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Alexandra Horowitz
HUND-NASE-MENSCH

Titel der englischen Originalausgabe: Being a Dog. Following the Dog into a World of Smell.
Erschienen Oktober 2016 bei Scribner, An Imprint of Simon & Schuster, Inc.
New York, USA
©2016 Alexandra Horowitz, Illustrationen der Autorin
© für die deutschsprachige Ausgabe 2017
KYNOS VERLAG Dr. Dieter Fleig GmbH, Nerdlen
www.kynos-verlag.de
Übersetzt ins Deutsche von Gisela Rau
Titelfoto: Nicole Hilgers
Bildnachweis: Alle Illustrationen: Alexandra Horowitz
Layout und Grafik: Kynos Verlag
eBook-Ausgabe der Printversion 2017
eBook-ISBN: 978-3-95464-157-4
ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-95464-151-2
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Inhalt
Kapitel 1Die Nase eines Hundes
Kapitel 2Der Riecher
Kapitel 3Die Nase im Wind
Kapitel 4Spazierenschnüffeln
Kapitel 5Bekannte unbekannte Nase
Kapitel 6Mein Hund ist schuld
Kapitel 7Nasenarbeiter
Kapitel 8Naseweis
Kapitel 9Stinkwellen
Kapitel 10Zibetkatzen und nasse Hunde
Kapitel 11Erschnuppert
Kapitel 12Der Geruch der Welt
Für meinen Vater
Kapitel 1

Die Nase eines Hundes
Die von Finnegan ist ebenholzschwarz, feucht und gesprenkelt, vorn zieren sie zwei bassschlüsselförmige Vertiefungen. Die von Upton ist durch ein deutliches Tal gespalten und das ganze Ding wird von aufmerksam stehenden, kurzen Tasthaaren bewacht.
Das sind meine Hunde, und das sind ihre Nasen.
Bevor ich Wissenschaftlerin wurde und die Kognitionsleistungen von Hunden untersuchte, hatte ich nicht besonders viel über die Hundenase nachgedacht. Sie mag gelegentlich Stirnrunzeln hervorgerufen haben, wenn sie unhöflich in intime Regionen meiner Gäste stach oder sie mag mit Erdnussbutter beschmiert worden sein in dem Versuch, das Herunterschlucken einer Tablette zu fördern. Aber selbst dann hatte ich kaum auf die Nase als solche geachtet – auf ihre Form, ihre Bewegung, auf das unglaublich gewundene und komplexe Gewölbe, in das hinein sie sich öffnet.
Dieses Übersehen beschränkt sich nicht nur auf Hundenasen. Auch die Nasen unserer menschlichen Gegenüber betrachten wir selten ausführlich. Dabei nimmt die Nase eine recht prominente Stellung ein – sie ragt aus dem Gesicht hervor und weist dem Rest des Körpers den Weg. Versuchen Sie einmal, die Nase Ihres Partners oder Ihrer Mutter zu beschreiben, ohne hinzusehen. Falls Sie nicht gerade eine ausgeprägte Haken – oder Knollenform hat, ist sie, na ja, einfach nur eine Nase. Zwei Nasenöffnungen, die an einem gequetschten, fleischigen Tetraeder baumeln.
Ich betrachte die Nase meines Sohnes, aber vor allem ihre Oberfläche – da, wo sich die Sommersprossen auf seiner hellen Haut zu sammeln begonnen haben. Aber die Nase des Hundes erhält meine volle Aufmerksamkeit. Ab jetzt schaue ich bei Hunden immer zuerst auf die Nase. Denn ich bin vernarrt in Hunde, und wenn man etwas über sie wissen möchte, muss man sich dafür interessieren, wie es ist, ein Hund zu sein. Und das beginnt immer mit der Nase.
Was der Hund sieht und weiß, kommt durch seine Nase, und die Information, die jeder Hund – der Spürhund natürlich besonders, aber auch der Hund, der einfach schnarchend neben Ihnen auf der Couch liegt – mittels Geruch über die Welt erfährt, ist unglaublich reich. Reich auf eine Weise, von der auch wir Menschen einst wussten und nach der wir handelten, aber die wir seitdem sehr vernachlässigt haben.
Was das Riechen angeht, das Ansprechen dieser Ressource an Sinneswahrnehmung, die wir zwar besitzen, aber größtenteils ignorieren, ist der Hund für uns zum Informant geworden. Spürhunde, die darauf trainiert wurden, uns mitzuteilen, was sie von Natur aus wissen, decken für uns die Präsenz illegaler Stoffe oder unerwünschter Schädlinge auf. Aber der Hund weiß auch, wie das Wetter wird, wie der Nachmittag riecht und ob Sie krank oder aufgeregt sind. Jeder eingeatmete Schluck Luft steckt voller Informationen. Er enthält die Gerüche von Menschen, die kürzlich vorbeigekommen sind und die Duftspuren hinter sich hergezogen haben. Er fängt Blütenpollen und Pflanzennoten ein, die von einer Brise davongetragen wurden. Jede Nase voll fängt die Spuren von Lebewesen ein, die in der Nähe gegangen oder gerannt sind, die sich versteckt haben, die gefressen haben oder die gestorben sind. Sie fängt die elektrische Ladung und die runden, feuchten Moleküle weit entfernter Gewitter ein.

Dieses Buch ist eine Entdeckungsreise in das Wissen der Hundenase, wie sie noch nie zuvor stattgefunden hat. Was riecht der Hund an Ihnen, auf dem Boden, oder wenn er seine Nase tief im Fell eines anderen Hundes vergräbt? Was weiß er über Sie – das Sie vielleicht selbst nicht wissen? Wie ist es, die Welt mit dieser aufregenden Nase zu riechen, die den Hund durch seine Tage führt?
Um das herauszufinden, habe ich mich auf die Fährte der Fährtenhunde gesetzt. In den letzten Jahren habe ich Spürhunde beim Aufwachsen, in der Ausbildung und beim Finden ihrer „Beute“ beobachtet, seien das Drogen, Lebensmittel oder Menschen. In meinem Labor „Dog Cognition Lab“ am Barnard College habe ich untersucht, wie der Haushund sich selbst, andere Hunde und die Gerüche der Menschenwelt wahrnimmt, in der er lebt. Ich habe mit Wissenschaftlern gesprochen, die die Hundenase erforschen und nachbauen und mit Hundetrainern und Hundebesitzern, die ihr nachfolgen. Es ist eine Untersuchung aller Aspekte der olfaktorischen Welt des Hundes und des fantastischen Organs, das in sie hineinführt.
Aber es ist auch eine Entdeckung der Nasen in unseren Gesichtern. Wir Menschen haben uns das Riechen abtrainiert und über Jahrtausende verlernt, wie man das macht. Wir sind außer Übung im Riechen. Vielleicht haben Sie noch nicht einmal dieses Buch gerochen, obwohl es sich nur wenige Zentimeter vor Ihrer Nase befindet. Ich habe für das Buch Menschen gefunden, die sehr wohl riechen und die ihre Methode trainieren.
Von lebenslangem Nicht-Riechen geprägt, ließ ich mich vom Verhalten meiner Hunde beraten und habe versucht, selbst ein bisschen mehr wie ein Hund zu werden. In meinem Buch Was denkt der Hund? habe ich einen Sprung in die Vorstellung gewagt, wie es wohl sein mag, ein Hund zu sein – und hier führe ich das mit einem noch größeren Sprung fort. Ich versuche, meine Nase an Orte zu halten, zu denen es die Hundenase hinzieht. Und ich schnuppere.
Ich beginne diesen Prozess, indem ich mehr über unseren eigenen Geruchssinn lerne. Und dann trainiere ich meine Nase, um mir besser vorstellen zu können, wie es wohl sein mag, den Verstand und die Nase eines Hundes zu besitzen.

Inspiration und Anleitung sind dabei für mich unsere eigenen Familienhunde Finnegan und Upton. Beide sind höchst charismatische Mischlinge. Mein Mann und ich begegneten Finnegans Nase durch die Zwingerstäbe eines Tierheims, das unerwünschte Straßenhunde aus dem Süden importiert. Er war vier Monate alt, hatte Pilzflechte und Parvovirose und war, obwohl er sich auf dem Weg der Erholung befand, mager und ein wenig kränklich. Ich sollte dazusagen, dass ich nicht oft in Tierheime gehe, denn wenn ich es tue, komme ich unweigerlich mit einem Tier wieder heraus. Als ich ihn zum ersten Mal sah, in diesem Zwinger und auf Augenhöhe, wedelte er mächtig, akzeptierte einen durch die Stäbe gestreckten Finger, steckte zur Revanche seine Nase hindurch und setzte sich dann, als wir weitergingen, geduldig hin. Ich schaute immer wieder zu ihm zurück: Er saß ... und wartete. Als wir ihn aus dem Zwinger ließen, um ihn besser kennenzulernen, bewegte er sich zwischen meinen Mann und mich und schaute uns abwechselnd in die Gesichter. Dann lehnte er sich, ganz vorsichtig, gegen mich. Das war‘s. Wir nahmen ihn mit nach Hause.
Heute ist Finn acht Jahre älter. Er hat immer noch den Ausdruck des Welpen, der sich damals an mich angelehnt hat. Obwohl sein Fell von einem so glänzenden Schwarz ist, als ob wir es täglich polieren würden, ist es vor allem seine Art, einen anzusehen, die einen für ihn einnimmt. Man wird das Gefühl nicht los, dass er immer genau weiß, was vor sich geht. Seine Augen durchdringen uns. Sie verfolgen uns, sie suchen bei uns nach Rückbestätigung, wenn sich ein anderes Tier falsch benimmt und sie blicken uns wehmutsvoll nach, wenn wir zur Tür hinausgehen. Wenn er so mit großen Augen die Ohren anlegt, fällt es schwer, ihn zurückzulassen. Aber er schaut nicht nur mit seinen Augen: Wenn wir wieder nach Hause kommen, beschnüffelt er uns von so Nahem, wie wir ihn heranlassen und erkundet, wo wir waren, was wir gegessen haben und wen wir berührt oder gestreichelt haben. Wenn mir unterwegs auf der Straße ein Hund begegnet ist, ist es mir noch nie gelungen, nach Hause zu kommen, ohne dass Finn Notiz davon genommen hätte.
Ich neige dazu, mir Finn als „professionellen Hund“ vorzustellen. Er ist hervorragend zivilisiert: ohne, dass wir es ihm besonders beigebracht hätten, erfüllt er das, was man von einem Hund im Haus erwartet. Er hat das bisschen Kultur in unserer Familie im Ganzen aufgesaugt. Upton dagegen, den wir kennenlernten, als er drei war, ist im Vergleich dazu ein Wildtier. Er war dem Tierheim zurückgegeben worden, aus dem er ursprünglich drei Jahre zuvor adoptiert worden war. Wir haben seine ersten Fotos gesehen: ein kleiner Hund mit Ohren, die zu groß für seinen Kopf waren. Die Nase ein Klecks. Sein Kopf und sein Körper waren gewachsen: Heute ist er ein großer, gestromter Windhundmix mit großen Augen und einer Korkenzieherrute. Seine Schnauze ist von Tasthaaren punktiert, aus seinen Lefzen tropft es ständig. Er ist ein Hundehund – unbeirrbar freundlich zu jedem anderen Hund, und er hat einen schlaksigen, albernen Gang. Es gibt kein einziges Foto von Upton, auf dem er stromlinienförmig, athletisch oder anmutig aussehen würde. Wenn er rennt, flattern seine Lefzen, er schwankt von einer Seite zur anderen und seine Ohren fliegen in alle Richtungen. Er ist reichlich albern. Gut, auch er war kein Stadthund, als wir ihn kennenlernten und er lässt sich leicht von allen nur möglichen Geräuschen erschrecken – Autotüren, Müllwagen, sich öffnende Garagentore, ein im Wind schaukelndes Straßenschild, Presslufthämmer, flatternde Plastiktüten oder eine plötzlich um die Ecke biegende Person...was auch immer. Aus diesem Grund ist es immer nur Finn, den ich herausbringe, wenn es darum geht, neue Riechuntersuchungen zu absolvieren. Er hätte mindestens die Hälfte dieses Buchs selbst schreiben können.
Holen Sie einmal tief Luft (durch die Nase, bitte). Wir begeben uns auf eine Reise durch Gerüche und das Riechen und unternehmen eine Tour durch die unwahrscheinliche Wissenschaft der olfaktorischen Fähigkeiten von Hunden – und der unserer eigenen Nasen, die darauf warten, dass wir sie endlich entdecken. Indem wir dem Hund folgen, können wir von ihm etwas lernen, das uns fehlt – etwas, das außerhalb unserer Wahrnehmungsfähigkeit liegt und manchmal etwas, für das wir einfach eine Anleitung brauchen, um es zu sehen. Die Welt quillt nur so über von Düften, aber uns fehlt die Brille dafür. Der Hund kann diese Brille für uns sein.
Wenn wir dies tun, erkennen wir vielleicht, wie wir zu diesem ursprünglicheren, sogenannten animalischen Bewusstseinszustand von uns selbst und von der Welt zurückfinden, den wir in einer von Technologie und Labortests geprägten Welt vergessen haben. Tieren nachzufolgen bedeutet, sich stärker an unsere eigene Existenz anzunähern. Hunden nachzufolgen bedeutet, die Erfahrungen unserer stillen, loyalen Partner in unserem Alltag begreifen zu lernen.

Kapitel 2

Der Riecher
Der Duft dieses gebutterten Toastes redete zu Kröterich, und nicht mit unsicherer Stimme. Er erzählte von warmen Küchen, von Frühstück an hellen Frostmorgen, von behaglichen Ofenplätzen, wenn man nach Hause kam und die Füße in Pantoffeln gegen den Kamin stellte; vom Schnurren zufriedener Katzen und dem Zwitschern schläfriger Kanarienvögel.
Kenneth Grahame, Der Wind in den Weiden
In meinem Haus steckt die Bibliothek voller Erinnerungen daran, wie wenig wir wahrscheinlich darüber wissen, was ein Tier riecht. Nicht meine Bibliothek, sondern die meines sechsjährigen Sohnes. Einige der berühmtesten Kinderbuchautoren hatten ein großes Faible für Gerüche. Roald Dahls kinderriechendes Monster oder seine duftenden Schokoladenpaläste treffen auf die tierischen Helden aus William Steigs Vorstellungswelt. Seine Figur Dominic, eine abenteuerlustige, nomadische Hundeseele, die ihre tierischen Stall- und Hofgefährten zurücklässt, um die Welt zu entdecken, verabschiedet sich gebührend von ihnen: „Ich umarme Euch alle und beschnüffle Euch in Liebe.“ Dominics „allwissende“ Nase leitet ihn auf seinen Reisen. Er schnüffelt einen bösartigen Fuchs aus, den er „auch dann noch am Geruch erkannt hätte, wenn er nur an etwas geschnüffelt hätte, was dieser vor einem Jahr leicht berührt hätte.“ Er erschnüffelt Tee, Zucker und Milch für einen Snack. Seine Nase entdeckt ein krankes Schwein, ein Zauberkrokodil und die Bewohner einer unbekannten Stadt. „Dominic nahm Gerüche immer als erstes wahr“, schrieb Steig. Auch all die tierischen Bewohner von Kenneth Grahams Weiden bemerken die „warmen, kräftigen und mannigfaltigen Gerüche – die sich drehten und wandten und umeinanderschlangen und schließlich zu einem vollkommenen üppigen Duft zusammenflossen, als hätte die Seele der Natur selbst Form angenommen und würde ihren Kindern erscheinen.“
Und das ist noch nicht einmal die Hälfte.
Ich lebe mit zwei vierbeinigen ständigen Anmahnungen an die Schärfe der Hundenase in meinem Haus zusammen. Wir sind fasziniert, wenn sie winzige Essenskrümelchen finden, die vor langer Zeit einmal von einem Kinderteller gefallen sind. Aber das ist ganz klar nicht das Ausmaß ihrer olfaktorischen Genauigkeit, sondern nur das Ausmaß dessen, was ich im Alltag wahrnehme.
Wissenschaftliche Messungen zur Empfindlichkeit der Hundenase sind eher durch die Empfindlichkeit der Messinstrumente beschränkt – und durch das Interesse der Hunde, sich denselben unterzuordnen – als durch die Nasen selbst. Man hat sowohl Familien- als auch Spürhunde durch verschiedene Geruchserkennungsaufgaben geschickt, um herauszufinden, wie stark verdünnt ein Geruch sein kann, bevor ein Hund ihn nicht mehr wahrnehmen kann. Suchen wir zum Beispiel einmal einen Behälter, der Bananenduft wie etwa Amylacetat enthält, unter mehreren geruchsneutralen Behältern heraus. Hunde finden den Bananenduft so lange, bis er auf 1-2 Teilchen pro Billion verdünnt ist – zwei Tropfen Amylacetat, eine Billion Tropfen Wasser. Frühe Versuche mit einer ausgesprochen kooperativen Foxterrierhündin hatten bereits ergeben, dass sie ein Milligramm Buttersäure – riecht wie alte Socken – in 100 Millionen Kubikmetern Luft riechen konnte. Sie riechen die müffelnden Socken Ihres lieben Ehegatten in dem Moment, in dem er sie im Schlafzimmer auszieht – das wären etwa vierzig Kubikmeter nach alten Socken riechende Luft. Der Hund weiß aber auch in einem Raum, der größer ist als die riesige Werkshalle im Kennedy Space Center der NASA in Florida, in dem die Space Shuttles montiert werden, wenn jemand seine Socken ausgezogen hat. Jeder Hund in dem fast vier Millionen Kubikmeter Luft fassenden Space Center wüsste über schwitzende Astronauten Bescheid.
Sprengstoffspürhunde riechen die unvorstellbar winzige Menge eines Pikogramms – ein Billionstel Gramm – TNT oder anderen Sprengstoff. Wie es wohl sein mag, wenn man ein Pikogramm eines Geruchs wahrnehmen kann? Da Sprengstoffspürhunde gelernt haben, sehr angenehme Assoziationen zu ihren Suchgerüchen zu haben, lassen Sie uns einmal einen Duft vorstellen, der unseren Nasen schmeichelt: Sagen wir frisch gebackene Zimtrollen zuhause in der Küche. Die durchschnittliche Zimtrolle enthält etwa ein Gramm Zimt. Natürlich bemerkt die menschliche Nase das in dem Moment, in dem wir die Haustür öffnen. Jetzt stellen Sie sich den Geruch von einer Billion Zimtrollen vor. Das ist, was der Hund riecht, wenn er mit uns zusammen zur Tür hineinkommt.
Die Empfindlichkeit der Hundenase kann man auch einschätzen, wenn man einfach das Hundeverhalten anschaut. Jagdhunde und Mantrailer folgen von Natur aus den Geruchsspuren von Beutetieren oder Menschen, die zuvor – in manchen Fällen einige Tage zuvor – in schwierigem Gelände vorangegangen sind. Schauen Sie nur einmal das Video einer Sendungsaufzeichnung an, wie ein Showmoderator des Discovery Channel einen Bloodhound auszutricksen versucht. Er durchquert einen Fluss, sprüht sich mit Deodorant ein, legt Würstchen zur Ablenkung aus und geht dann ein Stück auf dem gleichen Weg zurück, um dann eine andere Richtung einzuschlagen. Der Hund folgt der Strecke, die er gelaufen ist, durchquert den Fluss, bemerkt (aber ignoriert) die Würstchen, geht die doppelt gelaufene Strecke zurück und stellt dann mit Leichtigkeit den Moderator.
Wenn ein Mantrailer irgendwo in der Mitte auf eine Geruchsspur stößt, muss er nur fünf Fußabdrücke abschnüffeln (die in weniger als zwei Sekunden hinterlassen wurden), um zu wissen, in welche Richtung diese Person gegangen ist. Jeder Fußabdruck enthält eine gewisse Menge Geruch dieser Person, und wenn dessen Intensität sich zwischen Schritt eins und Schritt fünf steigert, hat der Hund seine Antwort. Auch wenn andere Menschen den gleichen Weg entlanglaufen oder andere Spuren die Spur kreuzen, kann der Hund immer noch seine Zielperson finden.
Hunde sind so gut darin, ihre Zielperson zu finden, dass Gerichte in den Niederlanden, in Deutschland, Polen und ein paar anderen Ländern die Hinweise von Hunden aus Gegenüberstellungen mit Geruchsidentifikation als Beweis zulassen. Solche Gegenüberstellungen bestehen aber nicht etwa darin, wie man vielleicht denken könnte, dass der Hund eine Reihe von Verdächtigen und unschuldigen Vergleichspersonen abläuft und bei jedem stehenbleibt, um ihn abzuschnüffeln und für sich zu bewerten.*
Stattdessen schnüffelt sich der Hund an einer Reihe von Metallstangen entlang, die von dem Verdächtigen und von Vergleichspersonen angefasst wurden. Hunde finden denjenigen Geruch heraus, der auch am Tatort vorhanden war – und identifizieren so den Täter.
