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Alexandra Eck

Between the fronts

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Between the fronts

Between the fronts

Fantasyroman

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

43 Kapitel

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

EPILOG

Danksagung

Autorin

Impressum neobooks

Between the fronts

Alexandra Eck

Between the fronts


Neobooks

Impressum

Texte: © 2020 Copyright by Eck Alexandra

Umschlag: © 2020 Copyright by Klara Gebhardt

Verantwortlich

für den Inhalt: Alexandra Eck

Kontakt: sabineeck@outlook.de

Druck: neobooks – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Between the fronts


Fantasyroman

Für alle, die ihre Träume leben

La vie est belle

Per aspera ad astra

Kapitel 1

Ich wachte schweißgebadet auf. Schon wieder hatte ich von dieser dunklen Macht mit den roten Augen geträumt. Sie verfolgten mich jetzt schon vier Monate lang, um genau zu sein, vier Monate seit mein Vater verstorben war. Er war bei einem Jagdunfall getötet worden. Ich blickte auf den Wecker. Er zeigte 4.30 Uhr an. Mein Unterricht startete aber erst um 8 Uhr. Das bedeutete, ich hatte noch 2 ½ Stunden. Denn obwohl ich hier in Virginia eigentlich sehr zentral lebte, benötigte ich dennoch eine Stunde um zu meiner Schule zu fahren. Der Blackwood High. Normalerweise brauchte ich genau eine Stunde, um mich fertig zu machen, zu duschen und zu essen. Ich hätte mich eigentlich wieder ins Bett legen können und weiter schlafen aber ich war noch zu aufgewühlt von meinem lebhaften Traum, sodass ich beschloss laufen zu gehen. Ich zwängte mich in eine schwarze Nike Hose, stülpte mein neonblaues Top über und zog die Schuhe an. Ich schnappte mir mein Handy und schrieb meiner Mutter einen Zettel, damit sie sich keine Sorgen machen würde, wenn sie aufwachte und ich immer noch nicht da wäre. Seit dem Tod meines Vaters wollte sie über alles informiert werden, was ich tat. Sie wurde allmählich zur Klammermutter. Ich öffnete unsere Haustür und lief los. Draußen war es noch angenehm kühl für diese Jahreszeit. Während durch meine Kopfhörer Katy Perry´s Song Firework dröhnte, lief ich die Straße entlang. Als ich am Ende der Straße angelangte, bog ich nach rechts ab und lief in Richtung des kleinen Waldes, der in der Nähe unseres Hauses lag. Während ich durch das leicht mit Ahorn bewachsenen Wäldchen joggte, fiel mir plötzlich etwas vor die Füße. Vor Schreck stolperte ich nach vorne und landete ungeschickt auf dem moosigen Boden. Langsam rappelte ich mich auf und sah, was mich erschreckt hatte. Ein Vogel. Beim näheren Betrachten dieses Tieres fiel mir auf, dass sein linker Flügel (trotz meiner mangelnden Fachkenntnisse) auf komische Weise vom Körper ab stand. Das sah nicht gesund aus. Mein Vater war immer strikt dagegen gewesen, dass ich mit Tieren zu tun hatte. Ich durfte nie in den Wald, Zoo oder gar ein eigenes Haustier haben. Aber, obwohl ich nicht viel über Tiere wusste und keine Bekanntschaft mit ihnen gemacht hatte, konnte ich dieses arme Ding da nicht liegen lassen. Also versuchte ich den Vogel vorsichtig mit den Händen aufzuheben. Zuerst wich er zurück aber irgendwie schien er zu verstehen, was ich sagte. »Ganz ruhig! Ich will dir bloß helfen«, sagte ich mit einfühlsamer Stimme. Daraufhin ließ er sich von mir hochheben. »Scheiße!!«, stieß ich hervor und schaute auf meine blutende Hand. Das Drecksvieh hatte mich gekratzt! Ich hatte nicht gewusst, dass Vögel so scharfe Krallen haben. Der Eichelhäher schaute mich wehleidig an, als wäre er ein Unschuldslamm. Aber er tat mir leid, hier würde er nicht lange überleben können. Wahrscheinlich würde schon in ein paar Minuten ein Habicht oder ein größeres Raubtier kommen und ihn verspeisen. Warum in alles in der Welt tat er mir leid?! Vielleicht wegen seiner großen Glupschaugen. Mir war klar, dass ich ihn nicht hochheben konnte ohne, dass er mir, vielleicht sogar unabsichtlich, wehtat. Deshalb suchte ich nach etwas in das ich ihn einwickeln konnte, fand aber nichts Passendes. Ich schaute an mir herab und tat das Dümmste, was ich je gemacht hatte. Ich zog das Top aus, wickelte es um den Vogel und hob ihn hoch. Wer sollte mich um diese Uhrzeit schon sehen? Während ich das Tier unter meinem Arm unterbrachte und wieder Richtung Straße ging, bemerkte ich nicht, wie sich mir zwei Personen näherten. Als ich aufblickte stand ich Matz und seinem Freund gegenüber. Matz war ein hochgewachsener, blonder Quaterback mit blauen Augen. Er war eigentlich recht schön, man könnte ihn sogar fast perfekt nennen, wäre da nicht sein Charakter. Er war 17, also genauso alt wie ich. Sein Freund war braun gebrannt und hatte lange schwarze Haare. Er sah aus wie ich mir einen Native Amerikan vorstellte. Matz war in meiner Klasse und entsprach dem Klischee eines Quaterbacks, gut aussehend und total von sich überzeugt. Außerdem hatte er jede Woche eine Neue. Er hatte auch versucht sich an mich ranzuschmeißen, aber ich habe ihn abblitzen lassen. Das hatte ihm gar nicht gefallen und nun suchte er jede erdenkliche Möglichkeit, um mich bloßzustellen. »Hi, Baby! Heißes Outfit«, sagte er. Erst jetzt fiel mir wieder ein, dass ich ja nur einen Sport -BH trug. Wie peinlich! Ich versuchte ganz lässig zu wirken aber die Röte, die mir ins Gesicht schoss, verriet mich. »Was willst du?«, motzte ich ihn an. »Warum trägst du einen Vogel mit deinem Oberteil?«, fragte sein Freund und starrte mich an, als hätte ich ein geistiges Problem. »Erstens: Tu nicht so, als würde ich nackt vor dir stehen. Und zweitens: Siehst du nicht, dass der Vogel verletzt ist«, stellte ich klar. »Oh Ed, ich glaube mir tut mein Arm schrecklich weh«, rief Matz Ed zu und griff sich melodramatisch an den Arm »Denkst du, Jess könnte mir auch helfen?« Jetzt wandte er sich mir zu »Mh? Würdest du bitte so aufopfernd sein und mir dein verbliebenes Oberteil (Dieses Wort betonte er) ausleihen?« »Wahrscheinlich könnte ihn dein Anblick nach der Hilfeleistung allein schon heilen oder du könntest ihn auch mit anderen Mitteln wieder heilen«, erklärte mir sein Freund. »Wobei ich mich auch nicht so gut fühle«, fügte er mit einem anzüglichen Grinsen, mir zugewandt, hinzu. IIIihhhhhhh!!! »Ihr seid solche perversen Arschlöcher! Euch würde ich nur über meine Leiche helfen oder mit einem Arschtritt!«, rief ich ihnen empört zu und wollte schon davon stapfen, als Matz mit seinem Handy ein Foto von mir machte. Ich warf beiden einen vernichtenden Blick zu und trug den Eichelhäher zu mir nach Hause. Ich hasste die zwei, sie waren so eingebildet!

*

Erst als ich vor der Haustür stand wurde mir bewusst was gerade passiert war. Die Hirnverbrannten hatten ein Foto. Von mir. Im BH! Das konnte nicht gut ausgehen. Ich zückte meinen Haustürschlüssel und öffnete die Tür. Mum war immer noch nicht wach. Ich beschloss den Vogel zuerst in mein Zimmer zu bringen und dann ins Bad zu gehen, um mich zu duschen und die Kratzer an meinen Händen zu versorgen. Ich schlich die Treppenstufen hinauf und setzte den Vogel auf meinem Queensize Bett ab. Zu meinem Glück hatte ich ein eigenes Badezimmer genau gegenüber von meinem Zimmer. Es war geräumig. Ich hatte eine Dusche, schwarz -graue Fließen und sogar meine eigene Badewanne mit goldenen Füßen. Außerdem hatte ich eine kleine Palme neben der Wanne. Gerade als ich aus der Dusche stieg, piepte mein Handy. Ich zog den vanillefarbenen Bademantel an und öffnete die Nachricht. Sie war von Matz. Dieser Arsch hatte das Bild von mir und dem Vogel auf Instagram gepostet. Das bedeutete, jeder auf der Schule würde das Bild sehen. Doch bevor ich richtig in Panik verfallen konnte, rief ich mich zur Ordnung. In meinem Zimmer lag ein verletztes Tier. Ich musste ihm helfen, sonst hätte ich ihn ja auch einfach im Wald liegen lassen können. Aus dem Spiegelschrank im Bad holte ich Desinfektionsmittel und Verbände. Ich hatte keine Erfahrung in Sachen erste Hilfe, aber glücklicherweise gab es YouTube. Ich suchte mir ein Video raus, in dem beschrieben wurde, was man bei einem gebrochenen Arm tat. Man sollte zuerst versuchen ihn zurechtzubiegen und ihn schienen. Das Problem war, dass ich dazu eine Schiene brauchte. Woher bekam ich die so schnell? Zu meinem Glück hatte mich mein Vater oft vor den Fernseher gesetzt, weshalb ich aus diversen Filmen wusste, dass man einen Eisstab verwenden konnte. Leise lief ich die Treppen wieder hinunter ins Wohnzimmer und nahm die rechte Tür, die in die Garage führte. Dort stand ein Gefrierschrank. Ich wühlte mich bis zur dritten Schublade durch, erst dann fand ich, was ich gesucht hatte: zwei Packungen Magnum Eis. Ich öffnete eins davon und ließ es in der Mikrowelle auftauen, um an den Stab zu gelangen. Das zweite schob ich mir in den Mund. Schnell rannte ich die zwölf Stufen von der Küche aus in mein Zimmer hoch. Dort lag der Eichelhäher immer noch wie ich ihn zurückgelassen hatte. »Na, Kumpel. Jetzt wird´s ernst«, sagte ich um meine Unsicherheit zu überspielen. Zögerlich griff ich nach dem gebrochenen Flügel. Ich war sehr erstaunt als der Vogel ruhig blieb. Zuerst schaute ich, ob er äußerliche Verletzungen am Flügel aufwies. Obwohl das nicht der Fall war, sprühte ich vorsichtshalber fast die halbe Flasche Desinfektionsmittel drauf. Nur zur Sicherheit, man wusste ja nie. Dann streckte ich seine Schwinge aus, legte auf Ober- und Unterseite ein Eisstäbchen und band diese, wie im Video beschrieben, fest. Ich war stolz auf mich, denn für den ersten Versuch war es mir richtig gut gelungen. Mein Sozialkundelehrer wäre beeindruckt. Schon allein an Schule zu denken beförderte mich zurück in die Realität. Ich hatte nur noch eine halbe Stunde, dann musste ich fahren. Am liebsten wäre ich zu Hause geblieben, aber meine Mutter würde das nie erlauben. Ich schaute den Vogel an, ihm schien es den Umständen entsprechend gut zu gehen. (Wenigstens einen von uns beiden.) Gleich nach der Schule würde ich mit ihm zu einem Tierarzt fahren. Ich öffnete meinen großen hellbraunen Kleiderschrank. Ich suchte mir eine Hotpants und dazu ein lässiges grünes Militär T-Shirt heraus, das perfekt zu meinen brünett -goldenen Haaren passte. Den Bademantel ließ ich von meinen Schultern gleiten und kleidete mich in Unterhose und schwarzen BH ein, dass der Eichelhäher zuschaute, ignorierte ich geflissentlich. Es war ja nur ein Vogel. Ich ging in die Küche, um zu frühstücken. Das Tier ließ ich oben, damit meine Mum ihn nicht entdeckte, auch sie war nicht sehr tierlieb. Wir hatten keine große Küche. In einer der Ecken stand eine cremefarbene Küchenzeile. In der anderen eine vanille-rot gestreifte Eckbank. Alles war farblich aufeinander abgestimmt, sogar die Regale an der Wand. Ich holte mir eine Schüssel Cornflakes und Milch und machte mir ein Müsli. Als meine Mama die Treppen herab stieg und um die Ecke bog, warf sie mir einen tadelnden Blick zu und ging zur Kaffeemaschine: »Jessy Schätzchen, du weißt wie ungesund dieses Zeug ist.« Sie warf der Flakes Verpackung einen missbilligenden Blick zu. (Blicke hatte sie echt drauf.) Sie verabscheute Cornflakes, allerdings konnte ich nicht nachvollziehen, was an Kaffee besser war. Natürlich trank ich ihn ab und zu aber meine Mutter war geradezu abhängig von dem Zeug. »Ja, das weiß ich«, lenkte ich ein, um keine erneute Diskussion über Gesundheit vom Zaun zu brechen. Da ich keine Lust auf eine Unterhaltung mit ihr hatte, schlang ich das Müsli herunter und verschwand mit der Ausrede zur Schule zu müssen. Ich packte meinen Galaxy Rucksack, sowie mein Handy und gab meiner Mum einen Kuss auf die Wange, damit sie nicht meckern konnte ich sei zu beschäftigt für sie.

Seit mein Vater verstorben war redeten wir zwei nicht mehr so viel miteinander und wenn doch, so lief es meist auf einen Streit hinaus, bei dem sie zu weinen anfing. Ihre Standard-Sprüche waren: »Jess, ich will das doch gar nicht. Bitte streite nicht mit mir. Lass mich nicht allein. Wir müssen doch zusammen halten, jetzt wo Geronimo nicht mehr bei uns ist.« All das sagte sie in weinerlichem Ton. Wie ich diese Sprüche hasste! Aber wer konnte seine weinende Mutter so zurücklassen? So hatte sie mich die ganze Zeit davon abgehalten, auf Partys zu gehen oder etwas mit Freunden zu unternehmen. Freunde, war eh ein schweres Thema für mich. Mein Vater hatte immer versucht, mich zur Außenseiterin zu erziehen, nach dem Motto: »Du brauchst keine Freunde, sie machen dich schwach. Du wirst nicht abhängig von ihnen sein!«

Das bedeutete ich durfte nie zu Geburtstagen oder ähnlichem. Trotzdem hatte ich eine beste Freundin. Liss. Wir waren unzertrennlich, bis sie letztes Jahr aus Hampton Virginia wegzog und nach New York ging. Wir hatten zwar immer noch Kontakt aber das war nicht dasselbe. Auch in der Schule war ich jetzt auf mich allein gestellt. Dazu kam, dass die meisten mir jetzt auch noch mitleidige Blicke zuwarfen. Sie verstanden es doch sowieso nicht. Sonst interessierten sie sich auch nicht für mich. Außerdem war ich auf gewisse Weise froh, dass er tot war. Ich stieg in meinen roten Honda, den ich letztes Jahr zum Geburtstag bekommen hatte, und fuhr aus der Einfahrt heraus. Ich bog nach links ab, um auf die Hauptstraße zu kommen. Dann schaltete ich das Radio ein. Gerade sagte der Wetterbericht für den Nachmittag 34°C an. Ich fuhr an den typischen kleinen amerikanischen Häusern vorbei. Am Highway angekommen, sah man nur noch Fastfoodshops, wie KFC oder Holly´s.

Als ich nach meiner Fahrt auf dem Schulparkplatz einfuhr und aus meinem Auto ausstieg, schauten mich alle an. Na Klasse! Ohne auf die Blicke oder Kommentare der Anderen einzugehen, schritt ich durch den großen Bogen, der den Eingang des Pausenhofs markierte. Zuerst kam man durch den Pausenhof und dann zum Hauptgebäude. Dieses bestand eigentlich aus nur einem breiten langen Gang, an den sich blaue Spinde und Türen, die in verschiedene Klassenzimmer führten, entlang reihten. In der ersten Stunde hatten wir Biologie, was bedeutete, dass ich erst noch die Bücher holen musste. Vor meinem Spind stand die Kapitänin unseres Cheerleader-Teams mit ihrer Gefolgschaft. Schon von weitem strahlte sie mich mit ihrem gehässigen Lächeln an. »Schaut mal, wer da kommt. Hast du echt versucht dich an meinen Freund ranzuschmeißen? In dem Aufzug..«, sie hielt mir das Foto vor die Nase. »So verzweifelt kannst ja nicht mal du sein!«, meinte sie gehässig. Mir war klar, was sie vorhatte. Alle hörten jetzt zu und dann wurde die Wahrheit so verdreht, dass ich schlecht dastand. Folglich würde keiner wissen, dass ich nur um einem Vogel zu helfen, im BH war. Die Schüler würden denken, ich hätte das alles nur getan, um Matz zu gefallen. Jetzt glaubten wahrscheinlich alle, ich würde wirklich so verzweifelt sein und mit jedem rummachen. Klasse! Am liebsten hätte ich Vanessa den Hals umgedreht, aber dann würde ich von der Schule verwiesen werden. Also versuchte ich ruhig zu bleiben: »Weißt du was, Loch Ness? Glaub doch was du willst. Aber warum eigentlich dein Freund? Ich habe gehört, er hat letzte Woche bei der Football-Party Regina flachgelegt.« Ich lächelte sie zuckersüß an, schlug die Spindtür zu und ging Richtung B3. Hinter mir hörte ich das aufgebrachte Streiten von Nessi, die sich mit ihrer „Teamkollegin“ stritt. Regina tat mir fast Leid, sie würde schon bald keine Cheerleaderin mehr sein. Außerdem hatte sie jetzt das Lochness Monster zur Feindin.


Kapitel 2

Außer dem Vorfall am Morgen ließen mich die Anderen in Ruhe. Als es zum Ende der letzten Stunde klingelte, packte ich meine sieben Sachen zusammen und fuhr wieder nach Hause. Ich schloss die Tür auf und fand in der Küche einen Zettel von Mum:

Liebling, ich komme heute etwas später nach Hause.

Das machte mir gar nichts aus. Ich ging auf mein Zimmer. Es hatte ein großes Fenster, mit einer wundervollen Sicht auf unseren Vorgarten. Meinen Rucksack warf ich auf das Queensize Bett, auf dem eine pastellfarbene Tagesdecke lag. Der Eichelhäher saß auf meinem Schreibtisch. »Na, mein Kleiner. Jetzt fahren wir zum Tierarzt«, erklärte ich ihm. Schon im Geografie-Unterricht hatte ich eine Praxis in der Nähe gegoogelt. Die nächste Klinik war in Virginia Beach. Ich lief noch kurz in die Küche, schnappte mir eine Schüssel und eine Flasche Wasser, rannte wieder hoch und legte den Vogel samt T-Shirt in die Schüssel. Dann setzte ich mich gleich wieder in den Honda. Schon fünf Kilometer vor den Tunneln, die durch das Meer führten, war Stau. Das bedeutete es würde noch etwas dauern und ich spürte schon wie die Hitze sich im Auto breit machte. Deshalb hatte ich das Wasser für mich und den Vogel dabei. Ich öffnete die Flasche und tröpfelte etwas davon in meine Hand und führte sie zum Schnabel des Tieres heran. Dieser trank etwas davon. Auch ich selbst nahm einen großen Schluck.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, die mindestens zwei Stunden dauerte, und nachdem 20-mal derselbe Song im Radio gelaufen war, kam ich an der Tierarztpraxis an. Es war ein großes Backsteingebäude, auf dem die Aufschrift Danny´s Klinik prangte. Ich parkte auf einem kleinen Parkplatz, der sich vor der Praxis befand. Dann stieg ich aus und lief über den kleinen Grünstreifen, der mit Stachelpalmen bepflanzt war. Ich schnappte mir den Vogel und den Geldbeutel. Im Inneren des Hauses erwartete mich eine Rezeption. »Hallo. Wie kann ich ihnen helfen?«, fragte mich die Dame hinter dem Tresen. Sie war um die fünfzig Jahre alt, hatte goldenes hochgestecktes Haar und trug eine Brille auf ihrer spitzen Nase. »Ähhm … Ich habe diesen Vogel hier gefunden und wollte ihn mal durchchecken lassen«, erklärte ich ihr. Sie blickte mich misstrauisch mit ihren braunen Augen an und beugte sich leicht über die Theke, um den Eichelhäher besser betrachten zu können. »Name?«, fragte sie. »Jessica Flynn«, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. »Wohnort?«, kam sogleich die nächste Frage. »Hampton Virginia. Santa Clara Drive 118.« Sie schrieb alles auf und bedeutete mir im Wartezimmer Platz zu nehmen. Es war nicht sehr geräumig aber hatte einen gewissen Charme. Ich setzte mich auf einen der fünf schwarzen Lederstühle und wartete. In der Mitte des Raums war ein Tischchen, auf dem Zeitungen lagen. Kaum saß ich drei Minuten, wurden wir auch schon wieder aufgerufen. Die Empfangsdame zeigte auf eine Tür, die gegenüber des Pults lag und in die ich eintrat. Drinnen stand eine Doktorin, die mich anlächelte. Sie war mittelgroß und hatte einen roten Lockenkopf. »Mein Name ist Dr. Müller«, sie machte einen freundlichen Eindruck. »Ich bin Jess. Diesen Vogel hab ich beim Joggen gefunden und bin so schnell wie möglich hierhergekommen.« Die Frau begutachtete den Flügel und schmunzelte. »Wie ich sehe haben Sie Erste Hilfe geleistet. Haben sie das schon öfter gemacht?« Ich verneinte. Sie nahm die Verbände ab, röntge den Flügel und diagnostizierte einen Bruch. Wie ich vermutet hatte. »Ich gebe Ihnen ein Medikament mit, das er morgens und abends einnehmen muss«, erklärte sie mir. Da ich nicht wusste, was Vögel fressen, nutzte ich die Gelegenheit. »Entschuldigung, jetzt da ich mich um das Tier kümmern muss, wäre es gut zu wissen, was er frisst«, sagte ich unsicher. Dr. Müller antwortet: »Der Eichelhäher frisst Körner aber er braucht auch unbedingt Würmer, damit er Proteine bekommt. Außerdem benötigen seine Knochen Mineralien, um zusammenzuwachsen.« Sie begleitete mich noch bis zur Rezeption. Die Sprechstundenhilfe wartete bereits mit einer Packung auf mich. »Sie wissen, wie man es einnehmen muss?«, fragte sie mich mit strenger Stimme. »Ja«, bejahte ich. »Gut. Das macht dann 65 Dollar Arztkosten und 50 Dollar für die Medikamente«, sagte sie. Mir blieb der Atem weg. 115 Dollar insgesamt! »Entschuldigung, haben Sie gerade 115$ gesagt?«, fragte ich vorsichtshalber noch mal nach. »Ja«, erklärte sie mir nun mit einfühlsamerer Stimme. Also zahlte ich 115 Dollar für ein beknacktes Vieh, das mir nicht einmal gehörte.


Kapitel 3

Während ich heute in Bio den Worten von Mr. Hellington lauschte, wanderte ein Zettel zu mir. Zu mir wanderte normalerweise kein Zettel. Als ich ihn las, blieb mir fast das Herz stehen.

Hi, Jess, vielleicht hast du ja Lust, mit mir auf ein Date zu gehen

K.B.

Kevin Ballister hatte mich zu einem Date eingeladen! Er hatte an den Seiten kurz geschorenes Haar und in der Mitte lange schwarze Haare, die er zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammen band. Außerdem hatte er braune Augen und war ein Basketballspieler an unserer Schule. Deshalb war er auch sehr durchtrainiert. Letztes Jahr hatte ich ihm sogar Nachhilfe in Mathe gegeben. Das war auch der Grund, warum wir uns näher kannten. Aber ich hätte nie gedacht, dass er sich für mich interessieren würde! Ich schaute zu ihm hinüber und er blickte mir genau in die Augen. Sofort wandte ich meinen Blick ab. Jetzt war meine Konzentration vollkommen hinüber. Ich war so vertieft in Gedanken über Kevin, dass ich gar nicht bemerkte, wie die Schulglocke klingelte, und sich der tollste Typ auf mich zu bewegte. »Hi, Jess. Ich hol dich dann heute so gegen sieben Uhr ab. Okay?«, er warf mir ein süßes Lächeln zu. Ich konnte ihn nur anstarren und nicken. Woher wusste er wo ich wohnte? Wir hatten uns doch sonst nur in Starbucks getroffen. Er ging und zwinkerte mir zu. »Sabbere dich nicht voll Flynn, das macht dein Outfit kaputt. Aber was rede ich denn da, bei dir kann man eh nichts mehr kaputt machen!«, hörte ich das Gackern von Vanessa und ihrer Crew. Heute beachtete ich sie erst gar nicht. Warum auch? Ich hatte ein Date! Noch dazu mit einem der nicht gerade unbeliebtesten Jungen der Schule. In der nächsten Stunde hatte ich Musik. Wir schauten glücklicherweise einen Film und in der sechsten Stunde hatten wir Mathe. Miss Miller ließ uns zwei Seiten im Unterricht rechnen, dann war die Schule vorbei. Ich schnappte mir meine Sachen zusammen und lief lächelnd durch die Flure zum Parkplatz. Am Parkplatz wartete eine Traube an Schülern auf mich. Natürlich waren Matz und Nessi unter ihnen. »Na, wie geht’s unserer kleinen Jungfrau?«, fragte eine Freundin von Vanessa. Doch heute waren sie mir egal. Das einzige, was ich erwidern konnte, war: »Sorry, ich hab heute echt keine Lust auf euch Pussys.« Ich öffnete einfach mein Auto und stieg ein. Die Leute starrten mich verdutzt an. Dann ließ ich den Motor anspringen und fuhr los. Als sie mich durch die Seitenfenster anschauten konnte ich mir nicht verkneifen ihnen lächelnd den Mittelfinger zu zeigen. Ich fuhr nicht gleich nach Hause, sondern bog an der Michael Street nach rechts ab, um zu Petko und Wallmart zu gelangen, denn ich benötigte noch Wimperntusche und Würmer für Mr. Duddle, so hatte ich den Vogel getauft.








Kapitel 4


Mr.Duddle gab fröhliche Laute von sich, als ich ihm einen Wurm vor die Füße legte. Zuvor hatte ich ihn auf den Schreibtisch gesetzt, damit er nicht mein Bett voll sabbern konnte. »Na, schmeckt es dir?«, auch ich biss genüsslich in einen Apfel. Nachdem wir gegessen hatten, nahm ich den Eichelhäher auf den Arm und ging mit ihm an die frische Luft. Irgendwann mussten ja auch Vögel aufs Klo und besser draußen, als in meinem Zimmer. Konnte man mit fliegenden Tieren überhaupt Gassi gehen? Na ja, ich tat es einfach. Ich ließ ihn in meinem Garten herumhüpfen. Dieser erblühte in allen möglichen Farben, weil meine Mutter Blumen liebte. Wir hatten sogar ein kleines Gemüsebeet in dem Tomaten und Zucchini wuchsen. Auf unserer Holzterrasse stand nicht nur ein Grill, sondern auch zwei Liegen. Ich setzte mich auf eine Hollywoodschaukel, die sich perfekt unter die große Buche einfügte und schaute mich nach dem Vogel um. Er hüpfte ein wenig herum und verschwand kurzzeitig unter einem Busch, wahrscheinlich um sein Geschäft zu verrichten. Er wirkte happy draußen zu sein. Die Sonne schien immer noch. »Mr.Duddle, komm wieder her, ich muss jetzt schauen, was ich anziehen möchte«, rief ich dem Tier zu. Das Vogelvieh hob den Kopf, als würde er verstehen. Deshalb hüpfte er mir wahrscheinlich auch nach. Ich ging über die Terrasse in das Wohnzimmer und über das Wohnzimmer zurück in meinen Raum. Der Eichelhäher folgte mir ohne zu zögern. Das war vielleicht ein komischer Vogel. Nachdem ich (natürlich ohne Duddle) geduscht hatte, stand ich vor meinem Kleiderschrank, um ein passendes Outfit zu finden. Zuerst versuchte ich es mit einem schönen hellblauen, luftigen Strandkleid, entschied mich aber dagegen, weil es irgendwie zu elegant wirkte. Das schwarze Cocktailkleid hatte mir einen zu extremen Ausschnitt. Ich posierte die ganze Zeit vor dem Spiegel und vor dem Vogel, den ich um Rat bat. Wie dumm war das denn? Nach Zick versuchen fand ich etwas das mir gefiel. Eine schwarze Hotpants mit einem grau schillerndem T-Shirt. Mein Haar, das ich meist zu einem Pferdeschwanz trug, öffnete ich, sodass es mir die Schultern bedeckte. Ich legte nur dezentes Make-up auf, wobei ich meine rosa-roten Lippen hervorhob. Um dem Ganzen die Krönung aufzusetzen, zog ich schwarze Glitzer-Pumps an. Das ganze wirkte nicht zu aufgemotzt aber man sah, dass ich mir „ein wenig“ Mühe gegeben hatte, machte aber auch nicht den Eindruck, als hätte ich lange gebraucht um mich für ihn fertig zu machen. Es war lässig aber doch sexy. Es war perfekt. »Na, kann ich so gehen? Würdest du mich so mitnehmen?«, fragte ich den Eichelhäher aus Spaß. Da ich noch genügend Zeit hatte und meine Mum bei einem Geschäftsessen war, nahm ich Mr. Duddle und setzte mich mit ihm noch vor den Fernseher. Er lag, obwohl wir uns noch nicht lange kannten, gerne auf meinem Schoß. Nebenbei gab ich ihm seine Tablette, die er widerwillig schluckte. Es lief die Wiederholung von THE MASKED SINGER.

