff.). Und einer Tochter von Kleinbauern, die nachts in einem Postsortierzentrum von Paris arbeitet, wird mitgeteilt, dass es in der Untersuchung um die Schwierigkeiten des Lebens in [77]Paris gehe – ein Thema, zu dem sie viele Erfahrungsberichte beisteuern kann (Elend der Welt 1993/1998, 341 ff.).
Oft macht diese wenig strukturierte Befragung einen zweiten Interviewtermin notwendig, um auf der Grundlage eines intensiveren Vertrauensverhältnisses die offen gebliebenen Sach- und Interpretationsfragen zu klären (z. B. Elend der Welt 1993/1998, 780, Fußn. 1). So sucht Sayad die 35-jährige Farida, die durch ihren algerischen Vater lange Zeit vom öffentlichen Leben fern gehalten wurde und die zu Beginn der Befragungssituation misstrauisch ist, dreimal zum Interview auf. Während der je zwei bis drei Stunden dauernden Gespräche verschiebt sich der Fokus von den Lern- und Schulbedingungen hin zur gesamten Lebensgeschichte, die schließlich »bis in die Details hinein mit wirklicher Zufriedenheit und lebhafter Erleichterung« (Elend der Welt 1998, 753) erzählt wird.
Allerdings ist Bourdieu mit dieser Studie nicht auf die Seite des »Subjektivismus« übergegangen. Gerade weil die persönlichen Berichte dazu verführen, die Erklärungen für das Handeln (und Scheitern) in der Person selbst, in ihrer individuellen Lebensgeschichte zu suchen,38 will die Studie hinter die Oberfläche der offenkundigen Tatbestände gelangen, um die wirklichen Ursachen des Leidens zu verstehen und zu erklären – ähnlich der Medizin, die zu jenen Krankheiten vordringen muss, über die der Kranke nicht Auskunft geben kann. Dazu muss die Forschung mit dem Alltagsverständnis brechen und den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Determinanten nachgehen – den Zwängen der Schule, des Arbeits- und Wohnungsmarktes, den Folgen des Rückzugs des Staates aus der Wohlfahrt o. Ä., also den Mechanismen, die das Leid verursachen.
Wie aber kann man die grundlegenden Strukturzusammenhänge aufdecken, die die Hoffnungen und Nöte der Menschen erklärbar machen? Wesentliche Grundlage dafür ist ein gut geführtes Interview. Dazu können sich die geschulten Interviewer ihre Interviewpartner aus dem eigenen Bekanntenkreis auswählen. Diese Bedingung geht nicht auf eine pragmatische Überlegung zurück, die den Zugang zum Feld erleichtern soll, sondern auf eine methodologische Annahme über das Interview als sozialer Beziehung: Ein solches Vorgehen gewährleistet, neben dem Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Beteiligten selbst, auch ein Vertrautsein mit dem, was und wie der Gesprächspartner erzählt, weil der Interviewer Vorinformationen über sein Gegenüber hat und weil eine soziale Nähe besteht. Für den Interviewten bewirkt diese soziale Ähnlichkeit, dass er sich sicher fühlen kann, dass der Interviewer ihn gut versteht und dass seine subjektiven Motive und [78]Gründe nicht vorschnell auf objektive Ursachen zurückführt werden. Denn der Interviewer wird »wohl kaum vergessen, daß den Befragten zu objektivieren für ihn bedeutet, auch sich selbst zu objektivieren« (Elend der Welt 1993/1998, 784). Für den Interviewer ist diese Konstellation sinnvoll, weil so die Fragen, die er stellt, seiner eigenen Disposition entspringen, die mit derjenigen des Interviewten in Einklang steht. So ist die Voraussetzung für eine entlastete und verständnisvolle Gesprächssituation geschaffen.