Ihr eigener Hund, der jetzt gerade neben Ihnen liegt, vollbringt jeden Tag überraschende und manchmal auch alarmierende geruchliche Heldentaten. Viele dieser Verhaltensweisen sind uns vertraut; was uns nicht vertraut ist, ist der dahinterliegende Geruch.
Lassen Sie uns als ersten Schritt in Richtung Entdeckung der Genauigkeit der Hundenase also einmal anschauen, was ein Hund im Verlauf eines ganz gewöhnlichen Tages riechen kann und riecht. Unsere Hunde existieren parallel zu uns, zu unseren Füßen und an unserer Seite gehen sie mit uns im Gleichschritt. Zwar schauen wir ihnen in die Augen und sehen, wie sie schauen – sie blicken uns an oder halten Ausschau nach einem in der Ferne bellenden Hund –, aber der größte Teil ihres Verhaltens dreht sich um ihre Nase und um das Riechen der Welt.
Nett, Sie kennenzuschnüffeln
Wenn man sie tun lässt, was sie möchten, werden die meisten Hunde keine flüchtigen Geruchsspuren fremder Menschen verfolgen oder nacheinander Metallstangen abriechen. Hunde beschnüffeln gern andere Hunde. Menschen schauen gerne andere Menschen an – wenn man sie alleine in einem Raum lässt, werden sie sich Bilder, egal ob statische oder bewegte, anderer Menschen anschauen. Ich weiß, hündische Versionen von Pin-Ups erfreuen sich unter Hunden keiner Beliebtheit, aber wenn ich den Duft jener schlanken schwarz-weißen Hündin vom Straßenende in einer Flasche einfangen könnte, würde er sicher eine gute Ablenkung für unsere Hunde abgeben, wenn sie alleine sind und sich langweilen.
Mit Sicherheit hat jeder Hundebesitzer das schon beobachtet. Aber glauben Sie nicht, dass das gegenseitige Beschnüffeln so bedeutungslos ist wie ein Niesen. Wenn ein Hund niest, tut der andere es nicht ebenfalls. Aber wenn sich zwei Hunde begegnen, schnüffeln sie und lassen sich beschnüffeln, und das ist echte Kommunikation. Offensichtlich liegt in dem Beschnüffeln anderer Hunde auch ein Vergnügen, aber was wir nicht sehen können, ist die dabei übermittelte Information. Ihr Schnüffeln hat ein bestimmtes Maß: Entweder beschnüffeln sich beide sofort gleichzeitig oder sie wechseln sich höflich ab und stecken ihre Nase in das Fell des jeweils anderen. Das Fell beherbergt Gerüche aus Hautdrüsen, die an beschnüffelbaren Körperstellen liegen. Und diese Gerüche sind der Schlüssel: Sie beinhalten die neuesten Nachrichten über den Hund, von dem sie ausgehen.
Bei der Beobachtung von sich gegenseitig beschnüffelnden Rüden und Hündinnen fanden Wissenschaftler heraus, dass Rüden es gern zuerst auf den „Schwanzbereich“ (sprich: Rumpf) anlegen. Rund um den Anus liegen Hautdrüsen, die Geruch absondern. Zu beiden Seiten des Anus („auf vier und acht Uhr“, wie ein Autor hilfreich für die Zifferblattleser unter uns anmerkt) liegen die Analbeutel, die den kräftigen Geruch nach Hund absondern. Oder genauer gesagt, vermutlich nach gestresstem Hund. Wenn ein Hund Angst hat, sondern die Beutel einen stinktierartigen Geruch ab. Sekrete aus den Analbeuteln dienen außerdem als Topping auf jedem Häufchen. Manche Wissenschaftler betrachten diesen Geruch deshalb als die „Unterschrift“ jedes Hundes – seine Kennmarke, geschrieben für Nasen. Vor vierzig Jahren drückten Dr. George Preti vom Monell Chemical Senses Center und seine Kollegen die Analbeutel-Inhalte einiger mäßig kooperativer Beagle aus. „Ich war ein Pionier!“, erzählte er mir. „Ohne Nachfolger.“ Was sie nach Analyse der Bestandteile herausfanden, war: Obwohl die Gerüche sich für die meisten menschlichen Nasen zu ähneln schienen, variierten die Proben beträchtlich: genug, um als Marker für jedes Individuum zu dienen. Weil Hundeforscher (anscheinend) so gut wie alles tun, um mehr über ihre Forschungsobjekte zu erfahren, wissen wir nun, dass es sogar für Menschen wahrnehmbare Unterschiede zwischen den Sekreten einzelner Hunde gibt – sie reichen von einem „fast neutralen oder leicht angenehmen, hundeartigen“ einerseits bis zu einem „scharf beißenden“ Geruch andererseits. Danke, liebe Wissenschaftler, dass Sie das für uns erschnüffelt haben.
Caniden haben außerdem auch deutlich erkennbare Drüsen am Schwanzansatz. Sie können sie orten, indem Sie entweder einem Rüden beim Beschnüffeln eines fremden Hundes zusehen oder nach einer fettigeren Stelle im Fell Ausschau halten, dort, wo der Schwanz in den Rücken übergeht. Sie wird von den Drüsensekreten geölt. Beim Fuchs produziert diese sogenannte suprakaudale Drüse Düfte, die sogar für unsere Nasen wahrnehmbar sind: Ein Hauch von Veilchen beim Rotfuchs, Moschus beim Graufuchs. Insofern als diese Drüsen Unterschiede im Spiegel der Geschlechtshormone wiedergeben, liegt das Interesse von Rüden natürlich zum Teil darin, herauszufinden, wer eine neue Hündin ist, aber auch, ob sie paarungsbereit ist.
Hündinnen beschnüffeln öfter zuerst die Gesichter. Auch Wölfe sind besonders erpicht darauf, gegenseitig die Gerüche von Kopf und Schnauze zu untersuchen. Vielleicht haben Sie einen Hund, der die Nase in Ihre Ohren steckt oder Sie damit in Nasen- und Augengegend anstupst. Er behandelt Sie wie einen echten Hund: An den Ohren eines solchen befinden sich zahlreiche Sekret- und Talgdrüsen, während an der Hundeschnauze ekkrine Drüsen sitzen. Vielleicht geht es bei dieser Untersuchung weniger um Paarung als um die Feststellung von Gesundheitszustand und Ernährung. Speichel riecht, wo immer Speichel hinkommt, was bei Hunden heißt: Großzügig über Gesicht und Schnauze verteilt.
Wenn Sie nahe genug herangehen, nehmen Sie den einzigartigen Geruch Ihres Hundes wahr. Wie Ihr Hund für Sie riecht, liegt vermutlich an den Ausscheidungen der Sekretdrüsen (apokrine Drüsen), die über seinen ganzen Körper verteilt sind. Auch die Unterseiten seiner Pfoten haben einen ganz individuellen Geruch. Wenn Sie noch nie an den Pfoten Ihres Hundes gerochen haben, dann ist es jetzt wirklich Zeit dafür. (Sie können übrigens sicher sein, dass Ihr Hund den Geruch Ihrer Füße kennt). Bei Hunden zieren Drüsen die Pfotenballen an sich, zusätzlich sind noch welche zwischen den Zehen versteckt. Sie sondern einen Geruch ab, der so gut von anderen unterscheidbar ist – zumindest für andere Hunde –, dass dies eines der rätselhaftesten Hundeverhalten aller Zeiten erklären könnte: Das Scharren auf dem Boden nach dem Absetzen von Urin oder Kot. Ich kenne Hunde, die in Momenten großer Erregung jedweden Ursprungs – verlockend riechende andere Hunde laufen vorbei oder sie haben gerade wild und ausgiebig getobt – wie besessen lange, tiefe Furchen in den Boden kratzen, als ob sie ein Ausrufezeichen hinter die Szene setzen wollten. So! Wenn bei jedem Scharren ein Tröpfchen Geruch freigesetzt wird, dann dient dieses Verhalten vielleicht als Wegweiser für andere Hunde, wo sie das Mutterschiff des Geruchs finden können: den Kot oder Urin, den der Scharrer hinterlassen hat. Das Schnüffeln des einen Hundes deckt die Identität eines anderen auf, aber übermittelt auch Informationen, die sonst der nicht so raffinierte Sehsinn wahrnehmen würde. Hunde schauen sich nicht gegenseitig unter den Bauch, um zu sehen, ob der andere männlich oder weiblich ist. Sie riechen männlich oder weiblich. Außerdem riechen sie Paarungsbereitschaft, kürzlich überstandene Krankheiten oder was der andere kürzlich gefressen hat. Sie riechen auch das Alter: Alter ist nichts anderes als ein Stoffwechselprozess, als Chemie. Und Chemie riecht. Hunde riechen danach, ob sie gebadet haben oder nicht; ob sie kürzlich gepinkelt haben oder gerade sehr dringend müssen. Sie riechen nach sich selbst, nach ihrem Status, und vermutlich auch danach, ob sie Angst haben, glücklich oder nervös sind.
Hinterlassene Botschaften
Selbst wenn Ihr Hund auf einem Spaziergang nicht unmittelbar einem anderen Hund hinterherschnüffeln kann, ist er trotzdem nicht um sein Riechvergnügen gebracht. Zum Glück haben nämlich andere Hunde einen ganzen Berg duftender Visitenkarten draußen hinterlassen. Jeder Schritt auf einer porösen Oberfläche hinterlässt Geruch und jedes Büschel Fellhaare, das ein Hundebesitzer ausgebürstet hat, enthält Öle und Sekrete aus den Haarfollikeln. Wir bringen die Gerüche anderer Hunde mit nach Hause, deren Besitzer wir besucht haben; die von melancholischen Hunden, die angebunden draußen vor Geschäften saßen und sich von uns die Ohren kraulen ließen; von überfreundlichen Welpen, die uns auf dem Gehweg begegnet sind und die uns von oben bis unten bepfötelt und beschlabbert haben.
Und dann gibt es da noch das Pipi. Jeder, der schon einmal viele Stunden auf Wiesen- und Rasenflächen verbracht hat, die bei Hunden beliebt sind, ist schon einmal Zeuge der tragischen Personenmarkierung geworden. Ein Hundebesitzer, dessen Aufmerksamkeit nachgelassen hat und vielleicht ein bisschen müde geworden ist, sitzt im Gras, während die Hunde um ihn herumlaufen und herumspielen. Plötzlich und ohne Vorwarnung löst sich ein Hund aus der Gruppe der Spielenden, nähert sich dem Sitzenden von hinten oder von der Seite, hebt ein Bein...und pinkelt.
Die Person wurde „markiert“. Sollte sie jetzt noch sitzenbleiben, würde es nicht lange dauern, bis sie von einem weiteren Hund gegenmarkiert würde. Aber sie bleibt nicht sitzen. Sie springt auf, während die anderen Menschen zwischen Mitleid, Beschimpfen der Hunde und Lachen schwanken. Aber natürlich betrachten die Hunde dies nicht als schlechtes Verhalten. Das Verhalten hat eine lange Tradition. Hunde tun es, Bienen tun es und sogar Nilpferde tun es.
Geruchsmarkierungen sind das Hinterlassen von Urin oder anderen Körpersekreten an einem Stein, Baumstumpf oder anderen aus der Landschaft hervorstehenden Gegenständen: Feuerhydranten an städtischen Straßen, Traktorreifen in landwirtschaftlicher Umgebung. Der markierte Gegenstand wird zu einem Geruchswegweiser: eine olfaktorische Flagge mit Informationen über den Markierer, bereit fürs Beschnüffeltwerden.
Klassischerweise sortiert man das Geruchsmarkieren unter Territorialverhalten ein. Klassischerweise ist es das auch bei den meisten Tieren. Wobei die Mittel und die Platzierung wesentlich komplizierter sind als unser menschliches Flaggenhissen. Bisamratten hinterlassen einen öligen Geruch an einem Grashalm; Biber deponieren ein sehr eigenartiges gelbliches Öl, das Castoreum oder Bibergeil, ganz oben auf einem Haufen Grundschlamm, den sie am Ufer aufgetürmt haben. Otter setzen noch einen drauf und erschaffen eine ganze Geruchsregion am Ufer dadurch, dass sie sich die Uferböschung herabrollen lassen und dann zur Krönung noch darüber koten. Schneeschuhhasen markieren sich sogar gegenseitig: In der Balz springt einer balettverdächtig über den anderen drüber, wobei er ihn mit Urin besprüht. Dikdik-Antilopen scharren einen gemeinschaftlichen Dunghaufen zusammen und geruchsmarkieren dann ihren Weg mit ihren Hufspuren; Tüpfelhyänen hinterlassen Analbeutelsekrete und Düfte von zwischen den Zehen und benutzen Gemeinschaftslatrinen am Rand ihrer Hyänenstadt. Eine Katze „bemalt“ einen Zaunpfosten mit ihrem Gesicht, wobei sie Geruch aus den Drüsen an ihrem Hals und Gesicht daran verreibt. Sowohl Nilpferd als auch Nashorn hinterlassen kraftvolle Urinmarken: Das Rhino schießt einen gezielten Pinkelstrahl in den Busch, den es gerade mit seinem Horn zu Spänen zerschreddert hat. Der Dachs presst Geruch mit seinem Hinterteil auf den Boden; von Mungo und weiblichem Waldhund weiß man, dass sie Handstände machen können, um ihren Urin oder ihre Analdrüsensekrete besser zu verteilen.
Wenn sich Geruchsmarken am Rand der Territorien sozial lebender Tierarten befinden, in Bereichen, die oft kontrolliert und verteidigt werden, scheint es angebracht, sie auch als territorial zu bezeichnen. Wenn Sie Ihr Grundstück einzäunen, teilen Sie damit jedem, der den Zaun überwindet, mit, dass er ein Eindringling ist. Kein weiteres Schild ist hier nötig. Aber viele Geruchsmarken werden überhaupt nicht auf den Territorien der Tiere gesetzt, sondern etwa auf Spaziergängen in neuen Umgebungen oder in sozial geteilten Räumen. Markieren auf Lauf- oder Wechselpfaden, die gemeinsam genutzt werden, dienen nicht dem Zweck, den Weg für sich zu beanspruchen. In diesen Fällen vermittelt die Markierung möglicherweise soziale Informationen darüber, wer sie zurückgelassen hat und welche Art von Tier er oder sie denn war.
Nach dieser ersten Markierung setzen manche Tierarten Gegenmarkierungen: Sie urinieren über die Marke, die ein anderes Tier zurückgelassen hat oder reiben sich daran. Während Eau de Tüpfelhyäne auch gut über den Wind wahrnehmbar sein mag, bevorzugen es die meisten Tiere jedoch, ganz bis zur Zaunmarkierung hinzugehen und sie aus nächster Nähe zu inspizieren. Jede Gegenmarkierung kann als Herausforderung des Territorium-Inhabers betrachtet werden oder auch als eine Art Antwort an den Sender der sozialen Information: Ich war auch da. Wir wissen, dass Gegenmarkierungen nicht nur einfach territorial bedingt sind, weil sie nicht regelmäßig von territorialen Herausforderungen oder Revieraufgaben gefolgt werden. Sie haben auch etwas mit sozialer Konkurrenz zu tun: Unter Hausmäusen zum Beispiel ist der zuoberst markierende Gegenmarkierer meistens auch der beliebteste Hausmäuserich.
Wie ist es also bei Hunden? Sowohl Wild- als auch Haushunde markieren und gegenmarkieren sehr eifrig. Typischerweise erreichen sie das über ein manchmal geradezu akrobatisches Beinheben, indem sie auf drei Beinen balancieren und das vierte möglichst hoch in die Luft recken. Das nicht nur von Rüden, sondern manchmal auch von Hündinnen gezeigte Beinheben ermöglicht eine gezielte Lenkung des Urinstrahls, der auf einer senkrechten oder fast senkrechten Fläche landen soll (ob er das immer tut, ist eine andere Frage). Beachten Sie, dass Markieren nicht einfach nur irgendwie Pinkeln ist, sondern es geht darum, hier einen kleinen Sprühstoß oder dort einen Nebel zurückzulassen.*
Und hier kommt die Überraschung: Im Gegensatz zu den anderen markierenden Tieren markieren Haushunde nicht territorial. Ja, Sie haben richtig gelesen. Hunde „markieren nicht ihr Revier“. Woher wir das wissen? Einfach durch Beobachtung, wo Hunde pinkeln und wo nicht. Hunde, die einen Besitzer haben, markieren nicht die Außenmauern ihrer Häuser. In Wohnungen lebende Hunde pinkeln nicht an die Wände oder an die Türschwelle. (Ihrer etwa? Dann ist das ein anderes Thema ...) Hunde, die auf eingezäunten Grundstücken leben, markieren nicht ständig die Grundstücksgrenzen mit Urin. Forschungen in Indien an den dort häufig vorkommenden und großen Populationen freilaufender Hunde – Streuner, die sogar Heimatreviere haben könnten, welchen ständig die Einwanderung durch andere droht – haben ergeben, dass auch diese Hunde selten an Reviergrenzen markieren. Hunde, die gemeinsam mit anderen genutzte Pfade oder Parkflächen entlangwandern, können diese angesichts der nur gelegentlichen Nutzung nicht wirklich als ihr „Territorium“ bezeichnen, und tatsächlich zeigen sie keine begleitenden Verhaltensweisen, die darauf hinweisen würden, dass die Hunde den Pfad als „ihren“ betrachten.
Stattdessen sind Hunde große Laufwege-Markierer. Achten Sie einmal darauf, wo Ihr Hund pinkelt: Am Laternenmast am gemeinsam genutzten Weg, an einem kleinen Busch am Feldwegerand, am Müllhaufen an der Ecke der Hofeinfahrt, der gestern noch nicht da war. Vor allem verbringen sie viel Zeit mit dem Beschnüffeln aller denkbaren Markierungsstellen, setzen aber nicht über jede von ihnen eine Gegenmarkierung. Ein Schnüffeln kann von einem schnellen Umschauen gefolgt werden, von einem Kratzen auf dem Boden oder sogar von einem schnellen Aufeinanderklappern der Zähne, das Teil der Geruchswahrnehmung von Hormonen im Urin ist.
Was also teilen sich Hunde gegenseitig mit, wenn Sie einen Hydranten mit ganzen Schichten von Urin bedecken? Am wahrscheinlichsten ist, dass es um das Hinterlassen sozialer Informationen geht. Es als Pipi-Post zu bezeichnen trifft es von daher ganz gut. Sie teilen sich gegenseitig mit, wer sie sind und geben damit, gewollt oder ungewollt, auch eine Menge anderer Informationen preis: Ihr Geschlecht, ob sie als Weibchen im Östrus sind, was sie gefressen haben, wie sie sich fühlen, ihr Gesundheitszustand. Die wenigen Studien, die der Fragestellung nachgingen, wie und wann Hunde markieren, fanden heraus, dass unkastrierte Rüden mehr markierten, mehr gegenmarkierten und mehr mit den Zähnen klapperten als ihre kastrierten Brüder oder als Hündinnen. Aber alle tun es, auch wenn einige nur „Näherungsmarkieren“ betreiben und ihr Ziel – absichtlich oder nicht – weiträumig verfehlen. Schon allein die Menge an Zeit, die sich selbst überlassene Hunde mit Schnüffeln verbringen, deutet darauf hin, dass die Markierungen eine ganze Fülle an Informationen enthalten.
Aber die hündische Duftmarke ist auch das perfekte Graffiti: Man braucht einen geheimen Nasenschlüssel, um die besondere Botschaft zu knacken. Was menschliche Wissenschaftler bisher nicht geschafft haben – und das liegt sicher teilweise daran, dass wir die Hunde nicht fragen. Zwar geben uns nur wenige Tiere Antworten zu ihrem Verhalten in leicht verständlichen Sätzen, aber sehr oft liegt die Antwort darin, was sie nach dem Verhalten tun. Wenn ein Glühwürmchenmann drei Mal hintereinander blinkt und ein Dutzend Glühwürmchenfrauen angeschwirrt kommt, um sich mit ihm zu paaren, bekommen wir eine ziemlich gute Ahnung, was drei Mal blinken bedeuten könnte.