*

Um Punkt sieben Uhr klingelte es an der Tür und Kevin stand davor. Er trug eine blaue Jeans und ein graues Shirt, das so eng saß, dass man einige Muskeln sehen konnte. Als er mich sah, stieß er einen Pfiff aus: »Du siehst gut aus«, sagte er. »Danke, du aber auch«, erwiderte ich. Er lächelte. »Möchtest du noch kurz mit reinkommen? Ich muss meinen Vogel noch in mein Zimmer bringen«, erklärte ich ihm. »Du hast einen Vogel? Seit wann?«, fragte er erstaunt. »Also ich war joggen und da fiel er mir vor die Füße. Ich hab ihn dann mitgenommen, deshalb auch das Foto von Matz. Ich hab den Eichelhäher daraufhin zum Tierarzt gebracht und jetzt kümmere ich mich so lange um ihn, bis er keine Medizin mehr nehmen muss«, sagte ich. »Wow! Nicht nur schlau, sondern auch herzensgut«, erwiderte er. Ich lief zurück ins Wohnzimmer um ihm Mr. Duddle vorzustellen. Kevin wollte das Tier anfassen, aber das versuchte nach ihm zu schnappen. Davon peinlich berührt sagte ich: »Sorry, ich weiß nicht, was er hat. Ich bring ihn kurz hoch!« Während er von mir hochgetragen wurde, flüsterte ich ihn wütend an: »Du Ratte, du! Du kannst ihn doch nicht einfach beißen!« Der Vogel funkelte mich böse an. Ich setzte ihn auf meinem Bett ab und verschloss die Tür. Unten wieder angekommen hielt mir der Ballister-Boy den Arm hin und führte mich zu seinem Auto. Meiner Mutter schrieb ich eine WhatsApp Nachricht, damit sie wusste, wo ich war. Ich staunte nicht schlecht, als ich den Ferrari sah. Kevin öffnete mir die Beifahrertür und stieg dann auf der Fahrerseite ein. Kurz nachdem wir losgefahren waren, ging die Sonne schon unter und machte den Sternen allmählich Platz. Im Inneren sah es so aus wie ich mir ein Cockpit vorstellte. »Na, gefällt es dir?«, fragte Kevin. »Ja! Der Wagen ist richtig toll und vor allem dieses rot«, ich deutete auf die Motorhaube. »Hast du Lust auf Sushi?« Ich verzog den Mund. »Ich dachte, alle Mädchen lieben Sushi«, sagte er belustigt über meinen Gesichtsausdruck. »Na ja ….Vielleicht mögen Leute wie Vanessa Sushi. Ich esse lieber ein Steak oder so was.« Kevin lachte: »Da bin ich aber froh. Ich kann Sushi nämlich nicht ausstehen. Fisch isst man nicht roh!« »Ganz genau«, stimmte ich ihm zu. »Aber um das Steak aufzugreifen, wie wär´s wenn wir zu Apple Beas fahren?«, schlug er vor. »Sehr gute Idee.« »Übrigens geht es mir in Mathe jetzt richtig gut. Alles nur dank deiner Nachhilfe.« »Das ist echt gut. Wen hast du denn als Lehrer?« »Mr. Struck.« »Ist er gut?«, fragte ich. »Ja, er kann echt gut erklären.«














Kapitel 5


Wir fuhren zu einem naheliegenden Restaurant in Newport News. Es war ein kleiner Laden aber er war Rechtgemütlich. Es gab rote Lederbänke und grün, rot und gelbe Lichter. Wir wurden von einer kleinen dunklen Kellnerin in Empfang genommen und von ihr in eine ruhige Ecke gebracht: »Hi, ich bin Nanzi und bin heute für Sie da.« Ich bestellte mir ein Wasser, zudem ein Steak mit Kartoffelbrei und Gemüse. Kevin nahm auch ein Steak, allerdings mit Pommes. Zum Schluss teilten wir uns einen Eisbecher. »Wie schaffst du es eigentlich so viel zu essen und immer noch so schlank zu bleiben? Ich meine Vanessa ist auch schlank aber die ernährt sich quasi nur von Grünzeug?«, fragte er mich. Bei dieser Frage musste ich lächeln. Er hatte mir ein Kompliment gemacht, über mein Aussehen! Und das nicht nur wegen meines Wissens. »Na ja …ich geh halt laufen. Ich glaube Nessa würde sicher nichts Anstrengendes tun, bei dem sie großartig schwitzen müsste!«, antwortete ich. »Warum bist du keine Cheerleaderin?«, kam gleich die nächste Frage. »Weil ich es albern finde, wie sie sich so aufmotzen und tun als wären sie die Queens der Schule, allerdings so dumm sind und sich von der ganzen Footballmannschaft flach legen lassen!«, beantwortete ich. »Und du würdest dich von niemanden flach legen lassen?«, fragte er grinsend. »Ich würde halt nicht zu jedem ins Bett steigen, nur um Spaß zu haben«, stellte ich klar. »Die Basketballmannschaft würdest du nicht gerne anfeuern?........ Ich mein bei deinem Körperbau, wäre es ja Verschwendung«, sagte er verschmitzt und ich wurde rot. »Du machst Witze, oder?« »Nein. Falls du Interesse hast, die Basketball Cheerleaderinnen treffen sich immer mittwochs nach der Schule«, erklärte er mir verschmitzt. »Was machst du denn so in deiner Freizeit?«, versuchte ich ein weniger schweres Thema anzugreifen. »Ich spiele Basketball aber das weißt du ja bereits, ich würde dich gerne mal in den Zuschauerrängen sehen oder auf einer After Game Party. Nicht nur die Footballer haben gute Feiern«, sagte er, »Und ich gehe auch gerne schwimmen. Und du?« »Ich schwimme auch gerne, gehe laufen und spiele Schach und backe gerne Kuchen«, zählte ich auf. »Dein Geburtstag ist am?«, löcherte er weiter. »Am 21. Juli. Und deiner?« »Am 13. Januar. Hast du einen Freund?« »Nein! Wie kommst du da drauf?« »Bei deinem Aussehen und Wissen. Außerdem hat der Quaterback damit geprahlt, er hätte dich, na ja, um den Finger gewickelt, du weißt schon was ich meine? Und dich dann abserviert….« »WAS! Das stimmt auf jeden Fall nicht! Und ich hab sein Bett noch nie gesehen! So ein Arsch!!«, rief ich empört. »Das dachte ich mir schon… Du magst ihn auch nicht?«, stellte er erfreut fest. »Du etwa auch nicht? Ich dachte alle Sportler mögen sich.« »Gott bewahre. Nein. Er ist ein Angeber und ein Blender, außerdem ein Weiberheld. Ich versteh gar nicht, warum die Mädchen ihn so gernhaben. Er behandelt sie ja nicht einmal gut.« Und noch etwas, das wir gemeinsam hatten. »Ich find deine Einstellung total toll«, gestand ich ihm. So etwas gab es selten. »Hast du eine Freundin?« »Nein, bis jetzt ist mir die richtige noch nicht begegnet«, erklärte er.

»Entschuldigung, das wäre die Rechnung«, unterbrach uns Nanzi. Kevin nahm die Rechnung sofort in Empfang. »Ich lade dich natürlich ein«, stellte er fest. »Wirklich? Ich kann auch meinen Anteil bezahlen.« »Nein, nein, ich bin doch gut erzogen worden.« War das zu fassen? Er übernahm die Rechnung, das hatte noch niemand für mich getan. Er war ein richtiger Gentleman! Natürlich brachte er mich auch heim.



Beim Nachhauseweg waren wir recht still und hörten langsame Musik im Radio. Ich warf ihm immer wieder flüchtige Blicke zu. Er brachte mich sogar noch genau vor die Haustür. Dann starrte er mich an. »Hat dir eigentlich schon mal einer gesagt, dass du wunderschöne Lippen hast?«, fragte er mit sanfter Stimme, »Ich würde gerne wissen, wie sie sich anfühlen.« Schon wieder lief ich bei seinen Worten rot an und musste schlucken. »Probiers doch einfach aus«, riet ich ihm mit quietschender Stimme. Bevor mir bewusst wurde, was ich gesagt hatte, spürte ich seine Lippen auf meinen und schloss die Augen. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Seine Lippen fühlten sich weich an. Langsam löste er sich von mir und schaute mich lächelnd an. »Danke, für den schönen Abend. Das könnten wir ja mal wiederholen«, meinte er und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Ich nickte: »Ich geh dann mal rein….. Wir sehen uns?« »Ja, wir sehen uns. Heb dir nächsten Freitag frei, da hab ich ein Spiel«, sagte er noch und stieg dann in seinen Wagen. Ich winkte ihm noch nach. Was für ein Abend. Es war schon dunkel aber schlafen gehen wollte ich noch nicht. Außerdem war mir trotz meines kurzen Outfits heiß. Ich musste mich erst beruhigen. Also zog ich mir die Heels aus und ging die Straße auf einem Grasstreifen hinunter. Vereinzelte Straßenlaternen leuchteten. Kein einziges Auto war zu sehen, somit war es eine ruhige Atmosphäre. Eine leichte Brise ließ mein Haar wehen. In Gedanken ging ich noch mal alles durch. Was war gerade passiert? Hatte Kevin mich wirklich geküsst? Ich konnte es nicht fassen. Ich hatte ihn auch noch ermutigt. Allerdings war er ein guter Küsser, soweit ich beurteilen konnte, bis jetzt hatte ich keinen Vergleich. Er wollte mich sogar bei seinem Spiel dabei haben. Aber Cheerleaderin werden? Nein, das war unter meiner Würde. Es zog mich immer weiter, bis die Lichter weniger wurden und ich auf einmal in einer dunklen Gasse stand. Neben meinen beiden Seiten türmten sich große Häuser auf, die aus Beton bestanden. Sie waren mit Graffiti besprüht und an einer Seite befanden sich Mülltonnen. Ein dünner Nebel kroch am Boden entlang. Mein Puls, der sich gerade erst vom Kuss erholt hatte, schoss in die Höhe, als ich plötzlich ein tiefes Knurren hörte. Meine Nackenhaare stellten sich bei diesem Geräusch auf. Ich drehte mich langsam um. Hinter mir war eine Kreatur mit lederner Haut, sie hatte rot glühende Augen und ähnelte einem Wolf. Das Monster besaß schwarz blitzende Zähne, an denen blutiger Geifer herab lief. Schon im nächsten Moment bewegte es sich mit gekrümmter Haltung auf mich zu. Ich blieb wie erstarrt. Das war das Ungeheuer, von dem ich schon so oft geträumt hatte, nur das es jetzt in der Realität vor mir stand! Was sollte ich tun?! Das Monster schob sich immer weiter voran und drängte mich in eine Ecke, als wäre ich seine Beute. (Was ich ja auch irgendwie war.) Langsam regte sich mein Fluchtinstinkt. Ich hatte die High Heels als Waffen, die Absätze konnten hoffentlich tödlich sein. Aber es war zu spät, das Ungeheuer spannte seine Hinterläufe an und sprang, ehe ich überhaupt reagieren konnte. Plötzlich wurde ich zurück geschleudert, doch nicht von den Pranken der Wolfsmutation, sondern von menschlichen Händen. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich die Augen geschlossen hatte. Erst als ich sie aufschlug konnte ich einen Jungen sehen, der versuchte das Ungetier zu vertreiben. Während ich in einer der Ecken kauerte packte er es im Genick, wie einen Welpen und schleuderte es an die Wand. Dann nahm er in Sekundenschnelle eine Fackel und zündete sie an. (Hatte er die etwa bei sich getragen?). Die Kreatur wich vor den Flammen zurück. Der Junge näherte sich mir rückwärts, immer noch mit der Fackel fuchtelnd. Die Mutation bewegte sich nun raubtierhaft auf uns zu. Seine Augen funkelten mich an. Ich fing an zu zittern. Als das Vieh das erblickte, hätte ich schwören können, dass es sein Maul zu einem Fratzenlächeln verzog. Ohne eine Vorwarnung seines Muskelspiels warf es sich auf den Unbekannten. Doch statt vor dem Monster zu weichen, hob er einfach seine Fackel und bohrte sie in das Herz des Ungetüms. Dieses stieß daraufhin einen gruselig hohen Schrei aus und zerfiel zu Asche. Zurück blieb nur ein schwefelhaltiger Gestank. Und ich, mit dem Typen, der eindeutig kein Mensch war. Ich glaubte nicht, dass ein Normaler so ein etwas erledigen könnte. Mühsam versuchte ich mich aufzurappeln und spürte einen stechenden Schmerz in der Seite. Sofort sackte ich stöhnend zurück auf den Boden. Langsam kam der Junge auf mich zu. Er hatte schwarze Haare und stechend grüne Augen. Eindeutig kein Mensch. Vielleicht ein Alien, wegen dem grün? Ich hatte mir auf jeden Fall den Kopf gestoßen. Sein schwarzes T-Shirt schmiegte sich perfekt an seinen Oberkörper an, was seine Muskeln stark hervorhob. Irgendwie sah er selbst aus wie ein Schatten. Ich rückte noch weiter in die Ecke, verzog aber sogleich das Gesicht. Der Junge blieb auf Mitte des Weges stehen und sagte mit leiser Stimme: »Sssshhh. Ganz ruhig. Alles ist gut. Ich will dir nichts tun.« Er duckte sich zu mir runter und streckte mir die Hand aus, als wäre ich eine Katze, die er verschrecken könnte oder die weglaufen würde. »Ich bin Cayden und du musst Jessica sein«, fuhr er fort. Woher kannte er meinen Namen?! Ich war mir sicher, ihm noch nie zuvor begegnet zu sein. »Bist du verletzt?«, fragte er mich weiter. Ich schüttelte den Kopf, immer noch leicht geschockt von dem was gerade geschehen war. Dann verschwand er einfach. Keine Ahnung wohin, er war einfach weg. Ein zweites Mal versuchte ich aufzustehen, dieses Mal zog ich mich an den alten Mülltonnen hoch und es klappte. Ich schaute mich um. Müssten nicht andere Menschen etwas mitbekommen haben? Doch keine Seele war zu sehen. Ich war immer noch in der Gasse, doch kein Nebel, kein Junge, keine Bestie und auch der Geruch war verweht worden. Meine Schuhe konnte ich bei der Dunkelheit nicht mehr finden. Es waren zwar meine lieblings Heels aber ich wollte nicht länger als nötig hier verweilen. So schnell es eben ging, mit stechendem Schmerz in der Seite, eilte ich nach Hause. Meine Mum war nicht zu Hause. Ich ging straight ins Bad. Als ich in den Spiegel blickte, erkannte ich mich kaum wieder. Meine Augen waren vor Schreck geweitet und mein Gesicht war mit dem Dreck des Straßenbodens beschmutzt. Auch mein restlicher Körper war mit Schrammen übersät und meine Haare waren verwuschelt. Aus dem Schränkchen unter dem Waschbecken kramte ich nach einer Heilsalbe, die ich nach dem Duschen auftrug. Dann ging ich in mein Schlafzimmer. Im Bett kramte ich in meinem Gedächtnis, aber diesen Cayden hatte ich noch gesehen. Daran hätte ich mich erinnert. Wenn ich jedoch so darüber nachdachte, kam er mir bekannt vor. Vielleicht wegen den Augen? Doch bevor ich weiter grübeln konnte viel ich in einen unruhigen Schlaf.






























Kapitel 6


Die ersten Sonnenstrahlen weckten mich auf. Mein ganzer Körper schmerzte, aber nicht so sehr wie letzte Nacht. Ich setzte mich auf und dachte nach. Erst jetzt wurde mir bewusst, was am Vorabend geschehen war und ich bekam Panik. Ich hätte gestern sterben können! Aber ich war am Leben. Es stellte sich nun die Frage: Wer oder was war Cayden und warum war er dort gewesen? Doch die wichtigere Frage: Was hatte mich da angegriffen? Obwohl ich kein Genie war, wusste ich, dass es dieses Tier oder was es auch war, eigentlich nicht geben dürfte. Je länger ich darüber nachdachte, wäre ein Laborunfall wohl am logischsten. Das viele Denken machte mich hungrig. Bevor ich mit meiner Mutter frühstücken konnte, musste ich unbedingt noch mal ins Badezimmer. Nachdem ich den Bademantel ausgezogen hatte, fiel mir sofort ein blauer Fleck an meinen Rippen auf. Die Rippen taten mir zwar weh aber es war zum Aushalten. Auch heute schmierte ich mir die Wunden mit Bepanthen ein. Meine Füße hatten viel abbekommen, das bedeutete ich würde die nächsten Tage, trotz Hitze, keine kurzen Hosen tragen können, wenn ich meine Mutter nicht beunruhigen wollte. Deshalb entschied ich mich für eine hautfarbene Strumpfhose, die ich unter ein knielanges, rotes Kleid zog. Meine Haare flocht ich zu zwei Zöpfen, die ich über meine Schulter fallen ließ. Kevin hatte mir in der Zwischenzeit eine Nachricht geschrieben, in der er mich fragte, wie es mir ging und ob ich gut geschlafen hätte. Wie süß! Als ich in der Küche ankam, saß meine Mum bereits auf der Bank mit (wer wundert sich?) einem Kaffee. »Morgen. Wann bist du zu Hause gewesen?«, fragte ich meine Mutter. »Ich war um 12 Uhr zu Hause. Ich bin nämlich Mr. Shell begegnet und er wollte mich unbedingt noch zu einem Drink einladen.« Mr. Shell war ein Mann des Bestattungsinstituts, der auf meine Mama stand. Um heute nicht schon am Frühstückstisch einen Streit zu verursachen, aß ich nur eine Banane. Am Wochenende aß meine Mutter immer etwas und legte sich dann wieder ins Bett, um zu lesen. Ich wartete also schweigend, bis sie fertig war, dann fuhr ich sofort zu Wallmart. Dort besorgte ich mir Pfefferspray, ein kleines Messer und eine Taschenlampe. Außerdem nahm ich ein Feuerzeug mit. (Die gab es wirklich in allen Farben und Formen, ich nahm mir ein blaues mit Glitzer.) Das war nun die Grundausstattung meiner Handtasche. Die Lampe und das Feuerzeug kaufte ich, weil das Monster mit Feuer vernichtet wurde. Nach dem Einkauf fuhr ich zum Starbucks am Riverdale Circle. Es war eine kleinere Filiale, die an einer Nebenstraße des Highways lag. Ich bestellte mir einen Caramell Frappochino. Das Tolle an diesem Laden war, dass er erstens nicht so viele Gäste hatte und zweitens freies Wifi hatte. Ich setzte mich in die Nähe eines Fensters, das Aussicht auf ein paar Fliederbüsche gab. Ich packte meinen Apple Laptop aus und stellte ihn auf den Tisch. Zuerst googelte ich Menschen mit Superkräften, das hätte ich mir allerdings sparen können, denn daraufhin kamen nur die Treffer für die Avengers und X-Man Filme. Dann versuchte ich es mit Wolfsmutationen aber auch hier konnte ich nichts zu meinem Angreifer finden. Zum Schluss versuchte ich es mit dem Namen meines Retters, kombiniert mit dem Wohnort Virginia und tatsächlich gab es einen Ausschnitt. Es ging um Cayden Lockwood, der vor 5 Jahren als vermisst gegolten hatte. Sein Vater hatte Geronimo Flynn, meinem Vater, das Verschwinden seines Sohnes angeschuldet. Mir stockte der Atem. Der Vater von Cayden hatte meinen Vater beschuldigt, er habe sein Kind entführt. Aber warum hätte mein Dad so etwas tun sollen? Er war Wissenschaftler. Zwar war er kein perfekter Vater gewesen aber ganz sicherlich kein Kidnapper. Doch wenn der Junge als vermisst gemeldet war oder noch immer vermisst wurde, warum hatte er mir geholfen? Es gab so viele Fragen aber keine Antworten. Dieser Fall hatte in der Zeitung gestanden, verfasst von Mr. Bees. Ich gab den Namen von Joshua Lockwood ein, dem Vater von Cayden und fand heraus, dass er Rechtsanwalt und begnadeter Tierschützer war. Die beiden hatten sich scheinbar schon öfter gegenseitig verklagt. Das hatte ich nicht gewusst, allerdings hatte ich mich nie mit der Arbeit oder den Problemen meines Vaters beschäftigt. Doch außer den einen Artikel über den Junior Lockwood gab es nichts Brauchbares. Mir blieb also nur eine Möglichkeit: Ich musste jemanden fragen, der live dabei gewesen war. Meine Mutter.

Ich trank meinen Frappo leer, und fuhr heim. Da auf meinem Navi eine Staumeldung angezeigt wurde fuhr ich nicht über die Hauptstraße, sondern über den Interstate Highway, an dessen linken Seite sich ein Wäldchen befand und an der rechten Seite sich lauter Restaurants erstreckten. Da ich wusste, dass meine Mama chinesisches Essen liebte und ich sie für unser Gespräch in gute Stimmung versetzen wollte, frei nach dem Motto captatio bene valentiae, hielt ich bei Panda- Express an.

»Voospaise? Lais oda Nudaln?«, fragte mich der chinesische Angestellte. »Frühlingsrollen, bitte. Reis und einmal Hühnchencurry«, bestellte ich.

*

Im Santa Clara Drive angekommen fuhr ich durch die Einfahrt, an der zwei weiße Löwenstatuen standen, und parkte dort. Bevor ich hochging, pflückte ich Blumen und deckte schon mal den Tisch. Als ich in mein Zimmer kam, erwartete Mr. Duddle mich bereits. Er legte den Kopf schief, irgendwie schien ihm aufzufallen, dass mit mir etwas nicht stimmte. Auch Gestern, als ich mit meinen Wunden zu ihm kam, hatte er besorgt ausgesehen. Ich hatte noch ein bisschen Zeit bis zum Abendessen, deshalb schaute ich noch mal ins Bad, um mein Make-up zur Schrammenüberdeckung, zu erneuern. Der Einkauf und das Autofahren hatte mich etwas geschwächt, weshalb ich beschloss, ein Bad zu nehmen. Den Vogel nahm ich mit und setzte ihn auf die Toilettenschüssel, um die Befragung meiner Mutter durchzuspielen. Wenn sie wüsste, was gestern passiert war, würde sie mich wahrscheinlich nie wieder rauslassen. Die Badewanne füllte ich mit Lavendelduft und extra viel Schaum. Ich ließ mich in die Wanne sinken. Die Wärme tat meinem Körper gut, denn obwohl es draußen warm war, hatte meine Mum das Haus mit der Klimaanlage sehr stark gekühlt. »Na, wie findest du das: Mama wir müssen reden... Nein, das klingt zu dramatisch, oder? Mum ich hab eine Frage …. Ja, das klingt gut.«

Was machst du so? , kam eine Nachricht von Kevin.

Ich bade gerade, und du?

Ich bin gerade im Fitnessstudio. Schickst du mir ein Foto ;) schrieb er mit grinse Smiley

Nur, wenn du mir auch eins schickst =)

Tatsächlich schickte er mir ein Foto von ihm, mit nacktem Oberkörper. Jetzt war ich dran. Ich schickte ihm ein Selfie mit Mr. Duddle. Sofort kam eine Antwort von ihm.

Jetzt beneide ich den Vogel total, erklärte er mir.

»Jessi, ich bestell Pizza, willst du auch eine?«, fragte meine Mutter durch die Tür hindurch. »Nein, Mama. Ich hab dir was vom Chinesen mitgebracht. Geh schon mal runter, das Essen steht im Kühlschrank. Ich komm gleich nach!«, rief ich ihr zu.

Ich hüpfte aus der Badewanne, schlüpfte in den lila Seidenkimono und lief zu meiner Mutter. »Schätzchen, das ist ja so lieb von dir«, sagte sie. »Du hast ja sogar an Blumen gedacht!«, stellte sie erfreut fest. Nachdem wir beide gegessen hatten und wir uns noch ein Eis gönnten, sah ich meine Chance. »Mum, eine Frage« »Ja« »Kennst du eigentlich Joshua Lockwood?«, ging ich gleich aufs Ganze. Sie erstarrte in ihrer Bewegung etwas zu trinken. »Warum willst du das wissen?«, fragt sie. »Ich mein bloß….weil er Dad doch beschuldigt seinen Sohn entführt zu haben«, tastete ich mich weiter vor. Katy schaute mich entgeistert an: »Und du glaubst das oder was?! Wie kommst du überhaupt darauf, das ist jetzt schon fünf Jahre her.« »Versuch nicht von meiner Frage abzulenken, Mama!«, erwiderte ich etwas heftiger als beabsichtigt. Die Augen meiner Mutter wurden glasig. Das war das Problem, immer wenn ich etwas lauter oder ein wenig wütend wurde, weil sie mir auswich, fing sie an zu weinen. »Jessica, warum bohrst du immer in der Vergangenheit nach? Dein Vater weilt nicht mehr unter uns und jetzt fängst du an zu glauben, er wäre ein schlechter Mensch! Schon die Römer haben gesagt: De mortuis nihil nisi bene. Über die Toten wird nichts gesagt, wenn es nicht gut ist«, ihre Stimme brach. »Es reicht! Mum reiß dich zusammen! Was ist passiert!«, schrie ich sie wutentbrannt an. Katy fing an zu weinen, wandte sich von mir ab und ging in ihr Zimmer. Manchmal fragte ich mich, ob wir überhaupt verwandt waren. Sie hatte blonde, ich brünette Haare, sie hatte blaue und ich grüne Augen. Auch unser Charakter war grundverschieden, sie versuchte immer allem auszuweichen, vor allem wenn es unangenehm wurde, und ich stellte mich diesen Sachen. Sie war leise, ich war auch nicht unbedingt laut, nur wenn ich wütend war. Und das war ich jetzt. Auch ich stapfte in mein Zimmer, nachdem ich das Geschirr in die Spülmaschine geräumt hatte. Dann gab ich meinem Haustier seine Körner, Würmer und die Medizin. Ich zog mir meinen Schlafanzug an, der aus einer gelben Stoffhotpants und einem rosa Shirt bestand, und warf mich auf mein Bett. Es stand in einer der Ecken, auf einem vanille-weißen Teppich, der auf meinem dunkelbraunen Holzboden lag. Ich suchte den Laptop, der unter meinem Bett versteckt war, lotste den Vogel auf mein Bett und machte Netflix an. »Wir schauen Shadowhunters«, erklärte ich dem Eichelhäher. Nach drei Folgen vielen mir die Augen zu.


Kapitel 7

Ein Pfeifen weckte mich auf. Als ich verschlafen die Augen öffnete, starrten mich zwei schwarze Äuglein an. »Ahhh!« Sofort richtete ich mich auf: »Du kannst mich doch nicht so erschrecken, Duddle. Beobachtest du mich etwa beim Schlafen?« Der Vogel zwitscherte noch mal, was mir ein Lächeln entlockte. Ein Eichelhäher, der mir beim Schlafen zu schaute? Wie verrückt war das denn? Ich schaute auf den Wecker, der auf meinem kleinen Nachtisch stand. Die leuchtenden Zahlen zeigten neun Uhr an. Meine Mum würde wahrscheinlich immer noch sauer auf mich sein, deshalb entschied ich, ihr einen guten Kaffee von Starbucks zu holen. Ich schlüpfte schnell in eine graue Jogginghose und zog mir ein blaues Langarmshirt über. Noch bevor ich die Treppen runter sausen konnte, rief meine Mutter nach mir: »Jessica, du hast Besuch, komm sofort herunter!« Oh, oh, dieser Ton hieß nichts Gutes, sie war also noch RICHTIG sauer auf mich. Wer wohl um diese Uhrzeit schon was von mir wollte, eigentlich hatte ich niemanden erwartet. Vielleicht war es ja Lena, mit der ich eine Physik Präsentation halten musste. Doch schon als ich die ersten Stufen hinuntereilte, erkannte ich die Stimme. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Flynn. Ich bin Kevin«, stellte er sich meiner Mutter vor. »Kevin?«, fragte sie skeptisch. Kevin wirkte ein wenig überfordert, bei so viel Unfreundlichkeit von meiner Mama. Katy hatte ihn nicht mal reingebeten. Insgesamt stand sie gerade neben sich. Sie trug einen Bademantel, rosa Pantoffeln, ihre Haare sahen aus, als ob ein Vogel in ihnen geniestet hatte (Wo der doch bei mir war ). Und dann ihre Augenringe, peinlicher ging es ja nicht. »Ja Mum, das ist Kevin. Du erinnerst dich? Ich habe ihm letztes Jahr Nachhilfe gegeben«, half ich ihm. »Mhhff«, stieß sie hervor. Da sie nicht vorhatte, uns ein wenig Privatsphäre zu gönnen, fragte ich ihn einfach: »Ähhm ja…..was machst du denn schon hier? Willst du reinkommen?« »Nein Danke, ich dachte, wir könnten zusammen an den Strand fahren und schwimmen gehen«, erklärte er. »Jessica hat noch nicht mal gefrühstückt«, motze meine Mum ihn an. »Bitte! Er ist ein Freund, außerdem hat er dir gar nichts getan. Von mir aus lass alles an mir aus aber nicht an ihm!«, zischte ich ihr energisch zu. »Das macht auch gar nichts. Ich hab hier nämlich Croissants und Kakao«, sagte er und holte eine Papiertüte hinter seinem Rücken hervor. Ich lächelte: »Bin gleich da. Muss nur noch meine Sachen holen.« Ich rannte so schnell in mein Zimmer, wie ich nur konnte, um ihn nicht unnötig mit meiner Mutter allein zu lassen. Wenn sie beleidigt war, war sie unausstehlich. Ich kramte in meinem Schrank nach einer Strandtasche. Die erstbeste war eine aus Stroh, mit einem Stern drauf. Dann schmiss ich wahllos Bikinis und ein Strandkleid rein. Ich lief noch ins Bad, um meine Haare zu kämmen. Daraufhin entschied ich mich dafür den blau-schwarzen Bikini schon hier anzuziehen, darüber zog ich dann doch eine kurze Hose an und ein weißes Shirt. In meiner Not schmierte ich noch Abdeckstift auf meine Schrammen. Da an meiner Schlafzimmertüren Jacken hingen, nahm ich mir noch eine luftige Regenjacke mit. Im letzten Moment erinnerte ich mich an das Tier auf meinem Bett. Ich gab ihm sein Futter.

Ich brauche deine Hilfe, schrieb ich Kevin in meiner Not.

Wie kann ich dir behilflich sein?

Der Vogel muss unbedingt mit, sonst findet meine Mutter ihn noch.

Ok.

Du musst jetzt rau gehen und vor meinem Fenster warten.