»Der Markt der sprachlichen und symbolischen Güter, der anläßlich des Interviews entsteht, variiert seiner Struktur nach in Abhängigkeit von der objektiven Beziehung zwischen dem Interviewer und dem Interviewten oder, was auf dasselbe hinausläuft, in Abhängigkeit von der Relation zwischen dem einem jeden von ihnen verfügbaren Kapital jeglicher, insbesondere aber sprachlicher Art.« (Elend der Welt 1993/1998, 781f.)
In einem auf Arabisch von Sayad geführten Interview mit dem algerischen Immigranten Abbas wird dieser Vorteil deutlich, als dieser von der doppelten Schande des Einwanderers spricht – nämlich sich einerseits als Nicht-Franzose in Frankreich fehl am Platze und unter ständigem Rechtfertigungsdruck zu fühlen, und andererseits zugleich das Verlassen der Heimat und die nicht verwirklichte Rückkehr als Verfehlung zu bewerten. Dabei wendet sich Abbas an den Interviewer mit den Einvernehmen heischenden Worten: »Ich weiß nicht, ob du es genauso empfindest oder ob es meine Schuld ist …« (Elend der Welt 1993/1998, 742). Dass der Interviewer wegen gleicher ethnischer Zugehörigkeit (und der damit vermuteten homologen Position im sozialen Raum) seine Situation nachempfinden kann, wird unterstellt oder zumindest erhofft.
Problematisch für die Erhebung ist eine auf sozialer Nähe beruhende Konstellation natürlich dann, wenn der Interviewer die Erzählungen und Berichte des Interviewten als selbstverständlich aufnimmt, weil ihm alles bekannt und natürlich vorkommt, wenn er also nicht neugierig-interessiert nachfragt oder ihm gar das Nachfragen unbehaglich ist (von solchen Gefühlen berichten einige Interviewer).
Die soziale Nähe von Interviewer und Befragtem ist nicht der einzige Weg, um eine »gewaltfreie Kommunikation« zu verwirklichen. Auch das Bemühen zu verstehen, zuzuhören statt anzuklagen und den anderen in seiner Position zu respektieren, kann bei einem geübten Interviewer ausreichen. So ist in einem Interview Bourdieus die Asymmetrie des kulturellen Kapitals zwischen ihm und den beiden von ihm Befragten überdeutlich: Ali, ein ca. 20-jähriger Beur, wie sich »die in Frankreich geborenen und als Franzosen aufgewachsenen Nachkommen von Einwanderern aus dem Maghreb« (Elend der Welt 1993/1998, 84 f.) nennen, und François, ein junger Franzose, der [79]seinen Berufsabschluss verfehlt hat, die beide »in einem der verrufensten Gebäude einer verrufenen Siedlung« (Elend der Welt 1993/1998, 88) von Plattenbauten im Norden Frankreichs wohnen. Beide sind zuerst misstrauisch, scheinen Angst zu haben, »der Sache nicht gewachsen zu sein« (Elend der Welt 1993/1998, 88). Doch Bourdieu gelingt es, ihnen im Laufe des Gesprächs das Gefühl zu vermitteln, dass er ihre Erzählungen zu verstehen sucht und ihre Informationen nicht missbrauchen wird. Nachdem er seine Absichten erklärt und sich damit von Personengruppen wie Polizisten und Richtern abgegrenzt hat, mit denen die jungen Männer negative Assoziationen verbinden, bewirkt bereits die für die beiden ungewohnte Nachfrage, ob er sie duzen dürfe – mit Verweis auf seine Söhne, die ähnlich alt seien wie sie – einen angemessenen Einstieg ins Interview.