Aus dieser Überlegung heraus stellte ich bei der New Yorker Stadtparkverwaltung einen Antrag, ob ich ein Forschungsprojekt in ihren Parks durchführen dürfte. Es würde sie nichts kosten, keinen Lebensraum und kein Lebewesen stören und nicht intrusiv sein. Mein Vorschlag war, na ja, sagen wir ungewöhnlich: Ich wollte einen „Pinkelpfosten“ im Riverside Park aufstellen und sehen, was passieren würde. Wie viele Hunde würden an einem bepinkelten Pfosten schnüffeln? Wie oft würden sie dort übermarkieren? Wie hoch und wie genau würden sie zielen? Würden sie zurückkommen und ihre eigenen Kunstwerke nochmals überprüfen? Und was tun sie eigentlich nach dem Schnüffeln und Pinkeln?
Sechs Wochen später erfuhr ich, dass mein Vorschlag angenommen worden war. Ich hängte eine getarnte, bewegungsaktivierte Wildkamera in einer Platane auf. Sie schaute auf einen niedrigen Pfosten von der Höhe eines Standard-Zaunpfostens, der unübersehbar direkt an einem beliebten Hunde-Spaziergehweg platziert war.
Eine Woche lang wurde der Pfosten das Ziel neugieriger Nasen, und die Kamera hielt alles fest. Was sie aufzeichnete, waren Hunde, die entweder Informationsmarken aufnahmen und welche für andere zurückließen, aber selten die ganze Sache zu Ende durchführten. Hunde, die die Duftmarken abschnüffelten, schauten anschließend oft den Weg hinauf und hinunter, ob der Duftmarkensetzer vielleicht noch irgendwo zu sehen war. Falls dieser sich noch in der Nähe befand, zeigten sie Anstalten, ihm folgen zu wollen, aber als Spezies, deren Spaziergangsroutine meistens von einem Menschen bestimmt wird anstatt von ihnen selbst, wurden sie in der Regel durch eine Leine an der Verfolgung des gut riechenden Hundes gehindert. Gegenmarkierungen waren überraschend selten: Es wurde viel öfter geschnüffelt als markiert. Wenn ein Hund markierte, schien das eher stellvertretend für eine richtige Interaktion stattzufinden: Ich kann dich nicht persönlich beschnüffeln, ich lasse meine Visitenkarte für dich hier. Aber selbst unangeleinte Hunde kehrten nie zurück, um nachzusehen, ob ihre Nachrichten vielleicht überschrieben worden waren. Was genau die Hunde auf den Nachrichten lasen, die bald den Pfosten bedeckten wie Notizzettel ein Schwarzes Brett, bleibt ein Geheimnis. Auch ohne ein zu bewachendes Revier hissen sie kleine Geruchsflaggen, überprüfen allerdings nie, wer davor strammsteht.
Rollvergnügen
Während eine Geruchsmarkierung den Geruch des Tieres auf den Boden bringt, sorgt das Rollen oder Wälzen auf dem Boden dafür, dass der Geruch des Bodens auf das Tier gelangt. Oder besser gesagt, der Geruch dessen, in was es sich gerade rollt, was auch immer das sein mag. Hunde sind reuelose Geruchs-Wälzfanatiker, und die Gerüche, in denen sie sich rollen, sind oft extrem stinkig. In dieser Hinsicht teilen sie ihren Geschmack mit anderen Tieren: Auf der gemeinsamen Favoritenliste stehen Fleisch (frisch oder verfaulend), Erbrochenes, Darminhalte, Käse, Maschinenöl, Parfüm, Insektizide und die Fäkalien anderer Tiere. Andere Wissenschaftler haben der Liste der wälzbaren Düfte noch „Rosinen, Käfer …, Zigarettenkippen, Bonbons, Kopfkissen von Menschen und viele Orte, an denen die menschliche Nase überhaupt nichts wahrnehmen kann“ hinzugefügt.
Üblicherweise schnüffelt der Hund zunächst am Geruch, geht ganz nahe an ihn heran – obwohl das im Fall von Fauligem oder frischen Körperausscheidungen unnötig erscheint – und lässt sich dann mit Kopf oder Schulter voran auf die Geruchsquelle hinab. Hals und Rücken folgen, wobei er sich oft mit deutlicher Begeisterung auf dem Rücken aalt und räkelt. Es erinnert mich jedes Mal an die Verzückung von Katzen in Katzenminze. In beiden Fällen scheint das Wälzen die für Spielen, Sex und Fressen zuständigen Nervenkreise auf einmal anzusprechen. Beide Spezies wälzen sich geradezu ekstatisch, wobei sie in dem Geruch scharren oder hineinbeißen und ihr Gesicht darin reiben.
Warum Hunde das tun, ist für Wissenschaftler und Hundebesitzer gleichermaßen ein Quell der Ungewissheit. Es sind mehrere Theorien dazu im Umlauf. Eine davon ist die „Tarnungstheorie“: Indem sie ihren eigenen Körper an den Umgebungsgeruch anpassen, werden sie eher als die Revierbesitzer betrachtet. Die Weibchen afrikanischer Wildhunde rollen sich im Urin derjenigen Rüden, deren Rudel sie sich anzuschließen versuchen: sie werden eher akzeptiert, wenn sie heimisch riechen. Eine andere Theorie ist die „Beliebtheitstheorie“: Es könnte ihren sozialen Status verbessern, wenn sie etwas so Begehrtes wie ein sehr, sehr stinkigen Stinkgeruch an sich tragen. Tüpfelhyänen, die sich an den Schultern mit Aas parfümiert hatten, wurde mehr Fellpflege durch ihre Rudelgenossen zuteil als denjenigen, die mit Kampfer besprenkelt waren. Und schließlich noch die hedonistische Theorie: es ist einfach angenehm. Vielleicht kann man später den Duft genießen, wenn man sich mit dem Parfüm eines verwesenden Tieres versorgt. Neue Geruchsquellen sind dabei besonders interessant: Sollten Sie wünschen, dass Ihr Hund nach Ihrem Parfüm duftet, probieren Sie es doch einmal damit, ein bisschen davon aufs Gras zu tröpfeln. Gleich neben den Katzenkot von gestern.

Das sind nur die gewöhnlichsten Beispiele für den Umgang von Hunden mit Geruch. Aber dann gibt es da noch die scheinbar außergewöhnlichen Hunde, die Spürhunde, die über Pipimarkierungen hinaus sind und jetzt auf Profiniveau schnüffeln. Sie riechen Dinge, die wir nicht nur nicht sehen können, sondern die wir uns oft noch nicht einmal vorstellen können.
Spürhunde wurden dazu ausgebildet, so gut wie nur alles Erdenkliche zu finden. Wir wissen, dass sie nach Sprengstoffen, Brandbeschleunigern oder Landminen suchen können. Sie finden vermisste Menschen – sowohl lebende als auch tote, sowohl an Land als auch unter Wasser. Sie können Drogen oder geschmuggelte Lebensmittel erschnüffeln, aber auch unerlaubte Mobiltelefone in Gefängnissen oder importierte Haifischflossen in Reisekoffern; Termiten, Feuerameisen oder Rote Palmrüsselkäfer, Neuwelt-Schraubenwurmfliegen, Fadenwürmer oder Bettwanzen; die sich in Montana unerwünscht ausbreitende Schwarze Flockenblume oder die invasiven braunen Baumschlangen in Guam; den schwierig zu beobachtenden Atlantischen Nordkaper, einen Glattwaal, im Meer oder den Amurtiger auf dem Land; die Fäkalien von Schwarzbären, Fischern, Rotluchsen, Mähnenwölfen, Buschhunden oder Schildkröten; von Windkraftanlagen getötete Vögel oder brunstbereite Milchkühe. Solange es einen Geruch hat, kann ein Hund es riechen. Heute gibt es sogar Hunde, deren Dienstaufgabe es ist, andere, vermisste Hunde zu suchen.
Wie wir sehen werden, sind dies außergewöhnliche Leistungen, aber nicht notwendigerweise außergewöhnliche Hunde. Jeder Hund kann überraschende Heldentaten im Entdecken und Identifizieren vollbringen. Aber nur wenige Hunde haben gelernt, sich etwas daraus zu machen, es uns mitzuteilen, wohin eine vermisste Person gegangen ist oder ob ein Reisender eine einzelne Guave mit über die Grenze gebracht hat. Das sind diejenigen, die in Ausdauer und in Kommunikation mit ihrem Hundeführer trainiert wurden, aber sie alle haben die gleiche Qualitätsnase. Hunde suchen nach Gerüchen, rollen sich in Gerüchen, und, wenn wir es ihnen sagen, handeln sie auch aufgrund von Gerüchen.
Das hat mich wahrnehmen lassen, was noch alles im Leben meiner Hunde durch den Geruch existiert. Dinge, die riechen, bevor sie erscheinen oder Dinge, die keinen Geruch zu haben scheinen. Dinge, von denen wir denken, dass sie (uns) nicht riechen und Dinge, die nicht so riechen, wie wir denken. Dinge, die ein neues Bild davon zu zeichnen beginnen, wie es sein könnte, die Welt mit der Nase zuerst zu sehen.
Unser Geruch
Eins der vergnüglichsten Genres unter den YouTube Videos ist die Sorte kurzer, fröhlicher Szenen, in denen Hunde heimkehrende Soldaten begrüßen. Egal, ob die einsatzbedingte Abwesenheit des Besitzers lang oder kurz war, die Hunde brechen immer in diese einzigartige, unbändige hündische Begrüßungszeremonie aus: Hüpfen, frenetisches Schwanzwedeln, Winseln, sich zappelnd und rollend auf den Rücken werfen, grinsen, sich wie verrückt zwischen die Beine oder Arme des Heimkehrers schlängeln – oder alles auf einmal. Es gibt wohl kaum Zweifel daran, dass sich die Hunde an ihre Menschen erinnern, sie lieben und vermisst haben.
In manchen der Videos ist aber ein Zögern in der Wiedererkennung zu bemerken: Wenn die (meist uniformierte) Person ankommt oder das Haus betritt, bellt der Hund und nähert sich argwöhnisch mit gesenkter Rute und zurückgelegten Ohren. Er kennt diesen Menschen nicht. Aber dann folgt ein magischer Moment der Verwandlung: Schauen Sie einmal genau hin und stoppen Sie das Video an der Stelle, wenn der Hund zögert. Achten Sie auf seine Nase. Jeder der Hunde hebt seine Nase, um eine Geruchsbrise einzufangen. Oder er schnüffelt zuerst an der einen hingehaltenen Hand, dann an der anderen. Und im Handumdrehen verwandelt sich der Fremde in den Mensch, den der Hund kennt und nach dem er sich gesehnt hat.
Für unsere Hunde ist jeder von uns von einer Geruchswolke umgeben, die für sie so vertraut ist wie für uns unser Spiegelbild. Wir sind unser Geruch – und das ist nicht der Geruch Ihres Shampoos. Ihr Hund hätte keinerlei Schwierigkeiten, Sie aus einer aufgestellten Reihe Menschen herauszufinden, selbst wenn Sie das Rätsel nicht durch Locken, Hinhocken oder Berühren seines Kopfes auflösen würden. Stattdessen wäre er in der Lage, Ihr ganz besonderes menschliches Duftbouquet zu riechen, das aus einer Mischung von Öl-, Palmitinund Stearinsäuren besteht. Trainierte Hunde bemerken, wenn einer der Inhaltsstoffe dieser Mischung um ein paar Mikrogramm mehr oder weniger vorhanden ist.
Vielleicht sehen Sie ein Fünkchen Beweis dafür auch bei Ihrem eigenen Hund, wenn Sie nach Hause kommen und er das anscheinend vorausgeahnt und erwartet hat. Weil uns selbst diese Wahrnehmung fremd ist, wird oft alles als „übersinnlich“ bezeichnet, was der Hund voraussieht – die Stunde unserer Heimkehr oder das Erdbeben, das uns erst dann auffällt, wenn es schon wackelt. Wir dagegen kündigen uns mit unseren Gerüchen und Geräuschen mit olfaktorischen Kuhglocken und der Intensität eines Stinktiersprühstoßes an. Für den Hund kommen wir an, bevor wir da sind und bleiben, nachdem wir gegangen sind.
Schon viele Menschen haben auf Hunde verwiesen, die zu „wissen“ scheinen, wann ihre Besitzer nach Hause kommen und dies als besondere Fähigkeit beschrieben. Ich dagegen vermute eher, dass es eine besondere Riechfähigkeit ist. Vor ein paar Jahren habe ich einmal einen Versuchsaufbau ausgeheckt, um zu testen, wie groß die Rolle des Geruchs ist, wenn ein Hund spürt, dass sein Besitzer nach Hause kommt. Anstatt anzunehmen, dass der Hund seinen Besitzer durch die Tür riecht oder hört, ging ich eher davon aus, dass eine kraftvolle Kombination von zwei Kräften zu dieser Fähigkeit von Hunden führen könnte. Die erste ist die Unverwechselbarkeit unseres Geruchs für den Hund. Die zweite ist die Leichtigkeit, mit der Hunde unsere Gewohnheiten lernen: Unser Gehen und Kommen ist verlässlich vorhersagbar, wenn auch nicht immer zu den genau gleichen Zeiten. Wie kann Ihr Hund also wissen, wann Sie von der Arbeit kommen, wo doch die Sonne jeden Tag zu einer anderen Zeit untergeht? Nun, es könnte sein, dass die Gerüche, die wir beim Gehen im Haus hinterlassen, jeden Tag nach verlässlichem Muster schwächer werden, je länger wir weg sind. Über die Stunden hinweg, in denen wir fort sind, beginnt unser Haus weniger nach uns zu riechen. Ich schlug vor, das zu überprüfen, indem wir „frischen“ Besitzergeruch ins Haus brachten. Wenn der Hund davon ausgeht, dass der Besitzer gerade erst gegangen ist, müsste er überrascht sein, wenn dieser zurückkommt.
Und genau das passierte auch. Wir arbeiteten mit einem Ehepaar, dessen Hund geradezu hellseherische Fähigkeiten zu haben schien, was den Zeitpunkt von Herrchens Heimkehr anging. Wir schmuggelten viele Stunden, nachdem er gegangen war, eins seiner getragenen T-Shirts mit starkem Körpergeruch ins Haus. So roch das Haus für den Hund wieder viel stärker nach dem Besitzer, so, als ob er erst kürzlich gegangen wäre.
Und kaum überraschend wartete der Hund diesmal nicht wie sonst an der Tür, als Herrchen heimkam, sondern schnarchte auf der Couch: Bestimmt würde es noch Stunden dauern, bis er heimkam, bei diesem starken Geruch in der Luft …
Hundegeruch
Es scheint vernünftig, anzunehmen, dass Hunde ihren eigenen Geruch kennen. Und außerdem, dass sie ihn mögen: Jeder Besitzer, der schon einmal erlebt hat, wie sich sein Hund gleich nach einem Bad wieder im Schmutz wälzt, kann Ihnen das Bestreben attestieren, nicht nach Shampoo riechen zu wollen. Auf der anderen Seite: Beweist das, dass Hunde ihren eigenen Geruch kennen, oder mögen sie vielleicht einfach nur das Grüner-Tee-Shampoo nicht, das Sie ausgesucht haben?
Anders gefragt – haben Hunde ein Bewusstsein von sich selbst und davon, wer sie sind? In der Tier-Kognitionsforschung ist dies die Frage nach der „Selbsterkennung“, die man als ziemlich komplexe kognitive Fähigkeit betrachtet – und die, um sie zu beweisen, mehr als die Beobachtung eines Nach-Bad-Wälzens erfordert. Der einzige Test zur Selbsterkennung, der zuverlässig an Tieren durchgeführt werden konnte, ist der berühmte „Spiegel-Markierungstest“. Wenn man an Ihrem Gesicht oder Körper unbemerkt etwas markiert oder verändert hat, werden Sie dann die Markierung zu untersuchen versuchen, wenn Sie einen Blick auf Ihr Spiegelbild erhaschen? Wir würden erwarten, dass jeder normale Erwachsene dies tun würde (und tut, nachdem er Rahmspinat oder ein Mohnteilchen gegessen hat), aber tatsächlich kommen wir nicht mit dieser Selbsterkennung zur Welt. Aber ab dem Alter von achtzehn Monaten wird ein Kind die Hand nach einem Aufkleber ausstrecken, den ein Erwachsener unbemerkt auf seinen Kopf geklebt hat, sobald es ihn im Spiegel entdeckt und damit den Test bestehen. Schimpansen bestehen den Test (mit Tintenklecks auf der Stirn), eine Elefantenkuh namens Happy bestand ihn (als man ihr mit Klebeband ein X oberhalb eines Auges aufklebte) und in Gefangenschaft lebende Delfine bestehen ihn (sie vollführen akrobatische Verrenkungen, um die Tintenflecken im Spiegel sehen zu können).
Hunde tun es nicht. Stellen Sie sich einmal vor, Ihrem Hund einen Spiegel hinzuhalten, wenn sein Gesicht voller Aufkleber klebt. Er wird zweifellos Gleichgültigkeit ausdrücken. Was für uns albern aussieht, spielt für ihn keinerlei Rolle. Aber das ist nicht Beweis genug, um sagen zu können, dass Hunde den Test nicht bestehen und folglich kein Bewusstsein von sich selbst haben. Zum einen betreiben Hunde an sich selbst keine Fellpflege (wie Primaten) und zeigen wenig Interesse am Erhalt des eigenen guten Aussehens. Es ist also ganz einfach unwahrscheinlich, dass sie einen komischen Fleck auf ihrem Gesicht zu entfernen versuchen sollten. Außerdem sind sie nicht so visuell orientiert wie Primaten. Der Spiegeltest mag für manche Spezies angemessen sein, aber dieses Paradigma birgt Herausforderungen für Hunde, die wenig Interesse an Spiegeln zeigen.
Es gibt einige wissenschaftliche Hinweise darauf, dass Hunde trotzdem in der Lage sein könnten, einen solchen Test zu bestehen, wenn man nur eine Art geruchlichen Spiegel bauen könnte: Etwas, das so ähnlich riecht wie sie selbst, nur ein ganz klein wenig anders. Als der Wissenschaftler (und mein Kollege) Dr. Marc Bekoff einmal im Winter mit seinem Hund in den Hügeln von Colorado spazierenging, fragte er sich, ob eigentlich jeder „gelbe Fleck“ im Schnee gleichermaßen interessant für seinen Rüden Jethro war. Bekoff begann genau darauf zu achten, wo sein Hund pinkelte und wo er schnüffelte. Er trug sogar ein bisschen gelben Schnee an andere Stellen, um zu sehen, was dann passieren würde. Er fand heraus, dass Jethro es vermied, seinen eigenen Urin zu beschnüffeln, den anderer Hunde aber untersuchte: Eine Art in Schnee geschriebene Selbsterkennung. Jethro sah so aus, als ob er seinen eigenen Geruch erkennen würde, aber ich beschloss, diese Hypothese einem formalen Test zu unterwerfen. Ich wollte sehen, ob jeder Hund, der eine „Spiegelung“ von sich selbst riecht, denkt: „Das riecht wie ich.“
Zu diesem Zweck machten mein Forschungslabor und ich uns an die Aufgabe, eine Art olfaktorischen Spiegel zu entwerfen. Anstatt der spiegelnden Oberfläche benutzten wir einen Geruch verströmenden Behälter. Wenn man in den Spiegel schaut, sieht man sich selbst. Wenn man den Behälter riecht, riecht man …sich selbst. Ich benutzte sowohl den Geruch des Hundes als auch ein bearbeitetes „Geruchsbild“ – einen veränderten oder „markierten“ Geruch. Wir stellten die Frage, ob Hunde den Unterschied erkennen und ob ihr markiertes Ich als interessanter zum Beschnüffeln finden würden.
Und so kam es, dass wir Hundepipi zu sammeln begannen. In der Regel kommt man wahrscheinlich nicht unbedingt auf die Idee, Hundeurin zu sammeln, zu untersuchen oder ihn Hunden zu präsentieren. Aber Pipi ist eigenartig zentral in unserem Leben mit Hunden. Es ist nicht nur das große Kommunikationsmedium unter Hunden, sondern auch ein großer Teil der Hund-Mensch-Beziehung. Vielleicht leben Sie mit Ihrem Hund in einer Wohnung. Dann müssen Sie zweifellos mehrmals am Tag mit ihm spazieren oder zumindest kurz herausgehen, damit er draußen urinieren kann. Wenn Sie selbst arbeiten und tagsüber nicht nach Hause kommen können, um Ihren Hund herauszulassen, haben Sie vielleicht einen Hundesitter oder Dogwalker, der das für Sie erledigt. Wenn Sie in einem Haus leben, müssen Sie den Hund immer rechtzeitig ins Freie lassen oder ihm eine Möglichkeit schaffen, dass er selbst ins Freie gelangen kann.