Schon eine Minute später stand Kevin da, wo ich ihn haben wollte. Ich packte Mr. Duddle und setzte ihn in meine Tasche. Die Tasche ließ ich dann, per Wollschnur, zu meinem Freund runter. Dann ging ich an meiner Mama vorbei, die sich aufs Sofa warf und den Fernseher einschaltete und schloss die Tür. Kevin wartete bereits vorm Auto auf mich mit der Tasche. »Vielen, vielen Dank! Wie kann ich mich dafür erkenntlich zeigen?«, fragte ich ihn glücklich. »Wie wäre es mit einem kleinen Kuss?«, schlug er verschmitzt offen vor. Sollte ich? Ich ging auf ihn zu und drückte meinen Lippen auf seine. Zuerst war es ein ruhiger Kuss aber dann wurde er fordernder. Ich löste mich lächelnd langsam von ihm. »Du wolltest einen kleinen Kuss«, neckte ich ihn lächelnd. Er verzog das Gesicht zu einer Schnute: »Kann ich das im Nachhinein ändern?«, fragte er. »Nein« »Mist«, er tat gespielt betreten. Ich hüpfte um ihn herum ins Auto. »Kommst du? Ich dachte wir wollten schwimmen gehen. Außerdem hast du mir Frühstück versprochen« »Ich bin schon da«, er stieg in den Ferrari und überreichte mir die Tüte. Ich gab ihm als Belohnung ein Küsschen auf die Wange, das ihn lächeln ließ.

*

Weil es noch so früh war kamen wir schnell voran. Wir fuhren zum Backaro Beach. Dieser Strand war nicht so sehr von Touristen überfüllt. Zuerst sah man nur Wiese aber dann breitete sich der Sand aus. Alle fünfzig Meter führten meterhohe Stege ins Meer. Es war einfach wunderschön. Es gab sogar eine Strandbar. Wir legten unsere Handtücher in die Sonne und stellten einen regenbogenfarbenen Schirm auf. »Wer zuerst im Wasser ist«, rief Kevin plötzlich und stürmte voll angezogen auf die türkisen Wellen zu. Unterm Laufen zog er sich bis auf die Shorts aus. (Er trug blaue mit gelben und roten Laserstrahlen.). Ich tat es ihm gleich und stürzte mich in die Fluten. Das Wasser war angenehm kühl, denn obwohl es noch morgen war stieg die Hitze stetig an. »Schau! Da sind Tom, Severin, Taylor, Lena und die Zwillinge«, rief er erfreut. »Hey Leute!« Die anderen erkannten uns und winkten uns stürmisch zu sich. Die Jungs kannte ich nur flüchtig, denn sie waren alle Basketballer. Lena kannte ich aus Physik. Die Zwillinge, Ava und Lexi, kannte ich nur, weil Lexi Schülersprecherin war. Insgesamt schien die Gruppe nett zu sein, keine Zicken oder Spasten. Als wir uns durchs Wasser zu ihnen durchgearbeitet hatten, begrüßte er erst die Jungs mit einem komplizierten Handschlag und stellte mich dann vor. »Leute, das ist Jess aber ihr kennt sie vielleicht bereits« »Hi«, sagte ich schüchtern. »Nett dich kennenzulernen«, begrüßte mich Tom freundlich. »Du bist doch die, deren Vater gestorben ist, oder?« »Ava! Sei mal ein bisschen einfühlsamer«, ermahnte Lexi sie. »Das passt schon. Aber ja, mein Dad ist vor vier Monaten gestorben, ich bin schon darüber hinweg«, erklärte ich, bevor sie mich für labil hielten. »So was fragt man trotzdem nicht. Hi, ich bin Lexi.« Wow, sie war echt offen, höflich und direkt, kein Wunder, dass sie mit der Mehrheit der Stimmen gewonnen hatte. »Hey Leute, wie wärs mit Wasser Wrestling?«, schlug Taylor vor. Kevin tauchte unter mich und als er mich nur wenige Sekunden auf seine Schultern hievte, entwich mir ein Quietschen. Alle taten es unserem Beispiel gleich. Lexi saß auf den Schultern von Severin, Ava und Tom bildeten ein Team und Taylor nahm Lena auf die Schultern. Und schon ging die Schlacht los, immer zwei Teams versuchten sich gegeneinander ins Wasser zu befördern. Wir hatten einen Heidenspaß. Am Ende gewann Taylors Team, Kevin und ich wurden Zweite.

»Ich geh an die Bar, wer kommt mit?«, erklärte Tom. »Ich!!«, schrien alle wie aus einem Munde.

Die Bar war aus Bambus gebaut worden und auf ihrem Dach lagen sogar Palmwedel. Sie stand auf einer Holzterrasse, auf der sich auch Tischchen und Stühle befanden. Unter dem Tresen kreuzten sich an der Wand zwei blaue Surfbretter. Der Tresen selbst wurde von einer Lichterkette umrahmt. Vom Dach hingen bunte Lampions und der Weg zu der Hütte wurde in der Nacht von Strandfackeln beleuchtet.

Wir setzten uns an eine äußere Kante der Terrasse. »Leute, würde es euch etwas ausmachen, wenn ein Vogel in unseren Reihen wäre?«, fragte ich sachte nach. »Nö, hast du einen?«, erwiderte Ava. »Ja« »Seit wann?«, wollte Lena wissen. »Seit Freitagmorgen. Deshalb stand ich auch im BH vor Matz«, erklärte ich ihnen. »Dachte mir schon, dass es nicht stimmt was der Quaterback gesagt hat. Du hast mich noch nie so angeschaut, als ob du was von dem willst«, sagte Severin. »Mann, hat hier überhaupt jemand Feingefühl? Seht ihr nicht, dass es ihr unangenehm ist über solche Sachen zu sprechen?«, Lexi schüttelte den Kopf. »Hol deinen Vogel und dann schlagen wir ein anderes Thema an. Ein nicht so peinliches und auch keins über Volltrottel. Verstanden?«, die letzten Worte richtete sie an alle. Keiner konnte sich ein Lächeln über ihre Eskapade verkneifen. Sie war wirklich direkt. Aber irgendwie gefiel mir das, vielleicht konnten wir ja Freunde werden. Dankbar war ich ihr. »Ich begleite dich«, erklärte mir Kevin. Zusammen gingen wir, um den Eichelhäher zu holen. »Und?«, fragte er. »Und was?«, wollte ich wissen. »Wie findest du die anderen?« »Ich find sie toll! Sie sind so freundlich«, erzählte ich. »Vor allem Lexi. Du hättest mich aber ruhig vor ihr warnen können«, sagte ich mit gespielter Empörung. »Ja, sie kann echt direkt sein, du hättest ihr aber auch nichts vorspielen können. Ich glaub, sie mag dich auch«, antwortete er. Bei meiner Tasche angekommen hörte ich schon saures Piepen. »Sorry. Du bekommst gleich was«, entschuldigte ich mich bei meinem Haustier und hob ihn eingewickelt in ein Tuch hoch. Zurück bei den anderen bekam er Brotkrümel von Lena und Ava. »Wie heißt er eigentlich?«, wollte Tom wissen. »Ich hab ihn Mr. Duddle genannt« »Wie süß! Duzzi Duu. Wer ist ein super süßer Voggi. Ja, du Mr. Duddle!«, fing Ava sofort an mit ihm in Babysprache zu sprechen. »Also ich werde euch Mädels wohl nie verstehen. Dieser Name allein schon, tut mir leid Jess, und dann noch diese Babyspeach. Der Eichelhäher versteht dich doch eh nicht«, brach es aus Taylor heraus. Lena warf ihm einen bösen Blick zu, musste dann aber auch lachen, als Taylor in Gelächter ausbrach. Dieser Blick von ihr sah echt komisch aus. »Ich wette, du schaffst es nicht einen Tag lang dich anständig aufzuführen. Geschweige denn Feingefühl oder Vorbildfunktion zu repräsentieren«, forderte Lex ihn raus. »Ich dachte du wettest nicht meine Liebe«, erwiderte er. »Für dich mach ich eine Ausnahme«, erklärte sie verschmitzt. »Gut. Wir wetten um einen Kuss«, kam die Antwort von Taylor. »Taylor! Das ist meine Freundin!!«, mischte sich Severin entsetzt ein. »Okay, Okay«, er nahm die Hände hoch »Dann zahlt der Verlierer dem Gewinner halt Eis, so viel er will.« »Passt, ich würde auf jeden Fall Vanille nehmen, nur das du es schon mal weißt«, willigte die Schülersprecherin ein.


Kapitel 8

Wir hatten den ganzen Tag über eine schöne Zeit. Nachdem wir Volleyball gespielt hatten, brachen wir auf, weil es zu regnen anfing. Kevin brachte mich noch zurück. Dann blieb ich allein zurück. Da morgen wieder Schule war, ging ich früh ins Bett. Meine Mum hatte sich bereits in ihr Zimmer zurückgezogen. Ich machte mir ein Wurstbrot und nahm es mit auf mein Zimmer. Nachdem ich es gegessen hatte, legte ich mich ins Bett. Mr. Duddle durfte mit einer Decke auf meinem Schreibtisch schlafen.

Ich lag in der Wiese auf einer roten Decke. Drei Meter von mir entfernt erstreckte sich ein Wald. Die Sonne schien und es zog mich magisch zu den Bäumen hin. Ich ging so lange, bis ich auf einer Lichtung angelangte. Vereinzelte Sonnenstrahlen bahnten sich einen Weg durch das saftig grüne Blätterdach. Magie lag in der Luft. Es war friedlich. Während ich in der Mitte der freien Fläche stand, näherten sich mir die Waldbewohner. Ein brauner Hase kam hüpfend auf mich zu und auch ein Eichhörnchen blickte mich neugierig von einem Baum aus an. Hinter einem Strauch erkannte ich ein Rehkitz, das mich an Bambi erinnerte. Ich kniete mich hin, um den niedlichen Hasen anzulocken. Die weißen Gänseblümchen auf der Wiese verströmten einen süßlichen Duft. Eine leichte Brise wehte durch mein Haar und ließ mich frösteln. Das Eichhörnchen spitzte die Ohren und verschwand, auch das Bambi schaute sich ruckartig um und eilte mit weiten Sprüngen davon. Der Hase, der sich zuvor auf mich zu bewegt hatte, trat die Flucht an und auch die Vögel verstummten abrupt. Eine Kälte ersetzte die Wärme, die mich zuvor erfasst hatte. Der Himmel verdunkelte sich schlagartig. Nebel kroch aus den Tiefen des Waldes auf mich zu. Plötzlich hörte ich ein Rascheln. Ich drehte mich um, konnte aber nicht bestimmen aus welcher Richtung es kam. Mein Blick huschte zum Ende der Lichtung, wo ich eine Bewegung wahrnahm. Dann ein Aufblitzen roter Augen. Auf einmal war ein hohes grausames Heulen zu hören. Es war zurück. Bevor ich aufstehen konnte, warf sich die Mutation auf mich. Sein raues Fell drückte es auf meine Nase und ich zog den verfaulten Duft von Aas ein. Es zog seine Lefzen hoch und biss in meine Kehle, ich spürte einen unaufhaltbaren Schmerz. Ich stieß einen gequälten Schrei aus und versuchte nach Luft zu ringen, doch es ging nicht. Mein Körper zuckte unkontrolliert. Langsam verschwamm alles vor meine Augen. Ich versuchte die Augen offenzuhalten aber es ging nicht. Eigentlich hoffte ich, dass mich die Dunkelheit von den grausamen Qualen erlöste, doch sterben wollte ich noch nicht. Ich spürte wie mich die Lebensenergie verließ. Doch bevor mir das Vieh die Augen auskratzte und Blut aus meinen Augenhöhlen spritzte, konnte ich eine Gestalt erkennen. Ich sah nicht viel, doch die grünen mit orange gesprenkelten Augen und auch die rot glühende verfolgten mich bis in die Früh.

*

Wieder einmal wachte ich schweißgebadet auf mein ganzes Bett war davon feucht. Ich lag zitternd in meinem Bett. Der Eichelhäher starrte mich treuherzig an, als er mich sah. Ich glitt aus meinem Bett und verweilte vor dem Spiegel im Bad. Ich hatte dunkle Augenringe und meine Haare standen wild vom Kopf ab. Bevor ich aus diesem Haus ging, musste ich erst mal unter die Dusche. Etwas war anders gewesen, als die letzten Male: Diese Person oder besser gesagt diese Augen. Ich ließ mich an der Duschwand hinuntergleiten und setzte mich, während ich versuchte mit dem heißen Wasser die Überreste des Albtraums zu verscheuchen. Im Hintergrund hörte ich A thousand years. Als dieses Lied von Enriques Subeme La Radio abgelöst wurde, stemmte ich mich auf und zog mich an. Ich entschied mich für eine lange luftige Schlabberhose mit blau-schwarzen Muster darauf, die meine Schrammen verdeckte und ein türkises Top. Dazu trug ich einen Hauch an rosa-roten Lippenstift auf. Für meine Augen musste eine große Menge an Concealer herhalten. Ich beschloss heute früher loszufahren, so konnte ich in der Schule noch lernen. Mein Zimmer schloss ich vorsichtshalber ab, nicht dass meine Mum den Vogel finden würde. Da ich trotzdem ein Frühstück brauchte, fuhr ich zuvor noch zu I-Hop. Dort bestellte ich mir Rührei, Würstchen und Pancakes. Für Mr. Duddle nahm ich Pommes mit, die konnte er dann zu Abend essen.

An der Blackwood High angekommen setzte ich mich auf eine Bank auf dem Campus. Es war angenehm warm. Die Hitze würde erst gegen Mittag unerträglich werden. Ich saß im Schneidersitz und hatte mein Latein Buch vor mir aufgeschlagen, wahrscheinlich würden wir heute einen Kurztest schreiben. Nach kurzer Zeit setzten sich zwei Jungs neben mich. Zuerst hielten sie einen gebührenden Abstand, doch langsam fingen sie an immer näher an mich heranzurücken. Ihre Nähe fing an unangenehm zu werden. Einer legte plötzlich eine Hand um meine Schulter, der andere legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. Ich sprang auf, um ihre Hände abzuschütteln »Habt ihr sie noch alle!«, fauchte ich sie ungehalten an. Was waren das denn für Schweine! »Hey, beruhig dich«, sagten sie lässig »Du bekommst dein Geld aber erst nach dem Spaß« »Was glaubt ihr eigentlich wer ihr seid!« »So bekommst du kein Cash«, erklärten sie mir. »Obwohl das auch heiß ist, wenn du aggressiv bist« »Ich bin doch keine Nutte!« Die beiden standen nun auch auf und gingen auf mich zu. »Sam, Tobi, habt ihr ein Problem?!«, rief eine Stimme die beiden streng. Schon schlängelte sich Lexi durch eine Gruppe von Schülern, die gerade in das Gebäude eintraten. Sofort hielten die Zwei inne. »Belästigt ihr etwa Jessica?«, wollte Lexi in eiskaltem Ton wissen. Sie war echt respekteinflößend. Die Jungs schüttelten vehement die Köpfe: »Nein, nein ……, das..ääh….war bloß ein Missverständnis.« »Das will ich hoffen! Das nächste Mal kommt ihr nicht so leicht davon«, sprach sie eine Drohung an die beiden Schüler aus, die gleich verschwanden. »Wow. Das war echt der Wahnsinn. Die haben ja richtig Angst vor dir. Übrigens vielen Dank«, bedankte ich mich. »Nichts zu danken. Komm, der Unterricht beginnt gleich, ich bring dich zu Kevin«, sagte sie gelassen. Wir fanden meinen Klassenkameraden vor dem Klassenzimmer. Er wartete vor der gelben Tür. »Hi, Mädels!« »Ich muss in meinen Unterricht«, rief die Schülersprecherin ihm zu und verschwand noch bevor ich bei ihm angelangt war. Vor der Tür blieben wir stehen und starrten uns erst an. Ich verlagerte mein Gewicht nervös von einem Bein auf das andere. »Sollen wir?«, durchbrach ich die Stille und deutete in Richtung Klassenraum. »Ja«, war seine einfache Antwort. Wow, wann war das denn passiert. Sonst war er doch nicht so verlegen. Als wir eintraten, hielt er mir die Tür auf. Ich saß normalerweise in der ersten Reihe und er in der Letzten, aber heute setzte er sich neben mich. Als Miss Mc Kell eintrat, geschah das, was ich vermutet hatte: wir schrieben ein Extemporal. Als uns der Gong erlöste, brachte mich der Gentleman noch zum nächsten Klassenzimmer. »Hättest du gedacht, dass sie heute ne Ex schreibt? Wie fandst du die Fragen? Ich fand sie viel zu schwer, das Thema hatten wir vor einer Woche schon abgeschlossen!«, beschwerte er sich. »Ja, ich habe damit gerechnet und so schlimm wird’s schon nicht sein«, tröstete ich ihn. Mir war es erstaunlich gut ergangen. Das Lernen vor Beginn des Unterrichts hatte wohl etwas gebracht.

*

In Geschichte musste ich wieder an meinen Vater denken und an das, was meine Mutter gesagt hatte oder besser gesagt, was sie nicht gesagt hatte. Wir behandelten gerade das Thema Mittelalter, für das ich mich nicht sonderlich interessierte. Deshalb stellte ich mein Buch wie einen Schutzwall vor mich auf und fing an mit meinem Tablett den Namen meines Vaters zu googeln, ohne andere Suchbegriffe. Keine Ahnung warum ich nicht schon früher darauf gekommen war, aber wie schon Titus Livius zu sagen pflegte : Besser spät als nie. Gleich nachdem ich auf die Suchtaste gedrückt hatte, sprangen mich die eisblauen Augen meines Vaters an. Auf dem Foto war mein Vater zu sehen, neben ihm stand Katy und ein fremder Mann, den ich als Forscherkollegen erkannte. In seiner linken Hand hielt Geronimo die Hand meiner Mum und in der rechten einen weißen Laptop. Und plötzlich hatte ich einen Geistesblitz. Diesen Computer hatte ich letztens erst gesehen. Bloß wo? Vielleicht waren dort Informationen gespeichert. Sicherlich auch welche über diesen Cayden. Möglicherweise sogar Chatverläufe. Ich sprang auf und wollte mich schon auf den Weg machen, als: »Miss Flynn, möchten sie meine Frage beantworten?«, scharf von Mr. Brand gerufen wurde. »Wir hören …« »Ääähhhhhmmmm…….« »Das hatte ich mir schon gedacht. Setzen Sie sich sofort und bauen Sie diese Buchwand ab!«, befehligte er mich. Ich ließ mich zurück auf meinen Stuhl plumpsen. Das war was. Aber ich hatte noch Glück gehabt. Mr. Brand war beider US-Armee gewesen, so führte er sich auch auf. Sein Aussehen und Verhalten entsprachen vollkommen dem Klischee eines Generals in Filmen. Kurz geschorenes Haar, Muskeln, strenger Blick und donnernder Stimme. Man könnte meinen er würde süße Kätzchen zum Frühstück verspeisen Außerdem machte er immer den Eindruck, als hätte er einen Stock verschluckt. Jeder der sich nicht benahm, dazu gehörte auch lachen, würde bestraft. Meist mit extra Sportstunden, in denen man sich fühlte, als wäre man bei der Armee und würde seine ersten grauen Haare bekommen. »Wer kann mir sagen, wann das Mittelalter beendet war?«, fragte er. Ich meldete mich, um ein paar Pluspunkte zu bekommen. »Miss Flynn« »1500 nach Christus«, antwortete ich. »Richtig. Es freut mich, dass Sie sich wieder auf den Unterricht konzentrieren«, erklärte er »In den nächsten Stunden werden wir uns mit den Germanen beschäftigen. Lesen Sie daher bis zum nächsten Mal die Seiten 67-69 in ihrem Buch.« Damit schloss er die Stunde.

In der Pause setzte ich mich zu Ava, Severin und den anderen vom Strand. Sie hatten mich wild gestikulierend zu sich gewunken, als ich in die Mensa gekommen war. Die Mensa befand sich im Westflügel des Gebäudes, daher konnte man von ihr aus in den kleinen begrünten Innenhof gelangen. Nur eine Glasfront trennte uns von der Wiese. Ich hatte eigentlich gar keinen Hunger, weswegen ich lustlos in meinem Essen herum stocherte. »Also, was sagst du dazu?«, wurde ich von Lena aus meinen Gedanken gerissen. »Was? Ich hab gerade nicht aufgepasst«, erklärte ich entschuldigend. »Sie hat dich gefragt, ob du auch zu ihrer Feier kommst«, klärte mich Taylor auf. »Wann ist die denn?« »Dieses Wochenende«, sagte Lena »Du darfst natürlich auch jemanden mit bringen.« »Das ist nett, also Zeit hab ich aber ich bringe niemanden mit.« »Jessy, Tom, habt ihr es schon gelesen? Bei uns fällt heute Mathe aus«, sagte Kevin, der sich gerade auf einem Stuhl neben mir niederließ. »Juppi jay jey«, lachte Tom. »Wer kommt heute nach der Schule mit zu Starbucks?«, wollte Ava wissen. » Ich kann nicht, weil ich mich doch um Mr. Duddle kümmern muss«, sagte ich schnell. Es war nicht ganz richtig aber gelogen war es auch nicht. Ich wollte nach der Schule nämlich nur nach Hause, um diesen Laptop zu suchen, der mir hoffentlich Informationen bringen würde. Das musste ich auf jeden Fall machen, noch bevor meine Mutter von der Arbeit kommen würde. Das Läuten zum Unterricht löste unsere Gruppe auf, da jeder in einen anderen Kurs musste. Ich hatte jetzt Kunst, was mich total freute, denn dort konnte ich malen und nebenbei ungestört meinen Gedanken nachhängen. Was würde passieren, wenn ich diesen Computer fand? Wahrscheinlich war er sowieso mit einem Passwort gesichert. Das bedeutete, ich brauchte einen Hacker. Aber wo bekam ich einen her? Vielleicht einen aus der Computer AG aber das Problem war, dass ich dort keinen kannte. Doch selbst wenn ich in die Dateien käme, was würde ich dann mit ihnen machen? Oder hätte ich gleich Mr. Lockwood informieren sollen, dass ich seinen Sohn gesehen hatte, und dass er nicht normal war? Warum war mir der Gedanke nicht schon früher gekommen? Jedes Elternteil freute sich doch zu erfahren, dass sein Kind am Leben war. Oder? Obwohl … würde er mir überhaupt glauben, ich war schließlich die Tochter des vermeintlichen Kidnappers. Aber mein Vater war ja jetzt tot. War es Zufall, dass Cayden auf einmal wieder da war und Geronimo nicht? »Miss Flynn?« Ich blickte verwirrt von meiner Zeichnung, einem trauerndem Engel, auf. Mrs. Mondi saß am Pult und nahm einen Schluck Kaffee aus ihrer selbst bemalten Tasse. Ich blickte mich im Kunstraum um und bemerkte den Fehler. Kein Schüler außer mir war noch hier. »Entschuldigung, bin schon weg«, sagte ich und packte schnell meine Malutensilien in meine Tasche. Diese schulterte ich und lief an einer Außentreppen, die mit Efeu überrankt war, vom Keller hinauf zum Parkplatz. Es war niemand außer mir dort, was verständlich war, denn ich hatte ja früher aus. Ich fuhr auf kürzestem Weg in meine Straße. Es gab wenig Verkehr, da ich mich nicht wie üblich zur Mittagszeit auf den nach Hause Weg machte.

*

»Mr. Duddle, ich hab dir was mitgebracht«, trällerte ich. Er stieß einen fröhlichen Laut aus, als ich ihm die Fritten unter den Schnabel hielt. »Na, wie war dein Tag? Ich habe heute einen Test geschrieben, wurde ermahnt aber habe etwas Neues herausgefunden«, teilte ich ihm mit. Ich brachte ihn kurz nach draußen, damit er sein Geschäft verrichten konnte. »Mr. Duddle ich vertraue dir und da ich glaube, du kannst ein bisschen verstehen was ich sage, sage ich dir: du musst hier bleiben und nicht, ich betone das nicht, weggehen, fliegen oder was du noch alles kannst. Okay?«, trichtert ich ihm ein. Ich glaubte ernsthaft, dass ein Eichelhäher mich verstand. Es wäre wohl besser, wenn ich nicht nur den Vogel noch mal zum Arzt brachte. Ich vergewisserte mich, dass meine Mutter nicht doch daheim war und dann legte ich los. Zuerst stellte ich das Wohnzimmer auf den Kopf. Ich wühlte mich durch Schubladen und das große Bücherregal an der Wand, doch ohne Erfolg. Ich war so dumm! Wer bitte versteckte wichtige Sachen im Wohnzimmer, wo jeder sie sehen konnte? Das Durchsuchen hatte mich Zeit verschwenden lassen, die ich brauchte. Deshalb versuchte ich es mit Köpfchen. In der Küche stand der Laptop bestimmt nicht, da würde er durch die Feuchtigkeit und die ständige Hitze kaputt gehen. Womit wir auch das Bad von der Liste streichen konnten. Auch in meinen Räumen befand sich der Laptop nicht, das hätte ich bemerkt. Damit blieben nur noch das Schlafzimmer meiner Eltern und das Büro meiner Mutter. Ich wusste, dass sie ihr Büro immer absperrte, weshalb ich es zuerst im Schlafzimmer versuchen wollte. Ich schlich in den Raum meiner Eltern. Alles darin war aus dunklem Kiefernholz. Außer einem Bett und einem Schrank befanden sich nur noch zwei Nachtkästchen neben je einer Bettseite. Ich ging zur Schrankhälfte meines Vaters und hatte Glück! Tatsächlich stand der Laptop dort, wie auch andere Sachen meines Dads. Katy hatte noch nichts weggeschmissen. Wahrscheinlich weigerte sie sich immer noch, sich den endgültigen Tatsachen zu stellen. Geronimo war tot. Er kam nicht wieder und doch warteten seine Sachen hier auf ihn. Aber mich ging es nichts an was Mum tat. Sie war alt genug. Ich ging in mein Zimmer und zu meiner Überraschung wartete dort mein Haustier auf mich. Ich stieß einen Quietscher aus. »Du bist ja so schlau!«, rief ich freudig. Irgendwie war ich stolz auf mein neues Haustier. Draußen hatte es angefangen zu stürmen, das hatte der Wetterbericht nicht kommen sehen, deshalb schaltete ich das Licht ein. Nun wirkte der ganze Raum, weil er in goldenes Licht getaucht wurde, gemütlicher. Ich setzte mich auf mein Bett und der Vogel hüpfte näher. Ich klappte den Computer auf, doch wie ich vermutet hatte, war er gesichert. Nach drei Eingaben gab ich den Versuch auf das Kennwort zu knacken. Genau in diesem Moment kam eine Nachricht von Kevin.

Hast du heute Abend Zeit? Ich hatte Zeit, denn was sollte ich schon großartiges tun? In meinem Zimmer hocken und auf einen gesicherten Startbildschirm schauen? Nein, auf keinen Fall.

Ja, aber es darf nicht zu spät werden, weil wir morgen Schule haben. Kennst du jemanden der Hacker kann?

Es konnte nicht schaden ihn zu fragen.

Ja, meinen Bruder. Warum?

Hab einen Laptop und davon das Keyword vergessen.

Er musste ja nichts von meinem Vater wissen, immerhin kannten wir uns nicht so gut. Nur wegen ein wenig Nachhilfe letztes Jahr und einem Date, vertraute man niemanden seine Geheimnisse an.

Muss es noch heute sein?

Ja, schrieb ich sofort

Dann bring ich ihn mit. Ich hol dich ab, dann können wir essen gehen und dann ins Kino (ohne Bruder ;))

Passt. Um wie viel Uhr?

17 Uhr. Ich freu mich.

Um fünf Uhr also. Ich konnte es kaum erwarten Kevins Bruder kennenzulernen. Er war quasi der Schlüssel zu meinen Fragen oder zu mindestens konnte er die Truhe, in dem der Schlüssel war öffnen. Ich war schon wieder ganz hibbelig. Um mich zu beruhigen überlegte ich mir was ich zu unserem zweiten Date anziehen konnte. Doch heute fiel mir die Wahl recht einfach, da es regnete und es in Kinos meist kalt war. Ich zog eine schwarze, hautanliegende Lederhose an und einen weißen Strickpullover. Dazu wollte ich eigentlich wieder die schwarzen Heels anziehen, bis mir einfiel, dass ich sie auf der Flucht vor der Bestie verloren hatte. Konnten sie immer noch in der Gasse sein? Aber nein. Es waren teure Schuhe gewesen. Umso größer auch mein Verlust. Niemand würde sie nicht mitnehmen. Deshalb zog ich dunkle Lackschuhe mit Keilabsätzen dazu an. Jetzt war es gerade mal halb drei. Was sollte ich noch machen? Mit Hausaufgaben konnte ich die Zeit nicht verbringen, denn wir hatten keine auf. Konnten Eichelhäher eigentlich singen? Singvögel gab es schließlich, außerdem war er nicht so dumm, wie man meinen konnte. »Mr. Duddle mach mir nach«, forderte ich ihn auf. Zuerst versuchte ich es mit einer Tonleiter: »C-D-E-F-G-A-H-C« Ich schaute mein Haustier erwartungsvoll an. Er gab keinen Piep von sich. Vielleicht musste man ihm etwas vor pfeifen, damit er es nach ahmen konnte. Mit dieser neuen Erkenntnis versuchte ich ihm Beethovens fünfte Sinfonie beizubringen. Doch es war zwecklos, er legte einfach nur den Kopf schief. Was dachte er wohl von mir? Ich hörte ein Poltern. Das musste meine Mutter sein. Ich fand es war an der Zeit mich mit ihr zu versöhnen. Ich setzte Mr. Duddle in einen Orangen-Karton, den ich zum Bett für ihn umfunktioniert hatte. Dann eilte ich die Treppen runter. Sie saß gerade auf der Küchenbank und aß eine Pizza. Ich setzte mich ihr gegenüber und schaute ihr in die Augen: »Mum, es tut mir leid. Ich wollte dich nicht so anfauchen. Bitte verzeih mir.« Ich senkte den Blick. »Natürlich verzeih ich dir und jetzt nimm dir ein Stück«, sie deutete auf die Margaritha. Ich ließ mich nicht zwei Mal bitten, schließlich hatte ich noch nichts zu Mittag gehabt. Das war das Gute an meiner Mutter, sie gab zwar nie zu, dass sie im Unrecht war, aber sie verzieh einem schnell. Zwar erst nach dem sie beleidigt gespielt hatte aber immerhin gab es bei der Versöhnung kein Drama. »Jessy, was hält´s du davon, wenn wir uns zusammen Down Town Abbey anschauen? Wie war die Schule?«, fragte sie. »Ja, find ich gut. Wir haben heute einen Test in Latein geschrieben, da ging es mir gut und dann hatten wir noch eine Stunde früher aus«, erklärte ich. Ich musste ihr die Stimmung nicht mit Mr. Brand verderben. Mama setzte sich schon auf die Couch während ich einen Tee für uns machte. »Dieses Wetter ist schrecklich«, jammerte meine Mutter. »Eigentlich wollte ich mit dir Blumen pflanzen« »Na das ist wortwörtlich ins Wasser gefallen«, machte ich einen Wortwitz.