Im Laufe des Gesprächs und bei der anschließenden Analyse sollte der Forscher versuchen, sich so weit in die Position des Gegenübers hineinzuversetzen, dass er schließlich von diesem Punkt aus auch Partei für den anderen ergreifen könnte (Elend der Welt 1993/1998, 786). So bezeichnet Bourdieu die von den beiden jungen Männern berichteten Diebstähle vor dem Hintergrund ihrer Lebensgeschichte und -bedingungen – gekennzeichnet durch fehlende Ausgehmöglichkeiten, durch ein gegenseitiges Sich-Anöden, durch das Handicap fehlender Bildungsabschlüsse, durch Stigmatisierung aufgrund der schlechten Wohngegend, durch fehlende Zukunftsaussichten, zugespitzt noch durch die ethnische Zugehörigkeit von Ali, dem der Zutritt zur nahe gelegenen Disco versagt wird – als »schon verständlich«, »wenn es sonst nichts zu tun gibt« (Elend der Welt 1993/1998, 96). Verstehen bedeutet aber nicht gutheißen. So meint Bourdieu zu den Geschehnissen des Vorabends, an dem ein Mann Tränengas gegen Ali und François eingesetzt hatte, weil sie sich mit ihren Freunden im Eingangsbereich seines Wohnhauses lautstark unterhalten hatten:
»Na ja, er muß schließlich pennen, oder? Deswegen gleich Tränengas zu versprühen ist natürlich hart, aber schließlich, wenn ihr ihn die ganze Nacht belästigt habt, dann versteht man das schon irgendwie, oder nicht?« (Elend der Welt 1993/1998, 94).
Sie »einigen« sich darauf, dass er sie freundlich zum Weggehen hätte auffordern können.
Eine solche Haltung des Interviewers führt dazu, dass sich die beiden jungen Männer verstanden fühlen, dass sie
»eines ihrer wahren Gesichter offenbaren – zweifellos dasjenige, das normalerweise unter dem Einfluss der Gruppenzensur (mit dem, was sie ›Angeberei‹ nennen) und der kollektiven Zwänge, die aus dem Übermaß an Gewalt hervorgehen, [80]am besten verborgen wird« (Elend der Welt 1993/1998, 91; kritisch zu diesem Interview: Rehbein 2006, 100f.).
Abgesehen von der aufmerksamen Haltung und der »hingebungsvollen Offenheit« (Elend der Welt 1993/1998, 787) gegenüber dem Gesprächspartner ist der Interviewablauf so offen konzipiert, dass das Aufdrängen einer Problematik weitgehend vermieden wird. Es gibt keine feststehende Einstiegsfrage. Ein Bild der Tochter auf der Anrichte kann Anlass bieten, sich vorsichtig über ihre Schullaufbahn und ihre Berufswünsche zu erkundigen (»Weiß sie denn ungefähr, was sie machen will? Oder nicht so recht?«), um einen Einblick in das Leben einer Arbeiterfamilie zu erhalten (Elend der Welt 1993/1998, 31). Der gewerkschaftliche Aktivist Hamid dagegen, der zuvor von einem Kollegen erfahren hatte, dass sich dieser »Soziologe oder Journalist« für die Arbeit bei Peugeot, für die Arbeit als Delegierter und die Arbeitsatmosphäre interessiert, wird vom Interviewer aufgefordert:
»Am besten wäre es, wenn Sie einfach so nach Lust und Laune erzählen und ich nachher Fragen stelle« (Elend der Welt 1993/1998, 380).
Nachfragen werden meist direkt gestellt, damit der Sinn der Erzählung verfolgt werden kann (»Ich hab’ nicht verstanden. Um wen geht es?«; Elend der Welt 1993/1998, 47) und eine wirkliche Verständigung möglich wird. Auch die Form, in der Fragen gestellt werden, passt sich dem Gesprächsverlauf und dem Interviewten an. So wird die Frage an Madame und Monsieur Leblond, beide um die 40 Jahre alt, nach der Höhe ihrer Miete (»Wieviel bezahlen Sie dafür? Oder ist die Frage indiskret?«) vorsichtig formuliert (Elend der Welt 1993/1998, 35), die Nachfragen an den mit »rauhem Ton« redenden François bezüglich der »Dummheiten«, die er begangen hat, sind dagegen drängender (»Na los, na los«, »Du sagst nicht alles, hm?«; Elend der Welt 1993/1998, 97 und 99).