Mein eigenes Sozialleben als junge Erwachsene war zu einem großen Teil um die Tatsache herum arrangiert, dass ich immer wieder nach Hause musste, um meine Hündin Pumpernickel zum Pinkeln herauszulassen. Natürlich wollte ich ihr auch die Gesellschaft und Bewegung verschaffen, die sie als meine treue und bettwärmende Gefährtin brauchte und verdiente. Aber ganz klar ging es bei vielen dieser Herauslass-Besuche nur um Urin.
Anschließend lassen wir den Hundeurin natürlich, wo er ist.
Bis wir beginnen, uns unter Hundebäuche zu beugen, sobald sie sich hinhocken oder um ein gehobenes Bein fassen, um einen kleinen Becher in Richtung des gelben Stroms zu halten. Dann fangen wir an, ihn zu sammeln.
Und genau das taten wir. Denn wenn Hundeurin so wichtig für Hunde ist, dann ist er es auch für Hundewissenschaftler.
Für einen Hundebesitzer, der es gewohnt ist, die noch warmen, weichen Häufchen seines Schützlings per Hand aufzusammeln, nur mit einer hauchdünnen Plastikfolie zwischen Haut und Kot, ist das Sammeln von Urin ein Kinderspiel. Trotzdem müssen sowohl Mensch als auch Hund sich erst in gewissem Maße daran gewöhnen. Zusammen mit meiner Laborleiterin Julie, die eine regelrechte Vorliebe für diese Aufgabe entwickelte, entwarf ich ein methodisches Vorgehen dafür. Finnegan war unser Versuchsobjekt. Wir gingen zusammen spazieren und beobachteten ihn beide unterwegs mit Argusaugen. Er schien sich nichts daraus zu machen, dass Julie Latexhandschuhe trug und einen sterilen Plastikbecher mit orangem Deckel mit sich trug. Als Finns Besitzerin, die ihn auf Tausenden von Gassigängen begleitet hatte, konnte ich mit absoluter Treffsicherheit erkennen, wann er gleich pinkeln würde. Ich vermute, dass jeder Hundebesitzer einen seltsamen Schatz an Wissen darüber hegt, welche Verhaltensweisen ein baldiges Lösen des Vierbeiners voraussagen. Wenn ich also sah, dass Finnegan ansetzte, hob ich meine Augenbrauen zu Julie, die daraufhin den Becher mitten unter den Strahl hielt. Erwischt.
Im Laufe unserer Arbeit kamen Überlegungen auf, die wir uns zuvor nie hätten vorstellen können. Als erstes mussten wir eine Strategie finden, wie man am besten einen Plastikbecher unter einen Hund hält, ohne dass sich der Hund über eine Person erschreckt, die eben einen Plastikbecher unter seinen Bauch hält. Manche Hunde wurden darüber störrisch und entwickelten, obwohl sie ihr Pipi jahrelang freigiebig verteilt hatten, plötzlich merkwürdige Eigentumsansprüche. Oder aber, was wahrscheinlicher ist, der menschliche Arm befand sich einfach ungeschickt dicht an ihren privaten Teilen.
Dann mussten wir festlegen, wie viel Urin eine ausreichende Menge war, um gerochen zu werden. Im ersten Durchgang überschätzten wir uns völlig: Ein kleiner, mit Pipi befeuchteter Wattebausch. Ich rief Finnegan zu mir heran und zeigte ihm denselben in meiner behandschuhten Hand. Er kam direkt zu mir gelaufen, aber seine Reaktion bei Ankunft war schnell und eindeutig. Haben Sie je einen Ekelausdruck im Gesicht eines Hundes gesehen? Er hatte ein wunderbar klares Urteil gefällt.

Schließlich bekamen wir die Proportionen richtig hin (bis auf winzig kleine Urinanteile heruntergeschraubt) und rekrutierten außerdem Hundebesitzer, die „Materialsammlungen“ für uns durchzuführen. Als diese an unserem Versuchsort eintrafen, stellten wir die erste Musterprobe zusammen: eine ganz winzige Menge Pipi des jeweiligen Hundes in einem verschlossenen Behälter mit Luftlöchern im Deckel. Eine zweite Probe enthielt zusätzlich ein kleines Fetzchen totes Gewebe von einem verstorbenen Hund (eigens postmortem in der Tierklinik einer veterinärmedizinischen Fakultät erworben). Andere Gefäße enthielten den Urin eines fremden oder eines befreundeten Hundes. Die Behälter wurden paarig angeordnet und dann in einem Raum ausgelegt, wobei es keine weiteren sichtbaren Hinweise darauf gab, dass jemand oder etwas hier gewesen war. Würden die Hunde diese Gerüche gleich „riechbar“ finden?
Sechsunddreißig wedelnde, hochkooperative Hunde und deren Besitzer nahmen an diesem für uns äußerst schrägen Experiment teil. Wir besitzen Filmaufnahmen aus verschiedenen Blickwinkeln, auf denen man jedes Zucken einer Nasenöffnung und jede vor Überraschung oder Alarmierung hochgezogene Augenbraue sieht. Wir zeichneten auf, wo die Hunde schnüffelten, wie lange sie schnüffelten und wie oft sie zurückkamen, um den Geruch nochmals zu überprüfen. Das Ergebnis: Die Hunde bestanden den Test. Unsere Subjekte verbrachten weitaus mehr Zeit mit dem Beschnüffeln ihres eigenen geruchlichen „Spiegelbilds“, wenn es markiert worden war – so, als ob man besonders oft in den Spiegel schaut, weil man irgendetwas Komisches zwischen den Zähnen hat. Sie schauten (rochen) sich selbst an, um sicher zu gehen, aber nicht so oft wie dann, wenn an ihrem Geruch noch irgendetwas anderes war. Auch die Gerüche anderer Hunde wurden stark beschnüffelt: So, als ob eine andere Person einen über die Schulter im Spiegel anschaut. Man schaut zurück.
Wie bei jedem Versuch boten einige Testkandidaten zusätzliche Verhaltensweisen an, die nicht unter die strenge Rubrik des Versuchsaufbaus fielen. In der Spiegelmarkierungsaufgabe benutzen Schimpansen den Spiegel, um Körperteile an sich selbst zu betrachten, die sie normalerweise nicht sehen können: Ihr Mundinneres beispielsweise, ihr eigenes Hinterteil oder ihre Nasenlöcher. Sie schneiden sich selbst gegenüber Grimassen. Unsere Hunde zeigten die genaue Entsprechung: Sie kratzten und leckten an den Behältern. Sie drehten sich mit dem Ausdruck von Verzweiflung oder Aufregung zu ihren Besitzern um und teilten die Neuigkeiten über diesen komischen Geruch mit ihnen. Ich gebe es zu, manchmal setzten sie auch Gegenmarkierungen auf die Behälter. Zum Glück hat jedes gute Forschungslabor zur hündischen Kognition große Mengen Papiertücher und Desinfektionsmittel vorrätig. Aber die Hunde pinkelten nur auf die Behälter anderer Hunde, nicht auf ihre eigenen. Sie sahen sich selbst.
Der Geruch des neuen Tages
Vom Konkreten – sich selbst oder andere erkennen – abgesehen, erkennt die Hundenase auch eine Welt der Abstraktion. Weshalb für einen Hund auch ein neuer Tag einen neuen Geruch hat.
Ihre morgendliche Gassirunde folgt vielleicht einem bestimmten Weg um den Block herum, zum Park bis zur Straße und wieder zurück. Wir gehen diese Wege mit unseren Hunden genau deshalb, weil sie uns vertraut und verlässlich sind. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere, und wir gehen davon aus, dass es Hunden genauso geht und sie die gleichen Gewohnheiten erleben.
Was sie mit ziemlicher Sicherheit nicht tun. Jedes Verlassen des Hauses eröffnet für sie eine neue Szene, die sie noch nie zuvor gesehen haben. Jeder Tag und jede Stunde eröffnet für sie eine neue Geruchslandschaft. Denn es gehen Menschen vorbei, die ihren Geruch oder Essensreste hinterlassen; Autos erwärmen die Straße und bedecken sie mit ihrem ganz besonderen Staub; Wolken tragen aus Gebirgsseen gesogenen Regen heran; der Wind trägt Gerüche aus einem Stadtteil in den anderen und umgekehrt oder Samenkörner aus dem Wald in die Ebene; das Tierreich vom Käfer über den Vogel bis hin zum Hund zieht vorbei und hinterlässt Spuren, Fäkalien und Hautschuppen – die gesamte Welt draußen vor ihrer Tür verändert und verwandelt sich andauernd. Für einen Hund gibt es keine „frische Luft“. Luft ist schwer und reichhaltig: sie ist ein Geruchsknoten, den die Hundenase gekonnt entwirren wird.
Der Geruch der Zeit
So wie jeder Tag einen neuen Geruch trägt, so kennzeichnen auch seine Stunden geruchliche Veränderungen, die Ihr Hund wahrnehmen kann. Hunde riechen Zeit. Die Vergangenheit liegt ihnen unter den Pfoten; die Gerüche von gestern sind auf dem Boden zur Ruhe gekommen. Die Nachricht liegt, getragen von der ersten Morgenbrise oder vom Rücken der Nachtlebewesen geweht, zusammen mit der gefalteten Zeitung vor der Haustür. Der Geruch der Zukunft wird um die Ecke geweht und erreicht die Nase des Hundes, bevor er unsere Augen erreicht. Geruch zieht die Zeit für Hunde zusammen wie ein Gummiband, er katapultiert etwas aus der Vergangenheit und aus der Zukunft ins Jetzt.
Viele dieser Informationen liegen im Wind. Mit aus dem Autofenster gereckten Kopf und im Aufwind fliegenden Ohren betritt der Hund gleichsam den Wind.*
Wir sind abgelenkt von dem, was wir vom Wind mit den Augen sehen: von seinen Auswirkungen auf unsere Röcke oder Haare, von der knatternden Reaktion der Flagge auf die Kapriolen der Brise. Der Hund dagegen erfährt den Wind aus seinem Innersten heraus, er liest die Nachrichten und hört die Geschichten, die er aus weit entfernten Gegenden mitbringt. Er kündigt der Hundenase ein heraufziehendes Gewitter an, lange, bevor wir es wahrnehmen können. Wenn der Luftdruck fällt und die Luft über dem Boden sich besonders geräumig anfühlt, lässt die Erde die festgehaltenen Gerüche los und beginnt Aromen in diesen Raum hinein zu verströmen. Hunde, die von uns unabsichtlich dazu trainiert sind, Verknüpfungen zu bilden und ihnen Bedeutung beizumessen (zum Beispiel, dass „Leine vom Haken nehmen“ einen Spaziergang ankündigt oder das Kratzen von Messer und Gabel auf dem Teller voraussagt, dass gleich ein paar Reste für sie anfallen) lernen sehr leicht, dass starker, vom Boden ausgehender Geruch ein nahendes Gewitter bedeutet.
Der Geruch aller Dinge
Der mit Bettwanzen oder einem Gewitter konfrontierte Hund nimmt die Details wahr. Sie dagegen würden vom Riechpunkt Ihres Hundes aus betrachtet den Geruch Ihres eigenen Hauses nicht erkennen. Ja, Ihr Zuhause hat einen Geruch! Mit nur wenigen Ausnahmen hat jeder Einrichtungsgegenstand, jedes Buch und jeder Teller, jedes Sofakissen und jede Schreibtischlampe einen Geruch. Jedes Ding existiert in der visuellen Welt, die wir sehen und eine klare Kontur demarkiert den Raum, den es besetzt und den Raum, an den es angrenzt. Aber in der Welt des Geruchs ist diese Kontur verschwommen. Sie ist quasi bewölkt, und die Wolke um eine Lampe herum verwandelt sich, wenn sie berührt oder bewegt wird, wenn die Glühbirne sie erwärmt oder nach dem Ausschalten wieder abkühlt, vielleicht in die Form eines Kaninchens oder die eines Zuges.
Es ist nicht etwa so, dass Hunde jedes einzelne Molekül ihrer Umgebung riechen können. Man muss nicht übertreiben, um ihre Fähigkeiten zu würdigen. Aber möglicherweise ist das „Rosige“ im Geruchsprofil einer Rose für einen Hund weniger wichtig, relevant oder wahrnehmbar als einige andere ihrer Duftnoten wie zum Beispiel Citronellol oder die Bestandteile von Rosenoxid, dessen Geruch manchmal mit dem von Metall oder Urin verglichen wird. Stellen Sie sich vor, Sie könnten allein mit Hilfe Ihrer Nase die Teile vom Ganzen und die Vergangenheit von der Gegenwart unterscheiden.
Wie macht ein Hund das? Die Geschichte davon, wie diese Gerüche in sein Gehirn gelangen, die Substanz seiner Gedanken formen oder ihn seinen Kopf anheben lassen, weil ein verräterischer Geruch ankündigt, dass sein Herrchen vor der Tür steht, beginnt mit seinen Nasengängen, seinen Speichengrübchen und seiner Schnauze. Meine Damen und Herren, folgen Sie mir ins Innere der herrlichen Hundenase!
* Wobei das für den Verdächtigen wirklich beängstigend wäre! Und auch potenziell sehr effektiv: Mit Sicherheit würde ein Verdächtiger seine Geruchsmoleküle aus jeder nur möglichen Schweißdrüse absondern! Leider könnte das aber auch bei den einfach nur nervösen Vergleichspersonen der Fall sein, die darauf warten, als Schnüffelobjekt an die Reihe zu kommen und sich fragen, welche Geheimnisse dieser Wunderhund wohl haben könnte.
* Medizinforscher haben übrigens eine gemeinsame Regelmäßigkeit im Blasen-entleerenden Pinkeln gefunden: Im Durchschnitt dauert es bei allen Tieren vom Hund über die Wühlmaus bis zum Elefanten einundzwanzig Sekunden, bis alles herausgepinkelt ist. Das Markieren dagegen dauert nur ein bis drei Sekunden.
* „Der blinde Mensch tritt als erstes in den Wind des Tages ein,“ schrieb John Hull über seine Erfahrung des Blindseins.
Kapitel 3

Die Nase im Wind
Upton ist immer auf Sendung, was Geruch betrifft. Minutenlang steht er im leichten Wind und schnüffelt mit stolz erhobenem Kopf; sein Blick wirkt weit weg und seine Lefzen blähen sich bei jedem Ausatmen leicht auf. Ich meine fast zu sehen, wie seine leicht mit Schleim befeuchtete Nase die Geruchsworte von weit entfernten Rufern einfängt.
Um zu verstehen, wie der Hund tun kann, was er tut, müssen Sie seiner Nase folgen. Was ein Hund erlebt, wird daraus geformt, was er riecht: Wir sehen Bilder in unserem Kopf, er dagegen fängt Gerüche ein; wir sprechen in Worten, er dagegen kommuniziert mit Düften.
Haben Sie schon eine Erkundungstour durch die Hundenase unternommen? Sind Sie auf einem Korkenzieherwirbel aus Luft in die dunkle Höhle hineingeritten, gegen deren Windungen geprallt und haben schließlich einen Luftstrom erwischt, der Sie nach oben in die Kammer trug, wo sich ein Molekül im Feuchtgebiet niederließ und die zum Gehirn führenden Nerven zu kitzeln begann?
Ich habe es getan – jedenfalls bin ich der Sache für meinen Geschmack ziemlich nahe gekommen. Ich habe mich in einer Simulation aus der Perspektive eines eingeatmeten Geruchsmoleküls in die Nase hinein begeben. Dieses unwahrscheinliche Video entstand unter Zuhilfenahme von Luftströmungsmodellen, die Dr. Brent Craven im Rahmen computergesteuerter Flüssigkeitsdynamik entwickelt hat. Craven hat sich bisher nicht mit dem Geruchssinn von Hunden als solchem befasst. Seine wissenschaftliche Arbeit dazu, wie Flüssigkeiten und Luft sich bewegen, ist eher Grundlagenforschung, die darauf zielt, zu verstehen, wie biologische Systeme funktionieren. Bei ihrer Anwendung (und bei der Vergabe von Forschungsgeldern) geht es häufig darum, besondere gute Nasen ingenieurtechnisch nachzuahmen und Luftstrommodelle zur Schaffung künstlicher Nasen zum Beispiel für Militärzwecke zu nutzen.
Den Nasengang, den Craven und sein Team nachgebildet haben, gehört eigentlich zu einem Grauhörnchen, das nach seinen Worten ein absolut guter, aber „viel leichter nachzubauender“ Schnüffler ist. Er wurde im Video mit MRT-Aufnahmen des komplexeren Naseninneren eines Hundes hinterlegt, sodass man beim Anschauen eine Ahnung davon bekommt, wie die holprige, tumultartige und komplexe Reise sich aus der Perspektive eines eingeatmeten Duftmoleküls wohl anfühlen mag.
Sie reiten also auf einem Geruchsmolekül. Auf einer Mini-Seifenblase, die mit Leichtigkeit selbst auf der sanftesten Brise noch klein, leicht und flüchtig schwebt und segelt. Sie befinden sich in der Nähe einer Hundenase und plötzlich, ganz abrupt, noch viel dichter. Die Nasenöffnungen weiten und nähern sich. Die Luftblase wird eingesaugt. Das Tempo, das sie nun draufhat, ist atemberaubend. Nach dem Modell des Eingangsbereichs der Nasenhöhle eines langschnäuzigen Tieres könnte man die spektakulärsten Achterbahnen überhaupt bauen: Nach einem schnellen Aufstieg, der sich mit dem Steilerwerden der Bahn etwas verlangsamt, eröffnet die Ankunft oben auf dem Gipfel dem Geruchsmolekül einen Ausblick, der das Herz stillstehen lässt: Nichts als Nichts voraus. Es folgt ein Sturzfahrt in die Tiefe, hier und da um enge Kurven, manchmal eine Sekunde lang etwas langsamer, dann wieder Tempo aufnehmend. Immer neue Vorsprünge treten aus den Seitenwänden hervor, auf die das Geruchsmolekül zurast und die Sie dazu zwingen, sich zur Seite zu ducken, sich den Kopf an der Decke zu stoßen und schließlich mit dem Gefühl eines hochgehobenen Magens wieder nach unten zu fallen. Es gibt gewundene Kurven und gefährliche Kanten, und die ganze Zeit werden Sie von einer der Schwerkraft trotzenden Kraft immer tiefer hinein getrieben. Eine Zehntelsekunde später (in der Simulation zweihundertfach verlangsamt) werden Sie letztlich auf einer feuchten Wiese abgesetzt, wo Gräser wie aufrechte Soldaten stehen und Ihre Ankunft erwarten.
Und das alles, noch bevor Sie das Gehirn erreichen.
Nasenlöchrig
Finn grunzt einmal dicht neben mir, um mich aufzuwecken. Zögerlich blinzle ich mit einem Auge. Dessen gesamtes Blickfeld wird von Finns rechter Nasenöffnung eingenommen, die von hier nach da zuckt, so wie wir es machen, wenn wir eine alberne Grimasse ziehen möchten. Das Ergebnis ist, dass ich mein Gesicht zu einem Lächeln verziehe und aufstehe, um ihn zu begrüßen.
Was ist passiert? Im Grunde beginnt die Riecherei mit der Entdeckung von nur ganz wenigen Molekülen eines Geruchsstoffs. Der Detektor ist die Nase – sie ist der Staubsauger, der diese winzige Spur von Stoff einsammelt. Lassen Sie uns also dort beginnen.
Wenn Sie einen Hund in Ihrer Nähe haben (und ich hoffe, dass dies immer der Fall ist), bücken Sie sich einmal herunter und sehen sich seine Nase gründlich an. Gehen Sie dicht heran, wirklich ganz dicht – ein freundlicher Hund wird ihre Untersuchung hoffentlich im schlechtesten Fall mit einem entschiedenen Schlecken über Ihre eigene Nase erwidern.
Normalerweise schauen wir nur auf den behaarten Fang des Hundes, auf seine Schnauze, die bis zu den Augen hinaufreicht und auf beiden Seiten in die Backen hinab übergeht. Hier spielt die Länge eine Rolle: Zwar ist dieser Teil der Nase nicht für die Geruchsentdeckung an sich oder das Schnüffeln zuständig, aber sie ist der genial konstruierte Korridor, durch den das Schnüffelgut gewirbelt werden wird.
Oder wir schauen auf den feuchten, haarlosen Nasenspiegel, das so genannte Planum nasale oder Rhinarium. Hier beginnt unsere Handlung. Hundenasenspiegel sind faszinierend: so unterschiedlich wie Fingerabdrücke und genauso voller individueller Details. Was die meisten nassen Hundenasenspitzen gemeinsam haben, ist die mosaikartig zerfurchte Oberfläche, auf der vieleckige Zellen in ihrer schimmernder Dunkelheit zu erkennen sind. Diese Oberfläche ist feucht, sodass mehr Gerüche aufgesammelt und in die Nase absorbiert werden können. Außerdem haben sie Temperaturfühler, die sie direkt zu einer kühlen und damit möglicherweise Gerüche tragenden Brise leiten können.