»Ist es schlimm, wenn ich heute auswärts mit Kevin esse?« »Ausnahmsweise. Aber nur bis neun Uhr«, erklärte sie. »Danke«, ich umarmte sie und setzte mich neben sie aufs Sofa, während ich ihr eine Tasse Tee reichte. Endlich war die eine Baustelle geklärt.

Einige Minuten bevor ich Junior Ballister erwartete, zog ich mich um. Ein wenig Wimperntusche und ein Hauch Rouge setzte meinem Look die Krone auf. Der Vogel bekam seine Medikamente und ein paar Körner, dann sperrte ich die Tür ab und schritt die Treppen hinunter. Und schon klingelte es. »Mum, bleib sitzen, ich mach schon«, rief ich ihr zu, »Bis später. Hab dich lieb.« Dann öffnete ich die Tür und Kevin strahlte mich an. Er hielt mir einen Arm entgegen und ich hakte mich bei ihm ein. Er führte mich zur Beifahrer Tür und setzte sich selbst auf den Fahrersitz. »Jessy, das hier«, er deutete auf den Rücksitz, auf dem ich erst jetzt erkannte, dass ein Junge dort saß, »Ist Leon. Leon das ist Jessy.« Ich hielt ihm meine Hand entgegen, doch er ergriff sie nicht. Auch gut. Die beiden ähnelten sich kaum, soweit ich es einschätzten konnte. Kevin´s kleiner Bruder hatte blonde Haare, braune Augen, eine Zahnspange und Pickel. So hatte ich ihn mir nicht vorgestellt, er war vielleicht fünfzehn Jahre alt. Es fehlte nur noch eine Hornbrille, dann hätte er die perfekte Nerd-Optik. Noch ehe wir die Auffahrt verlassen konnten, merkte ich was fehlte. »Stopp!« »Was hat die denn jetzt?«, fragte Leon. »Reiß dich zusammen! Was ist Jess?«, ermahnte Kevin seinen Bruder. Ich riss die Tür auf. » Ich hab den Laptop vergessen«, sagte ich entschuldigend. Ich raste in mein Zimmer. Da meine Mutter nicht wissen durfte, dass ich den Computer besaß schnappte ich mir eine Tasche und packte ihn rein. »Hast du was vergessen?« »Ja Mama, meine Tasche. Bin schon wieder weg«, teilte ich ihr mit und eilte schon wieder an ihr vorbei, zurück zum Auto. Völlig außer Atem saß ich im Wagen. »Wir …können …los«, sagte ich schwer atmend. »Gut. Was hältst du von Chick a Filey?«, fragte mich Kevin freundlich. »Eine super Idee«, antwortete ich ihm. »Können wir nicht zu Mc Donalds?«, fragte Leon in gelangweilter Stimme. »Nein, das können wir nicht«, erwidert Kevin streng. Er schaltete den Motor an und fuhr los. Kevin steuerte auf die Filiale am Columbia Circle zu.

Der Regen hörte auch nicht auf, als wir parkten. Einen Regenschirm hatte ich vergessen. »Bleib mal kurz sitzen«, sagte mein Schulkamerad. Ich blieb wie gewünscht hocken, während Kevin auf meine Seite kam, die Tür öffnete und mir einen Schirm hinhielt. »My Lady, wenn ich bitten darf?«, sagte er und hielt mir seine Hand hin. Ich lächelte ihn amüsiert an, dann legte ich meine Hand sehr elegant in seine. »Vielen Dank.« Leon zerstörte das ganze Ambiente, indem er lustlos aus dem Auto stieg und die Tür zuknallte. »Leon! Was hab ich dir gesagt«, schimpfte Kevin den Junior Junior. »Ja, ja. Türen nicht zu schlagen. Bla bla bla. Schon verstanden. Wollen wir rein gehen oder nicht?«, sagte Leon. Er ging vor. Kevin verdrehte genervt die Augen, was mir ein weiteres Lächeln entlockte. »Tut mir Leid. Er hat zurzeit seine Trotzphase«, flüsterte er mir zu. »Macht nichts, schließlich wollte ich, dass er mit kommt«, beruhigte ich ihn. »Ins Kino nehme ich ihn nicht mit«, erklärte er mir. »Auf geht’s, ich hab Hunger und es wird kalt«, jammerte ich. Wie aufs Stichwort verstärkte sich der Regen. Wir rannten ins Geschäft. Sein Bruder wartete schon an der Kasse auf uns. »Ich nehme einen Chickenburger«, bestellte Kevin. Er sah mich an. »Ich nehme bitte einen Chickenwrap mit Honeymustard«, erklärte ich dem Kassierer. »Was nehmen sie zum Trinken«, fragte er. Die zwei Jungs nahmen jeweils Limo, ich nahm einen Schokoladeshake. Freundlicherweise wurde ich eingeladen. Wir setzten uns an einen freien Platz. »Soll ich dir den Laptop einfach geben?«, fragte ich Leon. Er biss in seinen Burger. »Ja, gib mal her«, antwortete er mampfend. Er sah nicht sehr professionell aus. Ich fing an zu zweifeln, ob ich ihm wirklich etwas so Wichtiges für mich übergeben sollte. »Nun gib schon her«, forderte er. Ich überreichte ihm den Computer und biss dann in meinen Rap. Er nahm eine Art Nintendo und schloss ihn an. »Und wie lang dauert das?«, wollte ich wissen, doch es kam keine Antwort. Er tippte seelenruhig auf dem Gerät herum. »Hallo. Jessica hat dich etwas gefragt und auf Fragen einer Dame antwortet man!«, kritisierte Kevin seinen kleinen Bruder. »Beruhig dich ….«, sagte er abwesend. Wir schauten ihn an. Er tappte mit einer Hand nach seinem Getränk, mit der anderen blieb er an der Tastatur. Auch sein Gesicht wandte er nicht vom Bildschirm ab. Ich schaute Kevin fragend an, der zuckte nur mit den Schulter. Da Leon die Limo nicht erreichte schob ich seinen Becher in Griffweite. Er packte ihn, schlürfte daran, dann setzte er ihn wieder ab. »Mmmhhh. Nicht wie gedacht. Ahhhh. Hier die B-Abwehr«, murmelte er in sich selbst hinein. Waren alle Computer-Freaks so begeistert? Kevin und ich schwiegen und starrten ihn weiter ungeniert an. Seine Augen weiteten sich teilweise. Was hatte das wohl zu bedeuten? Nach fünf Minuten lehnte er sich lässig nach hinten, kippelte ein wenig und ließ seine Arme hängen. »Fertig«, erklärte er uns gelassen. What! Er hatte, wenn überhaupt, fünf Minuten gebraucht. Ich dachte es würde so eine Stunde dauern. Auch gut. »Und was ist das Passwort?«, fragte ich ihn fordernd. Er kapselte sein Gerät von dem meines Vaters ab. »Es ist…..«, machte er eine dramatische Pause, in der ich die Luft anhielt »..Soll ich das wirklich hier, vor allen, sagen?«, fragte er. Ich wollte es wissen, warum konnte er es nicht einfach sagen?! Seine Art nervte! »Sag es einfach, okay?«, bat ich ihn mit ruhiger Stimme. »Na gut …..Aber das ist bestimmt nicht dein Laptop. Hast du ihn geklaut?«, fragte er grinsend. Wie konnte er das wissen? »Wie bitte?«, fragte ich ihn mit hoher Stimme. »Ich mein bloß. Dieser Computer ist mit der neusten Sicherheitsstufe ausgestattet und da du scheinbar nichts von Technik verstehst, ist es naheliegend, dass es nicht deiner ist«, erklärte er mit einem Funkeln in den Augen. Das hatte ich nicht erwartet. Es mussten also wirklich wichtige Daten auf der Festplatte sein. Da Angriff die beste Verteidigung war, und Leon mich beschuldigt hatte, fauchte ich ihn ungehalten an: »Unterstellst du mir ihn gestohlen zu haben?! Das ist das Höchste! Du hast keinen Anstand, hat dir nie jemand beigebracht Respekt zu zeigen?! Antworte mir!« Ich suchte Augenkontakt. »Doch hat man«, sagte er sichtlich bestürzt über meinen Ausraster und senkte den Blick. »Schau mich an, wenn ich mit dir Rede!«, herrschte ich ihn an, da ich wusste, dass Leute in seinem Alter Augenkontakt mieden. So konnte man sie richtig einschüchtern. »Ich erwarte eine anständige Entschuldigung!«, befahl ich. »Sorry, Jess«, sagte er leise. »Ist das für dich anständig! Du besitzt ein großes Vokabular, mit dem man ganze Sätze bilden kann! Außerdem kann ich mich nicht erinnern dir gestattet zu haben meinen Spitznamen zu benutzten oder kennen wir uns gut?!«, donnerte meine Stimme. »Es tut mir leid, Jessica«, entschuldigte er sich. »Du bist keine Maus. Rede lauter«, sagte ich kalt. »Es tut mir Leid, Jessica. Ich wollte dich nicht beschuldigen«, sagte er nun lauter und schaute mir sogar in die Augen. »Und weiter?!« »Das wird nicht noch einmal vorkommen.« »Gut so. Ich nehme deine Entschuldigung an. Und nun sag mir das Passwort«, forderte ich ihn auf. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass uns schon einige Personen anschauten. Ich schenkte ihnen ein falsches Lächeln, um ihnen zu vermitteln, dass alles gut war. »Es gibt mehrere. Um überhaupt erst reinzukommen lautet es Covidy6038. Das Zweite, Elisabeth1987, benötigst du um in einzelne Dateien zu gelangen«, erklärte er mir. »Dankeschön«, antwortete ich ihm. Es ging doch auch freundlich. Glücklich schlürfte ich an meinem Shake. Wir schwiegen solange, bis wir alle gegessen hatten. Ich schielte zu Kevin rüber, er hatte noch Pommes. »Schau ein Elefant!«, rief ich ihm zu. »Wo?« Den Moment, als er wegschaute, nutzte ich und stibitzte ihm eine Fritte. »Hey, Finger weg!«, schimpfte er belustigt. Er schaute auf die Uhr. »Es ist schon fünf Uhr fünf und vierzig. Der Film geht in einer halben Stunde los. Wenn wir unsere Zicke hier loswerden wollen, müssen wir jetzt fahren«, erklärte Kevin und deutete auf seinen Bruder. Der nickte nur und stand unaufgefordert auf. Der Regen hatte nachgelassen und es nieselte nur noch. Die Sonne war aber leider immer noch hinter dunklen Wolken verschleiert. Wir stiegen in seinen Ferrari. Die Ballisters wohnten nicht weit entfernt an der Marcella Road. Bevor Kevins kleiner Bruder ausstieg musste ich noch etwas klären: »Ach Leon…« »Ja, Jessica?« »Du verstehst, dass die Sache vertraulich behandelt werden muss, oder?« »Natürlich«, bestätigte er, öffnete die Tür und war blitzschnell verschwunden. »Hut ab«, meinte Kevin. »Was?«, fragte ich unschuldig. »Na, du hast ihn richtig zur Schnecke gemacht. Nicht mal Mum schafft das«, erklärte er mit Bewunderung in der Stimme. »Ach das, das war nichts Besonderes, er hat mich nur richtig wütend gemacht« (Und hätte fast mein >Geheimnis< ausgeplaudert.), erklärte ich ihm. »Dann will ich dich auf keinen Fall wütend machen.« Er hatte seinen Bruder eine Straße vor seinem Haus aussteigen lassen. Dann schaltete er den Motor ein und fuhr los. »Welchen Film schauen wir uns überhaupt an?«, fragte ich. »Ich wäre für Kissing Booth. Und du?«, meinte er. »Du stehst auf solche Filme?«, fragte ich grinsend. »Ich hatte gehofft du magst den Film. Aber wenn nicht können wir uns auch einen anderen anschauen«, erwiderte er sofort. »Welche stehen denn zur Auswahl«, wollte ich wissen. »Also, da gäbe es einmal: Toy Story, Friedhof der Kuscheltiere, Maleficent und Kissing Booth«, zählte er auf. »Kissing Booth hört sich echt am besten an«, stimmte ich seiner Idee zu. »Dann mal los«, forderte ich ihn euphorisch auf.

*

Schon wenige Minuten später standen wir vor dem großen altmodischen Kino. Auf der Leuchtreklame standen die Filme des heutigen Abends und in großen Lettern war das Wort CINEMA geschrieben. Im Inneren war ein roter Teppich ausgelegt. Kevin holte eine Tüte Popcorn und wir besorgten die Tickets für den Film. »Dieser Film läuft im Kinosaal 4«, erklärte uns die Kassiererin. Es war ein kleinerer Saal und außer uns waren kaum Menschen drinnen. Wir hatten einen Platz in der der dritten Reihe. Ich saß auf dem Platzt 17 und Kevin saß zu meiner Rechten. Ich griff in die Popkorntüte und nahm mir einen großen Schwung heraus. Es war gesüßt. Wie lecker! Mir entfuhr ein Seufzer. »So gut? Bekommst du gleich einen Süßigkeiten Orgasmus?«, neckte er mich. Ich gab ihm einen Klaps auf die Schulter, musste aber lachen. »Shhhh!«, hörte ich aus einen der Reihen vor uns. Das ließ mich nur noch mehr lachen, ich versuchte es zu unterdrücken und wurde ganz rot. Jetzt konnte sich Kevin auch nicht mehr zurück halten und wieherte los. »Shhh!«, flüsterte ich ihm zu, damit nur er es hören konnte und zog eine strenge Grimasse. Dies brachte ihn soweit, dass ihm vor Lachen die Augen weit aus der Höhle heraus traten. Es hörte sich vielleicht eklig an, sah aber irre lustig aus, sodass mir sogar die Tränen kamen. Das Licht wurde gedimmt. Wir kriegten uns immer noch nicht ein. Ich fing an langsam und tief die Luft einzuatmen und wieder auszuatmen. Und langsam wurde es besser. Mein Mitschüler bekam es nicht so schnell hin wie ich. Doch kurz nachdem wir uns beruhigt hatten, mussten wir bei einer Szene schon wieder loslachen. Ich beugte mich nach unten, mein Bauch tat schon so weh. Auch Kevin kam zu mir runter. Er atmete schwer. »So viel hab ich schon lang … nicht mehr gelacht«, erklärte ich ihm. »Da geht bestimmt noch mehr«, flüsterte er mir zu, um das Filmpublikum nicht zu stören. Er nahm ein Popcorn. Als er es in dem Mund nahm, stöhnte er auf. Beim zweiten gab er einen langen Seufzer von sich. Er war echt der Wahnsinn. Ich prustete los. »Das kann ich auch«, prahlte ich. Auch ich schnappte mir ein Korn aus unserer Tüte und gab ein lang gezogenes Stöhnen von mir. »Na, wie war ich?«, fragte ich gespielt stolz. Er gab ein Glucksen von sich. »Ja, ziemlich gut«, gab er zu. »Was? Das war der Wahnsinn«, erwiderte ich mit gespielter Empörung. »Okay, war schon richtig gut«, gestand er. Wir kicherten noch ein bisschen in gebückter Haltung, dann reckten wir die Köpfe, um dem Film weiter zu folgen. Ein paar hatten sich zu uns umgedreht. Oh, Oh, was die wohl gedacht hatten. Wir waren nicht zu sehen und hatten Stöhngeräusche von uns gegeben. Ach, was sollte es. Man lebte nur einmal. Die restliche Zeit blieben wir ruhig. Und er legt sogar kurzzeitig seinen Arm um meine Rückenlehne. Der Film war echt gut. Liss und ich hatten zwar nie Regeln in unserer Freundschaft gehabt, allerdings war sie auch kein Junge und hatte keinen Bruder.

*

Das Popcorn war schon vor dem Ende von Kissing Booth leer. Als das Licht wieder anging erhoben wir uns ziemlich schnell, damit uns niemand sehen konnte. Leider hatte der Regen wieder eingesetzt, weshalb wir zum Auto rannten. »Ist dir kalt«, fragte er mich im Ferrari. Ich nickte, meine Zähne hatten schon nach fünf Metern angefangen zu klappern, obwohl ich relativ warm angezogen war. Kevin drückte einen Knopf und kurz danach wurde es warm unter meinem Po. »Der Wagen ist echt toll. Er hat ja sogar Sitzheizung!«, schwärmte ich, »Meiner hat leider keine« »Klimaanlage ist bei unserer Sommerhitze eh viel wichtiger«, stellte er klar. »Da hast du wieder recht«, stimmte ich zu. »Ich hab dich noch gar nicht gefragt was deine Lieblingsfarbe ist«, erklärte er mir. »Ich find rot schön«, beantwortete ich, »Und du?« »Ich bin auch ein Rotfan, deshalb auch das rote Auto«, informierte er mich. »The same«, konnte ich ihm einfach nur zustimmen. Die Fahrt zu mir dauerte nicht lange. Trotz des strömenden Regens begleitete er mich wieder bis zur Tür. Heute gab er mir sogar einen Kuss, als wäre es selbstverständlich. Ich klingelte und meine Mama öffnete die Tür. Kevin strahlte sie liebenswürdig an: »Ich hoffe ich habe Ihre Tochter nicht zu spät nach Hause gebracht?« »Nein, es ist ja erst halb neun«, tat sie die Zeit ab. »Möchtest du noch mit rein kommen?«, bot ich ihm an. »Jessica, er muss wahrscheinlich auch zu sich nach Hause. Außerdem sollte er nicht bei Nacht fahren«, machte meine Mutter das Angebot zunichte. »Ganz genau…«, stimmte er zögernd zu, »… Es hat auf jeden Fall Spaß gemacht….Bis morgen« »Tschau«, verabschiedete ich mich und winkte ich ihm zum Abschied. »Mum, ich bin müde und gehe ins Bett. Gute Nacht, hab dich lieb und schlaf gut«, wimmelte ich sie ab. In meinem Zimmer begrüßte ich Mr. Duddle und umsorgte ihn. Dann machte ich mich schlaffertig. Ich lag schon im Bett und war schon fast eingeschlafen, da fiel es mir ein. Der Laptop! Ich hatte ihn noch in meiner Tasche. Ich hatte ihn total vergessen, bei der ganzen Aufregung im Kino. Sofort sprang ich auf. Nach wenigen Schritten war ich bei meiner grauen Tasche angelangt. Schon nach einem Handgriff hielt ich ihn. Sollte ich jetzt wirklich noch Informationen suchen? Andererseits würde ich, ohne zu wissen was auf der Speicherplatte war, nicht schlafen können. Ich griff ein zweites Mal in meine Michael Kors um den Zettel, auf den ich die Kennwörter geschrieben hatte, zu holen. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und knipste das schwach leuchtende Leselicht an. Mum sollte ja nicht merken, dass ich immer noch wach war oder gar erfahren, dass ich im Besitz des Computers war. Mr. Duddle an der Seite habend, schaltete ich das Gerät an. Auf dem Bildschirm erschien die Meldung, dass ich das Passwort eingeben sollte. Covidy6038. Ich hielt die Luft vor Anspannung an. Die Sekunden zogen sich. Willkommen, Geronimo! Erschien die Meldung am Startbildschirm. Juhhuu! Ich war drinnen! Was sollte ich jetzt machen? Zuerst schaute ich mir an mit wem er E-mail Verkehr gehabt hatte. Es gab einen Professor, die Zeitung, Freunde von ihm und einen Mr. Lockwood. Ich schaute in einige Mails rein. Es gab nur zwei Nachrichten mir Caydens Vater. In der ersten forderte Lockwood meinen Vater auf, ihm seinen Sohn wiederzugeben. Natürlich waren das nicht exakt die Worte, die er verwendet hatte, aber es war die Zusammenfassung davon. Die zweite hatte mein Vater geschrieben, sie beinhaltete nur fünf Wörter: WARUM SOLLTE ICH DAS TUN? Mein Vater hatte auch Hate-Mails bekommen, die den Beschuldigungen nach zu urteilen, auch von Lockwood stammten. Sie waren allerdings anonym verfasst worden. Für die Zeitung hatte er nur Statements abgegeben. In einem dieser Berichte hatte er von einer Enthüllung gesprochen. Was das wohl sein konnte? Mit dem Professor schrieb er über seine Forschungen, leider hatte ich keine Ahnung um welche es sich handelte. Wer wusste zum Beispiel etwas von einem endoplasmatischem Retikulum? Mit seinen Freunden hatte er über Sport und solche Dinge geschrieben. Daraus konnte ich keine großartige Neuigkeit erfahren. Ich ging zurück auf den Startbildschirm und klickte seine Worddateien an. Hier musste ich das zweite Kennwort eingeben: Elisabeth1987. Sofort erschienen einige Versuchsbeschreibungen, auch waren seine Erfolge gespeichert. Außerdem hatte er ein Tagebuch über ein Experiment geführt. Seit fünf Jahren. Fünf Jahre war es auch her, dass der Junge als entführt galt. Aber mein Vater war doch kein verrückter Wissenschaftler, oder doch? Hatte er wirklich an einem 15-jährigen herumexperimentiert? Ich öffnete eine der Beschreibungen.

3.4.2015

Das Versuchsobjekt ist jetzt seit zwei Monaten bei mir und kooperiert immer noch nicht.

Ich bin bis jetzt auf Stufe eins meines Trainings geblieben, wir werden sehen wie viele Phasen ich brauchen werde, um ihn zu brechen. Ich plane 40 Stufen, das sollte reichen. Mit meinen Versuchen konnte ich bis jetzt noch nicht beginnen, da ich nicht die nötigen Utensilien habe. Schon in wenigen Wochen werde ich mein Labor verlegen und kann somit einige unerwünschte Gäste fernhalten.

Okay. Das war echt irgendwie gruselig. Ich klickte einen aus späteren Jahren an.

6.9.2018

Das Versuchsobjekt ist immer noch widerspenstig, doch ich merke, wie ihn die Hoffnung verlässt.

Ich stehe kurz vor einem Durchbruch in Sachen konstante Abwehr. Ich brauche, wenn überhaupt, noch drei Monate. Danach werde ich versuchen eine vernichtende Waffe herzustellen. Wenn ich diese erst einmal haben werde, werde ich der Welt von ihnen erzählen. Da das Objekt volljährig ist, wird es vielleicht neue Kräfte entwickeln. Bis jetzt allerdings sehe ich keine Veränderungen.

In mir machte sich mehr und mehr der Gedanke breit, dass es sich wirklich um Cayden handeln könnte. Schließlich wurde er 2015 entführt und ist 2018 achtzehn geworden. »Mr. Duddle das ist ja schrecklich!«, erklärte ich dem Vogel. Der blickte mich nur verschlafen an. Ich atmete tief ein und aus. Das war eindeutig genug für eine Nacht. Ich fuhr den Laptop herunter und schob ihn unter mein Bett. ich selbst ließ mich in meine Kissen sinken. Hatte meine Mutter denn nichts davon gewusst? Und wenn ja, warum hatte sie dem Jungen nicht geholfen? Ich war geschockt und das spiegelte sich auch in meinen Träumen wieder.

Dort befand ich mich in einem Raum der mit weißen Fließen ausgestattet war. Ich selbst saß auf einem metallenen Barhocker ohne Lehne. Es war kalt, auch der Stuhl. Es fühlte sich an, als würde er mir Lebensenergie entziehen, deshalb stieg ich runter von ihm und begutachtete meine Umgebung. Eigentlich konnte man nur die Fließen, den Stuhl und eine Neonröhre sehen. Nach einem genaueren Blick in die Ecken des Raumes, lief mir ein Schauer über den Rücken. Blut. Jemand hatte zwar versucht es wegzuwischen, doch es war immer noch in kleinen Spritzern zu sehen. Plötzlich flackerte die Neonröhre. Erst ganz selten, dann ging es im Sekundentakt. Eine Tür erschien, auch sie war aus Metall. Ich wollte zu diesem Ausgang flüchten, da wurde die Tür aber schon aufgerissen und ein Arzt kam herein. Sein Kittel war weiß und an manchen Stellen mit Blut beschmutzt. Ich ließ meinen Blick höher wandern und starrte auf den Kopf. Rote Augen starrten mich gierig an, sie waren Blut unterlaufen. Die Nase war nicht mehr vorhanden und aus dem Mund quoll eine schwarze Flüssigkeit hervor. »Ahh, du bist gekommen, Jessica«, rief er oder es. Die Stimme hallte durch das Labor. Dieses Flackern hörte einfach nicht auf. Es war unheimlich. Der Doktor hatte Zuckungen. »Jessica!«, kreischte es. Er öffnete seinen Mund nicht. Sein Kopf klappte nach hinten, so entstand ein Riss in der Kehle, durch den er sprach. Als er einen Schrei ausstieß, reckte er sich so weit nach hinten, dass ich seine Wirbelsäule sehen konnte. Ich zog mich zurück Richtung Stuhl, doch er stampfte mir hinter her. »Schätzchen, du brauchst keine Angst zu haben! Es wird nicht weh tun!«, hallte seine grässliche Stimme von den Wänden wieder. Er zückte eine Spritze, die mit einer pechschwarzen Flüssigkeit gefüllt war. Ich zitterte am ganzen Körper. Ein Donner war zu hören. Ich versuchte meine Augen vom Mann abzuwenden, doch es gelang mir nicht. Als er näher kam, um mir die Spritzte in das Gesicht zu rammen, konnte ich sein Gesicht besser sehen. Und als ich es erkannte, stiegen mir die Tränen in die Augen. Es war das Gesicht meines Vaters, das zu einer Fratze verzogen war. Ein Schluchzer entfuhr mir. Seine Hand kam immer näher. Der Arm war mit Falten und Narben übersäht. Doch das Schlimmste war, dass er anstatt Fingern, Krallen hatte. Was war ihm nur passiert?! »Nein, bitte nicht«, bettelte ich. Er stieß einen markerschütternden Jubelschrei aus und stieß zu.

Ich schlug die Augen auf. Tränen flossen über meine Wangen. Ich atmete schwer. Der Eichelhäher hüpfte auf mich zu und legte sich neben mich. »Danke«, flüsterte ich ihm zu. Er war wirklich kein normaler Vogel. Irgendwie musste er mich verstehen. Ich griff zu meinem Nachttisch, auf dem ich mein Handy abgelegt hatte. Aus eine der Schubladen angelte ich mir Kopfhörer. Die Musik hatte mir schon immer bei schlechten Träumen geholfen. Zu den Tönen von Christina Perris A thousand years schloss ich meine Augen erneut. Und nach sechs weiteren ruhigen Liedern, dämmerte ich weg.