Diese Interviewführung verlangt vom Interviewer viel, denn er muss ständig die Interviewsituation reflektieren. Dem Interviewten bietet er damit nicht nur Raum für seine Erzählungen, sondern er greift auch unterstützend ein; in einer Art »sokratischer Arbeit« hilft er dem Befragten dabei, sich zum Ausdruck zu bringen, indem er Vorschläge oder Annahmen formuliert, die dem Interviewten weiterhelfen und Anschlussmöglichkeiten bieten können (Elend der Welt 1993/1998, 792, Fußn. 7).
Weil die Akteure oft nicht selbst den Zugang zur Quelle ihres Unbehagens finden, ist es Aufgabe des Interviewers, Hilfestellung zu leisten. Um eine Selbstanalyse beim Interviewten zu provozieren und um, damit einhergehend, die subjektiven Handlungsformen zu verstehen, muss der Interviewer die Lebensumstände, die Laufbahn des Befragten, die objektiven Strukturen [81]und den Möglichkeitsspielraum der Akteure vor sich sehen. Wenn der Interviewer die Position des Interviewten im Sozialraum verorten kann und die gesellschaftlichen Mechanismen erfasst, die entweder alle Mitglieder seiner Kategorie betreffen oder aus seiner persönlichen Laufbahn entspringen, kann er schon im Interview den Sinn der Erzählung verstehen und dementsprechend sinnvolle Fragen auswählen. Denn es geht darum,
»ein generelles und genetisches Verständnis der Existenz des anderen anzustreben, das auf der praktischen und theoretischen Einsicht in die sozialen Bedingungen basiert, deren Produkt er ist …« (Elend der Welt 1993/1998, 786)
So ist es wichtig, um die Erfahrungen und den Habitus eines Arbeiters bei Peugeot verstehen zu können, die Rekrutierungsmechanismen der »alten« Arbeiter im Gegensatz zu den »neuen« zu kennen, das Leiharbeitersystem, den Rückgang des gewerkschaftlichen Einflusses und die betrieblichen Individualisierungspraktiken (z. B. die Prämienvergabe, die in Form von Einzelprämien zu einer Konkurrenz unter den Arbeitern führt und viele dazu veranlasst, ihren Lohnzettel nicht mehr vor den anderen zu öffnen). Gérard: »Das ist die bis zum Äußersten getriebene Vereinzelung, jeder für sich.« (Elend der Welt 1993/1998, 335) Dem Interviewer Pialoux sind diese Strukturen nach jahrelanger Forschung über die Arbeit bei Peugeot bekannt; er ist deshalb dafür prädestiniert, bei den Interviewten in diesem Feld eine Selbstanalyse zu provozieren. Auch die anderen Mitarbeiter der Studie forschen vorzugsweise in ihnen vertrauten Bereichen.
In dem über 800 Seiten umfassenden Buch ist eine Auswahl aus den 182 Interviews in Auszügen abgedruckt. Die Transkription pendelt zwischen den Ansprüchen, nahe am Gesprochenen zu bleiben und zugleich eine gute Lesbarkeit zu gewährleisten. Die Phonetik blieb im Transkript zugunsten des zweiten Aspekts unberücksichtigt; Wörter und Sequenzen wurden zwar nicht geändert, doch ist der Text, vor allem aus Respekt vor den Erzählenden, teilweise von »ähms« und konfusen Sätzen bereinigt worden.
Bei der Interpretation will die Gruppe um Bourdieu herausarbeiten, wie die Informanten zu ihrer spezifischen Perspektive auf die soziale Welt gekommen sind und welche strukturellen Bedingungen dazu geführt haben (vgl. Barlösius 1999, 17). Dabei wird jedoch die Perspektive des Informanten keineswegs mit einer verallgemeinert-soziologischen konfrontiert. Denn das würde seinen besonderen Blickwinkel entwerten und als Anspruch des Soziologen erscheinen, die richtige und legitime Perspektive zu kennen. Die Aufgabe des Soziologen besteht einzig darin, die spezifische Perspektive des Informanten zu ergänzen und zu erweitern durch jene sozialstrukturellen Bedingungen, die in dieser nicht erkennbar sind.