Und dann die Nasenlöcher! Die Nasenspitze trägt zwei klaffende Öffnungen, die zur zwei bis zwölf Zentimeter weiter nördlich gelegenen echten Nase führen. Denjenigen unter Ihnen, die es schwierig finden, Hundenasenöffnungen toll zu finden, sage ich: Sie haben die Ihres Hundes nur noch nicht lange genug angeschaut. Für Unkundige sind sie einfach nur „Löcher vorn in der Nase“, aber für diejenigen, die den Geruchssinn der Hunde studieren, sind sie „aerodynamische Einlassöffnungen“, deren zwiebelähnliche Form das Einströmen von Luft begünstigt. Umringt werden die Nasenlöcher von hoch entwickelten Muskeln in den Alarfalten. Es ist genau diese Anatomie, die es den Nasenöffnungen ermöglicht, sich aktiv am Schnüffelprozess zu beteiligen und die ihnen so große individuelle Formunterschiede von Hund zu Hund verschafft. Die einen sehen aus wie geradegezogene Kommata, die anderen sind fast zu Scheiben gerundet. Wieder andere sind kaum mehr als stumpfe Öffnungen, die aussehen wie hastig mit einem breiten Filzstift hingezeichnet. In manchen Ländern werden Nasenabdrücke zu Identifikationszwecken verwendet: als günstiger Mikrochip sozusagen. Malen Sie die äußere Schicht des Nasenspiegels mit Tinte an und drücken Sie sie auf Papier: Der Nasenabdruck eines Hundes ist das Äquivalent zum Fußabdruck eines neugeborenen Kindes, den die Eltern in der Hoffnung anstarren, daraus irgendetwas über die Zukunft ihres Nachkömmlings herauslesen zu können.
Hunde können ihre Nasenöffnungen einzeln und unabhängig voneinander benutzen: Wenn sie etwas Neues und „nicht Aversives“, also Neutrales oder Angenehmes, riechen, beginnen sie zuerst mit der rechten Nasenöffnung und wechseln dann zur linken. Forscher haben Wattestäbchen mit verschiedenen Gerüchen befeuchtet, Hunde daran schnüffeln lassen und das Ganze gefilmt. Dabei fanden sie heraus, dass die Gerüche von Zitrone, Futter und dem Sekret von Hündinnen dieses Erst-rechts-dann-links-Schnüffeln auslösten. Konfrontierte man sie hingegen mit dem Geruch von Adrenalin oder dem Schweiß des Haustierarztes (der sich zugunsten der Wissenschaft Wattestäbchen unter die Achseln steckte), schnüffelten die Hunde nur mit dem rechten Nasenloch. Man nimmt an, dass diese Nasenlochpräferenz mit der jeweils beteiligten Gehirnhälfte zusammenhängt. Die rechte Nasenöffnung ist mit der rechten Gehirnhälfte verbunden (also gleichseitig bzw. ipsilateral im Gegensatz zu den anderen Sinnen, die über Kreuz mit der anderen Gehirnhälfte korrespondieren), die wiederum stärker mit Angst- oder Aggressionsverhalten in Verbindung gebracht wird als die linke, die eher bekannte Reize analysiert. Wenn also ein Hund Sie nur mit der rechten Nasenöffnung beschnüffelt, kann es sein, dass er Ihnen gegenüber misstrauisch ist.
Aber zurück zu den Muskeln rund um die Nasenöffnung. Ich schaue zu, wie mein Hund Upton draußen in einer milden Brise seine Nase – nur die Nasenspitze – nach rechts und links bewegt, so, wie man es nicht für möglich hält, dass eine Hundenasenspitze sich bewegen könnte oder sollte. Seine Nasengymnastik führt dazu, dass seine Nasenöffnungen direkt im Wind sind, Luftwirbel einfangen und einen Geruch erhaschen. Dann öffnen die Nasenlöcher sich weit, um die Menge der eingesogenen Luft zu maximieren. Und schon blickt ein armer kleiner Geruch in das operative Ende des Zielfernrohrs namens Nase und schließt angesichts der bevorstehenden Höllenfahrt die Augen.
Das Schnuppern
Wenn ich nach einer Abwesenheit wieder nach Hause komme, beuge ich mich zu Finnegan herunter und lasse ihn an mir schnuppern. Sein dann folgendes Schnüff-schnüff ist beinahe kommunikativ – Nasenphoneme in fröhlichen Satzketten.
Unser Wissen darüber, was passiert, wenn der Geruch sich oben in der Hundenase mit seiner Zukunft konfrontiert sieht, haben wir hauptsächlich den Arbeiten des Maschinenbauingenieurs Dr. Gary Settles zu verdanken, einem von Cravens früheren Professoren. Settles, heute Emeritus an der Penn State University, hat die Strömungsdynamik – ein Wissenschaftsfeld, das man sonst eher mit dem Design windschnittiger Flugzeuge in Verbindung bringt – für die Erforschung von Nasen eröffnet. Zu meiner großen Freude studiert Dr. Settles das Schnuppern. Er und sein Team bringen Hunden bei, einen speziell konstruierten Maulkorb zu tragen, geben ihnen dann gute Sachen zum Riechen und messen die Strömungsdynamik ihres Schnupperns.
Settles bezeichnet die Hundenase als klassisches „aerodynamisches Probeentnahmegerät variabler Formgebung“. Das „Probeentnahmegerät“ (die Nase) nähert sich einer Dunstwolke (Luft mit Geruch darin) und transferiert diese in seine innenliegende Sensorkammer (den Nasenhintergrund, wo die neurochemische Zauberei stattfindet).
Der Transfer geschieht über das Schnuppern. Als unsichtbare Methode zum Einsammeln unsichtbarer Gerüche wurde das Schnuppern lange heruntergespielt. Während das Sehen geschieht, indem Licht auf das Auge „trifft“, treffen außerdem beim Riechen die Gerüche nicht nur auf die Nase, sondern sie segeln geradewegs hinein. Genau deshalb, so vermuten wohl die meisten Menschen, können Gerüche sich auch so aufdringlich anfühlen. Denn wenn man lebt und atmet, kann man ja gar nicht anders, als zu riechen: Mit jedem Atemzug gelangt ein Schluck Luft in die Nase, der vermutlich verschiedene Gerüche mit sich trägt. Es stimmt, dass jeder nasengroße Schluck Luft mit Sicherheit riechbare Stoffe enthält. Es ist jedoch nicht zutreffend, dass das Riechen einfach nur dadurch geschieht, dass man lebendig ist und eine Nase hat. Wie sich herausstellt, muss man schnuppern, um zu riechen. Nicht einfach nur atmen, nicht einfach nur mit geöffneten Nasenlöchern dasitzen. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt der auf Selbstversuchen basierenden wissenschaftlichen Entdeckungen,* demonstrierte der Arzt Ernst Heinrich Weber, ein Gründer der modernen Experimentalpsychologie, als erster die Bedeutung des Schnupperns.
Weber legte sich auf den Rücken, ließ sich eine Lösung aus Wasser und Kölnisch Wasser in die Nasenlöcher gießen und wartete bewegungslos. Genau die Art von Experiment, für die es schwierig ist, viele Freiwillige zu finden! Was Weber herausfand, war: Das normalerweise üppig riechende Eau de Cologne war nicht wahrnehmbar. Er konnte es nicht riechen, wenn es einfach nur passiv in seine Nase eingeführt wurde.
Weber nahm deshalb eine mit Kölnisch Wasser gefüllte Nase auf sich, weil er die Frage klären wollte, ob Gerüche in flüchtiger Form vorliegen müssen oder ob man sie auch in Flüssigkeit wahrnehmen kann. Sein Wort war nicht das letzte, das hierzu gesprochen wurde. Hundert Jahre später erneuerten Forscher die Experimente zu den Riechmethoden: Einige wiederholten Webers Nasevoll-Versuch in Rückenlage, andere hielten Personen, die wie ein Trompeter durch ihre Lippen bliesen, starke Gerüche vor und wieder andere versuchten, schlafenden Menschen in der Schlafapnoe zwischen zwei Atemzügen Gerüche intravenös zu injizieren. Alle diese Studien hatten im Aufbau ein gemeinsames Element: Auf keinen Fall sollten die Probanden schnuppern. Die Ergebnisse? Keins der irritierten Subjekte nahm irgendeinen Geruch wahr. Beim normalen Atmen schafft es nur ein sehr kleiner Teil der Luft, die Sie einatmen, bis hinauf in denjenigen Teil der Nase, in dem die Zellen für Empfang und Weiterverarbeitung des Geruchs liegen. Man muss einfach energisch die Luft einschnuppern.
Also nur zu, schnuppern Sie mal! Schnuppern ist der inhalierende Teil eines Atemzugs (man schnuppert ein, aber nicht aus – dieser Teil wäre eher ein Schnauben), der oft zu hören ist, aber nur ein Minimum an Anstrengung erfordert. Es wird sicher unterschätzt wie viele unterschiedliche Arten von Schnuppern es im Tierreich gibt. Elefanten schnuppern kräftig, wobei sie ihren Rüssel über einem Geruch schweben lassen oder ihn zu einem „Periskop-Schnuppern“ in die Luft strecken. Wüstenrennmäuse schnuppern schnell und mit hin und her zitternder Nase; wohingegen Schildkröten ein zeitlupenartiges Erkundungsschnuppern zeigen, bei dem sie ihren Hals ausstrecken, sich mit ihren Köpfen nach unten orientieren und ihre Nasenlöcher weiten. Beim Ausatmen kann ein kleines Staubwölkchen entstehen. Der Neuguinea-Dingo „schnupf-schnüffelt“ gar, wenn er Beute wie zum Beispiel eine Wühlmaus verfolgt, die sich in einem Loch oder unter der Vegetation versteckt. Er bläst dabei kräftig durch die Nase aus, bevor er wieder ebenso kräftig einatmet.
Als die Caniden vor mehr als zehn Millionen Jahren zum ersten Mal auf der Bildfläche erschienen, wurde ihnen das Schnuppern durch die blasebalgartigen Lungen und eine vermutlich ziemlich simpel konstruierte Nase ermöglicht. Bei Fischen, Fröschen und Reptilien ist die Schnauze nur eine Höhlung, die es ermöglicht, dass Wasser und Luft direkt zu den Geruchszellen befördert werden. Was immer noch komplizierter ist als bei den Wirbellosen, von denen viele zwar eine Menge riechen, aber nicht, indem sie Gerüche einatmen. Wirbellose besitzen Geruchsdetektoren wie zum Beispiel Antennen außerhalb ihres Körpers, sodass ihnen nichts anderes übrig bleibt, als sich direkt in die Geruchsquelle hinein zu begeben. Andere, wie etwa der Hummer, schicken ihr Sinnesorgan zum Schnüffeln vor; wieder andere riechen, indem sie einfach nur fliegen oder ihren Körper bewegen und sich so von der Luft oder vom Wasser treffen lassen.
Für Hunde ist diese grobe Methode jedoch nichts. Sie schnüffeln nicht nur mehrfach, in unterschiedlicher Frequenz und mit unterschiedlicher Absicht, sondern sie beherrschen auch eine geniale Art des Ausatmens, die sie beim Riechen unterstützt.
Settles entdeckte, wie Hunde schnüffeln, indem er das beobachtete, was er etwas wunderlich als „canide Nasenluftströme“ bezeichnet. Er rekrutierte eine Handvoll Familien- und Spürhunde und ließ diese zur Beobachtung und Aufzeichnung in sein Labor kommen. Darunter waren Golden Retriever, Airedale Terrier, Labradore und Deutsche Schäferhunde – alle möglichen Nasen, trainierte wie untrainierte. Die Wissenschaftler deponierten eine Auswahl verschiedener Geruchsgegenstände – sehr begehrtes Futter, einige nicht essbare Dinge und neuartige Gerüche, sogar ein bisschen Sprengstoff und den süßlichen Geruch von Marihuana – entweder direkt vor den Hunden oder in einer gewissen Entfernung. Die willigen Probanden begannen sofort zu schnüffeln, ohne dass man sie ein zweites Mal bitten musste. Die Familienhunde und die Spürhunde schnüffelten gleichermaßen, egal, ob man ihnen Hundefutter oder Hasch vorgesetzt hatte. Beide Gruppen zeigten zwei Arten des Schnüffelns. Wenn die riechende Substanz sich weit weg befand, außer Reichweite, zeigen Hunde ein „langes Schnüffeln“ – ein stark richtungsorientiertes, luftansaugendes Schnüffeln, das zwei Sekunden lang dauert. Beim langen Schnüffeln erweitern sich die Nasenöffnungen und die Alarfalte öffnet sich; das Maul kann leicht geöffnet sein. Rufen Sie sich das Bild eines majestätisch wirkenden großen Hundes vor Augen, der mit vorgereckter Brust auf einem Hügel steht und seine Nase in den Wind hält. Das ist der „Langschnüffler“. Diese Art des Schnüffelns ist oft die Anhäufung einer ganzen Reihe von Schnüfflern – viele schwächere Schnüffler werden von einem besonders kräftigen gekrönt. Ein in der Federwildjagd erfahrener Pointer konnte sogar ein besonders langes Schnüffeln beibehalten. „Sir Satan“ – der einzige der getesteten Hunde, der es sich gefallen ließ, dass ein Sensor in seiner Nasenöffnung befestigt wurde – konnte vierzig Sekunden am Stück durch seine Nase einatmen, während er einem vom Wind getragenen Geruch nachlief.
Befindet sich der Geruch dagegen in der Nähe und auf dem Boden, schnüffeln Hunde in kurzen Einheiten. Als erstes untersuchen sie die Oberfläche. Haben Sie je Ihren Hund dabei beobachtet, wie er mit der Nase im Gras nach einem Spielzeug sucht und es anscheinend nicht findet, obwohl er direkt darüber steht? Hier ist nicht etwa seine Nase defekt, sondern er verschafft sich lediglich eine Gesamtüber“sicht“ über das Gebiet, so wie wir eine Gegend mit den Augen absuchen würden. Typischerweise wird ein Hund mit der Nase voraus geradewegs auf das Spielzeug zugehen, über ihm innehalten, ein klein wenig schnaufend ausatmen und dann weitergehen. Für die anwesenden augenfixierten Zweibeiner mag es so aussehen, als ob der ungeschickte Hund das Spielzeug übersehen hätte, aber dem ist nicht so. Er kommt zu ihm zurück. Er überprüft einfach nur zuerst die Konzentration aller Gerüche in der Nähe, um so die Quelle des stärksten Geruchs zu finden – etwa so, als würden Sie sich erst einmal einen schnellen Gesamtblick über ein aufgebautes Buffet verschaffen, bevor sie sich für die belgische Waffeln entscheiden (die Sie vielleicht von vornherein schon haben wollten). Unterwegs macht der Hund viele kleine, kurze Schnüffler – etwa fünf bis zwölf pro Sekunde, jedenfalls genug, dass ich alleine schon bei der Vorstellung hyperventiliere. Das Schnüffeln findet ungefähr in der gleichen Frequenz statt wie das Hecheln (im Schnitt 5,3 Zungenbewegungen pro Sekunde). Das ist ein energieeffizienter Wert, was auch aufs Schnüffeln zutreffen könnte.
Der Hund saugt eine Luftmenge aus etwa zehn Zentimetern Entfernung an und atmet sie ein – das ist, was man die „Reichweite“ der Nase nennt. Wenn sie die Gelegenheit haben, werden Hunde, wie jeder leidgeprüfte Besitzer weiß, diese Distanz bis auf einen Zentimeter oder gar direkten Kontakt mit der Geruchsquelle zu verringern versuchen. Manchmal werde ich von Hundebesitzern gefragt: „Wenn ihr Geruchssinn doch so gut ist, warum können sie es dann nicht von hier aus riechen?“ Sprich aus einer sicheren und anständigen Entfernung? Aber wir verwechseln ihre Nasen mit unseren. Sie versuchen gar nicht, das Objekt aufzuspüren, sondern sie versuchen, seine Konturen zu unterscheiden und all seine Merkmale wahrzunehmen, ein Maß seines Geruchs zu nehmen.
Am schnellsten wird die Luft aus etwa einem Zentimeter Entfernung angezogen. Aus diesem Abstand kann der Hund mit jeder Nasenöffnung unterschiedliche Geruchsproben gewinnen, die ihm letztlich eines bilaterales Geruchsbild, quasi ein „Stereoriechen“ verschaffen. Genau wie die von unseren beiden Augen wahrgenommenen Bilder im Gehirn zu einem dreidimensionalen Bild der Welt zusammengesetzt werden, so helfen dem Hund auch die unterschiedlichen Stärken im Geruchsbild jeder Nasenöffnung, die Geruchsprobe im Raum zu orten – ob sie sich rechts oder links, vor oder hinter ihm befindet.
Angesichts dieser Tatsache ist die Frage, warum ein Hund seine Nase unbedingt direkt ans Hinterteil eines anderen Hundes halten muss, so, als würde man Sie fragen, warum Sie van Goghs Sternennacht unbedingt von so Nahem betrachten müssen, dass Sie jeden Pinselstrich erkennen, wo Sie es doch auch von der Tür des Nachbarraums aus sehen könnten.*
Canide Luftströme
Der deutlichste Unterschied zwischen dem Schnuppern der Hunde und unserem tritt aber zutage, wenn Hunde ausatmen. Unsere Ausatmer gehen auf direktem Weg wieder durch den Eingang hinaus, quasi durch die Tür, durch die sie gekommen sind. Dabei schieben sie alle neue Luft aus dem Weg und verhindern, dass sie reinkommt. Das kann eine großartige Erleichterung sein, wenn Sie einen schlimmen Gestank aus Ihrer Nase vertreiben möchten, schickt aber auch liebliche Düfte davon, noch ehe sie richtig angekommen sind. Wenn ein Hund ausatmet, produziert er das, was Settles charmant als „ausgeatmete verwirbelte canide Nasenöffnungsluftströme“ bezeichnet. Mit Hochgeschwindigkeitsaufnahmen von Hundenasenöffnungen und Luftbewegungen fand Settles heraus, dass Hunde winzige Windströmungen schaffen, indem sie nicht auf geradem Weg ausatmen, sondern durch die Seitenschlitze ihrer Nasen. Diese Strategie minimiert die Verlagerung ankommenden Geruchs durch den Luftstoß, der beim Ausatmen entsteht. Die Flügel der Nasenöffnungen weiten sich, das Nasenflugzeug ist fertig zum Start und die Ausatmungsluft verschwindet durch eine raffinierte versteckte Nebentür. Sie lässt damit nicht nur neuem Geruch freie Bahn, sondern der Luftstoß beim Ausatmen hebt sogar noch mehr Geruchspartikel von der jeweiligen Oberfläche ab und schafft einen Sog, der die nächste Nase voll Geruch in die Hundeschnauze befördert. Die ausgeatmeten Nasenluftströme sind kleine rotierende Wolkentrichter, die Dorothy aus dem „Zauberer von Oz“ mitsamt ihrem Haus und ihrem kleinen Hund direkt nach oben in die Nase ziehen.

Sie erinnern sich an die kurze, nachdenkliche Pause, die Ihr Hund über dem Spielzeug macht, das er gerade sucht? Sie dauert nur einen Moment. Er schickt seine „ausgeatmeten Luftströme“ direkt auf die Geruchsquelle, woraufhin weitere Geruchspartikelwolken vom Spielzeug und vom Boden nach oben kommen. Mit diesen Luftströmen vergrößern Hunde im Grunde die Nasenreichweite, indem sie synchron pusten und einsaugen.
Ein Wissenschaftler, mit dem ich einmal sprach, verglich diese Art des Schnüffelverhaltens mit der Atemtechnik namens Zirkularatmung, die Spieler mancher Holz-oder Blechblasinstrumente lernen müssen. Es ist dieses Schnüffeln ohne Punkt und Komma, das es den Hunden ermöglicht, sich ein ständig fortlaufendes Bild von der Welt zu machen – genau so, wie wir ja auch nicht bei jedem Lidschlag eine Unterbrechung in unserem Sichtbild erfahren.