Kapitel 9

Der Wecker weckte mich. Ich hätte ihn fast nicht gehört. Heute hatten wir Sport, weswegen ich mir nur wasserfeste Wimperntusche auftrug. Der Wetterbericht hatte für heute wieder schönes Wetter angesagt. Im Bad begutachtete ich meine Schrammen, sie waren soweit verschwunden, dass ich sie nicht mehr zu überschminken brauchte. Deshalb zog ich mir eine Jeans Hotpants an und darüber ein schulterfreies Top mit Spitze. Meine Sportsachen packte ich in einen Turnbeutel. Meine Mum stand bereits in der Küche, sie machte sogar Rührei und Bacon zum Frühstück. Lecker! »Gibt es irgendwas zu feiern?«, fragte ich sie und setzte mich auf die Bank. Sie schwenkte die Pfanne herum und befüllte meinen Teller: »Wie kommst du darauf?« »Sonst machst du nie etwas zum Frühstück«, erklärte ich ihr mit vollem Mund. Ihre Mundwinkel zogen sich nach unten. Kein gutes Zeichen. »Was nicht als Kritik gelten soll. Es schmeckt echt super lecker. Besser sogar wie bei I-Hop«, versuchte ich die Stimmung zu retten. Mein Plan ging auf. »Das freut mich, Schatz«, sagte sie sichtlich glücklich darüber, dass es mir schmeckte. »Ohh. Schon so spät. Jessica, du musst los, sonst kommst du noch zu spät« Das musste ich zwar nicht aber ich wollte meiner Mutter nicht im Weg stehen bei dem was sie tat. Vielleicht traf sie sich mit jemanden. Das wäre schön, vor allem seit ich herausgefunden hatte, wie mein Vater wirklich gewesen sein musste. Ich gönnte es meiner Mum. »Du hast vollkommen recht. Ich bin schon auf und davon«, stimmte ich ihr grinsend zu. Schnellstmöglich verschwand ich. In meinem Auto schaltete ich die Klimaanlage ein. Meine Mutter stand sogar noch vor der Tür und winkte mir zu. Ich hupte ihr auch kurz zur und fuhr dann auf die Interstate. Nachdem ich an den vielen Fastfood Geschäften vorbei war, befand sich rechts von mir ein kleiner Waldstreifen. Zu meiner linken befand sich der Seitenstreifen, auf dem Bäumchen wuchsen, die rosa Blüten trugen. Während der Fahrt ließ ich mir die Sonne ins Gesicht strahlen, setzte mir aber meine Rafen Sonnenbrille auf. Auf halben weg rief ich Liss an. Ich stellte das Telefon auf laut. Nach drei Freitönen ging sie ran. »Morgen Lissy! Wie geht’s dir?«, begrüßte ich sie munter. »Morgen. Mir geht’s gut aber es ist zu früh«, maulte sie in den Hörer. »Ach was. Bei uns ist schönstes Wetter, da muss man einfach früh aufstehen. Wie ist es bei euch?« »Auch schön. Gibt es was Neues?«, fragte sie gähnend. Die Klimaanlage blies mir angenehme kühle Luft ins Gesicht. »Ja. Ich hatte schon zwei Dates mit Kevin, du weißt schon dem Basketballer«, trällerte ich. »Nein«, kreischte Liss. »Doch.« »Wie war es?«, fragte sie aufgeregt. »Schön.« »Nun lass dir nicht alles aus der Nase ziehen!«, jammerte sie. »Er hat mich beide Male eingeladen. Dann waren wir einmal im Kino, das war der Wahnsinn und schwimmen waren wir auch. Er hat mich einfach ohne Vorwarnung abgeholt«, plapperte ich drauf los. »Habt ihr euch geküsst?«, drängte sie zu erfahren. »Ja, schon bei unserem ersten Treffen.« »Wie hat er dich gefragt?« »Mit einem Zettel im Unterricht«, erklärte ich ihr. Sie schien auf einmal viel wacher zu sein. »Vollhirnie!« »Meinst du mich, Jess?« »Nein, da war nur grad so ein Depp, der mich überholt hat. Der hat seinen Karren einfach so auf meine Spur gezogen«, erklärte ich ihr. »Ahh, du fährst. Und was ist das dann? Seid ihr zusammen? Aber ihr habt noch keinen Schritt weiter gemacht, oder? Sonst bin ich immer noch die einzige Jungfrau!«, löcherte sie mich. »Nein, um Gottes willen! Das war letzten Freitag. Ich weiß nicht genau ob wir zusammen sind. Ich weiß nicht mal, ob ich was von ihm will«, klärte ich sie auf. »Halloo! Das ist der Kevin. Soweit ich mich erinnern kann, sieht der recht gut aus.« »Ja schon. Er ist auch ein Gentleman…..aber ich weiß nicht, ob ich bereit für eine Beziehung bin. Er hat sogar gefragt, ob ich nicht für ihn cheerleadern möchte. Er hat bis jetzt nichts klar gestellt«, schwärmte ich. »Der will auf jeden Fall was von dir«, stellte sie klar. »Okay. Das wollte ich aber eigentlich nicht mit dir diskutieren«, erzählte ich ihr. »Was dann?« »Ich hab den Laptop von meinem Dad gehackt«, fing ich an, wurde aber so gleich von ihr unterbrochen. »Du kannst hacken? Das letzte Mal, als ich dich Live erlebt habe, hast du es nicht geschafft deinen Laptop anzuschalten. Also sag mir nicht, du hast es allein geschafft«, erklärte sie. »Ja, Kevins Bruder hat mir geholfen und ja, das werde ich dir auch detailliert beschreiben, doch nicht jetzt«, gab ich zu, »Also ich war in den Dateien drinnen. Es ging hauptsächlich um ein Experiment« »Dein Vater war Wissenschaftler. Was ist da so besonders?«, fragte sie kritisch. »Ich glaube es war ein menschliches Experiment. Ein Mann hat ihn nämlich beschuldigt seinen Sohn gekidnappt zu haben. Und er hat in einem Dokument, dass er 2018 verfasst hat, geschrieben, dass das Versuchsobjekt 18 wurde. Verstehst du? Das passt mit den Geburtsdaten des Jungens überein«, sprudelte es aus mir heraus. »Okay, das ist echt krass. Bis du dir wirklich sicher? Wie kommst du da Überhaupt drauf?«, befragte sie mich. »Sicher bin ich mir noch nicht zu 100 Prozent, aber ich glaube ich habe den Jungen gesehen«, beantwortete ich ihre Fragen. »Das musste ich jemanden mitteilen. Ich muss jetzt auflegen, weil die Schule gleich los geht.« »Tschau, Jess. Halt mich auf dem Laufenden, nicht nur über deinen Vater. Und pass auf dich auf«, verabschiedete sie sich. »Du bist unmöglich!«, rief ich noch in den Hörer bevor sie auflegte. Ich schüttelte den Kopf. Ihre Gedanken schwirrten immer um einen Jungen. Ich parkte und stieg aus. Auf dem Campus saßen Lena und Ava zusammen auf einer roten Picknickdecke. Ich schulterte meine Schultasche und gesellte mich zu ihnen. Eine hauchdünne Tauschicht war im Schatten noch zu erkennen. Sie hatten allerlei Häppchen auf Tellern drapiert. »Ein Morgen Picknick?«, fragte ich. Ava strahlte mich an: »Setz dich zu uns. Wir haben genug für zehn.« »Gibt es etwas zu feiern?«, fragte ich neugierig. Lag heute irgendetwas in der Luft? Erst meine Mama und dann die zwei. »Heute ist der 21. Juni. Sommeranfang!«, riefen sie freudig im Chor. »Verstehe, ihr habt Sommergefühle«, sagte ich grinsend und setzte mich ebenfalls auf die Decke. Sie hatten einen richtig guten Platz erwischt. Wir saßen schön in der Sonne hatten aber auch einen Kirschenbaum als Schattenspender. »Dieser Tag kann einfach nur gut werden«, erklärte Lena und schob sich eine Erdbeere in den Mund. Auch ich nahm mir eine Weintraube. »Die sind ja himmlisch«, schwärmte ich. »Meine Mama hat die selbst gezüchtet. Den Marmorkuchen hab ich gemacht, probier mal«, prahlte Ava. Hinter Ava stellte Lena Verrenkungen an, die wohl bedeuten sollten, den Kuchen nicht zu essen. Warum das denn? Ich biss in ein Stück hinein, die Bäckerin schaute mich erwartungsvoll an: »Und?« Ich kaute auf dem Stück herum, dann kam mir ein bitterer Geschmack in den Mund, der von Salzgeschmack abgelöst wurde. Ich musste Husten. Ich konnte mir gerade noch verkneifen das Gesicht großartig zu verziehen. Der Kuchen war grauenhaft! Das konnte ich ihr aber unmöglich sagen. Was hatte sie da rein getan? War das da Tomate im Kuchen? »Sag schon, wie schmeckt er?«, drängte der Zwilling. »Es schmeckt interessant«, erklärte ich neutral. Lena prustete los und kugelte sich auf dem Boden vor Lachen. »Was ist daran so witzig?«, wollte Ava beleidigt wissen. »Was ist denn alles drinnen?«, versuchte ich sie abzulenken. Ihr Gesicht hellte sich zu einem vierzig Watt Lächeln auf. »Also … ich hab zuerst einen Grundteig gemacht, aus Öl, Mehl, Zucker, Eiern und Backpulver. Dann hab ich ihn verfeinert mit Kakao, Ingwer, einer Prise Salz, Limonen Saft, Lemongras und als Geheimzutat eine Chilichote«, zählte sie auf. Also keine Tomate sondern Chilli. »Das darfst du aber keinem weiter sagen«, beschwor sie mich. »Das würde ich auf keinen Fall machen«, erklärte ich feierlich. »Was wirst du auf keinen Fall machen?« Kevin tauchte hinter mir auf. »Sie …hihi …wird die geheime Zutat ….hahah.. vom weltbesten Kuchen ….hihih ….nicht verraten«, beantwortete Lena immer noch kichernd. »Willst du ein Stück?«, fragte Ava aufgeregt. Lena hinter ihr schüttelte den Kopf vehement. Kevins Augen wurden groß. »Ähhm…. Ich hab schon gefrühstückt, trotzdem danke!«, kam es wie aus der Pistole geschossen. »Warum isst keiner meinen Kuchen?«, fragte sich Ava grübelnd. »Biete doch Mr. Brand oder Miss. Winzler ein Stück an«, schlug Ballister Junior vor. Sie nickte. Als der Schulgong ertönte, packten die Mädchen ihre Sachen zusammen. Kevin und ich halfen ihnen, dann begaben wir uns in den Unterricht. »Du siehst ziemlich blass aus. Du hast von dem Kuchen gegessen, oder?«, vermutete er. »Ja, ich hätte wohl besser auf die Zeichen von Lena reagieren sollen.« »Oh ja. Ava ist wie eine Hexe, bei ihr kommt alles ins Essen«, erklärte er mir. Das entlockte mir ein Schmunzeln. »Wie eine Hexe sieht sie ja nicht gerade aus«, widersprach ich. »Sie ist halt eine moderne Hexe oder eine Giftmischerin«, sagte er. »Hexen haben etwas mit Magie zu tun, wir wollen uns aber der Physik zu wenden«, erklärte Mr. Dotterl unser Physik Lehrer. Er sperrte den Klassenraum auf und wartete mit dem eintreten, bis wir durch die Tür gegangen waren. Er sah aus wie ein verrückter Professor, Brille, Kittel und vom Kopf abstehende graue Haare. In seinem Unterricht war die Klasse meist unruhig, anders wie bei Mr. Honsales, unserem Spanisch Lehrer, den wir in der zweiten Stunde hatten. Er war Referendar und vielleicht sechs Jahre älter als wir. Er war schlank gebaut, hatte schwarzes Haar und war ein totaler Macho. Das schlimmste war, dass er mit den Mädchen während des Unterrichts flirtete und ihnen in den Ausschnitt starrte. Am Anfang des Schuljahres hatte ich mich in die erste Reihe gesetzt, um gut mitzukommen, da hatte ich noch nicht gewusst, dass wir so einen Referendar bekommen würden. Vanessa und andere Mädchen fanden ihn sehr attraktiv und kamen immer äußerst freizügig in seine Stunden. Das Problem war, dass er nach Verhalten und Aussehen die Noten gab. Jungs wurden in seinem System generell benachteiligt, schließlich hatten die keine Oberweite. Ich saß also in der ersten Reihe, weshalb ich mir meist eine Jacke mit Reißverschluss mit in den Unterricht nahm. Heute hatte ich allerdings vergessen, mir eine mitzunehmen. Doch zu meinem Glück zog Lochness die Augen der ganzen männlichen Schüler- und Lehrerschaft auf sich. Die Blondine hatte sich einen extrem kurzen Minirock, in creme, angezogen und dazu nur einen BH, der mit weißer Spitzte beklebt war. Um das noch zu toppen, trug sie weiß glitzernde High Heels. Wahrscheinlich wollte sie heute eine eins bekommen. »Miss Morani, Sie sind zu spät. Und wer zu spät kommt, wird ausgefragt«, erklärte Honsales sachlich. »Zuerst einmal dekliniere sagen. Dann schreibe bitte auf Spanisch: Es ist heiß. Gibt es hier irgendwo Wasser«, forderte er. Nachdem sie das getan hatte, ließ sie absichtlich die Kreide fallen. »Hups. Wie tollpatschig von mir.« Dann bückte sie sich nach unten, wobei Mr. Honsales ihr Hinterteil im Gesicht hatte, an dem der Rock fast gar nichts mehr überdeckte. »Nun, die letzten zwei Wörter. Schreiben sie bitte auf was Hund und fragen bedeutet«, stellte er die Aufgabe. »Das war eine ordentliche Ausfrage. Nun geben sie mir bitte die Kreide«, forderte er zum Schluss. Auch hier ließ sie den Stift fallen, doch dieses Mal bückte sich auch Honsales. Somit hatte er eine wahnsinnige Panoramasicht auf ihre Brüste. Die Beiden standen auf und Nessa setzte sich auf ihren Platz der sich (Wer hätte das gedacht?) in der vordersten Reihe befand. Das war echt gemein. Warum waren Tussis immer reich gesegnet? Und jeder, der für Mr. Honsales einen halben Stribtie hinlegte, bekam super Noten. So verzweifelt war ich glücklicherweise nicht. Ich besaß genügend Gehirnmasse um ihn zu überzeugen, wobei das auch nur daran lag, dass ich vom anderen Geschlecht war. Denn Ben, unser Streber, hatte in Spanisch nur schlechte Noten. Die Meisten von uns durften sich sogar bei Mr. Macho schminken. Das einzig Positive war, dass ich Mr. Honsales bei meinem Abschluss, also nächstes Jahr, nicht mehr haben konnte.


Kapitel 10

»Ich hasse dieses spanische Arschloch«, schimpfte Kevin nach der Stunde drauf los. Seit unserem ersten Date begleitete er mich fast überall hin. »Ich kann ihn auch nicht leiden«, stimmte ich in seine Tirade mit ein. »Er ist so ein Weiberheld, schlimmer noch als Matz«, ging es weiter. An der Tür zur Umkleide trennten wir uns. Eigentlich mochte ich Sport nicht besonders aber es war um einiges besser als Spanisch, schließlich hatten wir hier wenigstens eine Lehrerin. »So, zehn Runden um den Platz!«, begrüßte Mrs. Lammel uns, als wir auf den Sportplatz kamen. Sport hatten wir mit unserer Parallelklasse, in der ich zwei Freundinnen hatte. Doris und Claire. Doris war eine Afroamerikanerin mit langen schwarzen Haaren, in die sie meist lila Strähnen flocht. Claire war zierlich hatte einen Porzellanteint, blonde, gelockte Haare und tief dunkelblaue Augen. Wir liefen immer zusammen. »Was habt ihr bis jetzt schon gehabt?«, fragte ich die beiden, während wir langsam auf der Tartanbahn liefen. »Chemie und Englisch. Und du?« »Holla chikos«, äffte ich die Stimme von Honsales nach. »Du Arme«, bemitleideten sie mich. Sie hatten ihn selbst schon oft als Vertretung gehabt. »Schaut! Da kommen die Jungs!«, rief Doris entzückt. Kevins Blick wanderte über die Sportanlage und als er mich sah, winkte er mir zu. Überfordert mit dieser Situation winkte ich zurück. Claire stieß mich an: »Er scheint dich ja zu mögen.« »Ja, ich glaub auch.« »Seid ihr zusammen?«, bohrte sie weiter nach. »Keine Ahnung ….also irgendwas ist da schon zwischen uns aber was, das weiß ich leider auch nicht«, erklärte ich den beiden offen. »Ach, es ist so schrecklich! Warum haben wir nur einmal in der Woche Sport? Sonst wüssten mir viel mehr über dich und den Basketball Captain«, sagte Doris theatralisch. Ich schüttelte nur den Kopf. »Meine Damen, nur weil hier der männliche Teil trainiert, heißt das für sie nicht, dass sie sich nicht an meine Anweisungen halten«, stellte Mrs. Lammel in strengem Ton klar. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass wir langsamer geworden waren. Schnell nahmen wir unser ursprüngliches Tempo wieder auf. »Sitzt mein Make-up?«, hörte ich Vanessa hinter mir Stephanie fragen. Ich legte einen Sprint hin, um einen Abstand zwischen uns zu bringen. Meine Freundinnen folgten meinem Beispiel.

Nachdem wir uns warm gelaufen und uns gedehnt hatten, legten wir mit Volleyball los. Ich hasste es. Aber unsere Lehrerin pflegte immer zu sagen: Volleyball ist der einzige Sport, den Frauen und Männer gegeneinander spielen können, ohne das die Frau einen Nachteil hat. Wie dumm war das denn?

Ich war nicht gut in Volleyball. In meinem gesamt Notenbild hatte ich in Sport immer eine drei minus und auch nur, weil wir einmal gesprintet waren und eine Note auf Dauerlauf bekommen hatten. »Teilt euch in fünf Teams auf, dann spielt ihr gegeneinander. Ein Team setzt kurz aus«, befahl unsere Lehrerin. Wir gingen mit Nila, einer kleinen Chinesin und Julia in eine Mannschaft. Sie hatte kastanienbraunes Haar und braune Augen. Keiner von uns war ein großer Ballsport Fan. Mrs. Lammel verschwand kurzzeitig, um nur wenig später mit den Jungs wiederzukommen. »So Ladys, jetzt merkt ihr mal, dass es keine Diskriminierung im Volleyball gibt«, erklärte sie voller Überzeugung. Die meisten bei uns fingen an zu kichern. »So Jungs, ihr teilt euch auch in fünfer Gruppen auf. Dann sucht ihr euch bitte ein Mädchenteam als Gegner und spielt gleich los«, forderte sie auf. Natürlich gesellte sich Kevin mit seinen Kollegen zu uns. Bei ihm waren ein groß gewachsener, blonde Junge namens Collin, zwei Amerikaner mit afrikanischen Wurzeln und ein schwarzhaariger, den Claire James nannte. »Na Mädels, bereit zu verlieren?«, fragte Mike. »Wir werden euch fertig machen«, stellte Julia klar. Wir begaben uns auf die Positionen. Ich stand vorne rechts am Netz. Collin machte den Aufschlag. Claire nahm den Ball an, spielte ihn zu Nila, sie zu mir und ich unbeholfen übers Netz. Bei unseren Gegnern ging die erste Runde nicht so gut, James baggerte zu Mike und der pritschte zu Milo, doch der sah den Ball nicht kommen. »Leute, ihr könnt den Ball nicht zu mir werfen! Ich trage meine Brille doch nicht«, schimpfte der. Da wir rotierten machte Doris nun den Einwurf. Dieses Mal waren die Jungs besser. Sie schafften es sogar bis über das Netz, sie wussten bloß nicht, dass wir schon fast das halbe Jahr über Volleyball übten.


Kapitel 11

Als es um den finalen Schlag ging, machte ich von meiner Waffe Gebrauch. Kevin war es, der den Ball annehmen sollte. Ich stand wieder vorne am Netz und warf ihm eine Kusshand zu, die ihn so verwirrte, dass er den Volleyball nicht beachtete. »Juhu!!!!!«, kreischten Doris und Julia, »WIR haben gewonnen!!!« Ich musste grinsen. »Mann, was war das denn Kevin?«, wollten Collin und James wissen. »Wir wollen eine Wiederholung, ich wurde abgelenkt«, forderte Kevin empört. »Sorry, aber gewonnen ist gewonnen«, erklärte ich ihnen. Mrs. Lammel stieß einen Pfiff mit ihrer Trillerpfeife aus: »Der Unterricht ist beendet.« Die Jungs, die sich zusammengestellt hatten, schauten uns an. Dann rief Kevin: »RACHE!« Seine Mannschaft stürmte auf uns zu, warf uns über ihre Schultern und lief los. Wir versuchten uns zwar zu retten aber gegen Basketballer hatten wir keine Chance. Lachend zappelten wir. Johlend joggten sie mit uns als Last um den Platz. Nach einer Runde trugen sie uns bis zu den Kabinen, dort ließen sie Claire, Nila, Julia, Doris und mich herunter. »Wollt ihr uns nicht noch herein bitten?«, fragte Collin unschuldig. »Auf gar keinen Fall!«, riefen wir. »Vielleicht wenigstens ein Abschieds Küsschen?« »Wir sehen uns doch gleich wieder«, hielt ich dagegen. »Ein Dankeschönskuss, weil wir euch bis zur Tür geleitet haben?«, versuchte er es weiter. »Dagegen fällt mir keine Erwiderung ein«, erklärte Claire. Sie ging auf Collin zu und gab ihm einen Kuss, weil er sie getragen hatte. Doris wurde von Mike, Nila von Milo, Julia von James getragen. Mich hatte (natürlich) Kevin über die Schulter geworfen, weshalb ich ihm einen Schmatzer auf den Mund gab. Doch er wandelte ihn in einen richtigen Kuss um. Seine Zunge öffnete meine Lippen und er erkundete meinen Mund. »Oh ho! Bei euch geht’s gleich richtig ab«, witzelte Mike. Langsam löste Kevin sich von meinen Lippen. Mir schoss die Röte ins Gesicht. »So, danke und tschüss«, sagte Claire und schob mich in die Umkleide. Außer uns fünf waren keine mehr hier, schließlich hatten wir viel Zeit mit unseren Gegnern vergeudet. »Also, wie keine Ahnung was zwischen uns ist, sah das aber nicht aus«, stellte Doris fest. »ER scheint dich jedenfalls sehr zu mögen, wenn er dich in der Öffentlichkeit küsst«, stimmte Claire zu. »Okay, wie wäre es mit Themenwechsel? ….. Wie gut küsst zum Beispiel Collin, der stammt schließlich auch nicht von schlechten Eltern«, versuchte ich die anderen abzulenken. Es war zwar schon ein interessantes Thema über Jungs zu reden aber ich machte das lieber mit meiner besten Freundin, auch wenn sie nicht live vor Ort war. Liss hatte die besten Tipps, obwohl sie noch keinen einzigen Freund gehabt hatte. »Er kann es schon recht gut, auf einer Skala bekommt er acht Punkte«, erklärte sie ganz selbstsicher. »Du hast doch nicht mal einen Vergleich … und nein, dein Freund aus Grundschuljahren zählt nicht«, mischte sich Doris ein. »Es war trotzdem gut«, hatte Claire das Schlusswort. Ich zog meine knielange Nike Hose aus und wechselte auch mein blaues Sport-Shirt. Dann zog ich mir meine schwarzen Sandaletten an. Ich konnte mich unmöglich in der Pause zu Kevin setzen. Waren wir jetzt zusammen oder nicht? Aber das Schlimmere war ja, wollte ich überhaupt einen Freund? Wir gingen geschlossen in den Pausenpark vor der Mensa. Julia setzte sich auf eine Bank und reckte das Gesicht der Sonne entgegen. Ich tat es ihr gleich. Eine leichte Brise ließ mein Haar sachte durch die Luft wehen. Da wir Sportpause hatten, waren außer meiner Klasse und der von Doris, niemand hier. Und da das Lochnessmonster keine Sonne vertrug, saß sie mit ihrer Gefolgschaft im Inneren der Schule und konnte uns nicht nerven. Auf der Wiese blühten vereinzelt Gänseblümchen und lila Blumen. Wenn man jetzt leise war konnte man nicht nur Vögel zwitschern, sondern auch Bienen summen hören. Ich packte meine Brotzeit aus, die mir Katy heute gemacht hatte. Ein geschnittener Apfel und Cookies waren in der Box. Sofort ging es los: »Bekomme ich einen?«, »Darf ich auch einen haben, bitte?« »Okay, jeder bekommt einen«, erklärte ich gutmütig. Ich schaute mich zwar die ganze Zeit nach einer bestimmten Person um, doch die war nicht zu sehen. »Wenn du die erbärmlichen Basketballer suchst, die trainieren, obwohl sie das gar nicht brauchen, denn sie verlieren sowieso«, meinte ein Kumpel von Matz überheblich. »Hat dir dein Herrchen überhaupt erlaubt, raus zu gehen? Sollen wir ihn zurück bringen? Wir müssen Matz beibringen seine Schoßhündchen anzuleinen, sonst landen sie noch im Zwinger«, erwiderte ich, beim letzten Teil wandte ich mich an meine Volleyball-Mannschaft. Verdutzt starrte mich David an. »Kusch, Kusch, Hündchen!! Wir können grad echt nicht mit dir Gassi gehen«, verscheuchte Claire ihn. »Ich bin kein Hund! Außerdem trifft sich Kevin mit Melanie. Kann man auch verstehen. Du, Jessica, und deine Freunde, will man ja nicht mal geschenkt«, fing er an zu sticheln. Nila reichte mir, hämisch lächelnd, einen Tennisball. Ich drehte mich zu meinen Kameradinnen um, alle nickten und Doris machte sogar das Daumenhoch Zeichen. »Mal sehen ob du ein begabter Hund bist. Achtung, ich werfe«, warnte ich ihn noch. Ich täuschte einen Wurf von oben an, warf ihn aber dann nach unten……. und landete einen Treffer direkt in die Kronjuwelen. David schrie auf, sackte dann zusammen und rollte sich zu einem Häufchen zusammen. Hinter mir hörte ich Kichern. »Ein erbärmlicher Hund bist du, vielleicht hast du recht. Du bist kein Hund, du bist ein Loser«, sagte ich zuckersüß »Ach, so spät! Wir müssen los, der Unterricht beginnt gleich«, mit diesen Worten drehte ich mich um, stapfte ins Schulhaus und ließ ihn fluchend zurück. Julia klopfte mir anerkennend auf die Schulter: »Das hast du super gemacht!« »Ja, dem hast du es gezeigt! Wir müssen allerdings in die andere Richtung, wir haben Doppelstunde Mathe«, verabschiedete sich Doris. Zum Abschied umarmte mich jede der vier. Dann ging ich in den dritten Stock, in dem sich das Latein Klassenzimmer befand. Passend zum Gong trafen auch Kevin und Lena ein. Ich saß in der dritten Reihe, Lena neben mir und Kevin zwei Tische weiter hinten. »Salve discipuli!«,begrüßte uns Miss Mc Kell. Heute trug sie einen schwarzen Rock und eine seidig grüne Bluse. Ihre kupferfarbenen Haare hatte sie zu einem Dutt zusammen gebunden. »So, ich gebe euch das Extemporale heute schon heraus. Der Schnitt war 3, 75. Manche von euch müssen das Thema dringend wiederholen. Doch bevor ihr es bekommt kontrollieren wir es noch gemeinsam«, gab sie ihren Plan für heute bekannt. Bei der Verbesserung fand ich natürlich wieder Fehler. Zuerst hatte ich gedacht es könnte eine gute Note werden, doch jetzt war ich mir nicht mehr sicher. Nach dem Korrigieren teilte sie die Blätter aus. Mein Puls beschleunigte sich. In meinem Magen bildete sich ein Knoten. Unruhig wippte ich mit meinem Stuhl. Es waren schon die ersten enttäuschten Gesichter zu erkennen. Langsam schritt sie in meine Richtung, mein Herz hämmerte noch lauter. Sie legte das Blatt verkehrt herum auf meinen Tisch. Ich drehte es um ……und ein Stein viel mir vom Herzen. Eine zwei Plus! Ich schielte zu Kevin herüber. Er zog eine Grimasse. Das Leuten der Glocke erlöste uns. Alle stürmten aus dem Raum. »Was für eine Note hast du?«, fragte er mich auf dem Weg zum nächsten Unterricht. Wir liefen den mint gestrichenen Gang entlang bis zum Treppenhaus, von dort aus begaben wir uns ins Erdgeschoss. »Eine zwei. Deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen war es bei dir nicht so gut?«, tastete ich mich vorsichtig heran. »Ach, eine vier, hätte besser laufen können aber so schlecht ist das nicht«, erklärte er trocken. »Also muss ich dir dieses Jahr Nachhilfe in Latein geben? Die ersten zwei Stunden gibt es sogar kostenlos«, machte ich ihm ein Angebot, bei dem er lachen musste. »Liebend gern bin ich wieder dein Schüler«, erklärte er mir freudig. In der letzten Stunde hatten wir Technologie. Auch hier setze sich der Basketball Captain neben mich. Normalerweise wäre es mir egal gewesen aber heute war ich nicht begeistert. Wir mussten eine Präsentation über ein Sommerprojekt machen.


Kapitel 12

Mein Projekt war schon fertig, weshalb ich mehr über die Forschungen und das Labor meines Vaters herausfinden wollte. Das Problem: Kevin. Wenn er auf meinen Bildschirm schauen würde, würde er erkennen, dass ich etwas Außerschulisches tat. Er würde mich hoffentlich nicht verpetzten aber er würde wissen wollen um was es ging. Konnte ich ihm wirklich trauen oder welche Notlüge könnte ich ihm auftischen? Der Lehrer würde diese Aktion nicht bemerken, denn er war wie ein Maulwurf ohne Brille und ich saß am hintersten Ende des Klassenraumes. Trotzdem entschied ich mich für das googlen des Labors. Gestern Nacht hatte ich noch die Adresse des Arbeitsplatzes meines Vaters gefunden und mir aufgeschrieben. Ich nahm den rosa Post-it aus meinem Rucksack und fing an die Daten in das Suchfeld einzutippen. Picadelli-Street 28c/ Virginia. Ich drückte auf die Enter-Taste. Schon erschienen Treffer. Es gab mehrere, doch nur eines hier in der Gegend. Es war in Williamsburg, das bedeutete ca. ein-einhalb Stunden Fahrt. Ich schaute mir das Gebäude über Google Maps an. Von außen konnte man nicht erkennen, dass es ein Labor sein sollte. Die Gegend um das Gebäude war weitestgehend verlassen. Das Lagerhaus an sich war aus Backstein und die Grünfläche davor war verwaist. Das Gras war auch schon gelb von der Hitze. Ein Stacheldraht umzäunte die Halle. Das schaute sehr anziehend aus. Wer wohnte nicht gerne in einem verwahrlosten Kaff? Ich konnte mir vorstellen, dass es ein guter Ort für ein Geheimnis war. Wer kam schon darauf, dass der angesehene Forscher Geronimo Flynn, ein Labor in einer Pampa in Williamsburg hatte? Das erschien mir auf den Fotos eher wie ein Problem-Viertel statt einem Forschungsparadies. Ohne mein Pfefferspray würde ich dort nicht hinfahren. Was würde mich dort nur erwarten? »Was ist das?« Es war so was von klar gewesen, dass der Basketball Captain seine Augen nicht bei sich lassen konnte. »Das geht dich nichts an«, versuchte ich ihn abzuwimmeln. Er zog eine Schnute: »Warum darf ich das nicht wissen?« »Weil es dich nichts angeht« »Okay«, lenkte er ein, fing aber sofort an auf meinen Bildschirm zu schielen. »Ist nicht gerade die sicherste Gegend«, flüsterte er mir zu. Ich schloss den Tab. »Besser?«, fragte ich genervt. »Was möchtest du denn da?«, bohrte er weiter. »Nichts. Ich hab die falsche Adresse eingegeben«, sagte ich lahm. Er schaute mich prüfend an. »Bist du in irgendwas reingerutscht?«, er musterte mich besorgt. »Nein!! Wie kommst du da drauf?!« »Du hast einen Computer, der eindeutig nicht dir gehört. Versuch es erst gar nicht zu leugnen. Jetzt schaust du im Internet nach einer Adresse, die sich in einer unsicheren Ortschaft befindet. Wenn man das kombiniert ……«, ließ er den Satz offen stehen, was mir Zeit zum Nachdenken gab. ……… Oh! Er dachte wahrscheinlich, dass ich in kriminelle Machenschaften verwickelt wurde. Oder in Gang Angelegenheiten. Obwohl Virginia recht friedlich war, gab es auch hier Banden, mit denen nicht zu scherzen war. »Oh mein Gott, Nein!! Ich bin wirklich in nichts drinnen. Mach dir bitte keine Sorgen«, versicherte ich ihm energisch. »Du kannst mir vertrauen. Ich kann dir helfen«, sagte er sanft. »Mir geht es gut, trotzdem vielen Dank für dein Angebot und deine Fürsorge«, beendete ich unser Gespräch und ging an einen anderen Rechner, weit weg von Mr. Neugierig. Kevin schaute mich zwar die restliche Stunde ununterbrochen an aber er störte mich nicht weiter. Aus Langeweile verpasste ich meiner Präsentation den allerletzten Feinschliff. Ich wusste wo es heute Nachmittag hingehen würde, andere Informationen konnte mir das Internet nicht zur Verfügung stellen. Als der Gong den Unterricht beendete eilte ich so schnell es ging aus dem IT-Raum. Kevin konnte mich nicht einholen. Er musste nämlich noch den PC ausschalten. Ich dagegen hatte mich schon fünfzehn Minuten vorher bereit gemacht. Ohne mich umzudrehen, steuerte ich auf meinen Wagen zu, setzte mich und trat aufs Gaspedal. Ich lehnte mich erleichtert in den Sitz. Endlich Ruhe. Irgendwie störte es mich, wenn andere Leute alles wissen wollten. Würde Kevin morgen beleidigt sein? Wenn ja konnte ich einfach sagen, ich hatte meine Tage. Es war eigentlich schon ganz praktisch für manche Situationen immer eine Ausrede parat zu haben. Vor allem bei Jungs, weil die keine Ahnung über dieses Thema hatten. Mein Magen knurrte. Ich fuhr über den Highway, um mir bei Chick A Filley etwas mitnehme zu können. Auch heute nahm ich einen Chickenwrap.