[82]Im Interesse der Interviewten – und im Sinne des Erkenntnisinteresses – stellen sich Bourdieu und seine Mitarbeiter bei der Darstellung der Ergebnisse die Frage, wie sie die Leser der Interviews dazu bewegen können, die Anweisung Spinozas zu befolgen:
»›Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen, sondern verstehen‹« (Elend der Welt 1993/1998, 13).
Verstehen heißt hier, dass der Leser die Geschichte aus der Position des Interviewten heraus nachvollziehen kann und erkennt, dass die persönlichen Erfahrungen »das Produkt des Eingeschriebenseins bestimmter gesellschaftlicher Erfahrungen in eine gesellschaftliche Ordnung« sind (Elend der Welt 1993/1998, 461). Damit die Interviewauszüge nicht nur als einzigartige Zeugnisse, sondern als Symptome gelesen werden können, damit also die immanenten Strukturen sichtbar werden, muss auch der Leser ein wenig mit soziologischem Rüstzeug ausgestattet werden. Das soll durch mehrere Punkte erreicht werden:
1. Jedem Interviewauszug ist eine analytische Einleitung vorangestellt, die neben Informationen zur Kontaktaufnahme solche zum soziokulturellen Kontext, zur Laufbahn des Befragten, zur Ausbildung oder zur Körpersprache, zum Tonfall des Interviews39 etc. mitteilt. Die Kenntnis der wesentlichen sozialen Merkmale des Akteurs, seiner Position im Sozialraum und der Laufbahn, die ihn dort hingeführt hat, lassen dem Leser die Sicht des Akteurs auf die Welt und seinen Habitus deutlich werden. So erhält man für die Leblonds nach der Charakterisierung ihres Wohnumfeldes (»Wüste«) und einer Erläuterung der mit dem Schwinden der Fabriken einsetzenden kollektiven wirtschaftlichen Katastrophe eine dichte Beschreibung ihrer Wohnung:
»Diese heimelige, kleine, nach außen abgeschirmte Welt genügt sich vollkommen selbst: mit der liebevoll gewienerten Anrichte, die mit Fotografien der Töchter und dem von Nippes umstellten Abschlußzeugnis der älteren Tochter geschmückt ist, dem ebenfalls mit Fotografien und Nippes dekorierten Bücherregal, das drei Reihen populärwissenschaftlicher Werke enthält, dem Sofa mit den in lebhaften Farben bestickten Kissen gegenüber dem Fernseher, den üppigen Pflanzen und dem winzigen, mit allem versorgten [83]Hund ist das Ebenbild von Monsieur und Madame Leblond, ihrer freundlichen, lächelnden und arglosen Mienen, die dennoch Zeichen von Beunruhigung, um nicht zu sagen Furcht aufweisen, wenn mit verdeckten Worten bestimmte Probleme der Nachbarschaft angesprochen werden« (Elend der Welt 1993/1998, 22f.).