Settles machte dieses luftstromgeförderte Schnuppern sichtbar, indem er die spezielle Technik der Schlierenfotografie nutzte. Dabei werden Spiegel und Zeitlupenkameras eingesetzt, um Bilder von Luftströmen festzuhalten. Die Fotos machen erwärmte Luft als verzerrte Wolken sichtbar, die aus Mund und Nase strömen. In Zeitlupen-Schlierenfilmaufnahmen werden die Hundeschnauzen fast körperlich für uns greifbar: Sie strecken sich vor und ziehen sich zurück, um die Luft in Bewegung zu bringen; der Fang scheint sich geradezu zu schlängeln wie eine Qualle, die sich durch die Untiefen des Meeres quetscht. Aber auch mit bloßem Auge können Sie schon etwas davon erkennen: Beobachten Sie einfach einmal Ihren Hund, wie er an einer besonders staubigen Bodenstelle schnuppert. Nach einem besonders energischen Schnüffler an irgendetwas Unsichtbarem können Sie ganz leicht das vom schnaufenden Ausatmen verursachte kleine Wölkchen aus Staub, Schmutz und Geruch erkennen, das in die Luft und vor die Hundenase getrieben wird.
Kann das Schnüffeln wirklich für den guten Geruchssinn des Hundes verantwortlich sein? Nun ja, es ist eine von mehreren Schlüsselkomponenten. Wir wissen das daher, weil Hunde ganz offensichtlich ihre Riechleistung verlieren, wenn sie hecheln. Überhitzte Hunde können nicht mehr viel riechen. Hunde haben keine Schweißdrüsen, die es ihnen ermöglichen würden, Hitze über ihre Hautporen loszuwerden. Sie haben nur ihre beweglichen, pulsierenden Zungen. Sie müssen also hecheln – und das Hecheln drückt, wie die Schlierenfotografie zeigt, eine solche Menge an Luft heraus, dass keine riechende Luft mehr bis zur Nase gelangen kann. Der hechelnde Hund muss erst seinen Fang schließen, um wieder gut riechen zu können.
Das Schnüffeln meines Finnegan ist gut hörbar – er hat seine eigene, ganz persönliche Kombination aus Schnaufen, Grunzen und Prusten. Draußen ist er ein Nase-auf-dem-Boden-Hund, der unsichtbare Geschichten im Gras liest. Geben Sie ihm einen bei den örtlichen Hunden beliebten Baumstamm und er wird ihn mit seinem schnellen Schnupf-Schnüffeln und seinen turbulenten Ausatmungsströmen überziehen. Mich, die ich am anderen Ende der Leine hänge, bringt er abrupt zum Stoppen, weil er seine Nase in einen Geruch stecken muss und seinen ganzen Körper auf dem Boden festzementiert, damit seine Nase frei arbeiten kann. Upton, unser zweiter Hund, hat das Schnüffeln von Finn gelernt – gelernt, dass es in diesem Haus in Ordnung ist, plötzlich stehenzubleiben und zuerst die Gerüche zu untersuchen, bevor man weitergeht.
Schnauze
Wenn jemand nicht wüsste, welches die dominanteste Sinneswahrnehmung von uns Menschen ist, würde es ihn nur ein paar Minuten Beobachtung kosten, das herauszufinden. Wir führen uns alles, das wir wahrnehmen oder untersuchen wollen, vor Augen. Etwas befindet sich seitlich von uns? Wir drehen den Kopf (und damit die Ohren weg), sodass unsere Augen es direkt anschauen können. Wir hören etwas über unserem Kopf oder unter unseren Füßen? Wir versuchen nicht etwa, nach oben zu hören oder nach unten zu schnuppern: Wir schauen hin. Unsere Gesichter bieten zwar Augen und Nase ungefähr gleich viel Raum, aber die Augen sind von einer ganzen Reihe Schutzvorrichtungen umgeben – Augenbrauen, obere und untere Wimpern. Und viele von uns nutzen ihre Nasen zu nichts anderem denn als Sitzstange für große Brillengläser, die uns besser sehen helfen. Siehst Du?, erkundigen wir uns, ob jemand etwas verstanden hat – nicht etwa „Riechst Du?“ oder „Schmeckst Du?“. Für uns ist Sehen gleichbedeutend mit Verstehen. Wenn wir andere treffen, begrüßen wir uns gegenseitig mit den Augen: Jemand nicht anzuschauen gilt als unhöflich, wenn nicht sogar anormal. Beim Gehen lenken wir schon Sekunden, bevor unsere Füße die Richtung ändern, unseren Kopf und unsere Augen auf einen Wendepunkt.
Genau so geht es dem Hund mit seiner Nase. Allein schon nur ihre Position am Hundekörper trägt erheblich dazu bei, dass so fein abgestimmtes Schnüffeln möglich ist. Die Schnauze steht ganz einfach vor. Es ist kein Zufall, dass sie sich am Ende eines Kopfes befindet, der über einen sehr beweglichen Hals bis auf den Boden reichen kann – dorthin, wo die meisten Gerüche liegen. Hunde verbringen nicht viel Zeit mit der Frage, wie es wohl in den Baumwipfeln riecht: Sie schnüffeln an Dingen, die entweder aus der Erde kommen oder auf ihr gelandet sind. Auch wichtige anatomische Teile hündischer Artgenossen befinden sich auf, nun ja, ungefähr Nasenhöhe.
Hundeschnauzen sind aus gutem Grund so lang: Die Evolution investiert nur dann in größere anatomische Immobilien, wenn dies guten Nutzen bringt. Die höhlenähnlichen, feuchten Gänge, die unter Haut und Fell liegen, sind vollgepropft mit Luftfiltern, Befeuchtern und Erwärmungsvorrichtungen. Wenn Sie einen erheblichen Teil Ihres Lebens damit verbringen, Hundehinterteile und verwesende Eichhörnchenkadaver zu beriechen, tun Sie gut daran, über einen hervorragenden Luftfilter zu verfügen. Die eingeatmete Luft wird gereinigt und klimatisiert, bevor sie in die hinteren Nasenbereiche gelangt. Sie muss erst für die höfische Präsentation zurechtgemacht werden, denn sie wird in den hinteren Gemächern auf königliche Neuronen treffen, die einen direkten Draht zum Gehirn haben.

„Aha, Sie wurden also von einer Nasenöffnung gefangen,“ sagt Craven, während er Sie, die Sie sich unerschrocken auf dem Geruchsmolekül festklammern, durch das Innere der Schnauze geleitet. „Ganz schön stürmisch hier im Empfangsraum.“ Der Hund zieht die Geruchsteilchen mit Hilfe seiner Lunge in die Nasenhöhle, wo die Luft turbulent und chaotisch ist. Und dann treffen wir auf eine Gabelung in der Nase. Eingeatmete Luft kann nun einen von zwei Wegen nehmen: Den Atem- oder den Schnüffelweg. Wenn Sie den Atemweg nehmen, werden Sie angewärmt und befeuchtet und reisen zur Lunge weiter. Aber falls Sie zu Riechzwecken von einem Hund aufgeschnuppert wurden, reisen Sie eine ganz andere Route entlang, und zwar auf einer Schnellstraße in Richtung Geruchszentrum. Ein Luftstrom schwirrt einen verschlungenen, turbulenten Pfad entlang, vorbei an einer Reihe dünner, gebogener Knochen, den Nasenmuscheln, entlang, die im Querschnitt einem großen, auf kleinen Raum zusammengefalteten Gehirn ähneln. Auch die Nasenmuscheln sind Teil des Reinigungssystems. Weiter hinten sind einige von ihnen außerdem auch mit Gewebe bedeckt, das beim Riechen hilft. Die Muscheln bilden die achterbahnähnlichen Strecken, die der Geruch auf seiner Schnüffelreise entlangfegt.
Da die Luft entlang der Geruchsstraße nur in Einbahnrichtung verkehrt (Gerüche werden dann entweder über die spezielle Atemroute ausgeatmet oder von Enzymen zerlegt), können Hunde etwas ganz besonders Irres mit ihren Nasen anstellen: Sie können ankommende Gerüche in Gruppen sortieren. Manche Gerüche werden leichter absorbiert als andere, was bedeutet, dass sie schon früher auf ihrem Weg durch die Nase von den Sinneszellen festgehalten werden. So fanden Forscher zum Beispiel heraus, dass ein Bestandteil des Sprengstoffs TNT, nämlich DNT, leichter als andere Gerüche aufgegabelt wird, was der Grund dafür sein könnte, dass Suchhunde ihn offensichtlich mit Leichtigkeit finden können. Er ist stärker löslich, löst sich also schon früher in der Nase als beispielsweise ein Molekül wie Amylacetat (riecht nach Banane), welches wiederum stärker löslich ist als Limonen (riecht nach Zitronen), das es bis ganz nach hinten zum Seitenventrikel (Recessus olfactorius) schafft, bevor es in die Schleimhaut absorbiert wird und einen Rezeptor findet, an den es sich binden kann. Wir verlangen ja eher selten von Hunden, dass sie Bananen für uns aufspüren, aber wir könnten es ohne weiteres tun.*
Dank der Anordnung der verschiedenen Sinnesrezeptoren in der Nase kann ein Hund mit der Identifizierung und Unterscheidung von Gerüchen schon in seiner Nase beginnen, bevor das Gehirn überhaupt beteiligt wird.
Gegen Ende des Kanals wird der Geruch plötzlich abgebremst. Hier sind die Muschelknochen mit Riechschleimhaut bekleidet, einem bräunlichen Gewebe, das die Sinneszellen beherbergt, welche die Gerüche aus der Luft fangen und in dem die magische Verwandlung von „Geruch“ zu „Geruch, den man riecht“ beginnt.
„Dann,“ so warnt mich Craven, „werden Sie irgendwann von dem Schleim, der diese Luftwege auskleidet, entweder niedergeschlagen oder absorbiert, und Sie werden sich langsam auflösen.“ Was nicht so grausam ist, wie es sich anhört. Eine dünne Beschichtung, etwa zehn Mikrometer stark, bildet den Übergang von der Außenluft zu den inneren Nervenzellen. Der Geruch, auf dem Sie sitzen, wird innerhalb einer Zehntelsekunde durch die Schleimhaut wandern, was etwa auch die Zeit ist, die ein Schnüffler vom Naseneingang bis in den hinteren Nasenbereich benötigt. Aber für den Moment können Sie sich erst einmal entspannen.
Eine Nische für Gerüche
Sie sind in der Sackgasse der Hundenase angekommen, im Recessus olfactorius. Dies ist der am weitesten hinten gelegene Teil der Nase, der sich von einem Punkt zwischen den Augen aus gesehen etwas mehr als einen Zentimeter tief im Schädel befindet. Im Recessus olfactorius können Gerüche herumhängen und eine Sinneszelle zu finden versuchen, an die sich ankuscheln und mit ihr etliche Runden Ein- und Ausatmen drehen können. Hunde bekommen die Gelegenheit, wirklich ausgiebig über die Gerüche nachzudenken, die sie eingeschnuppert haben, bevor die Luft wieder nach draußen entwischt.
Der Recessus ist, genau wie einige Knochen auf dem Weg zu ihm, mit der zuvor schon erwähnten Riechschleimhaut ausgekleidet. Wenn es in Zeitungsartikeln heißt, dass der Geruchssinn von Hunden zehntausend Mal, gar eine Million Mal oder was-weiß-ich um welchen Zehnerexponenten besser ist als der von Menschen, ist eins der am häufigsten zitierten anatomischen Beweisstücke die Größe der Riechschleimhaut, also der Platz in der Nase, der auf das Riechen von Gerüchen spezialisierte Sinneszellen enthält. Auch wenn solche Vergleichszahlen immer etwas suspekt (und für unterschiedliche Gerüche auch immer sehr variabel) sind, sind Hunde auf jeden Fall erheblich besser mit olfaktorischen Sinneszellen ausgestattet als Menschen. Wenn man die Riechschleimhaut eines Hundes außen über seinen Körper ausbreiten würde, würde er diesen vollständig abdecken. Bei uns Menschen würde die Riechschleimhaut in etwa ein Muttermal auf unserer linken Schulter abdecken.
Die Riechschleimhaut ist von einer dicken Matte aus Zilien bedeckt, das sind kleine, haarähnliche Ästchen, die aus den Sinneszellen herausragen. Aus jedem Nerv sprießen ein paar Dutzend Zilien, und jede ist von Dutzenden von Proteinen umhüllt, die man olfaktorische Rezeptorzellen nennt. Rezeptoren tun das, wonach sich ihr Name anhört: sie nehmen Gerüche in Empfang. Um das zu tun, stehen sie sorglos und ungestört mitten in der schleimigen Umgebung der Nase herum und sind perfekt dafür gemacht, auf einem Schnüffler vorbeikommende Geruchsmoleküle aus der Luft zu fangen.
Hunde können in jeglicher Hinsicht mehr Riechbares in ihre Nasen packen: sie haben viele Zilien auf jeder Nervenzelle und auf jeder Zilie mehr Rezeptoren als Menschen. Tatsächlich hat sogar jeder Hund Hunderte von Millionen mehr Zellen, die zum Entschlüsseln von Gerüchen gemacht sind, als wir Menschen. Hunde haben je nach Rasse zwischen zweihundert Millionen bis eine Milliarde Rezeptorzellen in ihren Nasen, wir dagegen zum Vergleich rund sechs Millionen. Im Fall des Hundes ermöglicht mehr Nasenmasse aber auch mehr verschiedene Rezeptoren, nämlich über achthundert, die einfach mehr Informationen über die Gerüche entschlüsseln können.
Diese Zahl – achthundert und irgendwas – lässt die Wissenschaftler einen Moment verstummen. Das Auge, Beförderungsmittel beispielsweise des brillanten Bildes eines dramatischen Sonnenuntergangs hinter Gewitterwolken, benutzt gerade einmal drei Rezeptoren, um diese farbenprächtige Szene in unseren Köpfen zu erschaffen. Mit achthundert Rezeptoren mehr sind die Möglichkeiten für Geruchslandschaften schlicht atemberaubend. Die Zahl der Gerüche, die Hunde entschlüsseln können, könnte theoretisch „Milliarden“ betragen, schreibt Dr. Stuart Firestein, Gerüche untersuchender Neurowissenschaftler an der Universität von Columbia. Aber „im Grunde ist diese Frage vermutlich nicht relevant, genauso wie es kaum sinnvoll ist, zu fragen, wie viele Farben oder Farbschattierungen wir sehen können.“
Auch wenn Gerüche auf ihren Rezeptoren landen, sind sie immer noch undercover. Die Nase weiß nicht, wer sie sind. Es gibt nicht etwa so etwas wie einen „Käserezeptor“, der von Antje aus Holland aktiviert wird und die Nase meines Hundes in Richtung Küchenarbeitsplatte steuert. Und es gibt auch keinen „Eichhörnchenkadaver-Rezeptor“, trotz des großen Eifers, den Hunde an den Tag legen, um die Überreste eines glücklosen Eichhörnchens im Park zu finden. Jeder Geruch aktiviert einfach viele Rezeptoren; es gibt nicht einen Rezeptor für jeden Geruch.
Auch wenn man die Mittel und Wege der Geruchsrezeption noch nicht abschließend erforscht hat, so benutzt doch die am meisten verbreitete Theorie dazu, wie das vonstattengeht, das Sinnbild von Schlüssel und Schlüsselloch. Nach diesem Modell sind die Rezeptoren die Schlüssellöcher beziehungsweise Schlösser verschiedener Formen und Größen, während die verschiedenen Moleküle, aus denen Gerüche bestehen, die Schlüssel sind. Eine verwandte Theorie besagt, dass die Rezeption von Gerüchen weniger spezifisch ist als ein Schlüssel im Schloss, sondern eher an einen Schlüssel in einer Tasche erinnert, in der mehrere verschieden geformte Schlüssel sich an einen Rezeptor binden und ihn zum Losfeuern von Signalen bringen können. Wie passend für Hunde, diese alten Taschenschnüffler.
Als die Biologen Dr. Linda Buck und Dr. Richard Axel den Nobelpreis für ihre Arbeit zum Geruchssinn erhielten, wurde damit ihre Arbeit zur Entdeckung der Gene ausgezeichnet, die diese Rezeptoren codieren. Erstaunlicherweise sind olfaktorische Gene im Säugetier-Genom stark überrepräsentiert. Hunde haben etwa elfhundert olfaktorische Rezeptorgene, von denen rund achthundert aktiv tätig sind.*
Merken Sie sich einmal die Zahl 19.000 – aus so vielen Genen besteht das Genom Ihres Hundes, also quasi sein Entwurf, der für die Schaffung seines gesamten Körpers von der charmant geringelten Rute bis zu den ausdrucksvollen dunklen Augen verantwortlich ist. Fast fünf Prozent des Genoms dienen zu nichts anderem als nur zur Schaffung von Geruchsrezeptoren – das macht jede Menge Schlösser, um die Schlüssel dieser Welt zu riechen.
Hunderassen unterscheiden sich in ihrer Riechfähigkeit, was daran liegen könnte, dass sie unterschiedlich viele operative olfaktorische Gene haben: Boxer (mit kurzen Nasen, in denen die Nasenmuscheln komprimiert werden) haben etwas weniger funktionale Gene als Pudel (lange Nasen und respektable Schnüffler). Auch wenn man mit der Forschung zu diesem Thema gerade erst begonnen hat, gibt es doch einige Hinweise darauf, dass bestimmte Gene sogar mit der Entschlüsselung bestimmter Gerüche zu tun haben könnten. In einer Studie fand man eine kleine Abweichung an einem bestimmten Gen von Hunden, die im Aufspüren von Sprengstoff weniger gut abschnitten.
Wenn genetische Unterschiede zu Unterschieden in der Geruchserkennung führen, könnte man fragen, ob bestimmte Rasse genetisch gesehen bessere Schnüffler sind als andere. Insofern, als dass irgendeine unbestimmte Unterkategorie von Genen dazu führen könnte, dass ein Hund einen Geruch wahrnehmen kann, den ein anderer Hund nicht riecht, ja. Ob der genetische Unterschied in der Riechleistung Teil der genetischen Unterschiede zwischen den Rassen ist, ist eine andere Frage – und eine vorerst unbeantwortete.
Geruch trifft Ventilator
All diese Arbeit, um zur Rezeptorzelle zu kommen – und der Geruch hat es immer noch nicht geschafft. Der Duft des toten Eichhörnchens oder irgendeiner beliebigen anderen Substanz wird nur dann entdeckt, wenn Bestandteile des Geruchs, nachdem sie sich an Rezeptoren angekuschelt haben, die Nervenzellen auch zum Feuern bringen. Diese verändern dann ihre elektrische Spannung und schicken ein Aktionspotenzial über ihre ganze Länge hinweg, das nun die Nase verlässt und ins „Nasengehirn“ gelangt: in den Riechkolben. Zehntausende Millionen Nervenzellen finden sich zu ein paar Tausend Bündeln zusammen und schlüpfen durch kleine Öffnungen im Knochen ins Gehirn.
Ganz früher dachte man, dass das Riechen im Gehirn stattfindet und die Nase nur die Zuleitung ist. Selbst im zwanzigsten Jahrhundert und mit dem Aufkommen der Gehirn/Computer-Vergleiche hörte man nicht selten, dass die Nase quasi das Gebläse oder die Lüftung des Supercomputers namens Gehirn sei. Heute wissen wir, dass das Ganze sich etwas elektrischer verhält. Santiago Ramón y Cajal, ein früher und einflussreicher Anatom, kartierte Ende des neunzehnten Jahrhunderts den Weg von der Nase zum Gehirn und beobachtete dabei, dass Nerven (die die Information aufgenommener Gerüche tragen) ins Gehirn eindringen, nicht die Gerüche selbst.
Der Riechkolben sitzt direkt hinter dem Nasenhintergrund, eingezwängt unter dem Frontallappen des Gehirns. Die Nase ist der schnellste Weg ins Gehirn: Ein Neuron gelangt aus der warmen, nach Abendessen und leicht nach umherschwebenden Hundehaaren duftenden Luft Ihres Wohnzimmers in die hochklimatisierte Umgebung des Gehirns. Vor dem Riechkolben „weiß“ eine Nervenzelle nur, dass sie sendet; im Riechkolben finden sich die Axone Tausender Nervenzellen der gleichen Rezeptorenart alle an einem einzigen Zielort zusammen und überschütten ihn mit Aktivität. Dies alles zusammengenommen scheint die Empfindung der Geruchswahrnehmung zu schaffen. So, wie ein Geruchsmolekül von den Rezeptoren gepackt und auseinandergenommen wird und damit viele Nervenzellen zum Feuern bringt, so wird es in den topographischen Schichten des Riechkolbens auch wieder rekonstruiert. Kleine Hinweisspuren von vielen Zellen werden in die Wahrnehmung des stinkenden Verwesungsgeruchs übersetzt, der die Entdeckung Ihres Hundes kennzeichnet.
Man würde vielleicht erwarten, dass der Riechkolben des Hundes gigantisch groß ist. Ist er nicht. Aber er macht zwei Prozent seines gesamten Gehirns aus, zwei Cent eines Eurostücks. (Bei Menschen ist er verschwindend klein: weniger als ein Dreißigstel eines Cents.) Und das macht einen Unterschied: Der Riechkolben übersetzt die Signale der Nervenzellen in so etwas wie die Wahrnehmung eines Geruchs.