Kapitel 13

In meinen vier Wänden wartete Mum bereits auf mich. Sie trug eine Schürze wie in den sechziger Jahren und ihre Haare hatte sie zu einem lockeren Dutt hochgesteckt. »Oh wie schade«, entfuhr es ihr sofort als sie mein Essen sah. »Ich hab heute nämlich gekocht«, prahlte sie, »Es gäbe Hühnchen-Curry.« Das klang durchaus schmackhaft aber kochen war nicht die Stärke meiner Mutter. Vor allem wenn sie sich an neue Gerichte wagte. »Wie war dein Tag meine Liebe?«, wollte Katy liebevoll wissen. »Er war schön, wir haben nichts geschrieben. In Latein habe ich übrigens eine zwei Plus. Und im Volleyball haben wir gegen die Jungs gewonnen«, zählte ich auf. »Das ist gut. Ich bin stolz auf dich« Irgendwas stimmte wirklich nicht. Sie zog mich in eine Umarmung. Ich sog die Luft tief ein, Mum roch immer nach Kokosnuss. Doch ein zweiter Geruch drang in meine Nase. Ein rauchiger. »Mum!«, sagte ich alarmiert und befreite mich aus ihrer Schraubstockumarmung, »Ist das Hühnchen noch im Rohr?« Ihre Augen weiteten sich. Wie ein auf geschrecktes Huhn eilte sie in die Küche. Aus dem Ofen qualmte es hervor. Sie schnappte sich ein Küchentuch und versuchte den Rauch wegzuwedeln. Kämpfend bewegte sie sich bis zum Backofen und klappte ihn auf, um das Essen herauszuholen. Ich öffnete in der Zeit das Küchenfenster, wodurch der Rauch sich wie von selbst lichtete. Es war ein göttliches Bild wie meine Mutter in ihrem sechziger Jahre Look da stand und auf das verbrannte Hühnchen blickte. Langsam schüttelte sie den Kopf, dann schaute sie mich niedergeschlagen an. »So ein Mist aber auch«, jammerte sie. »Möchtest du ein paar Pommes?«, fragte ich so gut es ging, ein Lachen unterdrückend. Sie schüttelte nur den Kopf. »Also……. Ich fahre Einkaufen, wenn es für dich okay ist. Das wird vielleicht auch etwas länger dauern …..Essen tu ich dann auch auswärts«, erklärte ich sachte. »Ja, ja, geh nur, lass deine Mutter allein zurück.« Oh nein, jetzt fing sie damit an. Als Katy mein Gesicht sah, musste sie lachen: »Spaß! Nein, ist in Ordnung, es passt mir eh gut, dann kann ich sauber machen« Sauber machen, wenn ich nicht da war. Bei diesen Worten schrillten meine Alarmglocken. Wenn ich nicht da war und meine Mama aufräumen wollte, schnüffelte sie normalerweise in meinen Sachen herum. Na klasse. Andererseits….. würde sie dann nicht so genau hinterfragen wo ich war. »Super Mum! Ich hole nur noch schnell meine Tasche«, und die ganzen Sachen, die du nicht sehen darfst. Den letzten Teil sprach ich nicht laut aus. »Mach das«, trällerte sie. In meinem Kopf erstellte ich beim Hochgehen schon eine Liste, mit den Dingen, die ich mitnehmen musste. Auf jeden Fall den Vogel und den Laptop, mein Handy, Geld und den Inhalt meiner Tasche. Meine Einkaufstasche war eine LI&HI, aus schwarzem Leder. Sie hatte genügend Volumen für meine ganzen Utensilien. »Mr. Duddle, ich wickele dich gleich in einen Schal und dann werde ich dich in die Tasche setzen«, erklärte ich ihm. Er schaute mich skeptisch an. Gesagt getan. Der Vogel wehrte sich nicht. Er war einfach besonders. »Das machst du super«, lobte ich und als Belohnung gab ich ihm eine Fritte. Zum Schluss nahm ich mir eine mintfarbene Regenjacke mit. Man konnte nie wissen. Diese legte ich über die Tasche, damit Katy den Eichelhäher nicht sehen konnte. »Bye, Mumi. Ich hab dich lieb«, verabschiedete ich mich. »Ich dich auch, bis später«, rief sie mir über den Lärm des Staubsaugers zu. Ich ging zügig aus dem Haus und setzte mich in den Honda. Meinen Shoppingbag platzierte ich auf dem Beifahrersitz, dann schob ich die Jacke beiseite, damit Duddles Luft bekam. Mein Handy befestigte ich mit Hilfe einer Halterung an der Windschutzscheibe. Ich öffnete eine Navi-App. Als Zielort gab ich die Adresse in Williamsburg an. Ich schnallte mich und die LI&HI an. Dann fuhr ich los. Nebenbei lief im Radio das Lied Sweet but psycho von Ava Max. Wie passend. Ich hatte meinen Vater schon gern gehabt und jetzt stellte sich heraus, dass er nicht ganz dicht war. An der Ausfahrt nach Richmond fuhr ich rauf, auf die 64. Ich drückte aufs Gas um schnell voranzukommen. Meinen Wrap aß ich nebenbei. »Weißt du, als Vogel hast du es total gut«, fing ich an mit dem Vogel zu reden, um nicht allzu nervös zu werden. »Du kannst fliegen, wohin du willst. Außerdem hast du nicht die Probleme mit Eltern. Schau mich an, meine Mutter ist labil geworden und mein Vater war ein verrückter Professor und ich werde von Monstern heimgesucht oder ich bin einfach nur verrückt. Dann noch die Sache mit den Jungs oder den Mädchen. Ich weiß nicht wie sehr ich Kevin mag. Zur Schule musst du auch nicht. Wenn ich nur an Honsales denke,…dieser Testosteron gesteuerte Stier!«, schüttete ich ihm mein Herz aus. »Nach dreihundert Meter links abbiegen«, forderte mich die Navi Stimme auf, als ich schon in Williamsburg war. Ich tat wie mir erklärt. Ohne das Navigationsgerät wäre ich nicht zu diese Lagerhalle gekommen. Ich musste durch ein kleines Dorf hindurch, dann ging es weitere zehn Minuten nur durch eine Einöde, bis ich in der Gosse landete. Ich war recht schnell vorangekommen, denn es war erst halb vier. Ich fuhr durch eine Art Geisterstadt. An den Wänden der Häuser befanden sich Unmengen an Graffiti. Scheiben waren teilweise eingeschlagen und Gärten verwildert. An einem Mast wehte eine zerfetzte Nationalflagge. Überall auf dem Boden fanden sich Bierflaschen und Zigarettenstummel. Durch den Asphalt drangen schon die ersten Pflanzen. Ich fuhr so nah es ging an die Lagerhalle, die sich am Kopfende der Straße erstreckte. Sie sah noch schlimmer aus, als auf dem Bild, wenn das überhaupt ging. Um das Gebäude war ein hoher Maschendraht aufgebaut worden, der allerdings an einigen Stellen Löcher aufwies. Ich steuerte mein Auto durch einen Eingang im Zaun. An einem verwaisten Schild stand: Betreten verboten. Meinen Honda stellte ich an der Vorderseite des Labors, in Fluchtrichtung ab. Wenn mich jemand angreifen sollte, konnte ich sofort einsteigen und losdüsen. Beim Aussteigen wurden meine Haare von einer heftigen Böe nach hinten geweht und ich fröstelte. In Hampton war es nicht so kalt gewesen. Meine Hände schützend auf meine Arme gelegt, wanderte ich auf die andere Seite meines Fahrzeugs. Dort zog ich meine Regenjacke an, die den Wind erträglicher machte. Meine Tasche nahm ich auch vom Sitz. Mr. Duddle piepte. Ich setzte ihn in meiner Nähe ab, damit er sich erleichtern konnte. Sollte ich ihn mitnehmen? Ich wägte ab, im Auto war er zwar hoffentlich sicher aber was, wenn jemand kommen würde um es zu klauen? Dann war auch er weg. Wenn ich ihn mitnahm, dann fühlte ich mich nicht so allein und ich könnte ihn beschützen. Deshalb setzte ich ihn wieder in meine Tasche und stapfte auf die Tür des Gebäudes zu. Zur Sicherheit hatte ich allerdings mein Pfefferspray gezückt. Ich hielt es wie James Bond seine Pistole. Meine Tasche hing um meinen rechten Arm. Um sicher zu gehen, dass keiner um die Ecke lauerte, checkte ich beide Seiten der Halle ab. Zuerst lugte ich um die Ecke, dann trat ich hervor und begutachtete die Umgebung. An eine der Seiten schlängelten sich bereits Himbeerranken die Wand hinauf. Außerdem befanden sich große, verdreckte Fenster am Gebäude. Ich fühlte mich wie ein Polizist. Nachdem ich mit beiden Seiten fertig war, blickte ich in meinen Shoppingbag, aus dem mich Mr. Duddle anstarrte. »Keine Sorge, fast alles ist gesichert, wir gehen jetzt rein«, sagte ich ihm flüsternd und fasst mir ans Ohr, als hätte ich ein Headphone, durch das mich auch andere hören könnten. Vielleicht sollte ich 007 Agent werden. Ich gab unsichtbaren Kollegen ein Zeichen zum Stürmen. So zu tun, als wäre ich nicht allein, nahm mir ein wenig von der Anspannung was mich erwarten würde. Ich bewegte mich auf die metallene Tür zu. Beim Herankommen bemerkte ich, wie verrostet sie war. Ich öffnete sie und ………erkannte nichts, weil es zu dunkel war. Ich tastete mich vorsichtig an der Wand entlang. Meine Hand fand einen Lichtschalter und gegen meine Erwartungen wurde der Raum taghell beleuchtet. Ich schaute mich um. Es sah ziemlich verlassen aus, wie der Rest des Ortes hier. Ich ging über sechs morsche Stufen, um am Boden der Halle anzukommen. Überall hatte der Zahn der Zeit genagt. Auch hier hatte sich die Natur ausgebreitet. Ranken und sogar Moos. Der Raum erstreckte sich in die Länge vor mir. Verschiedene Maschinen waren zu sehen, doch die meisten waren verrostet, verschmutzt oder auseinander genommen. Am Boden lag Geröllstaub. Das Dach war noch vorhanden, doch auch die Streben dort waren schon orangerot. Was das wohl gewesen war? Auf den ersten Blick fand ich nichts Laborartiges, weshalb ich in den hinteren Teil vordrang. Auf dem Weg schaute ich mir die Maschinen genauer an, vielleicht war das hier eine Wäscherei gewesen. Meine Schritte hallten durch das ganze Gebäude, obwohl ich versuchte zu schleichen. Das mit dem Überraschungseffekt würde schon mal nicht klappen. Als ich gegen etwas stieß, schepperte es laut. Ich schaute mich um, doch nichts war zu sehen. Mein Herzschlag wurde immer schneller. Es war echt gruselig. Das letzte Stück wurde von einer verdreckten Glasfront abgetrennt. Auf der anderen Seite erwartete mich ein altes Büro. Hier war der Boden aus Holz und es war wesentlich dunkler. Ein Schreibtisch aus Kirschholz und ein grün gepolsterter Lederstuhl zierten die Mitte des Zimmers. An der linken Wand befand sich ein massiver Schrank. Zu meiner Rechten war ein heller Sekretär. »Modern geht anders«, teilte ich dem Vogel mit. Ich schritt auf die Möbel zu und durchwühlte die Schubladen, doch es gab nichts zu finden. Ich stieß einen enttäuschten Seufzer aus und ließ mich auf den Sessel fallen. »Wenn in dem Schrank jetzt auch keine Unterlagen sind, gebe ich auf«, sprach ich mit mir selbst. Ich stemmte mich auf und öffnete die Schranktüren. Mein Herz machte einen erfreuten Satz. Hinter den Türen befand sich ein Aufzug, der offen war. Keiner, der zusammen mit der Lagerhalle, oder was es war gebaut wurde. Es war ein Moderner aus der heutigen Zeit. Wer hätte das gedacht? Ohne zu überlegen, stieg ich ein und wie auf ein Zeichen schlossen sich die Türen. Eine Etage konnte ich nicht auswählen, er setzte sich einfach in Gang. Zu meiner Überraschung fing eine Fahrstuhlmusik an zu ertönen. Das war mein Vater, er hatte immer etwas mit Stil. Der Eichelhäher schaute mich mit großen Augen an. Erst dann bemerkte ich, dass ich leise angefangen hatte zu kichern. Ich bemerkte wie sich die Fahrtgeschwindigkeit verlangsamte und dann ganz still stand. Lautlos öffnete sich der Ausgang. Nun stand ich in einem hell erleuchteten Gang. Er war ganz in Weiß gehalten. Doch der Boden war nicht aus Fliesen, sondern aus Marmor. Geronimo hatte auf jeden Fall viel Geld in diese Forschungsfunktion gesteckt. Von diesem Gang zweigten vier Türen ab. Drei davon waren aus Milchglas, die vierte war schwarz. Meine Anspannung stieg bei jedem Schritt. Zuerst schaute ich zu der nächsten, einer weißen. Dieser Raum hatte ebenfalls weiß, als Motto. Darin befanden sich Labortische und Schränke in verschiedenen, grauen Tönen. Auf einem der Tische befanden sich verschieden große Phiolen und ein Mikroskop. Mein Vater besaß in diesem Zimmer einen Universalschrank, lauter Gläser, die wir auch in Chemie benutzten (die Namen waren bei einem Ohr rein und beim anderen raus gekommen), ein Destillationsgerät, ein Stativ, Scheren, Pipetten und anderes Laborzeug, dessen Namen ich nicht kannte. Hier gab es sicher keine Informationen, die ich verstehen konnte. Deshalb besichtigte ich den nächsten Raum. Um es kurz zu machen, es war eine Folterkammer. Es gab eine Art Badewanne, die man mit einem Stachelgitter verschließen konnte. Peitschen verschiedenster Arten lagen auf einem Tisch. Es gab einen Liege- und Fesselstuhl. Spritzen lagen auf einem Tisch, der Größe nach sortiert. Es gab sogar ein Nagelkissen und Häutungsmesser. Ich musste würgen. Es war grausam, wenn ich nur darüber nachdachte, welche Foltermethoden man bei diesen Utensilien erfinden konnte. Kurz bevor ich dieses schreckliche Zimmer verließ fiel mir auf, dass eine der mittleren Spritzen fehlten. Oh nein! Wer hatte sie bloß? War die Person noch auf meiner Ebene? Vorsichtiger, als zuvor, schaute ich mich im nächsten Raum um. Der, mit der dunklen Tür. In ihr waren Edelsteine eingelassen. Wieso das denn? Diese Kammer war kleiner als die Vorherigen. In ihr befand sich lediglich ein Tisch, auf dem ein Glaskasten gestanden hatte, doch beides lag auf dem schwarzen Marmorboden. Ich bückte mich und erkannte Blut an dem zersplitterten Glas. Da es nichts mehr zu entdecken gab, besuchte ich den letzten Raum. Ich brach in kalten Schweiß aus. Wenn jemand hier war, konnte er sich nur noch in diesem letzten Zimmer befinden. Leise schlich ich mich heran. Ich atmete einmal tief ein. Dann stieß ich die Tür mit einem Schrei auf, schloss die Augen und sprühte mit meinem Spray wild um mich. Doch nichts geschah. Ich öffnete meine Augen und erkannte, dass ich allein war. Mein Blick schweifte durch die Räumlichkeit. Auf dem Holzboden lag ein weinroter Teppich, mein Vater hatte das hier zu seinem Büro auserkoren, denn hier stand ein dunkler, aus Kiefernholz gefertigter, Schreibtisch mit einem bequemen Chefsessel. Auf dem Tisch stand ein Foto von mir an meinem fünfzehnten Geburtstag. Außer einem Bücherregal gab es nichts mehr. Er mochte es schon immer schlicht und gemütlich. Sofort eilte ich auf das Regal zu, um mir Unterlagen herauszusuchen. Diese wollte ich mitnehmen, denn hier unter der Erde, mit einem frei laufendem Experiment, fühlte ich mich nicht wohl. Ich schaute mir die Akten näher an. Die Unterlagen über seine Versuche und Ergebnisse der letzten zwei Jahre, nahm ich aus dem Regal und stopfte sie in meine Tasche. Zu Hause konnte ich sie in Ruhe studieren, ohne dieses Gefühl, beobachtet zu werden. Dann warf ich einen Blick auf mein Handy, es war schon mehr als eine Stunde vergangen. Das war eindeutig genug Zeit. Bevor ich mich wieder auf den Weg nach oben begab, knipste ich Fotos von jedem einzelnen Zimmer. Als ich in den Aufzug einstieg, erfüllte mich Erleichterung, ich hatte es geschafft. Ich hatte Akten und ich war lebend aus dem Labor herausgekommen. »Mr. Duddle, wir haben eine super Job geleistet. Heute bekommst du mal was richtig Gutes zu futtern«, versprach ich ihm erfreut. Ein Pling ertönte, als wir unser Ziel erreicht hatten. Die Türen öffneten sich wie von selbst und ich stieg aus. Mein Haustier wurde plötzlich unruhig. Er fing an zu flattern. Musste er schon wieder aufs Klo? Ich setzte ihn auf den Boden und drehte mich dann um, damit er ein wenig Privatsphäre hatte. Plötzlich merkte ich es auch. Irgendetwas war anders als zuvor. War es schon am Anfang so kalt gewesen? Ich atmete ein. Der Geruch ……er war schwefelhaltig. Wo hatte ich das schon mal gerochen? Mr. Duddle stieß einen warnenden Laut aus. Ich drehte mich zu ihm um. Zuerst erkannte ich nichts, dann bemerkte ich Kratzspuren am Schreibtisch. Diese konnte unmöglich ein normales Tier herstellen. Der Eichelhäher starrte in die rechte Ecke. Ich folgte seinem Blick. In der Ecke war es ziemlich dunkel, doch plötzlich glühten rote Augen auf. Ich erstarrte, langsam kroch die Angst in meine Glieder. Ein tiefes Knurren ertönte. Provokant pirschte sich das Monstrum an. Es kam immer in den unpassendsten Momenten. Ich versuchte mich zu beruhigen, um nicht in Panik auszubrechen. »Mr. Duddle, komm sofort her!«, befahl ich ihm und griff in meine Tasche. Mein Pfefferspray würde es nicht aufhalten, weshalb ich die Taschenlampe und das Feuerzeug zückte. Mit der Lampe leuchtete ich es an, doch es schob sich unaufhaltsam weiter. Ich bewegte mich rückwärts in Richtung Hallenende. Mr. Duddle hüpfte mir nach. Meine einzige Waffe war also ein Feuerzeug. Ich zündete es. Ich konnte Erstaunen in den Zügen des Wolfsungeheuers sehen, doch es verschwand schnell. Es zog eine Fratze, was wohl ein abfälliges Grinsen seien sollte. Holly shit! Das Monster stieß einen markerschütterndes Kreischen aus. Es sah mich nicht als Bedrohung. Es wurde immer kälter und dunkler. Auch Nebel fing an aus dem hinter Raum zu kommen. Ich wich immer weiter zurück. Aber auf einmal blieb mein Vogel stehen. Das konnte doch nicht wahr sein, ich hatte gedacht er wäre schlau! Mein Feuerchen hielt ich schützend vor mich. Nur noch wenige Schritte, dann wäre Mr. Duddle Geschichte. Was sollte ich nur machen? Auf einmal fing der Vogel an zu glühen und wuchs. Ich hielt mir eine Hand vor das Gesicht, weil er mich blendete. Ich konnte nur seine Silhouette erkennen, die sich von einem Vogel zu einem Menschen verwandelte. Mein Mund klappte auf und ich ließ das Feuerzeug vor Verwunderung fallen. Die Mutation knurrte und fletschte die Zähne. »Wirf mir das Feuerzeug zu! Und dann renn, setzt dich ins Auto und fahr los!«, beschwor mich der Junge, der sich aus dem Eichelhäher entwickelt hatte. Ich konnte ihn nur ungläubig anschauen. Was war schlimmer, das Monster oder dieser Magier? »Los jetzt!«, rief er. Ich warf ihm das Feuerzeug zu, genau in dem Moment als das Monster sich ebenfalls von der Verwandlung erholte. Aus seinem Mund quoll blutiger Geifer. Der Junge lief auf die Mutation zu und versuchte das Vieh anzuzünden. »Renn!«, drängte er mich. Ich drehte mich um und lief. Doch als ich einen Schrei hörte, blieb ich stehen. Das Ungeheuer hatte ihn auf den Boden geworfen und die Waffe hatte es weggeschleudert. In wenigen Sekunden fällte ich eine Entscheidung. Adrenalin schoss durch meine Adern. So schnell es ging wühlte ich in meiner Tasche nach Streichhölzern. Ich öffnete mit zitternden Händen die Verpackung. Das erste Streichholz zerbrach, auch das zweite ging nicht an. Erst das Dritte fing Feuer. Ich rannte auf das Monster zu, das gerade daran war den Typen zu beißen. Das Ungetüm beachtete mich nicht mal. Das Problem dieser Kreatur war, dass es mich unterschätzte. Mein Herz raste. Ich ging so nah ran wie es ging, dann bohrte ich das Zündholz in das verkrustete Fell der Mutation. Das Monster kreischte auf und ließ von dem Jungen ab. Es wirbelte herum und wendete sich mir mit hasserfüllten Augen zu. Sein Pelz fing an Feuer zu fangen. Es breitete sich immer weiter aus. Doch das interessierte es nicht. Das Vieh spannte seine sehnigen Muskeln an und sprang. In letzter Sekunde machte ich eine Vorwärtsrolle zur Seite, in die Richtung des Jungen. Der schnappte sich das Feuerzeug und stemmte sich auf. Das Ungetüm stierte ein weiteres Mal auf uns zu, war aber schon langsamer wegen des Feuers. Wieder verfiel ich in eine Schockstarre. Warum starb dieses Monster einfach nicht?! Es rannte auf den Jungen zu und schleuderte ihn wieder auf den Betonboden, ein widerliches Knacken ertönte. Es war also bald vorbei. Hoffentlich würde auch ich so schnell sterben. Ich schloss die Augen und sah mein Leben an mir vorbeiziehen. Die schönen Momente. Auch Mum kam mir in die Gedanken, ich hätte ihr öfter sagen müssen, dass ich sie liebte. Tränen rannen mir über die Wangen. Ich stieß ein stummes Gebet gen Himmel aus. Wieder dieser Sieges Schrei, des Monsters. Ich wartete, doch nichts …….plötzlich ein unweltlicher Schmerzensschrei. Etwas spritzte mir ins Gesicht. Ich wich erschrocken zurück und öffnete meine Augen ruckartig. Es war weg. Wieder war nur ein schwarzer Fleck zu sehen. Ich blickte mich in der Halle um. Der blonde Junge lag immer noch reglos am Boden. Aber neben ihm kniete ein Schwarzhaariger. Aus seinem Gesicht starrten mich grüne Augen an. »Hast du ein Auto?«, fragte er barsch. Ich schaute ihn aus großen Augen an. »Hallo?!« Ich nickte nur und schaute den blonden Jungen an. War er tot? »Schau nicht so blöd, sondern hilf mir«, motzte er. Der Schwarzhaarige hob den Blonden auf und bewegte sich auf mich zu. »So, du gehst jetzt vor und sperrst dein Gefährt auf«, befahl er mir. Ich setzte mich in Bewegung, denn ich wollte so schnell weg, wie es nur ging. Draußen fing ich an zu zittern. Der Dunkelhaarige hievte den Vogeljungen auf meine Rückbank, dann setzte er sich selbst ans Steuer. Wie ferngesteuert hockte ich mich auf den Beifahrersitz. Die Tränen stoppten immer noch nicht, zu tief saß der Schock. »D..D…Du ……bist Cayden?«, stotterte ich. Er schaute gerade aus und trat aufs Gaspedal, sodass ich in den Sitz gedrückt wurde. Kein einziges Mal wendete er seinen Blick mir zu. »I..ist ….er ….t..tot?«, brach mir die Stimme. Mürrisch schüttelte er den Kopf. Ich schloss die Augen, um mich zu beruhigen. Ich atmete ein und aus und wieder ein und aus. Diese Übung hatte mir Liss einmal beigebracht, sie sollte die Nerven beruhigen. Es klappte tatsächlich. Nach wenigen Minuten hatte mein Puls wieder eine normale Geschwindigkeit. Jetzt fiel mir auch die aktuelle Geschwindigkeit auf, die der Junge an meinem Steuer fuhr. Er fuhr 130 durch eine kleine Ortschaft!! Wollte er uns umbringen! Apropos: Das war mein Auto. Er hatte überhaupt kein Recht es zu fahren und erlaubt hatte ich es ihm auch nicht. »Stopp!!«, rief ich. Aber Cayden drehte sich nicht mal zu mir. Was für ein Arsch! »Wo fahren wir hin?«, wollte ich wissen. Doch er ignorierte mich einfach. Vielleicht wollte er mich entführen oder so etwas? Okay, er hatte mich gerettet aber er hörte nicht auf mich. Mein Gehirn lief auf Hochtouren. Dann fiel mir meine Tasche ein, die immer noch um mein Handgelenk baumelte. Ich erkannte meine Chance. »Cayden, bleib sofort stehen. Oder du wirst es bereuen«, erklärte ich ihm in einem sachlich, kalten Ton. Er verzog seine Lippen zu einem belustigten Lächeln. »Was willst du sonst tun?«, fragte er überheblich. Das Lächeln würde ihm noch vergehen. Ich umgriff das Pfefferspray. »Schau mich an!«, sagte ich fordernd. Er erbarmte sich und drehte sich zu mir. Ich drückte blitzschnell ab. Er wandte sich fluchend ab und legte eine Vollbremsung hin. Auch hier handelte ich ohne zu zögern. Während er damit beschäftigt war, sich die Augen zu reiben, stieg ich aus und rannte zu seiner Tür. Diese riss ich auf und schob ihn heraus, widerwillig gab er nach. »Na gut. Dann fahr du halt«, meckerte er und wollte schon zur Beifahrertür gehen, doch soweit ließ ich es nicht kommen. Zuerst gab ich ihm einen Tritt zwischen die Beine, dann schmiss ich mich in den Sitz und noch bevor ich die Tür ganz schloss, drückte ich das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Diese Beschleunigung ließ kleine Kieselsteine in die Luft springen, die Cayden trafen. Ich nahm allerdings keine Rücksicht. Er krümmte sich kurzzeitig. Auch ich bretterte nun mit Hundertsachen die Straße entlang. Im Rückspiegel konnte ich ihn noch wild mit den Armen fuchtelnd sehen, doch das stoppte mich nicht. Ohne nachzudenken fuhr ich weiter. Hätte ich Cayden mitnehmen sollen? Lieber nicht, er war schließlich das Experiment meines Vaters. Wer wusste schon, was er mit einem Jungen anstellen konnte? Um mich zu beruhigen schaltete ich Musik ein. Hit me baby one more time von Bridney Speers spiegelte meine Lage irgendwie. Zu mindestens der Refrain. Mein Navi führte mich wieder auf den Highway. Es war schon fünf Uhr. Ich hatte heute echt schon viel erlebt. Ich brauchte jemanden zum Reden und wer eignete sich besser, als die beste Freundin?