Ein solcher Zugang erfordert Feingefühl, denn:
»Auf welche Weise soll man die Frisur einer kleinen Angestellten thematisieren, ohne einen Rassismus der Klassen anzuheizen, wie soll man den Eindruck vermitteln, den diese Frisur für das durch den Kanon der legitimen Ästhetik geschulte Auge erweckt, ohne diesen Eindruck zu bestätigen – ein Eindruck, der doch gleichzeitig Teil ihrer unausweichlich objektiven Wahrheit ist?« (Elend der Welt 1993/1998, 800)
Während solche Beschreibungen kaum mit theoretischen Begriffen operieren, gibt es auch Kapitel, die einige Aspekte auf eine abstraktere Ebene heben. So thematisiert das Kapitel »Ortseffekte« die Strukturhomologie von Sozialraum und physischem Raum (Elend der Welt 1993/1998, 159 ff.): Hat man wenig Kapital, ist einem die Möglichkeit verwehrt, sich von unerwünschten Personen fern zu halten. Das belegen all die Geschichten über die störenden, lärmenden Nachbarn in den Plattensiedlungen. »Der Mangel an Kapital … kettet an einen Ort.« (Elend der Welt 1993/1998, 164) Während das noble Wohnviertel seine Bewohner »symbolisch weiht«,
»degradiert das stigmatisierte Viertel symbolisch jeden einzelnen seiner Bewohner, der das Viertel degradiert, denn er erfüllt die von den verschiedenen gesellschaftlichen Spielen geforderten Voraussetzungen ja nicht.« (Elend der Welt 1993/1998, 166)
Auf einem solchen theoretischen Hintergrund lassen sich die Interviews aus einer soziologischen Perspektive lesen, etwa die Erfahrungen von Ali:
| »Ali: | Ein übler Ruf Das ist schon ein komisches Gefühl, wenn man, sagen wir, mit Mädchen redet, die in einer besseren Siedlung wohnen, die … Wenn Sie denen sagen: Ich wohne in ›La Roseria‹ |
| I: | Dann sind sie Dir gegenüber gleich mißtrauisch, oder was. |
| Ali: | Nein, sie gehen weg. Das ist schon blöd. Man muß sie vollquatschen.« (Elend der Welt 1993/1998, 107) |
Ein Entkommen aus der Stigmatisierung ist nur schwer möglich.
Die Bewertungen von Wohngegenden dürfen aber nicht als einfach gegeben angesehen werden. Vielmehr sind
[84]»die Orte und Plätze des verdinglichten Sozialraums und die von ihnen vermittelten Profite … selbst Gegenstand von Kämpfen (innerhalb der verschiedenen Felder)« (Elend der Welt 1993/1998, 163).
Dabei spielt der Staat durch seine Steuergesetzgebung und durch die Wohneigentumsförderung, die die »Konstituierung homogener Gruppen auf räumlicher Basis gefördert« haben, eine wesentliche Rolle. Die Wohnungsbaupolitik wird so als Hauptverantwortlicher für die verfallenden Wohnsiedlungen und die vom Staat aufgegebenen banlieus sichtbar (Elend der Welt 1993/1998, 167).
Neben der sozialen Verortung der befragten Person durch einen dem Interviewauszug vorgeschalteten fallspezifisch-analytischen Teil werden an verschiedenen Stellen, ähnlich wie beim Ortseffekt, makrostrukturelle Zusammenhänge und theoretische Überlegungen eingefügt, zum Schulsystem, zur Abdankung des Staates, zu den Folgen der neoliberalen Sichtweise. Ein weiteres Kapitel reflektiert die »Widersprüche des väterlichen Erbes«: Das Erbe soll die Perpetuierung der väterlichen Position gewährleisten, was teilweise ein Übertrumpfen des Vaters erforderlich macht. Damit sei eine »gelungene Erbschaft … ein auf Befehl des Vaters hin vollzogener Vatermord« (Elend der Welt 1993/1998, 652). Wie sehr eine Ablehnung des väterlichen Erbes einer Negierung von dessen Position und dessen Lebenssinn gleichkommt, wird hier theoretisch ausgeführt und anhand einiger Interviewpassagen (z. B. von Landwirten) aufgewiesen.
So werden die analytischen Einleitungen, die den Interviewauszügen vorangehen, und die allgemeinen Erörterungen von gesellschaftlichen Bedingungen und Mechanismen zu Mitteln einer soziologischen Objektivierung und insofern auch zu Mitteln einer verstehenden Lektüre; die persönliche Erzählung wird in ihrer sozialen Bedingtheit evident.