Vom Riechkolben aus wird die Geruchsinformation auf eine fast unmittelbar losgehende und umfangreiche Wiedererkennungssuche durch das Hundegehirn gejagt: Welche Gefühle mit dem Geruch verknüpft sind, welche Erinnerungen er wecken und welche Verhalten er auslösen könnte. Für einige dieser Entscheidungen verbindet sich der Riechkolben direkt mit dem Riechhirn sowie mit dem subkortikalen limbischen System, das dem Geruch die emotionale Färbung wie zum Beispiel Angst oder Aufregung hinzufügt.
Untersuchungen zur Reaktion des Gehirns auf Gerüche hatten immer ein gemeinsames Element: das Subjekt mit irgendetwas extrem Stinkigem zu konfrontieren und das Ergebnis zu messen. Einer der frühen Wissenschaftler, der die Gehirnreaktionen auf Geruch studierte, war der Physiologe Edgar Adrian, der den bescheidenen Igel verschiedenen Gestänken aussetzte, darunter dem verwesender Würmer. „Wasser, in dem einem Regenwurm zu verwesen erlaubt wurde“ rief eine deutliche Reaktion auf Seiten des Igels hervor.
Stärker zeitgenössische Wissenschaftler konfrontierten Kaninchen mit scharf riechendem Cheddar-Käse, lockten Tsetse-Fliegen mit einem Gemisch aus Ochsen- und Büffelurin an, setzten verängstigte Ratten den Analdrüsensekreten ihrer Fressfeinde Wiesel und Rotfuchs aus oder, ein neuerer Versuch, hielten Hunden den Achselhöhlengeruch ihrer Besitzer unter die Nase.
Hier müssen wir zur Erklärung etwas weiter ausholen: Neurowissenschaftler haben oft eine Vorliebe für Versuche, die großen Fragen zum Geist und zum Denken mit Hilfe von Geräten beantworten zu wollen. Magnetresonanztomographen (MRTs) können, wenn man sich in ihnen drin befindet oder von ihnen generierte Bilder anschaut, oberflächlich betrachtet wie Gedankenleser erscheinen. Bei der „funktionellen“ MRT liegt das Subjekt auf einer Plattform, die von einer Röhre umgeben ist, in der sich ein sehr starker Magnet befindet. Durch Störungen des Magnetfelds können Bilder des Blutflusses im Gehirn (und damit der neuralen Aktivität) festgehalten werden. Legen Sie sich hin und denken Sie an Ihre Großmutter, und diejenigen Bereiche Ihres Gehirns, in dem Ihre Erinnerungen an Omas schiefes Lächeln, an ihre Brille, an den Geruch von Talkum und an die Spielzeuge sitzen, die sie für Sie gebastelt hat, als Sie noch klein waren, werden auf dem Computerbildschirm aufleuchten.
Aber eine fMRT wird niemals die Frage beantworten, wie es sich anfühlt, diese Erinnerungen zu haben oder Omas Geruch wieder in sich wachzurufen. Bilder von Gehirnbereichen erklären nicht, wie der Geruch von Talkumpuder in mir das Erinnerungsbild an meine Großmutter weckt, wie sie im dunklen, vollgestellten Wohnzimmer in ihrem Spezialsessel sitzt. Stattdessen lässt das Gerät uns die Aktivität von weitem betrachten: Man schaut dem Meteoritenschauer der Perseiden zu, ohne deshalb Antwort auf die Fragen des Universums zu finden. Und so haben auch ein paar Forschungsprogramme damit begonnen, die Gehirne von Hunden in MRTs zu betrachten. Was an sich schon für beide Spezies eine – wenn auch machbare – Mammutleistung in Sachen Training und Geduld ist, da die Hunde im Tomographen bei Bewusstsein, sprich wach sein, aber trotzdem vollkommen stillhalten müssen. In einer der ersten MRT-Studien hatte man untersucht, welche Bereiche in den Gehirnen von Hunden angesprochen wurden, denen man den Geruch ihrer Besitzer vorhielt.
„Geruch der Besitzer“ meint in diesem Fall den Geruch aus den Achselhöhlen der Besitzer, den man mit einem Gazepad abgenommen hatte und nun damit vor der Nase des bäuchlings im MRT liegenden Hundes wedelte. Man fand heraus, dass ein Gehirnbereich namens Nucleus caudatus angesichts des Achselhöhlengeruchs vor Aufregung geradezu tanzte. Die Wissenschaftler hatten nach diesem Bereich Ausschau gehalten, weil er leicht auf dem MRT-Bild zu erkennen ist und weil er mit Belohnungsempfindungen in Verbindung gebracht wird.
Ich schlage noch eine weitere Methode vor, um zu erforschen, wohin genau die Geruchsinformation im Gehirn geht: Beobachten Sie Ihren Hund. Wenn Sie Ihr Leben mit einem Hund teilen, dann wissen Sie, was passiert, nachdem sein Gehirn ein totes Eichhörnchen identifiziert hat. Kein Hund wartet und denkt über die Tragweite seines nächsten Schrittes nach, bevor er handelt.
Er wirft sich darauf und wälzt sich darin.
Das passt zu einer Theorie, die von Stuart Firestein vertreten wird: „Meine verrückteste Idee – möchten Sie sie hören?“ Ja, möchte ich. „Ich denke, dass die tatsächliche Wahrnehmung eines Geruchsobjekts“ – das Gefühl, einen Geruch zu erleben – „vermutlich erst dann stattfindet, wenn sie sehr nah am oder sogar im Motorkortex auf ihn treffen,“ erklärt mir Firestein. „Denn das meiste, was wir in Sachen Geruch unternehmen, hat etwas mit dem Treffen von Entscheidungen zu tun: Soll ich es in den Mund nehmen, soll ich davor fliehen, soll ich es ficken oder was auch immer soll ich damit tun?“
Tatsächlich wandern einige der Signale des Riechkolbens direkt zum Motorkortex, demjenigen Teil des Gehirns, das die Bewegung kontrolliert. Der Motorkortex steuert die Muskeln in den Beinen des Hundes, die daraufhin elegant einknicken, den präzisen Neigungswinkel des Kopfes, um ganz genau in dem lecker riechenden Zeugs zu landen und die Intensität des Windens auf dem Rücken, die erforderlich ist, um den Geruch möglichst gleichmäßig auf sich zu verteilen. Und achten Sie einmal darauf: Das Erste, was der Hund tut, nachdem er wieder von der Eichhörnchenkadaver-Wälzorgie aufsteht, ist, einen weiteren Hauch des Geruchs zu erhaschen.
VNO
Er leckt. Er leckt mein Knie, mein Gesicht, meine Ohren. Er leckt die Luft, während er mir näher kommt und seine Zunge nach mir ausstreckt. Es fühlt sich nach Zuneigung an, und ich lächle. Aber er leckt auch die Hausecke, jenen besonders intensiv riechenden Flecken Gras und – seufz – das Hinterteil der Katze.
So viel Nase! Aber bei Hunden ist, genau wie bei vielen anderen Säugetieren auch, das olfaktorische System größer als nur die Nase. Hunde haben eine Art „zweite Nase“ direkt unter dem Knochen, der die beiden Nasenlöcher voneinander trennt und der über dem Gaumendach liegt. Zwei Knorpelschnecken beherbergen das, was man als vomeronasales Organ bezeichnet (von Wissenschaftlern, die sich vier Silben sparen wollten, kurz angebunden VNO genannt) und das ebenso sehr zum Riechen beiträgt wie die Nase selbst. Der Namensbestandteil vomer beschreibt die Form des Organs: Es ist wie eine Pflugschar, lateinisch vomer, geformt. Unter der Nase versteckt, kann das Organ durch einfaches Schnüffeln nicht erreicht werden, sondern die Gerüche müssen erst in der Schleimhaut gelöst und dann aufgesaugt werden. Dieser Pumpmechanismus entsteht entweder durch direkte Berührung des Geruchsmoleküls oder durch das Ziehen eines absolut albern aussehenden Gesichts, das man als Flehmen bezeichnet. Sollten Sie einmal ein Pferd dabei beobachten, wie es seine Oberlippe hochzieht und mit in sich gekehrtem Blick leicht zu erzittern scheint, dann sind Sie gerade Zeuge eines klassischen Flehmens: Der Geruch wird zurück zum Nasengewebe gesogen, um dort absorbiert zu werden. Das Schwein öffnet zum Flehmen sein Maul sperrangelweit, während die Katze es nur ein kleines bisschen öffnet und dabei irgendwie beunruhigend verwirrt aussieht. Bei der Schlange schnellt die gegabelte Zunge hervor, um Gerüche einzufangen und beidseits an das VMO zu senden.
Die meisten Hunde zeigen kein klassisches Flehmen mit Hochziehen der Lippe, sondern haben ihre eigenen Methoden. Manchmal kräuselt ein Hund, nachdem er an etwas geschnüffelt hat, seine Nase und klappert mit den Zähnen – das ist die hündische Version des Flehmens. Oder noch besser – sie lecken. Die extravagante, lange Hundezunge eignet sich prima, um auch die letzten Reste aus dem Erdnussbutter-Glas zu lecken und Ihnen nach dem Laufen den Schweiß von den Beinen zu lecken, ja, aber sie ist auch der perfekte Mechanismus, um Gerüche zwecks näherer Untersuchung zum VNO zu transportieren. Boden lecken, Nase lecken, riechen.
Das VNO ermöglicht es dem Hund, diejenigen Arten von Molekülen zu entschlüsseln, die auf dem normalen Geruchsweg oft nicht erkannt werden können, so zum Beispiel Pheromone. Ein Pheromon ist ursprünglich definiert als Signal, das zwischen den Mitgliedern zweier Spezies gesendet wird und das den Empfänger dieses Signals dazu bringt, sich auf eine ganz bestimmte Art zu verhalten oder zu entwickeln. So bringt das von einem Eber produzierte Androstenon zum Beispiel eine Sau dazu, mehr oder weniger roboterhaft eine Paarungshaltung einzunehmen oder das von einem weiblichen Seidenspinner produzierte Bombykol heftet sich an die Fühler des männlichen Seidenspinners und bringt diesen dazu, nach ihr zu suchen. Pheromone werden von einer unglaublichen Vielfalt von Organismen benutzt, von Hummern über Kaninchen und Ameisen bis hin zu Bakterien.
Was diese Pheromone für das VNO entschlüsselbar macht, ist, dass sie typische wasserlösliche, nicht-flüchtige Stoffe mit geringer Molekülmasse sind. Das gilt auch für viele andere Moleküle wie etwa Hormone oder „gemischte Signaturstoffe“, die Informationen zur Identität eines Lebewesens oder zur Familie beziehungsweise zum Rudel enthalten, zu dem es gehört. Die VNO-Rezeptoren sind im Gegensatz zu den eher allgemeineren Geruchsrezeptoren in der Nase darauf eingestellt, sehr spezifisch und sehr empfindlich zu reagieren. Der Nase-Hinterteil-Nase-Schnüffeltanz zwischen Ihrem und einem anderen Hund ist eine chemische Unterhaltung der beiden über ihr Geschlecht, ihre Paarungswilligkeit, ihre Gesundheit und auch darüber, wer jeder von ihnen eigentlich ist. Diese Informationen sind in Urin und Speichel jedes Lebewesens enthalten.
Nieser
Von der eigentlichen Schnauze selbst, dem fest gesetzten Spieler im Gesicht, abgesehen, kommandiert der Geruchssinn des Hundes aber auch noch andere Körperteile und Verhaltensweisen zu seinen Gunsten. Nicht umsonst sind Bloodhounds mit so langen Ohren gesegnet. James Thurbers berühmte Zeichnungen der Rasse zeigen ebenso viel Ohr wie Kopf. Und die Ohren tragen dazu bei, dass die Mitglieder dieser Rasse so herausragende Riechtalente sind. Wenn der Bloodhound seine Nase auf den Boden hält, wischen seine langen Ohren, die in Extremfällen über dreißig Zentimeter messen, Gerüche vom Boden auf, damit sie besser gerochen werden können. Sie sind zwei am Kopf angebrachte Wedel, die mögliche Gerüche direkt an den Riecher leiten. Selbst der Speichel, der von den Lefzen eines Bloodhounds hängt, könnte dabei helfen, Gerüche zur Begutachtung durch das vomeronasale Organ nach oben zu transportieren.
Ich habe aber durch einfache Beobachtung von Hunden noch zwei weitere Verhaltensweisen entdeckt, die mit dem Riechen zu tun haben. Viele meiner Studien, die ich im Dog Cognition Lab durchführe, fußen auf der Beobachtung von Hundeverhalten in natürlichen Umgebungen wie zum Beispiel in Stadtparks, in Gegenwart anderer Menschen oder anderer Hunde. Ich habe unzählige Stunden damit verbracht, Hunde beim Spielen miteinander zu filmen und dann ihr Verhalten zu dekodieren, indem ich mir die Aufnahmen in Einzelstücken von je ein Dreißigstel Sekunden ansah. Ich lasse das Video in dieser Super-Zeitlupe laufen, weil mich das Dinge sehen lässt, die uns im wahren Leben sonst entgehen. Aber es hat noch einen weiteren Vorteil: sich die Aufnahme in dieser Geschwindigkeit anzuschauen, hebt das uns am Hund so Vertraute auf und entfremdet ihn uns ein bisschen. Während es einen Riesenspaß macht, Hunden beim Spielen zuzuschauen (glauben Sie mir: es war ein hartes Stück Arbeit, eine Dissertationskommission davon zu überzeugen, dass es sich hierbei tatsächlich um richtige Arbeit handeln könnte), neigen wir Menschen von Natur aus dazu, zwar das Spiel zu sehen, aber nicht das, was eigentlich vor sich geht. Wir sehen, ohne zu sehen.
Wenn wir Hunden zuschauen, sind wir uns so unmittelbar und so selbstverständlich darin sicher, was sie gerade tun – Oh, die sind Freunde; guck, er möchte mitspielen; sie ist schüchtern und so weiter – dass wir die tatsächliche Beobachtung, was sie gerade tun, vorwegnehmen.
Während ich also Hunden auf diese Art und Weise zuschaute, machte ich eine überraschende Beobachtung: Hunde wedeln viel mit dem Schwanz, wenn sie jemand Neuen treffen oder einen Hund begrüßen, den sie schon kennen.
Wie, sagen Sie jetzt, das ist doch nichts Neues! Natürlich nicht. Wir wissen schließlich, warum Hunde wedeln. Ein entspanntes, lockeres Wedeln mit hochgestellter Rute ist ein Zeichen für Freundlichkeit. Ein schnelles, niedriges Wedeln dagegen deutet auf Angst hin. Da stimmt – aber allein die Tatsache, dass wir das wissen, macht es uns schwerer, zu erkennen, was das Wedeln sonst noch bewirkt. Es verteilt Geruch. Ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt – wenn eine Hündin mit ihrem Schwanz wedelt, verbreitet sie damit all den (aus Hundesicht) überaus faszinierenden Duft aus ihren Analbeuteln fächerförmig um ihren Körper herum. Sie sagt dem anderen Hund nicht nur, wie sie sich gerade fühlt, sondern teilt ihm über den Geruch mit, wer sie ist.
Es gibt unter den Tieren einen Präzedenzfall für den Einsatz des Schwanzwedelns als Duftverbreiter: Das Flusspferd wackelt beim Koten und Urinieren wie wild mit seinem winzigen Schwänzchen, um seinen Geruch besser zu atomisieren. Manche Nager und Eichhörnchen wedeln mit dem Schwanz, wenn ein möglicher Paarungspartner in der Nähe ist. Das Karibu benutzt seinen Schwanz, der von einen moschusartigen Geruch absondernden Duftdrüsen bedeckt ist, als „Geruchspinsel“, um einen Alarmduft zu verbreiten. Wenn also auch ein mit dem Schwanz wedelnder Hund einfach nur aussehen mag wie ein Hund, der fröhlich mit dem Schwanz wedelt, so sagt er doch: „Komm und schnupper diesen schwebenden Duft, der zu mir gehört.“
Außerdem entdeckte ich eines Tages beim Spazierengehen mit meinem Hund Finnegan noch ein weiteres gewöhnlich-ungewöhnliches Verhalten. Als wir an einem hoch aufgerichtet daherstolzierenden, schwarzen Großpudel vorbeigingen, der an strammer Leine unsere Straße entlang geführt wurde, schauten die Hunde sich gegenseitig an (und rochen sich). Plötzlich schüttelte der Pudel sich am ganzen Körper – im Weitergehen. Ich konnte beinahe sehen, wie die Duftwolken aus seinem lockigen Fell in Richtung Finns Nase stiegen und diesen innehalten ließen. Kann ein Hund sich absichtlich schütteln? fragte ich mich. Vielleicht war dies ja das hündische Äquivalent davon, wie ich mir in Gegenwart eines Verehrers flirtend durchs Haar fahre und dabei den Duft des leicht überteuerten Shampoos, das ich benutze, um mich herum verteile.
Als ich versuchte, durch das uns vertraute Hundeverhalten hindurchzusehen, lernte ich außerdem noch etwas über das Niesen. Niesen ist zuerst einmal Niesen, ganz klar: eine reflexhafte Reaktion, um die Nase von etwas Kitzelndem oder einem Fremdkörper zu befreien. Hunde niesen im Gegensatz zu Menschen ausschließlich durch die Nase, ohne Beteiligung des Mundes. Dieser Nur-Nasen-Weg ist ein Anzeichen für einen weiteren, zweitrangigen Nutzen des Niesens: die Nase von einem unerwünschten Geruch zu befreien. In diesem Fall bin ich der Meinung, dass Hunde das Niesen mit Absicht einsetzen, um das Riechen des einen Geruchs zu beenden und sich auf das Riechen des nächsten vorzubereiten. Beobachten Sie einmal Ihren Hund, wenn er an einer starken, kürzlich erst deponierten Duftmarke an der Hausecke riecht und achten Sie darauf, ob er nicht niest, bevor er seinen Weg fortsetzt. Dazu passend ist auch den Ausbildern von Spürhunden immer wieder aufgefallen, dass manche Hunde offensichtlich ihre Nase freimachen, indem sie den Kopf kurz vom Boden heben und etwas weniger stark riechende Luft einsaugen. Hierbei handelt es sich nicht um eine Pause oder um einen Fehler, sondern um einen wichtigen Bestandteil der Sucharbeit.

Letzten Endes ist es nicht die Größe des Riechkolbens selbst, der die Nase des Hundes so gut macht. Es ist auch nicht die Zahl der Rezeptorzellen an sich oder die Art, wie Hunde schnüffeln. Es ist auch nicht einfach nur die Länge der Nase. Es ist all das zusammen. Es ist das Schnüffeln, so, wie ein Hund es macht, durch die Nase, die er hat, in die vielen Rezeptoren, die diese Nase beherbergt und zu dem Gehirn, das sich so entwickelt hat. Das Ergebnis ist absolut erstaunlich.
Sicher haben Sie schon einmal einen Hund beim Schlafen beobachtet, der mit flackernden Augenlidern, zuckenden Pfoten und gedämpftem Bellen ganz offensichtlich zu träumen schien. Auch Hunde haben eine REM-Phase, das ist diejenige Schlafphase, in der wir am häufigsten träumen, weshalb es sehr wahrscheinlich ist, dass sie auch träumen: Sie jagen mit diesen zuckenden Pfoten und sie kündigen mit diesem verschluckten Bellen Eindringlinge an. Wenn Sie das nächste Mal einen träumenden Hund sehen, achten Sie einmal auf seine aktiven Nasenöffnungen. Bei einem solchen Nasentier kann man sich so gut wie sicher sein, dass es im Traum auch riecht. Vielleicht folgt Ihr Hund gerade dem Geruch seines Kumpels die Straße entlang, schnuppert frisch in den Napf gefülltes Futter oder untersucht einen interessanten Geruch, der gerade unter der Haustür hereindringt.
Gehen Sie hin und sehen Sie sich die Nase Ihres Hundes nochmals an. Ich liebe es, meinen Hunden in die Augen zu sehen: Ein gegenseitiger Blick steckt voller Verstehen und ist eine stille Übereinkunft, dass wir zusammengehören. Dass Hunde uns anschauen, ist das, was einen frühzeitlichen Urhund, der um die Ränder der ersten Dörfer schlich, schrittweise zu dem machte, was heute auf Ihrem Schoß sitzt und bei Ihrem Anblick wedelt.