Kapitel 14

»Hi, Jess. Also erzählst du mir mehr von Kevin?«, begrüßte sie mich. »Ich hab grad andere Probleme«, erklärte ich. »Ist alles okay, du hörst dich so gehetzt an?«, wollte sie wissen. »Die Kurzversion ist: Ich war im Labor meines Vater und bin von etwas bösartigem angegriffen worden. Mein Vogel hat sich in einen Menschen verwandelt und ist jetzt irgendwie tot. Dann hat mich der entführte Junge gerettet, ich hab ihn mit Pfefferspray besprüht und bin weg gefahren«, beantwortete ich. »Das ist wirklich passiert?«, fragte sie kritisch. »Ja«, sagte ich und legte meine ganze Überzeugung in die Antwort. »Okay, geht es dir gut?«, drängte Liss zu erfahren. »Ja.« »Was war das für ein Angreifer?« »Ich glaube eine Mutation.« »Du fährst jetzt sofort nach Hause und bis dahin finde ich etwas über das Monster heraus und den Vogel«, befahl sie mir sofort. »Bye.« »Bye, Jess. Pass auf dich auf.« »Ahh«, kam plötzlich ein Geräusch von hinten. Der Blonde richtete sich stöhnend auf. Ich schaute in den Rückspiegel. Den Honda konnte ich nicht bremsen, weil ich mitten auf der Autobahn war. »Was ist passiert«, fragte er und fasste sich an den Kopf. »Warum leben wir noch?« Was sollte ich nur mit ihm machen? Dasselbe wie mit dem anderen. Scheinbar hatte er meinen Blick richtig gedeutet, weil er anfing zu reden: »Hi, also ich bin Alan. Ich kann dir alles erklären. ….Wie wäre es, wenn du auf einen Parkplatz fährst?« Das klang durchaus gut. »Du redest jetzt so lange, bis wir anhalten, ansonsten wird es dir ergehen, wie dem anderen«, drohte ich ihm. »Ähhh……..ich bin Alan, achtzehn Jahre alt. Ich liebe die Farbe Blau. Und ich finde, dass du in dem blauen Strandkleid sehr gut ausgesehen hättest«, plapperte er los. Ich zog die Brauen ungläubig zusammen. Hatte er gerade wirklich von meinem Kleid gesprochen? Woher wusste er davon? »Du musst jetzt abbiegen, dann kommst du zu I-Hop«, empfahl er mir. Ich konzentrierte mich wieder auf die Straße und bog nach links ab. Auf dem Parkplatz vor dem Restaurant stellte ich den Motor aus und nahm das Spray zur Hand. »Steig sofort aus«, befahl ich dem Jungen. Er hob entschuldigend seine Hände in die Höhe, als er draußen stand. Ich selbst blieb vorerst im Wagen und kurbelte das Fenster herunter. Das Pfefferspray sprüh bereit. »Ich möchte Antworten«, blaffte ich. »Ja, die wollen wir alle. Aber mal im Ernst, lass uns was essen und dann beantworte ich dir deine Fragen«, bot er an. Ich wägte ab: wenn ich nicht mitkam, bekam ich womöglich keine Antwort, wenn ich mitkam, konnte ich etwas zu mir nehmen, bekam Antworten und es gab andere Menschen. Ich öffnete die Tür. Er lächelte mich an. Ich schüttelte nur den Kopf. Beim Eintreten hielt er mir die Tür auf. Wir gingen um eine Ecke, um in den großen Essbereich zu kommen. Der Boden war mit weißen und schwarzen Fließen im Schachbrettmuster angelegt. An allen drei Wänden gab es ein flächendeckendes Fenster und es gab sechs Plätze. Einer Bestand aus einem braunen Tisch und zwei gegenüberliegende, rot gepolsterte Bänke. Wir setzten uns an den hintersten Platz gegenüber. Kaum hatten wir einen Blick auf die Speisekarte geworfen, eilte eine Bedienung auf uns zu. Der Junge beglückte sie mit einem hundert Watt Lächeln, bei dem er seine strahlenden Zähne zeigte: »Ich nehme bitte eine Smokehouse Combo. Und wenn der Erdbeershake genau so süß ist wie du, dann nimm ich den auch.« Die Kellnerin kicherte. Ich verdrehte die Augen. »Ich nehme das Gleiche und einen Schokoladshake«, teilte ich dem Mädchen mit. Beim Zurückgehen in die Küche wackelte ihr Arsch besonders stark. »Also…«, fing ich an, aber dieser Alan hörte mir nicht zu, er war darin vertieft, der Bedienung hinter her zu schauen. Ich schnipste vor seinem Gesicht, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Er drehte sich verwirrt zu mir: »Was?« Ich stieß ein Schnauben aus. »Also, dann leg mal los mit deinen Antworten«, sagte ich. »Wie wäre es, du stellst einfach Fragen und ich beantworte sie dir?«, schlug er vor. »Was bist du? Ein Magier?« »Nein, ich bin ein Morpher.« Ich schaute ihn fragend an. »Das sind Menschen, die sich in Tiere verwandeln können«, fügte er leiser hinzu. »Das klingt jetzt schon erfunden. Wie soll das überhaupt gehen und warum weiß niemand von euch?«, fragte ich skeptisch. »Das ist eine lange Geschichte…..« »Ich nehme die Kurzfassung«, unterbrach ich ihn. »Das alles liegt Jahrhunderte zurück, wir wurden von Indianern verflucht, deshalb geht das mit dem Verwandeln. Und um zu deiner zweiten Frage zu kommen, wir haben das natürlich immer geheim gehalten. Die Leute, die es zufällig erfahren haben, wurden bis jetzt immer aus dem Weg geräumt«, sagte er sachlich. Ich wurde unruhig: »Du wirst mich also beseitigen? Nur leider sind hier zu viele Zeugen«, fauchte ich ihn an. »Nein, nein! Ganz im Gegenteil, ich will dich beschützten«, beruhigte er mich sofort. »Warum solltest du das tun? Wir kennen uns doch nicht mal«, bohrte ich misstrauisch nach. »Na ja, irgendwie kennen wir uns ja, außerdem hast du mir geholfen mit meinem Arm und es ist das einzig Richtige«, zählte er auf. Ich schaute ihn erstaunt an, doch in seinen Augen war noch etwas, etwas, das ich nicht zu ordnen konnte. »Okaaay. Was hat mich angegriffen?« »Ein Exstincta Umbra«, erklärte er. »Ein auslöschender Schatten?«, das konnte er mir nicht ernsthaft erzählen. Er schaute mich verwundert an. »Ja, ich beherrsche Latein«, sagte ich gereizt. »Was ist also ein auslöschender Schatten?« »Er wird normalerweise durch ein Ritual beschworen um eine Person zu töten. Er ist eine Art indianischer Dämon. Sein Opfer sucht er überall heim und er gibt nicht auf, bis er seine Aufgabe erfüllt hat«, fuhr er fort. Ich warf die Hände in die Luft: »Du willst mir also sagen, dass ich bald tot bin und das mich jemand so sehr hasst, dass er mich tot sehen will?« Genau in diesem Moment kam Wackelarsch und brachte uns die Getränke. Dieses Mal beachtete Alan sie nicht, was sie eine Schnute ziehen ließ. Gut so. »Ja, du hast es auf den Punkt gebracht aber keine Sorge, ich werde dich beschützen«, sagte er in ruhigem Ton. »Du bist mir eine tolle Hilfe, ohne mich wärst du jetzt Gulasch«, verspottete ich ihn. »Ja, du hast recht. Es war gut, dass du Feuer dabei hattest. Schlau«, lobte er mich. Er musterte mich interessiert: »Aber wie bist du auf die Idee gekommen es mit Feuer zu bekämpfen. Das soll nicht heißen, dass du es noch mal tun solltest«, fügte er schnell hinzu. »Cayden hat es beim ersten Mal damit verschwinden lassen …da hab ich halt einfach kombiniert«, gab ich weniger giftig zu. »Hää?... Woher kennst du Cayden?«, fragte er verwirrt. »Letzte Woche hat das Biest mich schon mal angegriffen und da kam er mir zu Hilfe. Heute ja auch……Du kennst ihn ebenfalls?«, fragte ich verwundert. »Natürlich, er ist mein Cousin. Wo ist er jetzt oder besser was ist passiert? Es war auf einmal schwarz«, drängte er zu erfahren. »Du bist gefallen, dann kam er und hat das Schattending erledigt. Er hat dich in mein Auto getragen und hat sich auf den Fahrersitz gesetzt, ohne meine Erlaubnis! Außerdem ist er zu schnell gefahren und hat mir nicht gesagt, wo er mit uns hinfährt. Da musste ich halt handeln……… ich hab vom Pfefferspray Gebrauch gemacht, ihm einen Tritt in die Weichteile verpasst ….und bin dann weg«, erzählte ich verlegen. Plötzlich fing er an, laut zu lachen. Ich schaute ihn verwirrt an: »Was ist so witzig?« Es schüttelte ihn bis ihm die Tränen kamen. »Ohhh…..das wird ihm gefallen haben, von einem Mädchen besiegt! Das hat seinem Ego bestimmt einen Dämpfer verpasst. Und ich hab es leider nicht gesehen«, sprach er zu sich selbst. Ich schlürfte an meinem Shake. »Bist du dann mal fertig?«, fragte ich genervt, »Meine nächste Frage lautet: Warum wurde dein Cousin angeblich von meinem Vater entführt?« Sofort verging ihm das Lachen und sein Gesicht wurde wieder ernst: »Weil Geronimo Rache wollte.« Ich hob fragend die Brauen. »Na, mein Onkel hat deine Mutter umgebracht.« Das ließ mir nun ein Lachen entweichen: »Da hat er aber schlechte Arbeit geleistet, meine Mum sitzt jetzt höchst wahrscheinlich in meinem Zimmer und wühlt sich durch meine Sachen«, erklärte ich ihm. Er schaute mich intensiv an: »Du weißt es wirklich nicht, oder? Katy ist nicht deine leibliche Mutter« Ich schüttelte ungläubig den Kopf: »Wer sollte es sonst sein?! Das hätten sie mir doch gesagt.« »Ich will mich jetzt auch nicht in Familiensachen einmischen. Das Thema behandelst du am besten mit deiner Mutter….. Dein Vater hat auch experimentiert.« Was sollte das heißen, Mum war nicht meine leibliche Mum? Obwohl, das würde unsere verschiedenen Charakter erklären und das Aussehen. Aber nein, nur weil ein daher gelaufener Junge behauptete Katy wäre nicht meine leibliche Mutter musste das nicht stimmen. Was wusste er schon! »Ich weiß ……können wir bitte ein anderes Thema anschlagen? Gibt es etwas, was ich unbedingt wissen müsste, auch über das Monster?«, gab ich mich gelassen und versuchte das Thema Familie aus meinen Gedanken auszusperren. »Siehe da …das Essen kommt, von einem Engel gebracht. Vielen Dank, ich bin am verhungern«, begrüßte er die Kellnerin. Sie stellte das Mahl vor uns ab. Ich musste zugeben es roch köstlich. Alan nahm sich sofort seine Gabel und biss in seine saftige Wurst. Ich bediente mich zuerst am Rührei, dann nahm ich ein kleines Stück des Pancakes. »Du solltest vielleicht erfahren, dass Caydens Vater dich und auch die anderen Menschen tot sehen will«, erzählte er mit vollem Mund. Ich verschluckte mich am Essen und musste husten: »Was!« »Er will dich ….« »Ich hab schon verstanden. Aber warum?« Er schaute von seinem Essen auf: »Ja, es ist eigentlich ganz einfach. Er bringt euch um bevor ihr ihn umbringt. Wer zuerst kommt, malt zuerst« »Das ist nicht gerade die beste Lösung. Ich versteh schon, dass er Angst hat, dass jemand von eurer Existenz erfährt aber wir würden euch doch nicht töten«, argumentierte ich. Er schaute mich gelangweilt an: »Ihr Menschen seid berechnend. Es würde einen Aufruhr geben, wenn ihr wüsstet wer wir sind. Zuerst hätte man Angst. Dann würden wir vielleicht akzeptiert werden, doch danach käme der Neid oder man würde uns als Waffe einsetzen« Ich wich seinem Blick aus, er hatte die Menschheit und Evolution gerade perfekt beschrieben. Ich wandte mich beschämt dem Milchshake zu. »Mach dir nichts draus, so seid ihr halt. Möchtest du noch was wissen?« »Wie kann ich dieses Biest töten oder zu mindestens verschwinden lassen?«, fragte ich. »Es wird von Feuer geschwächt aber wenn, dann braucht man eine rituelle Flamme, damit es verschwindet«, erklärte er mir. »Woher bekommt man so eine?« »Du musst ein Ritual durchführen«, sagte er. Das bedeutete ich würde noch ein wenig googlen müssen. »Gib mir mal dein Handy«, forderte er mich auf. »Wieso?« »Damit ich dir meine Nummer einspeichern kann. Denn falls was ist, musst du mich sofort anrufen können«, erklärte er ernst. Ich übergab es ihm. Er tippte auf dem Display herum. »Du brauchst aber lange«, stellte ich misstrauisch fest. »Nein, ich bin schon fertig, hier«, er gab es mir wieder. Ich biss in meinen Bacon. Alan widmete sich auch weiter seinem Essen. Was wollte ich noch wissen? »Auf welcher Seite steht Cayden? Schließlich will sein Vater mich tot sehen, er hat mich aber schon zweimal gerettet«, stellte ich eine Frage. Er machte ein nachdenkliches Gesicht: »Mhh……Also ich muss gestehen, dass ich es nicht genau weiß. Aber mach dir keine Sorgen, ich werde mich mit ihm in Kontakt setzen und es herausfinden.« »Obwohl, vielleicht will er dich jetzt schon umlegen, weil du ihn bloßgestellt hast…… ich kann es immer noch nicht glauben«, sagte er schmunzelnd. »Was ist daran bitte bloßgestellt? Ich hab mich halt verteidigt. Insgesamt ist er echt arrogant. ………Habt ihr in eurer Familie so ein Problem mit Gleichberechtigung?«, fragte ich gereizt. »Also meine Seite nicht, nur die andere Seite vielleicht. Ich glaube allerdings, dass es bei Cayden eher das Ego ist«, erklärte er mir grinsend. »Aha.« So sah er auch aus. Wie ein junger Mann, dem das Ego zu Kopf stieg. »Isst du das noch?«, informierte sich Alan und schaute mich erwartungsvoll an. Ich nickte und schob ihm meinen Teller hin. Es war echt verrückt. Ich saß mit einem Wandler an einem Tisch, bei dem ich zuvor gedacht hatte er wäre mein neues Haustier. Wenn ich so darüber nachdachte…….. Er war eigentlich überall dabei gewesen …. Auch beim Umziehen. Mir schoss die Röte ins Gesicht. Oh Gott! »Du warst also schon die ganze Zeit, da …. Auch ….du weißt schon wann…«, fing ich an. Er grinste und schaute mich unschuldig an: »Nein, ich weiß nicht wann du meinst« »Komm schon …. Hast du geschaut oder nicht?«, flüsterte ich. »Keine Ahnung.« Warum hatte ich überhaupt mit diesem Thema angefangen? »Wir werden jetzt so tun, als wäre das nicht geschehen, verstanden?!«, forderte ich ihn energisch auf. Er gab mir keine Antwort, weshalb ich hoffte, dass er auf mich hören würde. »Und wo wohnst du?«, wechselte ich das Thema. »Das sag ich dir später.« »Okay. Wie ist es so als Eichelhäher?« Ich stützte meinen Kopf auf einem Arm ab und betrachtete ihn genauer. Er hatte gold-blondes Haar und blaue Augen. Von seiner Statur her könnte er ein Surfer Boy sein. Irgendwie erinnerte er mich mit seiner Ausstrahlung an einen Sunnyboy. »Es ist der Wahnsinn! Die Aussicht beim Fliegen und dann der Wind, der durch dein Gefieder dringt. Die Luft ist oben auch viel besser. Sie ist irgendwie klarer. Dieses Gefühl, wenn es ganz warm ist und man durch eine Wolke fliegt, ist einfach unbeschreiblich. Ich sehe auch besser in meiner zweiten Gestalt«, schwärmte er mir vor. Das musste echt toll sein, da wurde ich fast neidisch. »Wie ist das mit deinem Arm …..ähm Flügel passiert?«, fragte ich. »Ich war unkonzentriert und bin gefallen«, erklärte er so schnell, dass ich es fast nicht hörte. »Und warum warst du abgelenkt?«, bohrte ich weiter nach. »Na ja, ich hatte einen Schlafmangel, Hunger und war von deiner Schönheit geblendet«, zählte er ganz offen auf. Bei seinen letzten Worten wurde ich wieder leicht rot aber diesmal nicht vor Scham. »Und warum hattest du Schlafmangel?« »Ich musste dich beschatten und schauen, dass dich niemand umbringt«, sagte er. Okay, das war irgendwie ein wenig komisch. Ich schlürfte wieder an meinem Shake. »Oh, es ist halb sieben. Wir sollten los, deine Mutter will doch nicht, dass du zu spät nach Hause kommt«, erklärte er auf die Uhr schauend. »Was heißt hier wir?«, wollte ich wissen. »Ich muss dich sicher nach Hause bringen, wir wollen ja nicht, dass du bald in den Himmel kommst«, scherzte er, »Ich weiß sowieso wo du wohnst, schon vergessen?« Nein, natürlich hatte ich noch nicht vergessen, dass ich mich vor ihm ausgezogen hatte! Er hob die Hand, damit die Kellnerin kam. Sie hatte sich in der Zwischenzeit sogar noch mehr Make-up auf ihr Gesicht geschmiert. »Bitte alles zusammen«, deklarierte er. Ich war so damit beschäftigt die Bedienung zu betrachten, dass ich nicht merkte, wie er bezahlte. Er nahm mich bei der Hand, was mich aus meinen Gedanken riss. »Ich muss noch zahlen«, bemerkte ich, als wir schon aus der Tür schritten. »Ich hab für dich gezahlt«, gab er mir eine Erklärung. »Ohh…vielen Dank. Kannst du trotzdem meine Hand loslassen, danke«, fragte ich überfordert mit der Situation. Er konnte nicht einfach meine Hand nehmen, schließlich hatte ich eine Art Freund.


Kapitel 15

Kaum im Auto schaltete er an meinem Radio herum. »Passt dir die Musik nicht oder was?«, blaffte ich. Schon ließ er von meiner Musikmaschine ab: »Sorry« Er legte seine Beine auf das Armaturenbrett ab. »Hey! Runter damit oder es knallt«, entfuhr es mir. Er konnte nicht einfach mein Auto verdrecken. Sofort waren seine Füße da, wo sie hingehörten. »Was weißt du über meinen Vater«, traute ich mich zu fragen. »Er war ein Forscher, er hat meinen lieblings Cousin entführt, er hat seine Frau durch einen von uns verloren, er hat eine Tochter, er hatte ein ziemlich komisches Labor ….. und er hat versucht uns zu vernichten oder so was in der Art«, erzählte er. »Aber wie hat er überhaupt von euch erfahren?«, das war eine Sache, die ich nicht verstand. »Ich weiß es nicht genau. Mir wurde erzählt, dass er auf einer Forschungsreise einen Morpher beobachtet hat und dem hat er dann hinterher spioniert. Bei einem dieser Besuche war seine Frau dabei und weil die Wandler sich angegriffen fühlten, haben sie sich verteidigt. Einer von ihnen hätte deinen Vater fast getötet aber deine richtige Mutter hat sich für ihn geopfert. Er ist dann seiner Wege gegangen. Mein Onkel, der deine Mutter umgebracht hat, dachte die Sache wäre damit geklärt, aber das war sie nicht. Dein Vater hat dann zu forschen begonnen und hat in Interviews Andeutungen von uns gemacht. Die meisten haben diese nicht erkannt, außer halt die Morpher. Das hat meinen Onkel dann dazu getrieben zu handeln und er hat versucht Geronimo umzubringen. Es ist ihm allerdings nicht gelungen. Dein Vater war aber auch nicht untätig, er hat Cayden entführt. Keine Ahnung wie, aber er hat es geschafft. Das war dann für Mr. Flynn ganz toll, weil er somit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen hat. Er hat ein Forschungsobjekt und gleichzeitig Rache an dem Mörder seiner Frau«, erklärte er vage. Das war ja sehr Klischeehaft. Mein Dad war der Böse, der aus Rache gehandelt hat. »Habt ihr denn nichts unternommen, um ihn zu retten?« »Doch haben wir. Wir haben es sehr oft versucht, doch dein Vater war uns immer einen Schritt voraus. Außerdem hat er sich selbst gut geschützt und seine Familie. Er hat sich dann auch ein neues Labor gebaut, dass ich heute zum ersten Mal gesehen habe und er hat eine Abwehr gegen uns entwickelt«, erzählte er mit gesenkter Stimme. Ich hatte definitiv einen wunden Punkt getroffen. »Und wie darf ich mir diese Abwehr vorstellen?« »Das ist wie Kryptonit« »Hää?« Ich musste scheinbar einen komischen Gesichtsausdruck haben, weil sich trotz seines Tiefs ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete: »Kennst du nicht Superman?« »Doch« »Wenn er mit Kryptonit in Berührung kommt, wird er geschwächt und bei mir ist das genauso«, sagte er. »Aha« Ein weiterer Punkt auf meiner To-Do-Liste: Superman anschauen. »Und was schwächt so Menschen wie dich?«, fragte ich aufgeregt. »Das …meine Liebe …werde ich dir bestimmt nicht unter die Nase reiben«, erläuterte er verschmitzt. Ich konzentrierte mich auf die Straße: »Und warum nicht?« »Wer möchte schon gerne schwach erscheinen?«, gab er als gegen Frage. Damit war das Gespräch beendet und wir schwiegen. Es war schon schräg. Ich saß mit einem Wandler in einem Auto, der mir erklärte, was abgeht und somit mein ganzes Leben auf eine Weise infrage stellte, nachdem ich fast von einem Monster umgebracht worden war. Ich stieß ein hysterisches Kichern aus. Er hob fragend die Brauen aber ich schüttelte nur den Kopf.


Kapitel 16

Mitten in der Einfahrt parkte ich das Auto: »Und was jetzt?« »Ist deine Mutter zu Hause?«, wollte er wissen. Ich verrenkte mich, um durch unser Fenster zu sehen: »Ja, sie ist da.« Ich machte eine Geste zur Wagentür: »Ich kann nicht unbedingt sagen, dass es schön war dich kennenzulernen aber es war aufschlussreich….Also dann….tschau.« Er öffnete die Tür und sagte nur: »Auf Wiedersehen.« Dann war er verschwunden. Ich kramte in meiner Tasche nach dem Wohnungsschlüssel und trat ein. »Hi Mama!« »Hallo Jess, wie war es beim Einkaufen? Hast du schon gegessen?« »Es war sehr schön, gefunden habe ich leider nichts, gegessen habe ich aber schon. Ich geh in mein Zimmer.« »Mach das, Schatzi. Bleib aber nicht zu lange auf.« Wenn sie nur wüsste. Ich war fix und fertig. Auf meinem Zimmer entledigte ich mich erst meiner Kleider, dann stieg ich unter die Dusche. Den Hahn drehte ich bis zum Anschlag mit heißem Wasser auf. Ich schloss die Augen und ließ die Tropfen auf meine Haut prasseln. Es war eine Genugtuung nach dem ganzen Stress. Zur Feier des Tages, ich hatte ja endlich mehr über Dad herausfinden können, duschte ich mit meinem neuen Vanille Duschbad. Der Duft hüllte mich in eine angenehme Wolke. Ich atmete tief ein, der Dampf tat meinen Lungen gut. Nach der Dusche zog ich meinen seiden Bademantel an, der sich wie ein Hauch einer zweiten Haut anfühlte. Nach der Hitze in der Dusche, gab er eine angenehme Kühle von sich. Ich setzte mich auf den Klodeckel und schmierte mir meine Beine mit einer Creme von Bath&Bodyworks ein. Da ich nichts mehr naschen wollte, putze ich mir auch gleich meine Zähne. Auch meine Haare, in die ich eine Haarmaske einmassierte, bekamen eine Pflege. Danach überquerte ich den Flur um zu meine Tür zu gelangen. Als ich sie öffnete bekam ich einen Schock und stieß einen lauten Schrei aus. Jemand lag auf meinem Bett und dieser jemand starrte mich jetzt auch mit geweiteten Augen an. »Ist alles in Ordnung, Schatz?«, kam ein Ruf meiner Mutter. »Passt alles!«, erwiderte ich laut und schloss die Tür hinter mir. »Was soll das werden?«, fragte ich die Person skeptisch. »Wenn ich auf dich aufpassen soll, dann muss ich rund um die Uhr bei dir sein«, erklärte er unschuldig. »Ich hab dich nicht darum gebeten«, gab ich scharf zurück. »Ich bleib jedenfalls hier. Möchtest du nicht auch in dein Bett und schlafen?«, machte er unserer Diskussion ein Ende. »Alan…… ich werde sicher nicht mit dir in einem Bett schlafen. Wenn du mich beschützten willst, okay. Aber nicht in meinem Zimmer«, stellte ich klar. »Warum denn so schüchtern? Die letzten Nächte hab ich auch bei dir geschlafen. Soll ich heute draußen bleiben? Und was ist, wenn das Monster sich direkt in dein Schlafzimmer materialisiert?«, zählte er verschiedene Argumente auf. Er wusste echt was er tat. Erst Leuten Angst einjagen und dann der Quatsch mit gestern. Er setzte einen Hundeblick auf. Wie gemein! Ich stieß einen resignierten Seufzer aus: »Du darfst hier bleiben -ABER- du schläfst in dem Kistenbett und wehe, du langst irgendetwas an«, erklärte ich ihm meine Bedingungen, »Du wartest hier verstanden? Und du schleichst nicht im Haus herum!« Ich hob schnell ein paar Klamotten auf, warf sie in den Schrank, eilte dann zu meinem Queensize Bett, wo Alan immer noch lag, packte meinen Schlafanzug und verschwand im Bad. Die ganze Zeit hatte er mir mit einem Grinsen zugeschaut. Im Bad zog ich mich so schnell um wie es ging. Meinen BH ließ ich allerdings an. Ich wollte Alan nicht unnötig lange in meinem Zimmer allein lassen. Wer wusste schon, was er anrichten konnte? Doch bevor ich wieder zurückging, warf ich einen prüfenden Blick in den Spiegel. Glücklicherweise sah ich tadellos aus in meine Lage. Im Schlafraum erwartete mich die nächste Überraschung. Alan hatte meinen Schreibtischstuhl neben das Bett gestellt und meinen Laptop aufgeklappt. Er saß auf dem Stuhl und aß Chips. Er blickte nicht mal auf, als ich herein kam. »Was möchtest du anschauen, Iron-Man oder Star Wars?«, fragte er mich bloß. »Hähh?« »Iron-Man oder Star Wars?«, wiederholte er. Das konnte nicht sein Ernst sein! Alan machte sich selbstständig in meinem Zuhause und woher hatte er bitte die Chips? »Hast du meinen Computer gehackt? Und dein Snack kommt woher?«, wollte ich empört wissen. »Ja, hab ich und das Essen hab ich aus der Küche, deine Mutter hat mich allerdings nicht gesehen, mach dir deshalb also nicht gleich ins Höschen«, gab er ohne schlechtes Gewissen von sich. »Wir schauen also Star Wars….«Wie unverschämt war das denn? »Dann hätte ich gar nicht den Bruder von Kevin bitten müssen, den Computer zu knacken. Das hast du mit Absicht gemacht«, beschwerte ich mich. »Kann schon sein aber zu meiner Verteidigung, wenn ich verletzt bin, kann ich mich nicht verwandeln«, erklärte er mir bereitwillig, »Kommst du jetzt?« Ich drehte mich beleidigt weg und verschränkte meine Arme, sollte er ruhig merken, wie unbegeistert ich war. Etwas traf mich am Hinterkopf. Ich drehte mich um und konnte gerade noch dem heran fliegenden Kissen entkommen. Ich hob meine Braue. Sein ernst? Er zuckte nur die Schultern: »Nach dem Film verwandele ich mich gleich in einen Vogel, versprochen.« Das war allerdings ein Punkt, mit ihm etwas anzuschauen. Ich sammelte die Kissen auf und bewegte mich auf das Bett zu. »Wir schauen Iron-Man«, stellte ich klar, was ihn lächeln ließ. »Auch ein paar Chips?«, fragte er großzügig. »Nein, danke«, sagte ich und warf mich auf meine Bettdecke. Die Kissen bettete ich unter mein Kinn, weil ich auf dem Bauch lag. Alan machte sich es auf dem Stuhl bequem. Es war schon komisch. Ich hatte ihn erst heute so richtig kennengelernt und doch saß er in meinem Zimmer mit mir einen Film schauend. Doch irgendwie war er mir sympathisch. Das musste er aber nicht unbedingt erfahren. »Aber bitte hör auf so mit der Tüte zu rascheln«, bat ich ihn. Nachdem der Film endete war ich so müde, dass es mich nicht interessierte ob er sich verwandelte. Doch er hielt Wort. Schon nach wenigen Minuten vielen mir die Augen zu.

Heute erwachte ich in einem Wald. Ich war in einen weißen Hauch eines Kleides gekleidet. Es war ein dunkler Nadelwald, verhangen mit Nebel. Ich hatte keine Schuhe an, weshalb meine Füße das feuchte Moos spürten. Es war kalt und dunkel. Der Mond war wegen der Wolken kaum zu sehen. Um nicht auszukühlen bewegte ich mich in die Richtung, die ich für Norden hielt. Ich bewegte mich so schnell, dass ich schon nach wenigen Metern Geräusche hörte. Es waren keine Waldklänge. Eher Trommeln. Sie gaben einem Grundrhythmus von sich. Ich bewegte mich langsam auf die lauter werdenden Klänge zu. Ich blieb allerdings in der Sicherheit der Büsche. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, konnte ich Menschen erkennen. Diese tanzten um ein gelöschtes Feuer, das noch Rauch in den Himmel schickte. Was waren das für Leute? Um mehr zu erkennen wagte ich mich näher heran. Dabei erkannte ich, dass sich in der Nähe der Tänzer, Zelte befanden. Nein, keine Zelte sie sahen mehr aus wie Tipis. Schlagartig verstummten die Trommeln. Mitten in der Bewegung noch näher heran zu treten hielt ich ertappt inne. Ich machte mich schon bereit die Flucht zu ergreifen, doch es geschah nichts. Zu mindestens nicht mit mir. Erst jetzt bemerkte ich, dass drei Personen aus einem der Zelte getreten waren. Alle von ihnen hatten eine gebückte Haltung, woraus ich schloss, dass sie schon älter waren. Die Tanzenden waren ebenfalls zum Stillstand gekommen und verneigten sich nun. Einer der ältesten sprach nun etwas in einer Sprache, die ich nicht verstand, worauf sich die anderen wieder aufrichteten. Sie schritten auf die Feuerstelle zu. Einer warf etwas hinein, dann versuchte jemand das Feuer anzufachen. Zuerst war es klein, doch nach einem Windstoß wuchs die Flamme stetig an und verfärbte sich von rötlich zu giftgrün und mattblau. Die ganzen Leute setzten sich in einen Kreis um das Feuer. Dann verfielen sie in einen Sing-Sang. Seit wann träumte ich von komischen Sekten? Denn das sah definitiv aus, wie eine Feier von ihnen. Ich schloss in meinem Traum die Augen und es wurde schwarz.