2. Ein weiterer Kniff, um ein nur empathisches Lesen der Interviews zu vermeiden, steckt im Aufbau der Studie. Dem Interview mit Ali und François folgt die Geschichte einer für die Belange des Wohnviertels engagierten Frau, die in einer Hochhaussiedlung ein Sportgeschäft eröffnet hatte, das nach kurzer Zeit geplündert wurde und ausbrannte. Dieses Ereignis unterbrach nicht nur ihren geplanten sozialen Aufstieg, sondern tangierte auch ihre Überzeugungen schmerzhaft (Elend der Welt 1993/1998, 121 ff.). An das Interview mit einer Polizistin, die die Ineffizienz der Polizei unerträglich findet, deren Gründe sie – neben fehlenden finanziellen Mitteln, träger Bürokratie und starren Hierarchien – in der Gleichgültigkeit der Gerichte gegenüber der Polizeiarbeit sieht (Elend der Welt 1993/1998, 265 ff.), schließt das Gespräch mit einem Untersuchungsrichter an (Elend der Welt 1993/1998, 283 ff.). Auf Interviews mit Schülern [85]folgt das Gespräch mit einer Lehrerin, auf die Schilderungen der Leblonds über den Lärm auf den Straßen während des Ramadan folgen die Erfahrungen einer algerischen Familie am Stadtrand von Paris, die sich von ihren Nachbarn diskriminiert fühlt.
Durch ihre Aneinanderreihung von Personen in homologen bzw. komplementären Positionen sprechen die Texte miteinander und zeigen in der Gegenüberstellung, wie die objektiven Strukturen positionsspezifisch wirken. Das Elend wird in dem relationalen Kosmos zu einem positionsspezifischen. Das heißt nicht, dass damit das Leid der Einzelnen relativiert wird, dass also das Unbehagen des Untersuchungsrichters durch die Geschichte einer durch Hauskauf verschuldeten Frau verkleinert werden soll. Im Gegenteil sollen seine Position und die damit verbundenen Widersprüche und Enttäuschungen, insbesondere sein Abstieg im sozialen Raum sichtbar gemacht werden, die seine eingeschränkte Handlungsfähigkeit erklären können.
Deutlich wird immer wieder, wie stark sich die Ordnung des sozialen Raumes im physischen Raum niederschlägt.
»Tatsächlich steht einem nichts ferner und ist nichts weniger tolerierbar als Menschen, die sozial fern stehen, aber mit denen man in räumlichen Kontakt kommt.« (Raum 1991, 32)
So fühlt sich die algerische Familie auch deshalb deplatziert, weil sie nicht über das kulturelle Kapital, nicht über den Lebensstil (Lärm, Küchengeruch etc.) verfügt, den die Nachbarn von ihr erwarten.
Die Pluralität der Weltzugänge und Perspektiven zeigt, dass die malaise social mit den gängigen eindimensionalen Bildern nicht zu erfassen ist.40 Verstärkt wird dieser Eindruck durch den Kniff, dass verschiedene Varianten aufgezeigt werden. Beispielsweise kommen drei Schülerinnen zu Wort, die mit dem Wechsel aufs Gymnasium erstmals das Gefühl eines schulischen Versagens erfahren, sich auf gering geschätzte Abiturzweige abgeschoben sehen und diese schmerzhafte Erfahrung in einer wenig solidarischen Schulumgebung erleben. Angesichts ihrer ähnlichen Erfahrungen (alle drei sind Mitglieder der kommunistischen Jugend) wird die Aufmerksamkeit auf die Auswirkungen der unterschiedlichen (schulischen) Herkunft gelenkt. Nimmt man dabei noch die Erzählungen über die Schulen in den banlieus in den Blick, wird deutlich, wie heterogen die Kategorie der »schulischen Malaise« ist.
[86]3. Eine Hilfe erhält der Leser beim Gang durch dieses Mammutwerk auch durch die Titel und Untertitel; sie unterteilen die Interviewtexte und lenken die Aufmerksamkeit. Jeder einzelne Fall lockt dazu, auch das jeweils folgende Interview zu lesen, um eine weitere Perspektive kennen zu lernen. So baut sich das Mosaik allmählich auf in seiner ganzen Komplexität. Dennoch hat man am Ende den Eindruck, das Buch könnte noch mehr Geschichten enthalten, könnte noch umfangreicher sein, nachdem man allmählich eine Vorstellung von den wirksamen Mechanismen und den objektiven Strukturen entwickelt hat.
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