Aber jetzt sehe ich mir auch die Nasen meiner Hunde an – ihre ganze Länge, besonders aber ihre feuchte Spitze – und auch das bringt mein Herz zum Hüpfen. Was mich dabei bewegt, ist, wie tief das Wissen ist, das diese Nase über die Welt besitzt.

Wenn Sie mit Humanpsychologen und Neurowissenschaftlern sprechen, werden diese Ihnen sagen: Ach wissen Sie, es ist ein Mythos, dass Hunde so viel besser riechen können als Menschen. Und dann schauen Sie ihnen einmal ins Gesicht und fragen sie, was sie denn heute gerochen haben. Die Antworten werden von „nichts“ bis hin zum dichterischen „saftige Wiesen, Präriegras“ reichen, wie mir der Geruchsforscher und Autor Dr. Avery Gilbert aus seinem neuen Zuhause in Colorado berichtet. So weit so gut. Nun überlegen Sie mal, wie es wäre, einen Hund zu fragen. Wenn ein Hund sprechen könnte, wäre seine Antwort ein episches Gedicht, das er über mehrere Stunden hinweg rezitieren würde. Menschen haben tatsächlich feine Nasen. Aber die meisten von uns machen sich einfach nichts daraus, zu riechen. Ich dachte darüber nach, als ich eines Abends an Finnegans Fell roch (Geruch: Kühler, schnell fließender Fluss, über Steine im Flussbett springendes Wasser.) Hmmm. Vielleicht sollte ich mich einmal darum kümmern, dass meine Nase ein ebenbürtiger Kumpel für die meines Hundes wird.
* Zu diesen Medizinern zählte auch Freud, der bekanntermaßen großzügig an sich selbst mit Kokain experimentierte sowie zahlreiche andere, die fragliche (oder sogar radioaktive) Substanzen aßen oder tranken, sowie außerdem Forscher, die sich selbst Katheter legten oder sich Viren und noch nicht fertig entwickelte Impfstoffe spritzten.
* Jawohl, ich vergleiche das Hundehinterteil mit der Sternennacht. Hunde haben absolut kunstvolle Hinterteile.
* Tatsächlich gibt es heutzutage immer öfter Spürhunde, die auf das Auffinden illegal eingeführter Lebensmittel trainiert sind.
* Der Rest sind „Pseudogene“ – Gene, die so mutiert sind, dass sie nicht mehr zur Entwicklung eines Rezeptors führen, sprich, sie tun nicht mehr das, wozu sie eigentlich da sind. Bei Hunden sind etwa 20 bis 25 Prozent ihrer Geruchsrezeptoren Pseudogene, bei Menschen sind es mehr als 50 Prozent.
Kapitel 4

Spazierenschnüffeln
Die meisten Hunde sind nicht zum Auffinden von Bettwanzen oder Entdecken von Krebs angestellt. Die meisten leben in kleinräumigen, besitzerkontrollierten Umgebungen und man verlangt von ihnen wenig Riecharbeit, außer die vom residierenden Kleinkind von seinem Hochstuhl fallengelassenen Essenskrümel zu lokalisieren und aufzuputzen. Darüber hinaus werden die Gerüche des Tages, die sich auf Parkett und Teppichen sammeln, in dieser seltsamen Drinnenwelt des Hundes regelmäßig weggestaubsaugt (wie oft, hängt von der Schmutztoleranz der Mitbewohner ab). Das Beschnüffeln von Kot ist in dieser Welt verpönt, und selbst ein verstohlenes schnelles Belecken eines Arms oder Beins wird nur manchmal toleriert. Die vielsagenden und nachdrücklichen Gerüche, mit denen die Menschen über den Tag hinweg ihre Kleidung sättigen – jede Menge geruchliche Erinnerung an ihre Anwesenheit – werden in großen, krachmachenden Maschinen mysteriös weggeschleudert, aus denen zum Ersatz „frische“ Gerüche kommen, die keinerlei Assoziationen im Gehirn wachrufen. Und an ganz, ganz schlechten Tagen werden Hunde in den Urin-und-Fäkalienraum gebracht, in eine Bütte mit rutschigem Boden gehievt und gewaschen, damit sie nachher riechen wie Taxilufterfrischer.
Aber oh, wenn es dann endlich Zeit für das Ereignis des Tages ist, den Spaziergang! Nun ändert sich die Szenerie in Sachen Geruch. Die wunderbare Welt da draußen bietet vielfältige geruchliche Anreize auf dem Boden und in der Luft, an Dingen, die vorbeigekommen sind oder es gerade tun. Jedes Mal, wenn die Haustür aufgeht, ist draußen eine neues Bühnenbild entstanden und erzählt, was kürzlich passiert ist, was gerade jetzt passiert und selbst ein bisschen davon, was vielleicht am anderen Ende der Straße passiert. Nicht, dass meine Hunde nicht gut sehen könnten, aber ihre Route um die Häuserblocks ist für sie ganz offensichtlich nicht mit visuellen Wegmarken gekennzeichnet. Wenn wir nach draußen gehen, dauert es ein paar Schritte, bis wir den Gehsteig erreichen, und noch bevor wir ihn betreten, werden die Nasen der Hunde schon von den Strömungen der Gehsteig-Gerüche mitgerissen, die etwa einen halben Meter über dem Boden schweben. Wir kommen an einer erdigen Baumscheibe vorbei, deren gusseiserne Umrandung von den vorbeikommenden Hunden des Tages begossen ist, dann sind da die schwefeligen, zwischen parkenden Autos hervorwehenden Abgase von einer Baustelle weiter unten auf der Straße; ein angsteinflößendes Garagentor, das manchmal geschäftig aufgerissen wird und dabei Luftschwälle ausstößt; der geschäftige Standortwechsel einer Vogelgemeinde von der Häuserfront zu den niedrigen Ästen der nahe stehenden Bäume; die von Vögeln – sei es mit Schnabel oder Hinterteil – auf das Pflaster fallengelassenen Beeren; die Hausecke am Ende der Straße, wo südliche Winde von weit weg herangeeilt kommen; das rutschige Gefühl der Marmortreppenstufen, die bedachtere Schritte verlangen; die Parkbank, auf der jede Nacht ein Mann schläft und die den abgestandenen Geruch seiner ungewaschenen Kleider trägt.
Als mir langsam bewusst wurde, wie zentral das Riechen für Hunde sein kann, fing ich an, mit meinen beiden Hunden gemeinsame „Riechspaziergänge“ zu unternehmen. Auf diesen Spaziergängen versuchen wir nicht, eine möglichst gute Rundenzeit hinzulegen. Ich ziehe meine Hunde niemals von hochinteressanten Stellen weg, an denen sie schon endlos lange herumschnüffeln und ich freue mich eher über ihr unbändiges Interesse an den Hinterteilen anderer Hunde, anstatt mich darüber zu grämen. Wir legen keine Eile an den Tag, um nach Hause zu kommen, den Block zu umrunden oder überhaupt irgendwo anders hinzukommen als dorthin, wo unsere Nasen uns hinführen. Es gibt keinen Ort, zu dem wir unbedingt hinmüssten und keine Zeit, zu der wir unbedingt zurück sein müssten. Stattdessen wird der Spaziergang allein davon bestimmt, wie lange und wie viel meine Hunde schnüffeln können. Manchmal beinhaltet der Spaziergang auch einiges an Nicht-Gehen: Dann stehen sie da, graben ihre Nase in den Boden oder drehen ihre Köpfe, um den Hund zu entdecken, der diese Nachricht hinterlassen hat. Manchmal legen sie sich sogar hin und halten dabei ihre Nase hoch in die Luft.
Die Riechspaziergang-Routen unserer Hunde entsprechen fast niemals der Wegauswahl oder der Geschwindigkeit, die wir Menschen uns für sie ausdenken würden. Wie so viele Hundebesitzer denke auch ich oft buchstäblich „im Rahmen“ eines Rechtecks, wenn ich zu einem Spaziergang aufbreche: den Weg runter, dann rüber, wieder rauf, zurück. Nach der menschlichen Agenda hat ein Spaziergang eine zeitliche Begrenzung: „Bis ich zur Arbeit muss“, „bis er sein Geschäft gemacht hat“ oder „bis einer von uns müde ist.“ Nach der hündischen Agenda wird ein Spaziergang viel eher von den Umständen bestimmt: Die Wegstrecke ist unregelmäßig, sie kann auf der gleichen Strecke zurückführen oder plötzlich abbiegen. An vielen Tagen ist kein Ende in Sicht – bis man dann plötzlich irgendwie doch ankommt.
Wenn ich wirklich die Sinneswahrnehmungen der Hunde verstehen wollte, so dachte ich mir, wäre es sinnvoll, mit den Spaziergängen zu beginnen. Als Besitzer sind wir unausgesprochene Komplizen unserer Hunde, wenn auch uninformierte, während diese sich ihren Weg entlang von Gehsteigen, Straßenecken oder Fußpfaden im Park erschnüffeln. Wie viel mehr wohl nötig wäre, um wirklich überzeugend zu erleben, was Hunde riechen? Schließlich bemerkt jeder, der einen Hund spazieren führt, nach ein paar Touren um den Block mit Sicherheit das gesteigerte Interesse seines Vierbeiners an Dingen wie Feuerhydranten, einem über Nacht umgestürzten Baum oder einem neu errichteten Baugerüst. Nach vielen, vielen Spaziergängen wurde ich allmählich besser darin, vorauszusehen, was für meine ihren Nasen folgenden Hunde wohl interessant sein könnte. Ich ertappte mich dabei, wie ich dachte: „Dieser Zaunpfosten hier sieht frisch befeuchtet aus“ oder „Oh, dieser Laubhaufen sieht ziemlich anziehend aus.“ Dies bildet natürlich nur einen ganz kleinen Teil der Riecherfahrungen des Hundes ab. An alles, worauf sie (anscheinend) ihren Blick richten, halten sie auch ihre Nase: Den Passanten, den Luftschwall, der aus der aufgehenden Autotür strömt, der Boden rund um die Parkbank, die von einem Windstoß emporgetragene Plastiktüte oder den Ahornsamen, der sich wie ein Hubschrauber drehend vom Baum zu Boden fällt. Ich sehe all das. Aber wage ich auch, es zu riechen?
„Riechen Sie denn jemals, was der Hund riecht?“, bemerkt Avery Gilbert als erstes, als ich ihn um Rat frage, wie ich seiner Meinung nach wohl besser im Einsatz meiner Nase werden könnte. „Sie müssen Ihre Nase so nah wie möglich an den Boden halten, um etwas zu riechen,“ sagt Stuart Firestein, „denn die Moleküle befinden sich da unten.“ Ich weiß zwar, dass das logisch ist, hatte aber bisher nicht umgesetzt, was Gilbert mit „begib dich da runter und schnüffle daran“ beschrieb.
In der Tat beschnüffeln wir in der Regel nicht, was auch immer es ist. Also beschloss ich, genau das einmal zu versuchen. Die Dinge zu erschnüffeln. Meine Umgebung so zu riechen, wie meine Hunde es tun.
Ich machte mir erstaunlich wenige Gedanken um das Offensichtliche: Dass der Grund dafür, warum wir nicht das beschnüffeln, was Hunde beschnüffeln, ganz einfach in Selbsterhalt und Überlebenstrieb liegen könnte. Über dem Gehsteig wabern üble, faulige oder gar verwesungsartige Gerüchte. Vielleicht sind wir zu der robusten, erfolgreichen Spezies geworden, die wir sind, weil wir das unverdauliche Zeugs da unten nicht schlucken. Stattdessen sorgte ich mich eher um die praktisch-logistischen Fragen: Wie sollte ich an die Gerüche herankommen? Für den Anfang, so stellte ich mir vor, würde ich wohl etwas von meiner einschränkenden zweibeinigen Konfiguration abrücken müssen. Falls es wirklich der aufrechte Gang mit der zu weit vom Boden entfernten Nase war, der uns vom Riechen abhielt, nun gut, warum nicht, dann würde ich halt auf allen Vieren laufen. Wenn mein Hund sich mit der Nase an einem Baumstamm festsaugen würde, dann würde ich meine auch daran halten. Wenn er mit einem unsichtbaren Geruchsfleck im Gras intim werden würde, so würde ich diesem Interesse nachgehen. Wenn er Untersuchen am Hosenaufschlag eines Passanten anstellen würde, so würde ich das auch tun. Einverständnis des Passanten vorausgesetzt.
Ich hatte einen starken Start. Eines kühlen Sommermorgens starteten Finnegan, Upton und ich von den Stufen unseres Wohnblocks aus. Finn bog sofort zu einem Baumschutz ab, einem jener impotent niedrigen Eisenzäune, von denen in New York die Straßenbäume auf den Gehsteigen umringt sind. Er untersuchte eine Stelle, die kürzlich angefeuchtet aussah und legte dabei die Präzision eines Uhrmachers an den Tag, der das Innenleben einer kranken Taschenuhr unter die Lupe nimmt. Als er wieder zum Luftholen nach oben kam, übernahm ich. Ich musste mich dazu ungeschickt hinknien, die eine Hand um die Leinen geschlungen und die andere am Zaun abgestützt. Ich beugte mich sehr, sehr nah heran – zu nah. Von Finns gründlicher Untersuchung ermutigt, schnüffelte ich ausgiebig. Mir schlug ein starker, kräftiger Geruch ins Gesicht. Ich schnüffelte nochmals. Kein Urin, dachte ich dankbar. Stattdessen war es ganz einfach die kühle Strenge von Farbe auf Metall. Als ich den Kopf wieder hob, standen meine beiden Hunde an der Seite und schauten mir zu. Ein gerade die Anhöhe heraufkommendes Paar machte einen weiten Bogen um uns. Selbstbewusst stand ich auf, klopfte mir die Knie ab und ließ mich von Finn den Gehsteig entlang weiterziehen.
„Niemand stellt einen Hund infrage, wenn er die Umgebung beriecht,“ sagt Kate McLean, eine nach eigener Beschreibung „multisensorische“ Künstlerin aus Großbritannien, die sich selbst schon mit dem Aufspüren städtischer Gerüche beschäftigt hat. Auch mich und jeden um mich herum war es nur allzu offensichtlich, dass ich in Sachen Baumbeschnüffeln nicht mit den Hunden mithalten konnte. Nach diesem kurzen Exkurs ins Gehsteigschnüffeln verlor ich den Mut. Um etwas gespielte Tapferkeit wiederzuerlangen, folgte ich den Tapferen – in diesem Fall Kate McLean, die sich unerschrocken durch verschiedene Städte schnuppert und dabei versucht, die in jeder von ihnen vorgefundenen Geruchswolken zu beschreiben.
McLean kam eines Tages auch nach New York und lud mich zu einem „Geruchskartierungsprojekt“ nach Williamsburg in Brooklyn ein. Sie wartete an einem warmen Septemberabend auf dem Gehsteig auf mich, ein wenig errötet im Gesicht und mit breitkrempigem schwarzem Filzhut auf dem Kopf. Sie ist schlank, zierlich gebaut und hat ein unbeschwertes Lächeln. Ihre Schuhe waren ziemlich abgelaufen und hatten ihre Nase vermutlich schon über viele Meilen hinweg getragen. Mit einem Regenschirm in der Hand als augenzwinkernder Reminiszenz an den typisch britischen Tourguide versammelte sie ein aus rund zwei Dutzend Riechinteressierter bestehendes Grüppchen um sich herum. Unter den Wartenden befanden sich Künstler aus dem Multimedia-Bereich, die mit Fotografie und Geruch arbeiteten; Wissenschaftsjournalisten und Memoirenschreiber; ein Paar interessierter Mitläufer und zwei berufsmäßige Kinder. Wir würden, so instruierte uns McLean, eine Tour um sechs oder acht Blocks unternehmen und sollten dabei einfach riechen und für uns festhalten, was wir bemerken würden.
Na ja, so einfach war es dann doch nicht. „Achten Sie darauf, dass es viele verschiedene Arten von Gerüchen gibt,“ warnte sie uns. „Es gibt flüchtige Gerüche, die nur für einen Moment vom Wind herangeweht werden und wieder verschwinden – eine Person, Zigarettenrauch oder ein Lastwagen. Besonders oft passiert das an Straßenecken. Also bleiben Sie an den Straßenecken stehen und drehen sich ein paar Mal herum.
Neben den schwebenden Gerüchen gibt es auch statische, die von Materialien absorbiert wurden. „Riechen Sie an Wänden, berühren Sie Pflanzen und gehen Sie in Läden hinein,“ gab sie Anweisung, während sich auf allen Gesichtern Lächeln ausbreitete. Ein paar Leute warfen sich Blicke mit hochgezogenen Augenbrauen zu.
„Außerdem sind Stellen mit Geruchsvakuum genauso wichtig“, sagte sie. „Weil wir uns an Gerüche gewöhnen, sollten wir darauf achten, wenn wir einmal nichts riechen.“ McLean empfahl, den eigenen Körpergeruch als natürliche Aufladequelle für das Geruchsempfinden zu nutzen. Wenn man seine Nase für eine Weile in der eigenen Haut vergräbt, haben die Rezeptorzellen einen Moment Pause und Zeit, um sich zu erholen, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Umgebungsgerüche richten können.
McLean teilte handgezeichnete, zickzackgefaltete Karten unserer Route aus, auf denen „Geruchspunkte“ eingezeichnet waren. An ihnen sollten wir stehenbleiben und hoch, tief, nah und tief schnuppern, vorbeiwehende und konstante Gerüche wahrnehmen. An jedem Stopp sollten wir fünf Gerüche notieren. Fünf! Ich atmete durch meine Nase ein, während ich ihr zuhörte. Ich roch nichts, aber am Ende des Spaziergangs sollten meine handschriftlichen Notizen über die Seite hinausquellen, um die Ecken biegen und sich um andere Notizen schlängeln, ganz ähnlich den Wegen der Gerüche, die wir jagten.
McLean hat geruchskartierend den ganzen Erdball bereist – von Amsterdam nach Pamplona, von Glasgow nach Newport und Rhode Island; von Mailand bis Edinburgh und Paris nach Singapur. Nach jedem Gang übertrug sie die Notizen ihrer Mitgeher in schön mit farbiger Topographie gestaltete Karten und kennzeichnete darin die Quellen und Ausbreitungen von Gerüchen. Schwärme farbiger Punkte kennzeichneten wandernde Gerüche. Jede Stadt, so sagt sie, hat einen spezifischen Hintergrundgeruch, der sie kennzeichnet. Im frühlingshaften Amsterdam ist es die „zuckrige, pudrige Süße von Waffeln“, die über den Grachten und Kanälen schwebt. Und jede Stadt hat unverkennbare Besonderheiten: So enthält zum Beispiel die Karte von Edinburgh Fish and Chips, Malz von den Bierbrauereien und den Geruch von „Jungentoiletten in Grundschulen“. Weiß der Himmel, wie sie das erfahren hat.
Bei einem früheren Besuch in New York hatte McLean das kartiert, was sie als „die geruchsintensivsten Blöcke“ der Lower East Side zwischen Allen und Eldridge südlich von Delancey bezeichnet. Dieser Teil der Stadt hat eine abwechslungsreiche Geschichte und war zum Teil von Handwerk, aber zum Teil auch von Elend geprägt, aber die in letzter Zeit aus dem Boden gesprossenen millionenschweren Eigentumswohnungen stellten schon eine gewisse Herausforderung an McLeans Behauptung dar. Trotzdem enthielt die Endfassung ihrer Geruchskarte Markierungen für Sägespäne, Müllhaufen, Motorenöl und Kohl neben langen Schwaden von getrocknetem Fisch und billigem Parfüm.
Der Geograph J. Douglas Porteous nennt Geruchslandschaften wie die von McLean kartierten Smellscapes. Städte, so also die Aussage, sind an ihrem Eigengeruch erkennbar. So wie frisch gebackenes Baguette uns das zeitgenössische Paris vor Augen ruft, kann die charakteristische Dufterfahrung einer Stadt durch auf der Straße verkaufte Lebensmittel oder Gewürze geschaffen werden, durch Seeluft, die ihre Straßen flutet oder durch die von wimmelnden Menschenmassen produzierten Abfälle. Ganz sicher gibt es solche Geruchlandschaften schon seit Tausenden von Jahren, egal, ob man sie gewürdigt hat oder nicht. In der Antike mischten die Tempelbauer Milch und Safran in den Verputz; beim Bau von Moscheen wurde der Mörtel mit Moschus und Rosenwasser vermengt. Wenn es auf die Bauwerke regnete oder die Sonne darauf schien, verströmten sie Duft. Über eine lange Zeit hinweg gab es regelmäßig wöchentlich wiederkehrende Gerüche: Der warme, feuchte Geruch von Wäschewaschen, das heiße Bügeleisen auf Leinen, der Geruch des „Brotbacktages“.
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