Kapitel 17

Ich wälzte mich von einer Seite zur anderen. Ich schüttelte das Kissen so gut es ging auf, legte ein Bein frei, dann das andere. Ich versuchte meine Haare zusammen zu drehen, strampelte mich auch aus der Decke frei und pustete mir Luft zu. Doch nichts davon half mir, ich konnte einfach nicht mehr schlafen. Es war zu heiß! Ich schaute auf meinen Wecker, ich war eine halbe Stunde früher aufgewacht als normal. Ich stieg aus meinem Bett und schlenderte ins Badezimmer. Ich war immer noch schläfrig. Ich öffnete die Tür, als die Duschkabine auf ging und Alan vor mir stand. Wie nach einer kalten Dusche, war ich wach. Sofort drehte ich mich aus Höflichkeit um. »Ähhm…..was machst du denn hier«, fragte ich schüchtern. »Ich dusche und du kannst dich umdrehen ich habe nämlich ein Handtuch«, erklärte er mir. Ich schaute ihn an und blieb an seinem Sixpack hängen. Auch seine Armmuskeln waren genau definiert. »Du kannst den Mund ruhig zu machen.« Ich hatte gar nicht gemerkt, dass mein Mund offen stand. Ertappt schaute ich auf meine Hände: »Ich muss dann auch mal ins Badezimmer.« »Nur zu«, gab er als Antwort und ging pfeifend in mein Zimmer. »Shh! Sonst hört dich meine Mum«, flüsterte ich energisch. »Und was ist so schlimm daran? Ich bin doch nicht etwa dein dunkles Geheimnis?«, erwiderte er mit bestürzt gesenkter Stimme. Ich schüttelte den Kopf und schloss die Tür. Mit diesem Jungen konnte man nicht diskutieren. Ich stellte mich kurz unter die Dusche und trug sogar Parfüm auf. Mit Bademantel wagte ich mich zurück. Schon wieder lag er auf meinem Bett. Es schien ihn ja magisch anzuziehen. Mittlerweile war er wieder angezogen. Grau-blaue Jeans und ein blaues Hemd, dessen Ärmel hoch gekrempelt waren. »Also, ich würde dir empfehlen die schwarze Hotpants anzuziehen und etwas blaues. Dann sieht jeder, dass wir zusammen gehören«, gab er seine Meinung von sich. Ich musste zugeben, dass er schon stylisch war. Und blau würde wirklich gut aussehen, aber halt: »Wie meinst du das mit, jeder sieht uns?« »Ich komme heute mit in die Schule«, sagte er schlicht. »Das kriegst du nie und nimmer hin. Die Lehrer werden das nie erlauben«, erklärte ich belustigt. Seine Augen funkelten. »Nein, nein, nein du kommst nicht mit in die Schule. Hast du nichts Besseres zu tun?«, versuchte ich es ihm auszutreiben. »Nö.« Ich überlegte. Da kam mir die Idee: »Okay, du kannst mitkommen aber dann musst du auch mitmachen. Das heißt Physik, Biologie, Doppelstunde Mathematik …Latein…« »Ich komme trotzdem mit.« »Wehe du hängst an mir wie eine Klette. Und jetzt raus, du kannst schon mal vorfliegen, ich ziehe mich um«, giftete ich. Er lächelte überlegen, lief aufs offene Fenster zu und sprang. Geschockt lief ich ebenfalls hin um zu sehen, ob er sich bei dem Fall wehgetan hatte, doch das Einzige, was ich sah, war ein immer kleiner werdender Vogel. Der Typ war verrückt. Aber irgendwie mochte ich ihn. Ich zog tatsächlich die schwarze Hose an und dazu eine blaue Bluse, die meinen Bauch nicht ganz abdeckte. Da ich nicht wirklich Hunger hatte, schnappte ich mir einfach eine Banane aus dem Obstkorb und stieg in mein Auto. Während der Fahrt rief ich wieder einmal Liss an, irgendwem musste ich ja davon erzählen. »Hi, hier ist der Ab von Liss. Entweder bin ich gerade nicht erreichbar oder ich habe keine Lust auf dich«, hörte ich den Anrufbeantworter. Was konnte es schon schaden ihr etwas darauf zu sprechen? »Hi Lissy, ich habe Antworten bekommen und ein Junge hat bei mir übernachtet«, sprach ich eine Nachricht. Normalerweise dauerte es ewig bis sie Zeit fand, zurückzurufen, aber bei Jungs wollte sie immer auf den aktuellen Stand der Dinge gebracht werden. Heute fuhr ich den etwas längeren Weg, um genügend Zeit zu haben einen Rückruf entgegen zu nehmen. Ich fuhr in Richtung Strand, der am Morgen immer besonders schön war. Ich ließ das Fenster herunter, damit ich die Meeresluft einatmen konnte. Ich hörte auch die Rufe der Möwen. Es war idyllisch. Um diesen Ausblick zu toppen schaltete ich das Radio ein, gerade lief Calma. Doch stehen bleiben konnte ich mir nicht erlauben, da ich sonst zu spät zur Schule kommen würde. Ich fuhr bis zum Ende der Strandstraße, dann bog ich links ab, um wieder das Stadtinnere zu kommen. Ich schaute auf die Uhr, es waren bereits zehn Minuten vergangen, bald würde meine Freundin zurückrufen. Ich nahm in Voraussicht schon mal das Handy zur Hand. Und keine halbe Minute später klingelte es. Ohne Begrüßung löcherte sie mich sofort: »War es Kevin und was habt ihr gemacht?« »Dir auch einen schönen guten Morgen. Es war Alan und nicht Kevin«, erklärte ich ihr. »Wer? Gehst du jetzt fremd?« »Alan, mein ehemaliger Vogel und nein, ich gehe nicht fremd, weil ich nicht mit Kevin zusammen bin«, teilte ich ihr mit. »Okaaayyy…..Dein Haustier hat eine Beförderung bekommen?«, die Skepsis war ihr auch über das Telefon anzuhören. »Nein..ich ……ich hab dir doch von dem Vogel erzählt und das er sich in einen Menschen verwandelt hat. Und dieser Junge heißt Alan«, erzählte ich ihr langsam. »Und er hat bei dir geschlafen?! Wie sieht er überhaupt aus? Und warum hat er bei dir übernachtet? Jessy, ich brauche mehr Informationen«, ihre Stimme wurde immer quietschiger vor Aufregung. »Ja, er hat bei mir geschlafen allerdings als Vogel, das hat er aber schon öfter gemacht. Ich weiß nicht mal warum ich es ihm erlaubt habe, ich war halt so müde und fertig. Außerdem hat er mir viel erklärt unter anderem, dass die Mutation mich umbringen will! Und er hat gesagt, er will mich vor ihr beschützten.« Ich hörte auf der anderen Seite des Hörers nur ein »Mhhh«, was bedeute, dass dies nicht die gewünschten Infos waren, die sie sich erhoffte. »Spitze deine Ohren«, sagte ich spöttisch, »Er ist blond, hat blaue Augen und einen Sixpack, er erinnert mich an einen Sunnyboy.« »Das hört sich gut an ……aber woher weißt du, dass er einen Sixpack hat……habt ihr Spaß gehabt?«, löcherte sie mich. »Er stand vor mir, mit einem Handtuch, weil er geduscht hat ………..es hat schon irgendwie Spaß mit ihm gemacht ….er hat so eine so offene Art… ich weiß auch nicht«, antwortete ich. »Ohh das ist ja toll ….wie war es?« »Hää ?.... Wie war was?«, ich kam nicht ganz mit. »Na der Spaß«, half sie mir auf die Sprünge. »Ohhh große Güte, nein! Wir hatten nicht die Art von Spaß, die du meinst!«, erklärte ich bestürzt. »Wie schade«, gab sie von sich. Wahrscheinlich zog sie jetzt eine Schnute. »Wo ist er jetzt? Kannst du mir ein Bild von ihm schicken?« »Natürlich mach ich das. Mein Bodyguard will mit in die Schule kommen. Ich hab ihn schon mal vorgeschickt«, erzählte ich. »Das ist ja voll süß von ihm…..aber schlau ist er ja nicht. Wer geht bitte freiwillig zur Schule mit?«, überlegte sie. Ich musste Liss einfach recht geben. »Wie läuft es in New York?«, fragte ich meine Freundin. »Es ist schrecklich langweilig. Du wirst es kaum glauben aber es gibt fast keine Partys«, jammerte sie gespielt dramatisch. »Da kann ich dir helfen, wenn du dieses Wochenende runter kommst. Kennst du noch Lena? Die feiert ihren Geburtstag«, versuchte ich ihr zu helfen. »Das hört sich super an aber ich habe nächste Woche Prüfungen. Kann also nicht kommen, aber ich stehe dir mit modischer Beratung natürlich täglich rund um die Uhr zur Verfügung«, erwiderte sie. »Vielen Dank.« »Immer doch. Zu dem Monster und Wandlern hab ich noch nichts herausgefunden. Sobald ich etwas Erfahre melde ich mich. Ich muss jetzt aber leider los, sonst verpasse ich den Bus«, verabschiedete sie sich.

Auch ich bog gerade auf den Parkplatz der Blackwood High ab. Da schon alle guten Plätze besetzt waren, parkte ich in einer der hintersten Ecken. Als ich durch das Tor zum Campus kam, erwartete mich Kevin bereits. »Hi.« »Hi.« Begrüßten wir uns. Wir gingen nebeneinander her zu unserem Klassenraum. »Tut mir leid, wegen gestern«, fing er mitten im Gehen an. »Nein..mir tut es leid. Du hast dir ja nur Sorgen gemacht und ich hab dich so angefaucht. Kannst du mir verzeihen?«, fragte ich ihn und schaute ihm ins Gesicht. Er machte ein nachdenkliches Gesicht: »Aber nur, wenn du mir verzeihst.« »Okay«, sagte ich mit einem Lächeln. Ich stupste ihn mit meiner Schulter an: »Wer zuerst oben in Geo ist.« Zum Glück hatte ich heute keine hohen Schuhe angezogen. »Three, two, one go!«, erwiderte er und sprintete los. Nach kurzem Erstaunen, rannte ich ihm nach. Die herumstehenden Schüler wichen uns erschrocken aus. Bei den Treppen holte ich ihn kurzzeitig ein. Doch dadurch, dass wir noch bis zum Ende des Flurs mussten, konnte er sich einen Vorsprung ergattern. Ich sammelte noch meine letzten Kräfte, sprintete und konnte ihn sogar überholen. Ich drehte mich zu ihm um, um zu sehen wie weit er noch entfernt war, als ich in etwas Hartes lief. Geschockt drehte ich mich nach vorne. Ich war in einen breiten Rücken gelaufen, der in einer schwarzen Lederjacke steckte. Von hinten erkannte ich, dass er schwarze Haare hatte. Diese Person hatte ich noch nie an der Schule gesehen. Der Schüler war von Lochness und ihren Sklaven umzingelt. Durch den Zusammenstoß unterbrochen, drehte sich der Schüler genervt um: »Hast du keine Augen im Kopf?« Ich war wie erstarrt, als ich seine Sehorgane sah. Sie waren leuchtend grün. »Fauch meine Freundin nicht so an! Oder es gibt Probleme«, verteidigte mich Kevin. Ein Lächeln schlich sich in die Züge des Neuen: »Wie süß, der möchte gern Bodyguard spielen. Aber ich glaube Jessica kann für sich selbst sprechen, oder nicht?« Kevin klappte der Mund auf. Die Cheerleader lachten gehässig. »Sag noch ein Wort und die Ziegen hier können dich ins Krankenhaus begleiten«, erklärte Kevin. »Wollen wir es ausprobieren? Oder bist du ein Weichei?«, stachelte der Schüler Kevin an, der langsam aber doch sehr wütend auf den Jungen zu schritt. Der Schüler blieb lässig, machte allerdings einen Ausfallschritt nach vorne und spannte seine Muskeln an. Insgesamt war der Neue noch muskulöser gebaut und war einen halben Kopf größer als mein Mitschüler. Das konnte einfach nicht gut ausgehen. Bevor etwas passieren konnte ging ich zwischen die beiden, die jetzt fast vor einander standen. »Kevin, lass dich nicht provozieren, er ist es nicht wert und du Cayden solltest besser damit aufhören oder soll ich allen hier erzählen was gestern passiert ist?«, verpasste ich ihm einen Dämpfer. »Und was euch betrifft«, wandte ich mich dem Lochness-Gefolge zu »Kevin hat leider das falsche Wort für euch benutzt, ihr seid keine Ziegen, sondern Wahlrösser. Kevin sollen wir?«, fragte ich ihn und hackte mich bei ihm unter. Dann verschwanden wir im Klassenzimmer, ohne uns noch mal umzudrehen. »Woher kennst du den Typen?«, wollte mein Mitschüler wissen, »Bist du doch in so eine Gang-Angelegenheit hinein geraten? Und was ist gestern passiert?« »Nein, er ist nicht in einer Gang und ich auch ……«, wollte ich erklären, wurde aber von Mrs. Botzenholt unterbrochen. Ich setzte mich in die zweite Reihe und er ging in die letzte. Ich bedeutete ihm, dass wir später reden würden. Sie packte ihre Utensilien aus und setzte sich. Kurz nach dem Gong klopfe es und Cayden trat selbstbewusst ein. Das Gesicht der Lehrerin hellte sich auf: »Das hatte ich ja ganz vergessen. Meine Lieben, ihr bekommt einen neuen Mitschüler, er wird uns für die nächsten Wochen begleiten, da sein Vater geschäftlich kurzzeitig hierher gezogen ist. Sein Name ist Cayden. Wir werden ihn natürlich freundlich behandeln und ihn integrieren«, gab sie uns zu verstehen. Nun wandte sie sich dem Neuen zu: »Wie wäre es, wenn du dich neben….Jessica setzt. Linda scheint ja heute krank zu sein. Und Jessica, du lässt ihn bitte mit in die Bücher schauen.« Ich schaute nach hinten zu meinem Dating-Partner, der vor Wut kochte. Mir ging es genauso. Ich meldete mich: »Aber Mrs. Botzenholt, neben Lenard ist doch auch noch ein Platz frei.« »Ich möchte nicht, dass er abgelenkt wird. Außerdem glaube ich, dass du gut dafür geeignet bist ihn zu integrieren…….. Was eine gute Idee von mir! Warum führst du ihn nicht durch die Schule und zeigst ihm alles?«, fragte sie mich freudig, allerdings mit einem Blick, der keine Wiederrede zuließ. »Gut, wenn das dann geklärt wäre…Cayden setze dich und wir machen jetzt weiter mit Spanien«, machte sie weiter. Der junge Lockwood sah zufrieden aus und bewegte sich auf mich zu, ohne aber Kevin einen abschätzigen Blick zuzuwerfen. Lässig ließ er sich auf den Stuhl neben mir fallen, wodurch ich seinen waldigen Geruch mit einem Hauch Kaffee wahrnahm. Sofort rückte ich bis an das äußerste Ende des Tisches. Er schaute mich nur abfällig an. Mitten in der Stunde fing er an zu kippeln und drückte die Kugelschreibermine rein und raus, was ein klickerndes Geräusch von sich gab. Ich warf ihm einen finsteren Blick zu, doch er schien nicht zu verstehen. Ich drehte mein Gesicht genervt zu ihm rüber: »Kannst du bitte damit aufhören.« »Warum sollte ich?«, fragte er mich überheblich. »Weil ich mich sonst nicht konzentrieren kann!«, flüsterte ich aufgebracht. »Und das interessiert mich weshalb?«, wollte er gelangweilt wissen. Was für ein Idiot! Er war ja noch schlimmer wie Matz. Empört wandte ich mich der Tafel zu. Cayden hörte immer noch nicht auf, fing dann aber an, mit seinem Handy zu spielen. Ging es bei dem noch?! Leider wanderte mein Blick immer wieder zu seinen Händen mit den schlanken Fingern in denen sein Handy lag. Erkennen konnte ich allerdings nichts, so sehr ich mich auch bemühte. Zu allem Unglück bemerkte er das Gestarre auch noch und blickte mir in die Augen. Mir lief eine Gänsehaut über den Rücken. Hastig schaute ich zu Mrs. Botzenholt, merkte aber, dass Cayden mich intensiv musterte. Unter seinem Blick fühlte ich mich unwohl. Es war, als würde er Schicht für Schicht zu meinem Inneren vordringen. Ich konnte nicht still sitzen. Immer wieder spielte ich mit meinem Stift, dann fing ich an mit dem Bein zu wippen. »So und jetzt nehmt ihr bitte das Buch auf Seite 45 zur Hand«, verfügte unsere Lehrerin. Demonstrativ rückte er mit seinem Stuhl so nah zu mir heran, dass sich unsere Arme berührten. Ich verspürte ein Prickeln an den Stellen, an denen sich unsere Haut traf. Sofort zog ich meine Hand weg und platzierte sie unter dem Tisch. »Keine Sorge, ich bin nicht giftig«, flüsterte er mir zu. Eigentlich wollte ich ihn den Rest des Unterrichts ignorieren aber ein »Halt die Klappe!«, konnte ich mir nicht verkneifen. »Oh ho, fährst du jetzt die Krallen aus?« »Nein, aber ich dachte du bist nicht so dumm und vergesslich«, erwiderte ich. »Wie darf ich das verstehen?«, wollte er überheblich wissen. »Na ja, gestern hast du ja gespürt was passiert, wenn ich wütend bin. Deshalb solltest du mich nicht reizen«, erklärte ich ihm mit süßlicher Stimme. Das hatte scheinbar gesessen, denn es kam kein Kommentar mehr von ihm. Er rückte sogar so weit ab, das wir nur noch in nötigster Nähe waren um in das Buch zu schauen. Ich versuchte höchst konzentriert zu wirken und Cayden legte sein Smartphone auf das Geografiebuch und spielte ein Ballerspiel, soweit ich das beurteilen konnte. Er wählte Waffen und zielte auf andere Lebewesen. Ich überlegte mir jetzt schon mal wie ich ihn am besten loswerden konnte. Dieser Junge war mir einfach nicht geheuer, er hatte eine raubtierhafte Ausstrahlung und ein Ego, das zu groß für einen Menschen war. Sein Bildschirm flackerte immer mal wieder auf und da ich näher an ihm dran war, konnte ich sogar die Töne seines Spiels hören. »Hör auf mit dem Spiel, es lenkt mich ab«, befahl ich ihm. Er beachtete mich nicht mal. »Pack das weg oder mach es leiser, sonst sage ich es Mrs. Botzenholt!«, drohte ich ihm. »Was möchtest du mir sagen, Jessica?«, sprach die Lehrerin nun mich an. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich immer lauter geworden war. »Cayden stört meine Konzentration, weil er mit seinem Handy spielt«, beklagte ich mich. Sie bewegte sich auf unseren Tisch zu. »Mrs. Flynn, so wie ich das sehe, lenken sie unseren neuen Mitschüler ab und nicht anders herum. Denn ich kann hier kein Telefon wahrnehmen, außerdem hätte ich es bemerkt, wenn sich jemand fremd beschäftigt, nicht wahr? Oder zweifeln sie an meinen Wahrnehmungsfähigkeiten?«, bekam ich eine Standpauke. Wiederrede war zwecklos damit würde ich wahrscheinlich nur einen Eintrag in meine, bis jetzt tadellose, Schulakte bekommen. »So und jetzt entschuldigen sie sich anständig bei Mr. Lockwood. Als Widergutmachung werden sie ihn heute den ganzen Tag über an der, für ihn neuen, Schule betreuen.« War das zu fassen? Ich wurde wegen dem arroganten Arsch gerade vor der ganzen Klasse bloßgestellt! Das Kichern von der Lochnesssekte machte mich noch wütender. Aber ich hielt ihm wie gewünscht meine Hand hin, die er auch ergriff. »Cayden, es tut mir leid, dass ich dich beschuldigt habe. Ich hoffe du kannst mir verzeihen«, quetschte ich hinter zusammen gebissenen Zähnen hervor. »Das muss ich mir noch überlegen ….. Spaß! Natürlich, ich möchte ja nicht, dass du von meiner Fangemeinschaft ausgegrenzt wirst«, sagte er großzügig. Wieder das Kichern. Mrs. Botzenholt fuhr mit ihrem Unterricht fort. »Das wird ein Nachspiel haben«, zischte ich ihm ungehalten zu. »Jetzt sind wir quitt«, gab er nur von sich. Ich war wirklich stinksauer. Als der Gong mich erlöste, stürmte ich als erste aus dem Raum, wartete allerdings so lange bis auch Kevin seine Sachen zusammengepackt hatte. Kevin und ich nahmen gemeinsam Kurs auf das Englischklassenzimmer. »Der Typ ist ja richtig blöd. Woher kennst du ihn?«, wollte er wissen. Was sollte ich sagen? >Ja, Cayden, der große Arsch, hat mir zufällig zweimal das Leben vor einem Schattenmonster gerettet< ,das ging auf jeden Fall nicht. »Ähmm … ich weiß nicht mehr so genau….«, stammelte ich. »Und was war gestern?«, fragte er skeptisch weiter. Ich drehte mich verwirrt zu ihm: »Was hast du gesagt?« »Ich habe … sag mal, kann es sein, dass du etwas suchst?« »Ja, meinen Brieffreund aus New York. Er wollte mich heute eigentlich besuchen kommen«, gab ich die halbe Wahrheit von mir, schließlich suchte ich jemanden, aber wer das war konnte ich auch schlecht erklären. »Mitten in der Schulzeit kommt er?«, hackte mein Mitschüler nach. Warum war er nur so neugierig? »…mhh…Er hat eine Freistellung von seiner Schule bekommen«, log ich schnell. »Hilfst du mir ihn zu finden?«, versuchte ich ihn von Cayden abzulenken. »Natürlich, aber erst in der Pause. Jetzt müssen wir pünktlich zu unserem Folterkammertermin kommen«, gab er mir belustigt zur Antwort. Wie lustig, aber eigentlich wollte ich Alan schon früher finden. Er war doch noch vor mir hier angekommen. Oder hatte er seine Meinung über Schule doch geändert? Ich kannte ihn zwar erst seit gestern aber er war mir lieber als sein Cousin. Was wollte der überhaupt hier?! Wir wanderten ein Stockwerk tiefer, schritten an der Mensa vorbei und Bogen vom Westflügel in den Nordflügel ab. In diesem Teil der Schule waren die Wände in einem lemongelb gestrichen. Unsere Klasse wurde im zweiten Raum unterrichtet. Ich setzte mich neben Lena in die letzte Reihe. »Hast du gehört? Es gibt einen Neuen an unserer Schule. Ich hab ihn noch nicht gesehen, aber er soll ziemlich gut aussehen«, plapperte sie los. Ich schaute sie verständnislos an: »Wir müssen uns jetzt konzentrieren« Heute wollte Mr. Graba mit uns einen Film über Literatur anschauen. Ich hatte also Glück und würde nicht so viel vom Stoff verpassen. Nach einer Viertelstunde meldete ich mich. »Ja, Mrs. Flynn?«, fragte er mich. »Dürfte ich bitte aufs Klo gehen?« »Geht es ihnen nicht gut?«, wollte er besorgt wissen. »Es geht, aber sie wissen schon …..Mädchenprobleme«, informierte ich ihn. Sofort schoss ihm die Röte ins Gesicht was ziemlich ulkig aussah, wenn man bedachte, dass er ein kleiner, kräftig gebauter Mann mit Brille und gestreiftem Anzug war. Er rückte sein Drahtgestellt wieder auf der Nase zurecht und tupfte sich mit einem Tuch die Glatze. »..Also ….kann man ihnen irgendwie helfen?« »Nein, danke. Wenn ich bitte nur auf das Klo dürfte?«, ich schaute ihn erwartungsvoll an. Mit der Situation überfordert, ließ er sich einfach auf den Stuhl fallen, nickte mir zu und setzte den Film fort. Leise schloss ich die Tür, ging aber nicht den Gang entlang zu den WCs, sondern zurück zur Mensa. Vielleicht konnte ich Alan dort ausfindig machen. Ich durfte mich bloß nicht erwischen lassen. Auf Zehenspitzen schlich ich um die Ecke. Das Unpraktische an unserer Schule war, dass in manchen Türen ein Glasstreifen eingebaut war. Aus manchen Zimmern konnte man also auf den Flur schauen, was die Sache verkomplizierte. Der erste Raum hatte eben dieses Fenster. Schnellen Schrittes eilte ich an der kleinen Glasfront vorbei. Nur nichts anmerken lassen. Noch drei Türen……. Ich hörte Schritte. Noch zwei Türen …….sie kamen immer näher. Eine übrig. Mr. Brand kam pfeifend den Flur entlang. Schnell wie der Wind duckte ich mich hinter den Mensaeingang. Er schien mich nicht bemerkt zu haben, denn er ging ohne Unterbrechung zum Treppenhaus. Glück gehabt. »Salut! Was machst du denn hier, ich dacht es ist Unterricht.« Ertappt drehte ich mich zu den Mensatischen. Ich stieß einen erleichterten Seufzer aus. »Man hast du mich erschreckt!«, beschwerte ich mich. Alan zog ein Gesicht: »Ich hab dir doch gesagt, dass ich auf deiner Seite bin. Außerdem schau ich jetzt nicht unbedingt so schlimm aus, dass du Angst vor mir haben müsstest.« »Nein stimmt, aber lenken wir nicht vom Thema ab. Ich habe dich gesucht«, erklärte ich streng. »Das hört sich nicht gut an. Wie kann ich dir helfen? Wenn du diesen Kevin loswerden möchtest … da kann ich dir nur zustimmen, ich schaue nämlich viel besser aus«, prahlte Alan. »Also, es liegt ja echt in der Familie von sich selbst überzeugt zu sein und Kevin nicht zu mögen. Er hat euch doch gar nichts getan«, verteidigte ich meinen Mitschüler. »Er ist ein Luschi.« »Du lenkst ab! Kommen wir zurück zum Thema: Warum ist die Kavallerie hier?!«, fragte ich scharf. »Wen meinst du?«, stellte er sich ahnungslos. »Ich meinen deinen lieblings Cousin.« »Ahh…. Du hast ihn schon kennen gelernt wie schön«, versuchte er es auf die lustige Art. Ich blieb ausdruckslos und verschränkte meine Arme vor der Brust. Ich zog eine Schnute. »Ohh, wie putzig«, kommentierte er. »Warum ist er hier an meiner Schule und erzähl mir nicht, weil sein Vater zufällig den Beruf gewechselt hat«, fuhr ich ihn an. »Nein, sein Vater weiß nicht mal, dass er noch lebt. Ich habe ihn zuerst gefunden ……na ja, er hat eher uns gefunden. …Aber egal ….. Ich kann das ganze Gebäude nicht allein überwachen und auch nicht dein Haus mit Umgebung«, erklärte er mir immer wieder mit nachdenklichen Pausen. Ich zog eine Augenbraue hoch: »Ich dachte du bist Superman.« »Bin ich auch, aber auch ich brauch mal eine Pause. Und ich weiß nicht, wer dich noch aller sucht. Selbst wenn es nur mein Onkel ist, er hat viele Anhänger, die alle darauf angesetzt sind dich umzulegen«, legte er die Karten auf den Tisch. »Hast du denn nicht andere Freunde? Die Kavallerie mag mich nicht mal, wie kann ich mir überhaupt sicher sein, dass er mich nicht bei nächster Gelegenheit zu seinem Dad bringt?«, jammerte ich. »Er hat mir sein Wort gegeben und er hat dich schon zweimal vor dem Exstincta Umbra gerettet. Wenn er dich tot sehen wollte, hätte er es schon längst getan und jetzt muss er erst mal an mir vorbei«, versuchte Alan mich zu beruhigen. Es gelang ihm aber nicht sonderlich gut. Was wäre, wenn mich Cayden aus Rache oder Hass einfach mal tötete? »Ich will aber nicht, dass er mir die ganze Zeit an den Fersen klebt! Er ist unausstehlich!« »Jessica …du musst ihn ja nicht beachten, du musst ihn auch nicht küssen, das übernehme ich, heiraten oder mit ihm Kinder bekommen, du musst ihn nicht mal mögen ……Respektiere ihn einfach, okay? Es ist zu deinem eigenen Wohl. Was soll deine Mutter zum Beispiel ohne dich machen?«, bläute er mir ein. Überzeugt war ich noch nicht ganz, was er mir scheinbar ansah: »Er muss ja nicht zu dir ins Haus.« Auf das hatte ich nur gewartet. »Okay«, willigte ich ein. Wie schwer konnte es schon sein Cayden zu ignorieren? Wenn er mich respektierte konnte ich ihn auch respektieren. »Willst du dich ein wenig zu mir setzen?«, bot Alan mir an. »Sorry, ich muss in den Unterricht«, sagte ich knapp und verschwand. Er konnte ruhig spüren, dass es mir gegen den Strich ging das sein Cousin hier war. Bevor mich noch jemand erwischen konnte, trat ich ins Klassenzimmer ein. Völlig überrascht sprang Mr. Graba von seinem Stuhl. »Wie geht es ihnen?«, fragte er mich vorsichtig. Ich schenkte ihm ein Lächeln: »Mir geht’s gut keinen Sorge.« Erhobenen Hauptes begab ich mich auf meinen Platz. Dieser Lehrer hatte echt Hemmungen und seine Versuche taktvoll zu sein, waren einfach schrecklich. Mal ehrlich, wer wollte schon vor der ganzen Klasse über seine Probleme ausgefragt werden, vor allem, wenn man auch unter Jungs war? »Was ist bis jetzt im Film passiert?«, befragte ich Lena. »Öhhh….Keine Ahnung«, flüsterte sie mir zu und zeigte auf ihr Handy, das in einem aufgeklapptem Buch lag. Na hoffentlich waren die Minuten des Films, in denen ich nicht da war, nicht wichtig.


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9783754181126
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